Santa Clarita Diet

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Zombies in Filmen und Serien sind bereits seit einiger Zeit enorm beliebt. Neben dem klassischen Modell, in dem sie entweder, wie etwa in George A. Romeros Filmen, als Metapher fungieren oder, wie in „The Walking Dead“, vor allem als Hintergrund fungieren, vor dem sich die nicht-untoten Figuren entwickeln, finden sich immer häufiger Filme und Serien, zum Beispiel „Warm Bodies“ oder „iZombie“, deren Hauptfigur ein intelligenter Zombie ist, der mit seinem Schicksal hadert. Die Netflix-Serie „Santa Clarita Diet“ ist das neuste Beispiel für diese Herangehensweise. Wie bei den bereits erwähnten spielt auch hier Humor eine sehr wichtige Rolle.

Das Ausgangssetting gleicht dem einer typischen Sitcom und arbeitet mit Serienstereotypen. Mit Sheila (Drew Barrymore) und Joel Hammond (Timothy Olyphant) haben wir ein Maklerpärchen, dessen Ehe ein wenig langweilig geworden ist. Die rebellische sechszehnjährige Tochter Abby (Liv Hewson) überrascht ebenso wenig wie der nerdige gleichaltrige Nachbar Eric (Skyler Gisondo), der unter seinem Stiefvater Dan (Ricardo Shavira) leidet. Eines Tages muss sich Sheila bei einer Hausbesichtigung aus heiterem Himmel übergeben – und zwar in einem Ausmaß, das alles andere als normal ist. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich alles, denn Sheila entdeckt nicht nur, dass sie eine Vorliebe für rohes Fleisch entwickelt hat, sondern auch, dass ihre Triebe die Überhand gewinnen und sie ansonsten ziemlich untot ist. Nachdem sie ihren aufdringlichen Arbeitskollegen Gary (Nathan Fillion) angefallen, ausgeweidet und aufgegessen hat, muss sie feststellen, dass gewöhnliches Fleisch nicht mehr ausreicht: Sheila muss sich von möglichst frischen Menschen ernähren. Joel, der seine Frau aufrichtet liebt, bietet ihr seine volle Unterstützung an, und auch Abby lässt ihre Mutter nicht im Stich. Während Eric einem Zombie-Experten noch am nächsten kommt und ebenfalls hinzugezogen wird, findet Dan Garys abgetrennten Finger und beginnt, Verdacht zu schöpfen…

Um eines gleich von vornherein klarzustellen: „Santa Clarita Diet“ ist keine Serie für schwache Mägen und verfügt über einen sehr, sehr schwarzen Humor – der neueste Streich von Netflix ist definitiv nicht für jeden geeignet. Nun, da wir diese Warnung aus dem Weg haben: Ich liebe diese Serie; sie ist zwar weder perfekt noch ein besonderer Meilenstein, hat für mich aber dieses gewisse Etwas. „Santa Clarita Diet“ hat zehn Folgen, die jeweils eine halbe Stunde gehen; ich habe alle innerhalb von zwei Tagen durchgearbeitet, da die Serie ein ungemeines Suchtpotential hat. Dieses entsteht vor allem aus der gelungenen Kombination von Sitcom-Stereotypen mit absurden und abartigen Situationen, mehr oder weniger unerwarteten Twists und höchst bösartigem Humor. Gerade dann, wenn die Serie Gefahr läuft, formelhaft zu werden, schaffen es die Autoren, die Karten durch eine gelungene Wendung neu zu mischen und den Fokus zu verändern. Vor allem zu Beginn konzentriert man sich auf Sheilas Wandlungsprozess, dann auf die Nahrungsbeschaffung – etwa das erste Drittel der Serie ist auch am unappetitlichsten. Im Folgenden werden dann die Mysteryelemente stärker betont, es zeichnet sich eine übergreifende Handlung ab und einige Fragen werden immerhin teilweise beantwortet – der Fokus liegt nun auf den Hintergründen und der Suche nach einem potentiellen Heilmittel.

Noch wichtiger als die Struktur sind allerdings die Darsteller, allen voran Drew Barrymore und Timothy Olyphant. Die Chemie zwischen diesen beiden bzw. ihren Figuren ist exzellent und trägt einen Großteil des Humors. Dieser wird im Verlauf der Serie ein wenig repetitiv, funktioniert aber gerade wegen der beiden Darsteller nach wie vor. Sheila und Joel wirken im Angesicht der Absurdität nicht nur sympathisch, sondern auch authentisch und schaffen es, den völlig durchgeknallten Vorkommnissen ein gewisses Maß an Bodenhaftung zu verleihen. Man ist stets auf ihrer Seite, auch dann, wenn sie ihren nächsten Mord planen (die Opfer haben es im Großen und Ganzen ohnehin nicht besser verdient). Das hat den Nachteil, dass der B-Plot um Abby und Eric etwas schwächelt, allerdings nicht, weil er wirklich uninteressant ist oder die Darsteller schlecht spielen, sondern ganz einfach deshalb, weil man so schnell wie möglich zur Interaktion der beiden Hauptfiguren zurückkehren möchte. Glücklicherweise sind auch die diversen Nebenfiguren äußerst gelungen und herrlich schräg, sodass fast jede Interaktion äußerst gelungen ausfällt.

Fazit: „Santa Clarita Diet“ ist ziemlich bescheuert, ziemlich bösartig, ziemlich absurd und herrlich schräg. Die neue Netflix-Zombieserie nimmt Sitcom-Klischees, weidet sie aus und verspeist sie genüsslich. Wer schon einmal sehen wollte, wie Drew Barrymore dasselbe mit Nathan Fillon macht oder allgemein auf die Kombination aus Untoten und tiefschwarzem Humor steht, sollte der Serie definitiv eine Chance geben.

Trailer

Daredevil Staffel 2

Enthält leichte bis mittlere Spoiler!
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Bei Superschurken gibt es eine einfache Faustregel: Schafft man einem Superhelden einen Widersacher, sollte dieser den Helden in irgend einer Form widerspiegeln. Gerade bei Batman zeigt sich sehr schön, wie so etwas funktionieren kann: So ist der Joker das genaue Gegenteil des Dunklen Ritters, während viele seiner anderen Widersacher einen spezifischen Aspekt Batmans widerspiegeln. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Macher der Marvel/Netflix-Serie „Daredevil“. Dieser Ansatz ist in den Comics freilich bereits vorhanden, die Serie bemüht sich aber besonders stark, dieses Wechselspiel zwischen Held und Schurken herauszuarbeiten. Mit Wilson Fisk funktionierte das in Staffel 1 ausgezeichnet. Die neuen Gegner das Mannes ohne Furcht spiegeln ihn ebenfalls wider, mit dem einen teilt Matt Murdock ein gemeinsames Ziel, mit der anderen eine gemeinsame Vergangenheit. Dennoch funktionieren beide in ihrer Funktion nicht gleich gut…

Handlung
Matt Murdock (Charlie Cox) hat sich als für Gerechtigkeit kämpfender Vigilant Daredevil langsam etabliert, auch wenn sich an ihm nach wie vor die Geister scheiden: Manche meinen, er sei genau das, was Hell’s Kitchen braucht, während andere nur eine gefährliche Ausübung von Selbstjustiz sehen. Diese Ansicht scheint sich zu bestätigen, als ein Nachahmer auftaucht: Frank Castle (Jon Bernthal), auch bekannt als „der Punisher“, räumt unter den Kriminellen New Yorks auf höchst brutale und blutige Weise auf: Wo Daredevil sie nur zusammenschlägt und der Polizei überlasst, mäht der Punisher seine Opfer ohne Gnade nieder. Somit wird Matt mit den moralischen Dimensionen seines eigenen Handelns konfrontiert und beginnt, seine Aktionen und seinen Ehrenkodex in Frage zu stellen. Schließlich gelingt es ihm dennoch, Castle dingfest zu machen. Während Matt und sein Partner Foggie Nelson (Elden Henson) schließlich sogar Castles Verteidigung vor Gericht übernehmen, um hinter das Geheimnis seiner Vergangenheit, das besonders Karen (Deborah Ann Woll) interessiert, zu kommen, taucht eine Gestalt aus Matts Vergangenheit auf. Elektra Natchios (Élodie Yung) und ihr mysteriöser Kreuzzug gegen einen noch mysteriöseren Feind ziehen bald Matts Aufmerksamkeit auf sich. Und schon bald zeigt sich, dass Elektra für ihre Freunde genauso gefährlich ist wie für ihre Feinde…

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Frank Castle, der Punisher (Jon Bernthal)

Umsetzung
Formal und handwerklich gibt es auch an der zweiten Staffel von „Daredevil“ kaum etwas auszusetzen: Die Atmosphäre stimmt, die Action und die Kampfchoreographien sind nach wie vor vom Feinsten und auch die Darsteller wissen durchweg zu überzeugen. Leider gelingt es Staffel 2 dennoch nicht, den extrem hohen Standard zu erreichen, den Staffel 1 etabliert hat, was vor allem an erzählerischen und konzeptionellen Schwächen liegt. Staffel 1 war auf narrativer Ebene exzellent, die Autoren erzählten ihre Geschichte schnörkellos, alle Aspekte griffen wie die Zahnräder einer Uhr ineinander, sodass sie wie aus einem Guss wirkte. Staffel 2 ist dagegen sehr viel zerfaserter, es gibt zwei Handlungsstränge, die mehr oder weniger parallel laufen, aber nicht besonders gut ineinander greifen. Somit hat Staffel 2 ihre Höhen und Tiefen. Leider sammeln sich die Höhen im einen Handlungsstrang, während der andere einfach nicht zu überzeugen weiß. Elektra und ihr Kampf gegen die Hand ziehen hier eindeutig den Kürzeren. Ich möchte allerdings betonen, dass das nicht an Élodie Yung liegt, die die Figur definitiv besser spielt als Jennifer Garner. Ihr Handlungsstrang ist einfach nicht besonders gut geschrieben und auch nicht besonders spannend, ihre Beziehung zu Matt mäandert eher dahin und man beginnt sich zu fragen, weshalb Matt zulässt, dass ihretwegen sein Privatleben auseinanderfällt. Das ist ein weiterer Aspekt, der mir nicht besonders gefällt: Dieses Auseinanderfallen geschieht für meinen Geschmack zu früh und wird zu nebensächlich abgehandelt. Viel lieber hätte ich in diesem Zusammenhang eine, wenn auch eher freie, Adaption von Frank Millers und David Mazzucchellis „Daredevil: Auferstehung“ gesehen. Herausragend dagegen ist der Punisher und alles, was mit ihm zusammenhängt. Hier findet Staffel 2 zu den Stärken von Staffel 1 zurück und zeigt wie eine grimmige, düstere Superheldengeschichte funktioniert (Notizen gemacht, Warner?). Gerade hier zeigt sich, wie gut Matt Murdock und Frank Castle als Widersacher funktionieren: Beide haben dasselbe Ziel, aber ihre Methoden und ihre Moralvorstellungen unterscheiden sich fundamental. Dieser Konflikt ist im Superheldenbereich zwar nun nicht neu, funktioniert aber immer wieder exzellent, besonders, wenn er so gut umgesetzt ist wie hier. Jon Bernthal muss natürlich ebenfalls ausgiebig gelobt werden, der aus „The Walking Dead“ bekannte Darsteller spielt Frank Castle herausragend und übertrifft sowohl Ray Stevenson als auch Thomas Jane (die beide in der Rolle eine durchaus gute Figur gemacht haben) mühelos. Das Highlight der Staffel war für mich allerdings die allzu kurze Rückkehr Wilson Fisks. Vincent D’Onofrio dominiert in seinem kurzen Auftritt gnadenlos und zeigt, wie sehr Staffel 2 ein zusammenhängendes Element, wie es Fisk in Staffel 1 war, fehlt.

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Elektra Natchios (Élodie Yung)

Fazit: Die zweite Staffel von „Daredevil“ ist zwar durchaus gelungen, kommt aber an die fast perfekte erste Staffel nicht heran. Wo Staffel 1 mit fast allen anderen Serien des Genres den Boden aufwischt, ist Staffel 2 ein qualitatives Auf und Ab: Der Handlungsstrang um den Punisher und seinen Ein-Mann-Feldzug gegen das Verbrechen knüpft an die Qualität von Staffel 1 an, Elektra und ihr Krieg gegen die Hand tun dies leider nicht.

Siehe auch:
Daredevil Staffel 1

Game of Thrones Staffel 6

Enthält die volle Ladung Spoiler!
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Für die GoT-Staffeln 3, 4 und 5 schrieb ich seinerzeit umfassende Episodenreviews, während ich bei Staffel 6 darauf verzichtet habe. Das hat zwei Gründe: Zum einen war ich von Staffel 5 nicht wirklich begeistert und zum anderen sind besagte Reviews sehr zeitintensiv. Aus diesem Grund folgt nun, da die Staffel komplett ist, dieser ausführliche Artikel. Wir befinden uns im Hinblick auf die Staffel an einem interessanten Punkt. Staffel 5 adaptierte (für mich leider eher mäßig) „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“. Da „The Winds of Winter“ (mit Ausnahme einiger Kapitel, die George R. R. Martin auf seinem Blog veröffentlichte oder auf Conventions vorlas) immer noch nicht erschienen ist, begibt sich die Serie nun erstmals völlig auf Neuland und folgt keiner Vorlage mehr. Es sind noch George R. R. Martins Figuren, aber es ist nicht mehr seine Geschichte – das könnte als Leitsatz dieses Artikels fungieren. Fakt ist allerdings: Wie viel von Martins Geschichte übrig ist, wie viel er den Serienschöpfern David Benioff und D. B. Weiss verraten hat, ist nicht wirklich klar. Staffel 6 gibt Antworten auf viele Fragen, aber sind es die Antworten Martins oder doch die der Serienschöpfer? In Bezug auf einige Dinge haben Benioff und Weiss erklärt, sie stammten tatsächlich von Martin, etwa was Melisandres Alter und wahre Erscheinung oder die Bedeutung von Hodors Namen angeht. Die Antwort auf die Frage, wie viel Martin tatsächlich noch in Staffel 6 steckt, kann erst mit „The Winds of Winter“ und/oder „A Dream of Spring“ beantwortet werden.

