Prelude to Rebellion

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Es wird mal wieder Zeit für etwas Retrospektive. Blicken wir zurück in die für mich persönlich aufregendste Zeit als Star-Wars-Fan: Die Ära der Prequels. Als „The Phantom Menace“ in die Kinos kam, änderte dieser Film nicht nur die Wahrnehmung des und das Verhältnis vieler Fans zum Franchise, auch die Star-Wars-Medienlandschaft verwandelte sich nachhaltig. Das Erweiterte Universum (inzwischen Legends) hatte sich bislang entweder auf Geschichten konzentriert, die nach Episode VI, zwischen den Episoden IV bis VI oder sehr, sehr lange vor ihnen spielen – etwa die Comicreihe „Tales of the Jedi“, deren Handlung 5000 bis 4000 Jahre vor den Filmen stattfindet. Die unmittelbare Vergangenheit der weit, weit entfernten Galaxis – der Untergang der Jedi, die Klonkriege und der Auftstieg des Imperiums, wurden für die Autoren des EU zur Tabuzone erklärt, da George Lucas in den 90ern ja bereits an den Prequels werkelte. Das änderte sich, als Episode I in greifbare Nähe rückte: 1998, nur wenige Monate vor dem Kinostart, startete der Comic-Verlag Dark Horse, seit 1991 Inhaber der Star-Wars-Lizenz, eine neue Serie mit dem schlichten Titel „Star Wars“, die diese neue Ära, die die Prequels erschlossen, erforschen sollte. Besagte Serie erhielt später den Namen „Star Wars Republic“ und sollte einige der besten Star-Wars-Comics überhaupt beinhalten. In diesem Beitrag möchte ich allerdings einen Blick auf den ersten Handlungsbogen, „Prelude to Rebellion“ werfen. Mit „Prelude to Rebellion“ verbinde ich auch ein großes Ausmaß an Nostalgie, da dieser Handlungsbogen auch einer der ersten der damals vom Dino-Verlag herausgegebenen deutschen Star-Wars-Heftserie war, die für mich einen essentiellen Einstiegspunkt ins EU darstellt.

In „Prelude to Rebellion“ greifen sich Autor Jan Strnad und Zeichner Anthony Winn ein Mitglied des neu etablierten Hohen Rates der Jedi, Ki-Adi-Mundi, heraus und erzählen ein Abenteuer, das relativ kurz vor Episode I stattfindet. Der Großteil der Handlung spielt auf Ki-Adi-Mundis Heimatwelt Cerea, ein Planet, auf dem die herrschende Elite sehr konservativ und technikfeindlich ist, während die Jugend, angeheizt von fremden Agitatoren, den Aufstand probt. Zu den Aufständischen Jugendlichen gehört auch Mundis Tochter Sylvn sowie ihr Freund Maj-Odo-Nomor. Ki-Adi-Mundi selbst gehört zu den eher konservativen Kräften, die Technologie ablehnen, was ihn etwas zwiespältig erscheinen lässt, da er sich als Jedi-Ritter fortschrittlicher Technologie immer wieder bedienen muss. Bei einer Kundgebung kommt es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf Maj-Odo-Nomor versehentlich einen seiner Freunde tötet und zusammen mit Slyvn verschwindet. Ki-Adi-Mundi verfolgt die Spur seiner Tochter und stößt auf eine Verschwörung, die es zum Ziel hat, die Unruhen auf Cerea zu schüren, um dort Waffen verkaufen zu können. Einer der Hauptverantwortlichen ist Ephant Mon, ein Komplize des berüchtigten Jabba the Hutt. Auf sich allein gestellt und ohne sein Lichtschwert muss Ki-Adi-Mundi die ganze Wahrheit herausfinden, um seine Tochter retten zu können…

„Prelude to Rebellion“ ist sowohl als Tie-In zu Episode I als auch in Hinblick auf die späteren beiden Prequels interessant. Man kann wohl davon ausgehen, dass Lucasfilm die inhaltlichen Informationen noch recht spärlich herausrückte, als Jan Strnad seine Skripte schrieb, denn die Story des sechsteiligen Handlungsbogen wirkt noch etwas kontextlos. Auch visuell erkennt man relativ wenig vom Stil von Episode I wieder, Anthony Winns Raumschiffe wirken beispielsweise relativ generisch – man kann über die Prequels sagen, was man will, aber sie hatten einen ziemlich distinktiven Stil, was Raumschiffdesign angeht. Erst im Verlauf der Handlung nehmen die Bezüge zu „The Phantom Menace“ zu; so wird etwa enthüllt, dass die Handelsföderation ihre Finger in irgend einer Form mit im Spiel hat, was aber relativ konsequenzlos bleibt. Jabbas Rolle als letztendlicher Oberschurke der Geschichte kann wohl auch auf seinen kleinen Cameo-Auftritt in Episode I zurückgeführt werden.

Bei der Konzeption des Jeditums in „Prelude to Rebellion“ zeigt sich, dass man sich bei Dark Horse noch an dem orientierte, was zuvor im EU gezeigt wurde, in dem Jedi weitaus autonomer agierten, weniger elitärer und zentralisierter Orden und mehr autonomes, individuelles Rittertum. Ki-Adi-Mundi lebt auf seinem Heimatplaneten, hat diverse Töchter und fünf Ehefrauen. Das wirkt gerade im Kontext von „Attack of the Clones“ äußerst merkwürdig, aber die Ehelosigkeit der Jedi wurde erst mit diesem Film etabliert. Ki-Adi-Mundis familiäre Zustände wurden im Zuge von Episode II als große Ausnahme erklärt. Da die Cereaner ein Mann-Frau-Verhältnis von 1 zu 20 haben, ist jeder männliche Cereaner für den Fortbestand der Spezies mitverantwortlich. Dennoch wurden Ki-Adi-Mundis familiäre Verhältnisse nach „Prelude to Rebellion“, von knappen Erwähnungen abgesehen, nie wieder thematisiert.

Ansonsten ist „Prelude to Rebellion“ eine relativ kleine, regional beschränkte Geschichte, die einige durchaus interessante Fragen anreißt und die alte SW-Thematik „Technik vs. Natur“ aufgreift. Diese erste Geschichte der Prequel-Ära bleibt auch insgesamt ziemlich konsequenzlos; sie ist definitiv nicht schlecht und durchaus kurzweilig, im Vergleich zu späteren Handlungsbögen der Republic-Serie verblasst „Prelude to Rebellion“ jedoch. Tatsächlich ist der interessanteste Teil die „Beilage“. In den Heften 4 bis 6 erzählt Jan Strnad, mit Unterstützung des Zeichners John Nadeau, quasi als Zugabe noch die „Entstehungsgeschichte“ Ki-Adi-Mundis und zeigt, wie dieser als Kind von der Jedi An’ya Kuro, auch bekannt als „dunkle Frau“, für den Orden rekrutiert wird, um anschließend als junger Ritter zurückzukehren. Auch diese Geschichte mit dem Titel „Vow of Justice“ passt nicht so recht zu später etablierten Gebräuchen der Jedi, da jegliche Bindung zur alten Heimatwelt abgelehnt wird, zugleich liefert sie aber eine Jugendgeschichte für Ki-Adi-Mundi, die zumindest mit „Prelude to Rebellion“ schön harmoniert.

Fazit: „Prelude to Rebellion“ ist selbst für Leser, die sehr an der Prequel-Ära interessiert sind, kein Must-Read. Dafür handelt es sich aber um einen interessanten Übergangscomic, was die Darstellung der Jedi angeht; hier werden noch Ideen und Konzepte aus dem Prä-Prequel-EU aufgegriffen, die zeigen, wie eine von Dark-Horse-Autoren gestaltete Prequel-Ära hätte aussehen können.

