Der Leuchtturm

Spoiler!
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Story: Ephraim Winslow (Robert Pattinson) ist der neue Gehilfe des Leuchtturmwärters Tom Wake (Willem Dafoe). Die beiden treten gemeinsam eine Vierwochenschicht auf dem Leuchtturm einer kleinen Felseninsel in Maine an, während der sie von der Außenwelt völlig isoliert sind. Wake erweist sich dabei als äußerst herrisch und lässt seinen Gehilfen nur niedere arbeiten verrichten. Am Ende der Schicht zieht ein Sturm auf, der verhindert, dass die beiden Leuchtturmwächter abgelöst werden. Die harte Arbeit und die Einsamkeit hinterlässt ihre Spuren an Winslow, immer öfter hat er seltsame Wahnvorstellungen, und auch Wake scheint geistig nicht mehr völlig beisammen zu sein…

Kritik: Bereits mit seinem Debütfilm „The Witch“ hat Robert Eggers es geschafft, als außergewöhnliche und individuelle Stimme im Horror-Genre wahrgenommen zu werden, ein Status, den er mit seinem zweiten Film nun unterstreicht. Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen lassen sich nicht leugnen: Sowohl bei „The Witch“ als auch bei „Der Leuchtturm“ handelt es sich um Horrorfilme in historischem Setting, das vom Regisseur mit großem Aufwand so genau und authentisch wie möglich rekonstruiert wurde. Die Handlung beider Filme spielt in einem sehr beschränkten, fast schon klaustrophobischen Setting und in beiden Filmen müssen die Protagonisten mit stärker werdendem Wahnsinn kämpfen. Und schließlich kommen in beiden Filmen subtile übernatürliche Elemente vor, die jedoch vielleicht nur besagtem Wahnsinn entspringen.

Visuell unterscheidet sich „Der Leuchtturm“ allerdings stark von Eggers‘ Erstling. Gedreht wurde der Film mit einer altmodischen Kamera im fast quadratischen 1,19:1-Seitenverhältnis und in Schwarzweiß, was sehr stummfilmhaft anmutet und die ohnehin starke Klaustrophobie des Settings noch einmal deutlich unterstreicht. Manchmal erinnert die Bildkomposition und der teils symmetrische Aufbau ein wenig an Wes Anderson – allerdings einen Wes Anderson, der in ein tiefes, schwarzes Depressionsloch gefallen ist. Trotz der „Stummfilmhaftigkeit“ spielt die Tonspur, sowohl die Sprache als auch die Soundeffekte und der enervierende Score von Mark Korven, eine essentielle Rolle – man fühlt regelrecht, wie der Wahnsinn von den beiden Protagonisten Besitz ergreift, die bedrückende Atmosphäre ist allgegenwärtig. Nicht weniger beeindruckend als die Bildsprache und die Tonspur ist die Leistung der beiden Darsteller. Willem Dafoe und Robert Pattinson, vor allem Letzterer, spielen sich wirklich die Seele aus dem Leib und gehen mit ihrer Performance ins psychische und physische Extrem. Der langsam Verfall der beiden Figuren wirkt absolut authentisch und glaubhaft.

Wie nach „The Witch“ nicht anders zu erwarten ist die Handlung recht doppelbödig. Ein zentrales Element ist die Sage um Prometheus, der den Göttern das Feuer stiehlt und es den Menschen bringt – man könnte hier beinahe vom roten Faden des Films sprechen. Bereits zu Anfang macht Wake klar, dass nur er sich um das Licht kümmert, während Winslow sich mit Handlangertätigkeiten begnügen muss. Im Verlauf der Handlung verlangt es Winslow immer stärker danach, ebenfalls „das Licht zu sehen“, während Wake es eifersüchtig hütet und ein, vorsichtig ausgedrückt, romantisches Verhältnis zu ihm zu haben scheint. Der endgültige Bruch zwischen den beiden Wächtern erfolgt über das Licht. Am Ende gelingt es Winslow, das Licht zu sehen bzw. es zu stehlen, um beim Mythos zu bleiben, nur um dann genau wie Prometheus zu enden: Allein auf einem Felsen, während ein Vogel (hier eine Möwe) genüsslich seine Gedärme verspeist.

Weitere Inspiration zieht Eggers aus dem Bereich der „Weird Fiction“, in deren Tradition er „Der Leuchtturm“ sieht. In einem Interview nennt er Autoren wie M. R. James, Edgar Allan Poe und natürlich H. P. Lovecraft als Inspiration. Schon bei „The Witch“ wurde ich immer wieder an Lovecrafts „The Dreams in the Witch House“ erinnert, was primär daran lag, das Eggers und Lovecraft sich ähnlicher Quellen bedienten, auch wenn sie die daraus entnommenen Elemente sehr unterschiedlich umsetzten. In „Der Leuchtturm“ sind die Parallelen ungleich stärker. Die kleine Figur, die Winslow zu Beginn findet und zu der er ein ungesundes Verhältnis aufbaut, erinnert ein wenig an die Rolle der Figur in „The Temple“, die Halluzinationen von Tentakeln, eher unappetitlichen Meerjungfrauen und Geschlechtsverkehr mit diesen verweist auf „The Shadow over Innsmouth“ und „das Licht“ selbst bleibt eine unverständliche Präsenz, wir erfahren nie, was Winslow genau sieht, als er ins Licht blickt, nur, dass es ihn endgültig zerstört – das ist quasi der Inbegriff kosmischen Schreckens.

Fazit: „Der Leuchtturm“ knüpft stilistisch und qualitativ an Robert Eggers‘ Erstling „The Witch“ an – ein gelungener, außergewöhnlicher und handwerklich ebenso wie schauspielerisch beeindruckender Horrorfilm, der auf plakative Genreklischees verzichtet und den Zuschauer stattdessen auf eine alptraumhafte Reise in den Wahnsinn mitnimmt.

Trailer

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Siehe auch:
The Witch
Score-Analyse
Interview mit Robert Eggers

Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension

Volle Ladung Spoiler!
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Da ist es also, das Ende einer Ära, der Abschluss der Skywalker-Saga, der neunte Film der Heptalogie, der angeblich alle Fäden der Original-Trilogie, der Prequels und der Sequels aufgreifen und zusammenführen soll. Wenn ich ihn mit einem Wort beschreibend müsste, wäre es „bieder“; sowohl bieder in der Art und Weise, wie die Handlung verläuft als auch, mehr noch als „The Force Awakens“, anbiedernd. Im Grunde ist „The Rise of Skywalker“ das Star-Wars-Gegenstück zu Warners „Justice League“: Der Versuch einer Franchise-Korrektur mit der Brechstange und als solcher ein zutiefst unwürdiger Abschluss dieser Filmreihe.

Handlung
Kylo Ren (Adam Driver) ist nach wie vor der Anführer der Ersten Ordnung, doch er fühlt sich bedroht, denn wie es scheint, ist Imperator Palpatine (Ian McDiamird) zurück. Ren spürt ihn schließlich auch auf dem Planeten Exegol auf, wo der Anführer der Ersten Ordnung tatsächlich auf den Sith-Lord trifft, der ihm noch größere Macht und eine geheime Flotte verspricht, wenn er es schafft, Rey (Daisy Ridley) zu töten. Diese trainiert derweil unter General Leia (Carrie Fisher), um ihre Fähigkeiten zu verfeinern. Der Widerstand erfährt schließlich auch von Palpatines Rückkehr. Gemeinsam mit Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega), Chewbacca (Joonas Suotamo), C-3PO (Anthony Daniels) und BB8 (as himself) macht sie sich auf, alte Sith-Artefakte zu finden, die ihren den Weg zum Imperator weisen, damit dieser die Galaxis nicht ein weiteres Mal mit Tod und Zerstörung überziehen kann. Sie hetzen durch die Galaxis, treffen dabei alte Verbündete der Rebellion wie Lando Calrissian (Billy Dee Williams) und neue Kameraden wie Jannah (Naomi Ackie) oder Zorri Bliss (Keri Russel). Im Verlauf dieses Abenteuers hat Rey immer wieder Visionen, setzt einmal „aus Versehen“ Machtblitze ein und erfährt schließlich, dass sie tatsächlich Palpatines Enkelin ist. In den Trümmern des Zweiten Todessterns, wo sich der letzte Hinweis auf Palpatines‘ Verbleib verbirgt, kommt es schließlich auch zum finalen Zusammentreffen zwischen Rey und Kylo Ren, bei dem sich entscheidet, wer auf welcher Seite steht…

Konzeption und Struktur: Korrektur mit der Brechstange
Bereits vor einiger Zeit verfasste ich einen ausführlichen Artikel über die Konzeption der Sequel-Trilogie. Die Essenz: Die Sequels folgen keinem erzählerischen Konzept, sondern sind reaktionär; jeder Film stellt eine Antithese zum Vorgänger dar. „The Force Awakens“ ist die Antithese zu den Prequels, „The Last Jedi“ ist die Antithese zu Episode VII und – immerhin diesbezüglich bleibt sich Disney treu – „The Rise of Skywalker“ ist die Antithese zu Episode VIII. Hier zeigt sich noch einmal das ganze Ausmaß an Planlosigkeit, mit dem Disney an die Sequels heranging, denn nun haben wir eine Trilogie, in der die beiden Regisseure konsequent gegeneinander arbeiten. Während J. J. Abrams in Interviews das übliche PR-Gesäusel von sich gab, ist doch ziemlich klar, dass viele Handlungselemente seines zweiten Star-Wars-Films ein Mittelfinger in Richtung Rian Johnson darstellen. Abrams zahlt es seinem Vorgänger mit gleicher Münze heim und negiert nonchalant dessen Entscheidungen. Ich bin inzwischen zu der Meinung gelang, dass Abrams nach „The Force Awakens“ durchaus Ideen für Episode VIII und IX hatte, die Johnson allerdings konsequent ignorierte. Mit „The Rise of Skywalker“ versucht Abrams nun, Stoff für zwei Filme in einem unterzubringen. Besonders der Anfang ist mit Exposition vollgestopft, die Handlung hüpft von Planet zu Planet und der Zuschauer wird mit Sachverhalten regelrecht beworfen. Gleichzeitig werden viele Elemente aus „The Last Jedi“ ignoriert (soweit möglich) oder geretcont, sodass Johnsons Film im Gefüge dieser Trilogie größtenteils obsolet wird.

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Von links nach rechts: Chewbacca (Joonas Suotamo), BB8, Dio, C-3P0 (Anthony Daniels), Rey (Daisy Ridley), Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega)

Die ersten beiden Akte von „The Rise of Skywalker“ stellen den Abenteuer-Aspekt von Star Wars in den Vordergrund. In fast schon Indiana-Jones-artiger Manier jagen Rey und Co. hinter diversen MacGuffins her, was immer wieder zu Konfrontationen mit der Ersten Ordnung führt. Ich denke, diese Jagd hätte eigentlich in Episode VIII stattfinden sollen. In „The Force Awakens“ etablierte Abrams Rey, Finn und Poe als „neues Trio“, fand aber vor lauter Fanservice nicht mehr die Zeit, sie als Team interagieren zu lassen, was Johnson ebenso unterließ – Rey und Poe treffen sich das erste Mal am Ende von „The Last Jedi“. In Episode IX erfolgt nun endlich die Teambildung. Und tatsächlich – im Grunde sind diese Aspekte von „The Rise of Skywalker“ nicht übel. Abrams verstand es schon immer, gute Chemie zwischen seinen Schauspielern zu erzeugen – nach wie vor einer der Hauptgründe, weshalb sein Star-Trek-Reboot so unterhaltsam war. Dennoch kommt die Team-Dynamik zu spät und muss auch noch mit den diversen anderen Handlungsschwerpunkten konkurrieren, primär dem Verhältnis zwischen Rey und Kylo Ren, die nach wie vor per Force-Skype kommunizieren.

