Story der Woche: Ein Porträt Torquemadas

Spoiler!
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Mein erster Berührungspunkt mit H. P. Lovecraft und seinem Vermächtnis war das Hörbuch „Der Cthulhu Mythos“, das nicht nur Geschichten von Lovecraft und einigen seiner Zeitgenossen und Nachahmern enthält, sondern auch über den Schriftsteller aus Providence selbst und einige der sonstigen Hintergründe informiert. Die letzte Kurzgeschichte des Hörbuchs trägt den Titel „Ein Porträt Torquemadas“ und stammt von Christian von Aster, der mit ihr einen Cthulhu-Kurzgeschichtenwettbewerb gewann. Da sich bei ihr nach wie vor um eine meiner Lieblings-Cthulhu-Geschichten handelt, habe ich sie zur „Story der Woche“ gekürt.

Leider ist es nicht ganz leicht, an „Ein Porträt Torquemadas“ in gedruckter Form heranzukommen. Veröffentlicht wurde die Geschichte ursprünglich in dem Festa-Sammelband „Der Cthulhu-Mythos 1976-2002“, der inzwischen allerdings vergriffen ist. Das oben erwähnte Hörbuch, das die Geschichte enthält, noch dazu gelesen von Joachim Kerzel, ist hingegen problemlos über Amazon oder Audible zugänglich und darüber hinaus äußerst empfehlenswert.

Stilistisch gelingt Christian von Aster ein guter Kompromiss zwischen Lovecraft’schen Elementen (ohne nur nachzuahmen) und einem etwas moderneren Stil, der nicht so behäbig und umständlich daherkommt wie der Stil des Altmeisters, sodass „Ein Porträt Torquemadas“ deutlich angenehmer und flüssiger lesbar ist. Inhaltlich knüpft er indirekt an „The Call of Cthulhu“ an – der Cthulhu-Kult steht auch hier im Mittelpunkt, der Schwerpunkt ist allerdings ein anderer. Wie in „The Call of Cthulhu“ gibt es eine Binnenhandlung in Form eines Tagebuchs. Protagonist ist der katholische Arzt Cajetanus, dem auf Anweisung des Vatikans immer wieder Operationen missliebiger Individuen „misslingen“. Eines dieser Individuen ist der Kunsthistoriker Felix Ney, bei dem ein Hirntumor festgestellt wird, nachdem er in der Müncher Pinakothek versucht, ein Gemälde (das titelgebende) mit Säure zu zerstören. Nach der Operation, die Neys Leben kostet, liest Cajetanus in dessen Tagebuch über einen besonderen Auftrag nach. Ney soll ein Porträt des spanischen Großinquisitors Tomás de Torquemada, gemalt von dem Italiener Giuseppe del Candini, restaurieren. Dabei macht er eine kuriose Entdeckung: Im Bücherregal hinter dem Großinquisitor befindet sich ein Buch, Ciceros „De Natura Deorum“, das übermalt wurde. Ney kratzt die obere Schicht ab und findet darunter ein unbeschriftetes Buch mit auffälligem Umschlag. Also wendet er sich an Experten, die das Buch auf dem Bild anhand des Rückens als eine Ausgabe des Necronomicon identifizieren. Mehr oder weniger unfreiwillig begibt sich Felix Ney so auf eine Schnitzeljagd, bei welcher er weitere Hinweise in den Bildern del Candinis auf Cthulhu und dessen Kult findet. Nach und nach stößt Ney – und mit ihm Cajetanus – auf die schreckliche Wahrheit: Die katholische Kirche wurde nicht nur vom Kult des Cthulhu unterwandert, sie hat mit ihm im 15. Jahrhundert einen Pakt geschlossen, der beiden Parteien viele Vorteile bringt. Somit ist auch Cajetanus selbst ein unwissentlicher Agent des tentakelgesichtigen Großen Alten und hat nicht im Auftrag seines Gottes, sondern Cthulhus das Leben vieler Menschen beendet.

Atmosphärisch erinnert „Ein Porträt Torquemadas“ an Roman Polanskis Film „The Ninth Gate“ bzw. den Roman „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte, auf dem dieser basiert – beide beinhalten eine Schnitzeljagd, in deren Zentrum ein verbotenes Buch steht, auch wenn es im Fall der Kurzgeschichte lediglich die Abbildung eines Buches ist. In bester Lovecraft’scher Manier mischt Christian von Aster hier Fakt mit Fiktion: Tomás de Torquemada ist natürlich eine tatsächliche historische Figur, die auch ohne Verbindung zum Kult des Cthulhu genügend Gräueltaten begangen hat. Das titelgebende Porträt und sein Maler Giuseppe del Candini sind fiktiv, von Aster ordnet sie aber kontextuell ein und macht del Candini zu einem Schüler des real existierenden Fra Fillipo Lippi und damit zu einem Zeitgenossen Botticellis. Die Idee, den Kult des Cthulhu mit der katholischen Kirche zu verknüpfen, ist ebenso faszinierend wie naheliegend. Nicht erst seit Dan Browns Romanen (wobei „Ein Porträt Torquemadas“ sogar ein Jahr vor „Angels and Demons“, hierzulande besser bekannt als „Illuminati“, erschien) bietet sich die Kirche für allerhand finstere Verschwörungen ideal an. Man fragt sich fast, weshalb Lovecraft selbst, der für Christentum und Katholizismus nie viel übrig hatte, nicht selbst auf die Idee kam. Der Twist, dass die katholische Kirche vom Cthulhu-Kult unterwandert und kontrolliert wird, ist aus diesem Grund nicht allzu schwer zu erraten. Dennoch gelingt es von Aster, sowohl Spannung aufzubauen, man möchte dann doch wissen, wie sich alles abspielt, als auch die durch die Mischung aus Fakt und Fiktion das Interesse aufrecht zu erhalten. Tatsächlich denke ich, dass der Plot der Geschichte auch durchaus für einen ganzen Roman gereicht hätte. Andererseits funktioniert „Ein Porträt Torquemadas“ als Kurzgeschichte wunderbar und verliert sich nicht in übermäßigen Details, sondern erreicht das Ziel klar und schnörkellos.

Fazit: Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“ ist nach wie vor eine meiner liebsten Cthulhu-Geschichten und eignet sich auch wunderbar als Einstieg in die Thematik, da sie deutlich angenehmer zu lesen ist als viele Storys des Altmeisters.

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Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
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Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
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Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
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In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Heaven and Hell: A History of the Afterlife

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Ich stieß auf Bart D. Ehrman, einen Bibelforscher mit Spezialisierung auf das Neue Testament, eher durch Zufall; auf Youtube fand ich einige Vorträge und Debatten, die ich äußerst ansprechend fand. Gerade für biblische Literalisten bzw. evangelikale Christen, die nach wie vor glauben, die Bibel sei das unfehlbare Wort Gottes, scheint Ehrman, der selbst einen evangelikalen Hintergrund hat, aber „vom Glauben abfiel“, ein rotes Tuch zu sein. Viele Dinge, die für amerikanische Literalisten schockierend sind, werden in Europa generell anders wahrgenommen; Ehrman selbst betont in seinen Vorträgen auch immer wieder, dass er im Grunde unter Historikern die „Mainstream-Meinung“ bezüglich der Historizität des Neuen Testaments vertritt. Sucht man nach einer tatsächlichen „Extremmeinung“ sollte man sich lieber jemandem wie Richard Carrier zuwenden, der die Existenz Jesu insgesamt bezweifelt und ihn als reinen Mythos ansieht. Ehrman dagegen vertritt zwar eine sehr kritische, aber noch verhältnismäßig gemäßigte Position. Wie dem auch sei, ich fand seine Vorträge in jedem Fall äußerst ansprechend und beschloss, mich seinen Büchern zuzuwenden. Nur zwei davon, „Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why“ (deutscher Titel: „Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist“) sowie „Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (And Why We Don’t Know About Them)“ (deutscher Titel: „Jesus im Zerrspiegel: Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt“) sind auf Deutsch verfügbar, und das auch nur antiquarisch und zum Teil zu recht hohen Preisen. Wer allerdings mit der englischen Sprache keine Probleme hat, findet auch das eine oder andere Hörbuch auf Audible. Ich habe mich für „Heaven and Hell: A History of the Afterlife”, gelesen von John Bedford Lloyd, entschieden. Gleich zu Beginn ein paar Worte zur Lesung: John Bedford Llloyd ist als Interpret völlig in Ordnung, aber auch nicht mehr. Er liest deutlich, gut verständlich und für ein Sachbuch vollkommen akzeptabel, aber er ist, anders als beispielsweise Stephen Fry oder (um noch einen deutschen Interpreten einzubringen) Joachim Kerzel, kein Hörbuchsprecher, den ich zu meinen Favoriten zählen würde. Das Vorwort liest Bart Ehrman selbst.

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, erst einmal ein paar Worte zur Grundkonzeption, denn der Titel könnte etwas irreführend sein: Ehrman konzentriert sich spezifisch auf die jüdischen und christlichen Vorstellungen des Jenseits, der Fokus liegt eindeutig auf dem Alten und Neuen Testament (inklusive diverser apokrypher Texte) sowie den Ansichten der frühen christlichen Kirchen. Das Gilgamesch-Epos sowie diverse Werke der griechischen und römischen Mythologie und Philosophie, etwa die „Odysee“, die „Aeneis“ und die Schriften Platons, werden ebenfalls besprochen, aber im Grunde nur insofern sie die jüdisch-christlichen Vorstellungen beeinflusst haben. Wer sich dagegen für die ägyptischen, nordischen oder fernöstlichen Jenseitsvorstellungen interessiert, wird in diesem Werk nicht fündig. Selbst später entstandene Traditionen, etwa der katholische Glaube ans Fegefeuer, wird eher beiläufig gegen Ende des Buches behandelt.

Ehrman beginnt mit einigen persönlichen Anekdoten zu seinem früheren Jenseitsglauben und auch seinem Verlust desselben, bevor er den modernen Standard darlegt, um anschließend in die Antike abzutauchen; wie bereits erwähnt bespricht er, in der gebotenen Knappheit, die Jenseitsvorstellungen des Gilgamesch-Epos und der griechisch-römischen Antike, aus der viele unserer heute gängigen Vorstellungen tatsächlich stammen. Bereits hier zeigt er eine Entwicklung auf, von der Odyssee, in der nur einige wenige Individuen nach ihrem Tod belohnt oder bestraft werden, während die meisten zu einer Existenz des ewigen Dahinvegetierens verdammt sind. Bereits in Vergils Aeneis wird die Belohnung und Bestrafung stärker in den Vordergrund gerückt. Relativ viel Raum nimmt auch die Abhandlung diverser philosophischer Positionen bzgl. Körper, Seele und deren Wechselwirkung ein – wie üblich spielt vor allem Platon eine große Rolle.

Anschließend wendet sich Ehrman dem alttestamentarischen Jenseitsglauben zu – oder besser: dem Mangel daran. Denn tatsächlich spielt das Jenseits vor allem in den frühen Büchern des Alten Testaments kaum eine Rolle. Das Jenseits der alten Hebräer wird „Sheol“ genannt; dieser Ort, zu dem die Seelen nach dem Tod gehen, wird dabei primär durch das Getrenntsein von Gott definiert – wobei nicht völlig klar ist, ob damit tatsächlich eine Hades-artige Unterwelt oder doch nur der Ort, an dem die Toten begraben sind, gemeint ist. Über weite Strecken spielt der Jenseitsglaube im Alten Testament jedenfalls keine Rolle, der Fokus liegt auf Wohl und Weh des Volkes Israel. Nur selten tauchen handfeste „Nachtoderfahrungen“ auf, etwa wenn die Hexe von Endor im Ersten Buch Samuel besagten Propheten auf Sauls Bitten hin aus dem Jenseits ruft. Ehrman arbeitet nachvollziehbar heraus, dass die Idee einer „Auferstehung“ zuerst dem Volk und Staat Israel gilt, das immer wieder besiegt und besetzt wurde. Erst nach und nach, praktisch nur wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt, wandelte sich die Idee der Auferstehung Israels zu einer persönlichen Auferstehung des Individuums. In seine Darstellung bezieht Ehrman auch die in dieser Zeit aufkommende apokalyptische Literatur des Judentums ein, etwa das Buch Daniel oder die nicht zum Kanon des Alten Testaments gehörenden Henoch-Bücher. Bereits vor der Entstehung des Christentums zeichnen sich erste Einflüsse griechischer Kultur ab, da Israel durch die Eroberung Alexanders des Großen Teil der hellenistischen Welt wurde.

Im Kontext jüdischer Apokalyptik kommt Ehrman dann auch zu Jesus selbst, den er als Teil dieser Strömung identifiziert. Hier macht er sehr deutlich, dass der historische Jesus wohl kaum an Himmel und Hölle glaubte (zumindest, soweit sich das überhaupt feststellen lässt), sondern an eine tatsächliche, physische Auferstehung für die Rechtschaffenen und schlichten Tod ohne ewige Qualen für alle anderen. Im wahrscheinlich umfangreichsten Teil des Buches beschreibt Ehrman detailliert den Jenseitsglauben des frühen Christentums, wobei er alle vier Evangelien und deren jeweilige theologische Positionen ausführlich darlegt. Die drei synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich (nicht zuletzt, weil die letzten beiden sich stark auf Markus berufen), während Johannes eine deutlich andere Position vertritt. Auch die Position der Paulus-Briefe, der echten wie der gefälschten, und die Frage nach der körperlichen Auferstehung, wie Paulus sie verstand, erörtert Ehrman sehr ausführlich – vielleicht ein wenig zu ausführlich. Hier und in der weiteren Schilderung des sich entwickelnden Jenseitsglauben zeichnet sich dann langsam auch, beeinflusst von Vorstellungen aus der griechischen Philosophie und der griechisch/römischen-Mythologie, die Entwicklung der gängigen Vorstellungen von Himmel und Hölle ab. Besonders interessant ist Ehrmans Auslegung der Offenbarung des Johannes, die in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle spielt, aber selbst noch nicht ganz „da“ war und sich aus historisch-kritischer Perspektive deutlich weniger auf die ferne Zukunft als auf die Gegenwart der Abfassung konzentriert. Auch gnostische und häretische Jenseitsvorstellungen sowie spätere katholische Entwicklungen wie das bereits erwähnte Fegefeuer werden zumindest in Ansätzen diskutiert, der Fokus liegt aber ohne Zweifel auf dem Alten und Neuen Testament.

Wer sich mit der Thematik zumindest ansatzweise schon einmal kritisch auseinandergesetzt hat, wird zumindest keine „schockierende“ Enthüllung erfahren; zumindest in sehr groben Zügen war mir doch schon einiges bekannt, gerade was den Mangel an Jenseitsglaube im Alten Testament oder griechisch/römische Einflüsse angeht – insgesamt betritt Ehrman hier nicht unbedingt Neuland. Gerade die analytischen Details und die ausführliche Auseinandersetzung mit den biblischen und nicht-biblischen Texten machen das (Hör-)Buch gerade für den interessierten Laien (oder Historiker, der sich nicht auf biblische Geschichte spezialisiert hat) sehr lesens- bzw. hörenswert, besonders weil Ehrman einen sehr angenehmen und unterhaltsamen Stil hat, dem man gut folgen kann. Dasselbe lässt sich von ähnlich gearteter deutscher Literatur oft nicht sagen, da zumindest teilweise immer noch die Meinung vorherrscht, ein solides historisches Werk sollte nicht angenehm lesbar sein. Relativ zeitgleich habe ich „Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike“ von Peter Schäfer gelesen, das stilistisch deutlich sperriger daherkommt.

Fazit: Gelungene, historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Jenseitsglauben des Alten und Neuen Testaments und seiner Entwicklung vom Pentateuch durch die jüdische Geschichte bis hin zu den Evangelien, der Offenbarung und der Transformation zur heute noch gängigen Vorstellung von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Definitiv nicht das letzte Werk von Bart D. Ehrman, das ich konsumieren werde.

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The Great Tales: Die „andere“ Tolkien-Trilogie

Na gut, der Titel ist vielleicht sowohl etwas irreführend als auch inkorrekt, schon alleine, weil „The Lord of the Rings“ nicht wirklich eine Trilogie ist. Tolkien teilte seinen Roman in sechs Bücher auf, hatte aber nie vor, es in mehreren Teilen zu publizieren. Die Entscheidung ging vom Verlag aus, da ein Schinken mit tausend Seiten aufgrund der Papierknappheit in den 50ern nicht wirklich profitabel gewesen wäre. Also schufen Tolkien und sein Verlag Allan & Unwin mehr aus Not und Zufall DAS bevorzugte Format der Fantasy. Aber darum soll es nicht gehen. Mit der anderen Trilogie meine ich drei Werke, die lange nach J. R. R. Tolkiens Ableben erschienen: „The Children of Húrin“, „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“. Wer sich bereits tiefergehend mit Mittelerde beschäftigt hat, dem dürften diese drei Bücher mit Sicherheit ein Begriff sein, auch wenn manch einer vielleicht enttäuscht war, sofern er hoffte, auf den Seiten dieser Werke etwas LotR-artiges zu finden.

Ein kleiner Guide der posthumen Tolkien-Veröffentlichungen
Der Schöpfer von Mittelerde verstarb im September des Jahres 1973. Zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich zwei Werke publiziert, die seine Kunstmythologie einer breiten Leserschaft nahe bringen konnten (zumindest, sofern man nicht den Gedichtband „The Adventures of Tom Bombadil“ mitrechnet). Das eigentliche Hauptwerk, an dem Tolkien seit spätestens 1916 in der einen oder anderen Version arbeitete, hatte nie das Licht der Öffentlichkeit gesehen. Auch nach der Veröffentlichung des „Lord of the Rings“ hörte Tolkien nicht auf, weiter an seiner Mythologie zu feilen, mit der festen Absicht, sie irgendwann zu publizieren – die Nachfrage war zweifellos vorhanden. Doch so blieb das, was als „Book of Lost Tales“ begonnen und schließlich den Titel „The Silmarillion“ erhalten hatte, unvollendet. Tolkiens Sohn Christopher, der bereits zu Lebzeiten seines Vaters stark mit Mittelerde involviert war und testamentarisch auch offiziell zum literarischen Nachlassverwalter bestimmt wurde, nahm es schließlich auf sich, das „Silmarillion“ nicht nur zu vollenden, sondern auch den restlichen literarischen Nachlass seines Vaters zu publizieren. Christopher Tolkien verstarb im Januar diesen Jahres im Alter von 95 Jahren – dieser Artikel ist auch meine Würdigung seiner beeindruckenden Arbeit.

Anders als viele spätere Schriften seines Vaters, die er als kommentierte Ausgaben in zum Teil unvollendetem Zustand veröffentlichte, bemühte er sich, das „Silmarillion“ als in sich geschlossenes Werk zu publizieren, weshalb er durchaus Veränderungen vornahm und unfertiges Material mithilfe des Fantasy-Autors Guy Gavriel Kay fertigstellte. Manche der Entscheidungen, die er in diesem Kontext traf, bereute er später, nicht zuletzt, weil das „Silmarillion“ unter Zeitdruck entstand. Dennoch erschien es schließlich 1977 und war vielleicht nicht alles, was sich Fans des LotR wünschten (was primär ein neuer Roman in eben diesem Stil war, nicht unbedingt eine Mythensammlung verfasst in archaischer Diktion), bot aber doch einen guten Überblick über alle drei Zeitalter von Tolkiens Mythologie – wobei der Fokus natürlich auf dem Ersten liegt. Trotz erster negativer Reaktionen aus dem oben genannten Grund war das Interesse groß genug, um weitere Publikationen zu rechtfertigen. 1980 folgte „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“, was man am ehesten mit dem Bonusmaterial einer DVD oder BluRay vergleichen kann. Im Grunde handelt es sich um Alternativversionen von Geschichten der bereits publizierten Werke, „Outtakes“, die es nicht die Anhänge des LotR geschafft haben sowie Essays, die Hintergründe erläutern (zum Beispiel zu den Istari oder den Palantíri).

Auch hier erwies sich das Interesse als groß genug, um weitere derartige Projekte in Angriff zu nehmen – um nicht zu sagen, DAS Mummutprojekt, das man zweifelsohne als Christopher Tolkiens Opus Magnum im Bereich der posthumen Werk-Publikationen seines Vaters bezeichnen könnte. Die Rede ist natürlich von der zwölfbändigen Reihe „The History of Middle-Earth“ (13, wenn man den Index-Band mitrechnet), erschienen zwischen 1983 und 1996 (bzw. 2002, abermals unter Einbeziehung des Index). Die Detailversessenheit, mit der Christopher Tolkien die Schriften seines Vaters aufbereitete, ist wirklich enorm beeindruckend, auch wenn der Grad an Relevanz schwankt. Vieles, das sich auf den Seiten der „History“ findet, dürfte auch für den „Casual Fan“ durchaus interessant sein, während anderes tatsächliche nur für Literaturwissenschaftler Bedeutung hat. In den ersten beiden Bänden, „The Book of Lost Tales“ Teil 1 und 2, findet sich die früheste Version des „Silmarillion“ bzw. der darin enthaltenden Geschichten des Ersten Zeitalters, die den finalen Fassungen zum Teil schon verblüffend ähnlich sind, sich zum Teil aber auch massiv von ihnen unterscheiden. Besonders interessant ist der Umstand, dass die „Lost Tales“ eine Rahmenhandlung haben, innerhalb derer sie erzählt werden, etwas, das später völlig verloren ging.

Band 3, „The Lays of Beleriand“, enthält noch einmal einige der Silmarillion-Geschichten, allerdings in Form unvollendeter Gedichte. In Band 4, „The Shaping of Middle-Earth“ dokumentiert Christopher Tolkien die Wandlung von der Frühform des Legendarium zur späteren Gestalt – Kernstück dabei ist „Sketch of the Mythology“, eine kompakte Neufassung und Überarbeitung der „Lost Tales“. Der fünfte Band trägt den Titel „The Lost Road“ und beinhaltet diverse Schriften, die primär in den 30ern entstanden, unter anderem Tolkiens angefangener und wieder abgebrochener Zeitreise-Roman „The Lost Road“. In „The Lost Road“ und dem Essay „The Fall of Númenor” tauchte außerdem besagtes Inselkönigreich zum ersten Mal auf, das später noch äußerst wichtig werden sollte.

Die Bände 6 bis 9, „The Return of the Shadow”, „The Treason of Isengard“, „The War of the Ring“ und „Sauron Defeated“, beschäftigen sich mit der Entstehung des „Lord of the Rings” und enthalten Ideen und Evolutionsstufen dieses Romans, etwa Texte zu einem Hobbit mit dem Spitznamen „Trotter“, der sich später zu „Strider“ entwickelte und aus dem schließlich Aragorn wurde. Die letzten drei Bände schließlich, „Morgoth’s Ring“, „The War oft he Jewels“ und „The Peoples of Middle-Earth“ dokumentieren die weitere Entwicklung des „Silmarillion“ bis zu J. R. R. Tolkiens Tod sowie andere angefangene und unvollendete Projekte, etwa „Tal-Elmar“, eine Geschichte über die Kolonisationsaktivitäten der Númenorer aus der Sicht der Kolonisierten sowie „The New Shadow“, eine Fortsetzung des „Lord of the Rings“, die jedoch nie über ein paar wenige Seiten hinauskam.

Es sollte noch erwähnte werden, dass Christopher Tolkien auch einige andere Werke seines Vaters posthum veröffentlichte, die mit Mittelerde jedoch nichts zu tun haben. Dabei handelt es sich primär um zwei poetische Bearbeitungen echter mythologischer Werke, „The Legend of Sigurd and Gudrún“ (2009) und „The Fall of Arthur“ (2013).

Bevor wir zum eigentlichen Sujet des Artikels kommen, noch kurz ein Wort zur Übersetzung: Sowohl vom „Silmarillion“ als auch von den „Unfinished Tales“ („Nachrichten aus Mittelerde“) liegen deutsche Versionen vor, die „History of Middle-Earth“ dagegen bleibt, bis auf die ersten beiden Bände („Das Buch der verschollenen Geschichten“ Band 1 und 2), bislang unübersetzt.

The Children of Húrin
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Nach dem Abschluss der „History of Middle-Earth“ sah es erst einmal so aus, als sei dies alles gewesen, schließlich hatte Christopher Tolkien fast alle Schriften seines Vaters herausgegeben, sogar die Mittelerde-relevanten Brief publizierte er 1981 gemeinsam mit Tolkien-Biograpf Humphrey Carpenter in „The Letters of J. R. R. Tolkien“. 2007 erschien allerdings ein weiteres „neues“ Tolkien-Werk: „The Children of Húrin“, eine der ältesten Geschichten des Legendariums – und eine der tragischsten. Christopher Tolkien ging hier ähnlich vor wie beim „Silmarillion“. Das Ziel war nicht, die Texte in ihrem unvollendeten Zustand mit editorischen Kommentaren zu präsentieren, sondern eine einheitliche Narrative zu schaffen, die als in sich geschlossenes Werk funktionieren kann. Anders als beim „Silmarillion“ bemühte er sich allerdings, so wenig Veränderungen an den ursprünglichen Texten wie möglich vorzunehmen. Im Grunde vereinte er die diversen Versionen, von der aus „The Book of Lost Tales“ über die diversen Zwischenstadien bis zu dem Text, der schließlich im fertigen „Silmarillion“ landete, zu einem durchgehenden Epos.