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Uzumaki: Spiral Into Horror

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Anime und Manga gehören eigentlich nicht so sehr zu meinen Fachgebieten. Wie die meisten meiner Generation hatte ich in der Grundschul- und frühen Gymnasiumszeit meine Anime-Phase mit „Pokemon“, „Digimon“, „Yu-Gi-Oh!“ und „Dragon Ball Z“, darüber waren meine Erfahrungen allerdings verhältnismäßig begrenzt; mal eine Episode „Elfenlied“ hier und eine Episode „Hellsing“ da, jedoch nichts Profundes. Aber man soll seinen Horizont ja immer mal wieder erweitern. Irgendwann lief mir, sinnbildlich gesprochen, Junji Ito über den Weg, der als einer der besten und profiliertesten Horror-Mangaka gilt. Das allein hätte eventuell noch nicht mein Interesse geweckt, allerdings gibt er selbst an, dass H.P. Lovecraft zu seinen Einflüssen zählt. Darüber hinaus hat er den Ruf, immer wieder Elemente des kosmischen Horrors in seinem Werk zu verarbeitet. Mehr aus Zufall entschied ich mich für „Uzumaki: Spiral Into Horror“, in Deutschland bei Carlsen zuerst als dreibändige Serie und dann als einbändiges Hardcover erschienen, und: Volltreffer.

Kirie und Shuichi sind Schüler in der japanischen Kleinstadt Kurōzu-cho, die von merkwürdigen Ereignissen heimgesucht wird, die alle mit Spiralen zu tun haben. Es beginnt damit, dass Shuichis Vater eine Besessenheit für Spiralen entwickelt und schließlich seinen eigenen Körper zu einer Spirale verformt, was ihn das Leben kostet. Daraufhin entwickelt Shuichis Mutter eine panische Angst vor Spiralen, die sie in den Wahnsinn treibt. Auch andere Bewohner der Stadt werden von „der Spirale“ vereinnahmt. Jedes Spiralenvorkommen entwickelt ein ebenso beängstigendes wie bizarres Eigenleben; u.a. wachsen Spiralen auf den Rücken von Menschen, die sich anschließend in übergroße Schnecken verwandeln, mörderische Wirbelstürme entstehen und nach und nach wird die ganze Stadt auf verschiedenste Weisen von Spiralen heimgesucht.

In vielerlei Hinsicht erinnert „Uzumaki“ an Lovecrafts „The Colour out of Space”: In beiden Geschichten wird eine kleine Stadt von einer mysteriösen Macht heimgesucht, die sich durch etwas scheinbar Alltägliches manifestiert, das dann völlig außer Kontrolle gerät – bei Lovecraft eine Farbe, bei Ito Spiralen. Interessanterweise fehlen in „The Colour of ouf Space“ jegliche Bezüge zum Cthulhu-Mythos, die Farbe wird nicht mit den Großen Alten oder den Äußeren Göttern in Verbindung gebracht, sie ist einfach. So ähnliche verhält es sich auch in „Uzumaki“: Die Spiralen werden nie wirklich erklärt oder auf etwas bestimmtes zurückgeführt. Zwar dringen Kirie und Shuichi am Ende ins Herz des Phänomens vor, doch was sie finden, bleibt mysteriös und fremdartig, eine nicht erklärbare Macht.

Neben diesem kosmischen Schrecken, der „Uzumaki“ innewohnt, materialisiert sich das Grauen – auch hier finden sich Parallelen zu Lovecraft – oft durch beunruhigende und bizarre körperliche Metamorphosen. Grauen im Medium Comic zu vermitteln ist natürlich immer eine besondere Herausforderung, gerade im Vergleich zum Film – Ito gelingt es meisterhaft, mit seinen detaillierten und filigranen Zeichnungen, ebenso verstörende wie kreative Alpträume aufs Papier zu bringen. Dies wird durch den Umstand verstärkt, dass Itos Zeichnungen wenig übertrieben und sehr realistisch sind – die stilistischen Übertreibungen, die oft mit Mangas assoziiert werden, sucht man hier erfreulicherweise vergebens.

Eine weitere Parallele zu Lovecraft findet sich bei den Protagonisten: Zwar sind diese nicht eigenbrötlerische Intellektuelle, wie es bei HPL so oft der Fall ist, sondern Schüler, aber sie sind äußerst passive Protagonisten, die keine eigene Agenda haben; sie verfolgen kein Ziel, ihnen passieren Dinge oder sie beobachten, gerade zu Beginn den Schrecken als marginal beteiligter Zuschauer, dem Leser nicht unähnlich. Erst nach und nach werden sie stärker in die Ereignisse verwickelt und der Wahnsinn der Spirale ergreift auch sie.

Fazit: Selbst wer, wie ich, nicht allzu Manga-affin ist, sollte sich als Horror-Fan im Allgemeinen oder Lovecraft-Fan im Besonderen „Uzumaki: Spiral Into Horror“ nicht entgehen lassen – man wird Spiralen nie wieder mit denselben Augen sehen.

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Star Wars: Konzept einer Fortsetzung


Dank der D23 ist Star Wars mal wieder in aller Munde, wenn auch nicht unbedingt positiv. Zwar sieht der Trailer zu „The Mandalorian“ wirklich nicht schlecht aus – das könnte was werden – die Promotion zu „The Rise of Skywalker“ bekleckert sich jedoch nicht unbedingt mit Ruhm. Sei es der Teaser, der zur Hälfte aus alten Szenen besteht und kaum etwas offeriert außer einem Schweizer Taschenlichtschwert oder das Poster, bei dem eine Hot-Toys-Figur statt Ian McDiamirds edler Gesichtszügen eingebunden wurde. Aber in diesem Artikel soll es weder um die positiven, noch um die negativen Aspekte der D23-Präsentationen und -Enthüllungen gehen. Stattdessen möchte ich das anhaltende Medienecho nutzen, um noch einmal, einige Monate vor dem Kinostart von Episode IX, über die Konzeption der Sequel-Trilogie sprechen.

Rückblick: Konzept der OT und PT
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Konzepte der bereits bestehenden Trilogien. Der Handlungsbogen der OT dürfte klar sein: Rebellion gegen Imperium, der Fall einer totalitären Diktatur und, auf einer persönlichen Ebene, die Erlösung Anakin Skywalkers. Allerdings war vor allem Letzteres nie von Anfang an Teil der Konzeption. So sehr George Lucas auch behauptet, die OT sei von Anfang an so geplant gewesen, es ist inzwischen deutlich geworden, u.a. aus den ersten Drehbuchentwürfen für „The Empire Strikes Back“, in denen Anakin Skywalkers Machtgeist auftaucht, dass der Handlungsbogen um Darth Vaders Rückkehr zum Licht und die allgemeinen Verwandtschaftsverhältnisse Elemente sind, die erst nach Episode IV Teil der Handlung wurden. Mehr noch, zu Anfang war Palpatine laut des Prologs von Alan Dean Fosters Romanadaption von „A New Hope“ ein schwacher Diktator und mit Sicherheit kein Machtnutzer. Hin und wieder gibt es bei der Gesamtbetrachtung der OT die eine oder andere Diskrepanz, aber insgesamt ist sie ziemlich gut zusammengewachsen und funktioniert als die Saga, als die sie wahrgenommen wird. Dieser Aspekt des Zusammenwachens ist jedoch etwas, das man im Hinterkopf behalten sollte.

Rein konzeptionell ist die Prequel-Trilogie am dichtesten, auch wenn das Konzept nicht immer ganz gelungen umgesetzt wurde. Die Prequels schildern den Fall Anakin Skywalkers, die Vernichtung der Jedi, den Aufstieg Imperator Palpatines und die Umwandlung der Republik in das Imperium. Es war von Anfang an klar, wo es hingehen würde – was den vielgescholtenen Prequels ironischerweise den Status der am besten geplanten und konzipierten Trilogie verleiht, denn anders als bei den anderen beiden wussten die Verantwortlichen genau, wo die Reise enden würde.

Als Disney Lucasfilm 2012 erwarb, waren die Möglichkeiten, die Saga fortzusetzen, vielfältig. Das alte Erweiterte Star-Wars-Universum, inzwischen als „Legends“ gebrandmarkt, hat einige Blaupausen geliefert, die wir uns etwas näher betrachten werden, bevor wir uns mit dem Weg, der für die Sequels gewählt wurde, auseinandersetzen.