Ich persönlich denke nicht, dass Palpatines Rückkehr in irgendeiner Form von Anfang an vorgesehen war – sie wird in keinster Weise in den Episoden VII oder VIII angedeutet und zumindest Colin Trevorrow, der ja immerhin ursprünglich bei Episode IX Regie führen sollte, wusste nichts davon. Viel eher scheint Palpatine eine Notlösung zu sein und die Rolle auszufüllen, die Snoke in einer hypothetischen Abrams-Trilogie innegehabt hätte; vielleicht wäre er tatsächlich Darth Plagueis gewesen, vielleicht hätte ihn auch ein anderes uraltes Geheimnis der Dunklen Seite umgeben. Da Kylo Ren nun einmal nicht zum Oberschurken taugt und ihn nach seinen vielen Niederlagen niemand als solchen ernst nehmen würde, musste eben der gute alte Darth Sidious noch einmal herhalten.

Wie auch immer, letztendlich sind das alles Spekulationen, die finale Schuld am Scheitern dieses Films und der gesamten Sequel-Trilogie liegt weder bei Abrams noch bei Johnson, sondern bei Disney, da der Konzern es überhaupt erst ermöglicht hat. Abrams hatte wirklich eine undankbare Aufgabe, da Rian Johnson ihm kaum etwas Brauchbares hinterlassen hatte, um diese Trilogie abzuschließen und er zugleich versuchen sollte, der Kritik an „The Last Jedi“ zu begegnen. Leider machten es sich Abrams und Co-Drehbuchautor Chris Terrio (der seinerseits bereits an „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Justice League“ beteiligt war und damit schon ausreichend Erfahrung im Franchise-gegen-die-Wand-fahren sammeln konnte), viel zu leicht und versuchten den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, in dem sie die beliebtesten bzw. abgeschmacktesten Fan-Theorien in ihre Handlung einbauten. Das sorgt dafür, dass der Plotverlauf selbst dann extrem vorhersehbar ist, wenn man sich von den ganzen Leaks ferngehalten hat.

Die alte Nemesis: Plot Convinience
Es ist immer eine Herausforderung für Autoren, den Plot und die Figuren dorthin zu bringen, wo man sie haben möchte. Abrams hatte in seinen Filmen diesbezüglich schon immer gewisse Probleme: Kirk wird in „Star Trek“ ganz zufällig auf dem Planeten ausgesetzt, auf dem sich momentan nicht nur Scotty, sondern auch Spock senior befinden. Auch in Star Wars nimmt das immer wieder problematisch Ausmaße an (besonders in Episode II), aber dieses Franchise hat immerhin eine bessere Ausrede als so manch anderes Werk: Es ist der Wille der Macht, dass sich bestimmte Figuren begegnen oder zu einem gewissen Zeitpunkt an einem gewissen Ort aufhalten. Mehr als ein SW-Autor hat diesen Umstand mal mehr, mal weniger clever zu nutzen gewusst. Aber irgendwann ist der Bogen einfach überspannt. Für mich war er das schon in „The Last Jedi“, aber „The Rise of Skywalker“ setzt da noch einmal ordentlich einen drauf. Abrams und Terrio legen hier wirklich beachtliche handlungstechnische Verrenkungen hin und stolpern dabei über ihre eigenen Plottwists. Vieles wird lediglich in Halbsätzen kurz angedeutet oder schlicht übergangen. Woher kommt Snoke? Aus dem Reagenzglas, offenbar gibt es noch mehr von der Sorte. Die Ritter von Ren? Sind einfach da und machen nicht viel. Banaler hätte man diese Aspekte kaum auflösen können.

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Kylo Ren alias Ben Solo (Adam Driver)

Das Elend beginnt bereits beim ersten Satz des Opening Crawl: „The dead speak! The galaxy has heard a mysterious broadcast, a threat of REVENGE in the sinister voice of the late EMPEROR PALPATINE.” Ich hatte erwartet, dass die Rückkehr des Imperators etwas ist, das die Figuren entdecken müssen, aber nein, dieser Teil wird direkt übersprungen, alle wissen von Anfang an, dass Palpatine zurück ist, einfach um Filmzeit zu sparen. Bereits hier beginnt die Handlung auseinanderzufallen. Die gesamte Schnitzeljagd ist zwar der unterhaltsamste Teil des Films, da die besuchten Planeten immerhin interessanter sind als die Welten der bisherigen beiden Sequels, aber auch hier fragt man sich: Wozu, wer hat die ganzen Hinweise versteckt, wie kommt eine Nachricht auf einen uralten Sith-Dolch, den man dann in einem bestimmten Winkel vor die Todessterntrümmer halten muss, um das Rätsel zu lösen – Todessterntrümmer wohlgemerkt, die an dieser Stelle noch nicht allzu lange herumliegen? Hat Palpatine Snoke durch die Galaxis geschickt, damit dieser Hinweise verteilt, für den Fall, dass seine Enkelin irgendwann einmal zu ihm kommen muss? „The Rise of Skywalker“ hat keine Plotlöcher, das sind Plotkrater, durch die man mit einem Sternenzerstörer fliegen kann.

Die Figuren
Während der Widerstand am Ende von „The Last Jedi“ drastisch reduziert wurde, trifft das auf den eigentlichen Cast der Sequels nicht zu, sodass es bereits am Anfang von „The Rise of Skywalker“ eine ganze Reihe relevanter Figuren gibt, deren Zahl durch Neuzugänge und Rückkehrer noch weiter anwächst. Beginnen wir mit den Neulingen, primär sind das Keri Russel als Zorri Bliss und Naomie Ackie als Jannah, die beide als Unterstützung für die Helden fungieren, deren Auftauchen aber ebenso inkonsequent wie unnötig ist. Bei Zorri handelt es sich um eine alte Bekannte von Poe Dameron, die ihn aus früheren, zwielichtigeren Tagen kennt, während Letztere denselben Hintergrund hat wie Finn; sie ist eine Deserteurin der Ersten Ordnung. Beide Figuren hätten im Zusammenspiel mit Poe respektive Finn interessant sein können, aber sie haben so wenig Leinwandzeit und steuern so wenig zur Handlung bei, dass man sie wohl besser geschnitten hätte. Auch Billy Dee Williams‘ Rückkehr als Lando Calrissian ist kaum mehr als ein Fan-Service-Cameo. Etwas dankbarer ist die Rolle des Allegiant General Pryde auf der Seite der Ersten Ordnung, dargestellte von Richard E. Grant – endlich einmal ein wirklich kompetenter Befehlshaber der Ersten Ordnung. Ähnlich wie den Neuzugängen geht es vielen etablierten Figuren. Rose Tico (Kelly-Marie Tran) etwa, immerhin eine recht dominante Figur in „The Last Jedi“, hat, ähnlich wie Lando, kaum mehr als einen Cameo-Auftritt und auch General Hux (Domnhall Gleeson) ergeht es nicht viel besser – dieses Mal darf er aus Hass auf Kylo Ren für den Widerstand den Maulwurf spielen, nur um dann von Pryde, der sich nicht bescheißen lässt, erschossen zu werden – wie gesagt, mit Abstand der fähigste Offizier innerhalb der Ersten Ordnung.

Die Leia-Situation muss freilich noch gesondert angesprochen werden, bevor wir zu den Hauptfiguren kommen. Nach Carrie Fishers tragischem Tod stand man bei Disney natürlich vor einem Problem, da Episode IX eigentlich Leias Film hätte werden sollen, so wie Episode VII Hans und Episode VIII Lukes Film war. Idealerweise hätte man bereits im Zuge von „The Last Jedi“ reagiert, schließlich war noch ein Jahr Zeit, aber Rian Johnson und Kathleen Kennedy waren, sei es aus Pietät oder Sturheit, nicht gewillt, Leias Rolle abzuändern. Ihre Präsenz in „The Rise of Skywalker“ setzt sich primär aus Episode-VII-Szenen zusammen, die auf dem Boden des Schneideraums landeten. Dementsprechend hat sie, außer einem Grund für Kylo Rens Rückkehr zum Licht, nicht wirklich viel Substantielles zum Film beizutragen. Ich frage mich, wie ihre Rolle wohl auf jemanden wirkt, der im Vorfeld nicht weiß, dass die Szenen nicht für diesen Film gedreht wurden.

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Altes Dream-Team: Chewie (Joonas Suotamo) und Lando Calrissian (Billy Dee Williams)

Und nun zu den Kernfiguren. Lässt man Rey und Kylo Ren erst einmal außen vor, hat Poe Dameron noch die eindeutigste Entwicklung, da er nach Leias Tod in die Rolle des Anführers gedrängt wird. Auch das hätte ein interessanter Handlungsstrang werden können, wird aber in ein bis zwei kurzen Szenen abgearbeitet. Der Rest, Chewie, Finn, 3PO, sind mehr oder weniger nur als Anhängsel dabei. Allgemein fällt auf, dass in „The Rise of Skywalker“ die Dinge, die den Figuren passieren, allesamt völlig folgenlos bleiben. Finn begegnet weiteren desertierten Sturmtruppen – Abrams und Terrio machen nichts damit. 3POs Gedächtnis muss gelöscht werden – macht nichts, R2 hat während „The Force Awakens“ eine Notfallspeicherung vorgenommen. Chewie wird von Rey versehentlich getötet – natürlich hat er überlebt, was dem Zuschauer in der nächsten Szene mitgeteilt wird. Alles bleibt ohne Konsequenzen. Mehr noch, wegen des gehetzten Tempos im Film wird die emotionale Wirkung, die manche Szene hätte haben können, gnadenlos unterbunden, weil der Zuschauer schon wieder mit irgendetwas anderem bombardiert wird. „The Rise of Skywalker“ kommt kaum zur Ruhe, um wirkliche Charaktermomente zuzulassen. Um einmal „Revenge of the Sith“ zum Vergleich heranzuziehen: Auch die dritte Episode musste eine Menge leisten, Untergang der Republik und Jedi, Aufstieg des Imperiums, Anakins Fall zur Dunklen Seite usw., dennoch gelang es diesem Film, seinen Figuren etwas Raum zum „atmen“ zu geben. Ich will nicht behaupten, dass alle Charaktermomente funktionieren, aber wenn sie funktionieren, gehören sie mit zu den besten der Saga. Die Art und Weise, wie „The Rise of Skywalker“ strukturiert und geschnitten ist, hätte die Opern-Szene etwa kaum zugelassen.

Und schließlich: Rey und Kylo Ren/Ben Solo. Das Verhältnis zwischen diesen beiden kann man getrost als Herzstück der Sequel-Trilogie bezeichnen. Rey muss sich in diesem Film mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie Palpatines Enkelin ist – eine Fan-Theorie, die seit „The Force Awakens“ ihre Runden macht und schon damals reichlich dämlich war. Die Enthüllung, dass Rey ein „Niemand“ ist, war tatsächlich eines der Elemente, das mir in „The Last Jedi“ tatsächlich gefallen hat – mir sind in Star Wars sowieso schon zu viele Leute miteinander verwandt und verschwägert. Diese Enthüllung soll wohl Reys raschen Machtzuwachs erklären und befeuert zugleich den Plan des Imperators (dazu später mehr), wirft aber mehr Fragen und Probleme auf, als dadurch beantwortet und gelöst werden – ganz davon abgesehen, dass das alles fürchterlich erzwungen und plakativ daherkommt. Da wäre es noch besser gewesen, wenn Rey stattdessen eine spezielle Züchtung des Imperators, ein Sith-Experiment oder ähnliches gewesen wäre – damit hätte man eine interessante Geschichte erzählen können.

Kylo Ren tritt derweil ein weiteres Mal in die Fußstapfen seines Großvaters und kehrt am Ende des Films zur Hellen Seite zurück – dieses Mal nicht, um einen Todesfall in der Familie zu verhindern, sondern weil er bereits geschehen ist. Insgesamt ist Ben Solos Charakterentwicklung in diesem Film noch am überzeugendsten, was schlich an Adam Driver liegt und natürlich auch daran, dass diese Entwicklung die klarste ist – leider ist das nur verhaltenes Lob, denn wirklich gut ist sie nicht, nur besser als die anderen. Ein Ben Solo, der am Ende des Films für seine Taten wirklich geradestehen muss und durch den Tod nicht den „einfachen“ Ausweg bekommt, das wäre eine wirklich faszinierende Entwicklung gewesen.

Darth Sidious
Palpatine, der Imperator, Darth Sidious – nicht nur meine Lieblingsfigur in der Star-Wars-Saga, sondern wohl auch der Charakter, dem die Prequels nicht nur nicht geschadet haben, nein, er hat sogar von ihnen profitiert. In „Return of the Jedi“ entsprach er dem Archetypen des bösen Zauberers und Overlords. Zwar gewinnt er in den Episoden I bis III nicht wirklich an Tiefe und wird eine tragische oder gar nachvollziehbare Figur, aber er gewinnt an Facetten, wir sehen ihn als Meistermanipulator, der eine Demokratie stürzt und eine Diktatur errichtet. Obwohl die Rückkehr Imperator Palpatines in „The Rise of Skywalker“ nach Verzweiflung riecht, freute und freue ich mich, dass Ian McDiamird so noch einmal die Gelegenheit bekommt, in die ikonische Kutte zu schlüpfen. Unabhängig von allem anderen: McDiamird IST einfach Darth Sidious, so unausgegoren seine Rolle in diesem Film auch sein mag, ihm kann man definitiv keinen Vorwurf machen, mit dem, was man ihm gibt, stellt er das bestmögliche an und erfüllt jeden seiner Sätze mit abgrundtief böser Gravitas. Nun stellt sich die Frage, was Palpatine als neuer alter Oberschurke im Trilogie-Finale so anstellt. Wie sieht sein Masterplan dieses Mal aus? Leider entspricht er ganz dem Niveau der restlichen Handlung des Films: Zu Beginn lockt er Kylo Ren zu sich, zieht sich buchstäblich eine Flotte aus dem Arsch und beauftragt Kylo, Rey zu töten. Später erfahren wir allerdings, dass er Rey niemals tot sehen wollte, sondern das alles nur dazu diente, sie zu seinem Stützpunkt auf dem Sith-Planeten Exegol in den Unbekannten Regionen zu locken. Dort soll seine Enkelin ihn nach bester Sith-Tradition in all ihrem Hass niederstrecken und seinen Platz einnehmen, wobei sein Geist (sowie die Geister aller Sith (?), was auch immer es damit auf sich hat) dann auf sie übergeht. Nachdem Rey von dieser Idee allerdings nicht allzu begeistert ist, saugt Sidious die Energie aus der Machtverbindung zwischen Rey und Ben Solo, der inzwischen als Geläuterter ebenfalls zurückgekehrt ist, um so seinem leichenhaften Zustand zu entkommen und zu alter Macht zurückzukehren. Da hatte der Sith-Meister schon bessere Pläne.

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Rey (Daisy Ridley) und Kylo Ren (Adam Driver) kämpfen in den Trümmern des zweiten Todessterns

Ein weiteres Mal zeigt sich hier, wie wenig in den Sequels geplant war und mit welcher Nonchalance Abrams und Terrio einfach über offene Fragen hinweggehen. Tatsächlich erklärt der Film nicht, wie und warum Palpatine noch lebt… oder sagen wir besser, noch existiert, denn rein optisch befindet er sich die meiste Zeit über in einem ziemlich untoten Zustand. Der von Dominic Monaghan gespielte Resistance-Soldat Beaumont Kin erwähnt in einem Halbsatz Klone, was man wohl als Anspielung auf die Legends-Comicserie „Dark Empire“ aus den 90ern werten kann; in dieser kehrt Palpatines Geist in einem Klonkörper seiner selbst zurück und entfesselt erneut Tod und Verderben in der Galaxis – ganz ähnlich, wie er es in Episode IX tut. Es gibt tatsächlich einen Hinweis darauf, dass dem so sein könnte, denn Palpatine sieht zwar aus wie eine halb verweste Leiche, die Entstellung durch die Machtblitze, die von Mace Windus Lichtschwert auf ihn in „Revenge of the Sith“ zurückgeworfen wurden, ist jedoch nicht vorhanden. Merkwürdigerweise kehrt sie allerdings zurück, als Palpatine Kraft aus der Machtverbindung schöpft, was nicht allzu viel Sinn ergibt. Einer anderen Theorie zufolge, auf die ich in den Untiefen des Internets gestoßen bin, hat Palpatine auf dem Zweiten Todesstern eine Art Wurmloch geöffnet und ist nach Exegol entkommen; dieser Akt kostete ihn allerdings so viel Kraft, dass er Jahrzehnte brauchte, um sich halbwegs zu regenerieren. Wie dem auch sei, in einem weiteren Halbsatz wird, wie bereits erwähnt, auf höchst antiklimaktische Art und Weise eröffnet, dass Sidious hinter Snoke und damit auch hinter der Ersten Ordnung steht und Ben Solo wohl von Anfang an manipuliert hat, sowohl über Snoke (den er dann wohl ferngesteuert hat), als auch als Stimme von Vader. Auch sonst scheint mit alles um Sidious und seine Absichten recht schlecht durchdacht. Wer sind beispielsweise die ganzen vermummten Gestalten, die sich da in seinem Thronsaal herumtreiben?

Das vielleicht größte Problem bei der Sache: Abrams und Terrio wissen nicht so recht, was sie mit Palpatine anstellen sollen – die meiste Zeit über tut er das, was er auch schon in „Return of the Jedi“ tat: Er sitzt bzw. hängt rum, gibt hasserfüllten Dialog zum Besten und wirft mit Blitzen um sich. Ich bin nun wirklich kein Fan von „Star Wars Rebels“, aber diese Serie hat es geschafft, mit Sidious interessantere Dinge anzustellen als das Finale der Saga, und dort taucht der Imperator sogar fast ausschließlich als Hologramm auf. Warum präsentiert er sich Rey, die die ganze Sequel-Trilogie über verzweifelt nach Familie und Zugehörigkeit sucht, nicht als genau das und nimmt noch einmal die Gestalt des liebenswerten Großvaters an, in der er auch schon Anakin zur Dunklen Seite bekehrt hat? Dass sich Rey einem halb verwesten Leichnam nicht anschließt, kann man ihr kaum übelnehmen. Ohnehin hat man nie das Gefühl, Rey wäre auch nur eine Sekunde lange wirklich in Versuchung, sich der Dunklen Seite zu verschreiben – trotz Vision von Dark-Rey mit klappbarem Doppelklingenlichtschwert. Auch die Art und Weise, wie Palpatine letztendlich besiegt wird, wirkt unheimlich abgedroschen – schon wieder bekommt er seine eigenen Machtblitze ins Gesicht. Man fühlt sich an „Harry Potter and the Deathly Hallows“ erinnert, wo Voldemort zum widerholten Mal von seinem eigenen Todesfluch erwischt wird.

Fazit: Das Vermächtnis der Saga
Letztendlich ist das passiert, was ich vermutet habe: Die Sequel-Trilogie kann nun endgültig als gescheitert betrachtet werden, es gibt kein erzählerisches Konzept, nur ein Reagieren auf den vorherigen Film, jede Episode ist die Antithese zur vorangegangenen, die beiden verantwortlichen Regisseure arbeiten gegeneinander. Auf technischer bzw. formaler Ebene wissen gewisse Elemente, zumindest abseits des erratischen Schnitts, durchaus zu gefallen, Abrams versteht es, beeindruckende Bilder zu erzeugen, die gezeigten Planeten sind die interessantesten der Sequels und besonders die Sith-Welt Exegol und die Festung des Imperators sprechen mich ästhetisch durchaus an. Auch einige der Action Set-Pieces wissen zu gefallen, die Darsteller sind im Großen und Ganzen gut oder, im Fall von Adam Driver und Ian McDiamird, sehr gut, aber all das wiegt die Plot-, Figuren- und Konzeptionsprobleme nicht einmal ansatzweise auf. „The Rise of Skywalker“ ist ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners, der primär Fan-Theorien und bereits Dagewesenes neu aufwärmt.

Wie bereits erwähnt kündigte J. J. Abrams vollmundig an, hier die Fäden aller drei Trilogien zusammenzuführen – nach wie vor bleiben die Prequels allerdings das ungeliebte Stiefkind, das kaum berücksichtigt wird. Sidious zitiert sich das eine oder andere Mal selbst („The Dark Side of the Force is a pathway to many abilities some consider to be unnatural“, „Do it“), sein Sith-Erbe wird bemüht, ohne es allerdings tatsächlich mit Substanz zu füllen und am Ende, als Rey die Stimmen der toten Jedi hört, sind auch Anakin und sogar Ahsoka dabei (was freilich leicht untergeht), aber davon abgesehen bleiben die Prequels nach wie vor auf der Strecke. Die Idee des Gleichgewichts der Macht, die in „The Force Awakens“ und „The Last Jedi“ immerhin noch einmal angerissen wurde, wenn auch nur nebenbei, wird fast komplett fallengelassen, nur Anakins Machtgeiststimme erwähnt es noch und meint, Rey solle nun die Macht ins Gleichgewicht bringen, so wie er es getan hat. Da Sidious aber noch lebt, scheint das ja nicht der Fall zu sein – oder muss die Macht alle paar Jahrzehnte einfach neu justiert werden? Wie so oft hat man sich wohl auch über diesen Aspekt keine Gedanken gemacht, sondern wirft einfach nur ein Schlagwort in den Raum in der Hoffnung, das werde die Fans schon zufrieden stellen. Genau diese Einstellung ist der Grund, weshalb „The Rise of Skywalker“ als Finale der Skywalker-Saga mehr als nur ernüchternd ist. Im Internet schwirren dutzende an Fan-Idee herum, wie man dieses Finale hätte deutlich besser und runder gestalten können. Wo Disney schon die ganzen abgeschmackten Fan-Ideen eingebaut hat, warum nicht auch ein paar von den guten? Selbst als reines Finale dieser Trilogie funktioniert „The Rise of Skywalker“ nicht, weil eben mit Palpatines Rückkehr noch einmal ein völlig neues Fass aufgemacht wird. Hätte man sich bei Disney von Anfang an überlegt, welche Geschichte man mit dieser Trilogie eigentlich erzählen will und dazu einen gescheiten Fahrplan aufgestellt, hätte man sich einiges ersparen können.

 

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Der Goldene Handschuh

Halloween 2019
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Story: Im Hamburg der 70er-Jahre treibt der Serienmörder Fritz Honka (Jonas Dassler) sein Unwesen. Der entstellte Exzesstrinker verbringt seine Zeit zumeist in der heruntergekommenen Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“, wo er versucht, Frauen aufzureißen, um sie anschließend in seine heruntergekommene Wohnung mitzunehmen. Wenn sie ihm nicht gefügig sind, tötet und zerstückelt er sie. Honkas einzige Bezugsperson ist sein Bruder Siggi (Max Hosemann). Irgendwann versucht er, dem Suff und dem elenden Leben zu entkommen und nimmt einen Job als Nachtwächter an, doch alte Gewohnheiten legt man schwer ab…

Kritik: „Der Goldene Handschuh“ ist ein Serienmörderfilm, der sich den Konventionen dieses bzw. des Horror- und Thriller-Genres strikt verweigert, was zugleich Stärke und Schwäche ist. Fatih Akins Adaption des gleichnamigen, auf wahren Begebenheiten basierenden Romans von Heinz Strunk ist eine ebenso faszinierende wie unangenehme Angelegenheit, die auf der einen Ebene durchaus zu beeindruckend weiß, auf der anderen als Film aber nicht immer funktioniert.

Wirklich beeindruckend sind sowohl die Ausstattung als auch die Darsteller. Atmosphärisch ist dieser Film fast unübertroffen, man kann den Gestank von Honkas Wohnung beinahe riechen, die bedrückende, beinahe depressive Stimmung ist nahezu greifbar, die titelgebende Kneipe samt Gästen wirkt absolut authentisch. Auch die Leistung des Make-up-Teams ist beeindruckend; der durchaus ansehnliche Jonas Dassler wurde zu einem absolut glaubwürdigen Ebenbild des tatsächlichen Fritz Honka, und zudem wird ihm hier als Darsteller wirklich einiges abverlangt – Hut ab.

Strukturell ist „Der Goldene Handschuh“ als lose verknüpfte Folge von Ereignissen inszeniert – einen wirklich Spannungsbogen gibt es nicht. Wie bereits erwähnt verweigert sich Fatih Akin hier den konventionellen Strukturen. Die Wirkung und Aufklärung der Morde spielt keinerlei Rolle, ebenso verzichtet Akin mit einer Ausnahme auf Nebenhandlungen oder eine Außenperspektive. Auch gewährt er dem Zuschauer kein Verständnis, er erklärt nicht, er zeigt nur. Nur ein einziges Mal wirft er tatsächlich einen Blick in Honkas Kopf und zeigt eine Fantasie, die jedoch geradezu banal und deplatziert wirkt. In seinem Roman beleuchtet Heinz Strunk seine Hauptfigur, erläuterte ihren Werdegang und taucht in ihre Psyche ein, sodass man als Leser versteht, weshalb Honka mordet und wie er an diesen Punkt kam. Der Film dagegen beginnt kurz nach dem ersten Mord, der Zuschauer wird ohne Erläuterungen mitten in die Handlung geworfen. Das setzt sich den Film über fort, es passieren Dinge, dem Zuschauer wird aber kein Kontext geliefert, kein Einblick in das Wesen Fritz Honkas. Wer den Roman nicht gelesen oder sich nicht über den tatsächlichen Honka informiert hat, wird zum reinen Voyeu, der beobachtet, wie eine kaputte Existenz sich selbst und andere völlig zugrunde richtet.

All das, gepaart mit der Gewalt, macht „Der Goldene Handschuh“ zu einem äußerst unzugänglichen Film. Den Gewaltgrad kann man zwar nicht als exzessiv oder splatter-artig beschreiben, da Akin immer wieder wegschneidet oder die Sicht versperrt, aber sie ist sehr schmutzig, stets sexuell konnotiert und insgesamt sehr, sehr unangenehm, nicht zuletzt durch die stümperhafte Durchführung, die das Ganze äußerst grotesk erscheinen lassen. Das trifft zwar auch auf die Vorlage zu, diese ist allerdings thematisch deutlich stringenter gestaltet. Nicht nur zeichnet Strunk ein umfassendes Bild von Honka, er arbeitet auch mit Nebenfiguren aus der Oberschicht, die zum Teil nur marginal, zum Teil auch fast gar nicht mit der Haupthandlung verknüpft sind, aber das Thema des Verfalls, des Alkoholismus und der Misogynie unterstreichen. Alle thematischen und hintergründigen Aspekte gehen in dieser Verfilmung verloren.

Fazit: „Der Goldene Handschuh“ ist ein technisch ebenso kompetenter wie beeindruckender Film, der sich den Konventionen des Horror- bzw. Serienmörder-Genres verweigert, den Zuschauer aber zugleich zum reinen Voyeur macht und ihm keine Möglichkeit gibt, die Hauptfigur auch nur wirklich zu verstehen, weshalb man sich zu Fragen beginnt, welchen Zweck dieser Film, außer dem Zeigen einiger wirklich unangenehmer Gewalt- und Mordszenen, eigentlich hat.

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Lovecrafts Vermächtnis: Grafischer Vergleich Teil 1

Halloween 2019
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Zwei Zeichner aus verschiedenen Kulturen, die dasselbe Konzept umgesetzt haben: Drei Geschichten von H. P. Lovecraft, adaptiert als Comic in schwarzweiß. Die beiden Zeichner sind Esteban Maroto und Gou Tanabe. Beide machten sich, in einem Abstand von etwa 30 Jahren, daran, Werke des Schriftstellers aus Providence grafisch umzusetzen. Wegen der konzeptionellen Ähnlichkeit und der Tatsache, dass es eine Überschneidung gibt, bietet es sich an, beide Werke gemeinsam zu besprechen.

Esteban Maroto, 1942 in Madrid geboren, arbeitete nicht für DC und Marvel, sondern sammelte auch viel Erfahrung im Bereich der Horror-Comics, unter anderem bei den Serien „Eerie“ und „Creepy“. In den 80ern machte er sich daran, drei Lovecraft-Geschichten, „The Nameless City“, „The Festival“ und „Call of Cthulhu“ als Comic zu adaptieren. Aufgrund einiger Probleme bei der Publikation galten diese Umsetzungen lange als verschollen, wurden aber schließlich wiederentdeckt und 2018 als schöner Hardcoverband mit dem Titel „Lovecraft: The Myth of Cthulhu“, der allerdings nicht auf Deutsch erschienen ist, neu aufgelegt.

Gou Tanabe ist ein wenig jünger, der Manga-Zeichner wurde 1975 in Tokyo geboren und begann Mitte der 2000er, Lovecraft-Geschichten als Mangas zu adaptieren. Erstmals auf Deutsch wurde er 2019 veröffentlicht. In „Der Hund und andere Geschichten“, verlegt von Carlsen, finden sich neben der titelgebenden Erzählung „The Hound“ auch „The Temple“ und, wie schon in „The Myth of Cthulhu“, „The Nameless City“.

Trotz des gemeinsamen Quellenmaterials und der ähnlichen Konzeption der beiden Anthologien unterscheiden sie sich erzählerisch und grafisch enorm. Die jeweilige Zusammenstellung der Geschichten ist bereits äußerst interessant. Die drei Geschichten in „The Myth of Cthulhu“ gehören zu den populärsten Erzählungen Lovecrafts – „The Nameless City“ stellt die erste Erwähnung des verrückten Arabers Abdul Alhazred dar, „The Call of Cthulhu“ ist natürlich DIE Vorzeige-HPL-Geschichte und auch „The Festival“ erfreut sich großer Beliebtheit. Die Geschichten in Guo Tanabes Manga dagegen sind, mit Ausnahme von „The Nameless City“, versteht sich, deutlich unbekannter. Bei allen dreien handelt es sich um Frühwerke Lovecrafts, in denen er das Konzept des kosmischen Horrors sowie Elemente dessen, was später als „Cthulhu Mythos“ bekannt werden sollte, langsam entwickelte. Wie bereits erwähnt wird Abdul Alhazred erstmals in „The Nameless City“ erwähnt und in „The Hound“ bedient sich Lovecraft zum ersten Mal des Necronomicon. „The Temple“ schließlich greift den späteren Mythos-Geschichten thematisch bereits voraus, ohne dass es eine tatsächliche inhaltliche Verknüpfung gäbe.

Dass sich Marotos und Tanabes Adaptionen visuell stark unterscheiden, dürfte sich von selbst verstehen. Marotos Zeichenungen sind stark im Fantasy- und Horrorstil der 70er und 80er verwurzelt und erinnern an die Werke von Frank Frazetta oder die Zeichnungen der Comicadpation des „Herrn der Ringe“ (die allerdings nicht auf dem Roman, sondern Ralph Bakshis Zeichentrickfilm basiert). Der Stil schwankt zwischen ziemlich realistisch bei den menschlichen Figuren und recht abstrakt, wenn es um die Monstrositäten geht – hier hat Maroto wohl versucht, Lovecrafts „unbeschreibliche Schrecken“ aufs Papier zu bringen – eine Herausforderung für jeden, der HPL auf visueller Ebene umsetzen will. Gerade Marotos Cthulhu entspricht nicht unbedingt der Standardvorstellung des Großen Alten mit Tentakeln im Gesicht und Flügeln, sondern scheint eher eine Kreatur zu sein, die ihr Aussehen ständig verwandelt und in jedem Panel anders aussieht; ein Gewimmel aus Tentakeln, Klauen, Zähnen und Wülsten.

Mit meiner Manga-Expertise ist es natürlich nicht allzu weit her, aber für mein ungeschultes Auge sind Tanabes Zeichnungen relativ untypisch, will in diesem Zusammengang heißen: realistisch und kaum stilisiert. Selbst in Junji Itos Werken finden sich noch mehr Zugeständnisse an das, was man als „typisch Manga“ wahrnimmt. Darüber hinaus finden sich einige popkulturelle Zugeständnisse – so erinnert der Erzähler in „The Nameless City“ optisch an Indiana Jones und das Necronomicon, das in „The Hound“ auftaucht, ist eindeutig von den Evil-Dead-Filmen inspiriert.

Besonders interessant ist natürlich die eigentliche Umsetzung der Geschichten. Im Großen und Ganzen orientieren sich sowohl Maroto als auch Tanabe ziemlich eng an Lovecrafts Text, fürchten sich aber auch nicht, die eine oder andere Änderung vorzunehmen. In Marotos Version von „The Festival“ taucht beispielsweise ein weibliches (und unbekleidetes) Opfer auf, das bei den Jul-Feierlichkeiten, deren Zeuge der Erzähler ist, malträtiert wird – hierbei handelt es sich um eine Hinzufügung des Zeichners. Auch Tanabe nimmt eine etwas kuriose Änderung vor und versetzt die Handlung von „The Temple“ vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg, ändert aber nichts an den übernommenen Texten, sodass einerseits Nazisymbole gezeigt werden, andererseits aber immer wieder vom Kaiser statt vom Führer die Rede ist, was ein wenig merkwürdig anmutet. Ansonsten fällt auf, dass Tanabe sich stärker darauf konzentriert, die Geschichten tatsächlich visuell zu erzählen. In „The Myth of Cthulhu“ orientiert sich Maraoto textlich stark an Lovecraft, es gibt viel Erzähltext und wenig Dialog. Hin und wieder greift auch Tanabe auf die Lovecraft’sche Erzählweise in Berichtform zurück, die sich in den ursprünglichen Geschichten findet, aber das tut er selten. Stattdessen lässt der Mangaka viel lieber die Bilder für sich selbst sprechen, vor allem das jeweils letzte Drittel von „The Hound“ und „The Temple“ kommt fast völlig ohne Erzähltext oder Dialoge aus. Marotos Umsetzung ist dagegen zwar auch nicht so textlastig, wie es beispielsweise die Comics von Alan Moore oft sind, aber es findet sich kaum ein Panel, das nicht von Erzähltext begleitet wird.

Der Vergleicht der beiden Versionen von „The Nameless City“ bietet sich in diesem Kontext natürlich besonders an. Sowohl Maroto als auch Tanabe kürzen die eher ausschweifenden Erläuterungen zu den Funden des namenlosen Erzählers, folgen der Handlung aber ansonsten relativ genau: Der Protagonist kommt zur Stadt ohne Namen, steigt hinab und entdeckt die finsteren Geheimnisse der dort einst residierenden, nicht-menschlichen Zivilisation. Maroto bemüht sich vor allem, die fremdartige, nach menschlichen Maßstäben riesige Architektur, die Lovecraft beschreibt, in Szene zu setzen, während Tanabe den Fokus auf die klaustrophobische Atmosphäre legt. Wie schon bei Cthulhu ist die Darstellung der reptilienhaften Bewohner der Stadt bei Maroto deutlich abstrakter als bei Tanabe.

Fazit: Insgesamt finde ich Tanabes Herangehensweise, die Bilder sprechen zu lassen, die bessere; Marotos Werk ist ein wenig zu textlastig, die Panels illustrieren eher, als dass sie selbst erzählen. Gleichzeitig finde ich im Direktvergleich allerdings Marotos Version von „The Nameless City“ gelungener, da er es besser schafft, die abstrakten, fremdartigen Wesenheiten, die Lovecraft beschreibt (bzw. z.T. eben auch nicht beschreibt) in Szene zu setzen.

Bildquelle Maroto
Bildquelle Tanabe

Neue Artikelreihe: The Masquerade

Halloween 2019
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Nachdem ich letztes Jahr ausgesetzt habe, wollte ich dieses Jahr wieder einen Themenmonat zu Halloween starten, was bisher leider nicht ganz so geklappt hat, primär aus Zeit- und Joker-Gründen. Aber da ich hier ohnehin machen kann, was ich will, lasse ich den Themenmonat einfach in den November laufen und fange zu Halloween an. Wie dem auch sei, für mich als Vampir-Fan gibt es einen besonderen Fixpunkt. Essentielle Werke des Genres finden sich natürlich viele, von Polidors „The Vampyre“ über Stokers definierendes „Dracula“ bis hin zu Anne Rice‘ „Interview mit einem Vampir“, doch für mich persönlich ist die Messlatte das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“, das außerhalb der einschlägigen Kreise, wenn überhaupt, noch am ehesten durch die beiden PC-Spiele „Vampire: The Masquerade – Redemption“ und „Vampire: The Masquerade – Bloodlines“ bekannt ist. Da Letzteres im kommenden Jahr eine Fortsetzung erhält, auf die ich mich schon unheimlich freue, wird es Zeit, diese mit einer längeren Artikelreihe vorzubereiten, die sich mit dem Einfluss des Rollenspiels auf andere Medien beschäftigt. Zum Start dieser Reihe werde ich einen angemessen knappen Überblick über dieses RPG und seine Geschichte geben.

Ich persönlich halte „Vampire: The Masquerade“ für eines der einflussreichsten Vampirmedien der letzten 30 Jahre – wobei der Bekanntheitsgrad sich umgekehrt proportional zum Einfluss verhält. Das Rollenspiel erschien genau zur richtigen Zeit auf dem Markt, denn in den frühen 90ern änderte sich das Vampirgenre nachhaltig. Autoren wie Anne Rice oder George R. R. Martin (ja, DER George R. R. Martin) ebneten dem sympathischen Vampir, dem Vampir als Protagonist und dem Vampir als tragischer Figur zwar schon vorher den Weg, aber erst Anfang der 90er setzte er sich, nicht zuletzt dank der Filme „Bram Stoker’s Dracula“ und „Interview mit einem Vampir“, die ein breiteres Publikum ansprachen, wirklich durch. Genau in dieser Zeit, im Jahr 1991, erschien „Vampire: The Masquerade“. Die Rollenspiellandschaft war zu dieser Zeit primär vom eher kampf- und würfellastigen „Dungeons and Dragons“ geprägt – „Vampire: The Masquerade“ stellte dem ein Spiel entgegen, in dem es im erster Linie um das Erzählen der Geschichte, um politische Winkelzüge innerhalb der Vampirgesellschaft und natürlich um persönlichen Horror geht – was bedeutet es, ein blutsaugendes Monster zu sein? Besonders Anne Rice‘ Einfluss zeigt sich sowohl hier als auch in vielen weiteren Details. In ihren „Vampire Chronicles“ war es Rice, die erstmals zeigte, wie eine Vampirgesellschaft funktionieren könnte.

„Vampire: The Masquerade“ präsentiert die Camarilla als primäre soziale Gruppe – diese Sekte verwaltet die Vampirgesellschaft, wobei sie in erster Linie dazu da ist, die Existenz der Vampire vor den Menschen zu verheimlichen – dabei handelt es sich um die titelgebende Maskerade. Ursprünglich entstand sie im 15. Jahrhundert als Reaktion auf die Inquisition, die nicht nur Hexen und Ketzer, sondern auch Vampire jagte und diese an den Rand der Auslöschung brachte. Aus diesem Grund bezeichnen sich Vampire auch als „Kindred“, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Vampire der Camarilla teilen sich in sieben Clans auf, die jeweils Aspekte oder Eigenschaften der Vampirdarstellungen in Film und Literatur aufgreifen. Die Brujah sind Rebellen und Punks, wie es die Vampire in 80er-Jahre-Filmen wie „The Lost Boys“ waren, die Grangel arbeiten die Verwandlungsfähigkeit die beispielsweise Dracula in Stokers Roman aufweist, weiter aus, die Nosferatu basieren sehr eindeutig auf dem hässlichen und monströsen gleichnamigen Stummfilm von Friedrich Willhelm Murnau, die Toreador sind an Anne Rice‘ Blutsauger angelehnt und die Ventrue erinnern an den autoritären, von Christopher Lee verkörperten Dracula der Hammer-Filme – der Vampir als Herrscher der Nacht. Die beiden übrigen Clans, die wahnsinnigen Malkavianer und die Tremere, mächtige Blutmagier, sind weniger eindeutig einem Stereotyp zuordenbar. Als Gegenpart zur Camarilla fungieren die Anarchen, die die Maskerade zwar nicht ablehnen, sehr wohl aber die rigiden Strukturen der Camarilla. Darüber hinaus gibt es auch noch den Sabbat, eine ebenso monströse wie mysteriöse vampirische Macht von außen. Der Fokus der ersten Edition lag auf sehr stark auf den individuellen Vampiren und einzelnen Städten – das primäre Setting der ersten Auflage war Chicago. Erst nach und nach kamen in Supplement-Bänden die weiteren Clans hinzu, die sich zum Teil stärker von typischen Vampir-Stereotypen entfernten. Die beiden Hauptclans des Sabbat sind die Tzimisce und die Lasombra – erstere vermischen die monströse Seite von Stokers Dracula mit den Whampyri aus Brian Lumleys „Necroscope“, während die Lasombra das fehlende Spiegelbild und den fehlenden Schatten der Vampire aufgreifen und besonderes mit Letzterem regelrecht Amok laufen. Vier weitere „neutrale“ Clans kamen ebenfalls hinzu – diese verkörpern aber nicht einen wie auch immer gearteten Vampir-Aspekt, sondern andere Stereotypen, die eigentlich nichts mit Vampiren zu tun haben und zu Beginn auch durchaus eindimensional und mitunter problematisch waren, bevor sie in späteren Editionen des Spiels deutlich mehr Tiefe bekamen. Bei diesen vier Clans handelt es sich um die Giovanni, italienische Mafia-Nekromanten, die Ravnos, „Zigeuner-Vampire“, die Assamiten, „Assassinen-Vampire“ und die Jünger des Set, ägyptische Verführer mit Schlangenfetisch, die zumindest zu Beginn mehr mit Thulsa Doom aus „Conan the Barbarian“ als mit tatsächlicher ägyptischer Mythologie zu tun hatten.

Ein besonders essentielles Element von „Vampire: The Masquerade“ ist die mythologische bzw. religiöse Dimension. Die Vampire des Rollenspiels führen sich auf den biblischen Kain zurück, der ihren Überlieferungen nach dazu verflucht wurde, als erster Vampir ewig über die Erde zu wandeln. Die Eskapaden Kains und seiner Nachkommen, der zweiten und dritten Vampir-Generation (bei Letzteren handelt es sich um die Gründer der 13 Clans) werden im Buch Nod, der „Vampir-Bibel“ geschildert. Die enthält auch Prophezeiungen, die das Ende der Welt verkünden – diese spezifische Vampir-Apokalypse wird „Gehenna“ genannt und ist ein essentieller Teil des Settings. Tatsächlich arbeitete man ab der dritten (bzw. „Revised Edition“) des Spiels, die 1998 erschien, stark auf Gehenna hin, das dann 2004 auch tatsächlich stattfand und die Linie beendete.

Der direkte Einfluss von „Vampire: The Masquerade“ lässt sich relativ leicht feststellen: Das Rollenspiel war in entsprechenden Kreisen enorm populär und sorgte dafür, dass White Wolf, der zuständige Verlag, bald ähnlich geartete Spiele mit anderen übernatürlichen Kreaturen produzierte: „Werewolf: The Apocalypse“, „Mage: The Ascension“, „Wraith: The Oblivion“ etc. – gemeinsam bilden all diese Spiele die „World of Darkness“. Darüber hinaus wurde „Vampire: The Masquerade“ auch oft genug adaptiert, es existieren Romane und Comics, ein Sammelkartenspiel (zuerst unter dem Namen „Jyhad“, dann umbenannt in „Vampire: The Eternal Struggle“), eine kurzlebige und nicht besonders gelungene Fernsehserie, „Kindred: The Embraced“ und natürlich die beiden bereits erwähnten PC-Spiele „Redemption“ und „Bloodlines“. Nach dem Ende von „Masquerade“ initiierte White Wolf darüber hinaus ein ähnlich geartetes Nachfolgeprojekt, „Vampire: The Requiem“, für das der Verlag zwar einen anderen Ansatz wählte, das dem Vorgänger aber dennoch in vieler Hinsicht gleicht und bei dem viele Konzepte und Ideen übernommen wurden. Die anhaltende Beliebtheit von „Vampire: The Masquerade“ sorgte schließlich dafür, dass 2011 eine vierte Edition zum 20. Jubiläum (V20) erschien, deren Erfolg wiederum das Entstehen der fünften Edition (V5) nach sich zog.

Bei dieser Artikelreihe geht es mir allerdings um den indirekten Einfluss: Welche Vampirfilme, -bücher und -serien hat das Rollenspiel beeinflusst. Dabei handelt es sich oftmals um Vermutungen – die Parallelen zwischen „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien der letzten 30 Jahr sind jedoch häufig so deutlich, dass es mir schwer fällt, an einen Zufall zu glauben.

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Joker – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Mir scheint, dass sich gerade ein Trend abzeichnet: Nach Venom hat sich mit dem Joker nun schon der zweite Superschurke, der als Antithese seines Helden gibt, in einem Solofilm als Box-Office-Hit erwiesen. Todd Phillips‘ Neuinterpretation des legendären Batman-Widersachers wurde von Anfang an mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Kann der Joker ohne Batman funktionieren? Brauchen wir einen Joker-Solofilm? Ist das nur ein Versuch von Warner, nach der desaströsen Reaktion auf „Batman v Superman: Dawn of Justice“, „Suicide Squad“ und „Justice League“ wieder an den Erfolg der Dark-Knight-Trilogie anzuschließen? Im Grunde lassen sich alle drei Fragen mit „ja“ beantworten. Den letzten Aspekt werde ich in dieser Rezension ausklammern, da ich über Warners Planlosigkeit bezüglich der DC-Figuren ohnehin schon genug geschrieben habe – stattdessen konzentrieren wir uns auf den Film.

Handlung
Wir schreiben das Jahr 1981: Gotham City ist eine völlig kaputte Stadt, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewalt und Armut regieren und der Müll stapelt sich in den Straßen. Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), ein Miet-Clown, der zusammen mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy) in einer heruntergekommenen Wohnung lebt, gehört zu den großen Verlierern. Er hat psychische Probleme, ist auf seine Medikamente angewiesen und leidet an einer Tourette-ähnlichen Krankheit, die ihn in Stresssituationen unkontrolliert lachen lässt. Seine größte Ambition ist es, Stand-up-Comedian zu werden. Nachdem er von randalierenden Jugendlichen verprügelt wird, gibt ihm einer seiner Kollegen gegen seinen Willen einen Revolver. Bei einem Auftritt als Clown in einem Kinderkrankenhaus fällt ihm die Waffe aus der Tasche, was zur Folge hat, dass er gefeuert wird. Anschließend auf dem Heimweg wird er abermals angegriffen, dieses Mal von drei Yuppies. Im Affekt erschießt Arthur zwei von ihnen, den dritten richtet er regelrecht hin. Diese Morde erwecken mediales Aufsehen und werden u.a. auch von Bürgermeisterkandidat Thomas Wayne (Brett Cullen) verurteilt, während sie Revolte inspirieren. Derweil bereiter sich Arthur auf seinen ersten Auftritt als Comedian vor, der aufgrund seines Leidens aber schiefgeht. Insgesamt läuft es immer schlechter für Arthur, seine Mutter erleidet einen Herzinfarkt, durch den er auf ein dunkles Geheimnis stößt, das mit Thomas Wayne zusammenhängt, während Arthurs Idol, der Talk-Master Murray Franklin (Robert DeNiro) sich über seinen Auftritt lustig macht. Als irgendwann alles zu viel wird und Arthur auch noch den Zugang zu seinen Medikamenten verliert, ergibt er sich zusehends dem Wahnsinn und verwandelt sich in eine neue, monströse Version seiner selbst…

Kontroverse
„Joker“ ist mal wieder einer dieser Filme, bei dem die Rezeptionsgeschichte mindestens genauso interessant ist wie die eigentliche Handlung. Nach anfänglichen Zweifeln wurde Phillips‘ Interpretation des „Clown Prince of Crime“ anfangs sehr positiv aufgenommen, die Resonanz auf die Trailer war überaus enthusiastisch und die Kritiker lobten den Film nach der Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig fast einhellig – sogar den Goldenen Löwen gewann er. Dann wurden jedoch andere Stimmen laut, die warnten, „Joker“ könne Gewalt inspirieren oder sei inhaltlich problematisch, weil er Gewalt bzw. gewalttätige weiße Männer glorifiziere; u.a. wurden Parallelen zum Amoklauf von Aurora gezogen. Viele Medien sprangen sofort auf diesen Zug auf und begannen, vor dem Film zu warnen – die meisten taten dies, ohne ihn vorher überhaupt gesehen zu haben. Spätestens nach der Sichtung ist mir persönlich klar, dass diese Reaktion nicht nur überzogen, sondern sogar völlig ungerechtfertigt ist. Auf mich wirkte es im Vorfeld, als versuchte man geradezu, einen Amoklauf in diesem Kontext zu provozieren. Was die problematische Natur angeht – ich kann diese Sichtweise absolut nicht nachvollziehen. Natürlich thematisiert „Joker“ Gewalt und das Abrutschen in eine extreme Geisteshaltung – es ist nun mal ein Film über den Joker. Auch gelingt es Todd Phillips und Joaquin Phoenix auf beeindruckende Weise, Mitgefühl und sogar ein gewisses Maß an Verständnis für Arthur Fleck zu wecken – was ein guter Film tun sollte. Das macht eine interessante Charakterentwicklung aus. An keiner Stelle wird Arthur Fleck jedoch glorifiziert, zum Antihelden erhoben oder tatsächlich, außerhalb der erzählten Welt des Films, zur Symbolfigur stilisiert. Natürlich kann man den Film und seine Botschaft falsch verstehen – es gibt schließlich auch genug Menschen, die „Starship Troopers“ (den Film, nicht den Roman) für faschistische Propaganda statt für eine Satire halten – aber dass man einen Film falsch verstehen könnte liegt nicht in der Verantwortung des Regisseurs.

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Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) versucht sich als Comedian

Auch die sonstigen Warnungen vor der Gewalttätigkeit oder „Härte“ des Films (Menschen, die das Kino verlassen weil sie es nicht aushalten etc.) halte ich für überzogen. Sicher, „Joker“ ist kein Feel-Good-Superheldenfilm, sondern zeigt eine dreckige, kaputte Welt, erreicht bezügliches der Verstörungsgrades aber kein neues Level – da gibt es wirklich noch andere, weitaus heftigere Filme. Dasselbe gilt für die Gewalt – es finden sich zwei, drei knackige, wenn auch kurze Gewaltspitzen, die jedoch weder glorifizierend noch voyeuristisch sind. Auch muss man durchaus gestehen, dass die ganzen Kontroversen dem Film in letzter Hinsicht wohl eher genutzt als geschadet haben, man sich also diesbezüglich fragen kann, inwiefern das alles möglicherweise vom Studio sogar noch befeuert wurde.

Was mir bei der Rezeption von Filmen im Allgemeinen und von „Joker“ im Besonderen gegen den Strich geht, ist diese übermäßige Politisierung. Damit meine ich nicht, dass Filme nicht politische Aussagen treffen können oder politische interpretiert werden, sondern diesen Zwang, jeden Film, von dem man vermutet, er könne nicht genau der eigenen Geisteshaltung entsprechen, pauschal abzuwerten. Damit einher geht scheinbar auch der Wunsch, gewalttätige, extreme oder schlicht, in Ermangelung eines besseren Wortes, „böse“ Menschen nicht mehr als auch nur ansatzweise nachvollziehbar darzustellen – denn genau das wurde bei „Joker“, wie bereits erwähnt, oftmals kritisiert. Mir scheint, die Fähigkeit, zwischen Sympathie bzw. Verständnis für und Akzeptanz bzw. Gutheißen einer bestimmten Tat oder Handlungsweise zu differenzieren, geht zunehmend verloren oder wird als „problematisch“ gebrandmarkt.

Is Society to Blame?
Ein Aspekt, der im Vorfeld heftig diskutiert wurde, war die Frage, ob es „die Gesellschaft“ ist, die Arthur Fleck dazu veranlasst, zum Joker zu werden. Die Trailer lassen diese Interpretation durchaus zu und ich muss zugeben, ich hätte es auch nicht allzu erfreulich gefunden, hätte Todd Phillips diesen Ansatz durchgezogen. Sein Vorhandensein kann man definitiv nicht leugnen, denn Arthur wird von Anfang an wirklich übel mitgespielt, was sich natürlich immer weiter steigert. Dennoch wird Arthur dadurch nicht freigesprochen. Ein durchaus bedeutsames Thema ist Verhältnismäßigkeit: Todd Phillips bemüht sich diesbezüglich, keine allzu einfachen Antworten zu geben, wie sich besonders am Beispiel von Murray Franklin und Thomas Wayne zeigt. „Joker“ hat keinen zentralen Antagonisten im herkömmlichen Sinne (es sei denn, man sieht Gotham City selbst an Widersacher), aber sowohl Murray Franklin als auch Thomas Wayne kommen dem am nächsten. Bei beiden Figuren versteht man, weshalb Arthur auf sie reagiert, wie er reagiert, in beiden Fällen werden die Figuren aber nicht einfach nur als komplette Arschlöcher dargestellt. Murray Franklin etwa macht sich über Arthur vor ganz Gotham lustig und lädt ihn dann zu allem Überfluss auch noch in seine Show ein, nur um ihn als wandelnde Pointe zu missbrauchen. Man versteht, dass Arthur sich zutiefst gedemütigt fühlt – wem würde das nicht so gehen? Dennoch ist seine Reaktion darauf natürlich absolut unverhältnismäßig. Derartiges tun Comedians und Showmaster auf dieselbe Art und Weise schließlich regelmäßig. Gerade am Ende zeigt Franklin dann auch, dass er durchaus sehr moralisch und seine Ansichten vehement vertritt.

Der Joker ist eine tragische Figur, der übel mitgespielt wird, eine Figur mit psychischen Problemen, aber das rechtfertigt nicht sein Handeln, das völlig unverhältnismäßig ausfällt. Das zeigt sich auch bei Thomas Wayne, der durchaus den einen oder anderen Charakterzug von Donald Trump aufweist und dessen eher negative Darstellung zumindest im filmischen Bereich ein Novum ist. Besonders in seinen Fernsehansprachen erscheint er sehr arrogant und abgehoben, gerade durch die Art und Weise, wie er die Proteste kommentiert. In der Szene, in der er mit Arthur persönlich interagiert, wird er dagegen als durchaus vernünftiger Mensch gezeigt. Ja, er verpasst Arthur einen Faustschlag, aber man muss bedenken, dass Arthur sich in dieser Szene auch nicht gerade rational verhält und sich zudem seinem Sohn auf höchst beunruhigende Art und Weise genähert hat, vom Würgen des Butlers gar nicht erst zu sprechen.

Bei all dem fällt auf, dass Phillips sich bzw. den Film nie eindeutig positioniert – etwas, das ebenfalls oftmals kritisiert wird bzw. dazu führt, dass er im zutiefst gespaltenen Amerika sofort „der anderen Seite“ zugerechnet oder pauschal und grundlos als rassistisch oder sexistisch abgestempelt wird, „weil halt“. „Joker“ zeichnet das Bild einer hoffnungslosen Welt, dieses Gotham ist, obwohl als höllischer Moloch nur oberflächlich definiert, auswegloser als alle bisherigen Inkarnationen dieser Stadt. Thomas Wayne kann Gotham ebenso wenig retten wie die Aufrührer, deren durchaus gerechtfertigter Protest rasch in ungerechtfertigte Gewalt gegen alles und jeden ausartet. Auch kommt das Thema „Verhältnismäßigkeit“ wieder zum Tragen. Ist die Gesellschaft Schuld an den Taten des Jokers? Ja, aber nicht in größerem Ausmaß als er selbst, der sich seinem Narzissmus am End völlig ergibt.

Send in the Clown
Selbst diejenigen, die „Joker“ nicht allzu gelungen finden, geben meistens zähneknirschend zu, dass Joaquin Pheonix‘ Darstellung grandios ist. Wie Phoenix in die Rolle des Arthur Fleck eintaucht, ist in höchstem Maße beeindruckend. Und damit meine ich noch nicht einmal den extremen Gewichtsverlust, sondern die Art und Weise, wie Phoenix diesen Charakter auf so umfassende Weise darstellt und wie er durch Körperhaltung und Bewegung die Wandlung seiner Figur ausdrückt. All das hätte allerdings umsonst sein können, wenn man die essentielle, zentrale Frage mit „Nein“ beantwortet: Ist Arthur Fleck der Joker oder ist er nur ein beliebiger Verrückter bzw. Mörder, dessen Film „Joker“ heißt, damit er sich besser verkauft? Wir haben hier freilich etwas, das es bisher kaum gab: Eine Entwicklung zum Joker. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film eine klar definierte Origin des Jokers zeigt – Tim Burton tat das schließlich in „Batman“ auch. Sein Joker entwickelt sich allerdings nicht – schon vor dem Säurebad ist Jack Napier ein übler Zeitgenosse, Gangster und Mörder. Er wird lediglich exzentrischer und arbeitet nun mit exaltierten Gimmicks. Selbst in Alan Mooers „The Killing Joke“ gibt es nicht wirklich eine Entwicklung. Bei Moore ist der Joker ein armer Comedian (gewisse Parallelen zu Arthur Fleck lassen sich nicht leugnen), der einen besonders schlechten Tag hat, bei einem missglückten Überfall, an dem er eigentlich nicht teilnehmen wollte, in einen Bottich mit Chemikalien fällt und als Joker wieder emporsteigt. Wenn es beim Joker in den Comics oder Filmen eine Entwicklung gibt, dann ist es die zu Batmans Antithese – dies wird etwa in der Graphic Novel „The Man Who Laughs“ oder dem Spiel „Batman: Arkham Origins“ geschildert.

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Murray Franklin (Robert DeNiro)

Arthur Fleck ist die erste Version der Figur, die sich langsam zum Joker entwickelt – und zumindest die erste filmische Interpretation, die tatsächlich mit massiven, psychischen Problemen zu kämpfen hat. Der Joker wird zwar immer als wahnsinnig abgestempelt, doch inwiefern er das tatsächlich ist, ist zumindest diskutabel. Mehr als ein Comic suggeriert, dass der Joker überhaupt nicht wahnsinnig ist – ein prominentes Beispiel ist die Kurzgeschichte „Case Study“, geschrieben von Paul Dini und schwarz-weiß bebildert von Alex Ross. Hier wird die Möglichkeit erörtert, dass der Joker nur wahnsinnig spielt, um einer tatsächlichen Strafe zu entgehen. In Grant Morrisons und Dave McKeans ebenso bahnbrechender wie verstörender Graphic Novel „Arkham Asylum: A Serious House on a Serious Earth“ wird der Zustand des Jokers gar als „hyper sanity“ bezeichnet – als jemand, der keine echte Persönlichkeit hat und sich jeden Tag neu erfindet, was u.a. die vielen verschiedenen Interpretationen, vom harmlosen Spaßmacher bis zum brutalen Mörder, erklären soll. In Film und Comics ist der Joker meistens zwar ein Soziopath, der ohne jegliche Schuldgefühle mordet und sich durch einen perversen Sinn für Humor auszeichnet, aber er hat selten oder nie mit denselben Symptomen wie Arthur Fleck zu kämpfen, seien es die Wahnvorstellungen, das Angewiesensein auf Medikamente, die depressiven Zustände oder das unfreiwillige Lachen in Stresssituationen, das an sich schon ein wirklich brillanter Einfall ist. Mehr noch, Arthur ist sozial völlig gehemmt; wann immer er im Film mit anderen Personen spricht, ahmt er deren Körpersprache unweigerlich nach. In einer Szene studiert er das Publikum einer Stand-up-Show, um herauszufinden, was witzig ist, wobei er konsequent an den falschen Stellen lacht. Er bewegt sich auch gehemmt, ist stets in sich versunken und hinkt leicht. Nur wenn er Clowns-Make-up angelegt hat, kann er sich frei bewegen. Das ist bereits zu Beginn des Films so, doch nach seiner Metamorphose am Ende wird die Freiheit, die er gewonnen hat, noch einmal wirklich deutlich. Sein bizarres Tanzen in triumphalen Momenten ist ein weiterer Ausdruck dieser seltenen mentalen Freiheit.

Selbst nach seinen ersten Morden ist die Verwandlung eine langsame, schleichende. Anders als in „The Killing Joke“ braucht es nicht nur „one bad day“ – es geht wirklich alles schief, was noch schief gehen kann. In dieser Hinsicht ist Phillips vielleicht zu plakativ – Arthurs Leben ist schon zu Beginn wirklich erbärmlich, und dann kommen zu den sonstigen externen Problemen auch noch die an Wahnvorstellungen leidende Mutter und der Missbrauch in der Kindheit hinzu, der wahrscheinlich für Arthurs mentalen Zustand verantwortlich ist; hier wäre etwas Subtilität möglicherweise besser gewesen.

Wie dem auch sei, kehren wir zur ursprünglichen Frage zurück: Ist bzw. wird Arthur Fleck tatsächlich zum Joker? Ja, aber erst ganz am Ende. Selbst, als er seinen ehemaligen Mitarbeiter mit einer Schere tötet, ist immer noch etwas von Arthur vorhanden. Es ist nicht aus der Welt, dass auch der Joker den kleinwüchsigen Ex-Kollegen am Leben lassen würde, aber nicht mit derselben Begründung. Bis kurz zum Schluss geht Arthur noch sehr gezielt gegen Menschen vor, die ihm persönlich übel mitgespielt haben. Ich denke, er realisiert zusammen mit dem Publikum, was er geworden ist, denn der ursprüngliche Plan ist, wie suggeriert wird, sich selbst vor laufender Kamera zu erschießen. Erst kurz oder während seines Auftritts beginnt Arthur zu begreifen, wie sehr er das Chaos genießt. Nach Murray Franklin haben seine weiteren Taten keine persönliche Note mehr, diejenigen, die ihm übel mitgespielt haben, hat er ermordet. Natürlich ist der Joker in den Comics oder anderen Filme über Rache nicht unbedingt erhaben, aber meistens sind seine Taten von einer Mischung aus Willkür und Grandeur gepaart, die letztendlich freilich von Batman abhängig ist.

Dennoch habe ich den tatsächlichen Joker schon vorher erkannt, und zwar in der U-Bahn-Szene, in der er die Polizisten durch geschicktes Manövrieren loswird – genau DAS ist der Joker wie wir ihn kennen und lieben. Der Joker dieses Films ist (noch) nicht das bösartige Genie, wie es bei anderen Inkarnationen der Figur der Fall ist. Aber genau in dieser Szene sieht man die ersten Ansätze.

Inspiration
Todd Phillips hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr „Joker“ von den Filmen Martin Scorseses – besonders von „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ – inspiriert ist – dementsprechend ist der Verlauf der Handlung wirklich nicht allzu überraschend. Gerade das Verhältnis zwischen Arthur Fleck und Murray Franklin erinnert natürlich stark an „The King of Comedy“, nicht zuletzt weil Robert DeNiro dieses Mal den Jerry Langford zu Arthur Flecks Robert Pupkin gibt. Auch Travis Bickles Entwicklung vom Einzelgänger zum Mörder findet sich in Arthur wieder. Ich denke zwar, man tut „Joker“ Unrecht, wenn man ihn als reine Mischung aus „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ abstempelt, aber völlig von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Auch sonst ist „Joker“ ästhetisch stark in einer vergangenen Filmepoche angesiedelt, wobei Phillips diesbezüglich Scorsese nicht einfach nur plump imitiert, sondern stattdessen handwerklich, besonders was die Kameraführung angeht, wirklich Meisterhaftes abliefert, dass man in dieser Ära nur noch selten zu Gesicht bekommt.

Was mich persönlich allerdings weitaus mehr interessiert ist die Frage, wie viel von den Batman-Comics tatsächlich in „Joker“ steckt, schließlich haben Todd Phillips und Joaquin Phoenix relativ deutlich gemacht, dass sie sich ihren Vorlagen nicht allzu verpflichtet fühlen. Einige Werke habe ich zu Vergleichszwecken ja schon herangezogen. Um Alan Moores und Brian Bollands „The Killing Joke“ kommt man einfach nicht herum, schließlich handelt es sich dabei um den Comic, der einer definitiven Origin-Story des Jokers am nächsten kommt – zumindest die Idee des Jokers als gescheiterter Comedian stammt aus dieser Graphic Novel. Viele der sonstigen Gegebenheiten finden sich natürlich nicht: Batman als „Schöpfer“ des Jokers, das Bad in der Säure etc. – ich denke, niemand hätte damit gerechnet, dass diese Elemente hier auftauchen. Dennoch ist „Joker“ auf faszinierende Weise mit Batmans Kosmos verknüpft.

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Sophie Dumont (Zazie Beetz)

Gerade die Konzeption Gotham Citys ist interessant. Gotham, hier noch stärker an New York City angelehnt als sonst, ist spätestens seit den 80ern eine völlig verkommene Stadt, in der es wenig oder keine Hoffnung für einen Großteil der Bevölkerung gibt – zumindest bis Batman auftaucht. Gewöhnlich liegt die Hauptverantwortung dafür beim organisierten Verbrechen – in Tim Burtons „Batman“ repräsentiert durch den von Jack Palance verkörperten Carl Grissom, während in der Dark-Knight-Trilogie, der Fernsehserie „Gotham“ und auch in den meisten Comics Carmine Falcone der oberste Mafiaboss ist. Gewöhnlich sorgt Batmans Auftauchen für eine Metamorphose des Verbrechens in Gotham, von gewöhnlicher (wenn auch übermächtiger) Mafia-Kriminalität hin zu durchgedrehten mörderischen Freaks – sowohl die Graphic Novel „Batman: The Long Halloween“ von Jeph Loeb und Tim Sale als auch Nolans „The Dark Knight“ thematisieren diesen Wandel. In „Joker“ findet sich eine faszinierende Abwandlung dieser Elemente. Das organisierte Verbrechen spielt hier keine Rolle, Gothams Probleme sind fast rein ökonomischer Natur, zumindest wird im Film nichts anderes behauptet. Die bedenkliche Situation der Stadt wird zwar eindrucksvoll durch Bilder und Symbolik vermittelt, er gibt den Zuschauern allerdings nur selten handfeste Informationen. Verbrechen werden hier nicht koordiniert begangen, sondern sind „nur“ isolierte Gewaltakte. Darüber hinaus findet der üblicherweise von Batman ausgelöste Wandel in „Joker“, ganz ähnlich wie in „Gotham“, deutlich früher statt und wird von den bzw. dem Schurken direkt ausgelöst. Das sorgt ironischerweise dafür, dass Arthur Fleck einiges mit den beiden Pseudo-Jokern Jerome und Jeremiah Valeska gemein hat: Sie alle treten ihre Metamorphose ohne Batmans Zutun an und inspirieren die Bevölkerung auf höchst negative Weise.

Auch die Wechselwirkung zwischen Batman und dem Joker greift Phillips auf. In „Batman“ war es ein junger Jack Napier, der Bruce‘ Eltern tötet, während Batman wiederum für den Fall besagten Jack Napiers in den Chemikalien-Bottich verantwortlich ist. In „The Dark Knight“ ist Batman das Produkt der Kriminalität Gothams, während der Joker ein indirektes Produkt von Batmans Kreuzzug ist. In „Joker“ nun tötet Arthur Fleck Thomas und Martha nicht persönlich, aber sie werden in den von ihm verursachten Unruhen von jemandem erschossen, der eine Clownsmaske trägt – abermals ist der Joker auf gewisse Art für den Tod der Waynes verantwortlich.

Schließlich hätten wir noch die Szene, in der Arthur in Murray Franklins Show auftritt. Diese erinnert, vielleicht unbeabsichtigt, an Frank Millers „The Dark Knight Returns“; dort findet ein ähnlicher Auftritt des Jokers in einer Talkshow statt, der damit endet, dass der Joker nicht nur den Moderator, sondern alle Anwesenden tötet.

Multiple Choice
„If I’m going to have a past, I prefer it to be multiple choice“ – kaum ein anderes Zitat hat den Joker so sehr definiert wie dieses aus Alan Moores „The Killing Joke“. Chris Nolan nahm es sich zu Herzen und ließ den Joker gleich zwei verschiedene Ursprungsgeschichten erzählen, ohne aufzuklären, ob eine der beiden wahr ist (wahrscheinlich nicht). Die Idee, dem Joker eine definitive Origin-Story zu verpassen, scheint dem entgegenzuwirken. Seit Tim Burton kam das nur noch selten vor – in den Comics und den meisten anderen Bat-bezogenen Medien ist der Name des Jokers nach wie vor unbekannt, auch wenn Jack Napier immer mal wieder auftaucht, etwa in „Batman: The Animated Series“ (wo es sich aber lediglich um einen Decknamen handelt) oder „Batman: „The White Knight“ (das ohnehin außerhalb der regulären Kontinuität spielt).

Dennoch arbeitet auch Todd Phillips auf mehr oder weniger subtile Art und Weise mit diesem Konzept von Alan Moore. Es gibt einige Szenen, die ganz offensichtlich in Arthurs Fantasie spielen, etwa sein Auftritt in Murray Franklins Show zu Beginn des Films, oder bei denen es sich schlicht um Wahnvorstellungen handelt wie die meisten Szenen mit Sophie Dumont (Zazie Beetz). Der Film macht das auch sehr deutlich. Andere Szenen sind da jedoch zweideutiger: Hat Arthur wirklich die Akten in Arkham eingesehen und seine Mutter anschließend erstickt? Hat er wirklich mit Thomas Wayne gesprochen? Wie üblich geistert auch die Theorie durchs Netz, Arthur habe die gesamte Handlung des Films nur halluziniert. Diese Idee wird immer wieder auf diverse Filme (oder Bücher) angewandt, die Harry-Potter-Serie ist ein prominentes Beispiel: Was, wenn Harry im Schrank unter der Treppe einfach nur wahnsinnig geworden ist? Ich mag diese Theorie nicht, weil sie immer auf dasselbe hinausläuft. Es besteht in „Joker“ aber durchaus die Möglichkeit, dass es sich bei der Handlung des Films um eine der möglichen Multiple-Choice-Vergangenheiten des Jokers handelt. Dafür spricht zum Beispiel die kurze Einstellung der ermordeten Waynes, die Arthur so nie zu Gesicht bekommen hat. Diese Tendenz ist zugleich Stärke als auch Schwäche des Films, sie ermöglicht eine Vielzahl an Interpretationen und tätigt, sollte sie zutreffen, eine interessante Aussage über Arthurs Narzismus: Er schiebt jegliche Schuld von sich und sucht konstant einen neuen Sündenbock, erst Thomas Wayne, dann seine Mutter. Anderseits wird „Joker“ dadurch beinahe zahmer und verhindert oft die letzte Konsequenz.

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Der Joker (Joaquin Phoenix)

Natürlich stellt sich nun die Frage, ob und wie es weitergeht. Einerseits funktioniert „Joker“ sehr gut als in sich geschlossener Film, der keine Fortsetzung braucht. Andererseits scheinen Todd Phillips und Joaquin Phoenix der Idee einer Fortsetzung nicht unbedingt abgeneigt – und angesichts des Einspielergebnisses hat Warner damit sicher auch keine Probleme. Wenn wir davon ausgehen, dass zumindest der größte Teil des Films nicht halluziniert ist, fehlt dem Joker momentan ein spezifischer Antrieb, schließlich sind Thomas Wayne und Murray Franklin tot. Diese spezifische Antrieb könnte Batman sein – alles ist dafür in die Wege geleitet. Schon im Kino musste ich an die Szene aus „The Dark Knight Returns“ denken, in der der Joker nach zehnjähriger Katatonie durch Batmans Rückkehr aus derselben erwacht – Batmans Auftauchen könnte einen ähnlichen Effekt auf Arthur haben. Allerdings ist fraglich, ob ein Batman in dieser Version von Gotham außerhalb der Andeutungen überhaupt existieren könnte. Außerdem hat Todd Phillips zu Protokoll geben, keinen Film mit Batman machen zu wollen, es müsste also etwas anderes geben, das Arthur dazu bringt, aus Arkham zu entkommen.

Fazit
„Joker“ muss im Grunde auf zwei Ebenen abschließend bewertet werden. Zum einen als „normaler“ Film – auf dieser Ebene ist Phillips‘ Werk zweifelsohne ein gelungener Thriller bzw. eine interessante Charakterstudie, die aber aufgrund ihrer Nähe zu den Scorsese-Vorbildern ein wenig zu vorhersehbar ist, was ein wirklich herausragender Joaquin Phoenix allerdings mehr als ausgleicht. Kein absolutes Meisterwerk, aber ein wirklich guter Film, der zurecht diskutiert wird. Auch der ebenso gelungene wie enervierende Score von Hildur Guðnadóttir sollte noch erwähnt werden, da er ein wichtiger Bestandteil ist und einen wichtigen Beitrag zur bedrückenden Stimmung des Films leistet. Eine ausführliche Besprechung findet sich hier beim Kollegen von Score Geek.

Als Superheldenfilm (im weitesten Sinne des Wortes) ist „Joker“ dagegen fast schon essentiell, da er an Filme wie „The Dark Knight“ und „Logan“ schön anknüpft und zeigt, was im Genre drinsteckt. So manch ein Kritiker bemerkte, dieser Film würde sich nicht wie eine Comicverfilmung anfühlen. Diese Aussage ist nachvollziehbar, wenn auch recht eindimensional, da „Comicverfilmung“ nicht gleich „Superheldenverfilmung“ ist (auch „Tamara Drewe“ ist eine Comicverfilmung) und es auch im Bereich der erweiterten Superheldencomics allerhand Werke gibt, die vom Standard ziemlich weit entfernt sind. Letztendlich ist „Joker“ natürlich ebenso wenig die definitive Origin bzw. Arthur Fleck die Identität des Jokers wie es Jack Napier in Burtons „Batman“ war. Für mich persönlich fühlt sich dieser Film an, wie eine Elseworlds-Geschichte, eine Version des Jokers, die unter dem Vertigo- oder DC-Black-Label erschienen sein könnte. Umso mehr freut mich der Erfolg dieses Films, denn er erweitert das Genre und könnte helfen, andere, von kreativen Filmemachern getrieben Visionen umzusetzen.

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Aladdin

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Story: Dschafar (Marwan Kenzari), der Wesir des Sultans (Navid Negahban), will die Macht im Königreich Agrabah usurpieren. Zu diesem Zweck plant er, die mysteriöse Wunderlampe in seine Hände zu bekommen, doch nur ein „ungeschliffener Diamant“ kann sie aus der Wunderhöhle herausholen. Hierbei handelt es sich um den Straßenjungen Aladdin (Mena Massoud), der sich just in Prinzessin Jasmin (Naomi Scott), die Tochter des Sultans, verliebt hat. Unglücklicherweise kann nur ein Prinz die Prinzessin heiraten. So gelingt es Dschafar, Aladdin von seinen Vorhaben zu überzeugen, denn mit den Schätzen aus der Wunderhöhle kann alles möglich sein. Beim Erringen der Lampe geht jedoch alles schief, sodass Aladdin in der verschlossenen Höhle gefangen ist. Zum Glück wohnt in der Lampe ein Dschinni (Will Smith), mit dessen Hilfe Aladdin nicht nur aus der Höhle herauskommt, sondern auch zum Prinzen werden kann, um Jasmins Herz für sich zu erobern…

Kritik: Noch ein Remake eines Zeichentrickklassikers meiner Kindheit. Da die Vorzeichen bereits äußerst desaströs waren, habe ich diesen Film bewusst im Kino ausgelassen. Und was soll ich nach der Sichtung der BluRay sagen: Es ist genauso gekommen, wie ich es erwartet hatte. „Aladdin“ ist ein weiterer, ebenso seelenloser wie unnötiger Neuaufguss eines Animationsfilms, der dieses Medium nie hätte verlassen sollen.

Ironischerweise gehört das Element, das im Vorfeld für die größte Empörung sorgte, Will Smith als Dschinni, noch zu den gelungensten Bestandteilen. Die blaue CGI-Version des Schauspielers wirkt zwar irritierend (die Effekte lassen generell zu Wünschen übrig, wahrscheinlich hat „Der König der Löwen“ zu viele Ressourcen verschlungen), aber bei weitem nicht so schlimm wie im ersten Trailer, und davon abgesehen funktioniert Smith in der Rolle eigentlich ganz gut – kein Vergleich zu Robin Williams, aber das hat wohl auch niemand erwartet. Alles andere drumherum allerdings ist ziemlich misslungen.

Regisseur Guy Ritchie, der zusammen mit John August und Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, bekommt das merkwürdige Kunststück hin, ein Remake abzuliefern, das über eine halbe Stunde länger ist als das Original, sich aber trotzdem gehetzter und knapper anfühlt. „Aladdin“ hält sich nicht so sklavisch an die Vorlage wie John Favreaus „Der König der Löwen“ und versucht durchaus, Geschehnisse, an denen sich freilich kaum etwas ändert, immerhin etwas anders zu erzählen, was sich vor allem zu Beginn zeigt. Ritchie greift die ursprüngliche, dann aber verworfene Idee auf, dass es sich beim Erzähler um den Dschinni handelt, was zur Folge hat, dass das Remake ähnlich anfängt wie eine Folge von „How I Met Your Mother“. Im Folgenden hetzt Ritchie regelrecht durch den ersten Akt des Films, dessen Ereignisse hier merkwürdig verschachtelt wurden; Dschafars erster Besuch bei der Wunderhöhle wird in zwei Minuten kurz abgehandelt und One Jump Ahead wird mit Aladdins erster Begegnung mit Jasmin zusammengelegt. Ich vermute, Vorbild war Favreaus „Jungle Book“, in welchem der etwas behäbige Anfang des Originals ebenfalls zugunsten einer Eröffnung mit erhöhtem Tempo abgeändert wurde. Was in „The Jungle Book“ jedoch ganz gut funktioniert, sorgt in „Aladdin“ für massive Strukturschwächen, wo das Original perfekt ausbalanciert war.

Diese Strukturschwächen ziehen sich durch den gesamten Film und zeigen überdeutlich, wie unnötig dieses Remake ist: Ritchie versucht durchaus immer wieder, sich den Stoff zu Eigen zu machen, doch jede der Änderungen funktioniert schlechter als im Original und sorgt für weitere dramaturgische Probleme oder Logiklöcher. Anders als im Zeichentrickfilm wird beispielsweise nie erklärt, weshalb gerade Aladdin der „ungeschliffene Diamant“ ist, Dschafar schnappt ihn quasi grundlos und schleift ihn zur Wunderhöhle.

Diese Tendenz hat auch massive Auswirkungen auf das Finale. Der Showdown des Originals ist einer der besten aller Disney-Meisterwerke, enorm atmosphärisch und spannend, da er sich konstant steigert. Im Remake wurde die Szene, in der sich Dschafar in eine gewaltige Kobra verwandelt, durch eine Verfolgungsjagd mit einem riesigen Jago ersetzte. Die klaustrophobische Enge des Zeichentrickfilms geht dabei genauso verloren wie die Intensität und die atmosphärische Dichte.

Leider weiß „Aladdin“ auch auf schauspielerischer Ebene nicht zu überzeugen. Wie bereits erwähnt ist Will Smith diesbezüglich noch am besten bzw. am unterhaltsamsten. Mena Massoud hätte vielleicht einen brauchbaren Aladdin darstellen können, hätte ihm das Drehbuch nicht eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung auferlegt. In einigen Szenen versuchte er, der Aladdin des Zeichentrickfilms zu sein, der sich gekonnt aus der Klemme herausredet, in anderen ist er ein merkwürdig schüchterner Rom-Com-Protagonist, der keinen Ton herausbekommt. Gerade die Ball-Szene passt überhaupt nicht zur früheren Charakterisierung Aladdins und ist darüber hinaus zum Fremdschämen.

Auch mit Jasmin meint es das Drehbuch nicht allzu gut, da sie auf Teufel komm raus als unabhängige, starke Frau dargestellt wird. Nicht, dass es im Original diesbezüglich irgendwelche Probleme gegeben hätte, aber hier wird diese Charaktereigenschaft derart mit dem Holzhammer vermittelt, dass es an Plakativität nicht zu überbieten ist. Jasmin will sich hier nicht nur ihrem Schicksal als Prinzessin nicht fügen, sie will auch Sultan werden, weil – warum eigentlich? Wohl primär deshalb, weil man das als starke, unabhängige Frau wohl will. Auch hier kann man Naomi Scott eigentlich keinen Vorwurf machen, ich denke, sie hätte eine gute Jasmin spielen können, hätte das Drehbuch etwas getaugt.

Am schlimmsten hat es allerdings Dschafar getroffen. Nicht umsonst ist die Zeichentrickversion der Figur einer der beliebtesten Disney-Schurken: Dschafar ist offensichtlich böse, aber so verdammt unterhaltsam und charismatisch dabei, egal ob er in den der englischen Version von Jonathan Freeman oder in der deutschen von Joachim Kemmer gesprochen wird. Die von Marwan Kenzari dargestellte Interpretation dagegen ist, was ein Disney-Schurke niemals sein sollte: unscheinbar und langweilig. Die opulente Kleidung und der Kobrastab wollen schlicht nicht zu dieser zurückhaltenden Person passen. Wahrscheinlich hätte es besser funktioniert, hätte man sich an der Broadway-Adaption des Stoffes orientiert und einfach nochmal Jonathan Freeman angeheuert.

Leider sind auch die Songs durchweg schwächer als im Original. Es findet sich ein Neuzugang im Film, Jasmin bekommt mit Speechless ihr eigenes Lied, das stilistisch völlig fehlt am Platz wirkt, mit den restlichen Liedern und dem Score überhaupt nicht harmoniert und noch einmal vermitteln soll, wie stark und unabhängig sie ist. Kurz nach dem Lied wird sie gefangen genommen und muss von einem Mann gerettet werden.

Tatsächlich ist der einzige Aspekt, in dem das Remake das Original übertrifft, der Score. Wie schon bei Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ bekam Alan Menken abermals die Gelegenheit, denselben Film noch einmal zu vertonen, und abermals zeigt er, wie er sich seit den frühen 90ern als Komponist weiterentwickelt hat. Der Score des ursprünglichen „Aladdin“ war keinesfalls schlecht, aber, um die Diktion des Films zu bemühen, ein „ungeschliffener Diamant“. Was Orchestrierung und Verwendung der Song-Melodien als Leitmotive angeht, hat sich Menken enorm weiterentwickelt, sodass dieser Film immerhin eine minimale Existenzberechtigung hat.

Fazit: „Aladdin“ ist ein ebenso inspirationsloses wie unnötiges Remake des Zeichentrickklassikers, das entweder das Original schlecht reproduziert oder beim Versuch, eigene Akzente zu setzen, gnadenlos scheitert.

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