Art of Adaptation: Das Foucaultsche Pendel

9783423115810
„Das Foucaultsche Pendel“ (Originaltitel: „Il pendolo di Foucault“) ist, nach „Der Name der Rose“, Umberto Ecos zweiter Roman. Anders der Erstling wurde „Das Foucaultsche Pendel“ bislang weder in Film- noch in Serienform adaptiert. Allerdings hat der WDR Ecos Roman 1990 als Hörspiel umgesetzt – und da sich die ersten beiden Art-of-Adaptation-Artikel mit Filmen auseinandergesetzt haben, ist es an der Zeit, dass ich mich einem anderen Medium zuwende.

Während es sich bei „Der Name der Rose“ in erster Linie um einen Sherlock-Holmes-artigen Krimi im Mittelalter handelte und die ausgiebige Auseinandersetzung mit Geschichte und Philosophie zwar unzweifelhaft einen wichtigen Teil des Gesamtwerks ausmachte, aber letztendlich dem Plot diente, bekommt man bei „Das Foucaultsche Pendel“ mitunter fast den Eindruck, es sei umgekehrt. Bemüht man sich um Genre-Zuordnung, so ist der Roman am ehesten ein Verschwörungsthriller, allerdings trifft es das nicht wirklich, da sich Eco gezielt über das Genre lustig macht bzw. es dekonstruiert.

Handlung
Die Handlung des Romans wird in Rückblenden erzählt und erstreckt sich über mehrere Jahre. Während seiner Studienzeit begegnet der Geschichtsstudent Casaubon in Mailand kurz vor Abschluss seiner Doktorarbeit über die Templer den beiden Verlagsmitarbeitern Jacopo Belbo und Diotallevi. In ihrem Alltag beim Verlag Garamond haben die beiden immer wieder mit den wirren Manuskripten von Verschwörungstheoretikern zu tun; viele von diesen beschäftigen sich früher oder später mit den Tempelrittern. Die drei Männer freunden sich an und so kommt es, dass Casaubon gerade im Verlag anwesend ist, als ein gewisser Oberst Ardenti Belbo vermeintliche Geheimbotschaft der Tempelritter vorlegt, in der es um den Versuch der Templer, die Weltherrschaft an sich zu reißen, geht. Kurz darauf verschwindet Ardenti scheinbar spurlos.

Die nächsten Jahre verbringt Casaubon in Brasilien, wo er mit einer Kommunistin namens Amparo zusammenkommt und über sie einen Mann namens Agliè kennenlernt, der von sich behauptet, der legendäre Graf von Saint Germain zu sein – davon unabhängig ist sein Wissen um alles Okkulte enorm. Nachdem die Beziehung zu Amparo endet, kehrt Casaubon nach Mailand zurück, wo er nun ebenfalls beginnt, im Verlag Garamond zu arbeiten. Just zu diesem Zeitpunkt beschließt der Verlagsleiter, von dem der Verlag seinen Namen hat, im großen Stil Bücher zu den Themen Okkultismus und Esoterik zu publizieren. Das hat natürlich zur Folge, dass sich Casaubon, Belbo und Diotallevi in noch größerem Ausmaß mit Verschwörungstheorien beschäftigen müssen. Der bereits erwähnte Aglié wird ebenfalls als Berater angeheuert. Basierend auf der „Geheimbotschaft“ des Oberst Ardenti beginnen Casaubon, Belbo und Diotallevi, zuerst nur als intellektuelles Spiel, ihre eigene Verschwörung zusammenzusetzen, in dem sie alle anderen Verschwörungstheorien zu einem allumfassenden „Großen Plan“ vereinigen, in dessen Zentrum letztendlich das Foucaultsche Pendel steht.

Doch irgendwann verselbständigt sich der Plan, die drei Freunde verlieren sich immer mehr in dem Monster, dass sie geschaffen haben, selbst als Casaubons neue Lebensabschnittsgefährtin und Mutter seines Kindes, Lia, ihm aufzeigt, dass es sich bei der Geheimbotschaft des Oberst Ardenti eigentlich um einen Merkzettel bzw., wie sie es ausdrückt, um eine Wäscheliste handelt. Zu diesem Zeitpunkt haben allerdings schon andere Geheimgesellschaften und Verschwörungstheoretiker, nicht zuletzt Agilé, vom „Großen Plan“ erfahren. Und wie es nun Mal so ist: Je größer der Unsinn, der in die Welt gesetzt wird, desto mehr Leute glauben ihn. Das führt schließlich dazu, dass Agilé und Konsorten Belbo dazu bringen, nach Paris zu kommen, um dort, in „Anwesenheit“ des Foucaultschen Pendels, das ultimative Geheimnis zu erfahren. An dieser Stelle setzt auch die Rahmenhandlung ein, die primär aus Casaubons Versuchen besteht, alle Ereignisse rund um den „Großen Plan“ zusammenzusetzen und zu rekapitulieren. Bei der Versammlung von Agilés Kultisten, bei der auch Ardenti wieder auftaucht, wird Belbo schließlich vor Casaubons Augen getötet, während Diotallevi bereits an Krebs gestorben ist. Casaubon vermutet, dass auch seine Stunde bald gekommen ist. Auf dieser ungewissen Note endet der Roman.

Die Superverschwörung
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen, befeuert durch Corona, die wildesten Verschwörungstheorien wie, nun ja, wie ein Virus grassieren, ist „Das Foucualtsche Pendel“ definitiv eine lohnende Lektüre, weil es hervorragend aufzeigt, wie die Gedankengänge, die hinter den Verschwörungstheorien stecken, funktionieren: Alles muss Teil der großen Narrative sein, was nicht passt wird passend gemacht. Alles ist mit allem verknüpft, Ursache und Wirkung werden ad absurdum geführt. Schon lange, bevor Dan Brown mit seinen Verschwörungsthrillern bekannt wurde, verfasste Umberto Eco die ultimative Auseinandersetzung und Dekonstruktion – in einem Interview erklärte er sogar, nach der Lektüre von „The DaVinci Code“ sei ihm klar geworden, dass Dan Brown praktisch einer der Protagonisten seines Romans sei (Quelle).

Die größte Stärke ist faszinierenderweise auch die größte Schwäche des Romans: Mit über 800 Seiten in der deutschen DTV-Ausgabe ist „Das Foucaultsche Pendel“ ein ziemlich massiver Klotz. Wie für Eco üblich hat er äußerst umfassend recherchiert; man wird beim Lesen das Gefühl nicht los, dass er möchte, dass der Leser das auch mitbekommt, das Ausmaß an historischen, philosophischen und okkulten Informationen, die der Roman enthält, ist ziemlich groß. Für die Superverschwörung der drei Freunde greift Eco wirklich tief in die Kiste der Geheimgeselleschaften, okkulten Theorien und sonstigen Gruppierungen. Von den Templern über die Illuminaten bis hin zu den Nazis, den Rosenkreuzern, der Kabbala und der Gnosis, alles und jeder wird integriert, selbst Cthulhu wird einmal, wenn auch relativ zusammenhanglos, erwähnt. Die nur allzu bekannte Theorie, die nicht auch zuletzt zur Grundlage des „Da Vinci Code“ wurde, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern habe mit Maria Magdalena eine Familie begründet, aus der das französische Herrschergeschlecht der Merowinger hervorkam, ist besonders prominent vertreten.

Stilistisch könnte der Unterschied zu einem Dan Brown mit seiner atemlosen, Cliffhanger-lastigen und von Actionfilmen inspirierten Erzählweise allerdings kaum größer sein. „Das Foucaultsche Pendel“ kann man beim besten Willen nicht als spannend bezeichnen. Das liegt zum einen am Informationsüberschuss. Dieser sorgt beim Lesen für einen fast schon autistischen Effekt, es fällt schwer, die für die Handlung wirklich wichtigen Details herauszufiltern, weil sie im Wust beinahe untergehen. Die andere Ursache ist die Art und Weise, wie Eco mit seinen Protagonisten umgeht. Als Leser bleibt man stets merkwürdig distanziert von ihnen. Obwohl Casaubon als Ich-Erzähler fungiert, erfahren wir doch nicht einmal seinen Vornamen. Gewissermaßen ist „Das Foucaultsche Pendel“ cleverer, als ihm gut tut. Gerade für diejenigen, die diesen Roman lesen sollten, dürften zu anspruchsvoll bzw. nicht ansprechend oder mitreißend genug sein. Gerade hier wäre weniger mehr gewesen. Aber zum Glück gibt es das Hörspiel…

Wie klingt ein Pendel?
Die Hörspieladaption von Ecos Roman, bei der Otto Düben Regie führte, wurde bereits 1990 vom WDR ausgestrahlt, später vom HörVerlag auf CD herausgebracht und ist recht prominent besetzt. Der bekannte Hörspielsprecher Matthias Haase spricht die Hauptfigure Casaubon, der 2009 verstorbene Film- und Fernsehschauspieler Karl-Michael Vogler leiht Jacopo Belbo seine Stimme und Diotallevi kommt wahrscheinlich jedem bekannt vor, da er von Christian Brückner, bekannt als deutsche Stimme von Robert De Niro, gesprochen wird. Schon allein diese hochkarätige Sprecherriege hilft dem Roman ungemein, da die Figuren, die in Ecos Prosa oftmals schwer greifbar sind, automatisch mehr Charakter bekommen und durch die Leistung der Sprecher deutlich besser „fassbar“ werden.

Auch sonst funktioniert der Adaptionsprozess sehr gut. Vergleicht man den Umfang von Roman und Hörspiel – aus 800 Seiten werden nur 3 CDs – zeigt sich, wie viele der historischen, philosophischen und okkulten Informationen, die im Roman enthalten sind, gekürzt werden können, ohne dass die Handlung wirklich beeinträchtigt wird. Tatsächlich zeigt sich beim direkten Vergleich, wie viele Details in diesem Zusammenhang relativ unnötig sind. Die Kernideen werden dennoch gut vermittelt, ohne die Handlung zu verdummen oder den Anspruch massiv zu reduzieren. Im Bereich der Figurenentwicklung bleibt alles soweit in Takt, lediglich Garamond und die Rolle, die sein Verlag, bzw. der Zweitverlag Manunzio und das Konzept der Buchreihen über Okkultismus spielen, wurde stark reduziert. Diese Aspekte waren für mich, der ich schon einmal in einem ähnlichen Verlag gearbeitet habe, durchaus interessant, auch weil ich einiges wiedererkannt habe, aber hier gilt ebenfalls: Es geht letztendlich auch ohne.

Dem Hörspiel gelingt es, die nötigen Informationen bzgl. der diversen Verschwörungen, Philosophien und Geheimbünde deutlich ökonomischer zu vermitteln, als das im Roman der Fall ist. Alles, was wichtig ist, wird angeschnitten, aber nicht so ausgewalzt, wie es bei Eco der Fall ist. Die Qualität der Sprecher und die stimmungsvolle Musik tun ihr übriges.

