The Fall of Númenor

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Christopher Tolkien mag 2020 verstorben sein, aber andere führen sein Werk fort; seit seinem Tod erschienen zwei weitere Tolkien-Veröffentlichungen. Während „The Nature of Middle-earth“ (2021), herausgegeben von Carl F. Hostetter, tatsächlich neues bzw. bislang nicht publiziertes Material enthält – primär kleinere Texte, Spekulationen und Essays zu allen möglichen Themen rund um Mittelerde, weshalb in der Rezeption mitunter vom inoffiziellen „13. Band der ‚History of Middle-earth’ gesprochen wird” – lässt sich Brian Sibleys „The Downfall of Númenor“ eher mit Veröffentlichungen wie „The Children of Húrin“ oder „Beren and Lúthien“ vergleichen, indem es sich um eine Kompilation bereits veröffentlichter Texte handelt.

Brian Sibley ist Tolkien-Fans kein Unbekannter. Von den 70ern bis in die 90er arbeitete er primär für das Radio und machte sich einen Namen mit diversen hochkarätigen Hörspieladaptionen, darunter auch die BBC-Umsetzung des „Lord of the Rings“ aus dem Jahr 1981. Zu seinen späteren, gedruckten Werken gehören u.a. diverse Begleitbücher zu den beiden Jackson-Trilogien sowie Bücher mit Mittelerde-Karten, zumeist in Zusammenarbeit mit John Howe. Zudem fungierte er bei den Filmtrilogien als Berater und ist recht häufig in den diversen Dokumentationen zu sehen. In einem Interview verriet Sibley, dass HarperCollins explizit keinen Literaturwissenschaftler oder Tolkien-Forscher, sondern eher einen Geschichtenerzähler bzw. Dramaturgen für dieses Unterfangen wollte.

In seiner Konzeption unterscheidet sich „The Fall of Númenor“ durchaus von jenen bisherigen Publikationen Christopher Tolkiens, die man als „Zweitauswertung“ bezeichnen könnte. Während dieser im Rahmen der „History of Middle-earth“ die chronolgische Entwicklung der Sekundärewelt seines Vaters nachzeichnete, mit dem „Silmarillion“ und „The Children of Húrin“ in sich geschlossene Narrativen vorlegte und in „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“ die Evolution einer bestimmten Geschichte zeigte, sammelt Sibley in „The Fall of Númenor“ alle relevanten Texte Tolkiens zum Zweiten Zeitalter. Somit enthalten sind Entnahmen aus dem „Lord of the Rings“, primär natürlich aus den Anhängen, die beiden Kapitel „Akallabêth“ und „Of the Rings of Power and the Third Age“ aus dem „Silmarillion“ sowie diverse Texte aus der „History of Middle-earth“, den „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“ sowie „The Nature of Middle-earth”. Besagte Texte werden allerdings nicht einfach so reproduziert, wie sie in den oben genannten Werken erschienen, stattdessen bemüht sich Sibley, wo möglich, um eine chronologische und für die „kanonischen“ Werke relevante Aufteilung; will heißen, es finden sich keine bzw. nur wenige Frühformen, die inzwischen überholt sind. Die Anordnung erfolgt nach der in Anhang B des „Lord of the Rings“ auffindbaren Chronologie des Zweiten Zeitalters Die große Ausnahme bezüglich der „Gültigkeit“ sind zwei Kapitel aus Tolkiens unvollendetem Zeitreiseroman „The Lost Road“, in denen diverse Figuren mit veränderten Namen auftauchen. Dementsprechend finden sie sich als Anhang am Ende des Buches. Wo sich bei Tolkien Widersprüche finden, etwa bei der Datierung von Ereignissen, dem Alter von Figuren etc. weist Sibley im Rahmen der Endnoten darauf hin.

Der Untertitel „And Other Tales from the Second Age“ sollte, nebenbei bemerkt, unbedingt beachtet werden, denn Númenor ist zwar primärer, aber nicht ausschließlicher Fokus des Buches, die Entwicklung der Elbenreiche, Khazad-dûms und natürlich Mordors im Zweiten Zeitalter wird ebenfalls thematisiert, wobei Sauron und das Schmieden der Ringe der Macht natürlich besonders viel Platz eingeräumt bekommt. In diesem Kontext beschränkt sich Sibley nicht nur darauf, die entsprechenden Texte und Essays zu sammeln, sondern zitiert auch hin und wieder aus dem Erzähltext des „Lord of the Rings“, wenn es thematisch passt, etwa wenn Elrond beim Rat in Bruchtal von seinen Erlebnissen im Zweiten Zeitalter berichtet.

Dennoch sollte klar sein, dass es sich bei „The Fall of Númenor“ um alles Mögliche, nur nicht um tatsächliche erzählende Texte, geschweige denn eine wirkliche Romanhandlung handelt. Dem am nächsten kommt noch „Aldarion and Erendis: The Mariner’s Wife“, mehr oder weniger der einzige, tatsächlich ausgearbeitete narrative Text; zudem eine für Tolkien eher untypische Geschichte. Dieses unvollendete Werk wurde ursprünglich im Rahmen von „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“ publiziert, thematisiert im Grunde das Scheitern einer Ehe und hätte vielleicht eine deutlich interessantere Grundlage für Amazon Primes „The Rings of Power“ abgegeben, hätte man dafür die Rechte gehabt… Wie dem auch sei, wie viele andere derartige Werke liest sich „The Fall of Númenor“ eher wie ein Geschichtsbuch. Da Sibley mit den Texten arbeiten muss, die Tolkien verfasst hat, ist die Gewichtung mitunter ein wenig gewöhnungsbedürftig. Viele der wirklich essentiellen Ereignisse werden nur sehr knapp behandelt, während der bereits erwähnten und im Gesamtkontext relativ insignifikanten Geschichte von Aldarion und Erendis sehr viel Platz eingeräumt wird. Aber bei einem Projekt wie diesem lässt sich das natürlich nicht vermeiden.

Auch wenn der oben verwendete Begriff „Zweitauswertung“ abwertend klingend mag, ist „The Fall of Númenor“ in der Tat ein äußerst nützliches Werk. Selbst wer sämtliche ursprünglichen Bücher sein Eigen nennt, kann mit Sibleys Kompilation einiges an Mühe und Zeit sparen, und wer nicht über eine erschöpfende Mittelerde-Bibliothek verfügt und ausschließlich am Zweiten Zeitalter interessiert ist, macht mit „The Fall of Númenor“ sowieso nichts falsch. Unbedingt hervorzuheben sind natürlich die abermals extrem gelungenen Artworks von Tolkien-Künstler Alan Lee, die das Ganze noch einmal ungemein aufwerten.

Die Hörbücher der älteren Tage: Ein Update
Seit meinem Artikel über die „Great Tales“ hat sich im Mittelerde-Hörbuch-Bereich doch das Eine oder Andere getan. Nicht nur hat Andy Serkis inzwischen sowohl den „Hobbit“ als auch den „Lord of the Rings“ komplett eingelesen, auch einige der posthum veröffentlichten Tolkien-Werke wurden hörbar gemacht. Die „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“ erhielten sowohl ein englisches als auch ein deutsches Hörbuch, Ersteres wurde, wie schon „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“, eingelesen von Timothy und Samuel West, Letzteres (natürlich unter dem deutschen Titel „Nachrichten aus Mittelerde“) von Tolkien-Stammsprecher Gert Heidenreich und Timmo Niesner, seines Zeichens deutsche Stimme von Elijah Wood. Niesner übernimmt die erläuternden Parts von Christopher Tolkien, während Heidenreich die eigentlichen Tolkien-Texte liest. „The Nature of Middle-earth“ hat leider weder auf Deutsch noch auf Englisch ein Hörbuch bekommen, aber wer sich für „Beren and Lúthien“ interessiert, kann dies nun ebenfalls auf Deutsch mit derselben Sprecherkonstellation wie „Nachrichten aus Mittelerde“ hören. „The Fall of Númenor“ wurde zumindest auf Englisch inzwischen auch eingelesen, Samiel West übernimmt abermals die Tolkien-Texte, während Brian Sibley seine Erläuterungen selbst liest.

Fazit: Brian Sibleys Tolkien-Kompilation „The Fall of Númenor“ passt nicht nur vorzüglich zu den letzten Veröffentlichungen Christopher Tolkiens, sondern ist auch eine nützliche Abkürzung für alle, die sich für die Mysterien des Zweiten Zeitalters interessieren – ein Bedürfnis, das durch Amazons „The Lord of the Rings: The Rings of Power“ durchaus in stärkerem Maße aufkommen könnte…

Bildquelle

Siehe auch:
Interview mit Brian Sibley
The Great Tales: Die „andere” Tolkien-Trilogie
The Hobbit: Theatrical Audiobook
The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook
The Lord of the Rings: The Rings of Power – Staffel 1

Art of Adaptation: Pickman’s Model

Halloween 2022

Dass Guillermo del Toro ein gewisses Faible für H. P. Lovecraft hat, ist nun wirklich kein Geheimnis: Immer wieder finden sich Anspielungen in seinen Filmen und natürlich hat wahrscheinlich kein Lovecraft-Fan del Toros gescheiterte Adaption von „At the Mountains of Madness“ vergessen. So verwundert es kaum, dass der Schriftsteller aus Providence auch in der neuen Horror-Anthologieserie „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ eine Rolle spielt, und das nicht nur in einzelnen Anspielungen (die natürlich auch vorhanden sind), sondern in Form von zwei Episoden, die sich als direkte Adaptionen von Lovecraft-Geschichten präsentieren. Das Konzept der Netflix-Serie erinnert an „Alfred Hitchcock Presents“: Zu Beginn jeder Episode gibt es ein paar einleitende Worte von del Toro, darauf folgen die von verschiedenen Regisseuren inszenierten Horror-Geschichten. Bei Folge 5, Regie führt Keith Thomas, handelt es sich um eine, wenn auch ziemlich freie, Umsetzung der Geschichte „Pickman’s Model“, was sie zu einem interessanten Sujet für mich macht.

Die Lovecraft-Geschichte
Lovecraft verfasste „Pickman’s Model“ 1926, ein Jahr später wurde die Kurzgeschichte auf den Seiten des Magazins „Weird Tales“ publiziert. Gemessen an vielen der späteren und populäreren Storys wie „The Call of Cthulhu“ oder „The Shadow Over Innsmouth“ ist „Pickman’s Model“ eine eher konventionelle Geschichte, die eigentlich nicht wirklich dem „Cthulhu-Mythos“ oder dem Sub-Genre des kosmischen Horrors zuzurechnen ist, auch wenn Elemente der Geschichte, sei es Richard Upton Pickman selbst oder die Ghule, die er abbildet, in Mythos-Geschichten anderer Autoren nur allzu gerne auftauchen.

Erzählerisch ist die Geschichte recht simpel aufgebaut, wie so oft bei Lovecraft haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der allerdings ausnahmsweise einmal keinen Bericht über erschreckende Ereignisse hinterlässt; stattdessen ist die Geschichte als „einseitiger Dialog“ aufgebaut. Der Erzähler Thurber (in der Geschichte ohne Vornamen, in der Adaption heißt er Will) berichtet seinem Freund Eliot von seinen Erlebnissen mit dem Maler Richard Upton Pickman, wobei der Text Eliots Antworten und Erwiderungen ausspart, sodass der Leser gewissermaßen als Dialogpartner fungiert. Thurber berichtet, dass seine Angst vor der U-Bahn, Kellern und dem Untergrund im Allgemeinen von einem Erlebnis mit dem kürzlich verschwundenen Maler Richard Upton Pickman herrührt, der wie Thurber und Eliot Mitglied des Kunstvereins von Boston ist bzw. war. Pickman eckte dort mehrmals wegen seiner ebenso grausigen wie realistischen Gemälde an, die viele andere Mitglieder verschreckten, während sie Thurber nachhaltig beeindrucken und faszinieren – trotz seines Traumas hält er an der Meinung fest, dass es sich bei Pickman um einen außergewöhnlichen Künstler handelt.

Pickman, der sich von Thurbers Bewunderung offenbar geschmeichelt fühlt, lädt ihn in sein „geheimes Atelier“ in den heruntergekommenen Norden Bostons ein, in welchem er Thurber Gemälde von blutrünstigen Monstrositäten zeigt, gegen die jene, die im Kunstverein schon ausgestellt wurden, regelrecht harmlos sind. Merkwürdige Geräusche veranlassen Pickman, mit einem Revolver das Zimmer zu verlassen, angeblich um Ratten zu verscheuchen – tatsächlich fallen Schüsse. Pickman und Thurber trennen sich hastig. Später stellt Thurber fest, dass er bei Pickman ein Stück Papier eingesteckt hat, bei welchem es sich um eine Fotografie handelt, die eines jener grausigen Wesen zeigt, die Pickman gemalt hat. So muss Thurber feststellen, dass diese Kreaturen keinesfalls der Fantasie entstammen, sondern dass es sich bei Pickmans Gemälden „nur“ um realitätsnahe Wiedergaben handelt.

„Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die heute zugegebenermaßen in dieser Form nicht mehr allzu viele Neuleser besonders beeindrucken dürfte, im Vergleich zu anderen Enthüllungen, besonders Enthüllungen kosmischen Schreckens, ist die hiesige relativ zahm. Wie viele andere Geschichten Lovecrafts ist sie in ihrem Aufbau und in ihren Andeutungen deutlich stärker als in ihrer tatsächlichen Auflösung. Der interessanteste Aspekt dürften wahrscheinlich die immer wieder eingestreuten Diskussionen zum Thema Kunst sein, Thurber dient hier zweifellos als Avatar für Lovecrafts eigene Meinung zum Thema „erschreckende Gemälde“. Tatsächlich funktioniert „Pickman’s Model“ für mich persönlich in der Hörspieladaption der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien mit Abstand am besten, da sie unheimlich stimmig inszeniert ist und von dem großartigen Zusammenspiel von Dietmar Wunder (dt. Stimme von Daniel Craig) und Sascha Rotermund (dt. Stimme von Benedict Cumberbatch) profitiert. Dabei bleibt das Hörspiel nah am Text und schafft es, allein durch die Performance der Sprecher das Grauen zu vermitteln. Kaum weniger gelungen ist zudem die GM-Factory-Lesung von Gregor Schweitzer. Eine visuelle Adaption hat es da natürlich schwerer – dementsprechend verwundert es kaum, dass Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson sich vom Text sehr weit entfernen.