Words Are Wind
Die Eigenständigkeit von Staffel 6 gilt jedoch mit Einschränkungen, denn einige Aspekte stammen tatsächlich noch aus den bereits erschienenen Romanen oder aus veröffentlichten Winter-Kapiteln. Das betrifft primär Jaime Lannisters Ausflug in die Flusslande. Nachdem Cersei nach Lord Tywins Tod die Macht in King’s Landing übernimmt und den Kleinen Rat mit Ja-Sagern füllt, schickt sie im Roman wie in der Serie Jaime von ihrer Seite, weil er ihr unangenehm wird. In der Serie soll Jaime Myrcella aus Drone retten, eine Mission, die zum schlimmsten Handlungsstrang der Serie wurde, platt, schlecht geschrieben, uninteressant und langweilig. In „A Feast for Crows“ dagegen begibt sich Jaime in die Flusslande, um die letzten Tully-Loyalisten zu besiegen und Riverrun, das vom Blackfish gehalten wird, zurückzuerobern. Diese Ereignisse werden nun, wenn auch stark verkürzt, nachgeholt.

Darüber hinaus greift die Serie noch einige andere Aspekte der Romane auf, die bislang nicht berücksichtigt wurden. Großmaester Pycelle stirbt im Epilog von „A Dance with Dragons“, ermordet von Kindern – diese folgen im Roman allerdings nicht Qyburns, sondern Varys‘ Befehl. Die Folgen von Aryas Blindheit wird darüber hinaus noch im letzten Roman thematisiert, wenn auch detaillierter und mit unterschiedlichen Ereignissen. Zu Pastete verarbeitete Freys tauchen in „A Dance with Dragons“ ebenfalls auf, wenn auch in völlig anderem Kontext (Ramsays Hochzeit, der Schuldige ist Lord Wyman Manderly und Lord Walder selbst ist nicht zugegen), und schließlich setzt die Serie nun auch eine Rückblicksszene bzw. Erinnerung um: Während Eddard Stark in „A Game of Thrones“ nach seiner Auseinandersetzung mit Jaime Lannister auf dem Krankenbett liegt, erinnert er sich an den „Tower of Joy“ und das letzte Gespräch mit seiner Schwester Lyanna, bei dem er ihr etwas verspricht (als Leser erfährt man nicht was, aber man kann es sich denken). In Staffel 6 sieht Bran besagte Szene durch seine Gaben, hier wird allerdings geklärt, was es mit dem Versprechen auf sich hat. Gleichzeitig wird die Fantheorie bestätigt, dass Jon Snow nicht der Bastard von Eddard Stark, sondern tatsächlich der Sohn von Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen ist – zumindest für die Serie.

Heartsbane
Eigentlich könnte man Sams und Gillys Handlungsstrang ebenfalls noch zu den adaptierten Elementen rechnen. In „A Feast for Crows“ fahren die beiden per Schiff über Braavos nach Oldtown, damit Sam Maester werden kann und Gilly samt Kind bei Sams Familie auf Horn Hill unterkommt. Einige der Ereignisse dieser Reise, etwa der Tod von Maester Aemon, wurden bereits in Staffel 5 umgesetzt, mit Castle Black als Schauplatz. Der Ausflug nach Braavos und das Zusammentreffen mit Arya wurden gestrichen, stattdessen geht Sam zusammen mit Gilly nach Horn Hill, um anschließend von dort aus nach Oldtown zu fahren. Das hat zur Folge, dass wir als Zuschauer Randyll Tarly (James Faulkner), Sams Vater kennen lernen. Zwar sind die Szenen in Horn Hill serienspezifisch, Lord Tarly taucht aber auch in „A Feast for Crows“ auf, um Brienne das Leben schwerzumachen. Insgesamt denke ich, dass die Figur sehr gut umgesetzt ist: Im Buch wie in der Serie ist Randyll Tarly ein ziemlich engstirniges Arschloch. Martin zeichnet ihn ein wenig subtiler als Benioff und Weiss, aber davon abgesehen ist er gut getroffen.

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Lord Randyll Tarly (James Faulkner)

Sams Diebstahl des Familienschwertes aus valyrischem Stahl namens Heartsbane (wir erinnern uns an die Folge „Hardholm“: Valyrischer Stahl kann Weiße Wanderer töten) ist ein netter Akt der Emanzipation, auch wenn man sich fragt, ob Lord Tarly nicht ein wenig besser auf diese Klinge achtgeben würde. Wie auch immer, Sams Handlungsstrang in dieser Staffel endet dort, wo auch sein Handlungsstrang in „A Feast for Crows“ endet: In Oldtown, in der Citadel, wo er sich anschickt, ein Maester zu werden. Als bibliophiler Mensch, der ich nun einmal bin, hat mir die Einstellung der Bibliothek besonders gut gefallen.

Unbowed, Unbent, Unbroken
Oh, Dorne. Der allgemein unbeliebteste Handlungsstrang der letzten Staffel; Benioff und Weiss haben es hier geschafft, eine interessante Kultur zu ruinieren und aus einem hochinteressanten politischen Ränkespiel einen Idiot Plot erster (bzw. letzter) Güte zu konstruieren, dem jeglicher Sinn und jegliche Logik fehlt. Das Beste, was sich über Dorne in Staffel 6 sagen lässt, ist, dass Ellaria und die Sandschlangen nur in der ersten und letzten Folge auftauchen. Logischer wird es leider nicht: In „The Red Woman“ sind Obara und Nymeria plötzlich unerklärlicherweise auf Trystanes Schiff und töten ihn, während Ellaria und Tyene Doran Martell ermorden und in Dorne die Macht übernehmen. Bei aller Liebe, das ist völlig hirnverbrannt und entbehrt jeglicher Logik. Ja, in Dorne ist man Bastarden und Frauen gegenüber aufgeschlossener als im Rest der Sieben Königslande, und ja, Doran Martell hat vielleicht gerade nicht den besten Ruf. Aber es ist völlig irrsinnig zu glauben, dass Bastarde auf diese Weise einfach die Macht übernehmen könnten, nachdem sie den amtierenden Fürsten getötet haben. Bestenfalls würde das Land nach einer derartigen Tat in Anarchie versinken, da es keinen rechtmäßigen Erben gibt. Hier wird das feudale System zugunsten eines idiotischen Plots völlig ausgeklammert. In „The Winds of Winter“ (Folge 10 von Staffel 6, nicht der unveröffentlichte Roman) schließt sich Dorne unter Ellarias Führung schließlich mal eben schnell Daenerys an. Damit hat sich Dorne als Schauplatz wohl erst einmal erldeigt, es sei denn, Daenerys benutzt es in der nächsten Staffel als Basis für ihren Eroberungsfeldzug.

Intermezzo: Chicken
Als angekündigt wurde, dass Ian McShane in Staffel 6 eine Gastrolle spielen würde, begann das Spekulieren, das sich als müßig erwies, da er eine neue Figur namens Bruder Ray verkörpert. Burder Ray ist Teil eines… interessanten Inzermezzos in Episode 7 der sechsten Staffel mit dem Titel „The Broken Man“. In dieser Folge stellt sich heraus, dass Sandor Clegane, der Bluthund, den Arya Stark in der letzten Folge der vierten Staffel sterbend zurückließ, noch ziemlich quicklebendig ist und einer kleinen Gemeinde, angeführt von Bruder Ray, dabei hilft, eine Septe zu bauen. Offenbar hat er der Gewalt mehr oder weniger abgeschworen.

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Bruder Ray (Ian McShane)

Unter Buchfans existierte schon lange die Theorie, Sandor Clegane habe überlebt. In „A Feast for Crows“ landen Brienne und Pod auf ihrer Reise durch die Flusslande auf einer Art „Klosterinsel“ des Glaubens; dort finden sie einen sehr großen, schweigsamen Totengräber, der Sandor Clegane sein könnte. Diese Theorie wird durch die Anwesenheit von Cleganes Pferd Fremder bestärkt. Auch weiß der „Klostervorsteher“, der als Vorbild für Bruder Ray fungiert haben könnte, erstaunlich viel über den Bluthund. Einer beliebten Fantheorie zufolge wird Sandor Clegane in „The Winds of Winter“ in Cersei Lannisters Gottesurteil gegen seinen eigenen, von Qyburn verfrankensteinten Bruder Gregor antreten. Als ich „The Broken Man“ sah, dachte ich, dass dies auch in der Serie der Fall sein würde, es stellte sich aber als eine der wenigen Fantheorien heraus, die Staffel 6 nicht bestätigt. Bislang ist das Intermezzo relativ folgenlos geblieben: Ehemalige Anhänger der Bruderschaft ohne Banner töten Bruder Ray und seine Gemeinde, was Sandor nicht besonders gut verkraftet. Es kommt schließlich zu einem Wiedersehen mit Beric Dondarrion und Thoros von Myr (Ersterer wurde in den Romanen von der untoten Catelyn Stark als Anführer der Bruderschaft abgelöst; damit dürfte klar sein, dass es in der Serie dazu sicher nicht mehr kommen wird), die es schaffen können, Sandor für ihre Sache zu rekrutieren. Gemeinsam wollen sie nach Norden ziehen; vermutlich kommt es in der nächsten Staffel zu Begegnungen mit Jon Snow, Melisandre und/oder Sansa – besonderes Letztere könnte interessant werden.

A Thousand Eyes and One
Nachdem er eine Staffel Pause gemacht hat, ist Bran Stark nun zurück und lernt von Lord Brynden Rivers, alias Bloodraven, alias Dreiäugige Krähe (nun nicht mehr, wie in der letzten Folge der vierten Staffel, von Struan Rodger, sondern von Max von Sydow dargestellt) die Grünseherei. Wie schon in den Romanen erinnert das Setting an Luke Skywalkers Dagobah-Aufenthalt in Episode V. Die Star-Wars-Assoziationen werden noch durch Max von Sydow verstärkt, der eine Obi-Wan-artige Figur spielt (inklusive Tod des Mentors) und darüber hinaus, wenn auch nur kurz, in „Das Erwachen der Macht“ als Lor San Tekka zu sehen war.

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Die dreiäugige Krähe (Max von Sydow) unterrichtet Bran Stark (Isaac Hempstead-Wright)

Während Bran in den Romanen in der Lage war, durch die Augen der Wehrholzbäume zu sehen und so Zeit und Raum zu überwinden, ist er in der Serie nicht an die Wehrholzbäume gebunden und kann offenbar zu jedem Ort seiner Wahl reisen. Das erlaubt den Machern, mehrere Rückblicke einzubauen und mehrere Fragen zu beantworten, die uns Fans schon lange plagen. So sehen wir unter anderem, dass es sich beim ersten Weißen Wanderer, dem sogenannten „Night King“, um einen Menschen handelt, der von den Kindern des Waldes durch ein Blutopfer verwandelt wurde, um als Waffe gegen die einfallenden Ersten Menschen zu dienen. Das Geheimnis von Hodors Name und Kondition wird kurz vor seinem Tod enthüllt („Hold the Door“) und die Frage, wer Jon Snows Eltern sind, wird, wie oben bereits erwähnt, beantwortet. Schließlich gelingt es dem Night King, in das geheime Versteck der Krähe einzubrechen und diese zu töten, wodurch Bran sein Nachfolger wird. An dieser Stelle greifen Benioff und Weiss ein weiteres Element der Romane auf: Ein mysteriöser, vermutlich untoter Reiter in der Kleidung der Nachtwache, der sich als Benjen Stark entpuppt, taucht auf und rettet Bran und Anhang (in „A Storm of Swords“ rettet er allerdings Sam und Gilly und bringt Bran, Meera, Jojen und Hodor zu Brynden Rivers, während seine Identität nie enthüllt wird). Eine weitere Stark-Wiedervereinigung wird somit sehr wahrscheinlich.

We Do Not Sow
Noch eine Gruppe von Figuren, die eine Staffel lang Pause gemacht hat. Zum letzten Mal haben wir Yara (bzw. Asha) in Staffel 4 gesehen, als sie versuchte, Theon aus Ramsays Klauen zu befreien. Ihr Handlungsstrang aus „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ wurde aus Staffel 5 komplett entfernt. Einige Elemente werden nun hier nachgeholt, die meisten wurden jedoch völlig verändert. In der Serie wie in der Vorlage stirbt Balon Greyjoy (bei Martin sogar noch vor der Roten Hochzeit), was zur Folge hat, dass der Königsthing von Balons jüngstem Bruder, dem zum Priester gewordenen Aeron (Michael Feast) einberufen wird, der Balons Bruder Euron (Pilou Asbæk) zum König der Iron Islands wählt, während Yara/Asha übergangen wird. So viel zu den Gemeinsamkeiten. In der Serie fehlen allerdings einige signifikante Faktoren, primär Balons dritter Bruder Victarion. Dafür ist Theon Greyjoy in der Serie zugegen, nachdem er Sansa geholfen hat und dann per Expressschiff nach Pyke gefahren ist. Und während Asha nach dem Königsthing im Norden eine eroberte Burg hält und später als Kriegsgefangene von Stannis Baratheon endet, begeben sich Theon und Yara mit ihren Getreuen gen Osten und schließen sich Daenerys an, da ihr Onkel ihnen nach dem Leben trachtet.

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Euron Geryjoy (Pilou Asbæk)

Ich bin mit der Umsetzung dieses Handlungsstranges ehrlich gesagt nicht besonders zufrieden, was vor allem an der Besetzung Euron Greyjoys liegt. Pilou Asbæk passt für mich überhaupt nicht in die Rolle des charismatischen, mysteriösen Piraten, den George R. R. Martin beschreibt; dafür hätte es jemanden wie Mads Mikkelsen gebraucht. Asbæk hätte perfekt zum geschnittenen Victarion gepasst. Auch geht alles ziemlich schnell und wirkt irgendwie sehr klein. Die Iron Islands sind nun nicht die prächtigste Gegend von Westeros, aber in den Romanen hatte man dennoch das Gefühl, dass hier ein bedeutendes Ereignis stattfindet, dem alle wichtigen Bewohner der Iron Islands samt Gefolge beiwohnen. In der Serie laufen beim Königsthing höchstens zehn bis zwanzig Leute herum.

I Am No One
Arya wird nach wie vor von den Männern und Frauen ohne Gesicht trainiert, bzw. von dem Mann und der Frau. Wie bei Martin ist sie vorübergehend blind und erlangt im weiteren Verlauf ihre Sehkraft wieder – ein weiterer Aspekt, der noch aus den Büchern stammt. Das Problem in der Serie: Aryas Ausbildung mäandert so vor sich hin und ist einfach nicht interessant, während sie in den Büchern tatsächlich auf abwechslungsreiche Missionen geschickt wird. Erst, als sie in der Serie den Auftrag erhält, eine bestimmte Schauspielerin namens Lady Crane (Essie Davis) zu töten, kommt ein wenig Leben in ihren Handlungsstrang. Besagte Schauspielerin ist nämlich Teil eines Ensembles, das ein Theaterstück aufführt, das auf den Ereignissen in Westeros basiert und dem Ganzen eine schöne Metaebene hinzufügt. Nicht von ungefähr erinnert das Stück an Shakespeares Verarbeitung der Rosenkriege. Im Stück tritt Tyrion als Schurke á la Richard III. auf, eine historische Persönlichkeit, die durch die Geschichtsschreibung der Tudors im Allgemeinen und William Shakespeares gleichnamiges Stück im Besonderen als einer DER machiavellistischen Schurken der Weltliteratur gilt. Tatsächlich basiert Tyrion zumindest teilweise auf Richard III., der in der Realität gar nicht so übel war, zwar durchaus intelligent und rücksichtslos, aber bei weitem nicht das tyrannische Monster, als das Shakespeare ihn zeichnet. Die Idee für dieses „Stück im Stück“ stammt übrigens von Martin selbst, es ist Teil eines im Vorfeld veröffentlichten Arya-Kapitels aus „The Winds of Winter“.

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Lady Crane (Essie Davis) spielt Cersei Lannister

Wie dem auch sei, das Stück veranlasst Arya dazu, Jaqen H’Gars Anweisungen und Methoden zu hinterfragen. Nach einer Auseinandersetzung mit der Herrenlosen („the Waif“) hört sie schließlich auf, Niemand zu sein und nimmt ihre alte Identität wieder an, um in der letzten Folge mal eben kurz Walder Frey zu töten. Das bringt mich zu einem verwandten Thema: Reisewege werden in dieser Staffel fast völlig ausgeklammert. Selbst unter Berücksichtigung der von Autoren und Produzenten getätigten Aussage, dass die Handlungsstränge nicht synchron verliefen, passt das alles nicht so recht. Dass die Schlusszene der letzten Folge, in der Daenerys‘ Flotte gen Westeros segelt, zeitlich von den anderen Ereignissen der Episode entfernt ist, kann ich noch akzeptieren (in der Flotte sind dornische Schiffe, was erklären würde, wie Varys von Dorne wieder zu Daenerys gekommen ist), aber das Tempo, in dem sich Littlefinger bewegt, legt nahe, dass er ein Jet-Pack besitzt – bereits seit Staffel 2 eine beliebte Fantheorie.

The North Remembers
Am Ende von Staffel 5 stapelten sich die Cliffhanger im Norden regelrecht: Stannis Armee wurde von den Boltons besiegt, er selbst von Brienne getötet, während Sansa und Theon entkommen konnten und Jon Snow von seinen eigenen Brüdern ermordet wurde. Besonders Letzteres geisterte ausgiebig durch die Medien und allen Beteiligten wurde die Frage gestellt: „Ist Jon Snow wirklich tot?“ Das ist natürlich die falsche Frage, sie müsste eigentlich lauten: „Bleibt Jon Snow tot?“ Und natürlich bleibt er das nicht, schließlich ist Melisandre im Nebenzimmer. Ob es wirklich sie war, die Jon Snow wiedererweckt hat, oder ob es auch mit einem getöteten Schattenwolf zusammenhängt, wurde im Fandom heftig debattiert, von der Serie aber nicht aufgeklärt – letztendlich ist es auch irrelevant. Die Fronten klären sich im Norden endgültig: Nach Stannis‘ Tod wird Ser Davos Seaworth zu Jon Snows rechter Hand, Sansa erreicht sicher die Mauer, es kommt zur Wiedervereinigung von Halbbruder und Halbschwester und Tormund macht Brienne schöne Augen. Ramsay bekommt derweil noch einmal ausreichend Gelegenheit dazu, sich so richtig fies zu verhalten, u.a. in dem er seinen eigenen Vater tötet, so ziemlich die einzige Person, die ihn noch kontrollieren könnte, und auch gegenüber Walda Frey, Rickon Stark und Osha verhält er sich sehr Ramsay-typisch. Mal ehrlich: Langsam aber sicher wiederholt man sich an dieser Front viel zu sehr, wir wissen schon seit Staffel 3, was für ein Monster Ramsay ist, wir müssen nicht alle zwei Folgen daran erinnert werden.

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Jon Snow (Kit Harrington) im Getümmel der Schlacht

Die nördlichen Handlungsstränge gipfeln alle schließlich in einer Schlacht, die den (oder zumindest einen) dramatischen Höhepunkt dieser Staffel darstellt, ganz ähnlich wie in den Staffeln 2 und 4. Jon Snow, die Wildlinge und einige Häuser des Nordens, primär die Mormonts, stehen auf der einen Seite, Ramsay und einige andere auf der anderen. Die Schlacht der Bastarde vor den Mauern Winterfells ist optisch beeindruckend und vermittelt ausgezeichnet die Klaustrophobie eines solchen Ereignisses. Gleichzeitig gibt es aber auch einige Aspekte, die mich genervt haben. Da wäre zum einen Jon Snows völlig kopfloses Verhalten und zum anderen die Tatsache, dass schon wieder am Ende die Kavallerie auftaucht, um den Tag zu retten. Gut, es war abzusehen, aber dennoch. Jedenfalls wird Ramsay nach seiner Niederlage von seinen eigenen Hunden gefressen, das Stark-Banner weht wieder über Winterfell und Jon Snow wird von den Lords des Nordens zum König im Norden erhoben – kommt mir vage bekannt vor. Nach so vielen Staffeln, in denen es mit den Starks bergab ging, kann man ihnen durchaus ein wenig Erfolg gönnen (dass Rickon tot ist, scheint niemanden groß zu interessieren). Wir werden sehen, ob Jon Snow als König mehr Erfolg hat als Robb Stark.

The Lannisters Send Their Regards
Zu Anfang von Staffel 6 ist Cersei am Ende: Sie wurde öffentlich gedemütigt und verfügt über keinerlei Macht mehr. Und es kommt noch schlimmer: Dem Hohen Spatz gelingt es, ihren Sohn Tommen auf seine Seite zu ziehen. Darüber hinaus will Tommens Kleiner Rat, primär bestehend aus Ser Kevan Lannister und Lady Olenna Tyrell, ihr keinerlei Macht oder Kontrolle zugestehen. Bis zum Ende der Staffel sieht das ganz anders aus… Tatsächlich wirkt der Großteil des King’s-Landing-Handlungsstrangs wie ein weiterer, konstanter Abstieg Cerseis, während der Hohe Spatz seine Macht sichert und weiter ausbaut, um das Königreich endgültig zu übernehmen. In der Mitte der Staffel plant Cersei sogar einen Coup, ihr gelingt es, Kevan Lannister und Olenna Tyrell zu überzeugen, Margaery mit Gewalt aus den Klauen Glaubens zu befreien, um einen Marsch der Schande zu verhindern – nur um festzustellen, dass der Hohe Septon es geschaft hat, König und Königin zu seinen Marionetten zu machen. Die Situation wird für die königliche Witwe immer verworrener, also greift sie zu verzweifelten Maßnahmen und tut, was Alexander der Große mit dem gordischen Knoten tat. Als alle Würdenträger des Reiches (inklusive Margaery, Loras und Mace Tyrell, Kevan Lannister und natürlich dem Hohen Spatz) in Baelors Septe versammelt sind, jagt sie sie mithilfe von Seefeuer in die Luft. Umso ironischer, dass Tommen daraufhin Selbstmord begeht und Cersei somit die Schuld am Tod ihres letzten Kindes trägt. Ich persönlich finde, dass das alles etwas zu schnell und einfach geht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Handlungsstrang bei Martin ganz anders verlaufen wird (wenn auch eventuell mit ähnlichem Ausgang), schon allein wegen diverser Faktoren, die in der Serie keine Rolle spielen, etwa der Tod Kevan Lannisters durch Varys und die Landung Aegons VI. Auf der anderen Seite: Sämtliche Cersei-Szenen der letzten Episode sind exzellent inszeniert, Ramin Djawadi hat hier wirklich gelungene Musik geschrieben (primär das Stück Light of the Seven), Atmosphäre, Bildsprache – alles wunderbar gelungen. Ganz allgemein ist die Ironie dieser Entwicklung natürlich köstlich, und das nicht nur, weil Cersei Tommens Tod nun selbst herbeigeführt hat. Mehr denn je erinnert sie in dieser Folge an Aerys Targaryen, der King’s Landing mit Seefeuer zerstören wollte – genau das, was Cersei nun teilweise getan hat. Wird Jaime nun auch zum „Queenslayer“? Wird eine Targaryen die irre Lannister-Königin töten, so wie ein Lannister den irren Targaryen-König getötet hat?

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Cersei aus dem Haus Lannister, die Erste ihres Namens, Königin der Andalen (der Rhoynar) und der Ersten Menschen und Protektor der Sieben Königreiche (Lena Headey)

Apropos Königsmörder: In diesem Zusammenhang ist wohl noch Jaimes kleiner Abstecher in die Flusslande erwähnenswert, in dessen Rahmen wir die Freys und Tullys wiedersehen. Wie bereits erwähnt handelt es sich hier um Material aus den Romanen, das noch nachgeholt wurde, wenn auch stark zurechtgestutzt. Das Ganze funktioniert dennoch relativ gut, weil Jaimes Handlungsstrang in „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ realtiv episodisch verläuft. Ich freue mich, dass diese Elemente der Romane es noch in die Serie geschafft haben, obwohl es sich letztendlich um Füllmaterial handelt und man nicht viel durch das Weglassen verloren hätte.

Fire and Blood
Auch im weit entfernten Meereen gibt es noch etwas Buchmaterial, das es aufzuarbeiten gibt. Der komplexe Daenerys-Handlungsstrang aus „A Dance with Dragons“ wurde in Staffel 5 nur sehr reduziert umgesetzt; während sich die Mutter der Drachen am Ende besagter Staffel an derselben Stelle findet wie ihr Buchgegenstück – umringt von Dothraki – sieht das in Meereen anders aus. Die Stadt wird im Roman von den Streitkräften (bzw. den Sklaven- und Söldnerheeren) von Yunkai, Astapor, Neu Ghis und Volantis belagert. Ser Barristan Selmy, den Benioff und Weiss bereits sehr unrühmlich abgemurkst haben, findet sich als „Hand der Königin“ wieder und muss versuchen, diese chaotische Stadt, die von innen und außen belagert wird, zu regieren. Die Serie setzt diesen Sachverhalt ganz ähnlich um, nur dass es hier Tyrion ist, der mithilfe von Varys, Missandei und Grey Worm die Ordnung aufrecht erhalten muss, während Daario und Jorah nach Daenerys suchen. Wie bei Martin rücken schon bald die Belagerer aus Yunkai und Astapor an, die den Sklavenhandel wieder vollständig einführen wollen. Bei all seiner Gewitztheit gelingt es Tyrion trotz allem nicht, den Angriff auf die Stadt zu verhindern.

Im Gegensatz dazu marschiert Daenerys fast schon von Erfolg zu Erfolg. Sie wird von den Dothraki nach Vaes Dothrak gebracht, wo sie Teil der Dosh Khaleen, der Khals-Witwen werden soll, worauf sie allerdings keine Lust hat. Mit der Hilfe Jorahs, Daarios und einiger Dosh Khaleen schafft sie es, die regierenden Khals zu töten, einen ähnlichen Auftritt wie in Staffel 1 hinzulegen und so sämtliche Dothraki auf ihre Seite zu ziehen. Dann gelingt es ihr auch mal eben schnell, Drogon völlig zu kontrollieren, sodass sie mit einer weiteren Armee in Meereen einmarschieren und die Sklavenhändler genüsslich grillen kann. Am Ende geht es mit der Flotte der Eisenmänner gen Westeros.

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Daenerys (Emilia Clarke) macht Tyrion (Peter Dinklage) zur Hand der Königin

Auch hier läuft alles für meinen Geschmack ein wenig zu schnell und problemlos. Man kann Benioff und Weiss schon verstehen: Nach so vielen Staffeln wollen sie dem Publikum geben, worauf es wartet (oder worauf sie glauben, dass es wartet). Leider wird hier oftmals die Glaubwürdigkeit und Logik geopfert, vor allem bezüglich der Zähmung Drogons, der auf jedwede Suggestion am Ende von Staffel 5 noch sehr unwillig reagiert hat, während er jetzt plötzlich vollkommen ergeben ist.

Winter Has Come
Die sechste Staffel von „Game of Thrones“ ist für mich außerordentlich schwer zu bewerten. Um eines gleich einmal vorwegzunehmen: Ich mochte sie insgesamt definitiv lieber als Staffel 5. Bei dieser hatte ich stets das Gefühl, dass die Schockmomente inzwischen zum Selbstzweck geworden sind und ohne Rücksicht auf Verluste (oder Logik) umgesetzt wurden. Auch das gnadenlose Eindampfen diverser Handlungsstränge auf ein absolutes Minimum ist mir oftmals sauer aufgestoßen. Staffel 6 arbeitet natürlich mit dem Material aus Staffel 5 weiter, aber gerade in dieser Hinsicht ist es vielleicht von Vorteil, dass sie, mit Ausnahmen, ohne Vorlage agiert und ich keinen Vergleich habe. Somit ist Staffel 6 für mich weitaus weniger frustrierend. Natürlich sterben immer noch viele, viele Leute, aber diese Tode wirken weniger sensationsheischend – wen kümmert schon Rickon Stark?

Darüber hinaus wirkt Staffel 6 auf mich, als versuche man die Fans nun für den langen Aufbau vorheriger Staffeln zu entschädigen, denn plötzlich geht alles verhältnismäßig schnell. Man hat das Gefühl, in fast jeder Folge würde eine wichtige Frage beantwortet oder ein Ereignis treffe ein, auf das man schon lange gewartet hat. Wir erfahren, wer tatsächlich Jon Snows Eltern waren, wie der erste Weiße Wanderer entstand und woher Hodors Name kommt. Mit Ramsay, Walder Frey und dem Hohen Spatz sterben einige der verhasstesten Figuren, Haus Stark gewinnt wieder an Stärke, Daenerys bricht gen Westeros auf etc. Gleichzeitig kann ich mich eines bestimmten Gefühls nicht erwehren, dass mich schon in Staffel 5 beschlich: Es ist George R. R. Martins Welt, es sind George R. R. Martins Figuren (mehr oder weniger), aber es ist nicht mehr George R. R. Martins Geschichte, die hier erzählt wird. Das gewisse Etwas, das „Game of Thrones“ zu einer außergewöhnlichen Serie gemacht hat, fehlt. Komplexität, Konsequenz und Logik wird nun oftmals dem Ausgang geopfert, das Ziel ist wichtiger als der Weg.

Natürlich muss man auch beachten: In „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ wurde Martins Welt von Eis und Feuer immer komplexer. Während in den ersten drei Romanen trotz allem einige klare Handlungsstränge auszumachen waren, drifteten sämtliche Figuren nun immer weiter auseinander, es kamen immer mehr Figurenperspektiven dazu, was das adaptieren nicht gerade einfacher macht. Dennoch ist auffällig, wie viel in dieser Staffel, gerade im Vergleich zu den bisherigen, geschieht und wie schnell es voran geht. Und tatsächlich müsste ich lügen, würde ich sagen, dass es darunter nicht viele Dinge gibt, die auch ich nur allzu gerne sehe. Dennoch, „Game of Thrones“ wirkt nun einfacher – ich will nicht sagen „banaler“, aber doch gewöhnlicher, die Handlung, die Figurenentwicklung etc. gleicht stärker anderen TV-Serien. Eine wirklich endgültige Meinung werde ich wohl erst haben, wenn „The Winds of Winter“ erschienen ist und ich weiß, wie Martin seine Geschichte weitererzählt, ob er dieselben Ziele auf anderem Wege erreicht oder ob seine Handlung in eine völlig andere Richtung steuert.

Davon einmal abgesehen ist „Game of Thrones“ nach wie vor die wohl derzeit opulenteste und optisch beeindruckendste Serie überhaupt, gerade bezüglich Dramatik und Bildsprache (bestes Beispiel, wie erwähnt, ist Folge 10) legen Benioff, Weiss und ihre Regisseure noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Ebenso gibt es bezüglich der Darsteller kaum etwas zu meckern, im Gegenteil. Höchstens die Dornischen sind nach wie vor suboptimal, aber bei zwei kurzen Auftritten fällt das kaum ins Gewicht. Insgesamt definitiv besser als Staffel 5, allerdings merkt man, sowohl in den positiven als auch negativen Aspekten, dass Martin, wenn überhaupt, nur noch marginal an der Serie beteiligt ist und dass Benioff und Weiss seine Geschichte mehr oder weniger hinter sich gelassen haben und ihr eigenes Ding durchziehen.

Blogparade: Best Parent/Child-Relationships

Derzeit schwirren wieder einige interessante Blogparaden durch die Blogger-Sphäre. Bei ein paar musste ich aus Zeitgründen leider passen, aber die eine oder andere möchte ich dann doch wahrnehmen. Amerdale etwa fragt nach den besten Eltern-Kind-Beziehungen (inklusive Adoptiveltern). Um das Ganze für mich noch ein wenig interessanter zu machen, füge ich der ursprünglichen Prämisse ein kleines Adjektiv hinzu: „Best Toxic Parten/Child Relationships“. Also, frisch ans Werk:

Tywin Lannister und Tyrion Lannister („Game of Thrones“)
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In „A Song of Ice and Fire“, bzw. „Game of Thrones“, gibt es viele, viele, viele interessante Eltern/Kind-Beziehungen, von den eher positiven der Starks bis hin zu verstörenden Verhältnissen wie dem von Lysa und Robert/Robin Arryn. Ramsay und Roose Bolton sind dann noch mal ein ganz eigenes Kapitel. Ich habe mich aber für die Dynamik entschieden, die insgesamt am meisten Auswirkungen hat und auch mit Abstand am interessantesten ist. Tywin Lannister ist ein extrem fähiger Feldherr, Herrscher und Manipulator, aber er hat eine große Schwäche: Was seine Kinder angeht neigt er zu Blindheit. Er weigert sich, das Verhältnis zwischen Jaime und Cersei zu bemerken, und ebenso weigert er sich, die Talente von Tyrion wahrzunehmen. Tywin macht Tyrion für den Tod seiner Frau Joana verantwortlich und verachtete ihn, weil er kleinwüchsig und promiskuitiv ist – für Ersteres kann Tyrion nichts, und Letzteres wurde mehr oder weniger von Tywin selbst ausgelöst. Es gibt ein, zwei Momente, in denen Tywin tatsächlich die Talente seines Sohnes anerkennt, vor allem natürlich, als er ihn als sein Stellvertreter nach King’s Landing schickt. Aber insgesamt dürfte es niemanden verwundern, dass diese Vater/Sohn-Beziehung mit Patrizid endet.

Ra’s al Ghul und Talia al Ghul („Batman“)
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Ra’s al Ghul ist ein unsterblicher Terrorist, der 90 Prozent der Erdbevölkerung auslöschen möchte, um die Welt vor dem Virus Mensch zu retten. Die restlichen 10 Prozent möchte er als unangefochtener Herrscher in ein neues, goldenes Zeitalter führen. Stets an seiner Seite ist seine Tochter Talia, die als seine rechte Hand und Stellvertreterin fungiert. Ra’s hat allerdings nicht vor, ewig zu leben, da auch seiner Unsterblichkeit Grenzen gesetzt sind. Er möchte, dass Batman sein Nachfolger wird und seine Tochter heiratet. Und tatsächlich verlieben sich Talia und Batman ineinander – und ab hier wird es interessant. Da Batman starke Probleme mit Mord und Totschlag hat, kann er natürlich nicht dazu bewegt werden, an all dem teilzunehmen und wird so zu Ra’s al Ghuls erbittertstem Feind. Talia ist nun hin und her gerissen zwischen der Treue zu ihrem Vater und der Liebe zu Batman. Diese ganze Dynamik ist hochinteressant und wurde vor allem in „Batman: The Animated Series“ exzellent umgesetzt. Leider lässt hier „The Dark Knight Rises“ zu wünschen übrig, da Talia dort ganz eindeutig als reine Widersacherin Batmans fungiert, die sich zu Beginn nur verstellt und keine echten Gefühle für ihn hat.

Darth Vader/Anakin Skywalker und Luke Skywalker („Star Wars“)
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Natürlich darf die ultimative Fehde zwischen Vater und Sohn hier nicht fehlen. Was soll man sonst noch groß dazu sagen? Vader erfährt erst sehr spät, dass er überhaupt einen Sohn hat, und kurz bevor er Luke die freudige Nachricht überbringt, schlägt er ihm die Hand ab: Wenn das nicht väterliche Liebe ist. Trotzdem endet das Ganze letztendlich gut, denn immerhin entdeckt Vader gerade noch rechtzeitig seine Liebe zu seinem Sohn. Ein dysfunktionales Verhältnis mit Happy-End.

Batman/Bruce Wayne und Robin/Damian Wayne („Batman“)
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Wie die Mutter, so der Sohn. Der 1987 erschienene Batman-Comic „Der Sohn des Dämons“, in dem Batman mit Talia al Ghul einen Sohn zeugt, galt lange als nicht-kanonisch, besagter Sohn taucht lediglich in diversen anderen Geschichten außerhalb der normalen Kontinuität auf, etwa in „Kingdom Come“ unter dem Namen Ibn al Xu’ffasch (Arabisch für „Sohn der Fledermaus“) oder „Bündnis der Batmen“ (hier heißt er Tallant). Erst 2006 wurde er als Damian Wayne dank Grant Morrison Teil der normalen Kontinuität. Die Figur selbst mag ich ehrlich gesagt nicht besonders, aber die Dynamik zwischen Vater und Sohn ist sehr interessant: Da haben wir zum einen Damian, der von Ra’s al Ghuls Liga der Assassinen aufgezogen wurde und keine Hemmungen hat, Gegner zu töten. Auf der anderen Seite ist Batman, dem dieses Verhalten extrem gegen den Strich geht, der sich aber dennoch für Damian verantwortlich fühlt und weiß, dass dieser an seiner Lage eigentlich keine Schuld trägt, weil er von einer Bande von Auftragsmördern erzogen wurde. Damian wird später, sowohl unter Dick Graysons als auch Bruce Waynes Batman, in erster Linie deshalb zu Robin, um ihn zu kontrollieren und ihm die richtigen Werte beizubringen.

Richter Claude Frollo und Quasimodo („Disneys Der Glöckner von Notre-Dame“)
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Wenn der Ziehvater die leibliche Mutter des adoptierten Sohnes tötet und dann vom Erzdiakon moralisch dazu erpresst wird, besagten Sohn großzuziehen, dann ist das nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine gelungene Vater/Sohn-Beziehung. Frollo ist kalt und grausam, versteckt Quasimodo im Glockenturm von Notre-Dame und redet ihm ein, aufgrund seiner Entstellung sei er ein Monstrum und würde in der Welt draußen nie akzeptiert werden. In der Romanvorlage ist Frollo immerhin ein wenig sympathischer und adoptiert Quasimodo tatsächlich aus Mitgefühl. Allerdings benutzt er ihn dann, um Esmeralda nachzustellen. Auch nicht gerade optimal.

Atia und Octavia; Octavius („Rome“)
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Atia von den Iuliern ist eine der zentralen Figuren von HBOs „Rome“ und basiert lose auf der historischen Atia Balba Caesonia, die tatsächlich Nicht von Gaius Iulius Caesar und Mutter von Augustus war, über die sonst aber nicht allzu viel bekannt ist. Sie gilt, im gegensatz zur Serienversion, eher als zurückhaltend und keusch, starb bereits ein Jahr nach Caesar und erlebte somit den Aufstieg ihres Sohnes zum Princeps nicht mit. Die fiktionalisierte Version ist ein intrigantes, opportunistisches und genusssüchtiges Miststück, wird aber von Polly Walker unglaublich unterhaltsam gespielt. Um Macht und Einfluss zu bekommen benutzt Atia alle Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, und dazu gehören auch ihre Kinder: Sie ruiniert die Ehe ihrer Tochter Ocatvia und versucht, sie an Pompeius Magnus zu verschachern, schickt ihren Sohn Octavius auf eine gefährliche und im Grunde sinnlose Mission nach Gallien und manipuliert beide emotional, wo und wie sie nur kann. Als Octavius dann später zu einem kalten, berechnenden und manipulativen Herrscher wird, fragt sie sich auch noch ernsthaft, was sie falsch gemacht hat.

Darkseid und Orion („Fourth World“)
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Seit ewigen Zeiten lagen die Götter der Planeten New Genesis (paradisische Welt) und Apokolips (höllisches Gegenstück) miteinander im Streit. Schließlich entschlossen sich die beiden Anführer, Highfather und Darkseid, zu einem Friedensvertrag. In dessen Rahmen tauschten sie ihre Söhne aus. So wurde Orion auf New Genesis großgezogen, ist aber geprägt von seinem finsteren Erbe, einem tiefen Zorn und der Lust am Krieg. Dieses Erbe kanalisiert er im Kampf gegen seinen Vater und die Horden von Apokolips. Tatsächlich wurde ihm prophezeit, dass er es einst sein würde, der Darkseid tötet. Die Rivalität besteht bereits, seit Jack Kirby die New Gods in den 60ern für DC Comics erfand. Ein besonders interessanter Ausgang ihres Konflikts findet sich in  „Kingdom Come“, einer alternativen Zukunftsvision: Dort hat Orion es geschafft, Darkseid niederzustrecken. Er übernimmt die Herrschaft über Apokolips und muss schließlich feststellen, dass er seinem Vater immer ähnlicher wird.

Magneto/Erik Lehnsherr und Scarlet Witch/Wanda Maximoff; Quicksilver/Pietro Maximoff („X-Men“)
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Ich beziehe mich hier in erster Linie auf die Comics, da es in den Filmen diesbezüglich kaum Material gibt: In „Avengers: Age of Ultron“ tauchen die Zwillinge zwar auf, sind aber (schon aus rechtlichen Gründen) weder Mutanten noch Magnetos Kinder, während in „X-Men: Days of Future Past“ zwar angedeutet wird, dass Quicksilver Magnetos Sohn ist, aber dabei wird es belassen. Die Beziehung zwischen dem Vater und den Zwillingen ist sehr, sehr wechselhaft: Zu Anfang kämpfen sie in seiner Bruderschaft der Mutanten, später sind sie sogar Mitglieder der Avengers und arbeiten auch öfter gegen Magneto. Ebenso wechselhaft ist die private Beziehung: Mal ist Magento fast schon fürsorglicher Vater, mal ist er kalt, unnahbar und setzte seine Kinder gnadenlos für seine Zwecke ein. Und dann kann es hin und wieder passieren, dass Scarlet Witch durchdreht, mit ihren Kräften die Realität verändert und Magneto selbst sie aufhalten muss. Eine wirklich bewegte Familiengeschichte.

Mutter Gothel und Rapunzel („Tangeld“)
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Die Beziehung von Gothel und Rapunzel ähnelt der von Frollo und Quasimodo: Auch Gothel versucht um jeden Preis zu verhindern, dass Rapunzel mit der Außenwelt in Kontakt gerät. Im Gegensatz zu Frollo, der dies eher aus psychologischen Gründen tut, sind ihre Absichten handfester: Rapunzels magische Haare sorgen dafür, dass jung bleibt, und sie möchte absolut nicht teilen. Auch ihr Vorgehen ist etwas subtiler als Frollos. Manchmal hat sie zwar gewisse Arschlochtendenzen, aber im Großen und Ganzen heuchelt sie vor, Rapunzel tatsächlich zu lieben, ihr wahres Gesicht zeigt sie erst, als es ernst wird.

Odin und Loki („Thor“)
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Ein weiteres Verhältnis zwischen Adoptivvater und -sohn, das nicht besonders idyllisch ist: Der vom König der Götter adoptierte Eisriese, der glaubt, selbst Ase zu sein und einen Hass auf seine eigene Art entwickelt. Während Loki gemeinhin der ist, der als Schurke verstanden wird, ist Odin nun auch nicht unbedingt der beste Vater, zumindest für seinen Adoptivsohn. Vor allem in den MCU-Filmen wirkt dieser familiäre Konflikt wirklich, als käme er von Shakespeare, was wohl daran liegt, dass sowohl Loki als auch Odin von ausgebildeten Thespianern gespielt werden.

The Vampire Diaries

Halloween 2015
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Da dieser Artikel alle sechs vollständigen Staffeln bespricht, sind Spoiler unvermeidbar. Ich habe mich allerdings bemüht, eher einzelne Beispiel zu geben statt Handlungsverläufe ausgiebig darzustellen!