Fazit: Hier übertrifft die Adaption sogar die Vorlage. „Das Foucaultsche Pendel“ ist als Hörspiel deutlich angenehmer zu konsumieren als als Roman. Wo Umberto Ecos Text, trotz grandioser Konzeption, deutlich zu viele Informationen auf zu spröde Weise vermittelt, sodass die Figuren und die Handlung leiden, gelingt dem Hörspiel, nicht zuletzt auch dank der hervorragenden Sprecherriege, eine deutlich bessere Balance.

Bildquelle

The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos

51GpYSwL1IL._SX331_BO1,204,203,200_
Unglaublich, dass ich diese Monographie jetzt erst entdeckt habe, ist sie doch praktisch die definitive Auseinandersetzung mit dem sog. „Cthulhu-Mythos“. „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” wurde, wie könnte es auch anders sein, von S. T. Joshi verfasst, der nach wie vor und völlig zurecht als führende Autorität der Lovecraft-Forschung gilt – er hatte sogar einen kleinen Gastauftritt in Alan Moores Lovecraft-Meta-Comicserie „Providence“. Die erste Edition von „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” erschien bereits 2008, für die zweite Auflage, die 2015 auf den Markt kam, wurde das Werk noch einmal überarbeitet und natürlich um die seit 2008 erschienen Werke erweitert. Man sollte hier allerdings keine komplette Auflistung aller Autoren und Geschichten erwarten, die jemals etwas zum „Cthulhu-Mythos“ beigetragen haben – dafür bräuchte es ein mindestens doppelt so dickes Werk. Auch konzentriert sich Joshi fast ausschließlich auf englischsprachige Beiträge, sodass beispielsweise Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“, nach wie vor eine meiner liebsten Mythos-Geschichten, keine Erwähnung findet.

Da der Begriff „Cthulhu-Mythos“ an sich schon umstritten ist, bemüht sich Joshi um eine begriffliche Abgrenzung; „Cthulhu-Mythos“ fungiert dabei als Oberbegriff. Für alle Geschichten von Lovecraft selbst, die dem Mythos zugeordnet werden, benutzt er den Begriff „Lovecraft-Mythos“. Bekanntermaßen hat sich HPL nie selbst um eine Bezeichnung für seine Pseudomythologie gekümmert, auch wenn er das eine oder andere Mal spaßeshalber von „Yog-Sothothery“ sprach. Wenn Joshi also vom „Lovecraft-Mythos“ spricht, bemüht er sich, Lovecrafts Geschichten von denen aller anderen Autoren abzugrenzen. Dem entgegen setzt er den Begriff „Derleth-Mythos“, mit dem er die spezifische Ausprägung des Mythos bezeichnet, die auf August Derleth und dessen Uminterpretation von Lovecrafts Werk zurückzuführen ist.

Die Definition des Mythos, sei es „Lovecraft-„ oder „Cthulhu-“, ist grundsätzlich recht diffizil. In der Einführung legt Joshi vier Kriterien bzw. Elemente fest, die man den Mythos-Geschichten attestieren kann und die deren Mythos-Zugehörigkeit aufzeigt. Dazu gehören Lovecrafts fiktive Topographie Neuenglands mit Städten wie Arkham oder Innsmouth, die immer wieder auftauchenden okkulten Werke wie das Necronomicon, die diversen außeridischen Götter und kosmischen Entitäten wie Cthulhu, Azathoth oder Yog-Sothoth und schließlich der Kosmizismus, also die philosophische Einstellung an sich. Aus diesem Grund rechnet Joshi „The Colour out of Space“ beispielsweise auch zum „Lovecraft-Mythos“, obwohl hier keine der Gottheiten auftaucht.

Das erste Kapitel, „Anticipation“, setzt sich mit Lovecrafts Werken von 1917 bis 1926 und der „Mythos-Entwicklung“ auseinander – hier bespricht Joshi Geschichten wie „Dagon“, „The Nameless City“ oder „The Festival“, die Stilmittel oder Elemente des Mythos beinhalten, aber noch nicht unbedingt als vollwertige Mythos-Geschichten zu werten sind. Das zweite Kapitel, „The Lovecraft Mythos: Emergence“, behandelt die Werke von 1926 bis 1930. Hier beginnt sich der tatsächliche Mythos, angefangen mit „The Call of Cthulhu“ – in Thema, Struktur, Aufbau etc. immer noch DIE archetypische Mythos-Geschichte – tatsächlich zu entwickeln. Kapitel III, „The Lovecraft Mythos: Expansion“, setzt sich schließlich mit der dritten Phase von Lovecrafts Schaffen auseinander und handelt die Geschichten von 1931 bis 36 ab. Diese Phase ist vor allem von einer Wandlung geprägt; Lovecrafts Geschichten bekommen in dieser Zeit eine stärkere Science-Fiction-Färbung, gerade Storys wie „At the Mountains of Madness“ dekonstruieren den Mythos regelrecht. Die Kapitel IV und V beschäftigen sich mit den Autoren, die bereits zu Lovecrafts Lebzeiten und in Rücksprache mit ihm Mythos-Geschichten verfasst haben, wobei hier ein „Geben und Nehmen“ zu beobachten ist. Autoren wie Robert E. Howard, Clark Ashton Smith und Frank Belknap Long (viertes Kapitel „Contemporaries: Peers“) bedienten sich nicht nur diverser Elemente aus Lovecrafts Geschichten, Lovecraft baute seinerseits Verweise in seine Werke ein. Ähnlich verhält es sich mit einigen etwas jüngeren Autoren, beispielsweise Robert Bloch, der später vor allem durch seinen Roman „Psycho“ (und nicht zuletzt durch die Verfilmung) bekannt werden sollte (fünftes Kapitel, „Contemporaries: Scions“).

In Kapitel VI setzt sich Joshi ausführlich mit August Derleth und seiner Interpretation bzw. Umdeutung des Mythos auseinander – statt kosmischer Horror ein Kampf von Gut gegen Böse inklusive guter „Äußerer Götter“ als Gegenstück zu den bösen „Großen Alten“; besagte „Äußere Götter“ gab es in dieser Form bei Lovecraft nie. Der Atheist Lovecraft hätte mit der katholisch geprägten Umdeutung seines Werkes sicher massive Probleme gehabt. In jedem Fall merkt man, dass Joshi Derleth nicht allzu sehr schätzt – um es milde auszudrücken. Hätte Derleth „nur“ Mythos-Geschichten mit dieser philosophischen Haltung geschrieben, wäre das Urteil wahrscheinlich bei weitem nicht so harsch ausgefallen, Joshis primäres Problem mit Derleth ist allerdings der Umstand, dass er Lovecraft seine Interpretation „aufdrückt“ und zur einzig gültigen erklärt, obwohl aus Lovecrafts Geschichten und Briefen mehr als deutlich wird, dass Derleth falsch liegt.

Dass sich Derleths Version des Mythos nicht durchgesetzt hat, attestiert Joshi primär der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Lovecraft. Nach Kapitel VIII, „Interrgenum“, in dem er die Mythos-Werke abseits von Derleth bis in die 70er bespricht, beschreibt er in Kapitel IX, „The Scholarly Revolution“ die Entwicklung besagter Auseinandersetzung und die Auswirkung, die diese auf Mythos-Autoren und Werke hatte. Besonders wird dabei ein Essay mit dem Titel „The Derleth Mythos“ von Richard L. Tierney hervorgehoben, das Joshi als essentiell für das Absterben des „Derleth-Mythos“ ansieht, aber die Beiträge zur Lovecraft-Forschung von Dirk W. Mosig, David E. Schultz oder auch Joshi selbst werden gewürdigt.

In den letzten beiden Kapiteln, „Recrudescence“ und „Resurgence“, bemüht sich Joshi, einen Überblick über die verschiedenen Werke und Strömungen des „Cthulhu-Mythos“ in englischer Sprache zu bieten, was aufgrund der schieren Masse an Publikationen natürlich ein schwieriges Unterfangen ist, weshalb er auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Dennoch, wer Empfehlungen für Mythos-Geschichten aus den letzten drei bis vier Jahrzehnten sucht, wird in diesen beiden Kapiteln definitiv fündig.

Fazit: S.T. Joshis „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” ist für alle Lovecraft-Fans und Forscher ein unverzichtbares Begleitwerk, in dem detailliert die Entwicklung des sog. „Cthulhu-Mythos“ gezeichnet wird, von den Ursprüngen bei Lovecraft über August Derleths Entgleisungen bis hin zu den modernen Ausprägungen.

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos

Die Untoten

Download (2)
Ich stehe auf schöne Bücher und habe mir auch schon Exemplare primär aus ästhetischen Gründen angeschafft. Ein grundlegendes Interesse am Inhalt sollte natürlich schon vorhanden sein, aber wahrscheinlich hätte ich mir keinen Sammelband der Jules-Verne-Romane in englischer Übersetzung angeschafft, hätte er nicht diesen wunderschönen roten Ledereinband und sähe so grandios aus neben meinen anderen Exemplaren der Reihe „Barnes and Noble Leatherbound Classics“. Hin und wieder gibt es dann allerdings auch wirklich Glücksgriffe, die einen zufällig in der Buchhandlung geradezu anspringen, die wie für einen gemacht scheinen und bei denen sich Inhalt und Form perfekt ergänzen. „Die Untoten“ von Johan Egerkrans gehört zu diesen Glücksfällen.

Bei Johan Egerkrans handelt es sich um einen schwedischen Kinderbuchillustrator, dieses spezielle „Bilderbuch“ ist allerdings definitiv nicht für Kinder geeignet – dafür trifft es aber genau meinen Geschmack. Nicht nur sieht es mit dem schwarzen Leineneinband mit Goldprägung exquisit aus, der Inhalt ist auch wie für mich gemacht. Es handelt sich hierbei um eine Überblicksdarstellung diverser Untoter aus allen Teilen der Welt. Nach einer allgemeinen Einführung sind diese Wesen – Egerkrans konzentriert sich hier auf Untote aus Mythen und Legenden, nicht aus der moderneren Literatur – geografisch geordnet. Es beginnt mit den europäischen Kreaturen, die einem als Leser aus diesen Gefilden wohl noch am vertrautesten sind; Sukkubus, Strigoi, Nachzehrer, Banshee und Lamia haben es doch immer wieder in die Popkultur geschafft. Danach folgen die Untoten aus Afrika und dem Nahen Osten, aus Amerika sowie aus Asien und Ozeanien. Diese dürften im Mainstream weitaus weniger bekannt sein, selbst mir ist auf diesen Seiten das eine oder andere Wesen begegnet, von dem ich noch nie zuvor gehört habe.

Es handelt sich bei „Die Untoten“ um eine schöne bebilderte Überblicksdarstellung, die Texte zu den einzelnen Kreaturen gehen nicht besonders in die Tiefen, bieten aber einen guten und kompakten Überblick über das jeweilige Wesen. Das primäre Argument für dieses Buch sind ohnehin die Illustrationen von Johan Egerkrans und diese sind – in einem Wort – schlicht grandios. Egerkrans hat einen eher kantigen Stil, der an eine detaillierter Version der Zeichnungen von Mike Mignola erinnert und der zur Thematik des Werkes perfekt passt. Die Bebilderung ist bizarr, makaber, auf ihre ganz eigene Art aber wirklich wunderschön und unglaublich stimmig. Egerkrans gelingt es perfekt, diese Untoten aus den verschiedensten Kulturen passend einzufangen, sodass sie besagte Kultur entsprechend repräsentieren. Zugleich schafft er es, eine einheitliche, gotisch-romantische Stimmung zu erzeugen, die von der Einbandgestaltung unterstützt wird. Besonders angetan haben es mir Egerkrans‘ Interpretation der Lamia, des Asanbosam, des Wendigo, des Draug, der Manananggal und der Yuki Onna. Egerkrans hat auch die Götter und Kreaturen der nordischen Mythologie in ähnliche konzipierten Bänden umgesetzt – diese stehen bereits auf dem Einkaufszettel.