Die Umsetzung
Zumindest auf handwerklicher Ebene kann man dieser Folge, wie der gesamten Serie (zugegeben, ich habe noch nicht alle Folgen gesehen) wenig vorwerfen. „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiositys“ sieht definitiv sehr gut aus und ist durchweg enorm atmosphärisch. Die Handschriften der einzelnen Regisseure sind sehr wohl präsent, zugleich haftet allen Folgen aber auch eine gewisse, nennen wir es „Del-Toro-haftigkeit“ an, sei es in der Atmosphäre oder im Design der Kreaturen. Inhaltlich ist es leider eine etwas andere Geschichte: Wie bereits zu erwarten war, wird eher die grobe Prämisse als die tatsächliche Geschichte adaptiert: Thurber (Ben Barnes) und Pickman (Crispin Glover) sind beide Schüler einer Kunstakademie. In einer Sitzung beobachtet Thurber zufällig, wie das gewöhnliche Modell, das gemalt werden soll, auf Pickmans Bild vier Arme hat und blutet. Wie in der Geschichte übt Pickman eine gewisse Faszination auf Thurber aus, man unterhält sich und Pickman erzählt Thurber ein wenig von seinen Hintergründen – eine Vorfahrin namens Lavinia (Megan Many) war laut Pickman in diverse kultische bzw. schwarzmagische Handlungen verwickelt, setzte Gästen ihren gekochten Ehemann vor und wurde dafür als Hexe verbrannt – dieses kannibalistische Motiv taucht in der Episode immer wieder auf. Gewisse Andeutungen diesbezüglich finden sich tatsächlich in Lovecrafts Geschichte, auch hier werden Verbindungen zu den Hexenprozessen von Salem erwähnt und eines von Pickmans Werken trägt den Titel „Leichenfresser beim Fraße“, diese sind allerdings weit weniger spezifisch. Der Lovecraft-Kenner wird bei dem Namen Lavinia zudem sofort hellhörig und muss an „The Dunwich Horror“ denken.

Die Werke Pickmans, die Thurber in Kombination mit der Familiengeschichte gezeigt bekommt, haben einen verstörenden Einfluss auf den jungen Maler, er scheint zu halluzinieren und Elemente aus Pickmans Gemälden in der Realität zu sehen, was zur Folge hat, dass seine Geliebte Rebecca (Oriana Leman) glaubt, er sei Betrunken auf ihrer Party erschienen, woraufhin sie die Beziehung beendet. Als Thurber Pickman erneut in seiner Wohnung aufsucht, sind sowohl der Maler als auch seine Gemälde verschwunden. An dieser Stelle macht die Handlung einen Sprung von 17 Jahren, Thurber und Rebecca sind inzwischen verheiratet und haben einen gemeinsamen Sohn. Zudem ist Thurber inzwischen ein einflussreicher Künstler. Da taucht, recht unverhofft, Richard Upton Pickman wieder auf – und mit ihm und seinen Gemälden kehren auch die Visionen und Alpträume zurück, die sich nun direkt auf Thurber und seine Familie auswirken. Pickman taucht schließlich sogar bei Thurber zuhause auf und beteuert, er wolle nur, dass seine Bilder gesehen werden. Abermals lädt er den Kollegen zu sich ein, bei Pickman kommt es allerdings zum Handgemenge, das schließlich mit Pickmans Tod endet. Um ganz sicher zu gehen, verbrennt Thurber die unheilvollen Bilder, doch es stellt sich heraus, dass der unheilvolle Einfluss bereits von Thurbers Frau und Sohn Besitz ergriffen hat, sodass sich Lavinias Tat wiederholt…

Wie bereits erwähnt: „Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die so, wie sie Lovecraft erzählt, weder besonders furchterregend, noch besonders filmisch ist. Thomas und Patterson ließen sich für diese Folge der Anthologie eher von der Prämisse und der Figurenkonstellation inspirieren, entwickelten sie dann jedoch in eine völlig andere Richtung. Gewisse Reste der ursprünglichen Geschichte sind noch vorhanden, so wird Thurber unter anderem auch mit dem tatsächlichen Ghul konfrontiert, anstatt nur dessen Foto zu sehen, ironischerweise hätte man diese Szene jedoch problemlos entfernen können. Wo sich die eigentliche Story auf die Ghule und deren Abbildung konzentriert, schaffen Regisseur und Drehbuchautor aus Implikationen und Andeutungen einen kultischen Überbau, der ironischerweise an „Dreams in the Witch House“ erinnert – zufällig handelt es sich hierbei um die zweite Lovecraft-Geschichte, die im Rahmen des „Cabinet of Curiosities“ verfilmt wird. Das Problem bei der Sache ist, dass die ganze Angelegenheit ziemlich holprig erzählt ist, die einzelnen Bestandteile wollen nicht ineinandergreifen. Es wirkt, als hätten Thomas und Patterson versucht, das Grauen der ursprünglichen Kurzgeschichte zu erweitern, um sie für ein modernes Horror-Publikum ansprechender zu machen, diese Bemühungen sorgen allerdings dafür, dass das Ergebnis recht generisch daherkommt und sich nicht mehr recht nach Lovecraft anfühlen will – man fühlt sich eher etwas an „The Conjuring“ erinnert. Dementsprechend fand ich persönlich die finale Realwerdung eines der Bilder auch nicht allzu überraschend oder schockierend. Hinzu kommt, dass leider auch die beiden Hauptdarsteller ihn ihren Rollen nicht völlig überzeugen können, was primär damit zusammenhängt, dass sie mit ihrem Akzent kämpfen: Sowohl Ben Barnes (dessen Mitwirken angesichts der Tatsache, dass er in „The Picture of Dorian Gray“ die Hauptrolle spielte, wohl als Casting-Gag verstanden werden kann) als auch Crispin Glover scheinen mit dem Bostoner Sprach-Duktus nicht völlig zurechtzukommen. Während das bei Barnes nicht allzu viel ausmacht, ist Glovers Akzent wirklich merkwürdig und klingt eher wie die Parodie eines Iren. Vielleicht bin ich durch Sascha Rotermund, der Pickman sehr charismatisch anlegt, zu sehr vorgeprägt, aber ich persönlich finde Glovers autistisch anmutendes Overacting hier ziemlich fehl am Platz.

Fazit: Die Umsetzung von „Pickman’s Model“ im Rahmen von „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ kann zwar nicht wirklich als misslungen bezeichnet werden, vor allem auf technischer und atmosphärischer Ebene weiß sie durchaus zu überzeugen. Allerdings scheitern Regisseur Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson an einer wirklich effektiven Modernisierung der Lovecraft-Geschichte, die zudem an Fokusproblemen und Crispin Glovers Darstellung von Richard Upton Pickman leidet.

Siehe auch:
Hörbuch: Pickman’s Model bei GM Factory
Lovecraft im Gruselkabinett
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos

Art of Adaptation: The Hellbound Heart

Halloween 2022
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Beim 1987 erschienen Film „Hellraiser“ handelt es sich um einen der seltenen Fälle, in denen ein Autor nicht einfach nur als Drehbuchschreiber oder Berater an der Filmadaption beteiligt ist, sondern das Ganze auch noch in Eigenregie umsetzt. Zustand kam diese Konstellation, weil Clive Barker mit vorherigen Adaptionen seiner Werke absolut unzufrieden war – die Umsetzung der Novelle „The Hellbound Heart“ wollte er deshalb selbst durchführen. Gerade in diesem Kontext traf Barker bei der filmischen Umsetzung einige interessante Entscheidungen. Nicht wenige, die die Novelle lesen, nachdem sie den Film gesehen haben, sind etwas erstaunt, wenn nicht gar enttäuscht, dass Pinhead (oder der „Hell Priest“; bekanntermaßen verabscheut Barker den Spitznamen Pinhead, den diese Horrorikone aber wohl nicht mehr loswird). Die deutsche Übersetzung, die den Filmtitel trägt, hat zu allem Überfluss auch noch Pinhead auf dem Cover und auch eine der englischen Ausgaben deutet Doug Bradleys ikonische Figur zumindest an, in der Geschichte selbst findet sich allerdings kaum eine Spur von ihm.

Handlung und Konzeption der Novelle
Zumindest im Groben stimmen Handlung von Novelle und Film überein: Der Hedonist Frank Cotton sucht nach neuen fleischlichen Genüssen und wird auf den sog. „Lemarchand-Würfel“ aufmerksam, der Wollust jenseits aller Vorstellungskraft verspricht. Frank gelingt es, den Würfel an sich zu bringen, sodass er die Cenobiten beschwören kann – bei diesen handelt es sich allerdings nicht, wie Frank angenommen hat, um willige, überirdisch schöne Frauen, sondern um entstellte Kreaturen, die Frank mit in ihr Reich nehmen, um ihm zu zeigen, dass Schmerz und Lust zwei Seiten derselben Medaille sind. Einige Zeit später ziehen Franks Bruder Rory und seine Frau Julia in Franks und Rorys Elternhaus ein – jenes Haus, in welchem Frank den Lemarchand-Würfel löste. Beim Einzug verletzt sich Rory und Blut tropft auf die Stelle, an der Frank bei seiner Begegnung mit den Cenobiten unwillentlich und -wissentlich etwas Ejakulat zurückließ – dies ermöglicht es Frank, dem Reich der Cenobiten zu entkommen und in die Welt der Lebenden zurückzukehren, wenn auch als geschwächtes und hautloses Etwas. Julia ist derweil in ihrer Ehe gelangweilt und unbefriedigt, sie sehnt sich nach Frank, mit dem sie kurz vor ihrer Hochzeit eine Affäre hatte. Als sie entdeckt, dass Frank noch… existiert und sich im Haus versteckt, entschließt sie sich, zuerst widerwillig, ihm zu helfen. Denn um sich zu regenerieren benötigt Frank vor allem Blut, und der attraktiven Julia ist es ein Leichtes, Männer ins Haus zu locken, damit Frank sie aussagen kann. Rorys Freundin Kirsty, die heimlich in Rory verliebt ist, schöpft allerdings Verdacht, als sie beobachtet, wie Julia fremde Männer ins Haus führt. Doch die Wahrheit, die sie bald darauf entdeckt, ist noch einmal deutlich schlimmer, denn sie entdeckt den hautlosen Frank, der sie zu töten versucht. Kirsty gelingt es, den Lemarchand-Würfel als Waffe gegen Frank zu verwenden und aus dem Haus zu entkommen. Kurz darauf bricht sie zusammen und wacht in einem Krankenhaus wieder aus. Eher aus Langweile löst auch sie den Würfel und beschwört unwillentlich einen Cenobiten, der jedoch bereits ist, Kirsty gehen zu lassen, wenn sie ihm Frank ausliefert. Also kehrt sie zurück und muss feststellen, dass Frank inzwischen Rory getötet und sich dessen Haut „angezogen“ hat. Chaos bricht aus, in welchem Frank eher versehentlich Julia tötet. Bald darauf tauchen die Cenobiten auf, um Frank zurück in ihr Reich zu holen…

Als Novelle ist „The Hellbound Heart” sehr geradlinig aufgebaut und schnörkellos erzählt. Die primären Figuren, durch deren Augen man Leser am Geschehen teilhat, sind Julia und Kirsty, aber auch an Frank Cottons Gedanken dürfen wir zumindest im ersten Kapitel teilhaben. Zugleich ist „The Hellbound Heart“ aber auch deutlich vielseitiger, als auf den ersten Blick deutlich wird. Nachdem der erste Hellraiser-Film Kultstatus erlangte, von den kontinuierlich schlechter werdenden Sequels gar nicht erst zu reden, mag das heute nicht mehr ganz so offensichtlich sein, aber Barkers Novelle ist innerhalb des „Übergenres Horror“ praktisch ein Chamäleon, das flüssig zwischen diversen Subgenres wechselt, in seinen Themen, primär der Dualität von Lust und Schmerz, aber immer konsistent bleibt. Die Novelle beginnt mit okkultem Horror und Franks Ritual, sodass man nun den Eindruck bekommen könnte, die Cenobiten seien die Monster des Werkes, dies erweist sich aber bald als Trugschluss. Daraufhin kombiniert Barker verschiedene Elemente: Spukhaus-, Vampir- und Serienkillergeschichte, von den dominanten Body-Horror-Elementen gar nicht erst zu sprechen. Diese werden in der Verfilmung natürlich noch einmal besonders betont, einerseits durch das grandiose Design der Cenobiten, aber auch durch Franks nicht minder grandiose Rückkehr in die Welt der Lebenden. Diese verläuft in der Novelle deutlich weniger spektakulär. Stets vorhanden bleibt dabei das erotische Element – und natürlich ist „The Hellbound Heart“ nach Barkers Aussage auch eine Liebesgeschichte, wenn auch eine extrem toxische, die die negativen Auswirkungen obsessiver Liebe und Lust schildert. Am Ende kehren die Cenobiten zurück und schließen damit den Kreis.

