Lovecraft im Gruselkabinett

Halloween 2016

H. P. Lovecraft ist einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts und hat die phantastischen Genres beeinflusst wie nur wenige andere Autoren. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, überall trifft man auf Spuren des eigenbrötlerischen Autors aus Providence. Dennoch sind seine Werke oftmals ein wenig abschreckend. Besonders einen Leser, der moderne Spannungsliteratur gewohnt ist, können Lovecrafts Geschichten, die stilistisch eher eigenwillig und zum Teil sperrig sind, eher langweilen denn erschrecken, da der Lovecraft’sche Horror sich doch deutlich von den Genre-Standards unterscheidet. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich Lovecraft anzunähern und sich mit ihm vertraut zu machen, ohne dabei an seinen Eigenheiten zu scheitern. Die Hörspieladaptionen seiner Geschichten aus der Reihe „Gruselkabinett“ bieten eine solche Möglichkeit.

„Gruselkabinett“ ist die erfolgreichste Serie des Hörspiellabels Titania Medien, das von seinen Gründern Marc Gruppe und Stephan Bosenius geleitet wird. Die beiden produzieren ihre Hörspiele gemeinsam und führen Regie, Gruppe ist darüber hinaus auch für die Bücher verantwortlich. Die Hörspiele sind stets sehr aufwändig und atmosphärisch produziert; Gruppe und Bosenius greifen bevorzugt auf bekannte deutsche Synchronsprecher zurück, was fast durchweg hervorragend funktioniert. In der Zwischenzeit wurden bereits neun Lovecraft-Geschichten adaptiert, die ich im Folgenden besprechen möchte.

Der Fall Charles Dexter Ward (Folge 24 und 25)
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Dieser Kurzroman, verfasst im Jahr 1927, den Lovecraft selbst nicht allzu sehr schätzte und der erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, entspricht inhaltlich eher den üblichen Konventionen des Schauerromans. Er handelt von den okkulten Interessen des Charles Dexter Ward, der bald erkennen muss, dass man sich mit untoten Vorfahren besser nicht abgibt. Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist jedoch Dr. Marinus Willet, der Hausarzt der Wards, der die mysteriösen Umstände untersucht. Die Hörspielumsetzung ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen und sehr atmosphärisch. Bereits in dieser ersten Lovecraft-Adaption zeigt sich eine gewisse Tendenz, die erst mit späteren Lovecraft-Hörspielen endet: Fast sämtliche Bezüge zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“, etwa die Erwähnung des Necronomicon, wurden entfernt. Einerseits macht das die Geschichte für einen Hörer ohne Vorkenntnisse zugänglicher, andererseits raubt es ihr auch einiges an Atmosphäre und Kontext. Das fällt hier allerdings nicht so sehr ins Gewicht wie bei einer der anderen Adaptionen. Ansonsten ist „Der Fall Charles Dexter Ward“ ein solider, wenn auch kein herausragender Start der Lovecraft-Hörspiele; routiniert, gelungen, aber nicht mehr.

Der Tempel (Folge 39)
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Bei „Der Tempel“ handelt es sich um eine etwas obskurere Geschichte aus dem Frühwerk Lovecrafts. Gewisse Themen, die in späteren Geschichten dominant sind, werden hier bereits angerissen, allerdings fehlt zum Teil noch die rechte Form. Wie so oft im Lovecraft’schen Œuvre ist „Der Tempel“ als aufgefundenes Dokument konzipiert. Der fiktive Autor trägt den Namen Karl Heinrich, Graf von Altberg-Ehrenstein und ist Kapitän eines deutschen U-Boots im Ersten Weltkrieg. Die Handlung wird durch den Fund einer Leiche ausgelöst, die eine Statue bei sich hat. Ein Besatzungsmitglied nimmt die Statue an sich, was katastrophale Folgen hat, denn besagtes Abbild treibt die Mannschaft nach und nach in den Wahnsinn. Diese Geschichte wurde von Marc Gruppe etwas entschärft, da der Protagonist ein ziemlich übler Rassist ist, dem alle, die nicht preußischer Abstammung sind, zuwider sind. Lovecraft machte sich hier wohl über das lustig, was er als deutsche Mentalität sah (was angesichts seines eigenen Rassismus schon ein wenig ironisch ist). Die übertriebenen Tiraden wurden jedenfalls gestrichen, was der Geschichte durchaus gut tut. Ansonsten gelingt es dem Hörspiel sehr gut, die klaustrophobische Stimmung des U-Bootes einzufangen; auch das langsam Abgleiten in den Wahnsinn wird von den Sprechern gut vermittelt.

Berge des Wahnsinns (Folge 44 und 45)
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„Berge des Wahnsinns“ (erschienen im Jahr 1931) ist eine von Lovecrafts bekanntesten Geschichten, hier dekonstruiert er die mythischen Elemente seiner Geschichten regelrecht. Die Handlung dreht sich um eine Expedition in die Antarktis. Die Forscher entdecken dabei Spuren einer uralten, nichtmenschlichen und womöglich außerirdischen Zivilisation, die eventuell für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich ist. Zwar sind die Angehörigen dieser Spezies verschwunden, doch haben sie höchst gefährliche Kreaturen zurückgelassen. Von allen Lovecraft-Hörspielen verliert „Berge des Wahnsinns“ durch die Adaption am meisten. Wie schon in „Der Fall Charles Dexter Ward“ wurden sämtliche Elemente des „Cthulhu-Mythos“ entfernt, was hier in weitaus größerem Maße ins Gewicht fällt, da dieser Kurzroman, wie gesagt, quasi als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“ betrachtet werden kann. In mancher Hinsicht zeigt dieses Hörspiel wohl, wie eine Hollywood-Adaption von Lovecrafts Geschichten aussehen könnte. Gruppe nahm es sich hier heraus, eine weibliche Figur einzuführen, die regelrecht feministische Züge besitzt. Auch eine Romanze wird subtil angedeutet. Derartige Hinzufügungen passen allerdings überhaupt nicht zu Lovecraft und wirken für jene, die mit ihm als Autor vertraut sind, erzwungen und deplatziert. Wer jedoch unvoreingenommen an dieses Hörspiel herangeht, wird sicher gut unterhalten, da die Hinzufügungen, Weglassungen und Veränderungen nicht auffallen.