Fazit: Egal ob als Recherchestartpunkt, zur Inspiration oder nur zum Schmökern und Genießen, Johan Egerkrans‘ „Die Untoten“ ist eine wunderschöne und herrlich illustrierte Überblicksdarstellung der Geister, Blutsauger und Wiedergänger aus den Mythen der Welt, die sich kein Freund des Gotischen oder Makaberen entgehen lassen sollte.

Bildquelle

Art of Adaptation: Die neun Pforten

Enthält Spoiler zu Roman und Film

Bei „Der Club Dumas“ (Originaltitel: „El Club Dumas“), verfasst von dem spanischen Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte und erschienen im Jahr 1993, handelt es sich um einen Roman, den ich erst kürzlich in Hörbuchform konsumiert habe. Die Filmadaption dagegen kenne ich schon ziemlich lange, sie stammt aus dem Jahr 1999 und trägt den Titel „Die neun Pforten“ (Originaltitel: „The Ninth Gate“), Regie führte Roman Polanski. In Bezug auf das Thema „Adaption“ ist dieser Film ein sehr interessantes Studienobjekt. Pérez-Revertes Roman hat zwei übergreifende Handlungsstränge – den einen adaptieren Polanski und seine Drehbuch-Co-Autoren John Brownjohn und Enrique Urbizu mit Abstrichen sehr Vorlagengetreu, während sie den anderen komplett fallen lassen.

Handlung
Der Bücherhändler und -jäger Corso (Johnny Depp) wird von einem enigmatischen Sammler (Frank Langella) angeheuert. Besagter Sammler, der sich auf Bücher, die sich mit Satan beschäftigen, spezialisiert hat, hat ein enorm seltenes Buch erworben: „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“, entstanden im 17. Jahrhundert und verfasst und gedruckt von Aristide Torchia. Der vorherige Besitzer hat kurz nach dem Verkauf Selbstmord begangen. Es sind noch zwei weitere Exemplare des Werkes bekannt, eines befindet sich in Spanien, das andere in Paris. Der Sammler vermutet, dass nur eines der drei Exemplare das richtige ist und beauftragt Corso damit, die drei Exemplare miteinander zu vergleichen. Sollte sich herausstellen, dass eines der anderen das richtige ist, kommt ein Folgeauftrag hinzu: Er soll das richtige um jeden Preis an sich bringen. Nach einem kurzen Intermezzo mit der Witwe des toten Vorbesitzers (Lena Olin) begibt sich Corso zu den Gebrüdern Ceniza (José López Rodero), bei denen es sich um hochtalentierte Antiquare handelt, um in Erfahrung zu bringen, ob die Fälschung eines Buches wie „Die neun Pforten“ überhaupt möglich ist. Die Brüder bestätigen, dass eine Fälschung möglich, allerdings sehr unwahrscheinlich und kostspielig wäre. Im Anschluss begibt sich Corso zum Besitzer der zweiten Ausgabe, einem verarmten Büchersammler namens Victor Fargas (Jack Taylor). Dieser erlaubt ihm, die beiden Exemplare der „Neun Pforten“ miteinander zu vergleichen. Dabei fällt Corso auf, dass die Holzschnitte nicht miteinander übereinstimmen. Es sind immer nur kleine Details – Schlüssel, die sich in unterschiedlichen Händen befinden, zugemauerte Eingänge etc. In jeder der beiden Ausgaben sind drei Holzschnitte mit LCF signiert, im Gegensatz zu den sechs anderen, die vom Autor selbst angefertigt wurden.

Bereits am Anfang seiner Reise ist Corso eine mysteriöse Blondine (Emmanuelle Seigner) aufgefallen, die ihn regelrecht zu verfolgen scheint und ihn nun warnt. Tatsächlich, Corso findet Fargas am nächsten Tag tot auf und sein Exemplar der „Neun Pforten“ wurde zerstört, die LCF-Holzschnitte wurden zuvor entfernt. Zusammen mit der Blondine, die nun zu Corsos Reisebegleiterin wird, begibt sich der Bücherjäger nach Paris, um die Besitzerin der dritten Ausgabe der „Neun Pforten“ aufzusuchen. Die Baroness (Barbara Jefford) ist zunächst zögerlich, erlaubt Corso dann jedoch, ihr Exemplar zu studieren. Auch hier findet Corso abermals drei Holzschnitte mit den LCF-Initialen. Somit ist klar: Erst, wenn man alle drei Ausgaben besitzt, hat man auch alle neun Holzschnitte, mit denen dann angeblich der Teufel beschworen werden kann. Doch die Ereignisse wiederholen sich, die Baroness wird ermordet und die LCF-Holzschnitte werden gestohlen – genauso wie Corsos Exemplar. Will er sich nicht den Zorn seines Auftraggebers zuziehen, sollte er sich schleunigst daran machen, die gestohlenen Holzschnitte und das Exemplar zurückzubringen. Die Spur führt in zur Witwe des ursprünglichen Besitzers…

Der Teufel im Detail
Diese Inhaltsangabe habe ich so verfasst, dass sie sowohl für den Film als auch für den Roman funktioniert. Bevor ich auf den völlig ignorierten Handlungsstrang zu sprechen komme, zuerst noch das eine oder andere Detail, das geändert wurde – hier sind vor allem die Namen und der Ausgangsort der Handlung betroffen, sowie einige andere Details. Da Arturo Pérez-Reverte Spanier ist, verwundert es nicht, dass die Handlung auch in Spanier beginnt und endet. Polanski verlegte die Handlung dagegen nach New York – dementsprechend änderte er auch den Namen des Protagonisten, der im Roman Lucas Corso heißt, während er im Film Dean Corso genannt wird. Der ehemalige Besitzer der „Neun Pforten“, der sich zu Beginn der Handlung umbringt, heißt bei Pérez-Reverte Enrique Taillefer, amerikanisiert wird aus ihm Andrew Telfer. Ähnlich wurde mit seiner Frau verfahren; im Roman Lianna Taillefer, im Film Liana Telfer. Und aus der Baroness Frieda Ungern, der Besitzerin der dritten Ausgabe, wird im Film aus mir recht unerfindlichen Gründen Frieda Kessler. Am interessantesten ist jedoch die Adaption des Auftraggebers: Eigentlich ist diese Figur sehr vorlagengetreu umgesetzt, allerdings trägt genau dieser Charakter, der die „Neun Pforten“ erwirbt und Corso anheuert, im Roman den Namen Varo Borja, während die Figur, die bei Pérez-Reverte als Boris Balkan auftritt und als Chronist der Ereignisse fungiert, im Film kein Gegenstück hat. Natürlich finden sich abseits dieser Figuren noch diverse weitere kleinere und größere Abweichungen, vor allem gegen Ende hin, allerdings folgt der Film der Romanhandlung und ihren Stationen insgesamt sehr genau.

Der Dumas-Faktor
Wer nur mit „Die neun Pforten“ vertraut ist, mag sich vielleicht fragen, weshalb die Romanvorlage eigentlich den Titel „Der Club Dumas“ trägt. Kommen wir nun also zum zweiten, aus dem Film getilgten Handlungsstrang. Bei Pérez-Reverte führt Corso nämlich Parallel zur Untersuchung der „Neun Pforten ins Reich der Schattem“ einen weiteren Auftrag aus. Es handelt sich hierbei um die Untersuchung eines Manuskripts, bei dem es sich angeblich um eine Original-Handschrift aus den „Drei Musketieren“ von Alexandre Dumas handelt. Während Varo Borja im Roman die Rolle einnimmt, die Boris Balkan im Film innehat, ist die Romanversion von Balkan ein Dumas-Experte und hat nichts mit Satanismus am Hut. Auch Lianna Taillefer ist im Roman nicht hinter den „Neun Pforten“ her (was allerdings lange unklar bleibt), sondern hinter dem Dumas-Manuskript. Selbst vor dieser Enthüllung sind die beiden Handlungsstränge voneinander merkwürdig separiert und wollen nicht so recht ineinandergreifen. Während Corso sich im Film immer wieder in Situationen wiederfindet, die an die Holzschnitte aus den „Neun Pforten“ erinnern, tauchen im Roman immer mehr Parallelen zu den „Drei Musketieren“ auf. Lianna Taillefer stilisiert sich selbst als Milady de Winter mit ihrem eigenen Rochefort. Gegen Ende des Romans kommt dann heraus, dass beide Handlungsstränge tatsächlich überhaupt nicht zusammenhängen und die Verknüpfungen lediglich von Corso fälschlicherweise wahrgenommen wurden. Varo Borja endet zwar ähnlich wie die Film-Version von Boris Balkan, aber das wird eher als Nachgedanke inszeniert.

Für den Film konzentrierte sich Polanski ausschließlich auf die Handlung um die „Neun Pforten“ und reichert Corsos Recherchereise mit Elementen eines okkulten Thrillers an (mit diesem Genre hat er ja einige Erfahrungen). Die enigmatische Begleiterin Corsos, die im Roman scherzhaft „Irene Adler“ genannt wird (ausnahmsweise Doyle statt Dumas), besitzt im Film eindeutig übernatürliche Kräfte; während sie bei Pérez-Reverte behauptet, ein gefallener Engel zu sein, scheint das bei Polanski tatsächlich zuzutreffen. Im Roman taucht der echte neunte Holzschnitt darüber hinaus auch nicht auf und Corso macht sich am Ende auch nicht daran, das Ritual selbst durchzuführen, nachdem Balkan/Borja daran gescheitert ist.

Urteil
„Der Club Dumas“ ist in Essenz ein ähnlich bibliophiler Roman wie „Der Name der Rose“ oder „Die Stadt der träumenden Bücher“ – besonders an letzteres Meisterwerk von Walter Moers wurde ich immer wieder erinnert. Lucas Corso besitzt zwar nicht unbedingt Ähnlichkeiten mit Hidlegunst von Mythenmetz, aber durchaus mit Colophonius Regenschein, da beide im Grunde Bücherjäger sind und den alten Schwarten mit detektivischem Geschick zu Leibe rücken. Dementsprechend besteht ein großer Teil des Romans auch aus Erläuterungen rund um das Buch-, Verlags- und Druckwesen – mit einem gewissen Fokus auf Alexandre Dumas. Das ist allerdings keinesfalls dröge oder langweilig, Pérez-Reverte bereitet das Ganze äußerst unterhaltsam auf, da die Informationen für Corsos Tätigkeit und die Handlung relevant sind. Corso gibt dabei auch einen durchaus brauchbaren Protagonisten ab, der eigentlich zynisch und etwas zwielichtig ist, aber nach und nach von den Ereignissen mitgerissen wird. Ganz allgemein ist „Der Club Dumas“ äußerst spannend geschrieben. In der Hörbuchfassung kommt noch David Nathans Interpretation dazu, die wie üblich erstklassig ist. Amüsanterweise gehört „Die neun Pforten“ zu den Filmen, in denen Nathan nicht Johnny Depp spricht. Das größte Problem des Romans ist das letzte Drittel und der Umstand, dass die beiden Handlungsstränge eben nicht zusammenhängen. Das Ende wirkt fast schon enttäuschend; die Handlung flacht im Grunde einfach ab.

Gerade hier weiß die Filmadaption Abhilfe zu schaffen, da sie durch die Eliminierung des Dumas-Plots die dramaturgischen Probleme des letzten Drittels elegant umschifft. Ironischerweise unterscheiden sich die Ereignisse in Buch und Film gar nicht so sehr voneinander, es ist lediglich die Art und Weise, wie sie präsentiert und kontextualisiert werden. Der titelgebende Club Dumas, in dem Boris Balkan und Liana Teillefer Mitglieder sind, wird durch eine Gruppe von Satanisten ersetzt und das restliche Geschehen wird dramatischer interpretiert. Diese Veränderungen sorgen auch dafür, dass „Die neun Pforten“ zu einem okkulten Thriller werden, was bei „Der Club Dumas“ nicht der Fall ist; wo es im Roman eine gewisse Ambiguität gibt, schafft der Film Klarheit, „Irene Adler“ ist tatsächlich Satan oder eine Dämonin. In diesem Zusammenhang muss allerdings auch gesagt werden, dass diese Klarheit in Bezug auf das Übernatürliche mitunter etwas überdreht und lächerlich wirkt, besonders dann, wenn „Irene Adler“ zu fliegen anfängt.

Letztendlich sind sowohl Roman als auch Film empfehlenswert, sofern man sich für die entsprechenden Thematiken interessiert – dennoch ist „Die neun Pforten“ als Adaption schwierig zu bewerten, da eben doch ein essentielles Element des Romans, das ihm sogar seinen Namen gibt, komplett ausgelassen wird. Aber als Film funktioniert „Die neun Pforten“, besonders in dramaturgischer Hinsicht, mit Fokus auf eben jenes satanische Buch zweifelsfrei am besten.

Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I

Amazing_Stories_v02n06_p556_The_Colour_out_of_Space
„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine von Lovecrafts besten Geschichten und als Schulbuchbeispiel des kosmischen Horrors, es handelt sich dabei um eine der wenigen Erzählungen, mit denen Lovecraft selbst zufrieden war. Verfasst wurde sie im März des Jahres 1927 und veröffentlicht einige Monate später, im September des selben Jahres auf den Seiten des Magazins Amazing Stories. Das wirklich faszinierende an dieser Story ist der Umstand, dass sie trotz des Status, den sie genießt, nicht im engeren Sinne zu dem gehört, was August Derleth schließlich als „Cthulhu-Mythos“ bezeichnete: Kein Necronomicon, keine Großen Alten oder Äußere Götter – lediglich die Stadt Arkham wird erwähnt und schafft so eine mehr oder weniger subtile Verknüpfung. Dennoch wird „The Colour out of Space“ wegen ihrer Beliebtheit nur allzu gerne mit dem „Mythos“ in Verbindung gebracht und taucht in den einschlägigen Mythos-Anthologien wie „The Complete Cthulhu Mythos Tales“ von Barnes and Noble (ein wirklich sehr schön aufgemachtes Buch) auf. Auch im Grundregelwerk des Pen&Paper-Rollenspiels „Cthulhu“ (im Original „Call of Cthulhu“ von Chaosium, hierzulande von Pegasus herausgebracht) taucht die titelgebende Farbe auf und wird als „Mythos-Wesenheit“ klassifiziert. Der Grund dafür ist letztendlich sehr simpel: In kaum einer anderen Geschichte kann das kosmische Grauen, das Lovecraft vermitteln wollte, so unmittelbar wahrgenommen werden.

Obwohl Lovecraft nach wie vor kaum als Mainstream bezeichnet werden kann, ist „The Colour out of Space“ wahrscheinlich diejenige seiner Geschichten, die am häufigsten direkt adaptiert wurde. Im Rahmen dieses dreiteiligen Artikels werde ich mir zumindest einige dieser Adaptionen genauer ansehen. Teil I setzt sich mit der Geschichte selbst und zwei Audio-Umsetzungen auseinander, Teil II betrachtet zwei ziemlich aktuelle Filmadaptionen, „Die Farbe“ aus dem Jahr 2010 und „Color out of Space“ aus dem Jahr 2019 und Teil III vergleicht drei verschiedene Comic-Versionen.

Handlung
Ein neues Wasserreservoire für die Stadt Arkham soll gebaut werden – hierzu ist es nötig, das Gelände eines alten Bauernhofes zu fluten. Zuvor soll es allerdings von einem Landvermesser aus Boston überprüft werden. Dieser stellt Nachforschungen an und beginnt sich für das Gelände, das bei den Einwohnern als verflucht gilt, zu interessieren. Er findet heraus, dass in der Gegend noch ein alter Einsiedler namens Ammi Pierce lebt, den er schließlich aufsucht. Ammi Pierce erzählt dem Landvermesser von der Familie, die das Gelände ursprünglich bewohnte. Die Garnders bewirtschafteten den Hof erfolgreich, bis 1882 ein Meteorit auf dem Gelände neben einem Brunnen abstürzte. Der Meteorit brachte etwas zur Erde, das sich in Form einer Farbe jenseits des bekannten Spektrums zeigt. Langsam breitete sich die Farbe aus und begann, das Land zu beeinflussen. Die Früchte der Gardners wurden riesig, schmeckten jedoch widerlich. Dann begannen nach und nach Flora und Fauna zu mutieren, zuerst nahmen sie die fremdartige Farbe aus dem All an, um anschließend abzusterben und grau und spröde zu werden. Das Vieh starb und auch die Gardners selbst wurden nicht verschont. Nabby, die Mutter, und ihr Sohn Thaddeus wurden langsam wahnsinnig, bis Letzterer starb, während sein jüngerer Bruder Merwin im Brunnen verschwand. Auch Nahum, der Vater, verlor langsam den Verstand. Bei seinem letzten Besuch auf der Farm musste Ammi Pierce feststellen, dass auch der dritte Gardner-Sohn, Zenas, gestorben war, Nahum jeden Sinn für die Realität verloren hatte und Nabby auf dem Dachboden grau und spröde geworden war. Schweren Herzens erlöste Ammi sie von ihrem Leiden. Kurz darauf starb auch Nahum, allerdings nicht, ohne vorher von dem Wesen zu erzählen, das offenbar im Brunnen existiert. Daraufhin alarmierte Ammi die Berhöden, die im Brunnen nichts mehr fanden, aber bald darauf das Leuchten der Farbe aus dem All selbst erlebten. Seither gilt die Gegend als verflucht und die grauen Überreste der Farbe breiten sich weiter aus, langsam zwar, aber unaufhaltsam. Der Landvermesser kündigt, weiß dabei aber, dass er die Flutung des Gebiets nicht aufhalten können wird – und dass das, was immer noch im Brunnen lebt, das neue Wasserreservoire beeinflussen wird.

Struktur und Kontext
Abgesehen vom bereits erwähnten Mangel an „Cthulhu-Mythos-Komponenten“ wie dem Necronomicon und ähnlichen Schriften, den Gottheiten oder sonstigen Kreaturen, ist „The Colour out of Space“ in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für viele typische Lovecraft-Stilmittel. Die Rahmenhandlung wird von einem namenlosen Ich-Erzähler, besagtem Landvermesser, erzählt, während die eigentlichen Ereignisse rund um die Aktivitäten der Farbe (sofern man davon sprechen kann) als Binnenerzählung vermittelt werden. Einer derartigen Struktur bediente sich Lovecraft immer wieder gerne, am prominentesten und verschachteltsten natürlich in „The Call of Cthulhu“. Im Vergleich dazu ist „The Colour out of Space“ noch recht unkompliziert, auch wenn Binnenerzähler Ammi Pierce seinerseits nicht bei allen Ereignissen zugegen ist und mitunter Dinge wiedergibt, die ihm Nahum Gardner erzählt hat.

Ort der Handlung ist – ebenfalls kaum verwunderlich – Lovecrafts Heimat Providence. Auch sonst passt „The Colour out of Space“ gut ins Œuvre; an Geschichten wie dieser zeigt sich besonders gut, wie sich Lovecraft als Autor vom Horror á la Poe langsam in Richtung Science Ficition entwickelte, was schließlich in Geschichten wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow out of Time“ kulminierte. Noch immer finden sich typische Elemente des Horror-Genres und der Gothic Fiction, deren Ursprung jedoch in den Tiefen des Kosmos liegt. Die Ergebnisse sind ebenfalls recht bekannt: Wahnsinn, Mutationen, Body Horror. Was „The Colour out of Space“ zu so einer herausragenden Beispiel des kosmischen Horrors macht, ist die schiere Fremdartigkeit der Farbe. Tatsächlich denke ich, sollte die Menschheit jemals auf außerirdisches Leben stoßen, wird es sich dabei wahrscheinlich um etwas wie diese Farbe handeln, ein Wesen, sofern man hier von einem Wesen sprechen kann, das kaum greifbar und jenseits unseres Verstehens ist. Selbst Cthulhu und die meisten seiner Konsorten sind leichter zu begreifen als die Farbe, der es an jedweder nachvollziehbarer Motivation fehlt. Folgt sie nur ihrer Natur, so sie denn eine hat? Ist sie ein lebendiges Wesen? Oder doch etwas völlig anderes? Besonders die schleichende Verderbnis und den Verfall, die die Farbe mit sich bringt, schildert Lovecraft äußerst effektiv und eindringlich.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Verhalten der Familie Gardner: Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in ihrer Situation längst das Weite gesucht, Nahum Gardner besteht allerdings stur darauf, seine Farm nicht aufzugeben und reißt seine Familie so in den Abgrund. Allerdings wird zumindest angedeutet, dass dieses Verhalten ebenfalls auf die Farbe zurückzuführen ist und sie den Verstand der Gardners deutlich früher und subtiler beeinflusst, als es den Anschein hat. Immerhin: Auch Ammi Pierce ist trotz allem nicht aus der Gegend weggezogen.

Im Aufbau der Geschichte offenbart sich außerdem noch eine weitere Parallele zu „The Call of Cthulhu“. Der eigentliche Erzähler kommt nie wirklich in Kontakt mit dem Schrecken, sei es die Farbe oder der schlummernde Große Alte. Als Ammi Pierce mit dem Landvermesser spricht, liegen die eigentlichen erschreckenden Ereignisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, während der Erzähler in „The Call of Cthulhu“ vom titelgebenden Schrecken nur aus Berichten erfährt. In beiden Fällen scheint das Grauen überwunden zu sein, beide Protagonisten erfahren jedoch, dass dem keines Falls so ist und dass die Ereignisse, von denen sie gehört bzw. gelesen haben, lediglich ein Vorspiel sein könnten.