Familienbande
Handlungsverlauf und -struktur bleiben im Film größtenteils unverändert erhalten: Zu Beginn ruft Frank (Sean Chapman) die Cenobiten und wird von ihnen mitgenommen, sein Bruder und seine Schwägerin ziehen ins Haus ein, verursachen seine Rückkehr, Julia (Clare Higgins) wird zur Komplizin, Kirsty (Ashley Laurence) kommt dem allem auf die Spur und schafft es am Ende, die Cenobiten dazu zu bringen, Frank zurückzuholen. Die Änderungen finden sich vor allem in den Details und der Konzeption der Charaktere – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Rory im Film Larry Cotton (Andrew Robinson) heißt. Für die Adaption entschloss sich Barker, das Ganze in noch stärkerem Ausmaß zu einem Familiendrama zu machen, in dem er Kirsty zur Larrys Tochter macht. Vielleicht wollte er rückwirkend Franks „Come to Daddy“, das im Film wie in der Novelle auftaucht, etwas mehr Kontext zu verleihen. Dementsprechend ändert sich auch das Alter der Figuren etwas: Es wird zwar nicht eindeutig erwähnt, aber doch impliziert, dass sich die vier Hauptfiguren alle etwa im gleichen Alter, Ende 20, Anfang 30 befinden. Im Film dagegen hat Larry nun eine erwachsene Tochter und ist damit automatisch älter, auch Julia und Frank scheinen ein paar Jahre hinzugewonnen zu haben. Davon abgesehen stimmen sie charakterlich mit der Vorlage ziemlich genau überein. Abermals ist es Kirsty, die sich am stärksten verändert hat.

Die Novellenversion ist ein ziemlich passiver Charakter, der sich vor allem durch die hoffnungslose Verliebtheit in Rory auszeichnet. Film-Kirsty dagegen wirkt deutlich aktiver und selbstbestimmter, sie ist zwar Larrys Tochter, wohnt aber nicht mehr bei ihm und hat eindeutig ihr eigenes Leben, während Buch-Kirstys Existenz sich größtenteils um Rory zu drehen scheint. Diese Unabhängigkeit wird u.a. durch ihren Freund Steve (Robert Hines) ausgedrückt, der in der Novelle natürlich nicht auftaucht. Kirstys Identität als Larrys Tochter sorgt zudem für zusätzlichen Inzest-Subtext, der in der Novelle ebenfalls nicht vorhanden ist.

Der erzählerische Kern bleibt im Film jedoch definitiv erhalten. Pinhead und die Cenobiten mögen die Poster des Films (und natürlich der Sequels) zieren, gerade in diesem ersten Film sind sie aber nur Randerscheinungen, weder Pro- noch Antagonisten, sondern fast schon passive Figuren, die nur reagieren, wenn jemand die Lemarchand-Box löst. Es ist Frank, der alles beginnt, es ist Julia, die sich entschließt, ihm zu helfen und es ist Kirsty, die schließlich die Cenobiten dazu bringt, Frank in ihr Reich zurückzuholen.

Einige Anpassungen sind zudem dem visuellen Medium geschuldet: Im ersten Kapitel erfährt man als Leser beispielsweise genau, wie Frank denkt, welche Ausmaße sein Hedonismus angenommen hat und wie und weshalb er die Lemarchand-Box in seinen Besitz gebracht hat. Der Film vermittelt diese Elemente nicht direkt über die Narration, sondern indirekt über visuelle Hinweise, beispielsweise die erotische Skulptur, die Julia im Haus findet. Auf die Hintergründe des Würfels, hier zumeist als „Lament Configuration“ bezeichnet, geht der Film zudem kaum ein, statt eines kurzen Abrisses von Franks okkulter Recherche sehen wir nur, wie er die Box in Marokko erwirbt. Manche der erwähnten Details werden dann allerdings in späteren Filmen aufgegriffen, primär in „Hellraiser: Bloodline“, dem vierten Teil, in welchem die Konstruktion der Box thematisiert und ihr Schöpfer Philippe Lemarchand (Bruce Ramsay) als wichtige Figur etabliert wird. Statt dieser Hintergründe taucht in „Hellraiser“ allerdings ein ominöser Wächter der Box in Gestalt eines insektenfressenden Obdachlosen auf, der die ganze Situation beobachtet und am Ende, als Kirsty versucht, die Box zu verbrennen, einschreitet und sich in einen aus Knochen bestehenden Drachen verwandelt.

„We Have Such Sights to Show You”
Die Beschreibung der vier Cenobiten in Barkers Novelle bleibt verhältnismäßig vage, sie werden als verstümmelt, vernarbt und größtenteils geschlechtslos beschrieben, fahlhäutig, mit Asche gepudert und von einem Vanille-Duft begleitet. Die Mischung aus S/M-Ästhetik und katholisch anmutenden Gewändern, derer sich der Film bedient, wird nicht wirklich erwähnt und entstand erst bei der visuellen Konzeption des Films. Der in diesem Jahr erschienene Reboot (der bislang in Deutschland weder stream- noch erwerbbar ist) zeigt diesbezüglich durchaus interessante Alternativen. Das Quartett, mit dem es Frank zu Beginn der Novelle zu tun bekommt, entspricht zumindest ungefähr den späteren Filmgegenstücken: Einer mit entstelltem Mund entwickelte sich im Schaffensprozess zum Chatterer (Nicholas Vince), aus dem Cenobiten mit wulstigen Narben im Gesicht wurde Butterball (Simon Bamford), ein eindeutig weiblicher entwickelte sich zum Female Cenobite (Grace Kirby) und schließlich hätten wir noch den Cenobiten mit Nadeln im Kopf, der sich schließlich zu Pinhead entwickeln sollte. Dieser Cenobit unterscheidet sich vor allem in zwei Eigenschaften von der von Doug Bradley verkörperten Horror-Ikone: Seine Stimme wird als hoch und mädchenhaft beschrieben, in Kontrast zu Bradleys beeindruckendem Bass, und er ist zudem nicht der Wortführer der Cenobiten, sondern derjenige, der am wenigsten sagt. Dass sich Letzteres im Film änderte, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Chatterer und Butterball aufgrund der aufwändigen Masken nicht sprechen konnten, weshalb man ihre Dialogzeilen aus der Novelle Pinhead in den Mund legte.

In der Adaption wie in der Vorlage tauchen die Cenobiten in drei Szenen auf, die Gewichtung unterscheidet sich allerdings ein wenig. Der große Auftritt des Quartetts erfolgt in der Novelle bereits am Anfang, inklusive ausführlicher Dialoge mit Frank. Der Film hingegen zeigt nur vage Eindrücke und kurze Einblendungen. Ihre tatsächliche, große Szene im Film erfolgt erst im Krankenhaus, als Kirsty die Lament Configuration löst – abermals in deutlichem Unterschied zur Novelle. Kirsty gerät im Film zuerst in das Reich der Cenobiten, wo sie von einem bizarren Monster angegriffen wird (hierzu später mehr), erst danach trifft sie auf das Quartett. In der Vorlage hingegen taucht an dieser Stelle nur ein einziger Cenobit auf, das literarische Gegenstück des Female Cenobite. Am Ende erscheinen die Cenobiten noch einmal, um Frank einzusammeln, werden in der Novelle aber vom „Ingenieur“, ihrem Anführer begleitet, dessen Beschreibung sehr vage bleibt. Im Film existiert ebenfalls ein Wesen, das als „Ingenieur“ bezeichnet wird, dabei handelt es sich allerdings um das oben erwähnte, bizarre Monster, das Kirsty durch die Gänge des Labyrinths jagt. Es sei noch zu erwähnen, dass die Cenobiten Kirsty in der Novelle, anders als in der Adaption, nicht angreifen, der Ingenieur gibt ihr lediglich die Lemarchand-Box.

Fazit: Trotz einiger größerer Änderungen ist „Hellraiser“ eine würdige Adaption der Novelle „The Hellbound Heart“. Oftmals kommt es vor, dass ein Autor, der sein eigenes Werk adaptiert, nicht gewillt ist, die nötigen Änderungen für einen funktionierenden Medienwechsel vorzunehmen, auf Clive Barker trifft das allerdings nicht zu, im Gegenteil. Mit „Hellraiser“ schuf Barker nicht nur einen vollauf gelungenen Horrorfilm, sondern, zusammen mit Doug Bradley, auch eine Ikone des Genres.

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Trailer

Siehe auch:
The Scarlet Gospels
Hellbound Hearts
Stück der Woche: Hellbound
Hemators Empfehlungen: Horror-Soundtracks

Art of Adaptation: Der Ring des Nibelungen – RBB-Hörspiel

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Wagners „Der Ring des Nibelungen“ taucht aktuell immer wieder in den Schlagzeilen auf, primär natürlich wegen den gerade stattfindenden Bayreuther Festspielen, sei es wegen der neuen Inszenierung des Opernzyklus durch Regisseur Valentin Schwarz, Belästigungsvorwürfen oder Unfällen, bei denen sich Darsteller schwer verletzen. Mehr oder weniger parallel dazu habe ich eine Entdeckung gemacht, die zwar deutlich weniger dramatisch, dafür aber nicht minder interessant ist. Bereits vor einigen Monaten inszenierte der RBB eine aufwändige Hörspielproduktion des „Rings“ mit hochkarätiger Sprecherriege unter Regie von Regine Ahrem, die zumindest in Ansätzen einen von mir lange gehegten Traum erfüllt: Ich war schon lange der Meinung, es müsse eine vernünftige Film- oder Serienadaption des „Rings der Nibelungen“ geben, in der eine bearbeitete Fassung von Wangers Musik als Score fungiert – die Ringpartituren mit ihrer aufwändigen Leitmotivstruktur sind praktisch schon fast Film-Scores. Besagtes Hörspiel ist zwar kein Film, folgt allerdings eben diesem Konzept – gesungen wird nicht, Wagners Musik ist aber durchaus zu vernehmen, arrangiert und durch eigene Kompositionen angereichert von Felix Raffel.

Nun ist Wagners Opernzyklus ja bekanntermaßen selbst kein originales Werk – der umstrittene Komponist bediente sich nicht nur beim „Nibelungenlied“, quasi dem deutschen Nationalepos, sondern auch bei diversen anderen Versionen der Geschichte. Während das „Nibelungenlied“ eindeutig christlich geprägt ist und den Fokus auf die höfischen Elemente (und die spätere Racheaktion von Kriemhild) legt, konzentriert sich Wagner in weit größerem Maß auf die mythischen Elemente und entnimmt für die ersten drei Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“ und „Siegfried“ viele Komponente aus der Völsunga saga und anderen nordischen Quellen; auf diese Weise versuchte er gewissermaßen, eine ursprüngliche, germanische Version der Sage zu rekonstruieren. Aus Odin wird Wotan, aus Thor Donner, aus Loki Loge etc. „Götterdämmerung“ schließlich ist in etwa inhaltsgleich mit der ersten Hälfte des „Nibelungenliedes“, während die zweite Hälfte, die Kriemhilds Rache an den Burgunden, die für Siegfrieds Tod verantwortlich sind, schildert und nebenbei diverse Gastauftritte bekannter Figuren aus Sage und Geschichte, von Dietrich von Bern bis hin zu Etzel/Attila beinhaltet, von Wagner nicht beachtet wird. Und selbst die Teile, die deckungsgleich sind, sind von größeren Unterschieden geprägt, im „Nibelungenlied“ lässt sich beispielsweise eine Parallelentwicklung beobachten: Zu Beginn ist Bründhilde die kriegerischer Frauenfigur, wird dann aber zunehmend gebändigt und spielt später kaum eine Rolle mehr, während Kriemhild die zentrale Figur der zweiten Hälfte ist und sich praktisch zur Rachegöttin entwickelt. Wagners Kriemhild-Gegenstück Gutrune dagegen bleibt der höfischen Welt verbunden und alles in allem ziemlich unwichtig, während Bründhilde diejenige ist, die am Schluss die Initiative ergreift.

Die Hörspieladaption hält sich sehr eng an Wagners Version der Handlung: Alles beginnt am Rhein, der Nibelungenzwerg Alberich steigt den Rheintöchtern nach, wird von diesen allerdings nur verhöhnt, weshalb er stattdessen der Liebe entsagt und das Rheingold, dessen Geheimnis ihm die Rheintöchter leichtsinnigerweise anvertraut haben, für sich beansprucht. Denn wer aus dem Rheingold einen Ring schmiedet, kann damit die Welt beherrschen. In anderen Sphären har Göttervater Wotan derweil mit eigenen Problemen zu kämpfen. Zwar haben die Riesen Fasolt und Fafner ihm eine herrliche Burg mit dem Namen Walhall erbaut, allerdings fordern sie als Preis Wotans Schwägerin Freia. Darüber ist Ehegattin Fricka nicht amüsiert, zudem sind die Götter auf Freias Äpfel, die ihre ewige Jugend garantieren, angewiesen. Feuergeist Loge weiß allerdings Rat: Wenn man den Riesen das Rheingold anstelle von Freia verspräche, könnte man die Göttin zurückerhalten. Da Alberich das Gold geschickterweise bereits gestohlen hat, würde man es zudem nur einem Dieb abnehmen. Da kann man die ursprünglichen Wärterinnen schon mal ignorieren. Gesagt, getan, Wotan und Loge steigen hinab nach Nibelheim und schaffen es, Alberich, der inzwischen nicht nur einen Ring, sondern auch einen Tarnhelm mit der Hilfe seines Bruders Mime aus dem Gold geschmiedet hat, um Gold, Ring und Tarnhelm zu erleichtern. Alberich verflucht allerdings den Ring, auf dass er Tod und Verderben bringe. Wotan ist zuerst nicht gewillt, Gold und Allmacht aufzugeben, lässt sich aber von Erda, der Urmutter, schließlich überreden, alles den Riesen zu überlassen. Der Fluch auf dem Ring zeigt sofort Wirkung: Fafner tötet Fasolt und verschwindet in die Wälder, um sich in einen Drachen zu verwandeln.

