The Hunger Games: Horn of Plenty vs. The Hanging Tree


Die Hunger-Games-Serie ist die erste Filmreihe, die James Newton Howard als Score-Komponist alleine „betreut“. Bei den ersten beiden Filmen der Dark-Knight-Trilogie war er zwar auch involviert, federführender Komponist war allerdings eindeutig Hans Zimmer. Das Ergebnis ist zwar nicht unterirdisch, nachdem die Trilogie in vier Teilen aber nun komplett ist, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass es viele vertane Chancen gibt. Howard brauchte zwei Filme Zeit, um ordentlich Anlauf zu nehmen, „Mockingjay Teil 1“ war dann ziemlich gut, und auch „Mockingjay Teil 2“ hat definitiv einige tolle Highlights, gerade im Actionbereich. Aber insgesamt fehlt den Scores das gewisse Etwas. Leider gelingt es Howard nicht wirklich, Panem eine eindeutige, musikalische Identität zu geben, wie es bei den Mittelerde- oder Star-Wars-Scores der Fall ist. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass die beiden besten, markantesten und einprägsamsten Stücke der Filmreihe zwar von Howard in den Score eingearbeitet, aber nicht komponiert wurden. Es handelt sich dabei um Horn of Plenty (geschrieben von Arcade Fire) und The Hanging Tree (geschrieben von Jeremiah Fraites und Wesley Schultz nach dem Text von Suzanne Collins). Ersteres ist die offizielle Hymne von Panem, Letzteres die inoffizielle Hymne der Rebellen. Beide Lieder bilden auch schöne Gegensätze: Horn of Plenty ist pompös, bombastisch und martialisch, die Texte besingen, wie großartig das Kapitol ist, wie gut es sich um die Distrikte kümmert („Oh Horn of Plenty for us all“), dass es wert ist, verteidigt zu werden und niemals fallen wird. The Hanging Tree ist dagegen eher morbid, ein intimes Lied über Liebe und Mord, das eine Geschichte erzählt statt nur anzupreisen. Beide Stücke spiegeln die Fraktionen wunderbar wieder, Horn of Plenty passt perfekt zum faschistischen Kapitol, während The Hanging Tree sowohl die Aufrichtigkeit der Rebellion verkörpert als auch andeutet, dass Distrik 13 nicht nur aus guten Menschen besteht.


Neben den diegetischen Haupteinsätzen (Horn of Plenty erklingt während der Tributparaden, bei Fernsehankündigungen und wann immer in der Arena bekanntgegeben wird, wer gestorben ist, während The Hanging Tree von Katniss gesungen wird) hat Howard die Melodien auch das eine oder andere Mal im Score verwendet, in meinen Augen aber unzureichend. Beides sind starke Melodien und hätten sich hervorragend dazu geeignet, Kapitol und Rebellen im Score zu vertreten. Aus Liedern Leitmotive zu machen hat eine gewisse Tradition und bereits mehrfach wunderbar funktioniert, so wurde in „Game of Thrones“ aus The Rains of Castamere das Thema der Lannisters, Misty Mountains fungiert als Thema für die Zwergenkompanie (kriminellerweise nur in „Eine unerwartete Reise“ und nicht in den beiden anderen Filmen der Hobbit-Trilogie) und Hoist the Colours repräsentiert die Bruderschaft in „Pirates of the Caribbean: At World’s End“. Gerade in „Mockingjay Teil 2“ hätte es sich wunderbar angeboten, die Melodien beider Lieder miteinander ringen zu lassen – stattdessen taucht Horn of Plenty nur noch diegetisch auf und The Hanging Tree wird einmal extradiegetisch als Teil des Scores gespielt, allerdings in eher merkwürdigem Kontext. Es wirkt, als hätten Regisseur und/oder Produzenten darauf bestanden, dass die Melodie einmal angespielt wird, weshalb Howard sie einfach irgendwo unterbrachte (der entsprechende Track auf dem Album heißt Your Favorite Color is Green). Zwei tolle Lieder, aber viel verschenktes Potential.

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