Pickmans Modell (Folge 58)
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Die Adaption von „Pickmans Modell“, 1926 verfasst und ein Jahr später publiziert, gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Das Grauen dieser Geschichte ist konventioneller und nicht wirklich mit den Entitäten des „Cthulhu-Mythos“ verbunden, wird jedoch auf für Lovecraft typische Art und Weise präsentiert. Alles dreht sich um den Maler Richard Upton Pickman, dessen verstörende Gemälde die Bostoner Kunstszene aufwühlen; die abgebildeten Kreaturen entspringen allerdings nicht nur der Phantasie des Malers. Das Gelingen dieses atmosphärischen Hörspiels hängt vor allem mit Sascha Rotermund zusammen, der Richard Upton Pickman hervorragend und nuancenreich spricht und so das Hörspiel fast im Alleingang stemmt. Das Grauen dieser Geschichte ist ein sehr indirektes, impliziertes, das jedoch hervorragend vermittelt wird.

Der Schatten über Innsmouth (Folge 66 und 67)
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Ein weiterer Klassiker, der dieses Mal exzellent vertont wurde, auch, weil die mythischen Elemente nicht allzu sehr beschnitten wurden. Wie auch die Geschichte selbst braucht das Hörspiel eine Weile, um richtig in Fahrt zu kommen. Der Protagonist Robert Olmstead (der Name taucht in der Geschichte selbst nicht auf, sondern stammt aus Lovecrafts Notizen, wird aber im Hörspiel verwendet) erforscht den geheimnisvollen Küstenort Innsmouth und stößt dabei auf ein Geheimnis, das nicht nur die merkwürdigen Bewohner der Stadt, sondern auch ihn selbst betrifft. Die Umsetzung ist schnörkellos gelungen. Da „Der Schatten über Innsmouth“ als Geschichte sehr geradlinig und einfach strukturiert ist (jedenfalls einfacher als viele andere Lovecraft-Geschichten), dürfte die Umsetzung auch nicht ganz so anspruchsvoll gewesen sein. Allgemein steht Gruppe bei der Adaption immer vor dem Problem, dass Lovecraft nur selten Dialoge verwendet; seine Geschichten haben zumeist einen distanzierten, berichthaften Charakter mit viel indirekter Rede. „Innsmouth“ ist diesbezüglich eine Ausnahme, da der Mittelteil der Geschichte ein sehr ausführliches Gespräch schildert.

Das Ding auf der Schwelle (Folge 78)
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Eine höchst enervierende Geschichte, verfasst 1933 und publiziert 1937, deren Implikationen fast erschreckender sind als die Dinge, die tatsächlich thematisiert werden. Strukturell gibt es einige Ähnlichkeiten zu „Der Fall Charles Dexter Ward“, durch die Augen von Daniel Upton, des eigentlichen Protagonisten, wird die Lebensgeschichte seines besten Freundes Edward Derby erzählt, wobei „Das Ding auf der Schwelle“ mit Uptons Mord an Derby beginnt. Nach und nach wird enthüllt, wie und warum es zu diesem Mord kam, wobei Okkultismus und Edward Derbys Frau Asenath Waite eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus fungiert diese Geschichte gewissermaßen als indirekte Fortsetzung zu „Der Schatten über Innsmouth“, da Asenath Waite aus besagter Stadt stammt und die Geschichte vereinzelt Elemente aus „Innsmouth“ aufgreift. Auch hier ist die Umsetzung ausgezeichnet und schafft es, Atmosphäre, subtile Bedrohung und Schrecken der Vorlage ausgezeichnet umzusetzen und die berichtartige Geschichte in Dialogform zu bringen.

Die Farbe aus dem All (Folge 90)
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„Die Farbe aus dem All“ (1927) gilt vielen als eine von Lovecrafts besten Geschichten, sie setzt sich auf beängstigende Weise mit Fremdartigkeit auseinander, die von Menschen nicht erfasst werden kann. Ein Meteor landet auf der Farm der Gardners und bringt etwas Fremdes mit sich, das sich am ehesten als unbekannte Farbe beschreiben lässt, die sich nach und nach ausbreitet und alles, was mit ihr in Berührung kommt, verdirbt. Viele Jahre später versucht ein Ermittler aus Arkham herauszufinden, was es mit der Farbe auf sich hat und was mit den Gardners geschehen ist. Trotz der einen oder anderen Freiheit, die sich Marc Gruppe nahm, funktionier auch diese Hörspieladaption ausgezeichnet. „Die Farbe aus dem All“ ist, wie so oft bei Lovecraft, eine Geschichte des subtilen Schreckens, die nicht auf oberflächlichen Schock, sondern auf tiefe Beunruhigung zurückgreift. Tatsächlich denke ich, dass sie auf gewisse Weise sehr realistisch ist. Sollte jemals außerirdisches Leben auf die Erde kommen, könnte ich mir vorstellen, dass es sich tatsächlich so abspielt wie von Lovecraft geschildert.

Träume im Hexenhaus (Folge 100)
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Gruppe und Bosenius wählten „Träume im Hexenhaus“ (verfasst 1932, im Folgejahr publiziert) als Folge 100 aus, weil die Geschichte Lovecrafts kosmischen Horror mit Elementen der traditionellen Schauergeschichte verbindet. Was in der Theorie gut klingt, klappt praktisch aber nicht immer. Die Geschichte erzählt von dem Mathematikstudenten Walter Gilman, der von der in Salem verbrannten Hexe Keziah Mason fasziniert ist und glaubt, ihre Magie basiere auf unirdischer Geometrie, mit deren Hilfe sie sich Raum und Zeit unterwerfen könne. Um seinen Wissensdurst zu stillen zieht er in das alte Haus der Hexe, nur um schon bald von grauenhaften Alpträumen geplagt zu werden. „Träume im Hexenhaus“ gehört nicht unbedingt zu Lovecrafts stärksten Geschichten. Ähnlich wie „Berge des Wahnsinns“ scheint Lovecraft hier eine Dekonstruktion durchzuführen, die einzelnen Elemente der Geschichte wollen aber oftmals nicht so recht zusammenpassen. Während das Hörspiel grundsätzlich professionell aufgezogen und produziert wurde, treten hier die Schwächen der Geschichte fast noch deutlicher zutage, sodass viele der Schrecken letztendlich zu banal und plakativ wirken.

Der Ruf des Cthulhu (Folge 114 und 115)
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Diese Geschichte aus dem Jahr 1926 bzw. 1928 hat dem „Cthulhu-Mythos“ seinen Namen verliehen. Ironischerweise war Lovecraft weder besonders begeistert von ihr, noch bediente er sich des tentakelgesichtigen Gottes, nach dem Geschichte und Mythos benannt sind, besonders häufig. Lediglich in „Berge des Wahnsinns“ und „Der Schatten über Innsmouth“ wird Cthulhu noch erwähnt. Dennoch gehört sie zu Lovecrafts bekanntesten und beliebtesten Geschichten. Leider eignet sie sich nicht besonders gut als Vorlage für ein Hörspiel. Die Erzählung setzt sich aus mehreren Berichten zusammen, die sich nach und nach wie ein Puzzle verbinden und vom Erwachen des finsteren Gottes Cthulhu berichten. Was in gedruckter Form allerdings ziemlich gut funktioniert, will als Hörspiel nicht so recht klappen. Die Handlung wirkt ziemlich fragmentiert und kommt bis zum Schluss nicht so recht in Gang. Davon abgesehen ist die Produktion natürlich dennoch auf einem sehr hohen Niveau, kann den Spitzenreitern „Der Schatten über Innsmouth“, „Pickmans Modell“ und „Die Farbe aus dem All“ aber nicht das Wasser reichen.

Siehe auch:
Das Necronomicon
Berge des Wahnsinns

Berge des Wahnsinns

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An H. P. Lovecraft scheiden sich die Geister – für seine Art des Horrors und des Grauens muss man empfänglich sein (und zudem sollte man wegen seines trockenen und mitunter sperrigen Stils auch ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen besitzen). An seiner, nach „Der Ruf des Cthulhu“, berühmtesten Geschichte, „Berge des Wahnsinns“, scheiden sich allerdings selbst unter denen, die Lovecraft wohlgesonnen sind, die Geister.
Inhaltlich gibt es zwar viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zu den typischen Lovecraft-Geschichten. Die bedeutendste Abweichung vom üblichen Schema dürfte wohl der Schauplatz sein; während die meisten seiner Geschichten in Lovecrafts Heimat Neuengland (wo „Berge des Wahnsinns“ immerhin beginnt), finden die Ereignisse dieser Erzählung in der Antarktis statt. Ansonsten ist allerdings vieles Vertraut: Wie so oft haben wir einen Ich-Erzähler; die Geschichte ist als Bericht eines Überlebenden konzipiert. Ebenso tauchen viele der typischen Lovecraft-Anspielungen auf, etwa die Stadt Arkham oder das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred.
Der Ich-Erzähler, William Dyer, berichtet von einer Expedition der Miskatonic-Universität in die Antarktis. Das Expeditionsteam entdeckt dabei tief im Süden eine gewaltige Bergkette, deren Gipfel höher sind als der Mount Everest. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen die Forscher zuerst auf merkwürdige Fossilien und später auf eine gewaltige Stadt, die nicht von Menschenhand errichtet wurde. Sie entdecken, dass bereits andere intelligente Geschöpfe, die sie die „Alten Wesen“ nennen, die Erde bevölkert, gegen den tentakelgesichtigen Gott Cthulhu gekämpft und wahrscheinlich auch das restliche Leben auf der Erde erschaffen haben – und nicht nur dieses. Als Sklaven verwendeten sie die ebenfalls künstlich gezüchteten Shoggothen, doch diese erhoben sich gegen ihre Herren, und sie bevölkern immer noch die Berge des Wahnsinns…
„Berge des Wahnsinns“ gehört zwar zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“ (Lovecraft selbst verwendete diesen Begriff nie für die von ihm geschaffene, lose miteinander verknüpfte Mythologie, er stammt von August Derleth), doch die Herangehensweise ist eine andere als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten. Während diese zumeist eher andeuten und mysteriös bleiben – nicht selten verfällt der Protagonist dem Wahnsinn, weil er das Ausmaß des kosmischen Bedrohung, die von den Großen Alten ausgeht, schlicht nicht erfassen kann – ist diese Geschichte eindeutiger. Auf gewisse Weise folgt „Berge des Wahnsinns“ dem üblichen Muster, aber eben nur auf gewisse Weise. Nicht zuletzt wegen der Protagonisten ist alles wissenschaftlicher als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten; „Berge des Wahnsinns“ führt den „Cthulhu-Mythos“ nicht nur weiter, sondern dekonstruiert ihn auch. Lovecraft war bekennender Atheist und ging schließlich auch an seinen eigenen Mythos wissenschaftlich heran. In vielen Mythos-Geschichten gibt es ein gewisses Science-Fiction-Element, das in dieser am stärksten hervortritt – durch die Analyse Dyers werden die „Monster“ der Geschichte greifbarer. Obwohl der Mythos dekonstruiert wird, ist der Schrecken von „Berge des Wahnsinns“ doch von der Sorte, wie man ihn häufig bei Lovecraft findet: Die Idee der Bedeutungslosigkeit der Menschen, die lediglich aus Zufall oder zum Amüsement einer überlegenen Spezies erschaffen wurden.
Um ganz ehrlich zu sein: Mir persönlich sind die mythischeren Lovecraft-Geschichten lieber, in „Berge des Wahnsinns“ ist vieles ein wenig zu klar und eindeutig; so spielen die mythischeren Elemente, wie das Necronomicon, dieses Mal auch eine eher untergeordnete Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Geschichte nicht auch ihre ganz eigene Faszination ausüben würde. Das ewige Eis der Antarktis schafft eine fremdartige Atmosphäre, die Lovecraft vorzüglich auszunutzen weiß.
Daher ist es wenig verwunderlich, dass vor einiger Zeit eine Filmadaption von „Berge des Wahnsinns“ geplant war. Guillermo del Toro sollte Regie führen – eine Nachricht, die den Fans buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, immerhin hatte der Mexikaner bereits bei „Hellboy“ eine gewisse Affinität für Lovecraft gezeigt. Del Toro war auch nicht bereit, Kompromisse einzugehen und wollte partout nicht, dass der Stoff entschärft, mit einem Happy-End versehen oder auf andere Art an Hollywood-Konventionen angepasst wurde. Möglicherweise wurde der Film deshalb auch, trotz der Unterstützung James Camerons, für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Als weiterer Grund wird oftmals Ridley Scotts „Prometheus“ angegeben – ich schrieb ja bereits an anderer Stelle, dass „Prometheus“ beinahe wie eine Sci-Fi-Version von „Berge des Wahnsinns“ wirkt.
Obwohl der Film letztendlich nicht gedreht wurde und die Chancen darauf, dass er noch gedreht wird, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher gering sind, ist es möglich, „Berge des Wahnsinns“ zu konsumieren, ohne Lovecrafts Text lesen zu müssen – man kann ihn einfach hören. Für den Anfänger empfiehlt sich hierbei das Gruselkabinett-Hörspiel von Titania Medien, in der das Ganze ein wenig entschärft und den Gewohnheiten eines modernen Publikums angepasst wurde. Die Figuren wirken ein wenig runder und lebensechter, zwei der Wissenschaftler wurden zu Frauen gemacht, es existiert die Andeutung einer Romanze (was bei Lovecraft nun wirklich selten vorkommt) und die ganzen mythologischen Hintergründe (Cthulhu, Necronomicon etc.) wurden ersatzlos gestrichen. Dennoch bleibt die Essenz der Geschichte erhalten – und rein technisch ist die Umsetzung, wie üblich, tadellos.
Wer den unverfälschten Text möchte, kann auch zur Komplettlesung mit David Nathan von LPL-Records greifen. Nathan liest gut und routiniert, aber gerade, wenn sich der Text in wissenschaftlichen Details zu verlieren droht, ist das Hören fast anstrengender als das Lesen.
Fazit: „Berge des Wahnsinns“ gehört zu den Lovecraft-Geschichten, die sich recht weit vom Horror entfernen und eher in Richtung Science-Fiction tendieren. Sie funktioniert fast als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“, wobei der Grusel leider ein wenig auf der Strecke bleibt. Interessant ist „Berge des Wahnsinns“ jedoch allemal und sollte von jedem, der sich für Lovecraft interessiert, gelesen werden.

Anmerkung: Dieser Artikel sollte eigentlich Teil der Halloween-Artikelreihe sein, universitäre Gründe haben allerdings verhindert, dass ich all das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Die geplanten Artikel kommen trotzdem, aber eben mit Verspätung.

Siehe auch:
Der Cthulhu Mythos
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham

Batman: Gotham Knight – Hörspiel

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Der Dunkle Ritter erobert in deutschen Landen neues Terrain (bzw. er erobert es zurück): Die Hörspiellandschaft. Vor einigen Monaten erwarb das Label Highscore Music von Warner die Lizenz zur Produktion von Batman-Hörspielen und kündigte gleich eine ganze Reihe an. Die erste, dreiteilige Geschichte (die einzelnen Teile tragen die Titel „Der Mann in Schwarz“, „Krieg“ und „Monster“) ist inzwischen bereits komplett erhältlich, und somit ist es an der Zeit, sich das Ganze einmal näher anzuschauen.
Ich persönlich bin ja ein Hörspielfan, ich hab schon als Kind gerne Hörspiele gehört, und auch im Erwachsenenbereich gibt es einiges an qualitativ hochwertigem Material – Oliver Dörings Star-Wars-Hörspiele beispielsweise, oder die Gruselkabinett-Serie von Titania Medien. Highscores erstes Batman-Hörspiel kommt zwar an die beiden Erstgenannten nicht ganz heran, ist aber durchaus als gelungen zu bezeichnen.
Was ein wenig merkwürdig anmutet, ist die Wahl der Vorlage: Es handelt sich hierbei nämliche um die Hörspieladaption der Romanadaption eines Direct-to-DVD-Batman-Animes, der im Zuge von „The Dark Knight“ herauskam und als Brückenfilm zwischen „Batman Begins“ und „The Dark Knight“ fungieren sollte. Bei diesem Film handelte es sich um ein Stilexperiment, er bestand aus sechs nur lose miteinander verbundenen Kurzfilmen, die von sechs verschiedenen, bekannten Anime-Regisseuren in verschiedenen Zeichenstilen umgesetzt wurden. Die Comicautorin Louise Simmons wurde damit beauftragt, eine Romanadaption zu verfassen, die ich leider nicht gelesen habe, weshalb ich mich im Folgenden, neben der eigentlichen Vertonung, auf die Diskrepanz zwischen Film und Hörspiel konzentrieren werde. Dabie gehe ich einfach davon aus, dass das Hörspiel dem Roman recht genau folgt.
Bei der Umsetzung wählte Simmons den schwierigeren Weg: Anstatt einfach sechs Kurzgeschichten mit dem Inhalt der sechs Kurzfilme zu schreiben, versuchte sie, aus „Gotham Knight“ einen wirklichen Roman mit durchgehender Narration zu machen. Das erste Segment des Films (in welchem sich drei Kinder von ihren Begegnungen mit Batman erzählen und den Dunklen Ritter dabei jeweils völlig unterschiedlich beschreiben) beispielsweise wurde fast vollständig fallen gelassen und auf Batmans Begegnung mit dem „Mann in Schwarz“ auf den Aparo-Towers reduziert. Für viele der Vorkommnisse in „Gotham Knight“ gibt es kaum Hintergründe; auch hier schafft Simmons Abhilfe, indem sie alles miteinander verbindet, an passenden Stellen kürzt und an anderen Details und weiterführende Plotelemente einbaut. Dennoch ist das Ergebnis nicht unbedingt die komplexeste aller Batman-Geschichten. Im Grunde muss sich der Dunkle Ritter (Sascha Rotermund) mit Schurken an allen Fronten auseinandersetzen: Der Industrielle Ronald Marshall (Rüdiger Schulzki) verfolgt mithilfe des Killers Deadshot (Uve Teschner) seine illegalen Interessen, in den Straßen Gothams bekriegen sich zwei Gansterbosse, Salvatore Maroni (Mario Grete) und der Russe (Jürgen Holdorf), und in der Kanalisation treiben sich Scarecrow (Martin Sabel) und Killer Croc (Holger Löwenberg) herum. Trotz Simmons‘ Bemühung die einzelnen Segmente miteinander zu verknüpfen, wirkt die Geschichte als Ganzes betrachtet ein wenig zerfasert, die einzelnen Handlungsstränge agieren oft nicht wirklich miteinander, sondern laufen nebeneinander her.
Man mag sich fragen, weshalb Highscore aus dem schier unerschöpflichen Fundus der Batman-Geschichte gerade „Gotham Knight“ als Vorlage für das erste Hörspiel wählte, wo es doch durchaus naheliegende Alternativen gegeben hätte: „Batman: Year One“, „The Killing Joke“, oder, um ganz aktuell zu sein, einen Storybogen aus den New-52-Batman-Serien, etwa „Der Rat der Eulen“. Bei näherer Betrachtung bleibt die Wahl ein wenig merkwürdig, erscheint aber recht logisch: „Gotham Knight“ erzählt nicht noch einmal die Entstehungsgeschichte (die ja inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte), spielt aber in der Anfangszeit des Dunklen Ritters, sodass es noch nicht allzu viel Ballast gibt. Ein wenig merkwürdig ist auch das Verhältnis zu den Nolan-Filmen. Es wäre recht einfach gewesen, Christian-Bale-Sprecher David Nathan als Batman zu besetzen (wie in der deutschen Fassung des Films „Gotham Knight“ auch geschehen), laut eigener Aussage wollten sich die Macher aber durchaus von Nolans Version von Gotham City distanzieren und besetzen die Figuren nicht mit den deutschen Synchronsprechern aus der Dark-Knight-Trilogie. Es gibt nur eine Ausnahme: Jürgen Thormann, der Stammsprecher von Michael Caine, spielt auch hier Alfred.
Dieser Intention wiederspricht die Wahl von „Gotham Knight“ dann allerdings doch wieder, denn, wie oben bereits erwähnt, ist der Film so konzipiert, dass er als Brücke zwischen „Batman Begins“ und „The Dark Knight“ fungieren kann. Im Roman (und damit im Hörspiel) wird dies sogar noch deutlicher, da es einige direkte Referenzen auf „Batman Begins“ gibt. Im Film werden die Narrows, Arkham als Teil der Narrows und ein Massenausbruch aus der Anstalt erwähnt, ebenso wie Jonathan Crane (Scarecrow) als ehemaliger Leiter des Asylums. Darüber hinaus ist Lucius Fox auch hier Batmans Waffenmeister und weiß, das Bruce Wayne sich unter der Maske verbirgt. Und, dies allerdings nur im Roman/Hörspiel, es wird explizit auf Batmans Ausbildung bei Ra’s al Ghul hingewiesen.
Ebenso gibt es einige Vorausdeutungen auf „The Dark Knight“, die zum Teil aber recht schwer zu erkennen sind. Die deutlichste ist wohl Salvatore Maroni, der in „The Dark Knight“ eine wichtige Rolle spielt. Maronis Rivale, der Russe, könnte aus einer frühen Drehbuchversion von TDK stammen, bei Nolan ist der zweitmächtigste Gangster der Tschetschene (vielleicht war Nolan und Goyer ein russischer Gangster zu gewöhnlich); und es wird angedeutet, dass es einen Bandenkrieg gab, dieser aber beendet wurde, da Batman den Gangstern schon genug Probleme bereitet.
Und schließlich wäre da noch Renee Montoya. Diese, ursprünglich aus „Batman: The Animated Series“ stammende, bei den Fans sehr beliebte Polizistin sollte ursprünglich in „The Dark Knight“ vorkommen, allerdings befürchtete man, dass es den Fans nicht gefallen würde, wenn Montoya als korrupter Cop dargestellt würde, weshalb man sie durch Anna Ramirez ersetzt. Auch in „Gotham Knight“ kam Ramirez vor und wirkte, mehr noch als in „The Dark Knight“, wie Montoya mit anderem Namen (nicht zuletzt, weil ihr Partner, wie in den Comics zu dieser Zeit, Crispus Allen war). Im Roman/Hörspiel ist sie jetzt ganz einfach wieder Renee Montoya.
Kommen wir nun zur eigentlichen Hörspielumsetzung. Gerade im Vergleich zu Oliver Dörings Star-Wars-Hörspielen fällt auf, dass vom Erzähler ausgiebig Gebrauch gemacht wird, für meinen Geschmack zu ausgiebig. Leider ist Gordon Piedesack als Erzähler auch nicht unbedingt die Idealbesetzung, er klingt irgendwie gelangweilt und unpassend. Sehr zufrieden bin ich dagegen mit Sascha Rotermund als Bruce Wayne/Batman. Am Anfang ist er zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber er findet sich schnell in die Rolle ein. Zwischen Bruce Wayne und Batman macht er einen deutlichen Unterschied, ohne es allerdings derartig zu übertreiben wie Christian Bale. Vielleicht wäre er sogar als Synchronsprecher für Ben Affleck im kommenden Batman/Superman-Film keine schlechte Wahl. Nichts gegen Peter Flechtner, Afflecks Stammsprecher, aber ich habe ziemliche Schwierigkeiten, ihn mir als Batman vorzustellen.
Die meisten anderen Sprecher sind eher funktional denn herausragend, wobei ich finde, dass Eva Michaelis nicht so recht zu Renee Montoya passt. Sehr gut gefallen hat mir dagegen Reent Reins als Comissioner Gordon. Jürgen Thormann schließlich akzeptiert man aus naheliegenden Gründen (und nach drei Filmen) problemlos sofort als Alfred.
Leider sind die Dialoge manchmal ein wenig hölzern geraten, dies macht das Hörspiel allerdings mit seiner sehr gelungenen Atmosphäre wieder wett. Alles in allem ist das Hörspiel wunderbar düster und ganz eindeutig nicht für Kinder geeignet – dafür sorgt schon allein, neben der Atmosphäre, die Anwesenheit von Killer Croc.
Fazit: Gelungener Auftakt der Batman-Hörspielreihe von Highscore mit kleinen Mankos – es ist also noch Steigerungspotential vorhanden.

Siehe auch:
Batman: Gotham Knight
Homepage des Labels Highscore

Labyrinth des Bösen


Der Roman:
Bevor wir uns nach Gotham City begeben gibt es noch einen kleinen Ausflug in die weit, weit entfernte Galaxis, und einen damit verbundenen nostalgischen Trip sieben Jahre in die Vergangenheit. Ich erinnere mich noch gut an das Frühjahr 2005: Ich wartete voller Spannung darauf, dass „Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ endlich ins Kino kam. Und dabei gab es einen Roman, der den Mund noch wässriger machte, die Wartezeit versüßte und vielleicht sogar ein wenig verkürzte. Es handelte sich dabei um „Labyrinth des Bösen“ von James Luceno, einem der anerkanntesten Autoren des Erweiterten Universums, der, nicht zuletzt dank seines jüngsten Romans „Darth Plagueis“, den Ruf genießt, an das SW-Universum wie ein Historiker heranzugehen. Obwohl die Anspielungen in „Labyrinth des Bösen“ nicht ganz so extrem sind wie in „Darth Plagueis“ gibt es davon einige.
Der Roman dient als direkter Prolog zu „Die Rache der Sith“ (mit Matthew Stovers Romanadpation des Films und Lucenos „Dunkler Lord: Der Aufstieg des Darth Vader“ bildet er die sogenannte „Dark Lord Trilogie“): Anakin und Obi-Wan sind dabei, die Separatisten endgültig aus den Kernwelten zu vertreiben, indem sie Cato Neimoidia, die Heimatwelt von Vizekönig Nute Gunray, erobern. Dabei fällt ihnen ein seltsamer Mechnostuhl in die Hände, den Gunray in der Hitze des Gefechts zurückgelassen hat und dessen eingebauter Holoprojektor eine Spur enthält, die zu dem mysteriösen Sith-Lord Darth Sidious führen könnte, den der Seperatistenführer Count Dooku gegenüber Obi-Wan erwähnte.
Also machen sich Anakin und Obi-Wan auf, die Spur des Mechnostuhls weiter zu verfolgen, um den Sith-Lord ausfindig zu machen.
So weit im Groben zur „Haupthandlung“. Es gib noch einige Nebenhandlungsstränge, die ebenfalls von Bedeutung sind, in erster Linie derjenige um Padmé Amidala und einige andere Senatoren, die verzweifelt versuchen, gegen die immer weiter fortschreitende Umwandlung der Republik in eine Militärdiktatur anzukämpfen. Auch den Schurken, vor allem Count Dooku und General Grievous, wird angemessen viel Platz eingeräumt, sodass diese bei Luceno nicht einfach stereotypische daherkommen, sondern eine glaubhafte Motivation aufweisen.
Der Roman darf darüber hinaus als „Trichter“ verstanden werden: Er greift die etwas verfranzten Fäden der anderen Klonkriegsmedien (jedenfalls derjenigen, die zwischen 2003 und 2005 erschienen sind) auf, gibt eine „Bestandsaufnahme“ und leitet schließlich zu Episode III weiter. Und gerade dafür hätte man keinen besseren Autoren als James Luceno finden können, denn der Roman strotz nur so vor Anspielungen. Luceno schafft es, die Charaktere glaubhaft als Personen darzustellen, die einen fast dreijährigen Krieg hinter sich haben und nutzt dabei alles, was die diversen Klonkriegs-Comics und –Bücher hergeben. Und, noch wichtiger: Der aktuelle Zustand der Republik wird ebenfalls gut geschildert, etwas, bei dem zum Beispiel die Animationsserie „The Clone Wars“ nicht sonderlich erfolgreich war – immerhin gehört es zu den „Hauptaufgaben“ der Klonkriege, die Republik langsam in das Imperium zu transformieren. Den Senatoren um Padmé Amidala und Bail Organa wird klar, dass sie auf eine Diktatur zusteuern, während die Jedi mit dem Krieg und der Suche nach Darth Sidious zu beschäftigt sind, um bei der Rettung der Demokratie behilflich zu sein.
Der größte Pluspunkt von „Labyrinth des Bösen“ ist jedoch das Gefühl beim Lesen, denn der Roman fühlt sich an wie eine völlig natürliche Erweiterung der Filme. Kaum ein anderes Werk aus dem EU schafft es, das Gefühl beim Schauen eines Star-Wars-Films (bzw. eines Star-Wars-Prequels) so exakt zu „simulieren“ wie dieser. Nebenbei umschifft Luceno kunstvoll einige Schwächen der Prequels: Anakin und Padmé haben zusammen keine Szenen, ergo gibt es auch keine Dialoge wie in Episode II und III, Jar Jar kommt nicht vor und auch sonst hält sich der eher infantile Humor recht stark in Grenzen. Stattdessen gibt es ein extrem spannendes Abenteuer aus einer weit, weit entfernten Galaxis, die immer düsterer wird. Gekonnt stellt Luceno auch die Beziehung zwischen Obi-Wan und Anakin dar, die sich seit „Der Angriff der Klonkrieger“ gewandelt hat, ebenso wie Anakins Zweifel und Ängste, die letztendlich bei seinem Sturz eine wichtige Rolle spielen.
Fazit: „Labyrinth des Bösen“ gehört dank gelungener Charakterisierung der Hauptfiguren und dem richtigen Maß an Spannung zu den gelungensten Romanen des EU und fühlt sich an wie eine natürliche Erweiterung der Filme

Das Hörspiel:

Nach dem sich Hörspiele (sprich: eine verkürzte Filmtonspur, begleitet von einem Erzähler) zu den sechs Star-Wars-Filmen als äußerst erfolgreich erweisen, wagte sich Hörspielproduzent Oliver Döhring, bekannt für die Adaptionen der John-Sinclair-Romane, an eine Umsetzung von „Labyrinth des Bösen“. Während Hörspielumsetzungen von EU-Werken im angloamerikanischen Sprachraum häufiger anzutreffen sind, ist „Labyrinth des Bösen“ diesbezüglich ein Novum. Döhring gelang es, sämtliche deutschen Synchronsprecher der Prequels an Bord zu holen (u.a. Wanja Gerick als Anakin Skywalker, Philipp Moog als Obi-Wan, Friedhelm Ptok als Palpatine, Klaus Sonnenschein als Count Dooku, Manja Doering als Padmé usw.) und auch sämtlich nicht in den Filmen vorkommenden Figuren mit prominenten Stimmen zu besetzen – so taucht Helmut Krauss (deutsche Stimme von Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“) als Barkeeper auf, Franziska Pigulla (deutsche Stimme Gillian „Scully“ Anderson) als Twi’lek-Informantin Fa’ale Leh oder der bekannte Hörspielsprecher Matthias Haase als Palpatines persönlicher Ratgeber Sate Pestage. Dank all dieser hervorragenden Sprecher, den original Geräuschen und der Musik von John Williams aus allen sechs Filmen, die äußerst geschickt eingesetzt wird, entsteht der Eindruck, man habe es mit der Tonspur eines nie veröffentlichten Star-Wars-Films zu tun. Als Erzähler fungiert (wie schon in den Filmhörspielen) der beeindruckende Joachim Kerzel, bekannt als deutsche Stimme von Jack Nicholson und Anthony Hopkins. Im Gegensatz zu den Filmhörspielen wird Kerzel allerdings sparsam eingesetzt und meldet sich nur zu Beginn und zum Ende jeder Folge zu Wort, sodass das Ganze authentischer wird.
Bei der Umsetzung muss man natürlich gewisse Zugeständnisse machen, in einem Hörspiel kann ein Charakter nicht die Tiefe bekommen, die ihm ein Romanautor verleihen kann. Im Allgemeinen wurde bei der Umsetzung jedoch sehr gut Arbeit geleistet, Situationsbeschreibungen durch die Figuren gibt es, sie sind aber halbwegs glaubwürdig und nicht zu plakativ. Sehr geschickt wurden einige der Gedankengänge als Dialoge umgesetzt, was durchaus gut funktioniert.
Fazit: „Labyrinth des Bösen“ mach auch als Hörspiel eine gute Figur, Oliver Döhring und sein Team haben gute Arbeit geleistet und den Roman äußerst hochwertig adaptiert, sodass er nun nur noch mehr wie ein natürlicher Bestandteil des Star-Wars-Universums wirkt.

Siehe auch:
Darth Plagueis

Die Saat


Der Großteil der aktuellen Vampirneuerscheinungen ist meistens romantischer und/oder erotischer Natur. Guillermo del Toros und Chuck Hogans „Die Saat“ (welches ich in Hörbuchform, von David Nathan gelesen, konsumiert habe) hebt sich von der grauen Masse durch in der heutigen Zeit fast schon innovativen Traditionalismus ab. Das Autorenduo erfindet dabei ganz sicher das Rad nicht neu, „Die Saat“ bewegt sich ganz eindeutig auf klassischen Spuren und leugnet das auch nicht, aber es ist schön, wenn die Vampire einfach mal wieder nur böse sind.
Der Plot erinnert im Groben ein wenig an „Dracula“, ist allerdings keine Eins-zu-Eins Übertragung in die Moderne wie John Marks‘ „Der Vampir“. Die Handlung beginnt mit der Landung einer Boeing 777 am JFK-Airport in New York. Schnell wird klar, dass einiges hier nicht mit rechten Dingen zugeht, denn alle Menschen an Bord bis auf vier sind tot. Dieser Umstand ruft Doktor Ephraim Goodweather von der Seuchenschutzbehörde auf den Plan, doch weder er, noch seine Kollegen sind auf das vorbereitet, was an Bord des Flugzeuges nach Amerika gekommen ist, nämlich die schlimmste vorstellbare Seuche überhaupt: Der Vampirismus, in Gestalt des Ältesten Jusef Sardu.
Der einzige, der Goodweather helfen kann, ist Professor Abraham Sektrakian, ein Überlebender des Holocaust, der bereits zuvor mit Sardu zu tun hatte. Zusammen mit einigen Helfern müssen die beiden nun versuchen, das „Virus“ aufzuhalten, bevor es sich unaufhaltsam ausbreitet.
Spontan würde ich annehmen, dass es zwei Haupteinflussquellen für „Die Saat“ gibt. Die eine ist natürlich Dracula, was sich schon an den vielen mehr oder weniger versteckten Anspielungen zeigt. Die Boeing 777 erinnert stark an die in Whitby einlaufende Demeter, Jusef Sardu weist eindeutig den einen oder anderen „draculösen“ Zug auf, inklusive osteuropäischer Herkunft und Setrakian trägt den Vornamen Abraham wohl auch nicht zufällig.
Die zweite Einflussquelle ist einer von del Toros Filmen, nämlich (leider?) der offensichtlichste: „Blade 2“. In gewisser Weise ist das durchaus schade; die philosophische Ebene, die zum Beispiel „Pans Labyrinth“ oder „Hellboy 2“ auszeichnete, fehlt in „Die Saat“. Stattdessen gibt es reichliche und ziemlich deftig-blutige Horroraction und, wie auch schon in „Blade 2“, eine eher wissenschaftliche Herangehensweise an die Vampire. Zudem erinnern sie sogar ein wenig an die Reaper aus oben erwähntem Film. Darüber hinaus zeichnet sich der Roman vor allem durch einen gut und atmosphärisch aufgebauten Anfang aus. Besonders die langsame Wandlung der vier Überlebenden des Fluges halte ich für enorm gelungen und interessant. Der Schlussteil dagegen wirkt ein wenig überhastet; am Ende geht alles sehr schnell und fast ein wenig zu unspektakulär.
Der eigentliche Protagonist, Ephraim Goodweather, erfüllt seinen Zweck ganz gut, auch wenn der geschiedene, seinen Sohn liebende Vater relativ klischeehaft und in letzter Zeit etwas überstrapaziert ist („Krieg der Welten, „2012“ etc.) Auch Abraham Setrakian ist nicht wirklich innovativ und erinnert stark an eine Kombination aus seinem Namenspatron aus „Dracula“ und Whistler aus der „Blade“-Reihe, der zu allem Überfluss ebenfalls denselben Vornamen trägt.
Einerseits hätte man durchaus mehr erwarten können, aber andererseits ist es auch schön, sich einen kurzweiligen Vampirthriller zu Gemüte zu führen, der sich der Flut der Twilight-Trittbrettfahrer entgegenstellt.
Die actionreiche, sehr filmische Handlung gibt darüber hinaus auch David Nathan (u.a. deutsche Synchronstimmte von Christian Bale und Johnny Depp) die Gelegenheit, ein weiteres Mal zu beweisen, dass er ein erstklassiger Sprecher ist und sich gerade für Spannungsliteratur wunderbar eignet.
Fazit: Kurzweilig, actionreich, blutig und absolut nicht romantisch, alles von David Nathan hervorragend interpretiert. Monströse Vampire waren einfach mal wieder nötig.