„The Children of Húrin“ spielt im Ersten Zeitalter Mittelerdes. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Túrin Turambar, eines der titelgebenden Kinder Húrins, der als tragischer Held im Stile Siegfrieds oder Ödipus‘ konzipiert ist. Nachdem sein Vater Húrin in die Hände Morgoths, Saurons Vorgänger als Dunkler Herrscher und quasi das Mittelerde-Gegenstück zu Satan, gerät, wird er vom Elbenkönig Thingol in dessen Königreich Doriath großgezogen, überwirft sich aber mit den Elben von Doriath aufgrund seines aggressiven Verhaltens. Anschließend kämpft er mit einer Banden von Außenseitern gegen Orks, tötet aus Versehen seinen besten Freund und gerät mit dem Drachen Glaurung aneinander, der zwar nicht fliegen kann, aber noch ein paar Stufen bösartiger und manipulativer ist als Smaug. Ganz in der Tradition griechischer und nordischer Tragödien heiratet er schließlich unwissentlich seine Schwester und führt so schließlich seinen eigenen Untergang herbei, freilich mit ein wenig Beihilfe von Glaurung, der den Umstand, dass Túrin ihn schließlich niederstreckt, nicht allzu positiv aufnimmt.

„The Children of Húrin“ ist die wahrscheinlich grimmigste und düsterste Geschichte Tolkiens. Túrin Turambar ist als Protagonist deutlich fehlerbehafteter, als man es aus „The Lord of the Rings“ gewöhnt ist. Zwar ist er nicht wirklich zwiespältig, begeht in seinem Zorn allerdings einige ziemlich große und tragische Dummheiten, um ein ziemlich unangenehmes Ende zu finden. Wo LotR ein bittersüßes Ende hat, ist das Ende dieser Geschichte einfach nur bitter. Stilistisch liegt „The Children of Húrin“ deutlich näher am „Silmarillion“ als am LotR. Die Prosa ist nicht so komprimiert wie in Ersterem, aber der Tonfall ist dennoch der einer epischen Heldensage und weniger der eines traditionellen Romans. Theoretisch kann man „The Children of Húrin“ gänzlich ohne Vorkenntnisse bzw. ausschließlich mit der Kenntnis des LotR konsumieren, aber es hilft definitiv, wenn man zuvor das „Silmarillion“ gelesen hat, um die Ereignisse, Andeutungen und Querverweise besser einzuordnen.

Beren and Lúthien
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Während sich im „Silmarillion“ eine ganze Reihe an Geschichten findet (ich persönliche hatte immer eine Schwäche für Feanor, den Schöpfer der Silmaril, der titelgebenden Edelsteine, hinter denen jeder im Ersten Zeitalter her ist), werden doch drei von ihnen von Vater und Sohn Tolkien als „Great Tales“, also als die essentiellen und zentralen Geschichten verstanden. „The Children of Húrin“ ist die erste. Die Erzählung von Beren und Lúthien ist zweite – und wahrscheinlich diejenige, die Tolkien persönlich am meisten am Herzen liegt. Es handelt sich dabei um DIE große Romanze Mittelerdes, das erste (aber nicht das letzte) Mal, dass sich Mensch und Elbin ineinander verlieben. Besagte Romanze ist eines der zentralen Handlungselemente des gesamten Legendariums, denn nicht nur werden die Nachkommen von Beren und Lúthien immer wieder zu essentiellen Figuren, die das Schicksal Mittelerdes bestimmen, die Beziehung spiegelt sich auch irgendwann in der von Aragorn und Arwen wider, die ihrerseits wiederum beide Nachkommen von Beren und Lúthien sind – in Aragorns Fall natürlich sehr, sehr weit entfernt. Und mehr noch, in dieser Romanze sah Tolkien auch einen Spiegel seiner eigenen Ehe mit seiner Frau Edith. Als sie 1971 starb, ließ er den Namen „Lúthien“ auf ihrem Grabstein eingravieren, und als Tolkien zwei Jahre später verschied, wurde auf seinen Wunsch hin „Beren“ auf seinem Grabstein eingraviert.

Wie die Geschichte der Kinder Húrins gehört auch die von Beren und Lúthien zu den ältesten Geschichten des Legendariums und machte viele Wandlungen durch. Christopher Tolkien wählte für diese Veröffentlichung allerdings einen anderen Weg als bei „The Children of Húrin“. Statt einer vereinheitlichten Narrative entschied er sich dafür, die Entwicklung der Geschichte über die Jahrzehnte hinweg aufzuzeigen. Diese Idee hatte er bereits in den 80ern, als er mehrere Konzepte für die Veröffentlichung der Schriften seines Vaters entwarf. Im Vorwort berichtet er von seinem damaligen Plan, für ein Buch eine einzelne Geschichte aus dem Korpus auszugliedern und sie „as a developing entity“ darzustellen. Die Versionen der Geschichte, die in diesem Buch zu finden sind, wurden in der einen oder anderen Form größtenteils bereits im Rahmen der „History of Middle-Earth“ publiziert, hier sind sie allerdings mit neuen kontextualisierenden Kommentaren versehen gesammelt, so dass man sich nicht durch die halbe „History“ wühlen muss, um alle signifikanten Versionen zu finden. Da es eine deutsche Übersetzung dieses Buches gibt, ist es zusätzlich für alle Mittelerde-Enthusiasten, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, interessant, da die Bände 3 bis 12 der „History“ bislang, wie bereits erwähnt, nicht übersetzt wurden.

„Beren and Lúthien“ enthält unter anderem die ursprüngliche Version der Geschichte aus dem „Book of Lost Tales“ mit dem Titel „The Tale of Tinúviel“, einen Ausschnitt aus dem bereits erwähnten Schriftstück „Sketch of the Mythology“, mehrere Ausschnitt aus dem „Lay of Leithian“, einem der epischen, aber unvollendeten Gedichte aus dem dritten Band der „History“, sowie diverse andere Versionen, die zum Teil ineinandergreifen. Die Essenz der Handlung ist freilich immer dieselbe: Beren verliebt sich in Lúthien, darf sie allerdings nicht heiraten. Als Bedingung stellt ihr Vater Thingol, dass Beren ihm einen der Silmaril aus Morgoths Krone bringt. Beren gelingt es, nach diversen Abenteuern – und mit der tatkräftigen Unterstützung Lúthiens – tatsächlich, einen der Silmaril aus der Krone herauszuschneiden. Schließlich nimmt das Ganze einen, mehr oder weniger tragischen bzw. glücklichen bzw. bittersüßen Ausgang, je nach Version.

Besonders interessant sind natürlich die Unterschiede zwischen den Versionen. So ist Beren in der Lost-Tales-Fassung noch kein Mensch, sondern ein Elb, einer der Noldor, bzw. Noldoli, die zu diesem Zeitpunkt noch Gnome genannt werden. Tolkien orientiert sich dabei an der ursprünglichen griechischen Bedeutung des Wortes gnome (Verstand), realisierte aber früher oder später, dass seine Leser unweigerlich Gartengnome vor Augen haben würden, weshalb er diese Bezeichnung später verwarf. Morgoth trägt noch nicht diesen Namen, der „dunkler Feind der Welt“ bedeutet, sondern firmiert ausschließlich unter seinem ursprünglichen Namen Melkor, und diesem fehlt auch noch das „r“, also Melko. Von besonderer Bedeutung ist eine Episode, in der Beren in die Klauen von einem der mächtigsten Diener Melko(r)s gelangt. In der Tales-Version handelt es sich dabei um Tevildo, den Fürsten der Katzen, der jedoch nie wieder aufgegriffen wird. An seiner statt tritt in „Sketch of the Mythology“ Thû, der Nekromant auf, aus dem später schließlich Sauron wird.

Auch wenn Christopher Tolkien den Kontext der Geschichte zusammenfasst und diverse Handlungselemente des Ersten Zeitalters, die von Bedeutung sind, kurz anreißt, halte ich die Lektüre des „Silmarillion“ zum Verständnis dieses Werkes doch fast für zwingend nötig. Wo „The Children of Húrin“ durchaus noch als archaisches Epos aus Mittelerde genossen werden kann, ist „Beren and Lúthien“ dafür zu deutlich literaturwissenschaftlich. Wer die „History of Middle-Earth“ komplett gelesen und studiert hat (was bei mir übrigens selbst noch nicht der Fall ist), wird wohl wenig Neues entdecken. Insofern richtet sich dieses Werk primär an jene, die zwar ein tiefergehendes Interesse an Mittelerde und der Entstehung des Legendariums haben, sich aber an die „History“ (noch) nicht heranwagen wollen. Mit „Beren and Lúthien“ kann man die Konzeption der „History“ gewissermaßen an einem expliziten Beispiel austesten.

The Fall of Gondolin
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Ursprünglich dachte Christopher Tolkien, bei „Beren and Lúthien“ würde es sich um seine letzte Veröffentlichung handeln, 2018 legte er mit „The Fall of Gondolin“ allerdings noch einmal ein Werk nach und konnte so diese inoffizielle Trilogie der „Great Tales“ vollenden. Konzeptionell ist „The Fall of Gondolin“ dem direkten Vorgänger sehr ähnlich: Abermals ging es nicht darum, eine einheitliche Narrative zu gestalten, sondern die Evolution der Erzählung zu verdeutlichen. Die legendäre Elbenstadt Gondolin wird übrigens bereits im „Hobbit“ erwähnt – Glamdring, Orcrist und Stich wurden dort geschmiedet.

Im Fokus der Erzählung steht der Mensch Tuor, Cousin von Túrin Turambar, der sich im Auftrag des Vala Ulmo nach Gondolin begibt, um Turgon, den König des verborgenen Elbenreiches, vor dem Untergang seines Volkes zu warnen. In Gondolin entsteht eine weitere Menschen/Elben-Beziehung zwischen Tuor und Idril Celebrindal, Turgons Tochter. Dies führt jedoch letzten Endes dazu, dass der Elb Maeglin, Sohn von Turgons Schwester, der ebenfalls in Idril verliebt ist, Gondolin an Morgoth verrät, sodass dieser die verborgene Stadt mit aller Gewalt angreifen und niederwerfen kann. Tuor und Idril gelingt mit ihrem Sohn Eärendil, der einst zu einem der größten Helden Mittelerdes werden soll, die Flucht. Nebenbei bemerkt, Eärendil ehelicht später Elwing, die Enkelin von Beren und Lúthien, und zeugt mit ihr Elrond den Halbelben und Elros, den ersten König von Númenor.

Strukturell ist der Aufbau ähnlich wie beim Vorgänger: Nach einem ausführlichen Prolog, in dem Christopher Tolkien auch diese letzte der „Great Tales“ in Kontext setzt, folgt die ursprüngliche Version aus dem „Book of Lost Tales“. Abermals werden die knapperen Abrisse aus dem „Sketch of the Mythology“ und dem „Quenta Noldorinwa“, einer weiteren Vorform des „Silmarillion“, präsentiert, gefolgt von der wahrscheinlich interessantesten Fassung, die Christopher Tolkien als „The Last Version“ bezeichnet. Es handelt sich hierbei um den Anfang einer längeren Ausarbeitung dieser Geschichte, die stilistisch an „The Children of Húrin“ erinnert und deutlich detaillierter ist als alle anderen Versionen – leider bricht sie ab, kurz nachdem Tuor in Gondolin ankommt. In „The Evolution of the Story“ legt Christopher Tolkien noch einmal detailliert dar, wie sich die Erzählung über die Jahrzehnte hinweg gewandelt hat und liefert darüber hinaus auch noch die Endstücke des „Sktech of the Mythology“ und der „Quenta Noldorinwa“, die zugleich auch von den direkten Nachwirkungen des Falls von Gondolin erzählen, bis hin zu einem kurzen Abriss der Niederlage Morgoths und dem Ende des Ersten Zeitalters.

Was ich über „Beren and Lúthien“ geschrieben habe, gilt für „The Fall of Gondolin“ natürlich in gleichem Maße, wenn nicht noch mehr. Die einzige der drei „Great Tales“, die in diesen Veröffentlichungen auf eigenen Füßen stehen kann, ist „The Children of Húrin“. Für die anderen beiden benötigt man ein tiefergehendes, fast schon literaturwissenschaftliches Interesse an Tolkien. Als Startpunkte für eine detaillierte Beschäftigung mit der Entwicklung von Tolkiens Legendarium funktionieren „Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“ allerdings ausgezeichnet. Und darüber machen sie sich, sowohl in der deutschen als auch in der englischen Hardcover-Version exzellent im Bücherregal. Alle verfügen über wunderschöne und atmosphärische Illustrationen von Alan Lee, die man gar nicht genug preisen kann (was auch Christopher Tolkien in „The Fall of Gondolin“ noch einmal ausgiebig tut).

Die Hörbücher der Älteren Tage
Zum Abschluss möchte ich noch an meine Hobbit- und LotR-Hörbuch-Artikel anknüpfen, denn auch zu den Geschichten der Älteren Tage existieren Hörbücher. Das „Silmarillion“ wurde sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache umgesetzt. Das englische Hörbuch wird, anders als „The Hobbit“ und „The Lord of the Rings“, nicht von Rob Inglis, sondern von Martin Shaw interpretiert. Zwar habe ich dieses Hörbuch bislang nur ausschnittsweise gehört, aber ich denke, Shaw sagt mir mehr zu als Inglis. Die deutsche Version wird von Joachim Höppner vorgelesen, es handelt sich dabei um eines der beiden Mittelerde-Hörbücher, die er vor seinem Tod noch fertigstellen konnte. Dieses Hörbuch kann ich uneingeschränkt empfehlen. Anders als bei den deutschen LotR-Hörbüchern stört hier die Übersetzung nicht; zwar stammt auch die Silmarillion-Übersetzung von Krege, aber im Gegensatz zum LotR hat er hier meiner bescheidenen Meinung nach sehr gute Arbeit geleistet. Höppners Interpretation des Textes ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, gerade hier wirkt es, als würde einem Gandalf persönlich die Geschichte und Geschichten Mittelerdes erzählen.

Sowohl die „Unfinished Tales“ als auch die ersten beiden Bände der „History“ scheinen als englische Hörbücher eingelesen worden zu sein, von Erin Jones respektive Patrick Hogan. Dabei handelt es sich um „Library of Congress recordings“, die wohl nicht (oder nicht mehr) im freien Handel erhältlich sind, zumindest können diese Hörbücher nicht über Amazon oder Audible bezogen werden, allerdings sind sie auf Youtube gelandet.

„The Children of Húrin“ existiert abermals sowohl als deutsches als auch als englisches Hörbuch. Es wird kaum verwundern, dass Gert Heidenreich, wie bei allen Tolkien-Hörbüchern ab „The Two Towers“, hier die Interpretation übernommen hat, und wie üblich gibt es daran nicht auszusetzen, nach drei anderen Tolkien-Werken weiß Heidenreich genau, wie er die Texte des Professors vorlesen muss. Die englische Version ist allerdings dennoch vorzuziehen, denn dieses Mal liest Christopher Lee persönlich, und mit welch einer beeindruckenden Gravitas. Hier wird noch einmal deutlich, dass dieses Casting einfach perfekt ist. Wer also sowohl des Deutschen als auch des Englischen mächtig ist, kann sich nicht nur von Gandalf, sondern auch von Saruman die Geschichten der Älteren Tage erzählen lassen.

„Beren and Lúthien“ und „The Fall of Gondolin“ wurden nur auf Englisch, aber nicht auf Deutsch eingelesen. Bei beiden sind Timothy und Samuel West die Sprecher. Timothy West liest dabei die Einleitungen und Kommentare von Christopher Tolkien, während sein Sohn Samuel die eigentlichen Erzähl- und Gedichttexte übernimmt. Das funktioniert sehr gut, besonders da Timothy West zwar 14 Jahre jünger ist als Christopher Tolkien, man sich aber vorstellen kann, dass er durchaus so geklungen haben könnte. Timothy West klingt dagegen deutlich neutraler und liest sehr gut, wenn auch ein wenig anonym – natürlich kein Vergleich zu einem Christopher Lee.

Bildquellen:
Children of Húrin
Beren and Lúthien
The Fall of Gondolin

Siehe auch:
The Hobbit: Theatrical Audiobook
The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook

The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook


Wie schon den „Hobbit“ lernte ich auch „The Lord of the Rings“ über die Hörspielfassung des WDR, bei der Bernd Lau Regie führte, kennen. Obwohl derselbe Rundfunksender verantwortlich war, handelt es sich bei dieser Hörspielversion nicht um einen direkte Fortsetzung mit denselben Sprechern, was auch dran liegen könnte, dass zwischen beiden Versionen elf Jahre liegen – das Herr-der-Ringe-Hörspiel wurde 1991 ausgestrahlt. Anders als beim Hobbit-Hörspiel ist mein Verhältnis zu dieser Tolkien-Adaption etwas zwiegespalten. Einerseits handelt es sich dabei um die erste Version des Ringkriegs, die ich konsumierte und damit ist es natürlich stark nostalgisch aufgeladen. Darüber hinaus ist die Sprecherriege äußerst hochkarätig, zu den Mitwirkenden gehören etwa Matthias Haase als Frodo, Manfred Steffen als Gandalf, Hans-Peter Hallwachs als Aragorn, Rufus Beck als Pippin und Dietmar Mues als Gollum – hier gibt es nicht auszusetzen, weder an der Besetzung an sich, noch an der Leistung der Sprecher. Problematisch ist dagegen die konstante Falschaussprache der primär elbischen Eigennamen sowie die, nennen wir es, „asymmetrische Adaption“. Vor allem die Inhalte des ersten Bandes sind wirklich sehr detailliert und vorlagengetreu umgesetzt, sogar Tom Bombadil und die Begegnung der Hobbits mit den Grabunholden wurden umgesetzt. Spätere Handlungselemente werden allerdings völlig ausgespart, etwa die Begegnung Frodos und Sams mit Faramir oder das komplette Ende – nicht nur die Säuberung des Auenlands, sondern auch die Fahrt zu den Grauen Anfurten. Stattdessen endet das Hörspiel damit, dass die Hobbits in Bree ankommen, was natürlich einiges an der Kernaussage des Werkes ändert.

Wer eine etwas ausgewogenere Dramatisierung des „Lord of the Rings“ sucht, auf Tom Bombadil verzichten kann und der englischen Sprache mächtig ist, kann stattdessen zur Hörspielfassung der BBC greifen. Gerade jetzt, da Sir Ian Holm vor kurzem verstorben ist, lohnt sich besagte Adaption besonders, da er hier, zwanzig Jahre vor seinem Auftritt als Bilbo in Peter Jacksons „The Fellowship of the Ring“, bereits Frodo spricht. Ebenfalls mit von der Partie sind Bill Nighy als Sam, Michael Hordern als Gandalf, Robert Stephens als Aragorn, Peter Woodthorpe als Gollum und Michael Graham Cox als Boromir – die beiden Letzteren verkörperten diese Rollen auch in Ralf Bakshis LotR-Animationsfilm. Gerade vom dramaturgischen Standpunkt aus betrachtet ist die BBC-Version deutlich besser gelungen als die WDR-Fassung – nicht nur ist das Ende intakt, auch sonst entschlossen sich die Skriptautoren Brian Sibley (der später die Makin-Of-Bücher zu den beiden Jackson-Trilogien schreiben sollte) und Michael Bakewell, den Roman „filmischer“ umzusetzen. Viele der Szenen, die bei Tolkien nur narrativ vermittelt werden, wurden im BBC-Hörspiel, anders als in der WDR-Adaption, direkt umgesetzt, etwa Gandalfs Gefangennahme durch Saruman oder die Zerstörung Isengarts.

Dramatisierte Adaptionen sind nun natürlich nicht jedermanns Sache. Wer sich dem Originaltext zur Gänze widmen will, kann zu den verschiedenen Hörbuchfassungen greifen. Wie ich bereits im Hobbit-Gegenstück zu diesem Artikel schrieb: Joachim Höppner, die deutsche Stimme Ian McKellens, begann damit, die Werke Tolkiens einzulesen, verstarb aber leider, nachdem er das „Silmarillion“ sowie den ersten LotR-Band beendet hatte, weshalb sein guter Freund Gert Heidenreich das Werk fortführte und nicht nur die verbliebenen beiden Bände einlas, sondern auch gleich noch den „Hobbit“ sowie „The Children of Húrin“. Sowohl Höppner als auch Heidenreich interpretieren den Text sehr gelungen, es gibt jedoch ein Detail, das eine uneingeschränkte Empfehlung verhindert: Für die Hörbücher entschied sich der HörVerlag, die neue Übersetzung von Wolfgang Krege statt der klassischen von Margaret Carroux zu verwenden. Während die Carroux-Überstzung in ihrem Tonfall relativ konstant ist, versuchte Krege, Tolkiens Spiel mit Sprachstilen (von sehr umgangssprachlich für die Hobbits bis hin zu sehr gewählt und altertümelnd bei diversen Elben und Herrschern der Menschen) ins Deutsche zu übertragen. Grundsätzlich ein sehr löblicher Ansatz, nur die Umsetzung finde ich insgesamt nicht besonders gelungen und oftmals holprig bis unpassend.

Wie schon beim „Hobbit“ ist Rob Inglis auch für die englische Lesung des „Lord of the Rings“ verantwortlich, anders als beim „Hobbit“ habe ich mir diese Version jedoch nicht zu Gemüte geführt. Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass Inglis‘ Lesungen sich wohl nicht groß voneinander unterscheiden: Professionell, präzise in Aussprache und Betonung, aber ein wenig trocken. Zum Glück existiert auch hier eine Fan-Alternative in Form des „The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook“ von Phil Dragash – dieses inspirierte Bluefax zu seinem „The Hobbit: The Theatrical Audiobook“. Wenn man beide vergleichen möchte, würde ich Bluefax‘ Arbeit in letzter Konsequenz als die bessere bewerten; bei Dragash haben sich immer wieder einige kleine Fehler eingeschlichen und auch sonst wirkt die Bearbeitung, beispielsweise der Musik, bei Bluefax gelungener. Allerdings sollte man dabei nicht außer Acht lassen, dass Bluefax lediglich ein relativ kurzes Buch eingelesen hat, während „The Lord of the Rings“ ein deutlich umfangreicheres Werk ist. Allein „The Fellowship of the Rings“ hat schon deutlich mehr Seiten als der „Hobbit“. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim „Soundscape Audiobook“ um ein Fan-Projekt handelt, kann man Dragash keinerlei Vorwürfe machen – im Gegenteil, es handelt sich um eine bewundernswerte Leistung, die ich mit diesem Artikel ausgiebig würdigen möchte.

Konzeptionell sind die Ansätz von Dragash und Bluefax sehr ähnlich, wenn nicht gar identisch: Auch Dragash hat den kompletten Text des Romans eingelesen und mit Soundeffekten und der Musik von Howard Shore angereichert. Wie schon beim Hobbit-Hörbuch zeigt sich auch hier, wie gut Shores Musik mit Tolkiens Worten harmoniert. Bei der Musikauswahl dürfte es Dragash deutlich schwerer gehabt haben als Bluefax. Der Romantext des „Hobbit“ wird von Shores Musik relativ gut abgedeckt – hier findet sich wenigstens einmal ein Vorteil der Ausdehnung dieses Romans auf drei Filme – und wo nötig konnte er mit LotR-Musik polstern. Bei seiner ursprünglichen Trilogie hat Jackson nun aber bekanntermaßen öfter die Schere angesetzt, vor allem in der ersten Hälfte von „The Fellowship of the Ring“. Sei es der ausgedehnte Anfang im Auenland, der Ausflug in den Alten Wald, Tom Bombadil oder die Hügelgräberhöhen; viele Szenen haben aus diesem Grund keine direkte Score-Grundlage. Mehr noch, da Dragash bereits 2010 begann, konnte er seinerseits nicht auf die Hobbit-Scores zurückgreifen, was wirklich schade ist, denn in „The Fellowship of the Ring“ gibt es eine Menge Rückgriffe auf die Handlung des „Hobbit“. Da das Projekt allerdings erst 2013 beendet wurde, tauchen ab der Hälfte von „The Return of the King“ dann doch Stücke aus „An Unexpected Joruney“ auf – vor allem bei der Säuberung des Auenlandes.

Wie Bluefax orientiert sich Dragash bei der stimmlichen Gestaltung der Figuren an den Filmen. Vor allem die Hobbits haben eine große stimmliche Ähnlichkeit zu den jeweiligen Schauspielern, auch Gandalf und Legolas klingen relativ unverkennbar nach Ian McKellen und Orlando Bloom. Die menschlichen Figuren dagegen sind, in Ermangelung eines besseren Wortes, ein wenig generischer ausgefallen. Aber das ist wirklich Meckern auf hohem Niveau.

Fazit: Wer sich schon lange eine Fusion der besten Elemente aus Roman und Filmen wünscht, macht mit „The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook“ definitiv nichts falsch. Wie schon beim Hobbit-Gegenstück passen Tolkiens Worte und Shores Musik wunderbar zusammen.

