The Mandalorian: Staffel 1 & 2

Spoiler für beide Staffeln!
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Während die Sequels die Star-Wars-Fangemeinde zutiefst gespalten zurückgelassen haben, scheinen die beiden Staffeln von „The Mandalorian“ exakt das Gegenteil bewirkt zu haben – im Großen und Ganzen hat diese erste Live-Action-Serie von Jon Favreau und Dave Filoni verschiedene Fraktionen des Fandoms wieder zusammengebracht. Eine Betrachtung dieser Serie meinerseits ist im Grunde lang überfällig, deshalb halten wir uns gar nicht erst lange mit Vorgeplänkel auf, sondern starten direkt durch.

„This is the Way“: Handlung und Struktur von Staffel 1
Ende der 90er erschien bei Dark Horse die Miniserie „Crimson Empire“ – nachdem ich die erste Staffel von „The Mandalorian“ gesehen hatte, empfand ich sie gewissermaßen als Disney-Gegenstück, wenn auch eher auf konzeptioneller denn inhaltlicher Ebene. In beiden Fällen nahm man sich einen Aspekt, der in der OT nicht allzu ausgiebig erforscht wurde – in „Crimson Empire“ die Rotgardisten des Imperators, in „The Mandalorian“ die Mandalorianer, und schuf eine größtenteils eigenständige und in sich geschlossene Geschichte mit einem neuen Protagonisten und nur marginalen Verbindungen zu den Filmen. Im Falle von „The Mandalorian“ ist das Din Djarin (Pedro Pascal), ein enigmatischer mandalorianischer Kopfgeldjäger, der fünf Jahre nach der Schlacht um Endor im Auftrag eines mit dem Restimperium verbündeten Klienten (Werner Herzog) auf Arvala-7 ein besonders „Gut“ sicherstellen soll. Bei diesem Gut handelt es sich um das 50 Jahre alte Kleinkind einer sehr langlebigen Spezies, die Din Djarin zwar unbekannt ist, den Zuschauern jedoch sehr vertraut sein dürfte – und das nicht nur, weil „The Child“ alias Baby Yoda alias Grogu seit dem Start der ersten Staffel praktisch allgegenwärtig war. Din Djarin liefert den liebenswerten kleinen Kerl wie vereinbart ab, bekommt dann allerdings Zweifel, da ziemlich klar ist, dass das Imperium nicht unbedingt an seinem Wohlergehen interessiert ist. Nachdem es ihm gelungen ist, mit Hilfe einiger mandalorianischer Kameraden mit dem Kind zu entkommen, beginnt eine Odyssee, die ihn zu mehreren Outer-Rim-Planeten führt. Während er eine Antwort auf die Frage sucht, was denn nun mit seinem Schützling zu tun ist, trifft der Mandalorianer neue Verbündete wie die ehemalige Rebellenoffizieren Cara Dune (Gina Carano), aber auch Gegner wie die Attentäterin Fennec Shand (Ming-Na Wen). Sein Weg führt ihn schließlich zurück zum Ursprung des Auftrags, denn der imperiale Moff Gideon (Giancarlo Esposito), der letztendlich hinter der Suche nach dem Kind steckt, ist immer noch erpicht darauf, seinen Preis zu erhalten.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Grogu

Serien haben meistens entweder einen durchgehenden Handlungsstrang mit „offenen“ Episoden wie etwa „Game of Thrones“ oder sie gehen nach einem bestimmten Schema vor – am deutlichsten bei Krimiserien zu beobachten: Neue Folge, neuer Fall, der innerhalb einer Episode (manchmal auch zwei) abgeschlossen ist. Aber selbstverständlich finden sich auch alle möglichen Mischformen – in diese Kategorie kann man auch „The Mandalorian“ einordnen. Es gibt einen übergeordneten Handlungsstrang, aber vor allem in der Mitte der ersten Staffel sind die einzelnen Folgen relativ in sich geschlossen. Vor allem die Episoden 4 bis 6 könnte man relativ mühelos untereinander austauschen. Strukturell erinnern diese mitunter an die Quests eines Spiels: Um auf seinem Weg weiterzukommen, muss Din Djarin das Problem einer anderen Person lösen – dieses Element wird vor allem in Staffel 2 noch deutlich stärker, da hier das Ziel des Mandalorianers eindeutiger ist.

Was die erste Staffel darüber hinaus auszeichnet, ist ihr sehr gemäßigtes und ausgeglichenes Erzähltempo. Das fällt besonders im Vergleich mit der fast zeitgleich erschienenen neunten Episode der Skywalker-Saga auf, bei der genau das Gegenteil der Fall war. Hier hatte man stets das Gefühl, J. J. Abrams wolle einen partout nicht zur Ruhe kommen lassen – man könnte ja über das gerade gesehene nachdenken. „The Mandalorian“ dagegen wählt genau den entgegengesetzten Ansatz, nimmt sich Zeit, lässt Figuren und Setting atmen. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass die erste Staffel strukturell sehr gut ausbalanciert ist, gerade weil sie sich die nötige Zeit nimmt: In den ersten drei Folgen wird der Status Quo (Mando und Kind als ungleiches Duo) etabliert, in den zweiten drei beibehalten, aber immer wieder auf die Probe gestellt und in den letzten beiden schließlich ernsthaft gefährdet.

„You are a clan of two“: Figuren und Setting
Wie bereits erwähnt arbeitet zumindest die erste Staffel ausschließlich mit neuen Figuren, die jedoch an die bekannte Ikonographie geknüpft sind. Die Sturmtruppen als Repräsentanten eines (stark geschwächten) Imperiums sind selbst dem „Casual Fan“ des Franchise ebenso vertraut wie der ikonische mandalorianische Helm. Wie üblich bei Star Wars spielen Archetypen eine wichtige Rolle. Aus dem wilden SW-Genre-Gemisch legen Favreau und Filoni ihren Fokus auf den Western – passend dazu entspricht Din Djarin dem Archetypen des wortkargen und mysteriösen Revolverhelden, der oft genug von Clint Eastwood dargestellt wurde. „The Mandalorian“ geht allerdings noch mehr ins Extrem, indem das Gesicht des Protagonisten nie gezeigt wird – bzw. erst in der letzten Episode der ersten Staffel. Es ist durchaus ein Risiko, wenn die Hauptfigur nicht nur relativ unnahbar, sondern auch konstant maskiert ist.

Grogu/Baby Yoda ist vor allem aus Marketing-Sicht ein Geniestreich, wie sich immer wieder zeigt, die Dynamik zwischen ihm und Din Djarin funktioniert allerdings auch in der Serie ziemlich gut. Die Charakterisierung unseres Protagonisten ist zwar zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Bei einer Figur wie dem Mando besteht die Gefahr, dass er auf sein „Badasstum“ reduziert wird, was hier aber erfreulicherweise nicht der Fall ist. Din Djarin ist zwar kompetent, aber keinesfalls hyperkompetent und gerät immer wieder in knifflige Situationen, in denen er Hilfe braucht oder an denen er schlicht scheitert. Obwohl er zumindest zu Beginn keine eigene Agenda verfolgt, sondern nur Aufträge erfüllt und insgesamt ein relativ passiver Protagonist ist, ist sein Wachstum und die Entwicklung seines Charakters doch deutlich spürbar. Pedro Pascal holt mit Stimme und Körpersprache sehr viel aus einem sehr minimalistischen Charakter heraus, dessen Gesicht zudem fast nie zu sehen ist. Trotzdem, oder gerade deshalb, fungiert der Mando als Fenster in diesen Teil der Star-Wars-Galaxis; da er ein Einzelgänger ist, lernen wir zusammen mit ihm all die neuen, von einem exzellenten Cast dargestellten Figuren kennen, ohne dass es überfordernd wäre oder allzu künstlich daherkommt. Auch was diesen betrifft, erinnerten sich Favreau und Filoni an eine alte SW-Tugend: Die Nebenfiguren sollten markant sein. Die tiefgründigsten sind sie nun nicht unbedingt, vor allem, weil der Fokus eben auf Mando und Grogu liegt und kaum eine in mehr als zwei oder drei Episoden auftaucht, aber sie sind einprägsam und bleiben im Gedächtnis, egal ob Carl Weathers als Greef Karga, Gina Carano als Cara Dune, Bill Burr als Migs Mayfeld oder Taika Waitit als IG-11.

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Cara Dune (Gina Carano) und Greef Karga (Carl Weathers)

Auf dieselbe Art gelingt es Favreau und Filoni auch sehr gut, den aktuellen Status Quo zu vermitteln: Das Imperium ist auf dem Rückzug, die Neue Republik aber noch nicht stark genug, um im Outer Rim wirklich für Ordnung zu sorgen – aus diesem Grund geht es recht gesetzlos zu. Zusätzlich erforschen wir die mandalorianische Kultur. In meiner Rezension zur Legends-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ habe ich bereits einen kurzen Abriss über die Geschichte der Mandalorianer im Franchise gegeben, weshalb ich das hier nicht noch einmal tun werde. Ohnehin würde ich besagte Miniserie durchaus als ansprechende Lektüre für Fans von „The Mandalorian“ empfehlen, allerdings kommt man an die gedruckte Ausgabe in der Zwischenzeit ziemlich schwer heran. Wie dem auch sei, in Staffel 1 erfahren wir, dass die Mandalorianer ihre Helme nie abnehmen und ein praktisch religiöses Verhältnis zu ihrer Ausrüstung haben – zumindest Ersteres widerspricht dem bisher im Disney-Kanon (und auch in Legends) Etablierten, diese Diskrepanz wird aber in Staffel 2 aufgeklärt, da Din Djarin zu einer besonderen, extremistischen Gruppierung gehört. Alles in Allem war ich mit der bisherigen Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ und „Rebels“ nicht allzu zufrieden, „The Mandalorian“ rückt sie allerdings, zumindest empfindungsmäßig, wieder näher an die Legends-Interpretation.

Auch sonst ist „The Mandalorian“ erfreulicherweise sehr geerdet. Zwar verfügte man über ein verhältnismäßig hohes Budget, aber eben doch nicht ganz auf der Höhe eines Star-Wars-Kinofilms. Zudem muss natürlich für weniger Geld mehr Material entstehen. Wie schon George Lucas bei der OT mussten Filoni und Favreau deshalb öfter kreativ werden und das Maximum aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Material herausholen und nebenbei auch gleich noch in bester SW-Tradition die Effekttechnik vorantreiben. Die Planeten etwa sind nicht unbedingt die kreativsten (und zudem wieder sehr wüstenlastig, nicht zuletzt bedingt durch die Genre-Ausrichtung), aber „The Mandalorian“ holt deutlich mehr aus seinen Welten heraus als beispielsweise die Sequels – man bekommt ein Gespür für die Planeten, kann sie tatsächlich erforschen und erfährt, wie es sich dort lebt. Auf handwerklicher Ebene funktioniert ebenfalls alles ziemlich gut, in beiden Staffeln haben Filoni und Favreau ein sehr gutes Gespür dafür, wann sie in die Vollen gehen können und wann sie sich besser zurückhalten sollten. Besonders die Action wirkt handgemacht und bodenständig und trägt viel zur Atmosphäre bei. Der Humor ist angemessen und funktioniert ebenso gut – meistens ist ohnehin Grogu derjenige, der für die humoristischen Momente zuständig ist.

„A friendly piece of advice, assume that I know everything”: Staffel 2 – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In Staffel 2 gibt es einige massive Änderungen bezüglich des erzählerischen Konzepts der Serie, die sich aber sehr langsam und schleichend etablieren. Genau genommen beginnt er bereits mit dem kurzen Gastauftritt des aus „The Clone Wars“ und „Rebels“ bekannten Darksabers am Ende des Finales von Staffel 1. Ab diesem Zeitpunkt finden immer mehr Inhalte und Figuren aus anderen Ecken des SW-Universums ihren Weg in die Serie. Din Djarin sucht praktisch die gesamte Staffel nach einem sicheren Ort für Grogu bzw. nach seinen Angehörigen, findet sich in noch mehr Quid-pro-Quo-Situationen wieder und muss sich natürlich abermals mit alten Feinden auseinandersetzen – findet aber auch neue Verbündete, die manch einem Zuschauer durchaus vertraut sein dürften. Los geht es direkt in Folge 1 der zweiten Staffel mit Cobb Vanth (Timothy Olyphant), der nicht nur eine allzu bekannte Rüstung trägt, sondern seinerseits der Aftermath-Reihe, einer Romantrilogie von Chuck Wendig, entstammt. Gerade diese Verwendung eines bislang äußerst obskuren Charakters zeigt den Kontrast in der Herangehensweise von Favreau und Filoni auf der einen und den Regisseuren und Autoren der Sequels auf der anderen: Hier geschah eine intensive Beschäftigung mit der Materie, die sich bereits in Staffel 1 andeutete und in Staffel 2 praktisch überdeutlich ist. „The Mandalorian“ versucht nicht, zu rekreieren oder zu unterlaufen, sondern greift auf alles verfügbare Material, sei es OT, PT, aktuelles EU oder Legends, zurück, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Fans freuen sich über die Anspielungen und Querverweise, gleichzeitig gelingt es Favreau und Filoni aber auch, das Ganze so zu gestalten, dass man als Neuling nicht das Gefühl hat, zum Verständnis müsse man erst eine SW-Enzyklopädie wälzen. Stattdessen fühlen sich die „neuen alten Figuren“ eher an wie eine natürliche Fortführung der Charaktere, die bereits in Staffel 1 vorgestellt wurden und größtenteils auch wieder mit von der Partie sind.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Boba Fett (Temura Morrison)

Zugegebenermaßen ist das Argument, dass es in Staffel 2 mit der Rückkehr bzw. Realwerdung diverser Figuren aus Filmen, Animationsserien und der Literatur vielleicht etwas übertrieben wurde, nicht völlig von der Hand zu weisen. Zu Cobb Vanth gesellen sich die Clone-Wars- und Rebels-Veteraninnen Bo-Katan Kryze (Katee Sackhoff, die der animierten Version der Figur auch ihre Stimme lieh) und Ahsoka Tano (Rosario Dawson), Legends-Inhalte wie die Dark Trooper und der Planet Tython und natürlich die Filmschwergewichte Boba Fett (Temura Morrison), Luke Skywalker (Mark Hamill?) und R2D2 (as himself). Im Großen und Ganzen denke ich jedoch, dass Favreau und Filoni die Balance gerade noch halten können, eben weil sie sich in Staffel 1 auf die neuen Figuren konzentrierten, diese anständig etablierten und nie den Kern aus den Augen verlieren. Bei einem Luke Skywalker besteht natürlich immer die Gefahr, dass er alles überschattet, das emotionale Highlight der Folge ist aber dennoch unzweifelhaft der Abschied von Din und Grogu. Die bereits in anderen Medien etablierten Figuren übernehmen nie das Ruder oder usurpieren die Geschichte.

Deutlich schwerer wiegen in meinen Augen einige strukturelle Mängel in Staffel 2, die alles in allem deutlich weniger ausgewogen und balanciert wirkt als Staffel 1. Besonders die ersten beiden Folgen nehmen sich noch reichlich Zeit für, in Ermangelung eines besseren Wortes, „Nebensächlichkeiten“ (wobei diese durchaus zur Charakterentwicklung beitragen), während spätere Folgen geradezu gehetzt wirken – zumindest im Vergleich zur Erzählweise von Staffel 1. Am schwächsten fällt für mich hier „The Tragedy“, die sechste Folge der zweiten Staffel aus, bei der immerhin Robert Rodriguez Regie führte. Diese markiert Boba Fetts großen Auftritt und weiß ihn auch durchaus cool zu inszenieren, aber das ganze Drumherum will einfach nicht so recht passen, von der Ineffektivität der Sturmtruppen (dazu später mehr) über die Inszenierung der Action bis hin zum Planeten Tython selbst. Gerade in Bezug auf die effektive Gestaltung der Planeten ist ausgerechnet Tython, die legendäre Heimatwelt der Jedi, die Ausnahme, die gezeigte Welt ist sehr ernüchternd und schlicht langweilig ausgefallen.

„I’m a simple man making his way through the galaxy, like my father before me”: Alte Freunde
Werfen wir doch noch einen ausführlicheren Blick auf die Figuren, die entweder zurückkehren oder sogar ihr Live-Action-Debüt feiern. Cobb Vanth stammt, wie bereits erwähnt, aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie. Interessanterweise erlangt er dort Boba Fetts Rüstung ein wenig anders, als er es in der Folge „The Marshal“ selbst erzählt, wobei es sich dabei sowohl um einen Retcon als auch um eine Lüge der Figur handeln könnte. Ansonsten gibt es nicht allzu viel über ihn zu sagen, bereits in der Aftermath-Trilogie war er eine eher unwichtige Nebenfigur, die wohl platziert wurde, um Boba Fetts Rückkehr in die Wege zu leiten (wenn auch nicht unbedingt spezifisch in dieser Serie), was dann ja auch umgesetzt wurde. Es bleibt noch zu erwähnen, dass die Besetzung der Figur mit Timothy Olyphant ein netter Casting-Gag für Fans der HBO-Serie „Deadwood“ ist.

Bo-Katan Kryze hat da schon eine deutlich längere Geschichte hinter sich, sie trat erstmals in der vierten Staffel der Animationsserie „The Clone Wars“ auf, zuerst als Teil der Death Watch, einer Gruppe radikaler Mandalorianer, die sich der pazifistischen Ideologie von Bo-Katans Schwester Satine, der Herzogin von Mandalore, nicht unterwerfen will. Als jedoch der wiederauferstandene Darth Maul die Macht auf Mandalore übernimmt, verbündet sie sich widerwillig mit den Jedi, um Maul aufzuhalten. In „Rebels“ kämpft sie schließlich gegen den Einfluss des Imperiums und möchte ihrem Volk die Freiheit von imperialer Knechtschaft bringen. Dort erringt sie auch das Darksaber, das als mandalorianisches Herrschaftssymbol fungiert. Dieses wird ihr jedoch zwischen dem Ende von „Rebels“ und dem Beginn von „The Mandalorian“ von Moff Gideon abgenommen. Bo-Katan wird hier als Vertreterin der „gemäßigten“ Mandalorianer verwendet, im Gegensatz zu Din Djarin und seinen Kameraden aus der ersten Staffel, den sog. „Children of the Watch“. Nach wie vor möchte sie das Beste für ihr Volk und hat deshalb auch eine offene Rechnung mit Moff Gideon. Sie zeigt unserem Protagonisten, dass der häufig erwähnte „Weg“, den die „Children of the Watch“ immer wieder verbal beschwören, eben nicht alternativlos ist.

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Grogu und Ahsoka Tano (Rosario Dawson)

Ahsoka Tano dürfte noch einmal deutlich bekannter und populärer sein als Bo-Katan, auch sie stammt aus „The Clone Wars“, beginnt dort als Anakin Skywalkers Padawan, tritt dann jedoch noch vor Ende des Krieges aus dem Jedi-Orden aus, bekämpft zusammen mit Bo-Katan auf Mandalore Maul und überlebt Order 66, um sich später den Rebellen anzuschließen. Hier treffen gewissermaßen zwei Handlungsstränge aufeinander, denn Ahsoka sucht offensichtlich Großadmiral Thrawn, der sich bereits in „Rebels“ als Problem erwies. Ahsoka ist die erste (mehr oder weniger) ausgebildete Jedi, die in der Serie auftaucht. Angesichts der Tatsache, dass sie weiße Lichtschwerter führt, die einen schönen Kontrast zur dunklen Klinge des Darksabers abgegeben hätten, wurde eifrig spekuliert, ob sie wohl am Finale beteiligt sein würde, letztendlich entschied man sich aber, den mandalorianischen Aspekt zu betonen und Boba Fett und Bo-Katan bei der Rettung Grogus assistieren zu lassen. Ahsoka weist nur den Weg nach Tython, schafft aber auch eine tiefere Verbindung zwischen Grogu und Din, unter anderem, indem sie seinen Namen und etwas von seiner Vergangenheit enthüllt und die Kommunikation erleichtert. Ich persönlich war nie der größte Ahsoka-Fan, zu Beginn von TCW fand ich sie ziemlich unausstehlich. Sie hat sich zweifelsohne entwickelt, ist aber nach wie vor keine Figur, an der ich besonders hänge. Allerdings kann ich gut verstehen, dass ein Live-Action-Auftritt Ahsokas etwas Besonderes darstellt, wenn man mit ihr aufgewachsen ist. Anders als bei Bo-Katan bediente man sich hier nicht der Sprecherin der Serien (das wäre Ashley Eckstein gewesen), sondern wählte mit Rosario Dawson eine Darstellerin, die deutlich bekannter ist, ihre Sache aber sehr gut macht.

Temura Morrison ist ein Sonderfall: Er ist der erste Darsteller der Filme, der in dieser Serie auftaucht, das allerdings in einer Rolle, die er bisher noch nicht gespielt hat (sofern wir das Nachsychronisieren einiger Sätze in der Special Edition der OT ignorieren). Natürlich gilt aber: Wenn Boba Fetts Gesicht zu sehen sein soll, muss Temura Morrison unter der Maske stecken. Boba Fett ist eine der beliebtesten SW-Nebenfiguren, der ganze Hype um ihn war mir allerdings stets ein wenig suspekt, selbst unter Einbeziehung des Legends-Materials – ich empfand tatsächlich Jango immer als den Interessanteren der beiden. Aber „The Mandalorian“ hat es in nur wenigen Episoden geschafft, mir die Figur näher zu bringen. Obwohl ich „seine“ Episode als die schwächste der Staffel empfinde, hat Rodriguez es zumindest geschafft, ihn wirklich ansprechend zu inszenieren, was in den folgenden Episoden fortgesetzt wird. Nebenbei wurde Jango nun auch im Disney-Kanon wieder offiziell zu einem „echten“ Mandalorianer erklärt, nachdem „The Clone Wars“ das in Zweifel gezogen hatte. Alles in allem wirklich ein exzellenter Auftritt mit einer Seismischen Bombe als Sahnehäubchen, der zeigt, wie gut und wirkungsvoll sich Prequel-Material in die Post-Endor-Ära integrieren lässt, wenn man es nur ordentlich anstellt. „The Mandalorian“ hat es tatsächlich geschafft, mich für die angekündigte Serie „The Book of Boba Fett“ zu begeistern.

Und schließlich: Luke Skywalker. Ist sein Auftauchen eine logische Entwicklung aus der Handlung? Oder ein Versuch, von „The Last Jedi“ enttäuschte Fans der Figur zurückzugewinnen? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich möchte hier das Fass „Luke in den Sequels“ gar nicht erst groß aufmachen, da ich mit Lukes Zustand in Episode VIII verhältnismäßig wenig Probleme hatte, zumindest im Vergleich zu vielen anderen, ich fand nur seinen Weg zu diesem Zustand absolut nicht überzeugend. Lukes Auftauchen ist tatsächlich eine logische Handlungsentwicklung aus dem Ruf, den Grogu auf Tython ausgesandt hat, denn wer hätte auch sonst kommen sollen? Ezra Bridger? Cal Kestis? Fanservice ist sein Auftauchen zweifelsohne, aber funktionierender Fanservice, der sich logisch aus der Geschichte ergibt. Nicht ganz so gut funktioniert die auf Lukes Gesicht angewandte Technik, was in der Rezeption der entsprechenden Szene aber interessanterweise nur eine untergeordnete Rolle spielte. Und auch ich kann nicht behaupten, dass ich die Rückkehr des auf der Höhe seiner Kräfte stehenden Luke nicht genossen hätte.

„They all hate you, Mando. Because you’re a legend!”: Die größte Schwäche
Neben der einen oder anderen Struktur- bzw. Balanceschwäche in Staffel 2 ist es vor allem die Darstellung der Imperialen, die Anlass zur Kritik gibt. Die Zielgenauigkeit der Sturmtruppen (oder besser: ihr Mangel an derselben) ist ja bereits seit Jahrzehnten Sujet diverser Witze, sodass man sich inzwischen fragt, ob Obi-Wans Ausspruch in „A New Hope“ als zynischer Scherz gemeint war und er sich wundert, dass sie überhaupt etwas getroffen haben: „Only imperial stormtroopers are so precise.“ Unter Disney erreichte die Unfähigkeit imperialer Soldaten allerdings noch mal ein ganz anderes Level, besonders in „Rebels“ kennt ihre Inkompetenz keine Grenze, und leider knüpft „The Mandalorian“ daran an, vor allem in Staffel 2. Das finde ich besonders schade, weil es der Serie ansonsten gelingt, mit begrenzten Mitteln sehr viel zu erreichen – in Staffel 1 gab es da durchaus entgegengesetzte Tendenzen. In Episode 4, „Sanctuary“, gelang es Regisseurin Bryce Dallas Howard etwa sehr gut, einen einzelnen AT-ST als große Bedrohung zu inszenieren. „The Mandalorian“ hätte die Chance gehabt, die Sturmtruppen auf dieselbe Art wieder zu ernstzunehmenden Gegnern zu machen. Vor allem die dritte Episode der zweiten Staffel, „The Heiress“, (ironischerweise ebenfalls von Bryce Dallas Howard inszeniert) zeigt die Soldaten des Restimperiums als extrem inkompetent.

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Moff Gideon (Giancarlo Esposito)

Leider erstreckt sich das auch auf die Kommandoriege. Giancarlo Esposito ist ein hervorragender Schauspieler, Moff Gideon profitiert ungemein von seiner Besetzung und wirkt primär deshalb als ernstzunehmender Gegner, betrachtet man allerdings seinen „Masterplan“ in Staffel 2, steckt da leider nicht allzu viel dahinter. Die Serie versucht zu vermitteln, dass er im Finale zuerst die Trümpfe in der Hand hat, aber leider agiert er im Grunde relativ sinn- und kopflos, ohne Alternativplan, sollten die Dark Trooper versagen. Diese sind die wirkliche Gefahr, die vom Imperium ausgeht, werden dann aber ihrerseits von Luke ziemlich schnell niedergemacht – auch hier fragt man sich, ob es nicht erzählerisch besser gewesen wäre, hätten sie dem Jedi-Meister zumindest etwas mehr entgegenzusetzen gehabt. In diesem Kontext ist der Umstand, dass Gideons tatsächliche Pläne bezüglich Grogu völlig nebulös sind, auch nicht unbedingt hilfreich. An dieser Stelle wollte man sich wahrscheinlich noch alle Möglichkeiten offen halten: Arbeitet Gideon autonom oder dient er einem Meister wie Thrawn, Snoke oder gar Palpatine ? Und was ist sein langfristiges Ziel? Das Mysterium in allen Ehren, aber hier wären etwas handfestere Absichten zur wirkungsvollen Definition des Charakters bessere gewesen.

Die interessanteste (zumindest im weitesten Sinne) imperiale Figur ist der von Bill Burr gespielte Migs Mayfeld, der als Ex-Imperialer zumindest einiges von dem Potential ausschöpft, das bei Finn in den Sequels vorhanden gewesen wäre. Leider vermisst man im Disney-Kanon außerhalb der Literatur bislang Figuren wie beispielsweise Gilad Pellaeon, die als aufrechte, prinzipientreue „ehrbare“ Imperiale einen Gegenstück zu den sadistischen und/oder inkompetenten Fanatikern bilden. Von dieser Sorte bietet „The Mandalorian“ mehr als genug, beispielsweise Rick Famuyiwa als Valian Hess (sehr sprechender Name) in der siebten Folge der zweiten Staffel. Was ich mir wünsche, wäre ein imperiales Gegenstück zu „Rogue One“; dieses erste Spin-off zeigte die dunkleren Seiten der Rebellen und half dabei, der Fraktion zusätzliche Facetten zu verleihen. Für das Imperium wäre eine differenziertere Darstellung in den bewegten Medien überfällig.

„Do the magic hand thing“: Ludwig Görannsons Score

Das musikalische Vermächtnis des Franchise ist immer ein Thema für sich, John Williams‘ Klänge sind essentiell für Star Wars. Bislang traute man sich bei Disney noch nicht, sich allzu weit davon zu entfernen. Dass Williams selbst die Sequels vertonen würde, stand nie in Frage, und auch die Komponisten anderer Projekte, sei es Kevin Kiner („Rebels“), Michael Giacchino („Rogue One“), John Powell („Solo“) oder Gordy Haab (die meisten Spiele, darunter auch „Jedi: Fallen Order“) blieben sowohl stilistisch als auch leitmotivisch sehr nah an Williams. Für „The Mandalorian“ wandten sich Favreau und Filoni an den schwedischen Komponisten Ludwig Göransson, der in vielen seiner Scores eine modernere Sensibilität an den Tag legt und darüber hinaus auch in der Popmusik aktiv ist, unter anderem als Produzent von Jung-Lando-Darsteller Donald Glover alias Childish Gambino. Göranssons Scores zeichnen sich zumeist durch interessante Stil-Mischungen aus – gute Beispiele sind etwa seine Musik für die beiden Creed-Filme sowie „Black Panther“, für den er den Oscar gewann. Oft mischt Göransson traditionelles Orchester mit Hip-Hop-, R&B- oder Electronica-Elementen und, im Fall von „Black Panther“, auch mit afrikanischen Percussions.

Die Musik von „The Mandalorian“ spiegelt die Handlungsentwicklung sehr gut wider. Die Scores der ersten Staffel sind stilistisch recht weit von traditioneller Star-Wars-Musik entfernt. Das Orchester spielt zwar durchaus eine zentrale Rolle und hin und wieder findet sich auch eine stilistische Williams-Anleihe, aber mindestens ebenso stark ist der Einfluss der Western-Soundtracks von Ennio Morricone. Alles in allem funktioniert das ziemlich gut, Göransson etabliert sofort ein eigenes Klangspektrum für die Serie und liefert dazu noch ein ziemlich eingängiges Titelthema sowie eine ganz Reihe anderer Leitmotive, die allerdings zu Beginn eher schwer herauszuhören sind. In manchen Fällen übertreibt er es allerdings mit dem elektronischen Ambiente und den Effekten und Verzerrungen, zumindest für meinen Geschmack. Gerade die Repräsentation der Dark Trooper durch Dubstep fand ich etwas zu viel.

Mit Ausnahme von ein, zwei extrem subtilen Andeutungen des Machtthemas (wenn überhaupt nur die ersten zwei, drei Noten) taucht in der ersten Staffel kein bereits existierendes leitmotivisches Material auf. Das ändert sich erst mit der zweiten Folge der zweiten Staffel, „The Passenger“: Das erste Williams-Thema, das zu hören ist, ist ausgerechnet der Marsch des Widerstands aus den Sequels. Dieses Thema ist in einer recht modernisierten Version am Ende der Episode zu hören, als sich Din Djarin mit den beiden Piloten der Neuen Republik unterhält. Außerdem taucht der Marsch auch in der Folge „The Siege“ während Cara Dunes Konsversation mit dem Republik-Piloten auf. In der zweiten Hälfte der Staffel nimmt die Anzahl an leitmotivischen Verweisen dann deutlich zu. Nicht nur findet sich im Score der Episode „The Jedi“ ein Hinweis auf Yodas Thema, Keviner Kiners Leitmotiv für Ahsoka aus „The Clone Wars“ wird sogar ziemlich ausgiebig verwendet und im Finale erklingt schließlich ein volles Statement des Machtthemas. Ich persönlich finde es sehr schön, dass die musikalische Welt der Serie mit der von Williams etablierten langsam zusammenwächst, ohne dabei jedoch ihre Individualität zu opfern.

Fazit
Nach den spaltenden Episoden VIII und IX dürfte „The Mandalorian“ genau das sein, was das Franchise nötig hatte: Eine Serie, die das Fandom wieder vereinigen kann und die fast jedem etwas zu bieten hat. Natürlich ist auch „The Mandalorian“ nicht perfekt, kleine Schwächen und Schönheitsfehler finden sich schließlich überall, aber im Großen und Ganzen weiß die Serie nicht nur zu überzeugen, sie dürfte, vielleicht zusammen mit „Rogue One“, das bislang beste Produkt der Disney-SW-Ära sein. Und wie es aussieht hat man sich bei Disney bereits ausgiebig Notizen gemacht, denn die zweite Staffel dient als Sprungbrett für diverse neue Serien, darunter „Rangers of the New Republic“, „Ahsoka“ und „The Book of Boba Fett“. Ob diese Serien das halten können, was „The Mandalorian“ verspricht, wird sich erst noch zeigen, aber wenn sie qualitativ überzeugen können, wäre es möglich, dass sie und nicht die Sequels zum dominierenden Faktor dieser Ära des Franchise werden.

Trailer Staffel 1
Trailer Staffel 2

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Bildquelle Ahsoka

Siehe auch:
Jango Fett: Open Seasons
Star Wars: Das ultimative Ranking

Dracula (BBC/Netflix)

Spoiler!
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„My revenge has just begun! I spread it over centuries and time is on my side.” Ob Bram Stoker wohl wusste, wie zutreffend diese Worte, die er seinem Grafen Dracula in den Mund legte, einmal sein würden? Vermutlich nicht. Trotzdem – alle paar Jahre kehrt der Vampirfürst in einer neuen Inkarnation zurück, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Die erste Neuinterpretation des neu angebrochenen Jahrzehnts kommt aus einer Co-Produktion von Netflix und der BBC, die von Mark Gatiss und Steven Moffat verfasst wurde. Diese beiden Herren sind bereits mit der Modernisierung von Figuren des viktorianischen Zeitalters vertraut, sind sie doch auch die Schöpfer der allseits beliebten Serie „Sherlock“. Wie nicht anders zu erwarten finden sich in „Dracula“ einige deutliche Parallelen zu „Sherlock“, nicht zuletzt was Struktur und Format angeht. Wie jede der Sherlock-Staffeln besteht auch „Dracula“ aus drei Episoden, die jeweils eineinhalb Stunden dauern. Und wie bei „Sherlock“ balancieren Gatiss und Moffat auf einem schmalen Grat zwischen Vorlagentreue mit Twist und mal mehr, mal weniger cleverer Modernisierung. Wer eine buchgetreue Verfilmung erwartet, wird also definitiv enttäuscht werden, diese Neuinterpretation ist jedoch trotz allem nicht völlig von Stoker losgelöst.

Handlung und Struktur
Im Nonnenkonvent in Budapest taucht 1897 der mental verwirrte und körperlich entstellte Jonathan Harker (John Heffernan) auf und erzählt Schwester Agatha (Dolly Wells) seine Geschichte: Als britischer Anwalt kommt Harker nach Transsylvanien, da der Adelige Graf Dracula (Claes Bang) in London Immobilien erwerben will. Sobald er in Draculas Schloss angekommen ist, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Nicht nur verhält sich der Schlossherr äußerst merkwürdig und scheint mit jeder Nacht jünger zu werden, Jonathan selbst wird immer schwächer und kränklicher und macht, ähnlich wie der Graf, eine Metamorphose durch. Bald wird ihm klar, dass sein Gastgeber ein blutsaugender Vampir ist. Nach und nach trifft er auf weitere Opfer des Grafen, die bereits ebenfalls Untote sind, manche nur hirnlose Blutegel, während andere noch Reste ihrer Menschlichkeit bewahren konnten. Es kommt schließlich zur finalen Auseinandersetzung zwischen Harker und Dracula, die damit endet, dass Letzterer Ersteren tötet, woraufhin auch dieser zum Vampir wird. Erst beim Erzählen dieser Geschichte kehren Harkers Erinnerungen vollständig zurück. Just zu diesem Zeitpunkt schickt sich Dracula an, das Kloster in Budapest zu attackieren…

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Graf Dracula (Claes Bang)

Strukturell erinnert „Dracula“ stark an die typische Sherlock-Staffel: Die Serie besteht aus drei Folgen zu jeweils 90 Minuten. Während „Sherlock“ pro Episode einen Fall des Meisterdetektivs zeigte, die dann letztendlich mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft waren, erzählt „Dracula“ zwar eine durchgehende Geschichte, tut dies aber episodisch. Jede der drei Folgen hat ein eigenes Setting, einen eigenen Handlungsort und eine eigene, interne Dramaturgie. Mehr noch, alle drei Folgen fühlen sich sehr unterschiedlich an und arbeiten mit einer sehr unterschiedlichen Atmosphäre. Die erste Episode erzählt von Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss, die zweite von Draculas Reise noch Großbritannien und die dritte von seinem Aufenthalt in England und später Amerika. Wie üblich sind es Dracula und van Helsing – hier Agatha van Helsing – die die Handlung tragen.

Was von Stoker übrig ist
Trotz der gewaltigen Menge an Adaptionen von Stokers Roman ist die Zahl derer, die sich tatsächlich an der Vorlage orientieren, verhältnismäßig gering. Moffat und Gatiss hangeln sich tatsächlich an der Handlung des Romans entlang, je weiter die Serie allerdings fortschreitet, desto weiter dehnen sie den Rahmen und desto freier interpretieren sie Handlungselemente. Die erste Episode ist noch verhältnismäßig nahe an der ursprünglichen Handlung, Jonathan Harkers Aufenthalt auf dem Schloss verläuft bis zum Schluss sehr ähnlich. Zugegeben, die Episode mit Draculas Bräuten unterscheidet sich stark vom Romangegenstück, aber insgesamt sind Stimmung und Handlungsführung recht ähnlich wie bei Stoker. Das ändert sich dann allerdings mit der Enthüllung, dass es sich bei Schwester Agatha um die Van Helsing dieser Adaption und damit die Widersacherin des Grafen handelt. Auch der Angriff auf das Kloster ist bei Stoker ohne Gegenstück.