Ordnen wir einmal die drei populärsten Vampirmedien der letzten Jahre auf einer Skala an: Wenn sich „Twilight“ am einen Ende des Spektrums befindet und „True Blood“ am anderen, dann ist „The Vampire Diaries“ ziemlich genau in der Mitte – und das in mehr als einer Hinsicht. Als die erste Staffel 2010 zum ersten Mal auf ProSieben ausgestrahlt wurde, habe ich mir die ersten beiden Folgen angesehen, war aber wenig begeistert, weil das Ganze bei mir zu viele Twilight-Assoziationen geweckt hat, weshalb ich beschloss, lieber bei „True Blood“ zu bleiben. Diese erste Einschätzung werde ich nun ein wenig revidieren müssen, da ich mich im Rahmen meines Artikels zu „Interview mit einem Vampir“ recht intensiv mit der Lestat/Louis-Dynamik beschäftigt habe, die auch in „The Vampire Diaries“ eine wichtige Rolle spielt. Und da die Serie ohnehin auf Amazon Prime verfügbar ist…

Beim Anschauen habe ich einige Dinge festgestellt: Die ersten drei, vier Episoden sind tatsächlich immer noch recht Twilight-ähnlich, danach nimmt die Serie allerdings an Fahrt auf, wird sehr viel interessanter und lässt Stephenie Meyers Glitzervampire ziemlich schnell hinter sich. Auch hat die Serie (zumindest auf mich) eine äußerst süchtig machende Wirkung. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass ich in der Zwischenzeit auf dem aktuellen Stand bin. Wie jede andere Serie hat natürlich auch „The Vampire Diaries“ diverse Höhen und Tiefen.

Konzeption
Gerade in diesem Bereich wirkt „The Vampire Diaries“ wirklich wie eine Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“: Einerseits haben wir das High-School-Setting und das eigentlich normale Mädchen, das die Aufmerksamkeit übernatürlicher Wesen erweckt. Andererseits erinnert die Art und Weise, wie die Vampirbrüder Stefan (Paul Wesley) und Damon (Ian Somerhalder) sich beide in Elena Gilbert (Nina Dobrev) verlieben, stärker an „True Blood“. Wie Sookie Stackhouse lässt sich auch Elena zuerst mit dem „guten“ Vampir (hier Stefan, in „True Blood“ Bill Compton) ein, und dann mit dem „bösen“ (Damon und Eric Northman). Die diversen sonstigen vampirischen Verstrickungen, von den ganzen anderen übernatürlichen Kreaturen, Hexen, Werwölfe, Geister etc. gar nicht erst zu sprechen, erinnern ebenfalls an „True Blood“. Auch bezüglich des Härtegrads liegt TVD genau in der Mitte: „Twilight“ ist zahnlos und blutleer, „True Blood“ in Sachen Sex und Gewalt sehr explizit (HBO halt). TVD ist an die Begrenzungen eines öffentlichen Senders wie The CW gebunden, das heißt keine Nacktheit und keine allzu derben Ausdrücke, aber in Sachen Blut und Gewalt kommt schon das eine oder andere vor, was auch gerechtfertigt ist: Eine Vampirserie, in der kein Blut zu sehen ist, macht etwas falsch.

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Insgesamt lässt sich trotzdem nicht leugnen, dass ich nicht unbedingt zur Hauptzielgruppe gehöre; der Fokus liegt schon in erster Linie auf den diversen romantischen Verstrickungen. Aber, ähnlich wie bei „True Blood“ und anders als bei „Twilight“, sind diese letztendlich ein wichtiges, aber nicht das einzige Handlungselement, die Figuren besitzen (mal mehr, mal weniger nachvollziehbare) Motivationen, die Antagonisten werden meistens vernünftig aufgebaut und tauchen nicht einfach irgendwann auf, damit noch irgendetwas passiert und vor allem: Es gibt tatsächlich auch interessante Nebenfiguren, die ihre eigenen Handlungsbögen haben. Wenn wir davon ausgehen, dass „Twilight“ und „The Vampire Diaries“ auf derselben grundsätzlichen Prämisse basieren, funktioniert Letzteres im Gegensatz zu Ersterem weitaus besser.

Die Vorlage
Eigentlich ist es unfair, „The Vampire Diaries“ als Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“ zu bezeichnen. Zwar ist wohl anzunehmen, dass die Serie ohne den Erfolg von Meyers Romanen und deren Verfilmungen nicht existieren würde, die Buchvorlage ist allerdings sowohl älter als „Twilight“ als auch als Charlaine Harris‘ „Southern Vampire Mysteries“ (die Vorlage für „True Blood“). TVD basiert auf einer gleichnamigen, ursprünglich vierteiligen Jugendromanserie von Lisa J. Smith (im Zuge der Sereinadaption wurde sie 2009 fortgesetzt), die zwischen 1991 und 1992 erschien und die Stephenie Meyer, darauf wette ich, gelesen hat. Wobei man dazu auch sagen muss, die krativen Köpfe hinter TVD mit ihrer Vorlage sehr frei umgehen. Im Grunde übernehmen sie lediglich die grundsätzliche Handlungsidee und einige Figuren bzw. Figurennamen. Das beginnt schon bei der Protagonistin: Elena Gilbert in den Romanen ist blauäugig, blond und bezüglich ihres Charakters mit der gleichnamigen Figur aus der Serie kaum kompatibel; beide sind lediglich in derselben Situation. Der Handlungsort der Romane, „Fell’s Church“, wurde in „Mystic Falls“ umbenannt, aus der von schottischen Druiden abstammenden Hexe Bonnie McCullough wurde die von den Hexen von Salem abstammende afroamerikanische Hexe Bonnie Bennett, in den Romanen hat Elena eine sehr junge Schwester namens Margret, in der Serie einen nur zwei Jahre jüngeren Bruder namens Jeremy, in den Romanen stammen Damon und Stefan aus Italien und wurden während der Renaissance zu Vampiren, in der Serie lebten sie als Sterbliche bereits in Mystic Falls und wurden zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zu Vampiren. Auf dieser Art könnte ich noch ziemlich lange weitermachen. Aus Neugierde, und weil er bei der Bibliothek meines Vertrauens gerade verfügbar war, habe ich mir den ersten Band der Romanreihe zu Gemüte geführt, und nach dessen Lektüre muss ich sagen: Ich denke, die sehr freie Adaption ist eine Stärke, die Serie setzte viele der Grundideen letztendlich besser um als die Vorlage.

Der Vampir in der Serie und die übernatürliche Welt
Im Großen und Ganzen orientiert sich die Serie bei ihrer Darstellung des Vampirs an Anne Rice, mit einigen Abweichungen und ein paar Anspielungen auf die klassischen Stoker-Attribute. Insgesamt ist die Konzeption des Vampirs in der Serie der von „True Blood“ sehr ähnlich. Ein TVD-Vampir wird erschaffen, wenn er als Mensch mit Vampirblut im System stirbt und der Körper erhalten bleibt (also kein Verbrennen oder Köpfen). Danach muss er Menschenblut zu sich nehmen, um die Transformation abzuschließen. Vampire sind stärker und schneller als Menschen, und gewinnen im Alter an Kraft. Ähnlich wie in „True Blood“ können Vampire per Blickkontakt Kontrolle auf Menschen ausüben und müssen eingeladen werden, um ein Haus, das einem Menschen gehört, betreten zu können (anders als in „True Blood“ kann die Einladung allerdings nicht zurückgenommen werden). Die großen Schwächen der Vampire sind, neben dem Blutdurst (Tierblut kann als Ersatz dienen, ein Vampir, der sich nicht von Menschenblut ernährt ist aber verhältnismäßig schwach), Vervain (auf Deutsch Verbana), welches ähnlich wie Knoblauch bei Stoker wirkt, und Sonnenlicht, das sie verbrennt. Allerdings ist es möglich, mithilfe von verzauberten Ringen in die Sonne zu gehen. Nahrung ist für TVD-Vampire kein Problem. Damit macht es sich „The Vampire Diaries“ in mancherlei Hinsicht ziemlich einfach, es gibt diverse Figuren, die nach der Vampirwerdung ihr altes Leben relativ normal weiterführen. Darüber hinaus gibt es noch eine besonders interessante Eigenschaft: Vampire können ihre Emotionen (vor allem Schuldgefühle) abstellen und werden dann zu völlig rücksichtslosen Versionen ihrer selbst – was unter anderem zur Folge hat, dass alle vampirischen Protagonisten der Serie auch schon mal für eine gewisse Zeit lang Antagonisten waren.

Wie so oft haben die Vampire auch hier ihre eigene Ursprungsgeschichte, die eng mit den diversen anderen übernatürlichen Kreaturen zusammenhängt. Der Vampirismus geht von der Familie Mikaelson (auch bekannt als „the Originals“; haben inzwischen ihre eigene Spin-off-Serie bekommen), einer Wikingerfamilie, die im 10. Jahrhundert nach Amerika kam und sich dort ansiedelte, wo in der Gegenwart Mystic Falls liegt (man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Kleinstadt eine mystischer Knotenpunkt ist, ähnlich wie Littlefingers Bordell in King’s Landing). Kurz zusammengefasst: Mutter Mikaelson war eine Hexe und hat ihren Mann und ihre Kinder zum Schutz vor Werwölfen in Vampire verwandelt, diese haben den Vampirismus dann wiederrum weiter in der Welt verbreitet. Apropos Werwölfe, diese sind relativ klassisch, bis auf die Tatsache, dass Silber ihnen nicht schadet (dafür aber Wolfswurz bzw. Wolfsbane) und dass der Biss nicht ansteckend ist (dafür aber tödlich für Vampire). Werwolf ist man durch genetische Veranlagung.

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

In TVD ist allerdings sehr auffällig, dass es im Grunde keinerlei religiöse Motivationen oder Hintergründe gibt, gerade, wenn man sich die Konzeption von Vampiren und Werwölfen in diversen anderen Serien, Romanen und Filmen anschaut. Im Verlauf der Serie tauchen sogar zwei unterschiedliche Jägerorganisationen auf, die aber beide ebenfalls nicht religiös motiviert sind. Insgesamt ist mit der Ursprung der Vampire hier zu unmythisch, zu direkt greifbar und auch zu unmittelbar; als übernatürliche Spezies sind die Vampire nur etwas über tausend Jahre alt. Was ebenfalls auffällig ist: Es fehlt eine soziale Struktur, ein ordnendes Element wie die Authority in „True Blood“, die Camarilla in „Vampire: The Masquerade“ etc. Angesichts der Tatsache, wie Vampire in TVD zum Teil agieren, fragt man sich, weshalb nicht schon die ganze Welt weiß, dass sie existieren. New Orleans scheint hier eine Ausnahme zu bilden, die dortigen Konflikte werden allerdings in dem bereits erwähnten Spin-off „The Originals“ thematisiert, das ich bisher nicht gesehen habe.

Struktur
„The Vampire Diaries“ hat bislang sechs komplette Staffeln á 22 Folgen (mit einer Ausnahme, Staffel 4 hat 23 Folgen), Staffel 7 läuft gerade. Jede Staffel lässt sich in drei bis vier Kapitel unterteilen; dies hat zumeist mit einer Änderung des Status Quo zu tun (ein neuer Antagonist kommt dazu, ein alter fällt weg, jemand stirbt etc.). Insgesamt muss ich sagen: Ich finde, dass die Staffeln zu lang sind. Das mag auch mit meinen Seriengewohnheiten zu tun haben, denn die meisten Serien (zumindest die nicht komödiantischen), die ich schaue, haben im Schnitt zwischen zehn und fünfzehn Folgen. TVD hat das Problem, dass die Handlungsstränge oft ein wenig zu sehr mäandern und die Staffeln gleichzeitig zu vollgepackt wirken. Oft kommt es vor, dass Plots, die viel Potential haben, zu schnell abgehandelt werden, während andere sich zu sehr ausdehnen und die Autoren zu viele Wendungen, Loyalitäts- und Interessenswechsel einbauen. Kürzere Staffeln und mehr Fokus wären hier zu begrüßen gewesen.

Staffel 1 ist vor allem damit beschäftigt, Setting und Figuren zu etablieren und dem Zuschauer Elena, Stefan und Damon vorzustellen (und das Liebesdreieck zwischen ihnen, das ja zur Grundprämisse der Serie gehört, anzudeuten). Und natürlich werden auch diverse Nebenfiguren etabliert, etwa Elenas Bruder Jeremy (Steven R. McQueen), ihre Freundinnen Bonnie Bennett (Katerina Graham) und Caroline Forbes (Candice King), ihre Tante Jenna Sommers (Sara Canning), bei der sie und ihr Bruder nach dem Tod ihrer Eltern leben, usw. Zu Beginn fungiert Damon als Antagonist, wird jedoch im Verlauf der Staffel (mehr oder weniger freiwillig) zu einem der Protagonisten, da andere Vampire auftauchen und Probleme bereiten. Gegen Ende der Staffel zeigt sich dann, dass Katerina Petrova alias Katherine Pierce (Nina Dobrev), Erzeugerin von Stefan und Damon und Ebenbild von Elena, tatsächlich diejenige ist, die die Fäden in der Hand hält. In der zweiten Staffel übernimmt sie als Hauptantagonistin, wird dann jedoch von zwei der oben bereits erwähnten Originals abgelöst, Elijah (Daniel Gillies) und Klaus (Joseph Morgan). In der dritten Staffel kommen weitere Originals dazu, in gewissem Sinne dreht sich die ganze Staffel mehr oder weniger um ihre Familiendynamik. Auch in Staffel 4 sind sie noch ziemlich prominent, danach treiben sie allerdings in ihrem Spin-off ihr Unwesen, während in TVD neue Antagonisten eingeführt werden, u.a. Silas (Paul Wesley), der erste Unsterbliche, die uralte Hexe Qetsiyah (Janina Gavankar), der Traveler Markos (Raffi Barsoumian) und der psychopathische Hexer Kai (Chris Wood).

