Aquaman – Ausführliche Rezension

Spoiler!
aqua1
Nehmen wir gleich zu Beginn die Spannung raus: „Aquaman“ ist nach „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film. Über die Qualität dieses Films sagt das an sich natürlich relativ wenig aus, da „Wonder Woman“ bislang der einzige Eintrag in diesem Shared Universe war, den man als gelungen bezeichnen kann. Insofern dürfte es nicht verwundern, dass auch „Aquaman“ einige massive Probleme hat, besonderes bezüglich der Erzählstruktur. Inzwischen ist es dann wohl schon so weit gekommen, dass man einen DC-Film als positiv wahrnimmt, wenn man unterhalten wird und nicht frustriert und enerviert aus dem Kino kommt. Wie dem auch sei, gleiche Vorgehensweise wie üblich, ab hier wird gespoilert.

Handlung
1985 rettet der Leuchtturmwächter Thomas Curry (Temura Morrison) der mysteriösen Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis im Exil, das Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und bekommen einen Sohn: Arthur (Jason Momoa). Dieser ist ein Sohn zweier Welten, halb Mensch und halb Atlanter, der sich in keiner der beiden Welten wirklich zurechtfindet. Auch nach seinem Abenteuer mit der Justice League, bei dem er die Erde erfolgreich verteidigt hat, ist es Arthur noch nicht gelungen, seinen Platz in der Welt zu finden. Derweil spitzt sich die Lage zu, denn Arthurs Halbbruder Orm (Patrick Wilson) will die Macht der Meereskönigreiche unter sich vereinen und die Welt der Landbewohner zerstören. Orms Verlobte Mera (Amber Heard) und sein Ratgeber Vulko (Willem Defoe) halten von dieser Absicht allerdings nicht allzu viel und bitten deshalb Arthur um Hilfe – als Atlannas Erstgeborener hat er ebenfalls Anspruch auf den Thron von Atlantis. Eine erste Konfrontation um den Thron mit Orm endet allerdings verheerend, weshalb sich Arthur und Mera auf die Suche nach dem Dreizack des Atlan (Graham McTavish), des mystischen Vorfahren von Arthur, begeben. Ihre Suche führt sie in die Sahara und nach Sizilien, wobei sie von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias Black Manta verfolgt werden, der von Orm angeheuert wurde, aber mit Arthur auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen hat…

Ist Aquaman scheiße?
Die Popkultur war in den letzten Jahrzehnten nicht allzu gnädig zu Aquaman. Die Figur existiert bereits seit 1941, wurde aber erst während des Silbernen Zeitalters unter Comicfans populär, als sie ihre eigene Serie bekam und Teil der Justice League wurde. Seinen unrühmlichen Ruf erhielt Arthur primär durch die Zeichentrickserie „Super Friends“, in welcher er, primär wegen seiner Fähigkeit, mit Fischen zu sprechen, als ziemlich inkompetent und nutzlos dargestellt wurde. Diese Interpretation der Figur wurde in anderen Medien nur allzu gerne aufgegriffen und noch weiter überzeichnet, sei es „Family Guy“, „The Big Bang Theory“ oder „Southpark“. Mein erster Eindruck von Aquaman war allerdings ein völliger anderer.

aqua4
Orm, der Ocean Master (Patrick Wilson)

Wie so viele DC-Helden wurde auch Aquaman in den 90ern drastisch verändert. Unter der Ägide von Autor Peter David verlor der König von Atlantis eine Hand, die der durch eine Harpune ersetzte, bekam lange Haare, einen Bart und tauschte das orange-grüne Outfit gegen eine schwarze Hose und eine Teilrüstung. Aquaman entwickelte sich zu einem stolzen, grimmigen und mitunter fast schon mürrischen Charakter. Leider habe ich Peter Davids Aquaman-Run bis heute nicht gelesen (er steht auf meiner Liste), aber diese Version der Figur tauchte auch in Grant Morrisons „JLA“ auf und so lernte ich sie kennen. Auch in der Zeichentrickserie „Justice League“ bzw. „Justice League Unlimited” orientierte man sich, im Unterschied zu seinem Gastauftritt in „Superman: The Animated Series“, an der Peter-David-Version, sogar der Verlust der Hand wurde im Verlauf der Serie integriert. Dieser Aquaman der 90er und frühen 2000er ist „mein“ Aquaman, weshalb sein popkultureller Status als nutzloser Held mir immer merkwürdig und ungerechtfertigt vorkam, da ich ihn als ziemlichen Bad-Ass kennen lernte.

Im Verlauf der 2000er kehrte man zwar wieder zum klassischen Kurzhaar-Look und dem orange-grünen Kostüm zurück, bemühte sich aber, viele Elemente der Peter-David-Charakterisierung beizubehalten. Der von Jason Momoa dargestellte Arthur hat charakterlich tatsächlich nicht so viel mit Peter Davids Version der Figur gemein, der haarig Look als gezielte Entfernung vom Saubermann mit den kurzen Haaren ist aber definitiv auf diese Version der Figur zurückzuführen. Ansonsten basiert der aktuelle Film primär auf Geoff Johns‘ New-52-Aquaman-Run.

Ausgelutschte Innovation

aqua3
Mera (Amber Heard)

Im Kontext des DCEU ist „Aquaman“ ein durchaus innovativer Film, der sich stark von den Anfängen und den Snyderismen distanziert. „Grimm and Gritty“ ist hier endgültig Geschichte, ebenso wie der ausgewaschene graublaue Look, der das DCEU in den frühen Filmen definierte, denn „Aquaman“ ist knallig bunt, selbstironisch und hat keinerlei Scheu, die extravaganteren Elemente der Comics zu integrieren. Das zeigt sich schon an den Kostümen: Wo man früher fast panische Angst davor hatte, die überdrehten bzw., in Ermangelung eines besseren Wortes, „comichaften“ Kostüme vorlagengetreu umzusetzen, macht Regisseur James Wan hier nun keine Kompromisse mehr: Orm, Black Manta, Mera – sie alle sehen so aus, als wären die Comiczeichnungen einfach lebendig geworden. Sogar Aquaman selbst tritt am Ende im orange-grünen Dress auf – und das nicht in einer gedeckten Form, wie es bei Superman in „Man of Steel“ der Fall war. Das ist freilich alles etwas kitschig, ein wenig trashig, gefällt mir aber ausnehmend gut, denn es kann im richtigen Kontext wunderbar funktionieren. Dieser Trend setzt sich auch bei der Namensnennung fort: Bisher wurde Wonder Woman beispielsweise in keinem der DCEU-Filme mit ihrem Superheldennamen angesprochen, und auch sonst war man diesbezüglich äußerst zurückhaltend. Nicht so hier: Aquaman wird auch so genannt (ich bin sicher, unter Zack Snyder hätte es das nicht gegeben) und sowohl Orm bzw. der Ocean Master als auch Black Manta bekennen sich stolz zu ihren Identitäten. „Aquaman“ ist ohnehin nur bedingt ein Superheldenfilm und lässt diverse genretypische Elemente aus oder baut sie nur am Rande ein. Dies ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Films, denn die Innovativität zeigt sich nur im Kontext des DCEU. Ansonsten kommt einem die Handlungsentwicklung sehr bekannt vor.

„Aquaman“ ist eine typische König-im Exil-Story, die auf diese Weise schon allzu oft erzählt wurde, sei es bei König Artus, Aragorn oder Thor, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch zur Handlung von „Black Panther“ gibt es mehr als nur ein paar Parallelen. Der zweite Akt, der sich primär mit der Jagd nach dem Dreizack beschäftigt, erinnert zudem an „Indiana Jones“. In seiner Action, den diversen Set-Pieces, der Gestaltung der Unterwasserwelt etc. ist „Aquaman“ wirklich ziemlich kreativ und weiß einiges an Schauwerten aufzufahren. Im Grunde handelt es sich um die Live-Action-Version eines ziemlich überdrehten Samstag-Vormittag-Cartoons, und das ist wirklich verdammt unterhaltsam. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass gerade der erste Akt mit Exposition überladen ist und zumindest mir die Versatzstücke der Handlung immer ein wenig zu bekannt vorkamen.

Figuren
Das Drehbuch ist nun wirklich nicht die größte Stärke des Films, die Figuren sind insgesamt bestenfalls funktional, tiefere Einblicke in ihre Persönlichkeit werden eher vermieden. Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine typische König-im Exil-Story, und dementsprechend verhält sich auch der Titelheld. Arthur ist eigentlich ein angenehmer Typ, der das Richtige tun und anderen helfen, dabei aber nicht unbedingt Verantwortung übernehmen will. Am Regieren eines Königreichs hat er freilich überhaupt kein Interesse. Auch Mera und Vulko bleiben als Figuren ziemlich konservativ und füllen primär ihre stereotypen Rollen aus. „Aquaman“ lebt zu einem großen Teil von Jason Momoas Charisma und Spielfreude sowie zwischen der Chemie von ihm und Amber Heard. Die Beziehung von Arthur und Mera ist dabei ziemlich ähnlich konzipiert wie die von Han und Leia: Die beiden kabbeln sich die ganze Zeit und denken, sie mögen sich nicht, bis sie sich dann eben doch mögen und schätzen lernen. Die romantische Kulisse Siziliens und die eine oder andere gegenseitige Lebensrettung tun ihr übriges.

aqua5
Black Manta (Yahya Abdul Mateen II)

Orm dürfte der bislang beste Schurke des DCEU sein, mit Ausnahme von General Zod vielleicht. Auch dieses Kompliment ist mit Vorsicht zu genießen, denn angesichts dessen, was in den anderen Filmen dieses Franchise bislang an der Antagonistenfront fabriziert wurde ist nun wirklich nicht rühmlich. Der Ocean Master ist keine CGI-Monstrosität, kein uninteressanter Twist-Schurke und auch nicht völlig daneben wie Jesse Eisenbergs Lex Luthor oder Jared Letos Joker. Orm ist ein funktionaler Schurke mit klarer Motivation, der zwar unterentwickelt bleibt, aber doch zumindest in Ansätzen nachvollziehbar ist. Ähnliches lässt sich auch über Black Manta sagen, wobei dieser größtenteils verschenkt wird zu offensichtlich eine Fortsetzung vorbereitet.

„Aquaman“ und das DCEU
Rein formal ist „Aquaman“ nach „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice”, „Suicide Squad“, „Wonder Woman“ und „Justice League“ der sechste Film des DC Extended Universe (das diesen Namen zwar nicht mehr offiziell trägt, aber trotzdem noch von allen so bezeichnet wird). Nachdem sich „Justice League“ jedoch als Flop erwies, beschloss man wohl, so gut wie jede Verbindung zum größeren DC-Universum zu kappen. Steppenwolf und der Kampf gegen ihn wird einmal in einem Halbsatz erwähnt, das war es dann aber auch schon. Wer auf den Gastauftritt eines Justice-League-Mitglieds hofft, wird enttäuscht, jedes Element des Films gehört ausschließlich zu Aquamans Sub-Kosmos des DC-Universums. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Ort, an dem sich der Dreizack befindet, wird im Film zwar nicht benannt, erinnert mit seinen Dinosauriern aber an Skatarsis, ein Fantasy-Setting innerhalb des DC-Universums, das sich meistens im inneren der hohlen Erde befindet. Dieses hat mit Aquaman nicht direkt etwas zu tun, da es bislang aber nicht als Teil des DCEU etabliert wurde, macht das eigentlich keinen Unterschied. Warner scheint derzeit einer „Pick-and-Choose-Politik“ zu folgen: Was funktioniert und gut ankommt (Wonder Woman insgesamt, Jason Momoa als Aquaman, Margot Robbie als Harley Quinn etc.) wird mitgenommen, der Rest wird nach Gutdünken ignoriert oder abgeändert. Wie üblich scheint Warner dabei ohne wirklichen Plan vorzugehen – nach wie vor ist nicht klar, ob man Henry Cavill und Ben Affleck noch einmal als Superman und Batman sehen wird, ob Matt Reeves „The Batman“ Teil des DCEU sein wird oder ob jemals wieder ein Superheldentreffen in diesem Kontext stattfindet.

Der Score
Nach „Wonder Woman“ darf Rupert Gregson-Williams nun schon zum zweiten Mal ein Justice-League-Mitglied vertonen, auf das Hans Zimmer anscheinend keinen Bock hat – interessanterweise wird Zimmer selbst die Musik für das Wonder-Woman-Sequel schreiben. Dieses Mal gibt kein vorgefertigtes Zimmer-Thema, das Gregson-Williams aus Kontinuitäts- und Marketinggründen hätte einbauen müssen. Freilich hat Danny Elfman ein Motiv für Aquaman in „Justice League“ komponiert, aber da dieser Score ohnehin einen schlechten Ruf hat (völlig zu Unrecht, wie ich noch einmal betonen möchte), dürfte es bei der Konzeption keine Rolle gespielt haben.

aqua2
Aquaman (Jason Momoa) im klassischen Outfit

Stattdessen fallen gewisse Parallelen zu „Thor: Ragnarök“ auf. Gregson-Williams kombiniert hier den Zimmer-Stil der 90er, der von großangelegten, melodisch eher simplen Power-Hymnen dominiert wurde, mit einigen Elementen des 2010er-Zimmer-Stils, die bereits in „Man of Steel“ oder „Mad Max: Fury Road“ zum Einsatz kamen, sowie Elektronik und Synth-Elemente, die, verstärkt von der Präsenz Dolph Lundgrens, einen deutlichen 80er-Vibe verströmen und an Mark Motherbaughs Thor-Score erinnern. Es ist vor allem die Unterwasserwelt in ihrer Fremdheit, die durch die synthetischen und elektronischen Bestandteile repräsentiert wird, während in den Szenen an Land vornehmlich das Orchester dominiert. Gregson-Williams spendiert den Figuren auch einige Themen; Aquaman erhält eine der oben erwähnten Power-Hymnen, während Orm und Black Manta durch sehr eindeutig schurkische Motive voller dröhnender Blechbläser repräsentiert werden. Der Score weiß durchaus zu gefallen und besticht, ähnlich wie der Film, durch seine überdrehte Natur. Im Vergleich zu „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ behauptet er sich spielend, da er im Gegensatz zu diesen drei Scores schlicht den höchsten Unterhaltungsfaktor hat, er ist aber schwächer als die besser und detailreicher komponierten Soundtracks von „Wonder Woman“ und „Justice League“. Ein Element, das leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Platzierung diverser Songs, die abermals versucht, an den Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ anzuknüpfen, aber nur fehl am Platz wirkt. Das Hip-Hop-Cover von Totos Africa mit dem Titel Ocean to Ocean ist einfach nur bizarr.

Fazit: „Aquaman“ ist ein überaus unterhaltsamer und kurzweiliger Live-Action-Cartoon, der vor allem von der Spielfreude seines Hauptdarstellers lebt, aber an übermäßiger Exposition, einer zu langen Laufzeit und einer Story, die schon ein paar Mal zu oft erzählt wurde, leidet. Insgesamt haben wir hier einen großen, dummen, lauten und bunten Film, der genau weiß, was er ist und deshalb funktioniert.

Trailer

Bildquelle

Advertisements

Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Spoilerificus Totalus!
grindelwald1
Ich möchte diese Rezension mit einem Zitat Lord Voldemorts beginnen: „They never learn. Such a pity.“ Leider passt dieses Zitat nur allzu gut. Nach einem soliden Start dieser Filmreihe um Newt Scamander mit „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ gelingt es der Fortsetzung mit dem kaum weniger sperrigen Titel „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ leider, in so ziemlich jedes Fettnäpfchen zu treten, das man sich bei einem derartigen Franchise-Film nur vorstellen kann. Man kann kaum über diesen Film sprechen, ohne zu spoilern, weshalb ich das auch gar nicht groß versuchen werde. Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei „The Amazing Spide-Man 2“, den Hobbit-Filmen oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“.

Handlung
Gellert Grindelwald (Johnny Depp) befindet sich bereits seit einiger Zeit in der Gefangenschaft des MACUSA und soll nun nach Europa überstellt werden, doch ihm gelingt die Flucht. Der finstere Zauberer macht sich auf nach Paris, um seine Anhänger um sich zu scharen. Nach wie vor ist er an Credence Barebone (Ezra Miller) interessiert, der die erste Begegnung mit Grindelwald nicht nur überlebt hat, sondern nun in Paris nach seinen Wurzeln sucht.

grindelwald2
Newt (Eddie Redmayne) und Theseus (Callum Turner), die Gebrüder Scamander

Derweil erhält Newt Scamander (Eddie Redmayne) einen Auftrag von Albus Dumbledore (Jude Law): Er soll sich ebenfalls nach Paris aufmachen, um Credence aufzuspüren. Newt hat derweil eigentlich andere Probleme, da sein Bruder Theseus (Callum Turner) seine alte Flamme Leta Lestrange (Zoë Kravitz) heiraten wird. Zwischendurch tauchen auch Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) auf; Erster hat sein Gedächtnis wieder, aber in der Beziehung der beiden kriselt es ziemlich, da Jacob Queenie nicht heiraten möchte, um sie nicht in Konflikt mit dem MACUSA zu bringen. Zudem erfährt Newt, dass Tina (Katherine Waterston) sich ebenfalls in Paris aufhält, um nach Credence zu suchen. Es kommt, wie es kommen muss: Die Fäden laufen zusammen, verheddern sich ordentlich und es folgt die Konfrontation mit Grindelwald, in dem sich die Fronten klären und jeder eine Seite wählen muss.

