Aktuell: Kino TAG – Über den magischen Ort für Filme

Um über die aktuell noch anhaltende Schließung der Kinos hinwegzukommen hat Nadine von Wörter auf Reisen zum Kino TAG aufgerufen, in dessen Rahmen einige Fragen zum Thema Kino beantwortet werden sollen (#Kinoliebe). Nun denn, da lasse ich mich nicht lumpen.

Was war dein erster Kinofilm?
Eine Wiederaufführung von „Aristocats“, das muss 1993 oder 1994 gewesen sein, denn die Nummer 2 war „Der König der Löwen“, der bekanntlich 1994 ins Kino kam. Leider kann ich mich an beide Kinobesuche nicht wirklich erinnern, mir wurde allerdings mitgeteilt, dass mich „Der König der Löwen“ wohl noch etwas überfordert hat.

Was war dein letzter Kinofilm?
Das müsste „Der Leuchtturm“ gewesen sein. Oder „The Rise of Skywalker“ – beide äußerst grauenerregend, der erste auf die gute, der zweite auf die schlechte Art.

Wie oft gehst du ins Kino?
Deutlich zu selten, zumindest in den letzten beiden Jahren, primär aus Arbeitsgründen. 2020 habe ich es tatsächlich noch gar nicht ins Kino geschafft – Januar und Februar hatte ich einfach weder Zeit noch Muse und dann kam Corona…

Bist du als Kind/ Jugendlicher in einen Film gegangen, für den du nach FSK zu jung warst?
Ja, „Sin City“. Damals war ich zwar „nur“ zwei Jahre zu jung (16 statt 18), aber nichts desto trotz.

Welcher war der schlechteste Film, den du im Kino gesehen hast?
Hmm, da gibt es eine ganze Menge Kandidaten. „Suicide Squad“, „Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers“, „300: Rise of an Empire“ und sicher noch einige weitere, die mir gerade nicht einfallen.

Multiplex oder Programmkino?
Das ist immer davon abhängig, was wo läuft und was mich interessiert. Ich will da keine dogmatische Aussage treffen.

Hast du schon ein Filmevent im Kino besucht?
Nicht im Kino, aber die diversen Live-to-Projection-Aufführungen, die ich besucht habe, unter anderem die LotR-Trilogie, Star Wars Episode IV und V (VI sollte dieses Jahr kommen, wurde nun aber auf nächstes Jahr verschoben) und „Jurassic Park“ würde ich definitiv als Filmevents beschreiben. Nur fanden die eben im Konzertsaal statt.

Hast du schon eine Sneak Preview besucht?
Nein, das Konzept hat mich, ehrlich gesagt, nie besonders gereizt.

Warst du schon mal auf einem Filmfestival?
Leider nicht.

O-Ton oder Synchro?
Bei englischen Filmen definitiv O-Ton, ganz besonders, wenn Darsteller mit von der Partie sind, die stimmlich wirklich zu beeindrucken wissen, etwa Jeremy Irons oder Benedict Cumberbatch. Bei nicht englischen Filmen ist es mir nicht ganz so wichtig, aber auch diese habe ich mir schon im O-Ton angeschaut.

Bist du schon mal im Kino eingeschlafen?
Nö, aber bei „300: Rise of an Empire“ wäre es fast dazu gekommen.

Was war dein schönster Moment im Kino?
Ich würde sagen, als mich ein Film zum ersten Mal so richtig mitgerissen und wirklich restlos begeistert hat. Das war bei „The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring“.

Popcorn oder Nachos?
Weder noch. Mit Nachos konnte ich noch nie viel anfangen, früher habe ich aber immer wieder ganz gerne Popcorn gegessen, aber zum einen habe ich inzwischen eine gewisse Abneigung gegen den Geschmack entwickelt und zum anderen gehen mir die Essgeräusche im Kino von Jahr zu Jahr immer mehr auf die Nerven. Ich bin überzeugt, dass die Leute mit jedem Jahr immer lauter essen.

Der letzte Film, bei dem du im Kino geweint hast?
Ich habe vielleicht eine heimliche Träne bei „The Rise of Skywalker“ verdrückt bei dem Gedanken daran, dass DAS das Ende der Skywalker-Saga sein soll. Zumindest metaphorisch.

Dein nervigster Kinomoment?
In „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ waren zwei Damen anwesend, die entweder alkoholisiert, high oder beides waren und sich auch dementsprechend verhalten haben. Die gute Nachricht: Sie wurden nach zehn Minuten vom Kinopersonal hinausgeführt. Die schlechte: Ich musste immer noch „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ über mich ergehen lassen.

Gehst du auch öfter für den gleichen Film ins Kino?
Durchaus, besonders in Franchises, die mir sehr am Herzen liegen. Die meisten Mittelerde-, Harry-Potter- und Star-Wars-Filme habe ich mehrmals gesehen, primär zu Analysezwecken.

Hast du auch schon Filmklassiker auf der Leinwand gesehen?
Als 1997 „Return of the Jedi“ als Special Edition auf die Leinwand zurückkehrte, habe ich mir das angeschaut – das war auch mein erstes Mal Star Wars im Kino.

Was bedeutet Kino für dich?
Das Kino ist immer noch ein besonderer Ort, in dem man Filme auf eine Art und Weise erleben kann, wie es sonst nicht möglich ist. Im Idealfall kommt ein einzigartiges Gruppenerlebnis dabei heraus. Kino hat auch den Vorteil, dass man sich wirklich auf den Film konzentriert und nebenbei nicht noch etwas anders macht.

Art of Adaptation: The Dark Lord Ascending

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Artikelreihe zu starten. „Art of Adaptation“ setzte sich, wie der Titel schon subtil suggeriert, mit dem Adaptionsprozess auseinander. Zwar habe ich durchaus auch vor, Gesamtadaptionen im Rahmen dieser Reihe zu betrachten, der Fokus soll allerdings auf Einzelaspekten liegen: Wie wird eine bestimmte Figur, eine Szene, eine Kapitel oder ein Ereignis von einem Medium ins andere transferiert. Den Anfang macht hierbei das erste Kapitel aus „Harry Potter and the Deathly Hallows“.

Das Außenseiterkapitel
„The Dark Lord Ascending“ ist nicht nur das Eröffnungskapitel des siebten Harry-Potter-Bandes, sondern auch eines der außergewöhnlichsten. In der gesamten siebenbändigen Serie verlassen wir als Leser nur selten Harry Potters Perspektive, er ist nicht nur Namensgeber der Serie, sondern auch die Figur, durch deren Augen wir fast sämtliche Geschehnisse erleben. Eine Ausnahme ist das erste Kapitel des ersten Bandes; hier fungiert Vernon Dursley als Point-of-View-Charakter (PoV), das erste Kapitel des vierten Bandes, das der Leser durch die Augen des Riddle-Gärtners Frank Bryce erlebt, das erste und zweite Kapitel von „Harry Potter and the Half Blood Prince“ und dieses hier. Was dieses Kapitel so außergewöhnlich macht, ist nicht nur der Umstand, dass wir Harrys Perspektive verlassen, sondern dass keine andere Figur seinen Platz einnimmt. In der Literaturwissenschaft spricht man von „externer Fokalisierung“, die relativ selten vorkommt. Hierbei beschreibt der Erzähler nur, was durch die Sinne wahrgenommen werden kann, aber keine inneren Prozesse der Figuren. Das Gegenteil ist die „interne Fokalisierung“ – hier lässt der Erzähler den Leser an den inneren Prozessen der Figuren bzw. einer ausgewählten Figur teilhaben, wie es bei den HP-Romanen normalerweise der Fall ist. Darüber hinaus gibt es auch die Nullfokalisierung; gemeinhin spricht man auch vom „allwissenden Erzähler“. Wie dem auch sei, in diesem Kapitel folgen wir zwar Snape, erfahren aus dramaturgischen Gründen allerdings nicht, was er denkt und empfindet, schließlich soll bis zum Schluss nicht enthüllt werden, dass er in Wahrheit die ganze Zeit für Dumbledore gearbeitet hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Snape trifft zeitgleich mit Yaxley, einem anderen Todesser, bei Malfoy Manor ein. Nach einer kurzen Unterhaltung über Lucius Malfoys Vorliebe für Luxus betreten die beiden das Anwesen und stoßen zur stattfindenden Todesser-Versammlung unter Leitung Lord Voldemorts. Es geht primär darum, Harry Potter zu ergreifen und um die Frage, wie schnell sich das Zaubereiminsterium unter Voldemorts Kontrolle befinden kann – hierzu hat Yaxley Pius Thicknesse, dem Leiter der magischen Strafverfolgungsbehörde, den Imperiusfluch aufgehalst. Auch die erweiterte Verwandtschaft der Malfoys und Blacks kommt zur Sprache, hat doch Nymphadora Tonks, die Nichte von Bellatrix und Narcissa, den Werwolf Remus Lupin geheiratet. Schließlich verkündet Voldemort, dass er Harry Potter nicht mit seinem eigenen Zauberstab töten kann und borgt sich stattdessen den von Lucius Malfoy, den er sogleich an Charity Burbage, der Muggelkundelehrerin von Hogwarts, ausprobiert, deren Leiche anschließend Nagini zum Faß vorgeworfen wird.