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Wie bei so vielen Serien ist die Qualität von TVD über ihren Verlauf recht wechselhaft. Staffel 1 braucht eine ganze Weile, um in die Gänge zu kommen und wird erst in der zweiten Hälfte interessant, und auch dort leidet die Spannung darunter, dass die Antagonisten, u.a. Elenas leibliche Eltern Isobel Flemming (Mia Kirshner) und John Gilbert (David Anders) nicht besonders einnehmend sind (Erstere ist ein Vampir, Letzteren hielt Elena ihr Leben lang für ihren Onkel, da sie von ihrem eigentlichen Onkel und dessen Frau adoptiert wurde). Das ändert sich mit Staffel 2: Katherine Pierce ist nicht nur eine der besten Antagonistinnen der Serie, sie ist auch einer der interessantesten Charaktere. Ähnliches trifft auf die diversen Mikaelsons zu. Insgesamt würde ich sagen, dass Staffel 2 mit die stärkste der Serie ist. Staffel 3 ist auch noch in Ordnung. In Staffel 4 und 5 geht es allerdings relativ stark abwärts, was zum einen an immer uninteressanteren Widersachern und zum anderen an zum Teil eher unglücklicher Charakterentwicklung liegt. Gerade die Auf-und-Ab-Beziehung Elena/Damon, die ab Staffel 4 in den Mittelpunkt rückt, wird irgendwann fürchterlich lästig. Ebenso kehren immer wieder getötete Figuren zurück, sodass es inzwischen kaum noch einen Charakter gibt, der nicht mindestens einmal über den Jordan gegangen ist. Erfreulicherweise ist Staffel 6 aber wieder ziemlich stark, sodass sie zusammen mit Staffel 2 die wahrscheinlich beste Staffel darstellt, während Staffel 5 der Tiefpunkt der Serie ist. Staffel 6 schafft es, die richtigen emotionalen Saiten anzuschlagen und dafür zu sorgen, dass man sich wieder stärker für die Charaktere interessiert – nicht alle, aber einige. Das Ende der fünften Staffel mischt gewissermaßen die Karten neu, Staffel 6 macht das Beste daraus.

Figuren
Ich habe mit „The Vampire Diaries“ ein Problem, das ich öfter mit diversen Serien, Filmen und Romanen habe: Ich mag die zentrale Protagonistin nicht besonders. Elena leidet an einer ähnlichen Krankheit wie Sookie Stackhouse und (würg) Bella Swann – das scheint irgendwie normal zu sein für junge Frauen, die in einem Liebesdreieck mit übernatürlichen Wesen feststecken: Sie sind als „Damsel in Distress“ quasi vorprogrammiert, und haben darüber hinaus die Tendenz, äußerst selbstbezogen zu sein. Elena hat dafür sogar einige nachvollziehbare Gründe: Sie hat tatsächlich viele geliebte Menschen verloren, und darüber hinaus ist sie als Petrova-Doppelgängerin stets eine Zielscheibe; jede übernatürliche Wesenheit scheint hinter ihrem Blut her zu sein. Diese Charaktereigenschaft von ihr nimmt allerdings mit jeder Staffel massiv zu. Spätestens ab Staffel 4 hat Elena die Tendenz, alles, aber auch wirklich alles immer nur auf sich zu beziehen, wobei sie völlig übersieht, dass auch andere Leute Probleme haben. Das allein wäre noch nicht so problematisch, aber Elena ist nun einmal als positive Protagonistin konzipiert, und darüber hinaus auch noch so fürchterlich selbstgerecht. Inzwischen fragt man sich, weshalb sie überhaupt noch Freunde hat, die alles für sie opfern. Besonders die arme Bonnie wird gerne mal einige Folgen lang ignoriert, bis man sie wieder braucht. Und, noch schlimmer, Elenas absolut selbstsüchtigen Handlungen haben oft keinerlei Folgen. Hierzu ein spezielles Beispiel: In Staffel 4 veranlasst sie, dass einer der Originals getötet wird (was bedeutet, dass alle seine Nachkommen, also mehrere hundert oder gar tausend Vampire, ebenfalls sterben), um eine einzige Person zu retten. Die Serie thematisiert die Folgen dieser Tat einfach nicht, sie wird im Folgenden praktisch ignoriert. Dementsprechend ist es schon irgendwie passend, dass die Qualitätssteigerung von Staffel 6 unter anderem damit zusammenhängt, dass Elena quasi zur Nebenfigur wird. Ich möchte allerdings festhalten, dass das alles nichts mit Nina Dobrev zu tun hat, die in der Serie wirklich sehr gut spielt. Tatsächlich spielt sie nicht nur die ungeliebte Protagonistin, sondern auch eine meiner Lieblingsfiguren: Katherine Pierce (bzw. Katerina Petrova), die den Vorteil hat, als Antagonistin konzipiert zu sein; ihre Charaktereigenschaften passen zueinander, sie ist eine einnehmende und tragische Schurkin, eine absolute Überlebenskünstlerin. Gerade bei der Darstellung der diversen Petrova-Doppelgänger (in Staffel 5 rennen drei von der Sorte durch die Gegend) zeigt Dobrev, wie nuanciert sie spielen kann, sodass man die optisch identischen Figuren problemlos als unterschiedliche Charaktere wahrnehmen kann. Am interessantesten ist es, wenn Katherine sich als Elena oder umgekehrt ausgibt.

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Insgesamt sind es, wie so oft, die diversen sekundären Hauptcharaktere, die weitaus interessanter sind als die eigentliche Protagonistin. Wie ich bereits sagte, ich gehöre weniger zur Zielgruppe, und für meinen Geschmack liegt der Fokus zu sehr auf den diversen romantischen Beziehungen und Dreiecksverhältnissen. Ironischerweise finde ich, dass TVD oft besser darin ist, nicht-romantische Beziehungen darzustellen als romantische. Die Dynamik zwischen Stefan und Damon finde ich zum Beispiel weitaus interessanter als die zwischen Stefan und Elena oder Damon und Elena. Über den Verlauf der Serie hat sich mehr oder weniger gezeigt, dass die Brüderbeziehung die eigentliche Grundlage der Serie ist – oder zumindest geworden ist. Erfreulicherweise sind sowohl Damon als auch Stefan weitaus interessanter als, sagen wir, Edward Cullen. Gerade Stefan könnte leicht als ähnlich konzipiert wahrgenommen werden, ist aber weitaus facettenreicher und einnehmender – und hat tatsächlich auch eine sehr, sehr dunkle Seite, die irgendwann ordentlich zu Tage tritt.
Ein weiteres Beispiel für die gelungenen nicht-romantischen Beziehungen findet sich in Staffel 6: Die Freundschaft, die sich zwischen Bonnie und Damon entwickelt, war definitiv eines der Highlights und hat auch dafür gesorgt, dass Bonnie als Charakter wirklich unverzichtbar wird.

Eine meiner weiteren Lieblingsfiguren ist außerdem Caroline, die in Staffel 1 noch relativ flach bleibt und vor allem von Damon als Blutkonserve benutzt wird. In Staffel 2 wird sie zum Vampir und ab diesem Zeitpunkt wird sie als Charakter interessant, macht eine glaubwürdige Entwicklung durch und wird auf authentische Weise zu einer besseren Person. Nicht, dass sie nicht auch diverse Fehler macht, aber sie bleibt dabei um so vieles angenehmer und weniger selbstgerecht als Elena. Die völlig dysfunktionale Dynamik der Familie Mikaelson ist natürlich auch äußerst spaßig – Klaus übertreibt es manchmal ein wenig, Rebekah (Claire Holt) ist hin und wieder etwas nervig, aber trotzdem interessant; ich denke jedoch, mein Favorit ist Elija.

Im Verlauf von sechs Staffeln sammeln sich natürlich viele, viele Figuren an, manche gelungen, andere weniger gelungen. Selbst diejenigen, die für die Plots tatsächlich alle wichtig sind aufzuzählen würde hier schon den Rahmen sprengen, von weniger wichtigen (aber natürlich oft interessanteren) Rollen gar nicht erst zu sprechen. Lange Rede, kurzer Sinn: In Sachen Figuren ist TVD sehr wechselhaft, das hat aber auch den Vorteil, dass es fast immer Figuren gibt, an denen man doch interessiert ist.

Fazit: Da habe ich wohl ein Guilty-Pleasure-Fandom gefunden (und das, obwohl ich nicht einmal danach gesucht habe). Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. „The Vampire Diaries“ ist eine sehr wechselhafte Serie, die mal ausgezeichnet funktioniert und mal auch überhaupt nicht – aber sie hat es geschafft, meine Aufmerksamkeit zu fesseln – warum auch immer.

Game of Thrones Staffel 4

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Eigentlich wollte ich mich ja gerade an den Überblicksartikel zur fünften GoT-Staffel machen, da ist mir aufgefallen, dass etwas Derartiges auch für Staffel 4 fehlt (am Ende meiner Rezension zur zehnten Episode besagter Staffel findet sich lediglich ein kurzes Resümee), weshalb das nun nachgereicht wird. Da das Zusammenfassen der Handlung ohnehin inzwischen zur Farce geworden ist, gehe ich dieses Mal ähnlich vor wie in meinen Artikeln zu den einzelnen Episoden, will heißen: Sortiert nach Handlungssträngen. Dem wird allerdings ein allgemeinerer Teil vorangestellt. Dabei bemühe ich mich, Staffel-5-Spoiler zu vermeiden.

Allgemeines zur Staffel
Insgesamt muss ich leider sagen, dass Staffel 4 nicht ganz auf dem hohen Niveau ist wie die Staffeln 1 bis 3, wobei man hier zweifelsohne differenzieren muss: Wenn Staffel 4 gut ist, ist sie richtig gut, ich wage sogar die Behauptung, dass sie einige der besten Momente der gesamten Serie enthält; „The Lion and the Rose“, die zweite Folge, in der die königliche Hochzeit stattfindet, gehört definitiv in meine Top 5. Leider gibt es nicht nur Höhen, denn nach einem verdammt starken Start offenbaren sich einige massive Probleme, die vor allem struktureller Natur sind und mit der Adaption der Vorlage zusammenhängen. „A Storm of Swords“, der dritte Band der Serie, wurde ja nicht, wie die ersten beiden Bände, in einer Staffel umgesetzt, sondern in zwei, und die negativen Auswirkungen dieser Entscheidung zeigen sich nun: Staffel 4 leidet sowohl unter der Struktur der Serie als auch daran, dass einige Handlungsstränge mehr „Fleisch“ haben als andere. Während es in King’s Landing beispielsweise noch mehr als genug Handlung für eine ganze Staffel gibt, müssen andere Handlungsstränge unnötig in die Länge gezogen werden. Genau hier wäre eine flexiblere Staffelstruktur wünschenswert gewesen. „A Storm of Swords“ hätte sich in meinen Augen entweder als längere Staffel mit 15 Folgen oder als zwei kürzere mit jeweils sieben Folgen am besten umsetzen lassen. Das ist letztendlich allerdings nichts, was man Benioff und Weiss vorwerfen könnte. So wie ich HBO einschätze, besteht der Sender auf einer zehn-Folgen-Staffel pro Jahr und wäre mit verkürzten Staffeln nicht einverstanden gewesen, während eine längere Staffel aus Produktions- und Budgetgründen schlicht nicht umzusetzen gewesen wäre.

Die Hochzeit von Joffrey (Jack Gleeson) und Margaery (Natalie Dormer)

Die Hochzeit von Joffrey (Jack Gleeson) und Margaery (Natalie Dormer)

Auch die typische Staffelstruktur erweist sich als problematisch: Bislang gab es in jeder ungeraden Staffel in der neunten Episode einen oder mehrere schockierende Todesfälle, während in den geraden eine Schlacht an einem Schauplatz gezeigt wurde. Staffel 4 folgt diesem Muster (bzw. dem Beispiel von Staffel 2) mit der Schlacht an der Mauer, was sich für den entsprechenden Handlungsstrang allerdings ebenfalls als eher unglücklich erweist.

Was Staffel 4 darüber hinaus auch schadet, sind einige Detailänderungen gegenüber der Vorlage, die jedoch massive Auswirkungen auf diverse Charaktere haben und dafür sorgen, dass die Entwicklung problematisch oder die Tiefe und Glaubwürdigkeit unnötig reduziert wird.

King’s Landing
Schon in den Staffeln 1 bis 3 war King’s Landing so etwas wie das inoffizielle Zentrum der Handlung; hier waren stets die meisten wichtigen Figuren an einem Ort und interagierten miteinander. Auch in Staffel 4 ist dies der Fall; im Großen und Ganzen ist dieser Handlungsstrang derjenige, der am besten und überzeugendsten umgesetzt wird, gerade weil noch genug passiert, um eine ganze Staffel zu füllen. Fast alle Highlights der Staffel finden an diesem Schauplatz statt; in erster Linie sind hier vor allem die königliche Hochzeit, Tyrions Prozess und Oberyn Martell in seiner Gesamtheit zu nennen. Die beiden größten Probleme sind Jaime und Cersei, deren Entwicklung und Verhältnis in dieser Staffel sinnlos mäandert (wir erinnern uns an diese Kontroverse, die zu dem, was da alles in Staffel 5 passiert ist, nun relativ harmlos erscheint) und die sich in der Gegenwart des anderen ziemlich out of character verhalten, sowie die Umsetzung des finalen Tyrion-Kapitels, dem Benioff und Weiss gewissermaßen die Zähne gezogen haben, als hätten sie Angst, Tyrion könne dem Zuschauer zu unsympathisch werden. Dennoch, insgesamt betrachtet gefällt mir die Umsetzung all dessen, was in der Hauptstadt passiert, am besten, was nicht zuletzt auch damit zusammenhängt, dass alles einen natürlichen Fluss hat und sich nicht ausgedehnt anfühlt.

Letztendlich könnte das auch damit zusammenhängen, dass sich in King’s Landing ein letztes Mal die darstellerische Crèmè de la Crèmè der Serie fast komplett versammelt, von Peter Dinklage über Charles Dance, Diana Rigg, Pedro Pascal, Natalie Dormer, Gwendoline Christie (zumindest am Anfang) und so weiter.

Tyrion (Peter Dinklage) wird des Königsmordes angeklagt

Tyrion (Peter Dinklage) wird des Königsmordes angeklagt

Natürlich verlassen die diversen wichtigen Figuren in dieser Staffel King’s Landing nach und nach auf die eine oder andere Weise. Während Joffrey das Zeitliche segnet, brechen Sansa und Littlefinger gen Eyrie auf – ein weiterer Subplot, der zwar recht stark reduziert ist, aber im Großen und Ganzen noch funktioniert, auch wenn Sansas Wandlung ein wenig überbetont wurde.

Die Flusslande
Ab hier wird es schon ein wenig problematisch. In Staffel 4 gibt es zwei Pärchen, die durch die Flusslande wandern und sich am Schluss, im Staffelfinale begegnen: Das wären zum einen Brienne und Podrick und zum anderen Arya und Sandor Clegane. Das Interessante an dieser Angelegenheit ist, dass der Trip des einen Pärchens massiv verkürzt , während der des anderen ausgedehnt wurde. In „A Storm of Swords“ haben Arya und Clegane nach der Roten Hochzeit nicht mehr viel zu tun, die Szene im Gasthaus aus „Two Swords“ findet mit minimalen Abweichungen auch im Roman statt, dabei wird Clegane verletzt und wir springen im Grunde direkt zu den Ereignissen, die in „The Children“ thematisiert werden. Das heißt, Aryas und Sandors Wanderung musste um eine ganze Staffel ausgedehnt werden, und in meinen Augen merkt man das auch, da sie gefühlt immer wieder dasselbe Gespräch führen und Arya mit kleinen Abweichung mindestens zwei, drei Mal die gleiche Lektion lernt.

Briennes und Pods Weg stamm dagegen bereits aus „A Feast for Crows“ und wurde gegenüber der Vorlage sehr stark vereinfacht, da die beiden auf ihrem Weg einigen neuen und alten Charakteren begegnen, u.a. Gendry, Rorge und Beißer (die in der Serie von Arya und dem Bluthund erledigt werden) und Sams Vater Randyll Tarly. Trotzdem erscheint ihr Handlungsstrang weniger redundant als der des anderen Pärchens, was auch damit zusammenhängen könnte, dass sie nicht eine ganze Staffel umherwandern, sondern nur eine halbe.

Brienne (Gwendoline Christie) kämpft gegen den Bluthund (Rory McCann)

Brienne (Gwendoline Christie) kämpft gegen den Bluthund (Rory McCann)

Die endgültige Begegnung beider Pärchen entstammt ebenfalls nicht der Vorlage. Ich kann gut verstehen, weshalb Benioff und Weiss sich dafür entschieden haben, gleichzeitig wirkt sie dann aber doch ziemlich unwahrscheinlich und geht am eigentlichen Zweck des Ganzen vorbei: Vor allem bei Brienne und Pod zeigt sich, welche Schäden der Krieg hatte und wie er sich auf das gemeine Volk auswirkte, etwas, das in der Serie kaum angerissen wird. Letztendlich lässt sich hier folgendes (in dieser Besprechung noch öfter auftauchendes) Urteil ziehen: Die Flusslande sind halblebig umgesetzt und hätten entweder mehr oder weniger Zeit benötigt; entweder braucht es radikalere Kürzungen oder mehr Zeit, um der Komplexität der Situation gerecht zu werden.

Dreadfort
Die Geschichte um Theon Greyjoy und Ramsay Snow war in Staffel 3 ziemlich ermüdend, weil es im Grunde immer nur körperliche und psychische Zermürbung gab. In Staffel 4 bessert sich das, weil sich der Handlungsstrang tatsächlich von A nach B bewegt. Im Grunde ist es freilich nicht mehr Theons Geschichte, sondern Ramsays: Er ist derjenige, der einen Auftrag von seinem Vater erhält und am Ende dafür belohnt wird. Auf recht verdrehte Weise erlebt Ramsay hier etwas, das der klassischen Heldenreise ähnelt, um am Ende die Anerkennung seines Vaters zu ernten. Natürlich steht letztendlich trotzdem Theon irgendwie im Fokus, aber er bleibt Wrack und fungiert als reine Spielfigur. Interessanterweise funktioniert das ganz gut, was auch daran liegen könnte, dass das Meiste trotz allem auf Elementen aus „A Dance with Dragons“ basiert. Das kurze Intermezzo mit Yara/Ahsa und den Ironborn ist freilich ebenso nutzlos wie unlogisch und dient lediglich dazu, ein wenig Action unterzubringen und den Zuschauer daran zu erinnern, dass diese Figur noch existiert, aber darüber kann man großzügig hinwegsehen.

Meereen
Daenerys‘ Handlungsstrang in dieser Staffel ist praktisch zweigeteilt: Die erste Hälfte beschäftigt sich mit ihrer Eroberung von Meereen, die zweite mit der Etablierung ihrer Herrschaft und den Schwierigkeiten, die sie dabei hat. Auch hier gibt es das eine oder andere Problem, nicht so gravierend wie in den Flusslanden, aber dennoch. Ich muss zugeben, schon in den Romanen ist Meereen nicht unbedingt mein liebster Handlungsort, und die Serie macht das leider nicht besser. Der grundsätzliche Verlauf (Benioff und Weiss bedienen sich hier auch wieder bei „A Dance with Dragons“) bleibt intakt, Daenerys lernt, dass es weitaus schwieriger ist, eine Stadt zu regieren als eine zu erobern. Allerdings wird die Komplexität stark reduziert; das allein wäre weniger problematisch, allerdings wirken die Daenerys-Szenen zu fragmentiert, um wirklich zu einem Handlungsstrang zusammenzuwachsen, und dann sind da noch die Fokusprobleme: Wo man die Söhne der Harpyie hätte vorbereiten können, dichtet man Grey Worm und Missandei lieber eine Romanze an.

Die Mauer
Den Handlungsstrang mit dem größten Strukturproblem habe ich mir für den Schluss aufgehoben (Bran und Co. sind hier integriert). An dem, was Jon Snow in dieser Staffel so treibt, zeigt sich zum ersten Mal die Schwäche der GoT-Staffel-Struktur. Die große Schlacht, die eine ganze Episode in Anspruch nimmt, hat in Staffel 2 toll funktioniert, hier jedoch… Man verstehe mich nicht falsch, die Episode selbst, „Watchers on the Wall“, gehört zu den Highlights der Staffel, aber ansonsten ist der Jon-Snow-Handlungsstrang höchst redundant, was vor allem damit zusammenhängt, dass man Jon, Sam und den Rest der Nachtwache beschäftigen muss, bis die Wildlinge eintreffen. Dieses Problem gibt es im Roman nicht, da es kein Doppelangriff ist, bei Martin attackieren zuerst die Wildlinge, die sich südlich der Mauer befinden, und dann erst greift Mance Rayders Armee von Norden an. Betracht man „Watchers on the Wall“ separat, dann funktioniert der Doppelangriff sehr gut, aber es handelt sich hier nun einmal um eine Serie, in der die Folgen eben gerade nicht separat stehen, weshalb die Zusammenlegung der Staffel insgesamt schadet. Damit Jon und Co. nicht eine Staffel lang nur herumsitzen müssen, dürfen sie nach Norden aufbrechen, um die Meuterer zu bekämpfen, die sich in Craster’s Keep eingenistet haben und ganz zufällig gerade Bran, Hodor, Meera und Jojen gefangen genommen haben, sodass es zu einer weiteren Beinahebegenung kommt. Das Ganze ist leider reines Füllmaterial, hat keinerlei Auswirkungen auf die Figuren, wirkt höchst unglaubwürdig und ist nicht einmal unterhaltsam. Der Sam/Gilly-Subplot, in dessen Rahmen Sam seine Angebetete in einem Bordell in Molestown unterbringt, damit sie nicht von den schwarzen Brüdern vergewaltigt wird (wie hirnverbrannt ist das denn?), ist ähnlich redundant. Insgesamt haben Benioff und Weiss einer wirklich gelungenen Folge einen kompletten Staffel-Handlungsstrang geopfert.

Ygritte (Rose Leslie) stirbt in Jon Snows (Kit Harrington) Armen

Ygritte (Rose Leslie) stirbt in Jon Snows (Kit Harrington) Armen

Zum Abschluss noch ein Wort zu Stannis, bei dem es ähnliche Probleme gibt; diese sind aber weniger gravierend, weil das Füllmaterial weniger Platz einnimmt. Und anders als bei Jon Snow gibt es hier kein Material, das die Serienautoren hätten umverteilen können. Stannis hat in dieser Staffel bis zu seinem Auftauchen an der Mauer kaum Mehrwert, was aber letztendlich verzeihlich ist, da er im Vergleich zu Jon Snow doch eher sekundär ist.

Fazit: Staffel 4 von „Game of Thrones“ erweist sich als bisher zwiespältigste Staffel der Serie mit den größten Qualitätsschwankungen. Hier stehen Serienhighlights neben strukturell und inhaltlich bisher nicht gekannten Tiefpunkten.

Star Wars: The Clone Wars

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Ganz zu Beginn meiner Laufbahn als Blogger habe ich schon einmal einen ausführlichen Artikel zu „Star Wars: The Clone Wars“ geschrieben; zu diesem Zeitpunkt umfasste die Serie gerade einmal anderthalb Staffeln. Seither hat sich die Lage in der weit, weit entfernten Galaxis stark geändert. Disney hat Lucasfilm gekauft, das alte Erweiterte Universum zur Legende erklärt und „The Clone Wars“ nach fünfeinhalb Staffeln beendet. Dennoch ist die Animationsserie, neben den sechs Filmen, versteht sich, das einzige Stück Star Wars, das vor dem Disney-Deal entstand und es in den neuen Einheitskanon geschafft hat, was zu einer recht ironischen Umkehrung führte: Vorher überschrieb TCW großzügig das Erweiterte Universum, jetzt ist die Serie dagegen dafür verantwortlich, dass es einige Elemente aus dem alten EU in den Einheitskanon schaffen, darunter Dathomir und die Schwestern der Nacht, Planeten wie Onderon oder auch nur kleine Details wie Quinlan Vos‘ telemetrische Fähigkeiten. Tja, so ändern sich die Dinge.

Da „The Clone Wars“ nun beendet ist, drängt es sich geradezu auf, die gesamte Serie einmal kompakt zu bewerten. Mein erster Eindruck war ja nicht gerade positiv, und nach dem Abfassen meines erste Artikels habe ich die Serie auch nicht mehr regelmäßig verfolgt, sondern nur sporadisch immer mal wieder einen Blick hineingeworfen. Für diesen Artikel habe ich dann in den letzten Wochen allerdings massives Binge-Watching betrieben und die gesamte Serie, inklusive Pilotfilm, in der richtigen, chronologischen Reihenfolge konsumiert, um mir ein umfassendes Urteil bilden zu können.

Konzeption und Struktur
Letztendlich konzentriert sich „The Clone Wars“ eher auf Einzelgeschichten als auf die durchgehende Handlung und ist eine Anthologieserie. Natürlich gibt es eine übergreifende Handlung, der Krieg zwischen Republik und Separatisten, der letztendlich in der Auslöschung des Jedi-Ordens und der Gründung des Imperiums mündet. Da es sich bei TCW aber trotz allem letztendlich um eine Kinder- bzw. Jugendserie handelt, stehen die einzelnen Abenteuer eindeutig im Vordergrund, während der Kriegsverlauf sehr viel weniger Aufmerksamkeit bekommt. Darüber hinaus erlaubt das Anthologieformat, immer wieder unterschiedliche Figuren ins Zentrum zu rücken. Zwar sind Anakin, Ahsoka und Obi-Wan die mit Abstand präsentesten Figuren, aber diverse Prequel-Nebefiguren und für die Serie geschaffenen Charaktere bekommen doch hin und wieder ihren Tag im Rampenlicht, darunter Mace Winud, Padmé Amidala, Aayla Secura, Kit Fisto, R2D2 und C-3PO, und selbst Schurken wie Count Dooku, Asajj Ventress oder General Grievous stehen mitunter im Fokus.
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Das Anthologieformat besitzt sowohl Vorzüge als auch Nachteile. Ein eindeutiger Vorteil ist die Vielseitigkeit, denn im Grunde ist für jeden etwas dabei, ein Stück weit deckt TCW das gesamte Star-Wars-Spektrum ab, von eher düsteren, grimmigen und kriegerischen Inhalten über das typische Abenteuer, das mysteriös-fantastische bis hin zu Albernheiten und sehr humoristisch angehauchten Episoden. Diese Stärke ist aber auch gleichzeitig eine Schwäche, denn so wirkt TCW mitunter ziemlich unausgewogen, vor allem dann, wenn eine sehr leichtherzige Episode auf eine sehr düstere folgt. Tatsächlich hätte ich mir mehr Fokus auf die Hintergründe des Krieges bzw. das Große Ganze gewünscht. Unabhängig von der Qualität der einzelnen Schlachten und Missionen ist es schwierig, diese in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Man merkt, dass Dave Filoni, George Lucas und die anderen Verantwortlichen ihren Fokus stärker auf die Einzelgeschichte und weniger auf den großen Plan legen, dem die Klonkriege folgen. Manche Angriffe der Separatisten wirken geradezu kontraproduktiv, weshalb etwa greifen die Streitkräfte der Konföderation Kamino an, obwohl Darth Sidious die Klonanlagen definitiv noch braucht? Im alten EU gab es zwar ebenfalls einen Angriff auf Kamino, dieser wurde allerdings von einer Fraktion innerhalb der Separatisten durchgeführt, die mit Dookus Führung nicht unbedingt einverstanden war, und darüber hinaus wurde besagter Angriff von Sidious und Dooku manipuliert, sodass er fehlschlagen musste. Und dann gibt es noch ein paar Folgen, die mit den Klonkriegen im Grunde gar nichts zu tun haben. Dazu gehören zum Beispiel diverse Folgen mit R2D2 und C-3PO im Fokus, aber auch der Mortis-Dreiteiler, die Mission von Mace Windu und Jar Jar Binks und im Grunde der gesamte Maul/Mandalore-Handlungsstrang. Das sagt nichts per se über diese Folgen aus, aber es ist doch auffällige, wie viele es von ihnen gibt – letztendlich heißt die Serie immer noch „Star Wars: The Clone Wars“ und nicht „Star Wars: Jedi Adventures“. Wahrscheinlich bin ich durch die Werke von James Luceno zu sehr verwöhnt und stelle an eine Jugendserie zu hohe Anforderungen, aber ich hätte mir mehr Fokus und Zusammenhang gewünscht.

In diesem Zusammenhang ist die nicht-chronologische Ordnung ebenfalls eine Schwäche, denn sie ist mitunter ziemlich verwirrend: In den Staffeln 1 bis 3 werden die Folgen zum Teil munter durcheinandergeworfen, und wer sich dessen nicht bewusst ist, ist etwas verwirrt, dass Ziro in Staffel 3 noch im Gefängnis sitzt, wo er doch schon am Ende von Staffel 1 befreit wurde.

