Art of Adaptation: At the Sign of the Prancing Pony

Mit „At the Sign of the Prancing Pony”, dem neunten Kapitel von „The Fellowship of the Ring”, kehren wir zur Filmhandlung zurück und lernen mit Bree gleich einen neuen Handlungsort kennen. Im Vergleich zu den Auslassungen und Abänderungen, die sich in den Auenlandkapiteln finden, kann man hier getrost von kleineren Anpassungen sprechen.

Bree und das Pony
Wie man es von Tolkien gewohnt ist, beginnt auch dieses Kapitel mit ein wenig Exposition und Hintergrundinformationen bezüglich des neuen Handlungsortes, die ein Film auf diese Weise nur schwer vermitteln kann. Weder wird deutlich, dass zum Breeland neben Bree selbst noch drei weitere Dörfer gehören, noch gehen Jackson und Co. auf die genauen Bevölkerungsverhältnisse ein. Allerdings scheinen im Film kein Hobbits gezeigt zu werden, obwohl diese einen signifikanten Teil der Bevölkerung Brees ausmachen – tatsächlich sind Bree und die zugehörigen Dörfer Archet, Schlucht (Comb) und Stadel (Staddle) relativ einzigartig darin, dass Hobbits und Menschen hier Seite an Seite leben und man zudem auch Elben und Zwerge häufiger antrifft – es handelt sich quasi um einen multikulturellen Sammelpunkt. Natürlich ist das Tänzelnde Pony das Vorbild für das archetypische Gasthaus der Fantasy-Literatur, in dem man als Abenteurer herumhängt, bis es wieder losgeht. Erst in „The Desolation of Smaug“ bekommen wir dann auch tatsächlich die Hobbit-Bewohner des Ortes zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist, dass Bree im Film als deutlich ungemütlicher und feindseliger dargestellt wird als im Roman – das beginnt bereits beim Wetter. Bei Tolkien ist die Nacht ausdrücklich sternenklar, während es bei Jackson ordentlich schüttet. Auch Bree selbst wirkt groß, düster, dreckig und einschüchternd. Diese Wahrnehmung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, entspricht aber primär Sams Perspektive, der allem, was nicht zum Auenland gehört, sehr kritisch gegenübersteht und deshalb Bree auf diese Art und Weise sieht. Er hat auch Hemmungen, ins Gasthaus zu gehen, während Frodo damit keine Probleme zu haben scheint. Im Tänzelnden Pony werden die Hobbits erst in einem separaten Raum bewirtet, bevor sie sich in die Schankstube begeben. Der Wirt, Gerstenmann Butterblume (Barliman Butterbur) taucht im Film natürlich auf, gespielt von David Weatherley, seine beiden Hobbit-Hilfskräfte Nob und Bob allerdings nicht. Nur Frodo, Sam und Pippin begeben sich im Roman schließlich auf Bitten Butterblumes in den Schankraum, Merry hingegen bleibt zurück, um später noch einen Spaziergang zu machen, während im Film alle vier direkt im Schankraum landen.

Wirtshausumtriebe
Wo die Hobbits bei Jackson größten Teils für sich bleiben, geben sich Frodo, Sam und Pippin deutlich geselliger und kommen u.a. mit lokalen Hobbits ins Gespräch, darunter einige, die Frodos Decknamen „Unterberg“ („Underhill“) teilen und der Meinung sind, er müsse ein entfernter Verwandter sein, da sie sich pure Namensgleichheit nicht vorstellen können. Im Film wie im Roman wird Frodo auf eine ominöse, im Schatten sitzende Gestalt aufmerksam und erkundigt sich bei Butterbier nach ihr. Und in beiden Versionen der Geschichte erklärt ihm Butterbier, es handle sich um einen Waldläufer, der als „Streicher“ bekannt ist: Aragorns Debüt fällt in beiden Medien sehr ähnlich aus. Im Roman kommt es allerdings bereits an dieser Stelle zu einem ersten kurzen Gespräch zwischen Frodo und Aragorn, in welchem der Waldläufer darauf hinweist, dass Pippin eine zu große Klappe hat. Hier plappert der jüngste Hobbit allerdings nicht direkt Frodos tatsächlichen Nachnamen aus, sondern erzählt stattdessen von Bilbos Geburtstagsparty, was natürlich ebenfalls Aufmerksamkeit erregt, besonders unter potentiellen Spitzeln der Ringgeister. Wo Frodo sich im Film einfach nur ins Gespräch einmischt, stolpert und fällt, wobei der Ring auf höchst dramatische Weise auf seinem Finger landet, setzt sein Roman-Gegenstück erst zu einer kleinen Rede an und stimmt dann, angefeuert von den Wirtshausgästen, ein kleines Liedchen an. Dieses trägt den Titel The Man in the Moon Stayed up too Late und wurde von Bilbo komponiert. An dieser Stelle taucht das Lied in der Filmversion von „The Fellowship of the Ring“ nicht auf, allerdings gibt Bofur (James Nesbitt) in der Extended Edition von „The Hobbit: An Unexpected Journey einige Strophen in Bruchtal zum Besten. Das lädt natürlich zur Spekulation ein: Hat Bilbo ihm dieses Lied in der erzählten Welt des Films beigebracht, hat er es vielleicht sogar während der Reise geschrieben, oder ist es in Wahrheit tatsächlich ein Zwergenlied?

Als Frodo den Ring im Film auf den Finger bekommt, ist der Effekt sofort massiv, er bekommt Einblick in die Zwielichtwelt der Nazgûl und sieht sogar Saurons Auge, das seiner gewahr wird. Im Roman passiert nichts dergleichen, derartige Effekte tauchen erst weit später auf. Bei Jackson ist diese Szene deutlich dramatischer, Frodo wird von Aragorn sofort ins Nebenzimmer gebracht, während er bei Tolkien im Schankraum verleibt, versucht die Situation zu erklären und sich eine Standpauke von Butterblume anhören muss. Das Kapitel endet mit Butterblumes Bitte, sich in Kürze mit den Hobbits in ihren Räumlichkeiten zu treffen, da er ihnen noch etwas wichtiges mitzuteilen habe.

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Three Is Company
Art of Adaptation: A Shortcut to Mushrooms
Art of Adaptation: The House of Tom Bombadil
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl
Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Mittelerde

Art of Adaptation: In the House of Tom Bombadil

Bei den Kapiteln V bis VIII von „The Fellowship of the Ring” handelt es sich um die größte Auslassung in der Trilogie, mit Ausnahme vielleicht von einigen Kapiteln am Ende von „The Return of the King“ rund um die Säuberung des Auenlands. In diesem Teil des „Lord of the Rings“ ist die Struktur des „Hobbits“ noch relativ vorherrschend, hier erleben Frodo, Sam, Merry und Pippin zwei kleinere, von der Haupthandlung relativ separierte Abenteuer. Zu sagen, diese hätten gar keine Auswirkungen auf den Plot wäre zwar falsch, aber besagte Auswirkungen sind durchaus vernachlässigbar; sie für die Filme zu streichen war aus dramaturgischer Sicht definitiv die richtige Entscheidung – man erinnere sich nur, wie uneben die Hobbit-Filme sind, wenn sie besagte Struktur nicht nur umsetzen, sondern zusätzlich auch noch aufblähen. Trotz der Auslassung fanden zumindest einzelne Elemente und Details dieser Kapitel ihren Weg in die Filme, weshalb ich sie in einem Sammelartikel bespreche.

A Conspiracy Unmasked

Das fünfte Kapitel des Romans ist eines der gemütlichsten und bietet eine Pause für die Protagonisten. Nachdem die Hobbits in Bockland ankommen sind und der Erzähler ein wenig über diese Kolonie des Auenlands informiert hat, bekommen Frodo, Sam und Pippin die Gelegenheit, ein gemütliches Bad zu nehmen (Pippin sorgt für Überschwemmungen) und ein weiteres, üppiges Pilzgericht zu vertilgen, bevor es zur Lagebesprechung kommt. Gerade hier zeigt sich final, wie sehr Frodos Gefährten in den Filmen durch puren Zufall in die Ereignisse hineingeraten – Sam lauscht nur zufällig unter dem Fenster und wird von Gandalf dazu verdonnert, Frodo zu begleiten, Merry und Pippin laufen zufällig in Frodo und Sam hinein und beschließen, ihnen zu helfen. Bei Tolkien gibt es diesbezüglich keinerlei Zufälle, tatsächlich findet Merry Details bezüglich des Ringes bereits heraus, noch bevor Bilbo seinen Geburtstag feiert. Zusammen mit Sam, Pippin und Fredegar Bolger, dessen Anwesenheit hier noch einmal betont werden soll, schmiedet er eine Verschwörung (daher der Titel des Kapitels) mit dem Ziel, herauszufinden, was eigentlich vorgeht, um Frodo besser helfen zu können. Sams Lauschen unter dem Fenster ist also keinesfalls Zufall, sondern eine gezielte Aktion. Nachdem Sam von Gandalf verpflichtet wird, endet allerdings seine Tätigkeit als Spitzel. Frodo ist von diesen Enthüllungen ebenso überrascht wie erschüttert, zugleich sprechen ihm seine Freunde allerdings auch ihre unverbrüchliche Loyalität aus. Man schmiedet schließlich den Plan, früh am nächsten Morgen aufzubrechen und, um auf der Straße nicht den Ringgeistern zu begegnen, den Weg durch den Alten Wald zu nehmen. Lediglich Fredegar Bolger soll zurückbleiben, einerseits da er den Alten Wald mehr fürchtet als alles andere und andererseits, um zumindest für eine Weile die Illusion aufrechtzuerhalten, Frodo lebe in Bockland. Ein Detail dieses Kapitels hat es tatsächlich in den Film geschafft: Beim Baden singt Pippin ein von Bilbo gedichtetes Lied, das in abgeänderter Form in der Szene im Grünen Drachen als zweite Strophe des Liedes von Merry und Pippin fungiert.

Sing hey! for the bath at close of day
that washes the weary mud away!
A loon is he that will not sing:
O! Water Hot is a noble thing!

O! Sweet is the sound of falling rain,
and the brook that leaps from hill to plain;
but better than rain or rippling streams
is Water Hot that smokes and steams.

O! Water cold we may pour at need
down a thirsty throat and be glad indeed;
but better is Beer if drink we lack,
and Water Hot poured down the back.

O! Water is fair that leaps on high
in a fountain white beneath the sky;
but never did fountain sound so sweet
as splashing Hot Water with my feet! (FotR, S. 132)

The Old Forest
Die Natur im Allgemeinen und Wälder im Besonderen sind in Tolkiens Werk letztendlich positiv konnotiert, das bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht auch unheimlich und fast schon dämonisch sein können. Nur allzu gerne verwendet er den aus Mythen und Märchen bekannten verwunschenen Wald, der in verschiedenen Inkarnationen immer wieder auftaucht, sei es der Düsterwald im „Hobbit“, der Alte Wald in „The Fellowship of the Ring“ oder natürlich der Fangorn in „The Two Towers“. Wie wir von Baumbart erfahren, war der Alte Wald tatsächlich einmal Teil des Fangorn, als dieser noch einen weit größeren Teil von Mittelerde bedeckte. Wie dem auch sei, der Weg der vier Hobbits durch den Alten Wald erinnert stark an den Versuch Bilbos und der Zwerge, den Düsterwald zu durchqueren, beide Wälder beeinträchtigen die Wahrnehmung massiv, sodass ein Durchkommen ungemein erschwert wird und man sich verirrt. Im Alten Wald gibt es allerdings weder übergroße Spinnen noch Waldelben, stattdessen werden Merry und Pippin von den Wurzeln des Alten Weidenmanns, einem äußerst übelgelaunten Baum, fast erstickt, bis Tom Bombadil zu ihrer Rettung eilt. Beim Alten Weidenmann handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Huorn, wie sie auch im Fangorn zu finden sind. In der Filmversion von „The Two Towers“ baute Peter Jackson mehrere Verweise auf den Alten Wald ein. Als die Uruk-hai Merry und Pippin am Rand des Fangorn abladen, ruft Merry Pippin den Alten Wald in Erinnerung und erwähnt, dass die Bäume dort angeblich miteinander reden und sich sogar bewegen können. Das lässt zugleich darauf schließen, dass die vier Hobbits in der erzählten Welt des Films die Straße von Bockland nach Bree genommen haben und die Inhalte von „The Old Forest“ nicht einfach offscreen passiert sind, denn sonst würde dieses Gespräch anders verlaufen. Die Szene, in der Merry und Pippin vom Alten Weidenmann festgesetzt werden, taucht sogar relativ vorlagengetreu in der Extended Edition von „The Two Towers“ auf, nur dass es eben nicht im Alten Wald, sondern im Fangorn geschieht und Baumbart die Rolle Tom Bombadils einnimmt. Er benutzt sogar Bombadils Worte, um den Alten Weidenmann zur Ordnung zu rufen: „You should not be waking. Eat earth! Dig deep! Drink water! Go to sleep!“ Eine durchaus passende Anspielung auf dieses Kapitel.

In the House of Tom Bombadil

Tom Bombadil ist selbst den meisten Nicht-Lesern bekannt, wenn auch nur als die Figur, die aus fast jeder Adaption des „Lord of the Rings“ herausgekürzt wurde, sei es die Jackson-Trilogie, Ralph Bakshis Zeichentrickfilm oder die Dramatisierung der BBC. Lediglich im deutschen WDR-Hörspiel darf Tom Bombadil, gesprochen von Peter Ehrlich, auftauchen. Tatsächlich ist Bombadil eine recht kuriose und mysteriöse Figur, da seine Natur nie genau bestimmt wird. Ursprünglich gehörte er, ähnlich wie die Inhalte des „Hobbits“, nicht per se zu Tolkiens Legendarium, sondern war eine unabhängiger Charakter, der in einigen Gedichten Abenteuer erlebte, die später als „The Adventures of Tom Bombadil“ herausgegeben wurden. Erst während der Abfassung des „Lord of the Rings“ wurde Bombadil ein Teil von Mittelerde. Tolkien selbst gibt zu, dass er keinen wirklichen narrativen Sinn in der Geschichte hat, eher eine philosophischen, der ihm selbst nicht ganz klar ist. In einem Brief aus dem Jahr 1954 schreibt er: „Tom Bombadil is not an important person – to the narrative. I suppose he has some importance as a ‚comment‘. […] [H]e represents something that I feel important, though I would not be prepared to analyze the feeling precisely […] The story is cast in terms of a good side and a bad side, beauty against ruthless ugliness, tyranny against kingship, moderate freedom with consent against compulsion that has long lost any objective save mere power, and so on; but both sides in some degree, conservative or destructive, want a measure of control. but if you have, as it were taken ‚a vow of poverty’, renounced control, and take your delight in things for themselves without reference to yourself, watching, observing, and to some extent knowing, then the question of the rights and wrongs of power and control might become utterly meaningless to you, and the means of power quite valueless.” (Letters, S. 178). Tolkien bezeichnet Bombadil als “a natural pacifist” (ebd.).

Wie dem auch sei, ich denke, im Film hat Tom Bombadil tatsächlich nichts verloren. Wenn ich mich recht erinnere, gab es die Idee, die Hobbits aus der Ferne Tom Bombadils Hut samt Feder sehen und seinen Gesang hören zu lassen, um irritiert die Flucht zu ergreifen, man entschied sich dann aber wohl dagegen, sollte es sich so zugetragen haben. Wer dennoch neugierig ist, wie Tom Bombadil in den Jackson-Filmen ausgesehen haben könnte, kann zum Strategiespiel „The Battle for Middle-earth II“ greifen, dieses basiert sowohl auf der Film- als auch auf der Buch-Lizenz und es ist möglich, den lustigen Gevatter samt blauer Jacke und gelben Stiefeln für kurze Zeit zu beschwören. Ein Detail aus dem Kapitel „In the House of Tom Bombadil“ taucht allerdings im Film auf, Frodo träumt von Gandalfs Flucht vom Orthanc, diese Szene sehen wir natürlich später im Film.

Fog on the Barrow-downs

Das achte Kapitel von „The Fellowship of the Ring“ beinhaltet ein weiteres „kleines“ Abenteuer ohne direkten Kontext zur Haupthandlung, sehr wohl aber mit indirektem, was sich allerdings erst wirklich in den Anhängen offenbart. Die Grabhügel sind Zeugnisses des verlorenen Dúnedain-Reiches von Arnor und der Kriege die es bzw. die Nachfolgestaaten mit dem Königreich Angmar und dessen Hexenkönig führte, der im Verlauf des „Lord of the Rings“ bekanntermaßen noch eine essentielle Rolle spielt. Vor allem zeigt dieses Kapitel, was für ein exzellenter Horrorautor Tolkien sein kann, wenn er es möchte bzw. es seinen Absichten dient. Tolkien baut hier langsam, aber wirkungsvoll Spannung auf, die Grabunholde bleiben eine größtenteils unsichtbare, darum aber umso erschreckendere Bedrohung, weil sie kaum greifbar sind – mit „Fog on the Barrow-downs“ liefert Tolkien quasi eine sehr effektive Mini-Geistergeschichte innerhalb des „Lord of the Rings“, aus der die Hobbits ohne Tom Bombadils Hilfe nicht herausgekommen wären. Auch hier finden sich Visualisierungen in Film-verwandten Medien, etwa dem bereits erwähnten „The Battle for Middle-earth II“ bzw. dem zugehörigen Expansion „The Rise of the Witch-king“. Die Grabunholde, die dort auftauchen, sind eher enttäuschend, davon abgesehen ist die Kampagne allerdings eine schöne Umsetzung des in den Anhängen beschriebenen Aufstiegs und Niedergangs von Angmar.

Zudem finden sich in diesem Kapitel einige Details, die in der einen oder anderen Form in den Filmen zumindest eine kleine Rolle spielen. Da wäre zuerst der Traum, den Frodo zu Beginn des Kapitels hat. Dieser greift auf das Ende von „The Return of the King“ vor, als Frodo die Unsterblichen Lande erblickt; in besagtem Traum erhält er einen ersten kleinen Eindruck: „That night they heard no noises. But either in his dreams or out of them, he could not tell which, Frodo heard a sweet singing running in his mind; a song that seemed to come like a pale light behind a grey rain-curtain, and growing stronger to turn the veil all to glass and silver, until8 at last it was rolled back, and a far green country opened before him under a swift sunrise.” (FotR, S. 176). Mit fast denselben Worten macht Gandalf Pippin in Minas Tirith Mut und vermittelt ihm, dass der Tod nicht das Ende ist.

Erwähnenswert sind zudem die Dolche, die die Hobbits aus den Hügelgräbern mitnehmen – im Film bekommen sie sie später auf der Wetterspitze von Aragorn und die Herkunft der Waffen wird nicht näher ausgeführt. Bemerkenswert ist das, weil die Dolche speziell zum Kampf gegen den Hexenkönig und die Horden von Angmar geschaffen wurden, aus diesem Grund erweist sich Merrys Angriff auf den Herrn der Nazgûl in „The Return of the King“ auch als so erfolgreich – zumindest ist das ein Faktor. Dieses Detail entfällt in den Filmen natürlich. Und schließlich wäre da noch das Gedicht, das die Grabunholde zum Besten geben und das ich als Kind im WDR-Hörspiel verdammt unheimlich fand. Genau dieses Gedicht hören wir in der Filmversion von „The Two Towers“ von Gollum, als dieser Frodos Fragen nach seiner Vergangenheit ausweichen möchte, wenn auch in leicht abgewandelter Fassung.

Cold be hand and heart and bone,
and cold be sleep under stone:
never more to wake on stony bed,
never, till the Sun fails and the Moon is dead.
In the black wind the stars shall die,
and still on gold here let them lie,
till the dark lord lifts up his hand
over dead sea and withered land. (FotR, S. 184)

Zitiert nach:
– Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954].
– Tolkien, J. R. R.: Letter 144: To Naomi Mitchison, in: The Letters of J. R. R. Tolkien. A selection edited by Humphrey Carpenter. With the assistance of Christopher Tolkien. London 2006 [1981], S. 173-181.

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Three Is Company
Art of Adaptation: A Shortcut to Mushrooms
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl
Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Mittelerde

Art of Adaptation: A Shortcut to Mushrooms

Selbst wir Fans des „Lord of the Rings“ kommen nicht umhin zuzugeben, dass Tolkiens Geschichte mitunter etwas arm an Spannung und Action ist, gerade zu Beginn. Ich schrieb bereits im letzten Artikel, dass der Anfang von Frodos, Sams, Merrys und Pippins Reise deutlich anders verläuft als im Film. Das Kapitel „A Shortcut to Mushrooms“ ist vorerst das letzte, das im Film auftaucht, bzw. hier werden die Hobbits noch gezeigt, wie sie denselben Weg wie im Buch zurücklegen, auch wenn es massive Unterschiede gibt. Die nächsten vier Kapitel haben kein Gegenstück in der Filmhandlung, weshalb ich sie wohl zusammenfassen werde, ganz auslassen kann und will ich sie allerdings nicht, denn kleine Schnipsel haben hier und dort, verteilt über die gesamte Trilogie, dann doch ihren Weg in die Filme gefunden.

Suspense vs. Action
Nachdem die Hobbits von den Elben bewirtet wurden, erwachen sie am nächsten Morgen in ziemlich ausgelassener Laune. Gildor und Co. sind zwar verschwunden, haben aber zusätzliche Verpflegung und gute Laune sowie Nachdenklichkeit bei Frodo und Sam hinterlassen. Nachdem sie bereits zwei Mal den unheimlichen schwarzen Reitern begegnet sind, hält Frodo es für sicherer, sich abseits der Straße zu bewegen. Doch selbst hier bemerken die Hobbits immer wieder aus der Ferne, dass sie verfolgt werden. Ein entfernter Schrei, den Frodo korrekt als Signal interpretiert, beunruhigt sie noch deutlich mehr. Schließlich kommen sie zu Bauer Maggots Hof, der die drei bewirtet und ihnen dabei erzählt, dass er ebenfalls eine Begegnung mit einem ebenso ominösen wie unheimlichen Berittenen hatte, der nach „Beutlin“ gefragt und Maggots Hunde in Angst und Schrecken versetzt hat. Maggot bringt die drei schließlich zur Bockenburger Fähre, wo sie zuerst glauben, einem schwarzen Reiter zu begegnen, der sich dann aber als Merry entpuppt. Es zeigt sich: In diesem vierten Kapitel des „Lord of the Rings“ passiert handlungstechnisch nicht allzu viel, Tolkien benutzt es primär zum Aufbau subtiler Spannung. Die Ringgeister sind noch weit entfernt, aber doch gegenwärtig, sie lauern immer hinter dem Horizont oder verpassen die Hobbits nur knapp. Dies steigert auch zugleich das Geheimnis, das sie umgibt. Peter Jackson, Fran Walsh und Philippa Boynes wählten für diesen Teil der Handlung allerdings einen anderen, actionreicheren Ansatz. Nachdem im Film gezeigt wird, wie Gandalf von Saruman festgesetzt wird, springt die Handlung zu Bauer Maggots Felder, wo Frodo und Sam noch allein unterwegs sind, um kurz darauf zufällig auf Merry und Pippin zu treffen. Theoretisch legen die Hobbits in Roman und Film von Maggots Hof bis zur Bockenburger Fähre denselben Weg zurück, bei Tolkien auf Maggots Wagen und relativ unproblematisch. Im Film dagegen werden sie nach einer ersten Begegnung mit dem Ringgeist von gleich mehreren gejagt. Der langsame Spannungsaufbau erfolgt in besagter Szene, in der sich die Hobbits unter der Baumwurzel verstecken, in der darauffolgenden zeigen Jackson und Co. stattdessen die Intensität und Rücksichtslosigkeit, mit der Nazgûl ihre Opfer verfolgen – etwas, das uns im Roman erst viel später verdeutlicht wird. Statt subtilem Suspense-Aufbau bietet der Film eine Action-Szene in Form einer rasanten Verfolgungsjagd, quasi antithetisch zu Tolkien, für den Action selten im Vordergrund stand und erst wirklich viele Kapitel später auf der Wetterspitze vorkommt.

Maggot, Merry und Pippin
Bauer Maggot ist bei Tolkien eine durchaus kuriose Gestalt, da er deutlich cleverer ist als der gemeine Hobbit, dem wir in Hobbingen begegnen. Mit relativ wenig Informationen errät er die diversen Zusammenhänge ziemlich treffend. Zudem trifft er sich immer wieder mit Tom Bombadil, wir in einem späteren Kapitel erfahren. All das taucht im Film aus Zeitgründen nicht auf, Bauer Maggot erhält nur einen kleinen Cameo-Auftritt. Die im vorherigen Artikel bereits erwähnten Szene, in der Khamûl nach „Shire, Baggins“ fragt und von Maggot nach Hobbingen verwiesen wird, ist sicher von ihrem Buchgegenstück inspiriert, Tolkiens Maggot zeigt allerdings deutlich mehr Eier als sein von Cameron Rhodes dargestelltes Filmgegenstück, er droht dem Ringgeist sogar und behält trotz der Wirkung des Nazgûl die Nerven.

Dieser Abschnitt des Films zeigt zudem größere Unterschiede zwischen den Film- und Roman-Versionen von Merry und Pippin. Im Film erwischen Frodo und Sam die beiden dabei, wie sie Gemüse von Maggot stehlen, was dieser nicht allzu gut aufnimmt. Im Buch dagegen erfahren wir von Pippin, dass Merry und Maggot gut befreundet sind und auch Pippin selbst gute Beziehungen zu dem Landwirt unterhält – durch ihn erhalten die drei überhaupt erst Hilfe. Stattdessen war es Frodo, der dreißig Jahre zuvor als Jugendlicher Maggots Pilze gestohlen hat und wegen der Reaktion eine ordentliche Angst vor dem Bauern entwickelt hat, die sich in besagtem Kapitel nun als unbegründet erweist. Merry und Pippin im Film sind deutlich unreifer und kindischer als ihre Romangegenstücke, während wir bei Tolkien erfahren, dass Frodo seinerseits in Jugendjahren ein Tunichtgut war, was die Filme nicht unbedingt vermitteln.

Zudem zeigt sich hier ein gewisses Faible von Jackson, Walsh und Boyens, die Kapiteltitel in irgendeiner Form im Dialog unterzubringen, denn der „Short Cut to Mushrooms“ wird direkt erwähnt, auch wenn damit eine andere Abkürzung gemeint ist – eine nette Anspielung; Derartiges taucht in allen sechs Mittelerde-Filmen auf. Das Lied, das die drei Hobbits bei ihrer Wanderung durch die Wälder singen, taucht ebenfalls in „The Fellowship of the Ring“ auf, wenn auch an anderer Stelle, nämlich deutlich früher im Grünen Drachen, kurz bevor Gandalf nach Beutelsend zurückkehrt. Im Roman lautet der Text wie folgt:

Ho! Ho! Ho! to the bottle I go
To heal my heart and drown my woe.
Rain may fall and wind may blow,
And many miles be still to go,
But under a tall tree I will lie,
And let the clouds go sailing by. (FotR, S. 118)

Im Film wird das etwas abgewandelt und um einige Verse ergänzt, die im folgenden Kapitel auftauchen:

Hey Ho to the bottle I go
To heal my heart and drown my woe
Rain may fall and wind may blow but there’ll still be
Many miles to go

Sweet is the sound of the pouring rain,
And the stream that falls from hill to plain.
Better than rain or rippling brook,
Is a mug of beer inside this Took.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Three Is Company
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

Stück der Woche: Beyond the Forest

Unglaublich, aber wahr, der Score zu „The Desolation of Smaug“ ist fast komplett besprochen, lediglich ein von Shore komponierter Track fehlt noch: Die Abspannmusik, Beyond the Forest. Zuvor möchte ich allerdings noch ein paar Worte über den Abspannsong verlieren. I See Fire wird nicht nur von Ed Sheeran gesungen, sondern wurde auch von ihm komponiert, ohne jeglichen Input von Howard Shore. Ich weiß, es gibt viele, die dieses Lied wirklich gerne haben, und isoliert hätte ich wahrscheinlich auch keine Probleme mit ihm, aber im Abspann eines Mittelerde-Films beißt er sich stilistisch fürchterlich mit Shores Musik, besonders bzgl. des Tonfalls und der Instrumentierung. I See Fire ist zudem das erste Lied dieser Filmreihe, das keinerlei Bezug zur Musik hat, die man im Film hört: Für Enyas May It Be erledigt Shore die Instrumentierung und zudem ist es mit Aníron, dem Lied, das während der Aragorn/Arwen-Szene gespielt wird, verwandt, Gollum’s Song und Into the West wurden beide von Shore komponiert und basieren auf leitmotivischem Material und Song of the Lonely Mountain ist eine Weiterverarbeitung von Misty Mountains. I See Fire dagegen ist sowohl im Kontext der Abspannsongs als auch des zugehörigen Scores völlig isoliert und wirkt aus diesem Grund völlig deplatziert.

Beyond the Forest ist dagegen ein schönes Ende für das Album: Dieses finale Stück konzentriert sich auf das Material für Tauriel und die Waldelben. Es beginnt mit der gesungenen B-Phrase des Liebesthemas für Tauriel und Kíli, die wir bereits aus Feast of Starlight kennen. Ab der Einminutenmarke erklingt die A-Phrase, die Stimmen treten ein wenig in den Hintergrund, stattdessen werden Flöten und Streicher dominanter. Letztere stimmen ab 1:45 das Waldlandreich-Thema an, erst zurückhaltend, dann rasch an Kraft gewinnend. Beginnend ab 2:36 besteht das Stück fast ausschließlich aus Variationen von Tauriels Thema, zuerst lieblich und mit Chorbegleitung, später energischer. Bei 2:31 lässt Shore die getriebene Action-Variation erklingen, deren Intensität sich immer weiter steigert und an The Forest River erinnert. Sorgen militärisch anmutende Percussions und ein Marschrhythmus tauchen bei 4:15 auf, ab 4:28 wird der Tonfall allerdings wieder ruhiger und die getragenen Frauenstimmen kehren zurück.

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit Shores Musik für „The Desolation of Smaug“ fällt auf, wie asymmetrisch die Weiterentwicklung der Leitmotive ausfällt, gerade im Vergleich zu „The Two Towers“. Das kann natürlich an der Geschichte liegen, die erzählt wird – kaum jemand wird sich darüber wundern, dass das Moria-Material in „The Two Towers“ nach der Eröffnungsszene nicht mehr präsent ist, schließlich spielt Moria keine Rolle mehr. Beim zweiten Hobbit-Film werden allerdings eine ganze Reihe von Themen fallengelassen, die theoretisch ihre inhaltliche Berechtigung hätten, primär natürlich das Misty-Mountains-Thema, aber auch das ursprüngliche Hauptthema für Bilbo – und selbst die sekundären Motive für unseren Hobbit wurden stark reduziert. Die Themen, die tatsächlich aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, sind primär die der Zwerge sowie einige Andeutungen aus „An Unexpected Journey“, etwa das Material der Elben oder des Drachen. Diese Entwicklung setzt sich in „The Battle of the Five Armies“ fort, und zwar so sehr, dass es tatsächlich kaum neue Themen gibt – stattdessen bemüht sich Shore, mit den viele bereits bestehenden Leitmotiven zu jonglieren.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk
Durin’s Folk
A Spell of Concealment
On the Doorstep
The Courage of Hobbits
Kingsfoil
The Hunters
Smaug
My Armor Is Iron

Art of Adaptation: Three Is Company

Für viele, die Tolkiens „The Lord of the Rings“ nach dem Genuss der Filme lesen wollen, sind die Auenlandkapitel die erste Hürde – „Three Is Company“ ist hier besonders zu nennen. Viele Inhalte der ersten beiden Kapitel haben es in Jacksons Adaption geschafft, im Großen und Ganzen wurden sie recht vorlagengetreu umgesetzt; mit den nötigen Kürzungen, versteht sich. Das dritte Kapitel hingegen wurde von Jackson, Walsh und Boyens nur in sehr groben Zügen adaptiert.

Aufbruchsstimmung
Der Aufbruch der Hobbits im Film besitzt eine große Dringlichkeit, dem Zuschauer soll suggeriert werden, dass es jetzt richtig losgeht: Bereits während Gandalf noch die Hintergründe des Ringes erklärt, packt Frodo schon einmal seinen Rucksack, und sobald alles geregelt ist, machen sich Frodo und Sam, noch in Gandalfs Begleitung, auf den Weg. Der Zauberer verlässt die beiden natürlich bald, um gen Isengard zu reiten. Als Treffpunkt wird das Tänzelnde Pony in Bree auserkoren, während Frodo im Buch erwartet, dass Gandalf bereits in Hobbingen wieder zu ihm stößt und ihn den kompletten Weg nach Bruchtal begleitet. Als Gandalf nicht auftaucht, beunruhigt ihn das sehr, er will aber trotzdem nicht länger warten. Gandalfs komplette Gefangenschaft in Isengard hat bei Tolkien zum Zeitpunkt des Aufbruchs bereits stattgefunden, nur ein paar Tage, bevor die Hobbits losmarschieren, wird er von Gwaihir gerettet und nach Rohan gebracht, was wir aber natürlich alles erst bei Elronds raten erfahren. Der Film versetzt diesen Handlungsstrang zeitlich nach hinten und zeigt ihn parallel zur Wanderung der Hobbits.

Bei Jackson wird die Dringlichkeit des Aufbruchs durch kurze Schnitte zu den Nazgûl unterstrichen: Wir sehen, wie sie aus Minas Morgul aufbrechen, Bauer Maggot belästigen und den Nachwächter köpfen (vielleicht ein wenig übertrieben…). Von dieser Dringlichkeit ist im Roman absolut nichts zu spüren, zwischen Gandalfs Erzählung im zweiten und dem tatsächlichen Aufbruch im dritten Kapitel vergehen mehrere Monate: Im April des Jahres 3018 des Dritten Zeitalters erfährt Frodo, dass sich der Eine Ring in seinem Besitz befindet, der tatsächliche Beginn der Reise findet aber erst im September, nach seinem fünfzigsten Geburtstag statt. Sowohl Gandalf als auch Frodo legen hier wert darauf, nur keine Aufmerksamkeit durch ein erneutes plötzliches Verschwinden des Besitzers von Beutelsend zu erregen. Stattdessen schützt Frodo vor, sich in Bockland, der Heimat seiner verstorbenen Mutter, zur Ruhe setzen zu wollen. Er erwirbt dort ein Haus und verkauft Beutelsend an die Sackheim-Beutlins, um anschließend ganz offiziell nach Osten aufzubrechen. Merry, Pippin und Fredegar Bolger (genannt „Fatty“, bzw. „Dick“ in der Carroux- und „der Dicke“ in der Krege-Übersetzung) sind von Anfang an zumindest in Frodos Pläne bezüglich Bockland eingeweiht und helfen ihm bei den Vorbereitungen, Merry und Fredegar brechen bereits im Voraus mit dem Wagen auf, um das neue Haus im Örtchen Krickloch vorzubereiten, Frodo, Sam und Pippin folgen zu Fuß. Im Film dagegen entschieden sich Jackson und Co., diesen ganzen, recht erklärungsbedürftigen Plan zu streichen und Merry und Pippins Mitwirken zum bloßen Zufall zu machen: Bekanntermaßen stoßen Frodo und Sam auf den Feldern des Bauern Maggot auf die beiden, während sie gerade dabei sind, ihm Gemüse zu stehlen – etwas, das Buch-Merry niemals tun würde (aber dazu in einem kommenden Artikel mehr).

Zusätzlich erwähnenswert ist, dass es bereits beim Aufbruch aus Hobbingen eine erste Beinahe-Begegnung mit einem der Nazgûl gibt: Frodo bekommt mit, dass ein merkwürdiger Fremder mit Sams Vater Hamfast Gamdschie spricht, geht dem jedoch nicht weiter nach. Aus den „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“ wissen wir zudem, dass es sich bei diesem ersten Nazgûl, der in der Narrative des Romans auftaucht, um Khamûl, den Ostling handelt, neben dem Hexenkönig der einzige andere Ringgeist mit einer individuellen Identität. Im Film scheint es sich bei dem Nazgûl, der Maggot nach „Shire, Baggins“ fragt und später die Hobbits aufspürt, konsequenterweise ebenfalls um Khamûl zu handeln, zumindest behaupten das diverse Seiten im Internet, allerdings ohne Quellenangabe. Im Drehbuch wird besagter Ringgeist nur als „Black Rider“ identifiziert.

The Road Goes Ever On
Im Roman beginnt die Reise sehr gemütlich und weniger elegisch als im Film und mit deutlich mehr Humor und Hobbit-Gekabbel. In diesem Kapitel finden zudem bereits zwei weitere Begegnungen mit einem Nazgûl statt, die im Film zu einer zusammengefasst und geografisch an einen anderen Ort versetzt wird. Bei Tolkien finden sie noch mitten im Auenland (im Grünbergland, wer es genau wissen will) statt, während die Hobbits im Film bereits jenseits von Bauer Maggots Hof an der Grenze zu Bockland auf den Schwarzen Reiter treffen – direkt im Anschluss fliehen die vier Hobbits zur Bockenburger Fähre, der Film suggeriert, dass sie der Fähre zu diesem Zeitpunkt bereits sehr nahe sind, was zur Beschreibung des Romans passen würde. Mit den geografischen Details nimmt es Jackson allerdings zumeist nicht ganz genau. Die Szene im Film ist durchaus recht nah am Roman, allerdings verstecken sich die Hobbits nicht unter einer Wurzel, sondern im hohen Gras abseits der Straße und lediglich Frodo sieht den Ringgeist überhaupt. Sowohl bei Tolkien als auch bei Jackson verspürt Frodo den unwiderstehlichen Drang, den Ring anzustecken. Die Szene, wie sie in „The Fellowship of the Ring“ zu sehen ist, ist, nebenbei bemerkt, fast ein direktes Remake des entsprechenden Gegenstücks aus Ralph Bakshis Zeichentrickadaption von 1978. Während sich Jackson vor allem in Tonfall und Design deutlich vom Bakshi-Film distanziert, ist doch diese Szene, sowie eine spätere in Bree, eine direkte Referenz.

Zwischen der ersten und zweiten Nazgûl-Begegnung singen die Hobbits ein Lied, das zwar an dieser Stelle im Film nicht auftaucht, dessen dritte Strophe aber leicht abgewandelt in „The Return of the King“ zu hören ist – besagtes Lied bildet die Grundlage für Billy Boyds The Edge of Night, das er in Denethors Gegenwart singt, während Faramir und seine Truppen auf dem Pelennor das Heer des Hexenkönigs von Angmar attackieren. Das gesamte Lied trägt bei Tolkien den Titel „A Walking Song“. Der Text der entsprechenden Strophe lautet wie folgt:
Home is behind, the world ahead,
And there are many paths to tread
Through shadows to the edge of night,
Until the stars are all alight.
Then world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.
Mist and twilight, cloud and shade,
Away shall fade! Away shall fade!
Fire and lamp, and meat and bread,
And then to bed! And then to bed! (FotR, S. 102)

Das zweite Zusammentreffen mit dem Nazgûl wird vom jähen Auftauchen einer Gruppe Noldor-Elben unter Führung von Gildor Inglorion unterbrochen, die den Hobbits zumindest für eine Nacht Schutz, Nahrung und angenehme Gesellschaft bieten, zusätzlich zu einigen Informationen. Hier etabliert Tolkien bereits die „andersweltliche“ Natur der Elben, die im „Hobbit“ auf diese Weise noch nicht vorhanden war. Eine stark verkürzte Version, mehr eine Anspielung denn tatsächliche Umsetzung dieses Ereignisses, findet sich immerhin in der Extended Edition von „The Fellowship of the Ring“: Kurz nach ihrem Aufbruch, also noch deutlich vor der Begegnung mit dem Nazgûl, sehen Frodo und Sam von Fern eine Gruppe Elben, die singend in Richtung Graue Anfurten zieht. Bei dem entsprechenden Lied handelt es sich tatsächlich um eine von David Salo angefertigte Sindarin-Version des Textes, der sich an dieser Stelle im Roman findet – hier zeigt sich mal wieder der Sinn fürs Detail, der diese Filme so großartig macht.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

Stück der Woche: My Armor Is Iron

In einem Film voller schlechter Ideen ist die, Smaug die Zwerge durch den Erebor jagen zu lassen eine der schlechtesten, weil sie die beste Sequenz des Films – den Dialog zwischen Bilbo und dem Drachen – fast schon entwertet. In besagter Szene wird Smaug äußerst gelungen als Bedrohung aufgebaut, das Spiel zwischen Martin Freeman und Benedict Cumberbatch in Zusammenarbeit mit Tolkiens Worten funktioniert exzellent. Und dann ruinieren Jackson und Co. diesen ganzen sorgfältigen Aufbau, indem sie den Drachen als unfähig darstellen, mit ein paar, inzwischen scheinbar feuerfesten Zwergen fertig zu werden. Thorin tanzt Smaug buchstäblich auf der Nase herum. Über die goldene Statue reden wir am besten gar nicht erst. Das einzig Gute, das aus dieser völlig sinnlosen sowie logik- und physikfreien Action entwächst, ist die Musik, mit der Howard Shore sie untermalt. Es bleibt allerdings zu sagen, dass selbst dieses grandiose Actionstück, wie schon The Forest River, im Film merkwürdig zerstückelt wirkt und immer wieder durch seltsam platzierte Pausen unterbrochen wird. Ob die Musik aufgrund später Umschnitte so zerstückelt wurde oder von Anfang an so konzipiert war und nur der Hörbarkeit wegen auf dem Album kohärenter gestaltet wurde, ist schwer zu sagen, in letzter Konsequenz aber egal – die Albenversion ist dem Filmgegenstück meilenweit überlegen.