Ich will ehrlich sein: Ich bin kein allzu großer Fan dieses Kapitels. Voldemort war nie der subtilste Schurke, doch gerade in diesem Kapitel ist er mir eine Spur zu offensichtlich fies, zu plump in seiner Bösartigkeit. Ironischerweise gehört die Filmumsetzung zu meinen liebsten Szenen der gesamten Filmreihe, vielleicht ist sie sogar meine Lieblingsszene.

Auffällige Änderungen

Während das Todesser-Meeting den Roman eröffnet, beginnt die Filmadaption mit einer Rede Rufus Scrimgeours (Bill Nighy), gefolgt von einer Montage, die Harry (Daniel Radcliff), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) bei ihren Vorbereitungen zeigt und bereits bestimmte Elemente, die im Roman durch Exposition in späteren Kapiteln auftauchen, visuell vorwegnimmt. Erst nach der Titeleinblendung zeigt David Yates, wie Snape (Alan Rickman) zu Malfoy Manor appariert bzw. fliegt. Anders als im Roman trifft er allerdings alleine ein, Yaxley (Peter Mullan) sitzt bereits am Konferenztisch. Ein Detail, das allerdings übernommen wurde, ist das „durchlässige Eingangstor“, das nicht geöffnet werden muss. Zu den weiteren, besonders auffälligen Änderungen gehört Pius Thicknesse (Guy Henry): Während im Roman nur darüber gesprochen wird, dass Yaxley ihm den Imperius-Fluch auf den Hals gejagt hat, ist der in der Filmszene anwesend, wobei weder hier noch später deutlich wird, ob er ebenfalls unter dem Imperius-Fluch steht, erpresst wird oder sich Voldemort (Ralph Fiennes) freiwillig angeschlossen hat. Dennoch wird er von den Todessern visuell distanziert; während diese alle in ihren typischen Gewändern zur Linken und Rechten des Dunklen Lords sitzen, trägt Thicknesse einen gewöhnlichen Anzug, sitzt Voldemort am anderen Ende der Tafel genau gegenüber und fühlt sich in Naginis Gegenwart sichtlich unwohl. Aus filmischer Sicht ist es äußerst sinnvoll, Thicknesse auf diese Weise zu präsentieren, statt nur über ihn zu reden, da ein Zuschauer, der den Roman nicht gelesen hat, ihn so später deutlich leichter wiedererkennen kann, gerade weil er von den restlichen Todessern abgegrenzt wird.

In der Szene ist, anders als im Roman, Wurmschwanz (Timothy Spall) zugegen, der ebenfalls von den restlichen Todessern abgegrenzt wird; er hat gar keinen Platz an der Tafel, sondern muss stehen. Hier wird außerdem bereits das Auftauchen Ollivanders (John Hurt) subtil angedeutet, denn er ist es, der schmerzerfüllt schreit und dem sich Wurmschwanz kümmern soll.

Die Dialoge der Szene sind größtenteils, wenn auch mit einigen Kürzungen und Änderungen, aus dem Kapitel übernommen. Die Unterhaltung über den Fall des Ministeriums fällt weg, ebenso wie die Erwähnung der Heirat von Lupin und Tonks. Der Mord an Charity Burbage (Carolyn Pickles) ist dagegen wieder vorhanden. Die Lehrerin schwebt während der ganzen Szene im Hintergrund herum, als der Fokus auf sie gerichtet wird, ist besonders Draco (Tom Felton) sichtlich verstört. Dennoch denke ich, dass es an dieser Stelle deutlich effektiver gewesen wäre, hätte Voldemort statt einer Lehrerin, die wir nie zuvor gesehen haben, einen Hogwarts-Lehrer getötet, der bereits vorkam. Sibyl Trewlany hätte sich vielleicht wegen der Prophezeiung angeboten, oder Professor Sprout, also eine Lehrerin, die man als bereits seit den ersten Filmen bzw. Büchern kennt. Der Mord an Charity Burbage passt ideologisch, letztendlich ist sie aber nur ein weiterer Name unter Voldemorts Opfern, der für Leser wie Zuschauer kaum Bedeutung hat.

Ralph Fiennes at his Best

Der wirklich Unterschied zwischen Buch- und Filmszene kommt allerdings von Ralph Fiennes‘ Darstellung Lord Voldemorts und der Art und Weise, wie David Yates ihn in Szene setzt. Das beginnt schon bei den ersten Sätzen, die wir von Voldemort hören. Im Roman begrüßt er Snape und Yaxley ziemlich plump mit „You are very nearly late” und weist ihnen dann per Befehl Plätze zu. Film-Voldemort ist da deutlich subtiler. In der ganzen Szene merkt man, dass der Dunkle Lord hier auf dem Höhepunkt seiner Macht ist – er hat es nicht nötig, plump zu befehlen, stattdessen spricht er mit einer merkwürdigen, subtil spöttischen, aber sehr ausgewählten Ausdrucksweise, die zugleich höflich und zuvorkommend, aber auch bedrohlich ist: „Severus, I was beginning to worry you had lost your way. Come, we’ve saved you a seat.“ Ähnlich verhält es sich, wenn Voldemort mit Pius Thicknesse oder Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) spricht. Selbst als Ollivander schmerzerfüllt schreit und Voldemort kurz lauter wird, bleibt seine Wortwahl beinahe zurückhaltend: „Wormtail, have we not spoken about keeping our guest quiet?“ Dieser Höhepunkt der Macht wird visuell unter anderem auch dadurch vermittelt, dass sich Voldemort in den Einstellungen, in denen er zu sehen ist, zumeist in der Bildmitte befindet.

Die Ausnahme hierbei ist Lucius Malfoy (Jason Isaacs), vor dem Voldemort offensichtlich jeglichen Respekt verloren hat. Die Demütigung erfolgt hier sehr ähnlich wie im Roman durch die Zauberstababnahme, wenn auch verbal etwas subtiler. Der Dialog ist fast identisch, allerdings erklärt Voldemort im Roman: „Lucius… I see no reason for you to have a wand any more.” Im Film dagegen schreitet er die Reihe der Todesser ab wie ein Lehrer, der keine Antwort erhält und fragt dabei: „Who would like the honour?“ Statt des oben erwähnten Satzes äfft Voldemort Lucius allerdings nach. Die symbolische Kastration durch die Zauberstababnahme wird im Film sogar noch deutlicher, als er den Schlangenkopf abbricht.

Wohl primär aus Gründen der Länge wurden einige Voldemort-Seitenhiebe entfernt, u.a. hackt er noch ein, zwei Mal auf den Malfoys im Allgemeinen und Draco im Besonderen herum. Auch die ausführlichere Erläuterung des Zauberstabproblems, in dem Voldemort in ungewohnter Manier zur Selbstkritik neigt, ist der Schere zum Opfer gefallen. In beiden Fällen tut das der Szene allerdings durchaus gut – besonders, wenn es um die Seitenhiebe geht. Durch die aufgesetzte Höflichkeit – selbst das Opfer wird im Film als „Miss Charity Burbage“ vorgestellt, während die formale Anrede im Roman fehlt – wirkt Voldemort deutlich selbstsicherer und gefährlicher.

Fazit: An dieser Szene aus „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1” zeigt sich, wie eine Szene einerseits sehr vorlagengetreu umgesetzt werden kann, andererseits aber durch einige kleine und subtile Änderungen – und nicht zuletzt durch hervorragendes Spiel – deutlich effektiver gestaltet werden kann. Gerade in Bezug auf Voldemort setzt sich diese Tendenz fort. Die Filmversion ist meiner Ansicht nach in diesem und dem Folgefilm deutlich effektiver und besser inszeniert als in der Vorlage.

The Hobbit: Theatrical Audiobook


Bleiben wir doch noch ein wenig beim „Hobbit“. Wer sich eines der besten und einflussreichsten Kinderbücher des 20. Jahrhunderts in Audioform einverleiben möchte, hat, neben Howard Shores Musik, noch eine ganze Reihe von weiteren Möglichkeiten. Da Tolkien den „Hobbit“ ohnehin als Geschichte schrieb, die er seinen Kindern erzählen und vorlesen konnte, und in diesem Zusammenhang auch den erzählerischen Tonfall des Werkes auf diesen Zweck ausrichtete, scheint das Hörbuch und das Hörspiel die ideale Form zu sein, um den „Hobbit“ zu konsumieren. Verstärkt wird diese Überzeugung für mich durch den Umstand, dass ich den „Hobbit“ als Hörspiel kennen lernte. Im Jahr 1980 produzierte der WDR eine Hörspielumsetzung, bei der Heinz Dieter Köhler Regie führte. Der Cast ist mit nur 13 Sprechern relativ klein, sodass es Mehrfachbesetzungen gibt. In den Hauptrollen sind Horst Bollmann (Bilbo), Bernhard Minetti (Gandalf), Heinz Schacht (Thorin) und Martin Benrath (Erzähler) zu hören. Diese spezifische Hörspieladaption wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, da ich durch sie zum ersten Mal in Kontakt mit Mittelerde kam.

Es wird kaum verwundern, dass auch eine britische Hörspielproduktion existiert, bereits 1968 von der BBC produziert. Bislang habe ich nur einige Ausschnitte davon gehört, für meinen Geschmack ist diese Version allerdings deutlich schlechter gealtert als das WDR-Gegenstück, wobei das natürlich auch damit zusammenhängen könnte, dass ich mit dem deutschen Hörspiel so vertraut bin. Der Schauspieler Michael Kilgarriff war für diese Adaption verantwortlich, als Bilbo ist Paul Daneman zu hören, als Gandalf Heron Carvic und als Thorin John Justin.

Wer sich mit einer dramatisierten Adaption nicht unbedingt anfreunden kann und Wert auf Tolkiens vollen Text legt, kann stattdessen auch zu den jeweiligen Hörbuchversionen greifen, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache handelt es sich dabei um Komplettlesungen (alles andere wäre auch Frevel). Gert Heidenreich hat sich inzwischen zur deutschen Tolkien-Stimme etabliert und viele der Werke des Professors ausgezeichnet eingelesen. Die einzigen prominenten Ausnahmen sind „Das Silmarillion“ und „Die Gefährten“, die noch von Joachim Höppner, der deutschen Stimme Ian McKellens, gelesen wurden. Da Höppner jedoch leider 2006 verstarb, übernahm Heidenreich für ihn. Das englische Gegenstück ist Rob Inglis, der ähnlich wie Heidenreich quasi DIE Tolkien-Erzählstimme im englischsprachigen Raum ist, neben dem „Hobbit“ hat er auch den kompletten „Lord of the Rings“ eingelesen.

Vor kurzem bin ich auf eine weitere Hörbuchversion des „Hobbit“ gestoßen, die mich ebenso beeindruckt wie begeistert zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil es sich dabei um ein Fanprojekt handelt. Über fünf Jahre hinweg hat der Youtuber Bluefax den „Hobbit“ als „Theatrical Audiobook“ umgesetzt. Das bedeutet, dass er Tolkiens Text nicht nur komplett (und äußerst professionell) eingelesen, sondern das alles auch mit Soundeffekten und, am wichtigsten, Howard Shores Musik angereichert hat. Im Grunde hat Bluefax die Vorzüge der Filmadaptionen, der Hörspiele und der Hörbücher miteinander in einem aufwendigen, mit viel Liebe zum Detail produzierten Projekt miteinander kombiniert. Den Figuren verlieht er als Interpret allesamt gekonnt eine eigene Stimme, die sich mal mehr, mal weniger an den Schauspielern der Filme orientieren. Der Meister von Esgaroth etwa klingt nicht sonderlich nach Stephen Fry, während Smaug und Gollum wirklich sehr eng an Benedict Cumberbatch und Andy Serkis angelehnt sind. Besonders Bluefax‘ Imitation von Letzterem klingt fast wie das Original. Damit hört die Mühe allerdings noch nicht auf, denn Bluefax hat es auch auf sich genommen, sämtliche Lieder des „Hobbit“ mehrstimmig einzusingen, Blunt the Knives und Misty Mountains mit den Filmmelodien von Plan 9, die anderen mit völlig neuen.

Es ist jedoch letztendlich der überragende Einsatz von Howard Shores Musik, der das „Theatrical Audiobook“ zu einem wirklich herausragenden Hörerlebnis macht. Zugegeben gibt es ein, zwei Stellen, besonders während der Schlacht der fünf Heere, an denen der Text in martialischer Musik und Soundeffekten ein wenig untergeht, aber im Großen und Ganzen geht das Konzept hervorragend auf. Zum einen zeigt sich hier natürlich, wie gut Shores Musik mit Tolkiens Worten harmoniert. Das überrascht natürlich wenig, schließlich erklärte Shore mehrmals, wie sehr ihn die Originaltexte inspiriert hätten und dass sie beim Komponieren ebenso wichtig wie Drehbuch und Filmmaterial gewesen seien. Letztendlich ist es jedoch Bluefax‘ Verdienst. Der Prozess des Auswählens und Anpassens der Musik muss enorm aufwendig und fordernd gewesen sein, aber das Ergebnis überzeugt vollauf. Meistens orientiert sich Bluefax, wenn möglich, relativ genau an der Filmzuordnung. Wo es nötig ist oder sich anderweitig anbietet, setzt er auch hin und wieder Tracks aus der LotR-Trilogie ein oder passt ein wenig an; so erklingt etwa auch das Thema von Tauriel bzw. das Tauriel/Kíli-Liebesthema, obwohl die Figur und ihre Beziehung zu Thorins Neffe im Roman natürlich nicht auftauchen und der Ausfall von Thorin und Kompanie aus dem Erebor während der Schlacht der fünf Heere wird mit dem Misty-Mountains-Thema untermalt.

Fazit: Es finden sich viele Audioadaptionen des „Hobbit“, die gelungenste ist jedoch ein Fanprojekt. Dem Youtuber Bluefax gelingt es, die Vorzüge der Filme, der Hörspiele und der Hörbücher auf beeindruckende Weise miteinander zu verknüpfen und den „Hobbit“ zu einem beeindruckenden Hörerlebnis zu machen, das sich kein Tolkien-Fan, der der englischen Sprache mächtig ist, entgehen lassen sollte.

Bluefax‘ Youtube-Kanal

Stück der Woche: Moon Runes


Vor dem relativ komplexen und leitmotivisch sehr interessanten Track The White Council kommen drei deutlich weniger interessante Stücke, die getrost zusammen besprochen werden können. Da Moon Runes die meisten Leitmotive enthält, von denen im Film abermals wieder einige fehlen, darf es den Artikelnamen stellen, The Hidden Valley und The Defiler beinhalten zusätzliche zum sonstigen Underscoring jeweils nur ein Thema.

Nach ihrer erfolgreichen Flucht vor den Wargreitern gelangen die Zwerge, der Zauberer und der Hobbit nach Bruchtal, was in The Hidden Valley nach einem recht suspensevollen Anfang bei der Einminutenmarke überdeutliche wird, als das nur allzu vertraute Thema aus der LotR-Trilogie erklingt und sofort eine warme und gemütliche Atmosphäre verbreitet, die zumindest wir Zuschauer, Bilbo und Gandalf wahrnehmen. Für die Zwerge ist die Stimmung hingegen etwas angespannter, sie sind sich nicht sicher, ob sie sich nicht doch auf Feindesland befinden, was sich ebenfalls in der Musik widerspiegelt, denn die Klänge des Bruchtalthemas werden ein wenig ominöser und mysteriöser. Die Ankunft Elronds und seiner Krieger wird von einem neuen, beinahe martialischen Motiv begleitet, das jedoch nur in dieser Szene auftaucht und dem man aus diesem Grund keine leitmotivische Funktion zuweisen kann. Staccato spielende Streicher in der Begleitung und dominante Blechbläser künden von dieser militärischen Seite Bruchtals und Elronds.

In Moon Runes wird die Stimmung ein wenig ruhiger und mysteriöser, Holzbläser und sanfte Streicher geleiten uns zur Entschlüsselung von Thorins Karte. Passend dazu erklingen ab 0:45 sehr subtile Fragmente des Misty-Mountains-Themas. Der Anfang des Stückes findet sich allerdings nicht im Film, erst als Thorin seinen Stolz überwindet und Elrond die Karte überreiche, hört man bei der Einminutenmarke eine Holzbläservariation des Erebor-Themas. Darauf folgt ein weiteres Misty-Mountains-Fragment in den Streichern mit einem Holzbläser-Echo. Bei 2:20 setzt ein Frauenchor ein und Shore stellt ein neues Motiv vor, das die Mondrunen auf Thorins Karte repräsentiert und in „Desolation of Smaug“ noch einmal zurückkehrt. Bei 2:45 erklingt schließlich Thorins Thema, dicht gefolgt vom Erebor-Thema bei 3:09 – auch diese beiden Variationen haben es nicht in den finalen Film geschafft.

Man muss nicht lange rätseln, welches Thema in The Defiler seinen großen Auftritt hat, zum einen verrät es der Track-Name bereits und zum anderen ist Azogs Thema bereits nach den ersten fünf Sekunden in all seiner plärrenden Pracht zu hören. Dieses doch sehr kurze Stück untermalt die Konferenz des fahlen Orks mit seinen Unterlingen auf der Wetterspitze und verdeutlicht noch einmal die schiere Brutalität, die Shore mithilfe der Blechbläser in Azogs Thema entfesselt. Darüber hinaus passiert allerdings nicht viel.

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead
An Ancient Enemy
Roast Mutton
The Hill of Sorcery
Warg-Scouts

Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I

Amazing_Stories_v02n06_p556_The_Colour_out_of_Space
„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine von Lovecrafts besten Geschichten und als Schulbuchbeispiel des kosmischen Horrors, es handelt sich dabei um eine der wenigen Erzählungen, mit denen Lovecraft selbst zufrieden war. Verfasst wurde sie im März des Jahres 1927 und veröffentlicht einige Monate später, im September des selben Jahres auf den Seiten des Magazins Amazing Stories. Das wirklich faszinierende an dieser Story ist der Umstand, dass sie trotz des Status, den sie genießt, nicht im engeren Sinne zu dem gehört, was August Derleth schließlich als „Cthulhu-Mythos“ bezeichnete: Kein Necronomicon, keine Großen Alten oder Äußere Götter – lediglich die Stadt Arkham wird erwähnt und schafft so eine mehr oder weniger subtile Verknüpfung. Dennoch wird „The Colour out of Space“ wegen ihrer Beliebtheit nur allzu gerne mit dem „Mythos“ in Verbindung gebracht und taucht in den einschlägigen Mythos-Anthologien wie „The Complete Cthulhu Mythos Tales“ von Barnes and Noble (ein wirklich sehr schön aufgemachtes Buch) auf. Auch im Grundregelwerk des Pen&Paper-Rollenspiels „Cthulhu“ (im Original „Call of Cthulhu“ von Chaosium, hierzulande von Pegasus herausgebracht) taucht die titelgebende Farbe auf und wird als „Mythos-Wesenheit“ klassifiziert. Der Grund dafür ist letztendlich sehr simpel: In kaum einer anderen Geschichte kann das kosmische Grauen, das Lovecraft vermitteln wollte, so unmittelbar wahrgenommen werden.

Obwohl Lovecraft nach wie vor kaum als Mainstream bezeichnet werden kann, ist „The Colour out of Space“ wahrscheinlich diejenige seiner Geschichten, die am häufigsten direkt adaptiert wurde. Im Rahmen dieses dreiteiligen Artikels werde ich mir zumindest einige dieser Adaptionen genauer ansehen. Teil I setzt sich mit der Geschichte selbst und zwei Audio-Umsetzungen auseinander, Teil II betrachtet zwei ziemlich aktuelle Filmadaptionen, „Die Farbe“ aus dem Jahr 2010 und „Color out of Space“ aus dem Jahr 2019 und Teil III vergleicht drei verschiedene Comic-Versionen.

Handlung
Ein neues Wasserreservoire für die Stadt Arkham soll gebaut werden – hierzu ist es nötig, das Gelände eines alten Bauernhofes zu fluten. Zuvor soll es allerdings von einem Landvermesser aus Boston überprüft werden. Dieser stellt Nachforschungen an und beginnt sich für das Gelände, das bei den Einwohnern als verflucht gilt, zu interessieren. Er findet heraus, dass in der Gegend noch ein alter Einsiedler namens Ammi Pierce lebt, den er schließlich aufsucht. Ammi Pierce erzählt dem Landvermesser von der Familie, die das Gelände ursprünglich bewohnte. Die Garnders bewirtschafteten den Hof erfolgreich, bis 1882 ein Meteorit auf dem Gelände neben einem Brunnen abstürzte. Der Meteorit brachte etwas zur Erde, das sich in Form einer Farbe jenseits des bekannten Spektrums zeigt. Langsam breitete sich die Farbe aus und begann, das Land zu beeinflussen. Die Früchte der Gardners wurden riesig, schmeckten jedoch widerlich. Dann begannen nach und nach Flora und Fauna zu mutieren, zuerst nahmen sie die fremdartige Farbe aus dem All an, um anschließend abzusterben und grau und spröde zu werden. Das Vieh starb und auch die Gardners selbst wurden nicht verschont. Nabby, die Mutter, und ihr Sohn Thaddeus wurden langsam wahnsinnig, bis Letzterer starb, während sein jüngerer Bruder Merwin im Brunnen verschwand. Auch Nahum, der Vater, verlor langsam den Verstand. Bei seinem letzten Besuch auf der Farm musste Ammi Pierce feststellen, dass auch der dritte Gardner-Sohn, Zenas, gestorben war, Nahum jeden Sinn für die Realität verloren hatte und Nabby auf dem Dachboden grau und spröde geworden war. Schweren Herzens erlöste Ammi sie von ihrem Leiden. Kurz darauf starb auch Nahum, allerdings nicht, ohne vorher von dem Wesen zu erzählen, das offenbar im Brunnen existiert. Daraufhin alarmierte Ammi die Berhöden, die im Brunnen nichts mehr fanden, aber bald darauf das Leuchten der Farbe aus dem All selbst erlebten. Seither gilt die Gegend als verflucht und die grauen Überreste der Farbe breiten sich weiter aus, langsam zwar, aber unaufhaltsam. Der Landvermesser kündigt, weiß dabei aber, dass er die Flutung des Gebiets nicht aufhalten können wird – und dass das, was immer noch im Brunnen lebt, das neue Wasserreservoire beeinflussen wird.

Struktur und Kontext
Abgesehen vom bereits erwähnten Mangel an „Cthulhu-Mythos-Komponenten“ wie dem Necronomicon und ähnlichen Schriften, den Gottheiten oder sonstigen Kreaturen, ist „The Colour out of Space“ in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für viele typische Lovecraft-Stilmittel. Die Rahmenhandlung wird von einem namenlosen Ich-Erzähler, besagtem Landvermesser, erzählt, während die eigentlichen Ereignisse rund um die Aktivitäten der Farbe (sofern man davon sprechen kann) als Binnenerzählung vermittelt werden. Einer derartigen Struktur bediente sich Lovecraft immer wieder gerne, am prominentesten und verschachteltsten natürlich in „The Call of Cthulhu“. Im Vergleich dazu ist „The Colour out of Space“ noch recht unkompliziert, auch wenn Binnenerzähler Ammi Pierce seinerseits nicht bei allen Ereignissen zugegen ist und mitunter Dinge wiedergibt, die ihm Nahum Gardner erzählt hat.

Ort der Handlung ist – ebenfalls kaum verwunderlich – Lovecrafts Heimat Providence. Auch sonst passt „The Colour out of Space“ gut ins Œuvre; an Geschichten wie dieser zeigt sich besonders gut, wie sich Lovecraft als Autor vom Horror á la Poe langsam in Richtung Science Ficition entwickelte, was schließlich in Geschichten wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow out of Time“ kulminierte. Noch immer finden sich typische Elemente des Horror-Genres und der Gothic Fiction, deren Ursprung jedoch in den Tiefen des Kosmos liegt. Die Ergebnisse sind ebenfalls recht bekannt: Wahnsinn, Mutationen, Body Horror. Was „The Colour out of Space“ zu so einer herausragenden Beispiel des kosmischen Horrors macht, ist die schiere Fremdartigkeit der Farbe. Tatsächlich denke ich, sollte die Menschheit jemals auf außerirdisches Leben stoßen, wird es sich dabei wahrscheinlich um etwas wie diese Farbe handeln, ein Wesen, sofern man hier von einem Wesen sprechen kann, das kaum greifbar und jenseits unseres Verstehens ist. Selbst Cthulhu und die meisten seiner Konsorten sind leichter zu begreifen als die Farbe, der es an jedweder nachvollziehbarer Motivation fehlt. Folgt sie nur ihrer Natur, so sie denn eine hat? Ist sie ein lebendiges Wesen? Oder doch etwas völlig anderes? Besonders die schleichende Verderbnis und den Verfall, die die Farbe mit sich bringt, schildert Lovecraft äußerst effektiv und eindringlich.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Verhalten der Familie Gardner: Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in ihrer Situation längst das Weite gesucht, Nahum Gardner besteht allerdings stur darauf, seine Farm nicht aufzugeben und reißt seine Familie so in den Abgrund. Allerdings wird zumindest angedeutet, dass dieses Verhalten ebenfalls auf die Farbe zurückzuführen ist und sie den Verstand der Gardners deutlich früher und subtiler beeinflusst, als es den Anschein hat. Immerhin: Auch Ammi Pierce ist trotz allem nicht aus der Gegend weggezogen.

Im Aufbau der Geschichte offenbart sich außerdem noch eine weitere Parallele zu „The Call of Cthulhu“. Der eigentliche Erzähler kommt nie wirklich in Kontakt mit dem Schrecken, sei es die Farbe oder der schlummernde Große Alte. Als Ammi Pierce mit dem Landvermesser spricht, liegen die eigentlichen erschreckenden Ereignisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, während der Erzähler in „The Call of Cthulhu“ vom titelgebenden Schrecken nur aus Berichten erfährt. In beiden Fällen scheint das Grauen überwunden zu sein, beide Protagonisten erfahren jedoch, dass dem keines Falls so ist und dass die Ereignisse, von denen sie gehört bzw. gelesen haben, lediglich ein Vorspiel sein könnten.

Kann man Farben hören?
Gruselkabinett-90-Die-Farbe-aus-dem-All

Zumindest diese Farbe kann man hören. „The Colour out of Space“ wurde, wie so viele andere Lovecraft-Geschichten auch, mehrfach als Hörbuch und Hörspiel adaptiert. Vor allem im englischsprachigen Bereich gibt es einige, wer diesbezüglich auf Audible sucht, wird diese Story sowohl separat als auch als Teil diverser Anthologien problemlos finden. Auch Deutsch existiert ebenfalls die eine oder andere Version, Miss Booleana hat hier beispielsweise eine Lesung mit Ernst Meincke besprochen. Die erste Audio-Version dieser Geschichte, die ich mir zu Gemüte geführt habe, findet sich in der Hörbuchproduktion „H. P. Lovecraft Gruselbox“, die ausnahmsweise nicht von LPL Records stammt und auch ein wenig anders konzipiert ist als die Lovecraft-Anthologie-Hörbücher dieses Labels. Zusätzlich zu den Erzählungen „The Hound“, „The Festival“, „The Picture in the House“ und natürlich „The Colour out of Space” werden auch einige Gedichte Lovecrafts im Original vorgetragen, während das „Orchester der Schatten“ für musikalische Untermalung sorgt – für meinen Geschmack ein wenig zu aufdringlich, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Geschichten werden routiniert von Simon Jäger, bekannt als deutsche Stimme von Heath Ledger, Josh Hartnett und Matt Damon vorgelesen. Seine Interpretation von „The Colour out of Space“ ist solide und gut hörbar, allerdings nicht herausragend oder in irgend einer Form besonders erwähnenswert.

Die wirklich interessante Audio-Adaption von „The Colour out of Space” findet sich, wie so häufig, in der Reihe in der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien. Wenn Marc Gruppe, der nicht nur mit Stephan Bosenius das Label leitet, sondern auch für die Drehbücher der Hörspiele verantwortlich ist, klassische Schauerliteratur adaptiert, tut er das meistens sehr vorlagengetreu. Bei den Lovecraft-Hörspielen ist das allerdings nicht immer der Fall, gerade „Berge des Wahnsinns“ fühlte sich mit den eingefügten weiblichen (bzw. fast schon feministischen) Figuren und der Eliminierung aller Verweise auf den „Cthulhu-Mythos“ tatsächlich eher wie eine Hollywood-Bearbeitung des Stoffes an. Auch in „Die Farbe aus dem All“ (deutscher Titel verweist von nun an auf das Hörspiel, der englische auf Lovecrafts Geschichte) wurde eine zusätzliche weibliche Figur hinzugefügt, die sich allerdings deutlich weniger fremdartig anfühlt als ihr Gegenstück in „Berge des Wahnsinns“. Dem bei Lovecraft namenlosen Landvermesser, der im Hörspiel den Namen Frank Burger (Johannes Berenz) trägt, wird eine Kollegin namens Rose Kenny (Melanie Pukaß) an die Seite gestellt, die wohl einerseits den eklatanten Mangel an weiblichen Figuren bei Lovecraft kompensieren soll, andererseits aber auch dazu dient, Informationen im Dialog anschaulicher zu vermitteln. So verarbeitet der Landvermesser das Gehörte in „The Colour out of Space“ in seinem Bericht, während Frank Burger und Rose Kenny diskutieren können.

An der eigentlichen Handlung der Geschichte ändert sich kaum etwas, die beiden Landvermesser fahren zu Ammi Pierce (Jochen Schröder) und lassen sich von ihm die Geschichte der Familie Gardner erzählen. Im Hörspiel bekommt man die Geschehnisse als Flashback dann natürlich live mit, was sie noch einmal deutlich intensiver macht, besonders, da Peter Reinhardt und Cornelia Meinhardt als Nahum und Nabby Gardner die mentale Zermürbung und den geistigen Verfall, die die Farbe auslöst, sehr gut vermitteln. Die kleinen Änderungen sind vor allem der Adaption in ein anderes Medium geschuldet. Etwas ironisch ist vielleicht der Umstand, dass Gruppe ausgerechnet in dieses Hörspiel Verknüpfungen zum „Cthulhu-Mythos“ in Form von Gebrabbel im Delirium einbaut, die in der Geschichte selbst gar nicht zu finden sind.

Bildquelle (Titel)
Bildquelle (Gruselkabinett)

Stück der Woche: The Story Continues


Die meisten Komponisten können froh sein, wenn es ihnen gelingt, einer oder zwei Filmserien ihren Stempel aufzudrücken. John Williams dagegen hat gleich einen ganz Haufen derartiger Reihen in seinem Resümee – darunter auch eine ganze Menge, die er startete, die aber von anderen Komponisten weitergeführt wurden – Komponisten, denen es anschließend nie völlig gelang, aus Williams‘ Schatten zu treten. Die frühesten Beispiele sind „Superman“ und „Jaws“. Für den Mann aus Stahl komponierte der Maestro ein Thema, das bis heute untrennbar mit ihm verknüpft ist. Bei den diversen Sequels schwangen allerdings andere Komponisten den Taktstock, darunter Ken Thorne („Superman II“ und „Superman III“), Alexander Courage („Superman IV: The Quest for Peace“; hier steuerte Williams immerhin neue Themen bei) und John Ottman („Superman Returns“). „Jaws II“ konnte immerhin noch mit einem Williams-Score aufwarten, „Jaws 3-D“ hingegen wurde von Alan Parker vertont. Ähnlich verhält es sich mit allen Jurassic-Park-Sequels nach „The Lost World“, für die Don Davis („Jurassic Park III“) und Michael Giacchino („Jurassic World“ und „Jurassic World: Fallen Kingodm“) verpflichtet wurden.

All diese Filmreihen führen nicht nur Williams‘ Themensprache fort, sondern orientieren sich im Großen und Ganzen auch stilistisch am Maestro. Die Harry-Potter-Filme sind diesbezüglich eine interessante Halbausnahme. Nach wie vor wird die „Wizarding World“ musikalisch mit Hedwigs Thema assoziiert – darüber hinaus orientierten sich Williams‘ Nachfolger in diesem Franchise allerdings kaum an ihrem Vorgänger, weder leitmotivisch, noch stilistisch. The Story Continues ist der erste Track aus einem Harry-Potter-Film, bei dem Williams nicht mehr als Komponist fungierte, und das merkt man augenblicklich. Williams bemühte sich immer, die Logo- und Titelsequenzen der Filme äußerst „magisch“ zu gestalten, ein wenig mysteriös, aber trotzdem einladend. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist natürlich ein entsprechendes Statement von Hedwigs Thema.

„Harry Potter and the Goblet of Fire” beginnt auf bis zu diesem Zeitpunkt nie gekannte, finstere Art, nicht zuletzt dank Patrick Doyles Musik. Statt die Magie und das Mystische zu betonen, startet Doyle mit einem marschartigen Motiv, das keine spezifische Bedeutung hat, allerdings auf den Durmstrang-Marsch in The Quidditch World Cup verweist und in The Dark Mark bei 0:53 noch einmal auftaucht. Sobald das Warner-Bros.-Logo verschwunden ist und Mike Newell das Dunkle Mal mithilfe von Nagini visualisiert, treten die Holzbläser in den Vordergrund und imitieren beinahe Naginis Bewegungen. Während die Schlange sich auf den Grabstein der Riddles zubewegt und wir Voldemort Parsel sprechen hören, wird bereits zum ersten Mal das Thema des Dunklen Lords angedeutet, bevor die Streicher gemeinsam mit der Kamera emporklettern und bei 0:54 schließlich zur Titeleinblendung Hedwigs Thema erklingen lassen. Von der alten Williams-Magie ist allerdings nichts mehr zu spüren bzw. zu hören. Die Celesta war Williams‘ bevorzugtes Instrument, um besagte Magie zu vermitteln. Hier dagegen wird die Melodie von Streichern in einer sehr düsteren Variation gespielt, die stilistisch eher an Bernhard Herrmann als an John Williams erinnert. Auf diese Weise bereiten Doyle und Newell ihre Zuschauer auf das Kommende vor: Wir befinden uns noch in der bekannten Welt der ersten drei Filme, aber es wird düster, finstere Dinge kommen auf die Helden zu.

Tatsächlich mag ich dieses Stück bzw. diese Variation von Hedwigs Thema sehr gerne, da es zeigt, wie sehr ein guter Komponist mit Leitmotiven arbeiten und sie transformieren kann, sodass die entsprechende Melodie zwar immer noch erkennbar ist, sie gleichzeitig aber etwas völlig Neues ausdrücken können. Mehr noch, sie sind auch nicht per se an den Stil des ursprünglichen Komponisten gebunden, sondern können in andere Stile „importiert“ werden. Allerdings ist es nach wie vor verdammt schade, dass kaum ein anderes Thema aus dem reichen Fundus an Leitmotiven, die Williams für die ersten drei Potter-Filme komponierte, eine ähnliche Behandlung erhielt.

 

Star Wars: Das ultimative Ranking

Na gut, der Titel ist vielleicht ein wenig reißerisch. Aber natürlich könnte der Zeitpunkt kaum besser sein: Die Skywalker-Saga ist durch und zumindest in den nächsten paar Jahren wird es auch keine weiteren Star-Wars-Filme geben, nicht zuletzt, weil Corona ohnehin alles nach hinten schiebt. Wie dem auch sei, miteinbezogen werden die elf vollwertigen Star-Wars-Kinofilme, neun Saga-Episoden und zwei Spin-offs. Nicht mit einbezogen werden Fernseh- oder Streamingproduktionen, selbst wenn diese im Kino zu sehen waren oder noch so cinematisch ausfallen, also kein Clone-Wars-Film, keine Ewok-Filme, kein „Mandalorian“ und kein Holdiay Special.

Natürlich gilt wie üblich: Das ist mein persönliches Ranking – mit Sicherheit wird die eine oder andere Platzierung etwas kontroverser ausfallen (wo wäre sonst auch der Spaß an der Sache?). Ich versuche dabei, eine gewisse Balance zwischen persönlichen Vorlieben (sonst wären die Filme nach Ian McDiamirds Leinwandzeit geordnet), Nostalgie, Regie, Drehbuch, Darstellung und sonstige handwerkliche Umsetzung, World Building und Franchise-Folgen sowie erzählerischem Konzept zu finden, wobei Letzteres für mich immer besonderes Gewicht hat.

Platz 11: The Rise of Skywalker

Ich denke, das dürfte keine Überraschung sein. Gerade was erzählerische Konzepte angeht, lassen die Sequels einiges zu wünschen übrig – und all das kulminiert in „The Rise of Skywalker“. Dieser Film erzählt praktisch keine Geschichte, es handelt sich um eine Aneinanderreihung diverser Fan-Theorien und hohler Twists, zusammengehalten von der sinnlosen Jagd nach einem MacGuffin, das zum nächsten MacGuffin führt. Zwar war es bereits im Voraus abzusehen, doch „The Rise of Skywalker“ lieferte den endgültigen Beweis, dass Disney völlig plan- und ahnungslos an das Franchise heranging. „The Rise of Skywalker“ ist ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners – ganz ähnlich wie „Justice League“ soll Episode IX alle zufriedenstellen, und genau wie bei „Justice League“ handelt es sich hier um einen „film by committy“. Das kommt dabei heraus, wenn Finanziers, Produzenten und Aufsichtsräte zu erraten versuchen, was Fans wollen.

Der Konflikt „Konzept vs. Umsetzung“ spielt sowohl bei der Bewertung der Sequels als auch der Prequels eine große Rolle. Im direkten Vergleich gewinnen die Prequels meistens beim Konzept, während der handwerkliche Standard bei den Sequels deutlich höher ist. Im Bereich Effekte ist das natürlich nicht anders zu erwarten, und gerade in dieser Hinsicht tut die Rückbesinnung der Sequels auf praktische Effekte (zumindest dort wo es möglich ist) den Filmen durchaus gut. Auch in Bereichen wie Dialoge, Regieführung und Darstellung sind die Sequels im Schnitt besser als die Prequels. Gerade diesbezüglich fällt „The Rise of Skywalker“ allerdings doch stark ab, was primär an der Struktur des Films und seinem halsbrecherischen Tempo liegt, was ihm in letzter Konsequenz das Genick bricht. Und dann wäre da auch noch der Anspruch, die Skywalker-Saga beenden zu wollen, eine Saga, die seit so vielen Jahrzehnten läuft und neun Filme umfasst. Auch hier versagt „The Rise of Skywalker“ letzten Endes. Nun stellt sich natürlich die Frage: Wäre Colin Trevorrows Episode IX besser gewesen? Die Antwort darauf werden wir nie erfahren, aber die Zusammenfassung des Drehbuchs, die ich gelesen habe, hatte, neben diversen Problemen, immerhin die eine oder andere interessante Idee und versuchte zumindest, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen. „The Rise of Skywalker“ scheitert hingegen kläglich an diesem Unterfangen.

Platz 10: Attack of the Clones

Und schon wieder sind wir beim Thema „Konzept vs. Umsetzung“. Tatsächlich klingt „Attack of the Clones“ in der Theorie äußerst vielversprechend: Eine große Verschwörung mit Anleihen an den Film Noir, eine zum Untergang verurteilte Liebesgeschichte und der Anfang eines großen Krieges. Aber die Umsetzung… Für manche Elemente kann man George Lucas nur bedingt einen Vorwurf machen. Er bemühte sich, die digitale Filmtechnik voranzutreiben und nutzte die Prequels als Vehikel. Episode II ist der erste vollständig digital gedrehte Film – leider hat dieser Status des Vorreiters den Nachteil, dass „Attack of the Clones“ von allen drei Prequels am schlechtesten gealtert ist. Bei Episode I war die Technik schlicht noch nicht soweit, weshalb Lucas noch verhältnismäßig viel mit praktischen Effekten und Sets arbeiten musste, während Episode III von drei zusätzlichen Jahren für die Entwicklung der Technik profitiert.

Darüber hinaus zeigen sich in „Attack of the Clones“ Lucas‘ Defizite als Regisseur und Drehbuchschreiber am stärksten. Der Mann hat ein Händchen für das Visuelle und das World-Building, aber erhebliche Schwächen in den Bereichen Schauspielführung und Dialog. Das erfolgreiche Vermitteln einer Leinwandromanze hängt aber leider nun einmal genau von diesen beiden Aspekten ab. Wo „The Rise of Skywalker“ durch seinen Nicht-Plot hetzt, ist „Attack of the Clones” über weite Strecken schlicht dröge und zäh. Selbst das actionreiche Finale, die Schlacht um Geonosis, wirkt mitunter recht undynamisch, gerade im Vergleich mit den deutlich ansprechenderen Schlachten in „Revenge of the Sith“. Dennoch habe ich eine gewisse Schwäche für Episode II, was nicht zuletzt auch am Mitwirken Christopher Lees liegt, der einfach jeden Film durch seine Anwesenheit massiv aufwertet.

Platz 9: The Force Awakens

Ab jetzt wird es vermutlich etwas kontroverser. Ich bin durchaus gewillt, zuzugeben, dass „The Force Awakens“ von einem gewissen Standpunkt aus ein besserer Film ist als diverse andere, die deutlich weiter oben auf dieser Liste stehen, gerade aus handwerklicher Perspektive. J. J. Abrams ist ein Regisseur, der wirklich gut mit seinen Darstellern zurecht kommt und es schafft, dass sehr gute Chemie zwischen ihnen entsteht. Auch bezüglich der Figuren gibt es durchaus gute Ideen, gerade die Konzeption des „neuen Trios“ finde ich sehr gelungen, ebenso wie die Idee, einen abtrünniges Mitglied der Strumtruppen zu einer Hauptfigur zu machen. In meiner ursprünglichen Rezension bemühte ich mich sehr, diesen Film positiv zu sehen und ihm eine Chance zu geben.

Die größte Schwäche, die „The Force Awakens“ letzten Endes auch das Genick bricht, ist die Tatsache, dass man sich meines Erachtens nach nie gefragt hat, welche Geschichte dieser Film eigentlich erzählen soll. Er wurde von Anfang an konzipiert, um den Fans der OT und denen, die von den Prequels enttäuscht wurden, zu gefallen. Und so wurde auf Teufel komm raus ein Status Quo erschaffen, der im Grunde derselbe ist wie in der OT. Auf der Handlungsbene passiert schlicht nichts, was wir nicht an anderer Stelle in der OT bereits gesehen hätten, und hinzu kommt ein wirklich schlechtes World Building. 2015, nachdem Episode VII von Kritikern und Fans sehr gut aufgenommen wurde und viel Geld einspielte, schien das der richtige Weg zu sein, weil viele Kinogänger nach dem „Star Wars von früher“ hungerten. Doch nun, fünf Jahre später, wird deutlich, dass der Mangel an Konzept, Vorausplanung und Kreativität beim Eintritt in diese neue Star-Wars-Ära der ganzen der Sequel-Trilogie (und dem Franchise als Ganzes) massiv geschadet hat. Ich kann durchaus verstehen, dass „The Force Awakens“ für all jene, die sich mit diesem Franchise nicht allzu intensiv beschäftigen oder sich bestenfalls als Casual Fans bezeichnen, der Favorit ist. Mit Abrams‘ „Star Trek“ von 2009 geht es mir ja sehr ähnlich. In einem Vakuum betrachtet ist „The Force Awakens“ nun wirklich kein schlechter Film (bzw. kein schlecht gemachter Film), aber als Episode VII der Skywalker-Saga funktioniert diese Mischung aus Remake und „Soft Reboot“ einfach nicht.

Platz 8: The Last Jedi

Ich hatte mir lange überlegt, die Plätze 8 und 9 zu tauschen. „The Last Jedi“ hat in gewisser Weise dasselbe Problem wie „The Force Awakens“, nur auf anderer Ebene. Episode VIII ist ein Film, den ich eher respektiere, als dass ich ihn mag. Rian Johnson hat in meinen Augen zumindest klar vor Augen, was er mit diesem Streifen erreichen möchte, konzeptionell ist es sicher dichteste der Sequels, thematisch vielleicht sogar der dichteste der gesamten Saga. So weit, so gut – nur leider vergisst Johnson, bei all seinen Ambitionen, auch eine gute Geschichte zu erzählen. Der eigentliche Plot um das Entkommen des Widerstands passt vielleicht zu einer Episode der ursprünglichen Star-Trek-Serie, aber als Handlung für einen Star-Wars-Film ist das doch eher enttäuschend. Mehr noch, so interessant Johnsons Konzepte und Ideen auch sind, so sehr arbeiten sie gegen das im Vorgänger etablierte Material (was seinerseits nicht optimal ist, aber lassen wir das beiseite). Ich habe es ja schon mehrmals erwähnt: Eines der größten Probleme der Sequels ist, dass die einzelnen Filme gegeneinander arbeiten, statt ineinander zu greifen. Entweder Johnson oder Abrams hätte die Trilogie komplett übernehmen müssen, oder Disney hätte zumindest dafür sorgen müssen, dass die Sequel-Trilogie als großes Ganzes funktioniert.

Johnsons Ansatz der Dekonstruktion und des Unterlaufens von Erwartungen ist ebenfalls ein Problem – nicht grundsätzlich, es gab schon funktionierende Dekonstruktionen, etwa „Knights of the Old Republic II: The Sith Lords“. Johnson dekonstruiert allerdings als Selbstzweck, was nun nach „The Rise of Skywalker“ umso offensichtlicher ist, und er dekonstruiert auf Kosten der Geschichte. Plot Convienence ist bei Star-Wars-Filmen durchaus der Öfteren problematisch (u.a. auch bei den Episoden IX und II), aber gerade hier sind die storytechnischen Verrenkungen, die Johnson betreiben muss, um dorthin zu gelangen, wo er hinmöchte, wirklich unangenehm. Ebenfalls unpassend ist der Humor, der eher zu „Guardians of the Galaxy“ als zu Star Wars passt. Aber wir wollen ja nicht nur meckern, schließlich hat es seinen Grund, dass „The Last Jedi“ auf diesem Platz gelandet ist. Visuell hat Johnson fraglos einiges auf dem Kasten – selten sah Star Wars besser aus – und auch aus den Darstellern holt er wirklich viel heraus.

Platz 7: The Phantom Menace

Dafür gibt es wahrscheinlich Haue; die viel gehasste Episode I steht vor der gesamten Sequel-Trilogie. Aber: Die Nostalgie ist stark bei diesem da. Die Schwächen dürften ja weithin bekannt sein und wurden von allen und jedem so breit wie nur möglich ausgewalzt: Jar Jar und der kindliche Humor, nicht gerade gelungene Dialoge, Jake Lloyd als Anakin Skywalker bzw. George Lucas Probleme bei der Führung der Schauspieler etc. Gerade Letzteres zieht sich als roter Faden durch die gesamten Prequels. Fähige Darsteller wie Ian McDiamird oder Ewan McGregor wissen auch so, was sie tun, aber Darsteller, die auf etwas mehr Regieleistung angewiesen sind, bleiben meistens weit hinter ihren Möglichkeiten. Und in der Tat wäre es wohl tatsächlich klüger gewesen, die Prequels mit einem erwachsenen Anakin und dem Start der Klonkriege beginnen zu lassen.

Wie so oft bei den Prequels ist die Konzeption gelungener als die Umsetzung. Die Idee, mit dem größtmöglichen Kontrast zu Darth Vader, einem aufgeweckten, unschuldigen Kind zu beginnen, ist für sich genommen nicht schlecht, ebenso wie der Einfall, die Struktur des Prequel-Startfilms als Spiegelbild von Episode VI anzulegen, ohne dass es, wie es bei Episode VII und IV der Fall ist, einfach wie abgekupfert wirkt. „The Phantom Menace“ erzählt nun einmal eine deutlich andere Geschichte als „Return of the Jedi“. Leider übernimmt Lucas damit auch die Schwächen von Episode VI: Ein Akt des Films findet jeweils auf Tatooine statt, fühlt sich aber von den restlichen beiden merkwürdig losgelöst an, was bei Episode I allerdings noch deutlich stärker ins Gewicht fällt, da es sich nicht um den ersten, sondern den zweiten Akt handelt. Und die parallel laufenden finalen Schlachten mit drei bzw. in Episode I sogar vier verschiedenen Handlungssträngen ist ebenfalls durchwachsenden, da hier absolute Highlights, die jeweiligen Lichtschwerduelle, Rücken an Rücken mit deutlich uninteressanteren Bodenschlachten stehen. „The Phantom Menace“ ist ein Film, in dem die Einzelteile leider nie zu einem großen Ganzen zusammenwachsen – für sich selbst stehend aber wirklich beeindruckend sind, sei es das Pod-Rennen oder der finale Kampf der beiden Jedi gegen Darth Maul.

Warum hat „The Phantom Menace“ nun in der Platzierung die Sequels überholt? Weil diesem Film etwas gelungen ist, was bereits in „The Force Awakens“ hätte geschehen müssen, bisher aber immer noch nicht geschehen ist: Er hat es erfolgreich geschafft, eine neue Star-Wars-Ära zu etablieren, die sich vom bisher bekannten unterscheidet, aber doch unzweifelhaft Star Wars ist. Wir haben einen ordentlich vermittelten Status Quo, ein Gefühl dafür, wie es in der Galaxis aussieht und gutes World Building, das oft durch die wirklich gelungene Arbeit der Designer vermittelt wird. Die Sequel-Ära fühlt sich dagegen bis heute wie ein Abklatsch der OT-Ära an und reizt mich kaum, während ich in die Prequel-Ära immer wieder gerne zurückkehre.

Platz 6: Solo – A Star Wars Story

Niemand wollte oder brauchte diesen Film, Han Solo funktioniert als Figur, wie wir ihn in Episode IV kennen, wunderbar, er hat seine Entwicklung im Verlauf des Films (und den beiden folgenden), vom eigennützigen Schmuggler zum Helden der Rebellion. Selbst die Fans der Figur, zu denen ich mich nicht unbedingt zähle, waren sehr skeptisch: Müssen wir wirklich sehen, wie Han und Chewie sich kennen lernen oder wie Han den Millenium Falken gewinnt? Was „Solo“ für mich zum zweitbesten Disney-Star-Wars-Film macht, ist der Umstand, dass hier tatsächlich eine Geschichte erzählt wird. Das größte Manko, für mich persönlich aber auch gleichzeitig ein Vorteil, ist, dass es sich dabei nicht um Han Solos Geschichte handelt. Sicher, die oben erwähnten Stationen, die Begegnung mit Chewie, der Kessel Run, Han gewinnt den Falken etc., sind alle da. Dennoch ist es nicht zwingend Hans Geschichte, die der Film erzählt, sondern eher die von Qi’ra, Beckett und Dryden Vos. Han stolpert eher zufällig hinein und ist nicht wirklich nötig. Von diesem Umstand einmal abgesehen ist „Solo“ schlicht ein verdammt kurzweiliger und unterhaltsamer Gangster-Western im Star-Wars-Universum, der sich ein wenig anfühlt wie die Lektüre eines Legends-Romans, inklusive diverser Anspielungen, Querverweise und Gatsauftritte, die beim „Normalzuschauer“ eher für Stirnrunzeln sorgen.

Die Probleme hinter den Kulissen sind an „Solo“ freilich nicht spurlos vorbeigegangen, hin und wieder tauchen Diskrepanzen auf. Dennoch gelingt es diesem Film, eine Balance zwischen interessantem Konzept und kompetenter Umsetzung (wenn man davon absieht, dass die Farbpalette deutlich zu dunkel ist) zu finden, sofern man das zugrundeliegende Konzept als „Gangster-Western im Star-Wars-Universum“ und nicht als „Han-Solo-Origin“ wahrnimmt. Ron Howard ist ein solider Handwerker, dem sowohl George Lucas‘ Vision und Wille zur Innovation als auch seine erheblichen Mankos fehlen. Da ich durch die Probleme hinter der Kamera und Gleichgültigkeit gegenüber Hans Hintergründen keine Erwartungen an diesen Film hatte, hat mich „Solo“ sehr angenehm überrascht – ich mag die neuen Figuren, das World Building und die Schauplätze und finde den Umstand, dass es hier, anders als bei allen anderen Star-Wars-Filmen, keinen eindeutigen Widersacher gibt, sehr erfrischend.