Direkte Fortsetzung: Die Thrawn-Trilogie und „Dark Empire“
In den 90ern erwarben zwei Verlage, Bantam und Dark Horse, die Star-Wars-Lizenz und machten sich daran, die Saga in Form von Romanen und Comics fortzusetzen. Das jeweils erste Werk beider Verlage, Timothy Zahns „Heir to the Empire“ (gefolgt von „Dark Force Rising“ und „The Last Command“) und „Dark Empire“ (gefolgt von „Dark Empire II“ und „Empire’s End“) können jeweils als Versuch verstanden werden, die OT sehr direkt fortzusetzen. Im Kontext der Prequels erscheint vor allem „Dark Empire“ recht merkwürdig, aber natürlich konnten weder Tom Veitch noch Timothy Zahn wissen, was George Lucas in der Zukunft anstellen würde (Stichwort: Auserwählter). Wie dem auch sei, beide Werke setzen den Konflikt relativ direkt fort. Zahn erzählt dabei die besser konstruierte und auch deutlich kreativere Geschichte. Nach ihrem Sieg auf Endor hat die Rebellen-Allianz die Macht in der Galaxis übernommen, sodass die Rollen vertauscht sind: Die Helden sind nun die dominante Partei, während die Schurken aus dem Untergrund heraus kämpfen. Nach wie vor ist es das Imperium, das Luke, Han, Leia und Co. Probleme bereitet. Dieses Mal wird die Neue Ordnung durch Großadmiral Thrawn vertreten, der eine deutlich andere Art von Widersacher ist als Vader oder Palpatine, was sich natürlich auf die Geschichte auswirkt. Zahn fährt die mystischen Aspekte von Star Wars etwas zurück. Das Vermächtnis der Jedi und der Kampf gegen die Dunkle Seite sind zwar präsent – Letztere wird vertreten durch den verrückten Jedi-Klon Joruus C’baoth – man merkt den Romanen jedoch an, dass Zahn diesen Elementen weniger Bedeutung zuweist; er rückt Star Wars etwas näher an die „echte“ Science Fiction heran und entfernt sich von der märchenhaften Space Opera. Im Kern steht hier der Konflikt zwischen Imperium und Neuer Republik, dementsprechend ist Thrawn auch militärisches Genie und nicht böser Overlord. Gerade im Kontext der Erscheinungszeit ist die Thrawn-Trilogie wirklich eine exzellente Fortsetzung der OT, der eine gelungene Balance zwischen Altem und Neuem gelingt. Im Kontext der Prequels trifft das freilich nicht mehr zu, da diese das Konzept des Außerwählten und den Konflikt zwischen Jedi und Sith in den Mittelpunkt rücken. Diese essentiellen Elemente der Episoden I bis III finden sich in der Thrawn-Trilogie nicht wieder – wie auch?

Was die grundsätzliche Handlung angeht, eignet sich „Dark Empire“ besser als Fortsetzung der aus den Episoden I bis VI bestehenden Saga: Palpatine/Darth Sidious ist durchgehend der Oberschurke, da bietet es sich an, das Konzept an ihm als „dunkler Bedrohung“ festzumachen: Die Star-Wars-Saga als Kampf der Skywalker-Dynastie gegen Palpatine. Im Detail wusste Tom Veitch natürlich genauso wenig wie Timothy Zahn, was George Lucas mit den Prequels machen würde, weshalb vieles, was in „Dark Empire“ geschieht, im Kontext der Prequels reichlich merkwürdig oder schlicht unpassend wirkt. Zwar werden die Sith in den Fortsetzungen „Dark Empire II“ und „Empire’s End“ tatsächlich erwähnt, schließlich war Darth Vader von Anfang an laut Episode-IV-Drehbuch und -Romanadaption „Dunkler Lord der Sith“, aber was das bedeutete, wusste im Zeitraum von 1977 bis Mitte der 90er niemand. Bekanntermaßen wollte Zahn die Spezies, die für Vader und später auch Thrawn als Attentäter arbeitet, zu den Sith machen und Vaders Titel so erklären, bis Lucasfilm ihm das ausredete, sodass aus besagter Spezies schließlich die Noghri wurden.

Wo die Thrawn-Trilogie jedoch etwas geerdeter ist und sich eher auf die Sci-Fi-Aspekte konzentriert, geht Veitch den entgegengesetzten Weg: Bei ihm ist Palpatine mächtiger denn je, sein Geist kann von Körper zu Körper hüpfen, er kann gewaltige Machtstürme entfesseln und im Grunde ganze Flotten im Alleingang in Schutt und Asche legen. Die Dominanz der Neuen Republik wird von Veitch ebenfalls wieder rückgängig gemacht – insgesamt betont er in „Dark Empire“ deutlich stärker die Pulp-Elemente, die Dank Lucas‘ Vorliebe für „Flash Gordon“ natürlich schon immer Teil der Saga waren.

Ein neuer Konflikt: Die „New Jedi Order“
Eine weitere konzeptionelle Möglichkeit für die Sequel-Trilogie wäre gewesen, ein völlig neues Kapitel aufzuschlagen. Das Imperium, die Sith und die Dunkle Seite der Macht sind besiegt, der Auserwählte hat seinen Job erfüllt, die Bedrohung kommt dieses Mal aus einer völlig anderen Richtung. Die Idee außergalaktischer Invasoren tauchte immer mal wieder im Erweiterten Universum auf; in den alten Marvel-Comics gab es die Nagai, in „Truce at Bakura“ die Ssi-ruuk und 1999 zeigten im Rahmen der Romanreihe „New Jedi Order“ natürlich die Yuuzhan Vong ihre nicht gerade ansehnlichen Gesichter. Diese neue Spezies, die die bekannte Galaxis in einen neuen, blutigen Krieg stürzt, ist enorm umstritten, nicht zuletzt, da ihre Mitglieder in der Macht nicht zu existieren scheinen, aber unabhängig davon sind sie ein Paradebeispiel für ein „neues Kapitel“: Es gibt keine Verbindung zwischen den Vong und dem Imperium, den Sith oder irgend einem anderen bekannten Widersacher. Ich denke nicht, dass sich die Vong wirklich für die Sequels angeboten hätten, dazu sind sie im Fandom zu umstritten und hätten auf den Mainstream wahrscheinlich zu un-star-warsig gewirkt, aber die „New Jedi Order“ wäre als sehr grobe Vorlage interessant gewesen. So hätte Disney bzw. Lucasfilm erklären können, dass sich die Episoden I bis VI mit dem Konflikt Jedi gegen Sith auseinandersetzen, und die Episoden VII bis IX (oder sogar XII?) mit dem Krieg zwischen der Neuen Republik und welchem völlig neuen Gegner man auch immer wählt.

The Next Generation: „Legacy“
Das Konzept der Comicserie „Legacy“ lässt sich mit einem Satz kurz und prägnant erläutern: Selber Konflikt, anderes Personal. Knapp 140 Jahre nach der OT stehen die Jedi (mal wieder) kurz vor der Auslöschung und (mal wieder) herrschen die Sith über das Imperium bzw. die Galaxis. Nur ist der Protagonist nicht mehr der aufrechte Bauernjunge, der sich zum strahlenden (wenn auch schwarz gewandeten) Ritter entwickelt, sondern ein Junkie, der am liebsten in Ruhe gelassen werden will – dummerweise trägt Cade den Familiennamen Skywalker und ist ein Nachfahre besagten Ritters. Etwas ähnliches hätte sich für die Sequels durchaus angeboten, besonders wenn Mark Hamill, Harrison Ford und Carrie Fisher nicht gewillt gewesen wären, noch einmal in ihre Rollen zu schlüpfen. „Legacy“ zeichnet sich dadurch aus, dass der Grundplot derselbe ist wie in der OT, aber von völlig anderen, zum Teil deutlich graueren und komplexeren Charakteren durchgespielt wird, was natürlich zu einer völlig anderen Handlungsentwicklung führt.

Das Nicht-Konzept der Sequels
Das größte Problem der Sequel-Trilogie ist, dass es eben kein die Filmreihe umspannendes erzählerisches Konzept gibt. Lucasfilm unter Kathleen Kennedy wollte sich alle Möglichkeiten offen halten und den individuellen Filmemachern so viel Freiraum geben wie möglich – grundsätzlich ein löblicher Ansatz, aber nicht, wenn er das „Große Ganze“ beschädigt. Aus diesem Grund entwickelte man nur ein Konzept für Episode VII, und das auch nicht auf einer inhaltlichen Ebene. Ich denke, man fragte sich in der Chefetage des Mäusekonzerns nie „Welche Geschichte wollen wir erzählen?“, sondern „Wie arbeiten wir gegen den schlechten Ruf der Prequels?“. Das macht aus Episode VII einen zutiefst reaktionären Film im eigentlichen Wortsinn, denn er ist in vielerlei Hinsicht ein genauer Gegenentwurf zu den Prequels. Bei all der berechtigten Kritik, mit der die Episoden I bis III bedacht werden, findet sich auch oft die in meinen Augen unberechtigte Kritik, dass sie eben nicht wie die OT sind. Genau dem versuchte Disney entgegenzuwirken. Was fanden die Fans an den Prequels schlecht? Zu viel CGI, zu wenig wie die OT, zu viel Politik etc. Also heuerte man mit J. J. Abrams einen bekennenden Episode IV-Fan und konzentriert sich auf diese Aspekte. Konzeptionell dagegen sitzt Episode VII quasi zwischen den Stühlen. Keine der oben geschilderten Möglichkeiten wird gewählt. In „The Force Awakens“ wird nicht derselbe Konflikt (Jedi gegen Sith, Rebellion bzw. Neue Republik gegen Imperium, alle gegen Palpatine) fortgesetzt, es ist aber auch nicht wirklich ein neuer Konflikt. Stattdessen gibt es Ersatzfraktionen, Widerstand, Erste Ordnung und Ritter von Ren, die formal ihren Gegenstücken, Rebellion, Imperium und Sith, nicht entsprechen, aber genau dieselben Story-Beats bedienen. In der Essenz wird nicht derselbe Konflikt weiter ausgetragen, wie es in der Thrawn-Trilogie oder in „Dark Empire“ der Fall ist, und es wird auch kein wirklich neuer Kampf gekämpft, stattdessen wird derselbe Konflikt noch einmal von Ersatzparteien ausgefochten. Das führt dazu, dass sie die Sequels wie ein merkwürdiger Epilog zum Rest der Saga anfühlen, nicht wirklich Teil davon, aber auch nicht losgelöst.

Eines muss man Lucasfilm/Disney allerdings lassen: Zumindest für Episode VII ist das Konzept „Anti-Prequel“ aufgegangen, denn „The Force Awakens“ hatte exakt die Wirkung, die man wollte. Star Wars als Marke wurde revitalisiert, Casual-Fans, die dem Franchise nach den Prequels den Rücken kehrten, fanden wieder in die weit, weit entfernte Galaxis und allgemein gab es viel Kritikerlob und natürlich spielte der Film schlicht und einfach verdammt viel Kohle ein.

Spätestens mit Episode VIII zeigt sich allerdings, dass der Mangel an Konzept eine schlechte Idee war. J. J. Abrams und Episode-VII-Mitautor Lawrence Kasdan arbeiteten in „The Force Awakens” mit Abrams’ berühmt-berüchtigter Mystery-Box-Methode und warfen viele Fragen auf. Vielleicht lieferten sie intern die Antworten mit, vielleicht auch nicht. Jedenfalls bekam Rian Johnson für Episode VIII freie Hand, mit bekanntem Ergebnis. Wenn Abrams und Kasdan Antworten lieferten, ignorierte er sie, und wenn nicht gab er sie nicht in ihrem Sinn. Ich möchte nun wirklich nicht noch einmal die Last-Jedi-Diskussion aufwärmen, doch selbst Befürworter dieses Films müssen zugeben, dass  eine ziemliche Diskrepanz zwischen „The Force Awakens“ und „The Last Jedi“ existiert und dass Letzterer gegen Ersteren arbeitet. Auf gewisse Weise ist „The Last Jedi“ das „Anti-Force-Awakens“, ähnlich wie Episode VII das „Anti-Prequel“ war – und somit wieder ein zutiefst reaktionärer Film. Wo „The Force Awakens“ zwanghaft alle Erwartungen erfüllt, versucht „The Last Jedi“ genauso zwanghaft, alle Erwartungen zu unterwandern. Das ist das Konzept des Films – und abermals ist es kein erzählerisches Konzept.

Schon jetzt sind die Sequels die unebenste der drei Trilogien. Ja, George Lucas hatte auch nicht wirklich ein von Anfang an durchgeplantes Konzept bei der OT, was von Verteidigern der Sequels immer wieder gerne angeführt wird, aber der OT wurde erlaubt, organisch zu wachsen. Zwar gab Lucas den Regiestock für Episode V und VI an Irvin Kershner respektive Richard Marquand weiter, aber er war dennoch derjenige, der die Fahrtrichtung vorgab und dafür sorgte, dass kein Film gegen den anderen arbeitet.

Meine Begeisterung für Episode IX hält sich bislang ziemlich in Grenzen, ich bin eher fachlich daran interessiert, wie diese Trilogie nun zu Ende geführt wird. Obwohl „The Last Jedi“ bei Kritikern gut ankam und auch finanziell keine Wünsche offen ließ, spaltete dieser Film das Fandom wie kein anderer vor ihm und führte von Gegnern wie Befürwortern zu Extremreaktionen. Mit „The Rise of Skywalker“ scheint Disney nun zu versuchen, diese Spaltung zu überwinden und rückwirkend ein Gesamtkonzept wie das oben bei „Dark Empire“ geschilderte zu etablieren, in dem Palpatine als verbindender Faktor zwischen der PT, der OT und der ST eingesetzt wird – der Teaser, der zu Anfang Einstellungen aus allen bisherigen Filmen zeigt, verdeutlicht dieses Ansinnen. Da mag Kathleen Kennedy noch so sehr bezeugen, dass die Rückkehr des Imperators immer für Episode IX geplant war, das nehme ich ihr nicht ab.

Ironischerweise lässt sich nun doch ein vereinendes Konzept für die Sequels festlegen: Jeder Film der ST reagiert auf die Vorgänger-Episode und versucht, sich als entsprechende Antithese zu inszenieren. Natürlich kann eine Trilogie, in der jeder Film als Antithese zum Vorhergegangenen fungiert, niemals einen einheitlichen Eindruck hinterlassen.

Rigoletto – Bregenzer Seefestspiele

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Aus meinem Artikel über das Album „Wagner – Der Ring ohne Worte“ ist vielleicht hervorgegangen, dass ich nicht nur Filmmusik, sondern auch klassische Musik und vor allem Opern sehr schätze. Trotzdem gehe ich viel zu selten in die Oper – das muss man dann schon mit einer besonderen Aufführung ausgleichen. Deshalb war diesen Sommer nicht nur ein gewöhnlicher Opernbesuch an der Reihe, sondern „Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne. Dabei wäre es wegen der kritischen Wetterlage fast nichts geworden: Noch am Morgen schüttete es wie aus Kübeln, erst am Mittag wurde es besser, dafür kam abends dann sogar die Sonne aus ihrem Versteck.

Handlung
Wie bei so vielen Opern erschließt sich die Handlung – trotz deutscher Übertitel – nicht unbedingt aus dem Geschehen auf der Bühne, weshalb es ausnahmsweise ratsam ist, sich zu spoilern. Rigoletto ist der entstellte Diener und Narr des Herzogs von Mantua. Besagter Adeliger ist ein übler Wüstling, der Frauen am laufenden Band verführt und es sowohl auf ein hübsches Mädchen, das er in der Kirche gesehen hat, als auch auf die Gräfin Ceprano abgesehen hat. Bei der Verführung von Letzterer ist der zynische Rigoletto mit Freuden behilflich. Auch für den Grafen von Monterone, Vater einer früheren Eroberung des Herzogs, hat der Narr kein Mitleid übrig und verspottet ihn, was den Grafen dazu veranlasst, Rigoletto und seinen Herrn zu verfluchen. Entgegen jeder Erwartung trifft der Fluch Rigoletto sehr, denn auch er hat eine Tochter, die er eifersüchtig vor den Augen der Welt (und ganz besonders denen des Herzogs) versteckt. Besorgt eilt er nachhause, trifft auf dem Weg aber den Auftragsmörder Sparafucile, der seine Dienste offeriert. Rigoletto kann ihn gerade nicht brauchen, behält das Angebot aber im Hinterkopf.

Zuhause angekommen schärft er seiner Tochter Gilda ein, das Haus außer zum Kirchgang nicht zu verlassen. Unglücklicherweise war der Kirchgang schon zu viel, denn Gilda ist die unbekannte Schöne, an der der Herzog von Mantua Gefallen gefunden hat. Sobald Rigoletto in den Palast zurückgekehrt ist, schleicht sich der Herzog, verkleidet als armer Student, ins Haus, um Gilda zu umgarnen. Derweil planen des Herzogs Höflinge, die auf Rigoletto nicht allzu gut zu sprechen sind, sich für den zynischen Spott des Narren zu rächen. Auch ihnen ist Gilda aufgefallen, sie halten sie jedoch für die Geliebte Rigolettos und beschließen, sie zu entführen. Dabei hilft ihnen ausgerechnet Rigoletto selbst, der glaubt, er würde bei der Entführung der Gräfin Ceprano mithelfen. Wegen einer schlecht sitzenden Maske kann er nicht sehen, aus welchem Haus welche Frau entführt wird. Erst, als es schon zu spät ist und die Höflinge Gilda zum Palast gebracht haben, erkennt Rigoletto, was eigentlich geschehen ist.

Im Palast des Herzogs findet Rigoletto seine Tochter zwar wieder, muss aber feststellen, dass der Herzog sie bereits entehrt und – schlimmer noch – dass sich Gilda tatsächlich in ihn verliebt hat. Abermals denkt Rigoletto an den Fluch und schwört Rache am Herzog. Um ihr zu zeigen, was für ein Mensch ihr Schwarm ist, nimmt Rigoletto seine Tochter mit zu Sparafuciles Schenke, wo der verkleidete Adelige sich an Maddalena, die Schwester des Auftragsmörders, heranmacht. Mit Sparafuciles Hilfe will Rigoletto seine Rache in die Tat umsetzen; dieser soll den verhassten Verführer ermorden. Ähnlich wie Gilda hat sich aber auch Maddalena in den Herzog verliebt und bittet ihren Bruder, ihn zu verschonen und stattdessen den nächstbesten zu ermorden. Gilda, als Mann verkleidet, bekommt die Unterhaltung mit und muss feststellen, dass sie den Herzog nach wie vor liebt. Sie beschließt, sich für ihn zu opfern und wird an seiner statt von Sparafucile getötet. Rigoletto wird der vermeintliche Körper des Herzogs übergeben, doch zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass es nicht der verhasste Feind, sondern die geliebte Tochter ist, die da in seinen Armen stirbt.

Musik und Hintergründe
Das Libretto von „Rigoletto“ stammt von Francesco Maria Piave und basiert auf dem Drama „Le roi s’amuse“ von Viktor Hugo, allerdings wurde die Handlung von Paris nach Mantua verlegt und aus dem französischen König Franz I. im Drama wurde der unspezifischere (und politisch weniger problematische) Herzog von Mantua – nur auf diese Weise konnte „Rigoletto“ 1851 im Teatro La Fenice in Venedig seine Premiere feiern. Nach wie vor ist „Rigoletto“ eine von Verdis bekanntesten und am häufigsten gespielten Opern. Interessanterweise war es auch eine der ersten Opern, die ich kennenlernte. Ich kannte bereits „Die Zauberflöte“ durch das Kinder-Hörspiel „Die kleine Zauberflöte“ mit Evelyn Hamann als Königin der Nacht, und da ich daran Gefallen fand, schenkten mir meine Eltern bald darauf ein weiteres Opernhörspiel, eben „Rigoletto“ aus der Reihe „Der Holzwurm der Oper“.
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Inhaltlich ist „Rigoletto“ ein äußerst interessantes Werk, man ist fast dazu geneigt, von einem „Anti-Don-Giovanni“ zu sprechen. Gerade, was die beiden Hauptfiguren und die Ausgangslage angeht, sind sich die Mozart- und die Verdi-Oper sehr ähnlich. In beiden Fällen dreht sich die Handlung um einen adeligen und skrupellosen Verführer und seinen Diener und in beiden Fällen kommt es zu Beginn der Oper zu einem Vorfall mit dem Vater einer der Verführten. Im „Don Giovanni“ tötet der Titel(anti)held den Komtur, um am Ende von der Statue des Getöteten zur Hölle geschickt zu werden. Im Gegensatz dazu verflucht der Graf von Monterone nicht nur den Herzog, sondern auch Rigoletto, weil dieser ihn verspottet. Im Gegensatz zu Don Giovanni entgeht der Herzog aber seiner Strafe und es sind Rigoletto und Gilda, die bestraft werden. Im „Rigoletto“ gibt es fast keine klaren guten oder bösen Figuren, die am Ende belohnt oder bestraft werden; der Herzog kommt ungeschoren davon, während die unschuldigste Figur, Gilda, stirbt. Und obwohl der Herzog die eindeutige Schurkenfigur ist, wird er von Verdi musikalisch wie ein Held behandelt; er hat die eingängigsten Nummern (Questa o quella, La donna è mobile) und auch, zusammen mit Gilda, das klassische romantische Duett (È il sol dell’anima, la vita è amore).

Ähnlich wie sein Zeitgenosse Richard Wagner löst auch Verdi die klassische Nummernoper auf und bewegt sich hin zu einem durchkomponierten Werk. Es sind vor allem die Stücke des Herzogs, die in ironischer Brechung an die Nummernoper mit ihren eingängigen Gassenhauern und konventionellen Duetten erinnern, während die Stücke der anderen Figuren offener sind und stärker ineinander übergehen. Dabei setzt Verdi durchaus auf wiederkehrende Motive, bei denen es sich aber, anders als bei Wagner, nicht wirklich um sich entwickelnde Leitmotive handelt, sondern um statische Konstrukte, die nicht variiert werden. Es existiert beispielsweise ein Fluch-Motiv, das immer dann eingesetzt wird, wenn Rigoletto sich an den Fluch des Grafen von Monterone erinnert bzw. wenn man meinen könnte, besagter Fluch erfülle sich. Auch die bekannteste Arie der Oper, La donna è mobile, fungiert im dritten Akt als Erkennungszeichen des Herzogs und wird nach ihrem Debüt noch zwei Mal wiederholt.

Die Bregenzer Aufführung
Im Kontext von #metoo und der Weinstein-Affäre (beide wurden im Rahmen von Interviews und Hinter-den-Kulissen-Führungen explizit erwähnt) ist die Stück-Wahl für die Bregenzer Festspiele nicht verwunderlich, obwohl Don-Giovanni zu Letzterer besser gepasst hätte, während „Rigoletto“ in diesem Kontext wohl eher als Kommentar auf die Trump-Administration gesehen werden kann. Nicht umsonst versetzte Philipp Stölzl, der für Inszenierung und Bühnenbild verantwortlich ist und sich als Regisseur von Filmen wie „Der Medicus“ und „Goethe!“ sowie von diversen Rammstein-Musikvideos einen Namen gemacht hat, die Handlung in ein Zirkus-Umfeld. Der Herzog von Mantua gibt den Direktor, Rigoletto tritt als Clown auf und auch der Rest der Belegschaft wirft sich in farbenfrohes Gewand. Dieser Aspekt ist auch ohne die politische Deutung recht aktuell – die Parallele mag unbeabsichtigt sein, aber in der Popkultur haben wir ein Jahr des Clowns. Bereits im September kehrt Pennywise in „It: Chapter 2“ auf die Leinwand zurück und gegen Ende des Jahres erwartet uns Joaquin Phoenix‘ Neuinterpretation des Jokers. Stölzls Inszenierung passt perfekt in diese Riege.

Die Bregenzer Seebühne ist jedenfalls eine einzigartige Kulisse mit ebenso einzigartigen Möglichkeiten und Herausforderungen; hier wurden schon einige eindrückliche Bühnenbilder geboten, man denke nur an das riesige Auge der Aufführung von „Tosca“, der sogar ein Auftritt im James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ gewährt wurde. Dieses Mal besteht das Bühnenbild aus drei Teilen. Dominiert wird es von einem überdimensionalen Clownskopf mit beweglicher Mimik, links und rechts davon ragen Hände aus dem Wasser, die eine hält einen Heißluftballon, der im Verlauf der Aufführung zwei Mal aufsteigt, die andere ist beweglich. Die Halskrause des Clowns ist der primäre Spielort, aber auch im Kopf und um die Hände herum wird gespielt. Der Clown symbolisiert dabei natürlich Rigoletto selbst. Ähnlich wie die Fassade der Titelfigur bröckelt und sie langsam zugrunde geht, leidet auch der Clownskopf: Nach und nach werden Augen, Nase und einige Zähne entfernt, bis er am Ende ein unheimliches, schädelartiges Aussehen annimmt.

