Scars of Dracula

Halloween 2022
Scarsofdracula
Story: Die Bevölkerung hat endlich genug von Draculas (Christopher Lee) Terror und macht sich daran, das Schloss des Grafen niederzubrennen, ohne allerdings den Schlossherrn tatsächlich dabei zu verletzen. Und die Quittung folgt bald: Eine mörderische Riesenfledermaus tötet die weibliche Bevölkerung des Dorfes. Bald darauf taucht Paul Carlson (Christopher Matthews) beim Schloss des Grafen auf, auf der Flucht vor dem Gesetz, da er die Tochter eines Bürgermeisters verführte. Dracula selbst und seine Gespielin Tania (Anouska Hempel) empfangen Paul – mit Letzterer beginnt er ein Techtelmechtel, dass natürlich blutig endet. Schließlich tauchen auch Pauls Bruder Simon (Dennis Waterman) und seine Verlobte Sarah Framsen (Jenny Hanley) auf, um nach Paul zu suchen. Doch auch sie geraten in Draculas Fänge und müssen sich mit dem Vampirgrafen und seinem Diener Klove (Patrick Troughton) auseinandersetzen…

Kritik: Ein weiteres Mal kehrt Christopher Lee als Graf zurück – im Jahr 1970 bereits zum zweiten Mal für Hammer und zum vierten Mal insgesamt. Hammers sechster Dracula-Film ist der bislang konfuseste und uninspirierteste – das beginnt bereits bei der merkwürdigen Eröffnungsszene, die sich nicht entscheiden kann, ob sie an „Taste the Blood of Dracula“ anschließt oder nicht. Einerseits befindet sich Dracula im selben Zustand wie am Ende dieses Films: rote Asche. Andererseits sollte diese Asche in einer Kirche in London, nicht auf seinem Schloss in Transsylvanien sein. Auch die Wiedererweckung des Vampirs in diesem Film lässt zu wünschen übrig. Wo es bisher zumindest elaborierte satanische Rituale gab, kotzt dieses Mal eine äußerst künstlich anmutende Fledermaus Blut auf die Asche und schon weilt Dracula wieder unter den Untoten. Immerhin spielt besagte Fledermaus im Verlauf des Films noch eine äußerst essentielle Rolle, tötet mehr Menschen als Dracula und erweist sich als fähigster Häscher des Grafen.

Auch sonst ist die Handlung äußerst konfus und bietet selbst nach den Maßstäben dieser Filmserie kaum neue Impulse. Wo „Taste the Blood of Dracula“ sich immerhin um die eine oder andere Innovation bezüglich der Handlungskonzeption bemühte, greift „Scars of Dracula“ auf die üblichen Elemente zurück: Dorf und Schloss in Transsylvanien, arglose Reisende, die in die Fänge des Grafen geraten etc. Die Handlung mäandert so vor sich, alles fühlt sich entweder schon einmal dagewesen oder belanglos an. Selbst Draculas erneuter Tod am Ende des Films resultiert nicht aus der Aktion einer der Figuren, sondern weil er aus heiterem Himmel vom Blitz getroffen wird und daraufhin verbrennt. Anstatt mit einer auch nur halbwegs interessanten Story aufzuwarten, versuchen Drehbuchautor Anthony Hinds und Regisseur Roy Ward Baker mit vermehrtem Gore-Einsatz über die Myriade an Schwächen dieses Films hinwegzutäuschen. Selbst das Produktionsdesign bleibt hinter den bisherigen Filmen der Reihe zurück, da Hammer auf die Hilfe von Warner Bros. beim amerikanischen Vertrieb verzichten und deshalb Kosten sparen musste.

Es ist schon fast müßig zu erwähnen, aber Lee ist darstellerisch ein weiteres Mal über jeden Zweifel erhaben, obwohl er hier noch weniger Ambitionen hatte, ein weiteres Mal in seine Paraderolle zu schlüpfen – und man ihm vielleicht doch ein wenig zu viel Make-up verpasste. Ansonsten sticht vor allem Patrick Troughton als Klove heraus – nicht zu verwechseln mit dem Diener Draculas aus „Dracula: Prince of Darkness“, der zwar denselben Namen trägt, aber anders konzipiert ist und zudem von Philip Latham gespielt wird. Die restlichen Darsteller bleiben blass und unmarkant, wobei noch zu erwähnen ist, dass sowohl Jenny Hanley als auch Anouska Hempel im James-Bond-Film „On Her Majesty’s Secret Service“ zu Blodfelds Todesengeln gehören.

In gewissem Sinne nähert sich „Scars of Dracula“ wieder stärker Stokers Roman an, allerdings primär deshalb, weil sich der Film in großem Ausmaß auf die Genre-Klischees verlässt. So erinnert Klove, obwohl er keine Insekten ist, an Renfield, inklusive der Abwendung von seinem Meister. Zudem erlebt Simon Carlson im letzten Drittel des Films eine „Jonathan-Harker-Episode“ aus dem Roman, die bislang in keinem der Hammer-Filme auftauchte: Er klettert im Schloss des Grafen aus einem Fenster, gelangt schließlich zum Ruheort Draculas und versucht den schlafenden Vampir anzugreifen, wird aber von ihm hypnotisiert, sodass die Attacke nicht gelingt. Das alles spielt sich nicht genau wie bei Stoker ab, ist doch aber nahe genug dran, um als Hommage gelten zu können. Zudem klettert Dracula kurz darauf an der Wand seines Schlosses hinauf. Es ist gut möglich, dass der Stoker-Fan Lee insistierte, diese Szenen im Film unterzubringenn – wann immer er das Gefühl hatte, die Filme entwickelten sich in eine zu absurde Richtung, versuchte er gegenzusteuern, indem er beispielsweise eine Dialogzeile, die ihm nicht passte, durch ein Zitat aus Stokers Roman ersetzte.

Fazit: „Scars of Dracula“ ist ohne Zweifel ein Tiefpunkt der Dracula-Reihe von Hammer, selbst Christopher Lee kann die konfuse, mäandernde und völlig unkreative Handlung nicht mehr ausgleichen.

Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Taste the Blood of Dracula
Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

Geschichte der Vampire: Blade

Halloween 2022
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Während wir uns heute vor Comic- bzw. Superheldenfilmen kaum retten können, sah das in den 90ern noch ganz anders aus: Neben diversen B- und C-Produktionen (wer erinnert sich noch an den Captain-America-Film von 1990?) hatte man eigentlich nur zwei Filmreihen zur Auswahl: Die Superman-Filme mit Christopher Reeve, denen nach dem vierten Eintrag die Luft ausgegangen war und die Batman-Filme von Tim Burton und Joel Schumacher, denen 1997 ebenfalls die Luft ausging. Bereits ein Jahr später kam dann die Figur ins Kino, die als erster früher Wegbereiter der aktuell anhaltenden Welle von Superhelden-Filmen gilt: Blade. Zugleich hatte der Daywalker allerdings auch massiven Einfluss auf Vampirfilme und sonstige -medien. Dieser Artikel dient zur Eröffnung der diesjährigen Halloween-Saison.

Die Comicfigur
Sein Debüt feierte der Daywalker 1973 in der zehnten Ausgabe der Comicserie „The Tomb of Dracula“, Marvels wahrscheinlich profiliertester Horrorserie; geschaffen wurde er von Autor Marv Wolfman und Zeichner Gene Colan. In „The Tomb of Dracula“ gehört Blade zu einer Gruppe Vampirjäger, darunter Rachel Van Helsing und Quincey Harker, die sich, wie könnte es auch anders sein, mit Dracula herumschlagen müssen. Diese erste Version der Figur hat optisch noch nicht allzu viel mit der späteren Inkarnation gemein: Er hat einen Afro und trägt eine gelbe Brille sowie eine leuchtend grüne oder orange-braune Jacke. Wie seine spätere Filminkarnation wird auch in den Comics seine Mutter von einem Vampir gebissen, dadurch wird Blade, dessen bürgerlicher Name Eric Brooks lautet, allerdings erst einmal „nur“ immun gegen Vampirbisse – übernatürliche Fähigkeiten erhält er erst später durch Morbius, den lebenden Vampir. Nach seinem Debüt wurde Blade allerdings eher sparsam eingesetzt, agierte außerhalb von „The Tomb of Dracula“ aber auch immer wieder mit anderen Marvel-Figuren, die eher in Richtung Horror tendieren, darunter, wie bereits erwähnt, Morbius oder der Ghost Rider.

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Blades ursprüngliches Design

Sein ikonisches schwarzes Lederoutfit bekam Blade Anfang der 90er, zu dieser Zeit war er auch immer wieder mit anderen übernatürlichen Superhelden unterwegs, mit denen er ein Team bildete, darunter die Midnight Sons und die Nightstalker – Letztere tauchen zumindest namentlich in „Blade Trinity“ auf. Zugegebenermaßen bin ich mit der Comicversion der Figur nur leidlich vertraut, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Blade nie eine länger laufende eigene Serie vergönnt war. Stattdessen trat er als Teil der oben genannten Teams auf, absolvierte Gastauftritte oder bekam Miniserien spendiert. Seinen ersten bewegten Auftritt bekam er in einigen Episoden von „Spider-Man: The Animated Series“, in welcher er von J. D. Hall gesprochen wurde.

Art of Adaptation: Vampirkonzept der Trilogie
Vampire in den Marvel-Comics begannen relative nah an Stoker – die Comicserie „The Tomb of Dracula“ zeigte einen relativ traditionellen Grafen, dementsprechend konnten sich Marvel-Vampire verwandeln und Tiere kontrollieren, waren anfällig gegenüber heiligen Symbolen usw. Über die Jahre hinweg wurde Marvels „Vampir-Mythologie“ natürlich deutlich komplexer, man schuf Verknüpfungen ins Hyborische Zeitalter (ja, Conan gehört formal zum Marvel-Universum) und machte einen gewissen Varnae (eine Anspielung auf „Varney, the Vampire; or, the Feast of Blood“, eine Penny-Dreadful-Reihe, die Jahrzehnte vor Dracula, in den 1840ern publiziert wurde) zum ersten Vampir. Marvel-Vampire waren und sind sehr eindeutig magisch – ein Aspekt, von dem sich die Blade-Filme fast völlig distanzierten.

Vampirismus in der Blade-Trilogie wird eindeutig als Virus identifiziert, Vampire bekommen einen wissenschaftlichen Namen – Hominis nocturnae – und auch sonst werden die „mythischen“ Aspekte zurückgefahren. Während Knoblauch, Silber und Sonnenlicht adäquate Waffen gegen die Blutsauger sind, bleiben heilige Symbole oder fließendes Wasser völlig nutzlos. Statt Varnae ist nun Dracula, bzw. Drake, bzw. Dagon der erste Vampir. Bei ihm handelt es sich um eine Art fast perfekter Prototyp, der wie Blade selbst über die Stärken der Vampire, aber nicht über die Schwächen (ausgenommen der Blutdurst) verfügt. Ein mythisches Element bleibt aber doch erhalten: Der Blutgott La Magra, der im ersten Film als finaler Gegner fungiert, ist recht eindeutig übernatürlich und scheint in letzter Konsequenz der Verursacher des Vampirvirus zu sein. Wie in „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien (inklusive der Marvel-Comics) teilen sich die Vampire in verschiedene Gruppierungen auf, hier als „Häuser“ bezeichnet, und verfügen zudem über eine große Anzahl menschlicher Diener, die mit Vampirrunen gebrandmarkt werden. Vampire können sowohl normal gezeugt als auch durch einen Biss verwandelt werden, wobei Erstere einen höheren Status als Letztere haben und es durchaus möglich ist, Letztere wieder in Menschen zurückzuverwandeln. In „Blade II“ wird eine durch Experimente geschaffene Unterart eingeführt, die Reaper, die Vampirblut trinken und „gewöhnliche“ Vampire durch ihren Biss in Reaper verwandeln.

Blade selbst verfügt von Anfang an über die Kräfte, die er in den Comics erst nach und nach bekommt, da Morbius in der Filmtrilogie nicht auftaucht (allerdings war wohl ein Cameo geplant, das es aber nicht in die finale Schnittfassung des ersten Films schaffte). Alle seine Fähigkeiten werden durch seinen Status als Halbvampir erklärt, die einzige Schwäche, die geblieben ist, ist der Blutdurst, gegen den er mit einem speziellen Serum ankämpft. In ernsten Situationen ernährt er sich allerdings durchaus auch von echtem Blut. Einige weitere Elemente der Comics finden sich ebenfalls in den Filmen, wenn auch meistens stark abgewandelt. Deacon Frost (Stephen Dorff) ist in den Comics wie in den Filmen der Vampir, der Blades Mutter attackiert und auch regelmäßiger Widersacher – die Comicversion ist allerdings deutlich älter (sowohl optisch als auch tatsächlich). Hannibal King und die Night Stalker entstammen ebenfalls den Comics, genauso wie Dracula selbst, alle wurden aber massiven Änderungen unterzogen.

Urban Style: Blade

In vielerlei Hinsicht ist „Blade“ als Superheldenfilm eine eher untypische Angelegenheit, da Blade eben kein typischer Superheld ist. Zwar verfügt Blade technisch gesehen über einen bürgerlichen Namen – Eric Brooks – dieser spielt für ihn aber keine Rolle. Auch geht es ihm nicht wirklich darum, Menschen zu retten, sondern Vampire zu bekämpfen. In dieser Hinsicht gehört er zudem zu den Vorreitern eines Umkehrtrends im Genre: Zuvor waren Vampire zumeist die Einzelgänger, die von Vertretern einer bürgerlichen Gesellschaft gejagt wurden, in „Blade“ hingegen ist es genau anders herum: Es sind die Vampire, die als mafiöse Gruppe die Menschheit unterwandert haben, während der Jäger alleine bzw. mit nur wenigen Verbündeten arbeitet. Dieser Aspekt wird in „Blade: Trinity“ noch einmal stärker, dort benutzen die Vampire das Gesetz, um Blade auf den Leib zu rücken.

Angesichts all dessen ist es fast schon ironisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend, wie sehr sich Regisseur Stephen Norrington und Drehbuchautor David S. Goyer an Tim Burtons „Batman“ orientierten. Gerade bezüglich der Charakterisierung der Hauptfigur und der Handlungskonstruktion finden sich viele Parallelen. Wesley Snipes‘ Blade ist wie Michael Keatons Batman ein ziemlich statischer Charakter, über den man als Zuschauer nicht allzu viel erfährt – beide bleiben relativ unerforschte Antihelden, Getriebene, deren Motivation und Werdegang nicht en detail dargelegt werden. Beide sind zu Beginn des Films bereits vollständig geformt und entwickeln sich, wenn überhaupt, nur minimal. Bei beiden erleben wir nur das auslösende Moment (Mord an den Waynes bzw. Vampirwerdung der Mutter) ihres Kreuzzugs in Flashbacks, aber nichts von der formativen Zeit. Das steht in krassem Gegensatz zu vielen späteren Superheldenfilmen wie „Batman Begins“ oder Sam Raimis „Spider-Man“, die sich diesen Aspekten sehr ausführlich widmen.

Auch die Beziehung zwischen Protagonist und Antagonist ist erstaunlich ähnlich: Sowohl Jack Napier/Joker (Jack Nicholson) als auch Deacon Frost (Stephen Dorff) beginnen als „Unterboss“ in ihrer Organisation, um sich anschließend den Weg an die Spitze zu morden. Zudem sind beide Verantwortlich für die Heldenidentität des Widersachers: Jack Napier tötete die Waynes, Deacon Frost verwandelte Blades Mutter Vanessa (Sanaa Lathan) während der Schwangerschaft in eine Vampirin und sorgte so dafür, dass Blade überhaupt erst in der Lage ist, seinem Handwerk nachzugehen. In der Handlungskonstruktion finden sich zudem Parallelen zwischen Vicky Vale (Kim Basinger) und Karen Jenson (N’Bushe Wright), die mehr oder weniger unfreiwillig in die Welt des Titelhelden hineingezogen werden und als Avatar der Zuschauer fungieren. Anders als in „Batman“ gibt es hier allerdings keine Romanze – tatsächlich hat Wesley Snipes mit keiner der „Leading Ladies“ der Filmreihe wirklich Chemie. Alfred (Michael Gough) und Whistler (Kris Kristofferson) gleichzusetzen ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt, aber als einzige Vertrauter und Mentor des Helden gibt es doch gewisse Parallelen…

Stilistisch hingegen distanziert sich „Blade“ stärker von sowohl „Batman“ als auch von herkömmlichen Vampirfilmen – Stephen Norrington fährt den Gothic-Faktor soweit zurück wie möglich, alles ist urban, stylisch und glatt. In vielerlei Hinsicht bereitete Blade bereits die Ästhetik vor, die die Matrix-Trilogie später popularisieren sollte – inklusive der allgegenwärtigen Ledermäntel und Sonnenbrillen. Zweifelsohne ist „Blade“ Style over Substance, wie bereits erwähnt macht der eigentliche Titelheld kaum eine Entwicklung durch, wenn überhaupt ist es Karen Jenson, die sich von der Ärztin zur Vampirjägerin wandelt. Trotzdem funktioniert Blade, primär deshalb, weil Goyer, Norrington und Snipes die Figur ernst nehmen und natürlich, weil die Action schlicht gut und unterhaltsam ist. Die größte Schwäche des Films ist dabei das Finale, das die geerdeten Aspekte und die pseudowissenschaftliche Natur der Vampire hinter sich lässt und uns nebst einem Blutgott auch viel schlechtes CGI serviert, das einfach nicht hätte sein müssen. Zudem ist es eine merkwürdige Entscheidung, Blade seine Mutter als Vampirin zu präsentieren und dann praktisch nichts damit zu machen.

Ironischerweise bringt „Blade“ gerade die Qualitäten mit, die bei aktuellen Marvel-Filmen oftmals vermisst werden: Handgemachte Action mit einem gewissen Härtegrad und eine Portion Ernsthaftigkeit. Nicht, dass in „Blade“ nicht absurdes Zeug passieren würde oder der Film humorbefreit wäre, aber es fehlt das selbstreferenzielle Augenzwinkern und der Metahumor, der selbst eingefleischten MCU-Fans inzwischen zu viel wird. Gerade aus diesem Grund ist ein in nicht allzu ferner Zukunft ausstehender MCU-Auftritt Blades (gespielt von Mahershala Ali) nicht unbedingt vielversprechend – es sei denn, Kevin Feige entschließt sich, den Tonfall und den Gewaltgrad der Marvel-Netflix-Serien zuzulassen.

Kommen wir noch zu den Vampiren in diesem Film: Eine wirklich tiefgründige Erforschung der vampirischen Zustandes oder des Blutdurstes darf man hier natürlich nicht erwarten, schließlich hat Anne Rice nicht das Drehbuch geschrieben. Blade hat wegen seines Blutdurstes keine Schuldgefühle und fällt in diesem Film auch nicht unkontrolliert Menschen an, der Durst wird eher wie eine typische Superheldenschwäche behandelt. Alle anderen Vampire sind unweigerlich böse, ob sie nun Traditionalisten sind wie der von Udo Kier gespielte Gitano Dragonetti (eine Anspielung auf Kiers Auftritt als Dracula in „Blood for Dracula“ aus dem Jahr 1974?) oder aufbegehrende Rebellen wie Deacon Frost. Als solche hinterlassen Frost und seine Kumpanen zweifelsohne ordentlich Eindruck und sind höchst unterhaltsam.

Neo Gothic: Blade II

Trotz des Erfolges von „Blade“ – der erste Marvel-Charakter, der an den Kinokassen tatsächlich einen ordentlichen Gewinn einbrachte – kehrte Stephen Norrington nicht zurück. An seiner statt nahm Guillermo del Toro die Zügel in die Hand. Für viele, mich eingeschlossen, ist „Blade II“ nach wie vor der beste Teil der Trilogie, denn del Toro nimmt im Grunde alles, was im ersten Teil funktionierte und reichert es um seine eigene Ästhetik an. Wesley Snipes kehrt natürlich als Titelheld zurück. N’Bushe Wright als Karen Jenson sehen wir dagegen nicht wieder, statt ihrer hat Blade mit Scud (Norman Reedus) einen neuen Sidekick. Trotz seines scheinbaren Todes in „Blade“ taucht Kris Kristofferson wieder auf, der Dank eines ziemlich uneleganten Retcons abermals als Blades Vertrauter und Mentor fungieren darf.

Die Action, Coolness und eher dürftige Figurenzeichnung des Vorgängers behält del Toro bei (David S. Goyer ist abermals für das Drehbuch verantwortlich), geht ästhetisch jedoch völlig andere Pfade: „Blade II“ ist dreckiger, gotischer und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „europäischer“ als Teil 1, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Film in Prag spielt und dort auch gedreht wurde. Zudem fährt del Toro hier ein völlig anderes Kaliber an Vampiren auf: Die rebellischen Hipster-Vampire, aus denen Deacon Frosts Clique bestand, sind ebenso Vergangenheit wie die Mafiosi-artige alte Garde um Dragonetti, stattdessen lebt del Toro seine Vorliebe für monströse Vampire aus, die später in der von ihm produzierten Serie „The Strain“ noch stärker hervortreten sollte. Die neue große Gefahr dieses Films sind die Reaper, eine erst vor kurzem aufgetauchte Unterart von Vampiren, deutlich stärker und widerstandsfähiger als die gewöhnlichen Blutsauger, nicht zuletzt, weil ihr Herz besser geschützt ist. Da die Reaper bevorzugt Vampirblut trinken und so andere Vampire in ihresgleichen verwandelt, haben Blade und die „normalen“ Vampire einen gemeinsamen Feind. Blade muss sich also mit einem vampirischen Einsatzteam, dem „Blood Pack“ unter Führung von Nyssa Damaskinos (Leonor Varela) verbünden, um die Reaper aufzuhalten. Sowohl Eli Damaskinos (Thomas Kretschman) als auch die Reaper und ihr Anführer Nomak (Luke Goss) sind mit ihren entstellten Gesichtern und kahlen Schädeln eindeutig von Graf Orlok aus Wilhelm Friedrich Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ beeinflusst.

Das Blood Pack hingegen knüpft relativ direkt an „Blade“ an, indem hier eine Reihe von nicht unbedingt gut ausgearbeiteten, aber doch einprägsamen Charakteren geboten wird. Zudem finden sich einige interessante Schauspieler in dieser Gruppe. Ron Perlmans Präsenz dürfte wohl niemanden, der mit del Toro vertraut ist, groß überraschen – er spielt den ziemlich sadistischen Vampir Reinhardt. Perlman, Nomak-Darsteller Luke Goss und del Toro sollten später zusammen „Hellboy II: The Golden Army“ drehen. Darüber hinaus gehören auch Martial-Arts-Legende Donnie Yen als „Snowman“ sowie Tony Curran als „Priest“ zum Bloodpack – Letzterer sollte in „Underworld: Evolution“ in die Rolle des Vampirältesten Markus Corvinus schlüpfen. Das gesamte Bloodpack ist höchst unterhaltsam, ebenso wie Luke Goss‘ Nomak und sein Vater Eli Damaskinos – Thomas Kretschman hat sichtlich Spaß daran, so richtig schön fies zu sein. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich Leonor Varela, die zwar sehr gut aussieht und wie ein Prototyp von Kate Beckinsales Selene aus den Underworld-Filmen wirkt, aber ihre Figur nicht wirklich authentisch rüberbringen kann. Das ist verdammt schade, da sie im Grunde der einzige Vampircharakter der gesamten Trilogie ist, der nicht ausschließlich böse ausfällt. Ein weiteres Manko sind abermals einige der Effekte – während die Action nach wie vor sehr gut ist, traf man die Entscheidung, die Figuren immer wieder absurde akrobatische Einlagen absolvieren zu lassen, die per CGI umgesetzt wurden, die bereits 2002 nicht gut aussahen und wirklich extrem schlecht gealtert sind.

Dennoch, aufgrund von Guillermo del Toros Regieführung und seinen stilistischen Vorlieben, die sich mit den meinen überschneiden, ist „Blade II“ definitiv mein Favorit dieser Filmreihe, nicht zuletzt, weil del Toro sich hier noch am ehesten mit der vampirischen Natur auseinandersetzt, sei es durch die etwas komplexere Nyssa oder den Umstand, dass die Vampire hier selbst von Jägern zu Opfern einer noch übleren Spezies von Monstern werden, während ihr Anführer sich nicht nur als Mafiaboss oder machthungriger Aufsteiger, sondern praktisch als Nazi entpuppt, der so etwas wie eine neue vampirische Herrenrasse züchten möchte. Diese Aspekte gehen nach wie vor nicht wirklich in die Tiefe, werden aber stärker und besser herausgearbeitet, als es im ersten und dritten Teil der Trilogie der Fall ist.

The Tomb of Dracula: Blade Trinity

David S. Goyer ist ein ziemlich wechselhafter Drehbuchschreiber – wenn er mit einem guten Regisseur wie Guillermo del Toro oder Christopher Nolan zusammenarbeitet, kann durchaus ein brauchbarer oder sogar sehr guter Film herauskommen. Wenn er hingegen selbst Regie führt, wie es bei „Blade: Trinity“ der Fall ist, entsteht ein mittelschweres Desaster. Die Probleme und Konflikte, die sich hinter den Kulissen abspielten, sind inzwischen legendär, nicht zuletzt, weil Patton Oswald und Ryan Reynolds immer wieder gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Goyer und Wesley Snipes konnten sich offenbar nicht ausstehen, was dazu führte, dass Letzterer ernsthafte Diva-Allüren entwickelte, seinen Trailer nicht verlassen wollte, mit dem Regisseur nur über Notizen kommunizierte und generell nicht zugänglich war. Doch selbst wenn man davon absieht, dass Snipes schlicht keine Lust hatte, in diesem Film mitzuspielen, passt vieles einfach nicht zusammen, die Regieführung ist bestenfalls holprig und schlimmstenfalls inkompetent. Erschwerend hinzu kommt, dass Elemente, die 1998 noch frisch und innovativ waren, im Jahr 2004, nach drei Matrix- und dem ersten Underworld-Film inzwischen ziemlich ausgelutscht wirkten.

Goyers Drehbuch ist da leider auch keine Hilfe, denn im Grunde handelt es sich bei der Story von „Blade: Trinity“ um ein Konglomerat an Handlungselementen aus den ersten beiden Filmen. Whistler stirbt zum zweiten und letzten Mal, Blade muss, wie schon im zweiten Teil, abermals mit einer Gruppe zusammenarbeiten; dieses Mal sind es die zumindest dem Namen nach aus den Comics stammenden Nightstalker, ein weiteres Mal hat er es mit einem „Supervampir“ zu tun und bereits zum dritten Mal macht Blade praktisch keinerlei Wandlung durch. Im Gegensatz zum zweiten Film greift Goyer zumindest formal in größerem Ausmaß auf die Vorlage zurück – auch Hannibal King (Ryan Reynolds) entstammt den gedruckten Seiten und natürlich hätten wir da noch Dracula…

Der Fürst der Vampire wird in diesem Film von Dominic Purcell, primär aus der Serie „Prison Break“ bekannt, gespielt, und ist leider ein weiterer Aspekt, der auf keiner Ebene funktioniert. Wie oben bereits erwähnt nimmt Dracula die Stellung als erster Vampir ein, die in den Comics Varnae innehat. Wie Blade ist er immun gegen das Tageslicht und wurde darüber hinaus als Vampir im antiken Babylon geboren, wo er unter dem Namen Dagon ein Kriegsherr wurde und sich einen blutigen Weg durch die Jahrtausende bahnte. U.a. posierte er auch als Vlad Țepeș und inspirierte in letzter Konsequenz Bram Stoker, zog sich dann aber angewidert von der Welt zurück, um im 21. Jahrhundert von der Vampirin Danica Talos (Parker Posey) und ihren Handlangern wiederweckt zu werden, um gegen Blade zu kämpfen. Schauspieler, die Dracula spielen, werden automatisch an ihren Vorgängern gemessen – eine illustre Riege, zu der neben Bela Lugosi auch Größen wie Christopher Lee, Gary Oldman oder Frank Langella gehören. Dominic Purcell ist zweifelsohne einer der schlechtesten Draculas, weder verfügt er über die Ausstrahlung eines Lugosi, noch über das Charisma eines Lee oder die Komplexität eines Oldman; auch als sumerischer Kriegsherr oder uraltes, unmenschliches Monster weiß er nicht zu überzeugen. Stattdessen wirkt er eher wie ein gelangweilter Rapper.

Alle anderen Aspekte der Produktion sind ebenso misslungen. In den ersten beiden Filmen merkt man Snipes seine Passion für das Material an, diese ist durch den Konflikt mit Goyer völlig verloren gegangen. Die ürbigen Charaktere sind entweder flach, überzeichnete Karikaturen oder beides. Abigail Whistler (Jessica Biel) ist quasi wandelndes Product Placement, Ryan Reynolds scheint schon mal für Deadpool zu üben und Parker Posey und ihr vampirischer Anhang ist völlig überdreht und weit entfernt von den einprägsamen Blutsaugern der ersten beiden Teile.

Apokryphen und Vermächtnis
Unglaublich, aber wahr: Trotz der nicht gerade überwältigenden Rezeption von „Blade: Trinity“ schickte Warner Bros. 2006 eine Blade-Fernsehserie an den Start, die wirklich kaum jemand gesehen hat. Ich glaube, ich habe mir ein oder zwei Folgen angeschaut, als die Serie damals auf ProSieben startete, kann mich aber an absolut nichts mehr erinnern. Obwohl Wesley Snipes nicht mehr beteiligt war – die Titelfigur wird von dem Rapper Kirk Jones alias „Sticky Fingaz“ gespielt – knüpft die Serie an die Filme an, es gibt diverse Anspielungen und sowohl David S. Goyer als auch Ramin Djawadi, der Komponist von „Blade: Trinity“, wirkten an dem Unterfangen mit. Deutlich aufmerksamer dürften Fans der alten Trilogie die MCU-Neuauflage des Vampirjägers verfolgen. Ein erstes (rein stimmliches) Cameo absolvierte Mahershala Ali bereits in der Post-Credits-Szene von „The Eternals“, sein eigener Film kommt im November 2023 ins Kino; meine Bedenken diesbezüglich habe ich oben bereits geschildert.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von „Blade“ auf das Horror-Action-Genre – wenn der Film von 1998 es nicht begründet hat, gehört er doch zumindest zu den Wegbereitern. Filme, Filmreihen und Serien wie „Underworld“, „Resident Evil“, „Van Helsing“, „Priest“ oder „First Kill“ sind massiv vom Einfluss der Blade-Trilogie geprägt. Zudem zeigte Blade, dass ein relativ obskurer Marvel-Charakter an den Kinokassen extrem erfolgreich sein kann. Wenn das MCU sich schon nicht stilistisch an der Trilogie orientiert, so hat es sich doch schon oft genug der Vorgehensweise bedient, indem es absolute Nischenfiguren aus der Versenkung holte und für ein breites Publikum aufbereitete; wer kannte vor 2014 schon die Guardians of the Galaxy? Zudem, und das sollte ebenfalls nicht unterschlagen werden, ist Blade der erste erfolgreiche Superheldenfilm mit einem schwarzen Protagonisten („Spawn“ und „Steel“ kamen zwar vorher ins Kino, können aber beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnet werden) und einem R-Rating und damit Wegbereiter für Filme wie „Black Panther“ oder „Deadpool“.

Bildquelle Titel (New Line Cinema)
Bildquelle klassischer Blade

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Secret Origin
First Kill Staffel 1

Hellraiser: Judgment

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Story: Während in der Hölle Pinhead (Paul T. Taylor), Anführer der Cenobiten, und der Auditor (Gary J. Tunnicliffe), der einer anderen höllischen Fraktion, der Stygischen Inquisition vorsteht, über ihre Aufgabe diskutieren, ermitteln drei Detectives auf der Erde im Fall eines Serienkillers mit dem Spitznamen „The Perceptor“, der seine Opfer nach Motiven der sieben Todsünden ermordet. Nach und nach stoßen Christine Egerton (Alexandra Harris) und die beiden Brüder Sean (Damon Carney) and David Carter (Randy Wayne) auf die finsteren Hintergründe dieser Mordserie…

Kritik: Zugegeben, ich bin etwas spät dran – „Hellraiser: Judgment“, eine weitere Directo-to-DVD-Produktion, die primär dazu diente, die Rechte des Hellraiser-Franchise bei Dimension Films zu halten, erschien bereits 2018. Eine Veröffentlichung in Deutschland gibt es nach wie vor nicht, was einer der Gründe für die späte Rezension ist – der andere ist die Erinnerung an „Hellraiser: Revelations“. Wie dem auch sei (und wie ich schon in meiner Rezension zu „Fantastic Beasts: The Secrets of Dumbledore“ schrieb): Ich bin Komplettist, also quälte ich mich auch durch diesen zehnten Hellraiser-Film. Hauptverantwortlicher ist dieses Mal Gary J. Tunnicliffe, der nicht nur, wie schon bei „Hellraiser: Revelations“, das Drehbuch schrieb, sondern auch Regie führte und zudem noch den Auditor verkörpert. Tatsächlich arbeitet Tunicliffe schon seit vielen Jahren, nämlich seit „Hellraiser III: Hell on Earth“ an der Filmreihe, allerdings im Make-up-Bereich.

Zumindest im Vergleich zu „Hellraiser: Revelations“ ist „Hellraiser: Judgment“ eine deutliche Verbesserung, auch wenn ich nicht wüsste, wie man „Revelations“ noch hätte unterbieten können. Während der Vorgänger im Grunde eine Variation auf den ersten Film war, bemerkt man hier, dass Tunicliffe eindeutig Ambitionen hat, er möchte eine größere Geschichte erzählen und den Mythos des Franchise erweitern. Dies geschieht durch die Einführung einer neuen höllischen Fraktion, der Stygischen Inquisition, die Seelen auf deutlich andere Art und Weise erntet als die Cenobiten. Sogar ein Engel in Gestalt von Jophiel (Helena Grace Donald) taucht auf. Hier beginnen für mich dann allerdings auch schon die Probleme, die im Franchise immerhin nicht neu sind: Von der ursprünglichen Konzeption der Cenobiten also amoralische Wesen („angels to some, demons to others“) hat man sich inzwischen völlig distanziert und selbst die in „Hellbound: Hellraiser II“ etablierte Mythologie um Leviathan und das Labyrinth spielt keinerlei Rolle mehr, stattdessen wird ein weiteres Mal eine eindeutig christliche Kosmologie präsentiert. Zugegeben, bereits Clive Barker selbst ging in seinem Roman „The Scarlet Gospels“ in diese Richtung und inszenierte Pinhead als Teil einer doch recht traditionellen Hölle. Hier haben wir es zusätzlich noch mit einer Low-Budget-Hölle zu tun, die eben aussieht wie gewöhnliche, heruntergekommene Räume. Außerdem wirkt die Stygische Inquisition rein ästhetisch nach meinem Empfinden in einem Hellraiser-Film schlicht fehl am Platz, sie scheint eher von Silent Hill inspiriert zu sein. Die Kreativität der ursprünglichen Cenobiten wird durch schieren Ekel ersetzt – der Prozess der Stygischen Inquisition ist wirklich nicht angenehm anzusehen. Andere Cenobiten außer Pinhead, etwa der Chatterer, tauchen lediglich in kurzen Cameos auf.

Und wo wir gerade von Pinhead sprechen: Paul T. Taylor gibt definitiv einen besseren Pinhead ab als die Kombination aus Stephan Smith Collins (Darsteller) und Fred Tatasciore (Stimme), ist aber von Doug Bradley, der eine Rückkehr abermals ablehnte (und wer könnte es ihm verdenken), weit entfernt. Nicht nur Pinheads Platz in Tunicliffes Geschichte erinnert an ein späteres literarisches Werk von Clive Barker, auch sein letztendliches Schicksal spiegelt wider, was ihm in den Hellraiser-Comics der 2010er-Jahre des Verlags Boom! Studios geschieht. Diese sind allerdings deutlich gelungener als „The Scarlet Gospels“ und „Hellraiser Judgment“ und arbeiten auch tatsächlich mit der in den ersten beiden Filmen etablierten Mythologie.

Die eigentliche zentrale Handlung um die drei ermittelnden Detectives hält einen als Zuschauer leider auch nicht bei der Stange: Zu sehr wirkt das ganze wie ein Low-Budget-Remake von David Finchers „Seven“. Wann immer Hellraiser-Filme versuchten, eine Thriller-Handlung mit Ermittlungen zu inszenieren („Hellraiser: Inferno“, „Hellraiser: Hellseeker), funktionierte das bestenfalls suboptimal, und das ist hier nicht anders. Die Ermittlungen sind einfach nicht interessant und die Identität des Serienkillers hat man als halbwegs versierter Filmkenner nach einigen Minuten erraten. Immerhin, die Darsteller sind im Großen und Ganzen zumindest funktional, Gary J. Tunicliffe ist als Auditor durchaus amüsant und scheint seinen Spaß zu haben, nur Helena Grace Donald kann als Engel so gar nicht überzeugen.

Fazit: „Hellraiser: Judgment“ mag eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger sein, ist von der Qualität der ersten beiden Filme aber noch wie vor weit entfernt. Vielleicht könnnen ja der kommende Hellraiser-Film, der in diesem Jahr bei Hulu startet, oder die geplante HBO-Serie eher überzeugen…

Bildquelle (Lionsgate, Dimension Films)

Trailer

Siehe auch:
The Scarlet Gospels

Fantastic Beasts: The Secrets of Dumbledore

Spoiler!
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Story: Wir schreiben das Jahr 1932; die Internationale Zauberervereinigung ist auf der Suche nach einem neuen Vorsitzenden. Dies möchte sich Gellert Grindelwald (Mads Mikkelsen), der nach wie vor finstere Absichten hegt, zunutze machen. Derweil versucht Albus Dumbledore (Jude Law) seinen ehemaligen Geliebten immer noch aufzuhalten. Nachdem Grindelwald von Anton Vogel (Oliver Masucci), dem noch amtierenden Vorsitzenden, rehabilitiert wird, stellt er sich selbst zur Wahl – diese wird jedoch nicht von der magischen Bevölkerung, sondern von einer magischen Kreatur, dem Qilin, der sowohl in die Herzen als auch in die Zukunft sehen kann, durchgeführt. Um zum Anführer der Zaubererschaft zu werden und diese endlich in einen Krieg gegen die Muggel führen zu können, heckt Grindelwald einen durchtriebenen Plan aus. Ein weiteres Mal ist es an Dumbledore und seinen Verbündeten, darunter Newt (Eddie Redmayne) und Theseus Scamander (Callum Turner), Jacob Kowalski (Dan Fogler) und die amerikanische Hexe Lally Hicks (Jessica Williams), den Schwarzmagier aufzuhalten…

Kritik: Ähnlich wie „X-Men: Dark Phoenix“ scheint auch „Fantastic Beasts: The Secrets of Dumbledore“ der Abgesang auf eine sterbende Filmreihe zu sein, der eher aus Pflichtgefühl überhaupt erst in die Kinos kam und dort zu allem Überfluss nicht allzu viele interessierte, nicht zuletzt, weil einer der kreativen Köpfe sich zur Persona non grata entwickelte. Das war bei mir nicht anders, auch ich hatte ziemlich wenig Interesse an diesem (vorläufigen) Finale der „Fantastic-Beasts-Saga“, was allerdings nicht einmal so sehr an J. K. Rowlings Twitter-Ausfällen, sondern viel mehr an der unterirdischen Qualität des Vorgängers „The Crimes of Grindelwald“ lag – dieser hat mein Interesse am einstmals florierenden Potter-Franchise nachhaltig erstickt. Dennoch, ich bin eben Komplettist und war zudem auch neugierig auf die neue Inkarnation von Gellert Grindelwald. Bekanntermaßen erwies sich Johnny Depp ebenfalls als problematisch, auch wenn er jetzt im Gerichtshof der öffentlichen Online-Meinung rehabilitiert zu sein scheint – Warner hätte wohl besser daran getan, sich von Ezra Miller zu trennen. Wie dem auch sei und ohne hier ein Fass aufmachen zu wollen: Völlig unabhängig von Johnny Depps Charakter und seinem Privatleben war er in meinen Augen von Anfang an die völlig falsche Besetzung für Grindelwald und hat in dieser Rolle für mich nie funktioniert. Mads Mikkelsen ist da tatsächlich die deutlich bessere Wahl, aber dazu später mehr.

Nachdem „The Crimes of Grindelwald” zwar durchaus erfolgreich, aber eben nicht erfolgreich genug war und zudem (völlig zurecht) mit harscher Kritik bedacht wurde, bemühte man sich bei Warner um eine Kurskorrektur. Dass J. K. Rowling mit dem Schreiben (und vor allem Strukturieren) eines Drehbuchs überfordert war, hatte sich überdeutlich gezeigt, weshalb man ihr Potter-Drehbuch-Veteran Steve Kloves zur Seite stellte. Und tatsächlich: „The Secrets of Dumbledore“ ist immerhin besser strukturiert als der direkte Vorgänger und auch weniger erratisch. Massive erzählerische Probleme bleiben allerdings erhalten. Zum einen wäre da eine recht ungleichmäßig Fortführung und Weiterentwicklung der Handlungselemente und Figuren des Vorgängers. Nagini, in „The Crimes of Grindelwald“ gespielt von Claudia Kim, wird beispielsweise nicht einmal mehr erwähnt, während Tina Goldstein (Katherine Waterston), immerhin eine der zentralen Figuren der ersten beiden Filme, nur zwei kleine Cameos absolviert (was aber primär mit der Verfügbarkeit der Darstellerin zusammenhängt). Auch das ganze Hin und Her um Prophezeiungen, die (extrem subtil) auf den Zweiten Weltkrieg hinweisen und alles, was mit der Familie Lestrange zu tun hat, spielt überhaupt keine Rolle mehr. Und selbst Newt Scamander, immerhin in der Theorie der Protagonist der Filmreihe, wird mehr oder weniger zur Nebenfigur degradier – ein Schicksal, das er mit Bilbo Beutlin teilt.

Stattdessen wird mit der Wahl des Vorsitzenden der Internationalen Zaubererversammlung ein völlig neues Fass aufgemacht, mit dem Rowling, Kloves und Yates mehr denn je versuchen, einen Politthriller mit magischem Abenteuer zu verknüpfen, was hier nicht allzu gut gelingt. Parallelen zu aktueller Politik und Geschichte sind nur allzu deutlich, wie üblich bleibt die Politik der „Wizarding World“ allerdings eine äußerst schwammige Angelegenheit. In den Harry-Potter-Romanen hat das allerdings nur bedingt geschadet, gerade in „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ hat Rowling es wirklich gut genug geschafft, das herauszuarbeiten, was nötig und wichtig ist, nicht zuletzt deshalb, weil sie den Blickwinkel von Teenagern einnehmen konnte. Im Gegensatz dazu wirken die politischen Elemente in „The Secrets of Dumbledore“ geradezu beliebig, wenn nicht gar unsinnig. Was zu Anfang als Wahl inszeniert wird, verkommt zur magischen Zeremonie, in der nicht die Mehrheit, sondern ein ominöses Tierwesen darüber entscheidet, wer die Zaubererschaft führt. Zudem wird man auch nie wirklich über die Befugnisse des Vorsitzenden aufgeklärt. Diese Position existierte zwar bereits in den HP-Romanen (und wurde dort von Dumbledore ausgefüllt), hatte aber scheinbar kaum tatsächliche Auswirkungen. Hier nun scheint derjenige, der sie innehat, dazu in der Lage zu sein, den Muggeln den Krieg zu erklären.

Zudem ist überdeutlich, dass „The Secrets of Dumbledore“ ein merkwürdiger Hybridfilm geworden ist: Ursprünglich waren fünf Fantastic-Beasts-Filme geplant, aber nachdem die ersten beiden hinter den Erwartungen zurückblieben, entschloss man sich, mit dem dritten Film einen vorläufigen Schlussstrich zu ziehen. Somit muss „The Secrets of Dumbledore“ als Finale fungieren können, aber zugleich auch weitere Fortsetzungen ermöglichen, falls doch genug Zuschauer in die Kinos strömen. Harry-Potter-Fans wissen zudem, dass Grindelwalds finale Niederlage erst im Jahr 1945 stattfindet (nicht, dass Rowling im Rahmen dieser Filmreihe jemals vor massiven Retcons zurückgeschreckt wäre…). Ich persönlich denke, dass Rowling ursprünglich plante, Grindelwald hier Erfolg haben und das angestrebte Amt tatsächlich gewinnen zu lassen. Nicht von ungefähr spielt der Film im Jahr 1932, ein Jahr vor Hitlers Machtergreifung – die Parallelen zwischen Grindelwald und Hitler waren nie besonders subtil. Die beiden verbliebenen geplanten Filme hätten sich dann mit einer (kontinentaleuropäischen) Zaubererwelt unter Grindelwalds Kontrolle und dem magischen Äquivalent zum Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen können. So muss Grindelwald hier aber ein weiteres Mal verlieren und flüchten, damit die Reihe, sollte es der letzte Fantastic-Beasts-Film sein, mit einem positiven Ende versehen werden kann.

Figurentechnisch konzentriert sich „The Secrets of Dumbledore“ tatsächlich auf die beiden Kontrahenten, während die meisten anderen in den Hintergrund rücken. Mit der von Jessica Williams gespielten Eulalie „Lally“ Hicks wird zudem eine neue, zentrale Figur vorgestellt, die wohl als Ersatz für Tina Goldstein gewertet werden kann – zumindest was die Stellung als zentrale weibliche Figur auf Dumbledores Seite angeht. Die Ilvermorny-Lehrerin (samt Darstellerin) absolvierte bereits in „The Crimes of Grindelwald“ einen kleinen Cameo-Auftritt und Jessica Williams hat sichtlich Spaß daran, sie zu spielen, darüber hinaus fällt die Charakterisierung aber eher dünn aus – etwas, das sich auf die meisten Figuren erstreckt. Weiterhin unterhaltsam bleibt auch Dan Fogler als Jacob Kowalski, der trotz seiner romantischen Verwicklungen seinen Optimismus nicht verliert. Alison Sudols Queenie Goldstein hat immerhin mehr Präsenz als ihre Schwester, aber auch ihr wird nicht wirklich viel Platz zur Entfaltung gelassen. Der junge Dumbledore ist weniger exzentrisch als sein älteres Ich, ansonsten aber ziemlich in-Character, inklusive der Eigenheit, seine Verbündeten über seine unnötig komplizierten Pläne im Dunkeln zu lassen. Nebenfiguren aus dem Vorgänger wie Yusuf Kama (William Nadylam) oder Bunty (Victoria Yeates) sind ebenfalls Teil von Dumbledores Team, tragen aber nur wenig zur Handlung bei. Credence‘ familiäre Situation wird ebenfalls aufgelöst, hier stellt sich nun heraus, dass er der Sohn von Albus Dumbledores Bruder Aberforth (Richard Coyle) ist.

Kommen wir nun aber zu Grindelwald: Ich hatte mich im Vorfeld gefragt, ob das veränderte Aussehen des Schwarzmagiers wohl thematisiert werden würde, immerhin könnte ich problemlos eine magische Erklärung finden, allerdings entschied man sich dazu, Grindelwalds Aussehen ebenso zu ignorieren wie seine völlig veränderte Persönlichkeit. Die Jack Sparrow’sche Exzentrik, die Johnny Depp mitbrachte, hat die Figur nun völlig verloren, stattdessen wird sie nun von einer energischen Zielstrebigkeit dominiert, die ich persönlich weitaus passender finde, die aber freilich ein massiver Kontinuitätsbruch ist (nicht, dass das noch jemanden besonders kümmern würde).

Wie schon „The Crimes of Grindelwald” bemüht sich auch „The Secrets of Dumbledore” um massives Spektakel, ohne allerdings jemals die alte Magie der Potter-Filme reaktivieren zu können, was ironischerweise auch an der Darstellung der Magie liegt – ein Problem, das jedes der drei Prequels plagt. Nicht, dass Rowling bei den Regeln der Magie in der „Wizarding World“ immer konsistent oder konsequent gewesen wäre, aber es gab immerhin Regeln und sie wurden auch erklärt. Vor allem in den letzten beiden Teilen dieser unfreiwilligen Prequel-Trilogie können Zauberer und Hexen inzwischen quasi fast alles machen, was sie wollen. Das Duell zwischen Dumbledore und Credence beispielsweise wirkt eher, als stamme es aus „Doctor Strange“, inklusive der Spiegeldimension. In der Figurenkonzeption und -konstellation versuchen Rowling, Kloves und Yates zudem immer wieder, nach bester George-Lucas-Manier („It rhymes!“) auf bereits Erzähltes zu verweisen, etwa durch die Parallelen zwischen Ariana Dumbledore und Credence, Draco Malfoy und Credence oder Snape und Queenie.

Auch die Nostalgiekeule wird immer wieder ausgepackt – wenn handelnde Figuren in Hogwarts vorbeischauen, erklingt Hedwigs Thema in bester Williams-Manier und erweckt zumindest bei mir das Bedürfnis, statt dieses Films doch lieber die alten Potter-Filme wieder anzuschauen. Und dann ist da noch diese eine Szene, in der aus einem Koffer buchstäblich Potter-Requisiten ausbrechen, darunter ein Schnatz und mehrere Exemplare des Monsterbuchs der Monster, natürlich untermalt vom Flug-Thema aus den ersten drei Potter-Scores. Abseits dieser offensichtlichen Einspielungen weiß immerhin James Newton Howards Score auch ein drittes Mal zu überzeugen und die Emotionalität zu vermitteln, an der der Film scheitert. Eine ausführliche Besprechung des Scores findet sich hier.

All das zeigt, dass auch hier die altbekannten Fehler gemacht wurden, die so viele Franchises plagen. Ich denke, die Fantastic-Beasts-Serie hätte durchaus funktionieren können, hätte man sich auf die Stärken des ersten Teils berufen und es vermieden, eine epische Saga und ein mit Nostalgie getränktes Prequel zu den Potter-Filmen zu erzählen. Stattdessen hätte man sich an den inhaltlich kaum miteinander verbundenen Bond-Filmen der Roger-Moore-Ära orientieren können und pro Film ein in sich geschlossene Abenteuer mit magischen Tierwesen an verschiedenen, interessanten Orten erzählen können, während der Krieg gegen Grindelwald lediglich ein Element des Hintergrundes bleibt, so wie es der Kalte Krieg in den Bond-Filmen war.

Fazit: „The Secrets of Dumbledore“ ist zwar marginal besser als „The Crimes of Grindelwald”, schafft es aber nicht einmal in Ansätzen, die alte Magie zurückzubringen. Ein besser strukturiertes Drehbuch und ein talentierter Cast können leider nicht über massive erzählerische Probleme und den Mangel an Inspiration hinwegtäuschen.

Bildquelle (Foto: Warner Bros.)

Trailer

Siehe auch:
Fantastic Beasts and Where to Find Them
Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Taste the Blood of Dracula

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Story: William Hargood (Geoffrey Keen), Samuel Paxton (Peter Sallis) and Jonathon Secker (John Carson) geben sich als aufrechte, moralische Mitglieder der Gesellschaft, suchen in Wahrheit aber nach immer größeren Versuchungen. Das, was ihnen die Londoner Bordelle anbieten, reicht schon bald nicht mehr aus. Da kommt der mysteriöse Lord Courtley (Ralph Bates) gerade recht, denn er verspricht nie geahnte Verderbnis. Zu viert bereiten sie ein spezielles, satanisch anmutendes Ritual vor, zu dessen Bestandteilen unter anderem auch das getrocknete Blut Draculas sowie der Umhang des Vampirgrafen gehört. Das Ritual scheint jedoch schiefzugehen und endet im Tod Lord Courtleys. Unbemerkt von den drei Gentlemen verwandelt sich Courtleys Leichnam allerdings bald in Dracula (Christopher Lee) – und diesen dürstet es nach Rache für den Tod seines Dieners…

Kritik: „Taste the Blood of Dracula” markiert Christopher Lees vierten Auftritt als Vampirgraf in einem Hammer-Film, gleichzeitig erschienen im Jahr 1970 ironischerweise noch drei weitere Filme, in denen Lee seine ikonische Rolle mimte: Jess Francos verhältnismäßig werkgetreue, aber recht günstige Adaption des Romans, Jerry Lewis‘ „One More Time“, in welchem er einen kleinen Cameo-Auftritt absolvierte, und „Scars of Dracula“, ein weiterer Hammer-Film, der nur wenige Monate nach „Taste the Blood of Dracula“ ins Kino kam.

Abermals hätte Lee seine Paraderolle fast nicht noch einmal gespielt, dieses Mal allerdings aufgrund höherer Gageforderungen, die Hammer nicht erfüllen wollte. Stattdessen planet man, Ralph Bates zum neuen Dracula zu machen, in der ursprünglichen, von Anthony Hinds verfassten Version des Drehbuchs sollte Dracula einfach nur Lord Courtleys Körper in Besitz nehmen, sodass Bates in diesem und potentiellen weiteren Filme den Grafen verkörpern konnte. Hammer hatte die Rechnung allerdings ohne den amerikanischen Vertrieb gemacht, für den ein Dracula-Film ohne Lee kein Dracula-Film war, was schließlich zu seiner Rückkehr als Graf und einigen hastigen Drehbuchänderungen führte. Als Regisseur wurde Freddie Francis von Peter Sasdy abgelöst.

Dabei beginnt „Taste the Blood of Dracula” äußerst vielversprechend, weil sich der Film deutlich anders anfühlt als seine Vorgänger. Nach einem kurzen Prolog, in welchem der englische Geschäftsmann Weller (Roy Kinnear) Draculas Tod aus „Dracula Has Risen from the Grave“ (zumindest mehr oder weniger) beobachtet und anschließend getrocknetes Blut und Umhang einsammelt, wechseln wir zu den drei Gentlemen, die für eine interessante Handlungskonstellation sorgen. Ralph Bates macht zudem eine durchaus gute Figur als zwielichtiger Lord Courtley. Die Handlung des Films fällt allerdings auseinander, sobald die Drehbuchänderungen, um Lee im Film unterzubringen, allzu deutlich werden. Ab diesem Zeitpunkt will die Handlung einfach keinen rechten Sinn ergeben. Während ein Courtley-Dracula, der an den Gentlemen Rache nimmt oder sich ihrer entledigt, weil sie zu viel wissen, vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, hat Lees Version der Figur doch eigentlich keinen Bezug zu ihnen. Vor allem ist es auch das einzige Mal, dass ihm etwas an seinen Werkzeugen liegt.

Dabei gibt es durchaus auch in der zweiten Hälfte des Films interessante Ansätze. Dracula wurde immer als Bedrohung des gesitteten Status Quo inszeniert, in „Taste the Blood of Dracula“ ist besagter Status Quo aber in letzter Konsequenz nicht positiv konnotiert, wie es in den bisherigen Hammer-Filmen der Fall war. Stattdessen sind seine Vertreter massive Heuchler, die zwar die Fassade moralischen Bürgertums aufrechterhalten, in Wahrheit aber völlig verkommene Subjekte sind. Dieses Mal ist es Dracula, der William Hargoods Tochter Alice (Linda Hayden) vor dem mörderischen Vater rettet und nicht etwa umgekehrt. Dracula wird zum Katalysator jugendlicher Rebellion, sowohl Alice als auch Samuel Paxtons Tochter Lucy (Isla Blair) begehren unter seiner Ägide gegen ihre Väter auf. Dieser Ansatz wird aber kaum weiterverfolgt, nicht zuletzt, weil unklar bleibt, inwiefern die beiden tatsächlich unter Draculas Kontrolle stehen. Zudem scheint Lucy irgendwann zur Vampirin zu werden, nur um am Ende doch als Mensch zu sterben. Alice hingegen wird am Ende von Dracula mehr oder weniger verstoßen, weil sie ihm nicht mehr nützlich ist, was ebenfalls seltsam erscheint. Warum saugt er sie nicht einfach aus? An diesem und ähnlichen Elementen merkt man das kurzfristig abgeänderte Drehbuch überdeutlich.

Tatsächliche Inhalte aus Stokers Roman finden sich, wie nicht anders zu erwarten, kaum mehr in diesem Film, allerdings gibt es einige amüsante (und wahrscheinlich unbeabsichtigte) Parallelen. Zum ersten Mal in der Filmreihe betritt der Graf englischen Boden und treibt in London sein Unwesen, auch wenn er dazu erst zu Pulver werden musste, da sich eine aufwändige Schiffsszene, wie sie im Roman auftaucht, für Hammer stets als zu teuer und aufwendig erwies. Zudem bekommt Dracula es abermals mit einer aus drei Männern bestehenden Gruppe zu tun und zu seinen Opfern gehört zu allem Überfluss ein Mädchen namens Lucy.

Darstellerisch ist „Taste the Blood of Dracula“ stärker als der Vorgänger: Lee macht natürlich auch weiterhin eine gute Figur in seiner Paraderolle und auch Ralph Bates, Peter Sallis, John Carson und Geoffrey Keen funktionieren sehr gut – vor allem Letzterer ist herrlich widerwärtig. Gerade angesichts der interessanten Ausgangslage hätte man sich durchaus mehr von ihnen gewünscht – da wäre einiges an Potential vorhanden gewesen. Stattdessen begnügt sich „Taste the Blood of Dracula“ damit, wieder die inzwischen ziemlich ausgeschöpften Hammer-Klischees breitzutreten: Ein weiteres Mal wird Dracula durch heilige Symbole in seine Schranken gewiesen.

Fazit: „Taste the Blood of Dracula” bietet die eine oder andere interessante Neuerung und schafft es, eine interessante Ausgangsposition für die Handlung zu schaffen, nur um in der zweiten Hälfte aufgrund kurzfristiger Drehbuchänderungen wieder in die alten Klischees zu verfallen.

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Trailer

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

Thor: Love and Thunder

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Story: Während Thor (Chris Hemsworth) mit den Guardians of the Galaxy durch das Universum reist, erreicht ihn eine Nachricht seiner alten Verbündeten Sif (Jaimie Alexander). Der Donnergott und sein Kamerad Korg (Taika Waititi) trennen sich von den Guardians, um Sif aufzusuchen und dem Hilferuf auf den Grund zu gehen. Von der einarmigen Asgardianerin erfährt Thor, dass eine Kreatur namens Gorr, der Götterschlächter (Christian Bale) sein Unwesen treibt und die Götter vieler Welten tötet. Und mehr noch, Gorrs nächstes Ziel ist der Zufluchtsort seines Volkes auf der Erde, regiert von Valkyrie (Tessa Thompson). Thors Ex-Freundin Jane Foster (Natalie Portman) ist derweil an Krebs erkrankt und blickt dem Tod ins Auge, da hört sie den Ruf der Trümmer Mjölnirs. Als Thor schließlich auf der Erde eintrifft, erwartet ihn Jane als Thor, die Donnergöttin – was sie aber auch zu einem Ziel für Gorr macht…

Kritik: Wer hätte angesichts der Rezeption der ersten beiden Thor-Filme jemals gedacht, dass der Donnergott nicht nur der einzige Avenger ist, der in jeder MCU-Phase einen Film bekommt, sondern auch der erste, der als Titelheld von vier Filmen fungieren darf (was angesichts des Erfolgs von „Spider-Man: No Way Home“ aber mit Sicherheit nicht lange so bleiben wird). Natürlich wäre es ohne den überwältigenden Erfolg von „Thor: Ragnarok“ sicher nicht dazu gekommen – Taika Waititis Präsenz als Regisseur ist ein wichtiger Aspekt der Vermarktung des Films. Interessanterweise zeigen sich hier bereits die Beschränkungen und Grenzen der Kombination MCU/Waititi.

Stilistisch knüpft Waititi direkt an „Thor: Ragnarok“ an: Alles ist groß, laut, bombastisch, zugleich aber auch sehr überdreht und kaum etwas wird ernstgenommen – das steht durchaus in Kontrast zu „Spider-Man: No Way Home“ und (in geringerem Maße) „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“, die beide zumindest über gewisse Strecken versuchten, authentischere emotionale Inhalte zu vermitteln. MCU-Filme bemühen sich immer um eine gewisse Balance zwischen, nennen wir es „Authentizität“ und dem als Markenzeichen des Franchise fungierenden, selbstreferenziellen Humor. Bereits in „Thor: Ragnarok“ fiel diese Balance zweifelsohne zugunsten von Letzterem aus, in „Thor: Love and Thunder“ ist sie aber praktisch kaum mehr vorhanden, es handelt sich hierbei um den bislang teuersten Improv-Comedy-Film.

Dieser Umstand wird besonders im Hinblick auf die Vorlage deutlich. Waititi und Co-Drehbuchautorin Jennifer Kaytin Robinson bedienen sich inhaltlich primär aus Jason Aarons Zeit als Thor-Autor. In den 2010er-Jahren verfasste Aaron diverse Serien und Miniserien mit dem Donnergott, sowohl Gorr, der Götterschlächter als auch Jane Foster als hammerschwingende Donnergöttin stammen auf seiner Feder. Aarons Comics sind allerdings deutlich ernster und düsterer als „Love and Thunder“. Statt so gut wie jede Thematik als Aufhänger für Humor zu verwenden, bemüht sich Aaron, die philosophischen Implikationen zu erforschen – soweit das eben in einer Mainstream-Marvel-Serie möglich ist. Während Waititi und Robinson sich der Ideen und Konzepte zumindest oberflächlich bedienen, bleibt vieles auf der Strecke. Während Jane Foster in den Comics den Hammer schwingt, hat Thor Probleme damit, unwürdig zu sein und Mjölnir nicht mehr anheben zu können, was Aaron in der Miniserie „The Unworthy Thor“ ausführlich thematisiert. Zugegeben musste sich Thor damit bereits im ersten Film von Kenneth Branagh auseinandersetzen, aber diese Miniserie zeigt einen deutlich an sich zweifelnden, introspektiven Thor, während sich das Filmgegenstück mit den Eifersüchteleien der beiden göttlichen Waffen auseinandersetzen muss. In den seltenen Momenten, in den Waititi tatsächlich versucht, ernsthaftes Drama zu inszenieren, etwa wenn es um Janes Krebserkrankung oder Gorr geht, scheitert er meistens daran. Das ist umso frustrierender, weil hier enormes Potential liegt: Gerade die Sequenzen mit Zeus (Russel Crowe) und den anderen Göttern zeigen ja, dass Gorr im Grunde sehr wohl recht hat – dieser Ansatz wird aber einfach nicht aufgegriffen. Nebenbei bemerkt: Zu Beginn des MCU wurden Thor und Co. noch als sehr mächtige und langlebige Aliens inszeniert, die von den Menschen der Erde lediglich für Götter gehalten wurden. Dieser Ansatz scheint nun endgültig passé zu sein.

Zu all dem kommt der Umstand, dass „Love and Thunder“ als Komödie deutlich schlechter funktioniert als „Ragnarok“. Die Dichte an Gags wurde zwar erhöht, die Trefferquote fällt aber deutlich niedriger aus und zudem reizt Waititi gewisse Witze bis zum Äußersten aus, seien es die mit menschlicher Stimme schreienden Böcke oder Janes Suche nach einer Catchphrase. Möglicherweise fehlt auch einfach die Präsenz von Jeff Goldblum und Tom Hiddleston. So erfrischend „Ragnarok“ nach zwei eher mäßigen Thor-Filmen auch war, so schnell hat sich der Comedy-Ansatz überholt. Vielleicht ist Thor eine Figur, die einfach alle paar Filme von Grund auf überarbeitet werden muss. „Love and Thunder“ ist zwar durchaus kurzweilig und gut anschaubar, lässt einen aber irgendwie erschöpft zurück. Das zeigt sich bereits daran, dass ich relativ lange für diese Kritik gebraucht habe und einfach nicht motiviert war, eine ausführliche Rezension zu schreiben.

Fazit: Was in „Thor: Ragnarok“ eine nötige Frischzellenkur für Marvels Donnergott war, erweist sich in „Thor: Love and Thunder“ nun als Hindernis und Ballast. Gerade weil Taika Waititi und Jennifer Kaytin Robinson sich als Vorlage thematisch und emotional durchaus vielschichtige Comics ausgewählt haben, fällt der Comedy-Ansatz dieses Mal äußerst flach aus und will nicht so recht funktionieren.

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Siehe auch:
Thor: Ragnarok – Ausführliche Rezension
Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension
Doctor Strange in the Mutliverse of Madness – Ausführliche Rezension

Doctor Strange in the Multiverse of Madness – Ausführliche Rezension

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Seit seinem Debüt in Scott Derricksons „Doctor Strange“ trat Marvels Sorcerer Supreme primär in Nebenrollen auf; während man Spider-Man zwischen 2017 und 2021 drei Filme gewährte, musste Stephen Strange auf seinen zweiten Solo-Auftritt ganze sechs Jahre warten. Zusätzlich wurde „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ von einer ganzen Reihe an Problemen geplagt. Natürlich hatte jeder Film der letzten zweieinhalb Jahre unter der Corona-Pandemie zu leiden, wie so häufig kam es allerdings auch hier zu „kreativen Differenzen“ zwischen Marvel bzw. Disney und Derrickson, der ursprünglich auch den zweiten Strange-Film inszenieren sollte, weshalb man kurzerhand Regie-Veteran Sam Raimi heranholte. „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist Raimis erster Kinofilm seit “Oz the Great and Powerful” (2013) und markiert natürlich seine Rückkehr zum Superheldenfilm im Allgemeinen und Marvel im Besonderen, nachdem er mit seiner Spider-Man-Trilogie (2002 bis 2007) einer der essentiellen Geburtshelfer des Superheldenfilms als Genre war. Ein zugegebenermaßen interessanter Wiedereinstiegspunkt, besonders da „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ unter einer Eigenheit des MCU mehr leidet als jedes andere Sequel dieses Franchise: Zwischen dem ersten und dem zweiten Film ist so viel passiert. Nicht immer, aber meistens gelingt es den Solo-Sequels eine halbwegs anständige Balance zwischen dem „großen Ganzen“ und den für den Solo-Helden spezifischen Handlungselementen zu halten, was Raimi und Drehbuchautor Michael Waldron hier aber sichtlich schwerfällt. In letzter Konsequenz ist dieser zweite Doctor-Strange-Film zwar überaus unterhaltsam und profitiert definitiv von Raimis Expertise, versucht aber mehr zu stemmen, als er tragen kann und leidet und einigen der üblichen MCU-Probleme.

Handlung
Die Hochzeit von Stephen Stranges (Benedict Cumberbatch) alter Flamme Christine Palmer (Rachel McAdams) – bei der er als Gast und nicht als Bräutigam zugegen ist – wird vom Angriff eines Tentakelmonsters unterbrochen, das es offensichtlich auf die junge America Chavez (Xochitl Gomez) abgesehen hat. Nachdem Strange und Wong (Benedict Wong) die Kreatur gemeinsam besiegt haben, stellen sie fest, dass America überhaupt nicht aus ihrem Universum stammt – tatsächlich besitzt sie die Fähigkeit, zwischen den verschiedenen Welten des Multiversums zu wechseln, kann diese aber nicht kontrollieren. Zudem scheinen interdimensionale Dämonen hinter ihr her zu sein. Um der Sache auf den Grund zu gehen, möchte sich Strange die Hilfe von Wanda Maximoff alias Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) sichern, muss aber feststellen, dass diese hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Unter dem Einfluss des Darkhold, eines schwarzmagischen Wälzers, und der Trauer über den Verlust ihrer durch Magie erschaffenen Zwillinge ist sie auf die Idee gekommen, in den Weiten des Multiversums nach Ersatz für die Verlorenen zu suchen – ohne Rücksicht auf Verluste. Zu diesem Zweck plant sie, sich Americas Kräfte anzueignen – was im Tod der mutliversalen Reisenden enden würde.

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Stephen Strange (Benedict Cumberbatch)

Wandas Angriff zwingt Strange und America, gemeinsam durch das Multiversum zu fliehen. Sie landen schließlich auf Erde 838 – die hiesige Variante von Strange ist bereits tot, statt seiner ist Karl Mordo (Chiwetel Ejiofor) nun Sorcerer Supreme. Mordo veranlasst, dass Strange gefangen und vor die Illuminati, den „Sicherheitsrat“ dieses Universums gebracht wird. Besagtes Gremium besteht zum Teil aus alten Bekannten in neuen Rollen, etwa Captain Marvel/Maria Rambeau (Lashana Lynch) und Captain Carter (Haley Atwell), aber auch aus Persönlichkeiten, mit denen zumindest Strange nicht vertraut ist, darunter Charles Xavier (Patrick Stewart), Black Bolt (Anson Mount) und Mister Fantastic (John Krasinski). Wanda kann sich über ihr hiesiges Gegenstück allerdings ebenfalls Zugang zu Erde 838 verschaffen, macht kurzen Prozess mit den Illuminati und setzt weiter alles daran, America und Strange, die nun Hilfe von 383-Christine-Palmer erhalten, endlich dingfest zu machen…

Raimi vs. MCU?
Eine der größten Schwächen des MCU ist die gewisse Gleichförmigkeit der Filme: Da Kevin Feige und Co. stets versuchen, ein relativ kohärentes Universum zu aufrechtzuerhalten, sind die Filmemacher oft recht eingeschränkt und zu Kompromissen zwischen ihrem individuellen Stil und dem „MCU-Stil“ gezwungen. Manch einem Regisseur gelang es ganz gut, seinen Stempel zu hinterlassen, sei es James Gunn in den beiden Guardians-Filmen oder Taika Waititi in „Thor: Ragnarok“. Sam Raimi ist ebenfalls ein Filmemacher mit einem sehr individuellen Stil, der sowohl in seinen frühen Horror-Filmen als auch in seiner Spider-Man-Trilogie immer offensichtlich ist. Und für einen MCU-Film ist „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ tatsächlich sehr von den Manierismen Raimis geprägt – sowohl inszenatorisch als auch inhaltlich. Im Zentrum der Handlung steht ein (zugegebenermaßen schon in „WandaVision“ etabliertes) finsteres Grimoire, das nicht von ungefähr an des Necronomicon ex Mortis erinnert, diverse dämonische Entitäten tauchen auf und Strange selbst verbringt das Finale im untoten Körper einer Variante seiner selbst, die dank diverser Geister über einige Zusatzarme verfügt – Ähnliches oder Gleichwertiges hat man auch schon in „Ash vs. Evil Dead“ gesehen. Und selbst gemessen an Raimis Spider-Man-Filmen durfte der Regisseur in seinem MCU-Debüt Schraube für Gewalt und Ekel ganz ordentlich anziehen und das PG-13-Rating ausreizen. Raimi-Fans, die mit dem MCU nicht allzu viel anfangen können, werden seinen Stil hingegen vermutlich als verwässert ansehen, denn auch Raimi musste sich mit den diversen Vorgaben des Studios herumärgern, was immer wieder deutlich wird. Erfreulicherweise gelingt es ihm dennoch, eine Form der Authentizität zumindest teilweise zu etablieren, die seine Spider-Man-Filme so einnehmend machten, die im MCU aber oftmals fehlt, da die Figuren sich genötigt fühlen, sofort einen ironischen selbstreferenziellen Kommentar abzugeben. Vor allem „Doctor Strange“ hatte das Bathos-Problem: Jeder ernstere oder emotionale Moment wurde sofort durch einen Gag entschärft und ironisiert, sodass automatisch eine gewisse Distanz entstand. Natürlich ist „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ weit davon entfernt, humorlos zu sein, dennoch hat man das Gefühl, dass die Protagonisten die Bedrohung deutlich ernster nehmen, als das im typischen MCU-Film der Fall ist. Um einen „echten Horrorfilm im MCU“, wie immer wieder vollmundig angekündigt wurde, handelt es sich zwar nicht, aber immerhin werden Horror-Elemente durchaus gelungen eingesetzt.

Strangers in a Strange Land
Doctor Strange im MCU bewegt sich konstant zwischen zwei Charakterisierungen: Wir haben zum einen den relativ zielgerichteten, auf seine Mission bedachten Strange, der vor allem in „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“ auftaucht, und zum anderen den waghalsigen Strange, der zum Teil idiotische Risiken eingeht – man denke nur an die Aktionen aus „Spider-Man: No Way Home“. Die beiden Solofilme versuchen jeweils (und nicht immer völlig gelungen) eine Balance zwischen diesen beiden Seiten von Stranges Persönlichkeit herzustellen. Ein zentrales Thema der Figur in all ihren filmischen Inkarnationen ist der Kontrollzwang: Strange versucht ständig, alles um sich herum zu kontrollieren, das beginnt bereits, als er noch als Arzt tätig ist; der Kontrollverlust über sein Leben, bedingt durch den Unfall, ist der Hauptantrieb der Figur im ersten Film. Auch in „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist der Kontrollzwang ein essentieller Faktor und, gepaart mit Stranges Arroganz, ein fatales Problem, wie sich an diversen Inkarnationen der Figur aus anderen Universen zeigt. „Unser“ Strange muss in letzter Konsequenz beweisen, dass er als einzige Variante in der Lage ist, vom Kontrollzwang abzulassen, was ihm am Ende auch gelingt, indem er America Chavez vertraut.

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America Chavez (Xochitl Gomez)

Die von der Newcomerin Xochitl Gomez dargestellte America Chavez hat gewissermaßen das entgegengesetzte Problem. Ich bin mit America Chavez in den Comics praktisch überhaupt nicht vertraut und kann deshalb auch nichts darüber sagen, ob sie vorlagengetreu umgesetzt ist oder nicht – Xochitl Gomez liefert jedenfalls eine durchaus beeindruckende Leistung ab, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass ihr das Drehbuch nicht allzu viel mit auf den Weg gibt. Die obligatorische tragische Hintergrundgeschichte wird eher unsubtil abgehandelt, ansonsten lebt der Charakter in erster Linie vom Spiel der Darstellerin. America Chavez‘ primäres Problem ist, dass sie ihre Kräfte eben nicht kontrollieren kann und scheinbar auch nicht wirklich den Drang besitzt, es zu lernen. Stattdessen lässt sie sich einfach treiben. Gerade deshalb ergänzen sich Strange und America als Co-Protagonisten recht gut, da sich beide im Grunde vom jeweils anderen eine Scheibe abschneiden müssen, um erfolgreich zu sein. Thematisch und konzeptionell sind diesbezüglich gute Grundlagen gelegt, das Problem ist, dass es Raimi und Co. nicht unbedingt gelingt, diese auszuschöpfen, weil der Film mit so vielen anderen Dingen überfrachtet ist.

Gerade bezüglich der in „Doctor Strange“ begonnen Handlungsstränge zeigt sich dieses Manko noch stärker – das Sequel setzt sie zwar fort, meistens aber auf merkwürdige Weise. Christine etwa taucht zu Beginn auf, wo Strange ihrer Hochzeit beiwohnt, der zentrale romantische Subplot findet aber zwischen Strange und der Christine von Erde 838 statt. Ähnlich verhält es sich mit Mordo, der in der Post-Credits-Szene von „Doctor Strange“ als zukünftiger Schurke etabliert wird. Auch hier setzt sich Strange im Sequel allerdings mit dem Mordo von Erde 838 auseinander und wir erfahren im Dialog, dass Erde-616-Mordo irgendwann off-screen die Schurkenlaufbahn eingeschlagen hat und wahrscheinlich bereits besiegt wurde. Mehr und mehr wird so der Eindruck erweckt, dass noch mindestens ein weiterer Doctor-Strange-Film irgendwo auf der Strecke geblieben ist, weil Disney/Marvel eher darauf aus ist, die multiversale Agenda als Konzept voranzutreiben, statt die Figuren so weiterzuentwickeln, wie es nötig ist.

Der Wanda-Faktor
Ich erwähnte bereits die Probleme, die es hinter den Kulissen von „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ gab. Offenbar war die Entscheidung, Wanda Maximoff alias Scarlet Witch zur zentralen Antagonistin zu machen, eine relativ späte. Dass Wanda eine wichtige Rolle spielen würde, war bereits seit einiger Zeit klar, aber selbst die kreativen Köpfe bei Disney wussten offenbar für längere Zeit nicht, welche. Im Fandom spekulierte man derweil munter darauf los und vermutete, dass die Sere „Loki“, welche das MCU-Muliversum schließlich etablierte, eine wichtige Rolle spielen würde – immerhin verpflichtete man Loki-Serienschöpfer Michael Waldron als Drehbuchautor. Ebenso wurde vermutet, eine Variante von Strange, etwa die aus der vierten Folge der Animationsserie „What If…?“, könne als Widersacher fungieren. Beides stellte sich als falsch heraus, das Projekt mit dem größten Einfluss auf „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist „WandaVision“.

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Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)

Wandas gesamte Motivation beruht auf der Disney-Plus-Serie, sie setzt Himmel, Hölle und das gesamte Multiversum in Bewegung, um ihre beiden Kinder zu finden bzw. Ersatz für die Zwillinge zu bekommen. Unglücklicherweise verwerfen bzw. simplifizieren Waldron und Raimi die komplexere Charakterisierung Wandas aus „WandaVision“ und machen sie zur relativ eindeutigen Schurkin – für Zuschauer fehlt hier abermals ein Zwischenschritt, denn am Ende der Serie versucht Wanda zwar, mit dem Darkhold eine Möglichkeit zu finden, ihre Kinder zurückzubringen, zeigte davor aber Reue wegen dem, was sie in Westview getan hat. Ein weiteres Mal findet eine essentielle Charakterentwicklung offscreen statt. Wenn man Wanda schon in die Schurkenrolle drängt (was in den Comics zugegebenermaßen ziemlich häufig geschieht), wäre eine etwas nachvollziehbarere Entwicklung schon angebracht gewesen. Ich hätte es tatsächlich bevorzugt, hätte sie in diesem Film zuerst mit Strange gegen eine wie auch immer geartete, multiversale Bedrohung gekämpft, um dabei auf die Idee zu kommen, ihre Kinder auf diese Weise zurückzubekommen. Elizabeth Olsen kann man in diesem Kontext natürlich keinerlei Vorwurf machen, schon in „WandaVision“ bekam sie die Gelegenheit zu zeigen, wozu sie darstellerisch in der Lage ist, daran knüpft sie hier nahtlos an. Sehr erfreulich ist dazu, dass Raimi Wanda eher als rücksichtslose Horror-Gestalt denn als einen typischen, Sprüche-klopfenden MCU-Schurken inszeniert.

Multiverse of Madness
Über die ersten multiversalen Gehversuche des MCU hatte ich bereits in meinem Artikel zu „Spider-Man: No Way Home“ geschrieben, das soll hier nicht noch einmal wiederholt werden. Es sei allerdings gesagt, dass „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kaum auf den anderen multiversalen Abenteuern aufbaut – die Handlung der erwähnten Spider-Man-Films wird beispielsweise nur in einer Szene erwähnt, was u.a. daran liegt, dass „Multiverse of Madness“ ursprünglich vor „No Way Home“ hätte erscheinen sollen und nur aufgrund interner Probleme nach hinten verschoben wurde. „Loki“ und eine mögliche Bedrohung durch Kang, den Eroberer taucht ebenso wenig auf wie Uatu oder die „Guardians of the Multiverse“ – allesamt etabliert in „What If…?“. Tatsächlich bekommen wir relativ wenig vom Multiversum zu sehen, neben kurzen Eindrücken während Stranges und Americas unkontrolliertem Fall und einer zerstörten Welt mit einem psychotischen Strange ist der Haupthandlungsort des Films, neben der bekannten Erde des MCU, Erde 838, auf der Strange und America schließlich landen. Hier wird zudem etabliert, dass es sich bei der Standard-Erde des MCU um Erde 616 handelt, was zumindest Hardcore-Marvel-Fans irritierten dürfte, da Erde 616 eigentlich die Standard-Erde der Comics ist, während das MCU ursprünglich als Erde 199999 klassifiziert wurde; das aber nur am Rande.

Wong
Wong (Benedict Wong)

Erde 838 hingegen ist eine Neuschöpfung, die in dieser Form bislang nicht in den Comics auftauchte, aber dennoch einige bekannte Gesichter beinhaltet, primär natürlich Captain Carter und Charles Xavier. Bei beiden handelt es sich allerdings nicht um die bzw. eine Version, die wir tatsächlich bereits gesehen haben, sondern um die Varianten dieser Figuren, die auf Erde 838 heimisch sind. Im Klartext bedeutet das, dass diese Captain Carter nicht mit der aus „What If…?“ identisch ist und dieser Charles Xavier weder aus den X-Men-Filmen von Fox, noch aus der Zeichentrickserie der 90er stammt, obwohl er von Patrick Stewart gespielt und wie der Animations-Xavier inszeniert wird (gelbes Gefährt, Intro-Thema aus der Serie). Diese Figuren sind lediglich konzeptionell ähnlich. Maria Rambeau als Captain Marvel verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Captain Carter, Black Bolt ist einer der Inhumans und tauchte in der kurzlebigen Serie „Inhumans“ auf, die formal zum MCU gehört bzw. gehören sollte, als Kevin Feige noch nicht die Kontrolle über die Serienableger hatte. Wie in „Inhumans“ wird er auch hier von Anson Mount gespielt. Mister Fantastic alias Reed Richards ist natürlich der Anführer der Fantastic Four, der zuvor bereits von Ioan Gruffudd und Miles Teller dargestellt wurde – beide Versionen sind deutlich weniger beliebt als Patrick Stewart in der Rolle des Professor X, weshalb wir nun eine neue Variante erleben. Möglicherweise testet Marvel hier John Krasinski als Darsteller für das Standard-MCU aus. Zusammen bilden diese Figuren die Illuminati, eine Gruppe von Superhelden, die in den Comics zwar auftaucht, aber in einem völlig anderen Kontext. Da sie dort zu Erde 616 gehören, finden sich leichte Variationen bei der Zusammensetzung: Neben Black Bolt, Xavier und Mister Fantastic gehören in der ursprünglichen Zusammensetzung auch Iron Man, Namor, der Submariner und Doctor Strange persönlich zur Gruppierung, während Captain Carter, Captain Marvel und Baron Mordo fehlen.

Gerade für MCU- und natürlich Comic-Fans finden sich hier viele Anspielungen und es werden spannende Konzepte angerissen, zugleich leidet die Konzeption der Illuminati aber unter demselben Problem, das auch schon in „What If…?“ auftauchte: Gemessen an der Machtfülle dieser Figuren werden sie von Wanda ziemlich schnell abserviert, ebenso wie in „What If…?“ Handlungsstränge, die im regulären MCU einen oder sogar mehrere Filme zur Auflösung benötigen, mal eben schnell abgehandelt werden. So fragt man sich unweigerlich, ob es, vom Fan-Service abgesehen, handlungstechnisch nicht eleganter gewesen wäre, hätte sich Wanda beispielsweise mit Mordo ein ausgiebiges Zauberer-Duell geliefert. So wirken die Illuminati äußerst schwach und inkompetent, was gerade bei all jenen, die die Referenzen zuordnen können, einen schalen Geschmack hinterlassen dürfte. Zugleich bleiben die Teile des Multiversums, die tatsächlich auftauchen, für einen Film der die Worte „Multiverse of Madness“ im Titel hat, relativ konservativ und geerdet.

Soundtrack
Doctor Stranges musikalische Repräsentation war, zumindest für MCU-Verhältnisse, bislang relativ konsistent, für „Doctor Strange“ komponierte Michael Giacchino nicht nur ein sehr heroisches und einprägsames Thema für den Sorcerer Supreme, sondern gab ihm auch einen recht einzigartigen Sound, geprägt durch die Kombination von traditionellem Orchester, subtilem Einsatz elektronischer Elemente und einigen besonderen Instrumenten wie Cembalo und Sitar, die dem ganzen Score einen passend psychedelischen Anstrich verpassten. Wenn Stranges Thema nicht tatsächlich zitiert wurde, wie es in Laura Karpmans „What If…?“, Alan Silvestris „Avengers: Endgame“ und natürlich Giacchinos „Spider-Man: No Way Home“ der Fall war, wurde immerhin die oben beschrieben Instrumentierung für ihn integriert, so geschehen etwa in Mark Mothersboughs „Thor: Ragnarok“ und Alan Silvestris „Avengers: Infinty War“. Unter Scott Derrickson wäre Gacchino auch für „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ zurückgekehrt, doch Sam Raimi entschied sich, Danny Elfman den Taktstock in die Hand zu geben. Raimi und Elfman arbeiteten an einigen Projekten in den 90ern und frühen 2000ern zusammen, darunter etwa „Darkman“, „A Simple Plan“ und natürlich die ersten beiden Spider-Man-Filme. Über „Spider-Man 2“ zerstritten sie sich allerdings, versöhnten sich aber wieder, sodass sie an „Oz, the Great and Powerful“ erneut zusammenarbeiten konnten. Elfman selbst bekam bereits 2015 die Gelegenheit, seine Fühler ins MCU auszustrecken, indem er den Score von „Avengers: Age of Ultron“ vollendete. Sowohl stilistisch als auch konzeptionell lässt sich seine Arbeit für „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ sehr gut mit den Soundtracks von „Age of Ultron“ und „Justice League“ vergleichen. Elfmans neuester Streich ist ebenfalls fest in seinem Action-Sound verwurzelt, der primär durch aufwändige Orchesterarbeit und auch eine gewisse, für ihn typische Verspieltheit besticht. Bedingt durch die Horror-Elemente im Film bekommt Elfman darüber hinaus die Gelegenheit, immer mal wieder in seine Horror-Trickkiste zu greifen, sodass Passagen durchaus auch an „Sleepy Hollow“ oder „The Wolfman“ erinnern. Was sich leider nicht findet, sind Verweise auf Giacchinos distinktiv Instrumentierung – „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist, im Guten wie im Schlechten, ein Elfman-Score durch und durch.

Leitmotivisch bemüht sich Elfman um eine Balance zwischen alten und neuen Themen. Die drei primären neuen Themen gelten Doctor Strange, America Chavez und Wanda – wobei es schwierig ist, Wandas Repräsentation wirklich als „neu“ zu bezeichnen. Zum einen scheint das Thema (passenderweise) eine Verwandtschaft zu Elfmans Motiv für die Figur aus „Avengers: Age of Ultron“ zu besitzen und zum anderen erinnert es sehr stark an das Willy-Wonka-Thema aus „Charlie and the Chocolat Factory“. Elfman verwirft Giacchinos Identität für Strange allerdings nicht völlig, sondern gewährt ihr einige Gastauftritte, primär in der ersten Hälfte des Films, u.a. in On the Run, Gargantos, Strang Statue und Battle Time (dieser kräftigste Einsatz ist im Film entweder unter Soundeffekten begraben oder überhaupt nicht zu hören). In der zweiten Hälfte dominiert hingegen Elfmans deutlich weniger markantes Motiv für die Figur, was ich persönlich ein wenig problematisch finde, da es nicht wirkliche erzählerische Notwendigkeit für ein neues Strange-Thema gibt und man sich, bei allem Respekt für Elfman, zudem fühlt, als bekäme man einen minderwertigen Ersatz für ein besseres Produkt.

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Christine Palmer (Rachel McAdams)

Darüber hinaus zitiert Elfman auch durchaus Themen anderer Komponisten, in Wanda at Home erklingt das Titelthema aus „WandaVision“ von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez und auch beim Auftritt der Illuminati (im gleichnamigen Track) lässt er es sich nicht nehmen, einige bekannte Melodien zu anzuspielen, primär wären das der Captain-America-Marsch von Alan Silvestri für Captain Carter (ein Fragment ist außerdem in Illuminati vs. Wanda zu hören) und das Intro des klassischen X-Men-Serie aus den 90ern für Charles Xavier. Interessanterweise entschied sich Elfman offenbar dagegen, Pinar Topraks Captain-Marvel-Fanfare miteinzubeziehen.

Insgesamt ist Elfmans Arbeit definitiv ein mehr als solider und vor allem unheimlich unterhaltsamer Score, der vor allem Fans der Action-Musik des Komponisten (zu denen ich mich zähle) ansprechen und zufriedenstellen dürfte. Hätte Elfman allerdings noch einige Verweise auf Giacchinos distinktive Instrumentierung eingebaut und sich in größerem Ausmaß des bereits etablierten Themas für den Titelhelden bedient, hätte aus diesem guten ein wirklich großartiger Soundtrack werden können. Eine ausführliche Rezension findet sich hier.

Fazit
Während „Doctor Strange in the Multiverse of Madness” definitiv kurzweilig und unterhaltsam ist und zudem durchaus von Sam Raimis individuellem Stil als Regisseur profitiert, merkt man doch, dass es hinter den Kulissen Probleme gab. Einerseits hat man sich hier zu viel aufgebürdet, der Film wirkt überladen – es sind viele interessante Aspekte dabei, die jedoch oft kaum zur Zufriedenheit erforscht werden können. Zugleich wirkt Raimi, trotz der Vorzüge, die seine Präsenz bringt, beinahe verschwendet. In einer idealen Welt hätte man ihn einfach machen lassen und ihm keine Zügel angelegt. So bleibt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ im Mittelfeld des MCU – ein Film des verschwendeten Potentials.

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Siehe auch:
Doctor Strange
Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension
Avengers: Age of Ultron – Soundtrack

Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

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Christopher Lee ist der Schauspieler, der Dracula mit Abstand am häufigsten spielte – und das nicht nur in Hammer-Filmen. In Lees Filmographie finden sich auch Gastauftritte als Stokers Graf, die französische Parodie „Dracula père et fils“ (deutscher Titel: „Die Herren Dracula“) und die deutsch-spanisch-italienische (aber in englischer Sprache gedrehte) Co-Produktion „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (bzw. „Il Conte Dracula“ bzw. „Count Dracula“). Bei diesem, vom spanischen Skandal-Regisseur Jess Franco gedrehten Film handelt es sich, anders als bei den anderen Beispielen, um eine tatsächliche Adaption von Stokers Roman, die lange Zeit als die vorlagengetreueste galt. Dieses Urteil ist angesichts der massiven Abweichungen der anderen filmischen Adaptionen allerdings mit Vorsicht zu genießen, war in letzter Konsequenz allerdings das Argument, das Lee davon überzeugte, an Francos Film mitzuwirken. Lee bedauerte es immer, dass er in den Hammer-Filmen nie den Dracula spielen durfte, den Stoker in seinem Roman beschrieb. Und tatsächlich: Visuell war Lee nie näher am Romangegenstück. Nicht nur verfügt er hier über den Schnurrbart, den Stoker als markantes Merkmal hervorhebt, er beginnt als weißhaariger alter Mann und wird im Verlauf des Films jünger und dunkelhaariger – ein Detail, das nur wenige Dracula-Filme tatsächlich aufgreifen.

Tatsächlich hält sich „Nachts, wenn Dracula erwacht“ zumindest im ersten Akt sehr eng an die Vorlage, Jonathan Harkers (Fred Williams) Besuch auf Draculas Schloss orientiert sich sehr eng an Stokers Text, inklusive des Auftauchens der drei Vampirinnen oder Draculas Vortrag über sein nobles Geschlecht – hier wird der Roman wirklich Wort für Wort zitiert, was auf Christopher Lee zurückzuführen ist, der darauf bestand, diesen Monolog halten zu dürfen. Man merkt in jeder seiner Szenen, wie motiviert Lee ist, seine Paraderolle endlich so zu spielen, wie Stoker sie in „Dracula“ beschreibt.

Nachdem Jonathan Harker aus Draculas Schloss entkommt, wird die Handlung des Romans allerdings stark eingedampft. Franco und die Legion an Drehbuchautoren arbeiten zwar die wichtigen Handlungspunkte ab: Lucy (Soledad Miranda) wird gebissen und zur Vampirin, Mina (Maria Rohm) wird Draculas nächstes Opfer und am Ende flieht der Graf zurück in die Heimat. Das alles geschieht allerdings in sehr abgespeckter und gehetzter Form, was auch kaum verwunderlich ist, „Nachts, wenn Dracula erwacht“ hat nämlich nur eine Laufzeit von 97 Minuten. Für das komplexe Beziehungsgeflecht des Romans ist da natürlich ebenso wenig Zeit wie für Stokers langsamen Spannungsaufbau. Whitby als Handlungsort und die Reise des Grafen auf der Demeter werden völlig eliminiert. Stattdessen taucht Jonathan Harker kurz nach seiner Flucht aus Transsylvanien bereits wieder in London (bzw. Budapest in der deutschen Version) auf, um in Professor Van Helsings (Herbert Lom) Privatklinik behandelt zu werden, in der zufällig auch ein gewisser Renfield (Klaus Kinski) als Patient zugegen ist. Mina ist nach wie vor Jonathans Verlobte und Lucys beste Freundin, beide kommen zur Klinik, um sich um Jonathan zu kümmern. Lucys Verehrer wurden angepasst oder eliminiert, Arthur Holmwood taucht nicht auf, stattdessen ist sie mit Quincey Morris (Jack Taylor) verlobt und Dr. Seward (Paul Müller) ist nur Assistent Van Helsings und hat kein romantisches Interesse an Lucy. Immerhin werden keine neuen Verwandtschaftsbeziehungen geschaffen…

Das vielleicht größte, aber mit Sicherheit nicht das einzige Problem von „Nachts, wenn Dracula erwacht“ ist das bereits erwähnte gehetzte Abarbeiten der Handlung, das gegen Ende noch stärker wird. Van Helsing erleidet aus heiterem Himmel einen Schlaganfall, die restlichen Vampirjäger jagen den Grafen, nachdem sie Lucy gepfählt haben, zurück nach Transsylvanien, töten noch eben Draculas Gespielinnen und machen dann auch schon dem Grafen selbst den Garaus – das alles geschieht innerhalb der letzten zehn bis fünfzehn Minuten.

Auch darüber hinaus ist Jess Francos Regiearbeit nicht besonders gelungen. Ich bin mit seinen sonstigen Filmen nicht vertraut, aber anscheinend scheint sich seine Vorliebe für merkwürdige Zooms auf sein gesamtes Œuvre zu erstrecken – hier jedenfalls ist sie völlig außer Kontrolle. Ständig, egal ob passend oder nicht, wird dramatisch auf die Gesichter der Darsteller gezoomt. Gerade im Vergleich zu den Filmen von Hammer fällt darüber hinaus auf, dass sehr viel an Locations gedreht wurde, die durchaus beeindruckend ausfallen. Es mutet allerdings merkwürdig an, wenn eine Stadt, die eindeutig spanisch aussieht, als London ausgegeben wird… Auch der Score von Bruno Nicolai lässt leider zu Wünschen übrig, Dracula wird durch ein merkwürdiges, auf der Mandoline gespieltes Motiv repräsentiert, das nicht nur ständig auftaucht, sondern auch nie groß variiert wird.

Was die Erzeugung von Atmosphäre, besonders gotischer Atmosphäre angeht, bleibt „Nachts, wenn Dracula erwacht“ trotz der Drehorte leider weit hinter den Hammer-Produktionen zurück und auch sonst ist der Film sehr schlecht gealtert – gerade wenn man ihn mit der überragenden Bildsprache von „The Brides of Dracula“ vergleicht, der immerhin zehn Jahr zuvor entstanden ist. Das mehr oder weniger willkürliche Einblenden ausgestopfter Tiere, die in Carfax herumstehen, hilft da auch nicht. Darstellerisch weiß nur Lee wirklich zu überzeugen. Wie bereits erwähnt: Man merkt ihm den Enthusiasmus an, endlich Dracula so spielen zu können, wie Stoker ihn schrieb. Renfield als größten Teils katatonischen, kein Wort von sich gebenden Patienten darzustellen ist vielleicht die merkwürdigste Entscheidung: Da casten Franco und Produzent Harry Alan Towers Klaus Kinski (offenbar unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) und lassen ihn kein einziges Mal wüten.

Fazit: „Nachts, wenn Dracula erwacht“ ist nur für Komplettisten oder Lee-Fans geeignet; der erste Dracula-Film von Hammer ist zwar weniger vorlagengetreu, aber auch ein deutlich besserer Film.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
Geschichte der Vampire: Nosferatu
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Nosferatu in Venice

The Northman

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Story: Nachdem der junge Prinz Amleth (Oscar Novak) von seinem Vater Aurvandill (Ethan Hawke) und dem Narren Heimir (Willem Dafoe) in die Mysterien Odins eingeführt wird, um ihn auf die Thronfolge vorzubereiten, reißt Aurvandills Bruder Fjölnir (Claes Bang) die Macht an sich. Er tötet den vorigen König und erklärt dessen Frau Gudrún (Nicole Kidman) zu seinem Eigentum. Amleth gelingt die Flucht und er schwört Rache. Viele Jahre später kehrt Amleth (Alexander Skarsgård), nun ein mächtiger Krieger, als Sklave verkleidet zurück, um seinen Schwur in die Tat umzusetzen. Fjölnir hat inzwischen sein Königreich verloren und lebt auf einem verhältnismäßig kleinen Hof mit Gudrún, seinen Söhnen und seinen Untergebenen auf Island. Gemeinsam mit seiner mit-Sklavin Olga (Anya Taylor-Joy) plant Amleth brutale Vergeltung an seinem Onkel…

Kritik: „The Northman“ ist der dritte Film von Regisseur Robert Eggers, dessen beide vorherige Arbeiten, „The Witch“ und „The Lighthouse“, ich sehr genossen habe. Mit „The Northman“ beschreitet Eggers ein Stück weit neue Wege: Waren seine bisherigen Filme sehr authentische historische Kammerspiele mit starken Horror-Einschlägen, so ist „The Northman“ deutlich epischer und actionreicher angelegt: Ein Wikinger-Epos, eine Rachegeschichte, die aber natürlich trotzdem nicht auf Eggers‘ spezifische Handschrift verzichtet. Zwar scheint es, als habe Eggers das eine oder andere Mal dem Studio Zugeständnisse machen müssen, schließlich ist „The Northman“ sein bisher größter und vor allem teuerster Film, aber im Großen und Ganzen handelt es sich doch zweifelsfrei um einen Eggers-Film.

Wer die Inhaltsangabe liest, kommt nicht umhin, gewisse Parallelen zu Shakespeares „Hamlet“ festzustellen: Der Herrscher, der vom Bruder getötet wird, der Sohn, der Rache schwört, selbst die Namen Amleth und Hamlet sind ähnlich. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Amleth-Sage, wie sie u.a. von dem dänischen Theologen und Historiker Saxo Grammaticus (ca. 1150 bis 1220) aufgezeichnet wurde, diente Shakespeare als Vorlage für sein Drama um den rachedurstigen dänischen Prinzen. Gemeinsam mit dem isländischen Autoren Sigurjón Birgir Sigurðsson, genannt „Sjón“, mit dem er zusammen das Drehbuch verfasste, versucht Eggers hier gewissermaßen, eine historische Version der Amleth-Sage zu rekonstruieren, geht dabei aber auch nicht unbedingt sehr vorlagengetreu vor, sondern bedient sich der von Saxo Grammaticus aufgezeichneten Version eher als grober Inspiration. Zusätzlich mischen Eggers und Sjón eine ordentliche Portion nordischen Mystizismus in die Geschichte. Obwohl das Ganze deutlich opulenter inszeniert ist als „The Witch“ oder „The Lighthouse“, zeigt sich hier besonders deutlich Eggers Handschrift – wie in seinen beiden bisherigen Filmen weiß man auch in „The Northman“ nie wirklich, ob tatsächlich übernatürliche Ereignisse geschehen oder ob die Protagonisten sich diese lediglich einbilden.

Ebenso zeigt sich Eggers‘ Handschrift bei der Inszenierung von historischer Authentizität. Vieles bleibt natürlich Spekulation, aber dennoch wird in „The Northman“ ein weiteres Mal der Aufwand, den Eggers betreibt, um alles ordentlich zu recherchieren, deutlich – gerade, was die Darstellung der Kulthandlungen angeht. Zwar folgen Eggers und Sjón Saxo Grammaticus‘ Version der Geschichte nur bedingt, bedienen sich aber durchaus der Erzählmuster nordischer Sagas und verschaffen den Göttern, besonders Odin und Freyr, einen essentiellen Platz in der Geschichte. Trotz der mythologischen Elemente romantisiert Eggers nicht, wir sehen unseren Protagonisten Amleth bei einem brutalen Überfall auf ein Dorf und mit der Sklaverei als Institution scheint er keinerlei Probleme zu haben. Manchmal hat man das Gefühl, Eggers hätte den Film am liebsten komplett auf Altnordisch gedreht, so kommt die Sprache lediglich in einigen Schlüsselszenen zum Einsatz.

Nicht nur inszenatorisch, auch bezüglich der Figurenzeichnung finden sich einige Unterschiede zu Eggers bisherigen beiden Werken – gerade diesbezüglich ist „The Northman“ der bislang geradlinigste Film des amerikanischen Regisseur, es fehlt an der Komplexität und Doppelbödigkeit, die die Figuren in „The Witch“ und „The Lighthouse“ auszeichnete. Die Ausnahme dabei ist die von Nicole Kidman gespielte Gudrún, für die Shakespeares Lady Macbeth Pate gestanden haben könnte.

Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Darsteller aus – wo beispielsweise „The Lighthouse“ fast ausschließlich vom intensiven Spiel von Robert Pattinson und Willem Dafoe lebte, verlangt Eggers in „The Northman“ von seinen Darstellern weniger subtiles Agieren und viel mehr aggressive Körperlichkeit. Vorreiter ist hier natürlich Hauptdarsteller Alexander Skarsgård, der in HBOs „True Blood“ ironischerweise einen Wikingervampir namens Eric Northman spielte, sodass man sich fragt, ob „The Northman“ nicht vielleicht doch als Prequel zu besagter Vampirserie gedacht war… Wie dem auch sei, Eggers beginnt langsam damit, sich, ähnlich wie Tim Burton, Chris Nolan oder Wes Anderson, eine Gruppe an Stammschauspielern aufzubauen. Nicht nur Anya Taylor-Joy, die in „The Witch“ ihr Leinwanddebüt feierte, kehrt zurück, sondern auch ihre Co-Stars (und GoT-Veteranen) Kate Dickie und Ralph Ineson, ebenso wie Willem Dafoe, der nach „The Lighthouse“ bereits zum zweiten Mal mit Eggers zusammenarbeitet. Insgesamt gibt es in diesem Bereich jedenfalls absolut nichts zu meckern, alle Darsteller in „The Northman“ sind durchweg exzellent.

Erstmals komponierte nicht Mark Korven für Eggers den Score, stattdessen wandte er sich an die beiden Filmmusik-Newcomer Robin Carolan und Sebastian Gainsborough, zwei englische Komponisten, die eher aus dem Electronica-Bereich kommen. Hätte man mir allerdings Carolans und Gainsboroughs Arbeit präsentiert und behauptet, sie stamme von Korven, ich hätte es ohne zu Zögern geglaubt, denn die Herangehensweise ist sehr ähnlich wie bei „The Witch“. Der Score von „The Northman“ ist sehr harsch und unangenehm, arbeitet primär mit Texturen und legt großen Wert auf authentische Instrumentierung. Als solcher ist er nicht unbedingt besonders angenehm zu hören, im Film allerdings äußerst effektiv, nicht zuletzt durch den beeindruckenden Chor-Einsatzes während des finalen Duells, das bei mir Episode-III-Flashbacks hervorgerufen hat. Eine ausführliche Rezension des Scores findet sich hier.

Fazit: Auch bei seinem dritten Werk weiß Robert Eggers zu überzeugen: „The Northman“ mag die Doppelbödigkeit und die Intimität von „The Witch“ und „The Lighthouse“ fehlen, der Film macht dieses Manko allerdings durch schiere Intensität wieder wett. Ein Historienepos dieses Kalibers bekommt man nun wirklich nicht alle Tage.

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Siehe auch:
The Witch
The Lighthouse

Dracula Has Risen from the Grave

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Story:
Ein Jahr ist vergangen, seitdem Dracula (Christopher Lee) ein weiteres Mal vernichtet wurde, doch die Schrecken, die er entfesselte, sind noch nicht vergangen, die Dorfbewohner fürchten den Grafen nach wie vor und weigern sich beispielsweise, die Messe zu besuchen, da der Schatten von Draculas Schloss die Kirche berührt. Monsignor Ernst Mueller (Rupert Davies), der gerade das Dorf besucht, will davon allerdings nichts wissen und macht sich auf den Weg zum Schloss, um es mit einem heiligen Ritual endgültig zu verschließen. Der Dorfpriester (Ewan Hooper), der seinen Glauben verloren hat, stößt derweil durch Zufall auf den im Eis eingesperrten Dracula und erweckt ihn durch seine Ungeschicklichkeit zu neuem Leben. Wütend, weil er sein Schloss nicht mehr betreten kann, sucht Dracula bereits wieder nach einem neuen Opfer und findet es in Ernst Muellers Nichte Maria (Veronica Carlson)…

Kritik: „Dracula Has Risen from the Grave“, Hammers vierter Dracula-Film, startete genau zehn Jahre nach Christopher Lee Debüt als blutsaugender Graf in den Kinos. Ab dieser Fortsetzung, der dritten, in der Lee mitwirkte, zeigte der Darsteller so vieler berühmter Schurken gewisse Hemmungen, das Cape wieder anzulegen, er fand die Drehbücher immer unorigineller und war auch mit dem Umstand, dass die Hammer-Filme kaum mehr etwas mit Stokers Roman zu tun hatten, äußerst unzufrieden. Den Verantwortlichen bei Hammer gelang es allerdings immer wieder, Lee zurückzubringen, indem sie beispielsweise argumentierten, der Film sei bereits mit Lees Namen verkauft und wenn er nicht mitspielte, würden hundert Leute ihren Job verlieren. Es ist wohl nur auf Lees bewundernswerten Anstand zurückzuführen, dass wir ihn in so vielen Dracula-Filmen bewundern können.

Ursprünglich hätte auch Terence Fisher, Regisseur der ersten drei Dracula-Filme, zurückkehren sollen, aufgrund einer Verletzung, die er sich bei einem Autounfall zuzog, konnte er jedoch nicht am Dreh teilnehmen und musste durch Freddie Francis ersetzt werden. Francis hatte in den 60ern bereits einige Hammer-Filme gedreht, darunter auch „The Evil of Frankenstein“ (1964), in welchem Peter Cushing zum dritten Mal den titelgebenden verrückten Wissenschaftler mimt. Und tatsächlich vermisst man einige Aspekte von Fishers Regiearbeit in „Dracula Has Risen from the Grave“, ich persönlich hatte den Eindruck, dass Francis in stärkerem Ausmaß auf Außenaufnahmen setzt, zugleich aber eine weniger stimmige Bildsprache verwendet, gerade im Vergleich zu „The Brides of Dracula“, dessen grandiose Atmosphäre und Sets in dieser Filmserie nach wie vor unübertroffen sind.

Die Formelhaftigkeit der Hammer-Draculas lässt sich kaum leugnen: Nachdem in „Dracula: Prince of Darkness“ noch ein elaboriertes Ritual nötig war, um den Grafen zurückzubringen, wird er dieses Mal durch Zufall in dem Eis, in dem er am Ende von besagtem Film endete, entdeckt und durch die Ungeschicklichkeit des Dorfpriesters wiedererweckt: Ein wenig Blut auf den Lippen ist alles, was nötig ist. Trotz allem agiert der Graf in diesem Film deutlich aktiver und gibt sogar wieder die eine oder andere Dialogzeile von sich, nachdem er im Vorgänger völlig stumm war. Zudem sah man sich bei Hammer genötigt, den Exploitation-Faktor zu erhöhen. Natürlich ist „Dracula Has Risen From the Grave“ nach heutigen Horror-Maßstäben immer noch verhältnismäßig zahm, beginnt aber immerhin mit einem Leichenfund, an Blut und Bissszenen wird nicht gegeizt und die Ausschnitte werden auch immer tiefer – das betrifft primär den der Kellnerin Zena (Barbara Ewing), die als Draculas erstes Opfer herhalten darf.

Der vielleicht faszinierendste Aspekt des vierten Dracula-Films ist die religiöse Komponente. Diese war freilich immer schon vorhanden, schließlich findet sich kaum ein Dracula-Film, in dem nicht irgendwelche Gegenstände zu einem Kreuz improvisiert werden, um den Grafen abzuschrecken, die eigentliche Religiosität der Figuren spielte dabei aber selten eine Rolle, sie wird meistens als gegeben betrachtet. In „Dracula Has Risen from the Grave“ hingegen findet sich mit dem von Barry Andrews gespielten Paul eine Figur, die explizit als Atheist identifiziert wird. Aus diesem Grund hat Paul Probleme, sich dem Grafen zu widersetzen – das geht tatsächlich soweit, dass eine versuchte Pfählung misslingt. Erst als der Dorfpriester, der durch die Ereignisse zum Glauben zurückfindet, ein Gebet spricht, kann Dracula ins Jenseits geschickt werden (natürlich nur, bis er im nächsten Film zurückkehrt). Hier drückt sich, trotz Blut und Brüsten, die letztendlich sehr konservative Haltung des Films aus. Ein zusätzliches Gebet war zudem in bisherigen Filmen nie nötig. Vampirfilme und andere Medien haben immer wieder mit diesem Aspekt gespielt, in Roman Polanskis „The Fearless Vampire Killers“ ist das Kreuz gegen Chagall beispielsweise nutzlos, weil dieser Jude ist. Das Element des wahren Glaubens sollte später vom Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ adaptiert werden, hier helfen religiöse Symbole nur, wenn tatsächlich wahrer Glaube dahintersteckt. In diesem Kontext spielt der Glaube des Vampirs oder der Wahrheitsgehalt der Religion keine Rolle, es kommt lediglich auf den Glauben dessen an, der versucht, den Vampir abzuwehren.

Abgesehen von diesen Aspekten bietet „Dracula Has Risen from the Grave“ wenig neues: Ersatz-Van-Helsing Ernst Mueller ist deutlich weniger markant als sein Gegenstück aus dem Vorgänger und auch die anderen Figuren sind in letzter Konsequenz mehr oder weniger Abziehbilder der in Stokers Roman und im ersten Hammer-Dracula etablierten Archetypen, Maria Mueller macht sogar eine ähnliche Wandlung durch wie Mina im Film von 1958 – nach dem Vampirbiss verhält sie sich deutlich lasziver. Lee ist natürlich grandios wie immer und hier deutlich präsenter, er taucht früher auf und handelt mehr wie eine Figur mit spezifischen Absichten denn eine bloße, animalische Bedrohung, wie es in „Prince of Darkness“ der Fall war. Und sein Tod ist dieses Mal deutlich spektakulärer als im Vorgänger.

Fazit: Die Formel der Hammer-Dracula-Filme wird im vierten Eintrag der Serie nur allzu deutlich, dennoch gelingt es Regisseur Freddie Francis und Drehbuchautor Anthony Hinds zumindest, den einen oder anderen interessanten Aspekt einzubringen. Eine stärkere Präsenz Christopher Lees macht „Dracula Has Risen From the Grave“ nach wie vor sehr anschaubar.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness