Fantasy-Herbst: Rings of Power & House of the Dragon

Spoiler für die ersten beiden Episoden von „The Lord of the Rings: The Rings of Power“ und „House of the Dragon“!

Im Verlauf der letzten zwei Wochen feierten die beiden wahrscheinlich größten Fantasy-Franchises ihren Einstand bzw. ihre Rückkehr auf den Streaming-Bildschirm in Form zweier Serien, die einige faszinierende Parallelen aufweisen und gleichzeitigen zu den teuersten Produktionen dieser Art gehören. Bei beiden Serien handelt es sich um Prequels und beide müssen gegen die negative Rezeption des direkten oder indirekten Vorgängers kämpfen. Die Rede ist natürlich von HBOs „House of the Dragon“, das die Vorgeschichte des Hauses Targaryen thematisiert, und Amazons „The Lord of the Rings: The Rings of Power“, das sich anschickt, in die Mysterien des Zweiten Zeitalters von Mittelerde einzutauchen. Zudem basieren beide Serien nicht auf herkömmlichen Romanen, wie es bei „Game of Thrones“ oder den beiden Jackson-Trilogien der Fall ist, sondern auf fiktiven historischen Texten die, zumindest im Vergleich zu erzählender Prosa, nur einen zumindest verhältnismäßig knappen Überblick über die Ereignisse gewähren. Zugegebenermaßen war meine Erwartungshaltung bezüglich beider Serien eher… sagen wir, gedämpft. Bei „House of the Dragon“ war die Ursache primär der schlechte Nachgeschmack, den die achte Staffel von „Game of Thrones“ hinterlassen hat – ich konnte mich bislang immer noch nicht dazu durchringen, eine Abschlussbesprechung zu dieser Serie zu schreiben, die so lange ein dominierendes Thema auf diesem Blog war (was ich aber im Zuge von „House of the Dragon“ endlich nachholen möchte). Bei „The Rings of Power“ hingegen waren es weniger die Nachwirkungen der Hobbit-Trilogie (damit komme ich schon zurecht), sondern eher die Herangehensweise von Amazon. Der Umgang mit Tolkien ist für mich immer eine prekäre Angelegenheit, da mir sein Werk extrem viel bedeutet und es sehr leicht ist, eine Adaption zu verhauen und sehr schwer, den Geist der Vorlage zu treffen. Tatsächlich haben mir viele Entscheidungen, die im Vorfeld getroffen wurden (etwa die Komprimierung mehrerer Jahrtausende in einen sehr kurzen Zeitraum), Bauchschmerzen bereitet. Andererseits wird mein Youtube-Feed seit Monaten von Videos geflutet, die aus jedem veröffentlichten Bild und Trailer gleich den Untergang des Abendlandes ablesen und die mir unheimlich auf den Geist gehen. Ob es nicht doch vielleicht vernünftiger ist, die Serie einfach abzuwarten? Bashen kann man hinterher ja immer noch… Wie dem auch sei, normalerweise schreibe ich über Serien nur, wenn die Staffel abgeschlossen ist. Für „Game of Thrones“ habe ich früher auch Episoden-Rezensionen geliefert, aber damals habe ich noch studiert und hatte die Zeit dazu, inzwischen ist mir das deutlich zu aufwendig. Dennoch hat mich diese amüsante Symmetrie dazu bewogen, nach den ersten beiden Episoden dieser zwei Serien einfach meine Eindrücke zu schildern, knapper und weniger ausführlich als in meinen üblichen, überlangen Staffelrezensionen.

The Lord of the Rings: The Rings of Power

In meinem Artikel zu den beiden vorab veröffentlichten Soundtrack-Stücken von Bear McCreary schrieb ich, dass sowohl der Score (bzw. die Beteiligung Howard Shores) als auch viele Produktionsentscheidungen den Eindruck vermitteln, Amazon versuche einerseits, eine eigene Interpretation Mittelerdes auf den Weg zu bringen, schaffe es aber andererseits nicht, sich aus dem Schatten der Filme zu lösen. Dieser Eindruck hat sich nach der Sichtung der ersten beiden Episoden, „A Shadow of the Past“ und „Adrift“, bestätigt. Während wir es hier eindeutig mit einem anderen Mittelerde als dem Peter Jacksons oder Professor Tolkiens zu tun haben (also nichts für Puristen, aber das war von Anfang an klar), versuchen Design und Bildsprache konstant an die beiden Filmtrilogien anzuknüpfen, sei es mit den Jugendstilelementen bei den Elben, der Darstellung der zwergischen Kultur und Architektur, den üppigen Landschaftsaufnahmen (Neuseeland ist abermals Drehort, zumindest für die erste Staffel), dem vorangestellten epischen Prolog oder dem Symbol Saurons, das in der zweiten Folge einmal genauso aufblitzt wie das lidlose Auge in der Filmtrilogie. Wenn die Serie dann doch einmal ihren eigenen Weg geht, etwa bei den kurzhaarigen Elben, wirkt das mitunter irritierend.

Den Grundgedanken, die Serie im Zweiten Zeitalter von Mittelerde anzusiedeln, finde ich tatsächlich sehr gelungen, denn von den drei Zeitaltern ist es dasjenige, das Tolkien am wenigstens detailliert ausgearbeitet hat, insofern bietet es am meisten Spielraum. Aufgrund der Rechtelage, die es beispielsweise der Hobbit-Trilogie verbat, die Namen der beiden blauen Zauberer zu nennen, kann „The Rings of Power“ jedoch nur einen Bruchteil der verfügbaren Informationen auch tatsächlich in die Serie einarbeiten, da lediglich „The Lord of the Rings“ und die zugehörigen Anhänge zur Verfügung stehen, nicht aber das „Silmarillion“ oder die „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“, von den Texten der „History of Middle-earth“ gar nicht erst zu sprechen. Bereits in den ersten beiden Episoden ist das zu spüren, gerade im Prolog-Segment wird auf vieles aus dem „Silmarillion“ angespielt, ohne es explizit einzubauen, weil es nicht explizit eingebaut werden darf. Das ist allerdings nur ein sekundäres Manko, ich denke das Hauptproblem ist der Umstand, dass sich das Zweite Zeitalter nicht unbedingt für die Art Abenteuerhandlung anbietet, die Amazon für diese Serie offenbar haben möchte. Auch hier zeigt sich, wie schwer es „The Rings of Power“ fällt, sich von den Filmen zu lösen. Das deutlichste Beispiel dafür sind die Haarfüße, quasi Protohobbits. Diese haben im Zweiten Zeitalter nichts verloren, aber bei Amazon kann man sich offenbar eine LotR-Serie ohne Hobbits nicht vorstellen.

Zudem ist die Vielzahl an Handlungssträngen, die in den ersten beiden Episoden begonnen werden, äußerst kontraproduktiv: Wir haben die Elben in Lindon um Galadriel (Morfydd Clark) und Elrond (Robert Aramayo), um die beiden klassischen LotR-Charaktere wird jeweils ein Handlungsstrang eröffnet, Elrond besucht die Zwerge in Khazad-dûm, um dem Elbenschmied Celebrimbor (Charles Edwards) das Schmieden der titelgebenden Ringe der Macht überhaupt erst zu ermöglichen, Galadriel lehnt eine Rückkehr nach Valinor ab, um Sauron zu jagen und trifft dabei auf den Menschen Halbrand (Charlie Vickers). Ein anderer Elb, Arondir (Ismael Cruz Córdova) ermittelt derweil eine potentielle Rückkehr der Orks und verliebt sich dabei in die Menschenfrau Bronwyn (Nazanin Boniadi), deren Dorf, nebenbei bemerkt, im späteren Mordor liegt. Und dann wären da noch die Haarfüße um Nori Brandyfoot (Markella Kavenagh), die einen merkwürdigen Fremden (Daniel Weyman) finden, der als Meteor zur Erde gestürzt ist. Und das ist erst ein Teil der Handlungsstränge und Figuren, die aus Trailer, Castlisten etc. bekannt sind. Das Inselkönigreich Númenor, DIE dominante Fraktion des Zweiten Zeitalters, spielte bislang noch gar keine Rolle. Die beiden Episoden mühen sich ab, diese Handlungsstränge vorzustellen, die Figuren einzuführen, den Status Quo zu vermitteln, kommen dabei aber nie zur Ruhe, sind überfrachtet und schaffen es auch nicht so recht, den Zuschauer für die erzählte Welt einzunehmen. Das ist besonders schade, da die Schauwerte wirklich beeindruckend sind – „The Rings of Power“ ist visuell extrem beeindruckend und wirkt, mehr noch als „Game of Thrones“ und andere hochkarätige Serien der letzten Jahre, wie ein Kinofilm. Nun ja, es wurde auch genug Geld investiert…

Mein Problem bei all dem ist der Umstand, dass sich vieles weniger nach Tolkien als nach typischen Fantasy-Tropen anfühlt, quasi „Tolkien lite“. Galadriel ist in den Werken des Professors ein faszinierender und vielschichtiger Charakter, ohne dass man sie zur Kriegerin machen müsste. Es ist relativ eindeutig, dass die Serie zeigen möchte, wie aus der störrischen Kämpferin die weise Elbenherrscherin wird, aber auch diese Entwicklung hätte man etwas behutsamer und subtiler in Szene setzen können. Die Handlung um die Haarfüße erinnert auf merkwürdige Weise an „Diablo III“, wobei natürlich bereits eifrig spekuliert wird, wer der Fremde ist. Ein Balrog in Verkleidung, Sauron selbst, einer der Istari? Bitte nicht Gandalf. Von den bisherigen Handlungssträngen finde ich Elronds Besuch in Moria bislang am gelungensten, zum einen, weil dieser Teil des Plots tatsächlich auf den Titel hinarbeitet und zum anderen, weil Owain Arthur als Zwergenprinz Durin IV. schlicht brachial unterhaltsam ist. Das Gefühl, dass diese Handlungsstränge von Tolkien selbst stammen könnte, schafft „The Rings of Power“ nur sehr selten zu vermitteln, besonders, was die erzählerische und kulturelle Tiefe angeht. Die Vorarbeit wurde durchaus geleistet, nur kommen die Episoden einfach nicht dazu, irgendetwas davon ausreichend in Szene zu setzen.

House of the Dragon

„The Rings of Power“ scheint von seinem Publikum einen merkwürdigen mentalen Spagat zu erwarten, einerseits gibt es viele Rückbezüge auf die Filmtrilogien und, mehr noch, man versucht, das Zweite Zeitalter an das Dritte anzugleichen. Andererseits soll die Serie aber als eigenständige Interpretation von Mittelerde wahrgenommen werden. Möglicherweise ist so ein Spagat sogar machbar, „The Rings of Power“ gelingt er allerdings nicht. „House of the Dragon“ wählt einen völlig anderen Weg und erwartet von seinen Zuschauern, dass sie „Game of Thrones“ nicht nur gesehen, sondern gefälligst auch verinnerlicht haben. Obwohl theoretisch die Vorgeschichte erzählt wird, wirft die Serie ihre Zuschauer mitten in die Schlangengrube des Hofes der Targaryen und erläutert kaum etwas. Selbst GoT-Veteranen, die sich mit George R. R. Martins Büchern nicht weiter beschäftigt haben, könnten am Anfang etwas verloren sein, da die Häuser Velaryon und Hightower in der Serie keine Rolle gespielt haben, nun jedoch essentiell sind – aber immerhin sind derartige Zuschauer mit den Ämtern und Institutionen der Sieben Königreiche vertraut. Einem völligen Neuling hingegen kann man „House of the Dragon“ nicht ans Herz legen. Mich hingegen hat das kaum gestört, im Gegenteil: Nicht nur habe ich jahrelange ausführliche Episodenrezensionen verfasst, meine Master-Arbeit drehte sich zur Hälfte um „A Song of Ice and Fire“ (und zur anderen Hälfte um Tolkiens Werke); tatsächlich war ich sofort wieder „drin“, was ich nicht gedacht hätte, eben wegen der oben erwähnten Frustration mit den finalen GoT-Staffeln.

Es freut mich, mitteilen zu können, dass „House of the Dragon“ nach nur zwei Folgen („The Heirs of the Dragon“ und „The Rogue Prince“) bereits deutlich besser ist als Staffel 8 der Mutterserie, was mit Sicherheit an den Umständen liegt. Statt zweier Serienschöpfer, die ohne Quellenmaterial auskommen müssen und offenbar keine Lust mehr haben, eine gute, kohärente Geschichte zu erzählen, sondern alles in möglichst großem Spektakel beenden wollen, haben wir nicht nur erneut eine schriftliche Vorlage in Form des fiktiven Targaryen-Geschichtswerkes „Fire and Blood“, sondern auch George R. R. Martins erneutes Mitwirken. „House of the Dragon“ muss in der ersten Episode zwar auch eine ganze Menge an neuen Figuren etablieren, von einem neuen Status Quo gar nicht erst zu sprechen, was zugegeben manchmal etwas holprig ausfällt, aber diese Figuren befinden sich immerhin nicht über einen ganzen Kontinent verteilt, stattdessen fokussiert sich die Handlung der ersten beiden Episoden auf King’s Landing und Dragonstone. Anders als bei „Game of Thrones“, das die verknüpften Schicksale vieler Adelsfamilien von Westeros erzählte, konzentriert sich „House of the Dragon“ ohne wenn und aber auf die Targaryen, andere Familien spielen nur eine Rolle, sofern sie mit dem Herrscherhaus interagieren. Intrigen und politische Ränkespiel sind natürlich wieder en masse vorhanden: König des Reiches ist Viserys I. (Paddy Considine), zwar ein guter und gerechter Mann, aber nicht der stärkste oder entschlossenste Herrscher. Sein Bruder Daemon Targaryen (Matt Smith), Spitzname der „Rogue Prince“ (daher der Titel der zweiten Episode), kommandiert die Stadtwache und ist ein mächtiger Krieger und Drachenreiter, aber auch ein grausamer und launischer Mann. Als Viserys Frau Aemma (Sian Brooke) im Kindbett stirbt, bleiben nur zwei potentielle Thronerben übrig: Daemon und Viserys Tochter Rhaenyra (als Teenager: Milly Alcock, als Erwachsene: Emma D’Arcy). Gegen beide haben die großen Lords des Reiches Einwände: Daemon wird aufgrund seines Charakters als problematisch gesehen, Rhaenyra aufgrund ihres Geschlechts. Nachdem Daemon ein weiteres Mal über die Stränge schlägt, ernennt Viserys schließlich Rhaenyra zur Erbin. Derweil positioniert Viserys‘ Hand Ser Otto Hightower (Rhys Ifans) seine Tochter Alicent (als Teenager: Emily Carey, als Erwachsene: Olivia Cooke) als potentielle neue Gemahlin für Viserys. Da kündigt sich der Bürgerkrieg schon an…

„House of the Dragon“ sieht man sein Budget ebenfalls durchaus an, auch wenn sich „The Rings of Power“ aufgrund der epischen Landschaftspanoramen und wegen des deutlich aufwändigeren Scores von Bear McCreary noch einmal deutlich cinematischer anfühlt – im Vergleich dazu bleibt Ramin Djawadis Musik fest in der Tonalität der Mutterserie. Das geht sogar so weit, dass das neue Intro mit dem altbekannten Stück unterlegt ist; wenigstens eine neue Variation wäre schön gewesen. Davon abgesehen hat „House of the Dragon“ aber eindeutig in jeder Hinsicht die Nase vorn, vor allem schauspielerisch. Wo die Amazon-Serie primär auf unbekannte Darstellerinnen und Darsteller setzt, deren Leistungen auch eher wechselhaft ausfallen, knüpft „House of the Dragon“ nahtlos an „Game of Thrones“ an und schickt einige hochtalentierte britische Mimen ins Rennen, darunter natürlich primär Matt Smith und Rhys Ifans, die beide nicht enttäuschen. Aber auch Milly Alcock gibt eine wirklich gelungene Performance ab, ebenso wie die restliche Besetzung.

Erzählerisch experimentiert man dieses Mal stärker und arbeitet mit größeren Zeitsprüngen, allein zwischen der ersten und zweiten Folge vergeht ein halbes Jahr. Bereits im Vorfeld war bekannt, dass Rhaenyra und Alicent von verschiedenen Darstellerinnen verkörpert werden, weshalb mit noch deutlich größeren Zeitsprüngen zu rechnen sein wird. Gerade die erste Folge braucht noch ein wenig, um den richtigen Rhythmus zu finden. Darüber hinaus vereint „House of the Dragon“ in diesen ersten beiden Episoden die vorzügliche Charakterarbeit der frühen GoT-Staffeln mit dem gesteigerten Budget der späteren (dieses Mal gibt es sehr gut aussehende Drachen von Anfang an). Ausnahmslos alle zentralen Figuren, vom König über Daemon und Rhaenyra bis hin zu Corlys Velarion (Steve Toussaint) sind interessante und vielschichtige Charaktere, deren Motivationen und Perspektiven stets nachvollziehbar bleiben, dabei aber komplex und nicht plakativ sind. Während Daemon die offensichtlich faszinierende Figur ist, hat es mir vor allem Otto Hightower angetan, der als extrem subtiler, aber deswegen nicht minder effektiver Manipulator auftritt, der auf positive Weise recht undurchschaubar bleibt. Lediglich die Dialoge könnten noch ein wenig besser sein. Ansonsten wird das geboten, was man von einer HBO-Serie auch erwarten würde: Mit Sex und Gewalt, vor allem Gewalt, hält sich „House of the Dragon“ nicht zurück, neben einem Massaker an Verbrechen durch Daemons Goldröcke werden auch eine sehr blutige Geburt und ein Turnier mit unangenehmen Folgen geboten – das mag vielleicht exzessiv anmuten, steht aber wieder deutlich stärker im Dienst der Geschichte, als es in den späteren GoT-Staffeln der Fall war.

Mein größter Kritikpunkt an diesen beiden ersten Folgen ist die eine Szene, in der „House of the Dragon“ tatsächlich in unangenehmem Ausmaß in „Prequelitis“ verfällt und sich genötigt fühlt, auf plumpe und unelegante Weise auf Zukünftiges zu verweisen. Nachdem Viserys Rhaenyra zur Erbin erklärt hat, enthüllt er ihr, dass die Targaryen von der androhenden „Langen Nacht“, die in der Mutterserie schließlich eintritt, wissen und sich auf sie vorbereiten. Mehr noch, der Dolch, mit dem Arya den Nachtkönig schließlich tötet, taucht hier auf – all das hätte es für mich nicht gebraucht, es weckt nur unangenehme Erinnerungen an die achte GoT-Staffel, und wer will sich schon daran erinnern? Gut zweihundert Jahre vor Daenerys‘ Rückkehr nach Westeros will ich nichts von Weißen Wanderern hören.

Ansonsten ist das primäre Manko von „House of the Dragon“ tatsächlich die Möglichkeit, die Serie zu schauen, denn anders als „Game of Thrones“ kann die Staffel nicht auf Amazon erworben werden, sondern ist exklusiv nur in Skys Streamingsdienst Wow verfügbar. Leider ist der Name nicht Programm, sowohl im Angebot an Filmen und Serien als auch in der allgemeinen Nutzeroberfläche und Handhabung bleibt Wow weit hinter Netflix, Amazon Prime und Disney Plus zurück. Wenigstens finden sich noch einige andere hochkarätige HBO-Serien wie „Succession“ oder „Chernobyl“, die ich schon seit einiger Zeit konsumieren wollte, auf Wow, sodass sich das Angebot für sechs Monate zumindest für mich lohnt. Immerhin, Sky hat die erste Folge von „House of the Dragon“ auf Youtube veröffentlicht (wenn auch nur in deutscher Synchro), wer also gerne einen Eindruck hätte, kann ihn sich hier holen.

Fazit: Es hat schon seinen Grund, weshalb ich normalerweise abwarte, bis eine Staffel durch ist, bevor ich sie rezensiere: Allzu oft werden eigentlich gute Staffeln durch ein enttäuschendes Finale ruiniert oder kriegen kurz vor Schluss noch einmal die Kurve. Wenn ich mir aktuell allerdings eine der beiden großen Fantasy-Serien dieses Herbstes aussuchen müsste, die ich weiterschaue, wäre es ohne zu Zögern „House of the Dragon“. Ob sich dieser erste Eindruck bestätigt, wird sich in einigen Wochen zeigen.

Siehe auch:
Stück der Woche: Galadriel/Sauron

Obi-Wan Kenobi

Spoiler!
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Die Idee, Ewan McGregor als Obi-Wan Kenobi zurückkehren zu lassen und mit ihm eine wie auch immer geartete Geschichte zwischen „Revenge of the Sith“ und „A New Hope“ zu erzählen, geistert im Grunde bereits seit der Disney-Übernahme durch das Fandom. Erst dachte man an einen Spin-off-Film im Stil von „Rogue One“, nach dem Erfolg von „The Mandalorian“ und der gewaltigen Serienexpansion wurde es dann jedoch schließlich eine sechs Episoden umfassende Miniserie (die eventuell eine zweite Staffel erhält, da Kritiker und Fans zwar gespalten sind, aber die Zuschauerzahlen stimmen). Von Drehbuchautor Stuart Beattie wissen wir inzwischen, dass in der Tat ursprünglich ein Film (bzw. sogar eine Trilogie) angedacht war, für die Beattie den Entwurf verfasste. Nachdem „Solo“ jedoch hinter den Erwartungen zurückblieb, entschied man sich bei Lucasfilm, das Format zu wechseln und Beatties Geschichte – mit massiven Änderungen, versteht sich – im Rahmen einer Serie zu erzählen. Die kanadische Regisseurin Deborah Chow, die bereits zwei Episoden von „The Mandalorian“ inszeniert hatte, wurde als Regisseurin aller sechs Episoden verpflichtet. Besondere Anziehungskraft auf Prequel-Fans entwickelte die Serie, als man verkündete, nicht nur Ewan McGregor, sondern auch Anakin-Darsteller Hayden Christensen zurückbringen zu wollen.

Handlung
Der ehemalige Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) lebt nach dem Fall des Ordens unter dem Namen Ben im Exil auf Tatooine, um über Luke Skywalker (Grant Feely) zu wachen. Die Monotonie seines Alltags wird erst unterbrochen, als Inquisitoren des Imperiums auftauchen, um einen weiteren Ex-Jedi aufzuspüren, der sich auf dem Planeten verbirgt. Obi-Wan kann den Agenten des Imperators zwar entgehen, doch noch mehr Unheil braut sich zusammen: Prinzessin Leia (Vivien Lyra Blair), Ziehtochter von Obi-Wans altem Verbündetem Bail Organa (Jimmy Smits) wird entführt, woraufhin Bail sich persönlich nach Tatooine begibt, um Obi-Wan um Hilfe zu bitten. Der ehemalige Jedi zögert zuerst, erklärt sich dann jedoch bereit, Leia ausfindig zu machen. Das Mädchen wird auf dem Planeten Daiyu gefangen gehalten. Obi-Wan gelingt es, die dortige imperiale Festung zu infiltrieren und Leia zu befreien, dabei findet er jedoch heraus, dass die Entführung spezifisch dazu inszeniert wurde, um ihn aus dem Versteckt zu locken. Eine Inquisitorin, Reva alias die Dritte Schwester (Moses Ingram), scheint nicht nur besonderes Interesse an Obi-Wan zu haben, sie eröffnet ihm auch, dass sein ehemaliger Schüler Anakin Skywalker (Hayden Christensen) noch am Leben ist. Dieser terrorisiert als Darth Vader (Stimme: James Earl Jones) die Galaxis und hat natürlich seinerseits enormes Interesse daran, seinen ehemaligen Meister endlich zu vernichten. Obi-Wan und Leia gelingt derweil die Flucht nach Mapuzo, wo sie von der abtrünnigen imperialen Offizierin Tala Durith (Indira Varma) unerwartet Hilfe erhalten. Doch Vader kann nichts aufhalten: Während es zu einer weiteren Konfrontation zwischen ihm und Obi-Wan kommt, gelingt es Reva, Leia erneut gefangen zu nehmen und sie nach Nur zum Hauptquartier der Inquisitoren zu bringen. Obi-Wan und Tala suchen auf Jabiim derweil die Hilfe einer Rebellenzelle, um Leia aus den Klauen des Imperiums zu befreien…

Konzeption und Struktur
In meiner Rezension zu „The Book of Boba Fett” schrieb ich, dass sich diese Serie anfühlt, als basiere sie weniger auf einem soliden erzählerischen Konzept und mehr auf einer fixen Idee mit mangelhafter Ausarbeitung – bei „Obi-Wan Kenobi“ verhält es sich meinem Empfinden nach relativ ähnlich. Die Idee lautet: „Obi-Wan und Vader: Rematch“. Um dieses Konzept sowie einige Elemente, die damit einhergehen ist die Serie aufgebaut. Tatsächlich finden sich zwei Begegnungen zwischen Obi-Wan und Vader, die die Serie relativ symmetrisch Strukturieren: Das erste findet in Episode 3, quasi als Mid-Season-Finale statt, das zweite natürlich in der finalen Episode 6. Das erste Duell markiert dabei den Tiefpunkt unseres Protagonisten, das zweite die endgültige Rückkehr zur alten Form. Soweit, so gut – das primäre Problem der Miniserie ist allerdings das ganze Drumherum, will heißen: die eigentliche Story, die oft so wirkt, als sei sie nicht aus sich selbst heraus erzählenswert, sondern diene eben dazu, die Figuren in bestimmte, angestrebte Situationen zu bringen. Dementsprechend ist Plot Convinience ein massives Problem. Star Wars hat diesbezüglich eine lange Tradition, aber gerade hier fällt es zumindest mir extrem unangenehm auf: Diverse Figuren werden zum Teil mehrfach erstochen, ohne dass es größere Konsequenzen gäbe, tauchen plötzlich an Orten auf, die sie eigentlich nicht hätten erreichen dürfen, tun die naheliegendsten Dinge nicht oder kommen, im Gegenteil, Plotelementen durch extrem weitgeholte Kombination auf die Schliche. Besonders Reva scheint immer wieder Opfer der schlechten Drehbücher zu sein: Nicht nur wird sie zwei Mal erstochen, ihre finale Aktion auf Tatooine ergibt keinerlei Sinn.

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Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor)

Auf mich wirkt das Format, das man letztendlich für diese Serie gewählt hat, in jeder Hinsicht falsch. Entweder hätte Lucasfilm diese Geschichte tatsächlich als sauber strukturierten Film erzählen müssen, oder aber eine deutlich längere Serie machen, die die angerissenen Themen wie das Vermächtnis der Jedi in der Galaxis oder Obi-Wans Trauma tatsächlich ausarbeitet – mit sechs Episoden wirkt die Miniserie wie nichts Halbes und nichts Ganzes. „Obi-Wan Kenobi“ ist langsam und holprig erzählt und wirkt, trotz inhaltlicher und struktureller Anpassungen, eben wie das Drehbuch eines Films, das auf sechs Episoden ausgedehnt wurde. Vieles ist redundant, unnötig in die Länge gezogen oder schlicht doppelt: Dass Obi-Wan Leia aus imperialer Gefangenschaft rettet, ist ja in Ordnung, aber gleich zwei Mal? Mit dieser Ansicht bin ich alles andere als alleine: Ähnlich wie bei den Hobbit-Filmen und einigen anderen größeren Franchise-Projekten hat „Obi-Wan Kenobi“ bereits einige Hobby-Editoren dazu veranlasst, die Miniserie zu einem Film umzuschneiden, Einblicke finden sich beispielsweise hier und hier.

Nicht unbedingt hilfreich ist, dass „Obi-Wan Kenobi“ auch im Bereich Regieführung einige Probleme aufweist, wobei ich oft nicht einmal wirklich genau den Finger darauf legen kann, was genau stört – manches wirkt einfach leicht daneben, merkwürdig in Szene gesetzt oder steif inszeniert. Mitunter könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass Deborah Chow mit der Volume-Technologie nicht völlig zurechtkommt und sie zu vollem Effekt zu nutzen weiß, ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass es bei den von ihr inszenierten Folgen von „The Mandalorian“ ähnliche Probleme gegeben hätte. Das betrifft oft auch Action: Wie viel wurde bereits über die beiden missglückten und schlecht inszenierten Verfolgungsjagden gesagt und geschrieben, und auch der Angriff des Imperiums auf die Rebellenfestung lässt zu wünschen übrig.

Gerade bezüglich der Effekte und Schauwerte ist „Obi-Wan Kenobi“ zudem ein deutlicher Schritt zurück, gerade im Vergleich zur zweiten Mandalorian-Staffel oder „The Book of Boba Fett“. Man kann über letztere Serie sagen, was man möchte, aber mit Schauwerten wurde nicht gegeizt, seien es die beeindruckenden Panoramen von Mos Espa oder die fantastisch umgesetzte Ringwelt. Die Planeten, die wir in „Obi-Wan Kenobi“ besuchen, sind im Vergleich dazu deutlich uninteressanter, ja geradezu langweilig – und das, obwohl „Obi-Wan Kenobi“ noch einmal ein deutlich höheres Budget hatte als die vorherigen Serien. Gab es Probleme hinter den Kulissen? Wahrscheinlich. Waren Ewan McGregor und Hayden Christensen so teuer? Sehr gut möglich. Generell wissen die Special Effects leider nur teilweise zu überzeugen und nie zu beeindrucken.

Anakin vs. Obi-Wan?
Interessanterweise liegt die größte Stärke von „Obi-Wan Kenobi“ bei der Charakterisierung und Umsetzung der Hauptfigur. Ein Großteil davon ist natürlich Ewan McGregor zu verdanken. Trotz der negativen Rezeption der Prequels gehörte McGregors Darstellung des klassischen Jedi-Meisters zu den Aspekten, die fast durchgehend gelobt wurden – in „Obi-Wan Kenobi“ zeigt sich ein weiteres Mal, weshalb. McGregor kehrt mühelos in seine Paraderolle zurück und wirkt in jeder Minute überzeugend. Zu Beginn der Serie erleben wir einen Obi-Wan, der ganz unten angekommen ist, gefangen in der Routine seines Exils und konstant mit seinem Trauma hadernd. Auf Luke aufzupassen ist das Einzige, das seinem Leben noch Sinn gibt. Ganz im Sinne der klassischen Heldenreise-Thematik muss er von Bail Organa regelrecht gezwungen werden, sich auf die Leia-Rettungsmission zu begeben. Und selbst hier im Einsatz ist er weit von seinem alten Selbst entfernt, ähnlich wie Luke in „The Last Jedi“ scheint sich Obi-Wan zumindest partiell von der Macht abgekapselt zu haben. Dementsprechend gravierend fällt dann auch seine erste Niederlage gegen Vader aus. Erst danach gelingt es ihm, zu alter Form zurückzukehren und Vader bei der zweiten Begegnung sogar zu besiegen. Prinzipiell ist das keine schlechte Charakterentwicklung und sie funktioniert vor allem immer dann, wenn Ewan McGregor die Gelegenheit bekommt, ihr Potential in den ruhigeren Charaktermomenten auszuschöpfen. Leider wirkt die holprige Erzählweise der Serie dem manchmal entgegen und nur allzu oft wird die Aufmerksamkeit durch redundante Erzählstränge von Obi-Wan abgelenkt.

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Darth Vader (Hayden Christensen/James Earl Jones)

Hayden Christensens Rückkehr als Anakin/Darth Vader ist freilich das andere große Verkaufsargument dieser Serie. Tatsächlich finde ich persönlich es sehr schön, wie Christensen nun, genau zwanzig Jahre nach seinem Debüt als Anakin, auf diese Weise vom Fandom akzeptiert wird, nachdem er zu den Schauspielern gehört, die in der Rezeption der Prequels absolut nicht gut wegkamen. Zwar steckt Christensen in „Obi-Wan Kenobi“ auch unter Vaders Maske, bekommt hier aber kaum die Chance, sein Talent zu zeigen, nicht zuletzt weil die Stimme immer noch James Earl Jones gehört, wenn auch nachbearbeitet. Tatsächlich bediente man sich wohl derselben Technologie, mit der auch die Stimme des jungen Luke in „The Mandalorian“ und „The Book of Boba Fett“ rekonstruiert wurde, allerdings scheint sie inzwischen noch ausgereifter zu sein, denn Vader klingt tatsächlich fast genauso wie in der OT. Das aber nur am Rande – Christensen bekommt in der fünften Episode die Gelegenheit, noch einmal in die Rolle des Padawan Anakin Skywalker zu schlüpfen. Dieses Mal entschied man sich, die Verjüngungsmaßnahmen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren – während Ewan McGregor wirklich kaum zu altern scheint, wirkt Anakin doch deutlich älter als 19 – zugleich entsteht so aber auch kein unangenehmer Uncanny-Valley-Effekt. Und man kann es nicht leugnen, Christensen gelingt es trotz allem, die jugendliche Energie seine Rolle zu vermitteln. Nicht minder kraftvoll ist seine Performance im finalen Duell, in welchem er mit zerstörter Maske als „Anakin/Vader-Mischling“ auftreten darf – diese Szene wäre allerdings deutlich kraftvoller gewesen, hätte es nicht beinahe dieselbe bereits in „Star Wars Rebels“ gegeben.

Senatoren, Inquisitoren und andere Unruhestifter
Neben Obi-Wan und Anakin finden sich noch eine Reihe weiterer Rückkehrer aus den Prequels, primär Joel Edgerton und Bonnie Piesse als Owen und Beru Lars, Jimmy Smits als Bail Organa und, in kleinen Cameo-Auftritten, Temuera Morrison als Klon der 501. Legion, Ian McDiarmid als Darth Sidious und Liam Neeson als Qui-Gon Jinn. Dazu gesellen sich neue Darsteller in bekannten Rollen, primär Vivien Lyra Blair als zehnjährige Prinzessin Leia und Rupert Friend als der aus „Star Wars Rebels“ bekannte Großinquisitor. Weitere essentielle Neuzugänge sind Moses Ingram als Reva, Indira Varma als Tala Durith und Kumail Nanjiani als „Fake-Jedi“ Haja Estree. Im Großen und Ganzen sind zumindest die bekannten Figuren, mit einer Ausnahme, ziemlich gut umgesetzt, die Gastauftritte fügen sich logisch und sinnvoll in die Handlungskonstruktion ein, gerade Temuera Morrisons kleiner Auftritt ist ein wirklich kraftvoller Moment, von Ian McDiarmid und Liam Neeson hätte ich gerne mehr gesehen. Vivien Lyra Blair, die bereits in dem Netflix-Film „Birdbox“ ihr Debüt feierte, liefert eine wirklich gute Performance ab. Das eine oder andere Mal klingen ihre Dialoge vielleicht ein wenig zu erwachsen, aber dafür kann die Schauspielerin natürlich nichts. Man könnte kritisieren, dass die Handlunskonzeption diesbezüglich manchmal vielleicht etwas zu sehr an „The Mandalorian“ erinnert, schon wieder haben wir einen Einzelgänger, der sich (widerwillig) um ein Kind kümmern muss, aber zugleich sind Grogu und Leia als Figuren verschieden genug, dass das nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Zugegebenermaßen hätte ich mir gewünscht, dass nicht unbedingt Leia der Auslöser für Obi-Wans kurzzeitige Rückkehr auf die Bühne der Galaxis ist, aber nun ja…

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Reva (Moses Ingram)

Im Gegensatz dazu funktioniert der Großinquisitor für mich in dieser Inkarnation überhaupt nicht. Das liegt zum einen daran, dass er für meinen Geschmack deutlich zu menschlich aussieht, das Make-up erinnert eher an hochwertiges Cosplay, die Pau’aner in „Revenge of the Sith“ sahen da deutlich beeindruckender aus. Zum anderen kann ich mich auch mit Rupert Friends Darstellung nicht wirklich anfreunden – zu pompös, zu aufgesetzt. Wäre es nach mir gegangen, hätte man den Großinquisitor mit Jason Isaacs besetzt, der der Figur in „Star Wars Rebels“ ihre Stimme verlieh und nochmal ein ganz anderes Level an Gravitas mitgebracht hätte. Insgesamt sind die Inquisitoren nicht allzu gelungen – bereits in „Rebels“ waren sie nicht besonders furchterregende oder ernstzunehmende, aber hier wirken sie noch einmal inkompetenter. Reva alias die Dritte Schwester hat sich diesbezüglich besonders mal wieder zu einer Figur entwickelt, die das Fandom enerviert – und wie üblich zeigt es sich dabei von seiner hässlichsten Seite. Es ist völlig in Ordnung, eine schauspielerische Leistung oder die Konzeption einer Figur sachlich zu kritisieren, entsprechende Schauspielerin dann aber auf Social Media mit rassistischen Kommentaren niederzumachen absolut nicht. Ich bin zugegebenermaßen nicht der größte von Fan Reva, aber Moses Ingram trägt dafür nun wirklich nicht die Verantwortung. Auf mich wirkt sie konzeptionell ähnlich wie Kylo Ren, gewissermaßen eine unwillige Anhängerin der Dunklen Seite, allerdings mit deutlich handfesterer Motivation: Infiltrieren der Inquisition, um an Vader heranzukommen. In diesem Kontext ist auch Ingrams etwas überdrehtes Spiel in den frühen Episoden verständlich: Reva kompensiert. Aber auch hier schadet die suboptimale Erzählstruktur und die ungeschickte Inszenierung der Serie dem Handlungsbogen – vor allem, was die Auflösung angeht. Es ist auf konzeptioneller und thematischer Ebene gut verständlich, weshalb Reva Luke töten möchte, da es sehr gut die Order-66-Flashbacks widerspiegelt: Reva ist genau zu dem geworden, was sie eigentlich vernichten wollte. Handlungslogisch ergibt dieser Abstecher allerdings keinerlei Sinn und lenkt nur vom eigentlich Kern und der Obi-Wan/Vader-Begegnung ab.

Verordnung im Franchise
Die Einordnung von „Obi-Wan Kenobi“ im Franchise ist in mehr als einer Hinsicht eine recht interessante Angelegenheit, sowohl im Bezug auf die Filme, als auch auf frühere Legends-Werke. In Episode IV erhalten wir einige mehr oder weniger nebulöse Angaben zur Vorgeschichte: „When I left you I was but the learner. Now I am the master.“ Diese Aussage impliziert eine Niederlage Vaders gegen Obi-Wan; bisher wurde sie primär auf „Revenge of the Sith“ bezogen, „Obi-Wan Kenobi“ rekontextualisiert dies (und vieles andere) aber nun natürlich. Und irgendwann muss Obi-Wan natürlich auch erfahren haben, dass Anakin ihr Duell überlebt hat, denn in „A New Hope“ ist er sich dessen sehr bewusst. In wie fern das alles, auch in Hinblick auf die Beziehung zwischen Obi-Wan und Leia, passend ist, ist diskutabel, das war es aber auch schon bei „Revenge of the Sith“. Der Wortwechsel zwischen Vader und Obi-Wan in der sechsten Episode der Serie bemüht sich jedenfalls sehr, die Fronten zu klären: Vader legt dar, dass nicht Obi-Wan versagt hat, sondern dass er, Vader, Anakin getötet habe, woraufhin Obi-Wan beginnt, ihn „Darth“ zu nennen, wie er es auch in Episode IV tut.

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Owen Lars (Joel Edgerton)

„Obi-Wan Kenobi“ ist auch insofern interessant, da es im Legends-Bereich quasi direkte Gegenstücke gibt – zumindest im Bezug auf Star-Wars-Serien durchaus ein Novum. Zwar findet kein Rematch zwischen dem Ex-Jedi und seinem Padawan statt, aber es finden sich einige konzeptionell ähnliche Romane. Primär wären das John Jackson Millers „Kenobi“ und die Kinderbuchreihe „The Last of the Jedi“ von Jude Watson. In Ersterem macht Obi-Wan eine ähnliche Charakterentwicklung durch und lernt, mit den Ereignissen aus „Revenge of the Sith“ umzugehen, allerdings ohne dabei Tatooine zu verlassen. „Kenobi“ ist eine sehr begrenzte, „kleine“ Geschichte, in der es, neben Obi-Wans Trauma, primär um einen Konflikt zwischen Feuchtfarmern und Tusken geht. Im Gegensatz dazu verlässt Obi-Wan in „The Last of the Jedi“ sein Exil, verbündet sich mit einem anderen Order-66-Überlebenden namens Ferus Olin und bekommt es auch mit Inquisitoren zu tun – das Konzept dieser Jedi-Jäger stammt ursprünglich aus den Legends-Werken, auch wenn sie sich von ihren Disney-Gegenstücken durchaus unterscheiden. Dass Anakin/Vader überlebt hat und als Cyborg durch die Gegend marschiert, erfährt Obi-Wan zudem in James Lucenos „Dark Lord: The Rise of Darth Vader“ – in diesem Roman nimmt auch Qui-Gon Jinns Machtgeist zum ersten Mal mit ihm Kontakt auf. Es sei zudem zu erwähnen, dass sich Qui-Gon in Legends nie körperlich manifestieren konnte, er war immer nur zu hören. Neben dem Rematch findet sich der größte Unterschied zwischen Kanon und Legends in dem Umstand, dass alle dieser Obi-Wan-Geschichten relativ kurz nach „Revenge of the Sith“ spielen, während zwischen Film und Serie zehn Jahre liegen.

Zudem baut „Obi-Wan Kenobi“ eine ganze Reihe an Verweisen zum Disney-Kanon und sogar zu diversen Legends-Werken ein. Die Basis der Inquisitoren stammt beispielsweise aus „Jedi: Fallen Order“ – tatsächlich wirkt die vierte Episode fast wie die Verfilmung einer Mission dieses Spiels. Die Legends-Anspielungen sind zumeist etwas subtiler, die Serie etabliert, dass Quinlan Vos, wie in Legends, Order 66 überlebt hat und etabliert zudem mehr oder weniger die Existenz des Post-Endor-Jedi-Ritters Corran Horn. Der Planet Jabiim, auf dem die Handlung der fünften Episode stattfindet, hat in den Republic-Comics der frühen 2000er zudem eine besondere Bedeutung, dort kämpft Anakin in einer ihn stark prägenden Schlacht, während Obi-Wan von den Separatisten gefangengenommen und an Asajj Ventress ausgeliefert wird. Die Serie benutzt allerdings nur diesen Namen.

Soundtrack

Wie bei vielen anderen Aspekten von „Obi-Wan Kenobi“ gab es auch bei der Musik einige Probleme hinter den Kulissen. Als Komponistin wurde Natalie Holt ausgewählt, die sich mit dem ebenso gelungenen wie kreativen Score der MCU-Serie „Loki“ einen Namen machen konnte. Deutlich später wurde dann verkündet, John Williams höchstpersönlich werde, wie schon bei „Solo“, ein Thema für die Hauptfigur beisteuern. Holt hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen großen Teil der Musik für die Serie komponiert. Auf Williams Empfehlung (oder Anweisung) hin zog man William Ross, einen langjährigen Williams-Mitarbeiter hinzu, der beispielsweise bereits bei „Harry Potter and the Chamber of Secrets“ ausgeholfen hatte, um Williams‘ neues Thema für die entsprechenden Szenen zu adaptieren. Zusätzlich oblag es Ross, einige der klassischen Star-Wars-Leitmotive unterzubringen. Wie aus einem Interview mit Holt hervorgeht, wussten sowohl sie als auch Deborah Chow lange nicht, ob die ikonischen Themen überhaupt verwendet werden durften, weshalb Holt auf die verzichtete. Auch hier war es anscheinend Williams selbst, der anregte (oder verlangte), sie auf ein Minimum bzw. auf die letzte Folge zu beschränken. So sehr ich Williams auch als Komponisten und musikalischen Geschichtenerzähler schätze, diese Entscheidung halte ich für völlig verkehrt.

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Der Großinquisitor (Rupert Friend)

Aber betrachten wir zuerst das neue Obi-Wan-Thema. Entgegen anderslautender Behauptungen hatte Obi-Wan in „A New Hope“ tatsächlich ein eigenes Leitmotiv – nur dass dieses Leitmotiv sehr schnell zum Thema der Macht insgesamt „mutierte“ und diese auch heute noch repräsentiert – in der ursprünglichen Partitur wird es jedoch als „Ben’s Theme“ bezeichnet. Das neue Williams-Thema passt sich hervorragend in das leitmotivische Netz des Franchise ein, ähnlich wie bei Reys Thema gibt es viele Anknüpfungspunkte zu anderen Themen der Saga, primär natürlich dem Machtthema. Darüber hinaus verströmt es ein gewisses wagnerianisches Flair, mich persönlich erinnerte es beim ersten hören an Siegfrieds Thema aus dem „Ring des Nibelungen“ (am besten zu hören in Siegfrieds Trauermarsch), allerdings weniger heroisch und eher traurig und introspektiv.

Bei den Stücken, die auf dem offiziellen Album zu finden sind, wird eindeutig zugeordnet, welche von Holt und welche von Ross stammen – wie zu erwarten war, taucht das Williams-Thema nur in den Ross-Tracks auf. Diese klingen insgesamt auch in deutlich stärkerem Ausmaß nach Williams, während sich Holt eher modernerer Stilmittel bedient – sowohl Synth-Elemente als auch exotische Instrumentierung zur Repräsentation verschiedener Schauplätze spielen hier eine deutlich größere Rolle. Das sorgt dafür, dass beide Teile des Scores stilistisch nie so recht zusammenfinden wollen. Holts Musik ist keinesfalls schlecht, für meinen Geschmack allerdings teilweise etwas unpassend: Es ist durchaus angemessen, dass Serien wie „The Mandalorian“ oder „The Book of Boba Fett“ in einem individuellen, moderneren Stil komponiert sind, gerade bei dieser Serie, die so von den Prequels abhängig ist, wäre es in meinen Augen wichtig gewesen, diesen Umstand durch die Musik auszudrücken.

Und damit wären wir auch schon bei der Verwendung der altbekannten Themen: Wie essentiell diese sind, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlen. Dieser Umstand trägt zumindest für mich oft zu der Wahrnehmung bei, dass bei der Inszenierung einfach etwas nicht stimmt. Holt liefert durchaus neue Themen für bekannte Figuren, etwa für Leia oder Vader (letzteres Motiv ist irgendwo zwischen dem Rhythmus des Imperialen Marsches und des ursprünglichen Vader-Motivs aus Episode IV), zusätzlich zu dem einen oder anderen völlig neuen Motiv, etwa für die Inquisitoren. Diese sind allerdings selten mehr als funktional. Hin und wieder finden sich subtile Andeutungen, Vaders neues Thema scheint sich im Verlauf des Scores immer weiter dem Imperialen Marsch zu nähern, sehr gut vernehmbar in Empire Arrival, gegen Ende von No Further Use taucht bereits eine kurzen Andeutung des Imperialen Marsches auf (an die ich mich in der Serie selbst aber nicht erinnern kann) und in First Rescue baut Ross einen kurzen Hinweis auf den Main Title ein.

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Tala Durith (Indira Varma)

Tatsächliche, volle Statements der ikonischen Themen finden sich am Ende von Overcoming the Past (Imperialer Marsch) und Saying Goodbye (Machtthema und Leias Thema). Ich verstehe die Idee, sich die „großen Themen“ bis ganz zum Schluss aufzuheben, das kann durchaus gut funktionieren, ein Beispiel wäre etwa David Arnolds „Casino Royale“. Da der Imperiale Marsch aber bereits zuvor in den Prequels Verwendung fand, überzeugt mich die Argumentation, Vader müsse sich sein ikonisches Leitmotiv erst verdienen, absolut nicht. Vor allem ist „Obi-Wan Kenobi“ für mich eine verpasste Chance: Während die Themen der OT in den Sequels ausgiebig (und mal mehr, mal weniger gelungen) verarbeitet wurden, zeigte man sich in den Disney-Produktionen gegenüber den Prequel-Themen zumeist sehr stiefmütterlich, der kurze Einsatz von Duel of the Fates in „Solo“ war praktisch das höchste der Gefühle. Anakins oder Qui-Gons Thema hätten sich wirklich ideal angeboten und der Umstand, dass im großen Duell zwischen Vader und Obi-Wan keine neue Variation von Battle of the Heroes erklingt, ist fast schon kriminell. Man merkt, dass Ross im entsprechenden Stück, I Will Do What I Must, versuchte, etwas an Duel of the Fates oder Battle of the Heroes erinnerndes zu schreiben, aber es wirkt eben doch wie eine bloße Nachahmung.

Fazit: „Obi-Wan Kenobi“ ist eine ebenso zwiespältige wie frustrierende Erfahrung. Einerseits ist viel Potential vorhanden und zudem bietet die Serie vor allem eine grandiose Rückkehr von Ewan McGregor und anderen Prequel-Darstellern wie Jimmy Smits, Joel Edgerton oder Hayden Christensen. Andererseits geht aber viel durch suboptimale Inszenierung, holprige Erzählweise, Mangel an Fokus und schlichte Redundanz verloren. Irgendwo in dieser aufgeblähten Miniserie steckt ein guter Film, wie einige kreative Fans bereits bewiesen haben…

Trailer

Bildquelle (© 2022 Lucasfilm Ltd. & ™. All Rights Reserved.)

Siehe auch:
The Mandalorian Staffel 1 & 2
The Book of Boba Fett
Kenobi

First Kill Staffel 1

„Twilight“ war das letzte „revolutionäre“ Ereignis, dass den Vampirfilm bzw. die Vampirliteratur dominierte. Seither dümpelt dieses Horror-Subgenre mehr oder weniger vor sich hin und wurde primär von Twilight-Nachahmern wie „The Vampire Diaries“ oder von Kontrastprogrammen wie „The Strain“ dominiert – „True Blood“ fällt ironischerweise in beide Kategorien. Neben der einen oder anderen Indie-Perle wie „Only Lovers Left Alive“ oder „What We Do in the Shadows“ (Film wie Serie) und der obligatorischen Dracula-Neuinterpretation – sei es die misslungene Origin-Story „Dracula Untold“ oder die zumindest unterhaltsame BBC/Netflix-Adaption von 2020 – hat sich in den letzten Jahren an dieser Front sehr wenig getan. Literatur oder gar Rollenspiele sind natürlich noch einmal eine andere Geschichte, aber die Mainstreamwahrnehmung konzentriert sich nun einmal primär auf Filme und Serien. Vor Kurzem startete auf Netflix die acht Episoden umfassende erste Staffel von „First Kill“, die vielleicht eine ganz Momentaufnahme des Genres bietet.

Handlung und Konzeption
Schöpferin von „First Kill“ ist die amerikanische Autorin Victoria Schwab, das Konzept der Serie stammt aus der gleichnamigen Kurzgeschichte, die Schwab selbst für die Anthologie „Vampires Never Get Old: Tales With Fresh Bite“ verfasste. Im Zentrum stehen die beiden Teenager Juliette Fairmont (Sarah Catherine Hook) und Calliope „Cal“ Burns (Imani Lewis), die auf dieselbe High School gehen und sich ineinander verlieben. Unglücklicherweise sind Juliette und Calliope gewissermaßen natürlich Feinde, denn Erstere ist die jüngste Tochter einer Dynastie mächtiger Vampire, während Letztere zu einer Familie hingebungsvoller Monsterjäger gehört. Beide haben darüber hinaus mit ihrem „ersten Kill“ zu kämpfen: Um zur vollwertigen Vampirin zu werden, muss Juliette einen Menschen komplett aussagen, während Calliope endlich ihr erstes Monster töten möchte. Ein paralleler Mordversuch an der jeweils anderen geht zwar schief, sorgt aber dafür, dass beiden Familien aufeinander aufmerksam werden. Gleichzeitig merken Juliette und Calliope, dass sie, trotz der inhärenten Feindschaft, einfach nicht voneinander lassen können…

Dass es sich bei „First Kill“ um eine Anlehnung an Shakespeares „Romeo and Juliet“ handelt, ist geradezu überdeutlich – als wäre der Name einer der Protagonistinnen nicht schon genug, wird exakt dieses Stück gerade in der High School aufgeführt. Konzeptionell erinnert vieles darüber hinaus an eine CW-Serie – „The Vampire Diaries“ und die diversen Spin-offs sind natürlich der primäre Referenzpunkt. Der größte Unterschied ist beim Umfang zu finden; während die typische Staffel einer CW-Serie ca. 20 Folgen beinhaltet (und typischerweise viel zu lang ist), hat „First Kill“ lediglich acht. Davon abgehen sind die Parallelen allerdings nicht zu übersehen: Von der Inszenierung, dem relativ niedrigen Budget und der Musikauswahl über die Handlungsführung und Figurenkonzeption bis hin zu dem Umstand, dass hier nicht nur Vampire, sondern auch alle möglichen anderen Monster und Horrorgestalten aktiv sind, verweist so vieles „The Vampire Diaries“.

Umsetzung
Tatsächlich fängt „First Kill“ mit einer verhältnismäßig vielversprechenden ersten Folge an, die die beiden Protagonistinnen relativ ausführlich vorstellt. Wer sich im Vorfeld nicht wirklich mit der Serie auseinandergesetzt hat, könnte zudem auf die Idee kommen, dass es sich bei Calliope und nicht bei Juliette um die Vampirin handelt; Letztere wird gerade hier eher wie Bella Swann oder Elena Gilbert in Szene gesetzt, während Calliope der mysteriöse Neuankömmling ist, der den Status Quo durcheinanderbringt. Zudem zeigt die erste Folge sehr schön die Parallelen beider Figuren auf, sowohl Calliope als auch Juliette streben danach, endlich zu vollwertigen Mitgliedern ihrer jeweiligen Familie zu werden, hadern aber zugleich mit dem Preis, den sie dafür zahlen müssen. Schließlich und endlich ist auch die Chemie zwischen den beiden jungen Darstellerinnen durchaus brauchbar und vor allem authentisch. Über den weiteren Verlauf hat diese erste Staffel allerdings oft mit denselben Problemen wie „The Vampire Diaries“ zu kämpfen: Suboptimale Drehbücher, schlechte Dialoge und, gemessen an dem, was die Serie bezüglich der Monster zeigen und erreichen möchte, ein deutlich zu niedriges Budget – wann immer CGI zum Einsatz kommt, sieht es ziemlich fürchterlich aus. In der Wahl der Handlungsorte ist die Serie ebenfalls recht eingeschränkt und muss primär mit der High School sowie auf den Häusern der beiden Familien zurechtkommen. Auch visuell ist „First Kill“ leider nicht allzu interessant – zwar bedient sich der Serie Kreaturen des Horror-Genres, selten aber geht die Inszenierung tatsächlich in diese Richtung, alles ist sehr sauber und glattgebügelt. Da die Vampire der Serie mit der Sonne keine Probleme zu haben scheinen und das High-School-Element ein wichtiger Faktor ist, finden sich für ein Vampir-Medium sehr viele Tageslichtszenen. Ein wenig überraschend sind dagegen die immer wieder (zumindest verhältnismäßig) ordentlichen Gewaltspritzen – anders als im völlig blutleeren „Twilight“ fließt hier wenigstens hin und wieder roter Saft.

Die schauspielerischen Leistungen sind ebenfalls eher durchwachsen – „First Kill“ funktioniert tatsächlich am besten, wenn es sich auf das zentrale Pärchen konzentriert, während die Machenschaften der beiden Familien rasch uninteressant werden. Das gilt in besonderem Ausmaß für Juliettes Vampirsippe: Was auf dem Papier interessante Konflikte innerhalb einer untoten Gesellschaft sein könnten, wird in der Umsetzung aufgrund der flachen Inszenierung zu einer eher drögen Angelegenheit. Die markantesten Figuren abseits der beiden Protagonistinnen sind zweifelsohne die Mütter, die ähnlich wie ihre Töchter als Spiegelbilder angelegt sind. Sowohl Calliopes Mutter Talia (Aubin Wise) als auch Juliettes Mutter Margot (Elizabeth Mitchell) schwanken zwischen Liebe und Fürsorge für ihre Kinder und ihren Partner und Verpflichtungen, die das Jäger- bzw. Vampirdasein mit sich bringt. Beide werden diesbezüglich im Verlauf der Serie auf die Probe gestellt. Deutlich weniger markant und mitunter sogar fast schon nervig sind die Umtriebe der diversen Geschwister, auf der Vampirseite Elinor (Gracie Dzienny) und Oliver (Dylan McNamara) und auf der Jäger-Seite Apollo (Dominic Goodman) und Theo (Phillip Mullings, Jr.). Besonders hier sind die bereits erwähnten schwachen Dialoge sowie nicht besonders überzeugendes Overacting sehr ausgeprägt. Zudem franzen die Handlungsstränge gegen Ende immer weiter aus und kulminieren schließlich in einem völlig offenen „Finale“, das wirklich keinerlei Abschluss bringt und nur noch mehr Fragen aufwirft.

„First Kill“ im Genre-Kontext
Homosexualität begleitet den Vampir praktisch seit seinen ersten literarischen Gehversuchen, noch implizit in John William Polidoris „The Vampyre“ und dann schon sehr explizit (und für „First Kill“ deutlich relevanter) in Joseph Sheridan LeFanus „Carmilla“ – zumindest nach damaligen Maßstäben ein regelrecht progressives Werk. Auch in Anne Rice‘ Romanen ist die Thematik sehr präsent, nicht zuletzt da gut 70 Prozent der auftauchenden Figuren männlich sind, und wird in späteren Werken noch deutlich prominenter. „True Blood“ etwa thematisiert nicht nur sehr explizit homosexuelle Beziehungen essentieller Figuren wie Lafayette oder Pam, sondern verwendet Vampire als nicht unbedingt subtile Metapher (Stichwort: „God Hates Fangs“), die angesichts der Handlungsentwicklung späterer Staffeln allerdings ihrerseits wieder problematisch wird. „First Kill“ orientiert sich dagegen in der Darstellung des zentralen queeren Pärchens eher an der Web-Serie „Carmilla“ (womit wir den Kreis geschlossen hätten). Während frühere Verfilmungen, etwa Hammers „The Vampire Lovers“ (1970) mit Ingrid Pitt als Carmilla, primär auf den Exploitationfaktor und die Fetischisierung des „lesbischen Vampirs“ abzielten, bemüht sich diese sehr freie Adaption, die Sexualität der Figuren als etwas völlig Natürliches darzustellen, ohne Fetischisierung, ohne Metapher, Queerness und Vampirismus als pure Korrelation ohne jegliche Kausalität. Es sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass besagte Webserie mit einem noch einmal deutlich beschränkteren Budget weitaus kreativere Dinge anstellt als „First Kill“.

Die High School als Setting einer Vampirgeschichte ist natürlich ein fest etabliertes Element, bereits „Buffy the Vampire Slayer“ bediente sich dieses Handlungsortes und spätestens seit „The Vampire Diaries“ und „Twilight“ sind jahrhundertalte Vampire, die aus Spaß an der Freude wieder zur Schule gehen, nichts Besonderes mehr. In diesem Kontext ist „First Kill“ tatsächlich eine Ausnahme, denn Juliette wirkt nicht nur wie eine Schülerin, es ist ihr tatsächliches Alter. Die Beziehung zwischen Mensch und Vampir erzeugt, nicht nur durch die übernatürliche Natur, sondern eben oft auch durch das hohe Alter, oft ein Machtgefälle, dass in dieser Form in der Netflix-Serie völlig entfällt, da Calliope als Jägerin mit Juliette quasi auf einer Stufe steht – der gegenseitige misslungene Tötungsversuch in der ersten Folge unterstreicht das.

Was die mythologischen Hintergründe der Vampire angeht, verlässt „First Kill“ kaum die ausgetretenen Pfade. Bei Juliettes Familie handelt es sich nicht einfach nur um „gewöhnliche“ Vampire, sondern um sog. „Legacy Vampires“, besonders mächtige Exemplare, die praktisch nicht zu töten sind – möglicherweise angelehnt an die ähnlich unkaputtbaren „Originals“ aus „The Vampire Diaries“. Ein weiteres Mal führt man den vampirischen Ursprung, wie in „True Blood“ und so vielen anderen Werken, auf Lilith zurück und räumt sogar der biblischen Schlange einen wichtigen Platz ein – auch diese Idee ist nicht neu und wurde u.a. bereits im Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Requiem“ bemüht. Aufgrund des Lilith-Ursprungs ist die Vampirgesellschaft der Serie matriarchalisch organisiert und arbeitet mit rituellen Schlangen. Dieser Aspekt treibt im Verlauf der Serie noch sehr merkwürdige Blüten, als Juliettes Vater Jack (Jason R. Moore), zu Beginn noch ein gewöhnlicher Vampir, der von seiner Frau Margot aus Liebe zum Blutsauger gemacht wurde, von seiner Schwiegermutter Davina Atwood (Polly Draper) in einen Legacy Vampir verwandelt wird, nur um diese kurz darauf zu verspeisen.

Oft finden sich zudem – gewollt oder ungewollt – auf visueller oder inhaltlicher Ebene viele Verweise auf Vampirfilme und -serien der letzten 30 Jahre: Als Calliopes Jägerfamilie eine Versammlung der Legacy Vampire angreift, tut sie das in schwarzen Blade-Gedächtnis-Outfits inklusive Sonnenbrillen mitten in der Nacht. Auch Anne Rice wird nicht ausgespart: Die (wenn auch recht inkonsequent) mit ihrer Vampirnatur hadernde Juliette ist konzeptionell schon sehr nah an Louis und in einer der späteren Folgen geht sie gemeinsam mit ihrer Schwester Elinor auf die Jagd, um endgültig eine Louis-Lestat-Dynamik zu etablieren – inklusive der korrekten Haarfarben. Die Idee, die Romeo-und-Julia-Thematik mit Horrogestalten durchzuspielen, wurden ebenfalls bereits mehrfach umgesetzt, am prominentesten wohl in Len Wisemans „Underworld“ (2003), während die Beziehung zwischen Vampir und Jäger des Öfteren in „Buffy the Vampire Slayer“ thematisiert wurde.

Fazit: „First Kill“ ist als geistiger Nachfolger von „The Vampire Diaries“ zwar nicht unbedingt zu empfehlen, funktioniert aber ganz gut als Indikator dafür, wo der Vampirfilm bzw. die Vampirserie aktuell steht, besonders, da viele Entwicklungen des Genres hier in komprimierter Form zu finden sind. Was hingegen kaum auftaucht, sind neue Impulse. Je nachdem, wie erfolgreich „First Kill“ ist und wie gut die Serie ankommt, könnte sie entweder eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Genres spielen oder zu einer bloßen, unbedeutenden Fußnote, gewissermaßen einer Momentaufnahme werden.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Carmilla
Geschichte der Vampire: Interview with the Vampire
Geschichte der Vampire: Secret Origins
The Vampire Diaries
Dracula (BBC/Netflix)

The Book of Boba Fett

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Boba Fett ist zweifellos eine der beliebtesten Nebenfiguren des Franchise, bereits in „The Empire Strikes Back“ wusste der enigmatische Kopfgeldjäger viele Fans von sich einzunehmen. Über die Jahre hinweg versorgten Romane und Comics das Fandom mit mehr Fett, u.a. wurde in der Comicserie „Dark Empire“, verfasst vom kürzlich verstorbenen Tom Veitch und bebildert von Cam Kennedy, enthüllt, dass Boba seinen eher unrühmlichen Tod in „Return of the Jedi“ überlebt hatte. Mit „Attack of the Clones“ verpasste ihm George Lucas schließlich einen Hintergrund, der sich sehr von dem unterschied, was diverse EU-Autoren zuvor über seine Vergangenheit berichtet hatten. Dass Disney sich Boba Fetts Popularität nicht entgehen lassen würde, war von Anfang an ziemlich klar. Lange wurde spekuliert, bei dem Anthologie-Film, bei dem Josh Trank Regie führen sollte, handle es sich um einen Boba-Fett-Film. Sein Live-Action-Debüt in einem Disney-Projekt feierte Boba schließlich in der zweiten Staffel von „The Mandalorian“, gespielt von Jango-Fett-Darsteller Temuera Morrison. Dieselbe Staffel teaserte am Ende auch die zweite Star-Wars-Realserie „The Book of Boba Fett“ an. Und hier sind wir also: Die komplette erste Staffel (ob es eine zweite geben wird steht aktuell noch nicht fest) ist komplett auf Disney+ anschaubar und umfasst sieben Episoden.

Handlung
Nachdem Boba Fett (Temuera Morrison) seine Rüstung zurückbekommen hat, kehrt er zusammen mit Fennec Shand (Ming-Na Wen) nach Tatooine zurück und übernimmt Jabbas altes Territorium. Damit ist es aber nicht getan, als neuer Daimyo muss er sich erst einmal einen Namen machen und Verbündete finden, denn nur mit Fennec und Jabbas altem Folterdroiden 8D8 (Matt Berry) wird er nicht allzu weit kommen. Während einige einflussreiche Einwohner der nahe gelegenen Stadt Mos Espa, etwa die Cantinabesitzerin Garsa Fwip (Jennifer Beals) Bobas Anspruch akzeptieren, sind andere wie beispielsweise der Bürgermeister Mok Shaiz (Robert Rodriguez) und sein Twi’lek-Handlanger (David Pasquesi) weit weniger einsichtig. Zudem haben diverse Parteien ein gesteigertes Interesse an Tatooine, darunter die Spice schmuggelnden Pykes und die Zwillinge, zwei Hutts aus Jabbas Verwandtschaft. Verbündete findet Boba in zwei Gamorreanern, die zuvor für Jabba und Bib Fortuna arbeiteten, dem Wookiee Black Krrsantan (Carey Jones) und den Mitgliedern einer Cyborg-Gang.

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Boba Fett (Temuera Morrison)

Während sich Boba Fetts Syndikat und die Pykes für den Krieg gegeneinander rüsten, erfahren wir in Rückblicken, was sich in der Zeit zwischen „Return of the Jedi“ und Bobas Auftauchen in der zweiten Mandalorian-Staffel ereignet hat: Nachdem er sich aus dem Sarlacc retten kann, wird Boba von einer Gruppe Tusken gefangen genommen, deren Respekt er nach und nach erringt und der er hilft, gegen die Agenten der Pykes zu kämpfen. So wird Boba Teil des Stammes, doch die Zugehörigkeit hält nicht lange an, denn die Tusken werden augelöscht. So muss Boba nun eine neue Bestimmung finden. Nachdem er Fennec Shand davor rettet, in der Wüste zu sterben, beginnt sich ein Plan zu formen: Warum nicht Jabbas altes Imperium übernehmen?

Konzeption und Struktur
Mehr noch als „The Mandalorian“ arbeitet „The Book of Boba Fett” die Western-Elemente von Star Wars heraus, zusätzlich hat die zweite Star-Wars-Serie allerdings auch einen deutlich erhöhten Pulp-Faktor, der sich auf diese Weise im etwas geerdeteren „The Mandalorian“ nicht findet. Rückblickend betrachtet scheint es mir aber besonders eine Inspirationsquelle zu geben, die in der Rezeption allerdings eher selten erwähnt wird (Ming-Na Wen selbst verwies in einem Interview allerdings auf die Parallelen): Francis Ford Coppolas „The Godfather“ und „The Godfather Part II“ scheinen in mehr als einer Hinsicht (Achtung, schlechtes Wortspiel) Pate gestanden zu haben – und das nicht nur, weil Boba sich hier als Gangster statt als Kopfgeldjäger versucht. Gerade die Flashback-Struktur, derer sich die ersten vier Episoden bedienen, erinnert stark an „The Godfather Part II“, die Beziehung zwischen Boba und Fennec Shand hat Parallelen zu der zwischen Vito Corleone und Luca Brasi und letztendlich ist Vito Corleone das, was Boba Fett am Ende werden will bzw. werden soll: Der Gangsterboss, der mit Respekt herrscht. Wenn Boba in der finalen Szene durch die Straßen Mos Espas schlendert und von alle begrüßt wird, erinnert das unweigerlich sowohl an Don Fanucci als auch an Vito Corleone in den Rückblicken in „The Godfather Part II“.

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Fennec Shand (Ming-Na Wen)

Leider funktioniert diese Herangehensweise hier nicht wirklich. Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe es durchaus genossen, „The Book of Boba Fett“ anzusehen, ich habe mich nicht gelangweilt und hatte meinen Spaß mit der Serie, da sie viele coole Elemente und sehenswerte Bestandteile hat. Letztendlich ist „The Book of Boba Fett“ aber ein Werk, das nie über die Summe seiner Einzelteile hinauswächst und, anders als „The Mandalorian“, nie wirklich zusammenfindet. Mir erscheint es fast ein wenig, als wäre das Konzept dieser Serie als fixe Idee im Writers‘ Room entstanden: „Wäre es nicht cool, aus Boba Fett Vito Corleone zu machen?“, hätte dann aber nicht die entsprechenden Anpassungen erhalten. Das beginnt bereits bei der Ausführung dieser Idee, da nie völlig klar wird, wie Boba sein Vorhaben eigentlich wirklich durchzuführen gedenkt bzw. wie die kriminelle Unterwelt von Tatooine diesbezüglich funktioniert. Zu Beginn besteht Bobas „Organisation“ nur aus Fennec Shand und Jabbas altem Folterdroiden (was für eine Verschwendung des komödiantischen Talents von Matt Berry) – hat er Anspruch auf Jabbes altes Imperium, nur weil er Bib Fortuna getötet und sich im Palast breitgemacht hat? Immerhin erkennen ja einige der Bewohner von Mos Espa Bobas Autorität an, nur, weshalb?

Hinzu kommen einige massive erzählerische Probleme. Ich kann verstehen, weshalb man die Flashback-Struktur für die ersten vier Folgen wählte: Einerseits wollte man direkt an die Mid-Credits-Szene aus der zweiten Mandalorian-Staffel anknüpfen, andererseits aber auch erzählen, was zwischen „Return of the Jedi“ und „The Mandalorian“ geschehen ist. Aber auch hier will alles nicht so recht zusammenfinden, nicht zuletzt, weil es den Flashbacks nicht wirklich gelingt, zu vermitteln, dass sie eine Zeit von fünf Jahren abdecken – die Einteilung bleibt relativ schwammig, es gibt keinen Indikator dafür, wie lange Boba beispielsweise bei den Tusken war. Zudem haftet der Strukturierung der Flashbacks eine gewisse Willkür an. Das Idealbeispiel für eine derartige Struktur ist neben „The Godfather Part II“ für mich immer „Batman Begins“ wo die Rückblicke stets Fragen beantworten, die in der Gegenwartshandlung zuvor aufgeworfen werden.

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Garsa Fwip (Jennifer Beals)

Und dann ist da natürlich noch der Umstand, dass „The Book of Boba Fett“ nach vier Folgen und dem Abschluss der Flashback-Handlung temporär jegliches Interesse am Protagonisten und seinem Wirken verliert und uns stattdessen gefühlt zwei Folgen aus der dritten Staffel von „The Mandalorian“ zeigt; in der fünften Folge kommt Boba überhaupt nicht vor, in der sechsten hat er das, was man gerne als „non speaking cameo“ bezeichnet – und das in seiner eigenen Serie. Die finale siebte Folge schließlich, in der die Schlacht um Mos Espa gezeigt wird, zeigt die Probleme der Serie noch einmal kondensiert: Wie die gesamte Staffel hat auch diese Abschlussfolge viele coole Ideen, seien es die Scorpenek-Droiden oder der Rancor in Aktion, in letzter Konsequenz will aber alles nicht so recht zusammenfinden, was zum Teil auch an der Regieführung liegt – hier schwankt die Serie mitunter stark. Gerade die inszenatorischen Schwächen der siebten Folge, die den Titel „In the Name of Honor“ trägt, hat mal wieder zu Übersprungshandlungen bei Star-Wars-Fans geführt, die per Petition erreichen wollten, dass Robert Rodriguez nie wieder im Franchise aktiv wird. So idiotisch ich derartige Reaktionen auch finde, Rodriguez‘ Folgen (eins, drei und sieben) waren definitiv die schwächeren dieser Staffel, und auch der sehr unfokussierten sechsten Folge, „From the Desert Comes a Stranger“, merkt man an, dass Dave Filoni im Regie-Bereich noch das eine oder andere lernen muss. Die diesbezüglich stärksten Folgen waren zweifelsohne Kapitel 2, „The Tribes of Tatooine“ von Steph Green und Kapitel 5, „Return of the Mandalorian“ von Bryce Dallas Howard. Letztere hat auch in den beiden Mandalorian-Staffeln sehr gute Arbeit geleistet und ein gewisses Händchen für die weit, weit entfernte Galaxis bewiesen; vielleicht wäre sie eine gute Kandidatin für einen wie auch immer gearteten Star-Wars-Film.

