Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

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Story: Wir schreiben das Jahr 1926. Der Zoologe Newt Scamander (Eddie Redmayne) kommt mit einem Koffer voller magischer Tierwesen nach New York, um ein bestimmtes Exemplar in der Wildnis auszusetzen. Dummerweise stellt er sich äußerst ungeschickt an und verstrickt den Muggel (bzw. No-Maj) Jacob Kowalski (Dan Fogler) in die Sache, sodass es schließlich kommt, wie es kommen muss: Diverse Tierwesen entkommen. Natürlich bleibt das nicht unbeachtet. Tina Goldstein (Katherine Waterstone), Angestellte des MACUSA (The Magical Congress of the United States of America, amerikanisches Gegenstück des Zaubereiministeriums) hilft Newt mehr oder weniger freiwillig, während der Auror Percival Graves (Colin Farrell) der ganzen Angelegenheit sehr misstrauisch gegenübersteht, vor allem, da ein unbekanntes magisches Wesen bereits seit einiger Zeit in New York Chaos anrichtet…

Kritik: Als David Yates zum Potter-Franchise kam, war alles schon etabliert: In vier Filmen hatte man die meisten wichtigen Figuren bereits besetzt, Designentscheidungen getroffen, den Ton etabliert etc. Hätte David Yates bereits bei „Harry Potter und der Stein der Weisen“ Regie geführt, wäre das Ergebnis vielleicht ganz ähnlich ausgefallen wie „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Vor allem zwei Dinge haben mich an diesem Film besonders beeindruckt: Zum einen ist es erstaunlich, wie frisch die Magische Welt, die Yates den Zuschauern hier präsentiert, ist, und wie viel Enthusiasmus er auch nach vier Potter-Filmen noch für sie hat. Und zum anderen ist es höchst erfreulich, dass es Yates gelingt, den typischen Prequel/Spin-off-Fallstricken auszuweichen. Anders als beispielsweise die Hobbit-Trilogie, in der es ständig erzwungene Anspielungen auf die HdR-Filme gab, gelingt es „Phantastische Tierwesen“ trotz der Tatsache, dass er in einer bereits etablierten Welt spielt, eigenständig zu bleiben. Ein paar Querverweise gibt es natürlich, aber keiner davon wirkt erzwungen, die Erwähnungen von Hogwarts und Dumbledore wirken passend und natürlich. Es gibt keine direkt übernommenen Kameraeinstellungen, unnötige Gastauftritte oder ähnliches; Yates hat derlei nicht nötig, um der Bildsprache des Franchise treu zu bleiben.

Für Potter-Fans wie mich ist „Phantastische Tierwesen“ darüber hinaus auch anderweitig eine erfrischende Erfahrung: Zum ersten Mal kann man sich völlig auf die Magische Welt einlassen, ohne dass man nebenbei vergleicht, wo die Vorlage verändert oder wo etwas ausgelassen wurde. Dem Namen nach basiert dieser Film zwar auf einem von J. K. Rowling verfassten Buch, aber bei diesem Buch handelt es sich um ein enzyklopädisches Werk, das zur Schullektüre von Hogwarts gehört, dessen Entstehung im Film thematisiert wird. Dementsprechend ist Newt Scamander, der fiktive Autor besagten Werkes, auch der Protagonist des Films. Das Drehbuch stammt ebenfalls aus J. K. Rowlings Feder, weshalb dieser Film wohl als vollwertige Ergänzung nicht nur zu den Filmen, sondern auch zu den Romanen zu werten ist.

In erster Linie ist „Phantastische Tierwesen“ eine Entdeckungsreise durch das magische New York der 20er, gespickt mit kreativen Tierwesen und höchst liebenswerten Figuren. Gerade das primäre Quartett weiß den Zuschauer sofort für sich einzunehmen, besonders Jacob und Tinas Schwester Queenie (Alison Sudol) sind wirklich knuffig. Zugegebenermaßen ist Newt manchmal wirklich extrem naiv und blauäugig. Auch Colin Farrell macht als bedrohlicher Auror seine Sache sehr gut. Allerdings gibt es zu dem Twist, den seine Figur umgibt, noch das eine oder andere zu sagen, was ich allerdings in einem separaten Artikel tun werde. Insgesamt ist „Phantastische Tierwesen“ ein eher gemütlicher und freundlicher Film, der weder konstante Action und Nervenkitzel, noch dauernde Intensität besitzt und diese auch nicht braucht. Hin und wieder schimmert allerdings die Düsternis durch, die man aus den Yates’schen Potter-Filmen kennt und die in den kommenden Fortsetzungen wahrscheinlich zunehmen wird. Die Altersfreigabe ab sechs Jahren finde ich jedoch eher grenzwertig.

Die größte Schwäche des Films ist in meinen Augen die Verknüpfung der Haupthandlung um Newt Scamander mit dem B-Plot, in dessen Zentrum Credence Barebone (Ezra Miller) und die New Salem Philanthropic Society steht. Grundsätzlich finde ich es gut, dass Muggel (bzw. No-Majs) hier eine größere Rolle spielen als es in den Harry-Potter-Romanen und -Filmen der Fall war. No-Maj- und Zaubererwelt sind hier weitaus weniger separiert, als es bei HP der Fall war. Gerade eine Muggel-Organisation, die sich gegen Hexen und Zauberer richtet, finde ich sehr begrüßenswert. Leider bleiben die Second Salemers sehr blass und werden kaum als Bedrohung inszeniert, sie sind eher eine Randerscheinung. Zusätzlich ist der Handlungsstrang um Credence und Graves nur marginal mit dem Rest verbunden. Zwar gibt es zwischen Tina und Credence eine Verbindung, aber diese ist minimal. Im Finale finden die Handlungsstränge dann schon zusammen, aber so ganz passt es nicht und hat auch nicht die Wirkung, die es hätte haben können, wären die Plots ordentlich miteinander verknüpft.

Fazit: Anders als „Harry Potter and the Cursed Child“ ist „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, trotz des ziemlich sperrigen Titels, eine gelungene Erweiterung des Franchise, der es trotz einiger erzählerischer Schwächen gelingt, die Magische Welt wieder frisch und neu erscheinen zu lassen.

Trailer

Siehe auch:
Harry Potter and the Cursed Child

Harry Potter and the Cursed Child

Spoilerificus totalus! Wer nichts wissen will, liest nicht weiter!
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Harry Potter war ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend. Da ich ziemlich genauso alt bin wie Daniel Radcliff (und zu allem Überfluss auch noch am 31. Juli Geburtstag habe, genau wie Harry und seine Schöpferin) hab ich praktisch das perfekte Alter – als Band 7 erschien, war ich 17 Jahre alt. Ich entdeckte die Serie noch während meiner Grundschulzeit, verschlang die ersten drei Bände und wartete von diesem Zeitpunkt begierig auf jedes neue Buch und jeden neuen Film. Erst „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ schaffte es, meine Begeisterung zu bremsen; nach wie vor bin ich mit dem Ausgang der Serie nicht zufrieden. Dennoch, wer sich so sehr in ein Franchise vertieft, kommt davon nicht mehr los, wie man vielleicht merkt, wenn man die Harry-Potter-Kategorie dieses Blogs durchstöbert. Wie dem auch sei, dieses Jahr erlebt das Franchise eine Revitalisierung an zwei Fronten: Zum einen kommt das Prequel bzw. Spin-off „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ im November ins Kino und zum anderen gibt es ein weitere Fortsetzung von Harrys Geschichte, und zwar auf der Theaterbühne. „Harry Potter and the Cursed Child“ feierte seine Premiere nach diversen Previews am 30. Juli 2016, einen Tag später wurde das Skript des Stückes veröffentlicht, und das möchte ich hier nochmal deutlich betonen, weil man immer wieder von falschen Erwartungen hört, mit denen die Leute an dieses Buch herangehen: Es ist keine Romanfassung des Stückes, es ist ein tatsächliches Skript, das nur aus Dialog und Regieanweisungen besteht. Und es wurde auch nicht von J. K. Rowling allein verfasst, die Geschichte des Stückes stammt von ihr, für die Dramatisierung ist jedoch vornehmlich der Theaterautor Jack Thorne verantwortlich, und auch John Tiffany, der Regisseur, hat seinen Teil beigetragen.

Bevor ich den Inhalt bespreche, noch eine kurze Warnung vorweg: Ich hab das Stück nicht gesehen, alles Folgende bezieht sich ausschließlich auf das im Handel erhältliche Skript. Das könnte vor allem deshalb wichtig sein, weil die eigentliche Aufführung zumeist sehr positiv bewertet wird, was sich über das Skript nicht sagen lässt.

Nun denn, frisch ans Werk. „Harry Potter and the Cursed Child“ beginnt genau dort, wo „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ endet, tatsächlich sind die ersten beiden Szenen eine erweiterte Version des bereits bekannten Epilogs. Wir folgen Albus Severus Potter, der bald mit Scorpius Malfoy Freundschaft schließt, nach Hogwarts wo er, entgegen aller Erwartungen, vom sprechenden Hut nach Slytherin gesteckt wird. Schon bald stellt sich heraus, dass Albus, wie auch sein Vater, mit der eigenen Berühmtheit zu kämpfen hat, allerdings geht er damit ganz anders um als Harry, was unter anderem dazu beiträgt, dass sich das Verhältnis zwischen beiden ziemlich verschlechtert. Die ersten vier Schuljahre von Albus werden knapp in einigen Einzelszenen thematisiert, die eigentliche Handlung beginnt im vierten Schuljahr. Albus‘ Unzufriedenheit wächst immer weiter und auch Scorpius hat seine Probleme, da das Gerücht umgeht, er sei in Wahrheit nicht der Sohn von Draco Malfoy, sondern von Lord Voldemort. Die Situation eskaliert, als Harry eines Tages Besuch von Amos Diggory erhält, der über den Verlust seines Sohnes Cedric immer noch verbittert ist, Harry die Schuld gibt und ihn dazu überreden möchte, besagten Tod mithilfe eines Zeitumkehrers, der beschlagnahmt wurde, zu verhindern. Harry lehnt ab, doch Albus und Skorpius werden von Amos‘ Nichte Delphini dazu angestiftet, den Plan auszuführen, und es kommt wie es kommen muss: In bester Zurück-in-die-Zukunft-Manier bricht temporales Chaos aus mit allem was dazugehört: Rückkehr in die Vergangenheit, Logiklöcher, dumme, dumme Entscheidungen und alternative Zeitlinien.

Der häufigste Kritikpunkt an „Harry Potter and the Cursed Child“ ist, dass es sich wie Fanfiction liest. Da möchte ich ein wenig differenzieren: Es gibt durchaus Fanficitions, an das Niveau des Originals herankommen oder es sogar in einigen Aspekten übertreffen, die Welt sinnvoll und glaubhaft erweitern und qualitativ hochwertig sind. „Harry Potter and the Cursed Child“ erinnert an schlechte Fanfiction. Wer einschlägige Archive durchstöbert, wird sehr schnell auf Geschichten stoßen, die sich derselben Elemente bedienen. Am deutlichsten wird das, wenn man sich Delphini betrachtet: Diese Figur, in Wahrheit nicht Amos Diggorys‘ Nichte, sondern Lord Voldemorts Tochter, schreit geradezu nach schlechter Fanfiction, nicht nur ist sie als Figur flach und schlecht konstruiert, ihre bloße Existenz ist höchst unlogisch. Alles in allem ist „Harry Potter and the Cursed Child“ kaum eine wirkliche Weiterführung der Serie, das Stück ist in höchstem Maße selbstreferenziell, ohne dem bereits Bekannten eine neue Seite abzugewinnen. Schlimmer noch: Wie schon in „Die Heiligtümer des Todes“ werden dem Voranschreiten der Handlung oftmals die Figuren und die Logik der erzählten Welt geopfert. Gerade in Details passt vieles oft nicht zur bereits etablierten Welt der Romane. Als bestes Beispiel fungiert die alternative Zeitlinie, in der Voldemort den Krieg gewonnen und Dolores Umbridge Schulleiterin von Hogwarts ist. In einer Welt, die von Voldemort regiert wird, nimmt jeder problemlos seinen Namen in den Mund, der Gruß des Regimes ist „Voldemort and Valour“. Das passt in meinen Augen überhaupt nicht zu dem Voldemort, der Jahrzehnte lang daran gearbeitet hat, dass sein Name gefürchtet wird wie der keines anderen Zauberers.

Trotz allem gibt es durchaus auch einige positive Aspekte: Mir gefiel Grundkonstellation der Figuren, die Tatsache, dass Albus Severus in Slytherin landet und sich mit Scorpius anfreundet (wobei „anfreundet“ eigentlich untertrieben ist). In manchen Dialogzeilen und Witzen schimmert darüber hinaus die alte Magie durch und man erinnert sich, wie es war, die alten Harry-Potter-Bände zum ersten Mal zu lesen. Leider ändert das kaum etwas daran, dass die Handlungen der Figuren mitunter so absurd und idiotisch und viele Wendung fürchterlich unlogisch und weit hergeholt sind, dass „Harry Potter and the Cursed Child“ mitunter wie eine Selbstparodie wirkt.

Dennoch muss ich zugeben, wenn sich mir die Gelegenheit bieten würde, ich würde mir das Stück ansehen, denn die Bühnenumsetzung des Skripts macht mich schon neugierig, denn was man so dort liest, klingt höchst aufwendig, wenn es nicht gerade eine absolut minimalistische Inszenierung sein sollte.

Fazit: Vielleicht machen Darsteller und Bühnenmagie ja einen Unterschied, aber als Skript weiß „Harry Potter and the Cursed Child“ absolut nicht zu überzeugen, die Handlung gleicht einer unausgegorenen Fanfiction, die außer Referenzen und Logiklöchern nur wenig zu bieten hat.

Blogparade: Buch vs. Film

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In den letzten beiden Wochen hatte ich recht wenig Zeit zum Schreiben, eine Blogparade ist da genau der richtige Anreiz, besonders, wenn es zum Thema so viel zu sagen gibt wie zu diesem. Initiatorin ist Miss Booleana, und der Titel lautet „Buch vs. Film“. Adaption ist ein Thema, das mich grundsätzlich sehr interessiert und mit dem ich mich auch immer wieder beschäftige. Viel zu oft hört bzw. liest man Sätze wie „Das Buch ist immer besser“, was freilich eine völlig unreflektierte, verallgemeinerte und pauschalisierte Aussage ist, und derartigen Aussagen kann ich einfach nichts abgewinnen.

Letztendlich stellt sich die Frage: Was macht eine gute Adaption aus? Ich will ungern allgemeingültige Aussagen treffen, denn letztendlich sollte man sich jedes Werk individuell betrachten, aber ich will dennoch versuchen, etwas Umfassenderes zu dieser Frage zu sagen. Einerseits gibt eine Adaption, die sich so genau wie möglich an die Vorlage hält, meistens kein besonders gutes Werk ab. Wann immer man eine Geschichte von einem Medium ins andere überträgt, muss man zwangsläufig Abstriche machen. Stilmittel, die in der Literatur funktionieren, wirken in Filmen oft bestenfalls komisch. Innere Monologe sind dafür ein gutes Beispiel. Natürlich gibt es Ausnahmen, in „Sin City“ funktionieren diese beispielsweise auch im Film (dazu später mehr), aber meistens läuft es doch wie bei David Lynchs Adaption von Frank Herberts „Dune: Der Wüstenplanet“. Dort wurden die inneren Monologe auch in den Film integriert – und das Ganze funktioniert einfach nicht.

Andererseits hat die Adaption gegenüber der Vorlage schon eine gewisse Verantwortung. Wenn ein Studio bzw. ein Filmteam sich dazu entscheidet, ein Werk zu adaptieren, dann sollen sie doch bitte auch das Werk adaptieren und nicht einfach irgendetwas machen, das mit der Vorlage nichts mehr zu tun hat, denn wieso sollte man dann überhaupt adaptieren, wenn man ohnehin sein eigenes Ding dreht? Eine Adaption kann und soll der Vorlage nicht minutiös folgen, doch ich denke, der „Geist“ des ursprünglichen Werkes sollte erhalten bleiben. Ob und in wie weit das der Fall ist, ist natürlich wieder sehr diskutabel.

Freilich sollte man auch hier ein wenig differenzieren: Wie die meisten anderen Menschen auch messe ich mit mehreren Maßstäben; wenn mir das ursprüngliche Werk egal ist, ich es nicht kenne oder nicht schätze, stört mich eine freie Adaption nicht besonders und dann interessiert es mich nicht, ob der Geist der Vorlage erhalten geblieben ist. Auch bei Werken, die schon mehrfach adaptiert wurden, kann eine freiere Interpretation interessant sein – ich meine hiermit klassische Geschichten, die seit Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in verschiedener Form immer und immer wieder erzählt wurden, von der Odysee über Dracula bis hin zu Batman. Ein gewisse Gemeinsamkeit mit der Vorlage, ein gemeinsamer Nenner, sollte aber auch hier vorhanden sein.

„Der Herr der Ringe“ vs. „Der Herr der Ringe“
Beginnen wir mit einer Adaption, die gemeinhin als positives Beispiel für den Wechsel einer Geschichte von Buch zu Film gilt. Freilich gibt es da Tolkien-Puristen, die dem vehement widersprechen würden, ich persönlich teile allerdings die Ansicht, dass es sich bei Peter Jacksons HdR-Trilogie um eine hervorragende Adaption von Tolkiens Werk handelt. Grundsätzlich scheuen Jackson und seine Drehbuch-Co-Autorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens sich nicht davor, einige Abläufe und Elemente doch recht stark zu verändern. Manches davon ist fast schon unumgänglich: In „Die Gefährten“ funktioniert der lange Anfang im Auenland in Filmform einfach nicht, speziell, wenn der Film nicht sechs bis sieben Stunden lang sein soll. Ähnlich verhält es sich mit Tom Bombadil, der zur eigentlichen Geschichte praktisch nichts besteuert. Oftmals gehen Jackson und Co. allerdings noch einige Schritte weiter, was letztendlich mit der Natur der Vorlage zusammenhängt. Professor Tolkien ist ein genialer Sprach- und Weltenschöpfer, der seine Sekundärwelt mit einem Detailgrad ausgestattet hat, den man in anderen Werken selten findet. Dramaturgie zählt allerdings nicht unbedingt zu seinen Stärken – wobei das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist. Vielmehr sollte man sagen: Tolkiens Sinn für Dramaturgie war sehr eigen, geprägt von den nordischen Sagen und Epen, auf denen Mittelerde letztendlich basiert. Sowohl im „Herrn der Ringe“ als auch in seinen anderen Werken tut Tolkien Dinge, vor denen Standardwerke über Literatur und Grundkurse für kreatives Schreiben warnen und die heute wohl kein Lektor mehr akzeptieren würde. Gerade deshalb ist der „Herr der Ringe“ ein ziemlich einzigartiges Werk – aber viele dieser Kniffe, etwa die strikte Trennung zwischen Frodo und Sam und dem Rest der Gefährten in „Die zwei Türme“, funktionieren in einem Film einfach nicht, weshalb stärkere Anpassungen nötig sind.

Schließlich und endlich würde ich behaupten, dass Jackson Tolkiens Roman nicht nur einfach adaptiert hat, er hat ihn auch, gerade was Struktur und Charaktere angeht, zugänglicher gemacht und ergänzt ihn somit. Zwar geht an einigen Stellen Tolkiens Liebe zum Detail und die inhaltliche Komplexität der Vorlage verloren, allerdings haben die Filmemacher ihren ganz eigenen Sinn für Komplexität, der sich an den Kulissen, den Kostümen oder der Musik (ganz besonders der Musik) zeigt. Und die Vereinfachungen und Änderungen haben in meinen Augen letztendlich keine Auswirkungen auf Geist oder Botschaft der Vorlage. Mehr noch, die Filme folgen der Handlung im Groben ziemlich gut, besonders wenn man bedenkt, was ein „normaler“ Filmemacher vielleicht mit der Geschichte getan hätte (in Tom Shippeys „Der Weg nach Mittelerde“ findet sich hierzu eine passende Anekdote).
Sieger: Unentschieden

„Der Hobbit“ vs. „Die Hobbit-Trilogie“
Die Hobbit-Trilogie ist ein sehr interessanter Fall, gerade, weil sie von denselben Machern kommt wie die HdR-Trilogie und auch weil es nicht die üblichen Faktoren sind, die die Schwächen dieser Adaption ausmachen. Normalerweise geht es darum, was geändert oder weggelassen wurde: Filme haben gemeinhin weniger inhaltliche Kapazität als Romane, weshalb beides unumgänglich ist. In der Hobbit-Trilogie wurde allerdings kaum etwas weggelassen, und selbst die Änderungen sind nicht größer als bei den HdR-Filmen. Hier sind es die Dinge, die Jackson und Co. hinzugefügt haben, die Probleme bereiten, sodass man sich letztendlich fragt, wer die eigentlichen Hauptfiguren sind: Thorin und Bilbo oder Legolas, Tauriel und Alfrid.

Das Scheitern der Hobbit-Trilogie ist insofern schade, da ich denke, dass das Vorhaben hätte gut gelingen können, hätte Jackson es bei zwei Filmen belassen und sich auf Tolkiens Material konzentriert statt Romanzen und sinnlose Action hinzuzufügen. Auch „Der Hobbit“ ist dramaturgisch nicht wirklich leicht umzusetzen, da er sich aus diversen Episoden zusammensetzt, die kaum zusammenhängen; die eigentliche Haupthandlung beginnt erst, nachdem Bilbo und die Zwerge in Esgaroth angekommen sind. Hinzu kommt die Tendenz des Professors, nur wenige Figuren wirklich zu charakterisieren. Diesbezüglich gibt es bei Jackson einige sehr gute Ansätze, besonders bei Bard und Thranduil. Auch an anderen Stellen ist immer wieder die alte Magie zu spüren, aber dann…

Bereits in der HdR-Trilogie arbeitete Jackson oftmals konträr zu Tolkiens Sinn fürs Dramatische: Wo der Professor eher dazu neigt, Ereignisse ein wenig undramatisch zu gestalten, tendiert der Regisseur zur Überdramatisierung. Beim „Herrn der Ringe“ hält sich das bis auf ein, zwei Ausrutscher aber noch in Grenzen, in der Hobbit-Trilogie übertreibt er es aber wirklich mit geradezu exzessiven Szenen, die jeglicher Logik und jeglichen Gesetzen der Physik spotten.

Die Verfilmung des „Hobbit“ war letztendlich ein ambitioniertes Projekt, das gescheitert ist. Der Roman war weitaus weniger ambitioniert, eine Abenteuergeschichte für Kinder, aber letztendlich funktioniert er, besonders, wenn man ihn sich vom Rest Mittelerdes losgelöst betrachtet, einfach besser.
Sieger: Buch

„Watchmen“ vs. „Watchmen“
Alan Moores „Watchmen“ gilt zu Recht als Meisterwerk der graphischen Literatur, als Meilenstein des Medium Comics und als gelungene Dekonstruktion des Superheldengenres. Die gleichnamige Filmadaption gilt ebenfalls zurecht als Zack Snyders bester Film – wobei ich gestehen muss, dass Letzteres weitaus weniger beeindruckend ist als Ersteres, denn Snyders Œuvre ist doch eher durchwachsen. „300“ funktioniert noch ganz gut als Guilty Pleasure, der Rest dagegen ist optisch zwar meistens ganz interessant, aber inhaltlich doch eher mau (nun gut, auf „300“ trifft das eigentlich auch zu, ich habe nur eine gewisse Affinität dafür). Ich denke, Snyders Problem ist vor allem, dass er zwar weiß, wie man coole Bilder auf die Leinwand zaubert, diese aber stets reines Gimmick bleiben und er keine Ahnung hat, wie er seine Stilmittel einsetzen muss, um eine gute Geschichte zu erzählen, egal ob es sich dabei um die Zeitlupe in „300“ oder die Shaky-Cam in „Man of Steel“ handelt; der Einsatz seiner Stilmittel wirkt stets ziemlich willkürlich.

Die beste und gleichzeitig schlechteste Entscheidung von Snyder war es, sich sehr eng an die Vorlage zu halten. Die beste, weil „Watchmen“ einfach eine verdammt gute Geschichte hat und Snyder trotz allem ein relativ gutes Händchen dabei beweisen hat, diese Geschichte visuell umzusetzen und den eigentümlichen Stil bzw. die Farbgebung des Comics gelungen in Filmform zu bringen. Nach wie vor gibt es diverse stilistische Gimmicks, die im Grunde sinnlos sind, aber auch (zumindest mich) nicht weiter stören. Ebenfalls gelungen ist die Darstellung der Figuren; Snyder verzichtete darauf, „Watchmen“ mit großen Namen zu besetzen, sodass die Figur und nicht der Schauspieler im Vordergrund steht, was vollständig aufgeht. Die Tatsache, dass die Vorlage wirklich außergewöhnlich tiefgründig, hochkomplex, perfekt durchdacht und umgesetzt ist, verhindert, dass der Film der Graphic Novel ebenbürtig ist. Kein Film hätte alle Facetten des Werkes umsetzen können, weshalb immer etwas fehlt, der Vergleich zur Vorlage aufgrund der Nähe aber kaum umgangen werden kann. Auf gewisse Weise ist die Adaption gleichzeitig zu dicht und nicht dicht genug am Comic dran.

Auch fehlt dem Film die zeitgeistliche Komponente. „Watchmen“ war, in Bezug auf Weltgeschehen und Comiclandschaft, extrem aktuell und brachte viele Neuerungen, die zum Erscheinen des Films freilich schon lange bekannt waren. Insofern ist der Film in gewissem Sinne veraltet, er ist, anders als der Comic, nicht revolutionär oder bahnbrechend. Aber angesichts dessen, wie eine Adaption dieses Werkes hätte aussehen können, ist Snyders Verfilmung des Kultcomics trotz allem eine ziemlich gelungene Umsetzung, der man die Liebe zur Vorlage anmerkt.
Sieger: Buch (bzw. Comic)

„X-Men: Days of Future Past“ vs. „X-Men: Days of Future Past“
Der letzte X-Men-Film steht hier im Grunde stellvertretend für alle Superheldenadaptionen. Sehr, sehr selten wird ein ganz bestimmter Superheldencomic wirklich direkt umgesetzt. „Watchmen“ ist eine der wenigen Ausnahmen, es gibt auch noch ein paar Zeichentrickfilme, die sich ebenfalls eine bestimmte Vorlage aussuchen und diese ziemlich genau umsetzen. Die meisten Live-Action-Filme dieses Genre vermengen dagegen zumeist Elemente mehrerer Storylines oder Einzelgeschichten. „Batman Begins“ kombiniert beispielsweise Versatzstücke aus „Batman: Year One“, „Batman: The Man Who Falls“ und „Batman: The Long Halloween“, „The Dark Knight“ bedient sich der Comics „Batman: The Long Halloween“ und „Batman: The Killing Joke“ sowie „Batman 1“ aus dem Jahr 1940, während man in „The Dark Knight Rises“ Versatzstücke aus „Batman: The Dark Knight Returns“, „Batman: Knightfall“ und „Batman: No Man’s Land“ findet. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Nolan-Trilogie geradezu stereotyp für das Genre.

„Days of Future Past“ ist in diesbezüglich interessant, weil Bryan Singer eine ganz bestimmte Geschichte als alleinige Grundlage verwendete. Von dieser einen Geschichte benutzte er allerdings ausschließlich den Grundplot (dystopische Zukunft, Mutanten stehen kurz vor der Auslöschung durch die Sentinels, ein Mutant wird in die Vergangenheit geschickt, um einen Mord zu verhindern, der die dystopische Zukunft auslöst) sowie den Titel. Das ganze Drumherum ist allerdings radikal anders, weil das X-Men-Filmuniversum sich eben stark vor X-Men-Comicuniversum der 80er unterscheidet und eine genaue Umsetzung einfach nicht funktioniert hätte. „Days of Future Past“ ist eine freie Adaption, die es allerdings schafft, die Vorlage zu übertreffen; der Film bleibt dem Geist des Comics treu, macht die Geschichte aber gleichzeitig größer, emotionaler, epischer und holt schlicht alles aus dem Grundkonzept heraus, was man herausholen kann.
Sieger: Film

„Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ vs.
„Die Rache der Sith“

Drehen wir den Spieß doch einmal um. Romanadaptionen von Filmen sind zwar auch in Deutschland nicht wirklich eine Seltenheit, aber doch weitaus weniger verbreitet als im angloamerikanischen Raum, wo wirklich sehr viele Exemplare dieser Gattung erscheinen, von denen lediglich ein Bruchteil übersetzt wird. Romanadaptionen von Filmen (bzw. von Filmdrehbüchern, evtl. unter Einbeziehung von Rohschnitten, Konzeptzeichnungen etc.) genießen zumeist keinen allzu guten Ruf, da sie sich oft darauf beschränken, das Drehbuch nachzuerzählen, wobei sie eventuell noch ein paar geschnittene Szenen oder Gedanken der Charaktere einfügen. Das Problem dabei ist, dass sie auch der Narrative des Films sehr genau folgen und schnelle Szenenwechsel, Montagen etc. direkt umsetzen. Im Film können diese Wunder wirken, in einem Roman sind sie dagegen fehl am Platz.

Matthew Stovers Romanadaption von „Die Rache der Sith“ dagegen ist ein Idealbeispiel dafür, wie ein Roman zum Film sein sollte. Stover beschränkt sich nicht nur darauf, die Handlung nachzuerzählen und ein paar geschnittene Szenen zu integrieren, er nutzt gezielt die Stärken des Mediums Roman, da er ja auf die Stärken des Mediums Film (Musik, Optik etc.) verzichten muss. Stover lässt die Figuren reflektieren, geht detailliert auf ihre inneren Prozesse ein, konzentriert sich auf die Charaktere als Kern der Geschichte und scheut sich auch nicht davor, Dialoge abzuändern oder Dinge, die rein visuell sind, einfach auszulassen. Während der Film beispielsweise immer wieder nach Kashyyyk schneidet, unterlässt Stover dies, da die Schlacht um Kashyyyk zur eigentlichen Handlung kaum etwas beiträgt und vor allem als Fanservice fungiert („Hey, da ist Chewie“). Letztendlich sorgt Stover dafür, dass alles, was im Film nicht so ganz passt, nahtlos ineinander greift. „Die Rache der Sith“ erzählt nicht einfach nur die Geschichte des gleichnamigen Streifens, der Roman ergänzt den Film, wertet ihn auf und macht ihn logischer, verständlicher und nachvollziehbarer.
Sieger: Buch

„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vs. „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 und 2“
Ich bin seit meiner Grundschulzeit Harry-Potter-Fan; im Grunde habe ich die Bücher ziemlich genau im richtigen Alter entdeckt, um bei allem hautnah dabei zu sein; ich bin quasi mit Harry, Ron und Hermine zusammmen aufgewachsen, habe den Büchern und Filmen immer entgegengefiebert, war Teil des Fandoms etc.; tatsächlich bin ich acht Tage Jünger als Daniel Radcliff und habe am selben Tag Geburtstag wie Harry Potter und J. K. Rowling – das muss doch fast schon Schicksal sein. Leider ändert das alles nichts daran, dass ich von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ maßlos enttäuscht war. Nach dem ersten Lesen war das noch nicht der Fall, weil mich der Roman da noch fesseln konnte. Sobald ich allerdings über das Gelesene nachzudenken begann… Mit gefällt nicht, wie die Geschichte endet, mir gefällt nicht, wie sich die wichtigen Figuren entwickeln, und vor allem gefallen mir die massiven Logiklöcher und der furchtbar konstruierte Plot um die Deus-Ex-Heiligtümer absolut nicht. In meinen Augen ist der siebte Harry-Potter-Band als Abschluss der Reihe unwürdig.

Und dann ist da die zweiteilige Verfilmung, die einen Trend begründet hat, der immer noch anhält. Erfreulicherweise ist das Verhältnis zwischen Roman und Filmadaption hier ähnlich wie bei „Die Rache der Sith“: Die Adaption nutzt die Stärken des Mediums, um die Vorlage aufzuwerten. Zwar wird die Geschichte nicht besser oder logischer, aber der Film schafft es, viele der Schwächen ganz gut zu kaschieren und profitiert von der gelungenen Optik, der Musik, kleinen Änderungen und natürlich den grandiosen Schauspielern. Ralph Fiennes sorgt allein durch sein Spiel dafür, dass Voldemort im Film funktioniert, was er im Roman nicht tut. Trotz all seiner Schwächen gelingt es dem Film, mich emotional mitzureißen, was das Buch nicht schafft.
Sieger: Film

„Der Kunde hat immer recht“, „Stadt ohne Gnade“, „Das große Sterben“ und „Dieser feige Bastard“ vs. „Sin City“
Für gewöhnlich funktionier eine eins-zu-eins-Adaption kaum oder gar nicht. „Sin City“ ist gewissermaßen die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es gibt wohl kaum einen Film, der so nahe an seiner Vorlage ist wie dieser. Natürlich, ein paar winzige Änderungen gibt es, hier eine Szene, die der Schere zum Opfer gefallen ist, da eine kleine Ergänzung, aber insgesamt folgt Robert Rodriguez‘ und Frank Millers Episodenfilm der Handlung der drei adaptiert langen und des einen kurzen Comics sehr genau, und das sowohl inhaltlich als auch optisch. Rodriguez heuerte dazu nicht nur Miller als Co-Autor und –Regisseur an, tatsächlich wurden die Comics als Storyboards verwendet und die meisten Dialoge und Einstellungen fast eins zu eins übertragen.

Was den Film so interessant macht ist, dass er trotz allem eine Eigendynamik entwickelt, die den Comics in dieser Form fehlt. Diese Eigendynamik entsteht, eigentlich ganz simpel, durch die clevere, nonlineare Anordnung der einzelnen Episoden. Die Comics erzählen jeweils eine Geschichte von Anfang bis Ende. Der Film schneidet die Geschichten in nicht chronologischer Ordnung ineinander, ohne sie zu verändern. Wir beginnen mit „Der Kunde hat immer recht“ als Prolog, gefolgt vom Anfang von „Dieser feige Bastard“. Es folgen „Stadt ohne Gnade“ und „Das große Sterben“, bevor der Film mit „Dieser feige Bastard“ und einem extra für den Film verfassten Epilog, der „Der Kunde hat immer recht“ und „Das große Sterben“ auf ironische Weise verbindet, endet. Das mag chronologisch nicht stimmen („Dieser feige Bastard“ spielt in seiner Gesamtheit vor allen anderen Geschichten), funktioniert dramaturgisch aber hervorragend. Der Extended Cut, der im Grunde aus vier separaten Kurzfilmen besteht, ist für Fans der Vorlage interessant, weil er fast alle geschnittenen Szenen des Comics enthält; Dynamik und Dramaturgie der Kinoversion gehen allerdings verloren.
Sieger: Unentschieden

„A Song of Ice and Fire“ vs. „Game of Thrones“
Hätte ich diese Liste vor etwa zwei Jahren angefertigt, wäre das Urteil für „Game of Thrones“ wohl anders ausgefallen, denn bis zur dritten Staffel war die Serie eine sehr gelungene Adaption mit ähnlichen Stärken wie Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmung. Staffel 4 und 5 (besonders Staffel 5; ich bemühe ich, Spoiler für diese zu meiden und das Ganze auf allgemeine Aussagen zu beschränken) haben mich allerdings dazu gezwungen, dieses Urteil zu revidieren. Insgesamt muss man den Serienmachern zugestehen, dass besonders „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ enorm schwer zu adaptieren sind, weil die Handlung immer weiter zerfasert, King’s Landing als zentrale Örtlichkeit wegfällt und jede der Hauptfiguren im Grunde anfängt, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dennoch: Gerade in Staffel 5, und in geringerem Maße auch in Staffel 4, haben Benioff und Weiss wirklich sehr viele sehr schlechte Entscheidungen getroffen. Staffel 4 hat immerhin noch einige Höhen, um die Tiefen auszugleichen, in Staffel 5 dagegen ist kaum noch etwas von George R. R. Martins Geschichte übrig geblieben. Man kann über Martin sagen, was man will, aber „A Song of Ice and Fire“ ist eigentlich immer nachvollziehbar, die Figuren handeln passend, die Abläufe sind in sich logisch, die aufgestellten Regeln werden befolgt und es gibt Wirkung und Ursache. Staffel 5 dagegen ist, gerade was die Drehbücher angeht, im Niveau sehr stark gesunken. Subplots wurde auf das Minimum reduziert, die Komplexität wird billigem Drama geopfert, die Handlungen der Figuren wirken an den Haaren herbeigezogen und die Schockmomente, für die GoT berühmt ist, die sich aber bisher logisch aus der Handlung ergaben, verkommen zum Selbstzweck. Staffel 5 entfernt sich insgesamt sehr weit von der Buchvorlage – das muss per se erst einmal nichts Schlechtes sein, aber leider hat sich nun erwiesen, dass Benioff und Weiss sehr viel schlechtere Geschichtenerzähler als George R. R. Martin sind. Ich hege aber nach wie vor die Hoffnung, dass sich GoT mit Staffel 6 wieder erholt.
Sieger: (Buch bzw. Bücher)

„The Hunger Games“ vs. „The Hunger Games“
Bei den Hunger-Games-Filmen handelt es sich um sehr werkgetreue Adaptionen. Ich habe seinerzeit den ersten Film gesehen, der mir ganz gut gefallen, mich aber nicht dazu gebracht hat, die Vorlage zu lesen – das habe ich erst im Zuge eines Uni-Seminars getan. Die Kenntnis der Vorlage hat allerdings für eine gesteigerte Wertschätzung der Filme gesorgt. Zwar hat Suzanne Collins interessante Ideen, allerdings schadet der Umstand, dass wir alles durch Katniss‘ Augen sehen, der Geschichte in meinen Augen. Während sie auch in den Filmen ohne Frage die Protagonistin ist, können diese es sich doch hin und wieder erlauben, sich von ihr lösen, Hintergründe zu beleuchten und die erzählte Welt plastischer zu gestalten. Hinzu kommt, dass ich Film-Katniss weitaus sympathischer finde als Buch-Katniss, was wohl auch mit Jennifer Lawrence zusammenhängt. Insgesamt würde ich sagen, dass die „Hunger Games“, ähnlich wie „Die Heiligtümer des Todes“, vom Medienwechsel und vor allem von den wirklich gut ausgewählten Schauspielern profitiert.
Sieger: Film (bzw. Filme)

„Vampire: The Masquerade“ vs. „Clan der Vampire“
Noch etwas eher Obskures zum Schluss. Außerhalb von Rollen- oder Computerspielkreisen ist das Pen & Paper-RPG „Vampire: The Masquerade“ nicht allzu bekannt, allerdings hat es einen meiner Meinung nach stark unterschätzten Einfluss auf die aktuelle Vampirlandschaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der heute fast schon selbstverständliche Konflikt zwischen Vampiren und Werwölfen nahm hier seinen Anfang. Für mich persönlich ist V:tM immer noch die beste Version des Vampir-Mythos, weil er im Grunde jede andere Version mit einschließt, einen grandiosen, komplexen und mythologisch sehr vielseitigen Hintergrund hat und weil man mit ihm im Grunde jede Art von Vampirgeschichte erzählen kann, vom romantischen Twilight-Verschnitt über ein Action-Szenario á la „Blade“ oder „Underworld“ bis hin zur klassischen Gothic Novel nach Bram Stoker oder der Anne Rice’schen Charakterstudie.

In den späten 90ern gab es eine kurzlebige Serienadaption namens „Clan der Vampire“ (im Original „Kindred: The Embraced“), die sich einiger grundlegender Aspekte (und Bezeichnungen) der Vorlage bediente. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Serienmacher die Vorlage nicht verstanden hatten. Dass die komplexe Vampirpolitik vereinfacht wurde, hätte ich ja durchaus verziehen, aber weder Atmosphäre noch erzählerische Grundlage oder Thematik wurden in irgendeiner Form umgesetzt. „Clan der Vampire“ gleicht eher einer zweitklassigen Gangster-Serie, in der die Gangster halt Vampire sind. Das, was V:tM eigentlich ausmacht, der persönliche Horror, das Ringen um Menschlichkeit, die Konfrontation mit dem Tier im Inneren, wurde nicht im geringsten integriert, die Charaktere bleiben flache, uninteressante Stereotypen und die Gothic-Punk-Amtosphäre, auf die die Vorlage sehr viel wert legt (und die Beispielsweise in „Underworld“ zu finden ist), verzichtet „Clan der Vampire“ ebenfalls völlig. Setzen, sechs.
Sieger: Buch (bzw. RPG)

Ergebnis:
Buch: 5
Film: 3
Unentschieden: 2

(Anmerkung: Man könnte, wegen „Die Rache der Sith“, auch nach Vorlage und Adaption abrechnen, in dem Fall wäre es unentschieden mit 4:4:2).

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 – Soundtrack

harry-potter-deathly-hallows-part-2
Tracklisting:

01. Lily’s Theme
02. The Tunnel
03. Underworld
04. Gringotts
05. Dragon Flight
06. Neville
07. A New Headmaster
08. Panic Inside Hogwarts
09. Statues
10. The Grey Lady
11. In the Chamber of Secrets
12. Battlefield
13. The Diadem
14. Broomsticks and Fire
15. Courtyard Apocalypse
16. Snape’s Demise
17. Severus and Lily
18. Harry’s Sacrifice
19. The Resurrection Stone
20. Harry Surrenders
21. Procession
22. Neville the Hero
23. Showdown
24. Voldemort’s End
25. A New Beginning

Wie schon bei Nicholas Hooper ist auch bei Alexandre Desplat der zweite Potter-Score eine Verbesserung gegenüber dem ersten. Trotz eines recht gelungenen Gesamteindrucks hatte „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“ vor allem zwei Schwächen: Er war zu dezent und es gab zu wenig Kontinuität. Beide Schwächen werden in der Musik zum Finale der Filmreihe zumindest teilweise behoben.
Stilistisch nähert sich Desplat weiterhin Williams an, die Tendenzen aus Sky Battle werden noch verstärkt, vor allem in Stücken wie In the Chamber of Secrets. In „Die Heiligtümer des Todes Teil 2“ bricht endgültig der Krieg aus und das merkt man auch, die Musik ist über weite Strecken sehr viel weniger melancholisch, dafür aber ziemlich actionorientiert. Dies sorgt gleichzeitig dafür, dass die erste Schwäche ausgebügelt wird.
Was die zweite Schwäche angeht: Hier besser sich die Situation zumindest. Hedwigs Thema, in „Teil 1“ lediglich eine in dezenten Variationen gespielte Randerscheinung, rückt nun stärker in den Vordergrund, sowohl in neuen Variationen, als auch in Direktübernahmen aus den Williams-Soundtracks (diese sind allerdings nicht auf dem Album zu finden). Und da Epilog und Abspann mit den Stücken Leaving Hogwarts und Hedwig’s Theme aus „Der Stein der Weisen“ unterlegt sind, kehren auch Williams‘ Familienthema und das Flugthema zurück. Darüber hinaus benutzt Desplat auch noch das Stück Dumbledore’s Farewell während Snapes Erinnerungen und schafft so noch eine Brücke zu Hooper. Das ist zwar noch nicht optimal, aber schon weitaus mehr Kontinuität als bei Hooper oder Doyle. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Direktübernahmen weniger gelungen finde als die neuen Variationen von Desplat, die sich organischer ins leitmotivische Gefüge einordnen.
Die Kontinuität zu Desplats erster Potter-Musik ist ebenfalls gegeben, interessanterweise tauchen allerdings in erster Linie die sekundären Themen auf. Die beiden Hauptthemen, das Obliviate-Thema und das Voldemort/Todesser-Thema haben jeweils nur einen Auftritt: Ersteres in Harry’s Sacrifice (taucht im Film nicht auf) und Letzteres, reichlich deplatziert, in The Tunnel. In meinen Augen ist das schon irgendwie schade, da Desplat beide Themen schön hätte weiterentwickeln können. Voldemort selbst wird in diesem Film nur noch durch ominöse Dissonanzen und ziemlich unmarkantes, vage militärisch klingendes Underscoring repräsentiert – die wohl größte Schwäche des Scores.
Stattdessen werden vor allem das Band-of-Brothers-Thema und das Horkrux-Thema weiterentwickelt. Das Band-of-Brothers-Thema gilt nun vor allem Neville und ist in Neville, Battlefield und Showdown zu hören. Noch gelungener sind die verschiedenen Einsätze des Horkrux-Themas in Underworld und Broomsticks and Fire. Das Thema der Heiligtümer des Todes absolviert ebenfalls einen Auftritt, der allerdings nicht auf dem Soundtrackalbum zu finden ist.
Zusätzlich zu diesem Material hat Desplat zwei starke neue Themen komponiert: Lilys Thema, eine sehr schöne, tragische Melodie, die für die Verbindung zwischen Lily, Snape und Harry steht (zu hören, unter anderem, in Lily’s Theme, Dragon Flight und Voldemort’s End) und als Hauptthema des Films gelten kann, sowie das sogenannte Castle-Defense-Theme (Statues, Courtyard Apocalypse), ein heroisches, wenn auch verzweifeltes Thema, das leitmotivisch weniger interessant ist als Lilys Thema, aber dafür einen epischen Rahmen für die Schlacht um Hogwarts liefert.
Auch außerhalb des thematischen Materials gibt es sehr viele gelungene Momente, vor allem bezüglich des Action-Materials, zum Beispiel in Battlefield, Neville the Hero und Showdown zu finden.
Fazit: Gelungener musikalischer Abschluss der Filmreihe mit minimalen Schwächen. Nach „Der Gefangene von Askaban“ der beste Potter-Soundtrack.

Siehe auch:
Hedwigs Thema
Harry Potter und der Stein der Weisen – Soundtrack
Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Soundtrack
Harry Potter und der Gefangene von Askaban – Soundtrack
Harry Potter und der Feuerkelch – Soundtrack
Harry Potter und der Orden des Phönix – Soundtrack
Harry Potter und der Halbblutprinz – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 – Soundtrack

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 – Soundtrack

dh1ost
Tracklisting:

01. Obliviate
02. Snape to Malfoy Manor
03. Polyjuice Potion
04. Sky Battle
05. At the Burrow
06. Harry and Ginny
07. The Will
08. Death Eaters
09. Dobby
10. Ministry of Magic
11. Detonators
12. The Locket
13. Fireplaces Escape
14. Ron Leaves
15. The Exodus
16. Godric’s Hollow Graveyard
17. Bathilda Bagshot
18. Hermione’s Parents
19. Destroying the Locket
20. Ron’s Speech
21. Lovegood
22. The Deathly Hallows
23. Captured and Tortured
24. Rescuing Hermione
25. Farewell to Dobby
26. The Elder Wand

Bonus-Tracks:
01. Voldemort
02. Grimmauld Place
03. The Dumbledores
04. The Tale of Three Brothers
05. Bellatrix
06. My Love is Always There

Als ich die Musik zu „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ zum ersten Mal hörte, war ich unheimlich enttäuscht. Da Nicholas Hooper sich der Aufgabe, einen weiteren Potter-Soundtrack zu komponieren, nicht mehr gewachsen sah, wurde stattdessen der Franzose Alexandre Desplat verpflichtet, und er tat genau das, was ich befürchtete: Abermals verwarf er, mit Ausnahme von Hedwigs Thema, sämtliche von seinen Vorgängern verwendete Leitmotive und fing wieder ganz von vorn an. Nach der ersten Enttäuschung (und oftmaligem Hören des Soundtracks) muss ich allerdings zugeben, dass er so übel gar nicht ist. Neben dem Mangel an Kontinuität ist das Hauptproblem, dass Desplats Arbeit zu dezent ist, vor allem im Film ist die Musik zu leise abgemischt.
Interessanterweise bewegt sich Desplat stilistisch ziemlich genau zwischen Williams und Hooper. In den ruhigeren Momenten erinnert die Musik wegen der mitunter zurückhaltenden Orchestrierung recht stark an Hooper (Detonators ist ein gutes Beispiel), während es die eine oder andere blächbläserlastige und hektische Actionszene gibt, die einen Williams’schen Touch hat – vor allem Sky Battle und Destroying the Locket sind hier zu nennen. Möglicherweise hängt dies mit Orchestrierer Conrad Pope zusammen, der schon oft mit Williams zusammenarbeitete.
Aus narrativer und leitmotivischer Sicht ist „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ sehr viel interessanter als Hoopers und Doyles Arbeiten, dafür besitzt er allerdings weitaus weniger einprägsame Melodien. Hedwigs Thema tritt eher als Randerscheinung bzw. Nostalgiethema auf. Dominiert wird der Film, ähnlich wie „Der Feuerkelch“, von einem positiven und einem negativen Thema. Ein neues Thema für Voldemort und die Todesser ist in Snape to Malfoy Manor in aller Pracht zu hören und kommt auch, unter anderem, in Sky Battle und Death Eaters vor. Mir persönlich gefällt dieses Thema für den Dunklen Lord besser als Patrick Doyles, allerdings bleibt es hinter Williams‘ Ideen für Voldemort zurück. Das Thema ist recht schleichend, gerade in diesem Film wäre allerdings etwas mit mehr Bombast wünschenswert gewesen, immerhin ist Voldemort auf der Höhe seiner Macht.
Das positive Thema gilt dieses Mal nicht nur Harry allein, sondern dem ganzen Trio, und wird nach dem Track, in dem es debütiert, als Obliviate-Thema bezeichnet. Es steht nicht nur für das Trio an sich, sondern auch für das nötige Erwachsenwerden, und ist deshalb auch keine heroische, sondern eine eher zurückhaltende und sehnsüchtige Melodie. Aufgrund der Tatsache, dass es ein recht simples Motiv ist, ist es ziemlich oft zu hören und wird des Öfteren in Stücke eingewoben (Dobby, Ron Leaves, Hermione‘s Parents).
Daneben gibt es noch einige wirklich gelungene sekundäre Themen, die für eine gelungene Leitmotivstruktur sorgen, das (von Desplat selbst so genannte) Band-of-Brothers-Thema etwa, das für Harrys Verbündete und den Orden des Phönix steht (Polyjuice Potion, At the Burrow), das Horkrux-Thema (The Locket) oder das Thema der Heiligtümer des Todes (The Deathly Hallows). Darüber hinaus gibt es noch einige szenenspezifische Themen ohne leitmotivische Funktion (möglicherweise auch, weil das, was sie beschreiben, nur in einer Szene vorkommt), etwa in Ministy of Magic, Dobby und Farewell to Dobby (Letzteres wird auch in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2“ verwendet).
Erstmalig gibt es zu diesem Soundtrack eine Special Edition mit sechs Bonusstücken, die Anschaffung lohnt sich allerdings nicht wirklich. Bei Voldemort handelt es sich um extrem dezentes Underscoring, aus dem am Ende das Voldemort/Todesser-Thema erwächst (gehört zur Todesserbesprechung zu Beginn des Films). Grimmauld Place (untermalt die Ankunft des Trios an selbigem) hat eine weitere, recht harsche Variation des Obliviate-Themas zu bieten (zusätzlich zu weiterem uninteressantem Underscoring). The Dumbledores gehört zur Tantchen-Muriel-Szene und enthält Andeutungen auf das Heiligtümer-Thema und eine weitere Obliviate-Variation, The Tale of the Three Brothers untermalt das animierte Märchen und ist ziemlich langweilig, während Bellatrix mehr Actionmusik im Stil von Rescuing Hermione enthält. My Love Is Always There schließlich ist das Kirchenlied, das Harry und Hermine in Godric’s Hollow hören.
Fazit: Alexandre Desplats Musik für „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ ist bezüglich der leitmotivischen Kontinuität eine herbe Enttäuschung, für sich betrachtet allerdings ein durchaus interessantes Werk, dessen narrative Struktur weitaus ansprechender ist als bei den drei Vorgängern.

Siehe auch:
Hedwigs Thema
Harry Potter und der Stein der Weisen – Soundtrack
Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Soundtrack
Harry Potter und der Gefangene von Askaban – Soundtrack
Harry Potter und der Feuerkelch – Soundtrack
Harry Potter und der Orden des Phönix – Soundtrack
Harry Potter und der Halbblutprinz – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 – Soundtrack

Harry Potter und der Halbblutprinz – Soundtrack

hbpscore
Tracklisting:

01. Opening
02. In Noctem
03. The Story Begins
04. Ginny
05. Snape & the Unbreakable Vow
06. Wizard Wheezes
07. Dumbledore’s Speech
08. Living Death
09. Into the Pensieve
10. The Book
11. Ron’s Victory
12. Harry & Hermione
13. School!
14. Malfoy’s Mission
15. The Slug Party
16. Into the Rushes
17. Farewell Aragog
18. Dumbledore’s Foreboding
19. Of Love and War
20. When Ginny Kissed Harry
21. Slughorn’s Confession
22. Journey to the Cave
23. The Drink of Despair
24. Inferi in the Firestorm
25. The Killing of Dumbledore
26. Dumbledore’s Farewell
27. The Friends
28. The Weasley Stomp

Nicholas Hoopers zweiter Potter-Score ist eine gewaltige Verbesserung gegenüber dem ersten. Natürlich, wer mit „Der Orden des Phönix“ nichts anfangen konnte, dem wird wohl auch „Der Halbblutprinz“ nicht wirklich zusagen, da Hooper seinen Stil ebenso wenig verändert hat wie seine Charakteristika. Was sich verbessert hat, ist die leitmotivische Narration. Zwar ist Hooper diesbezüglich immer noch weit entfernt von Williams und selbst Doyle, hat aber im Vergleich zum Vorgänger Fortschritte gemacht.
Stilistische Kontinuität zum Vorgänger ist also gegeben, leitmotivische in gewisser Weise auch – allerdings gab es im fünften Harry-Potter-Soundtrack kaum Leitmotive, die man hätte weiterentwickeln können. Stattdessen tauchen einige Stücke als Direktübernahmen wieder auf. Fireworks, das irisch angehauchte Stück, das die Flucht der Weasley-Zwillinge begleitete, wird im sechsten Film dazu verwendet, die Szene in ihrem Scherzartikelladen zu untermalen (durchaus passend) und die zweite Hälfte von Dumbledore’s Army erklingt während der Quidditch-Auswahlspiele, was eher merkwürdig ist. An wirklich leitmotivischem Material wird nur das Possession-Thema weiterverwendet und -entwickelt, es taucht unter anderem während der erstem Denkariumsszene auf (Into the Pensieve) und ist damit wohl zu Hoopers Voldemort-Thema geworden – nach wie vor halte ich es dafür allerdings für zu unscheinbar. Dennoch, es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Hooper dieses Thema in den nächsten beiden Filmen entwickelt hätte, hätte er den Staffelstab nicht an Alexandre Desplat weitergegeben. Darüber hinaus hat sich die Zahl der Williams-Referenzen ein wenig erhöht: Es gibt immerhin zwei direkte Einspielungen von Hedwigs Thema in Williams’scher Manier (eine davon ist auf dem Album, Ginny) und die Quidditch-Fuge aus „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ kehrt zurück (Ron’s Victory). Dies ist zwar willkommen, man fragt sich allerdings unweigerlich, weshalb Hooper gerade dieses Stück auswählte und nicht etwas, das eine gewisse leitmotivische Relevanz besitzt, wie etwa das Flug-Thema.
Es sind jedoch die neuen Themen, die wirklich interessant sind, und davon gibt es, im Gegensatz zum „Orden des Phönix“, einige. Zum ersten hätten wir da die beiden Themen für Dumbledore. Das erste ist in In Noctem, Dumbledore’s Speech, Dumbledore’s Foreboding und Journey to the Cave zu hören, das zweite (angedeutet) in Opening und (vollständig) Dumbledore’s Farewell. In „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2“ bediente sich Alexandre Desplat dieses Themas für den zweiten Teil von Snapes Erinnerungen. Die beiden Themen sind verwandt und arbeiten mit einem Knabenchor, das erste dient als allgemeines Dumbledore-Thema, das zweite ist ein spezifisches Abschiedsthema. Dieser Abschied wird zu Beginn des Films bereits angedeutet, bevor das Thema nach Dumbledores Tod vollständig erklingt.
Zwei weitere bedeutende Themen finden sich in Malfoy’s Mission. Das erste, das einen Großteil dieses Tracks dominiert, ist das titelgebende Thema für Draco Malfoys Auftrag, das im Film weitaus öfter vorkommt als auf der CD. Das zweite ist das percussion-lastige Todesserthema (einer meiner Favoriten), das hier nur angedeutet wird (1:04 bis 1:30). Vollständig ist dieses Thema, das wie eine Weiterentwicklung des Underscorings aus The Death of Sirius wirkt, in Opening und Into the Rushes zu vernehmen.
Auch Ginny hat inzwischen ihr eigenes Thema, eine leichte Gitarrenmelodie, die in Ginny und When Ginny Kissed Harry zu hören ist.
Darüber hinaus gibt es, wie schon im „Orden des Phönix“, noch einiges an szenenspezifischem Material. Professor Slughorns erste Unterrichtsstunde wird von einem sehr heiteren Stück untermalt, das ein wenig nach Umbridges Thema klingt und etwas deplaziert wirkt (Living Death). Aragogs Begräbnis ist von einem schottischen anmutenden Trauerstück unterlegt (Farewell Aragog) und auch die Szene, in der Slughorn Harry von den Horkruxen erzählt, erhält ein spezielles, nicht leitmotivisches Thema, aus dem vor allem die Trauer über Lilys Tod herauszuhören ist.
Obwohl Hoopers zweite Potter-Musik leitmotivisch ebenfalls noch Wünsche offen lässt, vor allem was Variation angeht, ist sie diesbezüglich weit besser ausgestattet als der Vorgänger. Vor allem durch die beiden Dumbledore-Themen ist ein gewisser roter Faden geben.
Erwähnenswert ist in jedem Fall noch, dass sich auf dem Album erstaunlich viele Stücke finden, die es nicht in den Film geschafft haben. Wizard Wheezes hätte wohl ursprünglich im Laden der Weasley-Zwillinge gespielt werden sollen, wurde jedoch durch Fireworks ersetzt. Of Love and War ist ebenfalls nicht im fertigen Film zu finden und In Noctem nur teilweise, da die entsprechende Szene zum Großteil geschnitten wurde.
Fazit: Hoopers zweiter Potter-Score ist zwar nicht optimal, aber eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem Vorgänger, viele Kritikpunkte sind allerdings weiterhin relevant. Wer seine Arbeit für „Der Orden des Phönix“ mochte, dem wird „Der Halbblutprinz“ wahrscheinlich ebenfalls gefallen

Siehe auch:
Hedwigs Thema
Harry Potter und der Stein der Weisen – Soundtrack
Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Soundtrack
Harry Potter und der Gefangene von Askaban – Soundtrack
Harry Potter und der Feuerkelch – Soundtrack
Harry Potter und der Orden des Phönix – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 – Soundtrack

Harry Potter und der Orden des Phönix – Soundtrack

hp5ost
Tracklisting:

01. Fireworks
02. Professor Umbridge
03. Another Story
04. Dementors in the Underpass
05. Dumbledore’s Army
06. The Hall of Prophecies
07. Possession
08. The Room of Requirements
09. The Kiss
10. A Journey to Hogwarts
11. The Sirius Deception
12. The Death of Sirius
13. Umbridge Spoils a Beautiful Morning
14. Darkness Takes Over
15. The Ministry of Magic
16. The Sacking of Trelawney
17. Flight of the Order of the Phoenix
18. Loved Ones & Leaving

Wie auch Mike Newell brachte David Yates, ab „Harry Potter und der Orden des Phönix“ Regisseur der Reihe (und mit vier Filmen der Regisseur, der am meisten Potter-Streifen gedreht hat), seinen Stammkomponisten mit. Wie Yates hatte Nicholas Hooper vor dem „Orden des Phönix“ keine Blockbustererfahrung, Regisseur und Komponist hatten zuvor vor allem an Fernsehprojekten, zum Beispiel der sechsteiligen BBC-Miniserie „State of Play“, zusammengearbeitet.
Hoopers Stil unterscheidet sich massiv von dem von Williams und Doyle, seine Herangehensweise weist allerdings zwei Parallelen zu Letzterem auf: Wie Doyle arbeitet auch Hooper nicht mit den Leitmotiven seiner Vorgänger, sondern fängt mit der Motivsprache von vorne an und wie bei Doyle ist Hedwigs Thema die einzige Ausnahme: Die Verwendung des Franchise-Themas ist bei beiden Komponisten ziemlich ähnlich (siehe auch den entsprechenden Artikel). Darüber hinaus gibt es noch zwei kleine Williams-Verweise, die aber nicht leitmotivischer Natur sind. Beide finden sich in Dementors in the Underpass: Wie in „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ werden die Dementoren von Dissonanzen repräsentiert, während das Auftauchen von Harrys Patronus von einem wortlosen Chor begleitet wird. Beides geschieht jedoch, ohne das Williams-Material direkt zu zitieren.
Davon einmal abgesehen ist es ziemlich verblüffend, dass Hoopers musikalischer Stil dem von Patrick Doyle fast diametral entgegengesetzt ist. Was bei Doyle „zu viel“ war ist bei Hooper „zu wenig“, man merkt ihm seine TV-Herkunft an. Wo Doyles Score zu üppig war, ist Hoopers Musik zu minimalistisch und leitmotivisch zu wenig ausgeprägt. Gewiss hat sie ihren ganz eigenen Charme und ist durchweg angenehm zu hören, beschränkt sich aber zu oft auf schlichte Untermalung und enttäuscht so auf narrativer Ebene. Zugegebenermaßen wäre es allerdings unfair, Hooper die alleinige Schuld zu geben. Da „Der Orden des Phönix“ die Ereignisse des Buches nur sehr knapp wiedergibt, sind die Möglichkeiten diesbezüglich mitunter eingeschränkt. Umso wichtiger wäre es deshalb gewesen, das thematische Material der Vorgänger miteinzubeziehen und darauf aufzubauen.
Leitmotivische Ideen sind zwar vorhanden, werden aber ungenügend ausgebaut. Das markanteste Thema gehört zu Professor Umbridge, der von Imelda Staunton gespielten neuen Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, und ist vor allem in Umbridge Spoils a Beatiful Morning (recht dezent) und in Professor Umbridge zu hören. Es handelt sich dabei um eine ziemlich eingängige Melodie, die laut Hooper Ohrwurmcharakter haben und den Zuhörer irritieren soll. Dieses Thema repräsentiert vor allem die „pinke Seite“ Umbridges und ihr übermäßig süßliches Gehabe. Grundsätzlich ist dieses Thema sehr gelungen, was allerdings fehlt, ist eine adäquate Entwicklung. Mit der Zeit gewinnt sie innerhalb der Schule immer mehr Macht und schafft es gar, Dumbledore hinauszuekeln, es wäre also anzunehmen, dass ihr Thema immer kräftiger und garstiger wird, je mehr Umbridge ihr wahres Gesicht zeigt. Doch nach den ersten Einsätzen in der ersten Hälfte des Films verschwindet es aber fast zur Gänze aus dem Score, lediglich am Anfang von Darkness Takes Over ist eine leise Andeutung zu hören.
Das zweite markante Thema ist das Possession-Thema, das für die langsame Besitzergreifung Harrys durch Voldemort steht und im gleichnamigen Track am deutlichsten zu hören ist, ebenso wie in The Sirius Deception. Grundsätzlich ist auch dieses Thema gut und wirkungsvoll, aber zu subtil und im Score nicht präsent genug.
Darüber hinaus gibt es kaum leitmotivisches Material. The Flight of the Order of the Phoenix könnte man als Thema besagten Ordens verstehen, es gibt auch eine Verbindung zur Musik, die das Treffen von Dumbledores Armee untermalt (zweite Hälfte von Dumbledore’s Army) und der, die beim Aufbruch ins Ministerium gespielt wird (zweite Hälfte von The Sirius Deception), doch dies ist alles viel zu vage.
Zu den besten Momenten des Soundtracks gehören interessanterweise viele, die eine rein untermalende Funktion haben – hier wartet Hooper mit einigen kreativen Ideen auf, etwa dem Stück Fireworks, das den Abgang der Weasley-Zwillinge untermalt. Mein persönlicher Höhepunkt ist jedoch das Action-Underscoring des Finales, zu hören in The Hall of Prophecies und The Death of Sirius. Hooper verlässt sich dabei primär auf Streicher und besonders im zweitgenannten Track lässt er sie fast schon Amok laufen.
Für „Harry Potter und der Orden des Phönix“ komponierte Hooper sehr szenisch, ihm geht es vor allem um die Untermalung von Momenten, weniger darum, die Geschichte durch die Musik zu erzählen, er konzentriert sich auf den Augenblick.
Interessanterweise sind seine beiden musikalischen Beiträge zum Potter-Franchise die umstrittensten. Die Werke von Williams, Doyle und Desplat wurden im Großen und Ganzen positiv rezipiert, während die Urteile zu Hoopers Arbeiten sehr gemischt ausfielen. Manche begrüßten den neuen Ansatz und fühlten sich dadurch emotional stärker angesprochen als durch die ersten vier Soundtracks, während andere mit seinen Kompositionen schlicht nichts anzufangen wussten.
Meine eigene Meinung liegt irgendwo dazwischen: Ich erkenne durchaus die Qualitäten des Scores, für mich als Fan der Leitmotivik ist das, was geboten wird, allerdings einfach nicht genug. Wäre dies eine „normale“ Filmmusik würde das Urteil wahrscheinlich positiver ausfallen, als Franchise-Score mangelt es dem „Orden des Phönix“ allerdings an einem roten Faden und einer passenden narrativen Ausarbeitung, von der Verwendung bereits etablierter Themen ganz zu schweigen.
Fazit: Trotz einiger wirklich kreativer Ansätze ist Hoopers Musik zu „Der Orden des Phönix“ wohl die schwächste der Filmreihe, es mangelt an einem Gesamtkonzept, neue Themen sind rar und die, die es gibt, werden ungenügend verarbeitet.

Siehe auch:
Hedwigs Thema
Harry Potter und der Stein der Weisen – Soundtrack
Harry Potter und die Kammer des Schreckens – Soundtrack
Harry Potter und der Gefangene von Askaban – Soundtrack
Harry Potter und der Feuerkelch – Soundtrack – Soundtrack
Harry Potter und der Halbblutprinz – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 – Soundtrack
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 – Soundtrack