Die zweite Episode erinnert bezüglich ihrer Konzeption ein wenig an den Comic „Bram Stoker’s Death Ship“, der ebenfalls die Überfahrt der Demeter schildert. Bei besagtem Comic handelt es sich allerdings eher um eine Horror-Geschichte á la „Alien“, während Dracula sich in der Serie keinesfalls damit begnügt, die meiste Zeit über in seiner Kiste zu bleiben, stattdessen mischt er sich als Passagier unter die anderen Gäste (bei Stoker war die Demeter ein reines Frachtschiff). Wie nicht anders zu erwarten hat diese zweite Episode recht wenig mit dem Roman zu tun und arbeitet, von Van Helsing und dem Grafen selbst einmal abgesehen, mit völlig neuen Figuren, die natürlich letztendlich alle das zeitliche segnen.

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Zoe Van Helsing (Dolly Wells)

Die dritte Episode versetzt die Handlung in die Gegenwart, nach dem Untergang der Demeter macht der Graf ein über 100 Jahre dauerndes Nickerchen vor der Küste Whitbys (wo auch sonst?), um dann von einer Nachfahrin Agatha Van Helsings, Zoe Van Helsing (nochmal Dolly Wells) wieder zum Leben erweckt zu werden. Ironischerweise greift diese dritte Episode, trotz des Zeitsprungs, mehr Handlungselemente des Romans auf als die zweite – wenn man gnädig ist, kann man immer noch von einer Adaption in groben Zügen sprechen. Mit Jack Seward (Matthew Beard), Lucy Westenra (Lydia West) und Frank Renfield (Mark Gatiss himself, bei Stoker allerdings nicht Frank, sondern R. M. Renfield) tauchen sogar Figuren des Romans in Rollen auf, die denen ihrer literarischen Gegenstücke zumindest halbwegs entsprechen.

Vor allem die erste Episode ist wirklich gelungen und äußerst atmosphärisch, womit sich diese Adaption in guter Gesellschaft befindet – Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss ist meistens der stärkste Teil der Dracula-Erzählung, egal in welchem Gewand sie auftritt. Die zweite Episode ist vor allem faszinierend, weil sie vom Roman abweicht. Dabei ist weniger interessant, was tatsächlich geschieht, als vielmehr, in welche Richtung sich die Erzählung bewegt. Leider leidet die dritte Episode unter Schwächen, mit denen auch spätere Sherlock-Staffeln zu kämpfen haben – Gatiss und Moffat sind praktisch cleverer, als ihnen gut tut. Zu sehr bemühen sie sich, die Figuren zu psychologisieren, was letzten Endes einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Das Vermächtnis des Grafen
„Dracula“ ist einer der am häufigsten adaptierten Romane der Literaturgeschichte, was zur Folge hat, dass sich jede neue Verfilmung nicht nur mit dem Roman selbst, sondern auch mit den anderen Adaptionen auseinandersetzen muss, sei es direkt oder indirekt. Tatsächlich finden sich hier durchaus einige, mal mehr, mal weniger subtile Anspielungen auf diverse Dracula-Adaptionen. Rein optisch ähnlet der von Claes Bang dargestellte Vampirfürst kaum dem Buch-Gegenstück, das neben einem mächtigen Schnurrbart auch haarige Handflächen besitzt, sondern erinnert eher an die von Bela Lugosi dargestellte Version – einmal sogar im klassischen Outfit. Allerdings wird Dracula hier, genau wie im Roman, durch den Konsum von Blut verjüngt. Bei Gatiss und Moffat geschieht das allerdings bereits vollständig während Jonathans Aufenthalt in Draculas Schloss, während die Verjüngung bei Stoker erst mit Draculas Ankunft in London abgeschlossen ist. Draculas Vampirgebiss erinnert dagegen an das, das Christopher Lee in den Hammer-Filmen trug. Auch die Szene ganz am Ende der dritten Episode, in der Zoe Van Helsing über den Tisch hechtet, um die Vorhänger zu öffnen und die Sonne hereinzulassen, kann als Reminiszenz auf Hammers ersten Dracula-Film verstanden werden, in dem Peter Cushings Van Helsing dasselbe tut, auch wenn der Effekt natürlich ein anderer ist.

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Der vom Vampirismus gezeichnete Jonathan Harker (John Heffernan)

Der kundige Zuschauer kann darüber hinaus diverse andere Anspielungen erkennen, die über „Dracula“ hinausgehen. Der vom Vampirismus gezeichnete Jontahan Harker kann mit seinem kahlen, entstellten Äußeren als Anspielung auf Graf Orlok aus Werner Herzogs „Nosferatu“ mit Max Schreck verstanden werden und mehr noch, in Werner Herzogs Nosferatu-Remake mit Klaus Kinski und Bruno Ganz wird Jonathan Harker ebenfalls zum Vampir. In der zweiten Episode taucht ein gewisser Lord Ruthven (Patrick Walshe McBride) auf – diesen Namen trug der erste literarische bzw. aristokratische Vampir in John William Polidoris „The Vampyre“. Die Serienfigur dieses Namens ist allerdings nicht untot, sondern nur ein weiteres Opfer von Draculas Machenschaften. Die jeweilige Rahmenhandlung der ersten beiden Episoden weist schließlich, gewollt oder ungewollt, Parallelen zu „Interview mit einem Vampir“ auf.

Die gesamte dritte Episode erinnert schließlich – unglücklicherweise – an „Wes Craven präsentiert Dracula“ (auch unter dem Titel „Dracula 2000“ bekannt). Hierbei handelt es sich sowohl um eine (wenig gelungene) Adaption von Stokers Roman als auch um eine Fortsetzung mit Gerard Butler in der Titelrolle, die die Handlung ins Amerika der Gegenwart (in diesem Fall des Jahres 2000) versetzt. Wie in besagtem Film, den Wes Craven nur produzierte und bei dem Patrick Lussier Regie führte, greift auch die Serie in ihrer dritten Episode Elemente des Romans auf und versetzt sie in ein modernes Setting. Und wie beim Film ist das Ergebnis eher ernüchternd. Wie üblich versuchen Moffat und Gatiss, dem etablierten Stoff einen besonderen Twist zu verpassen, der ihm letztendlich aber keine neuen Seiten abgewinnen kann. Hier kommt Lucy Westenra als neue Figur hinzu, die wie im Roman zur Vampirin wird – anstatt allerdings als laszive Untote aus dem Grab zurückzukehren, taucht sie als verbrannter Kadaver wieder auf. Gerade hier handelt es sich um einen Twist um des Twists Willen, da er letztendlich kaum Auswirkungen hat: Auch im Roman sind die Vampirjäger, primär Jack Seward und Arthur Holmwood, von der untoten Lucy trotz ihres lasziven Gebarens abgestoßen. Tatsächlich findet sich in „Bram Stoker’s Dracula“ eine deutlich subtilere Variation auf diesen Handlungsstrang.

Vampire, Jäger und Opfer
Die wahrscheinlich größte Stärke dieser Dracula-Adaption ist Claes Bang als Graf und, wenn auch in geringerem Ausmaß, Dolly Wells als Agatha/Zoe Van Helsing. Wie schon Christopher Lee und Peter Cushing oder Gary Oldman und Anthony Hopkins tragen diese beiden und ihre Rivalität den jeweiligen Film bzw. die Serie. Diese Version des Grafen ist dabei zwar nicht die unheimlichste oder einschüchterndste, aber zweifellos eine der unterhaltsamsten. Claes Bangs Graf ist weit von der monströsen Figur des Romans entfernt; wir haben es hier mit einem geradezu jovialen und verspielten (dabei aber keinesfalls ungefährlichen) Dracula zu tun, der immer dann am besten ist, wenn er in Wells‘ Van Helsing eine würdige Gegnerin findet. Gatiss und Moffat greifen hier ein Element auf, das in anderen Adaptionen selten berücksichtigt wird: Bei Stoker lernt der Graf über seinen Zustand; er ist keinesfalls ein Vampir, der seine Stärken und Schwächen völlig unter Kontrolle hat. Die Serien-Inkarnation ist trotz ihres Alters von 400 Jahren ebenfalls noch in einem Lernprozess, für ihn ist alles letztendlich ein Spiel, in dem er sich austesten kann. Claes Bang spielt Dracula als einen Schurken, der enorm viel Spaß an seinem bösen Tun hat. Das bestimmt auch die Stimmung und den Tonfall der Serie, die nie wirklich erschreckend ist, sondern von der theatralischen Verspieltheit ihrer Titelfigur dominiert wird. Unterstrichen wird das von dem einen oder anderen ziemlich trashigen Moment, etwa Nonnen, die mit militärischer Präzision die Armbrust zücken.

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Lucy Westenra (Lydia West)

Im Gegensatz dazu spielt Dolly Wells zwei sehr verschiedene Figuren: Agatha Van Helsing ist eine sehr resolute Nonne, die versucht, ihren Glauben und ihre Hingabe an die Wissenschaft unter einen Hut zu bringen – etwas, bei dem ihr Dracula letztendlich hilft, denn er ist ein eindeutiger Beweis des Übernatürlichen, der Agatha letztendlich in ihren Absichten festigt. Im Gegensatz dazu ist Zoe van Helsing ein Getriebene, die wegen ihrer Krebserkrankung verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihr Leben zu retten – und wenn sie sich dafür mit dem Vampirismus einlässt.

Leider funktioniert die letzte Konfrontation zwischen Zoe/Agatha (die sich durch Draculas Blut in ihrer Nachfahrin manifestiert) und dem Grafen nicht allzu gut. Hier kommt die übermäßige Psychologisierung ins Spiel und macht die Serie gewissermaßen „kaputt“: Moffat und Gatiss erklären Dracula und seinen Vampirsmus mit dem Wunsch nach dem Tod kombiniert mit der Angst vor ihm. Die „Regeln des Vampirismus“ resultieren aus der Scham Draculas, aus Manierismen werden Legenden, an die der Graf selbst glaubt. An sich keine uninteressante Idee, nur passt sie absolut nicht zur bisherigen Charakterisierung, zur Verspieltheit des Grafen.

Die Musik der Kinder der Nacht

Wie schon bei diversen anderen BBC-Produktionen, etwa „Good Omens“ und alle vier Staffeln von „Sherlock“, verpflichtete man das Komponisten-Duo David Arnold und Michael Price. Letzteren kenne ich tatsächlich nur von den Soundtracks dieser Fernsehproduktionen, David Arnold hingegen hat in den 90ern und 2000ern auch einiges im Blockbusterbereich abgeliefert, darunter die „Emmerich-Bombast-Trilogie“ bestehend aus „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“, der Score des dritten Narnia-Films „Voyage of the Dawn Treader“ und natürlich die Musik diverser James-Bond-Filme – besonders nennenswert sind seine Kompositionen für „Tomorrow Never Dies“ und „Casino Royale“.

Arnolds und Price‘ Arbeit für „Dracula“ unterscheidet sich deutlich von den bombastischen Fantasy- und Agenten-Scores vergangener Dekaden, die Parallelen zu „Sherlock“ sind da schon größer, auch wenn „Dracula“ erfreulicherweise deutlich weniger modern klingt. In gewisser Weise scheinen Arnold und Price den „Sherlock-Sound“ mit dem osteuropäisch angehauchten Stil des Soundtracks von „Bram Stoker’s Dracula“, komponiert von Wojciech Kilar, vereint zu haben. Das Hauptthema des Scores stammt ironischerweise jedoch aus einer anderen Quelle: Der Anfang besagten Themas stimmt fast eins zu eins mit dem Voldemort/Todesser-Thema aus Alexandre Desplats „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1“ überein, auch wenn die Instrumentierung natürlich eine völlig andere ist. Tatsächlich ist dieses Thema nicht wirklich außergewöhnlich oder komplex und erinnert zudem an die unter Film- und anderen Komponisten nur allzu beliebte klassische Dies-Irae-Melodie, weshalb ich durchaus gewillt bin, dieses Desplat-Zitat als bloßen Zufall durchgehen zu lassen.

Insgesamt ist Arnolds und Price‘ Score nämlich äußerst gelungen, eine schöner, ziemliche Streicher-lastiger Gothic-Horror-Score, sowohl finster und eindringlich als auch melodisch und tragisch. Das Thema des Grafen ist äußert gut form- und wandelbar und tritt in einer Vielzahl unterschiedlicher Gestalten auf. Als Gegenpol fungiert Mina Harkers Thema, ein äußerst melodisches und ansprechendes Konstrukt, das für ein ausgewogenes Gesamtbild sorgt.

Fazit: Stephen Moffats und Mark Gatiss‘ Neuinterpretation von Bram Stokers Roman ist in den ersten beiden Folgen zwar mitunter etwas überdreht, aber durchaus clever und unterhaltsam, in der dritten dagegen zu mäandernd und übermäßig psychologisierend. Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings das Zusammenspiel von Claes Bang als Dracula und Dolly Wells als Van Helsing.

Trailer

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

The Boys – Staffel 1

Enthält Spoiler!
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Das Superhelden-Genre wächst in Film und Fernsehen ebenso munter wie unaufhaltsam weiter. In der Zwischenzeit findet sich auch ein gerüttelt Maß an subversiven Parodien und Dekonstruktionen, von „Watchmen“ (die Comic-Vorlage ist natürlich nach wie vor sowohl Urvater als auch Goldstandard für jede Superheldendekonstruktion) über „Kick-Ass“ oder „Super“ im Filmbereich bis hin zu „The Umbrella Academy“ in der Serienwelt. Nun gesellt sich auch die Amazon-Prime-Serie „The Boys“ zu dieser illustren Riege. Mit der von Garth Ennis verfassten und überwiegen von Darick Robertson gezeichneten Vorlage bin ich schon ziemlich lange vertraut, ich besitze noch die deutsche Erstveröffentlichung von Panini. Die Ankündigung der Serie ging dagegen irgendwie an mir vorbei, weshalb ich erst kurz vor knapp erfahren habe, dass Billy Butcher und Co. nun auch im Live-Action-Bereich ihr Unwesen treiben.

Handlung
Eigentlich könnte alles schön sein: Hughie (Jack Quaid) ist mit seiner Freundin Robin (Jess Salgueiro) glücklich – bis diese unverhofft durch eine Unachtsamkeit des Superhelden A-Train (Jessie Usher) auf äußerst unschöne Weise getötet wird. Das führt zu einer Lebenskrise, in der Billy Butcher (Karl Urban) auf Hughie aufmerksam wird. Butcher hegt einen tiefen Groll gegen alle Superhelden und tut, was er kann, um sie zu entlarven und gegen sie zu arbeiten. Hierzu will er Hughie einspannen. Durch Zufall und dummes Glück gelingt es den beiden, den unsichtbaren Superhelden Translucent (Alex Hassell) zu töten, aber damit fangen die Probleme freilich erst an. Also beginnt Billy, seine alte Mannschaft, die „Boys“, bestehend aus Marvin alias „Mother’s Milk“ (Laz Alonso) und Frenchie (Tomer Kapon) zu reaktivieren.

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Billy Butcher (Karl Urban)

Derweil wird die junge Superheldin Annie (Erin Moriarty), Codename „Starlight“, zu einem Mitglied der „Seven“, des größten Superheldenteams der Welt, bestehend aus Homelander (Antony Starr), Queen Maeve (Dominique McElligott), The Deep (Chase Crawford), Black Noir (Nathan Mitchell), A-Train und Translucent. Schon bald muss sie allerdings erkennen, dass diese Superhelden, die lange Idole für sie waren, äußerst unangenehme und geradezu verachtenswerte Personen sind, deren heroische öffentliche Persönlichkeit konträr zum wahren Gesicht steht. Zugleich begegnet Annie zufällig Hughie und die beiden kommen sich näher, ohne zu ahnen, dass sie praktisch auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Nach und nach entdecken die Boys eine groß angelegte Verschwörung der Firma Vought, die für die Vermarktung der diversen Superhelden zuständig ist. Sie stoßen auf die stumme Kimiko (Karen Fukuhara), die als eine Art Superterroristin herangezüchtet wurde und entdecken, dass Vought und seine Vizepräsidentin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) noch weitaus mehr Dreck am Stecken haben, als ursprünglich angenommen…

Comic vs. Serie
Garth Ennis ist dafür bekannt, dass er Superhelden als Genre und als Figuren nicht besonders schätzt. Zwar hat er bereits sowohl für DC als auch für Marvel gearbeitete, kümmerte sich aber primär um Antihelden wie John Constantine, den Punisher oder Hitman, die von den traditionellen kostümierten Heroen recht weit entfernt sind. Außerdem ist Ennis auch bekannt für die eher… herben Inhalte seiner Geschichten. „The Boys“ ist dafür ein Paradebeispiel. Die Serie lief von 2006 bis 2012 und zeigt Superhelden als zutiefst verachtenswerte Wesen, die übermäßig brutal und pervers sind – Alan Mooers Watchmen-Figuren sind dagegen subtil und grundsympathisch. Ich habe seinerzeit die ersten drei deutschen Bände gekauft und gelesen, hatte danach aber ehrlich gesagt keine Lust mehr. Nichts gegen herbere Inhalte, aber Ennis‘ Serie war selbst mir irgendwann schlicht zu „mean-spirited“ und zu exzessiv.

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Hughie (Jack Quaid) und Starlight (Erin Moriarty)

Unglaublich, aber wahr: Die Serie schafft diesbezüglich Abhilfe. Showrunner David Kripke hält sich keinesfalls sklavisch an die Vorlage. Zwar behält er sowohl Setting als auch Figuren bei, hat aber keine Hemmungen, Elemente abzuändern und die Inhalte ein wenig zu entschärfen. Das tut dem Material tatsächlich gut, denn so gelingt es ihm, gerade die „Seven“, die in der Vorlage wirklich völliger Abschaum sind, interessanter zu machen. Auch die Boys selbst, bei Ennis ebenfalls nicht gerade Sympathieträger, werden ein wenig sympathischer und nachvollziehbarer. Die Adaption ist nach wie vor gewalttätig, abgedreht und voller kaputter Figuren, nur nicht ganz so exzessiv überzeichnet, wie es in den Comics der Fall ist. Durch diese Anpassung gewinnt „The Boys“ enorm.

Umsetzung der Antihelden
„The Boys“ zeigt, ähnlich wie „Game of Thrones”, wie weit Serien in der Zwischenzeit gerade bezüglich der Effekttechnik gekommen sind – bei einer Superheldenserie ein durchaus essentieller Bestandteil. Durch ihre geerdete Natur hatten es die Marvel-Netflix-Serien da leichter, während die Effekte bei anderen Serien mitunter recht wechselhaft waren. „The Boys“ ist zwar noch nicht auf dem Niveau eines Superhelden-Blockbusters und inszeniert auch keine größeren Materialschlachten, aber was die Serie liefert, sieht durch die Bank weg gut aus. Besonders Homelanders Hitzblick muss sich wirklich nicht vor dem Gegenstück aus den Snyder-Filmen verstecken.

Das Herzstück der Serie sind trotz allem die Charaktere, was dank des hervorragenden Casts auch wunderbar funktioniert. Hughie ist dabei die traditionelle – nun, man möchte fast „Heldenfigur“ sagen, aber angesichts der Thematik wäre dieser Begriff vielleicht nicht ganz passend. Ein amüsanter Insider-Gag am Rande: Hughie in den Comics ist visuell Simon Pegg nachempfunden. Dieser ist inzwischen natürlich zu alt, um einen Mittzwanziger zu spielen, darf aber in einer kleinen Rolle als Hughies Vater auftreten. Als Mentor und zugleich Gegenstück des Protagonisten fungiert Billy Butcher. Beide verbindet der Hass auf Superhelden und der Durst nach Rache, da beide die zentrale Person ihres Lebens durch einen Superhelden verloren haben. Hughie ist die Figur, die einen klassischen Handlungsbogen hat und letztendlich lernt, dass Rache die Sache auch nicht besser macht. Am Ende rettet er sogar A-Trains Leben, anstatt ihn für die fahrlässige Tötung seiner Freundin sterben zu lassen. Im Gegensatz dazu bleibt Billy Butcher, den Karl Urban in all seinem Zynismus wirklich hervorragend darstellt, bei seinem Vorhaben und ist bereit, alles und jeden für seine Rache zu opfern.

Die andere Point-of-View-Figur der Serie ist Annie alias Starlight, die dem Publikum Einblick in die Welt der Superhelden gewährt. Zu Beginn erlebt man sie als naive Idealistin, die zu den Helden der „Seven“ aufblickt, aber schon bald feststellen muss, dass diese mit den Idealen, die sie verkörpern, nichts gemein haben. Im Verlauf der Serie wächst der Konflikt in ihr; einerseits möchte sie zu dieser Welt gehören, auf die sie ihr ganzes Leben vorbereitet wurde, aber andererseits will sie dieser Welt, deren wahres Gesicht sie nun kennt und die darüber hinaus von einer skrupellosen Firma völlig kontrolliert wird, auch entkommen.

Gerade strukturell weiß „The Boys“ wirklich zu überzeugen. Die Staffel ist (vielleicht auch aus finanziellen Gründen) recht schlank und verfügt nur über acht Episoden, geht mit der Zeit aber sehr gut um. Nichts fühlt sich unnötig in die Länge gezogen, zugleich bekommen die Handlungsstränge aber ausreichend Zeit. Freilich, einige der Figuren kommen noch etwas kurz, der Fokus liegt eindeutig auf Hughie, Billy Butcher, Annie und Homelander (und auch The Deep und A-Train haben ihre kleinen Sub-Plots), aber weitere Staffeln werden da mit Sicherheit noch Abhilfe schaffen und die anderen Mitglieder der Boys und der „Seven“ in den Fokus rücken.

Sieben Helden sollt ihr sein
Die „Seven“ sind natürlich eine recht offensichtliche Anspielung auf die Justice League, die zwar nicht immer aus sieben Mitgliedern besteht, aber doch immer wieder zu dieser Zahl zurückkehrt, sei es in der ursprünglichen Aufstellung, in Grant Morrisons JLA-Serie oder in der animierten Serie „Justice League“ (die beiden letztgenannten sind nach wie vor die besten Inkarnationen der Liga). Bei den meisten Mitgliedern der „Seven“ muss man nicht lange raten, wer das Vorbild ist: Homelander ist eine eindeutige Superman-Parodie, versehen mit einem Schuss Captain America (Fun Fact: Im Zuge des Events „DC vs. Marvel“ in den 90ern verschmolzen Captain America und Superman tatsächlich für kurze Zeit zu einer Figur, dem „Super Soldier“). Queen Maeve basiert natürlich auf Wonder Woman, Black Noir (der in dieser ersten Staffel kaum eine Rolle spielt und nur dadurch auffällt, dass Homelander ihn offenbar schätzt und dass er Klavier spielen kann) auf Batman, The Deep auf Aquaman, A-Train auf Flash und Lamplighter, der bereits zu Beginn der Serie ausscheidet und dessen Platz Starlight einnimmt, auf Green Lantern. Translucent, der eine Neuschöpfung für die Serie ist und in den Comics nicht vorkommt, ist weniger eindeutig zuordenbar, könnte aber Martian Manhunter ersetzen; Unsichtbarkeit ist schließlich eine der vielen Superkräfte des marsianischen Helden. Starlight schließlich erinnert ein wenig an Stargirl, Supergirl oder Powergirl, während ihre Kräfte mit denen von Dr. Light vergleichbar sind (gemeinte ist hier das weibliche Justice-League-Mitglied, nicht der männliche Titans-Schurke gleichen Namens).

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Queen Maeve (Dominique McElligott) und Homelander (Antony Starr)

Natürlich werden die Helden kräftig dekonstruiert. Homelander besitzt nichts von der Zurückhaltung eines Clark Kent, sondern ist übermäßig arrogant und löst, trotz seiner vielen Kräfte, fast jedes Problem mit seinem Hitzeblick, was besonders bei der missglückten Flugzeugrettung zu ernsthaften Konsequenzen führt. Queen Maeve begann als idealistische junge Heldin, ähnlich wie Starlight, wurde jedoch vom Superhelden-Lebensstil verdorben, leidet an einem Burnout und hat sich in die Gleichgültigkeit zurückgezogen. A-Train ist ein Junkie, Translucent ein Perverser, der seine Fähigkeiten nutzt, um in der Damentoilette zu spannen, und im Fall von The Deep wird mit Aquamans Ruf der Nutzlosigkeit gespielt. Auch fungieren die „Seven“ nicht als unabhängige Gruppe, die die Welt vor Bedrohungen schützt, sondern sie arbeiten für die Firma Vought, die das Heldentum inszeniert, um Geld zu verdienen. Tatsächliches Heldentum, die Rettung Unschuldiger und der Kampf gegen das Verbrechen sind da bestenfalls Nebensache und schlimmstenfalls komplett gestellt.

Fazit: „The Boys“ ist das gelungenste Stück Superhelden-Unterhaltung im Serienbereich seit der dritten Staffel von „Daredevil“. Der Adaption gelingt es, durch das Zurückschrauben es Exzess-Faktors, die Vorlage zu übertreffen und die Figuren interessanter und tiefgründiger zu gestalten. Empfehlung für alle, die auf subversive Superhelden-Parodien stehen.

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Titans Staffel 1

Spoiler!
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Es wird langsam unübersichtlich, denn die Anzahl der verschiedenen, parallel laufenden DC-Kontinuitäten wächst immer weiter. Die beiden primären Vertreter sind das „Arrowverse“, die miteinander verknüpften Fernsehserien des Senders „The CW“ (darunter „Arrow“, „The Flash“ und „Supergirl“) und natürlich das durch „Aquaman“ mehr oder weniger wiederbelebte DC Extended Universe. Davon losgelöst sind die Serien „Gotham“ und „Krypton“, die Prequel-Geschichten zu Batman und Superman erzählen, aber weder dem DCEU noch dem „Arrowverse“ zugehörig sind. Warners hauseigener Streamingdienst „DC Universe“ macht munter weiter. Die erste Eigenproduktion trägt den Titel „Titans“ und basiert (eher lose) auf den „Teen Titans“ und den diversen Ablegercomicserien wie „New Teen Titans“, „The Titans“ etc. Auf den ersten Blick wirkt „Titans“ ein wenig, als versuche Warner damit, ein Gegenstück zu den Marvel-Netflix-Serien zu kreieren. Ob das wirklich so ist lässt sich natürlich nur schwer sagen, in jedem Fall ist „Titans“ aber ein ziemlich merkwürdiges Konglomerat, das einige der selben Eigenheiten und Schwächen aufweist wie die frühen DCEU-Filme – primär „Batman v Superman“.

Handlung

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Robin/Dick Grayson (Brenton Thwaites)

Robin alias Dick Grayson (Brenton Thwaites) hat genug davon, Batmans Handlanger zu sein und macht sich in Detroit Selbstständig. Mehr oder weniger zufällig läuft ihm die 16-jährige Rachel Roth (Teagan Croft) über den Weg, deren Mutter ermordet wurde und der merkwürdige Gestalten hinterherjagen. Nicht weniger merkwürdig ist Kory Anders (Anna Diop), die völlig ohne Erinnerung zu sich kommt und feststellen muss, dass sie über auf Hitze basierende Superkräfte verfügt. Ihr einziger Anker ist Rachel – ohne dass sie wüsste, weshalb. Es kommt, wie es kommen muss: Robin, Rachel, Kory und ein grünhaariger Gestaltwandler namens Garfield Logan (Ryan Potter) schließen sich zusammen, um hinter das Mysterium zu kommen und natürlich Rachel vor Bedrohungen zu beschützen. Dabei stoßen auf diverse andere Superhelden, etwa die Doom Patrol, das Duo Hawk (Alan Ritchson) und Dove (Alan Ritchson), Jason Todd (Curran Walters), Dicks Nachfolger als Robin, und das ehemalige Wonder Girl Donna Troy (Conor Leslie).

Die (Teen) Titans – ein kurzer Abriss
Die Teen Titans existieren bereits seit dem Jahr 1964 (erster Auftritt in The Brave and the Bold #54) und bildeten eine Art Junior-Justice-League. Das ursprüngliche Team setzte sich aus den drei Sidekicks Robin (Dick Grayson), Kid Flash (Wally West) und Aqualad (Garth) zusammen, bald darauf kamen Wonder Girl (Donna Troy) und Speedy (Roy Harper) hinzu. In gewisser Weise kann man die Entwicklung der Titans sehr gut mit Marvels X-Men vergleichen: In beiden Fällen handelt es sich um Teams, die sich in ihrer ersten Inkarnation aus Teenagern zusammensetzten und anfangs nur bedingt erfolgreich waren. Erst in den 70ern und 80ern gewannen sie enorm an Popularität, als sich bestimmte Kreativteams ihrer annahmen (bei den X-Men Chris Claremont und John Byrne, bei den Titans Marv Wolfman und George Pérez). Und sowohl bei den X-Men als auch bei den Titans gelten die Storys besagter Kreativteams als die die im Grunde definitive Version, auf die sich alle nachkommenden Geschichten und Adaptionen immer wieder beziehen. Das gilt ganz besonders für „The Judas Contract“, quasi das Titans-Gegenstück zur „Dark Phoenix Saga“. Wolfman und Pérez machten aus Dick Grayson Nightwing und schufen die Figuren Starfire, Cyborg, Raven und Deathstroke, ohne die die Titans heute kaum mehr denkbar sind.

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Rachel Roth/Raven (Teagan Croft)

In den 90ern und 2000ern machten die Titans einige Wandlungen durch und wurden immer wieder neu aufgelegt. Ironischerweise lernte ich das Team in einer Inkarnation kennen, zu der keines der ursprünglichen Teammitglieder gehört. Auch die Teen Titans fielen dem Trend der 90er-Neudefinitionen zum Opfer, für seine Teen-Titans-Serie schuf Autor und Zeichner Dan Jurgens vier brandneue Figuren, denen er den verjüngten Justice-League-Helden The Atom an die Seite stellte. Im Verlauf der Serie spielten die diversen Titans-Inkarnationen dann aber trotzdem noch eine überaus wichtige Rolle. Weitere nennenswerte Titans-Serien sind „Titans“ von Devin Grayson und „Teen Titans“ von Geoff Johns – vor allem Erstere gilt als eine der besten Darstellungen des Teams.

Die Animationsserie „Teen Titans“ darf natürlich nicht übergangen werden. Auch wenn sie gut zehn Jahre danach lief (von 2003 bis 2006) finden sich auch hier wieder Parallelen zu den X-Men, denn in beiden Fällen sorgten die Zeichentrickserien dafür, dass das jeweilige Team einem größeren Publikum bekannt wurde. Ich persönlich habe immer gewisse Probleme mit der Teen-Titans-Serie, sie ist mir ein wenig zu knallig und überdreht und die Interpretation des Auftragskillers Deathstroke (Slade Wilson) als Meisterverbrecher „Slade“ sagt mir nicht wirklich zu, aber insgesamt ist es definitiv keine schlechte Serie, vor allem wenn die Bezüge zu Wolfman und Pérez in den späteren Staffeln größer werden.

Thema verfehlt
In den vielen Jahrzehnten, die die Titans nun schon existieren, hat sich ein Thema in so gut wie jeder Inkarnation immer deutlich abgezeichnet: Familie. Die ursprünglichen Titanen waren ein Zusammenschluss junger Helden, die etwas Abstand von ihren Mentoren suchten und dabei andere junge Helden anzogen. Spätere Teams setzten sich oft aus einigen ursprünglichen, inzwischen erwachsenen Titans mit Mentorfunktion und einer Gruppe an neuen Junghelden zusammen.

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Kory Anders/Starfire (Anna Diop)

Die Serienentwickler Akiva Goldsman, Geoff Johns und Greg Berlanti nehmen dagegen Figuren und einige Plotelemente und schaffen daraus keine Superhelden-Teamserie, in dem die Dynamik oder das Verhältnis der Mitglieder im Vordergrund steht, sondern eine Mystery-Serie mit snyderesquen Superheldenelementen. Eines der Hauptanliegen von „Titans“ scheint es, dem Publikum zu zeigen, wie kaputt die Superhelden sind. Nicht, dass das nicht ein Thema wäre, das man grundsätzlich verarbeiten könnte (auch wenn „Watchmen“ das nun einmal bereits sehr ausführlich und gelungen getan hat), es hat nur nichts mit den Titans zu tun. Das wirklich traurige ist, dass die Titans in dieser ersten Staffel nicht einmal auftauchen. Die einzelnen Mitglieder der klassischen Formation der Animationsserie (minus Cyborg) tauchen zwar alle als Hauptfiguren auf, agieren aber nie wirklich als Team. Wenn man ohne Vorkenntnisse an diese Serie herangeht, fragt man sich, wieso sie überhaupt „Titans“ heißt.

Die Lösung wäre eigentlich relativ simpel, wollte man sich der Thematik wirklich annehmen: Johns, Goldsman und Berlanti hätten das Ganze als Outsiders-Serie aufziehen müssen. Die Outsiders, ursprünglich von Batman in den 80ern ins Leben gerufen, später in diversen Inkarnationen von Nightwing/Dick Grayson und Red Hood/Jason Todd (in seinem Fall nennt sich das Team „Outlaws“) angeführt, sind thematisch weit weniger gebunden und eignen sich weitaus besser, um grimmige Geschichten mit kaputten Helden zu erzählen. Zu allem Überfluss gibt es viele Helden, die zum einen oder anderen Zeitpunkt sowohl Mitglied der Titans als auch der Outsiders waren, diesbezüglich könnte es also durchaus Überschneidungen geben.

Handlungsaufbau und Figuren
„Titans“ greift einen zentralen Handlungsstrang der Wolfman/Pérez-Ära auf. Deren Serie „New Teen Titans“ begann mit dem Auftauchen Ravens, die im Kampf gegen ihren Dämonenvater Trigon Hilfe sucht und so die Neuformierung der Titans veranlasst. Die Serie basiert in sehr, sehr groben Zügen auf diesem Handlungsbogen, zieht ihn aber, wie bereits erwähnt, eher als Mystery-Serie mit Superheldenelementen auf. Strukturell scheint man sich dabei durchaus ein wenig an der Netflix-Serie „Daredevil“ orientiert zu haben. In dieser wurde die eigentliche Haupthandlung zugunsten ausführlicher, charakterbildender Einschübe und Flashback-Episoden angehalten – „Titans“ macht gerne dasselbe. Der Unterschied ist, dass bei „Daredevil“ letztendlich alles zusammenkam und eine stringente Geschichte erzählt wurde (zumindest in den Staffeln 1 und 3). „Titans“ dagegen mäandert ziemlich. Ironischerweise gehören die Episoden, die abschweifen, etwa die beiden, die sich mit Hawk und Dove beschäftigen, oder die Doom-Patrol-Episode, zu den besten der Serie. Gerade die Doom Patrol, die in Kürze in dieser Besetzung ihre eigene Serie bekommt, war sehr vorlagengetreu umgesetzt (zumindest, soweit ich das sagen kann, da ich nur eine Handvoll Comics mit ihr gelesen habe) und Hawk und Dove waren zumindest interessant.

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Garfield Logan/Beast Boy (Ryan Potter)

Die Charakterisierung und Darstellung der eigentlichen Titans ist dagegen bei so ziemlich allen leicht bis ziemlich daneben. Beginnen wir bei Robin, der als Posterboy und Protagonist der Serie fungiert, was an sich schon ein Problem ist, da diese Serie nun einmal „Titans“ und nicht „Robin mit Anhang“ heißt. Der eigentliche Plot dreht sich um Raven/Rachel Roth, dient aber im Grunde nur als Aufhänger dazu, Robin in diverse Situationen zu bringen. In so ziemlich jeder der elf Folgen drängt sich Robin immer wieder in den Vordergrund, was dafür sorgt, dass so gut wie keine Teamdynamik entsteht. Und dann wäre da natürlich die eigentliche Charakterisierung von Batmans Ex-Sidekick. Wo die Serie letztendlich mit ihm hinmöchte, ist klar: Robin soll sich endgültig von Batman emanzipieren und zu Nightwing werden (wer sehen möchte, wie so etwas richtig gemacht wird, ziehe die Episode „Old Wound“ aus „Batman: The Animated Series“ zu Rate). Gleichzeitig wird er hier aber als ultrabrutaler vorgehender Vigilant gezeigt, was einfach nicht so recht zusammenpassen will. Es wird etabliert, dass Robin, wenn er das Kostüm trägt, immer in einen regelrechten Gewaltrausch verfällt. Der Teil von Robins Charakterentwicklung, der aus den Comics stammt, beißt sich mit den Elementen, die von den Autoren für die Serie hinzugefügt wurden. Insgesamt passt diese Robin-Interpretation besser zu Jason Todd, der, nebenbei bemerkt, in „Titans“ Gastauftritte hat, im Grunde aber relativ überflüssig ist, weil nun zwei psychopathische Robins durch die Gegend rennen, der eine hinterfragt sich ein wenig, der andere überhaupt nicht. Das wirft natürlich die Frage auf, mit was für einem Batman wir es in dieser Kontinuität zu tun haben – mit seiner Menschenkenntnis kann es ja nicht allzu weit her sein.

Die anderen Figuren sind aufgrund des Robin-Fokus sehr unterentwickelt und funktionieren primär über ihre Beziehung zu Robin. Dementsprechend ist Beast Boy quasi überflüssig; er stößt als letzter dazu und hat im Grunde keine Beziehung zu Robin, weshalb er ein bloßes Anhängsel bleibt. Raven/Rachel hat das meiste Potential und hätte eine gute Hauptfigur abgeben können, hätte man sie in den Fokus gerückt. So, wie es ist, fungiert sie aber primär als Plotkatalysator, was einfach zu wenig ist, wenn sie zumindest theoretisch Zentrum der Handlung ist. Mit der klassischen Comic-Inkarnation hat sie verhältnismäßig wenig zu tun, am ehesten erinnert sie an die relativ junge Raven aus Geoff Johns‘ und Judd Winicks „Teen Titans“ bzw. „Titans“.

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Hank Hall/Hawk (Alan Ritchson) und Dawn Granger/Dove (Minka Kelly)

Und dann hätten wir da natürlich noch Starfire, deren visuelle Umsetzung bereits im Vorfeld zu massiven Kontroversen führte. Und um das mal vorneweg klarzustellen: Mir (und ich denke den meisten anderen Fans auch) geht es nicht darum, dass Starfire von einer afroamerikanischen Schauspielerin dargestellt wird – tatsächlich denke ich, dass Anna Diop keine schlechte Besetzung ist. Es geht darum, dass die Figur in dieser Serie weder optisch noch charakterlich etwas mit der Comicfigur zu tun hat. Starfire ist ein Alien, das sich nie als Mensch tarnen konnte oder wollte. Darüber hinaus frage ich mich ernsthaft, weshalb sie in der Serie wie eine Vegas-Prostituierte herumläuft, denn einen handlungsrelevanten Grund dafür gibt es nicht. Ja, die Comicversion zieht sich auch gerne sehr freizügig an, aber in den Comics ist das tatsächlich mit ihrer Herkunft und der Natur ihrer Kräfte begründet. Ihr Look in der Serie dagegen ist einfach nur bizarr.

Umsetzung
„Titans“ ist die erste speziell für Warners DC-Streamingdienst produzierte Serie und nimmt somit eine Vorreiterrolle ein. In diesem Kontext fragt man sich, was sich die Verantwortlichen eigentlich gedacht haben. Selten findet man eine derart unebene Serie wie „Titans“. Da gibt es hin wieder wirklich gelungene Szenen, gerade im Action-Bereich, und dann sieht die Serie wieder aus wie ein Fan-Film. Das CGI ist zu Beginn ziemlich schlecht und wird im Verlauf der Staffel noch schlechter, so dass es wirkt, als wäre während der Produktion das Geld ausgegangen. Das trifft auch auf das allgemeine Niveau der Produktion zu: Manche Kostüme sind wirklich gut gelungen, andere dagegen sind einfach nur peinlich – besonders erwähnenswert ist der Batsuit in Episode 11. Noch gravierender sind die vielen Fehler und Merkwürdigkeiten, die sich einschleichen. In einer Szene verstecken sich die Figuren in einem Motel, in der nächsten sind sie plötzlich in einer Trainingshalle, um ihre Kräfte auszutesten, ohne dass das angemessen kontextualisiert würde. Es gibt eine ganze Reihe von ähnlichen Beispielen, oft greifen Szenen einfach nicht ineinander.

Gerade für Fans der Comics gibt es auch viele Anspielungen und Verweise, denn „Titans“ bemüht sich, mit geringen Mitteln ein relativ umfassendes DC-Universum zu etablieren. Der gesamte Batman-Kosmos wird immer wieder angerissen, die Doom Patrol, Hawk und Dove und Wondergirl haben Gastauftritte und Wonder Woman und Superman werden immerhin erwähnt. Dummerweise verheddert sich die Serie immer wieder in diesen Anspielungen und Verweisen, sodass sie letztendlich hohl bleiben und auch uns Comic-Fans keine Freude bereiten. Easter Eggs können eine gute Handlung bereichern, wenn sie sinnvoll eingebaut werden, aber sie können eine gute Handlung nicht ersetzen.

Man muss es „Titans“ allerdings lassen, dass es der Staffel dennoch trotz aller Widrigkeiten gelingt, einen gewissen Spannungsbogen zu erzeugen, der zumindest mich dazu veranlasst hat, alle elf Folgen in relativ kurzer Zeit anzuschauen. Nach jedem Lichtblick hofft man, dass es aufwärts geht, nur um dann immer wieder enttäuscht zu werden. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt ist dann die finale Episode, die abermals einiges an Potential hat, dieses aber gekonnt in den Boden rammt. Tatsächlich sollte besagte Folge eigentlich die vorletzt sein, während die nun in die zweite Staffel verschobene zwölfte das eigentliche Staffelfinale hätte darstellen sollen. Nun endet die erste Staffel von „Titans“ mit einem ziemlich abrupten Cliffhanger, der dafür sorgt, dass sie sich wie eine Anhäufung verschiedener kürzer Geschichten, aber nicht wie eine narrative Einheit anfühlt.

Fazit: Es war ja schon abzusehen, aber „Titans“ ist ein ziemlicher Griff ins Klo, der auf Teufel komm raus versucht, aus den Titans etwas zu machen, was sie einfach nicht sind. Das immer wieder aufblitzende Potential und die eine oder andere gute Idee sorgen dazu für ziemlich große Frustration. Umso mehr verwundert mich der extrem hohe Rotten-Tomatoes-Wert und die vielen positiven Rezensionen, die man allenthalben liest.

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Daredevil Staffel 3

Spoiler!
season 3
Nach anfänglicher Euphorie musste man leider bald feststellen, dass bei weitem nicht alles, was aus der Marvel/Netflix-Kooperation entspringt, dem hohen Standard entspricht, den die erste Staffel von „Daredevil“ vorgab. Besagte erste Staffel war 2015 eine regelrechte Offenbarung: Hier wurde gezeigt, dass es im MCU auch anders geht. Und während zeitgenössische Superhelden-Serien wie „Arrow“ daran scheiterten, die Düsternis von „The Dark Knight“ weiterzuführen, ohne einfach nur dessen Stilmittel zu kopieren, gelang „Daredevil“ dieses Kunststück beinahe mühelos. Schon bei der zweiten Staffel schaffte man es aber nicht mehr, vollständig an diese Qualitäten anzuknüpfen. Während der Handlungsstrang um den Punisher vollauf zu überzeugen wusste, waren Matt Murdocks Auseinandersetzungen mit Elektra und der „Hand“ bestenfalls bedingt unterhaltsam und mitunter einfach nur uninteressant. Eine der größten Stärken der ersten Staffel war der Fokus, alles konzentrierte sich auf den Konflikt zwischen Matt Murdock und Wilson Fisk. Die Handlungsstränge in Staffel 2 schafften es dagegen nie, ein großes Ganzes zu bilden.

Auch die anderen Serien, die diesem Deal entstammen, erwiesen sich als „Mixed Bag“. „Jessica Jones“ Staffel 1 war durchaus gelungen (nicht zuletzt dank David Tennants Kilgrave), aber bei weitem nicht so mitreißend wie das Daredevil-Gegenstück. Ich muss auch gestehen, „Luke Cage“, „Iron Fist“ und „The Punisher“ habe ich aus Mangel an Zeit und/oder Interesse bis heute nicht gesehen (wobei „The Punisher“ definitiv noch Pflichtprogramm ist). „The Defenders“ war durchaus kurzweilig und amüsant, vor allem was das Zusammenspiel der vier Helden angeht, litt aber unter ähnlichen Schwächen wie die zweite Daredevil-Staffel: Die Ninjas der „Hand“ sind einfach nicht interessant. Nun scheint es, als neige sich die Ära Marvel/Netflix dem Ende zu. „Iron Fist“, „Luke Cage“ und „Daredevil“ wurden bereits abgesetzt, bei „Jessica Jones“ und „The Punisher“ stehen jeweils noch eine Staffel aus, doch auch deren Absetzung scheint relativ sicher. Die gute Nachricht dabei ist allerdings, dass „Daredevil“ Staffel 3 vollauf zu überzeugen weiß und an die Qualitäten der ersten Staffel anknüpft.

Handlung
Nach der Auseinandersetzung mit der „Hand“ wird Matt Murdock (Charlie Cox) von seinen Freunden Karen (Deborah Ann Woll) und Foggy Nelson (Elden Henson) für tot gehalten, im Geheimen jedoch von Schwester Maggie Grace (Joanne Whalley) gesund gepflegt. Derweil beschließt der immer noch im Gefängnis sitzende Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio), mit dem FBI einen Deal zu machen, um seine Geliebte Vanessa (Ayelet Zurer) zu beschützen. Agent Ray Nadeem (Jay Ali), der dringend einen Karriereschub braucht, um seine Familie versorgen zu können, fungiert als Vermittler. Fisk soll vom Gefängnis in ein streng bewachtes Penthouse verlegt werden, wird auf dem Weg jedoch von Rivalen angegriffen. Er und Nadeem überleben nur aufgrund des Eingreifens von Agent Poindexter (Wilson Bethel). Während Matt mit seinem Glauben ringt und langsam zu seinem Vigilantentum zurückkehrt, beginnt Wilson Fisk damit, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen: Nicht nur gelingt es ihm, durch subtile Manipulation langsam die Kontrolle über das FBI zu übernehmen, er schafft es auch, den ebenso tödlichen wie psychisch schwer angeschlagenen Benjamin Poindexter auf seine Seite zu ziehen und ihn dazu zu bringen, in einem Daredevil-Kostüm für ihn zu töten. Während sich die Öffentlichkeit gegen den einstmals gefeierten Vigilanten wendet, wird Wilson Fisk endgültig zum „Kingpin des Verbrechens“ in New York…

Back to the Roots
Wie bereits erwähnt besinnt sich die dritte Staffel in vielerlei Hinsicht auf die Stärken der ersten. Wie schon bei dieser steht der Konflikt zwischen und die parallele Entwicklung von Matt Murdock und Wilson Fisk im Vordergrund, während ein weiterer Ausbau des Defenders-Universums nicht erfolgt – nicht einmal Gastauftritte gibt es, in der letzten Folge wird Jessica Jones einmal erwähnt, das war es dann aber auch schon mit den Referenzen. Selbst beim Kostüm kehren die kreativen Köpfe von Netflix zur ersten Staffel zurück, denn Matt trägt wieder den schlichten schwarzen Ursprungslook, während das rote Kostüm nur von Agent Poindexter getragen wird.

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Matt Murdock (Charlie Cox) back in black

Apropos Agent Poindexter, bei ihm handelt es sich tatsächlich um eine Version des klassischen Daredevil-Widersachers Bullseye, der seinerzeit im Affleck-Film von Colin Farrell dargestellt wurde – Benjamin Poindexter ist ein Deckname, den Bullseye in den Comics häufiger verwendet, es handelt sich dabei aber wohl nicht um seinen echten Namen. Mit der Comicversion hat Poindexter vor allem die Treffsicherheit und einige psychische Probleme gemein, davon abgesehen handelt es sich im Grunde aber um eine neue Figur, die mit dem klassischen Bullseye kaum etwas zu tun hat und in der Serie weder unter diesem Namen agiert, noch das klassische schwarze Kostüm trägt. In anderer Hinsicht kommt Staffel 3 der Vorlage allerdings wieder näher: Wilson Fisk schlüpft endlich in seinen ikonischen weißen Anzug und wird zum ersten Mal tatsächlich als „Kingpin“ bezeichnet.

Inhaltlich erzählt Staffel 3 primär eine eigene Story, die sich jedoch immer wieder Elemente aus Frank Millers und David Mazzuchellis „Daredevil: Born Again“ borgt. Bei diesem fünfteiligen Handlungsbogen der regulären Daredevil-Serie (erschienen in den Ausgaben 227-233 im Jahr 1986) handelt es sich um eine der essentiellen Geschichten des Charakters. Zu den Elementen, die übernommen wurden, gehören die Nonne, die Daredevil nach einer Verletzung gesund pflegt und in Wahrheit seine Mutter ist, ein Verrückter im Daredevil-Kostüm und die Versuche des Kingspins, Matt auf jede erdenkliche Art zu ruinieren (wobei der Fokus im Comic eindeutig auf diesem Handlungselement liegt). Auch die Karen-Page-Episode erinnert ein wenig an das, was mit ihr in „Born Again“ passiert bzw. passiert ist.

Figuren und Handlungsentwicklung
Gerade bei den Figuren zeigt sich, wie gelungen Staffel 3 ist. Hier wird mit zwei Gegensatzpaaren gearbeitet: Zum einen sind das natürlich Matt Murdoch und Wilson Fisk. Beide befinden sich zu Beginn der Handlung an einem Tiefpunkt und beide arbeiten im Verlauf der Staffel daran, zu ihrem alten Status zurückzukehren, was Fisk letztendlich deutlich besser gelingt. Dennoch wünscht man als Zuschauer nicht nur Matt, sondern auch seinem Widersacher Erfolg. Nach wie vor ist der Kingpin eine derart einnehmende Figur, dass man gebannt seinem Handlungsstrang folgt, sich freut, als er mit Mariana endlich wiedervereint ist und traurig ist, wenn er am Ende besiegt wird.

Unter anderem werden auch die moralischen Fragen aus der zweiten Staffel wieder aufgegriffen: Hier wurde Daredevil mit dem Punisher konfrontiert, der, anders als Matt, nicht davor zurückschreckt, Verbrecher gnadenlos hinzurichten. Matt beschließt hier nun, dass Kingpin ihm genug angetan hat und beschließt, ihn zu töten. Am Ende jedoch erkennt er, dass es falsch wäre und kann schließlich in mehr als einer Hinsicht zu sich selbst zurückkehren.

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Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) 

Das zweite Gegensatzpaar sind die FBI-Agenten Nadeem und Poindexter, die sich beide in Abhängigkeit zu Wilson Fisk begeben. Ersterer meint, dass es nötig sei, um seine Familie zu unterstützen. Durch diese Aktion bringt er seine Familie allerdings in Gefahr und macht sich zum Komplizen. Poindexter derweil leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsströung und sucht immer nach einem „Nordstern“, an dem er sich orientieren kann und der ihm sagt, was richtig ist. Ursprünglich war dies seine Therapeutin, doch im Verlauf der Staffel wird es Fisk. Sowohl Poindexter als auch Nadeem sagen sich am Ende vom Kingpin auf unterschiedliche Weise los, Nadeem schafft es, sich zu rehabilitieren, verliert dabei aber sein Leben, während Poindexter sich seinen Rachegelüsten ergibt.

Auch die anderen Figuren kommen nicht zu kurz. Vanessa hat nur am Ende einen Auftritt, der jedoch nichts desto trotz eindringlich ausfällt und ihre Charakterisierung gekonnt unterstreicht. Foggy und Karen dagegen haben ihre eigenen, sekundären Handlungsstränge, die trotz allem gut zum Gesamtbild passen. Vor allem Karen wird noch einmal in den Mittelpunkt gerückt, sie wird gezwungen, sich mit dem Tod James Wesleys und ihrer eignen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Wenn es eine Schwäche in dieser Staffel gibt, dann ist es die manchmal etwas unebene Erzählweise. Einerseits sind 13 Episoden vielleicht ein paar zu viele, hin und wieder kommt es zur einen oder anderen Länge, die zwar nicht besonders ins Gewicht fallen, aber bei einer Staffel von 10 Episoden mit einem engeren Erzählfokus vielleicht hätten vermieden werden können. Umso ironischer ist es, dass manche Entwicklungen in der Handlung ein wenig plötzlich kommen – das betrifft vor allem Fisks Kontrolle über das FBI. Die Absicht war wohl, den Zuschauer ebenso zu überraschen und zu schocken wie Agent Nadeem, auf mich wirkte es aber dennoch ein wenig zu sehr erzwungen. Das sind jedoch nur geringe Schwächen, die kaum ins Gewicht fallen.

Und weiter?
Rein formal gehören die Netflix-Marvel-Serien zum MCU, in der Praxis gibt es aber wegen diverser Konflikte zwischen Marvels Filmschmiede und der Seriendivison nur wenige Überschneidungen. Zwar werden in den Serien hin und wieder Mal Thor, Iron Man oder Captain America erwähnt, aber umgekehrt wird nichts aufgegriffen und wer auf ein Crossover hoffte, wurde schnell desillusioniert. Nun geht die Marvel/Netflix-Ära zu Ende, während Disney gleichzeitig den hauseigenen Streaming-Dienst an den Start schickt. Wird man die Netflix-Serien dort fortsetzen? Die Antwort lautet wohl erst einmal nein. Bis 2020 bleiben die Rechte an Daredevil, dem Punisher, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist ohnehin erst einmal bei Netflix, und selbst danach ist es unwahrscheinlich, dass die Serien auf Disney+ in irgendeiner Form weiterlaufen, da bereits verkündet wurde, man wolle alle den Dienst vorerst jugendfrei halten (was unter anderem auch bedeutet, dass die beiden Deadpool-Filme und „Logan“ dort nicht zu sehen sein werden, obwohl Disney sie nach der Fox-Übernahme dort zeigen könnte).

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Benjamin Poindexter (Wilson Bethel) im Daredevil-Anzug

Während mir alle anderen Defenders relativ egal sind, muss ich sagen, dass ich es schon schade fände, wenn diese Inkarnation von Daredevil, meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Marvel-Umsetzungen überhaupt, einfach sang- und klanglos verschwinden würde. Zugegeben wäre Staffel 3 ein durchaus gelungener Abschluss, aber es gibt noch eine ganze Menge Potential. Es stellt sich natürlich die Frage, was Disney wohl mit den Rechten an den Defenders macht, wenn sie wieder an den Mäusekonzern zurückfallen. Da es nie tatsächliche Anbindungen zwischen MCU und Netflix/Marvel gab, könnte man eine neue Version von Daredevil ins MCU integrieren. Ich denke allerdings, Disney würde sich damit keinen Gefallen tun. Anders als die beiden Amazing-Spider-Man-Filme genießt „Daredevil“ im Fandom einen ausgezeichneten Ruf, ein Reboot würde zumindest bei mir auf Ablehnung stoßen. Mein Vorschlag: Disney sollte ein Filmgegenstück zu „Marvel Max“ einrichten. Hierbei handelt es sich um ein Label des Verlags, bei dem nicht-jugendfreie Serien und Graphic Novels erscheinen, die sich durch erhöhten Gewaltgrad, sexuelle Inhalte oder anspruchsvolle Themen von den regulären Marvelserien abheben. Unter diesem Label ist beispielsweise die Serie „Alias“ erschienen, die als Vorlage für „Jessica Jones“ diente, ebenso wie die beliebten und völlig abgedrehten „Marvel Zombies“, die Justice-League Dekonstruktion „Supreme Power“ bzw. „Squadron Supreme“ und natürlich diverse Punisher-Serien, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem derartigen Konstrukt könnte Disney Marvel-Inhalte mit R-Rating verarbeiten. Da das Studio die Deadpool-Filme ohnehin fortsetzen will, schließlich sind sie finanziell und bei den Kritikern erfolgreich, was durchaus mit dem R-Rating zusammenhängt, wäre es doch naheliegend, auch andere erfolgreiche, härtere Stoffe zu adaptieren und so die Vielfalt zu garantieren. Ob besagte Stoffe dann zum MCU gehören oder unabhängig sind sei erst einmal dahingestellt.

Fazit: Nach einer schwächeren zweiten Staffel und einer mäßigen Team-up-Serie kehrt Daredevil in seiner dritten Staffel mit aller Macht zurück, knüpft an alte Erfolge an und bringt die vielleicht Staffel des Marvel/Netflix-Deals mit.

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Siehe auch:
Daredevil Staffel 1
Daredevil Staffel 2

Watchmen: Von Alan Moore über Zack Snyder bis zu HBO

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„Watchmen“, verfasst von Alan Moore und gezeichnet von Dave Gibbons, gilt als einer der besten Comics überhaupt. Nicht nur wird „Watchmen“, als einer der Gründe für das Erwachsenwerden des Comics bzw. der Etablierung der Graphic Novel angesehen, das Werk ist auch der einzige Comic auf der Liste der 100 besten Romane seit 1923 des Time-Magazine, wo seine Qualitäten wie folgt beschrieben werden: „Told with ruthless psychological realism, in fugal, overlapping plotlines and gorgeous, cinematic panels rich with repeating motifs, Watchmen is a heart-pounding, heartbreaking read and a watershed in the evolution of a young medium.“ (Quelle: http://entertainment.time.com/2005/10/16/all-time-100-novels/slide/watchmen-1986-by-alan-moore-dave-gibbons/)

In der Tat verfügt „Watchmen“ nicht nur über die oben aufgezählten Qualitäten und sorgte für die Evolution des Mediums, Moore nutzte „Watchmen“ auch gleichzeitig, um, neben vielen anderen Themen wie Macht, Religion, Moral, Psychologie und Politik, die Entwicklung des amerikanischen Comics zu kommentieren. Vor allem steht, was angesichts der Thematik des Werkes kaum verwundert, die Geschichte des Superheldencomics dabei im Fokus. Dies zeigt sich anhand von subtilen Verweisen, Handlungssträngen, der Figurenkonstruktion, aber auch des grundsätzlichen Plots und des Handlungsverlaufs. Insgesamt gehört „Watchmen“ zu den Werken, die genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen und die Zeit ihres Erscheinens genau widerspiegeln. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Graphic Novel so ein revolutionäres, bleibendes Werk wurde, während Zack Snyders Verfilmung weit weniger erfolgreich war und kaum Auswirkungen hatte.

„Watchmen“ als Spiegel der Comicgeschichte
Eine der grundlegenden Prämissen des Werkes ist, zu zeigen, wie es wäre, wenn Superhelden tatsächlich in einer realistischen Welt existieren, wie sich ihre Gegenwart auswirken würde und welche Menschen sich dazu entschließen würden, Kostüme überzustreifen, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.  Dies steht im Gegensatz zu den Superheldenuniversen von DC oder Marvel, in denen die Anwesenheit von Superhelden die Menschheitsgeschichte nicht wirklich verändert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Universen der beiden Comicgiganten funktionieren nach dem Status-Quo-Prinzip, im Kleinen wie im Großen: Bane kann Batmans Rückgrat brechen, der Dunkle Ritter kann temporär sterben oder aus anderen Gründen kurzfristig ersetzt werden, irgendwann wird Bruce Wayne wieder das Fledermauskostüm überstreifen. Ähnlich verhält es sich mit dem globalen Status Quo: Egal wie viele Alien-Invasionen oder interdimensionale Angriffe vorkommen, diese Ereignisse haben nie den Einfluss, den sie tatsächlich haben müssten; trotz all dem entwickelt sich auch die Welt, wie sie das DC- und Marvel-Universum zeigen, parallel zu unserer, da der Leser erwartet, auch seinen Alltag wiederzufinden.

Moore hätte mehrere Herangehensweisen wählen können, entschied sich aber schließlich dazu, dass die Handlung, bzw. die Hintergründe der Figuren die Geschichte der amerikanischen Superhelden wiederspiegeln sollten. Diese Hintergründe werden entweder im Rahmen zahlreicher Rückblicke oder in Form von Zusatztexten am Ende der Einzelhefte erzählt. Bei diesen handelt es sich um fiktive Sachtexte aus der erzählten Welt von „Watchmen“, etwa um Kapitel der Autobiographie von Hollis Mason, der als Nite Owl zur ersten Generation der Superhelden gehört und, gerade weil der Leser durch seine Autobiographie sehr viel über ihn, sein Leben und seine Ansichten erfährt, einer der Hauptrepräsentanten besagter erster Generation ist. In seiner Autobiographie erwähnt Hollis Mason einige spezifische Inspirationen – frühe Pulp-Figuren bzw. Superheldenvorläufer wie Doc Savage und The Shadow, aber vor allem Superman. Superman löste also nicht nur die Flut an Comichelden in unserer Welt aus, sondern inspirierte auch die kostümierten Verbrechensbekämpfer in der Welt von „Watchmen“.  Darüber hinaus ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Hollis Mason seine Superheldenidentität 1939 annimmt, genau das Jahr, in dem Batman seinen ersten Auftritt absolvierte – zwischen beiden Figuren gibt es einige starke Parallelen, nicht zuletzt die Benennung nach einem nachtaktiven Tier. Tatsächlich basieren viele der Figuren von „Watchmen“ lose auf Charakteren, die DC von einem anderen Verlag, Charlton Comics, erworben hatte und die Moore ursprünglich für „Watchmen“ verwenden wollte, bevor DC dies verhinderte. Allerdings finden sich in den Watchmen-Figuren viele Elemente und Stereotype aller möglicher Superhelden.

Die in Rückblicken geschilderte Bildung des Superheldenteams „Minutemen“ in den 40ern, bei dem alle bedeutenden Helden mitwirken, spiegelt nicht zufällig die Justice Society of America wider. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwinden die Minutemen allerdings in der Versenkung, sowohl in der Realität (nicht zuletzt Dank Frederic Wertham und „Seduction of the Innocent“) als auch in der Welt von „Watchmen“ sind die 50er somit eine superheldenfreie Dekade.

Dr. Manhattans Entstehung 1959, die eine Rückkehr der kostümierten Vigilanten begünstigt, fällt ziemlich genau mit der Superheldenrenaissance Anfang der 60er zusammen. Die versuchte und gescheiterte Bildung der „Crime Busters“ mit einer neuen Heldengeneration erinnert dann wieder an die Formierung der Justice League oder der Avengers; wie bei Ersterer finden sich auch bei den Crime Busters Helden wieder, die ein Vermächtnis fortsetzen (Green Lantern und Flash bei der Justice League, Nite Owl und Silk Spectre bei den Crime Busters); und wie bei Letzteren gibt es eine Figur, die bereits während des goldenen Zeitalters aktiv war (der Comedian und Captain America). Diese Parallelen sind allesamt auf den ersten Blick nicht allzu offensichtlich und dazu ziemlich subtil, aber unzweifelhaft vorhanden. Der Unterschied zwischen „Watchmen“ und den entsprechenden zeitgenössischen Comics ist, dass die Superhelden in Watchmen durchweg vom Scheitern und ihren Komplexen gezeichnet sind. Sie sind als Figuren vielschichtiger und lassen sich, anders als die Helden und Schurken von DC und Marvel, weniger eindeutig als gut oder böse klassifizieren.

Beide Superheldenteams werden von Moore nicht gerade zimperlich behandelt, die Minutemen sind im Grunde nur eine Fassade und zerbrechen letztendlich u.a. daran, dass der Comedian versucht, Silk Spectre zu vergewaltigen. Die Bildung der Crime Busters gelingt gar nicht erst, die zweite Generation der Superhelden findet nie zu einem Team zusammen. Der Keene-Act, der die Superhelden schließlich verbietet, kann getrost als weitere Anspielung auf den Comic Code gesehen werden, auch wenn er über 20 Jahre später umgesetzt wird. Dieses Element wurde immer wieder aufgegriffen, am deutlichsten in Pixars „The Incredibles“, in welchem ein ähnlicher Regierungserlass dem Superheldentum ein Ende setzt.

Das Auftauchen „realer“ Superhelden in der Welt von „Watchmen“ hat dann wiederum auch Auswirkungen auf die Comicgeschichte besagter Welt. In der Graphic Novel existiert eine Binnenhandlung; immer wieder taucht im Verlauf ein Junge auf, der einen Piratencomic namens „Tales of the Black Freighter“ liest, dessen Handlung die Handlung von „Watchmen“ widerspiegelt und kommentiert. Primär betrifft dies vor allem Ozymandias/Adrian Veidt und dessen Handlungen, allerdings nutzt Moore die Hintergründe dieses Piratencomics auch, um die amerikanische Comicgeschichte zu kommentieren. In der Realität sind Superheldencomics das dominante Genre, in einer Welt, in der Superhelden allerdings wirklich existieren, ist dies anders, da sie nicht mehr zum Eskapismus taugen.

Statt der Superhelden dominieren in „Watchmen“ Piraten den Comicmarkt. In der fünften Ausgabe von „Watchmen“ findet sich ein Artikel über die Hintergründe der fiktiven Serie und der alternativen Comicgeschichte. Da Superhelden nicht gefragt sind, wird E.C., Heimat solcher Serien wie „Tales from the Crypt“ in den 1950er Jahren zum dominanten Herausgeber. Auch auf Werthams „Sedution of the Innocent“ wird angespielt. Statt des neuen Flash und der Justice League startet DC eine Comic-Renaissance mit einer eigenen Piratenserie, besagten „Tales of the Black Freighter“.

„Watchmen“ ist letztendlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Superheldenthematik auf allen Ebenen. Die oben erläuterten Verweise fungieren nicht nur als clevere Ausschmückung der erzählten Welt des Comics, sondern funktionieren zugleich als Kommentar zur Comicgeschichte der USA. Durch das Scheitern seiner Figuren dekonstruiert Moore die idealisierten Vorstellungen und die mitunter vorhandene heile-Welt-Wahrnehmung des Goldenen und Silbernen Zeitalters und zeigt gleichzeitig, wie sich eine alternative Comicgeschichte der USA ohne die Superhelden als dominantes Genre hätte entwickeln können. Dennoch verurteilt Moore weder die Geschichte des Mediums, noch das Superheldengenre, sondern verweist letztendlich in dessen Zukunft. Mit dem, was auf „Watchmen“ folgte, war er dann allerdings alles andere als zufrieden. Anstatt tiefgründiger und besser konstruierte Geschichten zu schreiben, beschränkten sich viele Comicschaffende in den späten 80ern und frühen 90ern darauf, lediglich oberflächliche Elemente von Moores und Gibbons‘ Meisterwerk zu übernehmen: Ebenso grimmige wie gnadenlose Antihelden wurden modern, die zwar einiges mit dem Comedian und Rorschach gemein haben, aber selten auch nur ansatzweise derart gut konstruierte Charaktere sind. Die grimmige Brutalität wurde zum Selbstzweck und ihrer Aussage beraubt.

Zack Snyders Filmadaption

Bereits in den 80ern wurde eine Filmadaption von „Watchmen“ in Erwägung gezogen, es sollte dann aber doch bis zum Jahr 2009 dauern, bis Moores Meisterwerk eine Filmadaption erhielt. Diverse Drehbücher, u.a. von Sam Hamm (Autor von Tim Burtons „Batman“) oder Terry Gilliam wurden verworfen, Gilliam selbst sollte Regie führen, erklärte aber schließlich, die Graphic Novel sei nicht verfilmbar. Nachdem er „300“ zum Erfolg gemacht hatte, trat Warner Bros. Mitte der 2000er an Zack Snyder heran, der darauf bestand, sowohl das 80er-Jahre-Setting als auch den Härtegrad der Vorlage beizubehalten.

Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche von Snyders Film ist die Vorlagentreue. Mit einigen wenigen Ausnahmen hält sich der Film fast sklavisch an die Graphic Novel, wie bei „Sin City“ wurden die Panels zum Teil als Storyboard verwendet. Man merkt Snyders große Liebe zur Vorlage und seinen Willen, ihr gerecht zu werden, deutlich an. Diese Nähe zur Vorlage ist zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich mag die Filmadaption von „Watchmen“, in meinen Augen ist sie Snyders mit Abstand bester Film. Der gute Mann versteht es als Regisseur durchaus, eindrückliche, bleibende und kreative Bilder zu erzeugen. Erzählerische Substanz dagegen ist etwas, das nicht gerade zu seinen Stärken gehört – aber gerade weil „Watchmen“ sich so eng an die Vorlage hält, ist besagte Substanz natürlich gegeben, auch wenn der Film trotzdem einige Probleme bei der Umsetzung der Geschichte hat. Zugleich raubt Snyder der Adaption so aber die Möglichkeit, ein ähnlich markantes Werk wie die Graphic Novel zu werden. Bei der Vorlage handelt es sich um Dekonstruktion und Kommentar zum Superheldengenre – durch die Vorlagentreue bleibt der Film aber letztendlich auf demselben Level wie die Vorlage und ignoriert die letzten zwanzig Jahre Comic- und Filmgeschichte. Was 1986 neu und revolutionär war, ist 2009 nun einmal nicht mehr wirklich bahnbrechend, zumindest für Comicfans. Ein paar Verweise an die weitere Entwicklung des Superheldengenres im Film finden sich bei Snyder schon, aber es bleibt zumeist bei subtilen Anspielungen. Die Kostüme der Figuren etwa folgen den aktuellen Trends und Snyder kann es auch nicht lassen, auf die Bat-Nippel in Joel Schumachers Filmen anzuspielen, in dem er Ozymandias ebenfalls Nippel verpasst. Aber das sind, wie gesagt, subtile Anspielungen.

Andererseits versuchte Snyder ja mit seinen anderen DC-Filmen, primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ das Superheldengenre auf eigene Faust zu dekonstruieren – mit, gelinde gesagt, ernüchterndem Ergebnis. Insofern ist die Filmversion von „Watchmen“ wahrscheinlich der best-mögliche Ausgang.

Gegenwart und Zukunft
Obwohl Snyders „Watchmen“ nur mäßig erfolgreich war, brachte der Film Moores Meisterwerk neue Popularität und sorgte dafür, dass DC Comics, gegen Moores ausdrücklichen Willen, neue Watchmen-Publikationen herausbrachte. Vor allem zu erwähnen ist hier „Before Watchmen“, eine Reihe von Miniserien, die die Hintergrundgeschichte der diversen Figuren des Originals aufgreifen. Einerseits sind diese Miniserien relativ unnötig bis überflüssig, andererseits ist aber durchaus einiges an Talent beteiligt, etwa Darwyn Cooke, J.G. Jones, Brian Azzarello oder Lee Bermejo, die zumindest einige dieser Miniserien äußerst lesenswert machen, allen voran „Before Watchmen: Minutemen“ und „Before Watchmen: Rorschach“. Das erwies sich allerdings erst als der Anfang, denn im Rahmen des DC-Rebirth-Events wurden die Figuren und Welt von „Watchmen“ auch offiziell ins DC-Universum eingeführt, spezifisch in der zwölfteiligen Serie „Doomsday Clock“, die ich allerdings noch nicht gelesen habe.

Allgemein interessanter dürfte allerdings der Umstand sein, dass HBO nun eine „Watchmen“-Serie plant. Allem Anschein nach versucht HBO mit dieser Serie genau das zu bewerkstelligen, was Zack Snyder mit seiner Verfilmung versäumte. Weder soll es sich bei dieser Serie um eine Neuerzählung der Geschichte der Graphic Novel handeln, noch um eine tatsächliche Fortsetzung; stattdessen soll die Serie primär in der Welt von „Watchmen“ spielen und dabei ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Konzept bietet sich natürlich optimal für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Superheldengenre quer durch alle Medien an. Gerade der Superheldenfilm hat sich in den zehn Jahren seit Snyders Adaption gewandelt: 2009 war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen „The Dark Knight“ auf das Genre haben und wie erfolgreich das MCU, dessen Anfänge im Jahr 2008 ins Kino kamen, sein würde. Eine derartige Serie könnte auch gut auf Politik und Gesellschaft der Gegenwart eingehen, wie es die Graphic Novel bereits in den 80ern tat; in dem eine alternative Welt mit anderem Geschichtsverlauf gezeigt wird, in der sich dennoch unsere eigene Welt widerspiegelt. Bleibt lediglich die Frage, ob Damon Lindelof, seines Zeichens späterer Showrunner von „Lost“ und Drehbuchautor von „Prometheus“, wirklich die richtige Person ist, um das Ganze auf den Weg zu bringen.

Siehe auch:
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das moderne Zeitalter
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

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Lovecrafts Vermächtnis: Dreams in the Witch-House

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In den frühen 2000er-Jahren lief auf dem amerikanischen Kabelsender Showtime eine Anthologieserie mit dem Titel „Masters of Horror“. Jede der knapp einstündigen Folgen, die eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, wurde von einem mehr oder weniger prominenten Regisseur des Genres inszeniert, darunter auch Größen wie John Carpenter oder Dario Argento – der Titel der Serie bezieht sich primär auf diesen Umstand. Viele der Folgen basieren darüber hinaus auf den Werken literarischer Meister des Horrors, darunter Clive Barker, Edgar Allan Poe und natürlich auch H. P. Lovecraft. Tatsächlich handelt es sich bereits bei der zweiten Folge um eine Adaption einer Lovecraft-Geschichte. Verantwortlicher Regisseur und, zusammen mit Dennis Paoli, auch Drehbuchautor ist Stuart Gordon, der bereits andere Werke Lovecrafts adaptiert hat, wenn auch nicht mit allzu großem Erfolg.

