Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Die 13 12 Leben des Kaeptn Blaubaer von Walter Moers
Wer wie ich in den 90ern aufgewachsen ist, dürfte Käpt’n Blaubär nur allzu gut kennen. Nicht nur war er Teil der „Sendung mit der Maus“, er hatte im Lauf der Jahre auch diverse eigene Sendungen wie den „Käpt’n Blaubär Club“ und war sogar Star seines eigenen Animationsfilms. Ein Roman darf da natürlich nicht fehlen – allerdings distanzierte Blaubär-Erfinder Walter Moers die Version, die er in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ auftreten ließ, stark von ihrem Gegenstück aus dem Fernsehen. Beide sind blaue Bären mit einer Liebe für die See und einem gewissen Hang zum Lügen, das war es dann aber auch schon. Die allseits beliebten Nebenfiguren, die drei kleinen Bärchen und Hein Blöd, haben im Roman nicht einmal Gastauftritte und auch sonst finden sich keine inhaltlichen Verknüpfungen. Stattdessen nutzte Moers die Bekanntheit und Beliebtheit der Figur, um sein eigentliches Vorhaben umzusetzen: Den Beginn einer Romanreihe, in der nicht eine bestimmte Figur der Protagonist ist, sondern ein ganzer fiktiver Kontinent.

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ um einen Episodenroman, jedes der „Leben“ ist im Grunde ein in sich geschlossenes Abenteuer mit eigenem Personal. Diverse Figuren aus den Episoden kehren zwar im letzten Drittel des Romans zurück, sodass schon der Eindruck eines in sich geschlossenen Werkes entsteht, aber dennoch sind die meisten „Leben“ in sich abgeschlossene Angelegenheiten. Gerade die früheren Episoden, sei es „Mein Leben als Zwergpirat“ oder „Mein Leben auf der Flucht“ erinnern noch am ehesten an die Lügengeschichten, die Käpt’n Blaubär in seinem Segment der „Sendung mit der Maus“ erzählte – relativ absurde Angelegenheiten, die in der Tradition der Nonsense-Literatur stehen. Die „Leben“ werden allerdings nach und nach vielschichtiger, Moers beginnt Ideen und Konzepte einzuführen, die, so kann man zumindest annehmen, nicht nur spezifisch für diesen Roman entwickelt wurden.

In vielerlei Hinsicht ist dieser erste Zamonien-Roman eine Art Testballon. In keinem anderen „Leben“ wird das so deutlich wie im zwölften, in dem Blaubär von seiner Zeit in Atlantis berichtet. Dieses mit Abstand umfangreichste Kapitel des Romans beinhaltet ein wirklich üppiges, ja fast schon verschwenderisches Ausmaß an World-Building, das im Roman selbst oft keine Rolle mehr spielt. Einiges davon wird erst in späteren Zamonien-Romanen wieder aufgegriffen, mit anderem hat Moers bis heute nichts angefangen. Es wirkt, als habe Moers alle möglichen Ideen, die er für Zamonien zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Romans hatte, schon einmal in diesem Kapitel untergebracht.

Besonders interessant ist es, sich „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ im Kontext der restlichen Romane zu betrachten. Viele narrative Elemente, die in späteren Zamonien-Romanen vorhanden sind, werden hier bereits verwendet, allerdings finden sich auch einige Elemente, die den Erstling des Zyklus von den Nachfolgern abheben. Dazu gehören unter anderem die realweltlichen Bezüge. Zamonien wird hier als Kontinent behandelt, auf den sich diverse Daseinsformen flüchteten, nachdem die Menschen an allen anderen Orten auf der Welt die Oberhand gewannen (weshalb die Menschen in Zamonien wiederum nicht gerne gesehen sind). In diesem Kontext wird den meisten Wesenheiten ein bestimmtes, reales Ursprungsland zugewiesen. Dieser Aspekt ist in späteren Zamonien-Romanen nicht mehr vorhanden, jegliche explizite Anspielung auf realweltliche Elemente fehlen ab „Ensel und Krete“ völlig; Zamonien ist in den anderen Romanen eine abgeschlossene Welt für sich. Interessant ist auch, welche Elemente und Figuren Moers in späteren Romanen wieder aufgreift; dazu gehören unter anderem Rumo, Volzotan Smeik, Professor Doktor Abdul Nachtigaller, einige der Daseinsformen und natürlich Hildegunst von Mythenmetz. Viele andere Daseinsformen, aber auch die Stadt Atlantis sowie Blaubär selbst spielen in späteren Zamonien-Romanen allerdings keine Rolle mehr. Zwar wird aus Zamonien nie eine völlig klassische, mittelalterlich anmutende Fantasy-Welt, aber in den späteren Romanen bewegt sich der Kontinent doch etwas mehr in diese Richtung, speziell in Romanen wie „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ oder „Die Stadt der Träumenden Bücher“ fühlt sich Zamonien archaischer an, während moderne Bezüge und satirische Elemente subtiler verarbeitet werden.

Ein zentrales erzählerisches Element, das sich in fast jeder Zamonien-Geschichte wiederfindet und bereits in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erfolgreich etabliert wird, ist der unzuverlässige Erzähler. Schon durch seinen in der „Sendung mit der Maus“ etablierten Ruf als Lügenbär ist der Wahrheitsgehalt dieser Autobiographie natürlich mit Vorsicht zu genießen. Doch selbst wenn man nur den Roman berücksichtigt, ist es anhand von Blaubärs Laufbahn als Lügengladiator zweifelhaft, ob jedes Wort in seiner Autobiographie geglaubt werden kann. In späteren Romanen wird Blaubär als unzuverlässiger Erzähler natürlich von Hildegunst von Mythenmetz abgelöst – tatsächlich gibt es bis heute nur zwei Zamonien-Romane, „Käpt’n Blaubär“ und „Rumo“, die nicht aus Mythenmetz‘ Feder stammen. „Rumo“ ist außerdem der einzige Zamonien-Roman mit einem wirklichen auktorialen Erzähler. Theoretisch findet sich ein solcher zwar auch in „Ensel und Krete“, „Der Schrecksenmeister“ und „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, aber bekanntermaßen handelt es sich dabei wieder um Werke von Hildegunst von Mythenmetz und Fiktion innerhalb der Fiktion.

Ein weiteres Element, das in diesem Roman seinen Anfang nimmt und sich durch alle weiteren zieht, sind die Illustrationen. Auch diese machen im Verlauf des Roman-Zyklus eine Entwicklung durch. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erkennt man noch viel von dem Walter Moers, der „Das kleine Arschloch“ schuf und an dessen Stil sich die Blaubär-Zeichentricksegmente orientieren. Die Illustrationen sind noch sehr cartoonhaft und gerade Figuren wie Nachtigaller oder der Stollentroll erinnern mit ihren übergroßen Nasen stark an die typischen Moers’schen Comicfiguren. In späteren Romanen werden die Illustrationen weitaus detailreicher, aufwendiger und entfernen sich immer mehr von Moers‘ ursprünglichem Zeichenstil.

Fazit: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ ist nicht nur ein amüsanter, kurzweiliger Episodenroman, sondern auch ein Versuchsballon, mit dessen Hilfe Walter Moers Zamonien konzeptionierte. Nach so vielen Jahren und so vielen weiteren Werken ist es immer wieder faszinierend, wo der Kontinent seinen Anfang nahm und welche Elemente Moers wie weiterentwickelte.

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Der Bücherdrache

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Walter Moers‘ Zamonien-Romane sind in der Fantasy-Landschaft recht einzigartig und wohl noch am ehesten mit Terry Prachetts Scheibenwelt-Romanen zu vergleichen. Gerade die ersten fünf Bücher der Serie bestachen durch wirklich herausragende Qualität und sehr abwechslungsreiche, mit vielen Metaspielereien versehene Geschichten. Dann kam jedoch mit „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ein halber Roman, der Moers‘ Fans bestenfalls unbefriedigt und schlimmstenfalls ziemlich wütend zurückließ – die Fortsetzung ist bis heute nicht erschienen. Man fragt sich, ob es Moers ähnlich geht wie George R. R. Martin und Patrick Rothfuss oder ob das tatsächlich Absicht ist, denn auch fast alle vorherigen Zamonien-Romane spielten mit dem Element der Fragmentierung. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ wird nur von der ersten Hälfte seiner 27 Leben erzählt, „Ensel und Krete“ enthält lediglich eine halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, bei „Die Stadt der träumenden Bücher“ handelt es sich nur um die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz‘ „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“ und in „Der Schrecksenmeister“ hat Moers als fiktiver Übersetzer alle Mythenmetz’schen Abschweifungen herausgekürzt. Wie dem auch sei, nach „Labyrinth“ folgte erst eine längere Pause, bis dann schließlich in vergleichsweise kurzer Abfolge „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ und „Der Bücherdrache“ erschienen. Letzterem werde ich mich zuerst annehmen, da es vor kurzem erst erschienen ist, Besprechungen zu den restlichen werden ebenfalls nach und nach folgen.