The Clone Wars vs. Expanded Universe
Vor allem zu Beginn fand ich „The Clone Wars“ äußerst frustrierend. Bis 2008, als der Pilotfilm ins Kino kam, waren die Klonkriege die Zeit im SW-Universum, die am besten „dokumentiert“ war: Es gab eine genaue Timeline über 36 Monate, die besagte, was wann geschah, und das Ganze war im Großen und Ganzen in sich stimmig. Als „The Clone Wars“ begann, setzte es sich konstant über das alte EU hinweg. Zugegebenermaßen waren manche Änderung nötig; nachvollziehbarer Weise wollte man die Serie zu Beginn des Konflikts starten, und wenn Ahsoka als Anakins Padawan fungieren sollte, musste sein Ritterschlag natürlich vorverlegt werden. Mein Hauptproblem war jedoch, dass durch TCW Werke ersetzt wurden, die meiner Meinung nach schlicht die besseren Geschichten erzählten. Darüber hinaus fand (und finde) ich viele der Änderungen eher kontraproduktiv. Nehmen wir beispielsweise einmal Ryloth; sowohl im EU als auch in TCW ist Ryloth der Heimatplanet der Twi’leks, aber im EU ist er durch die komplexe und widersprüchliche Gesellschaft der Twi’lek sowie der einzigartigen klimatischen Verhältnisse sehr interessant, man hätte wunderbare Geschichten damit erzählen können. In TCW dagegen ist Ryloth ein ziemlich langweiliger und austauchbarer Wüstenplanet. Für die meisten Änderungen und Abweichungen vom EU ist wohl George Lucas selbst verantwortlich; hätte Dave Filoni als alleiniger Verantwortlicher fungiert, wäre wohl weitaus näher am EU geblieben.

In diesem Zusammenhang hat der Disney-Deal sogar geholfen, denn nun gibt es für mich zwei Star-Wars-Universen, die ich separat voneinander betrachten kann, nur die sechs Filme gelten für beide. Das eine ist das „alte“ SW-Universum, in dem alle Legends-Werke stattgefunden haben, die mir zusagen (ohne TCW), das andere ist die jetzt geltende Einheitskontinuität. In gewisser Weise habe ich so meinen Frieden mit TCW und den Kanonproblemen gemacht. Als Fan hat man’s halt nicht leicht.

Entwicklung
Wie bereits erwähnt war TCW vor allem zu Anfang eine ziemliche Enttäuschung. Das beginnt schon beim Pilotfilm. Dieser besteht aus den ursprünglichen ersten vier Folgen der Serie – und das merkt man leider auch ziemlich gut, denn genau so wirkt er auch: Wie vier zusammengeschnittene Folgen einer Serie. Die Kinoauswertung tut dem Material definitiv keinen Gefallen, sie schadet der Dramaturgie und wirft ein schlechtes Licht auf die Serie – die vielen enttäuschten Rezensionen sind in meinen Augen absolut keine Überraschung. Leider ging es in der ersten Staffel nicht sehr viel besser weiter, die Geschichten sind ziemlich uninteressant, die bereits etablierten Figuren gewinnen kaum an Tiefe und die neu eingeführten sind zum Teil wirklich extrem flach und klischeehaft, am schlimmsten ist in meinen Augen Dr. Bindi, der stereotype Dr.-Mengele-Verschnitt. Das soll nicht bedeuten, dass es in der ersten Staffel nicht auch gelungene Episoden gibt, etwa „Ambush“ oder „Rookie“, aber selbst diese werden zum Teil durch den wirklich unerträglichen Kampfdroidenhumor beeinträchtigt. Glücklicherweise geht es ab Ende von Staffel 1 langsam aufwärts, nicht zuletzt dank wirklich interessanter neuer Figuren wie Cad Bane und besser durchdachter, spannenderer Handlungsbögen. Ziemlich gelungen finde ich etwa den Geonosis-Vierteiler in Staffel 2, in dessen ersten beiden Folgen ordentliches Kriegsfeeling aufkam, während die zweiten zwei Episoden gelungen mit einem Horror-Element arbeiten. Erfreulicherweise sammeln sich bis zum Ende der Serie doch einige ziemlich gute Einzelepisoden und Mehrteiler an. Selbst Material, das nur bedingt (oder gar nicht) mit den Klonkriegen zu tun hat, weiß doch den Zuschauer für sich einzunehmen. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle zwei Vierteiler: Die Umbara-Episoden und Ahsokas Austritt aus dem Jedi-Orden – beide gehören definitiv mit zum Besten, was TCW zustande gebracht hat.

Ähnliches lässt sich auch über die Animation berichten, die konstant von Staffel zu Staffel besser wird. Auch hier sorgt der Pilotfilm erst einmal für einen negativen ersten Eindruck: Zwar ist er für Fernsehverhältnisse nicht schlecht animiert, aber wenn man einen Film im Kino sieht, erwartet man doch einen gewissen Standard – und an diesen Standard kommt der Pilotfilm einfach nicht heran; ein weiterer Grund, weshalb er im Kino nichts zu suchen hatte. Während Hintergründe und Raumschlachten ziemlich gut rüberkommen, sind zu Anfang vor allem die Figuren problematisch. Die Mimik ist ziemlich eingeschränkt, die Bewegungen wirken marionettenhaft, und darüber hinaus ist auch die Physik nicht immer stimmig. Glücklicherweise bessert sich das kontinuierlich. Ich muss auch zugeben, ich bin nicht unbedingt der größte Fan des kantigen Animationsstils, der stark auf dem der Clone-Wars-Zeichentrickserie von Genndy Tartakovsky beruht. Vor allem in diesem Zusammenhang ist Binge-Watching von großem Nutzen, denn nach einigen Folgen ist man unweigerlich im Stil drin, sodass er kein allzu größer Störfaktor mehr ist, man aber dennoch die Verbesserungen bemerkt. Um das Mal an einem spezifischen Element festzumachen: Darth Maul, der ab Staffel 4 mitmischt, hat eine ziemlich ausgeprägte Mimik, die in dieser Form in Staffel 1 sicher noch nicht möglich gewesen wäre.

Figuren und Sprecher
Gerade in der Figurenzeichnung hat „The Clone Wars“ doch einige Probleme. Auch hier ist vor allem (aber nicht ausschließlich) die erste Staffel betroffen. Von einer Serie, die auf einer Filmreihe basiert, könnte man theoretisch durchaus erwarten, dass sie den bereits etablierten Figuren neue Facetten abgewinnt, das passiert allerdings eher selten. Vor allem bei zwei Figuren ist das über den Verlauf der gesamten Serie hinweg recht problematisch: Count Dooku und General Grievous. Vor allem Ersterer hatte in den Prequels und im EU einige sehr interessante Eigenschaften: Edelmann, enttäuschter Idealist, Charismatiker. Kaum etwas davon hat es in die Serie geschafft, Dooku wird auf die reine Funktionalität reduziert. Noch schlimmer ist es bei Grievous, der nie über den Schurkenstereotyp hinauskommt. Seiner Charakterisierung aus „Die Rache der Sith“ wird absolut nichts hinzugefügt, Grievous ist und bleibt ein Gimmick-Schurke. Um wie viel interessanter war er da in James Lucenos „Labyrinth des Bösen“.
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Erfreulicherweise gibt es aber auch Gegenbeispiele. Anakin Skywalker ist so eines: Die Serie ist weitaus besser darin, Anakin nachvollziehbar und interessant darzustellen als die Prequels. Der Konflikt und die Zwiespältigkeit der Figur wird hier gelungener ausgearbeitet, Anakin ist glaubhafter heroisch, während seine dunkle Seite trotzdem hervortritt, das aber in besserem Ausmaß und subtiler als in „Angriff der Klonkrieger“. Auch Asajj Ventress macht im Verlauf der Serie eine durchaus passable Entwicklung durch. Und dann wäre da noch Darth Maul… Ich war und bin kein Fan dieses Zurückholens einer beliebten Figur, vor allem weil man merkt, dass die Clone-Wars-Macher unbedingt von Mauls Popularität profitieren wollten, zuerst, indem sie den eher plumpen Maul-Captain-Ersatz Savage Opress einführten und dann auch noch Maul selbst zurückbrachten. Sofern man über die ungeschickte Integrierung hinwegsieht lässt sich nicht leugnen, dass Maul in „The Clone Wars“ trotz allem die interessantere Figur ist – was zugegebenermaßen auch nicht so schwer zu bewerkstelligen war, denn in „Die dunkle Bedrohung“ war Maul letztendlich nur ein Gimmick, ein ziemlich cooles zwar, aber ein Gimmick nichtsdestotrotz. Die TCW-Version dagegen hat Ambitionen und muss damit klarkommen, dass sie von ihrem Meister im Stich gelassen wurde. Sehr gute Arbeit leistet die Serie auch in Bezug auf die Klone, die im Großen und Ganzen sehr gelungen und differenziert dargestellt werden, viele der Episoden mit Klonfokus gehören zu den besten der Serie.

Ein Bereich, in dem TCW definitiv brilliert sind die Sprecher. In der deutschen Version hat man, wo möglich, jeweils die Originalsprecher der Filme verpflichtet, die Qualität der Synchro ist allerdings nicht unbedingt berauschend, im Gegensatz zum Original. Zwar kehrten hier nur ein paar der Schauspieler der Filme zurück, u.a. Samuel L. Jackson und Christopher Lee (nur im Pilotfilm) und Anthony Daniels, Daniel Logan, Liam Neeson und Pernilla August (die beiden Letzteren nur in kleinen Gastauftritten), aber davon unabhängig ist der Cast wirklich extrem talentiert. In fünfeinhalb Staffeln kommen natürlich ziemlich viele Sprecher zusammen, weshalb ich hier nur ein paar hervorheben möchte. James Arnold Taylor zum Beispiel klingt wirklich fast genauso wie Ewan McGregor, auch Tom Kane (Yoda) und Matt Latner kommen den Filmversionen verdammt nahe. Ebenfalls sehr bemerkenswert sind Nika Futterman (Asajj Ventress) und Sam Witwer – Letzterer sprach bereits in „The Force Unleashed“ Starkiller und den Imperator, hier ist er die Stimme von Darth Maul und dem Sohn aus der Mortis-Trilogie. Eine besonders große Bandbreite zeigen Dee Bradley Baker, der es schafft, Dutzenden von Klonen eine distinktive Stimme zu geben, und Corey Burton, der so unterschiedliche Charaktere wie Count Dooku, Ziro the Hutt und Cad Bane spricht. Mein Favorit unter den Sprechern ist der leider 2012 verstorbene Ian Abercrombie, der ein grandioser Ersatz für Ian McDiamird als Palpatine bzw. Darth Sidious war und die Doppelidentität perfekt vermittelte. Während die Sidious/Imperator-Stimme noch verhältnismäßig einfach nachzuahmen ist, ist Palpatine als Oberster Kanzler weitaus schwieriger.

Musik
Ähnlich wie viele andere Aspekte der Serie fand ich die Musik, komponiert von Kevin Kiner, zu Anfang, speziell was den Score des Pilotfilms angeht, nicht besonders überzeugend. Auch hier gibt es glücklicherweise eine positive Entwicklung. Der Score des Films ist ein eher unausgereiftes Konglomerat an verschiedenen Stilen, die nicht so recht zusammenpassen; hier ein wenig Williams, dort etwas, das eher nach Hans Zimmer klingt, und dann auch noch E-Gitarren-Riffs, die auf ein Metal-Album passen, aber in einem SW-Score nichts verloren haben. Mein Hauptkritikpunkt war allerdings das Fehlen der Williams-Themen, bis auf den Main Title, das Machtthema, eine Andeutung des Imperialen Marsches und eine ziemlich merkwürdige Platzierung des Cloud-City-Themas hat es kaum leitmotivisches Material in Kevin Kiners Score geschafft. Ab Staffel 2 ändert sich das erfreulicherweise. Das Machttehma bleibt weiterhin fester Bestandteil der Musik und der Imperiale Marsch wird recht häufig, oft auch nur fragmentarisch, zitiert, um auf Anakins Schicksal zu verweisen, Prinzessin Leias Thema hat einen Gastauftritt auf Alderaan, Yodas Thema ist öfter zu hören und auch das Sidious/Sith-Thema bekommt einige markante Einsätze. Ein wenig seltsam finde ich allerdings, dass die PT-Themen sehr unterpräsentiert sind – gerade deren Einsatz hätte sich angeboten. Lediglich zwei Leitmotive, die nur in den Prequels zu hören sind haben es in die Serie geschafft: Das Battle-of-the-Heroes-Thema ist in Staffel 3 (Mortis-Trilogie, als der Sohn Anakin die Zukunft zeigt) und noch einmal in Staffel 5 (Yodas Vision vom zerstörten Jedi-Tempel) zu hören, und Qui-Gons Thema taucht auf, wenn der verstorbene Jedi-Meister in einer Machtvision zu sehen ist. Andere, etwa die Motive von Grievous, der Handelsföderation oder Anakin, von Across the Stars ganz zu schweigen, fehlen, hätten perfekt integriert werden können; auf diese Weise hätte man viele Szenen prägnanter gestalten können.

Immerhin hat Kiner durchaus einige neue Themen geschaffen, die er über den Verlauf der Serie entwickelt, etwa für Ahsoka, die Republik und Asajj Ventress. Diese sind funktional bis gut, bleiben aber letztendlich hinter den Themen des Maestro zurück. Insgesamt ist die Musik von TCW gut, hätte aber, durch die Verwendung von einigen der unbekannteren Williams-Themen wirklich grandios werden können.

Fazit
Nachdem ich die Serie nun einmal in kurzer Zeit komplett gesehen habe, bin ich immer noch nicht ihr größter Fan, muss aber zähneknirschend zugeben, dass sie sich definitiv zum Besseren entwickelt hat. Sie ist immer noch nicht die Repräsentation „meiner“ Klonkriege, das bleibt den diversen Comics und Romanen, die zwischen 2002 und 2005 erschienen sind, vorbehalten, aber es gibt definitiv diverse Einzelfolgen und Mehrteiler, die in die Nähe besagter Werke kommen oder anderweitig schlicht verdammt unterhaltsam sind. Somit hinterlässt „Star Wars: The Clone Wars“ bei mir insgesamt einen recht zwiespältigen Eindruck, denn nach wie vor gibt es viele, das mich massiv stört. Aber TCW hat auch bewiesen, dass es richtig gut, düster und erwachsen sein kann, einem Konflikt wie den Klonkriegen angemessen. Wenn nur der Droidenhumor nicht wäre…