Nach „Herbert West – ReAnimator“ und „The Shadow over Innsmouth“ bzw. „Dagon“ widmete sich Gordon für „Masters of Horror“ der Kurzgeschichte „The Dreams in the Witch House“, einem meiner bescheidenen Meinung nach eher unebenen Werk des Schriftstellers aus Providence. Während die Konzeption durchaus interessant ist, schafft es die Geschichte nicht, über die Summe ihrer Teile hinauszuwachsen. In ihr versuchte Lovecraft, klassische Topoi der Schauerliteratur bzw. des europäischen und nordamerikanischen Hexenmythos mit kosmischem Horror und Proto-Science-Fiction zu verbinden. Die Hexe Keziah Mason (eine der wenigen weiblichen Figuren, die bei Lovecraft eine wichtige Rolle spielt) benutzt nicht wirkliche Magie, um Zeit und Raum zu durchqueren, sondern extrem fortgeschrittene Mathematik und non-euklidische Geometrie und die satanartige Figur, der sie ihre Seele verschrieben hat, ist Nyarlathotep, der Bote der Äußeren Götter. Mit ein wenig mehr Feinschliff hätte „The Dreams in the Witch House“ eine wirklich gute kosmische Horrorgeschichte werden können. In manchen Fällen schafft ein Medienwechsel dann ja auch durchaus die Gelegenheit, das zugrunde liegende Werk zu optimieren. Leider ist das hier nicht der Fall.

Insgesamt ist „Dreams in the Witch-House“ etwas besser gelungen als Gordons nur wenige Jahre zuvor entstandene Lovecraft-Verfilmung „Dagon“, aber das sagt leider nicht allzu viel aus. Zumindest was die oberflächliche Handlung angeht, hält sich Gordon verhältnismäßig genau an die Vorlage: Der Student Walter Gilman (Ezra Godden, der bereits in „Dagon“ die Hauptrolle spielte) sucht eine billige Bleibe, um für sein Abschlussexamen zu lernen, und landet schließlich im Dachgeschoss eines alten Hauses, das früher von der Hexe Keziah Mason (Susanna Uchatius) bewohnt wurde. Schon bald plagen ihn schlimme Albträume, er schlafwandelt, sieht Ratten mit menschlichen Gesichtern und schließlich erscheint ihm auch die Hexe selbst. Anders als die Vorlage spielt die Adaption nicht in den 20ern, sondern in der Gegenwart (bzw. den frühen 2000ern), sodass Gilman mit einem Laptop arbeitet und sich statt mit non-euklidischer Geometrie mit der String-Theorie auseinandersetzt. Mit der alleinerziehenden Mutter Frances Elwood (Chelah Horsdal) wurde darüber hinaus eine weitere weibliche Figur sowie ein romantischer Subplot hinzugefügt. Diese beiden Änderungen sind nicht weiter störend, was dagegen unangenehm auffällt, ist die Reduktion des kosmischen Horrors auf ein absolutes Minimum. Wie schon bei „Dagon“ konzentriert sich Gordon vor allem auf den oberflächlichen Horror, vernachlässigt aber das, was Lovecrafts Geschichten eigentlich besonders macht. Fast jegliche Verbindung zum „Cthulhu-Mythos“ bleibt außen vor, nur das Necronomicon (hier scheinbar gebunden in die Haut von geopferten Säuglingen) hat einen kurzen Gastauftritt. Ohne diese Verknüpfung aus traditionellem und kosmischem Horror ist „Dreams in the Witch-House“ eine reichlich konventionelle, nicht besonders erschreckende Angelegenheit. Schon Keziah Mason ist nicht allzu grauenerregend, und Brown Jenkin, die Riesenratte mit dem Menschengesicht, hat schon in Lovecrafts Geschichte nicht wirklich funktioniert, hier wirkt er völlig lächerlich. Leider gelingt es Gordon auch nicht, wirkliche Spannung oder eine überzeugende Amtosphäre zu erzeugen.

Fazit: Wer einen gelungenen Film über die Hexenthematik sucht, sollte lieber zu „The Witch“ greifen; „Dreams in the Witch-House“ ist schlicht zu bieder und konventionell, um ein interessanter Genre-Beitrag zu sein. Als Lovecraft-Adaption funktioniert Gordons Arbeit noch weniger, da fast jede Spur kosmischen Horrors aus der Geschichte entfernt wurde.

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Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival
Cthulhu in Westeros
The Courtyard/Neonomicon/Providence
Echo des Wahnsinns

Ash vs Evil Dead

Halloween 2017
ashvsevildead
Sam Raimis Horror-Klassiker „The Evil Dead“ gehört inzwischen zu den Filmen, deren Handlung man selbst dann kennt, wenn man den Film nicht gesehen hat – zumindest, wenn man ein wenig Ahnung vom Horror-Genre hat. Die Hütte im Wald, die Teenager, die dämonische bzw. untote Bedrohung, die extreme Gewalt – all diese Elemente wurden inzwischen so oft aufgegriffen, verarbeitet und parodiert (sehr gelungen zum Beispiel in „The Cabin in the Woods“), dass der Status dieses Films kaum überrascht. Nach zwei Fortsetzungen, einem Remake und einer ganzen Reihe Comics und Spiele folgte 2015 schließlich eine Serie, die die Ereignisse der ursprünglichen Filmtrilogie fortsetzt und bislang zwei Staffeln umfasst – Staffel 3 startet im Januar 2018. Nicht nur kehrt Bruce Campbell als Ash Williams in der Hauptrolle zurück, auch Sam Raimi ist nach wie vor beteiligt.

Was bisher geschah
Bereits 1981 bekam es Bruce Campbell zum ersten Mal mit einem bösartigen Dämon zu tun, der von den Lebenden Besitz ergreift und sie in untote Monstrositäten, die Deadites, verwandelt. Sam Raimis „The Evil Dead“ (deutscher Titel: „Tanz der Teufel“) erwies sich trotz eines Budgets von unter 500.000 Dollar als wegweisender Horrorfilm, dessen Effektarbeit geradezu revolutionär war, ebenso wie der Gewaltanteil, was unter anderem dafür sorgte, dass der Film bis August 2016 hierzulande indiziert war. Dieses Schicksal blieb der Fortsetzung, „Evil Dead II“ (1987), und dem dritten Teil, „Army of Darkness“ (1992), erspart, denn zwischen den einzelnen Evil-Dead-Filmen gibt es einige tonale Unterschiede. So ist „The Evil Dead“ noch in erster Linie sehr blutiger und unappetitlicher (wenn auch übertriebener) Horror, während sich in Teil 2 Horror und Comedy die Waage halten. „Army of Darkness“ schließlich hat kaum noch wirkliche Horror-Elemente, ist weitaus unblutiger als die ersten beiden Teile und erinnert mit seinen Stop-Motion-Skeletten eher an die alten Ray-Harryhausen-Fantasyfilme.

Inhaltlich muss sich Ash Williams in der Trilogie mit dem Necronomicon ex Mortis (eine nette Lovecraft-Anspielung, wobei das Buch im ersten Film noch den Titel Naturom Demonto trägt) auseinandersetzen, dass nicht nur den Kandarischen Dämon erweckt, der für die Ereignisse verantwortlich ist, sondern Ash am Ende des zweiten Films auch ins Mittelalter schickt, wo er nur mit Hilfe des verfluchten Buches wieder in seine Zeit zurückkehren kann. Die Kontinuität zwischen den einzelnen Filmen ist jedoch nicht immer ganz lückenlos. „Evil Dead II“ beginnt mit einem Prolog, der die Ereignisse des ersten Films noch einmal in geraffter Form erzählt, dabei aber deutlich vom Inhalt des Vorgängers abweicht. Während außer Ash und seiner Freundin Linda (Betsy Baker) im Original auch seine Schwester Cheryl (Ellen Sandweiss) sowie einige weitere Freunde mit zur Hütte fahren, sind es im Sequel nur Ash und Linda (hier: Denise Bixler). „Army of Darkness“ wiederum ignoriert die letzte Szene von „Evil Dead II“, in der Ash ins Mittelalter versetzt wird, einen fliegenden Dämon tötet und von den Anwesenden als Held verehrt wird. Zu Beginn von „Army of Darkness“ wird Ash zwar ebenfalls (unter Verwendung von Szenen des Vorgängers) ins Mittelalter versetzt, aber völlig anders begrüßt. „Ash vs Evil Dead“ schließlich spielt dreißig Jahre nach „Army of Darkness“, greift inhaltlich aber Elemente aller drei Filme auf. Aus rechtlichen Gründen durften die Macher in Staffel 1 noch nicht auf „Army of Darkness“ verweisen, mit Staffel 2 hat sich dieses Problem allerdings erledigt. Was die Kontinuität angeht, so beruft sich die Serie bislang primär auf die Ereignisse der ersten beiden Filme, wobei der Prolog von „Evil Dead II“ ignoriert wird, da der Tod von Ashs Schwester, die in besagtem Prolog nicht auftaucht, eine wichtige Rolle in der Serie spielt.

„Evil Dead“, das Remake aus dem Jahr 2013, das zumindest in Ansätzen auch eine sehr indirekte Fortsetzung seine könnte, spielt im Kontext der Serie bislang keine Rolle, auch wenn Bruce Campbell auf Twitter angegeben hat, dass ein Zusammentreffen zwischen Ash und der von Jane Levy dargestellten Mia im Rahmen einer zukünftigen Staffel durchaus stattfinden könnte – bislang gibt es jedoch keine definitiven Pläne. Zugegebenermaßen passt „Evil Dead“ bezüglich des Tonfalls auch nicht wirklich gut zu den bisherigen Filmen bzw. zur Serie – aber dazu später mehr.

Handlung
Seit Ash Williams sich mit den dämonischen Mächten des Necronomicons auseinandersetzen musste, hat er nicht mehr viel mit seinem Leben angestellt; er arbeitet immer noch in einem Baumarkt, lebt in einem Wohnwagen und hat auch sonst außer gelegentlichen One Night Stands nicht allzu viel vorzuweisen. Bei einem dieser One Night Stands liest er, obwohl er es besser wissen müsste, in betrunkenem Zustand aus dem Necronomicon vor – und das Böse erwacht erneut, denn die Deadites kehren zurück. Eher unwillig werden Ashs Mitarbeiter Pablo Simon Bolivar (Ray Santiago) und Kelly Maxwell (Dana DeLorenzo) in die Situation verwickelt, vor allem, da Kellys tote Mutter plötzlich aus dem Grab zurückgekehrt ist. Derweil vermutet die Polizistin Amanda Fisher (Jill Marie Jones), dass Ash etwas mit dem durch Deadites verursachten Tod ihres Partners zu tun hat. Und schließlich wäre da noch die mysteriöse Ruby (Lucy Lawless), die aus ganz individuellen Gründen hinter Ash und dem Necronomicon her ist. Für Ash, Kelly und Pablo wird die ganze Angelegenheit zu einem völlig bizarren, blutigen und abartigen Road Trip, in dessen Verlauf sie nicht nur die legendäre Hütte im Wald besuchen, sondern auch Ashs Heimatstadt, in der die Bewohner ihn für den Tod seiner Freunde und seiner Schwester verantwortlich machen, sowie die Vergangenheit.

Umsetzung und Vermächtnis
Eine Fortführung der Evil-Dead-Filme ist nicht ganz leicht, da jeder Teil seine ganz eigene Stimmung und Atmosphäre besitzt. „Ash vs Evil Dead“ bemüht sich, Elemente aller drei klassischen Filme zu integrieren. „Army of Darkness“ wird dabei am wenigsten mit einbezogen (u.a. natürlich wegen der bereits erwähnten rechtlichen Probleme, die direkte inhaltliche Verweise in der ersten Staffel unmöglich machten), spielt aber indirekt eine durchaus wichtige Rolle, da Ashs Charakterisierung und die Art, wie er mit den anderen Figuren agiert, am ehesten der aus „Army of Darkness“ entspricht (unwilliger und recht selbstsüchtiger Held, der dann aber am Ende doch das richtige tut, mitunter aber die Tendenz hat, erstmal alles schlimmer zu machen). Der Tonfall der Serie, die Mischung aus groteskem Horror und Comedy, gleicht dem Tonfall des zweiten Films, während die Effekte und die Menge an Blut und Innereien, die vergossen werden, vor allem an Teil 1 erinnern – wobei diesbezüglich noch eine ordentliche Schippe draufgelegt wird. Gerade hier spürt man vielleicht noch am ehesten den Einfluss des Remakes von 2013, das mit Blut ebenfalls nicht geizte. Insgesamt ist die Serie allerdings weit weniger grimmig und, in Ermangelung eines bessern Wortes, schmerzhaft als Fede Álvarez‘ Film, da die Verstümmelungen und Metzeleien weit übertriebener und komödiantischer Ausfallen. Ähnliches trifft auf die neuen Deadites zu; auch diese waren im Remake deutlich verstörender und angsteinflößender; die Serie knüpft an die Masken und das Make-up des Originals an, was meistens ziemlich gelungen ist. Wann immer allerdings CGI verwendet wird, sieht das ziemlich bescheiden aus – tatsächlich sieht es so bescheiden aus, dass man fast auf die Idee kommen könnte, dass es Absicht ist.

Von dieser Schwäche einmal abgesehen macht „Ash vs Evil Dead“ wirklich unheimlich Laune – sofern man als Zuschauer etwas mit Fun-Splatter und sehr derbem und unangebrachtem Humor anfangen kann. Einen herrlichen kranken Höhepunkt der Geschmacklosigkeit erreicht diese Tendenz in der zweiten Folge der zweiten Staffel. Wie dem auch sei, Sam Raimi und Co. gelingt es vorzüglich, die Qualitäten der ursprünglichen Filmtrilogie einzufangen und diese drei doch mitunter sehr verschiedenen Filme konsequent fortzusetzen. Auch schauspielerisch weiß „Ash vs Evil Dead“ zu überzeugen, wobei natürlich vor allem das komödiantische Timing der Darsteller gefragt ist. Bruce Campbell in seiner Paraderolle ist natürlich ohnehin über jeden Zweifel erhaben, aber auch Ray Santiago als überzeugter Sidekick, Dana DeLorenzo als sarkastische Rächerin und Lucy Lawless als mysteriöse Widersacherin, die im Verlauf der zweiten Staffel sogar sympathisch wird, machen eine gute Figur.

Fazit: „Ash vs Evil Dead“ ist ein willkommenes Geschenk an Fans der Raimi-Trilogie – wie schon beim Original empfiehlt es sich allerdings, über einen starken Magen und einen sehr schwarzen Sinn für Humor zu verfügen.

Titelbildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
ES
Das Spiel
Underworld: Blood Wars

Siehe außerdem:
Evil Dead (2013)

GoT: The Dragon and the Wolf

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Da ich in der zweiten Hälfte der letzten Woche nicht zuhause war, kommt die Rezension zum Finale der siebten GoT-Staffel ein wenig verspätet. Der Titel dieser Episode ist ein Rückgriff auf ähnlich geartete, wappenbezogene Titel vergangener Staffeln wie „The Wolf and the Lion“ oder „The Lion and the Rose“. Während es sich bei Ersterem allerdings um Feindschaft und bei Letzterem um eine arrangierte Hochzeit handelt, steht eine aufkeimende Liebe im Fokus dieser Episode.

King’s Landing
Zu Beginn dieser Folge zeigt sich die Serie noch einmal von ihrer besten Seite: Auf beeindruckende Weise wird gezeigt, wie sich Daenerys‘ Streitkräfte nähern, während sich die Lannisters auf einen möglichen Angriff vorbereiten – auch wenn es theoretisch um Friedensverhandlungen geht. Das ganze wird passend von den Targayren- und Lannister-Themen im Kontrapunkt untermalt. Auf allen Seiten ist man nervös – Jaime und Bronn begutachten die näherrückenden Truppen, Cersei fragt sich, warum Daenerys noch nicht in Sicht ist und auch die Targaryen-Delegation ist alles andere als selbstsicher.

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Der Drache (Emilia Clarke) und der Wolf (Kit Harrington). Bildquelle.

Die folgende Szene in der Drachengrube (die, nebenbei bemerkt, um einiges zu klein ist) ist ein weiteres Beispiel für die Stärken, die GoT nach wie vor besitzt: Mit nur wenigen Ausnahmen (primär die Stark-Schwestern und Littlefinger) sind fast alle signifikanten Figuren, die bis zu dieser Stelle überlebt haben, an einem Ort. Im Klartext bedeutet das, dass wir hier einen ganzen Haufen extrem talentierter Darsteller haben, die ihre Figuren nach Jahren inzwischen in und auswendig kennen und wunderbar miteinander arbeiten. Viel Zeit bleibt natürlich nicht für individuelle Entfaltung, aber es sind die kleinen Momente, die diese Szene so grandios machen: Euron demütigt Theon, Daenerys legt einen großen Auftritt hin, Brienne und Jaime fachsimpeln über Loyalität und Sandor wechselt liebende Worte mit seinem Bruder. Apropos, es gab die Vermutung, dass der „Clegane Bowl“, der Kampf der beiden Brüder, auf den Buchleser wie Serienschauer schon lange warten, hier endlich stattfindet, dem ist aber nicht der Fall – die kleine Szene zwischen den beiden Brüdern ist wohl als Teaser für die kommende Staffel zu verstehen.

Ansonsten erweist sich der gefangene Wiedergänger als recht überzeugendes Argument, während die Stark-Ehrlichkeit mal wieder fast alles ruiniert, uns aber eine der stärksten Szenen dieser Episode, ach, was sage ich, der gesamten Staffel beschert: Ein Zwiegespräch zwischen Cersei und Tyrion, die sich nun ja seit Staffel 4 nicht mehr persönlich begegnet sind. Beide Daumen hoch für Lena Headey und Peter Dinklage, das hätte man kaum besser in Szene setzen können. Und wider alle Erwartungen scheint besagtes Gespräch sogar wirkungsvoll gewesen zu sein, denn Cersei stimmt zu, sich mit ihren Gegnern zu verbünden und gegen die gemeinsame Bedrohung zu kämpfen.

Dass Cersei diesbezüglich jedoch keinerlei Ambitionen hat, war eigentlich klar, stattdessen will sie den Winter und den Konflikt mit den Weißen Wanderern einfach nur aussitzen. Nachdem Jaimes Charakterentwicklung in den letzten Staffel zum Teil zirkulierte, kommt er nun endlich mental zu dem Punkt, an dem er in „A Feast for Crows“ schon lange angelangt ist: Er hat endgültig genug von Cersei, fühlt sich an sein Versprechen gegenüber Daenerys und Jon gebunden und verlässt seine Schwester, allerdings nicht, ohne die Cersei/Tyrion-Szene dieser Folge zu spiegeln. Damit ist Cersei nun praktisch allein.

Dragonstone
Auf Dragonstone berät man derweil, wie Daenerys nach Norden kommen soll, per Drache oder per Schiff. Jorah rät zum Fliegen, während Jon vorschlägt, die geschmiedete Allianz zu verdeutlichen, indem die Königin der Drachen zusammen mit dem König des Nordens reist. Daenerys nimmt Jons Rat an, während Jorah ein weiteres Mal diesen ganz besonderen Jorah-Blick aufsetzt.

Ein weiteres offenes Ende, das hier noch aufgearbeitet wird, ist die Frage nach Theons weiterem Schicksal. Weder Jon noch Daenerys haben die Kapazität, sich mit Yaras Gefangennahme auseinanderzusetzen, also muss Theon die Sache selbst in die Hand nehmen. Nachdem er in dieser Staffel die meiste Zeit über äußerst passiv war, lässt er den Eisenmann raus, tötet den Anführer der paar verbliebenen, die nicht auf Eurons Seite stehen, im Zweikampf und macht sich auf, seine Schwester zu retten – da steht uns in Staffel 8 wohl noch ein letztes Greyjoy-Familientreffen bevor.

Winterfell
Der Winterfell-Subplot bekommt nun ebenfalls eine Auflösung spendiert, die leider ein Paradebeispiel für die Tendenz dieser Staffel ist, Dramaturgie über Logik zu setzen. Nachdem es Littlefinger scheinbar gelungen ist, einen Keil zwischen die Schwestern zu treiben, soll Arya vor versammelter Mannschaft verhaftet werden – nur dass Sansa plötzlich Littlefinger festnehmen lässt, damit Arya ihn hinrichten kann. Hier haben wir einen eindeutigen Fall von „Twist um des Twists willen“. Plötzlich hat Littlefinger keine Ahnung, plötzlich vertrauen die Schwestern einander doch (wie lange haben sie zusammengearbeitet, was war nur Show für Littlefinger etc.?) und plötzlich wird auch Bran hinzugezogen; alles wird so inszeniert, dass es für den Zuschauer möglichst überraschend kommt, aber zu den vorangegangenen Szenen kaum passt. Man merkt, dass Benioff und Weiss unbedingt wollten, dass Arya Littlefinger tötet und dem Publikum so die Genugtuung verschafft, dass Lord Baelish endlich das bekommt, was er verdient. Ich bleibe dabei, dieser Subplot ist eines der schwächsten, unlogischsten und unnötigsten Elemente dieser Staffel, aber Littlefingers Pläne ergeben ja schon seit einiger Zeit keinen wirklichen Sinn mehr, im Grunde war er also überflüssig. Dennoch ist es schade, da es ja eigentlich Baelish war, auf den viele Konflikte überhaupt erst zurückgehen.

Und wo wir gerade von Brans Beitrag zu Littlefingers Niedergang sprechen: Hier offenbaren sich zugleich die Probleme mit Brans scheinbarer Allwissenheit. Allein in dieser Szene gelingt es Benioff und Weiss, dem Ganzen eine fürchterliche Beliebigkeit zu verleihen. Es scheint, als versuchten sie nicht einmal zu verstecken, dass Bran nur dann weiß, wenn es den Autoren gerade in den Kram passt; er mutiert praktisch zur Expositionsmaschine. Immer, wenn die Figuren etwas wissen müssen, werden sie es von Bran erfahren. Wenn es dagegen dramaturgisch wertvoller ist, dass sie nicht wissen (etwa bezüglich Cerseis Verrat), dann verlassen Bran seine Gaben, bis man sie wieder braucht.

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Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi). Bildquelle.

In der finalen Montage dieser Episode kehren Benioff und Weiss noch einmal zu Jon Snows Herkunft zurück, die von Bran und dem per Jetpack aus Oldtown zurückgekehrten Sam erörtert wird (er hat Gilly also doch zugehört). Durch Brans Augen erleben wir die Hochzeit von Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi), wobei das interessanteste Detail für mich dabei Rhaegars Haare sind. Rhaegar trägt dieselbe Frisur wie Viserys, was ich als ziemlich cleveres Detail empfinde. Natürlich würde Viserys im Exil versuchen, sich wie Rhaegar zu geben, war er doch in der Kindheit das große Vorbild, der Targaryen, den alle liebten und verehrten. Gleichzeitig sehen wir, wie Jon und Daenerys miteinander schlafen, was niemanden überraschen dürfte, aber thematisch gut passt und sowohl die Beziehung zwischen Lyanna und Rhaegar als auch das Schicksal des vorherhigen Königs des Nordens widerspiegelt. Nach Fanfiction fühlt es sich trotzdem an. Nebenbei erfahren wir noch, dass Jons wahrer Name Aegon Targaryen lautet – ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das als netten Verweis auf (Fake?-)Aegon VI. in „A Dance with Dragons“ oder doch eher als leichte Fan-Verarsche verstehen soll.

An der Mauer
Es kommt, was kommen muss: Dank des untoten Viserion fällt die Mauer und die Armee der Toten ergießt sich in den Süden. Dass der Drache benutzt wird, um die Mauer niederzumachen, erklärt zumindest, weshalb die Weißen Wanderer so lange brauchten, um nach Süden zu gelangen. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um einen genau ausgetüftelten Plan handelt, mit dessen Hilfe der Nachtkönig Daenerys nach Norden locken und so einen Drachen erbeuten wollte. Noch einmal flammen die Fantheorien auf, denn die Armee der Toten gleicht von oben dem Schattenwolf der Starks, was als weiterer Hinweis verstanden wird, dass es sich beim Nachtkönig um Bran handelt.

Fazit
Statt eines kurzen Episoden-Fazits gibt es dieses Mal gleich ein ausführliches Staffelfazit. Rein technisch, inszenatorisch und zum Teil auch dramaturgisch war „Game of Thrones“ nie besser: Die großen Szenen dieser Staffel, sei es die Schlacht in der Weite, Drachen gegen Untote oder der Fall der Mauer, müssen sich vor nichts, was es im Kino zu sehen gibt, verstecken. Was das pure Spektakel angeht, werden hier für eine TV-Serie neue Dimensionen erklommen. Ausstattung, Sets und natürlich die Darsteller waren selten besser und überzeugender. Inhaltlich dagegen ist Staffel 7 mit eine der schwächsten der gesamten Serie, lediglich Staffel 5 war für mich persönlich noch weitaus frustrierender, das könnte aber auch damit zusammenhängen, dass Staffel 5 die Entwicklung gestartet hat, die hier voll aufblüht. Ich habe es schon bei meiner Rezension von Staffel 6 geschrieben und wiederhole es hier noch einmal: Das ist eindeutig nicht mehr George R. R. Martins Geschichte. Es ist möglich, dass sich Benioff und Weiss nach wie vor an einigen Stichpunkten von Martin orientieren, aber selbst wenn dem so sein sollte, werden die Zwischenräume sehr suboptimal gefüllt. Bei „Game of Thrones“ ging es nie um das große Spektakel, da war zwar auch immer vorhanden, war aber ein Nebenprodukt der Geschichte. In dieser Staffel steht dagegen das Spektakel im Vordergrund, den großen Set Pieces werden zunehmend Logik, Charakterentwicklung und die etablierten Regeln der Welt von Eis und Feuer geopfert (besonders bezüglich der Reisezeit von Individuen, Armeen, Raben und Drachen) . Gerade weil „Game of Thrones“ sich zu Beginn so sehr von klassischer Fantasy unterschied und so sehr mit den Figuren und Regeln arbeitete, ist der zunehmende Rückgriff auf Fantasy-Topoi wie die in dieser Staffel viel zu oft erfolgende Rettung in letzter Sekunde so frustrierend. Was Plot, Storytelling und Figurenentwicklung angeht, ist „Game of Thrones“ im Verlauf der letzten drei Staffeln allzu gewöhnlich und vorhersehbar geworden. Manchmal könnte man fast meinen, Benioff und Weiss sind ohne Martin nicht in der Lage, die Geschichte ansprechend weiterzuerzählen oder, noch schlimmer, haben keine Lust mehr dazu.

Titelbildquelle

Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War
Eastwatch
Beyond the Wall

GoT: Beyond the Wall

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Nach der letzten Episode, die primär als Set-up für diese fungierte, passiert in „Beyond the Wall“ wirklich etwas – wir verlassen Nebenschauplätze und werden uns der Hauptbedrohung zu. Ganz in bester GoT-Tradition bietet die vorletzte Episode dieser Staffel ordentlich Schauwerte – bleib dabei aber ziemlich uneben, da die Umsetzung der Prämisse mitunter äußerst holprig ausfällt.

Winterfell
Eine der besten Entscheidungen für diese Episode war es, den King’s-Landing-Handlungsstrang auszuschließen und sich ausschließlich auf Dragonstone und den Norden zu konzentrieren. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich tatsächlich auch den Winterfell-Subplot weggelassen. Meine Meinung bezüglich der kleinen Familienkrise zwischen Sansa und Arya hat sich nicht geändert: Das Ganze wirkt uninteressant und im Vergleich zu den anderen Ereignissen der Episode geradezu belanglos. Das erste Gespräch zwischen Sansa und Arya ist im Grunde eine etwas harschere Version des Gesprächs der vorangegangenen Episode unter Einbeziehung des gefunden Briefs. In der folgenden Szene berät sich Sansa mit Littlefinger, der dazu rät, Brienne als Vermittlerin einzusetzen. Daraus wird allerdings nichts, denn ein Brief lädt Sansa zum großen Treffen der nächsten Episode nach King’s Landing (das kommt alles ein wenig plötzlich und unvermittelt) – Sansa hat aber keine Lust zu gehen und schickt Brienne, die aber ebenfalls keine Lust hat und um Sansas Sicherheit fürchtet, aber Befehl ist Befehl. In der finalen Winterfellszene durchsucht Sansa Aryas Zimmer und findet die Gesichter, was zu einer weiteren unangenehmen Konfrontation inklusive Psychospielchen führt. Diese Szene ist dramaturgisch in meinen Augen jedoch völlig deplatziert, weil sie im Anschluss an das Scharmützel im Norden kommt – nach diesem dramatischen Höhepunkt dürfte sich kaum jemand noch für die Differenzen der Stark-Schwestern interessieren.

Jenseits der Mauer Teil 1
Strukturell hat diese Episode ähnliche Probleme wie die letzte, weshalb ich diesen Handlungsstrang in der Besprechung tatsächlich aufteile, um das Ganze etwas übersichtlicher darstellen zu können – sonst käme die Chronologie der Episode völlig durcheinander. Nun denn, gerade in diesem Teil der Episode finden sich einige Highlights, denn die Tour nach Norden wird für einige interessante Dialogmomente genutzt – Gendry, Beric und Thoros verarbeiten den Verkauf an Melisandre, Jon und Jorah diskutieren über Lord Mormonts Vermächtnis, Sandor Clegane und Tormund freunden sich an – hiervon hätte es durchaus noch mehr geben dürfen, stattdessen hätten Benioff und Weiss den Winterfell-Handlungsstrang auslassen können.

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Gemeinsam auf Betriebsausflug: Tormund (Kristofer Hivju), Jon (Kit Harrington), Beric (Richard, Dormer), Sandor (Rory McCann), Jorah (Iain Glenn), Gendry (Joe Dempsie) und Thoros (Paul Kaye). Bildquelle

Ernster wird es, als das Grüppchen von einem untoten Bären angegriffen wird. Ganz nebenbei: Bin ich der einzige, der sich durch die Flammenschwerter von Thoros und Beric an Lichtschwerter erinnert fühlt? In diesem Kontext könnte man argumentieren, dass das ein wenig zu leicht funktioniert, aber die Erklärung im Subtext überzeugt mich und passt auch im Kontext der Romane ganz gut. Wenn Thoros von Myr früher Schwerter anzündete, musste er sie in Seefeuer tränken und danach war das Schwert unbrauchbar. Hier müssen Thros und Beric R’hllor ein wenig Blut opfern (jedes Mal, wenn sie ihre Schwerter anzünden, schneiden sie sich die Handfläche auf). Das passt ganz gut zur Thematik der durch die Drachen zurückkehrenden bzw. stärker werdenden Magie in den Romanen. Darüber hinaus ist Magie an der Mauer und jenseits davon grundsätzlich stärker, wie wir in Staffel 5 und in „A Dance with Dragons“ von Melisandre erfahren.

Schließlich stößt man auch auf menschliche Wiedergänger und es gelingt sogar, einen Weißen Wanderer zu töten und einen der Wiedergänger gefangenzunehmen – sehr geschickt, dass nur einer übrig bleibt, nachdem der Weiße Wanderer vernichtet wurde. Weniger geschickt ist der Umstand, dass das Grüppchen von der Untotenarmee auf einem gefrorenen See umstellt wird. Besagte Armee erweist sich vorerst allerdings als merkwürdig passiv, sodass Jon und Co. die Nacht auf einer kleinen Felseninsel überstehen – bis auf Thoros, der einem Bärenbiss erliegt. Nur Gendry entkommt und rennt zur Mauer zurück. Auch hier fällt es mir schwer, das Ganze plausibel zu finden, allerdings finden sich im Internet inzwischen aufwändige Berechnungen, wie schnell welcher Weg zurückgelegt werden kann – Gendrys Spurt zur Mauer scheint zumindest noch halbwegs im Bereich des Möglichen zu sein, da die Armee des Nachtkönigs ja ohnehin nicht mehr weit von Eastwatch entfernt ist. Die Geschwindigkeit, mit der der Rabe von Eastwatch allerdings Dragonstone erreicht, ist wieder eine andere Geschichte.

Dragonstone
Auf Dragonstone führen Daenerys und Tyrion wieder ihre übliche Grundsatzdiskussion und basteln an der Metapher des zu zerbrechenden Rades weiter. Unangenehmer ist die Frage nach der Thronfolge, aber es gibt ja durchaus Möglichkeiten bzw. Vorbilder aus der Realität. Wahlkönigtum, Adoption, oder sogar Demokratie? Besonders amüsant ist der Austausch bezüglich des Heldentums von Daenerys‘ Verehrern. Der Kommentar dazu ist angesichts dessen, was sie später abzieht, schon recht ironisch – sie verhält sich letztendlich genauso, wie Jorah oder Jon es tun würden. Als der Rabe mit Gendrys Nachricht kommt, zögert sie keine Minute und schlüpft in ihre noble Wintergarderobe (da hat jemand vorgesorgt), um mit ihren Drachen nach Norden zu fliegen, trotz Tyrions Protest. Selbst mit Drachen scheint mit der Weg über einen halben Kontinent in einer Nacht doch etwas gewagt, aber die Regeln der Dramaturgie verlangen, dass es klappt und die Rettung exakt in letzter Sekunde eintrifft. Bei anderen derartigen Vorkommnissen konnten sich die Macher wenigstens noch damit herausreden, dass keine definitive Zeitangabe getätigt wird, hier geht das nun definitiv nicht mehr.

Jenseits der Mauer Teil 2
Das Scharmützel im Norden hat Fanspekulationen massiv befeuert. Schon allein der Umstand, dass die Armee der Toten erstmal gemütlich wartet, bis die Nacht vorbei ist, ist äußerst verdächtig. Entweder die Dramaturgie ist hier wirklich extrem klischeehaft, oder die ganze Angelegenheit wurde vom Nachtkönig exakt so vorhergesehen und geplant, weil er einen untoten Drachen haben wollte, den er am Ende ja auch bekommt. Aber da hören die Fanspekulationen nicht auf. Die neueste Lieblingstheorie lautet: Bran ist der Nachtkönig. Zum einen werden da Parallelen bei der Kleidung zum Tragen gebracht, zum anderen hat sich das Gesicht leicht verändert. Mit der ganzen Maskierung sieht man das natürlich nicht allzu deutlich, aber tatsächlich hat seine winterliche Majestät nun eine recht lange, gerade Nase, die der von Isaac Hempstead-Wright ähnelt. Wird Bran irgendwann in der Zeit zurückreisen und zum Nachtkönig werden oder sich mit dem ursprünglichen Nachtkönig, dessen Erschaffung wir in Staffel 6 gesehen haben, vereinen? Oder geht die Fantasie mal wieder mit den Fans durch? Zumindest die erste Theorie (das Scharmützel als Falle) erscheint mir plausibel genug – wer hat denn schon nur aus Verdacht derartig massive Ketten dabei, die einen Drachen aus dem Wasser ziehen können? Und warum attackiert der Nachtkönig zuerst Viserion, der fliegt und weitaus schwerer zu treffen ist als Drogon, der am Boden ist und noch dazu von der Drachenkönigin geritten wird? Es sei denn natürlich, der Nachtkönig hat vorhergesehen, was er tun muss oder er ist tatsächlich Bran und weiß was passieren wird bzw. passiert ist bzw. passiert sein wird (wo ist Doc Brown, wenn man ihn braucht?).

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Warum Riesenadler nehmen, wenn man stattdessen Drachen haben kann? (Bildquelle)

Jedenfalls sind die Auswirkungen massiv: Ein Drache tot (oder untot), Daenerys ist von der Gefahr aus dem Norden nun restlos überzeugt und zwischen ihr und Jon funkt es. Rein politisch wäre eine Hochzeit natürlich sehr profitabel, auch wenn sie Tante und Neffe sind – nun ja, angesichts der Targaryen-Tradition ist das fast noch akzeptabel. Letztendlich sind Benioff und Weiss halt auch nur Shipper.

Effekttechnisch hat der Drachenangriff definitiv Kinoniveau und zeigt, was man im Fernsehen inzwischen alles bewerkstelligen kann. Inszenatorisch ist mir das Ganze jedoch zu vorhersehbar. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich nicht seit Staffel 1 darauf gewartet habe, dass Drachen Untote niedermähen, aber die Rettungen in letzter Sekunde häufen sich so langsam: Erst Daenerys, dann taucht auch noch Benjen Stark aus dem Nichts auf – vielleicht wäre es weniger umständlich gewesen, wenn Jon einfach auf Drogon mitgekommen wäre. So fragt man sich, wie er überhaupt überleben konnte – wobei es auch dazu Theorien gibt, die mit Jons Wiedererweckung zusammenhängen. Vielleicht hat Beric Dondarrion tatsächlich recht und der Herr des Lichts lässt Jon einfach noch nicht sterben. Wie auch immer, ich bin auf jeden Fall nicht der einzige, der bei der letzten Szene ein ziemliches Déjà-vu hatte.

Fazit: „Beyond the Wall“ ist abermals eine Folge mit massiven Schauwerten – aber auch einigen gravierenden dramaturgischen und inhaltlichen Schwächen. Nachdem GoT in seiner Anfangszeit Fantasy-Klischees wiederlegte, wird die Rettung in letzter Sekunde für meinen Geschmack in letzter Zeit etwas zu häufig zelebriert.

Titelbildquelle

Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War
Eastwatch