Der Cthulhu Mythos


Mein Verhältnis zum amerikanischen Horror-Autor Howard Phillips Lovecraft ist durchaus als zwiespältig zu bezeichnen. Einerseits ist sein Stil unglaublich sperrig und verstaubt, und zwar sehr präzise, dabei aber auch oftmals extrem ermüdend. Und, seien wir ehrlich, ein Meister der atemlosen Spannung ist er auch nicht gerade, dazu sind seine Ausführungen viel zu weitschweifig und er selbst wirkt zu distanziert.
Bei vielen anderen Autoren wären dies bereits Tatsachen genug, sie links liegen zu lassen. ABER Lovecrafts Werke besitzen ein ganz besonderes Etwas. Nicht ihr Stil ist es, was sie zu etwas besonderem macht, auch nicht die eigentliche Handlung (die meistens recht ähnlich angelegt ist und für gewöhnlich zum Großteil aus Nachforschungen des/der Protagonisten besteht), sondern die Ideen und die Atmosphäre. Das Grauen, das in Lovecrafts Horrorgeschichten zu finden ist, ist kein „alltägliches“. Lovecraft braucht keine alten Friedhöfe und Spukschlösser, keine Splattereffekte, Vampire, Geister oder Folterexzesse, damit einem die Gänsehaut den Rücken hinunterläuft. Was seine Storys unheimlich macht, ist der bloße Gedanke an die unheimliche Macht uralter Wesen, die dabei nicht einmal selbst in Erscheinung treten. Die bloße Vorstellung, dass uralter, gottgleiche Wesen existieren, gegen die man als Mensch nicht kämpfen, ja, die man nicht einmal verstehen kann, schafft es, eine ganz besondere Art des Horrors zu erschaffen. Unterstützend wirkt auch die Tatsache, dass Tod und Wahnsinn die einzigen Möglichkeiten sind, dem zu entkommen, wenn man das entsprechende Wissen erst einmal erlangt hat.
Die perfekte Möglichkeit, sich Lovecraft zu Gemüte zu führen, besteht in den Hörspielen von Titania Medien (hierzu folgt bald Weiteres) und den Hörbüchern von LPL-Records.
LPL-Records ist ein Label des Hörbuch-Giganten Lübbe Audio, das nach dem Leiter (Lars Peter Lueg) benannt ist und sich auf Grusel- und Horrorliteratur spezialisiert hat („Gänsehaut für die Ohren“). Auf das Konto von LPL geht unter anderem die großartige Vertonung von Brian Lumleys Vampirsaga „Necroscope“. Im Jahr 2002 begann das Label damit, die Geschichten Lovecrafts von den besten deutschen Sprechern zu vertonen lassen. Das erste Produkt der Hörbuchreihe „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ ist die Kurzgeschichtensammlung „Der Cthulhu Mythos“, die auch einige Geschichten von anderen Autoren enthält, allerdings sind diese von Lovecraft und dem Mythos der „Großen Alten“ inspiriert.
Enthalten sind:
– „Der Ruf des Cthulhu“ von H. P. Lovecraft
– „Der Schwarze Stein“ von Robert E. Howard
– „Die Glocke im Turm“ von H. P. Lovecraft und Lin Carter
– „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ von D. R. Smith
– „Dagon“ von H. P. Lovecraft
– „Ein Porträt Torquemadas“ von Christian von Aster

Diese Geschichten bieten einen schönen Querschnitt aus 74 Jahren Mythos-Geschichten. „Der Ruf des Cthulhu“ von 1928 ist natürlich unverzichtbar, da mit dieser Geschichte eigentlich alles begann; hier verwendete Lovecraft zum ersten Mal die Großen Alten, allen voran natürlich Cthulhu. Obwohl Lovecraft selbst diese Geschichte in späteren Jahren nicht mehr sonderlich schätzte und in der Tat später noch bessere Geschichten verfasst hat, enthält sie doch eine ordentliche Portion des oben beschriebenen Schreckens.
„Der Schwarze Stein“ von Robert E. Howard (u.a. bekannt für „Conan, der Barbar“) hat, wenn überhaupt nur bedingt etwas mit dem Cthulhu-Mythos zu tun. Die Grundstimmung ist der in Lovecraft zu findenden allerdings sehr ähnlich, weshalb die Geschichte durchaus dazu passt.
Bei die „Die Glocke im Turm“ handelt es sich um eine Geschichte, die von Lovecraft begonnen und von Lin Carter viele Jahre nach Lovecrafts Tod vollendet wurde. Ich persönlich finde sie sogar ein wenig spannender als „Der Ruf des Cthulhu“, wenn auch nicht ganz so informativ.
„Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ fällt in meinen Augen ein wenig aus dem Rahmen. Zwar beschäftigt sich diese Story von D. R. Smith direkt mit den Großen Alten, passt aber so gar nicht zu Lovecrafts Art, da die alten Götter hier gewissermaßen direkt auftauchen und auch noch besiegt werden.
„Dagon“ könnte man gewissermaßen als Fingerübung verstehen, diese Geschichte wirkt ein wenig wie die Rohfassung von „Der Ruf des Cthulhu“ und ist in meinen Augen die schwächste des Hörbuchs.
„Ein Porträt Torquemadas“ schließlich, veröffentlicht im Jahr 2002, ist die neueste und in meinen Augen auch beste Geschichte der Sammlung. Christian von Aster hält sich strukturell sehr nahe an Lovecraft, allerdings ist seine Sprache weitaus angenehmer. Gekonnt schafft er es, den typischen, subtilen Grusel einer Mythos-Geschichte zu erschaffen und nebenbei auch noch die katholische Kirche intelligent zu kritisieren.

Was dieses Hörbuch allerdings so exzellent macht sind nicht nur die Geschichten, sondern auch die Sprecher. Joachim Kerzel, bekannt als deutsche Stimme von Jack Nicholson, Dustin Hoffman und Anthony Hopkins, macht seine Sache, wie bei jedem Hörbuch, das er interpretiert, ausgezeichnet. In der Tat ist Kerzel mein absoluter Lieblingssprecher, da er es mit seiner mächtigen Stimme schafft, dass alles, was er liest, atemlos spannend wird. Ich bin überzeugt, dass Kerzel auch eine Steuererklärung vorlesen könnte und man würde mitfiebern.
Ein weiterer Bonus ist das „Zusatzmaterial“ in Form eines kurzen Lebenslaufes von Lovecraft sowie eines Kommentars zu jeder der Geschichten, die vom Autor „selbst“ vorgetragen werden. Lovecraft wird dabei von David Nathan (Stimme von Johnny Depp) gesprochen, der ebenfalls sehr gute Arbeit leistet. Zwar kann er nicht ganz mit Kerzel mithalten, aber welcher Sprecher kann das schon?
Fazit: Ein wunderbares Hörbuch, perfekt vorgetragen von Kerzel und Nathan und wunderbar geeignet, um H. P. Lovecraft und seine Welt kennen zu lernen.

Siehe auch:
Berge des Wahnsinn
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham
LPL Homepage mit Hörproben