Kann man Farben hören?
Gruselkabinett-90-Die-Farbe-aus-dem-All

Zumindest diese Farbe kann man hören. „The Colour out of Space“ wurde, wie so viele andere Lovecraft-Geschichten auch, mehrfach als Hörbuch und Hörspiel adaptiert. Vor allem im englischsprachigen Bereich gibt es einige, wer diesbezüglich auf Audible sucht, wird diese Story sowohl separat als auch als Teil diverser Anthologien problemlos finden. Auch Deutsch existiert ebenfalls die eine oder andere Version, Miss Booleana hat hier beispielsweise eine Lesung mit Ernst Meincke besprochen. Die erste Audio-Version dieser Geschichte, die ich mir zu Gemüte geführt habe, findet sich in der Hörbuchproduktion „H. P. Lovecraft Gruselbox“, die ausnahmsweise nicht von LPL Records stammt und auch ein wenig anders konzipiert ist als die Lovecraft-Anthologie-Hörbücher dieses Labels. Zusätzlich zu den Erzählungen „The Hound“, „The Festival“, „The Picture in the House“ und natürlich „The Colour out of Space” werden auch einige Gedichte Lovecrafts im Original vorgetragen, während das „Orchester der Schatten“ für musikalische Untermalung sorgt – für meinen Geschmack ein wenig zu aufdringlich, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Geschichten werden routiniert von Simon Jäger, bekannt als deutsche Stimme von Heath Ledger, Josh Hartnett und Matt Damon vorgelesen. Seine Interpretation von „The Colour out of Space“ ist solide und gut hörbar, allerdings nicht herausragend oder in irgend einer Form besonders erwähnenswert.

Die wirklich interessante Audio-Adaption von „The Colour out of Space” findet sich, wie so häufig, in der Reihe in der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien. Wenn Marc Gruppe, der nicht nur mit Stephan Bosenius das Label leitet, sondern auch für die Drehbücher der Hörspiele verantwortlich ist, klassische Schauerliteratur adaptiert, tut er das meistens sehr vorlagengetreu. Bei den Lovecraft-Hörspielen ist das allerdings nicht immer der Fall, gerade „Berge des Wahnsinns“ fühlte sich mit den eingefügten weiblichen (bzw. fast schon feministischen) Figuren und der Eliminierung aller Verweise auf den „Cthulhu-Mythos“ tatsächlich eher wie eine Hollywood-Bearbeitung des Stoffes an. Auch in „Die Farbe aus dem All“ (deutscher Titel verweist von nun an auf das Hörspiel, der englische auf Lovecrafts Geschichte) wurde eine zusätzliche weibliche Figur hinzugefügt, die sich allerdings deutlich weniger fremdartig anfühlt als ihr Gegenstück in „Berge des Wahnsinns“. Dem bei Lovecraft namenlosen Landvermesser, der im Hörspiel den Namen Frank Burger (Johannes Berenz) trägt, wird eine Kollegin namens Rose Kenny (Melanie Pukaß) an die Seite gestellt, die wohl einerseits den eklatanten Mangel an weiblichen Figuren bei Lovecraft kompensieren soll, andererseits aber auch dazu dient, Informationen im Dialog anschaulicher zu vermitteln. So verarbeitet der Landvermesser das Gehörte in „The Colour out of Space“ in seinem Bericht, während Frank Burger und Rose Kenny diskutieren können.

An der eigentlichen Handlung der Geschichte ändert sich kaum etwas, die beiden Landvermesser fahren zu Ammi Pierce (Jochen Schröder) und lassen sich von ihm die Geschichte der Familie Gardner erzählen. Im Hörspiel bekommt man die Geschehnisse als Flashback dann natürlich live mit, was sie noch einmal deutlich intensiver macht, besonders, da Peter Reinhardt und Cornelia Meinhardt als Nahum und Nabby Gardner die mentale Zermürbung und den geistigen Verfall, die die Farbe auslöst, sehr gut vermitteln. Die kleinen Änderungen sind vor allem der Adaption in ein anderes Medium geschuldet. Etwas ironisch ist vielleicht der Umstand, dass Gruppe ausgerechnet in dieses Hörspiel Verknüpfungen zum „Cthulhu-Mythos“ in Form von Gebrabbel im Delirium einbaut, die in der Geschichte selbst gar nicht zu finden sind.

Bildquelle (Titel)
Bildquelle (Gruselkabinett)

The Rise of Skywalker: Expanded Edition

Spoiler!
The_Rise_of_Skywalker_Expanded_Edition_updated_cover
Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf „The Rise of Skywalker“. Einige Monate sind seit dem Kinostart vergangen und viele der Fragen, die der Film aufgeworfen hat, wurden inzwischen beantwortet, primär durch die Romanadaption des Films von Rae Carson – wie schon bei „The Last Jedi“ als „Expanded Edition“ bezeichnet, was natürlich zu gewissen Erwartungen führt. Das Feld der Romanadaptionen in diesem Franchise deckt das komplette Spektrum ab. Auf der einen Seite hätten wir da beispielsweise „The Force Awakens“ von Alan Dean Foster, bei dem es sich um eine ebenso uninspirierte wie uninteressante Prosafassung des Drehbuchs handelt, die so gut wie keinen Mehrwehrt bietet. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Matthew Stovers „Revenge of the Sith“, ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht und in meinen Augen nach wie vor das beste Star-Wars-Medium ist, weil es alles beinhaltet, was Star Wars ausmacht und sein kann. Nebenbei bemerkt: Matthew Stover hat gewissermaßen Baby Yoda prophezeit. Aber das nur am Rande.

Rae Carson ist eine interessante Wahl als Autorin für diesen Roman, da sie recht wenig Star-Wars-Vorerfahrung hat, bis zu „The Rise of Skywalker“ hatte sie lediglich zwei Kurzgeschichten („The Red One“ in „A Certain Point of View“ und „Hear Nothing, See Nothing, Say Nothing“ in „Canto Bight“) sowie einen Jugendroman („Most Wanted“, ein Tie-In zu „Solo: A Star Wars Story“) verfasst. Im Gegensatz dazu waren Alan Dean Foster und Pablo Hidalgo, die Autoren der anderen beiden Sequel-Trilogie-Romane, relativ naheliegende Wahlen; Ersterer verfasste bereits den Roman zu Episode IV, während Letzterer Teil der Lucasfilm Story Group ist und ohnehin als Lore- und Kontinuitätsguru gilt. Auf der Skala zwischen „The Force Awakens“ und „Revenge of the Sith“ liegt Carsons Arbeit in etwa in der Mitte – sie ist von Fosters dröger, spannungsarmer Prosa ebenso weit entfernt wie von dem Franchise-definierenden Meilenstein, den Stover uns geschenkt hat. Vor allem im Kontext des Films kann diese Adaption als solide bezeichnet werden. Viele Schwächen kommen natürlich von der Vorlage – hier hatte Stover einen deutlich dankbareren Job, da „Revenge of the Sith“ eigentlich eine sehr gut Geschichte erzählt, die lediglich in der filmischen Umsetzung etwas holprig ist. „The Rise of Skywalker“ dagegen schafft es, gleichzeitig zu viel und zu wenig Handlung zu haben, Wendung reiht sich an Wendung, ohne dass es einen tieferen Sinn gäbe, und der eigentliche Plot des Films ist die Suche nach einem MacGuffin, das zu einem MacGuffin führt, welches wiederum zu einem MacGuffin führt. Daran kann Carson nichts ändern. Auch ist fraglich, ob man sie für die Antworten verantwortlich machen kann, die dieser Roman gibt. Tatsächlich werden die meisten Fragen, die rund um Palpatine und seine Rückkehr kreisten, beantwortet. Wir erfahren, dass sich sein Geist tatsächlich in einem Klonkörper befindet, der allerdings nur suboptimal dazu geeignet ist, diese mächtige Essenz zu halten – ganz wie in „Dark Empire“. Auch Reys Herkunft wird genauer beleuchtet, nachdem erst einmal eifrig spekuliert wurde, wer denn nun ihre Großmutter sein könnte. Wir erfahren, dass ihr nach wie vor namenloser Vater, im Film dargestellt von Billy Howle, nicht wirklich Palpatines Sohn ist, sondern ein nicht-identischer Klon, der über keinerlei Machtbegabung verfügt, aber ansonsten, anders als die Klonkörper, die Sidious nach seinem Ableben auf dem Zweiten Todesstern bewohnt, ein voll funktionsfähiger Mensch ist. Er ist also auf dieselbe Art und Weise Palpatines Sohn, wie Boba Jango Fetts Sohn ist. Rein biologisch betrachtet ist Rey damit nicht Palpatines Enkelin, sondern seine Tochter. Ob diese Antworten irgendjemanden zufrieden stellen, ist fraglich, aber es ist ebenso fraglich, ob sie von Carson selbst kommen; wahrscheinlicher ist, dass sie entweder von J. J. Abrams und Chris Terrio oder von der Story Group stammen.

Wie dem auch sei, für die Inhalte kann man Carson beim besten Willen nicht verantwortlich machen. Ihr Stil ist in jedem Fall sehr angenehm und flüssig, gerade im Vergleich zum Episode-VII-Roman ist das eine massive Verbesserung. Auch was die internen Prozesse der Charaktere angeht leistet Carson durchaus gute Arbeit. Gerade die zugegebenermaßen eher spärlichen Passagen des Romans, in denen sie dazu kommt, die Gedanken und Gefühlswelten der Figuren etwas ausgiebiger zu erforschen, gehören mit zu den stärksten und schaffen es, das Personal zumindest ein wenig plastischer zu zeichnen. Alles in allem ist Carsons Roman definitiv die bessere Version der Geschichte – das Tempo ist zwar nach wie vor hoch, aber dennoch nicht ganz so halsbrecherisch wie beim Film. Zusätzlich hat Carson die Struktur ein wenig geändert, was ebenfalls nicht schadet; so bekommt das Konstrukt immerhin hier und da ein wenig Raum zum Atmen. Gerade was Leia Organa angeht, hat Carson natürlich den Vorteil, nicht auf einige wenige Szenen angewiesen zu sein, stattdessen kann sie den Abschied von dieser Figur ausführlicher und angemessener gestalten.

Definitiv empfehlenswert ist die englische Hörbuchfassung, die bei Audible zu finden ist – so habe ich den Roman konsumiert. Eingesprochen wurde das Hörbuch von Marc Thompson, einem absoluten Star-Wars-Veteranen, der sowohl im Legends- als auch im Kanon-Bereich eine große Zahl an Romanen interpretiert hat und sein Handwerk exzellent versteht. Gerade die Stimmen der Figuren bzw. ihrer Schauspieler trifft Thompson wirklich ausgezeichnet, ohne dass sie zur Parodie verkommen, da er viel über Tonfall und Sprachduktus arbeitet, anstatt einfach nur simpel zu imitieren. Besonders beeindruckend sind Thompsons Versionen von Palpatine und Leia.

Fazit: „The Rise of Skywalker: Expanded Edition“ ist zwar kein Meisterwerk wie Matthew Stovers Episode-III-Adaption, aber ein durchaus solider Filmroman. An der uninspirierten Handlung und den sonstigen Inhalten kann Carson freilich nichts ändern, aber immerhin gelingt es ihr, die Figuren etwas plastischer zu zeichnen und die Struktur zu entzerren. All jene, denen Episode IX tatsächlich gefallen hat, sollten sich Carsons Version der Geschichte definitiv zu Gemüte führen. Ansonsten wird die „Expanded Edition“ die Meinung zum Film kaum ändern, aber sie gibt zumindest ein von Marc Thompson exzellent vorgelesenes, kurzweiliges Hörbuch ab.

Siehe auch:
Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension
Das Erwachen der Macht
Die Rache der Sith

Bildquelle

The Masque of the Red Death

lina-white-K9nxgkYf-RI-unsplash
Literatur in Zeiten des Corona-Virus? Welcher Horror-Fan denkt da nicht an Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“? Kaum eine andere Geschichte aus dem reichen Fundus der Schauerliteratur dürfte jemals so brandaktuell gewesen sein wie diese – inklusive Quarantäne und Corona-Party – oder besser gesagt, Corona-Party in Quarantäne. Wie bei so vielen anderen Poe-Geschichten ist die Liste der Adaptionen lang und die der Referenzen noch länger. Für diesen Artikel habe ich mir zwei dieser Adaptionen herausgegriffen, die ich zusammen mit der eigentlichen Geschichte besprechen werde: Es handelt sich dabei um zwei deutsche Hörspielproduktionen, die diese Kurzgeschichte auf sehr unterschiedliche Art und Weise umsetzen.

Die Geschichte
„The Masque of the Red Death” erschien 1842 auf den Seiten von Graham’s Magazine und erzählt die Geschichte des, je nach Übersetzung, Prinzen bzw. Fürsten Prospero. Im ganzen Land wütet eine besondere Krankheit, der „Rote Tod“, die ein exzessives Bluten der Poren verursacht und in kurzer Zeit nach der Ansteckung zum Tod führen kann. Prospero und seine Adeligen verschanzen sich in einer alten Abtei mit vielen Vorräten und versuchen so, der Krankheit zu trotzen. Um gegen ihre Langweile anzukämpfen, veranstaltet der Fürst ein großes Maskenfest in sieben speziell präparierten Räumen. Jeder ist mit anderem Licht illuminiert, blau, lila, grün, orange, weiß und violett. Nur der siebte Raum ist schwarz ausgehängt und wird von rotem Licht beleuchtet. Unter die Gäste mischt sich eine Gestalt im Kostüm des Roten Todes, inklusive blutbeschmierter Robe und entsprechender Maske. Prospero befiehlt, den Träger dieses geschmacklosen Kostüms hinzurichten, doch als seine Wachen versuchen, den Fremden zu demaskieren, müssen sie feststellen, dass sich kein Mensch aus Fleisch und Blut im Kostüm befindet. Stattdessen ist der Rote Tod persönlich gekommen und fordert nun das Leben Prosperos und aller Adeligen.

Edgar Allan Poe ist bekannt dafür, typische Elemente der „Gothic Fiction“ zu entnehmen und diese zu psychologisieren. Bei ihm sind es weniger die Geister und sonstigen übernatürlichen Monster, die im Mittelpunkt stehen, sondern der Wahnsinn und die Verderbtheit der Protagonisten. „The Masque of the Red Death“ ist da keine Ausnahme. Poe borgt sich einige Elemente aus „The Castle of Otranto“ von Horace Walpole, dem ersten Vertreter der Gattung „Gothic Novel“, inklusive des Schloss-ähnlichen Schauplatzes, der Atmosphäre und natürlich des Handlungsortes Italien, der durch Prosperos Namen angedeutet wird. Die Bedrohung tritt hier durch eine fiktive Krankheit auf, die sich letzten Endes auch den arroganten Adel holt, der glaubt, sich ihr entziehen zu können und sich dabei ein Gefängnis erbaut, das ihn ein-, die Krankheit aber letzten Endes nicht ausschließt. Oft wurde der Rote Tod als Ausdruck von Tuberkulose interpretiert, an welcher mehrere Mitglieder aus Poes Umfeld, darunter seine Frau Virginia, seine Mutter Eliza und sein Bruder William litten und zum Teil auch verstarben.

Stilistisch ist „The Masque of the Red Death” sehr distanziert vom Geschehen, mehr Bericht denn tatsächliche Erzählung. Es gibt einen Ich-Erzähler, der jedoch kaum in den Vordergrund tritt und auch nicht Teil der eigentlichen Narrative ist, sei es als tatsächlich handelnde Person oder als bloßer Beobachter. Prosepro ist die einzige namentlich erwähnte Figur und im Grunde auch die einzige Figur, mit Ausnahme des maskierten Fremden, die in irgendeiner Form als handelnde Person auftritt. Gerade das macht es natürlich schwer, die Geschichte für ein anderes Medium zu adaptieren, speziell eines, das wie das Hörspiel primär auf Dialogen basiert.

Lübbe Audio: Edgar Allan Poe
5002239
Von 2003 bis 2009 veröffentlichte Lübbe Audio unter der Regie von Simon Bertling und Christian Hagitte eine Hörspielserie mit dem schlichten Titel „Edgar Allan Poe“. Im Rahmen dieser Serie, die insgesamt 37 Folgen umfasst und leider unvollendet bleibt, werden einerseits Poes Geschichten adaptiert, andererseits wird aber auch eine neue, „poeesque“ Geschichte mit subtilen Metaelementen erzählt. Im Zentrum dieser Geschichte steht ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und den zufälligen Namen Edgar Allan Poe annimmt. Vor allem zu Beginn folgt jede Episode dem selben Muster: Poe versucht, seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen, reist von einem Ort zum anderen und wird immer wieder von bizarren, verstörenden Alpträumen geplagt – jeder dieser Alpträume ist eine mehr oder weniger vorlagengetreue Adaption einer Poe-Geschichte und nimmt den Großteil des Hörspiels in Anspruch, während die Suche des Protagonisten nach seiner Identität als Rahmenhandlung fungiert. In späteren Episoden wird dieses Muster allerdings aufgebrochen und die Rahmenhandlung rückt stärker in den Vordergrund. Was diese Hörspielserie vor allem auszeichnet, ist die hochwertige Produktion, unter anderem wurde der Soundtrack extra von einem Orchester eingespielt und auch die Sprecherriege kann sich sehen lassen, unter anderem wirken Ulrich Pleitgen als Poe, Iris Berben als seine Geliebte Leonie und Till Hagen als Dr. Templeton mit, zusätzlich zu diversen Gaststars, darunter Joachim Kerzel, Anna Thalbach, Hans Peter Hallwachs, Jürgen Kluckert und viele weitere.

„The Masque of the Red Death“ findet sich, ebenso wie die meisten anderen wirklich bekannten Poe-Geschichten, zu Beginn der Serie, es handelt sich um Folge 4. Amüsanterweise war es auch die erste Folge der Serie, die ich hörte und tatsächlich wohl einer meiner ersten Kontakte mit Poe überhaupt. Die Rahmenhandlung nimmt hier noch verhältnismäßig wenig Raum ein, der Fokus liegt auf der eigentlichen Kurzgeschichte, die weniger inhaltlich verändert als vielmehr weiter ausgearbeitet und dem Medium angepasst wird. Poes Prosa konzentriert sich vor allem auf das Maskenfest, beschreibt dessen Konzeption ziemlich detailliert, geht aber kaum auf Figuren ein, erzählt nicht szenisch und beinhaltet kaum wörtliche Rede. Das Hörspiel dagegen konzentriert sich auf all die Elemente, die bei Poe lediglich impliziert werden oder keine Rolle spielen, etwa den Ausbruch der Seuche. Zu Beginn der Geschichte wütet der Rote Tod bereits im Land, während das Hörspiel deutlich unbeschwerter beginnt. Neben Prospero, durch dessen Augen Edgar Allan Poe (die Figur) die Geschehnisse wahrnimmt, werden weitere Figuren vorgestellt, darunter Prosepros Hofmeister (Peter Groeger), sein Narr (Thomas B. Hoffmann) und das Küchenmädchen Louisa (Yara Blümel). Poe (die Figur) fungiert zwar als Erzähler der Rahmenhandlung, die eigentliche Adaption der Kurzgeschichte kommt allerdings ohne Erzähler aus und setzt die Handlung szenisch um, vom Ausbruch der Krankheit, die von Gauklern ins Land gebracht wird, über die rasche Ausbreitung und die Verschanzung des Adels bis hin zum Maskenball. Die Distanziertheit der Vorlage wird zugunsten des persönlichen Schicksals der Figuren aufgegeben. Das Hörspiel bemüht sich, die Folgen der Seuche und der Isolation auf den psychischen Zustand der Charaktere plastisch darzustellen. Die Konzeption des Maskenballs mit den farbigen Räumen, dessen Beschreibung bei Poe so viel Platz bekommt, spielt hier dagegen nur eine kleine Rolle.

In der Kurzgeschichte wird Prospero darüber hinaus kaum als plastische Figur gezeichnet, was einer Adaption einige Möglichkeiten an die Hand gibt. Hier wird Prospero, natürlich ebenfalls von Ulrich Pleitgen gesprochen, im Großen und Ganzen als positive, fast schon gutmütige, wenn auch hilflose Figur gezeichnet. Der Hofmeister ist eher die handelnde Figur, schlägt die Maßnahmen zu Kampf gegen die Seuche vor, ordnet die Isolation an und hat auch die Idee, den Maskenball zu veranstalten. Prospero ist schon fast passiv. Insgesamt ist diese Darstellung der Figur ein sehr interessanter Kontrast zum zweiten zu besprechenden Hörspiel.

Titania Medien: Gruselkabinett
gruselkabinett_46
Seit 2004 produzieren Stephan Bosenius und Marc Gruppe mit ihrem Label Titania Medien hochwertige Hörspiele. Neben Sherlock Holmes und diversen Märchen gehört zu ihrem Repertoire auch die Reihe Gruselkabinett, in der Klassiker der Schauerliteratur adaptiert werden – da darf Poe natürlich nicht fehlen. Da „The Masque of the Red Death“ ohnehin eine von Poes bekanntesten und beliebtesten Geschichten ist, bot es sich natürlich an, nach „The Fall of the House of Usher“ auch diese Erzählung adaptieren – dabei standen Bosenius und Gruppe natürlich ebenfalls vor dem Problem, dass sie es mit einer sehr kurzen, nicht szenischen Geschichte zu tun hatten. Anstatt allerdings die Handlung „nur“ auszuarbeiten, wählten die beiden einen anderen Ansatz und verschmolzen zwei von Poes Geschichten zu einer, die zweite ist die deutlich weniger bekannte Erzählung „Hop-Frog“, in der ein missgestalteter Zwerg diesen Namens und seine ebenfalls kleinwüchsige Gefährtin Tripetta Rache an einer Gruppe spottender und grausamer Adeliger und ihrem König nehmen. Im Zentrum dieser Geschichte steht ebenfalls ein Maskenfest, in dessen Rahmen die Adeligen und der König sich dazu überreden lassen, sich als Orang-Utans zu verkleiden, um dann anschließend von Hopp-Frosch angezündet zu werden.

Ähnlich wie in der Kurzgeschichte wütet der Rote Tod zu Beginn des Hörspiels bereits im Lande. Hauptfigur ist Hopp-Frosch (Sven Plate), der zusammen mit Tripetta (Daniela Reidies) von Prospero (Ernst Meincke), der an die Stelle des grausamen Königs tritt, und seinen Ministern (Uli Krohm, Viktor Neumann und Alexander Turrek) aufgesammelt wird. So sind die beiden zwar vorerst sicher vor dem Roten Tod, aber der Grausamkeit Prosperos und seiner Minister ausgeliefert. Die Szenen des Hörspiels sind, bis auf das Finale, praktisch alle aus „Hop-Frog“ entnommen und werden sogar noch erweitert, unter anderem taucht mit Giulietta, der Geliebten Prosperos, noch eine Figur auf, die extra für das Hörspiel neu geschaffen wurde, um weitere Dialoge zu ermöglichen. Darüber hinaus wurde Tripettas Rolle stark erweitert. Da Prospero natürlich erst am Ende sterben darf, ist er, anders als der grausame König aus „Hop-Frog“, nicht an der Orang-Utan-Maskerade beteiligt. Ansonsten wird er als Figur aber deutlich negativer gezeichnet als sein Gegenstück aus der Vorlage oder dem Lübbe-Audio-Hörpsiel. Und anders als im Hörspiel von Lübbe Audio wird der Fokus wieder stärker auf das Setting und die farbigen Räume gelegt.

Es ist tatsächlich interessant, wie gut die beiden Geschichten zu- bzw. ineinander passen. In einem späteren Hörspiel gingen Bosenius und Gruppe noch einmal denselben Weg und kombinierten zwei weitere Poe-Geschichten miteinander, „The Pit and the Pendulum“ und „The Casc of Amontillado“ – hier ist das Ergebnis allerdings weitaus unbefriedigender, da die Geschichten nicht gut ineinandergreifen und einer der zentralen Aspekte der zweiten Erzählung nichtig wird: Als Leser wissen wir nie, weshalb Montresor an Fortunato Rache nehmen will, was einen Großteil des Schreckens ausmacht, im Hörspiel sind es die Ereignisse aus „The Pit and the Pendulum“.

Fazit: Das Gruselkabinett-Hörspiel legt den Fokus stärker auf die bizarren und schaurigen Elemente der Geschichte – sogar der Rote Tod (Axel Lutter) selbst darf am Ende zu Wort kommen, während sein Gegenstück von Lübbe Audio die Figuren und ihre Psychologie stärker in den Fokus rückt. Gerade in der aktuellen Situation ist aus diesem Grund die Lübbe-Audio-Version deutlich intensiver und wirkungsvoller, da man gewissermaßen die letzten Wochen noch einmal im Schnelldurchlauf erlebt. Beide Hörspiele sind allerdings überaus hochwertig, gut gesprochen und sehr atmosphärisch.

Bildquelle Lübbe Audio
Bildquelle Titania Medien

Ensel und Krete

Ensel und Krete von Walter Moers
„Ensel und Krete“ ist der zweite Zamonien-Roman – und nach wie vor, selbst jetzt, nach so vielen weiteren, einer der faszinierendsten. Nach dem Erfolg von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ entschloss sich Moers, seine berühmteste Schöpfung von Zamonien wieder zu trennen. Die zweiten 13 ½ Leben (Seebären haben ja bekanntlich 27 davon) hat er bis heute nicht erzählt. Dennoch ist „Ensel und Krete“ der Zamonien-Roman, der einer direkten Fortsetzung am nächsten kommt, zumindest auf gewisse Weise, denn immerhin setzt er genau dort an, wo der Vorgänger aufhörte. Blaubär wird zwar nicht einmal mehr namentlich erwähnt, aber sein Wirken ist deutlich zu spüren, denn die Gemeinde, die er im Großen Wald gegründet hat, blüht und gedeiht; sie ist zu einem berühmten zamonischen Ferienzielort geworden. Zu den vielen Urlaubern gehören auch die beiden Fhernhachen-Kinder Ensel und Krete von Hachen, die zusammen mit ihren Eltern ihre Ferien in Bauming verbringen. Der Urlaub ist den beiden allerdings zu langweilig, weshalb sie einen Abstecher, nur einen kleinen, in den verbotenen, unzivilisierten Teil des Waldes machen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die beiden verirren sich im Wald. Die Waldspinnenhexe, die dort früher hauste, ist zwar gestorben (ebenfalls in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“), aber ihre Spuren sind immer noch zu finden…

Besonders faszinierend an „Ensel und Krete“ ist, dass dieser Roman, obwohl er deutlich dünner ist als der Vorgänger, es schafft, so viele Dinge gleichzeitig zu sein; u.a. eine Neuerzählung des Märchens „Hänsel und Gretel“, eine indirekte Fortsetzung zu „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, mitunter auch fast schon eine kosmische Horrorgeschichte und natürlich einer der metafiktionalsten Romane der deutschen Sprache. Schon mit Blaubär als Autor seiner Autobiografie spielte Moers mit dem unzuverlässigen Autor, mit „Ensel und Krete“ hebt er diese Thematik jedoch auf eine ganz andere Ebene, denn es handelt sich hierbei um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz. Dieser schriftstellernde Dinosaurier tauchte durch seine Werke bereits mehrfach im Vorgänger auf, mit „Ensel und Krete“ wird er ins Zentrum gerückt. Oder besser gesagt, er rückt sich selbst ins Zentrum, denn als Autor dieses Märchens unterbricht er den Fluss der Geschichte immer wieder im Rahmen der Mythenmetz’schen Abschweifungen, die dazu dienen „zu kommentieren, zu belehren, zu lamentieren, kurzum: abzuschweifen“. Durch dieses Vehikel schafft Moers eine völlig neue Handlungsebene, hebt das Konzept des unzuverlässigen Erzählers auf eine neue Ebene und führt den „Tod des Autors“ gekonnt ad absurdum.

Die Mythenmetz’schen Abschweifungen sind teilweise von der eigentlichen Handlung separiert und dienen dazu, Hildegunst von Mythenmetz als Figur zu etablieren, auch für das weitere Auftauchen in späteren Zamonien-Romanen. Eine nicht geringe Zahl der Abschweifungen kreist um Mythenmetz selbst; hier zeigt Moers seine Vorliebe für die Satire auf den Literaturbetrieb und den Autorenberuf, die in „Die Stadt der Träumenden Bücher“ noch weitaus stärker zutage tritt. Zugleich nutzt Moers die Abschweifungen aber auch, um die Dramaturgie der Haupthandlung zu unterstützen und den Leser in die Irre zu führen. Im ersten Drittel des Romans ist die scheinbar totalitäre Natur Baumings beispielsweise ein immer wiederkehrendes Thema (Stichwort „Brummli“). Das gipfelt in der Enthüllung der Geheimförsterei, mit der Mythenmetz‘ Vorwürfe scheinbar bestätigt werden – das alles kommentiert er eher wie ein Beobachter denn der tatsächliche Autor. Als sich dann jedoch herausstellt, dass die gesamte Episode eine Halluzination war, verschwindet die Thematik „totalitäres Bauming“ völlig, da sie eben nur dazu da war, den Leser zu täuschen. Somit ist Hildegunst von Mythenmetz nicht einfach nur ein unzuverlässiger Erzähler, er ist ein unzuverlässiger Autor.

Auch mit der Märchenthematik hat Moers seine Freude. Märchen zeichnen sich in der allgemeinen Wahrnehmung durch eine geradlinige, einfach Handlung, eine klare Moral und ein Happy-End aus. Gerade diese Wahrnehmung unterläuft Moers meisterhaft, u.a., in dem er die Handlung von „Ensel und Krete“ durch Abschweifungen und Halluzinationen enorm vielschichtig aufbaut und Mythenmetz verkünden lässt, dass sich zamonische Märchen vor allem dadurch auszeichnen, dass sie gerade kein Happy-End haben. Tatsächlich finden sich Happy-Ends nur in Trivialromanen wie der beliebten Serie „Prinz Kaltbluth“. Auch das klare Gut/Böse-Schema des Märchens unterläuft Moers, in dem er die „Hexe“ dieses Märchens als etwas inszeniert, das fast schon an eine Wesenheit Lovecrafts erinnert, eine zurückgebliebene Präsenz der Waldspinnenhexe, die ihrerseits von einem anderen Planeten kommt – nicht von ungefähr erinnert die Konzeption dieser „Hexe“ an Lovecrafts „The Colour out of Space“.

Am Ende von „Ensel und Krete“ findet sich noch die halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, über die Moers dem Roman noch eine weitere, dritte Erzählebene hinzufügt, über die Mythenmetz keine Kontrolle hat. Hier greift er das Konzept auf, dass es sich bei „Ensel und Krete“ um einen Roman handelt, den er lediglich aus dem Zamonischen übersetzt hat; somit schafft er zusätzlich zur fiktiven Autorenfigur Hildegunst von Mythenmetz die fiktive Übersetzerfigur Walter Moers. Dieser bewundert Mythenmetz und sein literarisches Genie einerseits und möchte es dem deutschen Publikum zugänglich machen, sieht ihn aber auch kritisch, was sich u.a. daran zeigt, dass die Werke, die in besagter Biographie zitiert werden, primär Mythenmetz-kritisch sind. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Moers in dieses halbe Leben des zamonischen Großschriftstellers so ziemlich jedes denkbare Autorenklischee hineinpackt und genüsslich auswalzt.

Fazit: Im Vergleich zu „Ensel und Krete“ war „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ in gewissem Sinne lediglich eine Fingerübung – mit diesem Roman findet Moers zu seinem Stil und treibt die metafiktionalen Spielereien und die erzählerische Doppelbödigkeit auf eine neue Ebene. „Ensel und Krete“ hätte Moers‘ Meisterwerk sein können, wären da nicht die beiden folgenden Zamonien-Romane…

Bildquelle

Siehe auch:
Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär
Der Bücherdrache

Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Die 13 12 Leben des Kaeptn Blaubaer von Walter Moers
Wer wie ich in den 90ern aufgewachsen ist, dürfte Käpt’n Blaubär nur allzu gut kennen. Nicht nur war er Teil der „Sendung mit der Maus“, er hatte im Lauf der Jahre auch diverse eigene Sendungen wie den „Käpt’n Blaubär Club“ und war sogar Star seines eigenen Animationsfilms. Ein Roman darf da natürlich nicht fehlen – allerdings distanzierte Blaubär-Erfinder Walter Moers die Version, die er in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ auftreten ließ, stark von ihrem Gegenstück aus dem Fernsehen. Beide sind blaue Bären mit einer Liebe für die See und einem gewissen Hang zum Lügen, das war es dann aber auch schon. Die allseits beliebten Nebenfiguren, die drei kleinen Bärchen und Hein Blöd, haben im Roman nicht einmal Gastauftritte und auch sonst finden sich keine inhaltlichen Verknüpfungen. Stattdessen nutzte Moers die Bekanntheit und Beliebtheit der Figur, um sein eigentliches Vorhaben umzusetzen: Den Beginn einer Romanreihe, in der nicht eine bestimmte Figur der Protagonist ist, sondern ein ganzer fiktiver Kontinent.

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ um einen Episodenroman, jedes der „Leben“ ist im Grunde ein in sich geschlossenes Abenteuer mit eigenem Personal. Diverse Figuren aus den Episoden kehren zwar im letzten Drittel des Romans zurück, sodass schon der Eindruck eines in sich geschlossenen Werkes entsteht, aber dennoch sind die meisten „Leben“ in sich abgeschlossene Angelegenheiten. Gerade die früheren Episoden, sei es „Mein Leben als Zwergpirat“ oder „Mein Leben auf der Flucht“ erinnern noch am ehesten an die Lügengeschichten, die Käpt’n Blaubär in seinem Segment der „Sendung mit der Maus“ erzählte – relativ absurde Angelegenheiten, die in der Tradition der Nonsense-Literatur stehen. Die „Leben“ werden allerdings nach und nach vielschichtiger, Moers beginnt Ideen und Konzepte einzuführen, die, so kann man zumindest annehmen, nicht nur spezifisch für diesen Roman entwickelt wurden.

In vielerlei Hinsicht ist dieser erste Zamonien-Roman eine Art Testballon. In keinem anderen „Leben“ wird das so deutlich wie im zwölften, in dem Blaubär von seiner Zeit in Atlantis berichtet. Dieses mit Abstand umfangreichste Kapitel des Romans beinhaltet ein wirklich üppiges, ja fast schon verschwenderisches Ausmaß an World-Building, das im Roman selbst oft keine Rolle mehr spielt. Einiges davon wird erst in späteren Zamonien-Romanen wieder aufgegriffen, mit anderem hat Moers bis heute nichts angefangen. Es wirkt, als habe Moers alle möglichen Ideen, die er für Zamonien zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Romans hatte, schon einmal in diesem Kapitel untergebracht.

Besonders interessant ist es, sich „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ im Kontext der restlichen Romane zu betrachten. Viele narrative Elemente, die in späteren Zamonien-Romanen vorhanden sind, werden hier bereits verwendet, allerdings finden sich auch einige Elemente, die den Erstling des Zyklus von den Nachfolgern abheben. Dazu gehören unter anderem die realweltlichen Bezüge. Zamonien wird hier als Kontinent behandelt, auf den sich diverse Daseinsformen flüchteten, nachdem die Menschen an allen anderen Orten auf der Welt die Oberhand gewannen (weshalb die Menschen in Zamonien wiederum nicht gerne gesehen sind). In diesem Kontext wird den meisten Wesenheiten ein bestimmtes, reales Ursprungsland zugewiesen. Dieser Aspekt ist in späteren Zamonien-Romanen nicht mehr vorhanden, jegliche explizite Anspielung auf realweltliche Elemente fehlen ab „Ensel und Krete“ völlig; Zamonien ist in den anderen Romanen eine abgeschlossene Welt für sich. Interessant ist auch, welche Elemente und Figuren Moers in späteren Romanen wieder aufgreift; dazu gehören unter anderem Rumo, Volzotan Smeik, Professor Doktor Abdul Nachtigaller, einige der Daseinsformen und natürlich Hildegunst von Mythenmetz. Viele andere Daseinsformen, aber auch die Stadt Atlantis sowie Blaubär selbst spielen in späteren Zamonien-Romanen allerdings keine Rolle mehr. Zwar wird aus Zamonien nie eine völlig klassische, mittelalterlich anmutende Fantasy-Welt, aber in den späteren Romanen bewegt sich der Kontinent doch etwas mehr in diese Richtung, speziell in Romanen wie „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ oder „Die Stadt der Träumenden Bücher“ fühlt sich Zamonien archaischer an, während moderne Bezüge und satirische Elemente subtiler verarbeitet werden.

Ein zentrales erzählerisches Element, das sich in fast jeder Zamonien-Geschichte wiederfindet und bereits in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erfolgreich etabliert wird, ist der unzuverlässige Erzähler. Schon durch seinen in der „Sendung mit der Maus“ etablierten Ruf als Lügenbär ist der Wahrheitsgehalt dieser Autobiographie natürlich mit Vorsicht zu genießen. Doch selbst wenn man nur den Roman berücksichtigt, ist es anhand von Blaubärs Laufbahn als Lügengladiator zweifelhaft, ob jedes Wort in seiner Autobiographie geglaubt werden kann. In späteren Romanen wird Blaubär als unzuverlässiger Erzähler natürlich von Hildegunst von Mythenmetz abgelöst – tatsächlich gibt es bis heute nur zwei Zamonien-Romane, „Käpt’n Blaubär“ und „Rumo“, die nicht aus Mythenmetz‘ Feder stammen. „Rumo“ ist außerdem der einzige Zamonien-Roman mit einem wirklichen auktorialen Erzähler. Theoretisch findet sich ein solcher zwar auch in „Ensel und Krete“, „Der Schrecksenmeister“ und „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, aber bekanntermaßen handelt es sich dabei wieder um Werke von Hildegunst von Mythenmetz und Fiktion innerhalb der Fiktion.

Ein weiteres Element, das in diesem Roman seinen Anfang nimmt und sich durch alle weiteren zieht, sind die Illustrationen. Auch diese machen im Verlauf des Roman-Zyklus eine Entwicklung durch. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erkennt man noch viel von dem Walter Moers, der „Das kleine Arschloch“ schuf und an dessen Stil sich die Blaubär-Zeichentricksegmente orientieren. Die Illustrationen sind noch sehr cartoonhaft und gerade Figuren wie Nachtigaller oder der Stollentroll erinnern mit ihren übergroßen Nasen stark an die typischen Moers’schen Comicfiguren. In späteren Romanen werden die Illustrationen weitaus detailreicher, aufwendiger und entfernen sich immer mehr von Moers‘ ursprünglichem Zeichenstil.

Fazit: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ ist nicht nur ein amüsanter, kurzweiliger Episodenroman, sondern auch ein Versuchsballon, mit dessen Hilfe Walter Moers Zamonien konzeptionierte. Nach so vielen Jahren und so vielen weiteren Werken ist es immer wieder faszinierend, wo der Kontinent seinen Anfang nahm und welche Elemente Moers wie weiterentwickelte.

Bildquelle

Der Bücherdrache

9783328600640
Walter Moers‘ Zamonien-Romane sind in der Fantasy-Landschaft recht einzigartig und wohl noch am ehesten mit Terry Prachetts Scheibenwelt-Romanen zu vergleichen. Gerade die ersten fünf Bücher der Serie bestachen durch wirklich herausragende Qualität und sehr abwechslungsreiche, mit vielen Metaspielereien versehene Geschichten. Dann kam jedoch mit „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ein halber Roman, der Moers‘ Fans bestenfalls unbefriedigt und schlimmstenfalls ziemlich wütend zurückließ – die Fortsetzung ist bis heute nicht erschienen. Man fragt sich, ob es Moers ähnlich geht wie George R. R. Martin und Patrick Rothfuss oder ob das tatsächlich Absicht ist, denn auch fast alle vorherigen Zamonien-Romane spielten mit dem Element der Fragmentierung. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ wird nur von der ersten Hälfte seiner 27 Leben erzählt, „Ensel und Krete“ enthält lediglich eine halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, bei „Die Stadt der träumenden Bücher“ handelt es sich nur um die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz‘ „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“ und in „Der Schrecksenmeister“ hat Moers als fiktiver Übersetzer alle Mythenmetz’schen Abschweifungen herausgekürzt. Wie dem auch sei, nach „Labyrinth“ folgte erst eine längere Pause, bis dann schließlich in vergleichsweise kurzer Abfolge „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ und „Der Bücherdrache“ erschienen. Letzterem werde ich mich zuerst annehmen, da es vor kurzem erst erschienen ist, Besprechungen zu den restlichen werden ebenfalls nach und nach folgen.

Eventuell ist „Der Bücherdrache“ tatsächlich ein Zeichen dafür, dass es mit „Das Schloss der träumenden Bücher“, der lang angekündigten Fortsetzung zu „Labyrinth“ nichts mehr wird, denn dieser doch relativ kurze Roman könnte durchaus eine Ausgliederung besagten Werkes sein. Wie fast alle Zamonien-Romane mit Ausnahme von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ handelt es sich auch beim „Bücherdrachen“ um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz, das mit einer interessanten Rahmenhandlung versehen ist. Erstmals im Rahmen dieser Reihe fungiert ein Comic als Pro- und Epilog. In der Einführung wird geschildert, wie Hildegunst in einem zuerst ziemlich wirren Traum den nach ihm benannten Buchling trifft, der ihm anschließend von seiner Begegnung mit dem Bücherdrachen Nathaviel im Ormsumpf, einem bislang unbekannten Teil der Katakomben von Buchhaim, erzählt. Lässt man die ganzen verschachtelten Rahmenhandlung weg, handelt es sich um eine sehr simple Geschichte. Hildegunst Zwei wird von einigen seiner Mit-Buchlinge überredet, den legendären Bücherdrachen aufzusuchen, um Teil des Geheimbunds der „Ormlinge“ zu werden. Das Gespräch mit Nathaviel (Moers Vorliebe für Anagramme hat nicht nachgelassen) nimmt den größten Teil des Werkes ein. Dabei erzählt das Ungetüm, wie es von einem gewöhnlichen Drachen zu einem Bücherdrachen wurde und räumt dabei gleich mit einigen Vorurteilen auf. Der Rest des Gesprächs ist von einer Auseinandersetzung mit dem Dichtertum und natürlich dem Orm geprägt, die diverse Thematiken aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ fortsetzt.

Insgesamt ist „Der Bücherdrache“ mit Sicherheit der beste Zamonien-Roman seit „Der Schrecksenmeister“, aufgrund der geringen Länge allerdings kaum mehr als ein Appetithappen, der auf mögliche weitere Werke hindeutet. So, wie das Werk konzeptioniert ist, kehrt Hildegunst Zwei mit Sicherheit früher oder später zurück, sei es in „Das Schloss der träumenden Bücher“ als dem Abschluss der Buchhaim-Trilogie oder einem anderen Abenteuer.

Zusätzlich zur eigentlichen Geschichte enthält „Der Bücherdrache“ noch eine Leseprobe, die allerdings in eine andere Richtung deutet. Der nächste Zamonien-Roman trägt den Titel „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ und ist zwischen „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ angesiedelt. Ähnlich wie „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist dieses Werk als Brief bzw. Briefe Hildegunst von Mythenmetz‘ an den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer konzipiert. Wie so häufig greift Moers dabei eine bestimmte Thematik auf und arbeitet diese durch. Dieses Mal verschlägt es Hildegunst auf die Nordmeerinsel Eydernorn, deren Leuchtturmkultur er kennen lernen möchte (ja, ja, Moers und seine Anagramme).

Fazit: „Der Bücherdrache“ ist ein gelungenes kleines Abenteuer aus Zamonien, bei dem Walter Moers zwar noch nicht ganz zur alten Größe zurückfindet, das aber doch deutlich besser gelungen ist als die Zamonien-Werke der jüngsten Vergangenheit.

Bildquelle