The Lost Themes

Unter Filmmusik-Fans gibt es eine Phrase, die beim normalen Kinogänger oft nur unverständiges Kopfschütteln auslöst: „Leitmotivische Kontinuität“. Natürlich fällt es doch einer ganzen Menge an Menschen auf, dass etwa bei jedem der Harry-Potter-Filme zu Beginn entweder beim Warner-Logo oder der Titeleinblendung Hedwigs Thema gespielt wird (mit Ausnahme von „Die Heiligtümer des Todes Teil 2“). Gerade bei den Harry-Potter-Filmen ist Hedwigs Thema aber auch das einzige Element, das für ein Minimum an leitmotivischer Kontinuität sorgt. Es dürfte ja bekannt sein, wie sehr es mich jedes Mal frustriert, wenn in einer Filmreihe der Komponist ausgetauscht wird und der Neuzugang im Folgenden das gesamte Material des Vorgängers über den Haufen wirft und von vorne beginnt. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen. Stattdessen geht es um Leitmotive, die in einem Score derselben Filmreihe vom selben Komponisten ad acta gelegt wurden, obwohl man sie aus handlungstechnischen Gründen hätte weiterverwenden können. Zu diesem Zweck werde ich einen Blick auf drei große Film-Franchises werfen: Star Wars, Harry Potter und Mittelerde.

Star Wars

John Williams’ inzwischen acht Star-Wars-Scores sind wahrscheinlich das leimotivisch ausgefeilteste Gesamtwerk der Filmmusik – lediglich Howard Shores Mittelerde-Scores sind ernstzunehmende Konkurrenten. Dennoch gibt es in jeder der drei Trilogien mal mehr, mal weniger bedeutende Themen, die vom einen auf den nächsten Film relativ sang- und klanglos verschwinden. Ein Beispiel ist etwa das Droiden-Thema, das ausschließlich in „Das Imperium schlägt zurück“ erklingt. Es handelt sich dabei um eine recht positive Melodie, meistens von Holzbläsern gespielt, die das Verhalten von R2D2 und C3PO untermalt. Zu hören ist es in Episode V einige Male, sodass es definitiv als Leitmotiv zu klassifizieren ist. Zum ersten Mal erklingt es in Main Title/The Ice Planet Hoth bei 6:30 und ist unter anderem auch in Arrival on Dagobah (1:00) oder Betrayal at Bespin (3:12) zu hören. Obwohl R2 und 3PO auch in allen weiteren von Williams vertonten Star-Wars-Filmen auftauchen, findet dieses spezifische Motiv nie wieder Verwendung. Zugegebenermaßen ist das allerdings ein verhältnismäßig obskures sekundäres Thema. Es gibt aber auch durchaus zentrale Leitmotive, die zwischen zwei Filmen einfach verschwinden.

Dieses Schicksal ereilte das Imperiale Motiv. Heute wird das Imperium augenblicklich mit dem Imperialen Marsch verbunden, aber das war nicht immer so. In „Eine neue Hoffnung wurde das Imperium von einem anderen Leitmotiv repräsentiert, weniger einprägsam und martialisch als der bekanntere Marsch, aber durchaus, gemessen am häufigen Vorkommen, ein zentrales Thema von Episode IV. Zum ersten Mal ist es, verhältnismäßig zurückhaltend, in Imperial Attack bei 4:54 zu hören. Weitere Einsätze finden sich in Millenium Falcon/Imperial Cruiser Pursuit (1:34), The Death Star/The Stormtroopers (2:07) oder The Trash Compactor (0:47). Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Repräsentation des Imperiums in „Eine neue Hoffnung“, der Todessternfanfare (Imperial Attack, 6:18; Burning Homstead, 1:48). Beide Leitmotive hätten in den Folgefilmen zurückkehren und auch weiterhin das Imperium respektive den Zweiten Todesstern repräsentieren können, der Imperiale Marsch erwies sich aber letztendlich als weitaus einprägsameres und erfolgreicheres Thema. Ein anderer Komponist hat allerdings beide Motive zurückgebracht. In seinem Score für „Rogue One: A Star Wars Story” beweist Michael Giacchino mehr als einmal seine intensive Kenntnis der Williams-Scores. In When Has Become Now ist zwei Mal die Todessternfanfare in Giacchinos eigenes Imperiales Thema eingewoben (bei 0:15 und 1:49) und in Krennic’s Aspirations erklingt das Imperiale Motiv Seite an Seite mit dem Imperialen Marsch (1:37 und 3:24).

Auch in den Prequels gibt es ein zentrales Thema, das nach einem Film praktisch völlig verschwindet. In „Die dunkle Bedrohung“ ist Anakins Thema neben Duel of the Fates das zentrale Musikstück des Scores, das seine eigene Konzertsuite erhält. Besagtes Thema ist, wie könnte es anders sein, aus dem Imperialen Marsch herauskomponiert und kehrt am Ende der Suite zu ihm zurück, wenn auch sehr subtil. Man hätte nun erwarten können, dass sich Anakins unschuldiges, kindliches Thema in Episode II zu einer heroischen Fanfare entwickelt, um dann in Episode III endgültig zu Vaders Thema zu werden, doch nichts dergleichen geschieht. Anakins Thema verschwindet zwar nicht vollständig, wird aber auf kleine Cameo-Auftritte reduziert, etwa im Abspann von „Angriff der Klonkrieger“ (Confrontation with Dooku/Finale, 9:36).

In den Sequels gibt es bislang nichts derart Signifikantes, aber zumindest ein Thema glänzt ebenfalls durch Abwesenheit. Besagtes Thema hielt ich zuerst für ein Leitmotiv für Finn, David W. Collins, quasi das Star-Wars-Gegenstück zu Doug Adams, identifzierte es allerdings als sekundäres Thema für den Millenium Falken bzw. als „Falken-Action-Thema“. Besagtes Thema ist eher rhythmischer denn melodischer Natur und taucht in The Falcon (ab 0:11) und The Rathtars (2:47). In Main Title and Escape, dem Eröffnungstrack des Episode-VIII-Scores, gibt es bei 4:21 eine kurze Andeutung dieses Themas (allerdings ohne, dass der Falke in der zugehörigen Szene auftauchen würde), ansonsten gehört es aber ebenfalls zu den Star-Wars-Themen, die zwischen den Filmen verloren gehen. Natürlich besteht in diesem Fall aber noch die Chance, dass Williams es in Episode IX wieder aufgreift.

Harry Potter

Die Harry-Potter-Filme sind ein musikalisches Flickenwerk, an dem vier verschiedene Komponisten mitarbeiteten (fünf, wenn man James Newton Howard und „Phantastische Tierwesen“ mit einrechnet). John Williams, Patrick Doyle, Nicholas Hooper und Alexandre Desplat haben alle sehr unterschiedliche Stile und es gibt tatsächlich nur eine Gemeinsamkeit, die sich durch jeden dieser Scores zieht: Hedwigs Thema, natürlich komponiert von John Williams. Aber selbst bei den Filmen, die vom selben Komponisten vertont wurden, bleiben zum Teil Themen auf der Strecke. Das markanteste Beispiel dürfte „Der Gefangene von Askaban“ sein. In „Der Stein der Weisen“ schuf Williams, ähnlich wie schon bei Star Wars, eine ganze Bibliothek an Themen für alle möglichen Handlungselemente: Freundschaft, Familie, Fliegen, Hogwarts, Voldemort, die Winkelgasse etc. In „Die Kammer des Schreckens“ griff er diese Themen wieder auf und erweiterte sein Repertoire um Leitmotive für Figuren und Handlungselemente, die in diesem Film dazukommen, etwa Gilderoy Lockhart, Fawkes und die titelgebende Kammer. Dann kommt der erste Regiewechsel, Alfonso Cuarón ersetzt Chris Columbus, behält aber, anders als seine Nachfolger, John Williams als Komponist. Dennoch unterscheidet sich der Askaban-Score radikal von den Vorgängern, sowohl stilistisch als auch leitmotivisch. Hedwigs Thema bleibt erhalten und das Flug-Thema erhält einen Gastauftritt ganz am Ende, als Harry den Feuerblitz testet, aber sonst werden alle anderen Themen ad acta gelegt. Bei den Leitmotiven für Figuren, die in diesem Film nicht auftauchen, ist das nicht weiter verwunderlich, aber es gibt auch gibt ein neues Familienthema (A Window to the Past) und ein neues Hogwarts-Thema (Double Trouble); beide wären rein formal nicht nötig gewesen. Hinzu kommen eine Reihe sekundärer Motive, etwa für die vermeintliche Bedrohung durch Sirius Black, für Seidenschnabel, Wurmschwanz, für die Dementoren und den Patronus (wobei es sich bei den letzten beiden weniger um tatsächliche Themen, sondern eher um Texturen handelt). Dieser Umstand stört mich einerseits, andererseits ist aber „Der Gefangene von Askaban“ meiner bescheidenen Meinung nach der stärkste Score der Reihe und die Themen, mit denen Williams seine alten ersetzt hat, finde ich schlicht gelungener, wir haben hier also eine ähnliche Situation wie beim Imperialen Marsch.

Bei Nicholas Hooper muss man tatsächlich nicht allzu sehr auf die Themen schauen, da er nicht wirklich leitmotivisch komponiert, sondern sich stärker auf die Einzelszenen konzentriert. Bei Alexandre Desplat sieht das wieder anders aus, da seine Scores weitaus motivischer strukturiert sind. „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“ verfügt über zwei primäre Themen, eines für das Trio und sein Erwachsenwerden (Obliviate) und eines für Voldemort und die Todesser (Snape to Malfoy Manor). Hinzu kommen diverse sekundäre Themen, etwa für die Horkruxe oder Harrys Verbündete (Desplat spricht vom „Band-of-Brothers-Thema“). Besagte sekundäre Themen werden in „Die Heiligtümer des Todes Teil 2“ auch aufgegriffen und weiterentwickelt, seltsamerweise aber nicht die beiden primären, die auf jeweils einen kleinen Gastauftritt reduziert werden. Das Voldemort/Todesser-Thema erklingt in merkwürdigem Kontext (weder Voldemort noch die Todesser sind anwesend) in The Tunnel (0:39) und das Trio-Thema ist als Fragment in Harry’s Sacrifice (1:11) zu vernehmen, dieser Einsatz wurde aber im fertigen Film nicht verwendet.

Mittelerde

Derart eklatante Fälle von thematischer Ersetzung finden sich zumindest in der Herr-der-Ringe-Trilogie nicht. Man könnte argumentieren, dass Aníron zumindest erwähnt werden sollte: Es handelt sich dabei um ein von Enya komponiertes und gesungenes Lied mit elbischem Text, das quasi als Liebesthema für Aragorn und Arwen fungiert. Oberflächlich unterscheidet es sich kaum vom „normalem“ Score, da es in diesen nahtlos eingebettet ist und zu allem Überfluss auch noch von Shore orchestriert wurde. In den beiden Folgefilmen taucht Aníron nicht mehr auf, stattdessen verwendet Shore ein anderes, wenn auch ähnlich geartetes Thema für das Paar. Da Aníron aber ohnehin nicht wirklich als Leitmotiv fungiert, fällt das kaum ins Gewicht. Darüber hinaus gibt es noch das Thema der Ringgeister, dass in „Die Gefährten“ noch recht dominant ist, in den beiden Folgefilmen aber nur jeweils einmal auftaucht und in „Die Rückkehr des Königs“ zu allem Überfluss auch noch stark verfremdet ist.

Anders verhält es sich mit der Hobbit-Trilogie. Hier gibt es eine ganze Reihe an leitmotivischen Merkwürdigkeiten und Außeneinflüssen, über die dich schon mehrfach geschrieben habe. Das Fehlen des Misty-Mountains-Themas im zweiten und dritten Hobbit-Film wurmt mich bis heute. Besagtes Thema wurde bekanntermaßen nicht von Shore selbst, sondern von der Band Plan 9 komponiert, die für jegliche diegetische Musik in den Mittelerde-Filmen verantwortlich ist. Shore adaptierte die Melodie jedoch für den Score und setzte sie ähnlich ein wie das Gefährten-Thema in der HdR-Trilogie. In „Smaugs Einöde“ und „Die Schlacht der fünf Heere“ ist es dagegen spurlos aus dem Score verschwunden. Es wird spekuliert, dass hier ein ähnlicher Fall vorliegt wie bei Aníron – angeblich wollte Shore das Thema nicht weiter verwenden, weil es nicht von ihm selbst stammt.

Doug Adams hat versucht, das Fehlen des Themas inhaltlich zu erklären; er argumentiert, dass dieses Thema, bezogen auf seinen Namen, für Thorin und Kompanie nur gilt, bis sie die Nebelberge überquert haben. Das ist in meinen Augen allerdings ziemlicher Unsinn, da es in besagtem Lied ja nicht um die Nebelberge geht, sie werden nur im ersten Vers erwähnt. Zudem taucht das Lied im Roman noch öfter auf, die Zwerge singen es noch einmal bei Beorn und ein drittes Mal kurz vor der Schlacht der fünf Heere – es hätte also theoretisch in jedem der drei Filme einen weiteren diegetischen Einsatz geben können, und ebenso hätte es als Leitmotiv weiter bestand haben können. Als Ersatz fungiert das House-of-Durin-Thema, das zum Beispiel in den Tracks My Armor Is Iron (0:53), Mithril (2:29) und Sons of Durin (direkt am Anfang) prominent auftaucht. Man verstehe mich nicht falsch, House of Durin ist ein gelungenes Thema – aber doch schwächer und weniger einprägsam als Misty Mountains.

Darüber hinaus wurden noch weitere Themen, die Shore für „Eine unerwartete Reise“ komponierte, in den anderen beiden Filmen fallen gelassen. Für die Titelfigur schrieb Shore ursprünglich drei Themen, das Beutlin/Tuk-Thema, das Abenteuer Thema und „Bilbo’s Fussy Themes“ (Bezeichnung von Doug Adams; alle drei Themen tauchen in A Very Respectable Hobbit auf). Schon in „Eine unerwartete Reise“  ersetze Jackson allerdings mehr als einmal die Bilbo-spezifischen Leitmotive durch das bereits aus den Vorgängern bekannte Auenland-Thema, und auf diese Weise wurde in den beiden Folgefilmen auch fortgefahren. Das Beutlin/Tuk-Thema taucht überhaupt nicht mehr auf und die anderen beiden Themen bekommen lediglich ein oder zwei Gastauftritte pro Film. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema für Radagast den Braunen, das auf dem Album zum ersten Hobbit-Film noch recht prominent vertreten ist (etwa in dem nach ihm benannten Track), im fertigen Film aber nur noch in Andeutungen auftaucht und im Rest der Trilogie durch Abwesenheit glänzt.

 

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Captain Phasma

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Captain Phasma ist das Sinnbild eines verschenkten Charakters. Bereits im Vorfeld von Episode VII schien es, als wolle man den weiblichen Sturmtruppen-Captain zum Boba Fett der Sequel-Trilogie machen: Die coole, etwas mysteriöse Nebenfigur, die jedermanns heimlicher Favorit ist. Man wählte mit Gwendoline Christie sogar eine äußerst rennomierte Schauspielerin, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass man Phasmas Gesicht (mit Ausnahme eines Auges) bis heute nicht gesehen hat. Leider wussten J.J. Abrams und Lawrence Kasdan mit Phasma nicht allzu viel anzufangen. Sicher, die Chrom-Rüstung sieht cool aus, aber davon abgesehen tut Phasma in „Das Erwachen der Macht“ so gut wie nichts. Ihr einziger signifikanter Beitrag zur Handlung ist der Umstand, dass sie Han und Finn unter minimaler Bedrohung verrät, wie man die Schilde der Starkiller-Basis deaktiviert, nur um anschließend in der Müllpresse zu landen. In Episode VIII kann man in Bezug auf Phasma im Grunde nur noch von einem kurzen Gastauftritt reden, der wohl vor allem deshalb zustande gekommen ist, weil die Figur halt „noch da war“. Das ist besonders insofern schade, weil im Vorfeld von „Die letzten Jedi“ im Marketing angedeutet wurde, man hätte nun eine bessere Idee, was mit der Figur anzufangen sei. Sie erhielt einen Roman von Delilah S. Dawson, der Phasmas Vorgeschichte erzählt (und den ich bis heute nicht gelesen habe) und eine Comic-Miniserie, getextet von Kelly Thompson und gezeichnet Marco Chechetto, um die es in diesem Artikel geht.

Phasmas Charakterisierung kennt im Grunde nur zwei Extreme: In Episode VII wird sie als fanatische Anhängerin der Ersten Ordnung vorgestellt, was die von Pablo Hidalgo verfasste illustrierte Enzyklopädie noch unterstreicht. Doch das passt nicht wirklich zu Phasmas Vorgehensweise am Ende des Films. Aus diesem Grund wird sie in der Miniserie (und, so weit ich weiß, auch im Roman) primär als Überlebenskünstlerin dargestellt. Thompson und Chechetto knüpfen direkt an „Das Erwachen der Macht“ an: Phasma entkommt aus dem Müllschacht und schafft es auch, die Starkiller-Basis rechtzeitig zu verlassen. Sie kehrt allerdings nicht sofort zur Ersten Ordnung zurück, sondern jagt zusammen mit einer Tie-Pilotin und einer BB-Einheit Sol Rivas, einen Offizier der Ersten Ordnung, der als einziger von Phasmas Verrat weiß. Dabei landet das Trio auf Luprora, wo es sich mit Monstern, einheimischen Konflikten und schlechtem Wetter herumschlagen muss.

Kelly Thompson legt den Fokus des Comics sehr stark auf Phasmas Eigenschaften als Überlebenskünstlerin, die ruchlos und ohne Gnade gegen alles und jeden vorgeht, der sich ihr in den Weg stellt. Dabei versucht sie Phasma das Bad-ass-Image zurückzugeben, das im Vorfeld zu Episode VII aufgebaut, durch ihre Handlung im Film aber wieder zunichte gemacht wurde. Gleichzeitig soll die Figur dabei nicht entmystifiziert werden – wie in den Filmen ist Phasmas Gesicht nie zu sehen. Als erzählerischer Rahmen dienen Phasmas Aufzeichnungen für die Erste Ordnung, die natürlich alles andere als authentisch sind.

Wie für Medien aus der Sequel-Zeit üblich (mit Ausnahme von Claudia Grays grandiosem „Bloodline“, versteht sich) bleibt auch in diesem Comic das World-Building sehr begrenzt. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass gerade diese Miniserie Kontexte liefert, aber es ist dennoch erwähnenswert, dass „Captain Phasma“ abermals eine erzählerisch fast völlig isolierte Angelegenheit ist, die sich ausschließlich auf ihre Prämisse konzentriert, ohne irgendwelche weiteren Kontexte zu liefern. Gerade Comics dieser Prägung wären eigentlich ganz gut dazu geeignet, die Erste Ordnung und den Status Quo ein wenig auszubauen, aber das wird wohl nach wie vor vermieden.

Insgesamt ist „Captain Phasma“ eine durchaus kurzweilige und vor allem graphisch aufwendige Angelegenheit. Marco Chechetto übernahm bereits bei einigen Kanon-Comics, etwa „Shattered Empire“, die graphische Gestaltung. Ich muss zugeben, dass sein Stil zwar durchaus opulent, mir persönlich aber auch ein wenig zu „glatt“ ist und zu sehr nach Computergrafik aussieht.

Fazit: „Captain Phasma“ ist eine insgesamt kurzweilige, visuell ansprechende, aber letztendlich ziemlich vergessenswerte Miniserie. Wer sich wirklich für die Figur interessiert kann zugreifen, alle anderen verpassen kaum etwas.

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Solo: A Star Wars Story – Soundtrack

Spoiler!
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Track Listing:

01. The Adventures of Han
02. Meet Han
03. Corellia Chase
04. Spaceport
05. Flying with Chewie
06. Train Heist
07. Marauders Arrive
08. Chicken in the Pot
09. Is This Seat Taken?
10. L3 & Millennium Falcon
11. Lando’s Closet
12. Mine Mission
13. Break Out
14. The Good Guy
15. Reminiscence Therapy
16. Into the Maw
17. Savareen Stand-Off
18. Good Thing You Were Listening
19. Testing Allegiance
20. Dice & Roll

Star-Wars- und Soundtrack-Fan fragten sich lange, wer wohl die Musik für „Solo: A Star Wars Story“ schreiben würde. Als Chris Miller und Phil Lord noch als Regisseure verpflichtet waren, kam natürlich zuerst Mark Mothersbaugh in den Sinn – mit diesem hatten die beiden bereits an „21 Jump Street“, dessen Sequel sowie an „The Lego Movie“ gearbeitete. Michael Giacchinos Name wurde ebenfalls häufig in den Mund genommen, schließlich hatte er mit „Rogue One“ bereits bewiesen, dass er auch unter kritischen Umständen in der Lage ist, einen Star-Wars-Score zu stemmen. Dann begannen die ganzen Konflikte hinter den Kulissen, die dazu führten, dass Miller und Lord das Projekt verließen, während Ron Howard übernahm. Und schließlich wurde bekannt, dass John Powell die Musik beisteuern würde, was viele Filmmusik-Fans sehr glücklich machte, immerhin stand er bei vielen auf der Wunschliste ziemlich weit oben. Tatsächlich scheinen sich Miller und Lord bereits für Powell entschieden zu haben, und Howard übernahm ihn einfach – definitiv die richtige Entscheidung.

So tritt nun ein weiteres Mal ein Komponist in die Fußstapfen des großen John Williams und führt ein Franchise unter Verwendung der Themen des Maestro fort. Dieses Mal steuerte Williams sogar selbst noch ein neues Thema bei. Interessanterweise bekam Han Solo als einziges Mitglied des zentralen Trios der OT nie ein eigenes Leitmotiv. Gewissermaßen teilt er sich eines mit Leia, das in „Das Imperium schlägt zurück“ etablierte Liebesthema, gerne auch als Han Solo and the Princess bezeichnet, aber bei diesem handelt es sich um eine eindeutige Weiterentwicklung von Leias Thema – das neue Hauptthema dieses Films gilt Han allein. Es ist tatsächlich nicht das erste Mal, das dieses Vorgehen gewählt wird. Bereits für „Superman IV: A Quest for Peace“ steuerte Williams neues leitmotivisches Material bei, und ein anderer Komponist, in diesem Fall Alexander Courage, bekannt für das ursprüngliche Star-Trek-Thema, übernahm die Ausarbeitung.

Besagtes neues Solo-Thema wird in Form einer Konzertsuite mit dem Titel The Adventures of Han vorgestellt und eröffnet das Album. Wer nun hoffte, Williams werde mit diesem Leitmotiv für den Prä-OT-Han zum Kompositionsstil der OT zurückkehren, wird wahrscheinlich erst einmal enttäuscht werden. The Adventures of Han trägt eindeutig die Handschrift des „modernen Williams“ und wäre auch in der Sequel-Trilogie nicht fehl am Platz. Tatsächlich erinnert das Thema an Poe Damerons Leitmotiv und hat auch die eine oder andere Gemeinsamkeit mit dem Marsch des Widerstands. Im Gesamtwerk des Maestro steht es sicher nicht Seite an Seite mit den Themen der klassischen Trilogie, dem Superman-Marsch oder den beiden Jurassic-Park-Identitäten – tatsächlich braucht es eine Weile, bis es wirklich ins Ohr geht – aber es ist eine gute und funktionale Identität, die sich vor allem als äußerst form- und gut adaptierbar erweist. Wie so viele Williams-Themen besteht es aus zwei Phrasen, einer eher heroischen Fanfare und einem recht frenetischen sekundären Motiv, das vor allem in den Action-Tracks zum Einsatz kommt.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, ob das alles wirklich nötig war. Die ehrliche Antwort lautet: nein. Williams‘ Thema ist in diesem Score kein Störfaktor, im Gegenteil, aber Powell hat bereits ausgiebig bewiesen, dass er ohne Probleme in der Lage gewesen wäre, für „Solo“ ein Thema zu komponieren, dass dem von Williams geschriebenen mindestens ebenbürtig wäre. Nun denn, es ist wie es ist. Stilistisch entfernt sich Powell durchaus etwas weiter vom Maestro, als Giacchino das in „Rogue One“ getan hat. Aus Respekt, vielleicht auch aus Zeitdruck, bleibt „Rogue One“ stets sehr nah am von Williams Etablierten, was auch durchaus legitim ist, schließlich spielt dieser Film direkt in den „Sphären“ der OT, um dann direkt in Episode IV überzuleiten. Die meisten Themen, die Giacchino für „Rogue One“ schrieb, sind aus Williams-Material „herauskomponiert“. „Solo“ dagegen ist weiter entfernt, wir lernen eine Welt der Gangster und Kriminellen kennen, von der es in den bisherigen Filmen bestenfalls kleine Kostproben zu sehen gab. Bereits bei der Musik, die Powell für „X-Men: The Last Stand“ komponierte, zeigte er, dass er in der Lage ist, Williams’sche Stilmittel zu adaptieren, als er den Rhythmus bzw. die Begleitung des Superman-Marsches zur Grundlage seines X-Men-Themas machte. Ganz ähnlich geht er auch hier vor: „Solo“ ist in erster Linie ein Powell- und kein Williams-Pastiche-Score: Frenetisch, komplex orchestriert und versehen mit Powells Markenzeichen, vor allem im Percussion-Bereich. Es gibt diverse Passagen, die sehr un-Williams-haft klingen, aber immer wieder schleichen sich, auch abseits direkter Zitate, bekannte Stilmittel ein, die den geneigten Zuhörer daran erinnern, dass es sich hierbei um einen Star-Wars-Score handelt.

Beide Phrasen des Solo-Themas verwendet Powell großzügig im ganzen Score – dabei zeigt sich, wie gut Williams darin ist, ein formbares Thema zu komponieren und Powell seinerseits, es zu adaptieren und sich zu Eigen zu machen. Natürlich entwickelt sich das Thema zusammen mit dem Protagonisten. In Meet Han erklingt erklingt es eher düster und spiegelt Hans Situation zu Beginn des Films wider. Ab 0:48 ist eine äußerst gehetzte Version der B-Phrase zu hören, schließlich befindet sich Han im ersten Drittel des Films fast konstant auf der Flucht. In Corellia Chase ist es in Powells komplexe, mitreißende Actionmusik eingearbeitet. In den folgenden Tracks tritt Hans Thema zugunsten anderer Leitmotive ein wenig in den Hintergrund, um dann in einer sehr interessanten, leicht arabisch angehauchten Variation in Is This Seat Taken? wieder aufzutauchen – hier spielt Han zum ersten Mal mit Lando Sabacc. Mehrere wuchtige Variationen sind in Mine Mission zu hören, einem weiteren fantastischen Action-Stück mit interessantem durchlaufendem Marsch-Rhythmus. Ähnliche Einsätze finden sich auch in den folgenden Action-Tracks, die weiter unten noch ausführlicher besprochen werden. Besonders hervoruheben ist Dice & Roll, das Abschlussstück des Albums, das den Stil von Is This Seat Taken? aufgreift und zu einem furiosen Statement des Han-Themas überleitet.

Natürlich hat Powells Score noch weitaus mehr zu bieten als nur die gelungene Verarbeitung des Williams-Themas. Powell steuert noch eine ganze Reihe eigener Themen bei, die nicht vernachlässigt werden sollten. Ähnlich wie Han hatte auch Chewie bisher noch kein eigenes Thema, was Powell nun höchstpersönlich korrigiert. Das Leitmotiv des Wookiees ist natürlich nicht ganz so häufig zu hören wie das seine schmuggelnden Freundes; die prägnantesten Einsätze finden sich bei 0:44 Break Out und bei 2:55 in Reminiscence Therapy.

Mit dem Liebesthema von Han und Qi’ra knüpft Powell stilistisch wunderbar an Han und Leias Thema und Across the Stars an und liefert ein weiteres, herrlich altmodisches Pärchen-Motiv, das ganz ähnlich wie das von Anakin und Padmé von einer unleugbaren Tragik geprägt ist. Die ausführlichste und positivste Variation findet sich in Lando’s Closet, während andere Einsätze vor allem die Tragik betonen, etwa am Ende von Spaceport oder in The Good Guy. Darüber hinaus existieren auch Themen für L3 und Tobias Beckett, mein heimlicher Favorit unter allen neuen Themen ist allerdings das für Enfys Nest und ihre Plünderer. Ironischerweise gehört dieses Thema, besonders ausführlich zu hören in Marauders Arrive, zu den Teilen des Scores, die am wenigsten nach Williams klingen. Stattdessen erinnert es eher an die Chorpassagen aus James-Horner-Scores wie „Troja“ oder „Avatar“, was im Film aber exzellent funktioniert, perfekt zur Figur und ihrer Truppe passt und ihnen eine unglaubliche Präsenz verleiht. Im Verlauf des Scores macht Powell noch einige interessante Dinge mit diesem Thema, besonders als klar wird, dass es sich bei Enfy nicht um eine Schurkin, sondern eher eine Proto-Rebellin handelt – darum verliert es in der zweiten Hälfte von Savareen Standoff deutlich an Aggressivität und wird mit Andeutungen der Rebellenfanfare angereichert. Nachdem Han und Enfys beginnen zusammenzuarbeiten, tun das auch ihre musikalischen Identitäten – in Testing Allegiance erklingt ab 1:47 Hans Thema, gespielt von den Blechbläsern, während Rhythmus und Percussions von Enfy Thema als Begleitung fungieren.

Neben Hans Thema haben auch andere Williams-Themen ihren Platz in diesem Score. Powell verwendet sich sparsam, aber wirkungsvoll. Vor allem die Rebellenfanfare und der Main Title sind prominent vertreten – Powell knüpft dabei primär an die Verwendung dieser Themen in der Sequel-Trilogie an. Der Main Title fungiert schon lange nicht mehr als Lukes Thema (was in diesem Film ohnehin nicht möglich wäre, schließlich taucht Luke nicht auf), sondern als das Star-Wars-Thema – einige essentielle „Star-Wars-Momente“ werden von diesem Thema untermalt. Besonders prägnant ist die Verwendung in L3 & Millenium Falcon – als Han den Falken zum ersten Mal erblickt, erklingt bei 1:40 eine besonderes feierliche Variante, die bezüglich ihrer Wirkung an eine gewisse Szene aus „Star Trek: The Motion Picture“ erinnert – das Verhältnis zwischen Han und dem Falken ist ähnlich wie das zwischen Kirk und seiner Enterprise. Und wo wir gerade vom Falken sprechen – die Rebellenfanfare fungiert, ebenfalls wie in den Sequels, primär als Thema für dieses Schiff. Ohnehin war die Rebellenfanfare nie wirklich eng an die Rebellenallianz geknüpft, bereits in Episode IV repräsentierte sie nicht nur die Fraktion, sondern vor allem die Geisteshaltung dieser Fraktion, sodass „heroisch-rebellische Akte“ bereits von der Fanfare untermalt wurden, lange bevor Han und Luke technisch zur Allianz gehören.

Das „starwarsigste“ Stück des Soundtracks ist zweifellos das passend betitelte Reminiscence Therapy; in diesem Track zitiert Powell nicht nur die beiden bereits erwähnten Themen (bei 3:15 ist zum Beispiel eine äußerst flotte Variation des Main Title zu hören), sondern auch diverse andere Tracks aus der OT. Der Track wird von einem kurzen Statement des Todesstern-Motivs eröffnet (ein wenig fragwürdig – aber auch hier gilt, Williams selbst hat dieses Motiv bereits ein oder zwei Mal verwendet, ohne dass der Todesstern zu sehen war). Darüber hinaus zitiert Powell großzügig aus den Tracks Tie Fighter Attack (gerne auch als Here They Come bezeichnet) aus Episode IV und The Asteroid Field aus Episode V, beides Stücke, die eng mit Falken-Action verknüpft sind. Dabei belässt Powell es aber nicht bei purer Übernahme, sondern variiert und verändert, passt die Percussions seinem Stil an und mischt die Solo-spezifischen Themen mit ein. Into the Maw knüpft stilistisch an die furiose Action des Vorgänger-Tracks an, legt aber einen größeren Fokus auf Powells eigenes Material und Hans Thema, jedenfalls bis bei 3:48 die wohl furioseste Version des Main Title in diesem Soundtrack erklingt, inklusive eingebundener Rebellenfanfare.

Alles in allem ist Powells Score ein brillantes Werk, einem der wichtigsten und besten Filmmusikfranchises mehr als würdig, ein wenig Kritik muss aber dennoch sein – diese gilt vor allem einigen fehlenden Elementen. Ich persönlich hätte es nett gefunden, wenn Powell für Lando den Cloud-City-Marsch aus Episode V bemüht hätte – Kevin Kiner bediente sich dieses Themas für Lando in „Star Wars Rebels“, was für mich ziemlich gut funktioniert hat. Die restlichen „Fehlerscheinungen“ beziehen sich weniger auf den Score selbst als auf die Albenpräsentation, denn zwei zwar kurze, aber doch sehr wichtige Statements klassischer Star-Wars-Themen fehlen auf dem kommerziell zu erwerbenden Produkt. Da wäre zum Einen der Imperiale Marsch, der als diegetisches Stück in einem imperialen Propaganda-Video auftaucht. Die Idee ist nicht neu, bereits in „Rebels“ fungierte eine fröhliche Dur-Version des Imperialen Marsches (das Stück trägt den Titel Glory of the Empire) als textlose Hymne des Imperiums – tatsächlich könnte es sich dabei wirklich um eine Einspielung von Glory of the Empire handeln; im Film ist das recht schwer auszumachen. An dieser Stelle findet ein Schnitt statt und nach der beschönigenden Propaganda erleben wir Han als imperialen Soldaten im Gemetzel, was von einer traditionelleren, aggressiveren Version des Marsches untermalt wird und einen wirklich schönen Kontrast schafft.

Noch ärgerlicher macht mich allerdings das Fehlen von Duel of the Fates – dieses Untermalt Mauls Gastauftritt am Ende. Es scheint langsam zum Trend zu werden, dass bei den Soundtrack-Veröffentlichungen der Disney-Star-Wars-Filme die Themen der Dunklen Seite ein wenig stiefmütterlich behandelt werden. Erst der Imperiale Marsch beim Episode-VII-Album, dann das Thema des Imperators bei Episode VIII und nun schon wieder der Imperiale Marsch und Duel of the Fates bei „Solo“. Genau genommen ist Duel of the Fates eigentlich nicht Mauls Thema, sondern das Thema des finalen Konflikts bzw. Duells von Episode I, das wegen seiner Popularität in Episode II und III auf etwas fragwürdige Art und Weise weiterverwendet wurde. Aber viele Star-Wars-Fans assoziieren dieses Thema tatsächlich mit Maul und da die meisten seiner Auftritte in Episode I ohnehin vom geflüsterten Text von Duel oft he Fates begleitet wurden, kann man das schon akzeptieren. Außerdem ist es das erste Mal, dass ein Prequel-spezifisches Thema in einem Disney-Star-Wars-Film direkt zitiert wird – das gehört schon aufs Album.

Fazit: John Powell beweist ein weiteres Mal, dass er einer der besten Komponisten seiner Generation ist und liefert nicht nur einen grandiosen Star-Wars-Score, sondern auch den bislang besten Soundtrack des Jahres ab.

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Siehe auch:
Solo: A Star Wars Story – Ausführliche Rezension

Solo: A Star Wars Story – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Und wieder mal einer dieser Filme, bei dem die Produktion fast spannender ist als das, was man auf der Leinwand sieht. „Solo: A Star Wars Story“ schafft es, „Rogue One“ bezüglich problematischer Postproduktion spielend zu übertrumpfen. Ursprünglich sollten Phil Lord und Chris Miller, ihres Zeichens Regisseure von „The Lego Movie“, das Drehbuch von Lawrence Kasdan und seinem Sohn John umsetzen, doch es kam zu kreativen Differenzen, weshalb Kathleen Kennedy die beiden Regisseure feuerte und stattdessen Ron Howard („A Beautiful Mind“, „The Da Vinci Code“) anheuerte, um große Teile des Films neu zu drehen. Howard ist ein Regisseur, der als äußerst kompetent gilt, dem es aber gemeinhin an „Inspiration“ fehlt – er gilt als Handwerker. Ich persönlich hatte ziemlich niedrige Erwartungen an „Solo“, einerseits wegen des ganzen Dramas, andererseits aber auch, weil Han Solo nie eine Figur war, für die mein Herz besonders schlägt. Nicht, dass er mich irgendwie gestört hätte, ich hatte aber auch nie das Bedürfnis, mich in größerem Ausmaß mit ihm auseinanderzusetzen. Ich habe auch nie die alten Han-Solo-Romane von Brian Daley oder A.C. Crispin gelesen. Dementsprechend war nicht nur meine Erwartungshaltung recht gering, sondern auch mein Interesse. Umso erstaunlicher ist letztendlich, wie gut mir „Solo: A Star Wars Story“ gefallen hat – ich habe den Film tatsächlich als weitaus angenehmer und weniger frustrierend wahrgenommen als „Die letzten Jedi“. Das soll nicht bedeuten, dass Disneys zweites Spin-off frei von Problemen wäre, im Gegenteil. Dennoch hat es meine (geringen) Erwartungen übertroffen.

Handlung und Ton
Der jung Han (Alden Ehrenreich) möchte mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) dem kriminellen Bandentum seiner Heimatwelt entkommen, was durch einen besonderen Coup auch beinahe gelingt. Während Han noch durch die imperialen Kontrollen kommt, wird Qi’ra aufgegriffen. Han schwört, eines Tages nach Corellia zurückzukehren und sie zu befreien; vorerst schließt er sich aber dem Imperium an, um Pilot zu werden. Wegen seines unkooperativen Wesens landet aber allerdings bei den Bodentruppen und muss auf Mimban in den Schützengräben ausharren. Dort trifft er auf den Dieb Tobias Beckett (Woody Harrelson) und seine Gefährtin Val (Thandie Newton), die sich als Imperiale ausgeben und versucht, sich ihnen anzuschließen, was ihm auch gelingt, nachdem er den Wookiee Chewbacca (Joonas Suotamo) befreit hat.

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Han (Alden Ehrenreich) und Chewie (Joonas Suotamo)

Ihr erstes gemeinsames Vorhaben bringt die neue Gang nach Vandor-1, wo sie Coaxium aus einem Zug stehlen wollen. Doch die mysteriöse Enfys Nest (Erin Kellyman) und ihre Plünderer haben es auf das selbe Ziel abgesehen. Letztendlich misslingt der Überfall und kostet Val das Leben. Derweil müssen sich Han, Chewie und Beckett vor dem Gangsterboss Dryden Vos (Paul Bettany), Becketts Auftraggeber, rechtfertigen. Überraschenderweise trifft Han bei Vos seine alte Jugendliebe Qi’ra wieder, die nun für den Anführer des Verbrechersyndikats Crimson Dawn arbeitet. Schnell wird ein Ersatzplan festgelegt: Um doch noch an Coaxium kommen zu können, muss es von Kessel gestohlen werden. Doch dazu ist ein besonderes Schiff nötig: Der Millenium Falke. Dieser befindet sich im Besitz des Schmugglers Lando Calrissian (Donald Glover), der überzeugt werden kann, an der Aktion teilzunehmen. Qi’ra, Han, Lando, Chewie und Beckett begeben sich also nach Kessel, nicht wissend, welche Gefahren noch auf sie lauern…

Im Grunde grenzt es schon an ein Wunder, wie kohärent „Solo: A Star Wars Story“ bei dem ganzen Drama hinter den Kulissen letztendlich ausgefallen ist. Ob bzw. wie viele Überreste es von Lords und Millers Version im fertigen Film gibt, lässt sich nur schwer sagen. Es gibt ein paar Szenen, die gerade bezüglich des Humors etwas geerdeter bzw. Star-Wars-untypisch wirken, etwa die Unterhaltung über Landos Capes – gerade dabei könnte es sich um Überbleibsel handeln. Nach den Beschreibungen scheinen Lord und Miller „Solo“ eher in die Richtung von „Guardians of the Galaxy“ gerückt zu haben. Um ehrlich zu sein kann ich die Entscheidung von Lucasfilm hier durchaus gut nachvollziehen. Tatsächlich funktionieren Gags wie die Cape-Szene, aber mehr als aktuell vorhanden sind hätten dem Film in meinen Augen eher geschadet. Ohnehin kann gerade bei Star Wars zu viel Meta-Humor und -Kommentar durchaus schädlich sein, wie Episode VIII bewiesen hat.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass „Solo“ in dieser Hinsicht dann wieder zu sehr in die andere Richtung ausschlägt. Dem Film haftet, wohl auch durch die extrem umfassenden Nachdrehs, eine gewisse Beliebigkeit an, zu sehr reiht sich Set-Piece an Set-Piece. Für sich gesehen ist keines davon wirklich schlecht, aber gerade den frühen, etwa der Zugüberfall, mangelt es ein wenig an Spannung. Positiv hervorheben möchte ich allerdings das Duell zwischen Qi’ra und Dryden Vos am Ende, das als quasi-Lichtschwertduell eine ziemlich gute Figur macht.

Altes Trio
Drei bereits bekannte Figuren stehen zumindest theoretisch im Zentrum dieses Films: Han Solo, Lando Calrissian und Chewbacca. Alle drei werden dabei nicht mehr von ihren jeweiligen Darstellern aus der OT gespielt, sondern von drei weitaus jüngeren Schauspielern. Joonas Suotamo als Chewie doubelte bereits für Peter Mayhew in „Das Erwachen der Macht“ und übernahm die Rolle für „Die letzten Jedi“ vollständig, da ist es nur natürlich, dass er nun auch in „Solo“ diese Rolle spielt. Ohnehin dürfte Chewie für die meisten eher unproblematisch sein. Han und Lando sind da schon ein wenig kritischer.

Dem Lob, das Donald Glover als Billy Dee Williams‘ Nachfolger (bzw. Vorgänger, wenn man es chronologisch betrachtet) zugesprochen wird, kann ich mich definitiv und rückhaltlos anschließen; Glover ist einfach grandios in der Rolle und stiehlt jede Szene, in der er auftaucht.

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Lando (Donald Glover)

Alden Ehrenreich dagegen weiß nicht sofort zu überzeugen, zumindest mir fiel es immer wieder schwer, ihn auch tatsächlich als Han Solo zu sehen. Dabei spielt er keinesfalls schlecht, aber einerseits ist die Rolle so sehr mit Harrison Ford verwachsen und andererseits kann Ehrenreich bei weitem nicht so mühelos wie Glover in die Haut seiner bereits ausgiebig etablierten Figur schlüpfen. Man gewöhnt sich aber im Verlauf des Films an ihn und er funktioniert.

Gerade was diese drei Figuren angeht, geht „Solo: A Star Wars Story“ im Grunde fast keinerlei Risiken ein. Lando und Chewie werden genauso dargestellt, wie man das erwarten würde, sie sind im Grunde dieselben wie immer. Han bekommt eine Entwicklung spendiert. Vor allem zu Beginn ist er relativ blauäugig, um im Verlauf des Films dann von seinem Teilzeitmentor Beckett und seiner Freundin Qi’ra, die ihn beide auf ihre Weise verraten, zu lernen, dass er niemandem vertrauen sollte. „Solo“ fällt es nicht ganz leicht, zwischen dem egoistischen Han, den wir zu Beginn von „Eine neue Hoffnung“ kennen lernen, und dem späteren Helden zu vermitteln. Obwohl der Film eigentlich nur Ersteren darstellen sollte, kann er es nicht lassen, Letzteren bereits vorwegzunehmen.

Darüber hinaus ist der Titelheld mitunter jedoch fast schon zweitrangig, da er von diversen anderen Aspekten des Films überschattet wird. Rein formal ist Han natürlich der Protagonist, als Zuschauer folgen wir seinem Weg und es werden auch alle wichtigen Stationen abgearbeitet (und das auch zumeist in gelungenen und überzeugenden Szenen): Das erste Treffen mit Chewie, die Begegnung mit Lando, der Kessel-Run und schließlich das berühmte Sabacc-Spiel um den Millenium Falken. Und dennoch werde ich das Gefühl nicht los, hier nicht unbedingt Han Solos Story zu sehen, sondern eine Story, in die Han Solo eher zufällig hineingeraten ist und die wir letztendlich nur aus seiner Perspektive wahrnehmen.

Neue Figuren und Konzepte
Star Wars war schon immer ein wildes Genre-Gemisch: Märchen/Fantasy/Mythos trifft Science Fiction, versehen mit ein wenig Western hier, ein wenig Samuraigeschichte dort und das alles angereichert mit etwas Kriegsfilm und ein wenig fernöstlich anmutender Spiritualität. Schon das alte Erweiterte Universum kippte die Balance der Genremischung ganz gerne, und die Spin-offs setzen diese Tradition fort. Wo „Rogue One“ vornehmlich den Kriegsfilmaspekt aufgriff und ausbaute, wildert „Solo“ im Western- und Gangster-Milieu. Wie oben beschrieben sind die Figuren, die wir bereits kennen, im Grunde dieselben geblieben – selbst Han ist heroischer, als man erwarten würde, auch wenn er Hemmungen hat, sich einer Protorebellion anzuschließen. Die eigentlich interessanten Figuren sind alle anderen, die weitaus grauer und weniger eindeutig gut und böse daherkommen. Das Imperium spielt natürlich eine Rolle, bleibt dabei aber gesichtslos – es gibt keinen zentralen imperialen Antagonisten wie Tarkin oder Krennic (von jemandem wie Vader gar nicht erst zu sprechen). Stattdessen funktioniert das Imperium hier eher wie eine Naturgewalt, etwas das da ist, an dem man nichts ändern kann und mit dem man auf die eine oder andere Art eben umgeht.

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Qi’ra (Emilia Clarke)

Gerade die neuen Figuren sind in dieser Hinsicht recht bemerkenswert, denn eigentlich ist es ihre Geschichte, in die Han und Chewie mehr oder weniger hineingezogen werden. Die beiden Kasdans bedienen sich hier der Archetypen des Western- und Gangsterfilms. Vor allem die von Emilia Clarke dargestellte Qi’ra ist eine ziemlich offensichtliche Femme Fatale, die es in dieser Form zumindest in den Star-Wars-Filmen bisher noch nicht gab. Ich hatte ein wenig Zweifel am Casting, schließlich ist Emilia Clarke nicht unbedingt für ihre gewaltige darstellerische Bandbreite bekannt, aber ich fand, dass sie in dieser Rolle erstaunlich gut funktioniert. Allgemein hat Qi’ra es mit ihrer Art geschafft, mich für sie einzunehmen. Auch Dryden Vos ist trotz seiner knapp bemessenen Leinwandzeit eine interessante Figur. Als Gangsterboss von Crimson Dawn schafft er mit seiner jovialen Art einen schönen Kontrast zu Jabba, der bisher als primärer Repräsentant des Gangstertum im Star-Wars-Universum fungierte (auch wenn es im Legends-Bereich noch viele weitere, etwa den illustren Prinz Xizor, gibt).

Was in „Solo“ tatsächlich größtenteils fehlt, ist ein wirklicher, zentraler Antagonist. Das Imperium bleibt eine unpersönliche Macht. Sowohl Dryden Vos als auch die mysteriöse Enfys Nest und ihrer Plünderer kommen zwar in Frage, doch in beiden Fällen sind sie auch zeitweilige Verbündete der Helden. Tobias Becketts Verrat und Qi’ras „Alleingang“ am Ende passen da natürlich wunderbar ins Konzept. Ich fand diese gerade für Star Wars nicht traditionelle Handlungsführung äußerst erfrischend, da es dem Film dennoch gelingt, zumindest meine Aufmerksamkeit in ausreichendem Maße zu fesseln.

Episode vs. Star Wars Story
Star Wars unter Disney und Kathleen Kennedy ist ein interessantes Untersuchungsobjekt. Nach drei finanziell äußerst erfolgreichen Filmen bekommt die Fassade nun langsam Risse; erst erwies sich „Die letzten Jedi“ als höchst umstrittener (wenn auch nach wie vor an den Kinokassen erfolgreicher) Film, während nun „Solo“ gewissermaßen abgestraft wird. Ob es wirklich an der Rezeption von Episode VIII liegt, an dem Umstand, dass gerade einmal ein halbes Jahr seit dem letzten Star-Wars-Film vergangen ist, an einem generellen Desinteresse an den Jugendjahren dieser Figur oder an einer Mischung aus allem ist schwer zu sagen. Wie ich eingangs bereits erklärte, gefällt mir „Solo“ deutlich besser als „Die letzten Jedi“ – das lässt sich gleichermaßen auf die anderen beiden Disney-Star-Wars-Filme ausdehnen – insgesamt finde ich die beiden Spin-offs gelungener als die beiden Episoden. Dabei bin ich durchaus bereit zuzugeben, dass die beiden Episoden eventuell bessere Filme sind – aber nicht bessere Star-Wars-Geschichten (um den Untertitel mal direkt aufzugreifen). Die Sequels leiden unter diesem merkwürdigen Zwang, wie die OT sein zu wollen, die Geschichte aber gleichzeitig fortschreiben zu müssen. Nun haben wir die Erste Ordnung statt dem Imperium, den Widerstand statt der Rebellion, die Ritte von Ren statt den Lords der Sith und Snoke statt dem Imperator – für mich alles ein unbefriedigendes „nicht Halbes und nichts Ganzes“. Die Spin-offs leiden nicht darunter, sondern fügen sich handlungstechnisch ganz mühelos in die Ära zwischen Episode III und IV. Diesbezüglich haben sie es einfacher, da sie sich einerseits der bekannten Ära bedienen können – das Imperium ist einfach das Imperium und funktioniert als solches – aber andererseits in ihrer Handlungsführung freier sind, weil es andere Erwartungen gibt. Ich habe immer das Gefühl, die Episoden versuchen, Star-Wars-Filme zu sein, während die Spin-offs einfach Star-Wars-Filme sind.

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Dryden Vos (Paul Bettany)

Besonders ein Faktor spielt da eine wichtige Rolle: Das World Building. Wenn ich einen Star-Wars-Filme sehe, möchte die Welt, die er mir zeigt, erforschen wollen. Egal ob es die düsteren Hinterhöfe von Mos Eisley sind, die Paläste von Naboo oder die Klonfabrik von Kamino – die OT und die PT hatten hervorragendes World Building. Die Sequels lassen das bislang vermissen – die vorgestellten Welten wirken auf eine Art und Weise pragmatisch, die dem Film schadet. Ein Kameraschwenk durch die Galaxis-Oper in Episode III und ich möchte wissen, wer die Leute sind, die diese Oper besuchen. Es ist nicht so, als hätten die Sequels nicht versucht, etwas derartiges ebenfalls zu leisten, aber weil der Kontext zum Großen Ganzen fehlt oder alles extrem zweckgebunden ist, funktioniert es einfach nicht – siehe Canto Bight. Die beiden Spin-offs dagegen knüpfen eher an die PT an, was in diesem Kontext als Kompliment gemeint ist.

Das große Ganze
Mehr als jeder andere der bisherigen Disney-Star-Wars-Filme quillt dieser über vor Querverweisen und Anspielungen zu anderen Star-Wars-Medien, sowohl aus dem aktuellen Kanon als auch aus dem alten Erweiterten Universum. Entweder hatten die beiden Kasdans beim Schreiben des Drehbuchs Wookieepedia konstant offen, oder sie haben Storygroup-Mitglied und EU- sowie Kanon-Experten Pablo Hidalgo auf das Skript losgelassen. Oft sind es nur kleine Verweise oder Anspielungen, etwa die Erwähnung von Teräs Käsi, einer Kampfkunst aus den alten Legends-Werken oder das kurze Zeigen eines Sith-Holocrons in Dryden Vos‘ Kuriositätenkammer – das funktioniert natürlich auch gleichzeitig als Foreshadowing. Auch diverse Figuren werden mit dem „größeren Star Wars“ auf interessante Weise verknüpft. So wird Beckett etwa mehrmals zugute gehalten, dass er Aurra Sing getötet hat. Diese hat einen wirklich kurzen Miniauftritt in Episode I, um dann später in den Comics des Legends-Bereichs und auch in „The Clone Wars“ noch eine größere Rolle zu spielen. Es gibt eine ganze Reihe von Fans, denen eine derartige „Anbiederung“ nicht wirklich zusagt, aber ich muss sagen, ich habe das alles sehr genossen. Vor allem fühlen sich die Anspielungen hier nicht wie ein Selbstzweck an, sie helfen dabei, die Erzählte Welt von Solo lebendig zu machen – das ist eine Welt, in der die Geschichte des Films stattfindet, nicht eine Welt, die für die Geschichte dieses Films konstruiert ist.

Die Anspielung, die man absolut nicht verpassen kann und die mehr als einen „Casual Fan“ ziemlich verwirrt hat, ist natürlich Mauls Gastauftritt am Ende, mit dem man tatsächlich absolut nichts anfangen kann, wenn man nur die Filme gesehen hat. Aus diesem Grund noch einmal der Kurzverlauf: In der dritten Staffel der Animationsserie „The Clone Wars“ beschlossen die kreativen Köpfe bei Lucasfilm, Darth Maul von den Toten zurückzuholen – wie genau Maul das gelungen ist, ist bis heute nicht wirklich aufgeklärt. Jedenfalls kehrt Maul während der Klonkriege in die Galaxis zurück, bekommt neue, mechanische Beine und versucht, sein eigenes Ding zu drehen, nur um von Darth Sidious auf schmerzhafte Weise aufgehalten zu werden. Maul überlebt allerdings auch die Klonkriege, um in der Quasi-Fortsetzung „Star Wars Rebels“ noch eine Rolle zu spielen. Ich war nie der größte Fan von Mauls Rückkehr, aber eine Tatsache kann man nicht leugnen: Zu dem Zeitpunkt, an dem „Solo“ spielt, ist Maul da und kann verwendet werden. Tatsächlich finde ich es durchaus interessant, wie „Solo“ auf diese Weise eine stärkere Wechselwirkung zwischen Filmen und Animationsbereich herstellt – bisher war das eher eine einseitige Geschichte. Nebenbei bemerkt: Es ist tatsächlich Ray Park, der abermals Maul darstellt, während ihm Sam Witwer wie in „The Clone Wars“ und „Rebels“ die Stimme leiht.

Natürlich stellt sich nun die Frage: Wie geht es weiter? Es gibt den einen oder anderen Anhaltspunkt, dass Disney darauf spekuliert hat, Fortsetzungen zu „Solo“ zu drehen, was aber aufgrund des finanziellen Misserfolgs eher unwahrscheinlich ist. Da ist es fast schon ironisch, dass es im Grunde auch keine direkte Fortsetzung zu „Solo“ braucht: Fast alle wichtigen Elemente aus Hans Vergangenheit wurden bereits abgearbeitete, lediglich die Jabba-Geschichte wird hier nur angedeutet. Tatsächlich könnte ein weiterer Spin-off-Film die Handlungsstränge um Qi’ra und Maul relativ direkt aufnehmen und müsste Han Solo nicht einmal auftauchen lassen. Sowohl ein Boba-Fett- als auch ein Obi-Wan-Film wären dafür fast schon prädestiniert, wobei es bei Letzterem einige Probleme gibt, denn in „Rebels“ haben Obi-Wan und Maul ihre finale Zusammenkunft bereits absolviert, eine finale Zusammenkunft, die für Maul tödlich ausgeht. Aber selbst unter diesem Gesichtspunkt ließe ich etwas konstruieren. Man könnte sich ein Beispiel an „Der Zorn des Khan“ nehmen – Kirk und Khan begegnen sich nie von Angesicht zu Angesicht, aber die Feindschaft funktioniert trotzdem.

Fazit: „Solo: A Star Wars Story“ ist im Grunde ein Film, den niemand wirklich gewollt oder gebraucht hat. Umso überraschender ist, wie gut er mir letztendlich gefallen hat, vor allem, da er die Stärken von „Rogue One“ aufgreift. Wahrscheinlich wird „Solo“ lange vor allem als „der gefloppte Star-Wars-Film“ in Erinnerung bleiben, aber ich persönlich finde ihn als Star-Wars-Story weitaus befriedigender als die Sequels.

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Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung – Live in Concert

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Als Filmmusikfan kann man sich wirklich nicht beklagen, wenn es um das Thema Live-Aufführungen geht: Das Genre wird immer populärer, sodass auch die Anzahl an Live-to-Projection-Aufführungen stetig zunimmt. Während ich die ersten beiden Harry-Potter-Filme in der Stuttgarter Liederhaller leider verpasst habe, konnte ich mir „Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung“ am 1. April aus nachvollziehbaren Gründen natürlich nicht entgehen lassen, schließlich handelt es sich dabei nicht nur um den ersten Score aus einer weit, weit entfernten Galaxis (was alleine schon Grund genug wäre), sondern auch um den Soundtrack, der die orchestrale Filmmusik im großen Stil zurückgebracht hat.

Gespielt hat dieses Mal das Orchester der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Leitung von Helmut Imig, der auch schon die LtP-Aufführung von „Jurassic Park“ dirigierte, die ich Dezember 2016 besuchte. Im Gegensatz zu besagter Vorstellung gab es dieses Mal allerdings einen etwas holprigen Start: Nach einem gelungenen Main Title ging kurz etwas schief, sodass das Orchester dem Film um einige Sekunden hinterher hinkte, was besonders negativ auffällt, wenn die Folge ist, dass Darth Vaders erster Auftritt ausgerechnet mit der Rebellenfanfare untermalt wird. Zum Glück konnte das Orchester dann aber wieder aufholen, sodass ab Prinzessin Leias Gefangennahme wieder alles im Lot war. Einmal fror auch das Bild auf der Leinwand kurz ein, was aber erfreulicherweise nicht zu einer Verzögerung führte. Das ist nun bereits meine fünfte LtP-Aufführung, und ich muss ehrlich sein: Ich bin fast schon überrascht, dass so ein Schnitzer nicht schon eher passiert ist. Da ich nicht selbst im Orchester spiele, kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber ich stelle es mir unheimlich schwer vor, genau synchron zum Film zu spielen. Bei Score-Aufnahmen kann man einfach wiederholen, wenn etwas schief geht, aber live ist das freilich eine ganz andere Geschichte.

Ein kleines Problem hatte ich außerdem noch damit, dass, anders als bei den bisherigen LtP-Aufführungen, dieses Mal die deutsche Synchronfassung gespielt wurde. Trotz dieses Umstandes wurden die Untertitel eingeblendet, da das Orchester doch hin und wieder die Dialoge übertönt (was auch richtig so ist, schließlich besucht man eine derartige Vorstellung primär, um die Musik zu hören). Allerdings bediente man sich der normalen DVD-Untertitel, die mit der Synchronfassung nicht übereinstimmen, was bei mir immer zu geringfügiger Irritation führt. Insgesamt hätte ich ohnehin den O-Ton bevorzugt.

Glücklicherweise hat das alles die tatsächliche Performance des Orchesters kaum beeinflusst, diese war durchweg exzellent. Helmut Imig ist ein sehr energiegeladener Dirigent, der alles Mögliche aus seinem Orchester herausholt – das war bereits bei „Jurassic Park“ der Fall und hat sich bei „Eine neue Hoffnung“ erfreulicherweise wiederholt. Vor allem merkt man ihm seinen Enthusiasmus und seine Leidenschaft an: Wer würde sonst schon die Zugabe mit einem FX-Lichtschwert dirigieren? Egal ob es sich um die subtilen Nuancen von Prinzessin Leias Thema oder die Blechbläserwucht der Rebellenfanfare handelt, Imig und sein Orchester wussten vollauf zu überzeugen.

Wie jedes Mal bei einer derartigen Vorstellung lassen sich einige interessante Beobachtungen machen. Szenen, die ohne Musik auskommen, fallen weitaus deutlicher ins Gewicht, da man als Zuschauer natürlich aktiv auf das Orchester achtet – in „Eine neue Hoffnung“ gibt es durchaus einige davon. Die diegetische Musik, in diesem Fall das Stück der Cantina Band, wurde eingespielt. Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass dieser Film nicht ganz so… ergiebig für eine LtP-Aufführung ist wie etwa ein Herr-der-Ringe-Teil, bei dem auch noch diverse Spezialinstrumente und ein gewaltiger Chor vorkommen – bekanntermaßen spielen chorale Passagen vor Episode VI keine Rolle und werden erst in den Prequels wirklich dominant. Dennoch, John Williams‘ meisterhaft komponierte Musik lohnt sich immer, ganz besonders live und gespielt von einem engagierten Orchester.

Fazit: Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten eine gelungene Live-to Projection-Aufführung, die ich jedem Star-Wars-, Williams- oder Filmmusikfan nur ans Herz legen kann.

From a Certain Point of View

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Das Star-Wars-Franchise ist bekannt dafür, für jede noch so kleine Nebenfigur und jeden Statisten, der durchs Bild läuft, eine ausführliche Hintergrundgeschichte parat zu haben. Dieser Kerl in „Die dunkle Bedrohung“ mit einem gelben Strich im Gesicht, den man auf Tatooine in einer Szene sitzen sieht? Das ist Quinlan Vos, Held mehrerer Legends-Comics, einer Clone-Wars-Folge und eines Kanon-Romans. Gerade Werke wie das in dieser Rezension zu besprechende „From a Certain Point of View“ sind diesbezüglich äußerst ergiebig. Es handelt sich dabei um eine Kurzgeschichtensammlung, die das vierzigjährige Jubiläum von „Eine neue Hoffnung“ zelebriert; zu diesem Zweck haben sich vierzig Autoren gefunden und ebenso viele Kurzgeschichten verfasst, die im Fahrwasser von Episode IV spielen. Die Sammlung hangelt sich gewissermaßen an der Handlung des Films entlang, nimmt mal mehr, mal weniger wichtige Nebenfiguren in den Fokus und erzählt Szenen aus deren Sicht. In manchen Fällen erfahren wir auch, was Figuren wie Lando Calrissian oder Yoda, die nicht in Episode IV auftauchen, währenddessen getan haben.

Auf der Verfasserliste finden sich viele namhafte Autoren, die bereits Beiträge zum Star-Wars-Universum geliefert haben, tatsächlich sind die meisten Autoren, die in den letzten Jahren Roman oder Comics für das Franchise verfasst haben, hier vertreten: Christie Golden („Dark Disciple“, „Inferno Squad“), John Jackson Miller („A New Dawn“), Delilah S. Dawson („Phasma“), Paul S. Kemp („Lords of the Sith“), Claudia Gray („Bloodline“, „Lost Stars“) und Kieron Gillen (Darth-Vader-Comicserie) sind nur einige der namhaften Autoren. Einige andere, darunter auch Wil Wheaton, feieren mit „From a Certain Point of View“ sogar ihr Star-Wars-Debüt.

Anders als sonst im Star-Wars-Bereich bekommen die Schreiberlinge darüber hinaus einigen Raum zum experimentierten, sei mit Tempus, Perspektive oder Erzählform – das zeigt sich schon daran, dass bei Weitem nicht alle der Geschichten zur Kontinuität gezählt werden können. Einige sind ziemlich klassisch gehalten, etwa der Einstieg, „Raymus“ von Gary Whitta, der nicht nur als Drehbuchautor an „Star Wars Rebels“ und „Rogue One“ mitarbeitete, sondern bei besagtem Spin-off sogar den Titel ersann. In seiner Geschichte knüpft er direkt an „Rogue One“ an und schildert, wie Raymus Antilles, der Captain der Tantive IV, die Zeit „zwischen den Filmen“ erlebt. Bei anderen Geschichten dagegen ist es ungewiss, ob sie in den Kanon passen, etwa bei „Beru Whitesun Lars“ von Meg Cabot. Hier fungiert Lukes Tante als Ich-Erzählerin und schildert kurz, wie sie die Ereignisse ihres Lebens und Lukes Aufwachsen sieht – das tut sie allerdings post-mortem. Und schließlich wären da noch Geschichten wie „Palpatine“ von Ian Doescher oder „Whills“ von Tom Angleberger, die definitiv nicht in die Kontinuität passen. Doescher knöpft nämlich an sein Konzept „Shakespeare trifft Star Wars“, in dessen Rahmen er alle Episoden von I bis VII als Theaterstücke im Stil William Shakespeares neu abgefasst hat, an und steuert einen Monolog in diesem Stil bei, in dem der Imperator auf die Nachricht von Obi-Wans Tod reagiert. „Whills“ ist eine Metageschichte, die das ursprüngliche Konzept von Star Wars als dem „Journal der Whills“ aufgreift und von der Abfassung des Lauftexts von Episode IV berichtet.

Einige Geschichten kümmern sich wirklich um geradezu mikroskopische Teile des Films. „The Sith of Datawork“ von Ken Liu etwa erklärt, welche Gründe und Folgen der nicht erfolgte Abschuss der Rettungskapsel mit den beiden Droiden hat. Namenlose Rebellenpiloten oder Sturmtruppen erhalten ihren Moment im Rampenlicht, etwa in „Change of Heart“ von Elizabeth Wein oder „Sparks“ von Paul S. Kemp. Andere Geschichten bemühen sich dagegen in größerem Ausmaß, die Ereignisse von Episode IV mit den neuen Inhalten der Einheitskontinuität zu kontextualisieren, etwa „The Verge of Greatness“ von Pablo Hidalgo; hier werden nicht nur Tarkins Gedanken und Emotionen aufgegriffen, auch die Ereignisse von „Rogue One“ und Orson Krennics Rolle bei der Entstehung des Todessterns werden noch einmal thematisiert. Selbst die Prequels und das alte EU werden nicht völlig außenvorgelassen, Claudia Grays „Master and Apprentice“ schildert ein Zwiegespräch zwischen Obi-Wan und Qui-Gons Machtgeist, während John Jackson Miller mit der Tusken-zentrischen Geschichte Rites einige Details aus seinem Legends-Roman „Kenobi“ in die Einheitskontinuität rettet.

Wie in jeder derartigen Kurzgeschichtensammlung gibt es natürlich gelungenere und weniger gelungenere Werke. Mit „The Kloo Horn and Cantina Caper“ von Kelly Sue DeConnick und Matt Fraction konnte ich beispielsweise kaum etwas anfangen – zu ausgedehnt, zu uninteressant, zu wenig mit der eigentlichen Prämisse verknüpft. Die meisten Beiträge zu diesem Band sind allerdings sehr gelungen und zum Teil auch sehr kreativ. Neben den bereits erwähnten möchte ich noch einige andere speziell hervorheben: „The Baptist“ von Nnedi Okorafor erzählt die bewegende und tragische Geschichte des Dianoga in der Müllpresse des Todessterns, „The Trigger“ von Kieron Gillen schildert die Suche der imperialen Truppen nach Rebellen auf Dantooine, wobei sie zwar erfolglos sind, aber dafür auf Doctor Aphra aus der Darth-Vader-Comicserie treffen, „Time of Death“ von Cavan Scott gibt einen Einblick in Obi-Wans Geist kurz vor seinem Tod und „Contingency“ Plan schildert, warum sich Mon Mothma während der Schlacht um Yavin nicht mehr auf dem Rebellenstützpunkt aufhält und wie sie die ganze Situation empfindet.

Fazit: „From a Certain Point of View“ ist eine gelungene und unterhaltsame Anthologie rund um Episode IV voller kreativer Ideen und Kurzgeschichten, die das Star-Wars-Universum um viele kleine, teils auch äußerst amüsante Details erweitern. Gerne mehr davon.

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Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi – Ausführliche Rezension

Spoiler voller Dröhnung!
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„Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi“ hat geschafft, was nicht einmal die Prequels auf diese Weise hinbekommen haben: Er hat das Fandom in der Mitter gespalten. Bereits kurz nach dem Kinostart bildeten sich zwei vorherrschende Extremmeinungen heraus: Entweder ist Rian Johnsons Film das Beste, was Star Wars seit „Das Imperium schlägt zurück“ passiert ist, oder er hat Star Wars für immer ruiniert und ist der schlimmste Film aller Zeiten, ein riesiger Mittelfinger an alle Star-Wars-Fans. Nach dem ersten Anschauen hat mich „Die letzten Jedi“ relativ ratlos zurückgelassen. Normalerweise gibt es immer eine positive oder negative Grundtendenz, selbst wenn ich noch länger Zeit benötigen sollte, um mich in meiner Meinung zu festigen. Passend zu einer der zentralen Thematiken des Films hält sich „Die letzten Jedi“ relativ gut in der Balance: Einerseits sind da die Figuren, die Figurenentwicklung und der thematische Überbau, die mir ziemlich gut gefallen und die tatsächlich auch mal in eine neue und unerwartete Richtung gehen. Und dann sind da noch der eigentliche Plot, der Kontext der Handlung (bzw. der Mangel daran) und noch diverse andere Details, die mir entschieden gegen den Strich gehen.

Handlung
Zwar wurde die Starkiller-Basis vom Widerstand zerstört, doch das scheint sie nicht besonders zurückgeworfen zu haben, denn nur kurz darauf greift Hux (Domnhall Gleeson) mit seiner Flotte die Basis des Widerstands auf D’Qar an und zwingt Leias (Carrie Fisher) Truppe zur Flucht. Doch nicht einmal der Sprung in den Hyperraum hilft mehr, denn die Erste Ordnung verfügt nun über Mittel und Wege, die Schiffe des Widerstands durch den Hyperraum zu orten. Die Supremacy, das riesige neue Flagschiff von Snoke (Andy Serkis) macht die Situation nicht besser, und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der dezimierte Widerstand völlig ausgelöscht wird. Zu allem Überfluss wird Leia bei einem Angriff auch noch schwer verletzt, sodass Vizeadmiral Holdo (Laura Dern) die Führung übernehmen muss.

Auf Ahch-To hat es Rey (Daisy Ridley) derweil mit Luke Skywalker (Mark Hamill) nicht allzu leicht, da dieser sich strikt weigert, sie zu trainieren – der gealterte Jedi-Meister ist immer noch von Kylo Rens (Adam Driver) Fall zur Dunklen Seite traumatisiert und befürchtet, mit Rey könne dasselbe geschehen. Erst nach und nach beginnt er damit, ihr ein wenig Wissen zu vermitteln. Zugleich stellt Rey fest, dass es eine Verbindung zwischen ihr und Kylo Ren gibt, die beiden können sich über weite Distanz wahrnehmen und sogar miteinander sprechen. Das überzeugt sie schließlich, dass es noch Gutes in Kylo gibt, weshalb sie sich aufmacht, um sich ihm allein entgegenzustellen.

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General Leia Organa (Carrie Fisher)

Poe Dameron (Oscar Isaac) ist inzwischen mit der Führung Holdos nicht allzu glücklich. Gemeinsam mit Finn (John Boyega) und der Technikerin Rose (Kelly Marie Tran) schmiedet er einen Plan, um die Hyperraumortung der Ersten Ordnung auszuschalten. Zu diesem Zweck begeben sich Finn und Rose auf den Planeten Cantonica, wo sie in der Casion-Stadt Canto Bight hoffen, einen bestimmten Codebrecher ausfindig zu machen, der ihnen bei ihrem Vorhaben hilft. Als die Mission jedoch schiefgeht, müssen sie sich mit dem zwielichtigen DJ (Benicio del Toro) zufriedengeben.

Derweil bekommt es Rey mit Kylo Ren und Snoke persönlich zu tun, doch diese Begegnung führt zu einer unerwarteten, wenn auch kurzlebigen Allianz zwischen den Schülern der Hellen und Dunklen Seite, der nicht nur Snokes Wachen, sondern auch der Oberste Anführer selbst zum Opfer fallen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass Kylo Ren keinerlei Anstalten macht, seinen dunklen Pfad aufzugeben. Auch Rose und Finn scheitern, weshalb sich die letzten Reste des Widerstands auf den Planeten Crait zurückziehen müssen, um dort den Angriff der Ersten Ordnung zu erwarten…

Das Ende des Alten
Die erste Frage, die man sich in Bezug auf Episode VIII stellen mag, lautet wohl: Ist dieser Film inhaltlich ein ähnlicher Abklatsch von Episode V, wie es „Das Erwachen der Macht“ von Episode IV war? Zumindest meine Antwort darauf lautet: Nein, aber mit Einschränkungen. Vor allem strukturell orientiert sich „Die letzten Jedi“ durchaus an „Das Imperium schlägt zurück“: Wir haben zwei klar getrennte Handlungsstränge, beim einen handelt es sich um eine Ausbildung auf einem abgelegenen Planeten, beim anderen um eine Flucht vor einem übermächtigen Feind. Darüber hinaus gibt es eine Bodenschlacht (wenn auch am Ende des Films, nicht zu Beginn – hier hätten wir eher eine Parallele zu Episode II).

Auch sonst existieren inhaltlich und inszenatorisch durchaus Parallelen, nicht nur zu Episode V, sondern auch zu Episode VI. Wo „Das Erwachen der Macht“ sich jedoch oft darauf beschränkt, Elemente ohne größere Variation zu wiederholen und höchstens noch einen ironischen Kommentar mitzuliefern, bemüht sich Rian Johnson, bekannten Ausgangslagen eine neue Facette abzugewinnen oder diese sogar komplett zu dekonstruieren. Das große Thema des Films, das ihn durchdringt und zusammenhält, ist in meinen Augen Emanzipation. Das ist in vielerlei Hinsicht das, was die Figuren entweder antreibt oder am Ende ihrer Entwicklung in diesem Film steht. Zugleich setzt Rian Johnson so die Metanarrative fort, die J.J. Abrams in Episode VII begann. Dieses Metaelement ist etwas, das zumindest in den Star-Wars-Filmen relativ neu ist (das alte EU ist freilich wieder eine andere Geschichte). Die Konzeption der Protagonisten Kylo Ren und Rey war bereits in Episode VII ein Kommentar auf das Franchise, da beide im Grunde auf gewisse Weise Star-Wars-Fans bzw. Teile des Fandoms repräsentieren. Beide eifern darüber hinaus einer bestimmten Figur nach, Rey Luke und Kylo Ren Darth Vader. Im Verlauf von Episode VIII lernen beide auf ihre Weise, sich vom jeweiligen Vorbild zu lösen.

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Rey (Daisy Ridley)

Betrachten wir erst einmal Rey: Wie Luke trainiert sie (nun ja, mehr oder weniger) unter einem exzentrischen Jedi-Meister und zieht schlussendlich aus, um den Handlanger des Bösen in dessen Beisein zu bekehren. Nur: Letztendlich gelingt das nicht so recht. Zwar tötet Kylo Ren tatsächlich Snoke, besinnt sich dann aber auf gute alte Sith-Traditionen und übernimmt lieber selbst die Macht. Hier muss Rey endgültig lernen, dass sie nicht Luke ist und Kylo Ren nicht Darth Vader. Rey emanzipiert sich in vielerlei Hinsicht, vor allem von den Elementen der Heldenreise, die sie implizit erwartet – und warum auch nicht, schließlich schien es in Episode VII so, als breche sie zu eben jener auf. Nun findet sie zwar ihren Mentor, doch dieser ist gebrochen und will sie nicht unterrichten. Mehr noch, sie muss einsehen, dass sie kein „besonderes Kind“ ist und ihre Eltern lediglich Schrotthändler waren. Rey lernt in diesem Film angesichts dieser Wahrheiten und ihres Versagens, Kylo Ren auf ihre Seite zu ziehen, trotzdem für das einzustehen, an das sie glaubt und dennoch weiterzumachen.

Kylo Ren selbst emanzipiert sich seinerseits von Darth Vader als seinem großen Vorbild und von Snoke als seinem Meister. Tatsächlich möchte er sich von allem vollständig emanzipieren und trachtet am Ende danach, mit Rey einen völligen Neuanfang zu starten. Wie auch immer dieser aussieht, der Widerstand und das Erbe der Jedi müssen dafür verschwinden. Was Kylo dabei aber nicht gelingt, ist die tatsächliche Emanzipation von der Ersten Ordnung und deren Idealen. Snoke selbst mag tot sein, aber seine Lehren beeinflussen Ben Solo weiter.

Auch Luke Skywalker selbst emanzipiert sich im Verlauf des Films – sowohl von den Altlasten der Jedi (mit ein wenig Hilfe von Meister Yoda) als auch von seiner Schuld und seinem Versagen. Mit Poe Dameron wird die Thematik dagegen anders aufgezogen, was abermals zu einer Hinterfragung und Dekonstruktion vertrauter Handlungsmuster führt und zugleich eine der Kernaussagen von „Das Imperium schlägt zurück“ aufgreift. Nur allzu oft, besonders in Star Wars, rettet der junge Hitzkopf den Tag, indem er seinen Sturkopf durchsetzt und gegen die Konventionen und Entscheidungsträger rebelliert. Genau das versucht Poe, nachdem Leia außer Gefecht gesetzt wurde und Holdo die Führung übernimmt. Anders als sonst geht so ziemlich alles, was Poe austüftelt, schief und letztendlich ist es Holdos Plan, der dafür sorgt, dass zumindest der letzte Überrest des Widerstands überlebt. Hier sehen wir, wie eine versuchte Emanzipation auch scheitern kann, ebenso wie Luke in „Das Imperium schlägt zurück“ scheiterte, als er sich Vader zu früh stellte.

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Rose (Kelly Marie Tran) und Finn (John Boyega)

All diese Elemente arbeiten für das übergeordnete Thema des Films, denn auch Rian Johnson versucht mit „Die letzten Jedi“, die Sequel-Trilogie zu emanzipieren. Wo „Das Erwachen der Macht“ versuchte, Star Wars für eine neue Generation zu rekonstruieren, dabei aber in vielen Fällen nur bereits dagewesenes wiederholte, knüpft Johnson daran an und unterläuft in mancher Hinsicht die Erwartungen der Fans. Snoke ist der große Böse, der neue Imperator, die mysteriöse Verkörperung der Dunklen Seite der Macht, über dessen Identität seit zwei Jahren spekuliert wird? Er stirbt unrühmlich im zweiten Akt des zweiten Films. Anakin Skywalkers Lichtschwert wird von J.J. Abrams zu einem Star-Wars-Gegenstück von Excalibur stilisiert? Die Waffe wird ähnlich unrühmlich verabschiedet wie Snoke. Luke ist ein weiser Bad-Ass-Jedi-Meister? Luke ist kauzig und gebrochen, selbst die Konfrontation mit seinem Neffen am Ende ist lediglich ein Trick, um besagten Neffen hinzuhalten (nebenbei bemerkt ist Episode VIII tatsächlich der erste Star-Wars-Film, der ohne ein richtiges Lichtschwertduell auskommt). Rey ist die neue Auserwählte, vielleicht die Enkelin von Obi-Wan oder die Tochter von Luke? Rey ist ein Niemand und tatsächlich zufällig in diese ganze Angelegenheit hineingestolpert. Diese unterlaufenden Elemente sind natürlich alle mit Vorsicht hinzunehmen, da immer noch Episode IX aussteht – J.J. Abrams‘ zweiter Film in dieser Trilogie könnte vieles noch einmal revidieren oder auf den Kopf stellen.

Insgesamt finde ich diesen Ansatz durchaus gelungen – in meinen Augen ist „Die letzten Jedi“ weitaus mehr als die bisherigen beiden SW-Filme unter Disneys Schirmherrschaft gezeichnet von der Handschrift des Regisseurs und der thematisch dichteste des Franchise überhaupt. Hinzu kommt, dass fast ausnahmslos alle Darsteller voll dabei sind und spielen, was sie können. Besonders hervorzuheben ist freilich Mark Hamill, der einerseits noch einmal in seine Paraderolle zurückkehrt, uns dabei aber eine völlige andere Version bzw. Facette dieser Figur präsentiert.

Dennoch denke ich, dass es vielleicht gut gewesen wäre, Rian Johnson noch einen weiteren Drehbuchautor zur Seite zu stellen, der ihm hilft, gewisse dramaturgische Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und den zum Teil überdrehten Humor etwas abzudämpfen. Gerade dramaturgisch funktioniert „Das Erwachen der Macht“ in meinen Augen nach wie vor ziemlich gut – konventionell, aber effektiv. „Die letzten Jedi“ versucht, sich an „Das Imperium schlägt zurück“ zu orientieren, schafft es aber nicht, dieselbe Balance aufzubauen. Der Handlungsstrang um Finn und Rose in Canto Bight erinnert mich ein wenig an das Podrennen in Episode I: Für sich genommen durchaus interessant, aber ein dramaturgischer Stopper, der nur wenig zur eigentlichen Geschichte beiträgt und sich im Film wie ein Fremdkörper anfühlt. Allgemein sehe ich außerdem beim eigentlichen Plot des Films ein Problem: Er ist sehr gut darin, die Themen und Charaktere in den Vordergrund zu stellen, aber hätte man nicht ein wenig mehr machen können, als zwei große Schiffe, die sich eine extrem langsame Verfolgungsjagd liefern? Das und viele andere Plot-Elemente in Episode VIII riechen fürchterlich nach Plot Convenience, damit Rian Johnson die Figuren in die Situation bringen kann, in der er sie haben will, ohne sich dabei allzu sehr anzustrengen.

Es gibt noch viele kleine Details und Logiklöcher, die zwar nicht elementar sind, aber mich doch stören (ja, Leia Poppins bzw. Super-Leia gehört auch dazu, ebenso wie die übliche Unfähigkeit von Filmfiguren, ein wenig mehr miteinander zu kommunizieren, um blöde Missgeschicke oder Meutereien zu verhindern, und die Konzeption des Konfliktursprungs zwischen Kylo und Luke, der für Letzteren ziemlich untypisch wirkt). Diese Details sind letztendlich vernachlässigbar. Mein größtes Problem ist es dagegen nicht.

Context Is King
Vielleicht habe ich mir von „Die letzten Jedi“ einfach zu viel erhofft. Einer meiner Hauptkritikpunkte an „Das Erwachen der Macht“ war, dass sich J.J. Abrams und Lawrence Kasdan um den Status Quo und den größeren galaktischen Kontext relativ wenig Gedanken gemacht haben. Wir brauchen eine Imperiums-ähnliche böse Fraktion und eine Rebellen-ähnliche gute – Erste Ordnung und Widerstand. Wie und warum sie nach dem Sieg der Allianz über das Imperium zustande gekommen sind, wird kaum thematisiert. Neue Republik und politischer Zustand der Galaxis? Ein paar Mal in Nebensätzen erwähnt, dann per Starkiller-Basis sehr radikal ausgelöscht – bloß kein politisches Element im Film, wir drehen hier ja schließlich kein Prequel. Ich hatte ehrlich gehofft, dass „Die letzten Jedi“ diesbezüglich ergiebiger wäre, besonders als bekannt wurde, dass Rian Johnson zu Claudia Grays Roman „Bloodline“, der sich spezifisch darum bemüht, die politische Situation vor Episode VII zu kontextualisieren, einige Ideen beisteuerte. Leider war diese Hoffnung völlig vergebens, denn Episode VIII macht sich um den größeren Kontext noch weniger Gedanken als der Vorgänger. Im Lauftext werden wir informiert, dass die Neue Republik zusammen mit ihrer Zentralwelt praktisch sang- und klanglos einfach untergegangen ist. Ein Gefühl für die politische Situation in der Galaxis wird dagegen nie vermittelt, es läuft alles auf Erste Ordnung gegen Widerstand hinaus – die gesamte Handlung des Films könnte auch in einem isolierten Abschnitt der Galaxis spielen, ohne jegliche Auswirkungen auf irgendetwas. Warum sollten wir als Zuschauer traurig über den Untergang der Republik sein, wir wissen ja nichts über sie? Warum sollten wir mit dem Widerstand mitfiebern, wofür kämpft er eigentlich? Und wie stark ist die Erste Ordnung – in den Filmen wirkt sie immer nur wie eine (verdammt gut bewaffnete) Miliz, nicht wie eine Regierung, die tatsächlich Verwaltungsaufgaben ausführt, Planeten beherrscht oder Bevölkerungen unterdrückt.

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Kylo Ren (Adam Driver)

Zugegebenermaßen blieb schon die totalitäre Natur des Imperiums in der OT verhältnismäßig vage, aber immerhin konnte man es aktiv bei der Unterdrückung beobachten; die OT schaffte es, mit begrenzten Mitteln ein Gefühl für die Diktatur zu geben, auch weil man klipp und klar weiß: Das Imperium beherrscht die Galaxis. Die PT hat es ebenfalls ziemlich gut geschafft, ein passendes Gesamtbild des jeweils aktuellen Status Quo zu vermitteln. Nicht, dass es besonders detailliert gewesen wäre (Star Wars war noch nie gut darin, die Perspektive der „gemeinen Bevölkerung“ zu vermitteln), aber es war ausreichend und definitiv ausgearbeiteter als bei der OT, weil wir zumindest immer wieder Einblick in die Regierungsgeschäfte erhielten. In der Sequel-Trilogie bleibt derartiger Kontext bislang völlig außen vor, Politik und galaktischer Status Quo sind völlig schwammige Angelegenheiten. Das einzige diesbezüglich Erwähnenswerte ist die Information, dass die Superreichen der Galaxis, die sich auf Canto Bight herumtreiben, sowohl die Erste Ordnung als auch den Widerstand mit Waffen versorgen und somit Kriegsgewinnler sind. Was das genau bedeutet lässt sich nicht sagen, weil nun mal der Kontext fehlt!

Ein weiteres großes Problem dieses Films ist der Anschluss an den Vorgänger. Manches davon mag der oben geschilderten übergeordneten Thematik geschuldet sein, das lässt sich schwer sagen, aber oft wirkt es einfach wie schlampige Arbeit beim Drehbuchschreiben. Natürlich baut Rian Johnson auf „Das Erwachen der Macht“ auf (es geht ja gar nicht anders), aber gleichzeitig fühlt sich doch vieles von dem, was im Vorgänger passiert ist, konsequenzlos an. Das beste Beispiel ist die Starkiller-Basis, deren Zerstörung praktisch keine Auswirkungen hatte – die Erste Ordnung hat ja scheinbar trotzdem völlig problemlos die Galaxis übernommen. Dieses Problem zeigt sich in vielen kleinen oder großen Details. Ein besonders gutes Beispiel: Warum ist Phasma eigentlich in diesem Film? Nach „Das Erwachen der Macht“ erweckte Lucasfilm den Eindruck, man wolle die Fehler, die bei dieser Figur gemacht wurden, ausbügeln. Im Vorfeld erschien eine Miniserie und ein Roman, der sich detailliert mit ihr auseinandersetzt (leider habe ich beide noch nicht gelesen) und dann… ist Phasma in genau einer Szene und wird fast ebenso unrühmlich abserviert wie Snoke. Sollte sie entgegen jeder Erwartung auch noch in Episode IX auftauchen, wird sie wirklich zum Running Gag.

In diesem Zusammenhang wird es Zeit, die Gesamtkonzeption der Sequel-Trilogie zu kritisieren. Wie die meisten nahm ich ursprünglich an, es würde ein grober Fahrplan existieren, wo die Reise hingeht. Dass das nicht der Fall ist, wurde in den Interviews der zuständigen kreativen Köpfe und natürlich mit der Sichtung von Episode VIII ziemlich deutlich. Ich bin absolut für kreative Freiheit der Regisseure, aber bei einer Filmreihe wie Star Wars wäre zumindest ein Grundgerüst, ein grober Plan nützlich, um einige der markanteren Anschlussschnitzer und ähnlich gearteten Probleme zu vermeiden. Tatsächlich habe ich ziemlich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie es in Episode IX nun weitergeht – der Widerstand wurde auf ein absolutes Minimum reduziert und die Flotte der Ersten Ordnung scheint auch recht dezimiert zu sein. Wir wissen allerdings nach wie vor nicht, wie groß die Macht und die Ressourcen der Ersten Ordnung wirklich sind, weshalb eine Einschätzung verdammt schwerfällt. Nachdem „Die letzten Jedi“ direkt an „Das Erwachen der Macht“ anschließt, wäre zwischen den Episoden VIII und IX ein größerer Zeitsprung eine gute Idee.

Snoke
Bezüglich Snokes Identität gibt uns Episode VIII so gut wie überhaupt keine Informationen. Zwei Jahre lang wurde eifrig theoretisiert, wer sich hinter Snoke verbergen könnte, und die Liste der Kandidaten ist lang. Der beliebteste ist zweifellos Darth Plagueis, aber auch Mace Windu, Palpatine, Darth Bane, Jar Jar Binks und diverse Sith-Lords aus dem alten EU, etwa Vitiate oder Darth Revan, wurden in Betracht gezogen. Selbst die Romane, die in dieser Zeit verfasst wurden, beteiligten sich: In Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie wurde mit Gallius Rax eine Figur eingeführt, die ganz offensichtlich dazu gedacht war, die Snoke-Spekulation anzuheizen. Bei Rax handelte es sich letztendlich dann nicht um Snoke, aber auch darüber hinaus wurden weitere nebulöse Andeutungen gemacht, etwa bezüglich eines Geheimnisses auf Jakku (Reys Herkunft?) und einer Dunklen Macht (Snoke?) in den Unbekannten Regionen, die versucht, mit Palpatine zu kommunizieren und letztendlich dafür verantwortlich ist, dass sich imperiale Überreste dort sammeln und die Erste Ordnung formen.

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Snoke (Andy Serkis)

Rian Johnson ignorierte letztendlich jegliche Spekulation und den Informationshunger der Fans und tötete Snoke stattdessen ziemlich unrühmlich gegen Ende des zweiten Akts, ohne irgendetwas über ihn preiszugeben. Während die Spekulationen um die Identität des Obersten Anführers nicht aufgehört haben, ist eine neue Frage zentral geworden, die Game-of-Thrones-Fans nur allzu vertraut sein dürfte: Ist Snoke wirklich tot? Die beliebteste Theorie, die bereits kurz nach dem Kinostart das Licht der Welt erblickte, besagt, dass Snoke in „Die letzten Jedi“ überhaupt nicht in Person vorkommt, sondern lediglich eine Machtprojektion ist, nicht anders als Luke Skywalker bei der Schlacht um Crait. Ein häufig angeführtes Indiz ist der Umstand, dass Snoke in Episode VIII weitaus jünger und gesünder aussieht als in Episode VII, so ähnlich wie die Luke-Projektion auf Crait an Luke aus Episode VI erinnert. Hinzu kommen zweideutige Anmerkungen zum Obersten Anführer aus Pablo Hidalgos illustrierter Enzyklopädie zum Film bezüglich Projektion (was sich natürlich auch nur auf das Hologramm aus Episode VII beziehen könnte) und dem Ende der Sith, das nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Dunkelheit sein muss. Fans des EU ziehen auch den Essenztransfer in Betracht, mit dessen Hilfe Palpatine in der Comicserie „Dark Empire“ seinen Geist, der die Zerstörung des Zweiten Todessterns überstand, in einen Klon seiner selbst transferiert.

Ein weiterer möglicher Hinweis zu Snokes Identität findet sich im ersten Jedi-Tempel auf Ahch-To, dort gibt es ein Mosaik des ersten Jedi, das zugleich Balance zwischen Heller und Dunkler Seite der Macht symbolisiert. Dieser erste Jedi sieht Snoke durchaus ähnlich – man mag davon halten, was man will. Und schließlich besteht noch die Möglichkeit, dass doch der Imperator in irgendeiner Form seine Finger im Spiel hat. Wo er in Episode VII praktisch völlig abwesend war, zeigt er in „Die letzten Jedi“ zumindest minimale Präsenz. Er wird einmal von Luke Skywalker erwähnt – nicht als „der Imperator“ oder „Palpatine“, sondern explizit als „Darth Sidious“ – und in einer Schlüsselszene (Snoke versucht, Luke Skywalkers Aufenthaltsort aus Reys Kopf zu bekommen) erklingt eine sehr potente Variation von Sidious‘ Thema. Zudem verhält sich Snoke in diesem Film doch deutlich anders als in „Das Erwachen der Macht“, wo er die meiste Zeit über sehr stoisch blieb. Hier erinnert sein Verhalten dagegen weit stärker an Palpatine, der immer mit vollem Einsatz dabei war und sich hämisch amüsierte, wenn die Dinge wie geplant liefen.

Das alles passt nun nicht wirklich zur von Rian Johnson vorgegebenen Thematik und es würde mich überraschen, wenn eine dieser Theorien zutreffen würde, nachdem sämtliche Fanspekulationen, die nach „Das Erwachen der Macht“ entstanden, so direkt abgeschmettert wurden. Allerdings hoffe ich trotzdem, dass Ian McDiamird in irgendeiner Form, sei es in einem Saga-Film oder einem der Spin-offs, sei es in Person, als Hologramm oder Machtgeist, nochmal die Gelegenheit bekommt, die ikonische schwarze Kutte anzulegen.

Grau ist alle Theorie
„I only know one truth: It’s time for the Jedi to end.“ Ein Satz im ersten Teaser zu Episode VIII löste in Fankreisen weitläufige Diskussionen aus. Werden in Episode VIII die Jedi endgültig ad acta gelegt? Schnell machten diverse Gerüchte und Theorien die Runde, von „Luke gehört zur Dunklen Seite“ bis zu „Luke ist ein grauer Jedi“, wobei darunter nicht das verstanden wurde, was der Begriff ursprünglich aussagt (ein Jedi, der zwar der moralisch dieselben Ansichten hat wie der Orden, dem die Strukturen und Dogmen allerdings zu restriktiv sind), stattdessen verstand man darunter eher einen Machtnutzer, der Helle und Dunkle Seite der Macht gleichermaßen verwendet – zur weiteren Lektüre empfehle ich meinen Artikel Die Natur der Macht. Wie dem auch sei, Rian Johnson greift dieses Thema durchaus in Ansätzen auf, geht damit aber nicht allzu weit. Die Idee, dass die Jedi nicht unbedingt immer ein Vorzeigeorden waren, ist natürlich nicht neu, wobei Lukes Aussagen im Film diesbezüglich kaum in die Tiefe gehen. „Graues Jeditum“ oder etwas ähnlich geartetes entspringt dadurch ebenfalls nicht, da Luke sich einfach nur von der Macht abgeschottet hat und letztendlich Rey kaum ausbildet.

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Luke Skywalker (Mark Hamill)

Das Machtverständnis, das in „Die letzten Jedi“ vermittelt wird, ist eher ein dualistisches, gerade im Vergleich zur augustinischen Perspektive des alten Jedi-Ordens. Das beginnt beim bereits erwähnten Mosaik im Jedi-Tempel auf Ahch-To, das den ersten Jedi zeigt, der Licht und Dunkelheit in der Balance hält. Das erinnert an die Je’daii, den direkten Vorläufern des Jedi-Ordens im alten EU, die eine streng dualistische Perspektive auf die Macht hatten und Hell und Dunkel stets im Gleichgewicht hielten. Ungleichgewicht zu beiden Seiten empfanden sie als etwas Schlechtes (im Gegensatz zu den späteren Jedi, die die Dunkle Seite als einzigen Ungleichgewichtsfaktor betrachten). Das deutet an, dass es in der Einheitskontinuität eine ähnliche Entwicklung gab; ursprünglich waren die Jedi Anhänger eines Dualismus, um später zu einem augustinischen Verständnis der Macht zu gelangen.

Ein weiteres Konzept, das immer wieder auftaucht, ist die Angleichung der Seiten. Diese Idee basiert ebenfalls auf der dualistischen Sichtweise: Seit die alten Sith vernichtet wurden und Darth Bane die Regel der Zwei ausrief, besteht ein Ungleichgewicht; es gibt zwar tausende von Jedi, aber nur zwei Sith in jeder Generation, weshalb diese Sith so ausnehmend mächtig sind und ihre Vorhaben gelingen – da das Licht generell im Vorteil ist, verschiebt sich die Balance immer weiter zur Dunklen Seite, jedenfalls bis mit Order 66 der Jedi-Orden vernichtet ist. Auf gewisse Weise wird dadurch schon eine Form von Balance wiederhergestellt, denn von nun an gibt es nur noch zwei Jedi, Yoda und Obi-Wan, und zwei Sith, Sidious und Vader (diverse Inquisitoren oder Order-66-Überlebende ignorieren wir einfach mal). Vader, der Auserwählte, sorgt dann schließlich dafür, dass eine Nullsumme entsteht, indem er Obi-Wan und Sidious tötet, während Yoda an Altersschwäche stirbt. Mit Vader/Anakin selbst enden dann beide alten Orden, da er sowohl der letzte alte Jedi als auch der letzte Sith ist. Dreißig Jahre später in Episode VIII sieht die Situation dann aber wieder etwas anders aus, denn abermals haben wir auf jeder Seite jeweils einen Meister, Snoke und Luke, und einen Schüler, Kylo Ren und Rey. Im Film selbst bestätigt Snoke diese Theorie indirekt, indem er erklärt, er habe bereits erwartet, dass sich auf der Hellen Seite jemand erheben wird, da Kylo Ren auf der Dunklen Seite so stark ist; allerdings hatte er Luke im Verdacht. Das schließt den Bogen zurück zu Anakin Skywalker. Zumindest im Kanon ist Anakins Ursprung nach wie vor nebulös, doch im alten EU spekulieren Plagueis und Sidious, dass Anakin eine Reaktion auf eines ihrer Experimente sein könnte, mit dem sie die Balance der Macht weiter Richtung Dunkle Seite drängten – Anakin wäre demnach der helle Ausgleich. Das scheint im Film auch die Erklärung für Reys Talente und ihre außergewöhnliche Machtbeherrschung zu sein, die in Episode VIII noch weiter zunimmt – wie gesagt, Luke trainiert sie nicht wirklich, dennoch ist sie in der Lage, sich mit dem Lichtschwert gegen Snokes Eliteleibwächter zu behaupten. Hier wird der mystische Aspekt der Macht weiter betont; mit der Art und Weise bin ich aber nicht so wirklich glücklich. Es mag eine Erklärung sein, widerspricht aber dennoch den bisherigen Erfahrungen. Da bin ich wohl einfach zu sehr von den Prequels und dem EU geprägt, aber die Jedi-Ausbildung ist für mich da schon wichtig, „Jeditum als reine Geisteshaltung“ sagt mir nicht wirklich zu.

Fazit
„Die letzten Jedi“ ist ein Film, der nicht nur das Fandom, sondern auch mich selbst spaltet. Selten gab es bei einem Star-Wars-Film so viel Licht und Schatten direkt beieinander. Auf der einen Seite stehen gute Charaktere samt interessanter Entwicklung und tollen Darstellern, ein sehr einnehmendes thematisches Konzept und ein Regisseur bzw. Drehbuchautor, der durchaus den Mut hat, ausgetretene Pfade zu verlassen und Erwartungen umzudrehen, von grandiosen Szenen und tollen Schauwerten gar nicht erst zu sprechen. Auf der anderen Seite haben wir einen Plot, der zwar Episode V nicht direkt abkupfert, aber an Banalität kaum zu überbieten ist, keinerlei Kontext, in den die Ereignisse dieses Films einzubetten sind und viele kleine Ungereimtheiten, Logiklöcher und Ärgernisse, die einzeln nicht weiter ins Gewicht fallen, aber zusammengenommen das Gesamtbild deutlich trüben und mit ein wenig Anstrengung vermeidbar gewesen wären.

Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi – Soundtrack
Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht – Ausführliche Rezension