Eventuell ist „Der Bücherdrache“ tatsächlich ein Zeichen dafür, dass es mit „Das Schloss der träumenden Bücher“, der lang angekündigten Fortsetzung zu „Labyrinth“ nichts mehr wird, denn dieser doch relativ kurze Roman könnte durchaus eine Ausgliederung besagten Werkes sein. Wie fast alle Zamonien-Romane mit Ausnahme von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ handelt es sich auch beim „Bücherdrachen“ um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz, das mit einer interessanten Rahmenhandlung versehen ist. Erstmals im Rahmen dieser Reihe fungiert ein Comic als Pro- und Epilog. In der Einführung wird geschildert, wie Hildegunst in einem zuerst ziemlich wirren Traum den nach ihm benannten Buchling trifft, der ihm anschließend von seiner Begegnung mit dem Bücherdrachen Nathaviel im Ormsumpf, einem bislang unbekannten Teil der Katakomben von Buchhaim, erzählt. Lässt man die ganzen verschachtelten Rahmenhandlung weg, handelt es sich um eine sehr simple Geschichte. Hildegunst Zwei wird von einigen seiner Mit-Buchlinge überredet, den legendären Bücherdrachen aufzusuchen, um Teil des Geheimbunds der „Ormlinge“ zu werden. Das Gespräch mit Nathaviel (Moers Vorliebe für Anagramme hat nicht nachgelassen) nimmt den größten Teil des Werkes ein. Dabei erzählt das Ungetüm, wie es von einem gewöhnlichen Drachen zu einem Bücherdrachen wurde und räumt dabei gleich mit einigen Vorurteilen auf. Der Rest des Gesprächs ist von einer Auseinandersetzung mit dem Dichtertum und natürlich dem Orm geprägt, die diverse Thematiken aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ fortsetzt.

Insgesamt ist „Der Bücherdrache“ mit Sicherheit der beste Zamonien-Roman seit „Der Schrecksenmeister“, aufgrund der geringen Länge allerdings kaum mehr als ein Appetithappen, der auf mögliche weitere Werke hindeutet. So, wie das Werk konzeptioniert ist, kehrt Hildegunst Zwei mit Sicherheit früher oder später zurück, sei es in „Das Schloss der träumenden Bücher“ als dem Abschluss der Buchhaim-Trilogie oder einem anderen Abenteuer.

Zusätzlich zur eigentlichen Geschichte enthält „Der Bücherdrache“ noch eine Leseprobe, die allerdings in eine andere Richtung deutet. Der nächste Zamonien-Roman trägt den Titel „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ und ist zwischen „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ angesiedelt. Ähnlich wie „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist dieses Werk als Brief bzw. Briefe Hildegunst von Mythenmetz‘ an den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer konzipiert. Wie so häufig greift Moers dabei eine bestimmte Thematik auf und arbeitet diese durch. Dieses Mal verschlägt es Hildegunst auf die Nordmeerinsel Eydernorn, deren Leuchtturmkultur er kennen lernen möchte (ja, ja, Moers und seine Anagramme).

Fazit: „Der Bücherdrache“ ist ein gelungenes kleines Abenteuer aus Zamonien, bei dem Walter Moers zwar noch nicht ganz zur alten Größe zurückfindet, das aber doch deutlich besser gelungen ist als die Zamonien-Werke der jüngsten Vergangenheit.

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From a Certain Point of View

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Das Star-Wars-Franchise ist bekannt dafür, für jede noch so kleine Nebenfigur und jeden Statisten, der durchs Bild läuft, eine ausführliche Hintergrundgeschichte parat zu haben. Dieser Kerl in „Die dunkle Bedrohung“ mit einem gelben Strich im Gesicht, den man auf Tatooine in einer Szene sitzen sieht? Das ist Quinlan Vos, Held mehrerer Legends-Comics, einer Clone-Wars-Folge und eines Kanon-Romans. Gerade Werke wie das in dieser Rezension zu besprechende „From a Certain Point of View“ sind diesbezüglich äußerst ergiebig. Es handelt sich dabei um eine Kurzgeschichtensammlung, die das vierzigjährige Jubiläum von „Eine neue Hoffnung“ zelebriert; zu diesem Zweck haben sich vierzig Autoren gefunden und ebenso viele Kurzgeschichten verfasst, die im Fahrwasser von Episode IV spielen. Die Sammlung hangelt sich gewissermaßen an der Handlung des Films entlang, nimmt mal mehr, mal weniger wichtige Nebenfiguren in den Fokus und erzählt Szenen aus deren Sicht. In manchen Fällen erfahren wir auch, was Figuren wie Lando Calrissian oder Yoda, die nicht in Episode IV auftauchen, währenddessen getan haben.

Auf der Verfasserliste finden sich viele namhafte Autoren, die bereits Beiträge zum Star-Wars-Universum geliefert haben, tatsächlich sind die meisten Autoren, die in den letzten Jahren Roman oder Comics für das Franchise verfasst haben, hier vertreten: Christie Golden („Dark Disciple“, „Inferno Squad“), John Jackson Miller („A New Dawn“), Delilah S. Dawson („Phasma“), Paul S. Kemp („Lords of the Sith“), Claudia Gray („Bloodline“, „Lost Stars“) und Kieron Gillen (Darth-Vader-Comicserie) sind nur einige der namhaften Autoren. Einige andere, darunter auch Wil Wheaton, feieren mit „From a Certain Point of View“ sogar ihr Star-Wars-Debüt.

Anders als sonst im Star-Wars-Bereich bekommen die Schreiberlinge darüber hinaus einigen Raum zum experimentierten, sei mit Tempus, Perspektive oder Erzählform – das zeigt sich schon daran, dass bei Weitem nicht alle der Geschichten zur Kontinuität gezählt werden können. Einige sind ziemlich klassisch gehalten, etwa der Einstieg, „Raymus“ von Gary Whitta, der nicht nur als Drehbuchautor an „Star Wars Rebels“ und „Rogue One“ mitarbeitete, sondern bei besagtem Spin-off sogar den Titel ersann. In seiner Geschichte knüpft er direkt an „Rogue One“ an und schildert, wie Raymus Antilles, der Captain der Tantive IV, die Zeit „zwischen den Filmen“ erlebt. Bei anderen Geschichten dagegen ist es ungewiss, ob sie in den Kanon passen, etwa bei „Beru Whitesun Lars“ von Meg Cabot. Hier fungiert Lukes Tante als Ich-Erzählerin und schildert kurz, wie sie die Ereignisse ihres Lebens und Lukes Aufwachsen sieht – das tut sie allerdings post-mortem. Und schließlich wären da noch Geschichten wie „Palpatine“ von Ian Doescher oder „Whills“ von Tom Angleberger, die definitiv nicht in die Kontinuität passen. Doescher knöpft nämlich an sein Konzept „Shakespeare trifft Star Wars“, in dessen Rahmen er alle Episoden von I bis VII als Theaterstücke im Stil William Shakespeares neu abgefasst hat, an und steuert einen Monolog in diesem Stil bei, in dem der Imperator auf die Nachricht von Obi-Wans Tod reagiert. „Whills“ ist eine Metageschichte, die das ursprüngliche Konzept von Star Wars als dem „Journal der Whills“ aufgreift und von der Abfassung des Lauftexts von Episode IV berichtet.

Einige Geschichten kümmern sich wirklich um geradezu mikroskopische Teile des Films. „The Sith of Datawork“ von Ken Liu etwa erklärt, welche Gründe und Folgen der nicht erfolgte Abschuss der Rettungskapsel mit den beiden Droiden hat. Namenlose Rebellenpiloten oder Sturmtruppen erhalten ihren Moment im Rampenlicht, etwa in „Change of Heart“ von Elizabeth Wein oder „Sparks“ von Paul S. Kemp. Andere Geschichten bemühen sich dagegen in größerem Ausmaß, die Ereignisse von Episode IV mit den neuen Inhalten der Einheitskontinuität zu kontextualisieren, etwa „The Verge of Greatness“ von Pablo Hidalgo; hier werden nicht nur Tarkins Gedanken und Emotionen aufgegriffen, auch die Ereignisse von „Rogue One“ und Orson Krennics Rolle bei der Entstehung des Todessterns werden noch einmal thematisiert. Selbst die Prequels und das alte EU werden nicht völlig außenvorgelassen, Claudia Grays „Master and Apprentice“ schildert ein Zwiegespräch zwischen Obi-Wan und Qui-Gons Machtgeist, während John Jackson Miller mit der Tusken-zentrischen Geschichte Rites einige Details aus seinem Legends-Roman „Kenobi“ in die Einheitskontinuität rettet.

Wie in jeder derartigen Kurzgeschichtensammlung gibt es natürlich gelungenere und weniger gelungenere Werke. Mit „The Kloo Horn and Cantina Caper“ von Kelly Sue DeConnick und Matt Fraction konnte ich beispielsweise kaum etwas anfangen – zu ausgedehnt, zu uninteressant, zu wenig mit der eigentlichen Prämisse verknüpft. Die meisten Beiträge zu diesem Band sind allerdings sehr gelungen und zum Teil auch sehr kreativ. Neben den bereits erwähnten möchte ich noch einige andere speziell hervorheben: „The Baptist“ von Nnedi Okorafor erzählt die bewegende und tragische Geschichte des Dianoga in der Müllpresse des Todessterns, „The Trigger“ von Kieron Gillen schildert die Suche der imperialen Truppen nach Rebellen auf Dantooine, wobei sie zwar erfolglos sind, aber dafür auf Doctor Aphra aus der Darth-Vader-Comicserie treffen, „Time of Death“ von Cavan Scott gibt einen Einblick in Obi-Wans Geist kurz vor seinem Tod und „Contingency“ Plan schildert, warum sich Mon Mothma während der Schlacht um Yavin nicht mehr auf dem Rebellenstützpunkt aufhält und wie sie die ganze Situation empfindet.

Fazit: „From a Certain Point of View“ ist eine gelungene und unterhaltsame Anthologie rund um Episode IV voller kreativer Ideen und Kurzgeschichten, die das Star-Wars-Universum um viele kleine, teils auch äußerst amüsante Details erweitern. Gerne mehr davon.

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Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Halloween 2017
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Er ist nach wie vor der bekannteste Vampir der Film- und Literaturgeschichte, sein Name wurde zum Teil sogar als Synonym für das Wort „Vampir“ verwendet. Darüber hinaus ist er auch eine der fiktiven Figuren, die am häufigsten in Film und Fernsehen adaptiert wurde – lediglich Sherlock Holmes kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen. Er ist der Archetyp eines ganzen Genres und jeder kennt seinen Namen. Dennoch haben nur verhältnismäßig wenig Leute tatsächlich Bram Stokers „Dracula“ gelesen – das Wissen um den „König der Vampire“ kommt zumeist durch kulturelle Osmose und setzt sich aus Bruchstücken aus Literatur, Film und Fernsehen zusammen. Dennoch, wer den Vampir in seiner heutigen Form verstehen möchte, kommt an „Dracula“ nicht vorbei. Stokers Roman markiert das Ende einer Tradition und den Beginn einer neuen. Auf die ausführliche Besprechung des „Königs der Vampire“ arbeite ich bereits hin, seit ich meine Serie „Geschichte der Vampire“ begonnen habe. Dieser Artikel setzt sich ausführlich und ausschließlich mit Stokers Roman auseinander.

Inhalt und Form
Der junge Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien, um dem dort ansässigen reichen Edelmann Graf Dracula beim Kauf diverser Immobilien in England behilflich zu sein. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass sein Gastgeber ein blutdürstiger Vampir ist, der nach England umsiedeln möchte, um dort neue Opfer zu finden. Er lässt Jonathan in den Klauen seiner drei Gespielinnen zurück und reist per Schiff nach England. In Whitby, dem Ort seiner Ankunft, verbringt gerade Mina Murray, Jonathan Harkers Verlobte, ihre Ferien mit ihrer Freundin Lucy Westenra. Lucy wird zu Draculas erstem Opfer. Obwohl ihr Verlobter Arthur Holmwood sowie Lucys ehemalige Verehrer John Seward und Quincey Morris sowie Sewards Mentor Abraham van Helsing alles daran setzen, Lucy zu retten, scheitern sie. Lucy stirbt und wird zur Untoten, die letztendlich von denen, die sie während ihres Lebens geliebt haben, erlöst werden muss. Mina erfährt derweil, dass Jonathan in halb verrücktem Zustand von Nonnen gefunden wurde und gegenwärtig gesund gepflegt wird. Sie reist nach Osteuropa, wo sie Jonathan so schnell wie möglich heiratet. Die Ereignisse, die zu Jonathan temporärer geistiger Umnachtung geführt haben, hat der junge Anwalt vorerst verdrängt, er gibt Mina allerdings sein Tagebuch. Zuerst weigert sie sich, es zu lesen, nachdem sie von Lucys Tod erfährt und Jonathan meint, den Grafen in London gesehen zu haben, liest sie es dann doch. Schließlich tragen alle Beteiligten ihre Informationen zusammen – nicht nur Jonathan, auch van Helsing, Holmwood, Morris und Seward sind sehr daran interessiert, Dracula ein für alle Mal auszuschalten. Es gelingt ihnen, die Zufluchtsstätten Draculas in England unbrauchbar zu machen, derweil wird Mina allerdings zum nächsten Opfer des Grafen. Seiner Rückzugsorte beraubt flieht der Graf zurück in seine Heimat, verfolgt von den Vampirjägern, die sich mit dem Untoten ein Wettrennen nach Transsylvanien liefern, um Mina vor dem Schicksal zu bewahren, das Lucy ereilte. Es gelingt ihnen schließlich, den Grafen aufzuhalten, kurz bevor er das Schloss erreicht – nur Quincey Morris erleidet dabei eine tödliche Verletzung, freut sich aber darüber, dass sein Opfer es ermöglicht, Dracula aufzuhalten und Mina zu retten.

Diese ganzen Geschehnisse werden in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Zeitungsausschnitten oder anderen relevanten Dokumenten präsentiert, gesammelt und sortiert von den Protagonisten als Chronik der Ereignisse. Dieser Umstand dominiert die Form des Romans – während Briefe und Zeitungsausschnitte zumeist als kürzere Interludien funktionieren, nehmen die Tagebucheinträge den meisten Raum ein, wobei Jonathan Harker, Mina Harker und John Seward die dominantesten Erzähler sind. Der mit Abstand gelungenste Teil des Romans ist das erste Drittel, in dem Jonathan Harker nach Transsylvanien reist, die dunklen Omen und Warnungen der Einheimischen ignoriert, dann aber langsam feststellt, dass sein Gastgeber ein Vampir ist. Dieser Abschnitt des Romans ist am atmosphärischsten und spannendsten, auch weil er sehr fokussiert ist und sich ausschließlich auf Jonathans wachsenden Schrecken konzentriert. Die anderen beiden Drittel des Romans zerfasern etwas, vor allem der Mittelteil zieht sich ein wenig. Lucys langsame Verwandlung in eine Vampirin ist ebenfalls gelungen, wird aber immer wieder von relativ uninteressanten Interludien unterbrochen. Ein besonders auffälliges Element ist der Umstand, dass Dracula nach dem ersten Drittel kaum mehr als Figur auftaucht, sondern eher zu einer bedrohlichen Präsenz im Hintergrund wird, was dramaturgisch relativ gut funktioniert. In dieser Hinsicht ist lediglich das eigentliche Ende des Romans (bzw. des Vampirs) etwas enttäuschend: Nach einer Verfolgungsjagd von England nach Transsylvanien darf der Graf nicht einmal mehr selbst Hand an seine Verfolger legen, sondern wird ganz passiv in seiner Transportkiste von Jonathan und Quincey abserviert. Letzteren darf er nicht einmal persönlich umbringen – insgesamt ist das ganze Finale ziemlich knapp und antiklamktisch; die meisten Adaptionen erweitern es oder ändern es völlig ab.

Entstehung
Angeblich basiert die Grundidee für „Dracula“ auf einem Traum, den Stoker hatte und der sich im Roman in Form der Begegnungen mit den drei Gespielinnen Draculas wiederfindet. Dabei handelt es sich allerdings eher um eine Anekdote denn eine tatsächliche Gegebenheit. Fakt ist allerdings, dass Stoker definitiv von seinen direkten Vorgängern stark beeinflusst wurde: Sowohl „The Vampyre“ als auch „Varney the Vampire“ und vor allem „Carmilla“ hatten großen Einfluss auf das Schaffen des irischen Schriftstellers und beeinflussten seine Darstellung des Vampirs. Die Inspiration für den Titelschurken stammt allerdings aus anderer Quelle – und es handelt sich dabei auch nicht um Vlad Țepeș. Stattdessen findet sich in Dracula, seinem Auftreten und Gebahren, seinen guten Manieren, seiner Arroganz und Grausamkeit vor allem der Schauspieler Henry Irving wider. Zwischen 1878 und 1898 arbeitete Stoker im Lyceum Theatre in London, das während eben dieses Zeitraums von Irving geleitet wurde. Ursprünglich beabsichtigte Stoker, „Dracula“ im Lyceum mit Irving in der Titelrolle zur Aufführung zu bringen, doch Irving sagte die Idee nicht zu, da ihm der Stoff zu trivial erschien, weshalb Stoker sein Werk schließlich in Romanform veröffentlichte.

Und Vlad Țepeș? Ursprünglich hatte Stoker überhaupt nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark in Österreich als Heimat für seinen Vampir auserwählt – hier zeigt sich noch einmal der Einfluss von Sheridan Le Fanus „Carmilla“. In der Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren sollte, von Stoker aber verworfen und später von seiner Witwe Florence Stoker posthum veröffentlicht wurde, findet sich noch ein letzter Hinweis auf diesen Umstand. Der namenlose Erzähler (theoretisch müsste es sich dabei um Jonathan Harker handeln) stößt in einem verlassenen Dorf in der Nähe von München auf die Gruft einer Vampirin, die von der Inschrift als „Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark“ identifiziert wird.

Im frühen Stadium trug der Schurke von Stokers Werk (und damit auch das Werk selbst) noch den Namen „Count Wampyr“. Erst durch den Orientalisten Arminius Vámbéry kam Stoker auf die Idee, Anfang und Ende der Handlung nach Osteuropa zu verlegen. Vámbéry erzählte Stoker auch von Vlad III., genannt „Dracula“ (bzw. „Drăculea“), dem „Sohn des Drachen“ oder „Sohn des Teufels“. Es gilt inzwischen allerdings als gesichert, dass Stoker nicht allzu viel über Vlad III. wusste, denn die tatsächlichen Verweise auf die historische Figur, die im Roman zu finden sind, bleiben vage und unspezifisch, was angesichts des bewegten Lebens, das Vlad führte, äußerst merkwürdig ist. Noch dazu sind fast alle Details falsch: Vlad III. herrschte niemals in Transsylvanien und besaß auch kein Schloss am Borgo-Pass, stattdessen regierte er die Walachei und war auch kein Graf, sondern Voivode (was sich am ehesten mit „Fürst“ übersetzen lässt; zugegebenermaßen wird dieser Titel im Roman einmal von van Helsing erwähnt). Und obwohl er ein blutrünstiger Schlächter war, hat der Beiname Drăculea, im Gegensatz zu einem anderen Beinamen (Țepeș, der Pfähler) nichts damit zu tun. Vlads Vater, Vlad II., wurde von Kaiser Sigismund in den Drachenorden, einen Ritterorden zum Schutz der Christenheit, aufgenommen und erhielt deshalb den Beinamen „Dracul“, „der Drache“. Somit war Vlad III. der Sohn des Drachens. Lange Rede, kurzer Sinn: Dracula hat mit dem historischen Vlad Drăculea bis auf den Namen und den üppigen Schnurrbart eigentlich nichts gemein, die Verknüpfung zwischen dem Vampir und dem nicht minder blutrünstigen Herrscher der Walachei wurde erst in späteren Adaptionen der Vorlage geschaffen.

Deutungen
Es gibt eine Vielzahl an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten für „Dracula“ – ich will hier nur in aller gebotenen Knappheit einige Ansätze präsentieren, da dieser Artikel sonst völlig ausarten würde. Besonders beliebt ist der Ansatz, dass es sich bei Dracula um eine Repräsentation des im viktorianischen Zeitalter stark unterdrückten Sexualtriebs handelt, der die Reinheit (oder Prüderie) der viktorianischen Dame, vertreten durch Mina Harker und Lucy Westenra, befleckt. In diesem Zusammenhang kann der Vampirismus als Geschlechtskrankheit interpretiert werden, oder als unterdrückte Homosexualität, oder als Freisetzung des Freud’schen „Es“. Apropos Freud, der Madonna/Hure-Komplex ist auch nicht weit entfernt: Die Frauen in „Dracula“ sind entweder pure, reine Wesen, die von den Männern überhöht werden (Mina, Lucy als Mensch) oder lüsterne Dämoninnen (Draculas Gespielinnen, Lucy als Vampirin) – Zwischentöne gibt es nicht.

Und dann wären da noch die gesellschaftlichen bzw. politischen Deutungen. Mit Ausnahme Arthur Holmwoods handelt es sich bei den Vampirjägern um aufgeklärte Vertreter des Bürgertums, die gegen einen blutsaugenden Adeligen, einen Vertreter einer alten und überkommenen Ordnung kämpfen – so kann „Dracula“ auch als Versinnbildlichung einer bürgerlichen Revolution gesehen werden. Damit einher geht die Deutung des Konflikts im Roman als Kampf zwischen Fortschritt und Rückschritt bzw. Aufklärung und Magie. Zwar wird die dogmatische Leugnung des Übernatürlichen als fatal dargestellt – letztendlich müssen die Protagonisten auf unangenehme Weise lernen, dass das Übernatürliche real ist – aber dennoch wird es als etwas bekämpft, das in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Mehr noch, die Vampirjäger unterwerfen sich letztendlich nicht seinen Regeln. Dracula selbst stirbt, anders als Lucy, nicht durch den Holzpflock, die traditionelle Waffe im Kampf gegen Vampire, sondern durch Jonathan Harkers Kukri und Quincy Morris‘ Bowiemesser, zwei verhältnismäßig moderne Waffen.

Und schließlich wäre da noch die persönlichere Deutung, derzufolge Stoker sich selbst und die Personen seines Umfelds auf dualistische Weise in den Roman eingearbeitet hat: Das Zentrum seines beruflichen Lebens und seiner Bewunderung, Henry Irving, wird dieser Interpretation zufolge in seinen positiven Aspekten von van Helsing repräsentiert, in seinen negativen von Dracula, während Stoker sich selbst, schwankend zwischen Bewunderung und Abhängigkeit, in Form von Jonathan Harker und dem Wahnsinnigen Renfield, der sich vom Grafen ewiges Leben erhofft, in die Geschichte einarbeitete. Mina und Lucy repräsentieren dann seine Frau Florence, während die beiden Trios des Romans, die Vampirjäger und die drei Vampirinnen, Irvings persönlich Entourage darstellen sollen.

Dracula und Stokers Vampire
Es gibt ein Element, das Dracula von fast allen seinen Vorgängern unterscheidet, die ich im Rahmen von „Geschichte der Vampire“ besprochen habe: Bram Stokers Graf Dracula ist als Figur absolut nicht ambivalent, er ist einfach nur böse. Nachdem man Jahrzehnte lang Filme gesehen hat, in denen Dracula romantisch involviert war, mit Gewissensbissen haderte oder sein Schicksal beklagte, mag das seltsam erscheinen, aber der Vampire im Roman besitzt keine dieser Eigenschaften, keine Ambivalenz, keine Reue, keine Spur von romantischer Veranlagung, er ist nicht einmal besonders attraktiv oder anziehend (allerdings auch nicht so hässlich wie Graf Orlok). Zwar fungierten Lord Ruthven und Carmilla ebenfalls als die Antagonisten ihrer jeweiligen Geschichte, beide bauten aber auch innige Beziehungen zu den jeweiligen Protagonisten auf, wurden Freunde, Mentoren oder gar Geliebte, sodass sich ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelte. Sir Francis Varney schließlich ist der Prototyp des sympathischen Vampirs, auch wenn er zumindest am Anfang von „Varney the Vampire“ noch eine antagonistische Rolle einnahm. Dracula mag wie Ruthven ein Adeliger sein und es nicht auf Familienmitglieder, sondern auf schöne junge Frauen abgesehen haben, aber auf rein konzeptioneller Ebene lässt er sich am ehesten mit den Vampiren aus „Die Familie des Wurdalak“ vergleichen. Sowohl bei Tolstoï als auch bei Stoker bleibt nach der Vampirwerdung kaum etwas von der ursprünglichen Persönlichkeit des Menschen übrig. Natürlich verrät der Roman nicht, wie Dracula als Mensch war, aber als Leser erlebt man, wie sich Lucy Westenra durch die Vampirwerdung verändert. Zwar erinnert sie sich noch daran, dass sie mit Arthur verlobt war, doch dabei handelt es sich bestenfalls um Rückstände ihres früheren Ichs, die keine Einfluss auf das Monster haben, zu dem sie geworden ist. Nur in einer einzigen Szene des Romans zeigt Dracula ein wenig Ambivalenz, nämlich im Gespräch mit Jonathan Harker im ersten Drittel des Romans. Dort, und nur dort, gibt sich der Graf ein wenig melancholisch. Doch selbst dabei scheint es sich um eine Täuschung des Monsters zu handeln. Fast jede Adaption des Romans, selbst die, in denen Dracula immer noch eindeutig der Schurke ist, haben ihm zumindest den einen oder anderen zusätzlichen sympathischen Zug verliehen, von späteren Versionen, in denen er zum romantischen Antihelden mutiert, gar nicht erst zu sprechen. Aber vielleicht eignet sich Stokers Dracula gerade wegen seiner Eindimensionalität so gut als Archetyp: Dracula ist DER böse Vampir, ohne Schattierungen, und als solcher kann er als Sprungbrett in alle möglichen Richtungen fungieren.

Was die Darstellung des Vampirs im Allgemeinen angeht, so orientiert sich Stoker durchaus an seinen Vorgängern, wo diese aber zum Teil vage und unklar blieben, schafft Stoker fast schon mechanische Gesetzmäßigkeiten: Der Vampir muss Blut trinken, um zu überleben, altert nicht und kann sich sogar verjüngen, er muss in der Erde seiner Heimat schlafen, er kann sich in Tiere (Wölfe, Fledermäuse, Ratten) und Nebel verwandeln, er muss eingeladen werden, um ein Gebäude betreten zu können, sobald er jedoch einmal eingeladen wurde, wird man ihn kaum wieder los. Er hat kein Spiegelbild und keinen Schatten, Knoblauch und christliche Symbole schrecken ihn ab, fließendes Wasser kann er nicht (bzw. nur in einer Kiste schlafend) überqueren, seine Gestalt kann er nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verändern und den Tag muss er in der Gestalt verbringen, die er in der Nacht gewählt hat. Töten kann man ihn, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, ihm den Kopf abschlägt und Knoblauch in den Mund stopft (obwohl sich ja bereits im Roman auch diverse Messer als äußerst wirkungsvoll erweisen). Diese Gesetzmäßigkeiten, zusammen mit dem Tod durch Sonnenlicht, der in Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ etabliert wurde, gelten als Vampirstandard und haben sich inzwischen im kulturellen Unterbewusstsein verankert.

Normalerweise würde ich nun noch weiter über das Vermächtnis des Werkes und das Fortleben der Figur in Adaptionen und anderen Werken schreiben, aber bei „Dracula“ ufert das derartig aus, das noch einige weitere Artikel folgen werden, die sich mit der Darstellung des Grafen in Film und Fernsehen, Comic und Anime, weiteren Romanen sowie Hörbüchern und -spielen auseinandersetzen werden.

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Geschichte der Vampire:
The Vampyre
Die Familie des Wurdalak
Varney the Vampire
Carmilla
Nosferatu

Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Westeros

Na gut, der Titel dieses Artikels ist vielleicht ein bisschen reißerisch. Zwar hat sich George R. R. Martin früher auch als Horror-Autor betätigt, zum Beispiel mit dem Vampirroman „Fevre Dream“ oder der Werwolfnovelle „Skin Trade“, meines Wissens nach hat er allerdings nie eine Geschichte zum Cthulhu-Mythos beigesteuert (mit Ausnahme eines nicht ganz ernst gemeinten Eintrags auf seinem Blog, in dem er Jaime Lannister mit Cthulhu kämpfen ließ). Auch stilistisch und thematisch ist Martin weit von Lovecraft entfernt. Hier könnte ich natürlich jetzt die großen, massiven Unterschiede auffahren (Lovecraft benutzte meistens einen intradiegtischen (bzw. Ich-)Erzähler und gestaltete seine Geschichten oft als Berichte, während Martin mit einem sehr figurennahen extradiegetischen Erzähler arbeitet und sehr szenisch beschreibt), aber oftmals sind die kleinen Details weitaus interessanter. Nehmen wir die Nahrungsaufnahme: Lovecraft war bezüglich der Details ein Minimalist und schnitt meistens alles aus der Geschichte heraus, das keine unmittelbare Auswirkung auf den Handlungsverlauf hat. Nahrungsaufnahme zählt dazu; in fast keiner Lovecraft-Geschichte wird gegessen, lediglich in „The Shadow over Innsmouth“ gibt es tatsächlich einmal eine explizit erwähnte Mahlzeit. Martin dagegen beschreibt die Festmähler und Gelage der Welt von Eis und Feuer sehr ausführlich – so ausführlich, dass die Foodbloggerinnen Chelsea Monroe-Cassel und Sariann Lehrer schon vor einiger Zeit ein passendes (und sehr zu empfehlendes) Kochbuch veröffentlichten.

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Der Meersteinstuhl auf Pyke (Bildquelle)

Wer sich jedoch Martins Welt von Eis und Feuer ein wenig im Detail anschaut, wird dennoch Spuren von und Hommagen an Lovecraft darin finden, die deutlich machen, dass auch Martin ein weiterer Fan und Bewunderer des Schriftstellers aus Providence ist. Die offensichtlichste Anspielung ist der Drowned God der Iron Islands. In mancher Hinsicht gleichen die plündernden Bewohner der Iron Islands den Wikingern, mit deren Religion haben sie allerdings nur den Umstand gemein, dass ihr Gott sie dazu auffordert, in die Schlacht zu ziehen und zu plündern und zu morden. Ansonsten hat besagter Drowned God allerdings mit Odin nichts zu tun und erinnert eher an Cthulhu. Die Krakenassoziation ist durch das Wappen der Greyjoys gegeben, und dann ist da noch der Standardspruch seiner Priester: „What is dead may never die, but rises again, harder and stronger.“ Bis zum Zweizeiler aus dem Necronomicon ist es da nun wirklich nicht mehr weit: „That is not dead which can eternal lie, / And with strange aeons even death may die.“

Im Bezug auf die Gottheiten von Westeros und Essos ist das jedoch noch nicht alles: Die Idee des kosmischen Horrors ist durchaus eine, die Martin immer wieder subtil einfließen lässt. Diverse Figuren ringen mit der Idee, dass die Menschen lediglich Spielbälle der Götter sind, so diese denn existieren. Die Fähigkeiten etwa, die der Herr des Lichts verleiht, bleiben für alle, die nicht zu seinem Kult gehören, fremdartig und verstörend. Auch die Weißen Wanderer passen zu dieser Thematik, sie ebenfalls fremdartig und (zumindest bislang) jenseits des Verständnisses ihrer Feinde. Während in „Game of Thrones“ sogar zu sehen war, wie die Kinder des Waldes den ersten Wanderer erschaffen, um gegen die Ersten Menschen bestehen zu können, ist ihre Herkunft in den Romanen bislang noch völlig ungeklärt, was die Bedrohung, die von ihnen ausgeht, umso erschreckender macht.

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Die finstere Stadt Asshai (Bildquelle)

Weitere subtile Hommagen an Lovecraft und den weiteren „Cthulhu-Mythos“ finden sich vor allem in Details und Hinweisen, die primär in „The World of Ice and Fire“ aufgegriffen und vertieft werden. So gibt es auf Pyke und in Oldtown Spuren alter, vielleicht sogar vormenschlicher Zivilisationen. Die Iron Islands werden vom Meersteinstuhl aus regiert, einem mysteriösen Sitz aus öligem, schwarzem Stein, der bereits auf Pyke war, als Menschen die Insel zum ersten Mal betraten. Die Beschreibung des Gesteins erinnert ein wenig an R’yleh, die versunkene Stadt Cthulhus. In Westeros und jenseits davon gibt es noch weitere, ähnliche Monumente, etwa in Oldtown, wo sich eine merkwürdige Labyrinthfestung findet, die als Fundament des Hightower dient. Niemand weiß, was es mit diesem Labyrinth auf sich hat, aber ein Maester namens Theron, der von den Iron Islands stammt, vermutet, dass es eine Verbindung zwischen dem Meersteinstuhl und dem Labyrinth gibt und dass „Deep Ones“, Mischwesen aus Menschen und Kreaturen der Tiefe, für die Errichtung verantwortlich sein könnte. Der Lovecraft-Fan fühlt sich natürlich sofort an „The Shadow over Innsmouth“ erinnert. Weit im Osten finden sich ebenfalls Vorkommnisse dieses schwarzen Gesteins: Auf einer der Basiliskinseln existiert die Statue einer Kröte (evtl. eine Anspielung an Tsathoggua und Robert E. Howards Geschichte „The Black Stone“) und weit im Osten liegt die mysteriöse und berüchtigte Stadt Asshai, ebenfalls aus schwarzem Stein errichtet. Und schließlich wäre da noch die Dschungelstadt Yeen auf dem südlichen Kontinent Sothoryos, wo der Legende nach uralte, unverständliche Übel lauern.

Ebenfalls im Südosten liegt Leng, das beim kundigen Lovecraft-Leser sofort die Alarmglocken läuten lässt: Die Hochebene von Leng, beschrieben in Abdul Alhazreds Necronomicon, taucht in vielen Lovecraft-Geschichten auf, wird aber nie einheitlich verortet. „The Hound“ zufolge findet sich Leng in Asien, in „At the Mountains of Madness“ glaubt der Erzähler, Leng in der Antarktis gefunden zu haben und in „The Dream-Quest of Unknown Kadath“ ist Leng Teil der Traumlande. Bei Martin findet sich Leng als Insel im Süden von Essos, in dessen Ruinen früher „Old Ones“, alte, vergessene Götter gehaust haben sollen – klingt irgendwie vertraut. Und dann wäre da noch, ebenfalls in Essos, die Stadt Carcosa, die von einem „gelben Kaiser“ beherrscht wird – eine Hommage an Robert W. Chambers und seine Kurzgeschichtensammlung „The King in Yellow“.

Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival

Siehe außerdem:
The World of Ice and Fire

Battlefront II: Inferno Squad

infernosquad
„Battlefront“ ist inzwischen eine etablierte Star-Wars-Marke. Die beiden ursprünglichen Battlefront-Spiele, vor allem den zweiten Teil unter Verwendung diverser Mods, habe ich sehr ausführlich gespielt. Die Neuauflage von EA dagegen hat mich bisher kaum interessiert, und das nicht nur wegen der fragwürdigen DLC-Politik. Dinge wie das Fehlen der Prequel-Ära oder die Abwesenheit einer Handlung haben mich doch ziemlich abgeschreckt. Die Fortsetzung, die im November diesen Jahres erscheinen soll, sieht da schon weitaus interessanter aus, und das nicht nur, weil sowohl die Prequel- als auch die Sequel-Ära mit einbezogen wird. Rein marketingtechnisch erscheint mir „Battlefront II“ weitaus besser konzipiert zu sein, denn EA entschloss sich dieses Mal, dem Spiel eine Story und ein Gesicht zu geben. Dieses Gesicht gehört der Schauspielerin Janina Gavankar, die nicht nur in Serien wie „True Blood“, „The Vampire Diaries“ oder „Arrow“ mitwirkte, sondern auch als passionierte Gamerin gilt und ihre Stimme bereits diversen Spielfiguren lieh. In „Battlefront II“ spielt Gavankar die extra für dieses Spiel geschaffene Protagonistin Iden Versio, Pilotin und Soldatin des Imperiums und Anführerin der Inferno Squad, eines Spezialkommandos. „Battlefront II“ wird in der Schlacht um Endor ansetzen und erzählen, wie sich Iden Versio mit dem Tod des Imperators und dem Zusammenbruch des Imperiums auseinandersetzt. Wie schon beim ersten neuen Battlefront-Teil gibt es auch dieses Mal ein Roman-Tie-in mit dem Titel „Inferno Squad“, das die Vorgeschichte besagter Einheit erzählt – auch hier steht Iden Versio im Fokus. Nach dem in meinen Augen eher misslungen „Thrawn“ (und das, obwohl es von Thrawn-Erfinder Timothy Zahn verfasst wurde) ist „Inferno Squad“ nun schon der zweite Roman in diesem Jahr, der ausschließlich aus imperialer Perspektive erzählt wird. Und anders als „Thrawn“ gehört „Inferno Squad“ für mich zu den besten Kanon-Romanen.

Als Autorin wurde Christie Golden verpflichtet, die mit „Dark Disciple“ bereits einen Kanon-Roman verfasst hat, der jedoch thematisch völlig anders gelagert ist. Wie nicht anders zu erwarten spielen die Jedi, die Sith und die Macht in „Inferno Squad“ keine Rolle, stattdessen setzt sich Golden hier mit dem Thema Extremismus sehr ausführlich auseinander. „Inferno Squad“ beginnt mit der Schlacht um Yavin, in welcher Iden Versio als Tie-Pilotin flog – tatsächlich ist sie neben Darth Vader die einzige Überlebende Pilotin dieser Schlacht auf imperialer Seite. Als Reaktion auf die Zerstörung des Todessterns und den damit verbundenen Diebstahl der Todessternpläne sowie die Sabotage von Galen Erso gründet Idens Vater, Admiral Garrick Versio, die Inferno Squad, um Derartigem in Zukunft vorzubeugen. Die Squad besteht, neben Iden selbst, aus drei weiteren Mitgliedern: Gideon Hask, ebenfalls Pilot und Idens Stellvertreter, Del Meeko, Aufsteiger und Technikexperte sowie Seyn Marana, eine Kryptologin mit eidetischem Gedächtnis. Golden schildert in ihrem Roman die ersten drei Missionen der Inferno Squad, wobei die dritte Mission eindeutig im Fokus steht, während die ersten beiden lediglich dazu dienen, die Figuren und die Vorgehensweise der Einheit vorzustellen. Bei besagter dritter Mission geht es um ein Überbleibsel von Saw Gerreras Partisanan, das sich als „die Träumer“ bezeichnet. Die Träumer haben Anschläge auf verschiedene imperiale Einrichtungen verübt, die vermuten lassen, dass sie über Insider-Informationen verfügen. Die Inferno Squad soll die Träumer unterwandern und herausfinden, woher besagte Informationen kommen.

Auf den ersten Blick könnte man auf die Idee kommen, dass die Träumer der übliche Versuch sind, Imperiale in größerem Ausmaß als Helden zu etablieren. In diversen Kanon-Geschichten (und auch bereits in alten EU-Werken), in denen Figuren des Imperiums im Fokus sind, wurde bereits alles möglich unternommen, damit sie nicht gegen die Rebellion, also die eigentlichen Helden kämpfen müssen; man schickte Vader, Tarkin und Thrawn gegen Piraten, Schmuggler, Extremisten oder imperiale Dissidenten ins Feld, damit man sie als Leser anfeuern kann, weil ihre Widersacher noch schurkischer sind. Die Träumer scheinen zu dieser Kategorie zu passen, dabei handelt es sich aber zumindest teilweise um einen Trugschluss. „Inferno Squad“ zeichnet sich primär durch Goldens exzellente Figurenzeichnung aus. Ausnahmslos alle Charaktere in „Inferno Squad“ sind grau, äußerst ambivalent und ziemlich markant, die Imperialen genauso wie die Träumer. Gerade im Vergleich mit Romanen wie „Tarkin“ oder „Lords of the Sith“, in denen ähnlich geartete Widersacher fürchterlich blass blieben, ist das eine willkommene Entwicklung. Natürlich begünstigt der Plot diesen Umstand, da man die Protagonisten und die Widersacher nicht getrennt voneinander erlebt, sondern sie aufgrund der Infiltration ständig miteinander agieren. Das eigentliche Missionsziel wird letztendlich dann fast schon zur Nebensache. Golden zeichnet die Charaktere sehr komplex und weit entfernt vom einfachen Gut/Böse-Schema. Sie alle eint die absolute Hingabe an eine bestimmte Sache, sei es das Imperium oder der Saw Gerreras Ideal; eine Hingabe, die fast völlig rücksichtslos ausfällt und den Tod und das Leiden Unschuldiger in Kauf nimmt. Gleichzeitig sind sie aber eben doch alle Menschen (bzw. im Fall der Träumer auch Aliens mit sehr menschlichen Emotionen), die Freundschaften schließen, ein Moralempfinden haben, sich verlieben, Mitgefühl füreinander empfinden und mit ihren Entscheidungen und Handlungen ringen. Golden gelingt es sehr gut, diesen Zwiespalt glaubhaft darzustellen; keiner der Charaktere wirkt unglaubwürdig konstruiert. Insgesamt ist Iden Versio als Frontfrau natürlich die Figur, die am meisten Raum bekommt, um sich zu entfalten. Die anderen Mitglieder der Inferno Squad fungieren aber ebenfalls als Point-of-View-Charaktere und sind dementsprechend gut ausgearbeitet. Zwar bleibt die Perspektive ausschließlich imperial, aber auch die einzelnen Mitglieder der Träumer sind markante und gut greifbare Figuren, sei es die ehemalige Twi’lek-Sklavin Dahna, der Chadra-Fan-Techniker Piikow, der etwas instabile und gewalttätige Anführer Staven oder der mysteriöse Mentor. Insgesamt macht Golden hier keine Gefangenen und schreckt vor den dunklen Seite des Krieges und der Spionage nicht zurück. Somit ist „Inferno Squad“ definitiv einer der düstersten und moralisch komplexesten Star-Wars-Romane der letzten Jahre, vielleicht sogar insgesamt. Zugleich schafft es Golden, das Ganze in eine äußerst ansprechende, stringente und spannend geschriebene Handlung zu verpacken.

Die Einordnung in den Kanon ist ebenfalls sehr gelungen. Vor allem die Nachwirkungen von „Rogue One“ werden ausführlich thematisiert und noch einmal in direkten Kontext zur Zerstörung des ersten Todessterns gesetzt – die Gründung des Inferno Squad ist schließlich ein direktes Resultat aus den Informationslecks, die es den Rebellen überhaupt erst ermöglichten, den Todesstern zu zerstören. Saw Gerreras Partisanen und sein Vermächtnis sind ebenfalls ein Rogue-One-Element, das mehrfach thematisiert wird, sogar zurück bis zu „The Clone Wars“. Gleichzeitig hütet sich Golden vor allzu plumpen Gastauftritten, was „Inferno Squad“ eine sehr angenehme Eigenständigkeit verleiht.

Ein paar kleine Kritikpunkte gibt es aber dennoch. Ein Detail des Endes (ohne zu viel zu verraten, es hat mit den Überbleibseln einer untergegangenen Zivilisation zu tun) wirkt ein wenig kitschig und passt nicht so recht zum grimmigen Grundton des Romans. Außerdem wäre da noch ein untergeordnetes Handlungselement, dessen Potential in meinen Augen nicht ganz ausgeschöpft wurde. Die Rolle, die Iden Versio bei den Träumern einnehmen soll, erinnert ein wenig an Katniss Everdeen in „Mockingjay“: Sie soll praktisch Saw Gerrera als Gesicht der Partisanen ersetzen (was auch als ironische Meta-Anspielung funktioniert, schließlich fungiert Idens Darstellerin als Gesicht des Battlefront-II-Marketings). Leider wird das nur ansatzweise thematisiert und geht im letzten Drittel des Romans völlig unter. Das ist zwar durchaus verständlich, da die persönlichen Beziehungen zwischen den Figuren dominieren, und das zu Recht, aber schade ist es dennoch; aus dieser Thematik hätte noch mehr herausgeholt werden können. In diesem Kontext wäre eine Außenperspektive ganz interessant gewesen, vielleicht hätte man noch ein, zwei Szenen aus der Sicht von Idens Mutter schildern können, die mitansehen muss, wie ihre Tochter ihr geliebtes Imperium scheinbar verrät. Aber letztendlich bleibt das Meckern auf hohem Niveau, es ist schon richtig, dass die Figuren auf diese Weise im Zentrum stehen.

Ausnahmsweise habe ich „Inferno Squad“ mal nicht in gedruckter Form konsumiert, sondern stattdessen das Hörbuch gehört. Dieses wird, wie könnte es auch anders sein, von Janina Gavankar gelesen wird. Ich habe diesen Entschluss nicht bereut, Gavankar liest sehr gut, ihre Stimme passt ausgezeichnet zum Tonfall des Romans und man merkt ihre emotionale Involviertheit in das Projekt an. Lediglich bei ein, zwei Figuren übertreibt sie es etwas (Stichwort Piikow).

Fazit: Mit „Inferno Squad“ liefert Christie Golden ein weiteres Kanon-Juwel ab und führt mich zumindest in Versuchung, mir „Battlefront II“ zuzulegen, und sei es nur um zu erfahren, wie es mit Iden Versio weitergeht. Volle Empfehlung für alle, die auf ein düsteres Star Wars mit grauen Figuren und imperialer Perspektive stehen.

Bildquelle

Siehe auch:
Dark Disciple
Tarkin
Lords of the Sith

Lovecrafts Vermächtnis: Revival

Spoiler!
Revival von Stephen King
H. P. Lovecraft und Stephen King haben, zumindest für mich persönlich, noch eine weitere Eigenschaft neben ihrem Status als Großmeister des Horror-Genre gemein: Ihre Werke lassen sich besser hören als lesen. Tatsächlich habe ich noch nie ein Werk von Stephen King tatsächlich gelesen – aber doch inzwischen eine ganze Menge als Hörbuch gehört. Soweit ich weiß hat Stephen King mit Ausnahme der Kurzgeschichte „The Crouch“ (die ich allerdings weder gelesen noch gehört habe) nie direkt etwas zum „Cthulhu-Mythos“ beigetragen, ist aber dennoch ein großer Bewunderer Lovecrafts und hat einige Werke verfasst, die definitiv dem Sub-Genre „Kosmischer Horror“ zuzuordnen sind, darunter „ES“ und zumindest teilweise der Zyklus „Der dunkle Turm“. Kings eindeutigste Lovecraft-Hommage ist jedoch der 2014 erschienene Roman „Revival“ – Lovecraft taucht, neben einigen anderen populären Horror-Autoren wie Bram Stoker und Mary Shelley, sogar in der Widmung auf und wird im Roman als einziger von ihnen direkt erwähnt.

„Revival“ baut Spannung und das zentrale Mysterium der Handlung sehr langsam, fast schon ein wenig langatmig auf, zumindest für mich hat das allerdings recht gut funktioniert – wer jedoch plakativen Horror auf den ersten hundert Seiten erwartet, wird definitiv enttäuscht werden. Jamie Morton ist zugleich Erzähler und Protagonist; der Roman ist, ähnlich wie so viele Lovecraft-Geschichten, als Bericht inszeniert, erzählt die Handlung aber nicht immer chronologisch. Zwar werden alle Lebensabschnitt der Hauptfigur mehr oder weniger ausführlich geschildert, Dreh- und Angelpunkt sind jedoch die Begegnungen mit dem Pastor Charles Jacobs. Jede dieser Begegnungen steht unter einem anderen thematischen Schwerpunkt.

Die erste Begegnung findet 1962 statt, Jamie ist noch ein Kind, während der junge Jacobs Pfarrer der kleinen Gemeinde Harlow in Maine (wo auch sonst?) wird, in der Jamie mit seiner Familie lebt. Zwischen Jamie und Jacobs entwickelt sich  eine Freundschaft, der junge Pastor sowie seine junge, attraktive Frau Patsy und sein niedlicher kleiner Sohn Morrie werden bald äußerst populär, vor allem bei der Jugend von Harlow. Dann kommt es jedoch zu einem Desaster: Patsy und Morrie sterben in einem Autounfall und Jacobs reagiert mit einer für das ländliche Amerika der 60er äußerst verstörende Predigt, in der er atheistische Schlüsse zieht. Religion und Theodizee sind das Thema dieses ersten Abschnitts des Romans, der zugleich Jamies Kindheit und Jugend sehr ausführlich schildert.

Jamie wird schließlich Musiker und dabei letztendlich heroinabhängig. 1992 begegnet er Charles Jacobs auf dem Tiefpunkt seines Lebens wieder: Er ist aus seiner Band geflogen, hat kein Geld mehr und ist von seiner Drogensucht gezeichnet. Bereits während Jamies Kindheit interessierte sich Jacobs für Elektrizität; als sie sich nun wiederbegegnet, fertigt Jacobs auf einem Jahrmarkt „Porträts in Blitzen“ als Attraktion und bietet Jamie an, ihn durch die „geheime Elektrizität“ von seiner Sucht zu heilen. Das gelingt tatsächlich und Jamie bekommt sein Leben nach und nach wieder auf die Reihe, auch wenn die Heilung einige merkwürdige Nebenwirkungen hat. Das Thema dieser zweiten Begegnung ist selbstverständlich Sucht.

2008, sechzehn Jahre nach der mysteriösen Heilung, kreuzen sich Jamies und Jacobs Wege erneut. Jacobs ist teilweise zu seinem alten Handwerk zurückgekehrt und betätigt sich als Wanderprediger und Wunderheiler, was Jamie natürlich sehr interessiert, weshalb er sich das alles genauer anschaut und auf einige Merkwürdigkeiten stößt: Nebenwirkungen, Selbstmorde und andere Ungereimtheiten, die ihm Sorgen um sich selbst und andere, die von Jacobs geheilt wurden, bereiten. Im Gespräch mit Jacobs offenbart sich schließlich, dass dieser zu einem verbitterten alten Mann geworden ist, der rücksichtslos seine Forschungen zur „geheimen Elektrizität“ fortführt. Ab diesem Zeitpunkt werden die Horroraspekte des Romans immer stärker, Jacobs erinnert an Doktor Frankenstein.

Die letzte Begegnung findet schließlich 2014 statt; in diesem letzten Abschnitt driftet der Roman endgültig in den Kosmischen Horror ab. Jacobs bringt Jamie durch Erpressung dazu, ihm bei einer letzten Heilung zu assistieren und anschließend mit ihm die „geheime Elektrizität“ zu erforschen, die zu einer erschreckenden Entdeckung führt.

Diese Inhaltsangabe mag ausführlich erscheinen, gibt Kings Roman allerdings nur recht unzureichend wieder, da er das gesamte Leben seines Protagonisten schildert; es tauchen diverse Nebenfiguren aus Jamies familiärem und sozialem Umfeld auf, King bemüht sich, die Entwicklung des Protagonisten sehr anschaulich zu schildern und auch die jeweiligen Lebensumstände authentisch darzustellen. Für meine Rezension sind diese Aspekte jedoch eher sekundär, da es mir um den Kosmischen Horror geht. Ganz ähnlich wie Lovecraft vermittelt King hier alptraumhafte Ideen, die er mit ein wenig Pulp anreichert. Prinzipiell greift King dabei nicht direkt auf Lovecraft oder den „Cthulhu-Mythos“ zurück, kann es aber nicht lassen, eine sehr direkte Referenz zu einem essentiellen Teil des Werkes zu machen. Der Schlüssel zu Jacobs „geheimer Elektrizität“ ist ein Grimoire namens De Vermis Mysteriis („Die Geheimnisse des Wurms“), das King bereits in anderen Geschichten erwähnte. Ursprünglich erfunden wurde dieses finstere Buch von Robert Bloch (taucht ebenfalls in der Widmung auf), der ein großer Bewunderer Lovecrafts war und in seiner Jugend Cthulhu-Mythos-Geschichten verfasste – sein bekanntestes Werk ist allerdings der von Alfred Hitchcock verfilmte Roman „Pycho“. King baut diesbezüglich einen netten Metaverweis ein, indem er eine Figur in „Revival“ erklären lässt, De Vermis Mysteriis hätte Lovecraft zum Necronomicon inspiriert, obwohl natürlich das Necronomicon Bloch inspiriert hat.

Obwohl er sich durchaus an Lovecraft orientiert, bemüht sich King doch, seinen Kosmischen Horror eigenständig zu halten. In vielen Lovecraft-Geschichten bleibt Selbstmord der einzige Ausweg für den traumatisierten Protagonisten, der tiefe, erschreckende Wahrheiten über das Universum und die eigene Insignifikanz erfahren hat. An diesen Punkt knüpft King an und nimmt auch diesen Ausweg, denn die „geheimen Elektrizität“ öffnet sehr spezifische Tore und gibt Einblicke in eine andere Welt. Genau wie bei Lovecraft geht es letztendlich um die Beantwortung fundamentaler Fragen, in diesem Fall: „Was kommt nach dem Tod?“ Und wie bei Lovecraft ist die Antwort keine angenehme. Jamie erhascht letztendlich tatsächlich auf ein Blick in ein Jenseits, in dem jeder Verstorbene von gewaltigen, Ameisen gleichenden Kreaturen versklavt wird, unabhängig davon, ob man im Leben gut war oder nicht. Natürlich steckt hinter dieser „Hölle für alle“ eine Kreatur jenseits menschlichen Verständnisses, „die Mutter“, eine Art Ameisenkönigin mit einem langen, haarigen schwarzen Bein und einer Klaue, die aus menschlichen Gesichtern besteht.

Ob „Revival“ letztendlich funktioniert, hängt von der Perspektive ab, da der Roman über weite Strecken sehr geerdet und realistisch wirkt. Das Übernatürliche schleicht sich nur sehr langsam und subtil ein, die endgültige Enthüllung kommt dann fast ein wenig plötzlich und scheint sich mit dem Ton des restlichen Romans nicht ganz zu vertragen. Wer jedoch Lovecraft-affin ist, erwartet spätestens ab der Erwähnung von De Vermis Mysteriis genau so etwas. Die Gestaltung des Jenseits erinnert ebenfalls an Lovecraft, eigentlich wie immer, wenn zyklopische Ruinen auftauchen, das betrifft aber gerade auch die Konzeption: Riesige Ameisen, die Menschen versklaven klingen nach Pulp und Schundheften – genau wie ein geflügelter Tintenfisch. Es ist gute Genre-Tradition, Pulp-Elemente als Ausdruck eines weitaus tiefergehenden, kosmischen Schreckens zu verwenden. Somit ist „Revival“ ein schönes Beispiel dafür, wie man eine kosmische Horrorgeschichte schreibt, ohne sich (mit einer Ausnahme) direkt auf Lovecraft’sche Elemente zu beziehen.

Zum Schluss noch kurz ein paar Worte zur Hörbuchversion, da ich „Revival“ ja auf diese Weise konsumiert habe: Sie ist äußerst empfehlenswert. Wie so viele King-Romane (und auch eine ganze Reihe von Lovecraft-Geschichten) liest David Nathan, seines Zeichens Synchronsprecher von Johnny Depp und Christian Bale, und er liest so ausgezeichnet wie immer.

Fazit: „Revival“ kann man zwar nicht wirklich zur Riege von Kings besten Werken rechnen, aber es ist doch ein gelungener Roman mit interessanten Themen. Der Spannungsaufbau ist zwar langsam und subtil, aber keinesfalls langweilig. Am gelungensten ist jedoch Kings Verarbeitung der Lovecraft’schen Thematik, der er eine interessante neue Idee hinzufügt, ohne sich dabei des „Cthulhu-Mythos“ zu bedienen.

Bildquelle

Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise