Daredevil Staffel 3

Spoiler!
season 3
Nach anfänglicher Euphorie musste man leider bald feststellen, dass bei weitem nicht alles, was aus der Marvel/Netflix-Kooperation entspringt, dem hohen Standard entspricht, den die erste Staffel von „Daredevil“ vorgab. Besagte erste Staffel war 2015 eine regelrechte Offenbarung: Hier wurde gezeigt, dass es im MCU auch anders geht. Und während zeitgenössische Superhelden-Serien wie „Arrow“ daran scheiterten, die Düsternis von „The Dark Knight“ weiterzuführen, ohne einfach nur dessen Stilmittel zu kopieren, gelang „Daredevil“ dieses Kunststück beinahe mühelos. Schon bei der zweiten Staffel schaffte man es aber nicht mehr, vollständig an diese Qualitäten anzuknüpfen. Während der Handlungsstrang um den Punisher vollauf zu überzeugen wusste, waren Matt Murdocks Auseinandersetzungen mit Elektra und der „Hand“ bestenfalls bedingt unterhaltsam und mitunter einfach nur uninteressant. Eine der größten Stärken der ersten Staffel war der Fokus, alles konzentrierte sich auf den Konflikt zwischen Matt Murdock und Wilson Fisk. Die Handlungsstränge in Staffel 2 schafften es dagegen nie, ein großes Ganzes zu bilden.

Auch die anderen Serien, die diesem Deal entstammen, erwiesen sich als „Mixed Bag“. „Jessica Jones“ Staffel 1 war durchaus gelungen (nicht zuletzt dank David Tennants Kilgrave), aber bei weitem nicht so mitreißend wie das Daredevil-Gegenstück. Ich muss auch gestehen, „Luke Cage“, „Iron Fist“ und „The Punisher“ habe ich aus Mangel an Zeit und/oder Interesse bis heute nicht gesehen (wobei „The Punisher“ definitiv noch Pflichtprogramm ist). „The Defenders“ war durchaus kurzweilig und amüsant, vor allem was das Zusammenspiel der vier Helden angeht, litt aber unter ähnlichen Schwächen wie die zweite Daredevil-Staffel: Die Ninjas der „Hand“ sind einfach nicht interessant. Nun scheint es, als neige sich die Ära Marvel/Netflix dem Ende zu. „Iron Fist“, „Luke Cage“ und „Daredevil“ wurden bereits abgesetzt, bei „Jessica Jones“ und „The Punisher“ stehen jeweils noch eine Staffel aus, doch auch deren Absetzung scheint relativ sicher. Die gute Nachricht dabei ist allerdings, dass „Daredevil“ Staffel 3 vollauf zu überzeugen weiß und an die Qualitäten der ersten Staffel anknüpft.

Handlung
Nach der Auseinandersetzung mit der „Hand“ wird Matt Murdock (Charlie Cox) von seinen Freunden Karen (Deborah Ann Woll) und Foggy Nelson (Elden Henson) für tot gehalten, im Geheimen jedoch von Schwester Maggie Grace (Joanne Whalley) gesund gepflegt. Derweil beschließt der immer noch im Gefängnis sitzende Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio), mit dem FBI einen Deal zu machen, um seine Geliebte Vanessa (Ayelet Zurer) zu beschützen. Agent Ray Nadeem (Jay Ali), der dringend einen Karriereschub braucht, um seine Familie versorgen zu können, fungiert als Vermittler. Fisk soll vom Gefängnis in ein streng bewachtes Penthouse verlegt werden, wird auf dem Weg jedoch von Rivalen angegriffen. Er und Nadeem überleben nur aufgrund des Eingreifens von Agent Poindexter (Wilson Bethel). Während Matt mit seinem Glauben ringt und langsam zu seinem Vigilantentum zurückkehrt, beginnt Wilson Fisk damit, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen: Nicht nur gelingt es ihm, durch subtile Manipulation langsam die Kontrolle über das FBI zu übernehmen, er schafft es auch, den ebenso tödlichen wie psychisch schwer angeschlagenen Benjamin Poindexter auf seine Seite zu ziehen und ihn dazu zu bringen, in einem Daredevil-Kostüm für ihn zu töten. Während sich die Öffentlichkeit gegen den einstmals gefeierten Vigilanten wendet, wird Wilson Fisk endgültig zum „Kingpin des Verbrechens“ in New York…

Back to the Roots
Wie bereits erwähnt besinnt sich die dritte Staffel in vielerlei Hinsicht auf die Stärken der ersten. Wie schon bei dieser steht der Konflikt zwischen und die parallele Entwicklung von Matt Murdock und Wilson Fisk im Vordergrund, während ein weiterer Ausbau des Defenders-Universums nicht erfolgt – nicht einmal Gastauftritte gibt es, in der letzten Folge wird Jessica Jones einmal erwähnt, das war es dann aber auch schon mit den Referenzen. Selbst beim Kostüm kehren die kreativen Köpfe von Netflix zur ersten Staffel zurück, denn Matt trägt wieder den schlichten schwarzen Ursprungslook, während das rote Kostüm nur von Agent Poindexter getragen wird.

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Matt Murdock (Charlie Cox) back in black

Apropos Agent Poindexter, bei ihm handelt es sich tatsächlich um eine Version des klassischen Daredevil-Widersachers Bullseye, der seinerzeit im Affleck-Film von Colin Farrell dargestellt wurde – Benjamin Poindexter ist ein Deckname, den Bullseye in den Comics häufiger verwendet, es handelt sich dabei aber wohl nicht um seinen echten Namen. Mit der Comicversion hat Poindexter vor allem die Treffsicherheit und einige psychische Probleme gemein, davon abgesehen handelt es sich im Grunde aber um eine neue Figur, die mit dem klassischen Bullseye kaum etwas zu tun hat und in der Serie weder unter diesem Namen agiert, noch das klassische schwarze Kostüm trägt. In anderer Hinsicht kommt Staffel 3 der Vorlage allerdings wieder näher: Wilson Fisk schlüpft endlich in seinen ikonischen weißen Anzug und wird zum ersten Mal tatsächlich als „Kingpin“ bezeichnet.

Inhaltlich erzählt Staffel 3 primär eine eigene Story, die sich jedoch immer wieder Elemente aus Frank Millers und David Mazzuchellis „Daredevil: Born Again“ borgt. Bei diesem fünfteiligen Handlungsbogen der regulären Daredevil-Serie (erschienen in den Ausgaben 227-233 im Jahr 1986) handelt es sich um eine der essentiellen Geschichten des Charakters. Zu den Elementen, die übernommen wurden, gehören die Nonne, die Daredevil nach einer Verletzung gesund pflegt und in Wahrheit seine Mutter ist, ein Verrückter im Daredevil-Kostüm und die Versuche des Kingspins, Matt auf jede erdenkliche Art zu ruinieren (wobei der Fokus im Comic eindeutig auf diesem Handlungselement liegt). Auch die Karen-Page-Episode erinnert ein wenig an das, was mit ihr in „Born Again“ passiert bzw. passiert ist.

Figuren und Handlungsentwicklung
Gerade bei den Figuren zeigt sich, wie gelungen Staffel 3 ist. Hier wird mit zwei Gegensatzpaaren gearbeitet: Zum einen sind das natürlich Matt Murdoch und Wilson Fisk. Beide befinden sich zu Beginn der Handlung an einem Tiefpunkt und beide arbeiten im Verlauf der Staffel daran, zu ihrem alten Status zurückzukehren, was Fisk letztendlich deutlich besser gelingt. Dennoch wünscht man als Zuschauer nicht nur Matt, sondern auch seinem Widersacher Erfolg. Nach wie vor ist der Kingpin eine derart einnehmende Figur, dass man gebannt seinem Handlungsstrang folgt, sich freut, als er mit Mariana endlich wiedervereint ist und traurig ist, wenn er am Ende besiegt wird.

Unter anderem werden auch die moralischen Fragen aus der zweiten Staffel wieder aufgegriffen: Hier wurde Daredevil mit dem Punisher konfrontiert, der, anders als Matt, nicht davor zurückschreckt, Verbrecher gnadenlos hinzurichten. Matt beschließt hier nun, dass Kingpin ihm genug angetan hat und beschließt, ihn zu töten. Am Ende jedoch erkennt er, dass es falsch wäre und kann schließlich in mehr als einer Hinsicht zu sich selbst zurückkehren.

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Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) 

Das zweite Gegensatzpaar sind die FBI-Agenten Nadeem und Poindexter, die sich beide in Abhängigkeit zu Wilson Fisk begeben. Ersterer meint, dass es nötig sei, um seine Familie zu unterstützen. Durch diese Aktion bringt er seine Familie allerdings in Gefahr und macht sich zum Komplizen. Poindexter derweil leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsströung und sucht immer nach einem „Nordstern“, an dem er sich orientieren kann und der ihm sagt, was richtig ist. Ursprünglich war dies seine Therapeutin, doch im Verlauf der Staffel wird es Fisk. Sowohl Poindexter als auch Nadeem sagen sich am Ende vom Kingpin auf unterschiedliche Weise los, Nadeem schafft es, sich zu rehabilitieren, verliert dabei aber sein Leben, während Poindexter sich seinen Rachegelüsten ergibt.

Auch die anderen Figuren kommen nicht zu kurz. Vanessa hat nur am Ende einen Auftritt, der jedoch nichts desto trotz eindringlich ausfällt und ihre Charakterisierung gekonnt unterstreicht. Foggy und Karen dagegen haben ihre eigenen, sekundären Handlungsstränge, die trotz allem gut zum Gesamtbild passen. Vor allem Karen wird noch einmal in den Mittelpunkt gerückt, sie wird gezwungen, sich mit dem Tod James Wesleys und ihrer eignen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Wenn es eine Schwäche in dieser Staffel gibt, dann ist es die manchmal etwas unebene Erzählweise. Einerseits sind 13 Episoden vielleicht ein paar zu viele, hin und wieder kommt es zur einen oder anderen Länge, die zwar nicht besonders ins Gewicht fallen, aber bei einer Staffel von 10 Episoden mit einem engeren Erzählfokus vielleicht hätten vermieden werden können. Umso ironischer ist es, dass manche Entwicklungen in der Handlung ein wenig plötzlich kommen – das betrifft vor allem Fisks Kontrolle über das FBI. Die Absicht war wohl, den Zuschauer ebenso zu überraschen und zu schocken wie Agent Nadeem, auf mich wirkte es aber dennoch ein wenig zu sehr erzwungen. Das sind jedoch nur geringe Schwächen, die kaum ins Gewicht fallen.

Und weiter?
Rein formal gehören die Netflix-Marvel-Serien zum MCU, in der Praxis gibt es aber wegen diverser Konflikte zwischen Marvels Filmschmiede und der Seriendivison nur wenige Überschneidungen. Zwar werden in den Serien hin und wieder Mal Thor, Iron Man oder Captain America erwähnt, aber umgekehrt wird nichts aufgegriffen und wer auf ein Crossover hoffte, wurde schnell desillusioniert. Nun geht die Marvel/Netflix-Ära zu Ende, während Disney gleichzeitig den hauseigenen Streaming-Dienst an den Start schickt. Wird man die Netflix-Serien dort fortsetzen? Die Antwort lautet wohl erst einmal nein. Bis 2020 bleiben die Rechte an Daredevil, dem Punisher, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist ohnehin erst einmal bei Netflix, und selbst danach ist es unwahrscheinlich, dass die Serien auf Disney+ in irgendeiner Form weiterlaufen, da bereits verkündet wurde, man wolle alle den Dienst vorerst jugendfrei halten (was unter anderem auch bedeutet, dass die beiden Deadpool-Filme und „Logan“ dort nicht zu sehen sein werden, obwohl Disney sie nach der Fox-Übernahme dort zeigen könnte).

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Benjamin Poindexter (Wilson Bethel) im Daredevil-Anzug

Während mir alle anderen Defenders relativ egal sind, muss ich sagen, dass ich es schon schade fände, wenn diese Inkarnation von Daredevil, meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Marvel-Umsetzungen überhaupt, einfach sang- und klanglos verschwinden würde. Zugegeben wäre Staffel 3 ein durchaus gelungener Abschluss, aber es gibt noch eine ganze Menge Potential. Es stellt sich natürlich die Frage, was Disney wohl mit den Rechten an den Defenders macht, wenn sie wieder an den Mäusekonzern zurückfallen. Da es nie tatsächliche Anbindungen zwischen MCU und Netflix/Marvel gab, könnte man eine neue Version von Daredevil ins MCU integrieren. Ich denke allerdings, Disney würde sich damit keinen Gefallen tun. Anders als die beiden Amazing-Spider-Man-Filme genießt „Daredevil“ im Fandom einen ausgezeichneten Ruf, ein Reboot würde zumindest bei mir auf Ablehnung stoßen. Mein Vorschlag: Disney sollte ein Filmgegenstück zu „Marvel Max“ einrichten. Hierbei handelt es sich um ein Label des Verlags, bei dem nicht-jugendfreie Serien und Graphic Novels erscheinen, die sich durch erhöhten Gewaltgrad, sexuelle Inhalte oder anspruchsvolle Themen von den regulären Marvelserien abheben. Unter diesem Label ist beispielsweise die Serie „Alias“ erschienen, die als Vorlage für „Jessica Jones“ diente, ebenso wie die beliebten und völlig abgedrehten „Marvel Zombies“, die Justice-League Dekonstruktion „Supreme Power“ bzw. „Squadron Supreme“ und natürlich diverse Punisher-Serien, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem derartigen Konstrukt könnte Disney Marvel-Inhalte mit R-Rating verarbeiten. Da das Studio die Deadpool-Filme ohnehin fortsetzen will, schließlich sind sie finanziell und bei den Kritikern erfolgreich, was durchaus mit dem R-Rating zusammenhängt, wäre es doch naheliegend, auch andere erfolgreiche, härtere Stoffe zu adaptieren und so die Vielfalt zu garantieren. Ob besagte Stoffe dann zum MCU gehören oder unabhängig sind sei erst einmal dahingestellt.

Fazit: Nach einer schwächeren zweiten Staffel und einer mäßigen Team-up-Serie kehrt Daredevil in seiner dritten Staffel mit aller Macht zurück, knüpft an alte Erfolge an und bringt die vielleicht Staffel des Marvel/Netflix-Deals mit.

Trailer

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Siehe auch:
Daredevil Staffel 1
Daredevil Staffel 2

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Watchmen: Von Alan Moore über Zack Snyder bis zu HBO

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„Watchmen“, verfasst von Alan Moore und gezeichnet von Dave Gibbons, gilt als einer der besten Comics überhaupt. Nicht nur wird „Watchmen“, als einer der Gründe für das Erwachsenwerden des Comics bzw. der Etablierung der Graphic Novel angesehen, das Werk ist auch der einzige Comic auf der Liste der 100 besten Romane seit 1923 des Time-Magazine, wo seine Qualitäten wie folgt beschrieben werden: „Told with ruthless psychological realism, in fugal, overlapping plotlines and gorgeous, cinematic panels rich with repeating motifs, Watchmen is a heart-pounding, heartbreaking read and a watershed in the evolution of a young medium.“ (Quelle: http://entertainment.time.com/2005/10/16/all-time-100-novels/slide/watchmen-1986-by-alan-moore-dave-gibbons/)

In der Tat verfügt „Watchmen“ nicht nur über die oben aufgezählten Qualitäten und sorgte für die Evolution des Mediums, Moore nutzte „Watchmen“ auch gleichzeitig, um, neben vielen anderen Themen wie Macht, Religion, Moral, Psychologie und Politik, die Entwicklung des amerikanischen Comics zu kommentieren. Vor allem steht, was angesichts der Thematik des Werkes kaum verwundert, die Geschichte des Superheldencomics dabei im Fokus. Dies zeigt sich anhand von subtilen Verweisen, Handlungssträngen, der Figurenkonstruktion, aber auch des grundsätzlichen Plots und des Handlungsverlaufs. Insgesamt gehört „Watchmen“ zu den Werken, die genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen und die Zeit ihres Erscheinens genau widerspiegeln. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Graphic Novel so ein revolutionäres, bleibendes Werk wurde, während Zack Snyders Verfilmung weit weniger erfolgreich war und kaum Auswirkungen hatte.

„Watchmen“ als Spiegel der Comicgeschichte
Eine der grundlegenden Prämissen des Werkes ist, zu zeigen, wie es wäre, wenn Superhelden tatsächlich in einer realistischen Welt existieren, wie sich ihre Gegenwart auswirken würde und welche Menschen sich dazu entschließen würden, Kostüme überzustreifen, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.  Dies steht im Gegensatz zu den Superheldenuniversen von DC oder Marvel, in denen die Anwesenheit von Superhelden die Menschheitsgeschichte nicht wirklich verändert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Universen der beiden Comicgiganten funktionieren nach dem Status-Quo-Prinzip, im Kleinen wie im Großen: Bane kann Batmans Rückgrat brechen, der Dunkle Ritter kann temporär sterben oder aus anderen Gründen kurzfristig ersetzt werden, irgendwann wird Bruce Wayne wieder das Fledermauskostüm überstreifen. Ähnlich verhält es sich mit dem globalen Status Quo: Egal wie viele Alien-Invasionen oder interdimensionale Angriffe vorkommen, diese Ereignisse haben nie den Einfluss, den sie tatsächlich haben müssten; trotz all dem entwickelt sich auch die Welt, wie sie das DC- und Marvel-Universum zeigen, parallel zu unserer, da der Leser erwartet, auch seinen Alltag wiederzufinden.

Moore hätte mehrere Herangehensweisen wählen können, entschied sich aber schließlich dazu, dass die Handlung, bzw. die Hintergründe der Figuren die Geschichte der amerikanischen Superhelden wiederspiegeln sollten. Diese Hintergründe werden entweder im Rahmen zahlreicher Rückblicke oder in Form von Zusatztexten am Ende der Einzelhefte erzählt. Bei diesen handelt es sich um fiktive Sachtexte aus der erzählten Welt von „Watchmen“, etwa um Kapitel der Autobiographie von Hollis Mason, der als Nite Owl zur ersten Generation der Superhelden gehört und, gerade weil der Leser durch seine Autobiographie sehr viel über ihn, sein Leben und seine Ansichten erfährt, einer der Hauptrepräsentanten besagter erster Generation ist. In seiner Autobiographie erwähnt Hollis Mason einige spezifische Inspirationen – frühe Pulp-Figuren bzw. Superheldenvorläufer wie Doc Savage und The Shadow, aber vor allem Superman. Superman löste also nicht nur die Flut an Comichelden in unserer Welt aus, sondern inspirierte auch die kostümierten Verbrechensbekämpfer in der Welt von „Watchmen“.  Darüber hinaus ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Hollis Mason seine Superheldenidentität 1939 annimmt, genau das Jahr, in dem Batman seinen ersten Auftritt absolvierte – zwischen beiden Figuren gibt es einige starke Parallelen, nicht zuletzt die Benennung nach einem nachtaktiven Tier. Tatsächlich basieren viele der Figuren von „Watchmen“ lose auf Charakteren, die DC von einem anderen Verlag, Charlton Comics, erworben hatte und die Moore ursprünglich für „Watchmen“ verwenden wollte, bevor DC dies verhinderte. Allerdings finden sich in den Watchmen-Figuren viele Elemente und Stereotype aller möglicher Superhelden.

Die in Rückblicken geschilderte Bildung des Superheldenteams „Minutemen“ in den 40ern, bei dem alle bedeutenden Helden mitwirken, spiegelt nicht zufällig die Justice Society of America wider. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwinden die Minutemen allerdings in der Versenkung, sowohl in der Realität (nicht zuletzt Dank Frederic Wertham und „Seduction of the Innocent“) als auch in der Welt von „Watchmen“ sind die 50er somit eine superheldenfreie Dekade.

Dr. Manhattans Entstehung 1959, die eine Rückkehr der kostümierten Vigilanten begünstigt, fällt ziemlich genau mit der Superheldenrenaissance Anfang der 60er zusammen. Die versuchte und gescheiterte Bildung der „Crime Busters“ mit einer neuen Heldengeneration erinnert dann wieder an die Formierung der Justice League oder der Avengers; wie bei Ersterer finden sich auch bei den Crime Busters Helden wieder, die ein Vermächtnis fortsetzen (Green Lantern und Flash bei der Justice League, Nite Owl und Silk Spectre bei den Crime Busters); und wie bei Letzteren gibt es eine Figur, die bereits während des goldenen Zeitalters aktiv war (der Comedian und Captain America). Diese Parallelen sind allesamt auf den ersten Blick nicht allzu offensichtlich und dazu ziemlich subtil, aber unzweifelhaft vorhanden. Der Unterschied zwischen „Watchmen“ und den entsprechenden zeitgenössischen Comics ist, dass die Superhelden in Watchmen durchweg vom Scheitern und ihren Komplexen gezeichnet sind. Sie sind als Figuren vielschichtiger und lassen sich, anders als die Helden und Schurken von DC und Marvel, weniger eindeutig als gut oder böse klassifizieren.

Beide Superheldenteams werden von Moore nicht gerade zimperlich behandelt, die Minutemen sind im Grunde nur eine Fassade und zerbrechen letztendlich u.a. daran, dass der Comedian versucht, Silk Spectre zu vergewaltigen. Die Bildung der Crime Busters gelingt gar nicht erst, die zweite Generation der Superhelden findet nie zu einem Team zusammen. Der Keene-Act, der die Superhelden schließlich verbietet, kann getrost als weitere Anspielung auf den Comic Code gesehen werden, auch wenn er über 20 Jahre später umgesetzt wird. Dieses Element wurde immer wieder aufgegriffen, am deutlichsten in Pixars „The Incredibles“, in welchem ein ähnlicher Regierungserlass dem Superheldentum ein Ende setzt.

Das Auftauchen „realer“ Superhelden in der Welt von „Watchmen“ hat dann wiederum auch Auswirkungen auf die Comicgeschichte besagter Welt. In der Graphic Novel existiert eine Binnenhandlung; immer wieder taucht im Verlauf ein Junge auf, der einen Piratencomic namens „Tales of the Black Freighter“ liest, dessen Handlung die Handlung von „Watchmen“ widerspiegelt und kommentiert. Primär betrifft dies vor allem Ozymandias/Adrian Veidt und dessen Handlungen, allerdings nutzt Moore die Hintergründe dieses Piratencomics auch, um die amerikanische Comicgeschichte zu kommentieren. In der Realität sind Superheldencomics das dominante Genre, in einer Welt, in der Superhelden allerdings wirklich existieren, ist dies anders, da sie nicht mehr zum Eskapismus taugen.

Statt der Superhelden dominieren in „Watchmen“ Piraten den Comicmarkt. In der fünften Ausgabe von „Watchmen“ findet sich ein Artikel über die Hintergründe der fiktiven Serie und der alternativen Comicgeschichte. Da Superhelden nicht gefragt sind, wird E.C., Heimat solcher Serien wie „Tales from the Crypt“ in den 1950er Jahren zum dominanten Herausgeber. Auch auf Werthams „Sedution of the Innocent“ wird angespielt. Statt des neuen Flash und der Justice League startet DC eine Comic-Renaissance mit einer eigenen Piratenserie, besagten „Tales of the Black Freighter“.

„Watchmen“ ist letztendlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Superheldenthematik auf allen Ebenen. Die oben erläuterten Verweise fungieren nicht nur als clevere Ausschmückung der erzählten Welt des Comics, sondern funktionieren zugleich als Kommentar zur Comicgeschichte der USA. Durch das Scheitern seiner Figuren dekonstruiert Moore die idealisierten Vorstellungen und die mitunter vorhandene heile-Welt-Wahrnehmung des Goldenen und Silbernen Zeitalters und zeigt gleichzeitig, wie sich eine alternative Comicgeschichte der USA ohne die Superhelden als dominantes Genre hätte entwickeln können. Dennoch verurteilt Moore weder die Geschichte des Mediums, noch das Superheldengenre, sondern verweist letztendlich in dessen Zukunft. Mit dem, was auf „Watchmen“ folgte, war er dann allerdings alles andere als zufrieden. Anstatt tiefgründiger und besser konstruierte Geschichten zu schreiben, beschränkten sich viele Comicschaffende in den späten 80ern und frühen 90ern darauf, lediglich oberflächliche Elemente von Moores und Gibbons‘ Meisterwerk zu übernehmen: Ebenso grimmige wie gnadenlose Antihelden wurden modern, die zwar einiges mit dem Comedian und Rorschach gemein haben, aber selten auch nur ansatzweise derart gut konstruierte Charaktere sind. Die grimmige Brutalität wurde zum Selbstzweck und ihrer Aussage beraubt.

Zack Snyders Filmadaption

Bereits in den 80ern wurde eine Filmadaption von „Watchmen“ in Erwägung gezogen, es sollte dann aber doch bis zum Jahr 2009 dauern, bis Moores Meisterwerk eine Filmadaption erhielt. Diverse Drehbücher, u.a. von Sam Hamm (Autor von Tim Burtons „Batman“) oder Terry Gilliam wurden verworfen, Gilliam selbst sollte Regie führen, erklärte aber schließlich, die Graphic Novel sei nicht verfilmbar. Nachdem er „300“ zum Erfolg gemacht hatte, trat Warner Bros. Mitte der 2000er an Zack Snyder heran, der darauf bestand, sowohl das 80er-Jahre-Setting als auch den Härtegrad der Vorlage beizubehalten.

Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche von Snyders Film ist die Vorlagentreue. Mit einigen wenigen Ausnahmen hält sich der Film fast sklavisch an die Graphic Novel, wie bei „Sin City“ wurden die Panels zum Teil als Storyboard verwendet. Man merkt Snyders große Liebe zur Vorlage und seinen Willen, ihr gerecht zu werden, deutlich an. Diese Nähe zur Vorlage ist zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich mag die Filmadaption von „Watchmen“, in meinen Augen ist sie Snyders mit Abstand bester Film. Der gute Mann versteht es als Regisseur durchaus, eindrückliche, bleibende und kreative Bilder zu erzeugen. Erzählerische Substanz dagegen ist etwas, das nicht gerade zu seinen Stärken gehört – aber gerade weil „Watchmen“ sich so eng an die Vorlage hält, ist besagte Substanz natürlich gegeben, auch wenn der Film trotzdem einige Probleme bei der Umsetzung der Geschichte hat. Zugleich raubt Snyder der Adaption so aber die Möglichkeit, ein ähnlich markantes Werk wie die Graphic Novel zu werden. Bei der Vorlage handelt es sich um Dekonstruktion und Kommentar zum Superheldengenre – durch die Vorlagentreue bleibt der Film aber letztendlich auf demselben Level wie die Vorlage und ignoriert die letzten zwanzig Jahre Comic- und Filmgeschichte. Was 1986 neu und revolutionär war, ist 2009 nun einmal nicht mehr wirklich bahnbrechend, zumindest für Comicfans. Ein paar Verweise an die weitere Entwicklung des Superheldengenres im Film finden sich bei Snyder schon, aber es bleibt zumeist bei subtilen Anspielungen. Die Kostüme der Figuren etwa folgen den aktuellen Trends und Snyder kann es auch nicht lassen, auf die Bat-Nippel in Joel Schumachers Filmen anzuspielen, in dem er Ozymandias ebenfalls Nippel verpasst. Aber das sind, wie gesagt, subtile Anspielungen.

Andererseits versuchte Snyder ja mit seinen anderen DC-Filmen, primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ das Superheldengenre auf eigene Faust zu dekonstruieren – mit, gelinde gesagt, ernüchterndem Ergebnis. Insofern ist die Filmversion von „Watchmen“ wahrscheinlich der best-mögliche Ausgang.

Gegenwart und Zukunft
Obwohl Snyders „Watchmen“ nur mäßig erfolgreich war, brachte der Film Moores Meisterwerk neue Popularität und sorgte dafür, dass DC Comics, gegen Moores ausdrücklichen Willen, neue Watchmen-Publikationen herausbrachte. Vor allem zu erwähnen ist hier „Before Watchmen“, eine Reihe von Miniserien, die die Hintergrundgeschichte der diversen Figuren des Originals aufgreifen. Einerseits sind diese Miniserien relativ unnötig bis überflüssig, andererseits ist aber durchaus einiges an Talent beteiligt, etwa Darwyn Cooke, J.G. Jones, Brian Azzarello oder Lee Bermejo, die zumindest einige dieser Miniserien äußerst lesenswert machen, allen voran „Before Watchmen: Minutemen“ und „Before Watchmen: Rorschach“. Das erwies sich allerdings erst als der Anfang, denn im Rahmen des DC-Rebirth-Events wurden die Figuren und Welt von „Watchmen“ auch offiziell ins DC-Universum eingeführt, spezifisch in der zwölfteiligen Serie „Doomsday Clock“, die ich allerdings noch nicht gelesen habe.

Allgemein interessanter dürfte allerdings der Umstand sein, dass HBO nun eine „Watchmen“-Serie plant. Allem Anschein nach versucht HBO mit dieser Serie genau das zu bewerkstelligen, was Zack Snyder mit seiner Verfilmung versäumte. Weder soll es sich bei dieser Serie um eine Neuerzählung der Geschichte der Graphic Novel handeln, noch um eine tatsächliche Fortsetzung; stattdessen soll die Serie primär in der Welt von „Watchmen“ spielen und dabei ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Konzept bietet sich natürlich optimal für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Superheldengenre quer durch alle Medien an. Gerade der Superheldenfilm hat sich in den zehn Jahren seit Snyders Adaption gewandelt: 2009 war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen „The Dark Knight“ auf das Genre haben und wie erfolgreich das MCU, dessen Anfänge im Jahr 2008 ins Kino kamen, sein würde. Eine derartige Serie könnte auch gut auf Politik und Gesellschaft der Gegenwart eingehen, wie es die Graphic Novel bereits in den 80ern tat; in dem eine alternative Welt mit anderem Geschichtsverlauf gezeigt wird, in der sich dennoch unsere eigene Welt widerspiegelt. Bleibt lediglich die Frage, ob Damon Lindelof, seines Zeichens späterer Showrunner von „Lost“ und Drehbuchautor von „Prometheus“, wirklich die richtige Person ist, um das Ganze auf den Weg zu bringen.

Siehe auch:
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das moderne Zeitalter
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

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Lovecrafts Vermächtnis: Dreams in the Witch-House

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In den frühen 2000er-Jahren lief auf dem amerikanischen Kabelsender Showtime eine Anthologieserie mit dem Titel „Masters of Horror“. Jede der knapp einstündigen Folgen, die eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, wurde von einem mehr oder weniger prominenten Regisseur des Genres inszeniert, darunter auch Größen wie John Carpenter oder Dario Argento – der Titel der Serie bezieht sich primär auf diesen Umstand. Viele der Folgen basieren darüber hinaus auf den Werken literarischer Meister des Horrors, darunter Clive Barker, Edgar Allan Poe und natürlich auch H. P. Lovecraft. Tatsächlich handelt es sich bereits bei der zweiten Folge um eine Adaption einer Lovecraft-Geschichte. Verantwortlicher Regisseur und, zusammen mit Dennis Paoli, auch Drehbuchautor ist Stuart Gordon, der bereits andere Werke Lovecrafts adaptiert hat, wenn auch nicht mit allzu großem Erfolg.

Nach „Herbert West – ReAnimator“ und „The Shadow over Innsmouth“ bzw. „Dagon“ widmete sich Gordon für „Masters of Horror“ der Kurzgeschichte „The Dreams in the Witch House“, einem meiner bescheidenen Meinung nach eher unebenen Werk des Schriftstellers aus Providence. Während die Konzeption durchaus interessant ist, schafft es die Geschichte nicht, über die Summe ihrer Teile hinauszuwachsen. In ihr versuchte Lovecraft, klassische Topoi der Schauerliteratur bzw. des europäischen und nordamerikanischen Hexenmythos mit kosmischem Horror und Proto-Science-Fiction zu verbinden. Die Hexe Keziah Mason (eine der wenigen weiblichen Figuren, die bei Lovecraft eine wichtige Rolle spielt) benutzt nicht wirkliche Magie, um Zeit und Raum zu durchqueren, sondern extrem fortgeschrittene Mathematik und non-euklidische Geometrie und die satanartige Figur, der sie ihre Seele verschrieben hat, ist Nyarlathotep, der Bote der Äußeren Götter. Mit ein wenig mehr Feinschliff hätte „The Dreams in the Witch House“ eine wirklich gute kosmische Horrorgeschichte werden können. In manchen Fällen schafft ein Medienwechsel dann ja auch durchaus die Gelegenheit, das zugrunde liegende Werk zu optimieren. Leider ist das hier nicht der Fall.

Insgesamt ist „Dreams in the Witch-House“ etwas besser gelungen als Gordons nur wenige Jahre zuvor entstandene Lovecraft-Verfilmung „Dagon“, aber das sagt leider nicht allzu viel aus. Zumindest was die oberflächliche Handlung angeht, hält sich Gordon verhältnismäßig genau an die Vorlage: Der Student Walter Gilman (Ezra Godden, der bereits in „Dagon“ die Hauptrolle spielte) sucht eine billige Bleibe, um für sein Abschlussexamen zu lernen, und landet schließlich im Dachgeschoss eines alten Hauses, das früher von der Hexe Keziah Mason (Susanna Uchatius) bewohnt wurde. Schon bald plagen ihn schlimme Albträume, er schlafwandelt, sieht Ratten mit menschlichen Gesichtern und schließlich erscheint ihm auch die Hexe selbst. Anders als die Vorlage spielt die Adaption nicht in den 20ern, sondern in der Gegenwart (bzw. den frühen 2000ern), sodass Gilman mit einem Laptop arbeitet und sich statt mit non-euklidischer Geometrie mit der String-Theorie auseinandersetzt. Mit der alleinerziehenden Mutter Frances Elwood (Chelah Horsdal) wurde darüber hinaus eine weitere weibliche Figur sowie ein romantischer Subplot hinzugefügt. Diese beiden Änderungen sind nicht weiter störend, was dagegen unangenehm auffällt, ist die Reduktion des kosmischen Horrors auf ein absolutes Minimum. Wie schon bei „Dagon“ konzentriert sich Gordon vor allem auf den oberflächlichen Horror, vernachlässigt aber das, was Lovecrafts Geschichten eigentlich besonders macht. Fast jegliche Verbindung zum „Cthulhu-Mythos“ bleibt außen vor, nur das Necronomicon (hier scheinbar gebunden in die Haut von geopferten Säuglingen) hat einen kurzen Gastauftritt. Ohne diese Verknüpfung aus traditionellem und kosmischem Horror ist „Dreams in the Witch-House“ eine reichlich konventionelle, nicht besonders erschreckende Angelegenheit. Schon Keziah Mason ist nicht allzu grauenerregend, und Brown Jenkin, die Riesenratte mit dem Menschengesicht, hat schon in Lovecrafts Geschichte nicht wirklich funktioniert, hier wirkt er völlig lächerlich. Leider gelingt es Gordon auch nicht, wirkliche Spannung oder eine überzeugende Amtosphäre zu erzeugen.

Fazit: Wer einen gelungenen Film über die Hexenthematik sucht, sollte lieber zu „The Witch“ greifen; „Dreams in the Witch-House“ ist schlicht zu bieder und konventionell, um ein interessanter Genre-Beitrag zu sein. Als Lovecraft-Adaption funktioniert Gordons Arbeit noch weniger, da fast jede Spur kosmischen Horrors aus der Geschichte entfernt wurde.

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Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival
Cthulhu in Westeros
The Courtyard/Neonomicon/Providence
Echo des Wahnsinns

Ash vs Evil Dead

Halloween 2017
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Sam Raimis Horror-Klassiker „The Evil Dead“ gehört inzwischen zu den Filmen, deren Handlung man selbst dann kennt, wenn man den Film nicht gesehen hat – zumindest, wenn man ein wenig Ahnung vom Horror-Genre hat. Die Hütte im Wald, die Teenager, die dämonische bzw. untote Bedrohung, die extreme Gewalt – all diese Elemente wurden inzwischen so oft aufgegriffen, verarbeitet und parodiert (sehr gelungen zum Beispiel in „The Cabin in the Woods“), dass der Status dieses Films kaum überrascht. Nach zwei Fortsetzungen, einem Remake und einer ganzen Reihe Comics und Spiele folgte 2015 schließlich eine Serie, die die Ereignisse der ursprünglichen Filmtrilogie fortsetzt und bislang zwei Staffeln umfasst – Staffel 3 startet im Januar 2018. Nicht nur kehrt Bruce Campbell als Ash Williams in der Hauptrolle zurück, auch Sam Raimi ist nach wie vor beteiligt.

Was bisher geschah
Bereits 1981 bekam es Bruce Campbell zum ersten Mal mit einem bösartigen Dämon zu tun, der von den Lebenden Besitz ergreift und sie in untote Monstrositäten, die Deadites, verwandelt. Sam Raimis „The Evil Dead“ (deutscher Titel: „Tanz der Teufel“) erwies sich trotz eines Budgets von unter 500.000 Dollar als wegweisender Horrorfilm, dessen Effektarbeit geradezu revolutionär war, ebenso wie der Gewaltanteil, was unter anderem dafür sorgte, dass der Film bis August 2016 hierzulande indiziert war. Dieses Schicksal blieb der Fortsetzung, „Evil Dead II“ (1987), und dem dritten Teil, „Army of Darkness“ (1992), erspart, denn zwischen den einzelnen Evil-Dead-Filmen gibt es einige tonale Unterschiede. So ist „The Evil Dead“ noch in erster Linie sehr blutiger und unappetitlicher (wenn auch übertriebener) Horror, während sich in Teil 2 Horror und Comedy die Waage halten. „Army of Darkness“ schließlich hat kaum noch wirkliche Horror-Elemente, ist weitaus unblutiger als die ersten beiden Teile und erinnert mit seinen Stop-Motion-Skeletten eher an die alten Ray-Harryhausen-Fantasyfilme.

Inhaltlich muss sich Ash Williams in der Trilogie mit dem Necronomicon ex Mortis (eine nette Lovecraft-Anspielung, wobei das Buch im ersten Film noch den Titel Naturom Demonto trägt) auseinandersetzen, dass nicht nur den Kandarischen Dämon erweckt, der für die Ereignisse verantwortlich ist, sondern Ash am Ende des zweiten Films auch ins Mittelalter schickt, wo er nur mit Hilfe des verfluchten Buches wieder in seine Zeit zurückkehren kann. Die Kontinuität zwischen den einzelnen Filmen ist jedoch nicht immer ganz lückenlos. „Evil Dead II“ beginnt mit einem Prolog, der die Ereignisse des ersten Films noch einmal in geraffter Form erzählt, dabei aber deutlich vom Inhalt des Vorgängers abweicht. Während außer Ash und seiner Freundin Linda (Betsy Baker) im Original auch seine Schwester Cheryl (Ellen Sandweiss) sowie einige weitere Freunde mit zur Hütte fahren, sind es im Sequel nur Ash und Linda (hier: Denise Bixler). „Army of Darkness“ wiederum ignoriert die letzte Szene von „Evil Dead II“, in der Ash ins Mittelalter versetzt wird, einen fliegenden Dämon tötet und von den Anwesenden als Held verehrt wird. Zu Beginn von „Army of Darkness“ wird Ash zwar ebenfalls (unter Verwendung von Szenen des Vorgängers) ins Mittelalter versetzt, aber völlig anders begrüßt. „Ash vs Evil Dead“ schließlich spielt dreißig Jahre nach „Army of Darkness“, greift inhaltlich aber Elemente aller drei Filme auf. Aus rechtlichen Gründen durften die Macher in Staffel 1 noch nicht auf „Army of Darkness“ verweisen, mit Staffel 2 hat sich dieses Problem allerdings erledigt. Was die Kontinuität angeht, so beruft sich die Serie bislang primär auf die Ereignisse der ersten beiden Filme, wobei der Prolog von „Evil Dead II“ ignoriert wird, da der Tod von Ashs Schwester, die in besagtem Prolog nicht auftaucht, eine wichtige Rolle in der Serie spielt.

„Evil Dead“, das Remake aus dem Jahr 2013, das zumindest in Ansätzen auch eine sehr indirekte Fortsetzung seine könnte, spielt im Kontext der Serie bislang keine Rolle, auch wenn Bruce Campbell auf Twitter angegeben hat, dass ein Zusammentreffen zwischen Ash und der von Jane Levy dargestellten Mia im Rahmen einer zukünftigen Staffel durchaus stattfinden könnte – bislang gibt es jedoch keine definitiven Pläne. Zugegebenermaßen passt „Evil Dead“ bezüglich des Tonfalls auch nicht wirklich gut zu den bisherigen Filmen bzw. zur Serie – aber dazu später mehr.

Handlung
Seit Ash Williams sich mit den dämonischen Mächten des Necronomicons auseinandersetzen musste, hat er nicht mehr viel mit seinem Leben angestellt; er arbeitet immer noch in einem Baumarkt, lebt in einem Wohnwagen und hat auch sonst außer gelegentlichen One Night Stands nicht allzu viel vorzuweisen. Bei einem dieser One Night Stands liest er, obwohl er es besser wissen müsste, in betrunkenem Zustand aus dem Necronomicon vor – und das Böse erwacht erneut, denn die Deadites kehren zurück. Eher unwillig werden Ashs Mitarbeiter Pablo Simon Bolivar (Ray Santiago) und Kelly Maxwell (Dana DeLorenzo) in die Situation verwickelt, vor allem, da Kellys tote Mutter plötzlich aus dem Grab zurückgekehrt ist. Derweil vermutet die Polizistin Amanda Fisher (Jill Marie Jones), dass Ash etwas mit dem durch Deadites verursachten Tod ihres Partners zu tun hat. Und schließlich wäre da noch die mysteriöse Ruby (Lucy Lawless), die aus ganz individuellen Gründen hinter Ash und dem Necronomicon her ist. Für Ash, Kelly und Pablo wird die ganze Angelegenheit zu einem völlig bizarren, blutigen und abartigen Road Trip, in dessen Verlauf sie nicht nur die legendäre Hütte im Wald besuchen, sondern auch Ashs Heimatstadt, in der die Bewohner ihn für den Tod seiner Freunde und seiner Schwester verantwortlich machen, sowie die Vergangenheit.

Umsetzung und Vermächtnis
Eine Fortführung der Evil-Dead-Filme ist nicht ganz leicht, da jeder Teil seine ganz eigene Stimmung und Atmosphäre besitzt. „Ash vs Evil Dead“ bemüht sich, Elemente aller drei klassischen Filme zu integrieren. „Army of Darkness“ wird dabei am wenigsten mit einbezogen (u.a. natürlich wegen der bereits erwähnten rechtlichen Probleme, die direkte inhaltliche Verweise in der ersten Staffel unmöglich machten), spielt aber indirekt eine durchaus wichtige Rolle, da Ashs Charakterisierung und die Art, wie er mit den anderen Figuren agiert, am ehesten der aus „Army of Darkness“ entspricht (unwilliger und recht selbstsüchtiger Held, der dann aber am Ende doch das richtige tut, mitunter aber die Tendenz hat, erstmal alles schlimmer zu machen). Der Tonfall der Serie, die Mischung aus groteskem Horror und Comedy, gleicht dem Tonfall des zweiten Films, während die Effekte und die Menge an Blut und Innereien, die vergossen werden, vor allem an Teil 1 erinnern – wobei diesbezüglich noch eine ordentliche Schippe draufgelegt wird. Gerade hier spürt man vielleicht noch am ehesten den Einfluss des Remakes von 2013, das mit Blut ebenfalls nicht geizte. Insgesamt ist die Serie allerdings weit weniger grimmig und, in Ermangelung eines bessern Wortes, schmerzhaft als Fede Álvarez‘ Film, da die Verstümmelungen und Metzeleien weit übertriebener und komödiantischer Ausfallen. Ähnliches trifft auf die neuen Deadites zu; auch diese waren im Remake deutlich verstörender und angsteinflößender; die Serie knüpft an die Masken und das Make-up des Originals an, was meistens ziemlich gelungen ist. Wann immer allerdings CGI verwendet wird, sieht das ziemlich bescheiden aus – tatsächlich sieht es so bescheiden aus, dass man fast auf die Idee kommen könnte, dass es Absicht ist.

Von dieser Schwäche einmal abgesehen macht „Ash vs Evil Dead“ wirklich unheimlich Laune – sofern man als Zuschauer etwas mit Fun-Splatter und sehr derbem und unangebrachtem Humor anfangen kann. Einen herrlichen kranken Höhepunkt der Geschmacklosigkeit erreicht diese Tendenz in der zweiten Folge der zweiten Staffel. Wie dem auch sei, Sam Raimi und Co. gelingt es vorzüglich, die Qualitäten der ursprünglichen Filmtrilogie einzufangen und diese drei doch mitunter sehr verschiedenen Filme konsequent fortzusetzen. Auch schauspielerisch weiß „Ash vs Evil Dead“ zu überzeugen, wobei natürlich vor allem das komödiantische Timing der Darsteller gefragt ist. Bruce Campbell in seiner Paraderolle ist natürlich ohnehin über jeden Zweifel erhaben, aber auch Ray Santiago als überzeugter Sidekick, Dana DeLorenzo als sarkastische Rächerin und Lucy Lawless als mysteriöse Widersacherin, die im Verlauf der zweiten Staffel sogar sympathisch wird, machen eine gute Figur.

Fazit: „Ash vs Evil Dead“ ist ein willkommenes Geschenk an Fans der Raimi-Trilogie – wie schon beim Original empfiehlt es sich allerdings, über einen starken Magen und einen sehr schwarzen Sinn für Humor zu verfügen.

Titelbildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
ES
Das Spiel
Underworld: Blood Wars

Siehe außerdem:
Evil Dead (2013)

GoT: The Dragon and the Wolf

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Da ich in der zweiten Hälfte der letzten Woche nicht zuhause war, kommt die Rezension zum Finale der siebten GoT-Staffel ein wenig verspätet. Der Titel dieser Episode ist ein Rückgriff auf ähnlich geartete, wappenbezogene Titel vergangener Staffeln wie „The Wolf and the Lion“ oder „The Lion and the Rose“. Während es sich bei Ersterem allerdings um Feindschaft und bei Letzterem um eine arrangierte Hochzeit handelt, steht eine aufkeimende Liebe im Fokus dieser Episode.

King’s Landing
Zu Beginn dieser Folge zeigt sich die Serie noch einmal von ihrer besten Seite: Auf beeindruckende Weise wird gezeigt, wie sich Daenerys‘ Streitkräfte nähern, während sich die Lannisters auf einen möglichen Angriff vorbereiten – auch wenn es theoretisch um Friedensverhandlungen geht. Das ganze wird passend von den Targayren- und Lannister-Themen im Kontrapunkt untermalt. Auf allen Seiten ist man nervös – Jaime und Bronn begutachten die näherrückenden Truppen, Cersei fragt sich, warum Daenerys noch nicht in Sicht ist und auch die Targaryen-Delegation ist alles andere als selbstsicher.

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Der Drache (Emilia Clarke) und der Wolf (Kit Harrington). Bildquelle.

Die folgende Szene in der Drachengrube (die, nebenbei bemerkt, um einiges zu klein ist) ist ein weiteres Beispiel für die Stärken, die GoT nach wie vor besitzt: Mit nur wenigen Ausnahmen (primär die Stark-Schwestern und Littlefinger) sind fast alle signifikanten Figuren, die bis zu dieser Stelle überlebt haben, an einem Ort. Im Klartext bedeutet das, dass wir hier einen ganzen Haufen extrem talentierter Darsteller haben, die ihre Figuren nach Jahren inzwischen in und auswendig kennen und wunderbar miteinander arbeiten. Viel Zeit bleibt natürlich nicht für individuelle Entfaltung, aber es sind die kleinen Momente, die diese Szene so grandios machen: Euron demütigt Theon, Daenerys legt einen großen Auftritt hin, Brienne und Jaime fachsimpeln über Loyalität und Sandor wechselt liebende Worte mit seinem Bruder. Apropos, es gab die Vermutung, dass der „Clegane Bowl“, der Kampf der beiden Brüder, auf den Buchleser wie Serienschauer schon lange warten, hier endlich stattfindet, dem ist aber nicht der Fall – die kleine Szene zwischen den beiden Brüdern ist wohl als Teaser für die kommende Staffel zu verstehen.

Ansonsten erweist sich der gefangene Wiedergänger als recht überzeugendes Argument, während die Stark-Ehrlichkeit mal wieder fast alles ruiniert, uns aber eine der stärksten Szenen dieser Episode, ach, was sage ich, der gesamten Staffel beschert: Ein Zwiegespräch zwischen Cersei und Tyrion, die sich nun ja seit Staffel 4 nicht mehr persönlich begegnet sind. Beide Daumen hoch für Lena Headey und Peter Dinklage, das hätte man kaum besser in Szene setzen können. Und wider alle Erwartungen scheint besagtes Gespräch sogar wirkungsvoll gewesen zu sein, denn Cersei stimmt zu, sich mit ihren Gegnern zu verbünden und gegen die gemeinsame Bedrohung zu kämpfen.

Dass Cersei diesbezüglich jedoch keinerlei Ambitionen hat, war eigentlich klar, stattdessen will sie den Winter und den Konflikt mit den Weißen Wanderern einfach nur aussitzen. Nachdem Jaimes Charakterentwicklung in den letzten Staffel zum Teil zirkulierte, kommt er nun endlich mental zu dem Punkt, an dem er in „A Feast for Crows“ schon lange angelangt ist: Er hat endgültig genug von Cersei, fühlt sich an sein Versprechen gegenüber Daenerys und Jon gebunden und verlässt seine Schwester, allerdings nicht, ohne die Cersei/Tyrion-Szene dieser Folge zu spiegeln. Damit ist Cersei nun praktisch allein.

Dragonstone
Auf Dragonstone berät man derweil, wie Daenerys nach Norden kommen soll, per Drache oder per Schiff. Jorah rät zum Fliegen, während Jon vorschlägt, die geschmiedete Allianz zu verdeutlichen, indem die Königin der Drachen zusammen mit dem König des Nordens reist. Daenerys nimmt Jons Rat an, während Jorah ein weiteres Mal diesen ganz besonderen Jorah-Blick aufsetzt.

Ein weiteres offenes Ende, das hier noch aufgearbeitet wird, ist die Frage nach Theons weiterem Schicksal. Weder Jon noch Daenerys haben die Kapazität, sich mit Yaras Gefangennahme auseinanderzusetzen, also muss Theon die Sache selbst in die Hand nehmen. Nachdem er in dieser Staffel die meiste Zeit über äußerst passiv war, lässt er den Eisenmann raus, tötet den Anführer der paar verbliebenen, die nicht auf Eurons Seite stehen, im Zweikampf und macht sich auf, seine Schwester zu retten – da steht uns in Staffel 8 wohl noch ein letztes Greyjoy-Familientreffen bevor.

Winterfell
Der Winterfell-Subplot bekommt nun ebenfalls eine Auflösung spendiert, die leider ein Paradebeispiel für die Tendenz dieser Staffel ist, Dramaturgie über Logik zu setzen. Nachdem es Littlefinger scheinbar gelungen ist, einen Keil zwischen die Schwestern zu treiben, soll Arya vor versammelter Mannschaft verhaftet werden – nur dass Sansa plötzlich Littlefinger festnehmen lässt, damit Arya ihn hinrichten kann. Hier haben wir einen eindeutigen Fall von „Twist um des Twists willen“. Plötzlich hat Littlefinger keine Ahnung, plötzlich vertrauen die Schwestern einander doch (wie lange haben sie zusammengearbeitet, was war nur Show für Littlefinger etc.?) und plötzlich wird auch Bran hinzugezogen; alles wird so inszeniert, dass es für den Zuschauer möglichst überraschend kommt, aber zu den vorangegangenen Szenen kaum passt. Man merkt, dass Benioff und Weiss unbedingt wollten, dass Arya Littlefinger tötet und dem Publikum so die Genugtuung verschafft, dass Lord Baelish endlich das bekommt, was er verdient. Ich bleibe dabei, dieser Subplot ist eines der schwächsten, unlogischsten und unnötigsten Elemente dieser Staffel, aber Littlefingers Pläne ergeben ja schon seit einiger Zeit keinen wirklichen Sinn mehr, im Grunde war er also überflüssig. Dennoch ist es schade, da es ja eigentlich Baelish war, auf den viele Konflikte überhaupt erst zurückgehen.

Und wo wir gerade von Brans Beitrag zu Littlefingers Niedergang sprechen: Hier offenbaren sich zugleich die Probleme mit Brans scheinbarer Allwissenheit. Allein in dieser Szene gelingt es Benioff und Weiss, dem Ganzen eine fürchterliche Beliebigkeit zu verleihen. Es scheint, als versuchten sie nicht einmal zu verstecken, dass Bran nur dann weiß, wenn es den Autoren gerade in den Kram passt; er mutiert praktisch zur Expositionsmaschine. Immer, wenn die Figuren etwas wissen müssen, werden sie es von Bran erfahren. Wenn es dagegen dramaturgisch wertvoller ist, dass sie nicht wissen (etwa bezüglich Cerseis Verrat), dann verlassen Bran seine Gaben, bis man sie wieder braucht.

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Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi). Bildquelle.

In der finalen Montage dieser Episode kehren Benioff und Weiss noch einmal zu Jon Snows Herkunft zurück, die von Bran und dem per Jetpack aus Oldtown zurückgekehrten Sam erörtert wird (er hat Gilly also doch zugehört). Durch Brans Augen erleben wir die Hochzeit von Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi), wobei das interessanteste Detail für mich dabei Rhaegars Haare sind. Rhaegar trägt dieselbe Frisur wie Viserys, was ich als ziemlich cleveres Detail empfinde. Natürlich würde Viserys im Exil versuchen, sich wie Rhaegar zu geben, war er doch in der Kindheit das große Vorbild, der Targaryen, den alle liebten und verehrten. Gleichzeitig sehen wir, wie Jon und Daenerys miteinander schlafen, was niemanden überraschen dürfte, aber thematisch gut passt und sowohl die Beziehung zwischen Lyanna und Rhaegar als auch das Schicksal des vorherhigen Königs des Nordens widerspiegelt. Nach Fanfiction fühlt es sich trotzdem an. Nebenbei erfahren wir noch, dass Jons wahrer Name Aegon Targaryen lautet – ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das als netten Verweis auf (Fake?-)Aegon VI. in „A Dance with Dragons“ oder doch eher als leichte Fan-Verarsche verstehen soll.

An der Mauer
Es kommt, was kommen muss: Dank des untoten Viserion fällt die Mauer und die Armee der Toten ergießt sich in den Süden. Dass der Drache benutzt wird, um die Mauer niederzumachen, erklärt zumindest, weshalb die Weißen Wanderer so lange brauchten, um nach Süden zu gelangen. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um einen genau ausgetüftelten Plan handelt, mit dessen Hilfe der Nachtkönig Daenerys nach Norden locken und so einen Drachen erbeuten wollte. Noch einmal flammen die Fantheorien auf, denn die Armee der Toten gleicht von oben dem Schattenwolf der Starks, was als weiterer Hinweis verstanden wird, dass es sich beim Nachtkönig um Bran handelt.

Fazit
Statt eines kurzen Episoden-Fazits gibt es dieses Mal gleich ein ausführliches Staffelfazit. Rein technisch, inszenatorisch und zum Teil auch dramaturgisch war „Game of Thrones“ nie besser: Die großen Szenen dieser Staffel, sei es die Schlacht in der Weite, Drachen gegen Untote oder der Fall der Mauer, müssen sich vor nichts, was es im Kino zu sehen gibt, verstecken. Was das pure Spektakel angeht, werden hier für eine TV-Serie neue Dimensionen erklommen. Ausstattung, Sets und natürlich die Darsteller waren selten besser und überzeugender. Inhaltlich dagegen ist Staffel 7 mit eine der schwächsten der gesamten Serie, lediglich Staffel 5 war für mich persönlich noch weitaus frustrierender, das könnte aber auch damit zusammenhängen, dass Staffel 5 die Entwicklung gestartet hat, die hier voll aufblüht. Ich habe es schon bei meiner Rezension von Staffel 6 geschrieben und wiederhole es hier noch einmal: Das ist eindeutig nicht mehr George R. R. Martins Geschichte. Es ist möglich, dass sich Benioff und Weiss nach wie vor an einigen Stichpunkten von Martin orientieren, aber selbst wenn dem so sein sollte, werden die Zwischenräume sehr suboptimal gefüllt. Bei „Game of Thrones“ ging es nie um das große Spektakel, da war zwar auch immer vorhanden, war aber ein Nebenprodukt der Geschichte. In dieser Staffel steht dagegen das Spektakel im Vordergrund, den großen Set Pieces werden zunehmend Logik, Charakterentwicklung und die etablierten Regeln der Welt von Eis und Feuer geopfert (besonders bezüglich der Reisezeit von Individuen, Armeen, Raben und Drachen) . Gerade weil „Game of Thrones“ sich zu Beginn so sehr von klassischer Fantasy unterschied und so sehr mit den Figuren und Regeln arbeitete, ist der zunehmende Rückgriff auf Fantasy-Topoi wie die in dieser Staffel viel zu oft erfolgende Rettung in letzter Sekunde so frustrierend. Was Plot, Storytelling und Figurenentwicklung angeht, ist „Game of Thrones“ im Verlauf der letzten drei Staffeln allzu gewöhnlich und vorhersehbar geworden. Manchmal könnte man fast meinen, Benioff und Weiss sind ohne Martin nicht in der Lage, die Geschichte ansprechend weiterzuerzählen oder, noch schlimmer, haben keine Lust mehr dazu.

Titelbildquelle

Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War
Eastwatch
Beyond the Wall

GoT: Beyond the Wall

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Nach der letzten Episode, die primär als Set-up für diese fungierte, passiert in „Beyond the Wall“ wirklich etwas – wir verlassen Nebenschauplätze und werden uns der Hauptbedrohung zu. Ganz in bester GoT-Tradition bietet die vorletzte Episode dieser Staffel ordentlich Schauwerte – bleib dabei aber ziemlich uneben, da die Umsetzung der Prämisse mitunter äußerst holprig ausfällt.

Winterfell
Eine der besten Entscheidungen für diese Episode war es, den King’s-Landing-Handlungsstrang auszuschließen und sich ausschließlich auf Dragonstone und den Norden zu konzentrieren. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich tatsächlich auch den Winterfell-Subplot weggelassen. Meine Meinung bezüglich der kleinen Familienkrise zwischen Sansa und Arya hat sich nicht geändert: Das Ganze wirkt uninteressant und im Vergleich zu den anderen Ereignissen der Episode geradezu belanglos. Das erste Gespräch zwischen Sansa und Arya ist im Grunde eine etwas harschere Version des Gesprächs der vorangegangenen Episode unter Einbeziehung des gefunden Briefs. In der folgenden Szene berät sich Sansa mit Littlefinger, der dazu rät, Brienne als Vermittlerin einzusetzen. Daraus wird allerdings nichts, denn ein Brief lädt Sansa zum großen Treffen der nächsten Episode nach King’s Landing (das kommt alles ein wenig plötzlich und unvermittelt) – Sansa hat aber keine Lust zu gehen und schickt Brienne, die aber ebenfalls keine Lust hat und um Sansas Sicherheit fürchtet, aber Befehl ist Befehl. In der finalen Winterfellszene durchsucht Sansa Aryas Zimmer und findet die Gesichter, was zu einer weiteren unangenehmen Konfrontation inklusive Psychospielchen führt. Diese Szene ist dramaturgisch in meinen Augen jedoch völlig deplatziert, weil sie im Anschluss an das Scharmützel im Norden kommt – nach diesem dramatischen Höhepunkt dürfte sich kaum jemand noch für die Differenzen der Stark-Schwestern interessieren.

Jenseits der Mauer Teil 1
Strukturell hat diese Episode ähnliche Probleme wie die letzte, weshalb ich diesen Handlungsstrang in der Besprechung tatsächlich aufteile, um das Ganze etwas übersichtlicher darstellen zu können – sonst käme die Chronologie der Episode völlig durcheinander. Nun denn, gerade in diesem Teil der Episode finden sich einige Highlights, denn die Tour nach Norden wird für einige interessante Dialogmomente genutzt – Gendry, Beric und Thoros verarbeiten den Verkauf an Melisandre, Jon und Jorah diskutieren über Lord Mormonts Vermächtnis, Sandor Clegane und Tormund freunden sich an – hiervon hätte es durchaus noch mehr geben dürfen, stattdessen hätten Benioff und Weiss den Winterfell-Handlungsstrang auslassen können.

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Gemeinsam auf Betriebsausflug: Tormund (Kristofer Hivju), Jon (Kit Harrington), Beric (Richard, Dormer), Sandor (Rory McCann), Jorah (Iain Glenn), Gendry (Joe Dempsie) und Thoros (Paul Kaye). Bildquelle

Ernster wird es, als das Grüppchen von einem untoten Bären angegriffen wird. Ganz nebenbei: Bin ich der einzige, der sich durch die Flammenschwerter von Thoros und Beric an Lichtschwerter erinnert fühlt? In diesem Kontext könnte man argumentieren, dass das ein wenig zu leicht funktioniert, aber die Erklärung im Subtext überzeugt mich und passt auch im Kontext der Romane ganz gut. Wenn Thoros von Myr früher Schwerter anzündete, musste er sie in Seefeuer tränken und danach war das Schwert unbrauchbar. Hier müssen Thros und Beric R’hllor ein wenig Blut opfern (jedes Mal, wenn sie ihre Schwerter anzünden, schneiden sie sich die Handfläche auf). Das passt ganz gut zur Thematik der durch die Drachen zurückkehrenden bzw. stärker werdenden Magie in den Romanen. Darüber hinaus ist Magie an der Mauer und jenseits davon grundsätzlich stärker, wie wir in Staffel 5 und in „A Dance with Dragons“ von Melisandre erfahren.

Schließlich stößt man auch auf menschliche Wiedergänger und es gelingt sogar, einen Weißen Wanderer zu töten und einen der Wiedergänger gefangenzunehmen – sehr geschickt, dass nur einer übrig bleibt, nachdem der Weiße Wanderer vernichtet wurde. Weniger geschickt ist der Umstand, dass das Grüppchen von der Untotenarmee auf einem gefrorenen See umstellt wird. Besagte Armee erweist sich vorerst allerdings als merkwürdig passiv, sodass Jon und Co. die Nacht auf einer kleinen Felseninsel überstehen – bis auf Thoros, der einem Bärenbiss erliegt. Nur Gendry entkommt und rennt zur Mauer zurück. Auch hier fällt es mir schwer, das Ganze plausibel zu finden, allerdings finden sich im Internet inzwischen aufwändige Berechnungen, wie schnell welcher Weg zurückgelegt werden kann – Gendrys Spurt zur Mauer scheint zumindest noch halbwegs im Bereich des Möglichen zu sein, da die Armee des Nachtkönigs ja ohnehin nicht mehr weit von Eastwatch entfernt ist. Die Geschwindigkeit, mit der der Rabe von Eastwatch allerdings Dragonstone erreicht, ist wieder eine andere Geschichte.

Dragonstone
Auf Dragonstone führen Daenerys und Tyrion wieder ihre übliche Grundsatzdiskussion und basteln an der Metapher des zu zerbrechenden Rades weiter. Unangenehmer ist die Frage nach der Thronfolge, aber es gibt ja durchaus Möglichkeiten bzw. Vorbilder aus der Realität. Wahlkönigtum, Adoption, oder sogar Demokratie? Besonders amüsant ist der Austausch bezüglich des Heldentums von Daenerys‘ Verehrern. Der Kommentar dazu ist angesichts dessen, was sie später abzieht, schon recht ironisch – sie verhält sich letztendlich genauso, wie Jorah oder Jon es tun würden. Als der Rabe mit Gendrys Nachricht kommt, zögert sie keine Minute und schlüpft in ihre noble Wintergarderobe (da hat jemand vorgesorgt), um mit ihren Drachen nach Norden zu fliegen, trotz Tyrions Protest. Selbst mit Drachen scheint mit der Weg über einen halben Kontinent in einer Nacht doch etwas gewagt, aber die Regeln der Dramaturgie verlangen, dass es klappt und die Rettung exakt in letzter Sekunde eintrifft. Bei anderen derartigen Vorkommnissen konnten sich die Macher wenigstens noch damit herausreden, dass keine definitive Zeitangabe getätigt wird, hier geht das nun definitiv nicht mehr.

Jenseits der Mauer Teil 2
Das Scharmützel im Norden hat Fanspekulationen massiv befeuert. Schon allein der Umstand, dass die Armee der Toten erstmal gemütlich wartet, bis die Nacht vorbei ist, ist äußerst verdächtig. Entweder die Dramaturgie ist hier wirklich extrem klischeehaft, oder die ganze Angelegenheit wurde vom Nachtkönig exakt so vorhergesehen und geplant, weil er einen untoten Drachen haben wollte, den er am Ende ja auch bekommt. Aber da hören die Fanspekulationen nicht auf. Die neueste Lieblingstheorie lautet: Bran ist der Nachtkönig. Zum einen werden da Parallelen bei der Kleidung zum Tragen gebracht, zum anderen hat sich das Gesicht leicht verändert. Mit der ganzen Maskierung sieht man das natürlich nicht allzu deutlich, aber tatsächlich hat seine winterliche Majestät nun eine recht lange, gerade Nase, die der von Isaac Hempstead-Wright ähnelt. Wird Bran irgendwann in der Zeit zurückreisen und zum Nachtkönig werden oder sich mit dem ursprünglichen Nachtkönig, dessen Erschaffung wir in Staffel 6 gesehen haben, vereinen? Oder geht die Fantasie mal wieder mit den Fans durch? Zumindest die erste Theorie (das Scharmützel als Falle) erscheint mir plausibel genug – wer hat denn schon nur aus Verdacht derartig massive Ketten dabei, die einen Drachen aus dem Wasser ziehen können? Und warum attackiert der Nachtkönig zuerst Viserion, der fliegt und weitaus schwerer zu treffen ist als Drogon, der am Boden ist und noch dazu von der Drachenkönigin geritten wird? Es sei denn natürlich, der Nachtkönig hat vorhergesehen, was er tun muss oder er ist tatsächlich Bran und weiß was passieren wird bzw. passiert ist bzw. passiert sein wird (wo ist Doc Brown, wenn man ihn braucht?).

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Warum Riesenadler nehmen, wenn man stattdessen Drachen haben kann? (Bildquelle)

Jedenfalls sind die Auswirkungen massiv: Ein Drache tot (oder untot), Daenerys ist von der Gefahr aus dem Norden nun restlos überzeugt und zwischen ihr und Jon funkt es. Rein politisch wäre eine Hochzeit natürlich sehr profitabel, auch wenn sie Tante und Neffe sind – nun ja, angesichts der Targaryen-Tradition ist das fast noch akzeptabel. Letztendlich sind Benioff und Weiss halt auch nur Shipper.

Effekttechnisch hat der Drachenangriff definitiv Kinoniveau und zeigt, was man im Fernsehen inzwischen alles bewerkstelligen kann. Inszenatorisch ist mir das Ganze jedoch zu vorhersehbar. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich nicht seit Staffel 1 darauf gewartet habe, dass Drachen Untote niedermähen, aber die Rettungen in letzter Sekunde häufen sich so langsam: Erst Daenerys, dann taucht auch noch Benjen Stark aus dem Nichts auf – vielleicht wäre es weniger umständlich gewesen, wenn Jon einfach auf Drogon mitgekommen wäre. So fragt man sich, wie er überhaupt überleben konnte – wobei es auch dazu Theorien gibt, die mit Jons Wiedererweckung zusammenhängen. Vielleicht hat Beric Dondarrion tatsächlich recht und der Herr des Lichts lässt Jon einfach noch nicht sterben. Wie auch immer, ich bin auf jeden Fall nicht der einzige, der bei der letzten Szene ein ziemliches Déjà-vu hatte.

Fazit: „Beyond the Wall“ ist abermals eine Folge mit massiven Schauwerten – aber auch einigen gravierenden dramaturgischen und inhaltlichen Schwächen. Nachdem GoT in seiner Anfangszeit Fantasy-Klischees wiederlegte, wird die Rettung in letzter Sekunde für meinen Geschmack in letzter Zeit etwas zu häufig zelebriert.

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Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War
Eastwatch

GoT: Eastwatch

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„Eastwatch“ ist mal wieder eine dieser Zwischenepisoden, in denen Figuren in Stellung gebracht werden. Noch mehr als in allen anderen Episoden dieser Staffel fällt auf, wie sehr das Erzähltempo im Vergleich zu den ersten Staffeln angezogen wurde. Figuren reisen in aberwitziger Geschwindigkeit von Oldtown nach Dragonstone, von Dragonstone nach King’s Landing und wieder zurück und schließlich zur Mauer. Derartige Überbrückungsepisoden haben es selten leicht, und das trifft auch hier zu: Kaum jemand dürfte sich später spezifisch an diese Folge erinnern.

In der Weite
Oh, welch Wunder, Jaime und Bronn haben überlebt. Damit festigt sich mein Fazit zur letzten Episode. Die beiden sind nun natürlich erst einmal etwas traumatisiert, schließlich bekommt man es nicht alle Tage mit einem ausgewachsenen Drachen zu tun, und die Aussicht, gleich drei von den Biestern entgegenzutreten, begeistert weder Jaime noch Bronn.

Auf dem Schlachtfeld beschäftigt sich Daenerys derweil mit den Überlebenden und macht ihnen ein einfach Angebot: Sie sollen das Knie beugen oder sterben. Während die meisten Soldaten durchaus geneigt sind, sich zu ergeben, zeigt sich, dass die Tarlys aus anderem Holz geschnitzt sind. Die Hinrichtung findet durch Drachenfeuer statt. Das alles vergrößert das Zerwürfnis zwischen Tyrion und Daenerys noch. Ich hatte ja schon damit gerechnet, auch wenn es nun nicht auf einem Hintergehen basiert, sondern eher darauf, dass Tyrions Pläne nicht aufgegangen sind. Nun beginnt Tyrion, an Daenerys zu zweifeln. Entwickelt sie sich doch in eine unangenehme Richtung? Schließlich war es das Hobby ihres Vaters, unwillige Lords bei lebendigem Leib zu verbrennen. Doch dazu später mehr.

Dragonstone
Und schon ist Daenerys wieder auf Dragonstone, damit sich Jon und Drogon ein wenig anfreunden können. Es bleibt nicht das einzige Mal in dieser Folge, dass Jons Targaryen-Abstammung mehr oder weniger subtil nebenbei thematisiert wird. Eine derartige Szene taucht in den Romanen zwar nicht auf – dort wurde ja noch nicht einmal bestätigt, dass Jon Rhaegars Sohn ist, und so lange es nicht von Martin direkt kommt bzw. im noch zu erscheinenden „The Winds of Winter“ schwarz auf weiß zu lesen ist, gilt dieser Umstand auch nur für die Serie; und natürlich hat Jon dort die Drachen noch nie zu Gesicht bekommen – aber es gibt einen ähnlichen Präzedenzfall. In „A Storm of Swords“ tritt der Söldnerführer Brown Ben Plumm in Daenerys‘ Dienste. Besagter Brown Ben hat Targaryen-Vorfahren; dementsprechend sind ihm die Drachen ziemlich zugeneigt, und das, obwohl er Daenerys später verrät.

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Jon Targaryen (Kit Harrington, Quelle)?

Wie sich zeigt, ist Jorah Mormont ein weiterer Name auf der langen Liste der GoT-Figuren, die inzwischen über ein Jet-Pack verfügen, denn schon trifft er auf Dragonstone ein, um Daenerys erneut seine Treue zu geloben, und dieses Mal freut sich die Königin der Drachen sogar, ihn zu sehen. Varys und Tyrion diskutieren derweil über ihre Beunruhigung: Wird Daenerys ihrem Vater immer ähnlicher? Die Einblicke in Varys‘ Geisteshaltung bezüglich seiner Zeit in den Diensten des irren Königs sind dabei der interessanteste Aspekt dieses Dialogs. Tyrions Beunruhigung ist jedoch ein wenig merkwürdig, da er selbst ja auch nicht unbedingt immer allzu zimperlich war; dass Daenerys aufmüpfige Lords, die sich weigern, das Knie zu beugen, hinrichten wird, war ja von weitem abzusehen. Bezieht sie sich lediglich auf den Umstand, dass sie mit Drachenfeuer hinrichtet?

Immerhin beim gemeinsamen Rat werden Fortschritte gemacht – man beschließt, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, denn eine Nachricht von Bran trifft ein (was Jon auch gleich mit dem Umstand konfrontiert, dass sowohl Bran als auch Arya noch am Leben sind), die besagt, dass sich die Armee der Toten Eastwatch nähert. Wie bekommt man die Lebenden, die sich aber alle nicht ausstehen können und zum Teil glauben, bei den Weißen Wanderern handle es sich um Ammenmärchen, dazu, an einem Strang zu ziehen? Man bringt ihnen (also Cersei) einen Wiedergänger. Die Idee ist nicht neu, schon in Staffel 1 schickte Lord Commander Mormont Ser Alliser Thorne mit einer untoten Hand nach King’s Landing, allerdings fing die Hand an zu verrotten und konnte so niemanden überzeugen. Die Umstände sind freilich nicht ideal, da es genauso schwer sein dürfte, einen Wiedergänger zu fangen wie Cersei davon zu überzeugen, Daenerys‘ Leute zum empfangen. Tyrion hofft allerdings, dass Jaime ihn zumindest anhören wird. Und zum Glück hat man ja einen Schmuggler, der ihn nach King’s Landing bringen kann.

King’s Landing
In der Hauptstadt läuft das Gespräch zwischen Jaime und Cersei so ziemlich wie erwartet, es werden potentielle Niederlagen diskutiert und Cersei ist begeistert von Olennas letzten Worten und bereut es, dass sie sich zur Giftnutzung hat überreden lassen.

Dann treffen auch schon Daenerys‘ Gesandte ein. Auch wenn ich mich wiederhole: Es geht alles verdammt leicht und verdammt schnell. Während Tyrion ein recht vorhersehbares Gespräch mit Jaime in Gesellschafter alter Drachenschädel führt, besucht Ser Davos einen alten Bekannten: Gendry, der wieder ins King’s Landing schmiedet (zur Erinneruung, in den Romanen wurde er nie an Melisandre verkauft und ist immer noch in den Flusslanden). Der junge Schmied will sofort mitkommen und hat sich sogar für so eine Gelegenheit mit einem Kriegshammer ausgerüstet – ganz der Papa. Bei einer Konfrontation mit zwei Goldröcken zeigt er, dass er ihn auch ziemlich gut einsetzen kann.

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Gendry (Joe Dempsie): Wie der Vater, so der Sohn (Quelle).

Cersei offenbart Jaime später, dass sie um die ganze Tyrion-Geschichte wusste und dieses Treffen absichtlich zugelassen hat, da sie um ihre aussichtslose Situation weiß. Nun plant sie wohl eine Rote-Hochzeit-Gedenkfeier – eine Andeutung des Staffelfinales? Das kommende Ende von Cerseis Herrschaft? Sie ist nun einmal nicht Lord Tywin. Dramaturgisch würde das schon ganz gut passen, dann kann man sich in der finalen Staffel ganz auf die Bedrohung aus dem Norden konzentrieren. Ein kleines Detail ist noch erwähnenswert: Cersei behauptet, schwanger zu sein. Ein Trick, um Jaime neu zu motivieren?

Oldtown
Auch in Oldtown trifft die Nachricht ein, dass sich die Armee der Toten der Mauer weiter nähert (wahrscheinlich sind die Weißen Wanderer die einzigen Figuren, die KEIN Jet-Pack besitzen). Die Maester sind sekptisch, während Sam frustriert ist, da er ganz genau weiß, dass die Nachricht stimmt. Viel interessanter finde ich allerdings die Frage, wie Sam wohl auf den Tod von Vater und Bruder reagiert – zu beiden hat er ja nun nicht unbedingt das engste Verhältnis. Jedenfalls hat Sam langsam genug von der Apathie seiner Vorgesetzten, während Gilly uns nebenbei enthüllt, dass Jon der rechtmäßige Erbe der Sieben Königslande ist, da Rhaegars Ehe mit Elia Martell rechtmäßig annulliert wurde er Lyanna heiratete – als Bastard Rhaegars hätte Jon freilich keinen Anspruch auf den Eisernen Thron gehabt. Was Tante Daenerys wohl darüber denkt? Es sollte darüber hinaus noch erwähnt werden, dass diese Entdeckung im Kontext der Romane keinen Sinn ergibt, da eine vollzogene Ehe mit Erben nicht einfach so annulliert werden kann und Rhaegar darüber hinaus eine Tragaryen-Triarchie anstrebte (schließlich hat der Drache drei Köpfe) und deshalb drei legitime Erben benötigte. Da Elia Martell kein drittes Kind mehr bekommen konnte, ging er eben zum alten Targaryen-Brauch der Polygamie zurück. Sam hat natürlich ohnehin keine Ahnung, auf was Gilly da gestoßen ist. Stattdessen handelt er so, wie er schon in der vorherigen Staffel handelte: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packt er alles ein, was ihm im Kampf gegen die Armee der Toten nützlich erscheint und macht sich davon.

Winterfell
Im Norden ist man unruhig und unzufrieden mit Jons Abwesenheit. Arya ist derweil unzufrieden mit Sansas Reaktion und startet ein kleines Psychospielchen, dessen Sinn sich mir nicht so ganz erschließen will. Vielleicht soll es einfach nur zeigen, dass Arya normale familiäre Kontakte nach wie vor schwerfallen und sie durch ihre Ausbildung im Haus von Schwarz und Weiß doch in größerem Ausmaß entmenschlicht wurde.

Littlefingers Ambitionen bleiben weiterhin nebulös, er konspiriert mit verschiedenen Personen, immer beobachtet von Arya, die vermutet, dass da etwas im Busch ist. Von Maester Wolkan erhält Littlefinger das angeforderte Schreiben aus den Archiven Maester Luwins, das er in seinen Gemächern versteckt. Arya wird noch misstrauischer, sucht und findet. In der Serie sieht man kaum, um welchen Brief es sich handelt, aber ein wenig Recherche hat ergeben, dass es der Brief ist, den Sansa in Staffel 1 nach Winterfell schickte, um Robb zu bitten, das Knie vor Joffrey zu beugen, um ihren Vater zu retten. Arya kennt natürlich den Kontext nicht, weshalb das zu Missverständnissen führen dürfte, die, wie die letzte Einstellung zeigt, Teil von Littlefingers Plänen sind. Um ehrlich zu sein wirkt dieser ganze Winterfell-Subplot für mich wie eine unnötige Beschäftigungstherapie für Sansa und Arya, besonders angesichts der Tatsache, dass an anderen Baustellen mit einem Wahnsinnstempo durch die Handlung gehetzt wird. Die hier verbrauchte Zeit hätte man an anderer Stelle sich besser verwenden können.

Eastwatch
Im Grunde kehren wir noch einmal nach Dragonstone zurück, bevor es per Express-Boot nach Eastwatch geht – diese Folge springt bei den Handlungsorten ziemlich. Damit dieser Artikel halbwegs nachvollziehbar bleibt, wird „Dragonstone Teil 2“ hier mit abgehandelt. Allzu viel gibt es ohnehin nicht zu sagen: Der Bastard Robert Baratheons und der vermeintliche Bastard Ned Starks lernen sich kennen und finden sich sympathisch – das gibt eine nette Symmetrie, wenn beide später wie ihre Väter Seite an Seite kämpfen. Jorah geht ebenfalls mit nach Norden und darf sich mal wieder von Daenerys verabschieden, wobei er sich zugleich fragt, ob da zwischen ihr und Jon was läuft – diesen Blick hat Iain Glenn seit Staffel 1 perfektioniert. Den kleinen Austausch zwischen Tyrion und Jorah fand ich darüber hinaus recht gelungen.

In Eastwatch gibt es ein weiteres Treffen mit alten Bekannten, denn off-Screen wurde Beric Dondarrion, Sandor Clegane und Thoros von Myr von Tormund, der jetzt Eastwatch hält, aufgegriffen. Man erkennt, dass eigentlich alle auf derselben Seite sind (auch wenn es Gendry nicht gefällt) und macht sich auf gen Norden. Das Grüppchen, das sich hier versammelt, um jenseits der Mauer nach einem Beweis für die anrückende Armee der Toten zu suchen, wurde vom Fandom schon mit dem Spitznamen „Suicide Squad“ versehen – schauen wir mal, ob das zutrifft.

Fazit: „Eastwatch“ ist eine typische Überbrückungsfolge, in der Figuren für zukünftige Ereignisse in Stellung gebracht werden. Darüber hinaus lässt diese Episode den Fokus vermissen, den die bisherigen Folgen dieser Staffel aufwiesen – man fühlt sich an einige der etwas sprunghafteren Episoden früherer Staffeln erinnert.

Bildquelle

Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War