Nachdem Smaugs Musik die letzten Tracks gnadenlos dominierte, erstarkt in My Armor Is Iron die Musik der Zwerge und ringt mit dem unerbittlichen Thema des Drachen. Der Track startet mit rasanten Streichern, bereits bei 0:12 erklingt eine ebenso knappe wie gehetzte Variation des Erebor-Themas, die Streicher, die ein wenig an The Forest River erinnern, fungieren weiter als Basis. Bei 0:30 hören wir die A-Phrase von Smaugs Thema, allerdings weniger dominant als zuvor – der Drache hat die Situation nicht mehr unter Kontrolle. Die Blechbläser haben sich auf die Seite der Zwerge geschlagen und stimmen bei 0:53 das Haus-Durins-Thema an, das Shore hier zum ersten Mal in den Action-Modus zwingt und so bereits einen Ausblick auf „The Battle of the Five Armies“ gibt. Bei 1:20 schlägt Smaugs Thema (A-Phrase) mit voller Wucht zurück; die Bestandteile seines Themas dominieren die folgenden eineinhalb Minuten, lediglich bei 1:50 mischen sich Fragmente des Haus-Durins-Themas ein, nur um kurz darauf vom Drachenkrankheits-Ostinato abgelöst zu werden. Bei 2:18 setzt eine geradezu heimtückische Variation der B-Phrase von Smaugs Leitmotiv auf verstörenden Streichern ein, die die Hinterlist des Drachen betont. Ab der Dreiminutenmarke ist ein zwergischer Rhythmus zu hören, der kurz darauf in einem kontrapunktischen Einsatz des Haus-Durins-Themas und des Drachenkrankheits-Ostinatos gipfelt und die Verknüpfung zwischen Thorin und dem Drachenthema, die im kommenden Film zum Einsatz kommt, bereits andeutet. Die Musik des Drachen gewinnt schließlich die Oberhand, sodass ab 3:22 die B-Phrase von Smaugs Thema zu hören ist, begleitet von schicksalhaftem Chor – an dieser Stelle wird die übergroße goldene Statue enthüllt. Thorin Eichenschild lässt sich aber musikalisch nicht unterkriegen, eine kräftige und strahlende Version seines Thema erklingt ab 3:40, als Smaug kurzzeitig in flüssigem Gold zu ertrinken scheint und sich der Erbe des Durins siegreich wähnt. Dass dies ein Trugschluss ist, teilt uns Shore 15 Sekunden später mit, als Thorins Thema wieder in das Drachenkrankheits-Ostinato übergeht – der Kampf zwischen Zwerg und Drache wird durch ein ständiges, leitmotivischen Schlagabtausch dargestellt. Bei 4:04 ist eine knappe Andeutung des Erebor-Themas zu vernehmen, die jedoch sofort vom Material des Drachen abgelöst wird und bei 4:14 in eine regelrecht ätherische Variation der B-Phrase mit Chor übergeht, als sich Smaug des flüssigen Goldes entledigt. Diese geht bei 4:35 nahtlos in die A-Phrase über. Begleitet von ominösen Stimmen fliegt Smaug gen Esgaroth, während sich Bilbo fragt, was er und die Zwerge da angerichtet haben.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk
Durin’s Folk
A Spell of Concealment
On the Doorstep
The Courage of Hobbits
Kingsfoil
The Hunters
Smaug

Art of Adaptation: The Shadow of the Past

In „The Fellowship of the Ring” finden sich zwei äußerst expositionsreiche Kapitel, in denen die umfangreichen historischen Hintergründe erläutert und diskutiert werden – „The Shadow of the Past“ ist das erste. Derartige Kapitel sind für Filmadaptionen oftmals eine besondere Herausforderung – einerseits muss zumindest ein Bruchteil der Informationen vermittelt werden, um beim Publikum Verständnis für das zu schaffen, was auf der Leinwand geschieht, andererseits gilt nach wie vor die Regel „Show, don’t tell“. „The Shadow of the Past“ ist in dieser Hinsicht besonders faszinierend, denn kein anderes Kapitel wird adaptionstechnisch so sehr über die gesamte Trilogie verteilt wie dieses.

Erzählte Zeit
Zuerst müssen wir uns allerdings noch einem anderen Thema zuwenden: Der zeitlichen Abfolge bzw. der Dauer der Ereignisse. Im Film wird der Eindruck erweckt, dass sich Gandalf direkt nach Bilbos Geburtstag rasch nach Gondor begibt, dort über den Ring nachliest und bald darauf ins Auenland zurückkehrt, um mit Frodo zu besprechen, was zu tun ist. Im Roman vergehen zwischen Bilbos Geburtstagsfeier und der eigentlichen Haupthandlung 17 Jahre, in denen erst einmal herzlich wenig passiert, zumindest im Auenland: Frodo etabliert sich als neuer Besitzer von Beutelsend und wird von seinen Mit-Hobbits bald als ähnlich kauzig wie Bilbo wahrgenommen. Gandalf schaut immer mal wieder vorbei, zuerst drei Jahre nach der Feier, in den folgenden ein bis zwei Jahren häufiger, schließlich immer seltener, bis er dann ganze neun Jahre abwesend ist. Peter Jackson und seine Co-Autorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens geben nie tatsächlich an, wie viel Zeit im Film verstreicht, es könnten also tatsächlich die 17 Jahre sein, es wird allerdings nie suggeriert. Während Frodo durch den Ring natürlich unverändert bleibt, trifft dasselbe auch auf Sam, Merry und Pippin zu, an denen eine derartige Zeitspanne nicht völlig spurlos vorübergehen dürfte. Zudem bestätigt „The Battle of the Five Armies“ diesen Umstand zumindest indirekt: Streicht man die 17 Jahre aus der Timeline und geht von Aragorns Altersnennung von 87 in „The Two Towers“ aus (die mit Tolkien übereinstimmt), wäre Aragorn zu dem Zeitpunkt, da Thranduiel Legolas empfiehlt, nach Streicher zu suchen, 24. Hingegen wäre er nach Tolkiens Timeline zum Zeitpunkt der Ereignisse des „Hobbits“ erst sieben Jahre alt.

Ein kleines Detail vom Anfang des Kapitels möchte ich zudem noch ansprechen. Wie schon in „A Long-expected Party“ findet sich auch hier eine Pub-Szene, relativ analog zu der im vorangegangenen Kapitel, in welcher diverse Hobbits, darunter Sam, über die Ereignisse in der Welt diskutieren und sich über die Beutlins wundern. Im Film findet sich ebenfalls eine kurze Pub-Szene, die die Normalität vermitteln soll, bevor diese von Gandalf gestört wird – hier sehen wir Sam und Frodo Seite an Seite als Freunde. Ich denke, hierbei handelt es sich um einen Versuch, den von Tolkien etablierten Klassenunterschied zwischen den beiden Hobbits weniger drastisch darzustellen. Buch-Sam ist zu diesem Zeitpunkt tatsächlich primär Frodos Gärtner und Angestellter, während die Interaktion zwischen Film-Sam und Film-Frodo sowohl hier als auch bei Bilbos Feier auf eine engere Freundschaft schließen lässt. Ich denke, Buch-Frodo würde nicht unbedingt mit Sam seine Freizeit verbringen.

Is It Secret? Is It Safe?
Der Hauptteil des Kapitels wird von einem langen, nächtlichen Gespräch von Frodo und Gandalf dominiert, in dem, wie bereits erwähnt, viele essentielle Hintergründe bezüglich des eigentlichen Plots vermittelt werden – der Leser erfährt diese zusammen mit Frodo. Anders als im Film, der Gandalfs Rückkehr nutzt, um ein wenig Suspense unterzubringen, indem er den Zauberer Frodo auflauern und überraschen lässt, klopft Gandalf bei Tolkien ganz zivilisiert. Zentral ist natürlich die Enthüllung, dass es sich bei Bilbos Ring um den Einen Ring des Dunklen Herrschers handelt – diese ist in Roman und Film sehr ähnlich; der Ring wird ins Feuer geworfen, die Schrift taucht auf und Gandalf erklärt mehr (Roman) oder weniger (Film) ausführlich, was sie bedeutet. Der Hauptunterschied an dieser Stelle ist das Vorwissen: Wer den „Lord of the Rings“ zum ersten Mal liest, weiß an dieser Stelle in etwa so viel wie Frodo selbst. Nur im oben erwähnten Pub-Gespräch werden am Rande dunkle Gerüchte bezüglich des Landes Mordor und des Feindes erwähnt. Wer hingegen den Film anschaut, verfügt über deutlich mehr Wissen, nicht zuletzt, weil die Inschrift des Einen Rings erst kurz zuvor in Isildurs Aufzeichnungen gezeigt wurde, die Gandalf in Minas Tirith einsieht. Von diesen Nachforschungen berichtet Gandalf bei Tolkien übrigens erst bei Elronds Rat, dem zweiten großen Expositionskapitel von „The Fellowship of the Ring“.

Die darauffolgende Dialogszene zwischen Gandalf und Frodo wird von Jackson auf das Nötigste reduziert: Es wird etabliert, dass der Ring Sauron nicht in die Hände fallen darf, dass der Dunkle Herrscher durch Gollum von den Hobbits und dem Ringfund erfahren hat und dass Gandalf den Ring nicht selbst nehmen möchte, weil dieser eine zu große Macht über ihn ausüben würde. Was an dieser Stelle noch nicht etabliert wird, ist, dass der Ring in den Feuern des Schicksalsberges zerstört werden muss; bei Tolkien teilt Gandalf diesen Umstand bereits eindeutig mit, auch wenn nicht unbedingt Frodo derjenige ist, der den Ring bis nach Mordor bringen soll, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Die Entscheidung, dass Frodo samt Ring das Auenland verlassen muss, wird in beiden Fällen getroffen, im Roman fehlt allerdings die unmittelbare Eile. Im Film dagegen packt Frodo sofort seine sieben Sachen und macht sich aufbruchbereit. Sams Involvierung in die Reisevorbereitungen findet dann in beiden Medien wieder fast identisch statt, bis hin zu den Dialogen. Das Kapitel endet schließlich damit, dass Sam von Gandalf dazu „verurteilt“ wird, Frodo zu begleiten, was dieser überhaupt nicht als Strafe wahrnimmt – schließlich bedeutet es, dass er Elben sehen darf.

Der epische Prolog
Wie bereits erwähnt wurden Gandalfs Erläuterungen auf das absolut Nötigste reduziert, um an dieser Stell keine ewig lange Gesprächs- bzw. Expositionsszene einzubauen. Das bedeutet aber nicht, dass die Inhalte von Gandalfs Erzählung nicht im Film auftauchen würden, im Gegenteil. Der Zauberer erzählt Frodo im Roman erst von den diversen Ringen der Macht und wie Sauron den Einen Ring gegen Ende des Zweiten Zeitalters verliert, um anschließend von Gollums Ringfund zu berichten – der Film vermittelt diese Inhalte in Form eines epischen Prologs. Nun ist dieser Kniff absolut nicht neu und zudem meistens eher Zeichen eines schlechten Drehbuchs. Idealbeispiel ist Ralph Bakshis Adaption des „Lord of the Rings” aus dem Jahr 1978 – inhaltlich sind sich beide Prologszenen sehr ähnlich, ihre jeweilige Wirkung ist aber fundamental unterschiedlich. Zum einen liegt das natürlich an den zur Verfügung stehenden Mittel. Die Idee, das Ganze mit schwarzen Silhouetten vor rotem Hintergrund zu inszenieren, hat durchaus etwas für sich, alles in allem wirkt die Sequenz aber wie ein Fremdkörper im Film, da hier eben nur Schauspieler in billigen Kostümen abgefilmt wurden. Gerade im Medium Animation wäre da sicher mehr drin gewesen. Das andere Problem ist die uninteressante Präsentation des Materials – es handelt sich um eine Expositionsladung der schlimmsten Sorte, die zudem auch noch fehlerhaft ist (Sauron lernte nicht, wie man Ringe schmiedet, er war es, der diese Kunst den Elbenschmieden von Eregion erst beibrachte). Jackson, Walsh und Boyens hingegen bemühen sich, nicht einfach nur die Informationen zu vermitteln, sondern die Stimmung und Atmosphäre von Mittelerde zu transportieren. Die gesamte Inszenierung ist nicht nur extrem gelungen, sondern vermittelt auch genau die richtige Stimmung – nicht ohne Grund versuchen so viele Filme, den Erfolg dieses Prologs zu kopieren, meistens mit mäßigem Erfolg.

Ein Schlüssel zum Erfolg des Prologs ist der Umstand, dass nicht alle verfügbaren Informationen des Kapitels „A Shadow of the Past“ untergebracht werden. Obwohl Bakshis Prolog nur etwa halb so lang ist wie Jacksons, zeigt er hier auch Sméagols Mord an Déagol und seine Transformation zu Gollum. Der Film von 2001 hingegen vermittelt nur das nötige Material, dafür aber richtig, nämlich mit Fokus auf den Einen Ring und seine Wirkung, und kehrt, wenn nötig, an späteren Zeitpunkten in der Trilogie wieder zum Prolog zurück. Die jeweiligen Informationen oder Details werden dem Publikum mitgeteilt, wenn es relevant ist, sei es Isildurs Unfähigkeit, den Ring zu zerstören oder Gollums Hintergründe. Die Tatsache, dass er früher einem Hobbit sehr ähnlich war und Sméagol hieß, erzählt Gandalf Frodo erst in Moria, zusammen mit dem Hinweis, nicht so rasch mit dem Todesurteil zu sein, während die Details und der Mord an Déagol erst im Prolog von „The Return of the King“ enthüllt werden.

Um noch einmal zu Gandalfs Erzählung im Kapitel zurückzukehren: Ein Element, das der Film völlig ausspart, ist die Suche nach Gollum. Bei Tolkien berichtet Gandalf Frodo, wie er, mit Aragorns Hilfe, lange nach Gollum sucht und viele Informationen von ihm extrahiert, auch wenn es sehr schwierig und langwierig ist. Das alle zieht sich über lange Zeit hin (daher auch die 17 Jahre) und endet damit, dass Gollum im Düsterwald von den dort ansässigen Waldelben festgesetzt wird. Im Film hingegen erklärt Gandalf lediglich: „I looked everywhere for the creature Gollum. But the enemy found him first.” Die Tatsache, dass Gandalf um Gollums Gefangennahme und auch um seine sonstigen Hintergründe weiß, impliziert, dass er auch in der Adaption in irgendeiner Form mit ihm Kontakt hatte, aber wie genau das abgelaufen ist, ob Aragorn involviert war und Gollum letztendlich im Düsterwald untergebracht wurde, lässt die Verfilmung offen.

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

Stück der Woche: Learning to Ride

Ich bin kein Fan von Online-Rollenspielen, allerdings bin ich durch die diversen Fandoms immer wieder mit ihnen in Berührung gekommen, wenn auch ohne eines von ihnen tatsächlich zu spielen (von mal einem Nachmittag ausprobieren abgesehen). An „World of WarCraft“ etwa bin durch intensives Spielen von „WarCraft III“ nach wie vor interessiert, zumindest was die Musik angeht, auch einige der Begleitromane und -comics habe ich gelesen. „Star Wars: The Old Republic“ hatte immer einen gewissen wechselseitigen Einfluss auf den Rest der alten Legends-Kontinuität, auch hier habe ich primär Musik und Begleitmedien konsumiert. Und dann gibt es da noch „The Lord of the Rings Online“…

Mit diesem MMORPG hatte ich tatsächlich so gut wie keinen Kontakt, obwohl es wahrscheinlich die größte und umfangreichste Adaption von Tolkiens Werk außerhalb der Jackson-Filme und allem, was mit ihnen zusammenhängt (Spiele, Tabletop etc.) darstellt. Was Begleitmedien angeht, findet sich bei „The Lord of the Rings Online“ deutlich weniger Material als bei den beiden oben genannten Spielen, aber es gibt immerhin Soundtracks. Nun sind auch diesbezüglich die Jackson-Filme, bzw. Howard Shores Scores der absolute Platzhirsch – und das völlig zurecht. Da vergisst man dann ganz gerne, dass es noch andere Vertonungen von Tolkiens Werk gibt, von Leonard Rosenmans Score zum Bakshi-Film über die Musik der beiden Rankin/Bass-Produktionen bis hin zu den beiden Sinfonien „The Lord of the Rings“ und „Return to Middle-earth“ des niederländischen Komponisten Johan de Meij und den Soundtracks diverser Spiele wie „War in the North“ oder „Shadows of Mordor“ samt Sequel (beide basieren technisch gesehen auf den Jackson-Filmen, bedienen sich aber weder Shores Musik noch desselben Kompositionsstils) oder eben „The Lord of the Rings Online“. Diverse Komponisten waren für das MMORPG tätig, den größten Anteil zur Musik des Spiels und der diversen Erweiterungen lieferte allerdings der Amerikaner Chance Thomas. Zwei Alben zu „The Lord of the Rings Online“ finden sich auf Amazon zum Download, diese habe ich mir vor nicht allzu langer Zeit zu Gemüte geführt. Das Urteil fällt positiv aus: Thomas‘ Kompositionen verfolgen einen durchaus ähnlichen Ansatz wie Shore, primär was die Mischung aus Orchester und spezifisch keltischer Instrumentierung angeht, ohne dabei allerdings wie plumpe Kopien zu klingen. Stattdessen etabliert Thomas einen eigenen Tonfall für Mittelerde; seine Musik eignet sich zum Beispiel hervorragend als Hintergrund für die Lektüre der neuen, von Carl F. Hostetter im Stil der „History of Middle-earth“ herausgegebenen Tolkien-Materialsammlung „The Nature of Middle-earth“.

Das Stück Learning to Ride ist ein sehr schönes Beispiel für die oben beschriebenen Eigenschaften, zu hören sind unter anderem ein Dudelsack, keltische Fiedeln und Flöten sowie Trommeln, die sehr an das Auenlandmaterial Howard Shores erinnern. Ohne größere Recherche betrieben zu haben und lediglich anhand des Titels und der Klangfarben vermute ich, dass dieser Track in irgendeiner Weise mit Rohan in Verbindung steht – wobei die Rohirrim natürlich bei weitem nicht das einzige Volk in Mittelerde sind, bei dem man Reiten lernen könnte. Das alles ist allerdings nicht der eigentliche Grund, weshalb ich Learning to Ride zum Stück der Woche gemacht habe, ebenso wenig wie der Umstand, dass es mir mit seiner positiven Natur sehr gefällt. Am Ende hat sich nämlich ein Franchise-fremdes Leitmotiv eingeschlichen: Ab 2:32 setzt eine aufsteigende Tonfolge ein, die zwar die bisherige Instrumentierung nahtlos fortsetzt, aber doch sehr nach der chromatischen Akkordfolge des James-Bond-Themas klingt. Ich finde Derartiges immer ziemlich amüsant. Zugegebenermaßen ist das wohl mit ziemlicher Sicherheit Zufall, die chromatische Akkordfolge ist doch ein sehr simples Motiv, das immer mal wieder auftaucht – vielleicht ist Chance Thomas aber auch Bond-Fan und hat eine kleine Hommage eingebaut. Nebenbei, auch in Bond-Filmen passiert so etwas immer mal wieder. Ein besonders amüsantes „Fremd-Motiv“ findet sich zum Beispiel im Track Yo Yo Fight & Death Of Vijay in John Barrys „Octopussy“ – bei 1:16 hört man doch sehr deutlich Kylo Rens Thema heraus. Natürlich sieht die Situation hier ein wenig anders aus, da „Octopussy“ mehrere Jahrzehnte vor „The Force Awakens“ entstand. Auch Williams könnte natürlich Bond-Fan sein, aber wahrscheinlich ist es purer Zufall, denn auch Kylo Rens Thema ist eine relativ simple, in diesem Fall abfallende Notenfolge, deren Genesis eher auf den Imperialen Marsch zurückzuführen ist. Und ich meine mich zu erinnern, dass das Motiv auch in einem der Indiana-Jones-Filme auftaucht…

Wie dem auch sei, diesen thematisch sowohl mit Mittelerde als auch mit Bond verknüpften Artikel will ich nebenbei noch gleich nutzen, um die eine oder andere Neuigkeit zu kommentieren. In dieser Woche wurde bekanntgegeben, dass sich Amazon offenbar in Verhandlungen mit Howard Shore bzgl. der Scores zur angekündigten LotR-Serie befindet – eine Entwicklung, die ich definitiv begrüße. Zwar haben Komponisten wie Chance Thomas durchaus bewiesen, dass auch jemand anders als Shore Mittelerde gut vertonen kann, aber wenn es noch mehr Mittelerde-Musik von Shore gibt, bin ich der erste, der sein Geld Amazon in den Rachen wirft. Noch ist natürlich nichts final entschieden, weswegen die Vorfreude erst einmal zurückgehalten werden sollte. Allerdings schwirren auch Gerüchte durchs Internet, Amazon wolle Shore Serien-Veteran Bear McReary an die Seite stellen – allein diese Idee macht mir schon den Mund wässrig. Sollte das tatsächlich zutreffen (und das ist ein sehr unsicheres sollte), wäre das grandios.

Und dann wäre da noch „No Time to Die“: Hans Zimmers Soundtrack erscheint am 1. Oktober, einen Tag nach dem deutschen Kinostart. Erste Stimmen zum Score klingen durchaus positiv, entgegen seiner üblichen Gewohnheit scheint sich Zimmer dieses Mal tatsächlich dem Sound des Franchise angepasst und sich stilistisch an John Barry und David Arnold orientiert zu haben. Drei Tracks, Gun Barrel, Matera und Shouldn’t We Get To Know Each Other First finden sich bereits auf Youtube. Alle drei sind relativ kurz und nicht unbedingt repräsentativ, klingen aber doch durchaus vielversprechend – man achte auf das Zitat des Songs We Have All the Time in the World aus „On Her Majesty’s Secret Service“ in Matera oder die unterhaltsame Variation des Bond-Themas in der zweiten Hälfte von Shouldn’t We Get To Know Each Other First. Nachdem Zimmers „Dune“ mich nicht unbedingt vom Hocker gehauen hat, bin ich bei „No Time to Die“ tatsächlich vorsichtig optimistisch bis gespannt.

Stück der Woche: Smaug

Als ob die Dominanz des Drachens über das letzte Drittel des Scores von „The Desolation of Smaug“ nicht schon deutlich genug wäre, ist der Track, der auf The Hunters folgt, auch noch nach ihm benannt – durchaus zurecht, denn er besteht fast ausschließlich aus Variationen der Bestandteile des Drachen-Themas. Fast sofort setzt das Drachenkrankheits-Ostinato ein, weniger schleichend als zuvor, dafür aggressiver. Subtiler kommt dafür der Einsatz der B-Phrase des Smaug-Themas daher, der ab 0:27 über das Ostinato gespielt wird. Der erneute Einsatz der B-Phrase bei 0:54 bringt die ostasiatischen Percussions zurück – das Thema steigt auf und nimmt an Intensität zu. Ab 1:21 ist auch die A-Phrase wieder zu hören, gespielt von Streichern und Blechbläsern, die ihr einen „konventionelleren“ Klang verleihen und von der Brutalität des Drachen künden. Eine unvollendete Einspielung des Erebor-Themas schaltet sich bei 1:34 dazwischen, es folgen einige zwergisch klingende Streicher- und Blechbläserfiguren, die jedoch rasch wieder absterben. Bei 2:24 scheint eine Anspielung auf das Düsterwaldthema zu erklingen, die storytechnisch allerdings nicht wirklich Sinn ergibt und wohl eher aus der Ähnlichkeit zwischen dem Düsterwaldthema und Smaugs Thema resultiert. Die B-Phrase des Drachenthemas kommt bei 2:33 mit voller Wucht, begleitet von treibenden Trommeln zurück und schwillt regelrecht an, als Smaug Bilbo sich in all seiner Pracht präsentiert.

Es folgt eine interessante Holzbläserfigur, die sehr luftig und flatterhaft daherkommt und die an die klassische musikalische Repräsentation eines Vogels erinnert. Diese spezifische Stelle findet sich nicht im Film, ich könnte mir aber vorstellen, dass es sich dabei um eine sehr subtile Anspielung auf den Roman handelt. Bei Tolkien überhört eine Drossel, wie Bilbo den Zwergen von der kahlen Stelle auf Smaugs Bauch erzählt und bringt diese Information zu Bard – hätte man dieses Handlungselement übernommen, hätte ich mir gut vorstellen können, dass die Drossel derartig repräsentiert wird. Dieser Moment der Leichtigkeit wird jedoch sofort von tiefen, finsteren Blechbläsern verdrängt. Bei 3:22 erklingt schließlich das Thema des Arkensteins, als Bilbo ihn eher zufällig findet. Das Drachenkrankheits-Ostinato kehrt bei 4:05 zurück als Smaug prophezeit, wie Thorin wohl auf den Arkenstein reagieren wird. Nebenbei bemerkt ist es insgesamt recht schwer, die Musik hier zuzuordnen, weil sie gerade in diesen Szenen sehr zerstückelt wirkt und oft nicht mit dem Track übereinstimmt – entweder, weil noch kurz vor Kinostart ungeschnitten wurde, oder um ein besseres Hörererlebnis für das Album zu schaffen.

Bei 4:26 kehrt die B-Phrase ein weiteres Mal zurück, wieder einmal heimtückisch schlängelnd und weiterhin begleitet vom Drachenkrankheits-Ostinato. Ein mögliches Bündnis mit Sauron wird bei 4:32 durch einen knappen Gastauftritt von Mordors absteigender Terz musikalisch angedeutet, während eine kurze, einschneidende Einspielung der ersten beiden Noten der A-Phrase des Smaug-Themas bei 4:34 von Smaugs labilem Gemüt und seiner schnellen Erregbarkeit künden. Genau diese Nuancen sind es, die Shores Musik so ergiebig und faszinierend machen. Smaugs Thema köchelt bis zur Fünfminutenmarke weiter vor sich hin, bis sich die A-Phrase schließlich mit voller Wucht entlädt. Darauf folgen aleatorische, absichtlich verstimmte Streicher, die einen verstörenden Klangteppich schaffen. Die verstimmten Streicher kommen für Smaugs Thema sowohl hier als auch in „The Battle of the Five Armies“ immer wieder vor und gehen wohl auf Orchestrierer und Dirigent Conrad Pope zurück, dies wird jedenfalls im Bonusmaterial gezeigt. Ab 6:05 ist eine Erweiterung des Smaug-Materials zu hören, die abermals die Brutalität des Drachen darstellt und am Ende sogar vom Chor unterstützt wird.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk
Durin’s Folk
A Spell of Concealment
On the Doorstep
The Courage of Hobbits
Kingsfoil
The Hunters

Art of Adaptation: A Long-expected Party

Mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen habe ich vor nicht allzu langer Zeit festgestellt, dass die Filmadaption von „The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring“ in diesem Dezember ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Das ist schon ein besonderes Ereignis, hat dieser Film doch die Trilogie gestartet, die mich wie keine zweite Filmreihe so massiv beeinflusst hat – mit Ausnahme der Star-Wars-OT vielleicht. Es mag eventuell aufgefallen sein, dass sich der Tolkien-Content auf diesem Blog in den letzten Monaten deutlich erhöht hat – das war kein Zufall und auch keine Laune. Ich hatte mir schon lange überlegt, Art-of-Adaptation-Artikel zur LotR-Trilogie zu schreiben, aber sowohl Vorlage als auch Adaptionsprozess und Endergebnis sind derart komplex und vielschichtig, dass selbst ein umfangreicher Artikel pro Film dem in meinem Empfinden nicht gerecht geworden wäre. Deswegen starte ich hiermit ein absolut größenwahnsinniges Mammutprojekt, von dem ich keine Ahnung habe, ob ich es auch tatsächlich durchziehen werde: Ich werde die ganze Angelegenheit Kapitel für Kapitel durcharbeiten, beginnend mit „A Long-expected Party“. Für die Filme werde ich, wie üblich, die Extended Editions heranziehen, in Einzelfällen aber auch auf die Kinofassungen verweisen.

Bevor es losgeht: Perspektive und Erzähler
Zuerst kümmern wir uns allerdings um einige grundlegende Eigenschaften von Tolkiens Roman, die sich immer wieder, sei es direkt oder indirekt, auf die Erzählweise des Films auswirken. „The Lord of the Rings“ verfügt über das, was man einen auktorialen oder „allwissenden“ Erzähler bzw. einen Erzähler mit Nullfokalisierung nennt. Der Erzähler in „The Lord of the Rings“ weiß stets mehr als die Figuren und hält die Geschichte immer wieder an, um Hintergrundinformationen zu liefern oder Details zu vermitteln. Das steht in krassem Kontrast zum Ich-Erzähler, der selbst Teil der erzählten Welt und meistens auch Protagonist ist und zum Erzähler mit interner Fokalisierung, der sich ausschließlich auf einen Point-of-View-Charakter konzentriert. Viele Autoren ziehen das allerdings nicht vollkommen konsequent durch und können es nicht lassen, doch hin und wieder etwas einzustreuen, das der PoV-Charakter nicht weiß oder mitbekommt, und sei es als ominöse Andeutung. Um ein spezifisches Beispiel für interne Fokalisierung zu nennen: In „A Song of Ice and Fire“ gibt es pro Kapitel immer einen PoV-Charakter, nachdem dieses Kapitel auch benannt ist, der Leser weiß nie mehr als die entsprechende Figur, an deren Wahrnehmung er gebunden ist – tatsächlich zieht Martin das äußerst rigoros durch. Tolkien wählt zwar meistens auch eine Figur aus, durch deren Augen wir das Geschehen vermittelt bekommen (meistens einen Hobbit), aber er hält sich nicht konsequent daran, um stattdessen immer wieder Exkurse zu geben oder auch mal in den Kopf eines zufällig vorbeikommenden Fuchses zu schauen. In „The Hobbit“ ist diese Tendenz noch stärker, zwar erleben wir als Leser die Geschichte primär aus Bilbos Perspektive, stilistisch ist der „Hobbit“ dem Märchen allerdings näher als die anderen Mittelerde-Werke, weshalb der Erzähler deutlich jovialer daherkommt und über den Dingen zu schweben scheint – eben wie ein Märchenonkel, der immer mit einem Augenzwinkern erzählt. Diese Tendenz ist im „Lord of the Rings“ deutlich zurückgefahren, was nicht zuletzt der Intensität der Geschichte geschuldet ist, aber in Resten immer noch vorhanden, besonders in den Auenland-Kapiteln zu Anfang.

Zugleich kann der Erzähler des „Lord of the Rings“ aber auch als unzuverlässiger Erzähler klassifiziert werden. Die „Übersetzerfiktion“, die Tolkien konstruiert hat, dürfte ja nur allzu bekannt sein: Er stilisiert den „Hobbit“ und den „Lord of the Rings“ als Übersetzungen aus dem Roten Buch der Westmark, dessen Entstehung wiederum im „Lord of the Rings“ selbst thematisiert und auf das in den Anhängen noch weiter eingegangen wird. Somit wäre der „Lord of the Rings“ ein Werk, das von einigen der Figuren (primär Frodo und Sam) verfasst wurde, basierend auf den Informationen, die sie von anderen Figuren erhalten haben. Diese ursprüngliche Quelle wäre dann wieder durch Abschriften verwässert worden, bis sie schließlich vom „Übersetzer“ Tolkien bearbeitet wurde. Per se ist dieser Kunstgriff gerade in der Fantasy (und nicht zuletzt inspiriert durch Tolkien) keine Seltenheit, kaum ein Autor geht allerdings derartig ins Detail wie Tolkien. Anhang F.II setzt sich sogar explizit mit der Übersetzerfiktion auseinander und unterfüttert sie, indem er einige Details über die Sprache „Westron“ verrät, die Tolkien mit Englisch „übersetzt“ hat. Dementsprechend sprechen die Rohirrim beispielsweise auch nicht „wirklich“ Altenglisch und die Menschen von Thal Nordisch, Tolkien hat diese Sprache nur gewählt, weil Englisch und Altenglisch in ähnlichem Verhältnis zueinander stehen wie Westron und Rohirrisch. Im Gegensatz dazu beließ er Quenya, Sindarin, die Schwarze Sprache – sprich: alle Kunstsprachen, im „Original“. Das hat zur Folge, dass in den Filmen theoretisch jedes Auftauchen englischer Schrift „falsch“ wäre, da hier Westron-Worte in der entsprechenden Schrift stehen müssten. Aber wir wollen es ja nicht übertreiben. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Filme bemühen durchaus immer wieder, das Rote Buch der Westmark als Erzählinstanz mit einzubauen – wenn Bilbo und Frodo im Film als Erzähler fungieren, sind das zumeist Texte, die sie ins Rote Buch geschrieben haben. Galadriel passt nicht ganz in dieses Schema, ist aber ihrerseits eine weitere Figur der erzählten Welt mit Erzählerfunktion.

Sowohl Roman als auch Film verfügen über einen äußerst umfangreichen Prolog, der sich allerdings auf völlig unterschiedliche Dinge konzentriert. Während der Film direkt die Hintergründe der Ringe der Macht vermittelt und einen Vorgeschmack auf die epischen Schlachten der Trilogie gibt, serviert Tolkien dem Leser eine Einführung in Hobbit-Kunde und informiert ausgiebig über die Wesenszüge und Gepflogenheiten der Halblinge, erläutert die politische Ordnung (oder einen Mangel derselben) des Auenlands und gibt schließlich einen kurzen Rückblick auf den „Hobbit“ mit Fokus auf dem Ringfund – dieser taucht schließlich auch im Film auf, in der angemessenen Kürze. Ein wenig vom Prolog findet sich dennoch im Film, und zwar in der ersten Auenlandszene, in welcher Bilbo den Anfang seines Buches schreibt und somit als Erzähler fungiert. Auch hier gibt Bilbo eine Einführung über Hobbits, die zwar nicht Tolkiens Text direkt zitiert, aber dieselbe Überschrift trägt: „Concerning Hobbits“.

Partyvorbereitungen
Nicht nur der Prolog, auch das eigentliche erste Kapitel ist recht expositionsreich und vermittelt, was Bilbo seit dem Ende des „Hobbits“ getan hat und vor allem, wie er wahrgenommen wird. Die erste tatsächliche Szene des Romans mit Dialog und Figureninteraktion ist ein Stammtischgespräch im „Efeubusch“, bei der wir neben einigen eher unwichtigen Hobbits auch Sam, den Sohn von Bilbos Gärtner kennenlernen, der Elben und Drachen deutlich zugeneigte ist als seine Artgenossen und zudem erfahren, in welchem Verhältnis Bilbo zu seinem Vetter Frodo steht und weshalb er ihn bei sich aufgenommen und adoptiert hat. Auch das… schwierige Verhältnis zu den Sackheim-Beutlins wird angeschnitten. Einige Tage, bevor die Feier zu Bilbos 111. Geburtstag steigt (der Titel des Kapitels ist natürlich eine Anspielung auf die „unexpected journey“ Bilbos im „Hobbit“), trifft Gandalf schließlich ein – auch hier wird darauf eingegangen, wie die Hobbits den Zauberer wahrnehmen und dass es vor allem die Kinder sind, die ihn zu schätzen wissen. Bevor die Festlichkeiten losgehen, folgt ein kurzer Dialog mit Bilbo, in welchem ein bestimmter Plan thematisiert wird, über dessen Inhalt wir als Leser aber noch nicht genauer informiert werden.

All das wird im Film deutlich stringenter umgesetzt, die Pub-Szene wird völlig eliminiert, Sam sehen wir nur kurz in der Montage, die Bilbos Worte untermalt und lernen ihn erst bei Bilbos Geburtstagsfeier kennen. Der Fokus liegt, neben Bilbo und den Hobbit-Basics, stattdessen auf Gandalfs Ankunft im Auenland. Anders als im Roman wird er von Frodo empfangen, der einen Teil der Strecke mit ihm fährt. Viele der Elemente, die entweder vom Erzähler oder von den Hobbits im Efeubusch vermittelt werden, erfährt der Zuschauer hier aus dem Dialog zwischen Frodo und Gandalf. Besonders interessant ist eine ziemlich eklatante Abweichung. Wie bei Tolkien sind die Hobbit-Kinder im Film vom Zauberer sehr angetan und wollen einen Vorgeschmack auf das Feuerwerk – im Roman will Gandalf die Überraschung aber nicht verderben und wirft ihnen stattdessen Münzen zu. Im Film dagegen zündet er tatsächlich ein kleines Feuerwerk.

Das Gespräch zwischen Gandalf und Bilbo ist im Film deutlich ausführlicher als im Roman, weil es abermals genutzt wird, um Figuren und Sachverhalte für den buchunkundigen Zuschauer zu etablieren – in einigen Details greifen Jackson und seine beiden Co-Drehbuchautorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens bereits auf das zweite Gespräch der beiden sehr alten Freunde nach der Geburtstagsparty vor. Vor allem aber erfahren wir hier bereits, dass Bilbo plant, das Auenland zu verlassen. Zudem bekommen die Sackheim-Beutlins einen kleinen Beinaheauftritt.

Party und After-Party
Bereits hier, direkt nachdem wir unsere ersten Hauptfiguren kennen lernen, zeigt sich bereits die Tendenz des Films, Zeitabschnitte zu verkürzen und die erzählte Zeit allgemein zu reduzieren. Im Roman trifft Gandalf mehrere Tage vor der eigentlichen Feier ein und ist in die Vorbereitungen involviert – die im Übrigen ausführlich geschildert werden, während der Film sie nur kurz in der Erzählmontage zeigt. Wie dem auch sei, Jackson, Walsh und Boyens suggerieren, dass Gandalf am Tag der Party eintrifft. Das Feuerwerk ist bei Tolkien ebenfalls eine relativ ausschweifende Angelegenheit, die Teile davon, die wir im Film sehen, stammen allerdings direkt aus dem Roman, primär natürlich die silbernen Speere und der Drache, der allerdings nur im Film von Merry und Pippin gezündet wird. Hier wird die Geburtstagsfeier genutzt, um diese beiden wichtigen Figuren, sowie natürlich Sam vorzustellen und sofort eindrücklich zu charakterisieren, wobei zumindest Merry und Pippin in der erzählten Welt der Filmtrilogie deutlich stärker auf ihrer Eigenschaft als Comic Relief und Tunichtgute reduziert werden.

Weder die Szene, in der Bilbo von seiner Begegnung mit den Trollen erzählt, noch der kurze Dialog mit Frodo, bei dem sich zeigt, dass Bilbo einen sechsten Sinn für die Sackheim-Beutlins hat, finden sich in dieser Form bei Tolkien; vor allem Letzterer dient abermals dazu, Informationen, die im Roman der Erzähler vermittelt, dem Zuschauer nahezubringen. Immerhin nutzen Jackson, Walsh und Boyens die Party, um einigen semi-wichtigen Hobbit-Nebenfiguren kleine Cameo-Auftritte zu spendieren, primär den bereits erwähnten Sackheim-Beutlins und Fredegar Bolger – Letzterer ist so etwas wie der fünfte Hobbit im Bunde und am Aufbruch aus dem Auenland beteiligt, bleibt dann aber in Bockland zurück. Nachvollziehbarerweise beschloss man, ihn für den Film, der selbst für ein dreieinhalbstündiges Epos schon verdammt viele Figuren aufzuweisen hat, auszulassen.

Bilbos ikonische Rede wurde für den Film fast eins zu eins übernommen und lediglich ein wenig gekürzt, bei Tolkien streut er noch die eine oder andere Anekdote aus dem „Hobbit“ ein. Zudem fehlt im Film jegliche Erwähnung des Umstandes, dass es auch Frodos Geburtstag ist. Tatsächlich beleidigt Bilbo seine Gäste, indem er ihnen mitteilt, dass ihre Zahl dem zusammengerechneten Alter der beiden Geburtstagskinder entspricht, woraufhin einige sich fragen, ob sie nur eingeladen wurden, um die 144 vollzumachen. Dass Frodo 33 wird, hat zudem noch gesonderte Bedeutung, da Hobbits erst mit diesem Alter als volljährig angesehen werden. Nebenbei bemerkt, einerseits sieht Elijah Wood definitiv nicht wie 33 aus, andererseits haben Hobbits aber eine deutlich längere Lebenserwartung als Menschen (speziell Menschen einer vormodernen Gesellschaft) und zudem sieht Elijah Wood bei seinem Auftritt in „An Unexpected Joruney“, bei welchem er tatsächlich etwa das Alter der Figur erreicht hat, nicht sehr viel älter aus, insofern ist die jugendliche Erscheinung sogar durchaus gerechtfertigt. Ebenfalls gekürzt wurde ein Lichtblitz, den Gandalf erzeugt, um Bilbos Ringbenutzung ein wenig zu verschleiern.

Ganz ähnlich wie Bilbos Rede wird auch der anschließende Dialog zwischen Gandalf und dem Hobbit umgesetzt – äußerst buchgetreu, mit relativ vielen direkten Zitaten, nur etwas gekürzt. Die kurze Kostprobe der Kräfte des Zauberers stammt übrigens ebenfalls direkt von Tolkien: „[Gandalf ] took a step towards the hobbit, and he seemed to grow tall and menacing; his shadow filled the little room.” (FotR, S. 44). Die Ringübergabe ist ein wenig abgeändert, Bilbo packte den Ring letztendlich tatsächlich in den Umschlag und lässt diesen ausversehen fallen, sodass Gandalf ihn aufheben und auf den Kaminsims legen kann. Im Film dagegen lässt Bilbo den Ring selbst im Eingangsbereich fallen und als Gandalf ihn aufheben will, gibt es den ersten Eindruck von Saurons Auge. In Film und Roman bekommt Frodo schließlich sowohl den Ring als auch den Rat, ihn nicht zu benutzen. Das eindringliche „Keep it secret, keep it safe“ ist, nebenbei bemerkt, ein weiteres direktes Zitat.

Während der Film sich anschließend mit aufregenderen Dingen, primär Gandalfs Nachforschungen in Gondor, beschäftigt, muss sich Frodo bei Tolkien erst einmal mit Bilbos Hinterlassenschaften auseinandersetzen. Dieser hat nämlich diversen Leuten aus seinem Kreis der Bekannten und Verwandten kleine und größere Andenken hinterlassen, und auch sonst sind viele, insbesondere die Sackheim-Beutlins, sind an den Hinterlassenschaften interessiert. Dass das alles nicht im Film landete, ist ziemlich verständlich, allerdings auch ein wenig schade, denn es handelt sich hierbei um eine der lustigsten Szenen des Buches. In diesem Kontext wird auch Merry als enger Freund und Verwandter Frodos vorgestellt. Das Kapitel endet schließlich mit einem weiteren kurzen Dialog zwischen Gandalf und Frodo, dessen Wortlaut sich ebenfalls im Film nicht wiederfindet.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]

Siehe auch:
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl