The Hobbit: Theatrical Audiobook


Bleiben wir doch noch ein wenig beim „Hobbit“. Wer sich eines der besten und einflussreichsten Kinderbücher des 20. Jahrhunderts in Audioform einverleiben möchte, hat, neben Howard Shores Musik, noch eine ganze Reihe von weiteren Möglichkeiten. Da Tolkien den „Hobbit“ ohnehin als Geschichte schrieb, die er seinen Kindern erzählen und vorlesen konnte, und in diesem Zusammenhang auch den erzählerischen Tonfall des Werkes auf diesen Zweck ausrichtete, scheint das Hörbuch und das Hörspiel die ideale Form zu sein, um den „Hobbit“ zu konsumieren. Verstärkt wird diese Überzeugung für mich durch den Umstand, dass ich den „Hobbit“ als Hörspiel kennen lernte. Im Jahr 1980 produzierte der WDR eine Hörspielumsetzung, bei der Heinz Dieter Köhler Regie führte. Der Cast ist mit nur 13 Sprechern relativ klein, sodass es Mehrfachbesetzungen gibt. In den Hauptrollen sind Horst Bollmann (Bilbo), Bernhard Minetti (Gandalf), Heinz Schacht (Thorin) und Martin Benrath (Erzähler) zu hören. Diese spezifische Hörspieladaption wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, da ich durch sie zum ersten Mal in Kontakt mit Mittelerde kam.

Es wird kaum verwundern, dass auch eine britische Hörspielproduktion existiert, bereits 1968 von der BBC produziert. Bislang habe ich nur einige Ausschnitte davon gehört, für meinen Geschmack ist diese Version allerdings deutlich schlechter gealtert als das WDR-Gegenstück, wobei das natürlich auch damit zusammenhängen könnte, dass ich mit dem deutschen Hörspiel so vertraut bin. Der Schauspieler Michael Kilgarriff war für diese Adaption verantwortlich, als Bilbo ist Paul Daneman zu hören, als Gandalf Heron Carvic und als Thorin John Justin.

Wer sich mit einer dramatisierten Adaption nicht unbedingt anfreunden kann und Wert auf Tolkiens vollen Text legt, kann stattdessen auch zu den jeweiligen Hörbuchversionen greifen, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache handelt es sich dabei um Komplettlesungen (alles andere wäre auch Frevel). Gert Heidenreich hat sich inzwischen zur deutschen Tolkien-Stimme etabliert und viele der Werke des Professors ausgezeichnet eingelesen. Die einzigen prominenten Ausnahmen sind „Das Silmarillion“ und „Die Gefährten“, die noch von Joachim Höppner, der deutschen Stimme Ian McKellens, gelesen wurden. Da Höppner jedoch leider 2006 verstarb, übernahm Heidenreich für ihn. Das englische Gegenstück ist Rob Inglis, der ähnlich wie Heidenreich quasi DIE Tolkien-Erzählstimme im englischsprachigen Raum ist, neben dem „Hobbit“ hat er auch den kompletten „Lord of the Rings“ eingelesen.

Vor kurzem bin ich auf eine weitere Hörbuchversion des „Hobbit“ gestoßen, die mich ebenso beeindruckt wie begeistert zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil es sich dabei um ein Fanprojekt handelt. Über fünf Jahre hinweg hat der Youtuber Bluefax den „Hobbit“ als „Theatrical Audiobook“ umgesetzt. Das bedeutet, dass er Tolkiens Text nicht nur komplett (und äußerst professionell) eingelesen, sondern das alles auch mit Soundeffekten und, am wichtigsten, Howard Shores Musik angereichert hat. Im Grunde hat Bluefax die Vorzüge der Filmadaptionen, der Hörspiele und der Hörbücher miteinander in einem aufwendigen, mit viel Liebe zum Detail produzierten Projekt miteinander kombiniert. Den Figuren verlieht er als Interpret allesamt gekonnt eine eigene Stimme, die sich mal mehr, mal weniger an den Schauspielern der Filme orientieren. Der Meister von Esgaroth etwa klingt nicht sonderlich nach Stephen Fry, während Smaug und Gollum wirklich sehr eng an Benedict Cumberbatch und Andy Serkis angelehnt sind. Besonders Bluefax‘ Imitation von Letzterem klingt fast wie das Original. Damit hört die Mühe allerdings noch nicht auf, denn Bluefax hat es auch auf sich genommen, sämtliche Lieder des „Hobbit“ mehrstimmig einzusingen, Blunt the Knives und Misty Mountains mit den Filmmelodien von Plan 9, die anderen mit völlig neuen.

Es ist jedoch letztendlich der überragende Einsatz von Howard Shores Musik, der das „Theatrical Audiobook“ zu einem wirklich herausragenden Hörerlebnis macht. Zugegeben gibt es ein, zwei Stellen, besonders während der Schlacht der fünf Heere, an denen der Text in martialischer Musik und Soundeffekten ein wenig untergeht, aber im Großen und Ganzen geht das Konzept hervorragend auf. Zum einen zeigt sich hier natürlich, wie gut Shores Musik mit Tolkiens Worten harmoniert. Das überrascht natürlich wenig, schließlich erklärte Shore mehrmals, wie sehr ihn die Originaltexte inspiriert hätten und dass sie beim Komponieren ebenso wichtig wie Drehbuch und Filmmaterial gewesen seien. Letztendlich ist es jedoch Bluefax‘ Verdienst. Der Prozess des Auswählens und Anpassens der Musik muss enorm aufwendig und fordernd gewesen sein, aber das Ergebnis überzeugt vollauf. Meistens orientiert sich Bluefax, wenn möglich, relativ genau an der Filmzuordnung. Wo es nötig ist oder sich anderweitig anbietet, setzt er auch hin und wieder Tracks aus der LotR-Trilogie ein oder passt ein wenig an; so erklingt etwa auch das Thema von Tauriel bzw. das Tauriel/Kíli-Liebesthema, obwohl die Figur und ihre Beziehung zu Thorins Neffe im Roman natürlich nicht auftauchen und der Ausfall von Thorin und Kompanie aus dem Erebor während der Schlacht der fünf Heere wird mit dem Misty-Mountains-Thema untermalt.

Fazit: Es finden sich viele Audioadaptionen des „Hobbit“, die gelungenste ist jedoch ein Fanprojekt. Dem Youtuber Bluefax gelingt es, die Vorzüge der Filme, der Hörspiele und der Hörbücher auf beeindruckende Weise miteinander zu verknüpfen und den „Hobbit“ zu einem beeindruckenden Hörerlebnis zu machen, das sich kein Tolkien-Fan, der der englischen Sprache mächtig ist, entgehen lassen sollte.

Bluefax‘ Youtube-Kanal

Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I

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„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine von Lovecrafts besten Geschichten und als Schulbuchbeispiel des kosmischen Horrors, es handelt sich dabei um eine der wenigen Erzählungen, mit denen Lovecraft selbst zufrieden war. Verfasst wurde sie im März des Jahres 1927 und veröffentlicht einige Monate später, im September des selben Jahres auf den Seiten des Magazins Amazing Stories. Das wirklich faszinierende an dieser Story ist der Umstand, dass sie trotz des Status, den sie genießt, nicht im engeren Sinne zu dem gehört, was August Derleth schließlich als „Cthulhu-Mythos“ bezeichnete: Kein Necronomicon, keine Großen Alten oder Äußere Götter – lediglich die Stadt Arkham wird erwähnt und schafft so eine mehr oder weniger subtile Verknüpfung. Dennoch wird „The Colour out of Space“ wegen ihrer Beliebtheit nur allzu gerne mit dem „Mythos“ in Verbindung gebracht und taucht in den einschlägigen Mythos-Anthologien wie „The Complete Cthulhu Mythos Tales“ von Barnes and Noble (ein wirklich sehr schön aufgemachtes Buch) auf. Auch im Grundregelwerk des Pen&Paper-Rollenspiels „Cthulhu“ (im Original „Call of Cthulhu“ von Chaosium, hierzulande von Pegasus herausgebracht) taucht die titelgebende Farbe auf und wird als „Mythos-Wesenheit“ klassifiziert. Der Grund dafür ist letztendlich sehr simpel: In kaum einer anderen Geschichte kann das kosmische Grauen, das Lovecraft vermitteln wollte, so unmittelbar wahrgenommen werden.

Obwohl Lovecraft nach wie vor kaum als Mainstream bezeichnet werden kann, ist „The Colour out of Space“ wahrscheinlich diejenige seiner Geschichten, die am häufigsten direkt adaptiert wurde. Im Rahmen dieses dreiteiligen Artikels werde ich mir zumindest einige dieser Adaptionen genauer ansehen. Teil I setzt sich mit der Geschichte selbst und zwei Audio-Umsetzungen auseinander, Teil II betrachtet zwei ziemlich aktuelle Filmadaptionen, „Die Farbe“ aus dem Jahr 2010 und „Color out of Space“ aus dem Jahr 2019 und Teil III vergleicht drei verschiedene Comic-Versionen.

Handlung
Ein neues Wasserreservoire für die Stadt Arkham soll gebaut werden – hierzu ist es nötig, das Gelände eines alten Bauernhofes zu fluten. Zuvor soll es allerdings von einem Landvermesser aus Boston überprüft werden. Dieser stellt Nachforschungen an und beginnt sich für das Gelände, das bei den Einwohnern als verflucht gilt, zu interessieren. Er findet heraus, dass in der Gegend noch ein alter Einsiedler namens Ammi Pierce lebt, den er schließlich aufsucht. Ammi Pierce erzählt dem Landvermesser von der Familie, die das Gelände ursprünglich bewohnte. Die Garnders bewirtschafteten den Hof erfolgreich, bis 1882 ein Meteorit auf dem Gelände neben einem Brunnen abstürzte. Der Meteorit brachte etwas zur Erde, das sich in Form einer Farbe jenseits des bekannten Spektrums zeigt. Langsam breitete sich die Farbe aus und begann, das Land zu beeinflussen. Die Früchte der Gardners wurden riesig, schmeckten jedoch widerlich. Dann begannen nach und nach Flora und Fauna zu mutieren, zuerst nahmen sie die fremdartige Farbe aus dem All an, um anschließend abzusterben und grau und spröde zu werden. Das Vieh starb und auch die Gardners selbst wurden nicht verschont. Nabby, die Mutter, und ihr Sohn Thaddeus wurden langsam wahnsinnig, bis Letzterer starb, während sein jüngerer Bruder Merwin im Brunnen verschwand. Auch Nahum, der Vater, verlor langsam den Verstand. Bei seinem letzten Besuch auf der Farm musste Ammi Pierce feststellen, dass auch der dritte Gardner-Sohn, Zenas, gestorben war, Nahum jeden Sinn für die Realität verloren hatte und Nabby auf dem Dachboden grau und spröde geworden war. Schweren Herzens erlöste Ammi sie von ihrem Leiden. Kurz darauf starb auch Nahum, allerdings nicht, ohne vorher von dem Wesen zu erzählen, das offenbar im Brunnen existiert. Daraufhin alarmierte Ammi die Berhöden, die im Brunnen nichts mehr fanden, aber bald darauf das Leuchten der Farbe aus dem All selbst erlebten. Seither gilt die Gegend als verflucht und die grauen Überreste der Farbe breiten sich weiter aus, langsam zwar, aber unaufhaltsam. Der Landvermesser kündigt, weiß dabei aber, dass er die Flutung des Gebiets nicht aufhalten können wird – und dass das, was immer noch im Brunnen lebt, das neue Wasserreservoire beeinflussen wird.

Struktur und Kontext
Abgesehen vom bereits erwähnten Mangel an „Cthulhu-Mythos-Komponenten“ wie dem Necronomicon und ähnlichen Schriften, den Gottheiten oder sonstigen Kreaturen, ist „The Colour out of Space“ in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für viele typische Lovecraft-Stilmittel. Die Rahmenhandlung wird von einem namenlosen Ich-Erzähler, besagtem Landvermesser, erzählt, während die eigentlichen Ereignisse rund um die Aktivitäten der Farbe (sofern man davon sprechen kann) als Binnenerzählung vermittelt werden. Einer derartigen Struktur bediente sich Lovecraft immer wieder gerne, am prominentesten und verschachteltsten natürlich in „The Call of Cthulhu“. Im Vergleich dazu ist „The Colour out of Space“ noch recht unkompliziert, auch wenn Binnenerzähler Ammi Pierce seinerseits nicht bei allen Ereignissen zugegen ist und mitunter Dinge wiedergibt, die ihm Nahum Gardner erzählt hat.

Ort der Handlung ist – ebenfalls kaum verwunderlich – Lovecrafts Heimat Providence. Auch sonst passt „The Colour out of Space“ gut ins Œuvre; an Geschichten wie dieser zeigt sich besonders gut, wie sich Lovecraft als Autor vom Horror á la Poe langsam in Richtung Science Ficition entwickelte, was schließlich in Geschichten wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow out of Time“ kulminierte. Noch immer finden sich typische Elemente des Horror-Genres und der Gothic Fiction, deren Ursprung jedoch in den Tiefen des Kosmos liegt. Die Ergebnisse sind ebenfalls recht bekannt: Wahnsinn, Mutationen, Body Horror. Was „The Colour out of Space“ zu so einer herausragenden Beispiel des kosmischen Horrors macht, ist die schiere Fremdartigkeit der Farbe. Tatsächlich denke ich, sollte die Menschheit jemals auf außerirdisches Leben stoßen, wird es sich dabei wahrscheinlich um etwas wie diese Farbe handeln, ein Wesen, sofern man hier von einem Wesen sprechen kann, das kaum greifbar und jenseits unseres Verstehens ist. Selbst Cthulhu und die meisten seiner Konsorten sind leichter zu begreifen als die Farbe, der es an jedweder nachvollziehbarer Motivation fehlt. Folgt sie nur ihrer Natur, so sie denn eine hat? Ist sie ein lebendiges Wesen? Oder doch etwas völlig anderes? Besonders die schleichende Verderbnis und den Verfall, die die Farbe mit sich bringt, schildert Lovecraft äußerst effektiv und eindringlich.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Verhalten der Familie Gardner: Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in ihrer Situation längst das Weite gesucht, Nahum Gardner besteht allerdings stur darauf, seine Farm nicht aufzugeben und reißt seine Familie so in den Abgrund. Allerdings wird zumindest angedeutet, dass dieses Verhalten ebenfalls auf die Farbe zurückzuführen ist und sie den Verstand der Gardners deutlich früher und subtiler beeinflusst, als es den Anschein hat. Immerhin: Auch Ammi Pierce ist trotz allem nicht aus der Gegend weggezogen.

Im Aufbau der Geschichte offenbart sich außerdem noch eine weitere Parallele zu „The Call of Cthulhu“. Der eigentliche Erzähler kommt nie wirklich in Kontakt mit dem Schrecken, sei es die Farbe oder der schlummernde Große Alte. Als Ammi Pierce mit dem Landvermesser spricht, liegen die eigentlichen erschreckenden Ereignisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, während der Erzähler in „The Call of Cthulhu“ vom titelgebenden Schrecken nur aus Berichten erfährt. In beiden Fällen scheint das Grauen überwunden zu sein, beide Protagonisten erfahren jedoch, dass dem keines Falls so ist und dass die Ereignisse, von denen sie gehört bzw. gelesen haben, lediglich ein Vorspiel sein könnten.

Kann man Farben hören?
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Zumindest diese Farbe kann man hören. „The Colour out of Space“ wurde, wie so viele andere Lovecraft-Geschichten auch, mehrfach als Hörbuch und Hörspiel adaptiert. Vor allem im englischsprachigen Bereich gibt es einige, wer diesbezüglich auf Audible sucht, wird diese Story sowohl separat als auch als Teil diverser Anthologien problemlos finden. Auch Deutsch existiert ebenfalls die eine oder andere Version, Miss Booleana hat hier beispielsweise eine Lesung mit Ernst Meincke besprochen. Die erste Audio-Version dieser Geschichte, die ich mir zu Gemüte geführt habe, findet sich in der Hörbuchproduktion „H. P. Lovecraft Gruselbox“, die ausnahmsweise nicht von LPL Records stammt und auch ein wenig anders konzipiert ist als die Lovecraft-Anthologie-Hörbücher dieses Labels. Zusätzlich zu den Erzählungen „The Hound“, „The Festival“, „The Picture in the House“ und natürlich „The Colour out of Space” werden auch einige Gedichte Lovecrafts im Original vorgetragen, während das „Orchester der Schatten“ für musikalische Untermalung sorgt – für meinen Geschmack ein wenig zu aufdringlich, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Geschichten werden routiniert von Simon Jäger, bekannt als deutsche Stimme von Heath Ledger, Josh Hartnett und Matt Damon vorgelesen. Seine Interpretation von „The Colour out of Space“ ist solide und gut hörbar, allerdings nicht herausragend oder in irgend einer Form besonders erwähnenswert.

Die wirklich interessante Audio-Adaption von „The Colour out of Space” findet sich, wie so häufig, in der Reihe in der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien. Wenn Marc Gruppe, der nicht nur mit Stephan Bosenius das Label leitet, sondern auch für die Drehbücher der Hörspiele verantwortlich ist, klassische Schauerliteratur adaptiert, tut er das meistens sehr vorlagengetreu. Bei den Lovecraft-Hörspielen ist das allerdings nicht immer der Fall, gerade „Berge des Wahnsinns“ fühlte sich mit den eingefügten weiblichen (bzw. fast schon feministischen) Figuren und der Eliminierung aller Verweise auf den „Cthulhu-Mythos“ tatsächlich eher wie eine Hollywood-Bearbeitung des Stoffes an. Auch in „Die Farbe aus dem All“ (deutscher Titel verweist von nun an auf das Hörspiel, der englische auf Lovecrafts Geschichte) wurde eine zusätzliche weibliche Figur hinzugefügt, die sich allerdings deutlich weniger fremdartig anfühlt als ihr Gegenstück in „Berge des Wahnsinns“. Dem bei Lovecraft namenlosen Landvermesser, der im Hörspiel den Namen Frank Burger (Johannes Berenz) trägt, wird eine Kollegin namens Rose Kenny (Melanie Pukaß) an die Seite gestellt, die wohl einerseits den eklatanten Mangel an weiblichen Figuren bei Lovecraft kompensieren soll, andererseits aber auch dazu dient, Informationen im Dialog anschaulicher zu vermitteln. So verarbeitet der Landvermesser das Gehörte in „The Colour out of Space“ in seinem Bericht, während Frank Burger und Rose Kenny diskutieren können.

An der eigentlichen Handlung der Geschichte ändert sich kaum etwas, die beiden Landvermesser fahren zu Ammi Pierce (Jochen Schröder) und lassen sich von ihm die Geschichte der Familie Gardner erzählen. Im Hörspiel bekommt man die Geschehnisse als Flashback dann natürlich live mit, was sie noch einmal deutlich intensiver macht, besonders, da Peter Reinhardt und Cornelia Meinhardt als Nahum und Nabby Gardner die mentale Zermürbung und den geistigen Verfall, die die Farbe auslöst, sehr gut vermitteln. Die kleinen Änderungen sind vor allem der Adaption in ein anderes Medium geschuldet. Etwas ironisch ist vielleicht der Umstand, dass Gruppe ausgerechnet in dieses Hörspiel Verknüpfungen zum „Cthulhu-Mythos“ in Form von Gebrabbel im Delirium einbaut, die in der Geschichte selbst gar nicht zu finden sind.

Bildquelle (Titel)
Bildquelle (Gruselkabinett)

The Rise of Skywalker: Expanded Edition

Spoiler!
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Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf „The Rise of Skywalker“. Einige Monate sind seit dem Kinostart vergangen und viele der Fragen, die der Film aufgeworfen hat, wurden inzwischen beantwortet, primär durch die Romanadaption des Films von Rae Carson – wie schon bei „The Last Jedi“ als „Expanded Edition“ bezeichnet, was natürlich zu gewissen Erwartungen führt. Das Feld der Romanadaptionen in diesem Franchise deckt das komplette Spektrum ab. Auf der einen Seite hätten wir da beispielsweise „The Force Awakens“ von Alan Dean Foster, bei dem es sich um eine ebenso uninspirierte wie uninteressante Prosafassung des Drehbuchs handelt, die so gut wie keinen Mehrwehrt bietet. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Matthew Stovers „Revenge of the Sith“, ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht und in meinen Augen nach wie vor das beste Star-Wars-Medium ist, weil es alles beinhaltet, was Star Wars ausmacht und sein kann. Nebenbei bemerkt: Matthew Stover hat gewissermaßen Baby Yoda prophezeit. Aber das nur am Rande.

Rae Carson ist eine interessante Wahl als Autorin für diesen Roman, da sie recht wenig Star-Wars-Vorerfahrung hat, bis zu „The Rise of Skywalker“ hatte sie lediglich zwei Kurzgeschichten („The Red One“ in „A Certain Point of View“ und „Hear Nothing, See Nothing, Say Nothing“ in „Canto Bight“) sowie einen Jugendroman („Most Wanted“, ein Tie-In zu „Solo: A Star Wars Story“) verfasst. Im Gegensatz dazu waren Alan Dean Foster und Pablo Hidalgo, die Autoren der anderen beiden Sequel-Trilogie-Romane, relativ naheliegende Wahlen; Ersterer verfasste bereits den Roman zu Episode IV, während Letzterer Teil der Lucasfilm Story Group ist und ohnehin als Lore- und Kontinuitätsguru gilt. Auf der Skala zwischen „The Force Awakens“ und „Revenge of the Sith“ liegt Carsons Arbeit in etwa in der Mitte – sie ist von Fosters dröger, spannungsarmer Prosa ebenso weit entfernt wie von dem Franchise-definierenden Meilenstein, den Stover uns geschenkt hat. Vor allem im Kontext des Films kann diese Adaption als solide bezeichnet werden. Viele Schwächen kommen natürlich von der Vorlage – hier hatte Stover einen deutlich dankbareren Job, da „Revenge of the Sith“ eigentlich eine sehr gut Geschichte erzählt, die lediglich in der filmischen Umsetzung etwas holprig ist. „The Rise of Skywalker“ dagegen schafft es, gleichzeitig zu viel und zu wenig Handlung zu haben, Wendung reiht sich an Wendung, ohne dass es einen tieferen Sinn gäbe, und der eigentliche Plot des Films ist die Suche nach einem MacGuffin, das zu einem MacGuffin führt, welches wiederum zu einem MacGuffin führt. Daran kann Carson nichts ändern. Auch ist fraglich, ob man sie für die Antworten verantwortlich machen kann, die dieser Roman gibt. Tatsächlich werden die meisten Fragen, die rund um Palpatine und seine Rückkehr kreisten, beantwortet. Wir erfahren, dass sich sein Geist tatsächlich in einem Klonkörper befindet, der allerdings nur suboptimal dazu geeignet ist, diese mächtige Essenz zu halten – ganz wie in „Dark Empire“. Auch Reys Herkunft wird genauer beleuchtet, nachdem erst einmal eifrig spekuliert wurde, wer denn nun ihre Großmutter sein könnte. Wir erfahren, dass ihr nach wie vor namenloser Vater, im Film dargestellt von Billy Howle, nicht wirklich Palpatines Sohn ist, sondern ein nicht-identischer Klon, der über keinerlei Machtbegabung verfügt, aber ansonsten, anders als die Klonkörper, die Sidious nach seinem Ableben auf dem Zweiten Todesstern bewohnt, ein voll funktionsfähiger Mensch ist. Er ist also auf dieselbe Art und Weise Palpatines Sohn, wie Boba Jango Fetts Sohn ist. Rein biologisch betrachtet ist Rey damit nicht Palpatines Enkelin, sondern seine Tochter. Ob diese Antworten irgendjemanden zufrieden stellen, ist fraglich, aber es ist ebenso fraglich, ob sie von Carson selbst kommen; wahrscheinlicher ist, dass sie entweder von J. J. Abrams und Chris Terrio oder von der Story Group stammen.

Wie dem auch sei, für die Inhalte kann man Carson beim besten Willen nicht verantwortlich machen. Ihr Stil ist in jedem Fall sehr angenehm und flüssig, gerade im Vergleich zum Episode-VII-Roman ist das eine massive Verbesserung. Auch was die internen Prozesse der Charaktere angeht leistet Carson durchaus gute Arbeit. Gerade die zugegebenermaßen eher spärlichen Passagen des Romans, in denen sie dazu kommt, die Gedanken und Gefühlswelten der Figuren etwas ausgiebiger zu erforschen, gehören mit zu den stärksten und schaffen es, das Personal zumindest ein wenig plastischer zu zeichnen. Alles in allem ist Carsons Roman definitiv die bessere Version der Geschichte – das Tempo ist zwar nach wie vor hoch, aber dennoch nicht ganz so halsbrecherisch wie beim Film. Zusätzlich hat Carson die Struktur ein wenig geändert, was ebenfalls nicht schadet; so bekommt das Konstrukt immerhin hier und da ein wenig Raum zum Atmen. Gerade was Leia Organa angeht, hat Carson natürlich den Vorteil, nicht auf einige wenige Szenen angewiesen zu sein, stattdessen kann sie den Abschied von dieser Figur ausführlicher und angemessener gestalten.

Definitiv empfehlenswert ist die englische Hörbuchfassung, die bei Audible zu finden ist – so habe ich den Roman konsumiert. Eingesprochen wurde das Hörbuch von Marc Thompson, einem absoluten Star-Wars-Veteranen, der sowohl im Legends- als auch im Kanon-Bereich eine große Zahl an Romanen interpretiert hat und sein Handwerk exzellent versteht. Gerade die Stimmen der Figuren bzw. ihrer Schauspieler trifft Thompson wirklich ausgezeichnet, ohne dass sie zur Parodie verkommen, da er viel über Tonfall und Sprachduktus arbeitet, anstatt einfach nur simpel zu imitieren. Besonders beeindruckend sind Thompsons Versionen von Palpatine und Leia.

Fazit: „The Rise of Skywalker: Expanded Edition“ ist zwar kein Meisterwerk wie Matthew Stovers Episode-III-Adaption, aber ein durchaus solider Filmroman. An der uninspirierten Handlung und den sonstigen Inhalten kann Carson freilich nichts ändern, aber immerhin gelingt es ihr, die Figuren etwas plastischer zu zeichnen und die Struktur zu entzerren. All jene, denen Episode IX tatsächlich gefallen hat, sollten sich Carsons Version der Geschichte definitiv zu Gemüte führen. Ansonsten wird die „Expanded Edition“ die Meinung zum Film kaum ändern, aber sie gibt zumindest ein von Marc Thompson exzellent vorgelesenes, kurzweiliges Hörbuch ab.

Siehe auch:
Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension
Das Erwachen der Macht
Die Rache der Sith

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The Masque of the Red Death

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Literatur in Zeiten des Corona-Virus? Welcher Horror-Fan denkt da nicht an Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“? Kaum eine andere Geschichte aus dem reichen Fundus der Schauerliteratur dürfte jemals so brandaktuell gewesen sein wie diese – inklusive Quarantäne und Corona-Party – oder besser gesagt, Corona-Party in Quarantäne. Wie bei so vielen anderen Poe-Geschichten ist die Liste der Adaptionen lang und die der Referenzen noch länger. Für diesen Artikel habe ich mir zwei dieser Adaptionen herausgegriffen, die ich zusammen mit der eigentlichen Geschichte besprechen werde: Es handelt sich dabei um zwei deutsche Hörspielproduktionen, die diese Kurzgeschichte auf sehr unterschiedliche Art und Weise umsetzen.

Die Geschichte
„The Masque of the Red Death” erschien 1842 auf den Seiten von Graham’s Magazine und erzählt die Geschichte des, je nach Übersetzung, Prinzen bzw. Fürsten Prospero. Im ganzen Land wütet eine besondere Krankheit, der „Rote Tod“, die ein exzessives Bluten der Poren verursacht und in kurzer Zeit nach der Ansteckung zum Tod führen kann. Prospero und seine Adeligen verschanzen sich in einer alten Abtei mit vielen Vorräten und versuchen so, der Krankheit zu trotzen. Um gegen ihre Langweile anzukämpfen, veranstaltet der Fürst ein großes Maskenfest in sieben speziell präparierten Räumen. Jeder ist mit anderem Licht illuminiert, blau, lila, grün, orange, weiß und violett. Nur der siebte Raum ist schwarz ausgehängt und wird von rotem Licht beleuchtet. Unter die Gäste mischt sich eine Gestalt im Kostüm des Roten Todes, inklusive blutbeschmierter Robe und entsprechender Maske. Prospero befiehlt, den Träger dieses geschmacklosen Kostüms hinzurichten, doch als seine Wachen versuchen, den Fremden zu demaskieren, müssen sie feststellen, dass sich kein Mensch aus Fleisch und Blut im Kostüm befindet. Stattdessen ist der Rote Tod persönlich gekommen und fordert nun das Leben Prosperos und aller Adeligen.

Edgar Allan Poe ist bekannt dafür, typische Elemente der „Gothic Fiction“ zu entnehmen und diese zu psychologisieren. Bei ihm sind es weniger die Geister und sonstigen übernatürlichen Monster, die im Mittelpunkt stehen, sondern der Wahnsinn und die Verderbtheit der Protagonisten. „The Masque of the Red Death“ ist da keine Ausnahme. Poe borgt sich einige Elemente aus „The Castle of Otranto“ von Horace Walpole, dem ersten Vertreter der Gattung „Gothic Novel“, inklusive des Schloss-ähnlichen Schauplatzes, der Atmosphäre und natürlich des Handlungsortes Italien, der durch Prosperos Namen angedeutet wird. Die Bedrohung tritt hier durch eine fiktive Krankheit auf, die sich letzten Endes auch den arroganten Adel holt, der glaubt, sich ihr entziehen zu können und sich dabei ein Gefängnis erbaut, das ihn ein-, die Krankheit aber letzten Endes nicht ausschließt. Oft wurde der Rote Tod als Ausdruck von Tuberkulose interpretiert, an welcher mehrere Mitglieder aus Poes Umfeld, darunter seine Frau Virginia, seine Mutter Eliza und sein Bruder William litten und zum Teil auch verstarben.

Stilistisch ist „The Masque of the Red Death” sehr distanziert vom Geschehen, mehr Bericht denn tatsächliche Erzählung. Es gibt einen Ich-Erzähler, der jedoch kaum in den Vordergrund tritt und auch nicht Teil der eigentlichen Narrative ist, sei es als tatsächlich handelnde Person oder als bloßer Beobachter. Prosepro ist die einzige namentlich erwähnte Figur und im Grunde auch die einzige Figur, mit Ausnahme des maskierten Fremden, die in irgendeiner Form als handelnde Person auftritt. Gerade das macht es natürlich schwer, die Geschichte für ein anderes Medium zu adaptieren, speziell eines, das wie das Hörspiel primär auf Dialogen basiert.

Lübbe Audio: Edgar Allan Poe
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Von 2003 bis 2009 veröffentlichte Lübbe Audio unter der Regie von Simon Bertling und Christian Hagitte eine Hörspielserie mit dem schlichten Titel „Edgar Allan Poe“. Im Rahmen dieser Serie, die insgesamt 37 Folgen umfasst und leider unvollendet bleibt, werden einerseits Poes Geschichten adaptiert, andererseits wird aber auch eine neue, „poeesque“ Geschichte mit subtilen Metaelementen erzählt. Im Zentrum dieser Geschichte steht ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und den zufälligen Namen Edgar Allan Poe annimmt. Vor allem zu Beginn folgt jede Episode dem selben Muster: Poe versucht, seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen, reist von einem Ort zum anderen und wird immer wieder von bizarren, verstörenden Alpträumen geplagt – jeder dieser Alpträume ist eine mehr oder weniger vorlagengetreue Adaption einer Poe-Geschichte und nimmt den Großteil des Hörspiels in Anspruch, während die Suche des Protagonisten nach seiner Identität als Rahmenhandlung fungiert. In späteren Episoden wird dieses Muster allerdings aufgebrochen und die Rahmenhandlung rückt stärker in den Vordergrund. Was diese Hörspielserie vor allem auszeichnet, ist die hochwertige Produktion, unter anderem wurde der Soundtrack extra von einem Orchester eingespielt und auch die Sprecherriege kann sich sehen lassen, unter anderem wirken Ulrich Pleitgen als Poe, Iris Berben als seine Geliebte Leonie und Till Hagen als Dr. Templeton mit, zusätzlich zu diversen Gaststars, darunter Joachim Kerzel, Anna Thalbach, Hans Peter Hallwachs, Jürgen Kluckert und viele weitere.

„The Masque of the Red Death“ findet sich, ebenso wie die meisten anderen wirklich bekannten Poe-Geschichten, zu Beginn der Serie, es handelt sich um Folge 4. Amüsanterweise war es auch die erste Folge der Serie, die ich hörte und tatsächlich wohl einer meiner ersten Kontakte mit Poe überhaupt. Die Rahmenhandlung nimmt hier noch verhältnismäßig wenig Raum ein, der Fokus liegt auf der eigentlichen Kurzgeschichte, die weniger inhaltlich verändert als vielmehr weiter ausgearbeitet und dem Medium angepasst wird. Poes Prosa konzentriert sich vor allem auf das Maskenfest, beschreibt dessen Konzeption ziemlich detailliert, geht aber kaum auf Figuren ein, erzählt nicht szenisch und beinhaltet kaum wörtliche Rede. Das Hörspiel dagegen konzentriert sich auf all die Elemente, die bei Poe lediglich impliziert werden oder keine Rolle spielen, etwa den Ausbruch der Seuche. Zu Beginn der Geschichte wütet der Rote Tod bereits im Land, während das Hörspiel deutlich unbeschwerter beginnt. Neben Prospero, durch dessen Augen Edgar Allan Poe (die Figur) die Geschehnisse wahrnimmt, werden weitere Figuren vorgestellt, darunter Prosepros Hofmeister (Peter Groeger), sein Narr (Thomas B. Hoffmann) und das Küchenmädchen Louisa (Yara Blümel). Poe (die Figur) fungiert zwar als Erzähler der Rahmenhandlung, die eigentliche Adaption der Kurzgeschichte kommt allerdings ohne Erzähler aus und setzt die Handlung szenisch um, vom Ausbruch der Krankheit, die von Gauklern ins Land gebracht wird, über die rasche Ausbreitung und die Verschanzung des Adels bis hin zum Maskenball. Die Distanziertheit der Vorlage wird zugunsten des persönlichen Schicksals der Figuren aufgegeben. Das Hörspiel bemüht sich, die Folgen der Seuche und der Isolation auf den psychischen Zustand der Charaktere plastisch darzustellen. Die Konzeption des Maskenballs mit den farbigen Räumen, dessen Beschreibung bei Poe so viel Platz bekommt, spielt hier dagegen nur eine kleine Rolle.

In der Kurzgeschichte wird Prospero darüber hinaus kaum als plastische Figur gezeichnet, was einer Adaption einige Möglichkeiten an die Hand gibt. Hier wird Prospero, natürlich ebenfalls von Ulrich Pleitgen gesprochen, im Großen und Ganzen als positive, fast schon gutmütige, wenn auch hilflose Figur gezeichnet. Der Hofmeister ist eher die handelnde Figur, schlägt die Maßnahmen zu Kampf gegen die Seuche vor, ordnet die Isolation an und hat auch die Idee, den Maskenball zu veranstalten. Prospero ist schon fast passiv. Insgesamt ist diese Darstellung der Figur ein sehr interessanter Kontrast zum zweiten zu besprechenden Hörspiel.

Titania Medien: Gruselkabinett
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Seit 2004 produzieren Stephan Bosenius und Marc Gruppe mit ihrem Label Titania Medien hochwertige Hörspiele. Neben Sherlock Holmes und diversen Märchen gehört zu ihrem Repertoire auch die Reihe Gruselkabinett, in der Klassiker der Schauerliteratur adaptiert werden – da darf Poe natürlich nicht fehlen. Da „The Masque of the Red Death“ ohnehin eine von Poes bekanntesten und beliebtesten Geschichten ist, bot es sich natürlich an, nach „The Fall of the House of Usher“ auch diese Erzählung adaptieren – dabei standen Bosenius und Gruppe natürlich ebenfalls vor dem Problem, dass sie es mit einer sehr kurzen, nicht szenischen Geschichte zu tun hatten. Anstatt allerdings die Handlung „nur“ auszuarbeiten, wählten die beiden einen anderen Ansatz und verschmolzen zwei von Poes Geschichten zu einer, die zweite ist die deutlich weniger bekannte Erzählung „Hop-Frog“, in der ein missgestalteter Zwerg diesen Namens und seine ebenfalls kleinwüchsige Gefährtin Tripetta Rache an einer Gruppe spottender und grausamer Adeliger und ihrem König nehmen. Im Zentrum dieser Geschichte steht ebenfalls ein Maskenfest, in dessen Rahmen die Adeligen und der König sich dazu überreden lassen, sich als Orang-Utans zu verkleiden, um dann anschließend von Hopp-Frosch angezündet zu werden.

Ähnlich wie in der Kurzgeschichte wütet der Rote Tod zu Beginn des Hörspiels bereits im Lande. Hauptfigur ist Hopp-Frosch (Sven Plate), der zusammen mit Tripetta (Daniela Reidies) von Prospero (Ernst Meincke), der an die Stelle des grausamen Königs tritt, und seinen Ministern (Uli Krohm, Viktor Neumann und Alexander Turrek) aufgesammelt wird. So sind die beiden zwar vorerst sicher vor dem Roten Tod, aber der Grausamkeit Prosperos und seiner Minister ausgeliefert. Die Szenen des Hörspiels sind, bis auf das Finale, praktisch alle aus „Hop-Frog“ entnommen und werden sogar noch erweitert, unter anderem taucht mit Giulietta, der Geliebten Prosperos, noch eine Figur auf, die extra für das Hörspiel neu geschaffen wurde, um weitere Dialoge zu ermöglichen. Darüber hinaus wurde Tripettas Rolle stark erweitert. Da Prospero natürlich erst am Ende sterben darf, ist er, anders als der grausame König aus „Hop-Frog“, nicht an der Orang-Utan-Maskerade beteiligt. Ansonsten wird er als Figur aber deutlich negativer gezeichnet als sein Gegenstück aus der Vorlage oder dem Lübbe-Audio-Hörpsiel. Und anders als im Hörspiel von Lübbe Audio wird der Fokus wieder stärker auf das Setting und die farbigen Räume gelegt.

Es ist tatsächlich interessant, wie gut die beiden Geschichten zu- bzw. ineinander passen. In einem späteren Hörspiel gingen Bosenius und Gruppe noch einmal denselben Weg und kombinierten zwei weitere Poe-Geschichten miteinander, „The Pit and the Pendulum“ und „The Casc of Amontillado“ – hier ist das Ergebnis allerdings weitaus unbefriedigender, da die Geschichten nicht gut ineinandergreifen und einer der zentralen Aspekte der zweiten Erzählung nichtig wird: Als Leser wissen wir nie, weshalb Montresor an Fortunato Rache nehmen will, was einen Großteil des Schreckens ausmacht, im Hörspiel sind es die Ereignisse aus „The Pit and the Pendulum“.

Fazit: Das Gruselkabinett-Hörspiel legt den Fokus stärker auf die bizarren und schaurigen Elemente der Geschichte – sogar der Rote Tod (Axel Lutter) selbst darf am Ende zu Wort kommen, während sein Gegenstück von Lübbe Audio die Figuren und ihre Psychologie stärker in den Fokus rückt. Gerade in der aktuellen Situation ist aus diesem Grund die Lübbe-Audio-Version deutlich intensiver und wirkungsvoller, da man gewissermaßen die letzten Wochen noch einmal im Schnelldurchlauf erlebt. Beide Hörspiele sind allerdings überaus hochwertig, gut gesprochen und sehr atmosphärisch.

Bildquelle Lübbe Audio
Bildquelle Titania Medien

Mythos – The Greek Myths Retold


Ich habe schon fast mein ganzes Leben ein Faible für griechische Mythologie. Schuld daran ist ganz eindeutig Disney: Als Kind der 90er haben mich die Zeichentrickfilme der Renaissance-Ära unheimlich geprägt. Nach „Der Glöckner von Notre-Dame“, den ich damals noch nicht ganz so sehr zu schätzen wusste wie heute (mit sieben Jahren versteht man genozidale Absichten und für Disney-Verhältnisse sehr realistische Schurken einfach noch nicht so gut), wurde für 1997 ein Film namens „Hercules“ angekündigt. Zumindest das Disney-Marketing war auch damals schon relativ dominant, sodass man durchaus das eine oder andere mitbekam – aber natürlich war man von den heutigen Möglichkeiten weit entfernt. Was macht man also als Elternteil, wenn der Nachwuchs Fragen zum kommenden Disney-Film stellt, die man nicht beantworten kann? Man leiht aus der Bibliothek ein Kinderbuch über griechische Mythologie aus. Damit begann eine Faszination, die bis heute andauert.

Die griechische Mythologie hat natürlich eine enorme popkulturelle Standfestigkeit und wird in der einen oder anderen Form wieder direkt oder indirekt aufgegriffen, sei es bei „Harry Potter“, in Spielen wie „Age of Mythology“ oder in Filmen wie „Kampf der Titanen“ oder „Troja“. Stephen Fry, seines Zeichens Comedian, Schauspieler und rundum bewundernswertes Individuum, scheint ein ähnliches Verhältnis zur griechischen Mythologie zu haben wie ich, jedenfalls geht das aus diversen Interviews hervor. Seiner Liebe zu diesem Sujet verlieh er bereits mehrfach Ausdruck, allerdings nirgendwo so deutlich wie in seinem 2017 erschienenen Werk „Mythos – The Greek Myths Retold“.

Hin und wieder stößt man auf Bücher, von denen man meinen könnte, sie seien genau für einen selbst geschrieben wurden. „Mythos“ ist so eines. Es handelt sich dabei um eine Neuerzählung der griechischen Sagen, und zwar genauso, wie man das von Stephen Fry erwarten würde: Sprachlich gewandt, jovial, stets mit einem Augenzwinkern und so unheimlich britisch. Um dieses Werk voll auskosten zu können, habe ich mich direkt für die englische Hörbuchfassung erschienen und kann diese nur wärmstens empfehlen. Natürlich liest Stephen Fry selbst – und wer seine Lesung der Harry-Potter-Romane kennt, kann sich vorstellen, was „Mythos“ für ein grandioses und kurzweiliges Hörerlebnis ist. Das Audible-Hörbuch dauert gut 15 Stunden, verfügt aber über keinerlei Längen und ist ebenso kurzweilig wie amüsant. In den letzten Jahren hat sich Fry, nicht zuletzt dank der bereits erwähnten Harry-Potter-Hörbücher, zu einem meiner absoluten Lieblingsleser gemausert.

Selbst wer nur über marginale Kenntnisse der griechischen Mythologie verfügt, dürfte in „Mythos“ einiges vermissen, primär die allseits beliebten Heldensagen, die die Taten von Recken wie Herakles, Theseus oder Perseus beschreiben, und auch der Trojanische Krieg ist nirgends zu finden. Das liegt daran, dass „Mythos“ nur der erste von drei Bänden ist. Der zweite Band, „Heroes – Mortals and Monsters, Quests and Adventures“, ist bereits als englisches Buch und Hörbuch erschienen, Band 3, der sich mit dem Trojanischen Krieg auseinandersetzt, ist gerade in Arbeit. Bei „Mythos“ handelt es sich primär und Neuerzählungen von Hesiods „Theogonie“ und Ovids „Metamorphosen“. Ersteree berichtet von der Entstehung der Welt, der Kriege der Olympischen Götter gegen die Titanen und der Machtergreifung durch Zeus und seine Geschwister. Die „Metamorphosen“ erzählen von Göttern, die sich selbst, einander oder Sterbliche verwandeln. Bekannt Geschichten sind beispielsweise der Musikerwettstreit zwischen Pan und Apollo, die Erzählung von Arachne, der ersten Spinne, König Midas und seine Gier nach Gold und natürlich Zeus und seine diversen Frauengeschichten (bzw. im Fall von Ganymed eine Männergeschichte). All das erzählt Fry in angenehmem, niemals aufdringlichem Plauderton, angereichert mit Seitenhieben und ironischen Spitzen.

Fazit: Wer seine griechische Mythologie hochgestochen und episch mag, wird mit „Mythos“ wahrscheinlich nicht zufrieden sein. Wer dagegen mit einer moderneren, umgänglicheren und sehr britischen Interpretation des klassischen Stoffes keine Probleme hat, den erwartet ein wahrhafter Lese- oder, besser noch, Hörgenuss, bei dem auch immer wieder kommentiert und kontextualisiert wird. „Mythos“ ist zwar definitiv ein erzählendes und kein wissenschaftliches Werk, aber man kann dennoch hin und wieder etwas lernen.

Lovecrafts Vermächtnis: Revival

Spoiler!
Revival von Stephen King
H. P. Lovecraft und Stephen King haben, zumindest für mich persönlich, noch eine weitere Eigenschaft neben ihrem Status als Großmeister des Horror-Genre gemein: Ihre Werke lassen sich besser hören als lesen. Tatsächlich habe ich noch nie ein Werk von Stephen King tatsächlich gelesen – aber doch inzwischen eine ganze Menge als Hörbuch gehört. Soweit ich weiß hat Stephen King mit Ausnahme der Kurzgeschichte „The Crouch“ (die ich allerdings weder gelesen noch gehört habe) nie direkt etwas zum „Cthulhu-Mythos“ beigetragen, ist aber dennoch ein großer Bewunderer Lovecrafts und hat einige Werke verfasst, die definitiv dem Sub-Genre „Kosmischer Horror“ zuzuordnen sind, darunter „ES“ und zumindest teilweise der Zyklus „Der dunkle Turm“. Kings eindeutigste Lovecraft-Hommage ist jedoch der 2014 erschienene Roman „Revival“ – Lovecraft taucht, neben einigen anderen populären Horror-Autoren wie Bram Stoker und Mary Shelley, sogar in der Widmung auf und wird im Roman als einziger von ihnen direkt erwähnt.

„Revival“ baut Spannung und das zentrale Mysterium der Handlung sehr langsam, fast schon ein wenig langatmig auf, zumindest für mich hat das allerdings recht gut funktioniert – wer jedoch plakativen Horror auf den ersten hundert Seiten erwartet, wird definitiv enttäuscht werden. Jamie Morton ist zugleich Erzähler und Protagonist; der Roman ist, ähnlich wie so viele Lovecraft-Geschichten, als Bericht inszeniert, erzählt die Handlung aber nicht immer chronologisch. Zwar werden alle Lebensabschnitt der Hauptfigur mehr oder weniger ausführlich geschildert, Dreh- und Angelpunkt sind jedoch die Begegnungen mit dem Pastor Charles Jacobs. Jede dieser Begegnungen steht unter einem anderen thematischen Schwerpunkt.

Die erste Begegnung findet 1962 statt, Jamie ist noch ein Kind, während der junge Jacobs Pfarrer der kleinen Gemeinde Harlow in Maine (wo auch sonst?) wird, in der Jamie mit seiner Familie lebt. Zwischen Jamie und Jacobs entwickelt sich  eine Freundschaft, der junge Pastor sowie seine junge, attraktive Frau Patsy und sein niedlicher kleiner Sohn Morrie werden bald äußerst populär, vor allem bei der Jugend von Harlow. Dann kommt es jedoch zu einem Desaster: Patsy und Morrie sterben in einem Autounfall und Jacobs reagiert mit einer für das ländliche Amerika der 60er äußerst verstörende Predigt, in der er atheistische Schlüsse zieht. Religion und Theodizee sind das Thema dieses ersten Abschnitts des Romans, der zugleich Jamies Kindheit und Jugend sehr ausführlich schildert.

Jamie wird schließlich Musiker und dabei letztendlich heroinabhängig. 1992 begegnet er Charles Jacobs auf dem Tiefpunkt seines Lebens wieder: Er ist aus seiner Band geflogen, hat kein Geld mehr und ist von seiner Drogensucht gezeichnet. Bereits während Jamies Kindheit interessierte sich Jacobs für Elektrizität; als sie sich nun wiederbegegnet, fertigt Jacobs auf einem Jahrmarkt „Porträts in Blitzen“ als Attraktion und bietet Jamie an, ihn durch die „geheime Elektrizität“ von seiner Sucht zu heilen. Das gelingt tatsächlich und Jamie bekommt sein Leben nach und nach wieder auf die Reihe, auch wenn die Heilung einige merkwürdige Nebenwirkungen hat. Das Thema dieser zweiten Begegnung ist selbstverständlich Sucht.

2008, sechzehn Jahre nach der mysteriösen Heilung, kreuzen sich Jamies und Jacobs Wege erneut. Jacobs ist teilweise zu seinem alten Handwerk zurückgekehrt und betätigt sich als Wanderprediger und Wunderheiler, was Jamie natürlich sehr interessiert, weshalb er sich das alles genauer anschaut und auf einige Merkwürdigkeiten stößt: Nebenwirkungen, Selbstmorde und andere Ungereimtheiten, die ihm Sorgen um sich selbst und andere, die von Jacobs geheilt wurden, bereiten. Im Gespräch mit Jacobs offenbart sich schließlich, dass dieser zu einem verbitterten alten Mann geworden ist, der rücksichtslos seine Forschungen zur „geheimen Elektrizität“ fortführt. Ab diesem Zeitpunkt werden die Horroraspekte des Romans immer stärker, Jacobs erinnert an Doktor Frankenstein.

Die letzte Begegnung findet schließlich 2014 statt; in diesem letzten Abschnitt driftet der Roman endgültig in den Kosmischen Horror ab. Jacobs bringt Jamie durch Erpressung dazu, ihm bei einer letzten Heilung zu assistieren und anschließend mit ihm die „geheime Elektrizität“ zu erforschen, die zu einer erschreckenden Entdeckung führt.

Diese Inhaltsangabe mag ausführlich erscheinen, gibt Kings Roman allerdings nur recht unzureichend wieder, da er das gesamte Leben seines Protagonisten schildert; es tauchen diverse Nebenfiguren aus Jamies familiärem und sozialem Umfeld auf, King bemüht sich, die Entwicklung des Protagonisten sehr anschaulich zu schildern und auch die jeweiligen Lebensumstände authentisch darzustellen. Für meine Rezension sind diese Aspekte jedoch eher sekundär, da es mir um den Kosmischen Horror geht. Ganz ähnlich wie Lovecraft vermittelt King hier alptraumhafte Ideen, die er mit ein wenig Pulp anreichert. Prinzipiell greift King dabei nicht direkt auf Lovecraft oder den „Cthulhu-Mythos“ zurück, kann es aber nicht lassen, eine sehr direkte Referenz zu einem essentiellen Teil des Werkes zu machen. Der Schlüssel zu Jacobs „geheimer Elektrizität“ ist ein Grimoire namens De Vermis Mysteriis („Die Geheimnisse des Wurms“), das King bereits in anderen Geschichten erwähnte. Ursprünglich erfunden wurde dieses finstere Buch von Robert Bloch (taucht ebenfalls in der Widmung auf), der ein großer Bewunderer Lovecrafts war und in seiner Jugend Cthulhu-Mythos-Geschichten verfasste – sein bekanntestes Werk ist allerdings der von Alfred Hitchcock verfilmte Roman „Pycho“. King baut diesbezüglich einen netten Metaverweis ein, indem er eine Figur in „Revival“ erklären lässt, De Vermis Mysteriis hätte Lovecraft zum Necronomicon inspiriert, obwohl natürlich das Necronomicon Bloch inspiriert hat.

Obwohl er sich durchaus an Lovecraft orientiert, bemüht sich King doch, seinen Kosmischen Horror eigenständig zu halten. In vielen Lovecraft-Geschichten bleibt Selbstmord der einzige Ausweg für den traumatisierten Protagonisten, der tiefe, erschreckende Wahrheiten über das Universum und die eigene Insignifikanz erfahren hat. An diesen Punkt knüpft King an und nimmt auch diesen Ausweg, denn die „geheimen Elektrizität“ öffnet sehr spezifische Tore und gibt Einblicke in eine andere Welt. Genau wie bei Lovecraft geht es letztendlich um die Beantwortung fundamentaler Fragen, in diesem Fall: „Was kommt nach dem Tod?“ Und wie bei Lovecraft ist die Antwort keine angenehme. Jamie erhascht letztendlich tatsächlich auf ein Blick in ein Jenseits, in dem jeder Verstorbene von gewaltigen, Ameisen gleichenden Kreaturen versklavt wird, unabhängig davon, ob man im Leben gut war oder nicht. Natürlich steckt hinter dieser „Hölle für alle“ eine Kreatur jenseits menschlichen Verständnisses, „die Mutter“, eine Art Ameisenkönigin mit einem langen, haarigen schwarzen Bein und einer Klaue, die aus menschlichen Gesichtern besteht.

Ob „Revival“ letztendlich funktioniert, hängt von der Perspektive ab, da der Roman über weite Strecken sehr geerdet und realistisch wirkt. Das Übernatürliche schleicht sich nur sehr langsam und subtil ein, die endgültige Enthüllung kommt dann fast ein wenig plötzlich und scheint sich mit dem Ton des restlichen Romans nicht ganz zu vertragen. Wer jedoch Lovecraft-affin ist, erwartet spätestens ab der Erwähnung von De Vermis Mysteriis genau so etwas. Die Gestaltung des Jenseits erinnert ebenfalls an Lovecraft, eigentlich wie immer, wenn zyklopische Ruinen auftauchen, das betrifft aber gerade auch die Konzeption: Riesige Ameisen, die Menschen versklaven klingen nach Pulp und Schundheften – genau wie ein geflügelter Tintenfisch. Es ist gute Genre-Tradition, Pulp-Elemente als Ausdruck eines weitaus tiefergehenden, kosmischen Schreckens zu verwenden. Somit ist „Revival“ ein schönes Beispiel dafür, wie man eine kosmische Horrorgeschichte schreibt, ohne sich (mit einer Ausnahme) direkt auf Lovecraft’sche Elemente zu beziehen.

Zum Schluss noch kurz ein paar Worte zur Hörbuchversion, da ich „Revival“ ja auf diese Weise konsumiert habe: Sie ist äußerst empfehlenswert. Wie so viele King-Romane (und auch eine ganze Reihe von Lovecraft-Geschichten) liest David Nathan, seines Zeichens Synchronsprecher von Johnny Depp und Christian Bale, und er liest so ausgezeichnet wie immer.

Fazit: „Revival“ kann man zwar nicht wirklich zur Riege von Kings besten Werken rechnen, aber es ist doch ein gelungener Roman mit interessanten Themen. Der Spannungsaufbau ist zwar langsam und subtil, aber keinesfalls langweilig. Am gelungensten ist jedoch Kings Verarbeitung der Lovecraft’schen Thematik, der er eine interessante neue Idee hinzufügt, ohne sich dabei des „Cthulhu-Mythos“ zu bedienen.

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Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise

Lovecraft im Gruselkabinett

Halloween 2016

H. P. Lovecraft ist einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts und hat die phantastischen Genres beeinflusst wie nur wenige andere Autoren. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, überall trifft man auf Spuren des eigenbrötlerischen Autors aus Providence. Dennoch sind seine Werke oftmals ein wenig abschreckend. Besonders einen Leser, der moderne Spannungsliteratur gewohnt ist, können Lovecrafts Geschichten, die stilistisch eher eigenwillig und zum Teil sperrig sind, eher langweilen denn erschrecken, da der Lovecraft’sche Horror sich doch deutlich von den Genre-Standards unterscheidet. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich Lovecraft anzunähern und sich mit ihm vertraut zu machen, ohne dabei an seinen Eigenheiten zu scheitern. Die Hörspieladaptionen seiner Geschichten aus der Reihe „Gruselkabinett“ bieten eine solche Möglichkeit.

„Gruselkabinett“ ist die erfolgreichste Serie des Hörspiellabels Titania Medien, das von seinen Gründern Marc Gruppe und Stephan Bosenius geleitet wird. Die beiden produzieren ihre Hörspiele gemeinsam und führen Regie, Gruppe ist darüber hinaus auch für die Bücher verantwortlich. Die Hörspiele sind stets sehr aufwändig und atmosphärisch produziert; Gruppe und Bosenius greifen bevorzugt auf bekannte deutsche Synchronsprecher zurück, was fast durchweg hervorragend funktioniert. In der Zwischenzeit wurden bereits neun Lovecraft-Geschichten adaptiert, die ich im Folgenden besprechen möchte.

Der Fall Charles Dexter Ward (Folge 24 und 25)
ward

Dieser Kurzroman, verfasst im Jahr 1927, den Lovecraft selbst nicht allzu sehr schätzte und der erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, entspricht inhaltlich eher den üblichen Konventionen des Schauerromans. Er handelt von den okkulten Interessen des Charles Dexter Ward, der bald erkennen muss, dass man sich mit untoten Vorfahren besser nicht abgibt. Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist jedoch Dr. Marinus Willet, der Hausarzt der Wards, der die mysteriösen Umstände untersucht. Die Hörspielumsetzung ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen und sehr atmosphärisch. Bereits in dieser ersten Lovecraft-Adaption zeigt sich eine gewisse Tendenz, die erst mit späteren Lovecraft-Hörspielen endet: Fast sämtliche Bezüge zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“, etwa die Erwähnung des Necronomicon, wurden entfernt. Einerseits macht das die Geschichte für einen Hörer ohne Vorkenntnisse zugänglicher, andererseits raubt es ihr auch einiges an Atmosphäre und Kontext. Das fällt hier allerdings nicht so sehr ins Gewicht wie bei einer der anderen Adaptionen. Ansonsten ist „Der Fall Charles Dexter Ward“ ein solider, wenn auch kein herausragender Start der Lovecraft-Hörspiele; routiniert, gelungen, aber nicht mehr.

Der Tempel (Folge 39)
tempel

Bei „Der Tempel“ handelt es sich um eine etwas obskurere Geschichte aus dem Frühwerk Lovecrafts. Gewisse Themen, die in späteren Geschichten dominant sind, werden hier bereits angerissen, allerdings fehlt zum Teil noch die rechte Form. Wie so oft im Lovecraft’schen Œuvre ist „Der Tempel“ als aufgefundenes Dokument konzipiert. Der fiktive Autor trägt den Namen Karl Heinrich, Graf von Altberg-Ehrenstein und ist Kapitän eines deutschen U-Boots im Ersten Weltkrieg. Die Handlung wird durch den Fund einer Leiche ausgelöst, die eine Statue bei sich hat. Ein Besatzungsmitglied nimmt die Statue an sich, was katastrophale Folgen hat, denn besagtes Abbild treibt die Mannschaft nach und nach in den Wahnsinn. Diese Geschichte wurde von Marc Gruppe etwas entschärft, da der Protagonist ein ziemlich übler Rassist ist, dem alle, die nicht preußischer Abstammung sind, zuwider sind. Lovecraft machte sich hier wohl über das lustig, was er als deutsche Mentalität sah (was angesichts seines eigenen Rassismus schon ein wenig ironisch ist). Die übertriebenen Tiraden wurden jedenfalls gestrichen, was der Geschichte durchaus gut tut. Ansonsten gelingt es dem Hörspiel sehr gut, die klaustrophobische Stimmung des U-Bootes einzufangen; auch das langsam Abgleiten in den Wahnsinn wird von den Sprechern gut vermittelt.

Berge des Wahnsinns (Folge 44 und 45)
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„Berge des Wahnsinns“ (erschienen im Jahr 1931) ist eine von Lovecrafts bekanntesten Geschichten, hier dekonstruiert er die mythischen Elemente seiner Geschichten regelrecht. Die Handlung dreht sich um eine Expedition in die Antarktis. Die Forscher entdecken dabei Spuren einer uralten, nichtmenschlichen und womöglich außerirdischen Zivilisation, die eventuell für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich ist. Zwar sind die Angehörigen dieser Spezies verschwunden, doch haben sie höchst gefährliche Kreaturen zurückgelassen. Von allen Lovecraft-Hörspielen verliert „Berge des Wahnsinns“ durch die Adaption am meisten. Wie schon in „Der Fall Charles Dexter Ward“ wurden sämtliche Elemente des „Cthulhu-Mythos“ entfernt, was hier in weitaus größerem Maße ins Gewicht fällt, da dieser Kurzroman, wie gesagt, quasi als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“ betrachtet werden kann. In mancher Hinsicht zeigt dieses Hörspiel wohl, wie eine Hollywood-Adaption von Lovecrafts Geschichten aussehen könnte. Gruppe nahm es sich hier heraus, eine weibliche Figur einzuführen, die regelrecht feministische Züge besitzt. Auch eine Romanze wird subtil angedeutet. Derartige Hinzufügungen passen allerdings überhaupt nicht zu Lovecraft und wirken für jene, die mit ihm als Autor vertraut sind, erzwungen und deplatziert. Wer jedoch unvoreingenommen an dieses Hörspiel herangeht, wird sicher gut unterhalten, da die Hinzufügungen, Weglassungen und Veränderungen nicht auffallen.

Pickmans Modell (Folge 58)
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Die Adaption von „Pickmans Modell“, 1926 verfasst und ein Jahr später publiziert, gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Das Grauen dieser Geschichte ist konventioneller und nicht wirklich mit den Entitäten des „Cthulhu-Mythos“ verbunden, wird jedoch auf für Lovecraft typische Art und Weise präsentiert. Alles dreht sich um den Maler Richard Upton Pickman, dessen verstörende Gemälde die Bostoner Kunstszene aufwühlen; die abgebildeten Kreaturen entspringen allerdings nicht nur der Phantasie des Malers. Das Gelingen dieses atmosphärischen Hörspiels hängt vor allem mit Sascha Rotermund zusammen, der Richard Upton Pickman hervorragend und nuancenreich spricht und so das Hörspiel fast im Alleingang stemmt. Das Grauen dieser Geschichte ist ein sehr indirektes, impliziertes, das jedoch hervorragend vermittelt wird.

Der Schatten über Innsmouth (Folge 66 und 67)
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Ein weiterer Klassiker, der dieses Mal exzellent vertont wurde, auch, weil die mythischen Elemente nicht allzu sehr beschnitten wurden. Wie auch die Geschichte selbst braucht das Hörspiel eine Weile, um richtig in Fahrt zu kommen. Der Protagonist Robert Olmstead (der Name taucht in der Geschichte selbst nicht auf, sondern stammt aus Lovecrafts Notizen, wird aber im Hörspiel verwendet) erforscht den geheimnisvollen Küstenort Innsmouth und stößt dabei auf ein Geheimnis, das nicht nur die merkwürdigen Bewohner der Stadt, sondern auch ihn selbst betrifft. Die Umsetzung ist schnörkellos gelungen. Da „Der Schatten über Innsmouth“ als Geschichte sehr geradlinig und einfach strukturiert ist (jedenfalls einfacher als viele andere Lovecraft-Geschichten), dürfte die Umsetzung auch nicht ganz so anspruchsvoll gewesen sein. Allgemein steht Gruppe bei der Adaption immer vor dem Problem, dass Lovecraft nur selten Dialoge verwendet; seine Geschichten haben zumeist einen distanzierten, berichthaften Charakter mit viel indirekter Rede. „Innsmouth“ ist diesbezüglich eine Ausnahme, da der Mittelteil der Geschichte ein sehr ausführliches Gespräch schildert.

Das Ding auf der Schwelle (Folge 78)
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Eine höchst enervierende Geschichte, verfasst 1933 und publiziert 1937, deren Implikationen fast erschreckender sind als die Dinge, die tatsächlich thematisiert werden. Strukturell gibt es einige Ähnlichkeiten zu „Der Fall Charles Dexter Ward“, durch die Augen von Daniel Upton, des eigentlichen Protagonisten, wird die Lebensgeschichte seines besten Freundes Edward Derby erzählt, wobei „Das Ding auf der Schwelle“ mit Uptons Mord an Derby beginnt. Nach und nach wird enthüllt, wie und warum es zu diesem Mord kam, wobei Okkultismus und Edward Derbys Frau Asenath Waite eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus fungiert diese Geschichte gewissermaßen als indirekte Fortsetzung zu „Der Schatten über Innsmouth“, da Asenath Waite aus besagter Stadt stammt und die Geschichte vereinzelt Elemente aus „Innsmouth“ aufgreift. Auch hier ist die Umsetzung ausgezeichnet und schafft es, Atmosphäre, subtile Bedrohung und Schrecken der Vorlage ausgezeichnet umzusetzen und die berichtartige Geschichte in Dialogform zu bringen.

Die Farbe aus dem All (Folge 90)
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„Die Farbe aus dem All“ (1927) gilt vielen als eine von Lovecrafts besten Geschichten, sie setzt sich auf beängstigende Weise mit Fremdartigkeit auseinander, die von Menschen nicht erfasst werden kann. Ein Meteor landet auf der Farm der Gardners und bringt etwas Fremdes mit sich, das sich am ehesten als unbekannte Farbe beschreiben lässt, die sich nach und nach ausbreitet und alles, was mit ihr in Berührung kommt, verdirbt. Viele Jahre später versucht ein Ermittler aus Arkham herauszufinden, was es mit der Farbe auf sich hat und was mit den Gardners geschehen ist. Trotz der einen oder anderen Freiheit, die sich Marc Gruppe nahm, funktionier auch diese Hörspieladaption ausgezeichnet. „Die Farbe aus dem All“ ist, wie so oft bei Lovecraft, eine Geschichte des subtilen Schreckens, die nicht auf oberflächlichen Schock, sondern auf tiefe Beunruhigung zurückgreift. Tatsächlich denke ich, dass sie auf gewisse Weise sehr realistisch ist. Sollte jemals außerirdisches Leben auf die Erde kommen, könnte ich mir vorstellen, dass es sich tatsächlich so abspielt wie von Lovecraft geschildert.

Träume im Hexenhaus (Folge 100)
hexenhaus

Gruppe und Bosenius wählten „Träume im Hexenhaus“ (verfasst 1932, im Folgejahr publiziert) als Folge 100 aus, weil die Geschichte Lovecrafts kosmischen Horror mit Elementen der traditionellen Schauergeschichte verbindet. Was in der Theorie gut klingt, klappt praktisch aber nicht immer. Die Geschichte erzählt von dem Mathematikstudenten Walter Gilman, der von der in Salem verbrannten Hexe Keziah Mason fasziniert ist und glaubt, ihre Magie basiere auf unirdischer Geometrie, mit deren Hilfe sie sich Raum und Zeit unterwerfen könne. Um seinen Wissensdurst zu stillen zieht er in das alte Haus der Hexe, nur um schon bald von grauenhaften Alpträumen geplagt zu werden. „Träume im Hexenhaus“ gehört nicht unbedingt zu Lovecrafts stärksten Geschichten. Ähnlich wie „Berge des Wahnsinns“ scheint Lovecraft hier eine Dekonstruktion durchzuführen, die einzelnen Elemente der Geschichte wollen aber oftmals nicht so recht zusammenpassen. Während das Hörspiel grundsätzlich professionell aufgezogen und produziert wurde, treten hier die Schwächen der Geschichte fast noch deutlicher zutage, sodass viele der Schrecken letztendlich zu banal und plakativ wirken.

Der Ruf des Cthulhu (Folge 114 und 115)
cthulhu

Diese Geschichte aus dem Jahr 1926 bzw. 1928 hat dem „Cthulhu-Mythos“ seinen Namen verliehen. Ironischerweise war Lovecraft weder besonders begeistert von ihr, noch bediente er sich des tentakelgesichtigen Gottes, nach dem Geschichte und Mythos benannt sind, besonders häufig. Lediglich in „Berge des Wahnsinns“ und „Der Schatten über Innsmouth“ wird Cthulhu noch erwähnt. Dennoch gehört sie zu Lovecrafts bekanntesten und beliebtesten Geschichten. Leider eignet sie sich nicht besonders gut als Vorlage für ein Hörspiel. Die Erzählung setzt sich aus mehreren Berichten zusammen, die sich nach und nach wie ein Puzzle verbinden und vom Erwachen des finsteren Gottes Cthulhu berichten. Was in gedruckter Form allerdings ziemlich gut funktioniert, will als Hörspiel nicht so recht klappen. Die Handlung wirkt ziemlich fragmentiert und kommt bis zum Schluss nicht so recht in Gang. Davon abgesehen ist die Produktion natürlich dennoch auf einem sehr hohen Niveau, kann den Spitzenreitern „Der Schatten über Innsmouth“, „Pickmans Modell“ und „Die Farbe aus dem All“ aber nicht das Wasser reichen.

Siehe auch:
Das Necronomicon
Berge des Wahnsinns