In den anderen drei Opern arbeitet Wotan unermüdlich daran, seine Fehler aus dem „Rheingold“ auszumerzen. Zu diesem Zweck zeugt er mit diversen Göttinnen, darunter auch Erda, die Walküren, die die gefallenen Helden nach Walhall bringen, damit diese Wotan in einem potentiellen finalen Kampf unterstützen. Es sind allerdings sterbliche Helden, die die Misere in letzter Konsequenz in Ordnung bringen müssen. Zu diesem Zweck gründet Wotan das Geschlecht der Wälsungen. Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, Kinder Wotans, verlieben sich auch prompt ineinander und alles könnte so schön sein, bestünde Wotans Ehefrau Fricka, zufällig die Göttin der Gattentreue, nicht darauf, dass die inzestuöse Beziehung gewaltsam beendet wird. Schweren Herzens befiehlt Wotan Brünhilde, in Siegmunds Kampf mit Sieglindes Ehemann Hunding Letzterem zum Sieg zu verhelfen, was diese allerdings ablehnt, ihrem Herzen folgt und für die Liebe eintritt. Also muss Wotan selbst tätig werden, Siegmund stirbt, sein magisches Schwert Notung zerbricht und Brünhilde trägt Sieglinde von dannen. Wotans ursprünglicher Plan geht dennoch auf, denn Sieglinde ist mit Siegfried, dem ultimativen Helden schwanger. Aber Strafe muss sein, weshalb Brünhilde auf einem Felsen in magischen Schlaf versetzt wird. Ein Feuerkreis schützt sie vor Unwürdigen, wer jedoch furchtlos ist, soll sie besitzen.

In „Siegfried“ wird der verwaiste Titelheld (Sieglinde ist bei der Geburt gestorben) von Alberichs Bruder Mime aufgezogen, der hofft, der Junge wäre eines Tages dazu in der Lage, den Drachen Fafner zu töten, denn natürlich ist auch Mime hinter Ring und Goldschatz her. Dazu benötigt er allerdings Notung – da Mime nicht in der Lage ist, das Schwert neu zu schmieden, muss Siegfried selbst Hand anlegen und erweist sich als Naturtalent. Es kommt, wie es kommen muss: Nicht nur gelingt es Siegfried, den Drachen zu töten, er demütigt auch noch Wotan, zerstört dessen Gesetzesspeer und macht sich schließlich daran, die schlafende Brünhilde aufzusuchen. Natürlich durchschreitet er den Flammenring problemlos und Tante und Neffe verlieben sich sofort ineinander.

Im Finale des Zyklus wird Siegfried mit etwas deutlich Schlimmerem konfrontiert als einem Drachen: höfischen Intrigen. Auf der Suche nach neuen Heldentaten lässt er Brünhilde samt Ring der Macht zurück und sucht die Gibichungen auf, die von einem gewissen Gunther regiert werden. Gunthers Halbbruder Hagen ist jedoch Alberichs Protegé und hat eigene Pläne mit Siegfried. Sowohl Gunther als auch seine Schwester Gutrune müssen vielversprechende Ehen eingehen, um die Macht der Gibichungen zu sichern, und wer wäre da besser geeignet als eine ehemalige Walküre und ein Drachentöter? Der Plan ist simpel: Mit einem Zaubertrank sorgt man dafür, dass Siegfried Brünhilde vergisst und sich in Gutrune verliebt. Anschließend gibt sich Siegfried, um Gutrune ehelichen zu können, per Tarnhelm als Gunther aus und bringt Brünhilde gegen ihren Willen an den Hof der Gibichungen. Letztendlich dient dieses ganze Kunststück natürlich dazu, an den Ring zu kommen. Kaum, dass die erste Intrige aufgeht, arbeitet Hagen auch schon an der nächsten: Siegfried muss weg. Durch den Zaubertrank hat er unwissentlich einen Meineid geschworen, und natürlich fühlt auch Brünhilde sich verraten, weshalb sie Hagen mitteilt, dass Siegfried durch ihren Zauber zwar unverwundbar ist, sie den Rücken allerdings ausgespart hat, sodass Hagen ihn wegen Verrats töten kann. Auch dieser Plan geht auf, Brünhilde beschließt nun aber, endlich das Richtige zu tun und den Ring an die Rheintöchter zurückzugeben, damit der Fluch gebrochen wird.

Die Vorlagentreue ist einerseits die größte, Stärke, aber auch die größte Schwäche der Hörspielproduktion. An der einen oder anderen Stelle wird der „Ring“ hier zweifellos etwas moderner ausgelegt, gerade zu Beginn wird etwa das menschliche (bzw. göttliche) Eingreifen in die Natur und Wotans Vertragsversessenheit noch einmal negativer hervorgehoben und Regisseurin Regine Ahrem legt nach eigener Aussage den Fokus noch einmal stärker auf die Frauenfiguren. Ansonsten werden aber nur wenige Anpassungen vorgenommen, Hagen scheint hier beispielsweise nicht mehr Alberichs leiblicher Sohn zu sein. Somit ist das Hörspiel eine wirklich gute Gelegenheit, die Wagner’sche Version dieses Stoffes – und zusätzlich zumindest in Ansätzen auch seine Musik – kennenzulernen. Zudem leisten die Sprecher wirklich gute Arbeit – der Cast um Martina Gedeck, Bernhard Schütz, Bibiana Beglau, Dimitrij Schaad und Lars Rudolphleihen kann sich wirklich sehen bzw. hören lassen.

Die Vorlagentreue wird primär dann zum Problem, wenn sie auf die Opern- bzw. Theaterherkunft nur allzu deutlich hinweist: Entnimmt man die Geschichte des „Rings“ ihrem Opernkontext, verliert sie automatisch einen Teil ihrer epochalen Natur. Zum einen liegt das an den fehlenden Gesangseinlagen, die relativ banale Handlungselemente oder Gespräche natürlich sofort dramatisieren. Diesbezüglich fallen auch die Dialoge mitunter etwas uneben aus, manchmal bemüht man sich um modernere Diktion, manchmal wird Wagners Libretto aber auch recht direkt zitiert. Wie dem auch sei, mitunter wird die Theaterherkunft des „Rings“ in dieser Bearbeitung unangenehm deutlich, und das auf eine Art und Weise, die gerade bei einem Hörspiel nicht hätte sein müssen, da es eben nicht an die Beschränkungen der Bühne gebunden ist. Zudem treten hier einige Schwächen der Vorlage noch deutlicher zutage. Das betrifft besonders die „Götterdämmerung“. Egal ob bei Wagner oder im Hörspiel, der Umstand, dass sich das Finale der Tetralogie ausschließlich auf die menschlichen bzw. halbmenschlichen oder menschgewordenen Figuren konzentriert und die Götter fast völlig außenvorlässt, sorgt dafür, dass der Titel wie ein gebrochenes Versprechen klingt. Die ursprünglichen Kontrahenten Alberich und Wotan tauchen kaum bzw. gar nicht mehr auf und über den Untergang der Götter wird man lediglich durch Dialoge informiert. Die Comicserie „Götterdämmerung“ hat hier einen relativ gelungenen Weg gefunden – auch sie orientiert sich an Wagner, erlaubt aber zusätzliche Handlungsstränge und zeigt auch tatsächlich den Untergang der Götter Walhalls.

Die Musikauswahl ist im Großen und Ganzen gelungen. Es ist natürlich schwierig, Wagners komplexe Leitmotivstruktur aus 16 Stunden Opernzyklus für ein deutlich kürzeres Hörspiel zu adaptieren, dennoch hätte es meinem Empfinden nach etwas mehr sein dürfen. Gerade die größtenteils atmosphärischen Passagen, die Felix Raffel selbst komponiert hat, wirken äußerst uninteressant und austauschbar – vielleicht wäre es besser gewesen, sich dort stärker Wagners Motivsprache zu bedienen und die Themen nach Bedarf selbst weiterzuentwickeln. Das ist jedenfalls, was ich mir von dem oben beschriebenen, hypothetischen Film wünschen würde. Dennoch, die Highlights, vom Einzug der Götter in Walhall über den Ritt der Walküren bis hin zu Siegfrieds Thema finden sich in das Hörspiel eingearbeitet, allerdings habe ich die Variation aus Siegfrieds Trauermarsch vermisst.

Ursprünglich wurde das Hörspiel als 16-teilige Podcast-Serie veröffentlicht, da die Jugend mit Podcasts anscheinend leichter anzulocken ist als mit klassischen Hörspielen. In dieser Form kann die Ring-Adaption direkt auf Seite des RBB gehört werden. Inzwischen gibt es allerdings auch Albenveröffentlichungen, die sich auf den gängigen Plattformen (Amazon, Audible etc.) erwerben lassen. Dass es ursprünglich ein auf mehrere Teile angelegtes Projekt war, merkt man allerdings immer noch, da Erda, die als Erzählerin fungiert, immer wieder das kurz zuvor gehört zusammenfasst.

Fazit: Aufwändiges Hörspiel, das einen durchaus gelungenen Einstieg in das Werk Wagners bietet, da es sich sehr eng an die Vorlage hält. Für Kenner der Materie dagegen dürfte das Hörspiel zu wenig Musik und zu wenig Eigeninitiative besitzen. Unterhaltsam ist es trotzdem.

Siehe auch:
Hörspiel beim RBB
Wagner: Der Ring ohne Worte
Götterdämmerung

Art of Adaptation: Dracula in der Gruselserie

In meinem ursprünglichen Artikel zum Thema Dracula-Hörspiele habe ich mich auf drei sehr werkgetreue Adaptionen konzentriert, heute werfen wir stattdessen einen Blick auf etwas freiere Umsetzungen von Stokers Graf, die sich in H. G. Francis „Gruselserie“ finden. Bei H. G. Francis handelt es sich um einen profilierten, 2011 verstorbenen Roman- und Hörspielautor, der eigentlich Hans Gerhard Franciskowsky hieß und u.a. für seine Mitarbeit an der Perry-Rhodan-Serie bekannt war. Bereits in den 70ern war er für die Produktion einiger Gruselhörspiele verantwortlich, die er zwischen 1981 und 1982 im Rahmen der Reihe „Gruselserie“ neu auflegte und um weitere Hörspiele anreicherte. Viele dieser Hörspiele bedienen sich bekannter Figuren oder Motive aus klassischen Horrorfilmen oder -romanen, wobei das Ganze zumeist eher simpel und mit Pulp-Anleihen aufgezogen ist. Nicht wenige der Folgen erinnern bezüglich ihrer Konzeption oder ihres Handlungsaufbaus an Universal- oder Hammer-Filme. Dracula darf da natürlich nicht fehlen und taucht direkt oder indirekt in einigen Episoden der Serie auf – natürlich nur selten vorlagengetreu. Trotz eines gewissem Mangels an erzählerischem Anspruch und einigen, sagen wir, Defiziten in Sachen Dialoge kann sich die Sprecherriege dieser Serie durchaus sehen lassen, man konnte eine ganze Reihe profilierter Hörspielstimmen gewinnen, darunter Hans Paetsch, Reinhilt Schneider, Andreas von der Meden, Horst Frank, Marianne Kehlau oder Wolfgang Völz, um nur ein paar wenige zu nennen.

Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten
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Bereits in der zweiten Folge der Serie darf der Graf seinen ersten Auftritt absolvieren. Der Titel deutet es bereits an, es handelt sich hierbei um ein Crossover, in dem sich zwei Horror-Legenden treffen. Protagonisten dieses Hörspiel ist ein Pärchen, bestehend aus dem Reporter Tom Fawley (Horst Frank) und seiner Verlobten Eireen Fox (Brigitte Kollecker), die in einem Hotel in Transsylvanien (wo auch sonst?) auf merkwürdige Vorkommnisse stoßen: Ein Mann fällt aus dem Fenster, bald darauf verschwindet seine Leiche und nur ein Haufen Staub bleibt zurück. Etwas beunruhigt brechen die beiden zum nahegelegenen Schloss auf, wo sie ein gewisser Dr. Stein (Hans Paetsch) erwartet, der seine Forschungen mit der Weltpresse teilen möchte. Dort begegnen sie allerdings zuerst dem ominösen Graf Cula (Gottfried Kramer). Dr. Stein enthüllt schließlich, dass er und seine Partnerin Dr. Finistra (Jo Wegener) an der Erschaffung eines künstlichen Menschen arbeiten. Dementsprechend hält sich der Schock auch in Grenzen, als enthüllt wird, dass es sich beim Doktor und beim Grafen um Frankenstein und Dracula handelt. Die Geschichte ist recht merkwürdig aufgezogen und will nie so recht zusammenkommen, entsprechend wenig verbindet den hier auftauchenden Vampir und den verrückten Wissenschaftler mit den tatsächlichen Romanfiguren von Bram Stoker und Mary Shelley – es handelt sich eher um Verkörperungen der allgemeinen Konzeption dieser beiden Figuren, ohne dass sie, trotz der sehr guten Sprecher, allzu spezifisch anmuten. Allerdings gibt es ein wirklich interessantes kleines Detail in diesem Hörspiel: Der Name meines Blogs stammt zumindest partiell daraus. Der Name meiner „Vampiridentität“, die ich mir irgendwann zwischen Kindheit und Teenagerzeit bastelte, tauchte in einigen Hörspielen auf, die ich als Heranwachsender konsumierte, dazu gehört neben diesem hier auch eine John-Sinclair-Episode sowie die Drei-???-Folge „Vampir im Internet“. In „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ ist Hemator ein Bote der Hölle, der Dracula als Herrscher der Vampire ablösen soll – unglücklicherweise handelt es sich bei ihm um die Figur, die zu Anfang aus dem Fenster stürzt und anschließend als Ersatzteillager für Frankensteins Monster dienen muss. Konzeptionell ist das alles durchaus interessant, nur macht das Hörspiel leider nicht allzu viel mit dieser Idee. Tom Fawley und Eireen Fox tauchen im Verlauf der Serie noch in zwei weiteren Folgen auf und werden dabei auch weiterhin von Horst Frank und Brigitte Kollecker gesprochen. Die siebte Folge der Gruselserie, „Das Duell mit dem Vampir“, passt sogar thematisch ganz gut zu „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“, da die beiden es auch hier nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei legendären Monstern zu tun bekommen. Zusätzlich zu Vampiren (dieses Mal allerdings mit weit weniger bekannten Namen) müssen die beiden sich hier in Spanien mit einem Werwolf herumschlagen. Beide Folgen erinnern konzeptionell recht stark an einige der späteren Universal-Crossoverfilme.
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Dracula, König der Vampire
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Bereits in der dritten Folge kehrt der Graf zurück, eine inhaltliche Verbindung zu „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ gibt es allerdings nicht – wohl aber zu Stokers Roman. Tatsächlich handelt es sich bei „Dracula, König der Vampire“ um eine partielle Adaption der Transsylvanien-Episode zu Anfang des Romans, mit einem großen Unterschied: Anstatt alleine zu Dracula (Charles Regnier) zu reisen, wird Jonathan Harker (Günther Ungeheur) von Mina (Reinhilt Schneider) begleitet. Die meisten Ereignisse dieses Abschnitts von Stokers Roman spielen sich dennoch so ab, wie man es gewohnt ist: Als es Jonathan nicht gelingt, Dracula in seinem Rasierspiegel zu sehen, ist Mina gerade auf ihrem Zimmer und während Jonathan von Draculas Bräuten (Ingrid Dreier, Elise Gruber, Dörthe Kiesling) attackiert wird, versteckt sie sich im Schrank. Einige spätere Elemente des Romans werden ebenfalls aufgegriffen: Wie bei Stoker wird Mina auch hier ein Opfer des Grafen. Da Abraham Van Helsing in diesem Hörspiel genauso wenig auftaucht wie Jack Seward, Quincey Morris oder Arthur Holmwood, ist es Jonathan selbst, der Mina mit einem Kreuz statt mit einer Hostie kennzeichnet. Zudem gelingt es Jonathan auch, mit dem Grafen und seinen drei Gefährtinnen verhältnismäßig einfach im Alleingang fertig zu werden. Die technische Umsetzung ist durchaus nicht übel, angesichts der vielen Hörspielfassungen, besonders der drei, die ich im entsprechenden Artikel vorgestellt habe, ist diese Kurzfassung der berühmten Geschichte aber relativ unnötig, besonders, da ich Charles Regnier als Graf nicht unbedingt passend besetzt finde. Bereits als Kind gefiel mir das Hörspiel des WDR deutlich besser als dieses hier, und daran hat sich nichts geändert.
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Gräfin Dracula, Tochter des Bösen
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Der Titel der achten Folge erinnert automatisch an das erste Universal-Sequel zu „Dracula“, „Dracula’s Daughter“, rein inhaltlich finden sich allerdings nicht allzu viele Parallelen. Statt Transsylvanien ist dieses Mal Spanien Ort der Handlung. Die vier Reisenden Amalia (Katharina Brauren), Angelo (Horst Stark), Pedro (Ernst von Klipstein) und Maria (Gabriele Libbach) verschlägt es aufgrund eines durch ein Unwetter verursachten Kutschenunfalls zu einem alten Anwesen, wo sie einer Person begrüßt werden, die sich als Gräfin Dracula (Marianne Kehlau) vorstellt. Später wird sie zudem als Draculas Tochter identifiziert. Darüber hinaus finden sich allerdings nicht allzu viele Verweise auf Stokers Roman. Wie schon in „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ wird hier weniger mit spezifischem Material gearbeitet, sondern mit der abstrahierten Assoziation – der Name fungiert als Marker für das „Vampirböse“. Als solches tritt Gräfin Dracula hier auch auf, ganz im Unterschied zur von Gloria Holden gespielten Marya Zaleska im Universal-Film, die eine deutlich interessantere und differenziertere Figur war. Recht gelungen finde ich allerdings den Sprachduktus bei ihrem ersten Auftritt, dieser erinnert tatsächlich an Stokers Worte aus „Dracula“. Zudem werden sie von Marianne Kehlau sehr gelungen herübergebracht.
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Draculas Insel, Kerker des Grauens
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Geographie ist nicht unbedingt meine Stärke, aber soweit ich weiß hat zwar Rumänien einen Zugang zum Schwarzen Meer, die Region Transsylvanien aber definitiv nicht. Wie dem auch sei, in Folge 10 der Gruselserie darf der Graf wieder selbst auftreten und dieses Mal besitzt er sogar eine eigene Insel „vor der Küste Transsylvaniens“. Abermals verschlägt es eine Gruppe Reisender (dieses Mal per Schiff und nicht Kutsche), bestehend aus Peter Griest (Gernot Endemann), Hammand (Gottfried Kramer), Doran (Wolf Rahtjen), Elenor (Heidi Schaffrath) und Professor Dark (Friedrich Schütter), seines Zeichens Vampirforscher, zur Draculas Unterschlupf, wo sie sich mit dem Blutdurst des Grafen und seiner Schergen herumärgern müssen. In gewisser Hinsicht kulminieren in dieser Episode inhaltlich alle bisherigen Dracula-Folgen: Der Handlungsentwurf erinnert an „Gräfin Dracula, Tochter des Bösen“, Charles Regnier ist hier, wie in „Dracula, König der Vampire“, abermals als Graf zu hören und wie in „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ ist abermals ein künstlicher Mensch an der ganzen Angelegenheit beteiligt – dieser trägt den Namen Hummunk (Hannes Messemer). Dementsprechend ausgelutscht kommt die Handlung dann aber auch daher, ähnlich wie in den späteren Hammer-Filmen wirkt die ganze Angelegenheit wie ein stupides Abarbeiten der Tropen: Schon wieder wird Dracula mit improvisierten Kreuzen ziemlich schnell in seine Schranken gewiesen.
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Dracula – Tod im All
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2019 wurde die Gruselserie von Sony bzw. dem Label Europa wiederbelebt, Drei-???-Veteran André Minninger ist dieses Mal für die Skripte verantwortlich. In der fünften Folge darf Dracula innerhalb dieser Revival-Serie seinen Einstand feiern. Die Handlung erinnert sehr stark an Ridley Scotts „Alien“: Die Crew eines Raumschiffs, bestehend aus Valentina Alexandrowna (Gertie Honeck), Stella Dupont (Merete Brettschneider), Björn Hellström (Romanus Fuhrmann), Tarik Thomalla (Peter G. Dirmeier), Diana Labahn (Anna Carlsson) und Walther Beenstock (Jürgen Uter), erhält einen merkwürdigen Notruf und findet im All einen noch merkwürdigeren Sarg, den sie unglücklicherweise an Bord bringt. Dem Sarg entsteigt Dracula (Udo Schenk) persönlich, der nun in bester Xenomorph-Manie die Crew dezimiert und die Mitglieder nach und nach in Vampire verwandelt oder tötet. Das Revival der Gruselserie ist etwas moderner, deshalb aber kaum weniger pulpig inszeniert. Abermals weiß vor allem die Sprecherriege zu überzeugen – aus den bereits genannten sticht natürlich primär Udo Schenk, bekannt als Stammsprecher von Gary Oldman und Ralph Fiennes, als Graf hervor, der sichtlich Spaß daran hat, Draculas Bösartigkeit genüsslich auszuwalzen. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch Christian Brückner, die deutsche Stimme von Robert De Niro, als Erzähler. Die Verknüpfungen zu Stokers Roman sind abermals eher dünn, aber immerhin wird erwähnt, dass die Vampirjäger-Dynastie Van Helsing in letzter Konsequenz dafür verantwortlich ist, dass Draculas Sarg ins All geschossen wurde. Gerade aufgrund von Udo Schenks herrlicher überdrehter, vor Bösartigkeit triefender stimmlicher Performance als Vampirfürst ist „Dracula – Tod im All“ wahrscheinlich das unterhaltsamste der hier besprochenen Hörspiele.
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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Lovecrafts Vermächtnis: Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens

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Da Lovecrafts Geschichten rechtefrei sind, bietet es sich durchaus an, sie als Vorlage für alle möglichen Dinge zu verwenden. Gerade im Hörspielbereich sind seine Erzählungen allerdings nicht unbedingt leicht umzusetzen, da sie oftmals sehr berichthaft und wenig szenisch und dialoglastig daherkommen. In der Serie „Gruselkabinett“ des Labels Titania Medien wurde eine ganze Reihe von HPL-Geschichten umgesetzt, mal mehr, mal weniger vorlagengetreu, gewisse Anpassungen mussten allerdings immer vorgenommen werden. „The Colour out of Space“ beispielsweise ist wirklich nah an der Geschichte, wurde aber um eine zusätzliche Figur erweitert, einfach nur, damit ein Großteil der Exposition im Dialog und nicht von einem Erzähler vermittelt werden kann. Die von Markus Winter ersonnene und von seinem Label WinterZeit 2020 gestartete Hörspielserie „Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens“ wählt dagegen einen ganz anderen Ansatz. Am ehesten lässt sich diese, bislang fünf Episoden umfassende Serie mit der Hörspielreihe „Edgar Allan Poe“ vergleichen, die ich, zumindest in Ansätzen, in meinem Artikel zu Poes „The Masque of the Red Death“ besprach. In beiden Fällen werden nicht einfach nur Geschichten des jeweiligen Autors adaptiert, sie werden zudem durch eine umfassende Metanarrative miteinander verknüpfte. Wo in „Edgar Allan Poe“ der an Amnesie leidende Protagonist dieses Namens pro Folge eine klassische Poe-Geschichte träumt und in der verbleibenden Zeit nach der Bedeutung dieser Träume sucht, werden in „Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens“ gleich eine ganze Reihe an Handlungssträngen über mehrere Zeitebenen hinweg aufgebaut, die es vor allem zu Beginn schwer machen, den Überblick zu behalten.

Im Kern jeder Folge steht eine Lovecraft-Geschichte, deren Namen auch als Titel der jeweiligen Episode verwendet wird, der Reihenfolge nach sind das „Dagon“, „The Tomb“ (beide 1917), „The Nameless City“, „The Music of Erich Zann“ (beide 1921) und „The Call of Cthulhu“ (1926) – diese fünfte Folge gehört allerdings bereits zur zweiten Staffel und wird im Rahmen dieses Artikels ausgeklammert. Als Protagonist der Geschichten fungiert Randolph Carter, eine Figur Lovecrafts, die wie so viele andere auch Züge des Autors aufweist und primär dadurch auffällt, dass er zwar in einigen Erzählungen Lovecrafts auftaucht, primär natürlich in „The Statement of Randolph Carter“ (1919), definitiv aber nicht in den fünf oben genannten. Carters Geschichte beginnt mit der Handlung von „Dagon“, 1917 wird er aus dem Meer gerettet und erzählt schauerliche Geschichten, um anschließend die Ereignisse der anderen Geschichten zu durchleben. Zusätzlich fungiert ein älterer Carter als Erzähler, zudem gibt es weitere Handlungsstränge im Providence der 50er und auf einer Fantasy-Convention im Jahr 2019. Vor allem dieser letzte Handlungsstrang sorgt für zusätzliche Metaelemente, da hier ein Manuskript von Lovecraft von einem Stand gestohlen wird, sodass der Schriftsteller aus Providence und sein Werk als Teil der Erzählten Welt etabliert werden.

Obwohl die vier Storys, die als Teil der ersten Staffel umgesetzt wurden, bestenfalls marginal mit dem „Cthulhu-Mythos“ zusammenhängen, ist dieser freilich ein wichtiger Aspekt, kristallisiert sich doch Nyarlathotep langsam als übergreifender Widersacher heraus. Mit dessen Darstellung habe ich hier allerdings ähnliche Probleme wie in Donald Tysons „Alhazred – Author of the Necronomicon“ – sie wirkt zu banal, zu sehr „typischer Schurke“. Zugegeben ist ein überzeugender Nyarlathotep aber auch schwer hinzubekommen.

Wer sich „nur“ eine Hörspiel-Adaption der Lovecraft-Geschichten wünscht, wird mit dieser Serie wohl nicht allzu glücklich werden, denn angesichts der Zeitsprünge und zusätzlichen Handlungsstränge verlagert sich der Fokus nur allzu oft weg von den eigentlichen Erzählungen und hin zu den übergreifenden Metaelementen. Zudem ist die Erzählweise äußerst modern und arbeitet mit vielen schnellen Szenenwechseln, wobei sich das mit Voranschreiten der Serie durchaus etwas entspannt. „Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens“ ist ein äußerst ambitioniertes Projekt, dem es in der ersten Staffel aber noch nicht gelingt, wirklich das zu erreichen, was es erreichen möchte. Neben „Edgar Allan Poe“ erinnert die Konzeption durchaus auch an Alan Moores „Providence“, ist aber von der literarischen Qualität dieser Comicserie doch recht weit entfernt.

Die Sprecherriege, die Mark Winter hier versammelt hat, ist durchaus beeindruckend, Randolph Carter wird beispielsweise von Tommy Morgenstern (deutsche Stimme von Chris Hemsworth) gesprochen, die ältere Version der Figur, die als Erzähler fungiert, von Wolfgang Pampel (deutsche Stimme von Harrison Ford). Auch in den Nebenrollen weiß der Cast mit Sprechern wie Jürgen Thormann, Detlef Bierstedt, Greta Galisch de Palma oder Engelbert von Nordhausen zu überzeugen. Auch Produktion, Musik und das sonstige Drumherum müssen den Vergleich mit dem „Gruselkabinett“ durchaus nicht fürchten.

Fazit: „Howard Phillips Lovecraft – Chroniken des Grauens“ ist eine äußerst ambitionierte Hörspielserie mit herausragenden Sprechern, die sich gerade für den Anfang aber zu viel vorgenommen hat und zu viel auf einmal möchte. Angesichts der vielen Handlungsstränge und Metaelemente bleiben sowohl der übergreifende Plot als auch die eigentlichen Lovecraft-Storys mitunter auf der Strecke.

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Siehe auch:
Lovecraft im Gruselkabinett
Lovecrafts Vermächtnis: Providence
Lovecrafts Vermächtnis: Alhazred – Author of the Necronomicon
The Masque of the Red Death

Story der Woche: Ein Porträt Torquemadas

Spoiler!
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Mein erster Berührungspunkt mit H. P. Lovecraft und seinem Vermächtnis war das Hörbuch „Der Cthulhu Mythos“, das nicht nur Geschichten von Lovecraft und einigen seiner Zeitgenossen und Nachahmern enthält, sondern auch über den Schriftsteller aus Providence selbst und einige der sonstigen Hintergründe informiert. Die letzte Kurzgeschichte des Hörbuchs trägt den Titel „Ein Porträt Torquemadas“ und stammt von Christian von Aster, der mit ihr einen Cthulhu-Kurzgeschichtenwettbewerb gewann. Da sich bei ihr nach wie vor um eine meiner Lieblings-Cthulhu-Geschichten handelt, habe ich sie zur „Story der Woche“ gekürt.

Leider ist es nicht ganz leicht, an „Ein Porträt Torquemadas“ in gedruckter Form heranzukommen. Veröffentlicht wurde die Geschichte ursprünglich in dem Festa-Sammelband „Der Cthulhu-Mythos 1976-2002“, der inzwischen allerdings vergriffen ist. Das oben erwähnte Hörbuch, das die Geschichte enthält, noch dazu gelesen von Joachim Kerzel, ist hingegen problemlos über Amazon oder Audible zugänglich und darüber hinaus äußerst empfehlenswert.

Stilistisch gelingt Christian von Aster ein guter Kompromiss zwischen Lovecraft’schen Elementen (ohne nur nachzuahmen) und einem etwas moderneren Stil, der nicht so behäbig und umständlich daherkommt wie der Stil des Altmeisters, sodass „Ein Porträt Torquemadas“ deutlich angenehmer und flüssiger lesbar ist. Inhaltlich knüpft er indirekt an „The Call of Cthulhu“ an – der Cthulhu-Kult steht auch hier im Mittelpunkt, der Schwerpunkt ist allerdings ein anderer. Wie in „The Call of Cthulhu“ gibt es eine Binnenhandlung in Form eines Tagebuchs. Protagonist ist der katholische Arzt Cajetanus, dem auf Anweisung des Vatikans immer wieder Operationen missliebiger Individuen „misslingen“. Eines dieser Individuen ist der Kunsthistoriker Felix Ney, bei dem ein Hirntumor festgestellt wird, nachdem er in der Müncher Pinakothek versucht, ein Gemälde (das titelgebende) mit Säure zu zerstören. Nach der Operation, die Neys Leben kostet, liest Cajetanus in dessen Tagebuch über einen besonderen Auftrag nach. Ney soll ein Porträt des spanischen Großinquisitors Tomás de Torquemada, gemalt von dem Italiener Giuseppe del Candini, restaurieren. Dabei macht er eine kuriose Entdeckung: Im Bücherregal hinter dem Großinquisitor befindet sich ein Buch, Ciceros „De Natura Deorum“, das übermalt wurde. Ney kratzt die obere Schicht ab und findet darunter ein unbeschriftetes Buch mit auffälligem Umschlag. Also wendet er sich an Experten, die das Buch auf dem Bild anhand des Rückens als eine Ausgabe des Necronomicon identifizieren. Mehr oder weniger unfreiwillig begibt sich Felix Ney so auf eine Schnitzeljagd, bei welcher er weitere Hinweise in den Bildern del Candinis auf Cthulhu und dessen Kult findet. Nach und nach stößt Ney – und mit ihm Cajetanus – auf die schreckliche Wahrheit: Die katholische Kirche wurde nicht nur vom Kult des Cthulhu unterwandert, sie hat mit ihm im 15. Jahrhundert einen Pakt geschlossen, der beiden Parteien viele Vorteile bringt. Somit ist auch Cajetanus selbst ein unwissentlicher Agent des tentakelgesichtigen Großen Alten und hat nicht im Auftrag seines Gottes, sondern Cthulhus das Leben vieler Menschen beendet.

Atmosphärisch erinnert „Ein Porträt Torquemadas“ an Roman Polanskis Film „The Ninth Gate“ bzw. den Roman „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte, auf dem dieser basiert – beide beinhalten eine Schnitzeljagd, in deren Zentrum ein verbotenes Buch steht, auch wenn es im Fall der Kurzgeschichte lediglich die Abbildung eines Buches ist. In bester Lovecraft’scher Manier mischt Christian von Aster hier Fakt mit Fiktion: Tomás de Torquemada ist natürlich eine tatsächliche historische Figur, die auch ohne Verbindung zum Kult des Cthulhu genügend Gräueltaten begangen hat. Das titelgebende Porträt und sein Maler Giuseppe del Candini sind fiktiv, von Aster ordnet sie aber kontextuell ein und macht del Candini zu einem Schüler des real existierenden Fra Fillipo Lippi und damit zu einem Zeitgenossen Botticellis. Die Idee, den Kult des Cthulhu mit der katholischen Kirche zu verknüpfen, ist ebenso faszinierend wie naheliegend. Nicht erst seit Dan Browns Romanen (wobei „Ein Porträt Torquemadas“ sogar ein Jahr vor „Angels and Demons“, hierzulande besser bekannt als „Illuminati“, erschien) bietet sich die Kirche für allerhand finstere Verschwörungen ideal an. Man fragt sich fast, weshalb Lovecraft selbst, der für Christentum und Katholizismus nie viel übrig hatte, nicht selbst auf die Idee kam. Der Twist, dass die katholische Kirche vom Cthulhu-Kult unterwandert und kontrolliert wird, ist aus diesem Grund nicht allzu schwer zu erraten. Dennoch gelingt es von Aster, sowohl Spannung aufzubauen, man möchte dann doch wissen, wie sich alles abspielt, als auch die durch die Mischung aus Fakt und Fiktion das Interesse aufrecht zu erhalten. Tatsächlich denke ich, dass der Plot der Geschichte auch durchaus für einen ganzen Roman gereicht hätte. Andererseits funktioniert „Ein Porträt Torquemadas“ als Kurzgeschichte wunderbar und verliert sich nicht in übermäßigen Details, sondern erreicht das Ziel klar und schnörkellos.

Fazit: Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“ ist nach wie vor eine meiner liebsten Cthulhu-Geschichten und eignet sich auch wunderbar als Einstieg in die Thematik, da sie deutlich angenehmer zu lesen ist als viele Storys des Altmeisters.

Bildquelle

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
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Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
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Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
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In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Heaven and Hell: A History of the Afterlife

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Ich stieß auf Bart D. Ehrman, einen Bibelforscher mit Spezialisierung auf das Neue Testament, eher durch Zufall; auf Youtube fand ich einige Vorträge und Debatten, die ich äußerst ansprechend fand. Gerade für biblische Literalisten bzw. evangelikale Christen, die nach wie vor glauben, die Bibel sei das unfehlbare Wort Gottes, scheint Ehrman, der selbst einen evangelikalen Hintergrund hat, aber „vom Glauben abfiel“, ein rotes Tuch zu sein. Viele Dinge, die für amerikanische Literalisten schockierend sind, werden in Europa generell anders wahrgenommen; Ehrman selbst betont in seinen Vorträgen auch immer wieder, dass er im Grunde unter Historikern die „Mainstream-Meinung“ bezüglich der Historizität des Neuen Testaments vertritt. Sucht man nach einer tatsächlichen „Extremmeinung“ sollte man sich lieber jemandem wie Richard Carrier zuwenden, der die Existenz Jesu insgesamt bezweifelt und ihn als reinen Mythos ansieht. Ehrman dagegen vertritt zwar eine sehr kritische, aber noch verhältnismäßig gemäßigte Position. Wie dem auch sei, ich fand seine Vorträge in jedem Fall äußerst ansprechend und beschloss, mich seinen Büchern zuzuwenden. Nur zwei davon, „Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why“ (deutscher Titel: „Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist“) sowie „Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (And Why We Don’t Know About Them)“ (deutscher Titel: „Jesus im Zerrspiegel: Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt“) sind auf Deutsch verfügbar, und das auch nur antiquarisch und zum Teil zu recht hohen Preisen. Wer allerdings mit der englischen Sprache keine Probleme hat, findet auch das eine oder andere Hörbuch auf Audible. Ich habe mich für „Heaven and Hell: A History of the Afterlife”, gelesen von John Bedford Lloyd, entschieden. Gleich zu Beginn ein paar Worte zur Lesung: John Bedford Llloyd ist als Interpret völlig in Ordnung, aber auch nicht mehr. Er liest deutlich, gut verständlich und für ein Sachbuch vollkommen akzeptabel, aber er ist, anders als beispielsweise Stephen Fry oder (um noch einen deutschen Interpreten einzubringen) Joachim Kerzel, kein Hörbuchsprecher, den ich zu meinen Favoriten zählen würde. Das Vorwort liest Bart Ehrman selbst.

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, erst einmal ein paar Worte zur Grundkonzeption, denn der Titel könnte etwas irreführend sein: Ehrman konzentriert sich spezifisch auf die jüdischen und christlichen Vorstellungen des Jenseits, der Fokus liegt eindeutig auf dem Alten und Neuen Testament (inklusive diverser apokrypher Texte) sowie den Ansichten der frühen christlichen Kirchen. Das Gilgamesch-Epos sowie diverse Werke der griechischen und römischen Mythologie und Philosophie, etwa die „Odysee“, die „Aeneis“ und die Schriften Platons, werden ebenfalls besprochen, aber im Grunde nur insofern sie die jüdisch-christlichen Vorstellungen beeinflusst haben. Wer sich dagegen für die ägyptischen, nordischen oder fernöstlichen Jenseitsvorstellungen interessiert, wird in diesem Werk nicht fündig. Selbst später entstandene Traditionen, etwa der katholische Glaube ans Fegefeuer, wird eher beiläufig gegen Ende des Buches behandelt.

Ehrman beginnt mit einigen persönlichen Anekdoten zu seinem früheren Jenseitsglauben und auch seinem Verlust desselben, bevor er den modernen Standard darlegt, um anschließend in die Antike abzutauchen; wie bereits erwähnt bespricht er, in der gebotenen Knappheit, die Jenseitsvorstellungen des Gilgamesch-Epos und der griechisch-römischen Antike, aus der viele unserer heute gängigen Vorstellungen tatsächlich stammen. Bereits hier zeigt er eine Entwicklung auf, von der Odyssee, in der nur einige wenige Individuen nach ihrem Tod belohnt oder bestraft werden, während die meisten zu einer Existenz des ewigen Dahinvegetierens verdammt sind. Bereits in Vergils Aeneis wird die Belohnung und Bestrafung stärker in den Vordergrund gerückt. Relativ viel Raum nimmt auch die Abhandlung diverser philosophischer Positionen bzgl. Körper, Seele und deren Wechselwirkung ein – wie üblich spielt vor allem Platon eine große Rolle.

Anschließend wendet sich Ehrman dem alttestamentarischen Jenseitsglauben zu – oder besser: dem Mangel daran. Denn tatsächlich spielt das Jenseits vor allem in den frühen Büchern des Alten Testaments kaum eine Rolle. Das Jenseits der alten Hebräer wird „Sheol“ genannt; dieser Ort, zu dem die Seelen nach dem Tod gehen, wird dabei primär durch das Getrenntsein von Gott definiert – wobei nicht völlig klar ist, ob damit tatsächlich eine Hades-artige Unterwelt oder doch nur der Ort, an dem die Toten begraben sind, gemeint ist. Über weite Strecken spielt der Jenseitsglaube im Alten Testament jedenfalls keine Rolle, der Fokus liegt auf Wohl und Weh des Volkes Israel. Nur selten tauchen handfeste „Nachtoderfahrungen“ auf, etwa wenn die Hexe von Endor im Ersten Buch Samuel besagten Propheten auf Sauls Bitten hin aus dem Jenseits ruft. Ehrman arbeitet nachvollziehbar heraus, dass die Idee einer „Auferstehung“ zuerst dem Volk und Staat Israel gilt, das immer wieder besiegt und besetzt wurde. Erst nach und nach, praktisch nur wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt, wandelte sich die Idee der Auferstehung Israels zu einer persönlichen Auferstehung des Individuums. In seine Darstellung bezieht Ehrman auch die in dieser Zeit aufkommende apokalyptische Literatur des Judentums ein, etwa das Buch Daniel oder die nicht zum Kanon des Alten Testaments gehörenden Henoch-Bücher. Bereits vor der Entstehung des Christentums zeichnen sich erste Einflüsse griechischer Kultur ab, da Israel durch die Eroberung Alexanders des Großen Teil der hellenistischen Welt wurde.

Im Kontext jüdischer Apokalyptik kommt Ehrman dann auch zu Jesus selbst, den er als Teil dieser Strömung identifiziert. Hier macht er sehr deutlich, dass der historische Jesus wohl kaum an Himmel und Hölle glaubte (zumindest, soweit sich das überhaupt feststellen lässt), sondern an eine tatsächliche, physische Auferstehung für die Rechtschaffenen und schlichten Tod ohne ewige Qualen für alle anderen. Im wahrscheinlich umfangreichsten Teil des Buches beschreibt Ehrman detailliert den Jenseitsglauben des frühen Christentums, wobei er alle vier Evangelien und deren jeweilige theologische Positionen ausführlich darlegt. Die drei synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich (nicht zuletzt, weil die letzten beiden sich stark auf Markus berufen), während Johannes eine deutlich andere Position vertritt. Auch die Position der Paulus-Briefe, der echten wie der gefälschten, und die Frage nach der körperlichen Auferstehung, wie Paulus sie verstand, erörtert Ehrman sehr ausführlich – vielleicht ein wenig zu ausführlich. Hier und in der weiteren Schilderung des sich entwickelnden Jenseitsglauben zeichnet sich dann langsam auch, beeinflusst von Vorstellungen aus der griechischen Philosophie und der griechisch/römischen-Mythologie, die Entwicklung der gängigen Vorstellungen von Himmel und Hölle ab. Besonders interessant ist Ehrmans Auslegung der Offenbarung des Johannes, die in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle spielt, aber selbst noch nicht ganz „da“ war und sich aus historisch-kritischer Perspektive deutlich weniger auf die ferne Zukunft als auf die Gegenwart der Abfassung konzentriert. Auch gnostische und häretische Jenseitsvorstellungen sowie spätere katholische Entwicklungen wie das bereits erwähnte Fegefeuer werden zumindest in Ansätzen diskutiert, der Fokus liegt aber ohne Zweifel auf dem Alten und Neuen Testament.

Wer sich mit der Thematik zumindest ansatzweise schon einmal kritisch auseinandergesetzt hat, wird zumindest keine „schockierende“ Enthüllung erfahren; zumindest in sehr groben Zügen war mir doch schon einiges bekannt, gerade was den Mangel an Jenseitsglaube im Alten Testament oder griechisch/römische Einflüsse angeht – insgesamt betritt Ehrman hier nicht unbedingt Neuland. Gerade die analytischen Details und die ausführliche Auseinandersetzung mit den biblischen und nicht-biblischen Texten machen das (Hör-)Buch gerade für den interessierten Laien (oder Historiker, der sich nicht auf biblische Geschichte spezialisiert hat) sehr lesens- bzw. hörenswert, besonders weil Ehrman einen sehr angenehmen und unterhaltsamen Stil hat, dem man gut folgen kann. Dasselbe lässt sich von ähnlich gearteter deutscher Literatur oft nicht sagen, da zumindest teilweise immer noch die Meinung vorherrscht, ein solides historisches Werk sollte nicht angenehm lesbar sein. Relativ zeitgleich habe ich „Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike“ von Peter Schäfer gelesen, das stilistisch deutlich sperriger daherkommt.

Fazit: Gelungene, historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Jenseitsglauben des Alten und Neuen Testaments und seiner Entwicklung vom Pentateuch durch die jüdische Geschichte bis hin zu den Evangelien, der Offenbarung und der Transformation zur heute noch gängigen Vorstellung von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Definitiv nicht das letzte Werk von Bart D. Ehrman, das ich konsumieren werde.

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The Great Tales: Die „andere“ Tolkien-Trilogie

Na gut, der Titel ist vielleicht sowohl etwas irreführend als auch inkorrekt, schon alleine, weil „The Lord of the Rings“ nicht wirklich eine Trilogie ist. Tolkien teilte seinen Roman in sechs Bücher auf, hatte aber nie vor, es in mehreren Teilen zu publizieren. Die Entscheidung ging vom Verlag aus, da ein Schinken mit tausend Seiten aufgrund der Papierknappheit in den 50ern nicht wirklich profitabel gewesen wäre. Also schufen Tolkien und sein Verlag Allan & Unwin mehr aus Not und Zufall DAS bevorzugte Format der Fantasy. Aber darum soll es nicht gehen. Mit der anderen Trilogie meine ich drei Werke, die lange nach J. R. R. Tolkiens Ableben erschienen: „The Children of Húrin“, „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“. Wer sich bereits tiefergehend mit Mittelerde beschäftigt hat, dem dürften diese drei Bücher mit Sicherheit ein Begriff sein, auch wenn manch einer vielleicht enttäuscht war, sofern er hoffte, auf den Seiten dieser Werke etwas LotR-artiges zu finden.

Ein kleiner Guide der posthumen Tolkien-Veröffentlichungen
Der Schöpfer von Mittelerde verstarb im September des Jahres 1973. Zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich zwei Werke publiziert, die seine Kunstmythologie einer breiten Leserschaft nahe bringen konnten (zumindest, sofern man nicht den Gedichtband „The Adventures of Tom Bombadil“ mitrechnet). Das eigentliche Hauptwerk, an dem Tolkien seit spätestens 1916 in der einen oder anderen Version arbeitete, hatte nie das Licht der Öffentlichkeit gesehen. Auch nach der Veröffentlichung des „Lord of the Rings“ hörte Tolkien nicht auf, weiter an seiner Mythologie zu feilen, mit der festen Absicht, sie irgendwann zu publizieren – die Nachfrage war zweifellos vorhanden. Doch so blieb das, was als „Book of Lost Tales“ begonnen und schließlich den Titel „The Silmarillion“ erhalten hatte, unvollendet. Tolkiens Sohn Christopher, der bereits zu Lebzeiten seines Vaters stark mit Mittelerde involviert war und testamentarisch auch offiziell zum literarischen Nachlassverwalter bestimmt wurde, nahm es schließlich auf sich, das „Silmarillion“ nicht nur zu vollenden, sondern auch den restlichen literarischen Nachlass seines Vaters zu publizieren. Christopher Tolkien verstarb im Januar diesen Jahres im Alter von 95 Jahren – dieser Artikel ist auch meine Würdigung seiner beeindruckenden Arbeit.

Anders als viele spätere Schriften seines Vaters, die er als kommentierte Ausgaben in zum Teil unvollendetem Zustand veröffentlichte, bemühte er sich, das „Silmarillion“ als in sich geschlossenes Werk zu publizieren, weshalb er durchaus Veränderungen vornahm und unfertiges Material mithilfe des Fantasy-Autors Guy Gavriel Kay fertigstellte. Manche der Entscheidungen, die er in diesem Kontext traf, bereute er später, nicht zuletzt, weil das „Silmarillion“ unter Zeitdruck entstand. Dennoch erschien es schließlich 1977 und war vielleicht nicht alles, was sich Fans des LotR wünschten (was primär ein neuer Roman in eben diesem Stil war, nicht unbedingt eine Mythensammlung verfasst in archaischer Diktion), bot aber doch einen guten Überblick über alle drei Zeitalter von Tolkiens Mythologie – wobei der Fokus natürlich auf dem Ersten liegt. Trotz erster negativer Reaktionen aus dem oben genannten Grund war das Interesse groß genug, um weitere Publikationen zu rechtfertigen. 1980 folgte „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“, was man am ehesten mit dem Bonusmaterial einer DVD oder BluRay vergleichen kann. Im Grunde handelt es sich um Alternativversionen von Geschichten der bereits publizierten Werke, „Outtakes“, die es nicht die Anhänge des LotR geschafft haben sowie Essays, die Hintergründe erläutern (zum Beispiel zu den Istari oder den Palantíri).

Auch hier erwies sich das Interesse als groß genug, um weitere derartige Projekte in Angriff zu nehmen – um nicht zu sagen, DAS Mummutprojekt, das man zweifelsohne als Christopher Tolkiens Opus Magnum im Bereich der posthumen Werk-Publikationen seines Vaters bezeichnen könnte. Die Rede ist natürlich von der zwölfbändigen Reihe „The History of Middle-Earth“ (13, wenn man den Index-Band mitrechnet), erschienen zwischen 1983 und 1996 (bzw. 2002, abermals unter Einbeziehung des Index). Die Detailversessenheit, mit der Christopher Tolkien die Schriften seines Vaters aufbereitete, ist wirklich enorm beeindruckend, auch wenn der Grad an Relevanz schwankt. Vieles, das sich auf den Seiten der „History“ findet, dürfte auch für den „Casual Fan“ durchaus interessant sein, während anderes tatsächliche nur für Literaturwissenschaftler Bedeutung hat. In den ersten beiden Bänden, „The Book of Lost Tales“ Teil 1 und 2, findet sich die früheste Version des „Silmarillion“ bzw. der darin enthaltenden Geschichten des Ersten Zeitalters, die den finalen Fassungen zum Teil schon verblüffend ähnlich sind, sich zum Teil aber auch massiv von ihnen unterscheiden. Besonders interessant ist der Umstand, dass die „Lost Tales“ eine Rahmenhandlung haben, innerhalb derer sie erzählt werden, etwas, das später völlig verloren ging.

Band 3, „The Lays of Beleriand“, enthält noch einmal einige der Silmarillion-Geschichten, allerdings in Form unvollendeter Gedichte. In Band 4, „The Shaping of Middle-Earth“ dokumentiert Christopher Tolkien die Wandlung von der Frühform des Legendarium zur späteren Gestalt – Kernstück dabei ist „Sketch of the Mythology“, eine kompakte Neufassung und Überarbeitung der „Lost Tales“. Der fünfte Band trägt den Titel „The Lost Road“ und beinhaltet diverse Schriften, die primär in den 30ern entstanden, unter anderem Tolkiens angefangener und wieder abgebrochener Zeitreise-Roman „The Lost Road“. In „The Lost Road“ und dem Essay „The Fall of Númenor” tauchte außerdem besagtes Inselkönigreich zum ersten Mal auf, das später noch äußerst wichtig werden sollte.

Die Bände 6 bis 9, „The Return of the Shadow”, „The Treason of Isengard“, „The War of the Ring“ und „Sauron Defeated“, beschäftigen sich mit der Entstehung des „Lord of the Rings” und enthalten Ideen und Evolutionsstufen dieses Romans, etwa Texte zu einem Hobbit mit dem Spitznamen „Trotter“, der sich später zu „Strider“ entwickelte und aus dem schließlich Aragorn wurde. Die letzten drei Bände schließlich, „Morgoth’s Ring“, „The War oft he Jewels“ und „The Peoples of Middle-Earth“ dokumentieren die weitere Entwicklung des „Silmarillion“ bis zu J. R. R. Tolkiens Tod sowie andere angefangene und unvollendete Projekte, etwa „Tal-Elmar“, eine Geschichte über die Kolonisationsaktivitäten der Númenorer aus der Sicht der Kolonisierten sowie „The New Shadow“, eine Fortsetzung des „Lord of the Rings“, die jedoch nie über ein paar wenige Seiten hinauskam.

Es sollte noch erwähnte werden, dass Christopher Tolkien auch einige andere Werke seines Vaters posthum veröffentlichte, die mit Mittelerde jedoch nichts zu tun haben. Dabei handelt es sich primär um zwei poetische Bearbeitungen echter mythologischer Werke, „The Legend of Sigurd and Gudrún“ (2009) und „The Fall of Arthur“ (2013).

Bevor wir zum eigentlichen Sujet des Artikels kommen, noch kurz ein Wort zur Übersetzung: Sowohl vom „Silmarillion“ als auch von den „Unfinished Tales“ („Nachrichten aus Mittelerde“) liegen deutsche Versionen vor, die „History of Middle-Earth“ dagegen bleibt, bis auf die ersten beiden Bände („Das Buch der verschollenen Geschichten“ Band 1 und 2), bislang unübersetzt.

The Children of Húrin
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Nach dem Abschluss der „History of Middle-Earth“ sah es erst einmal so aus, als sei dies alles gewesen, schließlich hatte Christopher Tolkien fast alle Schriften seines Vaters herausgegeben, sogar die Mittelerde-relevanten Brief publizierte er 1981 gemeinsam mit Tolkien-Biograpf Humphrey Carpenter in „The Letters of J. R. R. Tolkien“. 2007 erschien allerdings ein weiteres „neues“ Tolkien-Werk: „The Children of Húrin“, eine der ältesten Geschichten des Legendariums – und eine der tragischsten. Christopher Tolkien ging hier ähnlich vor wie beim „Silmarillion“. Das Ziel war nicht, die Texte in ihrem unvollendeten Zustand mit editorischen Kommentaren zu präsentieren, sondern eine einheitliche Narrative zu schaffen, die als in sich geschlossenes Werk funktionieren kann. Anders als beim „Silmarillion“ bemühte er sich allerdings, so wenig Veränderungen an den ursprünglichen Texten wie möglich vorzunehmen. Im Grunde vereinte er die diversen Versionen, von der aus „The Book of Lost Tales“ über die diversen Zwischenstadien bis zu dem Text, der schließlich im fertigen „Silmarillion“ landete, zu einem durchgehenden Epos.

„The Children of Húrin“ spielt im Ersten Zeitalter Mittelerdes. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Túrin Turambar, eines der titelgebenden Kinder Húrins, der als tragischer Held im Stile Siegfrieds oder Ödipus‘ konzipiert ist. Nachdem sein Vater Húrin in die Hände Morgoths, Saurons Vorgänger als Dunkler Herrscher und quasi das Mittelerde-Gegenstück zu Satan, gerät, wird er vom Elbenkönig Thingol in dessen Königreich Doriath großgezogen, überwirft sich aber mit den Elben von Doriath aufgrund seines aggressiven Verhaltens. Anschließend kämpft er mit einer Banden von Außenseitern gegen Orks, tötet aus Versehen seinen besten Freund und gerät mit dem Drachen Glaurung aneinander, der zwar nicht fliegen kann, aber noch ein paar Stufen bösartiger und manipulativer ist als Smaug. Ganz in der Tradition griechischer und nordischer Tragödien heiratet er schließlich unwissentlich seine Schwester und führt so schließlich seinen eigenen Untergang herbei, freilich mit ein wenig Beihilfe von Glaurung, der den Umstand, dass Túrin ihn schließlich niederstreckt, nicht allzu positiv aufnimmt.

„The Children of Húrin“ ist die wahrscheinlich grimmigste und düsterste Geschichte Tolkiens. Túrin Turambar ist als Protagonist deutlich fehlerbehafteter, als man es aus „The Lord of the Rings“ gewöhnt ist. Zwar ist er nicht wirklich zwiespältig, begeht in seinem Zorn allerdings einige ziemlich große und tragische Dummheiten, um ein ziemlich unangenehmes Ende zu finden. Wo LotR ein bittersüßes Ende hat, ist das Ende dieser Geschichte einfach nur bitter. Stilistisch liegt „The Children of Húrin“ deutlich näher am „Silmarillion“ als am LotR. Die Prosa ist nicht so komprimiert wie in Ersterem, aber der Tonfall ist dennoch der einer epischen Heldensage und weniger der eines traditionellen Romans. Theoretisch kann man „The Children of Húrin“ gänzlich ohne Vorkenntnisse bzw. ausschließlich mit der Kenntnis des LotR konsumieren, aber es hilft definitiv, wenn man zuvor das „Silmarillion“ gelesen hat, um die Ereignisse, Andeutungen und Querverweise besser einzuordnen.

Beren and Lúthien
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Während sich im „Silmarillion“ eine ganze Reihe an Geschichten findet (ich persönliche hatte immer eine Schwäche für Feanor, den Schöpfer der Silmaril, der titelgebenden Edelsteine, hinter denen jeder im Ersten Zeitalter her ist), werden doch drei von ihnen von Vater und Sohn Tolkien als „Great Tales“, also als die essentiellen und zentralen Geschichten verstanden. „The Children of Húrin“ ist die erste. Die Erzählung von Beren und Lúthien ist zweite – und wahrscheinlich diejenige, die Tolkien persönlich am meisten am Herzen liegt. Es handelt sich dabei um DIE große Romanze Mittelerdes, das erste (aber nicht das letzte) Mal, dass sich Mensch und Elbin ineinander verlieben. Besagte Romanze ist eines der zentralen Handlungselemente des gesamten Legendariums, denn nicht nur werden die Nachkommen von Beren und Lúthien immer wieder zu essentiellen Figuren, die das Schicksal Mittelerdes bestimmen, die Beziehung spiegelt sich auch irgendwann in der von Aragorn und Arwen wider, die ihrerseits wiederum beide Nachkommen von Beren und Lúthien sind – in Aragorns Fall natürlich sehr, sehr weit entfernt. Und mehr noch, in dieser Romanze sah Tolkien auch einen Spiegel seiner eigenen Ehe mit seiner Frau Edith. Als sie 1971 starb, ließ er den Namen „Lúthien“ auf ihrem Grabstein eingravieren, und als Tolkien zwei Jahre später verschied, wurde auf seinen Wunsch hin „Beren“ auf seinem Grabstein eingraviert.

Wie die Geschichte der Kinder Húrins gehört auch die von Beren und Lúthien zu den ältesten Geschichten des Legendariums und machte viele Wandlungen durch. Christopher Tolkien wählte für diese Veröffentlichung allerdings einen anderen Weg als bei „The Children of Húrin“. Statt einer vereinheitlichten Narrative entschied er sich dafür, die Entwicklung der Geschichte über die Jahrzehnte hinweg aufzuzeigen. Diese Idee hatte er bereits in den 80ern, als er mehrere Konzepte für die Veröffentlichung der Schriften seines Vaters entwarf. Im Vorwort berichtet er von seinem damaligen Plan, für ein Buch eine einzelne Geschichte aus dem Korpus auszugliedern und sie „as a developing entity“ darzustellen. Die Versionen der Geschichte, die in diesem Buch zu finden sind, wurden in der einen oder anderen Form größtenteils bereits im Rahmen der „History of Middle-Earth“ publiziert, hier sind sie allerdings mit neuen kontextualisierenden Kommentaren versehen gesammelt, so dass man sich nicht durch die halbe „History“ wühlen muss, um alle signifikanten Versionen zu finden. Da es eine deutsche Übersetzung dieses Buches gibt, ist es zusätzlich für alle Mittelerde-Enthusiasten, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, interessant, da die Bände 3 bis 12 der „History“ bislang, wie bereits erwähnt, nicht übersetzt wurden.

„Beren and Lúthien“ enthält unter anderem die ursprüngliche Version der Geschichte aus dem „Book of Lost Tales“ mit dem Titel „The Tale of Tinúviel“, einen Ausschnitt aus dem bereits erwähnten Schriftstück „Sketch of the Mythology“, mehrere Ausschnitt aus dem „Lay of Leithian“, einem der epischen, aber unvollendeten Gedichte aus dem dritten Band der „History“, sowie diverse andere Versionen, die zum Teil ineinandergreifen. Die Essenz der Handlung ist freilich immer dieselbe: Beren verliebt sich in Lúthien, darf sie allerdings nicht heiraten. Als Bedingung stellt ihr Vater Thingol, dass Beren ihm einen der Silmaril aus Morgoths Krone bringt. Beren gelingt es, nach diversen Abenteuern – und mit der tatkräftigen Unterstützung Lúthiens – tatsächlich, einen der Silmaril aus der Krone herauszuschneiden. Schließlich nimmt das Ganze einen, mehr oder weniger tragischen bzw. glücklichen bzw. bittersüßen Ausgang, je nach Version.

Besonders interessant sind natürlich die Unterschiede zwischen den Versionen. So ist Beren in der Lost-Tales-Fassung noch kein Mensch, sondern ein Elb, einer der Noldor, bzw. Noldoli, die zu diesem Zeitpunkt noch Gnome genannt werden. Tolkien orientiert sich dabei an der ursprünglichen griechischen Bedeutung des Wortes gnome (Verstand), realisierte aber früher oder später, dass seine Leser unweigerlich Gartengnome vor Augen haben würden, weshalb er diese Bezeichnung später verwarf. Morgoth trägt noch nicht diesen Namen, der „dunkler Feind der Welt“ bedeutet, sondern firmiert ausschließlich unter seinem ursprünglichen Namen Melkor, und diesem fehlt auch noch das „r“, also Melko. Von besonderer Bedeutung ist eine Episode, in der Beren in die Klauen von einem der mächtigsten Diener Melko(r)s gelangt. In der Tales-Version handelt es sich dabei um Tevildo, den Fürsten der Katzen, der jedoch nie wieder aufgegriffen wird. An seiner statt tritt in „Sketch of the Mythology“ Thû, der Nekromant auf, aus dem später schließlich Sauron wird.

Auch wenn Christopher Tolkien den Kontext der Geschichte zusammenfasst und diverse Handlungselemente des Ersten Zeitalters, die von Bedeutung sind, kurz anreißt, halte ich die Lektüre des „Silmarillion“ zum Verständnis dieses Werkes doch fast für zwingend nötig. Wo „The Children of Húrin“ durchaus noch als archaisches Epos aus Mittelerde genossen werden kann, ist „Beren and Lúthien“ dafür zu deutlich literaturwissenschaftlich. Wer die „History of Middle-Earth“ komplett gelesen und studiert hat (was bei mir übrigens selbst noch nicht der Fall ist), wird wohl wenig Neues entdecken. Insofern richtet sich dieses Werk primär an jene, die zwar ein tiefergehendes Interesse an Mittelerde und der Entstehung des Legendariums haben, sich aber an die „History“ (noch) nicht heranwagen wollen. Mit „Beren and Lúthien“ kann man die Konzeption der „History“ gewissermaßen an einem expliziten Beispiel austesten.

The Fall of Gondolin
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Ursprünglich dachte Christopher Tolkien, bei „Beren and Lúthien“ würde es sich um seine letzte Veröffentlichung handeln, 2018 legte er mit „The Fall of Gondolin“ allerdings noch einmal ein Werk nach und konnte so diese inoffizielle Trilogie der „Great Tales“ vollenden. Konzeptionell ist „The Fall of Gondolin“ dem direkten Vorgänger sehr ähnlich: Abermals ging es nicht darum, eine einheitliche Narrative zu gestalten, sondern die Evolution der Erzählung zu verdeutlichen. Die legendäre Elbenstadt Gondolin wird übrigens bereits im „Hobbit“ erwähnt – Glamdring, Orcrist und Stich wurden dort geschmiedet.

Im Fokus der Erzählung steht der Mensch Tuor, Cousin von Túrin Turambar, der sich im Auftrag des Vala Ulmo nach Gondolin begibt, um Turgon, den König des verborgenen Elbenreiches, vor dem Untergang seines Volkes zu warnen. In Gondolin entsteht eine weitere Menschen/Elben-Beziehung zwischen Tuor und Idril Celebrindal, Turgons Tochter. Dies führt jedoch letzten Endes dazu, dass der Elb Maeglin, Sohn von Turgons Schwester, der ebenfalls in Idril verliebt ist, Gondolin an Morgoth verrät, sodass dieser die verborgene Stadt mit aller Gewalt angreifen und niederwerfen kann. Tuor und Idril gelingt mit ihrem Sohn Eärendil, der einst zu einem der größten Helden Mittelerdes werden soll, die Flucht. Nebenbei bemerkt, Eärendil ehelicht später Elwing, die Enkelin von Beren und Lúthien, und zeugt mit ihr Elrond den Halbelben und Elros, den ersten König von Númenor.

Strukturell ist der Aufbau ähnlich wie beim Vorgänger: Nach einem ausführlichen Prolog, in dem Christopher Tolkien auch diese letzte der „Great Tales“ in Kontext setzt, folgt die ursprüngliche Version aus dem „Book of Lost Tales“. Abermals werden die knapperen Abrisse aus dem „Sketch of the Mythology“ und dem „Quenta Noldorinwa“, einer weiteren Vorform des „Silmarillion“, präsentiert, gefolgt von der wahrscheinlich interessantesten Fassung, die Christopher Tolkien als „The Last Version“ bezeichnet. Es handelt sich hierbei um den Anfang einer längeren Ausarbeitung dieser Geschichte, die stilistisch an „The Children of Húrin“ erinnert und deutlich detaillierter ist als alle anderen Versionen – leider bricht sie ab, kurz nachdem Tuor in Gondolin ankommt. In „The Evolution of the Story“ legt Christopher Tolkien noch einmal detailliert dar, wie sich die Erzählung über die Jahrzehnte hinweg gewandelt hat und liefert darüber hinaus auch noch die Endstücke des „Sktech of the Mythology“ und der „Quenta Noldorinwa“, die zugleich auch von den direkten Nachwirkungen des Falls von Gondolin erzählen, bis hin zu einem kurzen Abriss der Niederlage Morgoths und dem Ende des Ersten Zeitalters.

Was ich über „Beren and Lúthien“ geschrieben habe, gilt für „The Fall of Gondolin“ natürlich in gleichem Maße, wenn nicht noch mehr. Die einzige der drei „Great Tales“, die in diesen Veröffentlichungen auf eigenen Füßen stehen kann, ist „The Children of Húrin“. Für die anderen beiden benötigt man ein tiefergehendes, fast schon literaturwissenschaftliches Interesse an Tolkien. Als Startpunkte für eine detaillierte Beschäftigung mit der Entwicklung von Tolkiens Legendarium funktionieren „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“ allerdings ausgezeichnet. Und darüber machen sie sich, sowohl in der deutschen als auch in der englischen Hardcover-Version exzellent im Bücherregal. Alle verfügen über wunderschöne und atmosphärische Illustrationen von Alan Lee, die man gar nicht genug preisen kann (was auch Christopher Tolkien in „The Fall of Gondolin“ noch einmal ausgiebig tut).

Die Hörbücher der Älteren Tage
Zum Abschluss möchte ich noch an meine Hobbit- und LotR-Hörbuch-Artikel anknüpfen, denn auch zu den Geschichten der Älteren Tage existieren Hörbücher. Das „Silmarillion“ wurde sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache umgesetzt. Das englische Hörbuch wird, anders als „The Hobbit“ und „The Lord of the Rings“, nicht von Rob Inglis, sondern von Martin Shaw interpretiert. Zwar habe ich dieses Hörbuch bislang nur ausschnittsweise gehört, aber ich denke, Shaw sagt mir mehr zu als Inglis. Die deutsche Version wird von Joachim Höppner vorgelesen, es handelt sich dabei um eines der beiden Mittelerde-Hörbücher, die er vor seinem Tod noch fertigstellen konnte. Dieses Hörbuch kann ich uneingeschränkt empfehlen. Anders als bei den deutschen LotR-Hörbüchern stört hier die Übersetzung nicht; zwar stammt auch die Silmarillion-Übersetzung von Krege, aber im Gegensatz zum LotR hat er hier meiner bescheidenen Meinung nach sehr gute Arbeit geleistet. Höppners Interpretation des Textes ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, gerade hier wirkt es, als würde einem Gandalf persönlich die Geschichte und Geschichten Mittelerdes erzählen.

Sowohl die „Unfinished Tales“ als auch die ersten beiden Bände der „History“ scheinen als englische Hörbücher eingelesen worden zu sein, von Erin Jones respektive Patrick Hogan. Dabei handelt es sich um „Library of Congress recordings“, die wohl nicht (oder nicht mehr) im freien Handel erhältlich sind, zumindest können diese Hörbücher nicht über Amazon oder Audible bezogen werden, allerdings sind sie auf Youtube gelandet.

„The Children of Húrin“ existiert abermals sowohl als deutsches als auch als englisches Hörbuch. Es wird kaum verwundern, dass Gert Heidenreich, wie bei allen Tolkien-Hörbüchern ab „The Two Towers“, hier die Interpretation übernommen hat, und wie üblich gibt es daran nicht auszusetzen, nach drei anderen Tolkien-Werken weiß Heidenreich genau, wie er die Texte des Professors vorlesen muss. Die englische Version ist allerdings dennoch vorzuziehen, denn dieses Mal liest Christopher Lee persönlich, und mit welch einer beeindruckenden Gravitas. Hier wird noch einmal deutlich, dass dieses Casting einfach perfekt ist. Wer also sowohl des Deutschen als auch des Englischen mächtig ist, kann sich nicht nur von Gandalf, sondern auch von Saruman die Geschichten der Älteren Tage erzählen lassen.

„Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“ wurden nur auf Englisch, aber nicht auf Deutsch eingelesen. Bei beiden sind Timothy und Samuel West die Sprecher. Timothy West liest dabei die Einleitungen und Kommentare von Christopher Tolkien, während sein Sohn Samuel die eigentlichen Erzähl- und Gedichttexte übernimmt. Das funktioniert sehr gut, besonders da Timothy West zwar 14 Jahre jünger ist als Christopher Tolkien, man sich aber vorstellen kann, dass er durchaus so geklungen haben könnte. Timothy West klingt dagegen deutlich neutraler und liest sehr gut, wenn auch ein wenig anonym – natürlich kein Vergleich zu einem Christopher Lee.

Bildquellen:
Children of Húrin
Beren and Lúthien
The Fall of Gondolin

Siehe auch:
The Hobbit: Theatrical Audiobook
The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook