A Girl Walks Home Alone at Night

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Story: In der iranischen Geisterstadt Bad City fährt eine junge Frau (Sheila Vand) mit einem Tschador auf einem Skateboard herum. Sie ist ein Vampir und sucht sich in der heruntergekommenen Wüstenstadt immer wieder Opfer. Eines nachts begegnet sie Arash (Arash Marandi), der sich auf dem Heimweg von einer Kostümparty befindet und ausgerechnet als Dracula verkleidet ist. Die beiden Außenseiter kommen sich näher, aber natürlich ist da der Durst…

Kritik: Erst jetzt, Jahre später, wird langsam klar, wie sehr Twilight den Vampirfilm insgesamt beschädigt hat. Seit einiger Zeit dümpelt er mehr oder weniger so vor sich hin. Während Twilight aktuell war, gab es eine ganze Menge an Filmen (und auch Serien), die entweder versuchten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen („The Vampire Diaries“) oder aber sich sehr direkt dem Trend des „romantischen Vampirs“ zu widersetzen („Daybreakers“, „The Strain“). In den Jahren danach folgte dann das eine oder andere Underworld-Sequel, der eine oder andere gescheiterte Versuch, Dracula neu zu interpretieren, aber ansonsten verfiel das Genre in einen untoten Zustand. Bezeichnenderweise sind die beiden besten Vampirfilme der letzten Jahre, „Only Lovers Left Alive“ und „5 Zimmer, Küche Sarg“, nun auch keine wirklichen Horrorfilme mehr. „A Girl Walks Home Alone at Night“, von vielen ebenfalls als der beste Vampirfilm der letzten Jahre gepriesen, schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Bei „A Girl Walks Home Alone at Night” handelt es sich um das Regie-Debüt der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour. Diese Film hat mich äußerst zwiegespalten zurückgelassen, denn einerseits verfügt er über viele interessante Elemente und Ideen, bietet aber andererseits nur sehr wenig von dem, was ich von einem Vampirfilm erwarte. Vielleicht ist Amirpours Arbeit einfach zu sehr „Art House“. Der Regisseurin scheint es vor allem darum zu gehen, Verweise unterzubringen und Statements zu machen; konventionelle Erzählmuster sind dagegen eher rar, ebenso wie herkömmliche Charakterentwicklung. Stattdessen überwältigt Amirpour den Zuschauer mit Bildern, Eindrücken und Querverweisen auf alle möglichen Filme aus allen möglichen Genres. Die Regisseurin selbst betitelte ihr Werk als den „ersten iranischen Vampir-Western“, was nicht nur zutrifft, sondern auch in vielen Einstellungen, der heruntergekommenen Atmosphäre und nicht zuletzt der Musik, die das eine oder andere Mal stark an Ennio Morricone erinnert, sehr deutlich wird. Die Zitierwut und die Genreverknüpfung dieses Films erinnert mitunter an Quentin Tarantino – hier wird fast alles subtil oder unsubtil angesprochen, von Tarantino selbst über „Sin City“ und andere Comicverfilmungen bis hin zu James Dean.

Ein wenig problematisch wird „A Girl Walks Home Alone at Night” dagegen als Vampirfilm. Amirpour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, bedient sich hier fast ausschließlich stereotyper Figuren, deren Tod durch das titelgebende Mädchen einer bestimmten Aussage dienen – primär sind es misogyne Figuren, die bekommen, was sie verdienen. Ähnlich verhält es sich mit der Romanze zwischen Arash und dem Mädchen, die letztendlich nirgendwo hinführt. Mir fehlt bei diesem Film etwas, das mir zeigt, was das Mädchen als Vampirin ausmacht. „A Girl Walks Home Alone at Night“ erzählt letztendlich keine wirkliche Geschichte, schon gar keine Vampirgeschichte, sondern liefert nur Eindrücke, Impressionen und Symbolik.

Fazit: Bei all den sorgsam komponierten Bildern, den Zitaten und den möglichen Botschaften, die „A Girl Walks Home Alone at Night“ bietet, fehlt es dem Film doch an einer tatsächlichen Geschichte, die er erzählt. Ana Lily Amirpours Regiedebüt ist zwar ein Film mit Vampir, aber kein Vampirfilm.

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Justice League vs. the Fatal Five

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Story: Im 31. Jahrhundert attackieren Tharok (Peter Jessop), Persuader (Matthew Yang King) und Mano (Philip Anthony-Rodriguez), drei Mitglieder des Superschurkenteams Fatal Five das Hauptquartier der Legion der Superhelden, um an ihre Zeitsphäre zu kommen und in die Vergangenheit zu reisen, in der die verbliebenen beiden Mitglieder des Teams gefangen sind. Der mental etwas instabile Legionär Star Boy (Elyes Gabel) wird mit in das 21. Jahrhundert gerissen, wo er als erstes auf Batman (Kevin Conroy) trifft, der ihn ins Arkham Asylum verfrachtet. Schon bald stellt sich allerdings heraus, dass Star Boy nicht halluziniert. Die Justice League, bestehend aus Batman, Superman (George Newbern), Wonder Woman (Susan Eisenberg), Miss Martian (Daniela Bobadilla), Mister Terrific (Kevin Michael Richardson) und Green Lantern (Diane Guerrero) braucht seine Hilfe, denn wenn es Tharok, Persuader und Mano gelingt, ihre Anführerin Emerald Empress (Sumalee Montano) zu finden, wird es für Gegenwart und Zukunft unangenehm…

Kritik: Das DC Animated Universe, speziell natürlich „Justice League“ und „Justice League Unlimited”, sind nach wie vor die Messlatte, an der sich alle anderen Adaptionen von DCs größtem Superheldenteam messen lassen müssen. Dementsprechend gibt es unter den Fans schon seit langem den Wunsch nach einer Fortsetzung des beliebten Serienuniversums. Nach so vielen Jahren haben Bruce Timm und Co. die Fanwünsche nun endlich erhört, zuerst mit „Batman und Harley Quinn“ und nun auch mit „Justice League vs. the Fatal Five“. Ersterer Film war für mich leider eine ziemliche Enttäuschung. „Justice League vs. the Fatal Five“ ist zum Glück weitaus besser gelungen und schafft es, nicht nur optisch, sondern auch bezüglich Atmosphäre und Stimmung an das Vorbild anzuknüpfen und sich tatsächlich wie eine Folge aus besagten Serien anzufühlen. Qualitativ reicht „Justice League vs. the Fatal Five“ allerdings nicht an die Crème de la de Crème des DCAU heran und kann weder „Starcrossed“ noch dem Cadmus-Arc das Wasser reichen. Der Film ist zweifelsohne kompetent und kurzweilig, wächst aber auch nie über sich hinaus.

Das mag für mich persönlich auch damit zusammenhängen, dass ich kein allzu großer Fan der Legion der Superhelden bin; dieses Team hat mich nie wirklich angesprochen, was auch auf die Fatal Five zutrifft. Gerade in Bezug auf die Schurken ist dieser Film leider relativ schwach; die Fatal Five tun, was sie tun, weil sie eben Superschurken sind. Nicht, dass das im DCAU nicht auch schon oft genug vorgekommen wäre, aber die besten Schurken zeichneten sich eben durch nachvollziehbare oder zumindest interessante Motivationen aus.

Bei den Helden sieht es da schon besser aus. Wer allerdings erwartet, all die liebgewonnen Recken der zweiten Reihe aus „Justice League Unlimited“ wie Question, Black Canary, Huntress oder Green Arrow wiederzusehen, wird enttäuscht werden, selbst die sieben Gründungsmitglieder sind nicht alle zugegen. Immerhin ist mit Batman, Superman und Wonder Woman DCs Trinität vollständig. Zwei weitere Figuren, Green Lantern und Martian Manhunter, werden durch jüngere, weibliche Versionen vertreten. Dann ist da noch Mister Terrific, der seine Rolle aus JLU als Koordinator weiterführt, sonst aber nicht allzu viel beiträgt, und natürlich Star Boy, um den sich ohnehin alles dreht. Im Kontext der Handlung sind Star Boy und Green Lantern – hier fungiert Jessica Cruz als Ringträgerin – die interessantesten Figuren. Beide haben gewisse mentale Probleme, die bei Protagonisten im DCAU auf diese Weise noch nicht vorkamen. Da der Film nicht einmal eineinhalb Stunden dauert und doch eine ganze Menge an Figuren unterbringen muss, bleiben die mentalen Zustände dieser beiden Figuren eher oberflächlich; ein Film, der sich ausschließlich mit ihnen beschäftigt, wäre vielleicht sogar interessanter gewesen. Miss Martian, der dritte Neuzugang, ist da konventioneller. Sie fungiert als junge Heldin, die nach der Anerkennung der alten Hasen, speziell der Batmans sucht, und am Ende natürlich in die Liga aufgenommen wird.

Sprechen wir noch über den Platz dieses Films im DCAU und die alte Kontinuitätsgeschichte. Wie alle derartigen Universen hat auch das DCAU die übliche Anzahl an Ungereimtheiten, Fehler und Retcons, die bei einem solchen Unterfangen, das sich organisch aus mehreren Serien entwickelt hat, zu erwarten sind. Nicht nur das Design, auch die Wahl der Sprecher und nicht zuletzt der Soundtrack, in dem großzügig von den bereits etablieren DCAU-Leitmotiven, die direkt oder indirekt auf die große Shirley Walker zurückgehen, Gebrauch gemacht wird, verankern diesen Film recht eindeutig im DCAU. Hinzu kommen diverse subtile Anspielungen und Verweise; es finden sich allerdings auch einige eher fragwürdige Vorkommnisse. So zögern Bruce Timm und Co. nicht, nun auch Elemente zu integrieren, die in den Comics erst nach dem Ende des DCAU eingeführt wurden. Dazu gehören neben dem Nolan’schen Gleitcape des Dunklen Ritters, das er in JLU definitiv noch nicht besaß, vor allem Miss Martian und Jessica Cruz; Erstere tauchte nach „Infinite Crisis“ als Mitglied der Teen Titans auf, Letztere wurde erst im Rahmen der New-52-Justice-League-Serie zur Green Lantern. In bester JLU-Manier hält sich „Justice League vs. the Fatal Five“ nicht groß mit ihrer Origin auf, sondern nimmt und benutzt einfach nach Lust und Laune. Man merkt dem Film an, dass die Macher nicht unbedingt ein groß angelegtes JLU-Revival anstrebten, sondern einfach nur eine Geschichte mit diesen Figuren erzählen wollten, die mehr oder weniger zufällig im DCAU spielt.

Fazit: „Justice League vs. Fatal Five“ ist eine unterhaltsame Rückkehr ins DCAU, die weitaus gelungener und befriedigender ausfällt als „Batman und Harley Quinn“, aber nach wie vor hinter Folgen und Handlungssträngen wie „Starcrossed“ oder dem Cadmus-Arc zurückbleibt.

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Siehe auch:
Batman und Harley Quinn

Avengers: Endgame – Ausführliche Rezension

Spoilers Assemble!
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Der Superheldenfilm hat es weit gebracht. Das Genre selbst ist inzwischen schon lange nicht mehr neu; jedes Jahr kommen mehr Filme dieser Kategorie ins Kino. Allerdings hat der Superheldenfilm im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre noch einmal eine ordentliche Schippe in Bezug auf die Adaption des Vorlagenmediums draufgelegt. Dafür gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, unter anderem hätten wir da „Aquaman“, der als erster Film des DCEU die alte Zurückhaltung aufgibt und sich hemmungslos in der Ästhetik der Vorlage aalt. Noch weiter treibt es „Spider-Man: Into the Spider-Verse“, der mehr noch als jeder andere animierte Film wie ein Comic in Bewegung wirkt. „Avengers: Endgame“ ist allerdings zweifelsohne in mehrfacher Hinsicht der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung und übertrifft diesbezüglich sogar „Avengers: Infinity War“. Qualitativ bleibt „Endgame“ ein wenig hinter dem Vorgänger zurück und hat das eine oder andere Problemchen, setzt allerdings auch deutlich andere Schwerpunkte und ist letztendlich ein mehr als gelungener Abschluss der ersten großen Saga des Marvel Cinematic Universe.

Handlung und Konzeption
Thanos‘ Fingerschnipser lässt die Helden völlig demoralisiert zurück. Nachdem Tony Stark (Robert Downey jr.) und Nebula (Karen Gillen) von Carol Danvers (Brie Larson) auf die Erde zurückgebracht wurden, machen sich die verbliebenen Avengers, bestehend aus diesem Trio, Steve Rogers (Chris Evans), Rocket (Bradley Cooper), Bruce Banner (Mark Ruffalo), Rhodey (Don Cheadle), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson) und Thor (Chris Hemsworth) auf, um Thanos (Josh Brolin) ausfindig zu machen und die Infinity-Steine zu nutzen, um den Schnipser rückgängig zu machen. Zwar gelingt es ihnen, den Titanen zu finden und zu töten, doch dieser hat die Steine bereits verwendet, um sie zu zerstören. Fünf Jahre vergehen, in denen die Avengers versuchen, mit den Verlusten umzugehen – bis Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) unverhofft auftaucht. Scott befand sich während dieser fünf Jahre im Quantenraum und glaubt, die Lösung gefunden zu haben: Mit Hilfe des Quantenraumes ist es möglich, in der Zeit zurückzureisen. Die Avengers müssen wieder zusammenfinden, um die Infinity-Steinen aus der Vergangenheit zurückzubringen. Dies führt natürlich zu weiteren Komplikationen…

Sowohl „Infinity War“ als auch „Endgame“ sind massive Superheldenfilme, die die Erzählweise von großen Eventcomics in nie dagewesener Art und Weise auf die große Leinwand bringen. Dennoch sind beide Filme in Struktur und Narrative auch sehr unterschiedlich. Passend zum Namen ist „Infinity War“ deutlich kriegerischer und actionreicher und hat einen unglaublich gewaltigen Cast, der sich in diverse Kleingruppen teilt. Ironischerweise schaffen es die Russos dennoch, „Infinity War“ zum kohärenteren der beiden Filme zu machen, in dem sie Thanos in den Mittelpunkt stellen und ihn zum Protagonisten bestimmen. Er hat den eindeutigsten Handlungsbogen, eine klare Motivation und agiert, während die Helden auf ihn reagieren. Thanos ist der „Held“, der einer Quest-Handlung folgt und zwar nicht alle, aber zumindest einige Stationen der Heldenreise absolviert. Zwar haben auch andere Figuren, primär Tony Stark und Thor, ihre Handlungsbögen, aber Thanos ist es, der den Film zusammenhält und ihm Fokus gibt. „Endgame“ dagegen muss zwar insgesamt mit weniger Figuren jonglieren (die Hälfte der Superhelden hat sich ja aufgelöst), aber da Thanos innerhalb der ersten zehn Minuten geköpft wird, ist der vierte Avengers-Film weit weniger fokussiert. Über weite Teile kommt der Film sogar ohne zentralen Antagonisten aus, erst gegen Ende des zweiten Aktes wird der jüngere Thanos wieder zur Bedrohung. „Endgame“ legt den Fokus dagegen noch einmal auf die ursprünglichen Avengers und fungiert gleichzeitig als Rekapitulation des und Abgesang auf das bisherige MCU.

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Auf in den Weltraum mit Carol Danvers (Brie Larson), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson), Rhodey (Don Cheadle), Thor (Chris Hemsworth) Steve Rogers (Chris Evans) und Rocket (Bradley Cooper) 

Während „Infinity War“ tonal insgesamt sehr konsistent war, verfügt „Endgame“ über drei sehr unterschiedliche Akte. Der Film beginnt fast schon depressiv und hoffnungslos, in dem er die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Schnipsers sehr deutlich zeigt. Sobald die Zeitreisethematik ihren Einzug erhält, wird der Tonfall allerdings etwas leichter, der typische Marvel-Humor kehrt zurück, nicht zuletzt dank Scott Lang, der nach Abwesenheit im Vorgänger nun eine sehr zentrale Rolle spielt. Auch die Zeitreisen selbst dienen oft eher dem Amusement, was dazu führt, dass „Endgame“ die Spannung und der Vorwärtstrieb von „Infinity War“ fehlt. Erst im dritten Akt kehrt der Film zu den epischen Ausmaßen des Vorgängers zurück und schafft es, die Schlacht von Wakanda noch zu übertreffen – man muss schon sehr abgebrüht sein, um bei der Portals-Szene keine Gänsehaut zu bekommen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss „Endgame“ allerdings immer wieder gewisse Opfer bringen, geradezu bezüglich der zuvor etablierten Regeln. Das betrifft besonders die Infinity-Steine. Man erinnert sich an eine Zeit, als die Handhabung nur eines einzigen enorme Konsequenzen hatte, von Red Skull, der quer durch das halbe Universum transportiert wird bis hin zu Peter Quill, der den Stein nur wegen seiner Herkunft überhaupt berühren kann. Im Vergleich dazu sind plötzlich alle Figuren relativ problemlos in der Lage, die Steine zu berühren. Die „Schnipser“ fordern zwar immer noch ihren Tribut, aber auch die Herstellung neuer Handschuhe gelingt vergleichsweise einfach.

Zeitreisen
Die Zeitreisethematik ist in Filmen freilich nicht neu – tatsächlich werden die meisten bekannten Vertreter des Genres in „Endgame“ sogar genannt – und auch in Superheldencomics sind sie keine Seltenheit. In Superheldenfilmen nahm man sich dieses Sujets mit Ausnahme von „X-Men: Days of Future Past“ bislang allerdings nicht wirklich an. Die meisten Filme greifen auf eine von zwei Möglichkeiten zurück: Entweder kann die Vergangenheit verändert werden, wie es etwa in „Zurück in die Zukunft“ der Fall ist – Marty McFly versucht bekanntermaßen den ganzen Film über, die Schäden, die er angerichtet hat, wieder auszubügeln, um seine eigene Existenz zu bewahren. Oder aber wir haben es mit einem sog. „Stable Time Loop“ zu tun – man kann nur in die Vergangenheit reisen, um das zu tun, was man ohnehin schon getan hat, sodass sich nichts verändert. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist ein schönes Beispiel. „Avengers: Endgame“ dagegen wählt einen dritten Ansatz, der zumindest im Mainstream deutlich seltener auftaucht, sich aber auf ähnliche Weise etwa in „Dragonball Z“ findet. Eine Veränderung der Gegenwart ist bei diesem Ansatz durch eine Zeitreise nicht möglich, was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr korrigieren. Stattdessen führt die Zeitreise zur Schaffung einer neuen Zeitlinie, die sich von der bereits bekannten abspaltet.

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Clint Barton (Jeremy Renner)

Die von Tilda Swinton dargestellte Älteste deutet im Gespräch mit Bruce Banner an, dass eine reine Zeitreise allerdings noch nicht ausreiche, um eine neue Timeline zu etablieren, sondern dass ein entfernter Infinity-Stein nötig ist – weshalb Captain America am Ende ja die diversen entfernten Steine wieder zu ihrem Ursprungsort zurückbringt. Ob das so funktionieren kann, ist natürlich wieder eine andere Frage; der Film zeigt leider nichts davon. Stattdessen erleben wir, wie Cap am Ende als alter Mann auftaucht. Diese Wendung erweckt den Eindruck einer klassischen Zeitreise, was jedoch wohl unbeabsichtigt war. Laut den Russos kehrt Cap tatsächlich aus einer anderen Zeitlinie zurück, in der er mit Peggy Carter glücklich verheiratet war. Es existiert jedoch noch eine andere Theorie, derzufolge Cap tatsächlich Peggys Ehemann ist, der ein paar Mal erwähnt wird, den man aber nicht zu Gesicht bekommt und dessen Name auch nie genannt wird. Geht man nach dieser Theorie, handelt es sich beim alten Cap am Ende nicht um denselben, der kurz zuvor aufbricht, um die Steine zurückzubringen, sondern um einen Steve Rogers aus einem alternativen Universum, was das „Haupt-MCU“ selbst zu einer bereits veränderten Zeitlinie machen würde. Kompliziert.

Die Zeitreisekonzeption dieses Films führt ironischerweise zur „Comichaftigkeit“ des Films – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Zeitreisen in Superheldencomics Gang und Gäbe sind. Vielmehr unternehmen die Russos hier etwas, das Comickünstler nur allzu gerne zu machen: Sie besuchen quasi Panels und Storylines vergangener Hefte, genauso wie das in einem Comic passieren würde.

Die Überlebenden
Trotz des reduzierten Casts standen Russos und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely vor demselben Problem wie bei „Infinity War“: Wie wird man all diesen Figuren in „nur“ drei Stunden gerecht? Was die vier geleistet haben, ist beeindruckend, auch wenn der eine oder andere Charakter durchaus nicht immer optimal behandelt wird. Das trifft vor allem auf Hawkeye und Bruce Banner zu. Beide bekommen in diesem Film neue Idenitäten, Hawkeye wird durch den Verlust seiner Familie zum gnadenlosen Rächer Ronin, während Bruce Banner nun dauerhaft zum Hulk wird, dabei aber seinen Intellekt und seine Identität behält – Marvel-Kenner sprechen hier von „Professor Hulk“. In beiden Fällen wurden diese Figuren so entwickelt, weil sie in den Comics zu einem bestimmten Zeitpunkt so dargestellt wurden. Das Problem dabei ist, dass „Endgame“ diese Entwicklung entweder, im Falle des Hulk, Off-Screen geschehen lässt und primär als Comedy-Einlage nutzt oder kaum auf sie aufbaut. Sobald Clint Barton wieder zu seinen Kameraden stößt, hört er im Grunde auf, Ronin zu sein und wird wieder Hawkeye; zumindest in diesem Film hat die Identität des ruchlosen Rächers keine Auswirkungen mehr auf die Figur.

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Professor Hulk (Mark Ruffalo)

Thor ist ebenfalls ein wenig grenzwertig. Der aufgedunsene Donnergott erinnert schon ein wenig an eine Sitcom und ein großer Teil seiner Situation dient der Komik – es gelingt allerdings auch immer wieder, die authentische Tragik miteinzubauen. Einerseits finde ich es gelungen, dass Thor nicht einfach so wieder abmagert, aber andererseits übertreiben es Markus und McFeeley irgendwann mit den Witzen auf seine Kosten.

Weitaus überzeugender sind die Entwicklungen, die Steve, Tony, Natasha und Nebula durchmachen. Letztere befindet sich in diesem Film in der interessanten Situation, doppelt vorhanden zu sein und mit sich selbst konfrontiert zu werden – hier zeigt sich gut, wie Nebula sich seit „Guardians of the Galaxy“ entwickelt hat, von der Beziehung zu Gamora bis hin zur kurzen, aber wirkungsvollen Szene zu Beginn von „Endgame“ mit Tony. Bei der Erstsichtung des Films dachte ich sogar kurz, Nebula von 2014 würde den Handschuh erringen und die Handlung würde ähnlich verlaufen wie in „The Infinity Gauntlet“, dem Comic, der als (sehr grobe) Vorlage für „Infinity War“ dient. Ein Thanos, der sich mit den Avengers gegen eine allmächtige Nebula verbünden muss, wäre zumindest interessant gewesen.

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Tony (Robert Downey jr.) und Steve (Chris Evans)

Dass Tony Starks und Steve Rogers Superheldenkarrieren nach diesem Film enden würden, war im Grunde wegen ihrer auslaufenden Verträge relativ klar. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden damit, wie ihre Handlungsbögen in diesem Film zu Ende gebracht wurden. Mehr noch als die anderen ursprünglichen Avengers sind diese beiden Figuren die Grundsteine des Universums: Mit Iron Man fing für uns Zuschauer alles an, während Cap der erste Superheld innerhalb der Erzählten Welt war. Da ist es nur gerechtfertigt, dass Cap den Tanz bekommt, auf den er seit so vielen Jahrzehnten wartet, während Tony endlich das findet, was er sucht, wenn auch nur für kurze Zeit. Die seit „Civil War“ brodelnde Auseinandersetzung zwischen den beiden wird immerhin noch einmal kurz angeschnitten, was freilich viel zu knapp ist, aber bei all dem Inhalt, die in diesen Film musste, hatte ich diesbezüglich nichts anderes erwartet.

Natashas Tod kommt dann schon etwas unerwarteter, besonders angesichts des anstehenden Black-Widow-Films, der dann wohl doch reines Prequel ist – vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung, diese Figur so kurz vor ihrem ersten Solofilm umzubringen, unabhängig von der Natur des Films. Angesichts des Aufhebens, das um Tonys Tod gemacht wird, wirkt sie ein wenig vernachlässigt. Man könnte fast meinen, die Regisseure und Drehbuchautoren wären der Meinung gewesen, es müsste noch ein Original-Avenger sterben und man habe dann gelost. Vielleicht wäre Hawkeye, in Zusammenhang mit einer gründlicheren Auseinandersetzung seiner Identität als Ronin, die bessere Wahl gewesen.

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Thor (Chris Hemsworth)

Über die meisten anderen Figuren gibt es tatsächlich relativ wenig zu sagen. Obwohl Rhodey und Rocket Teil des Zeitreise-Teams sind, haben sie nicht wirklich eigene Handlungsbögen. Dasselbe trifft noch in weitaus größerem Maße auf alle Figuren zu, die am Ende durch Hulks Schnipser wieder zurückgebracht werden. Der interessanteste Fall ist Carol Danvers alias Captain Marvel. Nachdem ihr erster Solofilm extra noch zwischen „Infinity War“ und „Endgame“ geschoben wurde, hatten viele, einschließlich mir, die Befürchtung, sie als Deus Ex Machina auftauchen und den Film gewissermaßen an sich reißen würde. Erstes trifft ein wenig zu, Letzteres glücklicherweise nicht. Angesichts der Tatsache, dass ich von „Captain Marvel“ und seiner Titelhelden nicht allzu begeistert war, bin ich durchaus davon angetan, dass sie in diesem Film keine allzu große Rolle spielt. Am Anfang rettet sie Tony und Nebula und hilft den verbliebenen Avengers, Thanos zu töten, um anschließend zu verschwinden und erst während der finalen Schlacht in letztendlich unterstützender Rolle wieder aufzutauchen. Damit kann ich leben, es hätte weitaus schlimmer kommen können.

Thanos
Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf die bislang größte Bedrohung, der sich die Avengers stellen müssen. Besonders nachdem Loki spätestens in „Thor: Ragnarök“ zum Antihelden wurde, ist Thanos zweifelsohne der beste Schurke des MCU, besonders, nachdem sich die Russos mit „Infinity War“ ausgiebig Zeit nahmen, ihn als Figur zu ergründen. Sein Plan ist dabei verhältnismäßig unsinnig – selbst wenn man davon ausgeht, dass Genozid auf galaktischem Ausmaß das richtige Mittel gegen Rohstoffknappheit ist, ist der Schnipser keine dauerhafte Lösung. Thanos zerstört die Infinity-Steine nach getaner Arbeit, da sie nur eine „Versuchung“ darstellen, was ihn einerseits als prinzipientreues Wesen charakterisiert, aber andererseits auch seinen Verstand in Frage stellt. Geht man nach irdischem Bevölkerungswachstum, steht das Universum in 40 bis 50 Jahren wieder genauso da wie vor dem Schnipser. Ironischerweise gibt es dieses Problem in „The Infinity Gauntlet“ nicht, da Thanos‘ primäre Motivation im Comic darin besteht, Lady Death, die Personifikation des Todes, zu beeindrucken. Der MCU-Thanos ist weitaus rationaler als sein Comicgegenstück, eher ein Dogmatiker, dessen Motivation und Ziele denen Ra’s al Ghuls gleichen, als der verrückte Titan, als der er auch in den Filmen bezeichnet wird.

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Thanos (Josh Brolin)

In „Endgame“ haben wir es allerdings mit zwei ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Versionen von Thanos zu tun. Zu Beginn des Films finden die Avengers nach nicht allzu intensiver Suche einen geschwächten, aber zufriedenen Thanos. Der finale Gegner des Films ist dann ein jüngerer Thanos, der aufgrund dessen, was er über seine (mögliche) Zukunft erfährt, einen neuen, weniger pseudo-altruistischen Plan fasst: Er will nicht das halbe Universum töten, sondern das gesamte, um dann auf den Ruinen ein neues aufzubauen, das nicht so „undankbar“ ist. Für Thanos aus „Infinity War“ war die ganze Angelegenheit nicht persönlich, für den einen oder anderen Avenger (Peter Quill, Tony Stark) hat er sogar Respekt übrig und tatsächlich bemüht er sich, niemanden zu töten, wenn es nicht sein muss, da er die Lebensauslöschung zufällig und unemotional durchführen möchte. Endgame-Thanos dagegen ist weitaus stärker stereotypischer Schurke, für ihn ist es persönlich, der Versuch, alles rückgängig zu machen, ist etwas, das ihn persönlich beleidigt und dazu verleitet, sich gegenüber seinen Feinden weitaus rabiater zu verhalten.

Der Soundtrack
Mit „Avengers: Endgame“ liefert Alan Silvestri nun seinen bislang vierten MCU-Beitrag und kann inzwischen als der musikalische Architekt dieses Universums gelten – immerhin achten er und die Verantwortlichen nun auf ein gewisses Minimum an leitmotivischer Kontinuität. Von seinem Infinity-War-Score war ich zugegebenermaßen ein wenig ernüchtert, wenn auch nicht überrascht. Ich fand ihn zwar kompetent, aber doch eher uninspiriert. Silvestri machte großzügig von seinem eignen Avengers-Thema-Gebrauch, aber bis auf einen Einspieler von Ludwig Göranssons Black-Panther-Thema fanden sich in diesem Soundtrack keine anderen zuvor etablierten Themen – nicht einmal sein eigenes Capatain-America-Thema zitierte Silvestri in diesem Film. Bei „Endgame“ sieht die Sache erfreulicherweise anders aus. Dass das Avengers-Thema auch dieses Mal zurückkehrt, dürfte kaum überraschen; auch das Motiv für Thanos, das Silvestri in „Infinity War“ etablierte, kehrt zurück, und darüber hinaus dürfen wir auch endlich wieder Statements von Steve Rogers patriotischem Thema vernehmen. Damit hat es sich aber noch nicht erledigt, denn Silvestri zitiert dieses Mal deutlich großzügiger, wenn auch hin und wieder etwas merkwürdig. Die Verwendung von Pinar Topraks Captain-Marvel-Thema bei ihren Auftritten am Anfang und am Ende ist sehr gut gelungen und auch nachvollziehbar. Scott Langs erster Auftritt wird von einer dezenten Variation von Christophe Becks Ant-Man-Thema begleitet und als Bruce Banner die Älteste im New York des Jahres 2012 trifft, erklingt einmal kurz Michael Giacchinos Doctor-Strange-Thema. Der Korinthenkacker in mir beschwert sich nun natürlich darüber, dass die Älteste ihr eigenes Thema hat, aber man muss sich über jedes Statement freuen, das man bekommt. Auch das eine oder andere stilistische Zitat findet sich, so greift Silvestri in Snap Out of It etwa die Hardanger-Fidel auf, die Mark Mothersbaugh in „Thor: Ragnarok“ für eine ähnlich geartete Szene verwendete (Twilight of the Gods).

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Nebula (Karen Gillan)

Gerade die beiden Zitate der Themen von Beck und Giacchino fallen ein wenig merkwürdig aus, da sie sehr subtil sind und selbst den Zuschauern, die ein wenig auf Filmmusik achten, kaum auffallen dürften – sie wirken eher wie kleine Geschenke an die Hardcore-Fans. Dennoch bewegte sich das MCU musikalisch in die richtige Richtung, wenn auch mit kleinen Schritten. Selbst wenn man diesen Umstand ausklammert, legt Silvestri noch einmal eine ordentliche Schippe drauf und schafft einen würdigen Abschluss für die erste Saga des MCU. Highlight des Albums ist ohne Zweifel das neue Familien- bzw. Assemble-Thema, das prominent im Track Portals erklingt, gefolgt von der epischsten Variation des Avengers-Themas. Eine ausführliche Analyse des Scores findet sich hier.

Fazit: „Avengers: Endgame“ ist ein nicht fehlerfreier, aber insgesamt rundum gelungener (vorläufiger) Abschluss des MCU, der zwar etwas hinter dem fokussierten Vorgänger zurückbleibt, aber insgesamt ein wirklich beeindruckendes filmisches Ereignis ist, das die Grenze zwischen den Medien Film und Comic in bisher nicht erreichtem Ausmaß überbrückt.

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Captain Marvel

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Story:
Vers (Brie Larson) gehört dem Volk der Kree an und verfügt über enorme Kräfte, hat aber ihr Gedächtnis verloren. Sie wird von ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) trainiert, da sich die Kree im Krieg mit den formwandelnden Skrulls befinden und Vers‘ Kräfte für den Kriegserfolg wichtig sind. Im Verlauf einer Mission wird Vers von dem Skrull-Kommandanten Talos (Ben Mendelsohn) gefangen genommen, der in ihren Erinnerungen wühlt und eine Verbindung zum Planeten Erde feststellt. Vers kann jedoch entkommen und landet auf der Erde, wo sie mit Hilfe des S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) versucht, hinter das Geheimnis ihrer Herkunft zu kommen.

Kritik: Da ist er also, der erste MCU-Film mit einer weiblichen Titelfigur (natürlich gab es noch „Ant-Man and the Wasp“, aber Hope van Dyne musste sich den Titel nun einmal mit Scott Lang teilen). Wie bei ähnlich gearteten Filmen, etwa „Wonder Woman“ oder „Black Panther“, waren die Erwartungen äußerst hoch und die allgemeine Stimmung äußerst geladen. Wie üblich versuche ich, dabei nicht den Film als politische Botschaft welcher Art auch immer zu bewerten, sondern als Film an sich und als Teil seines Franchise.

Nach „Captain America: The First Avenger” ist „Captain Marvel“ erst der zweite MCU-Film, der nicht in „der Gegenwart“, sondern einer historischen Epoche spielt – mit den 90ern wurde allerdings eine gewählt, die uns deutlich näher ist als die 40er. Strukturell erinnert „Captain Marvel“ am ehesten an „Thor“ und bietet, zumindest aus Publikumssicht, eine invertierte Heldenreise. Normalerweise beginnt der Held in einer (verhältnismäßig) alltäglichen Welt, um dann in eine tatsächliche oder metaphorische Abenteuerwelt zu gelangen. Thor und Vers/Carol Danvers dagegen beginnen in phantastischen, extravaganten Welten, und werden nicht von Menschen zu Helden, sondern von Göttern (oder außerirdischen Soldaten) zu Menschen (und dann zu Helden). Und wie bei „Thor“ finden sich im zweiten Akt eine ganze Menge „Fish out of Water“-Elemente, die für den Großteil der Komik verantwortlich sind.

Insgesamt ist „Captain Marvel“ in Ordnung – was gerade für einen Film, auf dem derartige Erwartungen lagen, wohl für viele nicht genug sein dürfte. Der gelungenste Aspekt ist zweifellos die Chemie zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson bzw. das Buddy-Movie-Element des zweiten Aktes – es ist einfach verdammt unterhaltsam, den beiden bei ihren Ermittlungen zuzusehen. Der Rest des Films ist im Großen und Ganzen funktional – relativ wenig sticht positiv oder negativ heraus. Anna Boden und Ryan Fleck sind als Regisseure ziemlich anonym, gerade im Vergleich zu MCU-Regisseuren, die es geschafft haben, den Filmen einen distinktiven Stempel aufzudrücken – man denke an Taika Waititi oder James Gunn.

Das vielleicht größte Problem des Films ist allerdings die Titelfigur. Hier wiederholt sich, was bereits bei „Black Panther“ ein Manko war: Captain Marvel ist als Figur leider nicht besonders interessant oder einnehmend, die Figuren um sie herum, sei es Nick Fury, Yon-Rogg oder selbst der Skrull Talos, sind deutlich interessanter. Der heimlich Star des Films ist natürlich ohnehin die Katze Goose. Am Ende des Films fühlt man sich sogar fast ein wenig an Supermans finalen Auftritt in „Justice League“ erinnert, als Captain Marvel alle Widersacher dann doch deutlich zu leicht und spielend abserviert. Zusätzlich problematisch ist der Umstand, dass Carol Danvers im Grunde auch keine Entwicklung durchmacht. Nur ihre Loyalität verändert sich, das hat aber keine Auswirkungen auf ihren Charakter, sie ist am Ende des Films dieselbe Figur wie am Anfang, was einem Origin-Film nicht gut zu Gesicht steht.

Zur Vorlagentreue des Films kann ich leider nicht allzu viel sagen, da ich mit der Carol-Danvers-Version von Captain Marvel nicht wirklich vertraut bin, ich besitze lediglich einige Geschichten, in denen sie vorkommt, aber keinen ihrer Solo-Titel. Eine Änderung ist mir allerdings tatsächlich sauer aufgestoßen. Carol Danvers ist nicht die erste Captain Marvel, vor ihr gab es bereits Mar-Vell, einen Kree-Krieger, den ich als Figur sehr schätze und der in der exzellenten Graphic Novel „The Death of Captain Marvel“ das zeitliche segnete – nicht im heroischen Kampf gegen einen Superschurken, wohlgemerkt, sondern im auszehrenden Kampf gegen den Krebs. Ohne allzu viel zu spoilern: Mar-Vell taucht in stark veränderter Form in „Captain Marvel“ auf, das Potential, das der Figur inne wohnt, wird aber nicht nur nicht ausgeschöpft, sondern geradezu ignoriert.

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Musik: Mit Pinar Toprak übernahm hier zum ersten Mal eine Frau nicht nur die Titelrolle, sondern auch den Taktstock in einem MCU-Film und liefert einen Score, der sich vor den anderen MCU-Vertretern nicht verstecken muss. Topraks Musik ist durchaus in der Tonalität des MCU verwurzelt, die Verwendung von Elektronik und Synthesizern an der Seite des Orchesters passt gut zur Ära des Films und erinnert sowohl an „Thor: Ragnarök“ als auch ein wenig an Don Davis‘ Matrix-Scores. Das Thema für die Titelfigur ist gelungen, allerdings ist die Abmischung im Film nicht allzu gut, weshalb der Score leider relativ oft untergeht.

Fazit: „Captain Marvel“ ist insgesamt in Ordnung, aber abseits des Umstandes, dass es sich hierbei um den ersten MCU-Film mit einer Frau als alleiniger Titelfigur handelt, weit von der Signifikanz entfernt, die ihm im Positiven wie Negativen beigemessen wird. Der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, bewegt sich aber bestenfalls im Mittelfeld des MCU.

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The Death of Superman

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Story: Eigentlich könnte alles gut: Superman (Jerry O’Connell) ist Mitglied der Justice League, Beschützer von Metropolis und schafft es auch endlich, sich seiner Freundin Lois (Rebecca Romijn) zu öffnen. Trotz Hemmungen schafft er es, ihr zu gestehen, dass er Superman ist. Unglücklicherweise kommt just in diesem Moment das Monster Doomsday auf die Erde und schaltet einen nach dem anderen die komplette Justice League aus. Nur der Mann aus Stahl kann die übermächtige Kreatur stoppen…

Kritik: „The Death of Superman“ war das Comicereignis der frühen 90er, mit dem DC gegen rückläufige Verkaufszahlen vorgehen wollte. Darüber hinaus gilt es als Paradebeispiel des gestorbenen und wieder zurückgekehrten Helden; diese Handlungsentwicklung wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in derart inflationärem Ausmaß angewendet, dass es inzwischen kaum noch einen Superhelden bei DC oder Marvel gibt, der nicht schon einmal gestorben und wiederauferstanden ist. Dennoch gilt „The Death of Superman“ als essentieller Teil des Superman-Kanons, obwohl ich gestehen muss, dass ich nur Teile dieses doch recht umfangreichen Handlungsbogens gelesen habe. Auch adaptiert wurde er schon mehrfach; zum ersten Mal, zumindest teilweise, im Rahmen der Serien „Justice League“ und „Justice League Unlimited“, die in verschiedenen Episoden Elemente wie die Kreatur Doomsday oder auch Supermans (vermeintlichen) Tod und sein Begräbnis übernahmen, diesen jedoch einen neuen Kontext gaben.

Als Warner 2007 die Reihe „DC Universe Animated Original Movies“ startete, war mit „Superman: Doomsday“ eine Adaption von „The Death of Superman” der erste Eintrag in dieser Filmreihe – es handelt sich dabei allerdings um eine sehr kondensierte Umsetzung, die keinen besonders guten Ruf genießt und ziemlich vergessenswert ist. Auch für „Batman v Superman: Dawn of Justice“ wurden Elemente aus „The Death of Superman” aufgegriffen (vornehmlich der Tod Supermans durch Doomsday), aber ein weiteres Mal in völlig anderem Kontext.

Die im Juli 2018 erschienene zweite direkte Adaption der Story, dieses Mal mit dem Originalnamen, gehört ebenfalls zu den „DC Universe Animated Original Movies“ und, mehr noch, zu den Filmen dieses Labels, die miteinander verknüpft sind und aufeinander aufbauen. Dieses „DC Animated Movie Universe“ ist in gewissem Sinne der Nachfolger des grandiosen und unerreichbaren DCAU und basiert größtenteils auf den New-52-Comics. Mit „The Judas Contract“ wurde allerdings bereits einmal eine weitaus ältere Geschichte für diese Kontinuität adaptiert, und mit „The Death of Superman“ verhält es sich ähnlich. Ich muss zugeben, ich bin nicht der größte Fan des „DC Animated Movie Universe“, der Animationsstil sagt mir nicht allzu sehr, viele der New-52-Geschichten lassen eher zu wünschen übrig und ganz allgemein können es diese Filme einfach nicht mit dem DCAU aufnehmen.

Allerdings muss ich zugeben: „The Death of Superman“ ist schon ziemlich gelungen und zeigte vor allem, wie sehr „Batman v Superman“ bei der Umsetzung dieses Stoffes doch versagt hat. Trotz der ziemlich geringen Laufzeit schafft der Film es, die Figuren und ihren Platz in der Geschichte passend zu etablieren. „The Death of Superman“ zeichnet sich weder durch eine besonders komplexe Handlung, noch durch Innovation aus, funktioniert aber. Man könnte diesen Film als „ökonomisch“ im positiven Sinne bezeichnen: Er steckt sich ein Ziel und erreicht dieses schnörkellos und auf direktem Weg – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das gilt besonders für die emotionale Ebene. Dabei profitiert „The Death of Superman“ durchaus davon, dass die Figuren bereits etabliert wurden, zugleich sind die anderen Filme des „DC Animated Movie Universe“ aber tatsächlich nicht essentiell, denn alles, was man wissen muss, wird durch Dialoge und Figureninteraktion knapp, aber eben nicht zu knapp, etabliert. Trotz des Umstandes, dass man weiß, wie die Geschichte letztendlich ausgeht, funktioniert der letztendlich Tod Supermans eben doch auf emotionaler Ebene. Anders als bei „Batman v Superman“ spürt man das Gewicht der Entscheidungen und was alles auf dem Spiel steht, wenn Doomsday nicht aufgehalten wird.

Natürlich hängt die Effektivität von „The Death of Superman“ auch mit den Sprechern zusammen, Jerry O’Connell und Rebecca Romijn machen einen sehr guten Job und vermitteln die Emotionen ihrer Figuren glaubhaft. Auch Rosario Dawson als Wonder Woman fand ich sehr gelungen. Mit Jason O’Mara als Batman und Rainn Wilson als Lex Luthor habe ich dagegen eher Probleme – nicht, dass sie per se schlecht wären, aber Kevin Conroy und Clancy Brown haben die Messlatte im DCAU nun einmal derart hochgelegt, dass nur wenige sich daran messen können.

Fazit: „The Death of Superman“ ist eine überraschend gelungene Umsetzung der gleichnamigen Story, geradlinig, aber emotional. die noch einmal zeigt, auf welch eklatante Art und Weise „Batman v Superman“ versagt hat.

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Aquaman – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Nehmen wir gleich zu Beginn die Spannung raus: „Aquaman“ ist nach „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film. Über die Qualität dieses Films sagt das an sich natürlich relativ wenig aus, da „Wonder Woman“ bislang der einzige Eintrag in diesem Shared Universe war, den man als gelungen bezeichnen kann. Insofern dürfte es nicht verwundern, dass auch „Aquaman“ einige massive Probleme hat, besonderes bezüglich der Erzählstruktur. Inzwischen ist es dann wohl schon so weit gekommen, dass man einen DC-Film als positiv wahrnimmt, wenn man unterhalten wird und nicht frustriert und enerviert aus dem Kino kommt. Wie dem auch sei, gleiche Vorgehensweise wie üblich, ab hier wird gespoilert.

Handlung
1985 rettet der Leuchtturmwächter Thomas Curry (Temura Morrison) der mysteriösen Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis im Exil, das Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und bekommen einen Sohn: Arthur (Jason Momoa). Dieser ist ein Sohn zweier Welten, halb Mensch und halb Atlanter, der sich in keiner der beiden Welten wirklich zurechtfindet. Auch nach seinem Abenteuer mit der Justice League, bei dem er die Erde erfolgreich verteidigt hat, ist es Arthur noch nicht gelungen, seinen Platz in der Welt zu finden. Derweil spitzt sich die Lage zu, denn Arthurs Halbbruder Orm (Patrick Wilson) will die Macht der Meereskönigreiche unter sich vereinen und die Welt der Landbewohner zerstören. Orms Verlobte Mera (Amber Heard) und sein Ratgeber Vulko (Willem Defoe) halten von dieser Absicht allerdings nicht allzu viel und bitten deshalb Arthur um Hilfe – als Atlannas Erstgeborener hat er ebenfalls Anspruch auf den Thron von Atlantis. Eine erste Konfrontation um den Thron mit Orm endet allerdings verheerend, weshalb sich Arthur und Mera auf die Suche nach dem Dreizack des Atlan (Graham McTavish), des mystischen Vorfahren von Arthur, begeben. Ihre Suche führt sie in die Sahara und nach Sizilien, wobei sie von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias Black Manta verfolgt werden, der von Orm angeheuert wurde, aber mit Arthur auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen hat…

Ist Aquaman scheiße?
Die Popkultur war in den letzten Jahrzehnten nicht allzu gnädig zu Aquaman. Die Figur existiert bereits seit 1941, wurde aber erst während des Silbernen Zeitalters unter Comicfans populär, als sie ihre eigene Serie bekam und Teil der Justice League wurde. Seinen unrühmlichen Ruf erhielt Arthur primär durch die Zeichentrickserie „Super Friends“, in welcher er, primär wegen seiner Fähigkeit, mit Fischen zu sprechen, als ziemlich inkompetent und nutzlos dargestellt wurde. Diese Interpretation der Figur wurde in anderen Medien nur allzu gerne aufgegriffen und noch weiter überzeichnet, sei es „Family Guy“, „The Big Bang Theory“ oder „Southpark“. Mein erster Eindruck von Aquaman war allerdings ein völliger anderer.

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Orm, der Ocean Master (Patrick Wilson)

Wie so viele DC-Helden wurde auch Aquaman in den 90ern drastisch verändert. Unter der Ägide von Autor Peter David verlor der König von Atlantis eine Hand, die der durch eine Harpune ersetzte, bekam lange Haare, einen Bart und tauschte das orange-grüne Outfit gegen eine schwarze Hose und eine Teilrüstung. Aquaman entwickelte sich zu einem stolzen, grimmigen und mitunter fast schon mürrischen Charakter. Leider habe ich Peter Davids Aquaman-Run bis heute nicht gelesen (er steht auf meiner Liste), aber diese Version der Figur tauchte auch in Grant Morrisons „JLA“ auf und so lernte ich sie kennen. Auch in der Zeichentrickserie „Justice League“ bzw. „Justice League Unlimited” orientierte man sich, im Unterschied zu seinem Gastauftritt in „Superman: The Animated Series“, an der Peter-David-Version, sogar der Verlust der Hand wurde im Verlauf der Serie integriert. Dieser Aquaman der 90er und frühen 2000er ist „mein“ Aquaman, weshalb sein popkultureller Status als nutzloser Held mir immer merkwürdig und ungerechtfertigt vorkam, da ich ihn als ziemlichen Bad-Ass kennen lernte.

Im Verlauf der 2000er kehrte man zwar wieder zum klassischen Kurzhaar-Look und dem orange-grünen Kostüm zurück, bemühte sich aber, viele Elemente der Peter-David-Charakterisierung beizubehalten. Der von Jason Momoa dargestellte Arthur hat charakterlich tatsächlich nicht so viel mit Peter Davids Version der Figur gemein, der haarig Look als gezielte Entfernung vom Saubermann mit den kurzen Haaren ist aber definitiv auf diese Version der Figur zurückzuführen. Ansonsten basiert der aktuelle Film primär auf Geoff Johns‘ New-52-Aquaman-Run.

Ausgelutschte Innovation

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Mera (Amber Heard)

Im Kontext des DCEU ist „Aquaman“ ein durchaus innovativer Film, der sich stark von den Anfängen und den Snyderismen distanziert. „Grimm and Gritty“ ist hier endgültig Geschichte, ebenso wie der ausgewaschene graublaue Look, der das DCEU in den frühen Filmen definierte, denn „Aquaman“ ist knallig bunt, selbstironisch und hat keinerlei Scheu, die extravaganteren Elemente der Comics zu integrieren. Das zeigt sich schon an den Kostümen: Wo man früher fast panische Angst davor hatte, die überdrehten bzw., in Ermangelung eines besseren Wortes, „comichaften“ Kostüme vorlagengetreu umzusetzen, macht Regisseur James Wan hier nun keine Kompromisse mehr: Orm, Black Manta, Mera – sie alle sehen so aus, als wären die Comiczeichnungen einfach lebendig geworden. Sogar Aquaman selbst tritt am Ende im orange-grünen Dress auf – und das nicht in einer gedeckten Form, wie es bei Superman in „Man of Steel“ der Fall war. Das ist freilich alles etwas kitschig, ein wenig trashig, gefällt mir aber ausnehmend gut, denn es kann im richtigen Kontext wunderbar funktionieren. Dieser Trend setzt sich auch bei der Namensnennung fort: Bisher wurde Wonder Woman beispielsweise in keinem der DCEU-Filme mit ihrem Superheldennamen angesprochen, und auch sonst war man diesbezüglich äußerst zurückhaltend. Nicht so hier: Aquaman wird auch so genannt (ich bin sicher, unter Zack Snyder hätte es das nicht gegeben) und sowohl Orm bzw. der Ocean Master als auch Black Manta bekennen sich stolz zu ihren Identitäten. „Aquaman“ ist ohnehin nur bedingt ein Superheldenfilm und lässt diverse genretypische Elemente aus oder baut sie nur am Rande ein. Dies ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Films, denn die Innovativität zeigt sich nur im Kontext des DCEU. Ansonsten kommt einem die Handlungsentwicklung sehr bekannt vor.

„Aquaman“ ist eine typische König-im Exil-Story, die auf diese Weise schon allzu oft erzählt wurde, sei es bei König Artus, Aragorn oder Thor, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch zur Handlung von „Black Panther“ gibt es mehr als nur ein paar Parallelen. Der zweite Akt, der sich primär mit der Jagd nach dem Dreizack beschäftigt, erinnert zudem an „Indiana Jones“. In seiner Action, den diversen Set-Pieces, der Gestaltung der Unterwasserwelt etc. ist „Aquaman“ wirklich ziemlich kreativ und weiß einiges an Schauwerten aufzufahren. Im Grunde handelt es sich um die Live-Action-Version eines ziemlich überdrehten Samstag-Vormittag-Cartoons, und das ist wirklich verdammt unterhaltsam. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass gerade der erste Akt mit Exposition überladen ist und zumindest mir die Versatzstücke der Handlung immer ein wenig zu bekannt vorkamen.

Figuren
Das Drehbuch ist nun wirklich nicht die größte Stärke des Films, die Figuren sind insgesamt bestenfalls funktional, tiefere Einblicke in ihre Persönlichkeit werden eher vermieden. Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine typische König-im Exil-Story, und dementsprechend verhält sich auch der Titelheld. Arthur ist eigentlich ein angenehmer Typ, der das Richtige tun und anderen helfen, dabei aber nicht unbedingt Verantwortung übernehmen will. Am Regieren eines Königreichs hat er freilich überhaupt kein Interesse. Auch Mera und Vulko bleiben als Figuren ziemlich konservativ und füllen primär ihre stereotypen Rollen aus. „Aquaman“ lebt zu einem großen Teil von Jason Momoas Charisma und Spielfreude sowie zwischen der Chemie von ihm und Amber Heard. Die Beziehung von Arthur und Mera ist dabei ziemlich ähnlich konzipiert wie die von Han und Leia: Die beiden kabbeln sich die ganze Zeit und denken, sie mögen sich nicht, bis sie sich dann eben doch mögen und schätzen lernen. Die romantische Kulisse Siziliens und die eine oder andere gegenseitige Lebensrettung tun ihr übriges.

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Black Manta (Yahya Abdul Mateen II)

Orm dürfte der bislang beste Schurke des DCEU sein, mit Ausnahme von General Zod vielleicht. Auch dieses Kompliment ist mit Vorsicht zu genießen, denn angesichts dessen, was in den anderen Filmen dieses Franchise bislang an der Antagonistenfront fabriziert wurde ist nun wirklich nicht rühmlich. Der Ocean Master ist keine CGI-Monstrosität, kein uninteressanter Twist-Schurke und auch nicht völlig daneben wie Jesse Eisenbergs Lex Luthor oder Jared Letos Joker. Orm ist ein funktionaler Schurke mit klarer Motivation, der zwar unterentwickelt bleibt, aber doch zumindest in Ansätzen nachvollziehbar ist. Ähnliches lässt sich auch über Black Manta sagen, wobei dieser größtenteils verschenkt wird zu offensichtlich eine Fortsetzung vorbereitet.

„Aquaman“ und das DCEU
Rein formal ist „Aquaman“ nach „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice”, „Suicide Squad“, „Wonder Woman“ und „Justice League“ der sechste Film des DC Extended Universe (das diesen Namen zwar nicht mehr offiziell trägt, aber trotzdem noch von allen so bezeichnet wird). Nachdem sich „Justice League“ jedoch als Flop erwies, beschloss man wohl, so gut wie jede Verbindung zum größeren DC-Universum zu kappen. Steppenwolf und der Kampf gegen ihn wird einmal in einem Halbsatz erwähnt, das war es dann aber auch schon. Wer auf den Gastauftritt eines Justice-League-Mitglieds hofft, wird enttäuscht, jedes Element des Films gehört ausschließlich zu Aquamans Sub-Kosmos des DC-Universums. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Ort, an dem sich der Dreizack befindet, wird im Film zwar nicht benannt, erinnert mit seinen Dinosauriern aber an Skatarsis, ein Fantasy-Setting innerhalb des DC-Universums, das sich meistens im inneren der hohlen Erde befindet. Dieses hat mit Aquaman nicht direkt etwas zu tun, da es bislang aber nicht als Teil des DCEU etabliert wurde, macht das eigentlich keinen Unterschied. Warner scheint derzeit einer „Pick-and-Choose-Politik“ zu folgen: Was funktioniert und gut ankommt (Wonder Woman insgesamt, Jason Momoa als Aquaman, Margot Robbie als Harley Quinn etc.) wird mitgenommen, der Rest wird nach Gutdünken ignoriert oder abgeändert. Wie üblich scheint Warner dabei ohne wirklichen Plan vorzugehen – nach wie vor ist nicht klar, ob man Henry Cavill und Ben Affleck noch einmal als Superman und Batman sehen wird, ob Matt Reeves „The Batman“ Teil des DCEU sein wird oder ob jemals wieder ein Superheldentreffen in diesem Kontext stattfindet.

Der Score
Nach „Wonder Woman“ darf Rupert Gregson-Williams nun schon zum zweiten Mal ein Justice-League-Mitglied vertonen, auf das Hans Zimmer anscheinend keinen Bock hat – interessanterweise wird Zimmer selbst die Musik für das Wonder-Woman-Sequel schreiben. Dieses Mal gibt kein vorgefertigtes Zimmer-Thema, das Gregson-Williams aus Kontinuitäts- und Marketinggründen hätte einbauen müssen. Freilich hat Danny Elfman ein Motiv für Aquaman in „Justice League“ komponiert, aber da dieser Score ohnehin einen schlechten Ruf hat (völlig zu Unrecht, wie ich noch einmal betonen möchte), dürfte es bei der Konzeption keine Rolle gespielt haben.

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Aquaman (Jason Momoa) im klassischen Outfit

Stattdessen fallen gewisse Parallelen zu „Thor: Ragnarök“ auf. Gregson-Williams kombiniert hier den Zimmer-Stil der 90er, der von großangelegten, melodisch eher simplen Power-Hymnen dominiert wurde, mit einigen Elementen des 2010er-Zimmer-Stils, die bereits in „Man of Steel“ oder „Mad Max: Fury Road“ zum Einsatz kamen, sowie Elektronik und Synth-Elemente, die, verstärkt von der Präsenz Dolph Lundgrens, einen deutlichen 80er-Vibe verströmen und an Mark Motherbaughs Thor-Score erinnern. Es ist vor allem die Unterwasserwelt in ihrer Fremdheit, die durch die synthetischen und elektronischen Bestandteile repräsentiert wird, während in den Szenen an Land vornehmlich das Orchester dominiert. Gregson-Williams spendiert den Figuren auch einige Themen; Aquaman erhält eine der oben erwähnten Power-Hymnen, während Orm und Black Manta durch sehr eindeutig schurkische Motive voller dröhnender Blechbläser repräsentiert werden. Der Score weiß durchaus zu gefallen und besticht, ähnlich wie der Film, durch seine überdrehte Natur. Im Vergleich zu „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ behauptet er sich spielend, da er im Gegensatz zu diesen drei Scores schlicht den höchsten Unterhaltungsfaktor hat, er ist aber schwächer als die besser und detailreicher komponierten Soundtracks von „Wonder Woman“ und „Justice League“. Ein Element, das leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Platzierung diverser Songs, die abermals versucht, an den Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ anzuknüpfen, aber nur fehl am Platz wirkt. Das Hip-Hop-Cover von Totos Africa mit dem Titel Ocean to Ocean ist einfach nur bizarr.

Fazit: „Aquaman“ ist ein überaus unterhaltsamer und kurzweiliger Live-Action-Cartoon, der vor allem von der Spielfreude seines Hauptdarstellers lebt, aber an übermäßiger Exposition, einer zu langen Laufzeit und einer Story, die schon ein paar Mal zu oft erzählt wurde, leidet. Insgesamt haben wir hier einen großen, dummen, lauten und bunten Film, der genau weiß, was er ist und deshalb funktioniert.

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Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Spoilerificus Totalus!
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Ich möchte diese Rezension mit einem Zitat Lord Voldemorts beginnen: „They never learn. Such a pity.“ Leider passt dieses Zitat nur allzu gut. Nach einem soliden Start dieser Filmreihe um Newt Scamander mit „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ gelingt es der Fortsetzung mit dem kaum weniger sperrigen Titel „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ leider, in so ziemlich jedes Fettnäpfchen zu treten, das man sich bei einem derartigen Franchise-Film nur vorstellen kann. Man kann kaum über diesen Film sprechen, ohne zu spoilern, weshalb ich das auch gar nicht groß versuchen werde. Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei „The Amazing Spide-Man 2“, den Hobbit-Filmen oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“.

Handlung
Gellert Grindelwald (Johnny Depp) befindet sich bereits seit einiger Zeit in der Gefangenschaft des MACUSA und soll nun nach Europa überstellt werden, doch ihm gelingt die Flucht. Der finstere Zauberer macht sich auf nach Paris, um seine Anhänger um sich zu scharen. Nach wie vor ist er an Credence Barebone (Ezra Miller) interessiert, der die erste Begegnung mit Grindelwald nicht nur überlebt hat, sondern nun in Paris nach seinen Wurzeln sucht.

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Newt (Eddie Redmayne) und Theseus (Callum Turner), die Gebrüder Scamander

Derweil erhält Newt Scamander (Eddie Redmayne) einen Auftrag von Albus Dumbledore (Jude Law): Er soll sich ebenfalls nach Paris aufmachen, um Credence aufzuspüren. Newt hat derweil eigentlich andere Probleme, da sein Bruder Theseus (Callum Turner) seine alte Flamme Leta Lestrange (Zoë Kravitz) heiraten wird. Zwischendurch tauchen auch Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) auf; Erster hat sein Gedächtnis wieder, aber in der Beziehung der beiden kriselt es ziemlich, da Jacob Queenie nicht heiraten möchte, um sie nicht in Konflikt mit dem MACUSA zu bringen. Zudem erfährt Newt, dass Tina (Katherine Waterston) sich ebenfalls in Paris aufhält, um nach Credence zu suchen. Es kommt, wie es kommen muss: Die Fäden laufen zusammen, verheddern sich ordentlich und es folgt die Konfrontation mit Grindelwald, in dem sich die Fronten klären und jeder eine Seite wählen muss.

Verlorene Figuren
Wenn ich eine übergreifende Schwäche bei „Crimes of Grindelwald“ nennen müsste, dann wäre das wohl „Mangel an Motivation“, und zwar auf allen Ebenen. Der Vorgänger war zweifelsohne nicht frei von Schwächen, aber im Großen und Ganzen war klar, weshalb die Figuren tun, was sie tun.

Der Mangel an Motivation beginnt bereits bei der Wiedereinführung der Figuren des ersten Teils (wobei es hier sowohl den Figuren selbst als auch Rowling und Yates an Motivation fehlt). Wichtige Schritte in der Entwicklung der Figuren werden einfach übersprungen und in einem Halbsatz abgehandelt, wobei ganz nebenbei noch essentielle emotionale Elemente des ersten Films zerstört werden. Credence hat überlebt? Ja, man konnte in „Fantastic Beasts and Where to Find Them” sehen, dass sich ein Fetzen seines Obscurus-Wesens davon gemacht hat. Aber plötzlich ist er ohne Erklärung wieder völlig beieinander und kann seine Fähigkeiten offenbar weitaus besser kontrollieren als früher. Ähnlich verhält es sich mit Jacobs Gedächtnis. Es wirkt, als hätten Rowling und Yates schlicht keine Lust gehabt, sich mit diesen Elementen auseinanderzusetzen und sie deshalb einfach ignoriert, um zum gewünschten Ausgang zu gelangen.

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Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Tina Goldstein (Katherine Waterston)

Auch die Konflikte zwischen den Figuren sind bestenfalls halbherzig und meistens einfach nur schlecht geschrieben. Jacob und Queenie waren im ersten Film äußerst liebenswert, jetzt sind sie einfach nur flach. Queenies gesamter Handlungsstrang in diesem Film ist völlig unlogisch und einfach nur daneben: Weil die Gesellschaft es ihr verbietet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, verlässt sie diesen Mann, um sich dem Schwarzmagier anzuschließen, der Muggel gnadenlos zu unterdrücken gedenkt? Auch der Konflikt zwischen Tina und Newt funktioniert vielleicht in einer schlechten Soap, ist im Kontext dieses Films aber so fürchterlich erzwungen und gleichzeitig so banal, dass es schmerzt.

Mit den diversen neuen Figuren verhält es sich ähnlich. Sowohl der Konflikt zwischen Newt und Theseus als auch die Beziehung der beiden zu Leta Lestrange bleiben oberflächlich und undefiniert. Man merkt gerade eben so, dass Substanz hätte da sein können, hätte es nur die passende Motivation dazu von Rowling und Yates gegeben.

Insgesamt bleiben die Figuren, vor allem diejenigen, die neu eingeführt werden, fürchterlich blass und uninteressant. Gerade das ist vielleicht die größte Enttäuschung. Bei allem, was man den Harry-Potter-Romanen vielleicht vorwerfen kann, unmarkante Figuren gehören definitiv nicht dazu. Früher hatte Rowling stets ein Talent dafür, ihre magische Welt mit einprägsamen Charakteren zu bevölkern. Mitunter konnten die Filme sogar noch darauf aufbauen. Man erinnere sich nur an den von Peter Mullan gespielten Yaxley in „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“. Eine kleine Rolle, ein verhältnismäßig unwichtiger Todesser, aber er bleibt im Gedächtnis. Kein Vergleich zu Grindelwalds Entourage, die ebenso blass wie austauschbar ist.

Verworrene Handlungsstränge
Im „Fantastic Beasts and Where to Find Thema” konnte David Yates eine im Grunde relativ geradlinige Handlung umsetzen, deren größte Schwäche war, dass die beiden Stränge sich nicht so recht miteinander verknüpfen wollten. „The Crimes of Grindelwald“ hat dieses Problem in noch weit, weit größerem Ausmaß. Hier merkt man schmerzhaft, dass J.K. Rowling eben eine Roman- und keine Drehbuchautorin ist, denn die Handlungskonstruktion des Films mit seinen diversen Subplots ist die eines Romans. Insgesamt denke ich tatsächlich, dass „The Crimes of Grindelwald“ als Roman vielleicht nicht gut, aber doch weitaus besser funktioniert hätte als als Film.

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Nagini (Claudia Kim) und Credence Barebone (Ezra Miller)

Die Handlungsstränge, von denen es hier eine ganze Menge gibt, sind separiert und finden kaum zusammen. Alles ist mit Figuren, Konflikten und Beziehungen überfrachtet, diese bleiben aber ohne Tiefe, alles wird nur oberflächlich angerissen. Zudem sorgen der Schnitt und einige ziemlich merkwürdige Entscheidungen (etwa die Close-ups zu Beginn) dafür, dass man als Zuschauer auch nicht investiert ist. Es gibt durchaus gelungene Einzelszenen und Set-Pieces, aber der Kontext ist stets misslungen. Actionszenen wirken oft aufgesetzt, unlogisch, unnötig oder dramaturgisch daneben. Das beginnt bereits bei Grindelwalds Flucht direkt zu Beginn, bei der ich bis jetzt noch nicht herausfinden konnte, weshalb sie auf diese Weise überhaupt nötig war – was bezweckt Grindelwald damit? Auch die Sequenzen, in denen neue Tierwesen auftauchen, um von Newt gebändigt zu werden, sind hier seltsam fehl am Platz und erwecken den Eindruck, man versuche die Gegenstücke aus dem ersten Film zu rekonstruieren. Immer wieder pausiert die eigentliche Handlung auf plumpe Weise, die Action entwickelt sich nie logisch aus dem Geschehen.

Und wo wir gerade von der Handlung sprechen: Auch die Vermittlung dessen, was eigentlich passiert, lässt ziemlich zu wünschen übrig. Manche Szenen sind mit Exposition geradezu vollgestopft, während bei anderen überhaupt nur vage klar ist, was warum geschieht. Natürlich, wer mit Rowling und den HP-Romanen intim vertraut ist, hat meistens keine Probleme, sich alles zusammenzureimen, aber alle anderen dürfte das frustrieren und/oder langweilen. Eines der unschönsten Beispiele ist der gesamte Subplot um die Familiengeschichte der Lestranges und ihre Verknüpfung mit Credence. Hier werden aufwendig Familienverhältnisse erklärt, ohne dass es letztendlich irgendwelche Auswirkungen hat, da es nur eine falsche Fährte ist und letztendlich völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Dumbledore vs. Grindelwald
Trotz allem hat auch „The Crimes of Grindelwald“ die eine oder andere Stärke. Das in meinen Augen beste Element des Films ist fraglos Jude Law als junger Dumbledore. Er hat nicht viel Leinwandzeit, nutzt diese aber ausgezeichnet und mausert sich zum heimlichen Star dieses Films. Dabei spielt Law nicht spezifisch einen jungen Richard Harris oder Michael Gambon, sondern tatsächlich einen Dumbledore, der als jüngere Version beider Darsteller funktionieren könnte. Johnny Depp dagegen… die Zweifel, die ich schon seit „Fantastic Beasts and Where to Find Them” hatte, zeigen sich nun als gerechtfertigt. Johnny Depp ist als Schauspieler für meinen Geschmack zu markant und zu sehr mit anderen Rollen verknüpft, um in dieser wirklich funktionieren zu können. Jude Law kann ich problemlos als Dumbledore sehen, aber wenn Depp den Zauberstab schwingt, sehe ich Depp und nicht Grindelwald.

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Leta Lestrange (Zoë Kravitz) und Gellert Grindelwald (Johnny Depp)

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man Colin Farrell nicht nur Grindewalds Deckidentität, sondern auch den tatsächlichen Schwarzmagier hätte spielen lassen. Leider wird Grindelwald in dem nach ihm benannten Film zu allem Überfluss auch noch nicht allzu gut charakterisiert und erinnert in seiner großen Rede irgendwie an Magneto. Das Problem dabei ist, dass seine Agenda schlecht dargestellt wird. Da sind einerseits die Elemente, die er sich mit Voldemort teilt und mit denen er die alten Reinblüter auf seine Seite ziehen will, gleichzeitig hat er aber auch nichts gegen Muggel, sodass er mit derselben Rede auch Queenie von sich überzeugen kann. Und dann sieht er mit seinen seherischen Fähigkeiten auch gleich noch den Zweiten Weltkrieg voraus. Alles ein wenig viel auf einmal, und zudem schafft Depp es einfach nicht, die diversen Facetten glaubhaft zu verkörpern, sodass Gellert Grindelwald sich problemlos in die Riege an blassen und unmotivierten Figuren dieses Films einreiht.

Harry Potters Vermächtnis
Ein Aspekt, der mir an „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ ziemlich gut gefiel, war der Umstand, dass man die Verknüpfungen zum Franchise im Großen und Ganzen subtil hielt. Es war zweifelsohne dieselbe Welt, aber an einem anderen Ort und zu anderer Zeit. Anspielungen blieben zumeist unaufdringlich und Yates und Rowling gelang es, das New York der Zaubererschaft als eigenständigen Handlungsort zu etablieren. Leider war man wohl der Meinung, dass das alles zu subtil war; „The Crimes of Grindelwald“ erinnert da eher an die Hobbit-Filme – hier wird grob recycelt, um Nostalgie zu erwecken. Wo New York als Handlungsort eigenständig war, ist Paris kaum mehr als ein bloßer Abklatsch. Es gibt eine französische Winkelgasse und ein französisches Zaubereiministerium; beide wirken rechtschaffen profillos und bekannt.

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Albus Dumbledore (Jude Law)

Die Franchise-Probleme reichen aber noch weitaus tiefer. Das Verhältnis dieses Films zu seinem Franchise erinnert mich ein wenig an „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Die Handlung ist so konstruiert, dass man mindestens die HP-Filme und idealerweise die HP-Romane ziemlich gut kennen muss, um ihr vollständig folgen zu können. Gleichzeitig bricht dieser Film konstant die Regeln und packt einen Retcon nach dem anderen aus, der genau diejenigen, die der Film eigentlich ansprechen sollte, verärgert. Und das ist auch noch unnötig, weil das alles nicht zur eigentlichen Handlung beiträgt. Warum muss Professor McGongall bereits sieben Jahre vor ihrer Geburt in Hogwarts unterrichten? Ist es wirklich nötig, dass Dumbledore statt Verwandlung Verteidigung gegen die Dunklen Künste lehrt? Ja, die Szene mit dem Irrwicht deutet einen späteren Twist an (was an sich schon ein viel zu deutlicher Rückgriff auf „Der Gefangene von Askaban“ ist), aber wäre es nicht interessanter gewesen, einmal Galatea Merrythought zu zeigen, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet? Und dann ist da noch der Schlusstwist, der so gar keinen Sinn ergibt, zeitlich überhaupt nicht passt und, wenn Rowling noch halbwegs bei Sinnen ist, besser eine wilde Lüge von Grindelwald ist.

Fast genauso ärgerlich sind die unnötigen Gastauftritte. Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) wird nur für billige Gags gebraucht und Nagini (Claudia Kim) ist sogar Gastauftritt und Retcon in einem: Da verpasst Rowling Voldemorts Schlange eine menschliche Identität und einen komplizierten Fluch, um dann praktisch nichts mit ihr zu machen. Nagini ist ein reines Anhängsel für Credence, hat keinen Handlungsbogen, keine Motivation und auch keinen Grund, warum sie überhaupt im Film ist, außer um eventuell etwas für kommende Sequels vorzubereiten.

Ein weiteres Problem, das bereits im ersten Film in Ansätzen zu sehen war, ist die Potenz der Magie. In den Romanen waren die Regeln der Magie zugegebenermaßen auch nicht immer völlig konsistent, aber was in diesen beiden Filmen gezaubert wird, lässt selbst die Erwachsenen Harry-Potter-Figuren amateurhaft wirken. Schon der Wiederaufbau von New York im ersten Teil war zu viel des Guten, aber Grindelwalds blauer Feuerdämon ist endgültig over the top. Das ist Magie auf Warcraft-Level, die in diesem Universum fehl am Platz wirkt und zum hohlen Spektakel ausartet. Nebenbei: Warum ist die Zaubererwelt nach allem, was in diesem Film passiert ist, überhaupt noch geheim?

Fazit: „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald” ist leider ein Sequel, das weit hinter dem zwar nicht herausragenden, aber doch sehr soliden ersten Teil zurückbleibt. Unmotivierte Figuren tummeln sich in einer überfrachteten, schlecht konstruierten Story, die zu allem Überfluss den Kanon des „Potterverse“ (meinetwegen auch der „Wizarding World“) ernsthaft in Mitleidenschaft zieht. Ab in die Potter-Ecke der Schande zu „The Cursed Child“.

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