Boba und das Ensemble
Boba Fetts Charakterisierung war über die verschiedenen Medien hinweg nie besonders kohärent. Die Figur, wie sie in Episode V und VI auftaucht, gibt einem als Autor, der den Kopfgeldjäger weiterentwickeln soll, auch nicht allzu viel an die Hand. Selbst vor Episode II war seine Persönlichkeit über das Badasstum hinaus nicht unbedingt konsistent, mitunter wurden ihm sogar zolibatäre Tendenzen angedichtet. Nach „Attack of the Clones“ konzentrierte man sich in den Legends-Romanen und -Comics stärker auf Boba als Träger des mandalorianischen Vermächtnisses von Jango, er erhielt nicht nur eine Jugendbuchserie, die schildert, wie er mit dem Tod seines Vater umgeht und die Klonkriege erlebt, in der Buchreihe „Legacy of the Force“ macht ihn Autorin Karen Traviss gar auf seine alten Tage zum neuen Mandalore. „The Book of Boba Fett“ möchte uns nun einen Boba zeigen, der nach dem Ausflug in den Sarlacc endgültig genug davon hat, sich als Kopfgeldjäger seine Brötchen zu verdienen. Von seinem Tusken-Stamm lernt er den Wert der Gemeinschaft, um anschließend als ehrbarer Gangsterboss Mos Espa bzw. Tatooine (wie groß genau sein Einflussgebiet nun ist, wird nicht definiert) zu kontrollieren. Ob diese Entwicklung konzeptionell zu dem rücksichtslosen Kopfgeldjäger, den wir in Episode V kennen lernen, oder den vorherigen Darstellungen passt, ist sicher diskutabel, aber selbst wenn wir davon ausgehen, scheitert „The Book of Boba Fett“ letztendlich an der Umsetzung. Für mich persönlich ist Bobas Entwicklung einerseits zu plakativ und andererseits nicht unbedingt nachvollziehbar, was primär an der unsauberen Erzählweise liegt. In welche Richtung das gehen soll, zeigt sich bereits in Kapitel 2, und allein von dieser Folge ausgehend hätte das auch funktionieren können, hätte man nicht beschlossen, in den Schnellvorlauf zu gehen und die Tusken gleich in der nächsten Episode offscreen niederzumetzeln. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Stamm stattdessen zur Grundlage von Bobas kriminellem Imperium zu machen. Erschwerend hinzu kommt Bobas schiere Naivität und Blauäugigkeit in der Gegenwartshandlung: Wie genau hat er sich seinen Weg zur Macht eigentlich vorgestellt? Selbst nachdem er zwei Gamorreaner auf seine Seite gebracht hat, ist er allen anderen Fraktionen nach wie vor gnadenlos unterlegen, ein erstes Attentat überlebt er durch schieres Glück. Boba scheint einfach nicht das zu haben, was man als Gangsterboss braucht, sowohl im Bezug auf Verstand als auch auf Rücksichtslosigkeit. Ich denke, hier liegt ein Problem vor, dass viele Geschichten haben, die vorgeben, einen Antihelden oder Schurken als Protagonisten zu haben: Die kreativen Köpfe haben Angst davor, zu weit zu gehen und ihr Publikum zu entfremden. Egal ob Maleficent im nach ihr benannten Film oder Dracula in „Dracula Untold“, beide Filme haben dasselbe Problem wie „The Book of Boba Fett“. Selbst die rücksichtslose Brutalität, mit der Boba in der zweiten Mandalorian-Staffel gegen die Sturmtruppen vorging, findet sich hier nicht. So ungern ich das sage, Boba Fett ist in seiner eigenen Serie einfach zu nett. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass wir keinen wirklich Einblick in Bobas Charakter vor dem Sturz in den Sarlacc erhalten und so nicht einmal ein wirkungsvoller Kontrast etabliert wird – die Serie verlässt sich fast ausschließlich auf seinen im Fandom vorherrschenden Ruf.

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Black Krrsantan (Carey Jones)

Die Charakterisierung der anderen Figuren lässt leider ebenfalls zu wünschen übrig. Wie bereits erwähnt stellt „The Book of Boba Fett“, gerade im Figurenbereich, eine Reihe wirklich cooler Konzepte vor, arbeitet sie dann aber kaum aus. Dafür, dass Fennec Shand beispielsweise neben Boba eigentlich die zentrale Figur der Serie ist, erfahren wir kaum mehr über sie, als wir aus ihren Auftritten in „The Mandalorian“ ohnehin schon wissen. Zudem bleibt ihre Beziehung zu Boba merkwürdig undefiniert. Mina-Na Wen tut mit dem Material, das sie bekommt, was sie kann, aber es ist einfach nicht besonders viel. Mit dem Wookiee Black Krrsantan, den Cyborg-Bikern oder dem von Danny Trejo gespielten Rancor-Trainer verhält es sich sehr ähnlich. Überall wäre sehr viel Potential vorhanden, aber Dave Filoni, Jon Favreau und Robert Rodriguez belassen es bei einer sehr oberflächlichen Ausarbeitung.

Noch schwerer wiegt der Mangel an wirklich eindringlichen Antagonisten – Bobas Feinde bleiben über weite Strecken undefiniert und gesichtslos. Zu Beginn scheinen die beiden Hutt-Zwillinge die primären Antagonisten zu sein, das hat sich aber nach ihrem zweiten Auftritt bereits wieder erledigt. Die Pykes, die wir bereits aus „The Clone Wars“ und „Solo“ kennen, rücken schließlich als die Unterweltfraktion an, die das größte Interesse an Tatooine hat, liefern aber kein wirkliches Gesicht mit: Weder der Bürgermeister von Mos Espa, noch der Sprecher des Syndikats eignen sich wirklich als funktionierender Antagonist. Natürlich ist da noch Cad Bane (Corey Burton), doch dieser taucht viel zu spät und zu wenig auf, um in dieser Rolle funktionieren zu können. Durch diese Gesichtslosigkeit verliert Bobas Sieg am Ende an Bedeutung. Es hätten ja nicht gleich Qi’ra und Crimson Dawn sein müssen, die sich viele Fans in dieser Rolle gewünscht haben, aber irgendjemand, der frühzeitig als funktionierender Antagonist aufgebaut worden wäre, hätte der Serie gut getan.

Mandalorian Staffel 2,5? Verordnung im Franchise
Manchmal könnte man fast den Eindruck bekommen, Filoni, Favreau und Rodriguez ging es weniger darum, tatsächlich eine Geschichte mit Boba Fett zu erzählen, sondern stattdessen eine ganze Menge an Vorarbeit für künftige Serien zu leisten. Die visuell extrem beeindruckende Ringwelt Glavis etwa wirkt für ihr kurzes Vorkommen in der fünften Folge beispielsweise zu aufwendig, weshalb wohl davon auszugehen ist, dass sie auch in zukünftigen Projekten wieder auftauchen wird. Neben derartiger Vorarbeit finden sich auch viele Rückbezüge. Im Guten wie im Schlechten ist „The Book of Boba Fett“ stark im Franchise verwurzelt. Prinzipiell ist das erst einmal positiv, gerade im Vergleich zur Sequel-Trilogie, wo man konstant versuchte, das Rad neu zu erfinden, anstatt sich existierender Ressourcen zu bedienen. Dass die Macher der Disney-Serien sehr wohl sowohl mit dem alten als auch dem neuen Kanon vertraut sind und keine Hemmungen haben, sich daraus zu bedienen, zeigt sich immer wieder, von subtilen Verweisen auf Comics aus den frühen 2000ern, etwa „Jango Fett: Open Season“ in „The Mandalorian“ Staffel 2 oder hier nun „Outlander“, bis hin zur Umsetzung von Figuren, die bislang nur in Romanen, Comics oder Animation auftauchten. Cobb Vanth (aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie, gespielt von Timothy Olyphant) und Ahsoka (aus „The Clone Wars“ und „Rebels“, gespielt von Rosario Dawson) tauchten beide bereits in „The Mandalorian“ auf und dürfen auch in „The Book of Boba Fett“ vorbeischauen, zusätzlich gesellen sich nun Black Krrsantan (aus diversen Comics) und Cad Bane („The Clone Wars“) dazu – und ich bin sicher, dass wir beide nicht zum letzten Mal gesehen haben. Auch darüber hinaus ist die Liebe zum Detail wirklich beeindruckend. So taucht in der zweiten Episode beispielsweise die in Episode IV erwähnte Tosche Station auf, bei der es sich tatsächlich um eine exakte Nachbildung des Sets handelt, das in einer geschnittenen Szene aus „A New Hope“ zu sehen ist. Das nenne ich Hingabe.

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Cad Bane (Corey Burton)

Leider kompensiert das nicht den Bruch nach den ersten vier Folgen. Man verstehe mich nicht falsch, die fünfte Folge, „Return of the Mandalorian“, ist zusammen mit der zweiten die beste der Staffel und besticht durch wirklich gelungene Regiearbeit von Bryce Dallas Howard und vielleicht eine Spur zu viel Fanservice (andererseits: viel Prequel-Liebe), aber in einer Serie mit dem Titel „The Book of Boba Fett“ ist eine Folge, die wunderbar als Auftakt für die dritte Mandalorian-Staffel hätte fungieren können, irgendwie fehl am Platz. Und wenn dann die darauffolgende Episode nochmal ihren Fokus auf Din Djarin (Pedro Pascal) legt und es zudem Auftritte von Grogu, Luke Skywalker (mit verbessertem, aber noch nicht optimalem CGI-Gesicht) und Ahsoka gibt, während der eigentliche Protagonist auf ein stummes Cameo reduziert wird, dann stimmt etwas ganz und gar nicht. Spätestens hier wird man den Eindruck nicht los, dass „The Book of Boba Fett“ letztendlich „The Mandalorian“ Staffel 2,5 ist und in erster Linie dazu dient, Dinge für Kommendes vorzubereiten. Offenbar wollte man zum Auftakt der tatsächlichen dritten Staffel Din und Grogu bereits wieder als Duo zeigen, weshalb ihre Wiedervereinigung als B-Plot ins Finale gepackt wird. All das lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit von Boba Fett ab, sondern sorgt gleichzeitig dafür, dass auch die Mandalorian-Aspekte nicht ausreichend gewürdigt und eher „nebenbei“ abgearbeitet werden. Gerade das Auftauchen von Luke, Ahsoka und Grogu halte ich hier für höchst kontraproduktiv, da ihre Auftritte automatisch alles überschatten.

Soundtrack

Beim Soundtrack haben wir eine ähnliche Situation wie bei „Solo: A Star Wars Story“: Ludwig Göransson, der die Scores der beiden Mandalorian-Staffeln komponierte, steuerte ein Thema für die Titelfigur bei, während ein anderer Komponist, in diesem Fall der mir bislang unbekannte Joseph Shirley, der wohl vor allem als „Score Programmer“ (was auch immer das sein mag) an diversen Göransson-Scores mitarbeitete und dort auch zusätzliche Musik lieferte, die Ausgestaltung übernahm. Das Ergebnis ist leider bei weitem nicht so überzeugend wie John Powells Solo-Score: Wie nicht anders zu erwarten orientiert sich Shirley sehr stark am von Göransson kreierten Mandalorian-Sound, lieferte aber eine, man möchte fast sagen, verwässerte Version davon – im Guten wie im Schlechten weniger experimentell, aber auch weniger markant, zumindest abseits des Hauptthemas, das ein ziemlich eingängiger Ohrwurm ist, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich zu Boba Fett passt. Göranssons Mandalorian-Thema taucht zusammen mit Din Djarin natürlich ebenfalls auf und zudem dürfen zwei Williams-Themen in der sechsten Episode Gastauftritte absolvieren, während Grogus Training erklingen sowohl Yodas Thema als auch das Machtthema. Ohnehin rückt die Musik, die wir während des Aufenthalts auf Lukes bislang namenlosem Akademie-Planeten hören, stilistisch deutlich näher an Williams heran. Es ist allerdings schade, dass Williams‘ ursprüngliches Boba-Fett-Motiv aus „The Empire Strikes Back“ nicht ein einziges Mal erklingt, das wäre wirklich ein nettes musikalisches Easter Egg gewesen.

Fazit: Während „The Book of Boba Fett” viele coole Elemente, Figuren und Ideen hat, kommt das alles doch nie zu einem großen Ganzen zusammen. Strukturelle und erzählerische Probleme sowie die unausgegorene Entwicklung der Titelfigur und zwei Episoden, die eher aus „The Mandalorian“ Staffel 3 zu stammen scheinen, sorgen schließlich dafür, dass die Soloserie des allseits beliebten Kopfgeldjägers zu einer äußerst unrunden Angelegenheit mit sehr viel verpasstem Potential wird und deutlich hinter den beiden Mandalorian-Staffeln zurückbleibt.

Trailer

Bildquelle (© 2021 Lucasfilm Ltd. & ™. All Rights Reserved.)
Bildquelle Black Krrsantan
Bildquelle Cad Bane

Siehe auch:
The Mandalorian – Staffel 1 & 2
Jango Fett: Open Season
Outlander

The Mandalorian: Staffel 1 & 2

Spoiler für beide Staffeln!
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Während die Sequels die Star-Wars-Fangemeinde zutiefst gespalten zurückgelassen haben, scheinen die beiden Staffeln von „The Mandalorian“ exakt das Gegenteil bewirkt zu haben – im Großen und Ganzen hat diese erste Live-Action-Serie von Jon Favreau und Dave Filoni verschiedene Fraktionen des Fandoms wieder zusammengebracht. Eine Betrachtung dieser Serie meinerseits ist im Grunde lang überfällig, deshalb halten wir uns gar nicht erst lange mit Vorgeplänkel auf, sondern starten direkt durch.

„This is the Way“: Handlung und Struktur von Staffel 1
Ende der 90er erschien bei Dark Horse die Miniserie „Crimson Empire“ – nachdem ich die erste Staffel von „The Mandalorian“ gesehen hatte, empfand ich sie gewissermaßen als Disney-Gegenstück, wenn auch eher auf konzeptioneller denn inhaltlicher Ebene. In beiden Fällen nahm man sich einen Aspekt, der in der OT nicht allzu ausgiebig erforscht wurde – in „Crimson Empire“ die Rotgardisten des Imperators, in „The Mandalorian“ die Mandalorianer, und schuf eine größtenteils eigenständige und in sich geschlossene Geschichte mit einem neuen Protagonisten und nur marginalen Verbindungen zu den Filmen. Im Falle von „The Mandalorian“ ist das Din Djarin (Pedro Pascal), ein enigmatischer mandalorianischer Kopfgeldjäger, der fünf Jahre nach der Schlacht um Endor im Auftrag eines mit dem Restimperium verbündeten Klienten (Werner Herzog) auf Arvala-7 ein besonders „Gut“ sicherstellen soll. Bei diesem Gut handelt es sich um das 50 Jahre alte Kleinkind einer sehr langlebigen Spezies, die Din Djarin zwar unbekannt ist, den Zuschauern jedoch sehr vertraut sein dürfte – und das nicht nur, weil „The Child“ alias Baby Yoda alias Grogu seit dem Start der ersten Staffel praktisch allgegenwärtig war. Din Djarin liefert den liebenswerten kleinen Kerl wie vereinbart ab, bekommt dann allerdings Zweifel, da ziemlich klar ist, dass das Imperium nicht unbedingt an seinem Wohlergehen interessiert ist. Nachdem es ihm gelungen ist, mit Hilfe einiger mandalorianischer Kameraden mit dem Kind zu entkommen, beginnt eine Odyssee, die ihn zu mehreren Outer-Rim-Planeten führt. Während er eine Antwort auf die Frage sucht, was denn nun mit seinem Schützling zu tun ist, trifft der Mandalorianer neue Verbündete wie die ehemalige Rebellenoffizieren Cara Dune (Gina Carano), aber auch Gegner wie die Attentäterin Fennec Shand (Ming-Na Wen). Sein Weg führt ihn schließlich zurück zum Ursprung des Auftrags, denn der imperiale Moff Gideon (Giancarlo Esposito), der letztendlich hinter der Suche nach dem Kind steckt, ist immer noch erpicht darauf, seinen Preis zu erhalten.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Grogu

Serien haben meistens entweder einen durchgehenden Handlungsstrang mit „offenen“ Episoden wie etwa „Game of Thrones“ oder sie gehen nach einem bestimmten Schema vor – am deutlichsten bei Krimiserien zu beobachten: Neue Folge, neuer Fall, der innerhalb einer Episode (manchmal auch zwei) abgeschlossen ist. Aber selbstverständlich finden sich auch alle möglichen Mischformen – in diese Kategorie kann man auch „The Mandalorian“ einordnen. Es gibt einen übergeordneten Handlungsstrang, aber vor allem in der Mitte der ersten Staffel sind die einzelnen Folgen relativ in sich geschlossen. Vor allem die Episoden 4 bis 6 könnte man relativ mühelos untereinander austauschen. Strukturell erinnern diese mitunter an die Quests eines Spiels: Um auf seinem Weg weiterzukommen, muss Din Djarin das Problem einer anderen Person lösen – dieses Element wird vor allem in Staffel 2 noch deutlich stärker, da hier das Ziel des Mandalorianers eindeutiger ist.

Was die erste Staffel darüber hinaus auszeichnet, ist ihr sehr gemäßigtes und ausgeglichenes Erzähltempo. Das fällt besonders im Vergleich mit der fast zeitgleich erschienenen neunten Episode der Skywalker-Saga auf, bei der genau das Gegenteil der Fall war. Hier hatte man stets das Gefühl, J. J. Abrams wolle einen partout nicht zur Ruhe kommen lassen – man könnte ja über das gerade gesehene nachdenken. „The Mandalorian“ dagegen wählt genau den entgegengesetzten Ansatz, nimmt sich Zeit, lässt Figuren und Setting atmen. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass die erste Staffel strukturell sehr gut ausbalanciert ist, gerade weil sie sich die nötige Zeit nimmt: In den ersten drei Folgen wird der Status Quo (Mando und Kind als ungleiches Duo) etabliert, in den zweiten drei beibehalten, aber immer wieder auf die Probe gestellt und in den letzten beiden schließlich ernsthaft gefährdet.

„You are a clan of two“: Figuren und Setting
Wie bereits erwähnt arbeitet zumindest die erste Staffel ausschließlich mit neuen Figuren, die jedoch an die bekannte Ikonographie geknüpft sind. Die Sturmtruppen als Repräsentanten eines (stark geschwächten) Imperiums sind selbst dem „Casual Fan“ des Franchise ebenso vertraut wie der ikonische mandalorianische Helm. Wie üblich bei Star Wars spielen Archetypen eine wichtige Rolle. Aus dem wilden SW-Genre-Gemisch legen Favreau und Filoni ihren Fokus auf den Western – passend dazu entspricht Din Djarin dem Archetypen des wortkargen und mysteriösen Revolverhelden, der oft genug von Clint Eastwood dargestellt wurde. „The Mandalorian“ geht allerdings noch mehr ins Extrem, indem das Gesicht des Protagonisten nie gezeigt wird – bzw. erst in der letzten Episode der ersten Staffel. Es ist durchaus ein Risiko, wenn die Hauptfigur nicht nur relativ unnahbar, sondern auch konstant maskiert ist.

Grogu/Baby Yoda ist vor allem aus Marketing-Sicht ein Geniestreich, wie sich immer wieder zeigt, die Dynamik zwischen ihm und Din Djarin funktioniert allerdings auch in der Serie ziemlich gut. Die Charakterisierung unseres Protagonisten ist zwar zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Bei einer Figur wie dem Mando besteht die Gefahr, dass er auf sein „Badasstum“ reduziert wird, was hier aber erfreulicherweise nicht der Fall ist. Din Djarin ist zwar kompetent, aber keinesfalls hyperkompetent und gerät immer wieder in knifflige Situationen, in denen er Hilfe braucht oder an denen er schlicht scheitert. Obwohl er zumindest zu Beginn keine eigene Agenda verfolgt, sondern nur Aufträge erfüllt und insgesamt ein relativ passiver Protagonist ist, ist sein Wachstum und die Entwicklung seines Charakters doch deutlich spürbar. Pedro Pascal holt mit Stimme und Körpersprache sehr viel aus einem sehr minimalistischen Charakter heraus, dessen Gesicht zudem fast nie zu sehen ist. Trotzdem, oder gerade deshalb, fungiert der Mando als Fenster in diesen Teil der Star-Wars-Galaxis; da er ein Einzelgänger ist, lernen wir zusammen mit ihm all die neuen, von einem exzellenten Cast dargestellten Figuren kennen, ohne dass es überfordernd wäre oder allzu künstlich daherkommt. Auch was diesen betrifft, erinnerten sich Favreau und Filoni an eine alte SW-Tugend: Die Nebenfiguren sollten markant sein. Die tiefgründigsten sind sie nun nicht unbedingt, vor allem, weil der Fokus eben auf Mando und Grogu liegt und kaum eine in mehr als zwei oder drei Episoden auftaucht, aber sie sind einprägsam und bleiben im Gedächtnis, egal ob Carl Weathers als Greef Karga, Gina Carano als Cara Dune, Bill Burr als Migs Mayfeld oder Taika Waitit als IG-11.

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Cara Dune (Gina Carano) und Greef Karga (Carl Weathers)

Auf dieselbe Art gelingt es Favreau und Filoni auch sehr gut, den aktuellen Status Quo zu vermitteln: Das Imperium ist auf dem Rückzug, die Neue Republik aber noch nicht stark genug, um im Outer Rim wirklich für Ordnung zu sorgen – aus diesem Grund geht es recht gesetzlos zu. Zusätzlich erforschen wir die mandalorianische Kultur. In meiner Rezension zur Legends-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ habe ich bereits einen kurzen Abriss über die Geschichte der Mandalorianer im Franchise gegeben, weshalb ich das hier nicht noch einmal tun werde. Ohnehin würde ich besagte Miniserie durchaus als ansprechende Lektüre für Fans von „The Mandalorian“ empfehlen, allerdings kommt man an die gedruckte Ausgabe in der Zwischenzeit ziemlich schwer heran. Wie dem auch sei, in Staffel 1 erfahren wir, dass die Mandalorianer ihre Helme nie abnehmen und ein praktisch religiöses Verhältnis zu ihrer Ausrüstung haben – zumindest Ersteres widerspricht dem bisher im Disney-Kanon (und auch in Legends) Etablierten, diese Diskrepanz wird aber in Staffel 2 aufgeklärt, da Din Djarin zu einer besonderen, extremistischen Gruppierung gehört. Alles in Allem war ich mit der bisherigen Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ und „Rebels“ nicht allzu zufrieden, „The Mandalorian“ rückt sie allerdings, zumindest empfindungsmäßig, wieder näher an die Legends-Interpretation.

Auch sonst ist „The Mandalorian“ erfreulicherweise sehr geerdet. Zwar verfügte man über ein verhältnismäßig hohes Budget, aber eben doch nicht ganz auf der Höhe eines Star-Wars-Kinofilms. Zudem muss natürlich für weniger Geld mehr Material entstehen. Wie schon George Lucas bei der OT mussten Filoni und Favreau deshalb öfter kreativ werden und das Maximum aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Material herausholen und nebenbei auch gleich noch in bester SW-Tradition die Effekttechnik vorantreiben. Die Planeten etwa sind nicht unbedingt die kreativsten (und zudem wieder sehr wüstenlastig, nicht zuletzt bedingt durch die Genre-Ausrichtung), aber „The Mandalorian“ holt deutlich mehr aus seinen Welten heraus als beispielsweise die Sequels – man bekommt ein Gespür für die Planeten, kann sie tatsächlich erforschen und erfährt, wie es sich dort lebt. Auf handwerklicher Ebene funktioniert ebenfalls alles ziemlich gut, in beiden Staffeln haben Filoni und Favreau ein sehr gutes Gespür dafür, wann sie in die Vollen gehen können und wann sie sich besser zurückhalten sollten. Besonders die Action wirkt handgemacht und bodenständig und trägt viel zur Atmosphäre bei. Der Humor ist angemessen und funktioniert ebenso gut – meistens ist ohnehin Grogu derjenige, der für die humoristischen Momente zuständig ist.

„A friendly piece of advice, assume that I know everything”: Staffel 2 – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In Staffel 2 gibt es einige massive Änderungen bezüglich des erzählerischen Konzepts der Serie, die sich aber sehr langsam und schleichend etablieren. Genau genommen beginnt er bereits mit dem kurzen Gastauftritt des aus „The Clone Wars“ und „Rebels“ bekannten Darksabers am Ende des Finales von Staffel 1. Ab diesem Zeitpunkt finden immer mehr Inhalte und Figuren aus anderen Ecken des SW-Universums ihren Weg in die Serie. Din Djarin sucht praktisch die gesamte Staffel nach einem sicheren Ort für Grogu bzw. nach seinen Angehörigen, findet sich in noch mehr Quid-pro-Quo-Situationen wieder und muss sich natürlich abermals mit alten Feinden auseinandersetzen – findet aber auch neue Verbündete, die manch einem Zuschauer durchaus vertraut sein dürften. Los geht es direkt in Folge 1 der zweiten Staffel mit Cobb Vanth (Timothy Olyphant), der nicht nur eine allzu bekannte Rüstung trägt, sondern seinerseits der Aftermath-Reihe, einer Romantrilogie von Chuck Wendig, entstammt. Gerade diese Verwendung eines bislang äußerst obskuren Charakters zeigt den Kontrast in der Herangehensweise von Favreau und Filoni auf der einen und den Regisseuren und Autoren der Sequels auf der anderen: Hier geschah eine intensive Beschäftigung mit der Materie, die sich bereits in Staffel 1 andeutete und in Staffel 2 praktisch überdeutlich ist. „The Mandalorian“ versucht nicht, zu rekreieren oder zu unterlaufen, sondern greift auf alles verfügbare Material, sei es OT, PT, aktuelles EU oder Legends, zurück, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Fans freuen sich über die Anspielungen und Querverweise, gleichzeitig gelingt es Favreau und Filoni aber auch, das Ganze so zu gestalten, dass man als Neuling nicht das Gefühl hat, zum Verständnis müsse man erst eine SW-Enzyklopädie wälzen. Stattdessen fühlen sich die „neuen alten Figuren“ eher an wie eine natürliche Fortführung der Charaktere, die bereits in Staffel 1 vorgestellt wurden und größtenteils auch wieder mit von der Partie sind.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Boba Fett (Temura Morrison)

Zugegebenermaßen ist das Argument, dass es in Staffel 2 mit der Rückkehr bzw. Realwerdung diverser Figuren aus Filmen, Animationsserien und der Literatur vielleicht etwas übertrieben wurde, nicht völlig von der Hand zu weisen. Zu Cobb Vanth gesellen sich die Clone-Wars- und Rebels-Veteraninnen Bo-Katan Kryze (Katee Sackhoff, die der animierten Version der Figur auch ihre Stimme lieh) und Ahsoka Tano (Rosario Dawson), Legends-Inhalte wie die Dark Trooper und der Planet Tython und natürlich die Filmschwergewichte Boba Fett (Temura Morrison), Luke Skywalker (Mark Hamill?) und R2D2 (as himself). Im Großen und Ganzen denke ich jedoch, dass Favreau und Filoni die Balance gerade noch halten können, eben weil sie sich in Staffel 1 auf die neuen Figuren konzentrierten, diese anständig etablierten und nie den Kern aus den Augen verlieren. Bei einem Luke Skywalker besteht natürlich immer die Gefahr, dass er alles überschattet, das emotionale Highlight der Folge ist aber dennoch unzweifelhaft der Abschied von Din und Grogu. Die bereits in anderen Medien etablierten Figuren übernehmen nie das Ruder oder usurpieren die Geschichte.

Deutlich schwerer wiegen in meinen Augen einige strukturelle Mängel in Staffel 2, die alles in allem deutlich weniger ausgewogen und balanciert wirkt als Staffel 1. Besonders die ersten beiden Folgen nehmen sich noch reichlich Zeit für, in Ermangelung eines besseren Wortes, „Nebensächlichkeiten“ (wobei diese durchaus zur Charakterentwicklung beitragen), während spätere Folgen geradezu gehetzt wirken – zumindest im Vergleich zur Erzählweise von Staffel 1. Am schwächsten fällt für mich hier „The Tragedy“, die sechste Folge der zweiten Staffel aus, bei der immerhin Robert Rodriguez Regie führte. Diese markiert Boba Fetts großen Auftritt und weiß ihn auch durchaus cool zu inszenieren, aber das ganze Drumherum will einfach nicht so recht passen, von der Ineffektivität der Sturmtruppen (dazu später mehr) über die Inszenierung der Action bis hin zum Planeten Tython selbst. Gerade in Bezug auf die effektive Gestaltung der Planeten ist ausgerechnet Tython, die legendäre Heimatwelt der Jedi, die Ausnahme, die gezeigte Welt ist sehr ernüchternd und schlicht langweilig ausgefallen.

„I’m a simple man making his way through the galaxy, like my father before me”: Alte Freunde
Werfen wir doch noch einen ausführlicheren Blick auf die Figuren, die entweder zurückkehren oder sogar ihr Live-Action-Debüt feiern. Cobb Vanth stammt, wie bereits erwähnt, aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie. Interessanterweise erlangt er dort Boba Fetts Rüstung ein wenig anders, als er es in der Folge „The Marshal“ selbst erzählt, wobei es sich dabei sowohl um einen Retcon als auch um eine Lüge der Figur handeln könnte. Ansonsten gibt es nicht allzu viel über ihn zu sagen, bereits in der Aftermath-Trilogie war er eine eher unwichtige Nebenfigur, die wohl platziert wurde, um Boba Fetts Rückkehr in die Wege zu leiten (wenn auch nicht unbedingt spezifisch in dieser Serie), was dann ja auch umgesetzt wurde. Es bleibt noch zu erwähnen, dass die Besetzung der Figur mit Timothy Olyphant ein netter Casting-Gag für Fans der HBO-Serie „Deadwood“ ist.

Bo-Katan Kryze hat da schon eine deutlich längere Geschichte hinter sich, sie trat erstmals in der vierten Staffel der Animationsserie „The Clone Wars“ auf, zuerst als Teil der Death Watch, einer Gruppe radikaler Mandalorianer, die sich der pazifistischen Ideologie von Bo-Katans Schwester Satine, der Herzogin von Mandalore, nicht unterwerfen will. Als jedoch der wiederauferstandene Darth Maul die Macht auf Mandalore übernimmt, verbündet sie sich widerwillig mit den Jedi, um Maul aufzuhalten. In „Rebels“ kämpft sie schließlich gegen den Einfluss des Imperiums und möchte ihrem Volk die Freiheit von imperialer Knechtschaft bringen. Dort erringt sie auch das Darksaber, das als mandalorianisches Herrschaftssymbol fungiert. Dieses wird ihr jedoch zwischen dem Ende von „Rebels“ und dem Beginn von „The Mandalorian“ von Moff Gideon abgenommen. Bo-Katan wird hier als Vertreterin der „gemäßigten“ Mandalorianer verwendet, im Gegensatz zu Din Djarin und seinen Kameraden aus der ersten Staffel, den sog. „Children of the Watch“. Nach wie vor möchte sie das Beste für ihr Volk und hat deshalb auch eine offene Rechnung mit Moff Gideon. Sie zeigt unserem Protagonisten, dass der häufig erwähnte „Weg“, den die „Children of the Watch“ immer wieder verbal beschwören, eben nicht alternativlos ist.

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Grogu und Ahsoka Tano (Rosario Dawson)

Ahsoka Tano dürfte noch einmal deutlich bekannter und populärer sein als Bo-Katan, auch sie stammt aus „The Clone Wars“, beginnt dort als Anakin Skywalkers Padawan, tritt dann jedoch noch vor Ende des Krieges aus dem Jedi-Orden aus, bekämpft zusammen mit Bo-Katan auf Mandalore Maul und überlebt Order 66, um sich später den Rebellen anzuschließen. Hier treffen gewissermaßen zwei Handlungsstränge aufeinander, denn Ahsoka sucht offensichtlich Großadmiral Thrawn, der sich bereits in „Rebels“ als Problem erwies. Ahsoka ist die erste (mehr oder weniger) ausgebildete Jedi, die in der Serie auftaucht. Angesichts der Tatsache, dass sie weiße Lichtschwerter führt, die einen schönen Kontrast zur dunklen Klinge des Darksabers abgegeben hätten, wurde eifrig spekuliert, ob sie wohl am Finale beteiligt sein würde, letztendlich entschied man sich aber, den mandalorianischen Aspekt zu betonen und Boba Fett und Bo-Katan bei der Rettung Grogus assistieren zu lassen. Ahsoka weist nur den Weg nach Tython, schafft aber auch eine tiefere Verbindung zwischen Grogu und Din, unter anderem, indem sie seinen Namen und etwas von seiner Vergangenheit enthüllt und die Kommunikation erleichtert. Ich persönlich war nie der größte Ahsoka-Fan, zu Beginn von TCW fand ich sie ziemlich unausstehlich. Sie hat sich zweifelsohne entwickelt, ist aber nach wie vor keine Figur, an der ich besonders hänge. Allerdings kann ich gut verstehen, dass ein Live-Action-Auftritt Ahsokas etwas Besonderes darstellt, wenn man mit ihr aufgewachsen ist. Anders als bei Bo-Katan bediente man sich hier nicht der Sprecherin der Serien (das wäre Ashley Eckstein gewesen), sondern wählte mit Rosario Dawson eine Darstellerin, die deutlich bekannter ist, ihre Sache aber sehr gut macht.

Temura Morrison ist ein Sonderfall: Er ist der erste Darsteller der Filme, der in dieser Serie auftaucht, das allerdings in einer Rolle, die er bisher noch nicht gespielt hat (sofern wir das Nachsychronisieren einiger Sätze in der Special Edition der OT ignorieren). Natürlich gilt aber: Wenn Boba Fetts Gesicht zu sehen sein soll, muss Temura Morrison unter der Maske stecken. Boba Fett ist eine der beliebtesten SW-Nebenfiguren, der ganze Hype um ihn war mir allerdings stets ein wenig suspekt, selbst unter Einbeziehung des Legends-Materials – ich empfand tatsächlich Jango immer als den Interessanteren der beiden. Aber „The Mandalorian“ hat es in nur wenigen Episoden geschafft, mir die Figur näher zu bringen. Obwohl ich „seine“ Episode als die schwächste der Staffel empfinde, hat Rodriguez es zumindest geschafft, ihn wirklich ansprechend zu inszenieren, was in den folgenden Episoden fortgesetzt wird. Nebenbei wurde Jango nun auch im Disney-Kanon wieder offiziell zu einem „echten“ Mandalorianer erklärt, nachdem „The Clone Wars“ das in Zweifel gezogen hatte. Alles in allem wirklich ein exzellenter Auftritt mit einer Seismischen Bombe als Sahnehäubchen, der zeigt, wie gut und wirkungsvoll sich Prequel-Material in die Post-Endor-Ära integrieren lässt, wenn man es nur ordentlich anstellt. „The Mandalorian“ hat es tatsächlich geschafft, mich für die angekündigte Serie „The Book of Boba Fett“ zu begeistern.

Und schließlich: Luke Skywalker. Ist sein Auftauchen eine logische Entwicklung aus der Handlung? Oder ein Versuch, von „The Last Jedi“ enttäuschte Fans der Figur zurückzugewinnen? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich möchte hier das Fass „Luke in den Sequels“ gar nicht erst groß aufmachen, da ich mit Lukes Zustand in Episode VIII verhältnismäßig wenig Probleme hatte, zumindest im Vergleich zu vielen anderen, ich fand nur seinen Weg zu diesem Zustand absolut nicht überzeugend. Lukes Auftauchen ist tatsächlich eine logische Handlungsentwicklung aus dem Ruf, den Grogu auf Tython ausgesandt hat, denn wer hätte auch sonst kommen sollen? Ezra Bridger? Cal Kestis? Fanservice ist sein Auftauchen zweifelsohne, aber funktionierender Fanservice, der sich logisch aus der Geschichte ergibt. Nicht ganz so gut funktioniert die auf Lukes Gesicht angewandte Technik, was in der Rezeption der entsprechenden Szene aber interessanterweise nur eine untergeordnete Rolle spielte. Und auch ich kann nicht behaupten, dass ich die Rückkehr des auf der Höhe seiner Kräfte stehenden Luke nicht genossen hätte.

„They all hate you, Mando. Because you’re a legend!”: Die größte Schwäche
Neben der einen oder anderen Struktur- bzw. Balanceschwäche in Staffel 2 ist es vor allem die Darstellung der Imperialen, die Anlass zur Kritik gibt. Die Zielgenauigkeit der Sturmtruppen (oder besser: ihr Mangel an derselben) ist ja bereits seit Jahrzehnten Sujet diverser Witze, sodass man sich inzwischen fragt, ob Obi-Wans Ausspruch in „A New Hope“ als zynischer Scherz gemeint war und er sich wundert, dass sie überhaupt etwas getroffen haben: „Only imperial stormtroopers are so precise.“ Unter Disney erreichte die Unfähigkeit imperialer Soldaten allerdings noch mal ein ganz anderes Level, besonders in „Rebels“ kennt ihre Inkompetenz keine Grenze, und leider knüpft „The Mandalorian“ daran an, vor allem in Staffel 2. Das finde ich besonders schade, weil es der Serie ansonsten gelingt, mit begrenzten Mitteln sehr viel zu erreichen – in Staffel 1 gab es da durchaus entgegengesetzte Tendenzen. In Episode 4, „Sanctuary“, gelang es Regisseurin Bryce Dallas Howard etwa sehr gut, einen einzelnen AT-ST als große Bedrohung zu inszenieren. „The Mandalorian“ hätte die Chance gehabt, die Sturmtruppen auf dieselbe Art wieder zu ernstzunehmenden Gegnern zu machen. Vor allem die dritte Episode der zweiten Staffel, „The Heiress“, (ironischerweise ebenfalls von Bryce Dallas Howard inszeniert) zeigt die Soldaten des Restimperiums als extrem inkompetent.

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Moff Gideon (Giancarlo Esposito)

Leider erstreckt sich das auch auf die Kommandoriege. Giancarlo Esposito ist ein hervorragender Schauspieler, Moff Gideon profitiert ungemein von seiner Besetzung und wirkt primär deshalb als ernstzunehmender Gegner, betrachtet man allerdings seinen „Masterplan“ in Staffel 2, steckt da leider nicht allzu viel dahinter. Die Serie versucht zu vermitteln, dass er im Finale zuerst die Trümpfe in der Hand hat, aber leider agiert er im Grunde relativ sinn- und kopflos, ohne Alternativplan, sollten die Dark Trooper versagen. Diese sind die wirkliche Gefahr, die vom Imperium ausgeht, werden dann aber ihrerseits von Luke ziemlich schnell niedergemacht – auch hier fragt man sich, ob es nicht erzählerisch besser gewesen wäre, hätten sie dem Jedi-Meister zumindest etwas mehr entgegenzusetzen gehabt. In diesem Kontext ist der Umstand, dass Gideons tatsächliche Pläne bezüglich Grogu völlig nebulös sind, auch nicht unbedingt hilfreich. An dieser Stelle wollte man sich wahrscheinlich noch alle Möglichkeiten offen halten: Arbeitet Gideon autonom oder dient er einem Meister wie Thrawn, Snoke oder gar Palpatine ? Und was ist sein langfristiges Ziel? Das Mysterium in allen Ehren, aber hier wären etwas handfestere Absichten zur wirkungsvollen Definition des Charakters bessere gewesen.

Die interessanteste (zumindest im weitesten Sinne) imperiale Figur ist der von Bill Burr gespielte Migs Mayfeld, der als Ex-Imperialer zumindest einiges von dem Potential ausschöpft, das bei Finn in den Sequels vorhanden gewesen wäre. Leider vermisst man im Disney-Kanon außerhalb der Literatur bislang Figuren wie beispielsweise Gilad Pellaeon, die als aufrechte, prinzipientreue „ehrbare“ Imperiale einen Gegenstück zu den sadistischen und/oder inkompetenten Fanatikern bilden. Von dieser Sorte bietet „The Mandalorian“ mehr als genug, beispielsweise Rick Famuyiwa als Valian Hess (sehr sprechender Name) in der siebten Folge der zweiten Staffel. Was ich mir wünsche, wäre ein imperiales Gegenstück zu „Rogue One“; dieses erste Spin-off zeigte die dunkleren Seiten der Rebellen und half dabei, der Fraktion zusätzliche Facetten zu verleihen. Für das Imperium wäre eine differenziertere Darstellung in den bewegten Medien überfällig.

„Do the magic hand thing“: Ludwig Görannsons Score

Das musikalische Vermächtnis des Franchise ist immer ein Thema für sich, John Williams‘ Klänge sind essentiell für Star Wars. Bislang traute man sich bei Disney noch nicht, sich allzu weit davon zu entfernen. Dass Williams selbst die Sequels vertonen würde, stand nie in Frage, und auch die Komponisten anderer Projekte, sei es Kevin Kiner („Rebels“), Michael Giacchino („Rogue One“), John Powell („Solo“) oder Gordy Haab (die meisten Spiele, darunter auch „Jedi: Fallen Order“) blieben sowohl stilistisch als auch leitmotivisch sehr nah an Williams. Für „The Mandalorian“ wandten sich Favreau und Filoni an den schwedischen Komponisten Ludwig Göransson, der in vielen seiner Scores eine modernere Sensibilität an den Tag legt und darüber hinaus auch in der Popmusik aktiv ist, unter anderem als Produzent von Jung-Lando-Darsteller Donald Glover alias Childish Gambino. Göranssons Scores zeichnen sich zumeist durch interessante Stil-Mischungen aus – gute Beispiele sind etwa seine Musik für die beiden Creed-Filme sowie „Black Panther“, für den er den Oscar gewann. Oft mischt Göransson traditionelles Orchester mit Hip-Hop-, R&B- oder Electronica-Elementen und, im Fall von „Black Panther“, auch mit afrikanischen Percussions.

Die Musik von „The Mandalorian“ spiegelt die Handlungsentwicklung sehr gut wider. Die Scores der ersten Staffel sind stilistisch recht weit von traditioneller Star-Wars-Musik entfernt. Das Orchester spielt zwar durchaus eine zentrale Rolle und hin und wieder findet sich auch eine stilistische Williams-Anleihe, aber mindestens ebenso stark ist der Einfluss der Western-Soundtracks von Ennio Morricone. Alles in allem funktioniert das ziemlich gut, Göransson etabliert sofort ein eigenes Klangspektrum für die Serie und liefert dazu noch ein ziemlich eingängiges Titelthema sowie eine ganz Reihe anderer Leitmotive, die allerdings zu Beginn eher schwer herauszuhören sind. In manchen Fällen übertreibt er es allerdings mit dem elektronischen Ambiente und den Effekten und Verzerrungen, zumindest für meinen Geschmack. Gerade die Repräsentation der Dark Trooper durch Dubstep fand ich etwas zu viel.

Mit Ausnahme von ein, zwei extrem subtilen Andeutungen des Machtthemas (wenn überhaupt nur die ersten zwei, drei Noten) taucht in der ersten Staffel kein bereits existierendes leitmotivisches Material auf. Das ändert sich erst mit der zweiten Folge der zweiten Staffel, „The Passenger“: Das erste Williams-Thema, das zu hören ist, ist ausgerechnet der Marsch des Widerstands aus den Sequels. Dieses Thema ist in einer recht modernisierten Version am Ende der Episode zu hören, als sich Din Djarin mit den beiden Piloten der Neuen Republik unterhält. Außerdem taucht der Marsch auch in der Folge „The Siege“ während Cara Dunes Konsversation mit dem Republik-Piloten auf. In der zweiten Hälfte der Staffel nimmt die Anzahl an leitmotivischen Verweisen dann deutlich zu. Nicht nur findet sich im Score der Episode „The Jedi“ ein Hinweis auf Yodas Thema, Keviner Kiners Leitmotiv für Ahsoka aus „The Clone Wars“ wird sogar ziemlich ausgiebig verwendet und im Finale erklingt schließlich ein volles Statement des Machtthemas. Ich persönlich finde es sehr schön, dass die musikalische Welt der Serie mit der von Williams etablierten langsam zusammenwächst, ohne dabei jedoch ihre Individualität zu opfern.

Fazit
Nach den spaltenden Episoden VIII und IX dürfte „The Mandalorian“ genau das sein, was das Franchise nötig hatte: Eine Serie, die das Fandom wieder vereinigen kann und die fast jedem etwas zu bieten hat. Natürlich ist auch „The Mandalorian“ nicht perfekt, kleine Schwächen und Schönheitsfehler finden sich schließlich überall, aber im Großen und Ganzen weiß die Serie nicht nur zu überzeugen, sie dürfte, vielleicht zusammen mit „Rogue One“, das bislang beste Produkt der Disney-SW-Ära sein. Und wie es aussieht hat man sich bei Disney bereits ausgiebig Notizen gemacht, denn die zweite Staffel dient als Sprungbrett für diverse neue Serien, darunter „Rangers of the New Republic“, „Ahsoka“ und „The Book of Boba Fett“. Ob diese Serien das halten können, was „The Mandalorian“ verspricht, wird sich erst noch zeigen, aber wenn sie qualitativ überzeugen können, wäre es möglich, dass sie und nicht die Sequels zum dominierenden Faktor dieser Ära des Franchise werden.

Trailer Staffel 1
Trailer Staffel 2

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Jango Fett: Open Seasons
Star Wars: Das ultimative Ranking

Dracula (BBC/Netflix)

Spoiler!
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„My revenge has just begun! I spread it over centuries and time is on my side.” Ob Bram Stoker wohl wusste, wie zutreffend diese Worte, die er seinem Grafen Dracula in den Mund legte, einmal sein würden? Vermutlich nicht. Trotzdem – alle paar Jahre kehrt der Vampirfürst in einer neuen Inkarnation zurück, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Die erste Neuinterpretation des neu angebrochenen Jahrzehnts kommt aus einer Co-Produktion von Netflix und der BBC, die von Mark Gatiss und Steven Moffat verfasst wurde. Diese beiden Herren sind bereits mit der Modernisierung von Figuren des viktorianischen Zeitalters vertraut, sind sie doch auch die Schöpfer der allseits beliebten Serie „Sherlock“. Wie nicht anders zu erwarten finden sich in „Dracula“ einige deutliche Parallelen zu „Sherlock“, nicht zuletzt was Struktur und Format angeht. Wie jede der Sherlock-Staffeln besteht auch „Dracula“ aus drei Episoden, die jeweils eineinhalb Stunden dauern. Und wie bei „Sherlock“ balancieren Gatiss und Moffat auf einem schmalen Grat zwischen Vorlagentreue mit Twist und mal mehr, mal weniger cleverer Modernisierung. Wer eine buchgetreue Verfilmung erwartet, wird also definitiv enttäuscht werden, diese Neuinterpretation ist jedoch trotz allem nicht völlig von Stoker losgelöst.

Handlung und Struktur
Im Nonnenkonvent in Budapest taucht 1897 der mental verwirrte und körperlich entstellte Jonathan Harker (John Heffernan) auf und erzählt Schwester Agatha (Dolly Wells) seine Geschichte: Als britischer Anwalt kommt Harker nach Transsylvanien, da der Adelige Graf Dracula (Claes Bang) in London Immobilien erwerben will. Sobald er in Draculas Schloss angekommen ist, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Nicht nur verhält sich der Schlossherr äußerst merkwürdig und scheint mit jeder Nacht jünger zu werden, Jonathan selbst wird immer schwächer und kränklicher und macht, ähnlich wie der Graf, eine Metamorphose durch. Bald wird ihm klar, dass sein Gastgeber ein blutsaugender Vampir ist. Nach und nach trifft er auf weitere Opfer des Grafen, die bereits ebenfalls Untote sind, manche nur hirnlose Blutegel, während andere noch Reste ihrer Menschlichkeit bewahren konnten. Es kommt schließlich zur finalen Auseinandersetzung zwischen Harker und Dracula, die damit endet, dass Letzterer Ersteren tötet, woraufhin auch dieser zum Vampir wird. Erst beim Erzählen dieser Geschichte kehren Harkers Erinnerungen vollständig zurück. Just zu diesem Zeitpunkt schickt sich Dracula an, das Kloster in Budapest zu attackieren…

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Graf Dracula (Claes Bang)

Strukturell erinnert „Dracula“ stark an die typische Sherlock-Staffel: Die Serie besteht aus drei Folgen zu jeweils 90 Minuten. Während „Sherlock“ pro Episode einen Fall des Meisterdetektivs zeigte, die dann letztendlich mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft waren, erzählt „Dracula“ zwar eine durchgehende Geschichte, tut dies aber episodisch. Jede der drei Folgen hat ein eigenes Setting, einen eigenen Handlungsort und eine eigene, interne Dramaturgie. Mehr noch, alle drei Folgen fühlen sich sehr unterschiedlich an und arbeiten mit einer sehr unterschiedlichen Atmosphäre. Die erste Episode erzählt von Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss, die zweite von Draculas Reise noch Großbritannien und die dritte von seinem Aufenthalt in England und später Amerika. Wie üblich sind es Dracula und van Helsing – hier Agatha van Helsing – die die Handlung tragen.

Was von Stoker übrig ist
Trotz der gewaltigen Menge an Adaptionen von Stokers Roman ist die Zahl derer, die sich tatsächlich an der Vorlage orientieren, verhältnismäßig gering. Moffat und Gatiss hangeln sich tatsächlich an der Handlung des Romans entlang, je weiter die Serie allerdings fortschreitet, desto weiter dehnen sie den Rahmen und desto freier interpretieren sie Handlungselemente. Die erste Episode ist noch verhältnismäßig nahe an der ursprünglichen Handlung, Jonathan Harkers Aufenthalt auf dem Schloss verläuft bis zum Schluss sehr ähnlich. Zugegeben, die Episode mit Draculas Bräuten unterscheidet sich stark vom Romangegenstück, aber insgesamt sind Stimmung und Handlungsführung recht ähnlich wie bei Stoker. Das ändert sich dann allerdings mit der Enthüllung, dass es sich bei Schwester Agatha um die Van Helsing dieser Adaption und damit die Widersacherin des Grafen handelt. Auch der Angriff auf das Kloster ist bei Stoker ohne Gegenstück.

Die zweite Episode erinnert bezüglich ihrer Konzeption ein wenig an den Comic „Bram Stoker’s Death Ship“, der ebenfalls die Überfahrt der Demeter schildert. Bei besagtem Comic handelt es sich allerdings eher um eine Horror-Geschichte á la „Alien“, während Dracula sich in der Serie keinesfalls damit begnügt, die meiste Zeit über in seiner Kiste zu bleiben, stattdessen mischt er sich als Passagier unter die anderen Gäste (bei Stoker war die Demeter ein reines Frachtschiff). Wie nicht anders zu erwarten hat diese zweite Episode recht wenig mit dem Roman zu tun und arbeitet, von Van Helsing und dem Grafen selbst einmal abgesehen, mit völlig neuen Figuren, die natürlich letztendlich alle das zeitliche segnen.

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Zoe Van Helsing (Dolly Wells)

Die dritte Episode versetzt die Handlung in die Gegenwart, nach dem Untergang der Demeter macht der Graf ein über 100 Jahre dauerndes Nickerchen vor der Küste Whitbys (wo auch sonst?), um dann von einer Nachfahrin Agatha Van Helsings, Zoe Van Helsing (nochmal Dolly Wells) wieder zum Leben erweckt zu werden. Ironischerweise greift diese dritte Episode, trotz des Zeitsprungs, mehr Handlungselemente des Romans auf als die zweite – wenn man gnädig ist, kann man immer noch von einer Adaption in groben Zügen sprechen. Mit Jack Seward (Matthew Beard), Lucy Westenra (Lydia West) und Frank Renfield (Mark Gatiss himself, bei Stoker allerdings nicht Frank, sondern R. M. Renfield) tauchen sogar Figuren des Romans in Rollen auf, die denen ihrer literarischen Gegenstücke zumindest halbwegs entsprechen.

Vor allem die erste Episode ist wirklich gelungen und äußerst atmosphärisch, womit sich diese Adaption in guter Gesellschaft befindet – Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss ist meistens der stärkste Teil der Dracula-Erzählung, egal in welchem Gewand sie auftritt. Die zweite Episode ist vor allem faszinierend, weil sie vom Roman abweicht. Dabei ist weniger interessant, was tatsächlich geschieht, als vielmehr, in welche Richtung sich die Erzählung bewegt. Leider leidet die dritte Episode unter Schwächen, mit denen auch spätere Sherlock-Staffeln zu kämpfen haben – Gatiss und Moffat sind praktisch cleverer, als ihnen gut tut. Zu sehr bemühen sie sich, die Figuren zu psychologisieren, was letzten Endes einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Das Vermächtnis des Grafen
„Dracula“ ist einer der am häufigsten adaptierten Romane der Literaturgeschichte, was zur Folge hat, dass sich jede neue Verfilmung nicht nur mit dem Roman selbst, sondern auch mit den anderen Adaptionen auseinandersetzen muss, sei es direkt oder indirekt. Tatsächlich finden sich hier durchaus einige, mal mehr, mal weniger subtile Anspielungen auf diverse Dracula-Adaptionen. Rein optisch ähnlet der von Claes Bang dargestellte Vampirfürst kaum dem Buch-Gegenstück, das neben einem mächtigen Schnurrbart auch haarige Handflächen besitzt, sondern erinnert eher an die von Bela Lugosi dargestellte Version – einmal sogar im klassischen Outfit. Allerdings wird Dracula hier, genau wie im Roman, durch den Konsum von Blut verjüngt. Bei Gatiss und Moffat geschieht das allerdings bereits vollständig während Jonathans Aufenthalt in Draculas Schloss, während die Verjüngung bei Stoker erst mit Draculas Ankunft in London abgeschlossen ist. Draculas Vampirgebiss erinnert dagegen an das, das Christopher Lee in den Hammer-Filmen trug. Auch die Szene ganz am Ende der dritten Episode, in der Zoe Van Helsing über den Tisch hechtet, um die Vorhänger zu öffnen und die Sonne hereinzulassen, kann als Reminiszenz auf Hammers ersten Dracula-Film verstanden werden, in dem Peter Cushings Van Helsing dasselbe tut, auch wenn der Effekt natürlich ein anderer ist.

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Der vom Vampirismus gezeichnete Jonathan Harker (John Heffernan)

Der kundige Zuschauer kann darüber hinaus diverse andere Anspielungen erkennen, die über „Dracula“ hinausgehen. Der vom Vampirismus gezeichnete Jontahan Harker kann mit seinem kahlen, entstellten Äußeren als Anspielung auf Graf Orlok aus Werner Herzogs „Nosferatu“ mit Max Schreck verstanden werden und mehr noch, in Werner Herzogs Nosferatu-Remake mit Klaus Kinski und Bruno Ganz wird Jonathan Harker ebenfalls zum Vampir. In der zweiten Episode taucht ein gewisser Lord Ruthven (Patrick Walshe McBride) auf – diesen Namen trug der erste literarische bzw. aristokratische Vampir in John William Polidoris „The Vampyre“. Die Serienfigur dieses Namens ist allerdings nicht untot, sondern nur ein weiteres Opfer von Draculas Machenschaften. Die jeweilige Rahmenhandlung der ersten beiden Episoden weist schließlich, gewollt oder ungewollt, Parallelen zu „Interview mit einem Vampir“ auf.

Die gesamte dritte Episode erinnert schließlich – unglücklicherweise – an „Wes Craven präsentiert Dracula“ (auch unter dem Titel „Dracula 2000“ bekannt). Hierbei handelt es sich sowohl um eine (wenig gelungene) Adaption von Stokers Roman als auch um eine Fortsetzung mit Gerard Butler in der Titelrolle, die die Handlung ins Amerika der Gegenwart (in diesem Fall des Jahres 2000) versetzt. Wie in besagtem Film, den Wes Craven nur produzierte und bei dem Patrick Lussier Regie führte, greift auch die Serie in ihrer dritten Episode Elemente des Romans auf und versetzt sie in ein modernes Setting. Und wie beim Film ist das Ergebnis eher ernüchternd. Wie üblich versuchen Moffat und Gatiss, dem etablierten Stoff einen besonderen Twist zu verpassen, der ihm letztendlich aber keine neuen Seiten abgewinnen kann. Hier kommt Lucy Westenra als neue Figur hinzu, die wie im Roman zur Vampirin wird – anstatt allerdings als laszive Untote aus dem Grab zurückzukehren, taucht sie als verbrannter Kadaver wieder auf. Gerade hier handelt es sich um einen Twist um des Twists Willen, da er letztendlich kaum Auswirkungen hat: Auch im Roman sind die Vampirjäger, primär Jack Seward und Arthur Holmwood, von der untoten Lucy trotz ihres lasziven Gebarens abgestoßen. Tatsächlich findet sich in „Bram Stoker’s Dracula“ eine deutlich subtilere Variation auf diesen Handlungsstrang.

Vampire, Jäger und Opfer
Die wahrscheinlich größte Stärke dieser Dracula-Adaption ist Claes Bang als Graf und, wenn auch in geringerem Ausmaß, Dolly Wells als Agatha/Zoe Van Helsing. Wie schon Christopher Lee und Peter Cushing oder Gary Oldman und Anthony Hopkins tragen diese beiden und ihre Rivalität den jeweiligen Film bzw. die Serie. Diese Version des Grafen ist dabei zwar nicht die unheimlichste oder einschüchterndste, aber zweifellos eine der unterhaltsamsten. Claes Bangs Graf ist weit von der monströsen Figur des Romans entfernt; wir haben es hier mit einem geradezu jovialen und verspielten (dabei aber keinesfalls ungefährlichen) Dracula zu tun, der immer dann am besten ist, wenn er in Wells‘ Van Helsing eine würdige Gegnerin findet. Gatiss und Moffat greifen hier ein Element auf, das in anderen Adaptionen selten berücksichtigt wird: Bei Stoker lernt der Graf über seinen Zustand; er ist keinesfalls ein Vampir, der seine Stärken und Schwächen völlig unter Kontrolle hat. Die Serien-Inkarnation ist trotz ihres Alters von 400 Jahren ebenfalls noch in einem Lernprozess, für ihn ist alles letztendlich ein Spiel, in dem er sich austesten kann. Claes Bang spielt Dracula als einen Schurken, der enorm viel Spaß an seinem bösen Tun hat. Das bestimmt auch die Stimmung und den Tonfall der Serie, die nie wirklich erschreckend ist, sondern von der theatralischen Verspieltheit ihrer Titelfigur dominiert wird. Unterstrichen wird das von dem einen oder anderen ziemlich trashigen Moment, etwa Nonnen, die mit militärischer Präzision die Armbrust zücken.

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Lucy Westenra (Lydia West)

Im Gegensatz dazu spielt Dolly Wells zwei sehr verschiedene Figuren: Agatha Van Helsing ist eine sehr resolute Nonne, die versucht, ihren Glauben und ihre Hingabe an die Wissenschaft unter einen Hut zu bringen – etwas, bei dem ihr Dracula letztendlich hilft, denn er ist ein eindeutiger Beweis des Übernatürlichen, der Agatha letztendlich in ihren Absichten festigt. Im Gegensatz dazu ist Zoe van Helsing ein Getriebene, die wegen ihrer Krebserkrankung verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihr Leben zu retten – und wenn sie sich dafür mit dem Vampirismus einlässt.

Leider funktioniert die letzte Konfrontation zwischen Zoe/Agatha (die sich durch Draculas Blut in ihrer Nachfahrin manifestiert) und dem Grafen nicht allzu gut. Hier kommt die übermäßige Psychologisierung ins Spiel und macht die Serie gewissermaßen „kaputt“: Moffat und Gatiss erklären Dracula und seinen Vampirsmus mit dem Wunsch nach dem Tod kombiniert mit der Angst vor ihm. Die „Regeln des Vampirismus“ resultieren aus der Scham Draculas, aus Manierismen werden Legenden, an die der Graf selbst glaubt. An sich keine uninteressante Idee, nur passt sie absolut nicht zur bisherigen Charakterisierung, zur Verspieltheit des Grafen.

Die Musik der Kinder der Nacht

Wie schon bei diversen anderen BBC-Produktionen, etwa „Good Omens“ und alle vier Staffeln von „Sherlock“, verpflichtete man das Komponisten-Duo David Arnold und Michael Price. Letzteren kenne ich tatsächlich nur von den Soundtracks dieser Fernsehproduktionen, David Arnold hingegen hat in den 90ern und 2000ern auch einiges im Blockbusterbereich abgeliefert, darunter die „Emmerich-Bombast-Trilogie“ bestehend aus „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“, der Score des dritten Narnia-Films „Voyage of the Dawn Treader“ und natürlich die Musik diverser James-Bond-Filme – besonders nennenswert sind seine Kompositionen für „Tomorrow Never Dies“ und „Casino Royale“.

Arnolds und Price‘ Arbeit für „Dracula“ unterscheidet sich deutlich von den bombastischen Fantasy- und Agenten-Scores vergangener Dekaden, die Parallelen zu „Sherlock“ sind da schon größer, auch wenn „Dracula“ erfreulicherweise deutlich weniger modern klingt. In gewisser Weise scheinen Arnold und Price den „Sherlock-Sound“ mit dem osteuropäisch angehauchten Stil des Soundtracks von „Bram Stoker’s Dracula“, komponiert von Wojciech Kilar, vereint zu haben. Das Hauptthema des Scores stammt ironischerweise jedoch aus einer anderen Quelle: Der Anfang besagten Themas stimmt fast eins zu eins mit dem Voldemort/Todesser-Thema aus Alexandre Desplats „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1“ überein, auch wenn die Instrumentierung natürlich eine völlig andere ist. Tatsächlich ist dieses Thema nicht wirklich außergewöhnlich oder komplex und erinnert zudem an die unter Film- und anderen Komponisten nur allzu beliebte klassische Dies-Irae-Melodie, weshalb ich durchaus gewillt bin, dieses Desplat-Zitat als bloßen Zufall durchgehen zu lassen.

Insgesamt ist Arnolds und Price‘ Score nämlich äußerst gelungen, eine schöner, ziemliche Streicher-lastiger Gothic-Horror-Score, sowohl finster und eindringlich als auch melodisch und tragisch. Das Thema des Grafen ist äußert gut form- und wandelbar und tritt in einer Vielzahl unterschiedlicher Gestalten auf. Als Gegenpol fungiert Mina Harkers Thema, ein äußerst melodisches und ansprechendes Konstrukt, das für ein ausgewogenes Gesamtbild sorgt.

Fazit: Stephen Moffats und Mark Gatiss‘ Neuinterpretation von Bram Stokers Roman ist in den ersten beiden Folgen zwar mitunter etwas überdreht, aber durchaus clever und unterhaltsam, in der dritten dagegen zu mäandernd und übermäßig psychologisierend. Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings das Zusammenspiel von Claes Bang als Dracula und Dolly Wells als Van Helsing.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

The Boys – Staffel 1

Enthält Spoiler!
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Das Superhelden-Genre wächst in Film und Fernsehen ebenso munter wie unaufhaltsam weiter. In der Zwischenzeit findet sich auch ein gerüttelt Maß an subversiven Parodien und Dekonstruktionen, von „Watchmen“ (die Comic-Vorlage ist natürlich nach wie vor sowohl Urvater als auch Goldstandard für jede Superheldendekonstruktion) über „Kick-Ass“ oder „Super“ im Filmbereich bis hin zu „The Umbrella Academy“ in der Serienwelt. Nun gesellt sich auch die Amazon-Prime-Serie „The Boys“ zu dieser illustren Riege. Mit der von Garth Ennis verfassten und überwiegen von Darick Robertson gezeichneten Vorlage bin ich schon ziemlich lange vertraut, ich besitze noch die deutsche Erstveröffentlichung von Panini. Die Ankündigung der Serie ging dagegen irgendwie an mir vorbei, weshalb ich erst kurz vor knapp erfahren habe, dass Billy Butcher und Co. nun auch im Live-Action-Bereich ihr Unwesen treiben.

Handlung
Eigentlich könnte alles schön sein: Hughie (Jack Quaid) ist mit seiner Freundin Robin (Jess Salgueiro) glücklich – bis diese unverhofft durch eine Unachtsamkeit des Superhelden A-Train (Jessie Usher) auf äußerst unschöne Weise getötet wird. Das führt zu einer Lebenskrise, in der Billy Butcher (Karl Urban) auf Hughie aufmerksam wird. Butcher hegt einen tiefen Groll gegen alle Superhelden und tut, was er kann, um sie zu entlarven und gegen sie zu arbeiten. Hierzu will er Hughie einspannen. Durch Zufall und dummes Glück gelingt es den beiden, den unsichtbaren Superhelden Translucent (Alex Hassell) zu töten, aber damit fangen die Probleme freilich erst an. Also beginnt Billy, seine alte Mannschaft, die „Boys“, bestehend aus Marvin alias „Mother’s Milk“ (Laz Alonso) und Frenchie (Tomer Kapon) zu reaktivieren.

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Billy Butcher (Karl Urban)

Derweil wird die junge Superheldin Annie (Erin Moriarty), Codename „Starlight“, zu einem Mitglied der „Seven“, des größten Superheldenteams der Welt, bestehend aus Homelander (Antony Starr), Queen Maeve (Dominique McElligott), The Deep (Chase Crawford), Black Noir (Nathan Mitchell), A-Train und Translucent. Schon bald muss sie allerdings erkennen, dass diese Superhelden, die lange Idole für sie waren, äußerst unangenehme und geradezu verachtenswerte Personen sind, deren heroische öffentliche Persönlichkeit konträr zum wahren Gesicht steht. Zugleich begegnet Annie zufällig Hughie und die beiden kommen sich näher, ohne zu ahnen, dass sie praktisch auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Nach und nach entdecken die Boys eine groß angelegte Verschwörung der Firma Vought, die für die Vermarktung der diversen Superhelden zuständig ist. Sie stoßen auf die stumme Kimiko (Karen Fukuhara), die als eine Art Superterroristin herangezüchtet wurde und entdecken, dass Vought und seine Vizepräsidentin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) noch weitaus mehr Dreck am Stecken haben, als ursprünglich angenommen…

Comic vs. Serie
Garth Ennis ist dafür bekannt, dass er Superhelden als Genre und als Figuren nicht besonders schätzt. Zwar hat er bereits sowohl für DC als auch für Marvel gearbeitete, kümmerte sich aber primär um Antihelden wie John Constantine, den Punisher oder Hitman, die von den traditionellen kostümierten Heroen recht weit entfernt sind. Außerdem ist Ennis auch bekannt für die eher… herben Inhalte seiner Geschichten. „The Boys“ ist dafür ein Paradebeispiel. Die Serie lief von 2006 bis 2012 und zeigt Superhelden als zutiefst verachtenswerte Wesen, die übermäßig brutal und pervers sind – Alan Mooers Watchmen-Figuren sind dagegen subtil und grundsympathisch. Ich habe seinerzeit die ersten drei deutschen Bände gekauft und gelesen, hatte danach aber ehrlich gesagt keine Lust mehr. Nichts gegen herbere Inhalte, aber Ennis‘ Serie war selbst mir irgendwann schlicht zu „mean-spirited“ und zu exzessiv.

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Hughie (Jack Quaid) und Starlight (Erin Moriarty)

Unglaublich, aber wahr: Die Serie schafft diesbezüglich Abhilfe. Showrunner David Kripke hält sich keinesfalls sklavisch an die Vorlage. Zwar behält er sowohl Setting als auch Figuren bei, hat aber keine Hemmungen, Elemente abzuändern und die Inhalte ein wenig zu entschärfen. Das tut dem Material tatsächlich gut, denn so gelingt es ihm, gerade die „Seven“, die in der Vorlage wirklich völliger Abschaum sind, interessanter zu machen. Auch die Boys selbst, bei Ennis ebenfalls nicht gerade Sympathieträger, werden ein wenig sympathischer und nachvollziehbarer. Die Adaption ist nach wie vor gewalttätig, abgedreht und voller kaputter Figuren, nur nicht ganz so exzessiv überzeichnet, wie es in den Comics der Fall ist. Durch diese Anpassung gewinnt „The Boys“ enorm.

Umsetzung der Antihelden
„The Boys“ zeigt, ähnlich wie „Game of Thrones”, wie weit Serien in der Zwischenzeit gerade bezüglich der Effekttechnik gekommen sind – bei einer Superheldenserie ein durchaus essentieller Bestandteil. Durch ihre geerdete Natur hatten es die Marvel-Netflix-Serien da leichter, während die Effekte bei anderen Serien mitunter recht wechselhaft waren. „The Boys“ ist zwar noch nicht auf dem Niveau eines Superhelden-Blockbusters und inszeniert auch keine größeren Materialschlachten, aber was die Serie liefert, sieht durch die Bank weg gut aus. Besonders Homelanders Hitzblick muss sich wirklich nicht vor dem Gegenstück aus den Snyder-Filmen verstecken.

Das Herzstück der Serie sind trotz allem die Charaktere, was dank des hervorragenden Casts auch wunderbar funktioniert. Hughie ist dabei die traditionelle – nun, man möchte fast „Heldenfigur“ sagen, aber angesichts der Thematik wäre dieser Begriff vielleicht nicht ganz passend. Ein amüsanter Insider-Gag am Rande: Hughie in den Comics ist visuell Simon Pegg nachempfunden. Dieser ist inzwischen natürlich zu alt, um einen Mittzwanziger zu spielen, darf aber in einer kleinen Rolle als Hughies Vater auftreten. Als Mentor und zugleich Gegenstück des Protagonisten fungiert Billy Butcher. Beide verbindet der Hass auf Superhelden und der Durst nach Rache, da beide die zentrale Person ihres Lebens durch einen Superhelden verloren haben. Hughie ist die Figur, die einen klassischen Handlungsbogen hat und letztendlich lernt, dass Rache die Sache auch nicht besser macht. Am Ende rettet er sogar A-Trains Leben, anstatt ihn für die fahrlässige Tötung seiner Freundin sterben zu lassen. Im Gegensatz dazu bleibt Billy Butcher, den Karl Urban in all seinem Zynismus wirklich hervorragend darstellt, bei seinem Vorhaben und ist bereit, alles und jeden für seine Rache zu opfern.

Die andere Point-of-View-Figur der Serie ist Annie alias Starlight, die dem Publikum Einblick in die Welt der Superhelden gewährt. Zu Beginn erlebt man sie als naive Idealistin, die zu den Helden der „Seven“ aufblickt, aber schon bald feststellen muss, dass diese mit den Idealen, die sie verkörpern, nichts gemein haben. Im Verlauf der Serie wächst der Konflikt in ihr; einerseits möchte sie zu dieser Welt gehören, auf die sie ihr ganzes Leben vorbereitet wurde, aber andererseits will sie dieser Welt, deren wahres Gesicht sie nun kennt und die darüber hinaus von einer skrupellosen Firma völlig kontrolliert wird, auch entkommen.

Gerade strukturell weiß „The Boys“ wirklich zu überzeugen. Die Staffel ist (vielleicht auch aus finanziellen Gründen) recht schlank und verfügt nur über acht Episoden, geht mit der Zeit aber sehr gut um. Nichts fühlt sich unnötig in die Länge gezogen, zugleich bekommen die Handlungsstränge aber ausreichend Zeit. Freilich, einige der Figuren kommen noch etwas kurz, der Fokus liegt eindeutig auf Hughie, Billy Butcher, Annie und Homelander (und auch The Deep und A-Train haben ihre kleinen Sub-Plots), aber weitere Staffeln werden da mit Sicherheit noch Abhilfe schaffen und die anderen Mitglieder der Boys und der „Seven“ in den Fokus rücken.

Sieben Helden sollt ihr sein
Die „Seven“ sind natürlich eine recht offensichtliche Anspielung auf die Justice League, die zwar nicht immer aus sieben Mitgliedern besteht, aber doch immer wieder zu dieser Zahl zurückkehrt, sei es in der ursprünglichen Aufstellung, in Grant Morrisons JLA-Serie oder in der animierten Serie „Justice League“ (die beiden letztgenannten sind nach wie vor die besten Inkarnationen der Liga). Bei den meisten Mitgliedern der „Seven“ muss man nicht lange raten, wer das Vorbild ist: Homelander ist eine eindeutige Superman-Parodie, versehen mit einem Schuss Captain America (Fun Fact: Im Zuge des Events „DC vs. Marvel“ in den 90ern verschmolzen Captain America und Superman tatsächlich für kurze Zeit zu einer Figur, dem „Super Soldier“). Queen Maeve basiert natürlich auf Wonder Woman, Black Noir (der in dieser ersten Staffel kaum eine Rolle spielt und nur dadurch auffällt, dass Homelander ihn offenbar schätzt und dass er Klavier spielen kann) auf Batman, The Deep auf Aquaman, A-Train auf Flash und Lamplighter, der bereits zu Beginn der Serie ausscheidet und dessen Platz Starlight einnimmt, auf Green Lantern. Translucent, der eine Neuschöpfung für die Serie ist und in den Comics nicht vorkommt, ist weniger eindeutig zuordenbar, könnte aber Martian Manhunter ersetzen; Unsichtbarkeit ist schließlich eine der vielen Superkräfte des marsianischen Helden. Starlight schließlich erinnert ein wenig an Stargirl, Supergirl oder Powergirl, während ihre Kräfte mit denen von Dr. Light vergleichbar sind (gemeinte ist hier das weibliche Justice-League-Mitglied, nicht der männliche Titans-Schurke gleichen Namens).

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Queen Maeve (Dominique McElligott) und Homelander (Antony Starr)

Natürlich werden die Helden kräftig dekonstruiert. Homelander besitzt nichts von der Zurückhaltung eines Clark Kent, sondern ist übermäßig arrogant und löst, trotz seiner vielen Kräfte, fast jedes Problem mit seinem Hitzeblick, was besonders bei der missglückten Flugzeugrettung zu ernsthaften Konsequenzen führt. Queen Maeve begann als idealistische junge Heldin, ähnlich wie Starlight, wurde jedoch vom Superhelden-Lebensstil verdorben, leidet an einem Burnout und hat sich in die Gleichgültigkeit zurückgezogen. A-Train ist ein Junkie, Translucent ein Perverser, der seine Fähigkeiten nutzt, um in der Damentoilette zu spannen, und im Fall von The Deep wird mit Aquamans Ruf der Nutzlosigkeit gespielt. Auch fungieren die „Seven“ nicht als unabhängige Gruppe, die die Welt vor Bedrohungen schützt, sondern sie arbeiten für die Firma Vought, die das Heldentum inszeniert, um Geld zu verdienen. Tatsächliches Heldentum, die Rettung Unschuldiger und der Kampf gegen das Verbrechen sind da bestenfalls Nebensache und schlimmstenfalls komplett gestellt.

Fazit: „The Boys“ ist das gelungenste Stück Superhelden-Unterhaltung im Serienbereich seit der dritten Staffel von „Daredevil“. Der Adaption gelingt es, durch das Zurückschrauben es Exzess-Faktors, die Vorlage zu übertreffen und die Figuren interessanter und tiefgründiger zu gestalten. Empfehlung für alle, die auf subversive Superhelden-Parodien stehen.

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Titans Staffel 1

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Es wird langsam unübersichtlich, denn die Anzahl der verschiedenen, parallel laufenden DC-Kontinuitäten wächst immer weiter. Die beiden primären Vertreter sind das „Arrowverse“, die miteinander verknüpften Fernsehserien des Senders „The CW“ (darunter „Arrow“, „The Flash“ und „Supergirl“) und natürlich das durch „Aquaman“ mehr oder weniger wiederbelebte DC Extended Universe. Davon losgelöst sind die Serien „Gotham“ und „Krypton“, die Prequel-Geschichten zu Batman und Superman erzählen, aber weder dem DCEU noch dem „Arrowverse“ zugehörig sind. Warners hauseigener Streamingdienst „DC Universe“ macht munter weiter. Die erste Eigenproduktion trägt den Titel „Titans“ und basiert (eher lose) auf den „Teen Titans“ und den diversen Ablegercomicserien wie „New Teen Titans“, „The Titans“ etc. Auf den ersten Blick wirkt „Titans“ ein wenig, als versuche Warner damit, ein Gegenstück zu den Marvel-Netflix-Serien zu kreieren. Ob das wirklich so ist lässt sich natürlich nur schwer sagen, in jedem Fall ist „Titans“ aber ein ziemlich merkwürdiges Konglomerat, das einige der selben Eigenheiten und Schwächen aufweist wie die frühen DCEU-Filme – primär „Batman v Superman“.

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Robin/Dick Grayson (Brenton Thwaites)

Robin alias Dick Grayson (Brenton Thwaites) hat genug davon, Batmans Handlanger zu sein und macht sich in Detroit Selbstständig. Mehr oder weniger zufällig läuft ihm die 16-jährige Rachel Roth (Teagan Croft) über den Weg, deren Mutter ermordet wurde und der merkwürdige Gestalten hinterherjagen. Nicht weniger merkwürdig ist Kory Anders (Anna Diop), die völlig ohne Erinnerung zu sich kommt und feststellen muss, dass sie über auf Hitze basierende Superkräfte verfügt. Ihr einziger Anker ist Rachel – ohne dass sie wüsste, weshalb. Es kommt, wie es kommen muss: Robin, Rachel, Kory und ein grünhaariger Gestaltwandler namens Garfield Logan (Ryan Potter) schließen sich zusammen, um hinter das Mysterium zu kommen und natürlich Rachel vor Bedrohungen zu beschützen. Dabei stoßen auf diverse andere Superhelden, etwa die Doom Plyatrol, das Duo Hawk (Alan Ritchson) und Dove (Minka Kel), Jason Todd (Curran Walters), Dicks Nachfolger als Robin, und das ehemalige Wonder Girl Donna Troy (Conor Leslie).

Die (Teen) Titans – ein kurzer Abriss
Die Teen Titans existieren bereits seit dem Jahr 1964 (erster Auftritt in The Brave and the Bold #54) und bildeten eine Art Junior-Justice-League. Das ursprüngliche Team setzte sich aus den drei Sidekicks Robin (Dick Grayson), Kid Flash (Wally West) und Aqualad (Garth) zusammen, bald darauf kamen Wonder Girl (Donna Troy) und Speedy (Roy Harper) hinzu. In gewisser Weise kann man die Entwicklung der Titans sehr gut mit Marvels X-Men vergleichen: In beiden Fällen handelt es sich um Teams, die sich in ihrer ersten Inkarnation aus Teenagern zusammensetzten und anfangs nur bedingt erfolgreich waren. Erst in den 70ern und 80ern gewannen sie enorm an Popularität, als sich bestimmte Kreativteams ihrer annahmen (bei den X-Men Chris Claremont und John Byrne, bei den Titans Marv Wolfman und George Pérez). Und sowohl bei den X-Men als auch bei den Titans gelten die Storys besagter Kreativteams als die die im Grunde definitive Version, auf die sich alle nachkommenden Geschichten und Adaptionen immer wieder beziehen. Das gilt ganz besonders für „The Judas Contract“, quasi das Titans-Gegenstück zur „Dark Phoenix Saga“. Wolfman und Pérez machten aus Dick Grayson Nightwing und schufen die Figuren Starfire, Cyborg, Raven und Deathstroke, ohne die die Titans heute kaum mehr denkbar sind.

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Rachel Roth/Raven (Teagan Croft)

In den 90ern und 2000ern machten die Titans einige Wandlungen durch und wurden immer wieder neu aufgelegt. Ironischerweise lernte ich das Team in einer Inkarnation kennen, zu der keines der ursprünglichen Teammitglieder gehört. Auch die Teen Titans fielen dem Trend der 90er-Neudefinitionen zum Opfer, für seine Teen-Titans-Serie schuf Autor und Zeichner Dan Jurgens vier brandneue Figuren, denen er den verjüngten Justice-League-Helden The Atom an die Seite stellte. Im Verlauf der Serie spielten die diversen Titans-Inkarnationen dann aber trotzdem noch eine überaus wichtige Rolle. Weitere nennenswerte Titans-Serien sind „Titans“ von Devin Grayson und „Teen Titans“ von Geoff Johns – vor allem Erstere gilt als eine der besten Darstellungen des Teams.

Die Animationsserie „Teen Titans“ darf natürlich nicht übergangen werden. Auch wenn sie gut zehn Jahre danach lief (von 2003 bis 2006) finden sich auch hier wieder Parallelen zu den X-Men, denn in beiden Fällen sorgten die Zeichentrickserien dafür, dass das jeweilige Team einem größeren Publikum bekannt wurde. Ich persönlich habe immer gewisse Probleme mit der Teen-Titans-Serie, sie ist mir ein wenig zu knallig und überdreht und die Interpretation des Auftragskillers Deathstroke (Slade Wilson) als Meisterverbrecher „Slade“ sagt mir nicht wirklich zu, aber insgesamt ist es definitiv keine schlechte Serie, vor allem wenn die Bezüge zu Wolfman und Pérez in den späteren Staffeln größer werden.

Thema verfehlt
In den vielen Jahrzehnten, die die Titans nun schon existieren, hat sich ein Thema in so gut wie jeder Inkarnation immer deutlich abgezeichnet: Familie. Die ursprünglichen Titanen waren ein Zusammenschluss junger Helden, die etwas Abstand von ihren Mentoren suchten und dabei andere junge Helden anzogen. Spätere Teams setzten sich oft aus einigen ursprünglichen, inzwischen erwachsenen Titans mit Mentorfunktion und einer Gruppe an neuen Junghelden zusammen.

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Kory Anders/Starfire (Anna Diop)

Die Serienentwickler Akiva Goldsman, Geoff Johns und Greg Berlanti nehmen dagegen Figuren und einige Plotelemente und schaffen daraus keine Superhelden-Teamserie, in dem die Dynamik oder das Verhältnis der Mitglieder im Vordergrund steht, sondern eine Mystery-Serie mit snyderesquen Superheldenelementen. Eines der Hauptanliegen von „Titans“ scheint es, dem Publikum zu zeigen, wie kaputt die Superhelden sind. Nicht, dass das nicht ein Thema wäre, das man grundsätzlich verarbeiten könnte (auch wenn „Watchmen“ das nun einmal bereits sehr ausführlich und gelungen getan hat), es hat nur nichts mit den Titans zu tun. Das wirklich traurige ist, dass die Titans in dieser ersten Staffel nicht einmal auftauchen. Die einzelnen Mitglieder der klassischen Formation der Animationsserie (minus Cyborg) tauchen zwar alle als Hauptfiguren auf, agieren aber nie wirklich als Team. Wenn man ohne Vorkenntnisse an diese Serie herangeht, fragt man sich, wieso sie überhaupt „Titans“ heißt.

Die Lösung wäre eigentlich relativ simpel, wollte man sich der Thematik wirklich annehmen: Johns, Goldsman und Berlanti hätten das Ganze als Outsiders-Serie aufziehen müssen. Die Outsiders, ursprünglich von Batman in den 80ern ins Leben gerufen, später in diversen Inkarnationen von Nightwing/Dick Grayson und Red Hood/Jason Todd (in seinem Fall nennt sich das Team „Outlaws“) angeführt, sind thematisch weit weniger gebunden und eignen sich weitaus besser, um grimmige Geschichten mit kaputten Helden zu erzählen. Zu allem Überfluss gibt es viele Helden, die zum einen oder anderen Zeitpunkt sowohl Mitglied der Titans als auch der Outsiders waren, diesbezüglich könnte es also durchaus Überschneidungen geben.

Handlungsaufbau und Figuren
„Titans“ greift einen zentralen Handlungsstrang der Wolfman/Pérez-Ära auf. Deren Serie „New Teen Titans“ begann mit dem Auftauchen Ravens, die im Kampf gegen ihren Dämonenvater Trigon Hilfe sucht und so die Neuformierung der Titans veranlasst. Die Serie basiert in sehr, sehr groben Zügen auf diesem Handlungsbogen, zieht ihn aber, wie bereits erwähnt, eher als Mystery-Serie mit Superheldenelementen auf. Strukturell scheint man sich dabei durchaus ein wenig an der Netflix-Serie „Daredevil“ orientiert zu haben. In dieser wurde die eigentliche Haupthandlung zugunsten ausführlicher, charakterbildender Einschübe und Flashback-Episoden angehalten – „Titans“ macht gerne dasselbe. Der Unterschied ist, dass bei „Daredevil“ letztendlich alles zusammenkam und eine stringente Geschichte erzählt wurde (zumindest in den Staffeln 1 und 3). „Titans“ dagegen mäandert ziemlich. Ironischerweise gehören die Episoden, die abschweifen, etwa die beiden, die sich mit Hawk und Dove beschäftigen, oder die Doom-Patrol-Episode, zu den besten der Serie. Gerade die Doom Patrol, die in Kürze in dieser Besetzung ihre eigene Serie bekommt, war sehr vorlagengetreu umgesetzt (zumindest, soweit ich das sagen kann, da ich nur eine Handvoll Comics mit ihr gelesen habe) und Hawk und Dove waren zumindest interessant.

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Garfield Logan/Beast Boy (Ryan Potter)

Die Charakterisierung und Darstellung der eigentlichen Titans ist dagegen bei so ziemlich allen leicht bis ziemlich daneben. Beginnen wir bei Robin, der als Posterboy und Protagonist der Serie fungiert, was an sich schon ein Problem ist, da diese Serie nun einmal „Titans“ und nicht „Robin mit Anhang“ heißt. Der eigentliche Plot dreht sich um Raven/Rachel Roth, dient aber im Grunde nur als Aufhänger dazu, Robin in diverse Situationen zu bringen. In so ziemlich jeder der elf Folgen drängt sich Robin immer wieder in den Vordergrund, was dafür sorgt, dass so gut wie keine Teamdynamik entsteht. Und dann wäre da natürlich die eigentliche Charakterisierung von Batmans Ex-Sidekick. Wo die Serie letztendlich mit ihm hinmöchte, ist klar: Robin soll sich endgültig von Batman emanzipieren und zu Nightwing werden (wer sehen möchte, wie so etwas richtig gemacht wird, ziehe die Episode „Old Wound“ aus „Batman: The Animated Series“ zu Rate). Gleichzeitig wird er hier aber als ultrabrutaler vorgehender Vigilant gezeigt, was einfach nicht so recht zusammenpassen will. Es wird etabliert, dass Robin, wenn er das Kostüm trägt, immer in einen regelrechten Gewaltrausch verfällt. Der Teil von Robins Charakterentwicklung, der aus den Comics stammt, beißt sich mit den Elementen, die von den Autoren für die Serie hinzugefügt wurden. Insgesamt passt diese Robin-Interpretation besser zu Jason Todd, der, nebenbei bemerkt, in „Titans“ Gastauftritte hat, im Grunde aber relativ überflüssig ist, weil nun zwei psychopathische Robins durch die Gegend rennen, der eine hinterfragt sich ein wenig, der andere überhaupt nicht. Das wirft natürlich die Frage auf, mit was für einem Batman wir es in dieser Kontinuität zu tun haben – mit seiner Menschenkenntnis kann es ja nicht allzu weit her sein.

Die anderen Figuren sind aufgrund des Robin-Fokus sehr unterentwickelt und funktionieren primär über ihre Beziehung zu Robin. Dementsprechend ist Beast Boy quasi überflüssig; er stößt als letzter dazu und hat im Grunde keine Beziehung zu Robin, weshalb er ein bloßes Anhängsel bleibt. Raven/Rachel hat das meiste Potential und hätte eine gute Hauptfigur abgeben können, hätte man sie in den Fokus gerückt. So, wie es ist, fungiert sie aber primär als Plotkatalysator, was einfach zu wenig ist, wenn sie zumindest theoretisch Zentrum der Handlung ist. Mit der klassischen Comic-Inkarnation hat sie verhältnismäßig wenig zu tun, am ehesten erinnert sie an die relativ junge Raven aus Geoff Johns‘ und Judd Winicks „Teen Titans“ bzw. „Titans“.

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Hank Hall/Hawk (Alan Ritchson) und Dawn Granger/Dove (Minka Kelly)

Und dann hätten wir da natürlich noch Starfire, deren visuelle Umsetzung bereits im Vorfeld zu massiven Kontroversen führte. Und um das mal vorneweg klarzustellen: Mir (und ich denke den meisten anderen Fans auch) geht es nicht darum, dass Starfire von einer afroamerikanischen Schauspielerin dargestellt wird – tatsächlich denke ich, dass Anna Diop keine schlechte Besetzung ist. Es geht darum, dass die Figur in dieser Serie weder optisch noch charakterlich etwas mit der Comicfigur zu tun hat. Starfire ist ein Alien, das sich nie als Mensch tarnen konnte oder wollte. Darüber hinaus frage ich mich ernsthaft, weshalb sie in der Serie wie eine Vegas-Prostituierte herumläuft, denn einen handlungsrelevanten Grund dafür gibt es nicht. Ja, die Comicversion zieht sich auch gerne sehr freizügig an, aber in den Comics ist das tatsächlich mit ihrer Herkunft und der Natur ihrer Kräfte begründet. Ihr Look in der Serie dagegen ist einfach nur bizarr.

Umsetzung
„Titans“ ist die erste speziell für Warners DC-Streamingdienst produzierte Serie und nimmt somit eine Vorreiterrolle ein. In diesem Kontext fragt man sich, was sich die Verantwortlichen eigentlich gedacht haben. Selten findet man eine derart unebene Serie wie „Titans“. Da gibt es hin wieder wirklich gelungene Szenen, gerade im Action-Bereich, und dann sieht die Serie wieder aus wie ein Fan-Film. Das CGI ist zu Beginn ziemlich schlecht und wird im Verlauf der Staffel noch schlechter, so dass es wirkt, als wäre während der Produktion das Geld ausgegangen. Das trifft auch auf das allgemeine Niveau der Produktion zu: Manche Kostüme sind wirklich gut gelungen, andere dagegen sind einfach nur peinlich – besonders erwähnenswert ist der Batsuit in Episode 11. Noch gravierender sind die vielen Fehler und Merkwürdigkeiten, die sich einschleichen. In einer Szene verstecken sich die Figuren in einem Motel, in der nächsten sind sie plötzlich in einer Trainingshalle, um ihre Kräfte auszutesten, ohne dass das angemessen kontextualisiert würde. Es gibt eine ganze Reihe von ähnlichen Beispielen, oft greifen Szenen einfach nicht ineinander.

Gerade für Fans der Comics gibt es auch viele Anspielungen und Verweise, denn „Titans“ bemüht sich, mit geringen Mitteln ein relativ umfassendes DC-Universum zu etablieren. Der gesamte Batman-Kosmos wird immer wieder angerissen, die Doom Patrol, Hawk und Dove und Wondergirl haben Gastauftritte und Wonder Woman und Superman werden immerhin erwähnt. Dummerweise verheddert sich die Serie immer wieder in diesen Anspielungen und Verweisen, sodass sie letztendlich hohl bleiben und auch uns Comic-Fans keine Freude bereiten. Easter Eggs können eine gute Handlung bereichern, wenn sie sinnvoll eingebaut werden, aber sie können eine gute Handlung nicht ersetzen.

Man muss es „Titans“ allerdings lassen, dass es der Staffel dennoch trotz aller Widrigkeiten gelingt, einen gewissen Spannungsbogen zu erzeugen, der zumindest mich dazu veranlasst hat, alle elf Folgen in relativ kurzer Zeit anzuschauen. Nach jedem Lichtblick hofft man, dass es aufwärts geht, nur um dann immer wieder enttäuscht zu werden. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt ist dann die finale Episode, die abermals einiges an Potential hat, dieses aber gekonnt in den Boden rammt. Tatsächlich sollte besagte Folge eigentlich die vorletzt sein, während die nun in die zweite Staffel verschobene zwölfte das eigentliche Staffelfinale hätte darstellen sollen. Nun endet die erste Staffel von „Titans“ mit einem ziemlich abrupten Cliffhanger, der dafür sorgt, dass sie sich wie eine Anhäufung verschiedener kürzer Geschichten, aber nicht wie eine narrative Einheit anfühlt.

Fazit: Es war ja schon abzusehen, aber „Titans“ ist ein ziemlicher Griff ins Klo, der auf Teufel komm raus versucht, aus den Titans etwas zu machen, was sie einfach nicht sind. Das immer wieder aufblitzende Potential und die eine oder andere gute Idee sorgen dazu für ziemlich große Frustration. Umso mehr verwundert mich der extrem hohe Rotten-Tomatoes-Wert und die vielen positiven Rezensionen, die man allenthalben liest.

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Daredevil Staffel 3

Spoiler!
season 3
Nach anfänglicher Euphorie musste man leider bald feststellen, dass bei weitem nicht alles, was aus der Marvel/Netflix-Kooperation entspringt, dem hohen Standard entspricht, den die erste Staffel von „Daredevil“ vorgab. Besagte erste Staffel war 2015 eine regelrechte Offenbarung: Hier wurde gezeigt, dass es im MCU auch anders geht. Und während zeitgenössische Superhelden-Serien wie „Arrow“ daran scheiterten, die Düsternis von „The Dark Knight“ weiterzuführen, ohne einfach nur dessen Stilmittel zu kopieren, gelang „Daredevil“ dieses Kunststück beinahe mühelos. Schon bei der zweiten Staffel schaffte man es aber nicht mehr, vollständig an diese Qualitäten anzuknüpfen. Während der Handlungsstrang um den Punisher vollauf zu überzeugen wusste, waren Matt Murdocks Auseinandersetzungen mit Elektra und der „Hand“ bestenfalls bedingt unterhaltsam und mitunter einfach nur uninteressant. Eine der größten Stärken der ersten Staffel war der Fokus, alles konzentrierte sich auf den Konflikt zwischen Matt Murdock und Wilson Fisk. Die Handlungsstränge in Staffel 2 schafften es dagegen nie, ein großes Ganzes zu bilden.

Auch die anderen Serien, die diesem Deal entstammen, erwiesen sich als „Mixed Bag“. „Jessica Jones“ Staffel 1 war durchaus gelungen (nicht zuletzt dank David Tennants Kilgrave), aber bei weitem nicht so mitreißend wie das Daredevil-Gegenstück. Ich muss auch gestehen, „Luke Cage“, „Iron Fist“ und „The Punisher“ habe ich aus Mangel an Zeit und/oder Interesse bis heute nicht gesehen (wobei „The Punisher“ definitiv noch Pflichtprogramm ist). „The Defenders“ war durchaus kurzweilig und amüsant, vor allem was das Zusammenspiel der vier Helden angeht, litt aber unter ähnlichen Schwächen wie die zweite Daredevil-Staffel: Die Ninjas der „Hand“ sind einfach nicht interessant. Nun scheint es, als neige sich die Ära Marvel/Netflix dem Ende zu. „Iron Fist“, „Luke Cage“ und „Daredevil“ wurden bereits abgesetzt, bei „Jessica Jones“ und „The Punisher“ stehen jeweils noch eine Staffel aus, doch auch deren Absetzung scheint relativ sicher. Die gute Nachricht dabei ist allerdings, dass „Daredevil“ Staffel 3 vollauf zu überzeugen weiß und an die Qualitäten der ersten Staffel anknüpft.

Handlung
Nach der Auseinandersetzung mit der „Hand“ wird Matt Murdock (Charlie Cox) von seinen Freunden Karen (Deborah Ann Woll) und Foggy Nelson (Elden Henson) für tot gehalten, im Geheimen jedoch von Schwester Maggie Grace (Joanne Whalley) gesund gepflegt. Derweil beschließt der immer noch im Gefängnis sitzende Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio), mit dem FBI einen Deal zu machen, um seine Geliebte Vanessa (Ayelet Zurer) zu beschützen. Agent Ray Nadeem (Jay Ali), der dringend einen Karriereschub braucht, um seine Familie versorgen zu können, fungiert als Vermittler. Fisk soll vom Gefängnis in ein streng bewachtes Penthouse verlegt werden, wird auf dem Weg jedoch von Rivalen angegriffen. Er und Nadeem überleben nur aufgrund des Eingreifens von Agent Poindexter (Wilson Bethel). Während Matt mit seinem Glauben ringt und langsam zu seinem Vigilantentum zurückkehrt, beginnt Wilson Fisk damit, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen: Nicht nur gelingt es ihm, durch subtile Manipulation langsam die Kontrolle über das FBI zu übernehmen, er schafft es auch, den ebenso tödlichen wie psychisch schwer angeschlagenen Benjamin Poindexter auf seine Seite zu ziehen und ihn dazu zu bringen, in einem Daredevil-Kostüm für ihn zu töten. Während sich die Öffentlichkeit gegen den einstmals gefeierten Vigilanten wendet, wird Wilson Fisk endgültig zum „Kingpin des Verbrechens“ in New York…

Back to the Roots
Wie bereits erwähnt besinnt sich die dritte Staffel in vielerlei Hinsicht auf die Stärken der ersten. Wie schon bei dieser steht der Konflikt zwischen und die parallele Entwicklung von Matt Murdock und Wilson Fisk im Vordergrund, während ein weiterer Ausbau des Defenders-Universums nicht erfolgt – nicht einmal Gastauftritte gibt es, in der letzten Folge wird Jessica Jones einmal erwähnt, das war es dann aber auch schon mit den Referenzen. Selbst beim Kostüm kehren die kreativen Köpfe von Netflix zur ersten Staffel zurück, denn Matt trägt wieder den schlichten schwarzen Ursprungslook, während das rote Kostüm nur von Agent Poindexter getragen wird.

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Matt Murdock (Charlie Cox) back in black

Apropos Agent Poindexter, bei ihm handelt es sich tatsächlich um eine Version des klassischen Daredevil-Widersachers Bullseye, der seinerzeit im Affleck-Film von Colin Farrell dargestellt wurde – Benjamin Poindexter ist ein Deckname, den Bullseye in den Comics häufiger verwendet, es handelt sich dabei aber wohl nicht um seinen echten Namen. Mit der Comicversion hat Poindexter vor allem die Treffsicherheit und einige psychische Probleme gemein, davon abgesehen handelt es sich im Grunde aber um eine neue Figur, die mit dem klassischen Bullseye kaum etwas zu tun hat und in der Serie weder unter diesem Namen agiert, noch das klassische schwarze Kostüm trägt. In anderer Hinsicht kommt Staffel 3 der Vorlage allerdings wieder näher: Wilson Fisk schlüpft endlich in seinen ikonischen weißen Anzug und wird zum ersten Mal tatsächlich als „Kingpin“ bezeichnet.

Inhaltlich erzählt Staffel 3 primär eine eigene Story, die sich jedoch immer wieder Elemente aus Frank Millers und David Mazzuchellis „Daredevil: Born Again“ borgt. Bei diesem fünfteiligen Handlungsbogen der regulären Daredevil-Serie (erschienen in den Ausgaben 227-233 im Jahr 1986) handelt es sich um eine der essentiellen Geschichten des Charakters. Zu den Elementen, die übernommen wurden, gehören die Nonne, die Daredevil nach einer Verletzung gesund pflegt und in Wahrheit seine Mutter ist, ein Verrückter im Daredevil-Kostüm und die Versuche des Kingspins, Matt auf jede erdenkliche Art zu ruinieren (wobei der Fokus im Comic eindeutig auf diesem Handlungselement liegt). Auch die Karen-Page-Episode erinnert ein wenig an das, was mit ihr in „Born Again“ passiert bzw. passiert ist.

Figuren und Handlungsentwicklung
Gerade bei den Figuren zeigt sich, wie gelungen Staffel 3 ist. Hier wird mit zwei Gegensatzpaaren gearbeitet: Zum einen sind das natürlich Matt Murdoch und Wilson Fisk. Beide befinden sich zu Beginn der Handlung an einem Tiefpunkt und beide arbeiten im Verlauf der Staffel daran, zu ihrem alten Status zurückzukehren, was Fisk letztendlich deutlich besser gelingt. Dennoch wünscht man als Zuschauer nicht nur Matt, sondern auch seinem Widersacher Erfolg. Nach wie vor ist der Kingpin eine derart einnehmende Figur, dass man gebannt seinem Handlungsstrang folgt, sich freut, als er mit Mariana endlich wiedervereint ist und traurig ist, wenn er am Ende besiegt wird.

Unter anderem werden auch die moralischen Fragen aus der zweiten Staffel wieder aufgegriffen: Hier wurde Daredevil mit dem Punisher konfrontiert, der, anders als Matt, nicht davor zurückschreckt, Verbrecher gnadenlos hinzurichten. Matt beschließt hier nun, dass Kingpin ihm genug angetan hat und beschließt, ihn zu töten. Am Ende jedoch erkennt er, dass es falsch wäre und kann schließlich in mehr als einer Hinsicht zu sich selbst zurückkehren.

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Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) 

Das zweite Gegensatzpaar sind die FBI-Agenten Nadeem und Poindexter, die sich beide in Abhängigkeit zu Wilson Fisk begeben. Ersterer meint, dass es nötig sei, um seine Familie zu unterstützen. Durch diese Aktion bringt er seine Familie allerdings in Gefahr und macht sich zum Komplizen. Poindexter derweil leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsströung und sucht immer nach einem „Nordstern“, an dem er sich orientieren kann und der ihm sagt, was richtig ist. Ursprünglich war dies seine Therapeutin, doch im Verlauf der Staffel wird es Fisk. Sowohl Poindexter als auch Nadeem sagen sich am Ende vom Kingpin auf unterschiedliche Weise los, Nadeem schafft es, sich zu rehabilitieren, verliert dabei aber sein Leben, während Poindexter sich seinen Rachegelüsten ergibt.

Auch die anderen Figuren kommen nicht zu kurz. Vanessa hat nur am Ende einen Auftritt, der jedoch nichts desto trotz eindringlich ausfällt und ihre Charakterisierung gekonnt unterstreicht. Foggy und Karen dagegen haben ihre eigenen, sekundären Handlungsstränge, die trotz allem gut zum Gesamtbild passen. Vor allem Karen wird noch einmal in den Mittelpunkt gerückt, sie wird gezwungen, sich mit dem Tod James Wesleys und ihrer eignen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Wenn es eine Schwäche in dieser Staffel gibt, dann ist es die manchmal etwas unebene Erzählweise. Einerseits sind 13 Episoden vielleicht ein paar zu viele, hin und wieder kommt es zur einen oder anderen Länge, die zwar nicht besonders ins Gewicht fallen, aber bei einer Staffel von 10 Episoden mit einem engeren Erzählfokus vielleicht hätten vermieden werden können. Umso ironischer ist es, dass manche Entwicklungen in der Handlung ein wenig plötzlich kommen – das betrifft vor allem Fisks Kontrolle über das FBI. Die Absicht war wohl, den Zuschauer ebenso zu überraschen und zu schocken wie Agent Nadeem, auf mich wirkte es aber dennoch ein wenig zu sehr erzwungen. Das sind jedoch nur geringe Schwächen, die kaum ins Gewicht fallen.

Und weiter?
Rein formal gehören die Netflix-Marvel-Serien zum MCU, in der Praxis gibt es aber wegen diverser Konflikte zwischen Marvels Filmschmiede und der Seriendivison nur wenige Überschneidungen. Zwar werden in den Serien hin und wieder Mal Thor, Iron Man oder Captain America erwähnt, aber umgekehrt wird nichts aufgegriffen und wer auf ein Crossover hoffte, wurde schnell desillusioniert. Nun geht die Marvel/Netflix-Ära zu Ende, während Disney gleichzeitig den hauseigenen Streaming-Dienst an den Start schickt. Wird man die Netflix-Serien dort fortsetzen? Die Antwort lautet wohl erst einmal nein. Bis 2020 bleiben die Rechte an Daredevil, dem Punisher, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist ohnehin erst einmal bei Netflix, und selbst danach ist es unwahrscheinlich, dass die Serien auf Disney+ in irgendeiner Form weiterlaufen, da bereits verkündet wurde, man wolle alle den Dienst vorerst jugendfrei halten (was unter anderem auch bedeutet, dass die beiden Deadpool-Filme und „Logan“ dort nicht zu sehen sein werden, obwohl Disney sie nach der Fox-Übernahme dort zeigen könnte).

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Benjamin Poindexter (Wilson Bethel) im Daredevil-Anzug

Während mir alle anderen Defenders relativ egal sind, muss ich sagen, dass ich es schon schade fände, wenn diese Inkarnation von Daredevil, meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Marvel-Umsetzungen überhaupt, einfach sang- und klanglos verschwinden würde. Zugegeben wäre Staffel 3 ein durchaus gelungener Abschluss, aber es gibt noch eine ganze Menge Potential. Es stellt sich natürlich die Frage, was Disney wohl mit den Rechten an den Defenders macht, wenn sie wieder an den Mäusekonzern zurückfallen. Da es nie tatsächliche Anbindungen zwischen MCU und Netflix/Marvel gab, könnte man eine neue Version von Daredevil ins MCU integrieren. Ich denke allerdings, Disney würde sich damit keinen Gefallen tun. Anders als die beiden Amazing-Spider-Man-Filme genießt „Daredevil“ im Fandom einen ausgezeichneten Ruf, ein Reboot würde zumindest bei mir auf Ablehnung stoßen. Mein Vorschlag: Disney sollte ein Filmgegenstück zu „Marvel Max“ einrichten. Hierbei handelt es sich um ein Label des Verlags, bei dem nicht-jugendfreie Serien und Graphic Novels erscheinen, die sich durch erhöhten Gewaltgrad, sexuelle Inhalte oder anspruchsvolle Themen von den regulären Marvelserien abheben. Unter diesem Label ist beispielsweise die Serie „Alias“ erschienen, die als Vorlage für „Jessica Jones“ diente, ebenso wie die beliebten und völlig abgedrehten „Marvel Zombies“, die Justice-League Dekonstruktion „Supreme Power“ bzw. „Squadron Supreme“ und natürlich diverse Punisher-Serien, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem derartigen Konstrukt könnte Disney Marvel-Inhalte mit R-Rating verarbeiten. Da das Studio die Deadpool-Filme ohnehin fortsetzen will, schließlich sind sie finanziell und bei den Kritikern erfolgreich, was durchaus mit dem R-Rating zusammenhängt, wäre es doch naheliegend, auch andere erfolgreiche, härtere Stoffe zu adaptieren und so die Vielfalt zu garantieren. Ob besagte Stoffe dann zum MCU gehören oder unabhängig sind sei erst einmal dahingestellt.

Fazit: Nach einer schwächeren zweiten Staffel und einer mäßigen Team-up-Serie kehrt Daredevil in seiner dritten Staffel mit aller Macht zurück, knüpft an alte Erfolge an und bringt die vielleicht Staffel des Marvel/Netflix-Deals mit.

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Siehe auch:
Daredevil Staffel 1
Daredevil Staffel 2

Watchmen: Von Alan Moore über Zack Snyder bis zu HBO

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„Watchmen“, verfasst von Alan Moore und gezeichnet von Dave Gibbons, gilt als einer der besten Comics überhaupt. Nicht nur wird „Watchmen“, als einer der Gründe für das Erwachsenwerden des Comics bzw. der Etablierung der Graphic Novel angesehen, das Werk ist auch der einzige Comic auf der Liste der 100 besten Romane seit 1923 des Time-Magazine, wo seine Qualitäten wie folgt beschrieben werden: „Told with ruthless psychological realism, in fugal, overlapping plotlines and gorgeous, cinematic panels rich with repeating motifs, Watchmen is a heart-pounding, heartbreaking read and a watershed in the evolution of a young medium.“ (Quelle: http://entertainment.time.com/2005/10/16/all-time-100-novels/slide/watchmen-1986-by-alan-moore-dave-gibbons/)

In der Tat verfügt „Watchmen“ nicht nur über die oben aufgezählten Qualitäten und sorgte für die Evolution des Mediums, Moore nutzte „Watchmen“ auch gleichzeitig, um, neben vielen anderen Themen wie Macht, Religion, Moral, Psychologie und Politik, die Entwicklung des amerikanischen Comics zu kommentieren. Vor allem steht, was angesichts der Thematik des Werkes kaum verwundert, die Geschichte des Superheldencomics dabei im Fokus. Dies zeigt sich anhand von subtilen Verweisen, Handlungssträngen, der Figurenkonstruktion, aber auch des grundsätzlichen Plots und des Handlungsverlaufs. Insgesamt gehört „Watchmen“ zu den Werken, die genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen und die Zeit ihres Erscheinens genau widerspiegeln. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Graphic Novel so ein revolutionäres, bleibendes Werk wurde, während Zack Snyders Verfilmung weit weniger erfolgreich war und kaum Auswirkungen hatte.

„Watchmen“ als Spiegel der Comicgeschichte
Eine der grundlegenden Prämissen des Werkes ist, zu zeigen, wie es wäre, wenn Superhelden tatsächlich in einer realistischen Welt existieren, wie sich ihre Gegenwart auswirken würde und welche Menschen sich dazu entschließen würden, Kostüme überzustreifen, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.  Dies steht im Gegensatz zu den Superheldenuniversen von DC oder Marvel, in denen die Anwesenheit von Superhelden die Menschheitsgeschichte nicht wirklich verändert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Universen der beiden Comicgiganten funktionieren nach dem Status-Quo-Prinzip, im Kleinen wie im Großen: Bane kann Batmans Rückgrat brechen, der Dunkle Ritter kann temporär sterben oder aus anderen Gründen kurzfristig ersetzt werden, irgendwann wird Bruce Wayne wieder das Fledermauskostüm überstreifen. Ähnlich verhält es sich mit dem globalen Status Quo: Egal wie viele Alien-Invasionen oder interdimensionale Angriffe vorkommen, diese Ereignisse haben nie den Einfluss, den sie tatsächlich haben müssten; trotz all dem entwickelt sich auch die Welt, wie sie das DC- und Marvel-Universum zeigen, parallel zu unserer, da der Leser erwartet, auch seinen Alltag wiederzufinden.

Moore hätte mehrere Herangehensweisen wählen können, entschied sich aber schließlich dazu, dass die Handlung, bzw. die Hintergründe der Figuren die Geschichte der amerikanischen Superhelden wiederspiegeln sollten. Diese Hintergründe werden entweder im Rahmen zahlreicher Rückblicke oder in Form von Zusatztexten am Ende der Einzelhefte erzählt. Bei diesen handelt es sich um fiktive Sachtexte aus der erzählten Welt von „Watchmen“, etwa um Kapitel der Autobiographie von Hollis Mason, der als Nite Owl zur ersten Generation der Superhelden gehört und, gerade weil der Leser durch seine Autobiographie sehr viel über ihn, sein Leben und seine Ansichten erfährt, einer der Hauptrepräsentanten besagter erster Generation ist. In seiner Autobiographie erwähnt Hollis Mason einige spezifische Inspirationen – frühe Pulp-Figuren bzw. Superheldenvorläufer wie Doc Savage und The Shadow, aber vor allem Superman. Superman löste also nicht nur die Flut an Comichelden in unserer Welt aus, sondern inspirierte auch die kostümierten Verbrechensbekämpfer in der Welt von „Watchmen“.  Darüber hinaus ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Hollis Mason seine Superheldenidentität 1939 annimmt, genau das Jahr, in dem Batman seinen ersten Auftritt absolvierte – zwischen beiden Figuren gibt es einige starke Parallelen, nicht zuletzt die Benennung nach einem nachtaktiven Tier. Tatsächlich basieren viele der Figuren von „Watchmen“ lose auf Charakteren, die DC von einem anderen Verlag, Charlton Comics, erworben hatte und die Moore ursprünglich für „Watchmen“ verwenden wollte, bevor DC dies verhinderte. Allerdings finden sich in den Watchmen-Figuren viele Elemente und Stereotype aller möglicher Superhelden.

Die in Rückblicken geschilderte Bildung des Superheldenteams „Minutemen“ in den 40ern, bei dem alle bedeutenden Helden mitwirken, spiegelt nicht zufällig die Justice Society of America wider. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwinden die Minutemen allerdings in der Versenkung, sowohl in der Realität (nicht zuletzt Dank Frederic Wertham und „Seduction of the Innocent“) als auch in der Welt von „Watchmen“ sind die 50er somit eine superheldenfreie Dekade.

Dr. Manhattans Entstehung 1959, die eine Rückkehr der kostümierten Vigilanten begünstigt, fällt ziemlich genau mit der Superheldenrenaissance Anfang der 60er zusammen. Die versuchte und gescheiterte Bildung der „Crime Busters“ mit einer neuen Heldengeneration erinnert dann wieder an die Formierung der Justice League oder der Avengers; wie bei Ersterer finden sich auch bei den Crime Busters Helden wieder, die ein Vermächtnis fortsetzen (Green Lantern und Flash bei der Justice League, Nite Owl und Silk Spectre bei den Crime Busters); und wie bei Letzteren gibt es eine Figur, die bereits während des goldenen Zeitalters aktiv war (der Comedian und Captain America). Diese Parallelen sind allesamt auf den ersten Blick nicht allzu offensichtlich und dazu ziemlich subtil, aber unzweifelhaft vorhanden. Der Unterschied zwischen „Watchmen“ und den entsprechenden zeitgenössischen Comics ist, dass die Superhelden in Watchmen durchweg vom Scheitern und ihren Komplexen gezeichnet sind. Sie sind als Figuren vielschichtiger und lassen sich, anders als die Helden und Schurken von DC und Marvel, weniger eindeutig als gut oder böse klassifizieren.

Beide Superheldenteams werden von Moore nicht gerade zimperlich behandelt, die Minutemen sind im Grunde nur eine Fassade und zerbrechen letztendlich u.a. daran, dass der Comedian versucht, Silk Spectre zu vergewaltigen. Die Bildung der Crime Busters gelingt gar nicht erst, die zweite Generation der Superhelden findet nie zu einem Team zusammen. Der Keene-Act, der die Superhelden schließlich verbietet, kann getrost als weitere Anspielung auf den Comic Code gesehen werden, auch wenn er über 20 Jahre später umgesetzt wird. Dieses Element wurde immer wieder aufgegriffen, am deutlichsten in Pixars „The Incredibles“, in welchem ein ähnlicher Regierungserlass dem Superheldentum ein Ende setzt.

Das Auftauchen „realer“ Superhelden in der Welt von „Watchmen“ hat dann wiederum auch Auswirkungen auf die Comicgeschichte besagter Welt. In der Graphic Novel existiert eine Binnenhandlung; immer wieder taucht im Verlauf ein Junge auf, der einen Piratencomic namens „Tales of the Black Freighter“ liest, dessen Handlung die Handlung von „Watchmen“ widerspiegelt und kommentiert. Primär betrifft dies vor allem Ozymandias/Adrian Veidt und dessen Handlungen, allerdings nutzt Moore die Hintergründe dieses Piratencomics auch, um die amerikanische Comicgeschichte zu kommentieren. In der Realität sind Superheldencomics das dominante Genre, in einer Welt, in der Superhelden allerdings wirklich existieren, ist dies anders, da sie nicht mehr zum Eskapismus taugen.

Statt der Superhelden dominieren in „Watchmen“ Piraten den Comicmarkt. In der fünften Ausgabe von „Watchmen“ findet sich ein Artikel über die Hintergründe der fiktiven Serie und der alternativen Comicgeschichte. Da Superhelden nicht gefragt sind, wird E.C., Heimat solcher Serien wie „Tales from the Crypt“ in den 1950er Jahren zum dominanten Herausgeber. Auch auf Werthams „Sedution of the Innocent“ wird angespielt. Statt des neuen Flash und der Justice League startet DC eine Comic-Renaissance mit einer eigenen Piratenserie, besagten „Tales of the Black Freighter“.

„Watchmen“ ist letztendlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Superheldenthematik auf allen Ebenen. Die oben erläuterten Verweise fungieren nicht nur als clevere Ausschmückung der erzählten Welt des Comics, sondern funktionieren zugleich als Kommentar zur Comicgeschichte der USA. Durch das Scheitern seiner Figuren dekonstruiert Moore die idealisierten Vorstellungen und die mitunter vorhandene heile-Welt-Wahrnehmung des Goldenen und Silbernen Zeitalters und zeigt gleichzeitig, wie sich eine alternative Comicgeschichte der USA ohne die Superhelden als dominantes Genre hätte entwickeln können. Dennoch verurteilt Moore weder die Geschichte des Mediums, noch das Superheldengenre, sondern verweist letztendlich in dessen Zukunft. Mit dem, was auf „Watchmen“ folgte, war er dann allerdings alles andere als zufrieden. Anstatt tiefgründiger und besser konstruierte Geschichten zu schreiben, beschränkten sich viele Comicschaffende in den späten 80ern und frühen 90ern darauf, lediglich oberflächliche Elemente von Moores und Gibbons‘ Meisterwerk zu übernehmen: Ebenso grimmige wie gnadenlose Antihelden wurden modern, die zwar einiges mit dem Comedian und Rorschach gemein haben, aber selten auch nur ansatzweise derart gut konstruierte Charaktere sind. Die grimmige Brutalität wurde zum Selbstzweck und ihrer Aussage beraubt.

Zack Snyders Filmadaption

Bereits in den 80ern wurde eine Filmadaption von „Watchmen“ in Erwägung gezogen, es sollte dann aber doch bis zum Jahr 2009 dauern, bis Moores Meisterwerk eine Filmadaption erhielt. Diverse Drehbücher, u.a. von Sam Hamm (Autor von Tim Burtons „Batman“) oder Terry Gilliam wurden verworfen, Gilliam selbst sollte Regie führen, erklärte aber schließlich, die Graphic Novel sei nicht verfilmbar. Nachdem er „300“ zum Erfolg gemacht hatte, trat Warner Bros. Mitte der 2000er an Zack Snyder heran, der darauf bestand, sowohl das 80er-Jahre-Setting als auch den Härtegrad der Vorlage beizubehalten.

Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche von Snyders Film ist die Vorlagentreue. Mit einigen wenigen Ausnahmen hält sich der Film fast sklavisch an die Graphic Novel, wie bei „Sin City“ wurden die Panels zum Teil als Storyboard verwendet. Man merkt Snyders große Liebe zur Vorlage und seinen Willen, ihr gerecht zu werden, deutlich an. Diese Nähe zur Vorlage ist zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich mag die Filmadaption von „Watchmen“, in meinen Augen ist sie Snyders mit Abstand bester Film. Der gute Mann versteht es als Regisseur durchaus, eindrückliche, bleibende und kreative Bilder zu erzeugen. Erzählerische Substanz dagegen ist etwas, das nicht gerade zu seinen Stärken gehört – aber gerade weil „Watchmen“ sich so eng an die Vorlage hält, ist besagte Substanz natürlich gegeben, auch wenn der Film trotzdem einige Probleme bei der Umsetzung der Geschichte hat. Zugleich raubt Snyder der Adaption so aber die Möglichkeit, ein ähnlich markantes Werk wie die Graphic Novel zu werden. Bei der Vorlage handelt es sich um Dekonstruktion und Kommentar zum Superheldengenre – durch die Vorlagentreue bleibt der Film aber letztendlich auf demselben Level wie die Vorlage und ignoriert die letzten zwanzig Jahre Comic- und Filmgeschichte. Was 1986 neu und revolutionär war, ist 2009 nun einmal nicht mehr wirklich bahnbrechend, zumindest für Comicfans. Ein paar Verweise an die weitere Entwicklung des Superheldengenres im Film finden sich bei Snyder schon, aber es bleibt zumeist bei subtilen Anspielungen. Die Kostüme der Figuren etwa folgen den aktuellen Trends und Snyder kann es auch nicht lassen, auf die Bat-Nippel in Joel Schumachers Filmen anzuspielen, in dem er Ozymandias ebenfalls Nippel verpasst. Aber das sind, wie gesagt, subtile Anspielungen.

Andererseits versuchte Snyder ja mit seinen anderen DC-Filmen, primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ das Superheldengenre auf eigene Faust zu dekonstruieren – mit, gelinde gesagt, ernüchterndem Ergebnis. Insofern ist die Filmversion von „Watchmen“ wahrscheinlich der best-mögliche Ausgang.

Gegenwart und Zukunft
Obwohl Snyders „Watchmen“ nur mäßig erfolgreich war, brachte der Film Moores Meisterwerk neue Popularität und sorgte dafür, dass DC Comics, gegen Moores ausdrücklichen Willen, neue Watchmen-Publikationen herausbrachte. Vor allem zu erwähnen ist hier „Before Watchmen“, eine Reihe von Miniserien, die die Hintergrundgeschichte der diversen Figuren des Originals aufgreifen. Einerseits sind diese Miniserien relativ unnötig bis überflüssig, andererseits ist aber durchaus einiges an Talent beteiligt, etwa Darwyn Cooke, J.G. Jones, Brian Azzarello oder Lee Bermejo, die zumindest einige dieser Miniserien äußerst lesenswert machen, allen voran „Before Watchmen: Minutemen“ und „Before Watchmen: Rorschach“. Das erwies sich allerdings erst als der Anfang, denn im Rahmen des DC-Rebirth-Events wurden die Figuren und Welt von „Watchmen“ auch offiziell ins DC-Universum eingeführt, spezifisch in der zwölfteiligen Serie „Doomsday Clock“, die ich allerdings noch nicht gelesen habe.

Allgemein interessanter dürfte allerdings der Umstand sein, dass HBO nun eine „Watchmen“-Serie plant. Allem Anschein nach versucht HBO mit dieser Serie genau das zu bewerkstelligen, was Zack Snyder mit seiner Verfilmung versäumte. Weder soll es sich bei dieser Serie um eine Neuerzählung der Geschichte der Graphic Novel handeln, noch um eine tatsächliche Fortsetzung; stattdessen soll die Serie primär in der Welt von „Watchmen“ spielen und dabei ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Konzept bietet sich natürlich optimal für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Superheldengenre quer durch alle Medien an. Gerade der Superheldenfilm hat sich in den zehn Jahren seit Snyders Adaption gewandelt: 2009 war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen „The Dark Knight“ auf das Genre haben und wie erfolgreich das MCU, dessen Anfänge im Jahr 2008 ins Kino kamen, sein würde. Eine derartige Serie könnte auch gut auf Politik und Gesellschaft der Gegenwart eingehen, wie es die Graphic Novel bereits in den 80ern tat; in dem eine alternative Welt mit anderem Geschichtsverlauf gezeigt wird, in der sich dennoch unsere eigene Welt widerspiegelt. Bleibt lediglich die Frage, ob Damon Lindelof, seines Zeichens späterer Showrunner von „Lost“ und Drehbuchautor von „Prometheus“, wirklich die richtige Person ist, um das Ganze auf den Weg zu bringen.

Siehe auch:
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das moderne Zeitalter
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

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