A Girl Walks Home Alone at Night

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Story: In der iranischen Geisterstadt Bad City fährt eine junge Frau (Sheila Vand) mit einem Tschador auf einem Skateboard herum. Sie ist ein Vampir und sucht sich in der heruntergekommenen Wüstenstadt immer wieder Opfer. Eines nachts begegnet sie Arash (Arash Marandi), der sich auf dem Heimweg von einer Kostümparty befindet und ausgerechnet als Dracula verkleidet ist. Die beiden Außenseiter kommen sich näher, aber natürlich ist da der Durst…

Kritik: Erst jetzt, Jahre später, wird langsam klar, wie sehr Twilight den Vampirfilm insgesamt beschädigt hat. Seit einiger Zeit dümpelt er mehr oder weniger so vor sich hin. Während Twilight aktuell war, gab es eine ganze Menge an Filmen (und auch Serien), die entweder versuchten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen („The Vampire Diaries“) oder aber sich sehr direkt dem Trend des „romantischen Vampirs“ zu widersetzen („Daybreakers“, „The Strain“). In den Jahren danach folgte dann das eine oder andere Underworld-Sequel, der eine oder andere gescheiterte Versuch, Dracula neu zu interpretieren, aber ansonsten verfiel das Genre in einen untoten Zustand. Bezeichnenderweise sind die beiden besten Vampirfilme der letzten Jahre, „Only Lovers Left Alive“ und „5 Zimmer, Küche Sarg“, nun auch keine wirklichen Horrorfilme mehr. „A Girl Walks Home Alone at Night“, von vielen ebenfalls als der beste Vampirfilm der letzten Jahre gepriesen, schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Bei „A Girl Walks Home Alone at Night” handelt es sich um das Regie-Debüt der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour. Diese Film hat mich äußerst zwiegespalten zurückgelassen, denn einerseits verfügt er über viele interessante Elemente und Ideen, bietet aber andererseits nur sehr wenig von dem, was ich von einem Vampirfilm erwarte. Vielleicht ist Amirpours Arbeit einfach zu sehr „Art House“. Der Regisseurin scheint es vor allem darum zu gehen, Verweise unterzubringen und Statements zu machen; konventionelle Erzählmuster sind dagegen eher rar, ebenso wie herkömmliche Charakterentwicklung. Stattdessen überwältigt Amirpour den Zuschauer mit Bildern, Eindrücken und Querverweisen auf alle möglichen Filme aus allen möglichen Genres. Die Regisseurin selbst betitelte ihr Werk als den „ersten iranischen Vampir-Western“, was nicht nur zutrifft, sondern auch in vielen Einstellungen, der heruntergekommenen Atmosphäre und nicht zuletzt der Musik, die das eine oder andere Mal stark an Ennio Morricone erinnert, sehr deutlich wird. Die Zitierwut und die Genreverknüpfung dieses Films erinnert mitunter an Quentin Tarantino – hier wird fast alles subtil oder unsubtil angesprochen, von Tarantino selbst über „Sin City“ und andere Comicverfilmungen bis hin zu James Dean.

Ein wenig problematisch wird „A Girl Walks Home Alone at Night” dagegen als Vampirfilm. Amirpour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, bedient sich hier fast ausschließlich stereotyper Figuren, deren Tod durch das titelgebende Mädchen einer bestimmten Aussage dienen – primär sind es misogyne Figuren, die bekommen, was sie verdienen. Ähnlich verhält es sich mit der Romanze zwischen Arash und dem Mädchen, die letztendlich nirgendwo hinführt. Mir fehlt bei diesem Film etwas, das mir zeigt, was das Mädchen als Vampirin ausmacht. „A Girl Walks Home Alone at Night“ erzählt letztendlich keine wirkliche Geschichte, schon gar keine Vampirgeschichte, sondern liefert nur Eindrücke, Impressionen und Symbolik.

Fazit: Bei all den sorgsam komponierten Bildern, den Zitaten und den möglichen Botschaften, die „A Girl Walks Home Alone at Night“ bietet, fehlt es dem Film doch an einer tatsächlichen Geschichte, die er erzählt. Ana Lily Amirpours Regiedebüt ist zwar ein Film mit Vampir, aber kein Vampirfilm.

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Justice League vs. the Fatal Five

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Story: Im 31. Jahrhundert attackieren Tharok (Peter Jessop), Persuader (Matthew Yang King) und Mano (Philip Anthony-Rodriguez), drei Mitglieder des Superschurkenteams Fatal Five das Hauptquartier der Legion der Superhelden, um an ihre Zeitsphäre zu kommen und in die Vergangenheit zu reisen, in der die verbliebenen beiden Mitglieder des Teams gefangen sind. Der mental etwas instabile Legionär Star Boy (Elyes Gabel) wird mit in das 21. Jahrhundert gerissen, wo er als erstes auf Batman (Kevin Conroy) trifft, der ihn ins Arkham Asylum verfrachtet. Schon bald stellt sich allerdings heraus, dass Star Boy nicht halluziniert. Die Justice League, bestehend aus Batman, Superman (George Newbern), Wonder Woman (Susan Eisenberg), Miss Martian (Daniela Bobadilla), Mister Terrific (Kevin Michael Richardson) und Green Lantern (Diane Guerrero) braucht seine Hilfe, denn wenn es Tharok, Persuader und Mano gelingt, ihre Anführerin Emerald Empress (Sumalee Montano) zu finden, wird es für Gegenwart und Zukunft unangenehm…

Kritik: Das DC Animated Universe, speziell natürlich „Justice League“ und „Justice League Unlimited”, sind nach wie vor die Messlatte, an der sich alle anderen Adaptionen von DCs größtem Superheldenteam messen lassen müssen. Dementsprechend gibt es unter den Fans schon seit langem den Wunsch nach einer Fortsetzung des beliebten Serienuniversums. Nach so vielen Jahren haben Bruce Timm und Co. die Fanwünsche nun endlich erhört, zuerst mit „Batman und Harley Quinn“ und nun auch mit „Justice League vs. the Fatal Five“. Ersterer Film war für mich leider eine ziemliche Enttäuschung. „Justice League vs. the Fatal Five“ ist zum Glück weitaus besser gelungen und schafft es, nicht nur optisch, sondern auch bezüglich Atmosphäre und Stimmung an das Vorbild anzuknüpfen und sich tatsächlich wie eine Folge aus besagten Serien anzufühlen. Qualitativ reicht „Justice League vs. the Fatal Five“ allerdings nicht an die Crème de la de Crème des DCAU heran und kann weder „Starcrossed“ noch dem Cadmus-Arc das Wasser reichen. Der Film ist zweifelsohne kompetent und kurzweilig, wächst aber auch nie über sich hinaus.

Das mag für mich persönlich auch damit zusammenhängen, dass ich kein allzu großer Fan der Legion der Superhelden bin; dieses Team hat mich nie wirklich angesprochen, was auch auf die Fatal Five zutrifft. Gerade in Bezug auf die Schurken ist dieser Film leider relativ schwach; die Fatal Five tun, was sie tun, weil sie eben Superschurken sind. Nicht, dass das im DCAU nicht auch schon oft genug vorgekommen wäre, aber die besten Schurken zeichneten sich eben durch nachvollziehbare oder zumindest interessante Motivationen aus.

Bei den Helden sieht es da schon besser aus. Wer allerdings erwartet, all die liebgewonnen Recken der zweiten Reihe aus „Justice League Unlimited“ wie Question, Black Canary, Huntress oder Green Arrow wiederzusehen, wird enttäuscht werden, selbst die sieben Gründungsmitglieder sind nicht alle zugegen. Immerhin ist mit Batman, Superman und Wonder Woman DCs Trinität vollständig. Zwei weitere Figuren, Green Lantern und Martian Manhunter, werden durch jüngere, weibliche Versionen vertreten. Dann ist da noch Mister Terrific, der seine Rolle aus JLU als Koordinator weiterführt, sonst aber nicht allzu viel beiträgt, und natürlich Star Boy, um den sich ohnehin alles dreht. Im Kontext der Handlung sind Star Boy und Green Lantern – hier fungiert Jessica Cruz als Ringträgerin – die interessantesten Figuren. Beide haben gewisse mentale Probleme, die bei Protagonisten im DCAU auf diese Weise noch nicht vorkamen. Da der Film nicht einmal eineinhalb Stunden dauert und doch eine ganze Menge an Figuren unterbringen muss, bleiben die mentalen Zustände dieser beiden Figuren eher oberflächlich; ein Film, der sich ausschließlich mit ihnen beschäftigt, wäre vielleicht sogar interessanter gewesen. Miss Martian, der dritte Neuzugang, ist da konventioneller. Sie fungiert als junge Heldin, die nach der Anerkennung der alten Hasen, speziell der Batmans sucht, und am Ende natürlich in die Liga aufgenommen wird.

Sprechen wir noch über den Platz dieses Films im DCAU und die alte Kontinuitätsgeschichte. Wie alle derartigen Universen hat auch das DCAU die übliche Anzahl an Ungereimtheiten, Fehler und Retcons, die bei einem solchen Unterfangen, das sich organisch aus mehreren Serien entwickelt hat, zu erwarten sind. Nicht nur das Design, auch die Wahl der Sprecher und nicht zuletzt der Soundtrack, in dem großzügig von den bereits etablieren DCAU-Leitmotiven, die direkt oder indirekt auf die große Shirley Walker zurückgehen, Gebrauch gemacht wird, verankern diesen Film recht eindeutig im DCAU. Hinzu kommen diverse subtile Anspielungen und Verweise; es finden sich allerdings auch einige eher fragwürdige Vorkommnisse. So zögern Bruce Timm und Co. nicht, nun auch Elemente zu integrieren, die in den Comics erst nach dem Ende des DCAU eingeführt wurden. Dazu gehören neben dem Nolan’schen Gleitcape des Dunklen Ritters, das er in JLU definitiv noch nicht besaß, vor allem Miss Martian und Jessica Cruz; Erstere tauchte nach „Infinite Crisis“ als Mitglied der Teen Titans auf, Letztere wurde erst im Rahmen der New-52-Justice-League-Serie zur Green Lantern. In bester JLU-Manier hält sich „Justice League vs. the Fatal Five“ nicht groß mit ihrer Origin auf, sondern nimmt und benutzt einfach nach Lust und Laune. Man merkt dem Film an, dass die Macher nicht unbedingt ein groß angelegtes JLU-Revival anstrebten, sondern einfach nur eine Geschichte mit diesen Figuren erzählen wollten, die mehr oder weniger zufällig im DCAU spielt.

Fazit: „Justice League vs. Fatal Five“ ist eine unterhaltsame Rückkehr ins DCAU, die weitaus gelungener und befriedigender ausfällt als „Batman und Harley Quinn“, aber nach wie vor hinter Folgen und Handlungssträngen wie „Starcrossed“ oder dem Cadmus-Arc zurückbleibt.

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Siehe auch:
Batman und Harley Quinn

Avengers: Endgame – Ausführliche Rezension

Spoilers Assemble!
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Der Superheldenfilm hat es weit gebracht. Das Genre selbst ist inzwischen schon lange nicht mehr neu; jedes Jahr kommen mehr Filme dieser Kategorie ins Kino. Allerdings hat der Superheldenfilm im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre noch einmal eine ordentliche Schippe in Bezug auf die Adaption des Vorlagenmediums draufgelegt. Dafür gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, unter anderem hätten wir da „Aquaman“, der als erster Film des DCEU die alte Zurückhaltung aufgibt und sich hemmungslos in der Ästhetik der Vorlage aalt. Noch weiter treibt es „Spider-Man: Into the Spider-Verse“, der mehr noch als jeder andere animierte Film wie ein Comic in Bewegung wirkt. „Avengers: Endgame“ ist allerdings zweifelsohne in mehrfacher Hinsicht der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung und übertrifft diesbezüglich sogar „Avengers: Infinity War“. Qualitativ bleibt „Endgame“ ein wenig hinter dem Vorgänger zurück und hat das eine oder andere Problemchen, setzt allerdings auch deutlich andere Schwerpunkte und ist letztendlich ein mehr als gelungener Abschluss der ersten großen Saga des Marvel Cinematic Universe.

Handlung und Konzeption
Thanos‘ Fingerschnipser lässt die Helden völlig demoralisiert zurück. Nachdem Tony Stark (Robert Downey jr.) und Nebula (Karen Gillen) von Carol Danvers (Brie Larson) auf die Erde zurückgebracht wurden, machen sich die verbliebenen Avengers, bestehend aus diesem Trio, Steve Rogers (Chris Evans), Rocket (Bradley Cooper), Bruce Banner (Mark Ruffalo), Rhodey (Don Cheadle), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson) und Thor (Chris Hemsworth) auf, um Thanos (Josh Brolin) ausfindig zu machen und die Infinity-Steine zu nutzen, um den Schnipser rückgängig zu machen. Zwar gelingt es ihnen, den Titanen zu finden und zu töten, doch dieser hat die Steine bereits verwendet, um sie zu zerstören. Fünf Jahre vergehen, in denen die Avengers versuchen, mit den Verlusten umzugehen – bis Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) unverhofft auftaucht. Scott befand sich während dieser fünf Jahre im Quantenraum und glaubt, die Lösung gefunden zu haben: Mit Hilfe des Quantenraumes ist es möglich, in der Zeit zurückzureisen. Die Avengers müssen wieder zusammenfinden, um die Infinity-Steinen aus der Vergangenheit zurückzubringen. Dies führt natürlich zu weiteren Komplikationen…

Sowohl „Infinity War“ als auch „Endgame“ sind massive Superheldenfilme, die die Erzählweise von großen Eventcomics in nie dagewesener Art und Weise auf die große Leinwand bringen. Dennoch sind beide Filme in Struktur und Narrative auch sehr unterschiedlich. Passend zum Namen ist „Infinity War“ deutlich kriegerischer und actionreicher und hat einen unglaublich gewaltigen Cast, der sich in diverse Kleingruppen teilt. Ironischerweise schaffen es die Russos dennoch, „Infinity War“ zum kohärenteren der beiden Filme zu machen, in dem sie Thanos in den Mittelpunkt stellen und ihn zum Protagonisten bestimmen. Er hat den eindeutigsten Handlungsbogen, eine klare Motivation und agiert, während die Helden auf ihn reagieren. Thanos ist der „Held“, der einer Quest-Handlung folgt und zwar nicht alle, aber zumindest einige Stationen der Heldenreise absolviert. Zwar haben auch andere Figuren, primär Tony Stark und Thor, ihre Handlungsbögen, aber Thanos ist es, der den Film zusammenhält und ihm Fokus gibt. „Endgame“ dagegen muss zwar insgesamt mit weniger Figuren jonglieren (die Hälfte der Superhelden hat sich ja aufgelöst), aber da Thanos innerhalb der ersten zehn Minuten geköpft wird, ist der vierte Avengers-Film weit weniger fokussiert. Über weite Teile kommt der Film sogar ohne zentralen Antagonisten aus, erst gegen Ende des zweiten Aktes wird der jüngere Thanos wieder zur Bedrohung. „Endgame“ legt den Fokus dagegen noch einmal auf die ursprünglichen Avengers und fungiert gleichzeitig als Rekapitulation des und Abgesang auf das bisherige MCU.

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Auf in den Weltraum mit Carol Danvers (Brie Larson), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson), Rhodey (Don Cheadle), Thor (Chris Hemsworth) Steve Rogers (Chris Evans) und Rocket (Bradley Cooper) 

Während „Infinity War“ tonal insgesamt sehr konsistent war, verfügt „Endgame“ über drei sehr unterschiedliche Akte. Der Film beginnt fast schon depressiv und hoffnungslos, in dem er die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Schnipsers sehr deutlich zeigt. Sobald die Zeitreisethematik ihren Einzug erhält, wird der Tonfall allerdings etwas leichter, der typische Marvel-Humor kehrt zurück, nicht zuletzt dank Scott Lang, der nach Abwesenheit im Vorgänger nun eine sehr zentrale Rolle spielt. Auch die Zeitreisen selbst dienen oft eher dem Amusement, was dazu führt, dass „Endgame“ die Spannung und der Vorwärtstrieb von „Infinity War“ fehlt. Erst im dritten Akt kehrt der Film zu den epischen Ausmaßen des Vorgängers zurück und schafft es, die Schlacht von Wakanda noch zu übertreffen – man muss schon sehr abgebrüht sein, um bei der Portals-Szene keine Gänsehaut zu bekommen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss „Endgame“ allerdings immer wieder gewisse Opfer bringen, geradezu bezüglich der zuvor etablierten Regeln. Das betrifft besonders die Infinity-Steine. Man erinnert sich an eine Zeit, als die Handhabung nur eines einzigen enorme Konsequenzen hatte, von Red Skull, der quer durch das halbe Universum transportiert wird bis hin zu Peter Quill, der den Stein nur wegen seiner Herkunft überhaupt berühren kann. Im Vergleich dazu sind plötzlich alle Figuren relativ problemlos in der Lage, die Steine zu berühren. Die „Schnipser“ fordern zwar immer noch ihren Tribut, aber auch die Herstellung neuer Handschuhe gelingt vergleichsweise einfach.

Zeitreisen
Die Zeitreisethematik ist in Filmen freilich nicht neu – tatsächlich werden die meisten bekannten Vertreter des Genres in „Endgame“ sogar genannt – und auch in Superheldencomics sind sie keine Seltenheit. In Superheldenfilmen nahm man sich dieses Sujets mit Ausnahme von „X-Men: Days of Future Past“ bislang allerdings nicht wirklich an. Die meisten Filme greifen auf eine von zwei Möglichkeiten zurück: Entweder kann die Vergangenheit verändert werden, wie es etwa in „Zurück in die Zukunft“ der Fall ist – Marty McFly versucht bekanntermaßen den ganzen Film über, die Schäden, die er angerichtet hat, wieder auszubügeln, um seine eigene Existenz zu bewahren. Oder aber wir haben es mit einem sog. „Stable Time Loop“ zu tun – man kann nur in die Vergangenheit reisen, um das zu tun, was man ohnehin schon getan hat, sodass sich nichts verändert. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist ein schönes Beispiel. „Avengers: Endgame“ dagegen wählt einen dritten Ansatz, der zumindest im Mainstream deutlich seltener auftaucht, sich aber auf ähnliche Weise etwa in „Dragonball Z“ findet. Eine Veränderung der Gegenwart ist bei diesem Ansatz durch eine Zeitreise nicht möglich, was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr korrigieren. Stattdessen führt die Zeitreise zur Schaffung einer neuen Zeitlinie, die sich von der bereits bekannten abspaltet.

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Clint Barton (Jeremy Renner)

Die von Tilda Swinton dargestellte Älteste deutet im Gespräch mit Bruce Banner an, dass eine reine Zeitreise allerdings noch nicht ausreiche, um eine neue Timeline zu etablieren, sondern dass ein entfernter Infinity-Stein nötig ist – weshalb Captain America am Ende ja die diversen entfernten Steine wieder zu ihrem Ursprungsort zurückbringt. Ob das so funktionieren kann, ist natürlich wieder eine andere Frage; der Film zeigt leider nichts davon. Stattdessen erleben wir, wie Cap am Ende als alter Mann auftaucht. Diese Wendung erweckt den Eindruck einer klassischen Zeitreise, was jedoch wohl unbeabsichtigt war. Laut den Russos kehrt Cap tatsächlich aus einer anderen Zeitlinie zurück, in der er mit Peggy Carter glücklich verheiratet war. Es existiert jedoch noch eine andere Theorie, derzufolge Cap tatsächlich Peggys Ehemann ist, der ein paar Mal erwähnt wird, den man aber nicht zu Gesicht bekommt und dessen Name auch nie genannt wird. Geht man nach dieser Theorie, handelt es sich beim alten Cap am Ende nicht um denselben, der kurz zuvor aufbricht, um die Steine zurückzubringen, sondern um einen Steve Rogers aus einem alternativen Universum, was das „Haupt-MCU“ selbst zu einer bereits veränderten Zeitlinie machen würde. Kompliziert.

Die Zeitreisekonzeption dieses Films führt ironischerweise zur „Comichaftigkeit“ des Films – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Zeitreisen in Superheldencomics Gang und Gäbe sind. Vielmehr unternehmen die Russos hier etwas, das Comickünstler nur allzu gerne zu machen: Sie besuchen quasi Panels und Storylines vergangener Hefte, genauso wie das in einem Comic passieren würde.

Die Überlebenden
Trotz des reduzierten Casts standen Russos und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely vor demselben Problem wie bei „Infinity War“: Wie wird man all diesen Figuren in „nur“ drei Stunden gerecht? Was die vier geleistet haben, ist beeindruckend, auch wenn der eine oder andere Charakter durchaus nicht immer optimal behandelt wird. Das trifft vor allem auf Hawkeye und Bruce Banner zu. Beide bekommen in diesem Film neue Idenitäten, Hawkeye wird durch den Verlust seiner Familie zum gnadenlosen Rächer Ronin, während Bruce Banner nun dauerhaft zum Hulk wird, dabei aber seinen Intellekt und seine Identität behält – Marvel-Kenner sprechen hier von „Professor Hulk“. In beiden Fällen wurden diese Figuren so entwickelt, weil sie in den Comics zu einem bestimmten Zeitpunkt so dargestellt wurden. Das Problem dabei ist, dass „Endgame“ diese Entwicklung entweder, im Falle des Hulk, Off-Screen geschehen lässt und primär als Comedy-Einlage nutzt oder kaum auf sie aufbaut. Sobald Clint Barton wieder zu seinen Kameraden stößt, hört er im Grunde auf, Ronin zu sein und wird wieder Hawkeye; zumindest in diesem Film hat die Identität des ruchlosen Rächers keine Auswirkungen mehr auf die Figur.

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Professor Hulk (Mark Ruffalo)

Thor ist ebenfalls ein wenig grenzwertig. Der aufgedunsene Donnergott erinnert schon ein wenig an eine Sitcom und ein großer Teil seiner Situation dient der Komik – es gelingt allerdings auch immer wieder, die authentische Tragik miteinzubauen. Einerseits finde ich es gelungen, dass Thor nicht einfach so wieder abmagert, aber andererseits übertreiben es Markus und McFeeley irgendwann mit den Witzen auf seine Kosten.

Weitaus überzeugender sind die Entwicklungen, die Steve, Tony, Natasha und Nebula durchmachen. Letztere befindet sich in diesem Film in der interessanten Situation, doppelt vorhanden zu sein und mit sich selbst konfrontiert zu werden – hier zeigt sich gut, wie Nebula sich seit „Guardians of the Galaxy“ entwickelt hat, von der Beziehung zu Gamora bis hin zur kurzen, aber wirkungsvollen Szene zu Beginn von „Endgame“ mit Tony. Bei der Erstsichtung des Films dachte ich sogar kurz, Nebula von 2014 würde den Handschuh erringen und die Handlung würde ähnlich verlaufen wie in „The Infinity Gauntlet“, dem Comic, der als (sehr grobe) Vorlage für „Infinity War“ dient. Ein Thanos, der sich mit den Avengers gegen eine allmächtige Nebula verbünden muss, wäre zumindest interessant gewesen.

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Tony (Robert Downey jr.) und Steve (Chris Evans)

Dass Tony Starks und Steve Rogers Superheldenkarrieren nach diesem Film enden würden, war im Grunde wegen ihrer auslaufenden Verträge relativ klar. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden damit, wie ihre Handlungsbögen in diesem Film zu Ende gebracht wurden. Mehr noch als die anderen ursprünglichen Avengers sind diese beiden Figuren die Grundsteine des Universums: Mit Iron Man fing für uns Zuschauer alles an, während Cap der erste Superheld innerhalb der Erzählten Welt war. Da ist es nur gerechtfertigt, dass Cap den Tanz bekommt, auf den er seit so vielen Jahrzehnten wartet, während Tony endlich das findet, was er sucht, wenn auch nur für kurze Zeit. Die seit „Civil War“ brodelnde Auseinandersetzung zwischen den beiden wird immerhin noch einmal kurz angeschnitten, was freilich viel zu knapp ist, aber bei all dem Inhalt, die in diesen Film musste, hatte ich diesbezüglich nichts anderes erwartet.

Natashas Tod kommt dann schon etwas unerwarteter, besonders angesichts des anstehenden Black-Widow-Films, der dann wohl doch reines Prequel ist – vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung, diese Figur so kurz vor ihrem ersten Solofilm umzubringen, unabhängig von der Natur des Films. Angesichts des Aufhebens, das um Tonys Tod gemacht wird, wirkt sie ein wenig vernachlässigt. Man könnte fast meinen, die Regisseure und Drehbuchautoren wären der Meinung gewesen, es müsste noch ein Original-Avenger sterben und man habe dann gelost. Vielleicht wäre Hawkeye, in Zusammenhang mit einer gründlicheren Auseinandersetzung seiner Identität als Ronin, die bessere Wahl gewesen.

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Thor (Chris Hemsworth)

Über die meisten anderen Figuren gibt es tatsächlich relativ wenig zu sagen. Obwohl Rhodey und Rocket Teil des Zeitreise-Teams sind, haben sie nicht wirklich eigene Handlungsbögen. Dasselbe trifft noch in weitaus größerem Maße auf alle Figuren zu, die am Ende durch Hulks Schnipser wieder zurückgebracht werden. Der interessanteste Fall ist Carol Danvers alias Captain Marvel. Nachdem ihr erster Solofilm extra noch zwischen „Infinity War“ und „Endgame“ geschoben wurde, hatten viele, einschließlich mir, die Befürchtung, sie als Deus Ex Machina auftauchen und den Film gewissermaßen an sich reißen würde. Erstes trifft ein wenig zu, Letzteres glücklicherweise nicht. Angesichts der Tatsache, dass ich von „Captain Marvel“ und seiner Titelhelden nicht allzu begeistert war, bin ich durchaus davon angetan, dass sie in diesem Film keine allzu große Rolle spielt. Am Anfang rettet sie Tony und Nebula und hilft den verbliebenen Avengers, Thanos zu töten, um anschließend zu verschwinden und erst während der finalen Schlacht in letztendlich unterstützender Rolle wieder aufzutauchen. Damit kann ich leben, es hätte weitaus schlimmer kommen können.

Thanos
Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf die bislang größte Bedrohung, der sich die Avengers stellen müssen. Besonders nachdem Loki spätestens in „Thor: Ragnarök“ zum Antihelden wurde, ist Thanos zweifelsohne der beste Schurke des MCU, besonders, nachdem sich die Russos mit „Infinity War“ ausgiebig Zeit nahmen, ihn als Figur zu ergründen. Sein Plan ist dabei verhältnismäßig unsinnig – selbst wenn man davon ausgeht, dass Genozid auf galaktischem Ausmaß das richtige Mittel gegen Rohstoffknappheit ist, ist der Schnipser keine dauerhafte Lösung. Thanos zerstört die Infinity-Steine nach getaner Arbeit, da sie nur eine „Versuchung“ darstellen, was ihn einerseits als prinzipientreues Wesen charakterisiert, aber andererseits auch seinen Verstand in Frage stellt. Geht man nach irdischem Bevölkerungswachstum, steht das Universum in 40 bis 50 Jahren wieder genauso da wie vor dem Schnipser. Ironischerweise gibt es dieses Problem in „The Infinity Gauntlet“ nicht, da Thanos‘ primäre Motivation im Comic darin besteht, Lady Death, die Personifikation des Todes, zu beeindrucken. Der MCU-Thanos ist weitaus rationaler als sein Comicgegenstück, eher ein Dogmatiker, dessen Motivation und Ziele denen Ra’s al Ghuls gleichen, als der verrückte Titan, als der er auch in den Filmen bezeichnet wird.

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Thanos (Josh Brolin)

In „Endgame“ haben wir es allerdings mit zwei ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Versionen von Thanos zu tun. Zu Beginn des Films finden die Avengers nach nicht allzu intensiver Suche einen geschwächten, aber zufriedenen Thanos. Der finale Gegner des Films ist dann ein jüngerer Thanos, der aufgrund dessen, was er über seine (mögliche) Zukunft erfährt, einen neuen, weniger pseudo-altruistischen Plan fasst: Er will nicht das halbe Universum töten, sondern das gesamte, um dann auf den Ruinen ein neues aufzubauen, das nicht so „undankbar“ ist. Für Thanos aus „Infinity War“ war die ganze Angelegenheit nicht persönlich, für den einen oder anderen Avenger (Peter Quill, Tony Stark) hat er sogar Respekt übrig und tatsächlich bemüht er sich, niemanden zu töten, wenn es nicht sein muss, da er die Lebensauslöschung zufällig und unemotional durchführen möchte. Endgame-Thanos dagegen ist weitaus stärker stereotypischer Schurke, für ihn ist es persönlich, der Versuch, alles rückgängig zu machen, ist etwas, das ihn persönlich beleidigt und dazu verleitet, sich gegenüber seinen Feinden weitaus rabiater zu verhalten.

Der Soundtrack
Mit „Avengers: Endgame“ liefert Alan Silvestri nun seinen bislang vierten MCU-Beitrag und kann inzwischen als der musikalische Architekt dieses Universums gelten – immerhin achten er und die Verantwortlichen nun auf ein gewisses Minimum an leitmotivischer Kontinuität. Von seinem Infinity-War-Score war ich zugegebenermaßen ein wenig ernüchtert, wenn auch nicht überrascht. Ich fand ihn zwar kompetent, aber doch eher uninspiriert. Silvestri machte großzügig von seinem eignen Avengers-Thema-Gebrauch, aber bis auf einen Einspieler von Ludwig Göranssons Black-Panther-Thema fanden sich in diesem Soundtrack keine anderen zuvor etablierten Themen – nicht einmal sein eigenes Capatain-America-Thema zitierte Silvestri in diesem Film. Bei „Endgame“ sieht die Sache erfreulicherweise anders aus. Dass das Avengers-Thema auch dieses Mal zurückkehrt, dürfte kaum überraschen; auch das Motiv für Thanos, das Silvestri in „Infinity War“ etablierte, kehrt zurück, und darüber hinaus dürfen wir auch endlich wieder Statements von Steve Rogers patriotischem Thema vernehmen. Damit hat es sich aber noch nicht erledigt, denn Silvestri zitiert dieses Mal deutlich großzügiger, wenn auch hin und wieder etwas merkwürdig. Die Verwendung von Pinar Topraks Captain-Marvel-Thema bei ihren Auftritten am Anfang und am Ende ist sehr gut gelungen und auch nachvollziehbar. Scott Langs erster Auftritt wird von einer dezenten Variation von Christophe Becks Ant-Man-Thema begleitet und als Bruce Banner die Älteste im New York des Jahres 2012 trifft, erklingt einmal kurz Michael Giacchinos Doctor-Strange-Thema. Der Korinthenkacker in mir beschwert sich nun natürlich darüber, dass die Älteste ihr eigenes Thema hat, aber man muss sich über jedes Statement freuen, das man bekommt. Auch das eine oder andere stilistische Zitat findet sich, so greift Silvestri in Snap Out of It etwa die Hardanger-Fidel auf, die Mark Mothersbaugh in „Thor: Ragnarok“ für eine ähnlich geartete Szene verwendete (Twilight of the Gods).

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Nebula (Karen Gillan)

Gerade die beiden Zitate der Themen von Beck und Giacchino fallen ein wenig merkwürdig aus, da sie sehr subtil sind und selbst den Zuschauern, die ein wenig auf Filmmusik achten, kaum auffallen dürften – sie wirken eher wie kleine Geschenke an die Hardcore-Fans. Dennoch bewegte sich das MCU musikalisch in die richtige Richtung, wenn auch mit kleinen Schritten. Selbst wenn man diesen Umstand ausklammert, legt Silvestri noch einmal eine ordentliche Schippe drauf und schafft einen würdigen Abschluss für die erste Saga des MCU. Highlight des Albums ist ohne Zweifel das neue Familien- bzw. Assemble-Thema, das prominent im Track Portals erklingt, gefolgt von der epischsten Variation des Avengers-Themas. Eine ausführliche Analyse des Scores findet sich hier.

Fazit: „Avengers: Endgame“ ist ein nicht fehlerfreier, aber insgesamt rundum gelungener (vorläufiger) Abschluss des MCU, der zwar etwas hinter dem fokussierten Vorgänger zurückbleibt, aber insgesamt ein wirklich beeindruckendes filmisches Ereignis ist, das die Grenze zwischen den Medien Film und Comic in bisher nicht erreichtem Ausmaß überbrückt.

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Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Die 13 12 Leben des Kaeptn Blaubaer von Walter Moers
Wer wie ich in den 90ern aufgewachsen ist, dürfte Käpt’n Blaubär nur allzu gut kennen. Nicht nur war er Teil der „Sendung mit der Maus“, er hatte im Lauf der Jahre auch diverse eigene Sendungen wie den „Käpt’n Blaubär Club“ und war sogar Star seines eigenen Animationsfilms. Ein Roman darf da natürlich nicht fehlen – allerdings distanzierte Blaubär-Erfinder Walter Moers die Version, die er in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ auftreten ließ, stark von ihrem Gegenstück aus dem Fernsehen. Beide sind blaue Bären mit einer Liebe für die See und einem gewissen Hang zum Lügen, das war es dann aber auch schon. Die allseits beliebten Nebenfiguren, die drei kleinen Bärchen und Hein Blöd, haben im Roman nicht einmal Gastauftritte und auch sonst finden sich keine inhaltlichen Verknüpfungen. Stattdessen nutzte Moers die Bekanntheit und Beliebtheit der Figur, um sein eigentliches Vorhaben umzusetzen: Den Beginn einer Romanreihe, in der nicht eine bestimmte Figur der Protagonist ist, sondern ein ganzer fiktiver Kontinent.

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ um einen Episodenroman, jedes der „Leben“ ist im Grunde ein in sich geschlossenes Abenteuer mit eigenem Personal. Diverse Figuren aus den Episoden kehren zwar im letzten Drittel des Romans zurück, sodass schon der Eindruck eines in sich geschlossenen Werkes entsteht, aber dennoch sind die meisten „Leben“ in sich abgeschlossene Angelegenheiten. Gerade die früheren Episoden, sei es „Mein Leben als Zwergpirat“ oder „Mein Leben auf der Flucht“ erinnern noch am ehesten an die Lügengeschichten, die Käpt’n Blaubär in seinem Segment der „Sendung mit der Maus“ erzählte – relativ absurde Angelegenheiten, die in der Tradition der Nonsense-Literatur stehen. Die „Leben“ werden allerdings nach und nach vielschichtiger, Moers beginnt Ideen und Konzepte einzuführen, die, so kann man zumindest annehmen, nicht nur spezifisch für diesen Roman entwickelt wurden.

In vielerlei Hinsicht ist dieser erste Zamonien-Roman eine Art Testballon. In keinem anderen „Leben“ wird das so deutlich wie im zwölften, in dem Blaubär von seiner Zeit in Atlantis berichtet. Dieses mit Abstand umfangreichste Kapitel des Romans beinhaltet ein wirklich üppiges, ja fast schon verschwenderisches Ausmaß an World-Building, das im Roman selbst oft keine Rolle mehr spielt. Einiges davon wird erst in späteren Zamonien-Romanen wieder aufgegriffen, mit anderem hat Moers bis heute nichts angefangen. Es wirkt, als habe Moers alle möglichen Ideen, die er für Zamonien zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Romans hatte, schon einmal in diesem Kapitel untergebracht.

Besonders interessant ist es, sich „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ im Kontext der restlichen Romane zu betrachten. Viele narrative Elemente, die in späteren Zamonien-Romanen vorhanden sind, werden hier bereits verwendet, allerdings finden sich auch einige Elemente, die den Erstling des Zyklus von den Nachfolgern abheben. Dazu gehören unter anderem die realweltlichen Bezüge. Zamonien wird hier als Kontinent behandelt, auf den sich diverse Daseinsformen flüchteten, nachdem die Menschen an allen anderen Orten auf der Welt die Oberhand gewannen (weshalb die Menschen in Zamonien wiederum nicht gerne gesehen sind). In diesem Kontext wird den meisten Wesenheiten ein bestimmtes, reales Ursprungsland zugewiesen. Dieser Aspekt ist in späteren Zamonien-Romanen nicht mehr vorhanden, jegliche explizite Anspielung auf realweltliche Elemente fehlen ab „Ensel und Krete“ völlig; Zamonien ist in den anderen Romanen eine abgeschlossene Welt für sich. Interessant ist auch, welche Elemente und Figuren Moers in späteren Romanen wieder aufgreift; dazu gehören unter anderem Rumo, Volzotan Smeik, Professor Doktor Abdul Nachtigaller, einige der Daseinsformen und natürlich Hildegunst von Mythenmetz. Viele andere Daseinsformen, aber auch die Stadt Atlantis sowie Blaubär selbst spielen in späteren Zamonien-Romanen allerdings keine Rolle mehr. Zwar wird aus Zamonien nie eine völlig klassische, mittelalterlich anmutende Fantasy-Welt, aber in den späteren Romanen bewegt sich der Kontinent doch etwas mehr in diese Richtung, speziell in Romanen wie „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ oder „Die Stadt der Träumenden Bücher“ fühlt sich Zamonien archaischer an, während moderne Bezüge und satirische Elemente subtiler verarbeitet werden.

Ein zentrales erzählerisches Element, das sich in fast jeder Zamonien-Geschichte wiederfindet und bereits in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erfolgreich etabliert wird, ist der unzuverlässige Erzähler. Schon durch seinen in der „Sendung mit der Maus“ etablierten Ruf als Lügenbär ist der Wahrheitsgehalt dieser Autobiographie natürlich mit Vorsicht zu genießen. Doch selbst wenn man nur den Roman berücksichtigt, ist es anhand von Blaubärs Laufbahn als Lügengladiator zweifelhaft, ob jedes Wort in seiner Autobiographie geglaubt werden kann. In späteren Romanen wird Blaubär als unzuverlässiger Erzähler natürlich von Hildegunst von Mythenmetz abgelöst – tatsächlich gibt es bis heute nur zwei Zamonien-Romane, „Käpt’n Blaubär“ und „Rumo“, die nicht aus Mythenmetz‘ Feder stammen. „Rumo“ ist außerdem der einzige Zamonien-Roman mit einem wirklichen auktorialen Erzähler. Theoretisch findet sich ein solcher zwar auch in „Ensel und Krete“, „Der Schrecksenmeister“ und „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, aber bekanntermaßen handelt es sich dabei wieder um Werke von Hildegunst von Mythenmetz und Fiktion innerhalb der Fiktion.

Ein weiteres Element, das in diesem Roman seinen Anfang nimmt und sich durch alle weiteren zieht, sind die Illustrationen. Auch diese machen im Verlauf des Roman-Zyklus eine Entwicklung durch. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erkennt man noch viel von dem Walter Moers, der „Das kleine Arschloch“ schuf und an dessen Stil sich die Blaubär-Zeichentricksegmente orientieren. Die Illustrationen sind noch sehr cartoonhaft und gerade Figuren wie Nachtigaller oder der Stollentroll erinnern mit ihren übergroßen Nasen stark an die typischen Moers’schen Comicfiguren. In späteren Romanen werden die Illustrationen weitaus detailreicher, aufwendiger und entfernen sich immer mehr von Moers‘ ursprünglichem Zeichenstil.

Fazit: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ ist nicht nur ein amüsanter, kurzweiliger Episodenroman, sondern auch ein Versuchsballon, mit dessen Hilfe Walter Moers Zamonien konzeptionierte. Nach so vielen Jahren und so vielen weiteren Werken ist es immer wieder faszinierend, wo der Kontinent seinen Anfang nahm und welche Elemente Moers wie weiterentwickelte.

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Aktuell: The Rise of Skywalker


Aus Zeitgründen habe ich mich von der „Aktuell-Kategorie“ meines Blogs schon vor einiger Zeit verabschiedet (es dürfte vielleicht aufgefallen sein, dass meine Post-Frequenz im letzten Jahr deutlich abgenommen hat, was vor allem daran lag, dass ich mit dem Sammeln von Überstunden beschäftigt war). Aber hin und wieder will man doch zumindest mal semi-aktuell sein – und was eignet sich da besser als der Teaser zur nächsten Star-Wars-Episode.

Gemessen an dem, was da dieses Jahr auf uns zukommt – nichts weniger als das Finale der Skywalker-Saga – lässt zumindest mich das erstaunlich kalt. Übersättigung, Nachwirkungen der Episode VIII-Problematik bzw. der damit zusammenhängenden Debatte – vermutlich eine Mischung aus all diesen Elementen. Der Teaser selbst ist da leider keine große Hilfe, denn insgesamt ist er relativ unspektakulär. Er beginnt (mal wieder) auf einem Wüstenplanteten – ob Jakku, Tatooine oder ein neuer ist nicht klar – und mit einer Rey, die sich einem Tie-Fighter gegenübersieht. Es wurde ja schon lange spekuliert, in wie fern Disney bzw. J.J. Abrams angesichts der vielen negativen Fan-Reaktionen auf „Die letzten Jedi“ Rian Johnsons Entscheidungen rückgängig machen würde. Die erste findet sich bereits: Rey hat offenbar Anakins altes Lichtschwert repariert. Die folgende akrobatische Einlage erinnert eher an die Prequels als an den zumindest diesbezüglich etwas konservativeren Einsatz der Macht in den Sequels.

Nach dieser recht langen, wenn auch kaum aussagekräftigen Sequenz folgen kürzere Eindrücke: Anflug auf einen neuen Planeten, Kylo Ren und seine Truppen in der Schlacht, eine unbekannte, aber recht haarige Person schweißt Kylos Helm wieder zusammen, kurze Eindrücke von Finn und Poe sowie BB8 und einem neuen Droiden und Lando Calrissian im Cockpit des Falken – alles untermalt von einer Trailermusik-Version von Leias Thema. Es folgt ein kurzer Action-Eindruck auf dem unidentifizierten Wüstenplaneten, wobei sich unsere Helden auf einem Fahrzeug befinden, das stark an Jabbas Gefährte aus Episode VI erinnert, eine Einstellung der Siegesmedallien aus Episode IV, Rey, die Leia umarmt und schließlich eine Gruppenaufnahme mit Rey, Finn, Poe, Chewie, C-3PO, BB8 und dem neuen Droiden, die vielleicht auf Endor anzusiedeln ist. Die nächste Einstellung zeigt jedenfalls etwas, das verdammt nach einem Trümmerstück des Todessterns aussieht. Der Planet selbst mit seiner zerklüfteten Küstenlandschaft wirkt zwar nicht wie Endor, aber selbst ein Waldmond muss ja nicht ausschließlich aus Wald bestehen.

Der beste Moment des Teasers folgt kurz vor der Titeleinblendung als Antwort auf Lukes Kommentar aus dem Off „No one’s ever really gone“ (eigentlich eine Dialogzeiel aus Episode VIII): Es erklingt das vertraute Lachen von Darth Sidious. Dann erfahren wir endlich den Titel von Episode IX: „The Rise of Skywalker“.

Gesamteindruck: Der Teaser sagt selbst für einen Teaser verdammt wenig darüber aus, worum es eigentlich geht und besteht primär aus Nostalgie-Beats, die auf Episode VI verweisen. Das Highlight ist zweifelsohne die angedeutete und inzwischen auch von J.J. Abrams bestätigte Rückkehr Palpatines. In welcher Form das geschehen wird bleibt natürlich unklar. Kehrt der Dunkle Lord der Sith tatsächlich von den Toten zurück, eventuell so, wie er es in der Comicserie „Dark Empire“ tat? Dort besetzte sein Geist Klonkörper seiner selbst. Kehrt er „nur“ als Dunkle-Seite-Version eines Machtgeistes zurück? Oder vielleicht sogar nur in Form von Aufzeichnungen oder Flashbacks?

Ursprünglich wurde in der neuen Disney-Kontinuität der Eindruck erweckt, dass es den Sith nicht mehr möglich sei, nach ihrem Tod als Geister wiederzukommen, so wie es in den Legends der Fall war. Nutzer der Dunklen Seite konnten zwar nicht zu „echten“ Machtgeistern werden, wie es den Jedi möglich war, aber sie konnten ihre Essenz an Gegenstände oder Orte binden oder per Essenztransfer in einen neuen Körper schlüpfen – einer ganzen Reihe von Dunklen Lords gelang es so, auch noch lange nach ihrem Tod ziemlichen Schaden anzurichten, von Marka Ragnos über Naga Sadow, Freedon Nadd, Darth Andeddu und Exar Kun bis hin zu, wie bereits erwähnt, Palpatine selbst. George Lucas gefiel diese Idee allerdings nicht. In den Mortis-Folgen der dritten Clone-Wars-Staffel waren ursprüngliche Gastauftritte der Sith-Lords Revan und Bane geplant, doch Lucas legte letztendlich sein Veto ein mit der Begründung, den Sith sei es nicht möglich, als Geister zurückzukehren. Selbst der Gastauftritt des von Mark Hamill gesprochenen Darth Bane, dem Yoda auf Moraband (formerly known as Korriban) in der sechsten Staffel der Serie begegnet, ist nur eine Illusion der Machtpriesterinnen und kein tatsächlicher Geist.

Mit der von Charles Soule verfassten Kanon-Darth-Vader-Comicserie, die kurz nach Episode III spielt, scheint diese Regel aber schon wieder ad acta gelegt zu sein, denn dort tauchte der Sith Lord Momin auf, dessen Essenz in seinem Helm weiterexistierte, ganz ähnlich wie es bei diversen Legends-Sith-Lords der Fall war; man denke etwa an Karness Muur, der ähnlich wie Momin von anderen durch ein Artefakt Besitz ergreifen konnte. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte es durchaus für möglich, dass Palpatine tatsächlich auf diese Weise zurückkehrt. Zweifelsohne wäre es eine, aber nicht die eleganteste Lösung für das Schurken-Problem von Episode IX. Denn, seien wir mal ehrlich, Kylo Ren funktioniert als Big Bad einer Trilogie genauso wenig wie General Hux. Hux kann nach Episode VIII ohnehin niemand ernst nehmen, während Kylo sowohl in Episode VII als auch in Episode VIII jeweils eine verheerende Niederlage hinnehmen musste. Im Vergleich dazu blieb Vader bis Episode VI im Grunde unbesiegt, die beiden Lichtschwertduelle, die er absolvierte, gewann er – und dabei war er nicht mal der Oberschurke.

Also bleiben letztendlich nur ein paar wenige Möglichkeiten: J.J. Abrams und sein Mit-Drehbuchautor Chris Terrio können versuchen, Kylo tatsächlich zum Oberschurken zu machen, sie können Snoke zurückbringen (was in meinen Augen aber ebenso wenig funktionieren würde), sie können einen neuen Big Bad aus dem Hut zaubern oder man nimmt eben einen, der sich bereits bewährt hat, wie Darth Sidious. Der cleverste Weg wäre wohl, Sidious als Präsenz zurückzubringen, ohne ihn tatsächlich wiederzubeleben. Dazu müsste er nicht einmal als Geist auftauchen, stattdessen könnte es sich um einen lange vorbereiteten Plan handeln, während Palpatine in Form von Aufzeichnungen und Flashbacks als treibende Kraft wirkt. Schon lange kursieren im Internet Gerüchte, Matt Smith würde einen jungen Palpatine spielen. Immerhin gehen die Saw-Filme seit John Kramers Tod im dritten Teil seit einiger Zeit auf diese Weise vor. Zugegeben, nicht das beste Beispiel, aber dennoch. Diese Idee gab es in Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie und anderen, in diesem Zeitraum spielenden Medien zwar bereits (Stichwort: „Operation Cinder“) , aber darauf könnte man tatsächlich aufbauen.

Ein weiteres Mal zeigt sich hier nun das fundamentale Problem der Sequel-Trilogie: Der Mangel an Planung und Gesamtkonzept und die Unentschlossenheit bei der Konzeption von Episode VII. Entweder hätte man die Sequels tatsächlich als Fortführung der Skywalker-Saga konzipieren müssen, oder aber etwas völlig Neues aufziehen. Darth Sidious war der überspannende Schurke der bisherigen Saga. Natürlich, das war er nicht von Anfang an, bekanntermaßen sollte der Imperator in Episode IV ein schwacher Diktator sein, der von Leuten wie Tarkin kontrolliert wurde. Erst mit Episode V und VI entwickelte wurde er zum Oberschurken und erst mit den Prequels zum alles umfassenden Überschurken, der der für den Fall der Republik und die Vernichtung der Jedi verantwortlich war, quasi dem Star-Was-Äquivalent zu Satan. Es wäre naheliegend gewesen, ihn als auch Bedrohung der Episoden VII bis IX beizubehalten, sei es als tatsächlich aktiver Schurke, als Geist oder Holocronaufzeichnung, um einen Nachfolger heranzuzüchten.

Die Alternative wäre gewesen, Episode VII als Start von etwas völlig Neuem zu inszenieren, ähnlich wie es die „New Jedi Order“ im Legends-Bereich tat. Damit will ich nicht sagen, dass Lucasfilm die Yuuzhan Vong in den Kanon hätte bringen sollen, aber eventuell ein Gegenstück, eine wie auch immer geartete neue Bedrohung, die vielleicht sogar Rebellen/Republik und Rest-Imperium dazu gezwungen hätte, sich zu verbünden. Letztendlich entschied man sich dann aber eben dafür, denselben Konflikt mit neuen Figuren noch einmal auszutragen. Snoke statt Palpatine, Kylo Ren statt Darth Vader, die Erste Ordnung statt dem Imperium und der Widerstand statt der Rebellion. So, wie sie jetzt ist, ist die Sequel-Trilogie weder richtige Fortsetzung noch der wirkliche Start eines neuen Kapitels, sondern bestenfalls ein Nachgedanke, ein Anhängsel, weder Fisch noch Fleisch.

Natürlich könnte Episode IX das rückwirkend noch revidieren, der aktuelle Teaser macht sehr deutlich, dass genau das der Ansatz von Abrams und Terrio ist. Aber selbst dann würde es aufgesetzt wirken, schließlich wurde von offizieller Seite bereits mehrfach zugegeben, dass die Sequels nicht durchgeplant wurden und dass Rian Johnson auch nicht an Abrams‘ Ideen für den Rest der Trilogie gebunden war, sondern im Grunde tun konnte, was er wollte. Ich persönlich bin ja eigentlich immer für kreative Freiheit, aber nicht zum Preis der übergeordneten Handlung.

Wie dem auch sei, ich befürchte, dass „The Rise of Skywalker“ abermals in zu großem Ausmaß die Nostalgiekarte ausspielen wird. Der Titel ist natürlich ein Kuriosum für sich, passt aber zu den Aussagen, man wolle die gesamte Skywalker-Saga aufgreifen und alles zusammenführen. Fraglich ist natürlich, was mit dem Titel gemeint ist. Tatsächlich noch lebende Skywalkers sind Kylo und Leia, aber es erscheint unwahrscheinlich, dass einer von beiden gemeint ist. Ist Rey doch eine Skywalker? Kehrt Luke zurück? Oder ist das ganze in irgendeiner Form metaphorisch zu verstehen?

Um auf einer positiven Note zu enden: Insgesamt erhoffe ich mir von Episode IX erst einmal einen gelungenen letzten John-Williams-Star-Wars-Soundtrack, einige schöne neue Auftritte von Ian McDiamird als Darth Sidious (diese können auch noch den schwächsten Film aufwerten) und endlich mal wieder ein wirklich zünftiges Lichtschwertduell, denn diesbezüglich gab es in der Disney-Ära außerhalb von „Star Wars Rebels“ wirklich sehr wenige, und auch die Rebels-Duelle waren nicht immer das Gelben vom Ei bzw. das Weiße vom Lichtschwert.

Der Bücherdrache

9783328600640
Walter Moers‘ Zamonien-Romane sind in der Fantasy-Landschaft recht einzigartig und wohl noch am ehesten mit Terry Prachetts Scheibenwelt-Romanen zu vergleichen. Gerade die ersten fünf Bücher der Serie bestachen durch wirklich herausragende Qualität und sehr abwechslungsreiche, mit vielen Metaspielereien versehene Geschichten. Dann kam jedoch mit „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ein halber Roman, der Moers‘ Fans bestenfalls unbefriedigt und schlimmstenfalls ziemlich wütend zurückließ – die Fortsetzung ist bis heute nicht erschienen. Man fragt sich, ob es Moers ähnlich geht wie George R. R. Martin und Patrick Rothfuss oder ob das tatsächlich Absicht ist, denn auch fast alle vorherigen Zamonien-Romane spielten mit dem Element der Fragmentierung. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ wird nur von der ersten Hälfte seiner 27 Leben erzählt, „Ensel und Krete“ enthält lediglich eine halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, bei „Die Stadt der träumenden Bücher“ handelt es sich nur um die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz‘ „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“ und in „Der Schrecksenmeister“ hat Moers als fiktiver Übersetzer alle Mythenmetz’schen Abschweifungen herausgekürzt. Wie dem auch sei, nach „Labyrinth“ folgte erst eine längere Pause, bis dann schließlich in vergleichsweise kurzer Abfolge „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ und „Der Bücherdrache“ erschienen. Letzterem werde ich mich zuerst annehmen, da es vor kurzem erst erschienen ist, Besprechungen zu den restlichen werden ebenfalls nach und nach folgen.

Eventuell ist „Der Bücherdrache“ tatsächlich ein Zeichen dafür, dass es mit „Das Schloss der träumenden Bücher“, der lang angekündigten Fortsetzung zu „Labyrinth“ nichts mehr wird, denn dieser doch relativ kurze Roman könnte durchaus eine Ausgliederung besagten Werkes sein. Wie fast alle Zamonien-Romane mit Ausnahme von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ handelt es sich auch beim „Bücherdrachen“ um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz, das mit einer interessanten Rahmenhandlung versehen ist. Erstmals im Rahmen dieser Reihe fungiert ein Comic als Pro- und Epilog. In der Einführung wird geschildert, wie Hildegunst in einem zuerst ziemlich wirren Traum den nach ihm benannten Buchling trifft, der ihm anschließend von seiner Begegnung mit dem Bücherdrachen Nathaviel im Ormsumpf, einem bislang unbekannten Teil der Katakomben von Buchhaim, erzählt. Lässt man die ganzen verschachtelten Rahmenhandlung weg, handelt es sich um eine sehr simple Geschichte. Hildegunst Zwei wird von einigen seiner Mit-Buchlinge überredet, den legendären Bücherdrachen aufzusuchen, um Teil des Geheimbunds der „Ormlinge“ zu werden. Das Gespräch mit Nathaviel (Moers Vorliebe für Anagramme hat nicht nachgelassen) nimmt den größten Teil des Werkes ein. Dabei erzählt das Ungetüm, wie es von einem gewöhnlichen Drachen zu einem Bücherdrachen wurde und räumt dabei gleich mit einigen Vorurteilen auf. Der Rest des Gesprächs ist von einer Auseinandersetzung mit dem Dichtertum und natürlich dem Orm geprägt, die diverse Thematiken aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ fortsetzt.

Insgesamt ist „Der Bücherdrache“ mit Sicherheit der beste Zamonien-Roman seit „Der Schrecksenmeister“, aufgrund der geringen Länge allerdings kaum mehr als ein Appetithappen, der auf mögliche weitere Werke hindeutet. So, wie das Werk konzeptioniert ist, kehrt Hildegunst Zwei mit Sicherheit früher oder später zurück, sei es in „Das Schloss der träumenden Bücher“ als dem Abschluss der Buchhaim-Trilogie oder einem anderen Abenteuer.

Zusätzlich zur eigentlichen Geschichte enthält „Der Bücherdrache“ noch eine Leseprobe, die allerdings in eine andere Richtung deutet. Der nächste Zamonien-Roman trägt den Titel „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ und ist zwischen „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ angesiedelt. Ähnlich wie „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist dieses Werk als Brief bzw. Briefe Hildegunst von Mythenmetz‘ an den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer konzipiert. Wie so häufig greift Moers dabei eine bestimmte Thematik auf und arbeitet diese durch. Dieses Mal verschlägt es Hildegunst auf die Nordmeerinsel Eydernorn, deren Leuchtturmkultur er kennen lernen möchte (ja, ja, Moers und seine Anagramme).

Fazit: „Der Bücherdrache“ ist ein gelungenes kleines Abenteuer aus Zamonien, bei dem Walter Moers zwar noch nicht ganz zur alten Größe zurückfindet, das aber doch deutlich besser gelungen ist als die Zamonien-Werke der jüngsten Vergangenheit.

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Captain Marvel

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Story:
Vers (Brie Larson) gehört dem Volk der Kree an und verfügt über enorme Kräfte, hat aber ihr Gedächtnis verloren. Sie wird von ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) trainiert, da sich die Kree im Krieg mit den formwandelnden Skrulls befinden und Vers‘ Kräfte für den Kriegserfolg wichtig sind. Im Verlauf einer Mission wird Vers von dem Skrull-Kommandanten Talos (Ben Mendelsohn) gefangen genommen, der in ihren Erinnerungen wühlt und eine Verbindung zum Planeten Erde feststellt. Vers kann jedoch entkommen und landet auf der Erde, wo sie mit Hilfe des S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) versucht, hinter das Geheimnis ihrer Herkunft zu kommen.

Kritik: Da ist er also, der erste MCU-Film mit einer weiblichen Titelfigur (natürlich gab es noch „Ant-Man and the Wasp“, aber Hope van Dyne musste sich den Titel nun einmal mit Scott Lang teilen). Wie bei ähnlich gearteten Filmen, etwa „Wonder Woman“ oder „Black Panther“, waren die Erwartungen äußerst hoch und die allgemeine Stimmung äußerst geladen. Wie üblich versuche ich, dabei nicht den Film als politische Botschaft welcher Art auch immer zu bewerten, sondern als Film an sich und als Teil seines Franchise.

Nach „Captain America: The First Avenger” ist „Captain Marvel“ erst der zweite MCU-Film, der nicht in „der Gegenwart“, sondern einer historischen Epoche spielt – mit den 90ern wurde allerdings eine gewählt, die uns deutlich näher ist als die 40er. Strukturell erinnert „Captain Marvel“ am ehesten an „Thor“ und bietet, zumindest aus Publikumssicht, eine invertierte Heldenreise. Normalerweise beginnt der Held in einer (verhältnismäßig) alltäglichen Welt, um dann in eine tatsächliche oder metaphorische Abenteuerwelt zu gelangen. Thor und Vers/Carol Danvers dagegen beginnen in phantastischen, extravaganten Welten, und werden nicht von Menschen zu Helden, sondern von Göttern (oder außerirdischen Soldaten) zu Menschen (und dann zu Helden). Und wie bei „Thor“ finden sich im zweiten Akt eine ganze Menge „Fish out of Water“-Elemente, die für den Großteil der Komik verantwortlich sind.

Insgesamt ist „Captain Marvel“ in Ordnung – was gerade für einen Film, auf dem derartige Erwartungen lagen, wohl für viele nicht genug sein dürfte. Der gelungenste Aspekt ist zweifellos die Chemie zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson bzw. das Buddy-Movie-Element des zweiten Aktes – es ist einfach verdammt unterhaltsam, den beiden bei ihren Ermittlungen zuzusehen. Der Rest des Films ist im Großen und Ganzen funktional – relativ wenig sticht positiv oder negativ heraus. Anna Boden und Ryan Fleck sind als Regisseure ziemlich anonym, gerade im Vergleich zu MCU-Regisseuren, die es geschafft haben, den Filmen einen distinktiven Stempel aufzudrücken – man denke an Taika Waititi oder James Gunn.

Das vielleicht größte Problem des Films ist allerdings die Titelfigur. Hier wiederholt sich, was bereits bei „Black Panther“ ein Manko war: Captain Marvel ist als Figur leider nicht besonders interessant oder einnehmend, die Figuren um sie herum, sei es Nick Fury, Yon-Rogg oder selbst der Skrull Talos, sind deutlich interessanter. Der heimlich Star des Films ist natürlich ohnehin die Katze Goose. Am Ende des Films fühlt man sich sogar fast ein wenig an Supermans finalen Auftritt in „Justice League“ erinnert, als Captain Marvel alle Widersacher dann doch deutlich zu leicht und spielend abserviert. Zusätzlich problematisch ist der Umstand, dass Carol Danvers im Grunde auch keine Entwicklung durchmacht. Nur ihre Loyalität verändert sich, das hat aber keine Auswirkungen auf ihren Charakter, sie ist am Ende des Films dieselbe Figur wie am Anfang, was einem Origin-Film nicht gut zu Gesicht steht.

Zur Vorlagentreue des Films kann ich leider nicht allzu viel sagen, da ich mit der Carol-Danvers-Version von Captain Marvel nicht wirklich vertraut bin, ich besitze lediglich einige Geschichten, in denen sie vorkommt, aber keinen ihrer Solo-Titel. Eine Änderung ist mir allerdings tatsächlich sauer aufgestoßen. Carol Danvers ist nicht die erste Captain Marvel, vor ihr gab es bereits Mar-Vell, einen Kree-Krieger, den ich als Figur sehr schätze und der in der exzellenten Graphic Novel „The Death of Captain Marvel“ das zeitliche segnete – nicht im heroischen Kampf gegen einen Superschurken, wohlgemerkt, sondern im auszehrenden Kampf gegen den Krebs. Ohne allzu viel zu spoilern: Mar-Vell taucht in stark veränderter Form in „Captain Marvel“ auf, das Potential, das der Figur inne wohnt, wird aber nicht nur nicht ausgeschöpft, sondern geradezu ignoriert.

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Musik: Mit Pinar Toprak übernahm hier zum ersten Mal eine Frau nicht nur die Titelrolle, sondern auch den Taktstock in einem MCU-Film und liefert einen Score, der sich vor den anderen MCU-Vertretern nicht verstecken muss. Topraks Musik ist durchaus in der Tonalität des MCU verwurzelt, die Verwendung von Elektronik und Synthesizern an der Seite des Orchesters passt gut zur Ära des Films und erinnert sowohl an „Thor: Ragnarök“ als auch ein wenig an Don Davis‘ Matrix-Scores. Das Thema für die Titelfigur ist gelungen, allerdings ist die Abmischung im Film nicht allzu gut, weshalb der Score leider relativ oft untergeht.

Fazit: „Captain Marvel“ ist insgesamt in Ordnung, aber abseits des Umstandes, dass es sich hierbei um den ersten MCU-Film mit einer Frau als alleiniger Titelfigur handelt, weit von der Signifikanz entfernt, die ihm im Positiven wie Negativen beigemessen wird. Der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, bewegt sich aber bestenfalls im Mittelfeld des MCU.

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