20190810_230913.jpgIch bin generell kein Freund allzu moderner Inszenierungen, besonders, wenn sie allzu spartanisch ausgestattet sind und die Figuren in moderner Bürokleidung herumrennen, aber die Rigoletto-Inszenierung hat mir ausnehmend gut gefallen. Das Zirkus-Thema hat eine gewisse Zeitlosigkeit, die gut zum Stoff passt. Die aufwändige Bühnenkonstruktion mit der beweglichen Mimik (der Kopf kann Augen und Mund öffnen und schließen, und eine der Hände ist beweglich) ist unabhängig davon, ob man das Konzept gelungen findet, extrem beeindruckend. Ebenfalls über jeden Zweifel erhaben sind die Leistungen der Musiker, Darsteller und ihrer Stunt-Doubles (denen einiges abverlangt wird) sowie die Tonübertragung. Das Orchester spielt nicht außen, sondern innen im Festspielhaus; die Klänge werden mithilfe eines ausgeklügelten Soundsystems übertragen, dessen Klangqualität der opulenten Bühnenkonstruktion in nichts nachsteht. Das Ganze dann im Freien vor der Kulisse des Bodensees zu erleben, besonders, wenn das Wetter mitspielt, hebt diese Erfahrung noch einmal auf ein ganz anderes Niveau.

Fazit: Wenn Oper, dann richtig. Die Rigoletto-Aufführung der Bregenzer Festspiele ist ein ebenso beeindruckendes wie opulentes Spektakel, das ich nur weiterempfehlen kann. Selbst wenn man Opern generell nicht allzu viel abgewinnen kann, sollte man sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen, besonders, da diese Vorstellung gerade einmal zwei Stunden dauert. Zwar ist die Saison für dieses Jahr zu Ende, aber „Rigoletto“ wird auch nächstes Jahr noch einmal gegeben.

Spider-Man: Far From Home

Leichte bis mittlere Spoiler!
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Story: Eigentlich wollte Peter Parker (Tom Holland) mit seinen Klassenkameraden nur eine schöne Klassenfahrt nach Europa verbringen und dabei seiner Flamme MJ (Zendaya) näherkommen. Unglücklicherweise hat Nick Fury (Samuel L. Jackson) andere Pläne, denn mehrere Elementarmonster machen die Erde unsicher. Fury wurde von Quentin Beck alias Mysterio (Jake Gyllenhall) kontaktiert, der von sich behauptet, ein Superheld aus einem anderen Universum zu sein. Gemeinsam machen sich Beck und Peter daran, die Kreaturen aufzuhalten – doch ist Beck wirklich der Held, als der er sich ausgibt?

Kritik: „Far From Home“ ist nicht nur der zweite Spider-Man-Solofilm des MCU, sondern fungiert gleichzeitig auch als Epilog zu Phase 3. Bereits „Spider-Man: Homecoming“ bemühte sich, das MCU aus der Perspektive des „Normalo“ zu zeigen. Die meisten anderen Filme des Franchise konzentrieren sich entweder auf das direkte Umfeld des Helden, spielen im Weltraum oder haben einen derart riesigen Cast, dass für zusätzliche Perspektiven keinerlei Kapazität vorhanden ist. Peter Parker dagegen interagiert mit High-School-Schülern, die normalerweise keinen Kontakt zu Superhelden haben und diese nur aus der „Bodenperspektive“ wahrnehmen. Gerade im Kontext der Ereignisse von „Infinity War“ und „Endgame“ ist das natürlich besonders interessant, sowohl der Schnipser als auch Irons Mans Opfer sind essentielle Bestandteile der Handlung. Letztere dominiert sogar Peters Charakterentwicklung in diesem Film, da er sich konstant fragt, ob er sich Tony Starks Vertrauen würdig erweisen kann.

Auch was den Schurken angeht, knüpft „Far From Home“ sowohl an „Homeming“ als auch an an die Iron-Man-Solofilme an. Mysterio ist zwar ein Twist-Schurke, des wahre Identität etwa zur Hälfte des Films enthüllt wird, aber ich denke, jeder, der sich zumindest ein wenig mit Spider-Man auskennt, sieht diesen Twist problemlos voraus. Wie dem auch sei, Quentin Beck ist ein weiteres dunkles Spiegelbild von Tony Stark und gesellt sich konzeptionell somit zu Obadiah Stane, Ivan Vanko, Aldrich Killian und Adrian Toomes, die sich alle auf die eine oder andere Weise von Tony Stark übergangen fühlen und deshalb einfordern, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht, wobei sie auch oft zu einer Art Anti-Iron-Man werden. Becks Motivation und die Entwicklung seiner Figur funktionieren ziemlich gut, weshalb Mysterio, nicht zuletzt auch dank des Charismas von Jake Gyllenhall, definitiv zu den gelungeneren Antagonisten des MCU gehört.

Insgesamt finde ich „Far From Home“ sogar gelungener als „Homecoming“ – der Vorgänger fühlte sich sowohl im Kontext des MCU als auch für Peters Entwicklung als Figur relativ konsequenzlos an. „Far From Home“ dagegen gelingt es, die Leichtigkeit von „Homecoming“ besser mit wirkungsvoller Charakterentwicklung zu verknüpfen. Das High-School-Element und der damit verbundene Humor nimmt nach wie vor einen großen Stellenwert ein; dieses Mal mit Klassenfahrtthematik. Wer diesem Aspekt von vornherein abgeneigt ist, den wird „Far From Home“ sicher nicht umstimmen, im Großen und Ganzen funktioniert die Balance aber recht gut.

Im Verlauf des Films sind bei mir nach und nach einige Fragen aufgetaucht, es entstanden einige Ungereimtheiten, gerade bezüglich einiger Figuren, die aber interessanterweise von der Post-Credits-Szene gelöst werden. Es ist definitiv gut, dass sie überhaupt gelöst werden, allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob sie nicht schon im Film und nicht erst nach dem Abspann angesprochen werden sollten. Mehr denn je lohnt es sich also, sitzen zu bleiben, insbesondere, da die Mid-Credits-Szene wahrscheinlich eine der besten des gesamten MCU ist und zumindest mich unheimlich neugierig darauf gemacht hat, wie es mit dieser Inkarnation von Spider-Man weitergeht.

Fazit: „Spider-Man: Far From Home” ist ein gelungener Abschluss der dritten Phase des MCU und passender Epilog zur Infinity-Saga, dem es gelingt, sowohl die Ereignisse von „Avengers: Endgame“ gut zu verarbeiten, als auch als Spider-Man-Film zu funktionieren.

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Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Avengers: Endgame

Der König der Löwen

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Story: Simba (JD McCrary als Kind, Donald Glover als Erwachsener) ist der Sohn des Löwenkönigs Mufasa (James Earl Jones) und Erbe des Geweihten Landes. Unglücklicherweise hat es Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) auf den Thron abgesehen. Um sein Ziel zu erreichen, verbündet er sich mit Shenzi (Florence Kasumba) und ihren Hyänen, um Mufasa und Simba aus dem Weg zu räumen. Der Plan gelingt, Mufasa stirbt und Simba flieht in den Dschungel, wo er von dem Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) aufgezogen wird. Derweil terrorisieren Scar und die Hyänen das Geweihte Land, bis Simbas alte Kindheitsfreundin Nala (Shahadi Wright Joseph als Kind, Beyoncé Knowles-Carter als Erwachsene) sich aufmacht, um Hilfe zu suchen…

Kritik: Eigentlich wollte ich ja die Disney-Remakes in Zukunft im Kino meiden (was mir bei „Aladdin“ und „Dumbo“ auch gelungen ist), aber „Der König der Löwen“ war in der Grundschulzeit mein absoluter Lieblingsfilm und ich war einfach zu neugierig darauf, wie Jon Favreau dieses „Pseuod-Live-Action-Remake“ wohl umsetzen würde. Rein vom technischen Standpunkt ist das Ergebnis durchaus beeindruckend; erwartungsgemäß übertreffen die Animationen der Tiere die aus Favreaus „The Jungle Book“ noch einmal, sodass man optisch oft das Gefühl hat, sich eine Tierdokumentation anzusehen. Ironischerweise ist das aber auch eines der beiden großen Probleme dieses Films. In besagtem „The Jungle Book“ bediente sich Favreau noch der Motion-Capture-Technik, die Schauspieler sprachen ihre Rollen nicht nur, ihre Bewegungen und vor allem ihre Mimik wurde auch auf die CGI-Tiere übertragen. Für „Der König der Löwen“ wählte man allerdings einen naturalistischeren Ansatz und versuchte, die Tiere so lebensecht wie möglich zu gestalten. Das führt allerdings dazu, dass sie keine Mimik haben und sich auf der visuellen Ebene auch so verhalten, wie es echte Tiere tun. Dieser Umstand verträgt sich jedoch nicht besonders gut mit der Story- bzw. Figurenebene des Films, da es letztendlich trotz allem Tiere sind, die sich mit menschlichen Konzepten auseinandersetzen. Hin und wieder kommt es dann aber aus Handlungsgründen doch zu Szenen, in denen die Figuren wie Menschen oder Cartoon-Tiere handeln, etwa wenn Scar Mufasa festhält, um ihn dann in die Gnu-Herde zu stoßen. Aufgrund des angestrebten Realismus stechen diese „Ausreißer“ dann natürlich extrem heraus. „The Jungle Book“ gelang es besser, auf dem schmalen Grat zwischen Cartoon und Realismus zu wandeln.