Platz 5: A New Hope

„A New Hope“ ist zweifelsohne der wichtigste Star-Wars-Film und hat im Herzen vieler Fans einen besonderen Platz. Auch in meine Top 5 hat er es geschafft – aber eben auch nicht weiter nach vorn, findet er sich doch bei vielen anderen Rankings auf einem der ersten drei Plätze. Während die meisten anderen Filme, selbst einige, die ich weiter vorne platziert habe, über eklatante Schwächen verfügen, ist „A New Hope“ ein sehr ausgewogener Film, der lediglich nicht besonders gut gealtert ist. Er teilt das Schicksal anderer Vorreiter auf ihren Gebieten: Was einmal revolutionär und nie dagewesen war, haben andere Filme in der Zwischenzeit so viel besser gemacht. In mancher Hinsicht wirkt dieser Vorreiter etwas bieder, die Geschichte, die er erzählt, ist gemessen an späteren Vertretern des Franchise,  recht klein. Es ist eigentlich unfair, Episode IV das vorzuwerfen; ohne die Grundlagen, die „A New Hope“ gelegt hat, hätten spätere Filme nicht auf ihnen aufbauen können. Ansonsten ist Episode IV gewissermaßen ein filmisches Schulbuchbeispiel: Sehr ausgewogen, sehr klare Drei-Akt-Struktur, sehr klare Umsetzung von Campbells Heldenreise. Gewisse Lucas-typische Schwächen zeigen sich bereits, fallen aber kaum ins Gewicht, weil der gute George hier, anders als bei den Prequels, nicht machen konnte, was er wollte, sondern stets zu Kompromissen gezwungen war, und natürlich weil er ein äußerst fähiges Team mit dem Schnitt des Films beauftragte.

Platz 4: Rogue One

„Rogue One“ ist ein schönes Beispiel für einen Star-Wars-Film, der deutlich unebener ist und weitaus mehr strukturelle Schwächen hat als beispielsweise Episode IV oder VII. Auch hier sind primär die Probleme hinter den Kulissen schuld; mitunter bemerkt man die Nachdrehs sehr deutlich und gewisse Unebenheiten zwischen Schnittfassungen fallen ebenfalls auf. Das betrifft besonders den ersten Akt, der recht wildes und unübersichtliches Planeten-Hopping betreibt. Glücklicherweise ist „Rogue One“ ein Film, der mit jedem Akt besser wird, um sich dann in einem der fulminantesten Finales des Franchise zu entladen.

Des Öfteren werden bei „Rogue One“ darüber hinaus die Figuren als langweilig und uninteressant kritisiert, eine Kritik, die ich so allerdings nicht teile – die Figuren an sich sind in Ordnung, das Problem sind auch hier strukturelle Unebenheiten und unterschiedliche Schnittfassungen des Films, die nicht gut ineinandergreifen. Wenn Baze Malbus Jyn Erso am Ende „Good luck, little sister“ wünscht, kommt das fast aus dem Nichts, da die beiden während des Films kaum einmal ein Wort wechseln, das in einer früheren Version durchaus getan haben könnten. Ohnehin betrachte ich weder Jyn Erso noch Cassian Andor als Hauptfigur von „Rogue One“, denn die eigentliche Hauptfigur des Films ist die Rebellion an sich. Dieses Spin-off bemüht sich, ein breites Bild dieser Gruppierung in all ihren Facetten zu zeigen, von den gemäßigten und allseits bekannten Anführern wie Mon Mothma und Bail Organa über unfreiwillige oder zufällige Verbündete wie Chirrut Îmwe und Bodhi Rook bis hin zu den extremeren Elementen um General Draven und natürlich Fanatiker wie Saw Gerrera. Regisseur Gareth Edwards gelingt es, ein breites Spektrum an verschiedenen Rebellen zu zeigen und der Gruppierung ein deutlich breiter gefächertes Profil zu verleihen. Rein strukturell mag „The Force Awakens“ beispielsweise deutlich besser funktionieren, doch „Rogue One“ gelingt es dagegen mühelos, sich wie eine etwas grimmigere Version des Star-Wars-Universums anzufühlen, die dennoch hervorragend zum bereits Etablierten passt, während die Sequels oft nur erzwungene Wiederholung bieten.

Platz 3: Return of the Jedi

Episode VI ist zweifellos der unausgewogenste Film der OT mit einer Handlung, die sich zu stark an Episode IV anlehnt, einem ersten Akt, der vom Rest des Films bzw. der Handlung der gesamten Trilogie merkwürdig losgelöst ist und einem äußerst (eventuell sogar zu) komplexen, in drei Handlungsstränge aufgegliederten dritten Akt. Die Bodenschlacht auf dem Waldmond Endor funktioniert dabei nur bedingt – thematisch passt sie zwar gut zum im Franchise immer wieder auftauchenden Konflikt zwischen Technologie und Natur, aber die Ewoks sind einfach zu sehr darauf ausgelegt, Spielzeug zu verkaufen, zu unglaubwürdig erscheint ihr Sieg über das Imperium. Wenn „Return of the Jedi“ allerdings zur Hochform aufläuft, dann richtig. Besonders im dritten Akt liefert Episode VI einige der besten Szenen und Momente der OT, wenn nicht des gesamten Franchise, sei es das finale Duell zwischen Luke und Vader, jede Szene mit Ian McDiamirds Palpatine oder die gesamte Raumschlacht. „Return of the Jedi“ ist sicher kein perfektes, aber ein würdiges Finale der OT, an dem sich jedes der beiden anderen Gegenstücke messen muss. Eines hat es geschafft, Episode VI in meinen Augen zu übertreffen, das andere ist kläglich am Versuch gescheitert.

Platz 2: Revenge of the Sith

Es dürfte niemanden überraschen, dass Episode III in meinem Ranking so gut abschneidet, schließlich habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ich diesen Film liebe. „Revenge of the Sith“ erzählt in meinen Augen die größte und ambitionierteste Geschichte der Saga, wenn auch nicht immer konsequent und funktionierend. Anakins Entscheidungen sind nicht immer ganz nachvollziehbar, letzten Endes verfällt er der Dunklen Seite doch ein wenig abrupt und manche Dialoge, speziell wenn sie von Anakin und Padmé geführt werden, sind immer noch nah an der Schmerzgrenze. Trotzdem: Hier wird „Space Opera“ wörtlich genommen. George Lucas liefert eine große Tragödie, den Fall eines Helden, den Sturz der Republik, den Aufstieg des Imperiums. Als er diesen Film drehte, war er sich ziemlich sicher, dass es sein letzter Star-Wars-Film werden würde, und das merkt man auch, denn hier schöpft er noch einmal aus den Vollen, beginnt mit einer Raumschlacht, die die aus Episode VI vielleicht nicht übertrifft, aber doch zumindest nah an sie herankommt, und beendet das Ganze mit einem epischen Parallel-Duel sowie einigen der eindringlichsten visuellen Momente des Franchise. Und den Ian McDiamird-Faktor sollte man ebenfalls nicht unterschätzen. Bisher hat er in diesem Ranking keine Rolle gespielt, schließlich sind die Plätze 11 und 10 Filme, in denen er eine zwar untergeordnete, aber doch äußerst prominente Rolle spielt. Aber „Revenge of the Sith“ ist ohne Wenn und Aber Darth Sidious‘ Film, die große Bühne für Ian McDiamird – und McDiamird liefert. „Revenge of the Sith“ könnte man darüber hinaus als meinen Go-To-Star-Wars-Film bezeichnen – wann immer ich Lust auf eine Prise Star Wars habe, eine halbe Stunde in der weit, weit entfernten Galaxis, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit zur Episode-III-BluRay greifen. Gerade im Vergleich zu den Sequels möchte ich noch einmal feststellen: Ich ziehe einen Film, der eine gute Geschichte suboptimal erzählt einem Film vor, der eine nicht-Geschichte gut erzählt.

Platz 1: The Empire Strikes Back

Das wiederum ist nun wirklich keine kontroverse Wahl, Episode V gilt gemeinhin als bester Star-Wars-Film – und das aus gutem Grund. Nach Episode IV hätte man das Franchise auf viele Arten fortsetzen können. Lucas hätte auch eine James-Bond- oder Indiana-Jones-artige Filmserie daraus machen können; die Helden erleben in jedem Film ein neues, nur marginal mit dem letzten Teil verknüpftes Abenteuer. Stattdessen machte „The Empire Strikes Back“ Star Wars zur Saga. Wenn es einen Film des Franchise gibt, der an der Perfektion kratzt, dann ist es dieser. Irvin Kershners Leistung ist mit Abstand die beste Regie-Arbeit des Franchise, hier passt alles. Wo Richard Marquand bei „Return of the Jedi“ eher Erfüllungsgehilfe war, setzte Kershner Akzente, während Lucas sich primär darum kümmerte, ihm den Rücken freizuhalten. Und wo man bei jedem anderen Star-Wars-Film Abstriche machen muss, ist das bei „Empire“ schlicht nicht nötig. Episode V ist qualitativ und strukturell ähnlich konsistent wie Episode IV, aber auf einem deutlich höheren Niveau. Diese vielleicht beste aller Fortsetzungen nutzt den Umstand, dass es sich um ein Sequel handelt, vollständig aus und arbeitet sich in die Figuren und ihre Beziehungen deutlich stärker ein. Auf jeder Ebene wird es für die Charaktere persönlich – wo es zuvor nur eine vage Feindschaft zwischen Vader und den Helden gab, hat am Ende dieses Films jeder ein auf gewisse Weise fast schon intimes Verhältnis zu dem Sith-Lord. „The Empire Strikes Back“ ist, um es kurz zu machen, nach wie vor die Messlatte, an der jeder andere Star-Wars-Film gemessen wird. Dass es nach so vielen Jahren immer noch keiner geschafft hat, ihn zu übertreffen, ist wohl allein schon aussagekräftig genug.