Soundscape Audiobook

Siehe auch:
The Hobbit: Theatrical Audiobook

Art of Adaptation: Das Foucaultsche Pendel

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„Das Foucaultsche Pendel“ (Originaltitel: „Il pendolo di Foucault“) ist, nach „Der Name der Rose“, Umberto Ecos zweiter Roman. Anders als der Erstling wurde „Das Foucaultsche Pendel“ bislang weder in Film- noch in Serienform adaptiert. Allerdings hat der WDR Ecos Roman 1990 als Hörspiel umgesetzt – und da sich die ersten beiden Art-of-Adaptation-Artikel mit Filmen auseinandergesetzt haben, ist es an der Zeit, dass ich mich einem anderen Medium zuwende.

Während es sich bei „Der Name der Rose“ in erster Linie um einen Sherlock-Holmes-artigen Krimi im Mittelalter handelte und die ausgiebige Auseinandersetzung mit Geschichte und Philosophie zwar unzweifelhaft einen wichtigen Teil des Gesamtwerks ausmachte, aber letztendlich dem Plot diente, bekommt man bei „Das Foucaultsche Pendel“ mitunter fast den Eindruck, es sei umgekehrt. Bemüht man sich um Genre-Zuordnung, so ist der Roman am ehesten ein Verschwörungsthriller, allerdings trifft es das nicht wirklich, da sich Eco gezielt über das Genre lustig macht bzw. es dekonstruiert.

Handlung
Die Handlung des Romans wird in Rückblenden erzählt und erstreckt sich über mehrere Jahre. Während seiner Studienzeit begegnet der Geschichtsstudent Casaubon in Mailand kurz vor Abschluss seiner Doktorarbeit über die Templer den beiden Verlagsmitarbeitern Jacopo Belbo und Diotallevi. In ihrem Alltag beim Verlag Garamond haben die beiden immer wieder mit den wirren Manuskripten von Verschwörungstheoretikern zu tun; viele von diesen beschäftigen sich früher oder später mit den Tempelrittern. Die drei Männer freunden sich an und so kommt es, dass Casaubon gerade im Verlag anwesend ist, als ein gewisser Oberst Ardenti Belbo vermeintliche Geheimbotschaft der Tempelritter vorlegt, in der es um den Versuch der Templer, die Weltherrschaft an sich zu reißen, geht. Kurz darauf verschwindet Ardenti scheinbar spurlos.

Die nächsten Jahre verbringt Casaubon in Brasilien, wo er mit einer Kommunistin namens Amparo zusammenkommt und über sie einen Mann namens Agliè kennenlernt, der von sich behauptet, der legendäre Graf von Saint Germain zu sein – davon unabhängig ist sein Wissen um alles Okkulte enorm. Nachdem die Beziehung zu Amparo endet, kehrt Casaubon nach Mailand zurück, wo er nun ebenfalls beginnt, im Verlag Garamond zu arbeiten. Just zu diesem Zeitpunkt beschließt der Verlagsleiter, von dem der Verlag seinen Namen hat, im großen Stil Bücher zu den Themen Okkultismus und Esoterik zu publizieren. Das hat natürlich zur Folge, dass sich Casaubon, Belbo und Diotallevi in noch größerem Ausmaß mit Verschwörungstheorien beschäftigen müssen. Der bereits erwähnte Aglié wird ebenfalls als Berater angeheuert. Basierend auf der „Geheimbotschaft“ des Oberst Ardenti beginnen Casaubon, Belbo und Diotallevi, zuerst nur als intellektuelles Spiel, ihre eigene Verschwörung zusammenzusetzen, in dem sie alle anderen Verschwörungstheorien zu einem allumfassenden „Großen Plan“ vereinigen, in dessen Zentrum letztendlich das Foucaultsche Pendel steht.

Doch irgendwann verselbständigt sich der Plan, die drei Freunde verlieren sich immer mehr in dem Monster, dass sie geschaffen haben, selbst als Casaubons neue Lebensabschnittsgefährtin und Mutter seines Kindes, Lia, ihm aufzeigt, dass es sich bei der Geheimbotschaft des Oberst Ardenti eigentlich um einen Merkzettel bzw., wie sie es ausdrückt, um eine Wäscheliste handelt. Zu diesem Zeitpunkt haben allerdings schon andere Geheimgesellschaften und Verschwörungstheoretiker, nicht zuletzt Agilé, vom „Großen Plan“ erfahren. Und wie es nun Mal so ist: Je größer der Unsinn, der in die Welt gesetzt wird, desto mehr Leute glauben ihn. Das führt schließlich dazu, dass Agilé und Konsorten Belbo dazu bringen, nach Paris zu kommen, um dort, in „Anwesenheit“ des Foucaultschen Pendels, das ultimative Geheimnis zu erfahren. An dieser Stelle setzt auch die Rahmenhandlung ein, die primär aus Casaubons Versuchen besteht, alle Ereignisse rund um den „Großen Plan“ zusammenzusetzen und zu rekapitulieren. Bei der Versammlung von Agilés Kultisten, bei der auch Ardenti wieder auftaucht, wird Belbo schließlich vor Casaubons Augen getötet, während Diotallevi bereits an Krebs gestorben ist. Casaubon vermutet, dass auch seine Stunde bald gekommen ist. Auf dieser ungewissen Note endet der Roman.

Die Superverschwörung
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen, befeuert durch Corona, die wildesten Verschwörungstheorien wie, nun ja, wie ein Virus grassieren, ist „Das Foucualtsche Pendel“ definitiv eine lohnende Lektüre, weil es hervorragend aufzeigt, wie die Gedankengänge, die hinter den Verschwörungstheorien stecken, funktionieren: Alles muss Teil der großen Narrative sein, was nicht passt wird passend gemacht. Alles ist mit allem verknüpft, Ursache und Wirkung werden ad absurdum geführt. Schon lange, bevor Dan Brown mit seinen Verschwörungsthrillern bekannt wurde, verfasste Umberto Eco die ultimative Auseinandersetzung und Dekonstruktion – in einem Interview erklärte er sogar, nach der Lektüre von „The DaVinci Code“ sei ihm klar geworden, dass Dan Brown praktisch einer der Protagonisten seines Romans sei (Quelle).

Die größte Stärke ist faszinierenderweise auch die größte Schwäche des Romans: Mit über 800 Seiten in der deutschen DTV-Ausgabe ist „Das Foucaultsche Pendel“ ein ziemlich massiver Klotz. Wie für Eco üblich hat er äußerst umfassend recherchiert; man wird beim Lesen das Gefühl nicht los, dass er möchte, dass der Leser das auch mitbekommt, das Ausmaß an historischen, philosophischen und okkulten Informationen, die der Roman enthält, ist ziemlich groß. Für die Superverschwörung der drei Freunde greift Eco wirklich tief in die Kiste der Geheimgeselleschaften, okkulten Theorien und sonstigen Gruppierungen. Von den Templern über die Illuminaten bis hin zu den Nazis, den Rosenkreuzern, der Kabbala und der Gnosis, alles und jeder wird integriert, selbst Cthulhu wird einmal, wenn auch relativ zusammenhanglos, erwähnt. Die nur allzu bekannte Theorie, die nicht auch zuletzt zur Grundlage des „Da Vinci Code“ wurde, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern habe mit Maria Magdalena eine Familie begründet, aus der das französische Herrschergeschlecht der Merowinger hervorkam, ist besonders prominent vertreten.

Stilistisch könnte der Unterschied zu einem Dan Brown mit seiner atemlosen, Cliffhanger-lastigen und von Actionfilmen inspirierten Erzählweise allerdings kaum größer sein. „Das Foucaultsche Pendel“ kann man beim besten Willen nicht als spannend bezeichnen. Das liegt zum einen am Informationsüberschuss. Dieser sorgt beim Lesen für einen fast schon autistischen Effekt, es fällt schwer, die für die Handlung wirklich wichtigen Details herauszufiltern, weil sie im Wust beinahe untergehen. Die andere Ursache ist die Art und Weise, wie Eco mit seinen Protagonisten umgeht. Als Leser bleibt man stets merkwürdig distanziert von ihnen. Obwohl Casaubon als Ich-Erzähler fungiert, erfahren wir doch nicht einmal seinen Vornamen. Gewissermaßen ist „Das Foucaultsche Pendel“ cleverer, als ihm gut tut. Gerade für diejenigen, die diesen Roman lesen sollten, dürft er zu anspruchsvoll bzw. nicht ansprechend oder mitreißend genug sein. Hier wäre weniger mehr gewesen. Aber zum Glück gibt es das Hörspiel…

Wie klingt ein Pendel?
Die Hörspieladaption von Ecos Roman, bei der Otto Düben Regie führte, wurde bereits 1990 vom WDR ausgestrahlt, später vom HörVerlag auf CD herausgebracht und ist recht prominent besetzt. Der bekannte Hörspielsprecher Matthias Haase spricht die Hauptfigure Casaubon, der 2009 verstorbene Film- und Fernsehschauspieler Karl-Michael Vogler leiht Jacopo Belbo seine Stimme und Diotallevi kommt wahrscheinlich jedem bekannt vor, da er von Christian Brückner, bekannt als deutsche Stimme von Robert De Niro, gesprochen wird. Schon allein diese hochkarätige Sprecherriege hilft dem Roman ungemein, da die Figuren, die in Ecos Prosa oftmals schwer greifbar sind, automatisch mehr Charakter bekommen und durch die Leistung der Sprecher deutlich besser „fassbar“ werden.

Auch sonst funktioniert der Adaptionsprozess sehr gut. Vergleicht man den Umfang von Roman und Hörspiel – aus 800 Seiten werden nur 3 CDs – zeigt sich, wie viele der historischen, philosophischen und okkulten Informationen, die im Roman enthalten sind, gekürzt werden können, ohne dass die Handlung wirklich beeinträchtigt wird. Tatsächlich zeigt sich beim direkten Vergleich, wie viele Details in diesem Zusammenhang relativ unnötig sind. Die Kernideen werden dennoch gut vermittelt, ohne die Handlung zu verdummen oder den Anspruch massiv zu reduzieren. Im Bereich der Figurenentwicklung bleibt alles soweit in Takt, lediglich Garamond und die Rolle, die sein Verlag, bzw. der Zweitverlag Manunzio und das Konzept der Buchreihen über Okkultismus spielen, wurde stark reduziert. Diese Aspekte waren für mich, der ich schon einmal in einem ähnlichen Verlag gearbeitet habe, durchaus interessant, auch weil ich einiges wiedererkannt habe, aber hier gilt ebenfalls: Es geht letztendlich auch ohne.

Dem Hörspiel gelingt es, die nötigen Informationen bzgl. der diversen Verschwörungen, Philosophien und Geheimbünde deutlich ökonomischer zu vermitteln, als das im Roman der Fall ist. Alles, was wichtig ist, wird angeschnitten, aber nicht so ausgewalzt, wie es bei Eco der Fall ist. Die Qualität der Sprecher und die stimmungsvolle Musik tun ihr übriges.

Fazit: Hier übertrifft die Adaption sogar die Vorlage. „Das Foucaultsche Pendel“ ist als Hörspiel deutlich angenehmer zu konsumieren als als Roman. Wo Umberto Ecos Text, trotz grandioser Konzeption, deutlich zu viele Informationen auf zu spröde Weise vermittelt, sodass die Figuren und die Handlung leiden, gelingt dem Hörspiel, nicht zuletzt auch dank der hervorragenden Sprecherriege, eine deutlich bessere Balance.

Bildquelle

Art of Adaptation: Die neun Pforten

Enthält Spoiler zu Roman und Film

Bei „Der Club Dumas“ (Originaltitel: „El Club Dumas“), verfasst von dem spanischen Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte und erschienen im Jahr 1993, handelt es sich um einen Roman, den ich erst kürzlich in Hörbuchform konsumiert habe. Die Filmadaption dagegen kenne ich schon ziemlich lange, sie stammt aus dem Jahr 1999 und trägt den Titel „Die neun Pforten“ (Originaltitel: „The Ninth Gate“), Regie führte Roman Polanski. In Bezug auf das Thema „Adaption“ ist dieser Film ein sehr interessantes Studienobjekt. Pérez-Revertes Roman hat zwei übergreifende Handlungsstränge – den einen adaptieren Polanski und seine Drehbuch-Co-Autoren John Brownjohn und Enrique Urbizu mit Abstrichen sehr Vorlagengetreu, während sie den anderen komplett fallen lassen.

Handlung
Der Bücherhändler und -jäger Corso (Johnny Depp) wird von einem enigmatischen Sammler (Frank Langella) angeheuert. Besagter Sammler, der sich auf Bücher, die sich mit Satan beschäftigen, spezialisiert hat, hat ein enorm seltenes Buch erworben: „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“, entstanden im 17. Jahrhundert und verfasst und gedruckt von Aristide Torchia. Der vorherige Besitzer hat kurz nach dem Verkauf Selbstmord begangen. Es sind noch zwei weitere Exemplare des Werkes bekannt, eines befindet sich in Spanien, das andere in Paris. Der Sammler vermutet, dass nur eines der drei Exemplare das richtige ist und beauftragt Corso damit, die drei Exemplare miteinander zu vergleichen. Sollte sich herausstellen, dass eines der anderen das richtige ist, kommt ein Folgeauftrag hinzu: Er soll das richtige um jeden Preis an sich bringen. Nach einem kurzen Intermezzo mit der Witwe des toten Vorbesitzers (Lena Olin) begibt sich Corso zu den Gebrüdern Ceniza (José López Rodero), bei denen es sich um hochtalentierte Antiquare handelt, um in Erfahrung zu bringen, ob die Fälschung eines Buches wie „Die neun Pforten“ überhaupt möglich ist. Die Brüder bestätigen, dass eine Fälschung möglich, allerdings sehr unwahrscheinlich und kostspielig wäre. Im Anschluss begibt sich Corso zum Besitzer der zweiten Ausgabe, einem verarmten Büchersammler namens Victor Fargas (Jack Taylor). Dieser erlaubt ihm, die beiden Exemplare der „Neun Pforten“ miteinander zu vergleichen. Dabei fällt Corso auf, dass die Holzschnitte nicht miteinander übereinstimmen. Es sind immer nur kleine Details – Schlüssel, die sich in unterschiedlichen Händen befinden, zugemauerte Eingänge etc. In jeder der beiden Ausgaben sind drei Holzschnitte mit LCF signiert, im Gegensatz zu den sechs anderen, die vom Autor selbst angefertigt wurden.

Bereits am Anfang seiner Reise ist Corso eine mysteriöse Blondine (Emmanuelle Seigner) aufgefallen, die ihn regelrecht zu verfolgen scheint und ihn nun warnt. Tatsächlich, Corso findet Fargas am nächsten Tag tot auf und sein Exemplar der „Neun Pforten“ wurde zerstört, die LCF-Holzschnitte wurden zuvor entfernt. Zusammen mit der Blondine, die nun zu Corsos Reisebegleiterin wird, begibt sich der Bücherjäger nach Paris, um die Besitzerin der dritten Ausgabe der „Neun Pforten“ aufzusuchen. Die Baroness (Barbara Jefford) ist zunächst zögerlich, erlaubt Corso dann jedoch, ihr Exemplar zu studieren. Auch hier findet Corso abermals drei Holzschnitte mit den LCF-Initialen. Somit ist klar: Erst, wenn man alle drei Ausgaben besitzt, hat man auch alle neun Holzschnitte, mit denen dann angeblich der Teufel beschworen werden kann. Doch die Ereignisse wiederholen sich, die Baroness wird ermordet und die LCF-Holzschnitte werden gestohlen – genauso wie Corsos Exemplar. Will er sich nicht den Zorn seines Auftraggebers zuziehen, sollte er sich schleunigst daran machen, die gestohlenen Holzschnitte und das Exemplar zurückzubringen. Die Spur führt in zur Witwe des ursprünglichen Besitzers…

Der Teufel im Detail
Diese Inhaltsangabe habe ich so verfasst, dass sie sowohl für den Film als auch für den Roman funktioniert. Bevor ich auf den völlig ignorierten Handlungsstrang zu sprechen komme, zuerst noch das eine oder andere Detail, das geändert wurde – hier sind vor allem die Namen und der Ausgangsort der Handlung betroffen, sowie einige andere Details. Da Arturo Pérez-Reverte Spanier ist, verwundert es nicht, dass die Handlung auch in Spanien beginnt und endet. Polanski verlegte die Handlung dagegen nach New York – dementsprechend änderte er auch den Namen des Protagonisten, der im Roman Lucas Corso heißt, während er im Film Dean Corso genannt wird. Der ehemalige Besitzer der „Neun Pforten“, der sich zu Beginn der Handlung umbringt, heißt bei Pérez-Reverte Enrique Taillefer, amerikanisiert wird aus ihm Andrew Telfer. Ähnlich wurde mit seiner Frau verfahren; im Roman Lianna Taillefer, im Film Liana Telfer. Und aus der Baroness Frieda Ungern, der Besitzerin der dritten Ausgabe, wird im Film aus mir recht unerfindlichen Gründen Frieda Kessler. Am interessantesten ist jedoch die Adaption des Auftraggebers: Eigentlich ist diese Figur sehr vorlagengetreu umgesetzt, allerdings trägt genau dieser Charakter, der die „Neun Pforten“ erwirbt und Corso anheuert, im Roman den Namen Varo Borja, während die Figur, die bei Pérez-Reverte als Boris Balkan auftritt und als Chronist der Ereignisse fungiert, im Film kein Gegenstück hat. Natürlich finden sich abseits dieser Figuren noch diverse weitere kleinere und größere Abweichungen, vor allem gegen Ende hin, allerdings folgt der Film der Romanhandlung und ihren Stationen insgesamt sehr genau.

Der Dumas-Faktor
Wer nur mit „Die neun Pforten“ vertraut ist, mag sich vielleicht fragen, weshalb die Romanvorlage eigentlich den Titel „Der Club Dumas“ trägt. Kommen wir nun also zum zweiten, aus dem Film getilgten Handlungsstrang. Bei Pérez-Reverte führt Corso nämlich Parallel zur Untersuchung der „Neun Pforten ins Reich der Schattem“ einen weiteren Auftrag aus. Es handelt sich hierbei um die Untersuchung eines Manuskripts, bei dem es sich angeblich um eine Original-Handschrift aus den „Drei Musketieren“ von Alexandre Dumas handelt. Während Varo Borja im Roman die Rolle einnimmt, die Boris Balkan im Film innehat, ist die Romanversion von Balkan ein Dumas-Experte und hat nichts mit Satanismus am Hut. Auch Lianna Taillefer ist im Roman nicht hinter den „Neun Pforten“ her (was allerdings lange unklar bleibt), sondern hinter dem Dumas-Manuskript. Selbst vor dieser Enthüllung sind die beiden Handlungsstränge voneinander merkwürdig separiert und wollen nicht so recht ineinandergreifen. Während Corso sich im Film immer wieder in Situationen wiederfindet, die an die Holzschnitte aus den „Neun Pforten“ erinnern, tauchen im Roman immer mehr Parallelen zu den „Drei Musketieren“ auf. Lianna Taillefer stilisiert sich selbst als Milady de Winter mit ihrem eigenen Rochefort. Gegen Ende des Romans kommt dann heraus, dass beide Handlungsstränge tatsächlich überhaupt nicht zusammenhängen und die Verknüpfungen lediglich von Corso fälschlicherweise wahrgenommen wurden. Varo Borja endet zwar ähnlich wie die Film-Version von Boris Balkan, aber das wird eher als Nachgedanke inszeniert.

Für den Film konzentrierte sich Polanski ausschließlich auf die Handlung um die „Neun Pforten“ und reichert Corsos Recherchereise mit Elementen eines okkulten Thrillers an (mit diesem Genre hat er ja einige Erfahrungen). Die enigmatische Begleiterin Corsos, die im Roman scherzhaft „Irene Adler“ genannt wird (ausnahmsweise Doyle statt Dumas), besitzt im Film eindeutig übernatürliche Kräfte; während sie bei Pérez-Reverte behauptet, ein gefallener Engel zu sein, scheint das bei Polanski tatsächlich zuzutreffen. Im Roman taucht der echte neunte Holzschnitt darüber hinaus auch nicht auf und Corso macht sich am Ende auch nicht daran, das Ritual selbst durchzuführen, nachdem Balkan/Borja daran gescheitert ist.

Urteil
„Der Club Dumas“ ist in Essenz ein ähnlich bibliophiler Roman wie „Der Name der Rose“ oder „Die Stadt der träumenden Bücher“ – besonders an letzteres Meisterwerk von Walter Moers wurde ich immer wieder erinnert. Lucas Corso besitzt zwar nicht unbedingt Ähnlichkeiten mit Hidlegunst von Mythenmetz, aber durchaus mit Colophonius Regenschein, da beide im Grunde Bücherjäger sind und den alten Schwarten mit detektivischem Geschick zu Leibe rücken. Dementsprechend besteht ein großer Teil des Romans auch aus Erläuterungen rund um das Buch-, Verlags- und Druckwesen – mit einem gewissen Fokus auf Alexandre Dumas. Das ist allerdings keinesfalls dröge oder langweilig, Pérez-Reverte bereitet das Ganze äußerst unterhaltsam auf, da die Informationen für Corsos Tätigkeit und die Handlung relevant sind. Corso gibt dabei auch einen durchaus brauchbaren Protagonisten ab, der eigentlich zynisch und etwas zwielichtig ist, aber nach und nach von den Ereignissen mitgerissen wird. Ganz allgemein ist „Der Club Dumas“ äußerst spannend geschrieben. In der Hörbuchfassung kommt noch David Nathans Interpretation dazu, die wie üblich erstklassig ist. Amüsanterweise gehört „Die neun Pforten“ zu den Filmen, in denen Nathan nicht Johnny Depp spricht. Das größte Problem des Romans ist das letzte Drittel und der Umstand, dass die beiden Handlungsstränge eben nicht zusammenhängen. Das Ende wirkt fast schon enttäuschend; die Handlung flacht im Grunde einfach ab.

Gerade hier weiß die Filmadaption Abhilfe zu schaffen, da sie durch die Eliminierung des Dumas-Plots die dramaturgischen Probleme des letzten Drittels elegant umschifft. Ironischerweise unterscheiden sich die Ereignisse in Buch und Film gar nicht so sehr voneinander, es ist lediglich die Art und Weise, wie sie präsentiert und kontextualisiert werden. Der titelgebende Club Dumas, in dem Boris Balkan und Liana Teillefer Mitglieder sind, wird durch eine Gruppe von Satanisten ersetzt und das restliche Geschehen wird dramatischer interpretiert. Diese Veränderungen sorgen auch dafür, dass „Die neun Pforten“ zu einem okkulten Thriller werden, was bei „Der Club Dumas“ nicht der Fall ist; wo es im Roman eine gewisse Ambiguität gibt, schafft der Film Klarheit, „Irene Adler“ ist tatsächlich Satan oder eine Dämonin. In diesem Zusammenhang muss allerdings auch gesagt werden, dass diese Klarheit in Bezug auf das Übernatürliche mitunter etwas überdreht und lächerlich wirkt, besonders dann, wenn „Irene Adler“ zu fliegen anfängt.

Letztendlich sind sowohl Roman als auch Film empfehlenswert, sofern man sich für die entsprechenden Thematiken interessiert – dennoch ist „Die neun Pforten“ als Adaption schwierig zu bewerten, da eben doch ein essentielles Element des Romans, das ihm sogar seinen Namen gibt, komplett ausgelassen wird. Aber als Film funktioniert „Die neun Pforten“, besonders in dramaturgischer Hinsicht, mit Fokus auf eben jenes satanische Buch zweifelsfrei am besten.

The Hobbit: Theatrical Audiobook

Bleiben wir doch noch ein wenig beim „Hobbit“. Wer sich eines der besten und einflussreichsten Kinderbücher des 20. Jahrhunderts in Audioform einverleiben möchte, hat, neben Howard Shores Musik, noch eine ganze Reihe von weiteren Möglichkeiten. Da Tolkien den „Hobbit“ ohnehin als Geschichte schrieb, die er seinen Kindern erzählen und vorlesen konnte, und in diesem Zusammenhang auch den erzählerischen Tonfall des Werkes auf diesen Zweck ausrichtete, scheint das Hörbuch und das Hörspiel die ideale Form zu sein, um den „Hobbit“ zu konsumieren. Verstärkt wird diese Überzeugung für mich durch den Umstand, dass ich den „Hobbit“ als Hörspiel kennen lernte. Im Jahr 1980 produzierte der WDR eine Hörspielumsetzung, bei der Heinz Dieter Köhler Regie führte. Der Cast ist mit nur 13 Sprechern relativ klein, sodass es Mehrfachbesetzungen gibt. In den Hauptrollen sind Horst Bollmann (Bilbo), Bernhard Minetti (Gandalf), Heinz Schacht (Thorin) und Martin Benrath (Erzähler) zu hören. Diese spezifische Hörspieladaption wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, da ich durch sie zum ersten Mal in Kontakt mit Mittelerde kam.

Es wird kaum verwundern, dass auch eine britische Hörspielproduktion existiert, bereits 1968 von der BBC produziert. Bislang habe ich nur einige Ausschnitte davon gehört, für meinen Geschmack ist diese Version allerdings deutlich schlechter gealtert als das WDR-Gegenstück, wobei das natürlich auch damit zusammenhängen könnte, dass ich mit dem deutschen Hörspiel so vertraut bin. Der Schauspieler Michael Kilgarriff war für diese Adaption verantwortlich, als Bilbo ist Paul Daneman zu hören, als Gandalf Heron Carvic und als Thorin John Justin.

Wer sich mit einer dramatisierten Adaption nicht unbedingt anfreunden kann und Wert auf Tolkiens vollen Text legt, kann stattdessen auch zu den jeweiligen Hörbuchversionen greifen, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache handelt es sich dabei um Komplettlesungen (alles andere wäre auch Frevel). Gert Heidenreich hat sich inzwischen zur deutschen Tolkien-Stimme etabliert und viele der Werke des Professors ausgezeichnet eingelesen. Die einzigen prominenten Ausnahmen sind „Das Silmarillion“ und „Die Gefährten“, die noch von Joachim Höppner, der deutschen Stimme Ian McKellens, gelesen wurden. Da Höppner jedoch leider 2006 verstarb, übernahm Heidenreich für ihn. Das englische Gegenstück ist Rob Inglis, der ähnlich wie Heidenreich quasi DIE Tolkien-Erzählstimme im englischsprachigen Raum ist, neben dem „Hobbit“ hat er auch den kompletten „Lord of the Rings“ eingelesen.

Vor kurzem bin ich auf eine weitere Hörbuchversion des „Hobbit“ gestoßen, die mich ebenso beeindruckt wie begeistert zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil es sich dabei um ein Fanprojekt handelt. Über fünf Jahre hinweg hat der Youtuber Bluefax den „Hobbit“ als „Theatrical Audiobook“ umgesetzt. Das bedeutet, dass er Tolkiens Text nicht nur komplett (und äußerst professionell) eingelesen, sondern das alles auch mit Soundeffekten und, am wichtigsten, Howard Shores Musik angereichert hat. Im Grunde hat Bluefax die Vorzüge der Filmadaptionen, der Hörspiele und der Hörbücher miteinander in einem aufwendigen, mit viel Liebe zum Detail produzierten Projekt miteinander kombiniert. Den Figuren verlieht er als Interpret allesamt gekonnt eine eigene Stimme, die sich mal mehr, mal weniger an den Schauspielern der Filme orientieren. Der Meister von Esgaroth etwa klingt nicht sonderlich nach Stephen Fry, während Smaug und Gollum wirklich sehr eng an Benedict Cumberbatch und Andy Serkis angelehnt sind. Besonders Bluefax‘ Imitation von Letzterem klingt fast wie das Original. Damit hört die Mühe allerdings noch nicht auf, denn Bluefax hat es auch auf sich genommen, sämtliche Lieder des „Hobbit“ mehrstimmig einzusingen, Blunt the Knives und Misty Mountains mit den Filmmelodien von Plan 9, die anderen mit völlig neuen.

Es ist jedoch letztendlich der überragende Einsatz von Howard Shores Musik, der das „Theatrical Audiobook“ zu einem wirklich herausragenden Hörerlebnis macht. Zugegeben gibt es ein, zwei Stellen, besonders während der Schlacht der fünf Heere, an denen der Text in martialischer Musik und Soundeffekten ein wenig untergeht, aber im Großen und Ganzen geht das Konzept hervorragend auf. Zum einen zeigt sich hier natürlich, wie gut Shores Musik mit Tolkiens Worten harmoniert. Das überrascht natürlich wenig, schließlich erklärte Shore mehrmals, wie sehr ihn die Originaltexte inspiriert hätten und dass sie beim Komponieren ebenso wichtig wie Drehbuch und Filmmaterial gewesen seien. Letztendlich ist es jedoch Bluefax‘ Verdienst. Der Prozess des Auswählens und Anpassens der Musik muss enorm aufwendig und fordernd gewesen sein, aber das Ergebnis überzeugt vollauf. Meistens orientiert sich Bluefax, wenn möglich, relativ genau an der Filmzuordnung. Wo es nötig ist oder sich anderweitig anbietet, setzt er auch hin und wieder Tracks aus der LotR-Trilogie ein oder passt ein wenig an; so erklingt etwa auch das Thema von Tauriel bzw. das Tauriel/Kíli-Liebesthema, obwohl die Figur und ihre Beziehung zu Thorins Neffe im Roman natürlich nicht auftauchen und der Ausfall von Thorin und Kompanie aus dem Erebor während der Schlacht der fünf Heere wird mit dem Misty-Mountains-Thema untermalt.

Fazit: Es finden sich viele Audioadaptionen des „Hobbit“, die gelungenste ist jedoch ein Fanprojekt. Dem Youtuber Bluefax gelingt es, die Vorzüge der Filme, der Hörspiele und der Hörbücher auf beeindruckende Weise miteinander zu verknüpfen und den „Hobbit“ zu einem beeindruckenden Hörerlebnis zu machen, das sich kein Tolkien-Fan, der der englischen Sprache mächtig ist, entgehen lassen sollte.

Bluefax‘ Youtube-Kanal

Siehe auch:
The Lord of the Rings: Soundscape Audiobook

Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I

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„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine von Lovecrafts besten Geschichten und als Schulbuchbeispiel des kosmischen Horrors, es handelt sich dabei um eine der wenigen Erzählungen, mit denen Lovecraft selbst zufrieden war. Verfasst wurde sie im März des Jahres 1927 und veröffentlicht einige Monate später, im September des selben Jahres auf den Seiten des Magazins Amazing Stories. Das wirklich faszinierende an dieser Story ist der Umstand, dass sie trotz des Status, den sie genießt, nicht im engeren Sinne zu dem gehört, was August Derleth schließlich als „Cthulhu-Mythos“ bezeichnete: Kein Necronomicon, keine Großen Alten oder Äußere Götter – lediglich die Stadt Arkham wird erwähnt und schafft so eine mehr oder weniger subtile Verknüpfung. Dennoch wird „The Colour out of Space“ wegen ihrer Beliebtheit nur allzu gerne mit dem „Mythos“ in Verbindung gebracht und taucht in den einschlägigen Mythos-Anthologien wie „The Complete Cthulhu Mythos Tales“ von Barnes and Noble (ein wirklich sehr schön aufgemachtes Buch) auf. Auch im Grundregelwerk des Pen&Paper-Rollenspiels „Cthulhu“ (im Original „Call of Cthulhu“ von Chaosium, hierzulande von Pegasus herausgebracht) taucht die titelgebende Farbe auf und wird als „Mythos-Wesenheit“ klassifiziert. Der Grund dafür ist letztendlich sehr simpel: In kaum einer anderen Geschichte kann das kosmische Grauen, das Lovecraft vermitteln wollte, so unmittelbar wahrgenommen werden.

Obwohl Lovecraft nach wie vor kaum als Mainstream bezeichnet werden kann, ist „The Colour out of Space“ wahrscheinlich diejenige seiner Geschichten, die am häufigsten direkt adaptiert wurde. Im Rahmen dieses dreiteiligen Artikels werde ich mir zumindest einige dieser Adaptionen genauer ansehen. Teil I setzt sich mit der Geschichte selbst und zwei Audio-Umsetzungen auseinander, Teil II betrachtet zwei ziemlich aktuelle Filmadaptionen, „Die Farbe“ aus dem Jahr 2010 und „Color out of Space“ aus dem Jahr 2019 und Teil III vergleicht drei verschiedene Comic-Versionen.

Handlung
Ein neues Wasserreservoire für die Stadt Arkham soll gebaut werden – hierzu ist es nötig, das Gelände eines alten Bauernhofes zu fluten. Zuvor soll es allerdings von einem Landvermesser aus Boston überprüft werden. Dieser stellt Nachforschungen an und beginnt sich für das Gelände, das bei den Einwohnern als verflucht gilt, zu interessieren. Er findet heraus, dass in der Gegend noch ein alter Einsiedler namens Ammi Pierce lebt, den er schließlich aufsucht. Ammi Pierce erzählt dem Landvermesser von der Familie, die das Gelände ursprünglich bewohnte. Die Garnders bewirtschafteten den Hof erfolgreich, bis 1882 ein Meteorit auf dem Gelände neben einem Brunnen abstürzte. Der Meteorit brachte etwas zur Erde, das sich in Form einer Farbe jenseits des bekannten Spektrums zeigt. Langsam breitete sich die Farbe aus und begann, das Land zu beeinflussen. Die Früchte der Gardners wurden riesig, schmeckten jedoch widerlich. Dann begannen nach und nach Flora und Fauna zu mutieren, zuerst nahmen sie die fremdartige Farbe aus dem All an, um anschließend abzusterben und grau und spröde zu werden. Das Vieh starb und auch die Gardners selbst wurden nicht verschont. Nabby, die Mutter, und ihr Sohn Thaddeus wurden langsam wahnsinnig, bis Letzterer starb, während sein jüngerer Bruder Merwin im Brunnen verschwand. Auch Nahum, der Vater, verlor langsam den Verstand. Bei seinem letzten Besuch auf der Farm musste Ammi Pierce feststellen, dass auch der dritte Gardner-Sohn, Zenas, gestorben war, Nahum jeden Sinn für die Realität verloren hatte und Nabby auf dem Dachboden grau und spröde geworden war. Schweren Herzens erlöste Ammi sie von ihrem Leiden. Kurz darauf starb auch Nahum, allerdings nicht, ohne vorher von dem Wesen zu erzählen, das offenbar im Brunnen existiert. Daraufhin alarmierte Ammi die Berhöden, die im Brunnen nichts mehr fanden, aber bald darauf das Leuchten der Farbe aus dem All selbst erlebten. Seither gilt die Gegend als verflucht und die grauen Überreste der Farbe breiten sich weiter aus, langsam zwar, aber unaufhaltsam. Der Landvermesser kündigt, weiß dabei aber, dass er die Flutung des Gebiets nicht aufhalten können wird – und dass das, was immer noch im Brunnen lebt, das neue Wasserreservoire beeinflussen wird.

Struktur und Kontext
Abgesehen vom bereits erwähnten Mangel an „Cthulhu-Mythos-Komponenten“ wie dem Necronomicon und ähnlichen Schriften, den Gottheiten oder sonstigen Kreaturen, ist „The Colour out of Space“ in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für viele typische Lovecraft-Stilmittel. Die Rahmenhandlung wird von einem namenlosen Ich-Erzähler, besagtem Landvermesser, erzählt, während die eigentlichen Ereignisse rund um die Aktivitäten der Farbe (sofern man davon sprechen kann) als Binnenerzählung vermittelt werden. Einer derartigen Struktur bediente sich Lovecraft immer wieder gerne, am prominentesten und verschachteltsten natürlich in „The Call of Cthulhu“. Im Vergleich dazu ist „The Colour out of Space“ noch recht unkompliziert, auch wenn Binnenerzähler Ammi Pierce seinerseits nicht bei allen Ereignissen zugegen ist und mitunter Dinge wiedergibt, die ihm Nahum Gardner erzählt hat.

Ort der Handlung ist – ebenfalls kaum verwunderlich – Lovecrafts Heimat Providence. Auch sonst passt „The Colour out of Space“ gut ins Œuvre; an Geschichten wie dieser zeigt sich besonders gut, wie sich Lovecraft als Autor vom Horror á la Poe langsam in Richtung Science Ficition entwickelte, was schließlich in Geschichten wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow out of Time“ kulminierte. Noch immer finden sich typische Elemente des Horror-Genres und der Gothic Fiction, deren Ursprung jedoch in den Tiefen des Kosmos liegt. Die Ergebnisse sind ebenfalls recht bekannt: Wahnsinn, Mutationen, Body Horror. Was „The Colour out of Space“ zu so einer herausragenden Beispiel des kosmischen Horrors macht, ist die schiere Fremdartigkeit der Farbe. Tatsächlich denke ich, sollte die Menschheit jemals auf außerirdisches Leben stoßen, wird es sich dabei wahrscheinlich um etwas wie diese Farbe handeln, ein Wesen, sofern man hier von einem Wesen sprechen kann, das kaum greifbar und jenseits unseres Verstehens ist. Selbst Cthulhu und die meisten seiner Konsorten sind leichter zu begreifen als die Farbe, der es an jedweder nachvollziehbarer Motivation fehlt. Folgt sie nur ihrer Natur, so sie denn eine hat? Ist sie ein lebendiges Wesen? Oder doch etwas völlig anderes? Besonders die schleichende Verderbnis und den Verfall, die die Farbe mit sich bringt, schildert Lovecraft äußerst effektiv und eindringlich.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Verhalten der Familie Gardner: Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in ihrer Situation längst das Weite gesucht, Nahum Gardner besteht allerdings stur darauf, seine Farm nicht aufzugeben und reißt seine Familie so in den Abgrund. Allerdings wird zumindest angedeutet, dass dieses Verhalten ebenfalls auf die Farbe zurückzuführen ist und sie den Verstand der Gardners deutlich früher und subtiler beeinflusst, als es den Anschein hat. Immerhin: Auch Ammi Pierce ist trotz allem nicht aus der Gegend weggezogen.

Im Aufbau der Geschichte offenbart sich außerdem noch eine weitere Parallele zu „The Call of Cthulhu“. Der eigentliche Erzähler kommt nie wirklich in Kontakt mit dem Schrecken, sei es die Farbe oder der schlummernde Große Alte. Als Ammi Pierce mit dem Landvermesser spricht, liegen die eigentlichen erschreckenden Ereignisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, während der Erzähler in „The Call of Cthulhu“ vom titelgebenden Schrecken nur aus Berichten erfährt. In beiden Fällen scheint das Grauen überwunden zu sein, beide Protagonisten erfahren jedoch, dass dem keines Falls so ist und dass die Ereignisse, von denen sie gehört bzw. gelesen haben, lediglich ein Vorspiel sein könnten.

Kann man Farben hören?
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Zumindest diese Farbe kann man hören. „The Colour out of Space“ wurde, wie so viele andere Lovecraft-Geschichten auch, mehrfach als Hörbuch und Hörspiel adaptiert. Vor allem im englischsprachigen Bereich gibt es einige, wer diesbezüglich auf Audible sucht, wird diese Story sowohl separat als auch als Teil diverser Anthologien problemlos finden. Auch Deutsch existiert ebenfalls die eine oder andere Version, Miss Booleana hat hier beispielsweise eine Lesung mit Ernst Meincke besprochen. Die erste Audio-Version dieser Geschichte, die ich mir zu Gemüte geführt habe, findet sich in der Hörbuchproduktion „H. P. Lovecraft Gruselbox“, die ausnahmsweise nicht von LPL Records stammt und auch ein wenig anders konzipiert ist als die Lovecraft-Anthologie-Hörbücher dieses Labels. Zusätzlich zu den Erzählungen „The Hound“, „The Festival“, „The Picture in the House“ und natürlich „The Colour out of Space” werden auch einige Gedichte Lovecrafts im Original vorgetragen, während das „Orchester der Schatten“ für musikalische Untermalung sorgt – für meinen Geschmack ein wenig zu aufdringlich, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Geschichten werden routiniert von Simon Jäger, bekannt als deutsche Stimme von Heath Ledger, Josh Hartnett und Matt Damon vorgelesen. Seine Interpretation von „The Colour out of Space“ ist solide und gut hörbar, allerdings nicht herausragend oder in irgend einer Form besonders erwähnenswert.

Die wirklich interessante Audio-Adaption von „The Colour out of Space” findet sich, wie so häufig, in der Reihe in der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien. Wenn Marc Gruppe, der nicht nur mit Stephan Bosenius das Label leitet, sondern auch für die Drehbücher der Hörspiele verantwortlich ist, klassische Schauerliteratur adaptiert, tut er das meistens sehr vorlagengetreu. Bei den Lovecraft-Hörspielen ist das allerdings nicht immer der Fall, gerade „Berge des Wahnsinns“ fühlte sich mit den eingefügten weiblichen (bzw. fast schon feministischen) Figuren und der Eliminierung aller Verweise auf den „Cthulhu-Mythos“ tatsächlich eher wie eine Hollywood-Bearbeitung des Stoffes an. Auch in „Die Farbe aus dem All“ (deutscher Titel verweist von nun an auf das Hörspiel, der englische auf Lovecrafts Geschichte) wurde eine zusätzliche weibliche Figur hinzugefügt, die sich allerdings deutlich weniger fremdartig anfühlt als ihr Gegenstück in „Berge des Wahnsinns“. Dem bei Lovecraft namenlosen Landvermesser, der im Hörspiel den Namen Frank Burger (Johannes Berenz) trägt, wird eine Kollegin namens Rose Kenny (Melanie Pukaß) an die Seite gestellt, die wohl einerseits den eklatanten Mangel an weiblichen Figuren bei Lovecraft kompensieren soll, andererseits aber auch dazu dient, Informationen im Dialog anschaulicher zu vermitteln. So verarbeitet der Landvermesser das Gehörte in „The Colour out of Space“ in seinem Bericht, während Frank Burger und Rose Kenny diskutieren können.

An der eigentlichen Handlung der Geschichte ändert sich kaum etwas, die beiden Landvermesser fahren zu Ammi Pierce (Jochen Schröder) und lassen sich von ihm die Geschichte der Familie Gardner erzählen. Im Hörspiel bekommt man die Geschehnisse als Flashback dann natürlich live mit, was sie noch einmal deutlich intensiver macht, besonders, da Peter Reinhardt und Cornelia Meinhardt als Nahum und Nabby Gardner die mentale Zermürbung und den geistigen Verfall, die die Farbe auslöst, sehr gut vermitteln. Die kleinen Änderungen sind vor allem der Adaption in ein anderes Medium geschuldet. Etwas ironisch ist vielleicht der Umstand, dass Gruppe ausgerechnet in dieses Hörspiel Verknüpfungen zum „Cthulhu-Mythos“ in Form von Gebrabbel im Delirium einbaut, die in der Geschichte selbst gar nicht zu finden sind.

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The Rise of Skywalker: Expanded Edition

Spoiler!
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Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf „The Rise of Skywalker“. Einige Monate sind seit dem Kinostart vergangen und viele der Fragen, die der Film aufgeworfen hat, wurden inzwischen beantwortet, primär durch die Romanadaption des Films von Rae Carson – wie schon bei „The Last Jedi“ als „Expanded Edition“ bezeichnet, was natürlich zu gewissen Erwartungen führt. Das Feld der Romanadaptionen in diesem Franchise deckt das komplette Spektrum ab. Auf der einen Seite hätten wir da beispielsweise „The Force Awakens“ von Alan Dean Foster, bei dem es sich um eine ebenso uninspirierte wie uninteressante Prosafassung des Drehbuchs handelt, die so gut wie keinen Mehrwehrt bietet. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Matthew Stovers „Revenge of the Sith“, ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht und in meinen Augen nach wie vor das beste Star-Wars-Medium ist, weil es alles beinhaltet, was Star Wars ausmacht und sein kann. Nebenbei bemerkt: Matthew Stover hat gewissermaßen Baby Yoda prophezeit. Aber das nur am Rande.

Rae Carson ist eine interessante Wahl als Autorin für diesen Roman, da sie recht wenig Star-Wars-Vorerfahrung hat, bis zu „The Rise of Skywalker“ hatte sie lediglich zwei Kurzgeschichten („The Red One“ in „A Certain Point of View“ und „Hear Nothing, See Nothing, Say Nothing“ in „Canto Bight“) sowie einen Jugendroman („Most Wanted“, ein Tie-In zu „Solo: A Star Wars Story“) verfasst. Im Gegensatz dazu waren Alan Dean Foster und Pablo Hidalgo, die Autoren der anderen beiden Sequel-Trilogie-Romane, relativ naheliegende Wahlen; Ersterer verfasste bereits den Roman zu Episode IV, während Letzterer Teil der Lucasfilm Story Group ist und ohnehin als Lore- und Kontinuitätsguru gilt. Auf der Skala zwischen „The Force Awakens“ und „Revenge of the Sith“ liegt Carsons Arbeit in etwa in der Mitte – sie ist von Fosters dröger, spannungsarmer Prosa ebenso weit entfernt wie von dem Franchise-definierenden Meilenstein, den Stover uns geschenkt hat. Vor allem im Kontext des Films kann diese Adaption als solide bezeichnet werden. Viele Schwächen kommen natürlich von der Vorlage – hier hatte Stover einen deutlich dankbareren Job, da „Revenge of the Sith“ eigentlich eine sehr gut Geschichte erzählt, die lediglich in der filmischen Umsetzung etwas holprig ist. „The Rise of Skywalker“ dagegen schafft es, gleichzeitig zu viel und zu wenig Handlung zu haben, Wendung reiht sich an Wendung, ohne dass es einen tieferen Sinn gäbe, und der eigentliche Plot des Films ist die Suche nach einem MacGuffin, das zu einem MacGuffin führt, welches wiederum zu einem MacGuffin führt. Daran kann Carson nichts ändern. Auch ist fraglich, ob man sie für die Antworten verantwortlich machen kann, die dieser Roman gibt. Tatsächlich werden die meisten Fragen, die rund um Palpatine und seine Rückkehr kreisten, beantwortet. Wir erfahren, dass sich sein Geist tatsächlich in einem Klonkörper befindet, der allerdings nur suboptimal dazu geeignet ist, diese mächtige Essenz zu halten – ganz wie in „Dark Empire“. Auch Reys Herkunft wird genauer beleuchtet, nachdem erst einmal eifrig spekuliert wurde, wer denn nun ihre Großmutter sein könnte. Wir erfahren, dass ihr nach wie vor namenloser Vater, im Film dargestellt von Billy Howle, nicht wirklich Palpatines Sohn ist, sondern ein nicht-identischer Klon, der über keinerlei Machtbegabung verfügt, aber ansonsten, anders als die Klonkörper, die Sidious nach seinem Ableben auf dem Zweiten Todesstern bewohnt, ein voll funktionsfähiger Mensch ist. Er ist also auf dieselbe Art und Weise Palpatines Sohn, wie Boba Jango Fetts Sohn ist. Rein biologisch betrachtet ist Rey damit nicht Palpatines Enkelin, sondern seine Tochter. Ob diese Antworten irgendjemanden zufrieden stellen, ist fraglich, aber es ist ebenso fraglich, ob sie von Carson selbst kommen; wahrscheinlicher ist, dass sie entweder von J. J. Abrams und Chris Terrio oder von der Story Group stammen.

Wie dem auch sei, für die Inhalte kann man Carson beim besten Willen nicht verantwortlich machen. Ihr Stil ist in jedem Fall sehr angenehm und flüssig, gerade im Vergleich zum Episode-VII-Roman ist das eine massive Verbesserung. Auch was die internen Prozesse der Charaktere angeht leistet Carson durchaus gute Arbeit. Gerade die zugegebenermaßen eher spärlichen Passagen des Romans, in denen sie dazu kommt, die Gedanken und Gefühlswelten der Figuren etwas ausgiebiger zu erforschen, gehören mit zu den stärksten und schaffen es, das Personal zumindest ein wenig plastischer zu zeichnen. Alles in allem ist Carsons Roman definitiv die bessere Version der Geschichte – das Tempo ist zwar nach wie vor hoch, aber dennoch nicht ganz so halsbrecherisch wie beim Film. Zusätzlich hat Carson die Struktur ein wenig geändert, was ebenfalls nicht schadet; so bekommt das Konstrukt immerhin hier und da ein wenig Raum zum Atmen. Gerade was Leia Organa angeht, hat Carson natürlich den Vorteil, nicht auf einige wenige Szenen angewiesen zu sein, stattdessen kann sie den Abschied von dieser Figur ausführlicher und angemessener gestalten.

Definitiv empfehlenswert ist die englische Hörbuchfassung, die bei Audible zu finden ist – so habe ich den Roman konsumiert. Eingesprochen wurde das Hörbuch von Marc Thompson, einem absoluten Star-Wars-Veteranen, der sowohl im Legends- als auch im Kanon-Bereich eine große Zahl an Romanen interpretiert hat und sein Handwerk exzellent versteht. Gerade die Stimmen der Figuren bzw. ihrer Schauspieler trifft Thompson wirklich ausgezeichnet, ohne dass sie zur Parodie verkommen, da er viel über Tonfall und Sprachduktus arbeitet, anstatt einfach nur simpel zu imitieren. Besonders beeindruckend sind Thompsons Versionen von Palpatine und Leia.

Fazit: „The Rise of Skywalker: Expanded Edition“ ist zwar kein Meisterwerk wie Matthew Stovers Episode-III-Adaption, aber ein durchaus solider Filmroman. An der uninspirierten Handlung und den sonstigen Inhalten kann Carson freilich nichts ändern, aber immerhin gelingt es ihr, die Figuren etwas plastischer zu zeichnen und die Struktur zu entzerren. All jene, denen Episode IX tatsächlich gefallen hat, sollten sich Carsons Version der Geschichte definitiv zu Gemüte führen. Ansonsten wird die „Expanded Edition“ die Meinung zum Film kaum ändern, aber sie gibt zumindest ein von Marc Thompson exzellent vorgelesenes, kurzweiliges Hörbuch ab.

Siehe auch:
Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension
Das Erwachen der Macht
Die Rache der Sith

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