Das andere große Problem des „König der Löwen“ ist, dass es sich dabei im Grunde um denselben Film wie die Version von 1994 handelt. Selbst das Remake von „Die Schöne und das Biest“ war noch eigenständiger als Favreaus Film. Gerade die Eröffnungsszene ist wirklich eine mit realistischem CGI geschaffene Eins-zu-Eins-Umsetzung des Gegenstücks aus dem Original. Die meisten sonstigen Veränderungen sind kosmetischer Natur und fallen kaum ins Gewicht. Shenzi ist nun beispielsweise die eindeutige Anführerin der Hyänen, die von Anfang an zahlreicher auftreten, und ihre beiden Partner heißen nicht mehr Banzai und Ed, sondern Kamari und Azizi (gesprochen von Keegan-Michael Key und Eric Andre). Die Musical-Nummern sind in ihrer visuellen Umsetzung deutlich zurückgefahren, weder I Just Can’t Wait to Be King noch Be Prepared sind so extravagant inszeniert wie im Original. Dafür finden sich hin und wieder zusätzliche Szenen, so wird etwa Nalas Aufbruch vom Königsfelsen gezeigt; dieser existierte im Original nur als geschnittene Szene bzw. vertonte Konzeptzeichnungen. Scar ist etwas anders interpretiert, Chiwetel Ejiofors Version der Figur ist weniger theatralisch als Jeremy Irons‘, dafür aber etwas psychopathischer. Ansonsten wagt Favreau hier aber keinerlei Experimente. Der Vorteil ist, dass es auch keine „Verschlimmbesserungen“ oder unnötige Erklärungen wie bei „Die Schöne und das Biest“ gibt. Dennoch ist jeder Erfolg des Films abseits der beeindruckenden technischen Umsetzung ein Erfolg des ursprünglichen Zeichentrickfilms.

Die Sprecher machen ihre Sache im Großen und Ganzen gut, James Earl Jones IST einfach Mufasa, Chiwetel Ejiofors Scar ist, wie bereits erwähnt, etwas subtiler als das Gegenstück, funktioniert aber, und auch Donald Glover und Beyoncé sind eine gelungene Wahl. Tatsächlich sind es jedoch Billy Eichner, Seth Rogan und John Oliver als Timon, Pumbaa und Zazu, die die besten Leistungen erbringen und mit durchaus gelungenen neuen(!) Gags überzeugen können. Hier greift allerdings auch wieder das oben geschilderte Problem: Durch die eingeschränkte Mimik der CGI-Tiere entsteht stets eine emotionale Distanz; die allzu realistischen Gesichter der Tiere wollen nie so recht zur Performance der Darsteller passen – mehr „Cartoon“ wäre hier besser gewesen.

Fazit: Auf technischer Ebene ist Jon Favreaus „Der König der Löwen“ beeindruckend, aber ansonsten handelt es sich fast um ein Bild-für-Bild-Remake des Originals. Somit ist die Neufassung dieses Klassikers eine ungeheuer teure technische Demo, die im Grunde unnötig ist, da der Zeichentrickfilm von 1994 immer noch der bessere, weil emotional mitreißendere Film ist. Letztendlich funktioniert die Geschichte, die beide Filme erzählen, als Cartoon schlicht besser. Somit bleibt „The Jungle Book“ nach wie vor das einzige Disney-Remake dieser Ära, das wirklich als gelungen bezeichnet werden kann.

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The Boys – Staffel 1

Enthält Spoiler!
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Das Superhelden-Genre wächst in Film und Fernsehen ebenso munter wie unaufhaltsam weiter. In der Zwischenzeit findet sich auch ein gerüttelt Maß an subversiven Parodien und Dekonstruktionen, von „Watchmen“ (die Comic-Vorlage ist natürlich nach wie vor sowohl Urvater als auch Goldstandard für jede Superheldendekonstruktion) über „Kick-Ass“ oder „Super“ im Filmbereich bis hin zu „The Umbrella Academy“ in der Serienwelt. Nun gesellt sich auch die Amazon-Prime-Serie „The Boys“ zu dieser illustren Riege. Mit der von Garth Ennis verfassten und überwiegen von Darick Robertson gezeichneten Vorlage bin ich schon ziemlich lange vertraut, ich besitze noch die deutsche Erstveröffentlichung von Panini. Die Ankündigung der Serie ging dagegen irgendwie an mir vorbei, weshalb ich erst kurz vor knapp erfahren habe, dass Billy Butcher und Co. nun auch im Live-Action-Bereich ihr Unwesen treiben.

Handlung
Eigentlich könnte alles schön sein: Hughie (Jack Quaid) ist mit seiner Freundin Robin (Jess Salgueiro) glücklich – bis diese unverhofft durch eine Unachtsamkeit des Superhelden A-Train (Jessie Usher) auf äußerst unschöne Weise getötet wird. Das führt zu einer Lebenskrise, in der Billy Butcher (Karl Urban) auf Hughie aufmerksam wird. Butcher hegt einen tiefen Groll gegen alle Superhelden und tut, was er kann, um sie zu entlarven und gegen sie zu arbeiten. Hierzu will er Hughie einspannen. Durch Zufall und dummes Glück gelingt es den beiden, den unsichtbaren Superhelden Translucent (Alex Hassell) zu töten, aber damit fangen die Probleme freilich erst an. Also beginnt Billy, seine alte Mannschaft, die „Boys“, bestehend aus Marvin alias „Mother’s Milk“ (Laz Alonso) und Frenchie (Tomer Kapon) zu reaktivieren.

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Billy Butcher (Karl Urban)

Derweil wird die junge Superheldin Annie (Erin Moriarty), Codename „Starlight“, zu einem Mitglied der „Seven“, des größten Superheldenteams der Welt, bestehend aus Homelander (Antony Starr), Queen Maeve (Dominique McElligott), The Deep (Chase Crawford), Black Noir (Nathan Mitchell), A-Train und Translucent. Schon bald muss sie allerdings erkennen, dass diese Superhelden, die lange Idole für sie waren, äußerst unangenehme und geradezu verachtenswerte Personen sind, deren heroische öffentliche Persönlichkeit konträr zum wahren Gesicht steht. Zugleich begegnet Annie zufällig Hughie und die beiden kommen sich näher, ohne zu ahnen, dass praktisch auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Nach und nach entdecken die Boys eine groß angelegte Verschwörung der Firma Vaught, die für die Vermarktung der diversen Superhelden zuständig ist. Sie stoßen auf die stumme Kimiko (Karen Fukuhara), die als eine Art Superterroristin herangezüchtet wurde und entdecken, dass Vaught und seine Vizepräsidentin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) noch weitaus mehr Dreck am Stecken haben, als ursprünglich angenommen…

Comic vs. Serie
Garth Ennis ist dafür bekannt, dass er Superhelden als Genre und als Figuren nicht besonders schätzt. Zwar hat er bereits sowohl für DC als auch für Marvel gearbeitete, kümmerte sich aber primär um Antihelden wie John Constantine, den Punisher oder Hitman, die von den traditionellen kostümierten Heroen recht weit entfernt sind. Außerdem ist Ennis auch bekannt für die eher… herben Inhalte seiner Geschichten. „The Boys“ ist dafür ein Paradebeispiel. Die Serie lief von 2006 bis 2012 und zeigt Superhelden als zutiefst verachtenswerte Wesen, die übermäßig brutal und pervers sind – Alan Mooers Watchmen-Figuren sind dagegen subtil und grundsympathisch. Ich habe seinerzeit die ersten drei deutschen Bände gekauft und gelesen, hatte danach aber ehrlich gesagt keine Lust mehr. Nichts gegen herbere Inhalte, aber Ennis‘ Serie war selbst mir irgendwann schlicht zu „mean-spirited“ und zu exzessiv.

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Hughie (Jack Quaid) und Starlight (Erin Moriarty)

Unglaublich, aber wahr: Die Serie schafft diesbezüglich Abhilfe. Showrunner David Kripke hält sich keinesfalls sklavisch an die Vorlage. Zwar behält er sowohl Setting als auch Figuren bei, hat aber keine Hemmungen, Elemente abzuändern und die Inhalte ein wenig zu entschärfen. Das tut dem Material tatsächlich gut, denn so gelingt es ihm, gerade die „Seven“, die in der Vorlage wirklich völliger Abschaum sind, interessanter zu machen. Auch die Boys selbst, bei Ennis ebenfalls nicht gerade Sympathieträger, werden ein wenig sympathischer und nachvollziehbarer. Die Adaption ist nach wie vor gewalttätig, abgedreht und voller kaputter Figuren, nur nicht ganz so exzessiv überzeichnet, wie es in den Comics der Fall ist. Durch diese Anpassung gewinnt „The Boys“ enorm.

Umsetzung der Antihelden
„The Boys“ zeigt, ähnlich wie „Game of Thrones”, wie weit Serien in der Zwischenzeit gerade bezüglich der Effekttechnik gekommen sind – bei einer Superheldenserie ein durchaus essentieller Bestandteil. Durch ihre geerdete Natur hatten es die Marvel-Netflix-Serien da leichter, während die Effekte bei anderen Serien mitunter recht wechselhaft waren. „The Boys“ ist zwar noch nicht auf dem Niveau eines Superhelden-Blockbusters und inszeniert auch keine größeren Materialschlachten, aber was die Serie liefert, sieht durch die Bank weg gut aus. Besonders Homelanders Hitzblick muss sich wirklich nicht vor dem Gegenstück aus den Snyder-Filmen verstecken.

Das Herzstück der Serie sind trotz allem die Charaktere, was dank des hervorragenden Casts auch wunderbar funktioniert. Hughie ist dabei die traditionelle – nun, man möchte fast „Heldenfigur“ sagen, aber angesichts der Thematik wäre dieser Begriff vielleicht nicht ganz passend. Ein amüsanter Insider-Gag am Rande: Hughie in den Comics ist visuell Simon Pegg nachempfunden. Dieser ist inzwischen natürlich zu alt, um einen Mittzwanziger zu spielen, darf aber in einer kleinen Rolle als Hughies Vater auftreten. Als Mentor und zugleich Gegenstück des Protagonisten fungiert Billy Butcher. Beide verbindet der Hass auf Superhelden und der Durst nach Rache, da beide die zentrale Person ihres Lebens durch einen Superhelden verloren haben. Hughie ist  die Figur, die einen klassischen Handlungsbogen hat und letztendlich lernt, dass Rache die Sache auch nicht besser macht. Am Ende rettet er sogar A-Trains Leben, anstatt ihn für die fahrlässige Tötung seiner Freundin sterben zu lassen. Im Gegensatz dazu bleibt Billy Butcher, den Karl Urban in all seinem Zynismus wirklich hervorragend darstellt, bei seinem Vorhaben und ist  bereit, alles und jeden für seine Rache zu opfern.

Die andere Point-of-View-Figur der Serie ist Annie alias Starlight, die dem Publikum Einblick in die Welt der Superhelden gewährt. Zu Beginn erlebt man sie als naive Idealistin, die zu den Helden der „Seven“ aufblickt, aber schon bald feststellen muss, dass diese mit den Idealen, die sie verkörpern, nichts gemein haben. Im Verlauf der Serie wächst der Konflikt in ihr; einerseits möchte sie zu dieser Welt gehören, auf die sie ihr ganzes Leben vorbereitet wurde, aber andererseits will sie dieser Welt, deren wahres Gesicht sie nun kennt und die darüber hinaus von einer skrupellosen Firma völlig kontrolliert wird, auch entkommen.

Gerade strukturell weiß „The Boys“ wirklich zu überzeugen. Die Staffel ist (vielleicht auch aus finanziellen Gründen) recht schlank und verfügt nur über acht Episoden, geht mit der Zeit aber sehr gut um. Nichts fühlt sich unnötig in die Länge gezogen, zugleich bekommen die Handlungsstränge aber ausreichend Zeit. Freilich, einige der Figuren kommen noch etwas kurz, der Fokus liegt eindeutig auf Hughie, Billy Butcher, Annie und Homelander (und auch The Deep und A-Train haben ihre kleinen Sub-Plots), aber weitere Staffeln werden da mit Sicherheit noch Abhilfe schaffen und die anderen Mitglieder der Boys und der „Seven“ in den Fokus rücken.

Sieben Helden sollt ihr sein
Die „Seven“ sind natürlich eine recht offensichtliche Anspielung auf die Justice League, die zwar nicht immer aus sieben Mitgliedern besteht, aber doch immer wieder zu dieser Zahl zurückkehrt, sei es in der ursprünglichen Aufstellung, in Grant Morrisons JLA-Serie oder in der animierten Serie „Justice League“ (die beiden letztgenannten sind nach wie vor die besten Inkarnationen der Liga). Bei den meisten Mitgliedern der „Seven“ muss man nicht lange raten, wer das Vorbild ist: Homelander ist eine eindeutige Superman-Parodie, versehen mit einem Schuss Captain America (Fun Fact: Im Zuge des Events „DC vs. Marvel“ in den 90ern verschmolzen Captain America und Superman tatsächlich für kurze Zeit zu einer Figur, dem „Super Soldier“). Queen Maeve basiert natürlich auf Wonder Woman, Black Noir (der in dieser ersten Staffel kaum eine Rolle spielt und nur dadurch auffällt, dass Homelander ihn offenbar schätzt und dass er Klavier spielen kann) auf Batman, The Deep auf Aquaman, A-Train auf Flash und Lamplighter, der bereits zu Beginn der Serie ausscheidet und dessen Platz Starlight einnimmt, auf Green Lantern. Translucent, der eine Neuschöpfung für die Serie ist und in den Comics nicht vorkommt, ist weniger eindeutig zuordenbar, könnte aber Martian Manhunter ersetzen; Unsichtbarkeit ist schließlich eine der vielen Superkräfte des marsianischen Helden. Starlight schließlich erinnert ein wenig an Stargirl, Supergirl oder Powergirl, während ihre Kräfte mit denen von Dr. Light vergleichbar sind (gemeinte ist hier das weibliche Justice-League-Mitglied, nicht der männliche Titans-Schurke gleichen Namens).

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Queen Maeve (Dominique McElligott) und Homelander (Antony Starr)

Natürlich werden die Helden kräftig dekonstruiert. Homelander besitzt nichts von der Zurückhaltung eines Clark Kent, sondern ist übermäßig arrogant und löst, trotz seiner vielen Kräfte, fas jedes Problem mit seinem Hitzeblick, was besonders bei der missglückten Flugzeugrettung zu ernsthaften Konsequenzen führt. Queen Maeve begann als idealistische junge Heldin, ähnlich wie Starlight, wurde jedoch vom Superhelden-Lebensstil verdorben, leidet an einem Burnout und hat sich in die Gleichgültigkeit zurückgezogen. A-Train ist ein Junkie, Translucent ein Perverser, der seine Fähigkeiten nutzt, um in der Damentoilette zu spannen, und im Fall von The Deep wird mit Aquamans Ruf der Nutzlosigkeit gespielt. Auch fungieren die „Seven“ nicht als unabhängige Gruppe, die die Welt vor Bedrohungen schützt, sondern sie arbeiten für die Firma Vaught, die das Heldentum inszeniert, um Geld zu verdienen. Tatsächliches Heldentum, die Rettung Unschuldiger und der Kampf gegen das Verbrechen sind da bestenfalls Nebensache und schlimmstenfalls komplett gestellt.

Fazit: „The Boys“ ist das gelungenste Stück Superhelden-Unterhaltung im Serienbereich seit der dritten Staffel von „Daredevil“. Der Adaption gelingt es, durch das Zurückschrauben es Exzess-Faktors, die Vorlage zu übertreffen und die Figuren interessanter und tiefgründiger zu gestalten. Empfehlung für alle, die auf subversive Superhelden-Parodien stehen.

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