Verlorene Figuren
Wenn ich eine übergreifende Schwäche bei „Crimes of Grindelwald“ nennen müsste, dann wäre das wohl „Mangel an Motivation“, und zwar auf allen Ebenen. Der Vorgänger war zweifelsohne nicht frei von Schwächen, aber im Großen und Ganzen war klar, weshalb die Figuren tun, was sie tun.

Der Mangel an Motivation beginnt bereits bei der Wiedereinführung der Figuren des ersten Teils (wobei es hier sowohl den Figuren selbst als auch Rowling und Yates an Motivation fehlt). Wichtige Schritte in der Entwicklung der Figuren werden einfach übersprungen und in einem Halbsatz abgehandelt, wobei ganz nebenbei noch essentielle emotionale Elemente des ersten Films zerstört werden. Credence hat überlebt? Ja, man konnte in „Fantastic Beasts and Where to Find Them” sehen, dass sich ein Fetzen seines Obscurus-Wesens davon gemacht hat. Aber plötzlich ist er ohne Erklärung wieder völlig beieinander und kann seine Fähigkeiten offenbar weitaus besser kontrollieren als früher. Ähnlich verhält es sich mit Jacobs Gedächtnis. Es wirkt, als hätten Rowling und Yates schlicht keine Lust gehabt, sich mit diesen Elementen auseinanderzusetzen und sie deshalb einfach ignoriert, um zum gewünschten Ausgang zu gelangen.

grindelwald3
Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Tina Goldstein (Katherine Waterston)

Auch die Konflikte zwischen den Figuren sind bestenfalls halbherzig und meistens einfach nur schlecht geschrieben. Jacob und Queenie waren im ersten Film äußerst liebenswert, jetzt sind sie einfach nur flach. Queenies gesamter Handlungsstrang in diesem Film ist völlig unlogisch und einfach nur daneben: Weil die Gesellschaft es ihr verbietet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, verlässt sie diesen Mann, um sich dem Schwarzmagier anzuschließen, der Muggel gnadenlos zu unterdrücken gedenkt? Auch der Konflikt zwischen Tina und Newt funktioniert vielleicht in einer schlechten Soap, ist im Kontext dieses Films aber so fürchterlich erzwungen und gleichzeitig so banal, dass es schmerzt.

Mit den diversen neuen Figuren verhält es sich ähnlich. Sowohl der Konflikt zwischen Newt und Theseus als auch die Beziehung der beiden zu Leta Lestrange bleiben oberflächlich und undefiniert. Man merkt gerade eben so, dass Substanz hätte da sein können, hätte es nur die passende Motivation dazu von Rowling und Yates gegeben.

Insgesamt bleiben die Figuren, vor allem diejenigen, die neu eingeführt werden, fürchterlich blass und uninteressant. Gerade das ist vielleicht die größte Enttäuschung. Bei allem, was man den Harry-Potter-Romanen vielleicht vorwerfen kann, unmarkante Figuren gehören definitiv nicht dazu. Früher hatte Rowling stets ein Talent dafür, ihre magische Welt mit einprägsamen Charakteren zu bevölkern. Mitunter konnten die Filme sogar noch darauf aufbauen. Man erinnere sich nur an den von Peter Mullan gespielten Yaxley in „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“. Eine kleine Rolle, ein verhältnismäßig unwichtiger Todesser, aber er bleibt im Gedächtnis. Kein Vergleich zu Grindelwalds Entourage, die ebenso blass wie austauschbar ist.

Verworrene Handlungsstränge
Im „Fantastic Beasts and Where to Find Thema” konnte David Yates eine im Grunde relativ geradlinige Handlung umsetzen, deren größte Schwäche war, dass die beiden Stränge sich nicht so recht miteinander verknüpfen wollten. „The Crimes of Grindelwald“ hat dieses Problem in noch weit, weit größerem Ausmaß. Hier merkt man schmerzhaft, dass J.K. Rowling eben eine Roman- und keine Drehbuchautorin ist, denn die Handlungskonstruktion des Films mit seinen diversen Subplots ist die eines Romans. Insgesamt denke ich tatsächlich, dass „The Crimes of Grindelwald“ als Roman vielleicht nicht gut, aber doch weitaus besser funktioniert hätte als als Film.

grindelwald5
Nagini (Claudia Kim) und Credence Barebone (Ezra Miller)

Die Handlungsstränge, von denen es hier eine ganze Menge gibt, sind separiert und finden kaum zusammen. Alles ist mit Figuren, Konflikten und Beziehungen überfrachtet, diese bleiben aber ohne Tiefe, alles wird nur oberflächlich angerissen. Zudem sorgen der Schnitt und einige ziemlich merkwürdige Entscheidungen (etwa die Close-ups zu Beginn) dafür, dass man als Zuschauer auch nicht investiert ist. Es gibt durchaus gelungene Einzelszenen und Set-Pieces, aber der Kontext ist stets misslungen. Actionszenen wirken oft aufgesetzt, unlogisch, unnötig oder dramaturgisch daneben. Das beginnt bereits bei Grindelwalds Flucht direkt zu Beginn, bei der ich bis jetzt noch nicht herausfinden konnte, weshalb sie auf diese Weise überhaupt nötig war – was bezweckt Grindelwald damit? Auch die Sequenzen, in denen neue Tierwesen auftauchen, um von Newt gebändigt zu werden, sind hier seltsam fehl am Platz und erwecken den Eindruck, man versuche die Gegenstücke aus dem ersten Film zu rekonstruieren. Immer wieder pausiert die eigentliche Handlung auf plumpe Weise, die Action entwickelt sich nie logisch aus dem Geschehen.

Und wo wir gerade von der Handlung sprechen: Auch die Vermittlung dessen, was eigentlich passiert, lässt ziemlich zu wünschen übrig. Manche Szenen sind mit Exposition geradezu vollgestopft, während bei anderen überhaupt nur vage klar ist, was warum geschieht. Natürlich, wer mit Rowling und den HP-Romanen intim vertraut ist, hat meistens keine Probleme, sich alles zusammenzureimen, aber alle anderen dürfte das frustrieren und/oder langweilen. Eines der unschönsten Beispiele ist der gesamte Subplot um die Familiengeschichte der Lestranges und ihre Verknüpfung mit Credence. Hier werden aufwendig Familienverhältnisse erklärt, ohne dass es letztendlich irgendwelche Auswirkungen hat, da es nur eine falsche Fährte ist und letztendlich völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Dumbledore vs. Grindelwald
Trotz allem hat auch „The Crimes of Grindelwald“ die eine oder andere Stärke. Das in meinen Augen beste Element des Films ist fraglos Jude Law als junger Dumbledore. Er hat nicht viel Leinwandzeit, nutzt diese aber ausgezeichnet und mausert sich zum heimlichen Star dieses Films. Dabei spielt Law nicht spezifisch einen jungen Richard Harris oder Michael Gambon, sondern tatsächlich einen Dumbledore, der als jüngere Version beider Darsteller funktionieren könnte. Johnny Depp dagegen… die Zweifel, die ich schon seit „Fantastic Beasts and Where to Find Them” hatte, zeigen sich nun als gerechtfertigt. Johnny Depp ist als Schauspieler für meinen Geschmack zu markant und zu sehr mit anderen Rollen verknüpft, um in dieser wirklich funktionieren zu können. Jude Law kann ich problemlos als Dumbledore sehen, aber wenn Depp den Zauberstab schwingt, sehe ich Depp und nicht Grindelwald.

grindelwald6
Leta Lestrange (Zoë Kravitz) und Gellert Grindelwald (Johnny Depp)

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man Colin Farrell nicht nur Grindewalds Deckidentität, sondern auch den tatsächlichen Schwarzmagier hätte spielen lassen. Leider wird Grindelwald in dem nach ihm benannten Film zu allem Überfluss auch noch nicht allzu gut charakterisiert und erinnert in seiner großen Rede irgendwie an Magneto. Das Problem dabei ist, dass seine Agenda schlecht dargestellt wird. Da sind einerseits die Elemente, die er sich mit Voldemort teilt und mit denen er die alten Reinblüter auf seine Seite ziehen will, gleichzeitig hat er aber auch nichts gegen Muggel, sodass er mit derselben Rede auch Queenie von sich überzeugen kann. Und dann sieht er mit seinen seherischen Fähigkeiten auch gleich noch den Zweiten Weltkrieg voraus. Alles ein wenig viel auf einmal, und zudem schafft Depp es einfach nicht, die diversen Facetten glaubhaft zu verkörpern, sodass Gellert Grindelwald sich problemlos in die Riege an blassen und unmotivierten Figuren dieses Films einreiht.

Harry Potters Vermächtnis
Ein Aspekt, der mir an „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ ziemlich gut gefiel, war der Umstand, dass man die Verknüpfungen zum Franchise im Großen und Ganzen subtil hielt. Es war zweifelsohne dieselbe Welt, aber an einem anderen Ort und zu anderer Zeit. Anspielungen blieben zumeist unaufdringlich und Yates und Rowling gelang es, das New York der Zaubererschaft als eigenständigen Handlungsort zu etablieren. Leider war man wohl der Meinung, dass das alles zu subtil war; „The Crimes of Grindelwald“ erinnert da eher an die Hobbit-Filme – hier wird grob recycelt, um Nostalgie zu erwecken. Wo New York als Handlungsort eigenständig war, ist Paris kaum mehr als ein bloßer Abklatsch. Es gibt eine französische Winkelgasse und ein französisches Zaubereiministerium; beide wirken rechtschaffen profillos und bekannt.

grindelwald4
Albus Dumbledore (Jude Law)

Die Franchise-Probleme reichen aber noch weitaus tiefer. Das Verhältnis dieses Films zu seinem Franchise erinnert mich ein wenig an „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Die Handlung ist so konstruiert, dass man mindestens die HP-Filme und idealerweise die HP-Romane ziemlich gut kennen muss, um ihr vollständig folgen zu können. Gleichzeitig bricht dieser Film konstant die Regeln und packt einen Retcon nach dem anderen aus, der genau diejenigen, die der Film eigentlich ansprechen sollte, verärgert. Und das ist auch noch unnötig, weil das alles nicht zur eigentlichen Handlung beiträgt. Warum muss Professor McGongall bereits sieben Jahre vor ihrer Geburt in Hogwarts unterrichten? Ist es wirklich nötig, dass Dumbledore statt Verwandlung Verteidigung gegen die Dunklen Künste lehrt? Ja, die Szene mit dem Irrwicht deutet einen späteren Twist an (was an sich schon ein viel zu deutlicher Rückgriff auf „Der Gefangene von Askaban“ ist), aber wäre es nicht interessanter gewesen, einmal Galatea Merrythought zu zeigen, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet? Und dann ist da noch der Schlusstwist, der so gar keinen Sinn ergibt, zeitlich überhaupt nicht passt und, wenn Rowling noch halbwegs bei Sinnen ist, besser eine wilde Lüge von Grindelwald ist.

Fast genauso ärgerlich sind die unnötigen Gastauftritte. Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) wird nur für billige Gags gebraucht und Nagini (Claudia Kim) ist sogar Gastauftritt und Retcon in einem: Da verpasst Rowling Voldemorts Schlange eine menschliche Identität und einen komplizierten Fluch, um dann praktisch nichts mit ihr zu machen. Nagini ist ein reines Anhängsel für Credence, hat keinen Handlungsbogen, keine Motivation und auch keinen Grund, warum sie überhaupt im Film ist, außer um eventuell etwas für kommende Sequels vorzubereiten.

Ein weiteres Problem, das bereits im ersten Film in Ansätzen zu sehen war, ist die Potenz der Magie. In den Romanen waren die Regeln der Magie zugegebenermaßen auch nicht immer völlig konsistent, aber was in diesen beiden Filmen gezaubert wird, lässt selbst die Erwachsenen Harry-Potter-Figuren amateurhaft wirken. Schon der Wiederaufbau von New York im ersten Teil war zu viel des Guten, aber Grindelwalds blauer Feuerdämon ist endgültig over the top. Das ist Magie auf Warcraft-Level, die in diesem Universum fehl am Platz wirkt und zum hohlen Spektakel ausartet. Nebenbei: Warum ist die Zaubererwelt nach allem, was in diesem Film passiert ist, überhaupt noch geheim?

Fazit: „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald” ist leider ein Sequel, das weit hinter dem zwar nicht herausragenden, aber doch sehr soliden ersten Teil zurückbleibt. Unmotivierte Figuren tummeln sich in einer überfrachteten, schlecht konstruierten Story, die zu allem Überfluss den Kanon des „Potterverse“ (meinetwegen auch der „Wizarding World“) ernsthaft in Mitleidenschaft zieht. Ab in die Potter-Ecke der Schande zu „The Cursed Child“.

Trailer

Bildquelle

Lovecrafts Vermächtnis: The Thing

MV5BNDcyZmFjY2YtN2I1OC00MzU3LWIzZGEtZDA5N2VlNDJjYWI3L2ltYWdlXkEyXkFqcGdeQXVyNTAyODkwOQ@@._V1_SY1000_CR0,0,660,1000_AL_
Im Grunde ist John Carpenters „The Thing“ aus dem Jahr 1982 ein Vetter von Ridley Scotts „Alien“: Beide Filme gelten als Meilensteine des Sci-Fi-Horror-Genres und beide Filme gelten als die besten Lovecraft-Adaptionen, die nicht direkt auf Lovecraft basieren, aber viel mit „At the Mountains of Madness“ gemein haben. Auf „The Thing“ trifft dies sogar noch in größerem Maße zu, denn Handlungsort von Film und Novelle ist derselbe: Die Antarktis. Während bei Lovecraft ein Forscherteam der Miskatonic University am Südpol nicht nur Berge, die höher als der Everest sind, findet, sondern auch Spuren einer vormenschlichen Zivilisation, ist Carpenter ein wenig bescheidener. Die Forscher um R. J. MacReady (Kurt Russel) beobachten, wie zwei Norweger mit einem Helikopter versuchen, einen Hund zu töten. Einer der Norweger jagt sich mitsamt dem Hubschrauber selbst in die Luft, der andere wird von MacReady schließlich erschossen, um die Sicherheit zu gewährleisten, während der Hund mit in die Station darf. Die Forscher untersuchen auch die Station der Norweger und finden dort eine deformierte Leiche, die sie zur Untersuchung mitnehmen. Beides erweist sich als Fehler, denn sowohl Hund als auch Leichnam mutieren. MacReady und seine Kumpanen müssen feststellen, dass es sich um ein Alien handelt, dass viele Jahrtausende unter dem Eis gefangen war und in der Lage ist, andere Wesen sowohl zu imitieren als auch zu assimilieren.

Schon an dieser Handlungszusammenfassung zeigt sich: Im Grunde ist „The Thing“ eine heruntergebrochene Version von „At the Mountains of Madness“ – die gesamte mythologische Komponente, die bei „Alien“ zumindest noch ansatzweise vorhanden ist, fehlt hier völlig. Dennoch ist es dieselbe Furcht, die sowohl bei Lovecraft als auch bei Carpenter als Katalysator fungiert: Die Furcht vor dem Unbekannten, dem Unverständlichen und Unbeschreiblichen, die kosmischen Horror zumindest mit ausmacht. Das titelgebende „Ding“ ist für die Forscher fremdartig und unverständlich. Ebenso wie die Großen Alten besitzt es das Potential, die Welt auf seine Weise zu zerstören. Mehr noch, zwar kann man das Ding sehen und wahrnehmen, aber seine wahre Gestalt, so es denn überhaupt eine besitzt, zeigt es nie. Ähnlich wie Yog-Sothoth oder Nyarlathotep ist sein Äußeres im konstanten Wandel. Und natürlich erinnert es ein wenig an die als „formlos“ beschriebenen Shoggothen. Übermäßige Splatter-Effekte sind natürlich weniger in Lovecrafts Werken vertreten, passen aber hier, da sie im Dienst der Geschichte stehen und nicht zum Selbstzweck verkommen. Unabhängig davon sind die praktischen Effekte, die hier bei den Metamorphosen des Dings zum Einsatz kommen, nach wie vor äußerst beeindruckend.

Insgesamt ist „The Thing“ ein fast schon nihilistischer Film, der ebenso wenig ein Happy-End zulässt wie die meisten Lovecraft-Geschichten. Auch in der Reaktion der menschlichen Protagonisten findet sich der Schriftsteller aus Providence wieder. Wie Lovecrafts Figuren wachsen und lernen MacReady und Co. nicht. Stattdessen nähern sie sich im Angesicht des Schreckens dem Wahnsinn an. Schon zu Beginn des Films zeigt MacReady einen gewissen Kontrollzwang, der im Verlauf des Films noch stärker wird und schließlich dazu führt, dass er einen unschuldigen, nicht infizierten Kollegen erschießt. Und noch ein weiteres kleines Details hat „The Thing“ mit den meisten Lovecraft-Geschichten gemein: Frauen spielen keine Rolle.

Inwiefern „The Thing“ tatsächlich direkt von Lovecraft beeinflusst wurde, ist jedoch diskutabel. Einerseits gehört „The Thing“ zu einer inoffiziellen Trilogie apokalyptischer Carpenter-Filme, deren spätere Teile deutliche von Lovecraft beeinflusst wurden (der Titel „In the Mouth of Madness“ ist ein sehr eindeutiger Hinweis), andererseits basiert der Film auf der Novelle „Who Goes There?“. Ich habe dieses Werk des amerikanischen Sci-Fi-Autoren John W. Campbell jr. zwar bisher nicht gelesen, aber es handelt sich wohl um eine relativ vorlagengetreue Adaption. Man sollte allerdings auch beachten, dass „Who Goes There?“ nur zwei Jahre nach „At the Mountains of Madness“ erschien…

Fazit: Trotz des Mangels an „mythologischem Grandeur“ ist „The Thing“ definitiv einer der besten kosmischen Horror-Filme und fängt die Atmosphäre einer Lovecraft-Geschichte weitaus besser ein als die meisten direkten Adaptionen, speziell wenn sie von Stuart Gordon kommen.

Trailer

Bildquelle

Grundlagen der Filmmusik

Im Grunde kommt dieser Artikel um viele Jahre zu spät, da ich ja bereits seit Langem über Filmmusik schreibe und dabei auch munter mit Fachbegriffen um mich werfe, meistens ohne Erläuterung. Nun denn, in diesem Artikel sollen einige grundlegende Aspekte der Filmmusik besprochen werden, die man kennen sollte, wenn man sich mit diesem speziellen Sujet auseinandersetzen will. Dabei geht es mir nicht um tatsächliche musiktheoretische Inhalte, sondern um Aspekte, die mit Musik als dramatischem Medium, das eine Geschichte erzählt, zusammenhängen.

Diegese
Der Begriff „Diegese“ stammt aus der Erzähltheorie, geht ursprünglich auf Aristoteles zurück und wurde vor allem vom französischen Literaturwissenschaftler Gérard Genette geprägt – wer wie ich Germanistik oder ein anderes Fach mit literaturwissenschaftlichem Bestandteil studiert hat, dürfte mit ihm nur allzu vertraut sein. Kurz und knapp bezeichnet „Diegese“ alles, was Teil der Erzählten Welt eines Werkes ist, im modernen Jargon spricht man von „in-Universe“. Diesem Grundsatz folgend gibt es in Filmen erst einmal zwei Arten von Musik: diegetische und non- oder extradiegetische. Erstere ist Musik, die Teil der erzählten Welt eines Films ist und somit von den Figuren wahrgenommen wird: Wenn im Film ein Radio läuft, jemand Gitarre spielt, eine Oper oder ein Konzert besucht, dann handelt es sich um diegetische Musik. Musik, die keinen Ursprung in der Erzählten Welt des Films hat und ausschließlich vom Zuschauer wahrgenommen werden kann, ist es extradiegetische Musik. Film-Scores sind somit fast ausschließlich extradiegetisch. Meistens lässt sich Filmmusik relativ klar der einen oder anderen Kategorie zuordnen, es gibt allerdings auch Mischformen und manche Regisseure und Komponisten spielen gerne mit der Diegese.

Ein Sonderfall sind zum Beispiel Lieder in Musicals. Es gibt Filmmusicals, bei denen die Songs tatsächlich vollständig Teil der Erzählten Welt sind: Wenn die Blues Brothers einen Auftritt absolvieren, ist das Lied, das sie singen, diegetischer Natur. Bei den meisten Musicals ist der Fall aber weniger eindeutig, da die Figuren zwar sichtbar singen, die Musik selbst aber keine ersichtliche Quelle hat oder sogar schlicht unlogisch ist: Woher sollte in „Der Prinz von Ägypten“ in der Antike ein Sinfonie-Orchester kommen, das die Musik zu den Liedern der Figuren spielt? Natürlich ist das eine Frage, die sich niemand stellt, der mit dem Musical als Genre vertraut ist. Dennoch finde ich diese Frage im Kontext der Diegese interessant. Am besten fährt man wohl mit dem Begriff „halbdiegetisch“, weil es keine abschließende Antwort gibt – Musicals (und natürlich auch Opernverfilmungen) sind schlicht ein Sonderfall, an den man andere Maßstäbe anlegen sollte. Es existieren jedoch einige interessante Spielarten. In „Chicago“ sind alle Lieder beispielsweise als Bühnennummern inszeniert, die sich deutlich von der eigentlichen Erzählten Welt des Filmes unterscheiden und somit als Imaginationen einer Figur gekennzeichnet werden.

Auch abseits von Musicals finden sich interessante Mischformen von diegetischer und extradiegetischer Musik. Beliebt sind zum Beispiel Lieder oder Stücke, die einmal diegetisch auftauchen und fortan als extradiegetisches Leitmotiv gebraucht werden, etwa Davy Jones‘ Orgelspiel in „Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest“, Hoist the Colours im Sequel oder Misty Mountains in „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“. Noch trickreicher kann ein Musikstück sein, das seine Natur wechselt, während es gespielt wird. Das passiert relativ oft, wenn etwa ein Lied als diegetisches Stück beginnt, dann aber ein Szenenwechsel stattfindet, während es noch läuft und es somit automatisch extradiegetisch ist. In seltenen Fällen passiert das auch mit einem Score-Stück.

Mein liebstes Beispiel ist eine Szene aus „From Hell“, in der Jack the Ripper ein blutiges Steak isst und sich dann auf seinen nächtlichen Einsatz vorbereitet. Dazu spielt ein Grammophon ein unheimliches, diegetisches Musikstück, das im Verlauf der Szene extradiegetisch wird – Chor und Orchester kommen hinzu, während sich der Ripper in einer Montage einkleidet. Am Ende kehrt das Stück zu seinen diegetischen Wurzeln zurück – dies ist allerdings nur im Film selbst der Fall, die auf dem Soundtrack-Album veröffentliche Version dieses Stücks mit dem Namen The Compass and the Ruler ist eine Alternativversion.

Filme oder Serien mit Meta-Elementen spielen natürlich gerne mit der Diegese. Bislang ist es zwar noch nicht vorgekommen, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass Deadpool in einem zukünftigen Film einen Kommentar zu seinem Thema ablässt oder sich der extradiegetischen Musik bewusst ist. In „Justice League Unlimited“ gibt es eine kurze Szene, die in diese Richtung geht: Green Arrow stürzt sich in die Schlacht und singt dabei sein Thema, das zeitgleich gespielt wird.

Techniken
Generell ist in der Filmmusik die Rede von drei Techniken, wobei diese vor allem im deutschsprachigen Diskurs klar unterschieden werden, während es im englischsprachigen Raum die klare Einteilung nicht gibt – durchaus zurecht, denn die Übergänge sind oftmals fließend und zudem lassen sich Scores und Score-Stücke nur selten einer Kategorie zuteilen.

Als erstes hätte wir Underscoring: Die Musik spiegelt direkt wieder, was auf der Leinwand geschieht und agiert auf aktive Handlungen. In der Extremform spricht man von „Mickey-Mousing“, angelehnt an frühe Cartoons, in denen Musik und Bild völlig synchron sind bzw. die Musik die Soundeffekte ergänzt: Streicher imitieren den Wind, eine schleichende Figur wird durch Percussion dargestellt etc. Das Schulbuchbeispiel zum Mickey-Mousing ist „Skeleton Dance“, ein Disney-Cartoon aus dem Jahr 1929, der sehr anschaulich zeigt, wie Mickey-Mousing funktioniert und wie Bild und Musik eine Einheit bilden. Eine interessante Umkehrung stammt ebenfalls von Disney: In „Phantasia“ wurde zu bereits existierenden Musikstücken animiert, sodass Bild und Musik ebenfalls sehr stark aufeinander abgestimmt sind.

Insgesamt werden Underscoring und Mickey-Mousing vor allem im Kontext von Comedy oder Action verwendet. Ein sehr schönes Beispiel für ziemlich genaues Underscoring, das einerseits nicht in Mickey-Mousing ausartet, aber dennoch sehr genau auf das Leinwandgeschehen eingeht, findet sich in der großen Action-Szene in „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Man achte darauf, wie Nicholas Hooper die Zauberduelle, das Eintreffen der Ordensmitglieder und das wilde Chaos der Schlacht durch frenetische Streicherfiguren darstellt. Wer ansonsten nach guten Beispiel sucht, macht mit John Williams selten etwas falsch.

Die sog. Mood-Technik (dieser Begriff ist im englischen Diskurs unbekannt) beschäftigt sich mit allem, was nicht direkt auf der Leinwand zu sehen ist: Sie etabliert Atmosphäre oder versucht musikalisch darzustellen, was im Inneren der Figuren vorgeht. Ein sehr schönes Beispiel für die Verwendung dieser Technik findet sich etwa in „Gladiator“: Die stark an Richard Wagner angelehnte Musik verdeutlicht die Pracht und Erhabenheit Roms. Gerade zur Etablierung eines Handlungsortes wird die Mood-Technik nur allzu gerne verwendet, gerne unter Zuhilfenahme typischer Elemente: ein Akkordeon für Paris, ein religiöser Choral für eine Kirche, eine Sithar für Indien etc. Es finden sich sogar Scores, die sich fast ausschließlich auf die Mood-Technik verlassen – man spricht dabei von einem „Ambient Score“. Die amerikanische Version von „Verblendung“ ist hierfür ein Beispiel, die Musik interagiert so gut wie überhaupt nicht mit dem Geschehen auf der Leinwand (unter anderem auch, weil sie nicht spezifisch für die Szenen geschrieben wurde, in denen sie eingesetzt wird) – ihr einzige Aufgabe ist es, für Atmosphäre zu sorgen.

Schließlich und endlich hätten wir noch die Leitmotivtechnik, die bekanntermaßen auf Richard Wagner zurückgeht (der zwar nicht als erster auf die Idee kam, aber diese Idee als erster in gewaltigem Umfang nutzte): Figuren, Orte, Gegenstände, Nationen oder andere Handlungselemente werden durch eine musikalische Phrase bzw. Melodie repräsentiert. Dieses Thema wird abhängig von Situation und Handlungsverlauf entsprechend variiert. Entwickelt oder mit anderen Themen kombiniert. Gerade an Leitmotiven zeigt sich, dass die strikte Trennung in drei Techniken bei der Analyse von Filmmusik mitunter sogar eher hinderlich denn hilfreich sein kann, denn es gibt nur allzu oft Überschneidungen: Die Variation eines Themas kann genauso dazu dienen, Emotionen darzustellen, Atmosphäre zu erzeugen oder das Geschehen auf der Leinwand darzustellen.

Watchmen: Von Alan Moore über Zack Snyder bis zu HBO

373px-Watchmen-cover.svg
„Watchmen“, verfasst von Alan Moore und gezeichnet von Dave Gibbons, gilt als einer der besten Comics überhaupt. Nicht nur wird „Watchmen“, als einer der Gründe für das Erwachsenwerden des Comics bzw. der Etablierung der Graphic Novel angesehen, das Werk ist auch der einzige Comic auf der Liste der 100 besten Romane seit 1923 des Time-Magazine, wo seine Qualitäten wie folgt beschrieben werden: „Told with ruthless psychological realism, in fugal, overlapping plotlines and gorgeous, cinematic panels rich with repeating motifs, Watchmen is a heart-pounding, heartbreaking read and a watershed in the evolution of a young medium.“ (Quelle: http://entertainment.time.com/2005/10/16/all-time-100-novels/slide/watchmen-1986-by-alan-moore-dave-gibbons/)

In der Tat verfügt „Watchmen“ nicht nur über die oben aufgezählten Qualitäten und sorgte für die Evolution des Mediums, Moore nutzte „Watchmen“ auch gleichzeitig, um, neben vielen anderen Themen wie Macht, Religion, Moral, Psychologie und Politik, die Entwicklung des amerikanischen Comics zu kommentieren. Vor allem steht, was angesichts der Thematik des Werkes kaum verwundert, die Geschichte des Superheldencomics dabei im Fokus. Dies zeigt sich anhand von subtilen Verweisen, Handlungssträngen, der Figurenkonstruktion, aber auch des grundsätzlichen Plots und des Handlungsverlaufs. Insgesamt gehört „Watchmen“ zu den Werken, die genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen und die Zeit ihres Erscheinens genau widerspiegeln. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Graphic Novel so ein revolutionäres, bleibendes Werk wurde, während Zack Snyders Verfilmung weit weniger erfolgreich war und kaum Auswirkungen hatte.

„Watchmen“ als Spiegel der Comicgeschichte
Eine der grundlegenden Prämissen des Werkes ist, zu zeigen, wie es wäre, wenn Superhelden tatsächlich in einer realistischen Welt existieren, wie sich ihre Gegenwart auswirken würde und welche Menschen sich dazu entschließen würden, Kostüme überzustreifen, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.  Dies steht im Gegensatz zu den Superheldenuniversen von DC oder Marvel, in denen die Anwesenheit von Superhelden die Menschheitsgeschichte nicht wirklich verändert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Universen der beiden Comicgiganten funktionieren nach dem Status-Quo-Prinzip, im Kleinen wie im Großen: Bane kann Batmans Rückgrat brechen, der Dunkle Ritter kann temporär sterben oder aus anderen Gründen kurzfristig ersetzt werden, irgendwann wird Bruce Wayne wieder das Fledermauskostüm überstreifen. Ähnlich verhält es sich mit dem globalen Status Quo: Egal wie viele Alien-Invasionen oder interdimensionale Angriffe vorkommen, diese Ereignisse haben nie den Einfluss, den sie tatsächlich haben müssten; trotz all dem entwickelt sich auch die Welt, wie sie das DC- und Marvel-Universum zeigen, parallel zu unserer, da der Leser erwartet, auch seinen Alltag wiederzufinden.

Moore hätte mehrere Herangehensweisen wählen können, entschied sich aber schließlich dazu, dass die Handlung, bzw. die Hintergründe der Figuren die Geschichte der amerikanischen Superhelden wiederspiegeln sollten. Diese Hintergründe werden entweder im Rahmen zahlreicher Rückblicke oder in Form von Zusatztexten am Ende der Einzelhefte erzählt. Bei diesen handelt es sich um fiktive Sachtexte aus der erzählten Welt von „Watchmen“, etwa um Kapitel der Autobiographie von Hollis Mason, der als Nite Owl zur ersten Generation der Superhelden gehört und, gerade weil der Leser durch seine Autobiographie sehr viel über ihn, sein Leben und seine Ansichten erfährt, einer der Hauptrepräsentanten besagter erster Generation ist. In seiner Autobiographie erwähnt Hollis Mason einige spezifische Inspirationen – frühe Pulp-Figuren bzw. Superheldenvorläufer wie Doc Savage und The Shadow, aber vor allem Superman. Superman löste also nicht nur die Flut an Comichelden in unserer Welt aus, sondern inspirierte auch die kostümierten Verbrechensbekämpfer in der Welt von „Watchmen“.  Darüber hinaus ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Hollis Mason seine Superheldenidentität 1939 annimmt, genau das Jahr, in dem Batman seinen ersten Auftritt absolvierte – zwischen beiden Figuren gibt es einige starke Parallelen, nicht zuletzt die Benennung nach einem nachtaktiven Tier. Tatsächlich basieren viele der Figuren von „Watchmen“ lose auf Charakteren, die DC von einem anderen Verlag, Charlton Comics, erworben hatte und die Moore ursprünglich für „Watchmen“ verwenden wollte, bevor DC dies verhinderte. Allerdings finden sich in den Watchmen-Figuren viele Elemente und Stereotype aller möglicher Superhelden.

Die in Rückblicken geschilderte Bildung des Superheldenteams „Minutemen“ in den 40ern, bei dem alle bedeutenden Helden mitwirken, spiegelt nicht zufällig die Justice Society of America wider. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwinden die Minutemen allerdings in der Versenkung, sowohl in der Realität (nicht zuletzt Dank Frederic Wertham und „Seduction of the Innocent“) als auch in der Welt von „Watchmen“ sind die 50er somit eine superheldenfreie Dekade.

Dr. Manhattans Entstehung 1959, die eine Rückkehr der kostümierten Vigilanten begünstigt, fällt ziemlich genau mit der Superheldenrenaissance Anfang der 60er zusammen. Die versuchte und gescheiterte Bildung der „Crime Busters“ mit einer neuen Heldengeneration erinnert dann wieder an die Formierung der Justice League oder der Avengers; wie bei Ersterer finden sich auch bei den Crime Busters Helden wieder, die ein Vermächtnis fortsetzen (Green Lantern und Flash bei der Justice League, Nite Owl und Silk Spectre bei den Crime Busters); und wie bei Letzteren gibt es eine Figur, die bereits während des goldenen Zeitalters aktiv war (der Comedian und Captain America). Diese Parallelen sind allesamt auf den ersten Blick nicht allzu offensichtlich und dazu ziemlich subtil, aber unzweifelhaft vorhanden. Der Unterschied zwischen „Watchmen“ und den entsprechenden zeitgenössischen Comics ist, dass die Superhelden in Watchmen durchweg vom Scheitern und ihren Komplexen gezeichnet sind. Sie sind als Figuren vielschichtiger und lassen sich, anders als die Helden und Schurken von DC und Marvel, weniger eindeutig als gut oder böse klassifizieren.

Beide Superheldenteams werden von Moore nicht gerade zimperlich behandelt, die Minutemen sind im Grunde nur eine Fassade und zerbrechen letztendlich u.a. daran, dass der Comedian versucht, Silk Spectre zu vergewaltigen. Die Bildung der Crime Busters gelingt gar nicht erst, die zweite Generation der Superhelden findet nie zu einem Team zusammen. Der Keene-Act, der die Superhelden schließlich verbietet, kann getrost als weitere Anspielung auf den Comic Code gesehen werden, auch wenn er über 20 Jahre später umgesetzt wird. Dieses Element wurde immer wieder aufgegriffen, am deutlichsten in Pixars „The Incredibles“, in welchem ein ähnlicher Regierungserlass dem Superheldentum ein Ende setzt.

Das Auftauchen „realer“ Superhelden in der Welt von „Watchmen“ hat dann wiederum auch Auswirkungen auf die Comicgeschichte besagter Welt. In der Graphic Novel existiert eine Binnenhandlung; immer wieder taucht im Verlauf ein Junge auf, der einen Piratencomic namens „Tales of the Black Freighter“ liest, dessen Handlung die Handlung von „Watchmen“ widerspiegelt und kommentiert. Primär betrifft dies vor allem Ozymandias/Adrian Veidt und dessen Handlungen, allerdings nutzt Moore die Hintergründe dieses Piratencomics auch, um die amerikanische Comicgeschichte zu kommentieren. In der Realität sind Superheldencomics das dominante Genre, in einer Welt, in der Superhelden allerdings wirklich existieren, ist dies anders, da sie nicht mehr zum Eskapismus taugen.

Statt der Superhelden dominieren in „Watchmen“ Piraten den Comicmarkt. In der fünften Ausgabe von „Watchmen“ findet sich ein Artikel über die Hintergründe der fiktiven Serie und der alternativen Comicgeschichte. Da Superhelden nicht gefragt sind, wird E.C., Heimat solcher Serien wie „Tales from the Crypt“ in den 1950er Jahren zum dominanten Herausgeber. Auch auf Werthams „Sedution of the Innocent“ wird angespielt. Statt des neuen Flash und der Justice League startet DC eine Comic-Renaissance mit einer eigenen Piratenserie, besagten „Tales of the Black Freighter“.

„Watchmen“ ist letztendlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Superheldenthematik auf allen Ebenen. Die oben erläuterten Verweise fungieren nicht nur als clevere Ausschmückung der erzählten Welt des Comics, sondern funktionieren zugleich als Kommentar zur Comicgeschichte der USA. Durch das Scheitern seiner Figuren dekonstruiert Moore die idealisierten Vorstellungen und die mitunter vorhandene heile-Welt-Wahrnehmung des Goldenen und Silbernen Zeitalters und zeigt gleichzeitig, wie sich eine alternative Comicgeschichte der USA ohne die Superhelden als dominantes Genre hätte entwickeln können. Dennoch verurteilt Moore weder die Geschichte des Mediums, noch das Superheldengenre, sondern verweist letztendlich in dessen Zukunft. Mit dem, was auf „Watchmen“ folgte, war er dann allerdings alles andere als zufrieden. Anstatt tiefgründiger und besser konstruierte Geschichten zu schreiben, beschränkten sich viele Comicschaffende in den späten 80ern und frühen 90ern darauf, lediglich oberflächliche Elemente von Moores und Gibbons‘ Meisterwerk zu übernehmen: Ebenso grimmige wie gnadenlose Antihelden wurden modern, die zwar einiges mit dem Comedian und Rorschach gemein haben, aber selten auch nur ansatzweise derart gut konstruierte Charaktere sind. Die grimmige Brutalität wurde zum Selbstzweck und ihrer Aussage beraubt.

Zack Snyders Filmadaption

Bereits in den 80ern wurde eine Filmadaption von „Watchmen“ in Erwägung gezogen, es sollte dann aber doch bis zum Jahr 2009 dauern, bis Moores Meisterwerk eine Filmadaption erhielt. Diverse Drehbücher, u.a. von Sam Hamm (Autor von Tim Burtons „Batman“) oder Terry Gilliam wurden verworfen, Gilliam selbst sollte Regie führen, erklärte aber schließlich, die Graphic Novel sei nicht verfilmbar. Nachdem er „300“ zum Erfolg gemacht hatte, trat Warner Bros. Mitte der 2000er an Zack Snyder heran, der darauf bestand, sowohl das 80er-Jahre-Setting als auch den Härtegrad der Vorlage beizubehalten.

Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche von Snyders Film ist die Vorlagentreue. Mit einigen wenigen Ausnahmen hält sich der Film fast sklavisch an die Graphic Novel, wie bei „Sin City“ wurden die Panels zum Teil als Storyboard verwendet. Man merkt Snyders große Liebe zur Vorlage und seinen Willen, ihr gerecht zu werden, deutlich an. Diese Nähe zur Vorlage ist zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich mag die Filmadaption von „Watchmen“, in meinen Augen ist sie Snyders mit Abstand bester Film. Der gute Mann versteht es als Regisseur durchaus, eindrückliche, bleibende und kreative Bilder zu erzeugen. Erzählerische Substanz dagegen ist etwas, das nicht gerade zu seinen Stärken gehört – aber gerade weil „Watchmen“ sich so eng an die Vorlage hält, ist besagte Substanz natürlich gegeben, auch wenn der Film trotzdem einige Probleme bei der Umsetzung der Geschichte hat. Zugleich raubt Snyder der Adaption so aber die Möglichkeit, ein ähnlich markantes Werk wie die Graphic Novel zu werden. Bei der Vorlage handelt es sich um Dekonstruktion und Kommentar zum Superheldengenre – durch die Vorlagentreue bleibt der Film aber letztendlich auf demselben Level wie die Vorlage und ignoriert die letzten zwanzig Jahre Comic- und Filmgeschichte. Was 1986 neu und revolutionär war, ist 2009 nun einmal nicht mehr wirklich bahnbrechend, zumindest für Comicfans. Ein paar Verweise an die weitere Entwicklung des Superheldengenres im Film finden sich bei Snyder schon, aber es bleibt zumeist bei subtilen Anspielungen. Die Kostüme der Figuren etwa folgen den aktuellen Trends und Snyder kann es auch nicht lassen, auf die Bat-Nippel in Joel Schumachers Filmen anzuspielen, in dem er Ozymandias ebenfalls Nippel verpasst. Aber das sind, wie gesagt, subtile Anspielungen.

Andererseits versuchte Snyder ja mit seinen anderen DC-Filmen, primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ das Superheldengenre auf eigene Faust zu dekonstruieren – mit, gelinde gesagt, ernüchterndem Ergebnis. Insofern ist die Filmversion von „Watchmen“ wahrscheinlich der best-mögliche Ausgang.

Gegenwart und Zukunft
Obwohl Snyders „Watchmen“ nur mäßig erfolgreich war, brachte der Film Moores Meisterwerk neue Popularität und sorgte dafür, dass DC Comics, gegen Moores ausdrücklichen Willen, neue Watchmen-Publikationen herausbrachte. Vor allem zu erwähnen ist hier „Before Watchmen“, eine Reihe von Miniserien, die die Hintergrundgeschichte der diversen Figuren des Originals aufgreifen. Einerseits sind diese Miniserien relativ unnötig bis überflüssig, andererseits ist aber durchaus einiges an Talent beteiligt, etwa Darwyn Cooke, J.G. Jones, Brian Azzarello oder Lee Bermejo, die zumindest einige dieser Miniserien äußerst lesenswert machen, allen voran „Before Watchmen: Minutemen“ und „Before Watchmen: Rorschach“. Das erwies sich allerdings erst als der Anfang, denn im Rahmen des DC-Rebirth-Events wurden die Figuren und Welt von „Watchmen“ auch offiziell ins DC-Universum eingeführt, spezifisch in der zwölfteiligen Serie „Doomsday Clock“, die ich allerdings noch nicht gelesen habe.

Allgemein interessanter dürfte allerdings der Umstand sein, dass HBO nun eine „Watchmen“-Serie plant. Allem Anschein nach versucht HBO mit dieser Serie genau das zu bewerkstelligen, was Zack Snyder mit seiner Verfilmung versäumte. Weder soll es sich bei dieser Serie um eine Neuerzählung der Geschichte der Graphic Novel handeln, noch um eine tatsächliche Fortsetzung; stattdessen soll die Serie primär in der Welt von „Watchmen“ spielen und dabei ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Konzept bietet sich natürlich optimal für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Superheldengenre quer durch alle Medien an. Gerade der Superheldenfilm hat sich in den zehn Jahren seit Snyders Adaption gewandelt: 2009 war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen „The Dark Knight“ auf das Genre haben und wie erfolgreich das MCU, dessen Anfänge im Jahr 2008 ins Kino kamen, sein würde. Eine derartige Serie könnte auch gut auf Politik und Gesellschaft der Gegenwart eingehen, wie es die Graphic Novel bereits in den 80ern tat; in dem eine alternative Welt mit anderem Geschichtsverlauf gezeigt wird, in der sich dennoch unsere eigene Welt widerspiegelt. Bleibt lediglich die Frage, ob Damon Lindelof, seines Zeichens späterer Showrunner von „Lost“ und Drehbuchautor von „Prometheus“, wirklich die richtige Person ist, um das Ganze auf den Weg zu bringen.

Siehe auch:
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das moderne Zeitalter
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

Bildquelle

Raw

MV5BMTU3MDUxMDI0MV5BMl5BanBnXkFtZTgwMzk3OTg3MDI@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_
Story: Justine (Garance Marillier), auf ihrer Eltern bereits ihr Leben lang Vegetarierin, beginnt ihr Studium auf der selben Schule für Tiermedizin wie ihre Schwester Alexia (Ella Rumpf). Besagte Schule verfügt über einige eher ungewöhnliche Riten, um die Neuzugänge zu initiieren – darunter das Verspeisen roher Hasenleber. Nachdem Justine diese heruntergewürgt hat, beginnt sie, einen einen unheimlichen Hunger zu spüren, der nur mit einem gestillt werden kann: Menschenfleisch…

Kritik: Nachdem ich in letzter Zeit primär über die großen Franchises geschrieben habe (was u.a. auch mit einem gewissen Zeitmangel zusammenhing), wende ich mich nun mal wieder etwas geringfügig anderem zu.

Französische Horrorfilme sind von etwas anderem Kaliber als ihre amerikanischen, wie spätestens seit „Martyrs“ bekannt sein dürfte. Zugegebenermaßen tue ich mich allerdings mit der Klassifizierung von Julia Ducournau Kinodebut als „Horrorfilm“ eher schwer, auch wenn ihm gemeinhin dieses Label verpasst wird, denn tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Kannibalen-Horror im eigentlichen Sinne, sondern um eine Coming-of-Age-Story – eine sehr eklige zwar, aber nichts desto trotz.

Die Konzeption des Plots erinnert vage an die Schauergeschichte „The White Maniac: A Doctor’s Tale“ von Mary Fortune – auch hier wird eine junge Frau durch einen bestimmten Auslöser, in diesem Fall nicht Fleischverzehr, sondern die Farbe rot – zur Kannibalin. Bei Fortune wird diese Idee allerdings in klassischer Horror-Manier verarbeitet. Als Leser erlebt man die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Arztes, der sich zuerst in besagte junge Frau verliebt, bis sie später zum Monster wird. „Raw“ dagegen folgt stets Justine und zeigt alles aus ihrer Perspektive. Als Zuschauer wird einem dabei relativ wenige erklärt – so erfährt man nie, woher der Hunger auf Menschenfleisch kommt, nur, dass er innerhalb von Justines Familie wohl öfter vorkommt, denn Alexia gönnt sich auch ganz gerne mal einen Snack der besonderen Art.

Vielmehr ergeht sich Regisseurin Ducournau in überwältigenden Bildern, die zugleich poetisch und ekelerregend sind und eine ähnliche Faszination ausüben können wie die Bildkompositionen in der Serie „Hannibal“ – wenn auch auf andere Weise und ohne den gotischen Einschlag. Ducournau konnotiert den Kannibalismus hier mit Erwachsenwerden, mit erwachender Sexualität, schreck dabei aber auch vor tiefschwarzem Humor nicht zurück. Gerade bei der Art und Weise, wie Justines körperliche und mentale Transformation in Szene gesetzt ist, zeigt sich der Unterschied zu amerikanischen Produktionen – in einer solchen würde das niemals derart schonungslos, dabei aber unvoyeuristisch gezeigt werden. In diesem Kontext muss unbedingt Garance Marillier gelobt werden, die für diesen Film einiges über sich ergehen lassen muss, dabei aber in ihrer Rolle völlig überzeugt.

Fazit: „Raw“ ist kein klassischer Kannibalen-Horror, sondern eine ebenso sensitive wie ekelhafte Coming-of-Age-Story, die über ebenso viel Symbolismus wie Ausmaß an Körperflüssigkeit verfügt. Lohnenswert, aber nichts für schwache Mägen.

Trailer

Bildquelle

Das DC Extended Universe – Eine Retrospektive

Das DC Extended Universe ist tot. Je nach dem, wen man fragt, hat entweder „Justice League“ es umgebracht, oder es war von Anfang an eine Totgeburt – jedenfalls wurde es in diesem Jahr auf der Comic Con in San Diego quasi begraben. Das bedeutet dabei nicht, dass gewisse Aspekte nicht fortgesetzt werden, schließlich erwarten uns mit „Aquaman“ und „Wonder Woman: 1984“ zwei Filme, die direkt an „Wonder Woman“ und „Justice League“ anschließen. Ziehen wir doch zu Vergleichsaspekten noch einmal das Marvel Cinematic Universe heran. Zumindest bislang ist die Struktur klar: Die Avengers bzw. die Avengers-Filme stehen im Zentrum, auf sie arbeiten die anderen Filme hin, die beiden Infinity-War-Teile sind die vorläufige Kulmination. Ursprünglich sollte das DCEU ähnlich funktionieren, mit der Justice League als Gegenstück zu den Avengers. Die Saat ist gelegt: Steppenwolf ist kein Schurke, der wirklich für sich allein funktioniert, er gehört zum Kosmos der New Gods und verweist auf Darkseid. Mehr noch, in der Post-Credits-Szene von „Justice League“ wird die Legion of Doom/Injustice Gang/Injustice League angeteasert. Wegen des finanziellen Misserfolgs wird daraus aber nichts: Warner kündigte an, sich von nun an auf einzelne Filme konzentrieren zu wollen, die entweder formal an die bisherigen anknüpfen (siehe „Aquaman“ und „Wonder Woman: 1984“) oder etwas völlig Selbstständiges darstellen (in diese Kategorie fällt der Joker-Film mit Joaquin Phoenix). Zusammenkünfte, Crossover oder sonstige Großereignis sind dagegen erstmal vom Tisch.

Nebenbei bemerkt: Der Name „DC Extended Universe“ war wohl nie offiziell, hat sich aber festgesetzt, wohl auch, weil Warner sich nie die Mühe gemacht hat, das in irgendeiner Form richtig zu stellen. Gegenwärtig könnte dieses Über-Filmfranchise „Worlds of DC“ heißen, was subtil auf ein Multiversum hindeutet. Oder auch nicht. Der Einfachheit werde ich aber trotzdem weiterhin vom DCEU sprechen, einfach aus Gewohnheit.

Superman Begins – Nolans Fluch
DC ist düster und grimmig, während Marvel lustig und leichtherzig ist, nicht wahr? Ehrlich gesagt kommt mir als langjährigem Comicleser beider Verlage diese Einschätzung als ziemlich inkorrekt vor. Diese Wahrnehmung entstand in den späten 2000er-Jahren und ist primär auf diverse Verfilmungen zurückzuführen, hält einer ausgiebigeren Betrachtung aber nicht stand. Der größte ursprüngliche Unterschied findet sich in den 60ern, als die Verlage zu den Giganten der amerikanischen Comicindustrie wurden, die sie heute sind, und gerade im Fall von Marvel auch die meisten Figuren entstanden. Unter Stan Lees Ägide legte Marvel bei den Superhelden den Fokus auf die Geheimidentität und die menschlichen Aspekte, statt auf die Superkräfte und das Übermenschentum – kein DC-Held musste sich in dieser Zeit wie Spider-Man mit finanziellen Problemen oder wie die X-Men mit Außenseitertum herumschlagen. Im Verlauf der jeweiligen Verlagsgeschichte finden sich sowohl bei DC als auch bei Marvel ein gerüttelt Maß an düsteren und grimmigen Geschichten. Die Wahrnehmung von DC als „düster und erwachsen“ ist vor allem auf Chris Nolans Dark-Knight-Trilogie zurückzuführen.

Schon mehrfach hat sich gezeigt, dass Warner ein Studio ist, das gerne den einfachen Weg geht, wobei diese Mentalität in Hollywood generell weit verbreitet ist: Etwas funktioniert? Dann machen wir so lange damit weiter, bis es nicht mehr funktioniert. In diesem Fall ist es die düstere, grimmige Herangehensweise. Besonders, nachdem sich sowohl „Superman Returns“ als auch „Green Lantern“ (dieser Film hätte eigentlich den Grundstein für ein DC-Filmuniversum legen sollen) als Flops erwiesen, verließ sich Warner auf das, was in den letzten Jahren funktionierte: Eine düstere, grimmige Herangehensweise und das Mitwirken von Chris Nolan und David S. Goyer.

Diese Einstellung wirkt sich enorm auf das fertige Produkt aus, was sich besonders bei „Man of Steel“ beobachten lässt. Dieser Film möchte so sehr „Batman Begins“ sein, dass es fast schon schmerzt. Das beginnt bereits bei der Flashback-Struktur, die hier aber weit weniger gut funktioniert, weil sie zum Gimmick verkommt. In Nolans fähigen Händen arbeiteten die Flashbacks mit der Gegenwartshandlung gut zusammen und ergänzten sich thematisch. Bei Zack Snyder dagegen wirkt die Struktur beliebig und eben deshalb vorhanden, weil „Batman Begins“ es vorgemacht hat. Als Zuschauer erleben wir Folgen von Clarks Entscheidungen, bevor wir die Entscheidung nachgereicht bekommen, was erzählerisch einfach sinnlos ist, weil Clarks Charakterentwicklung auf diese Weise ziellos umher mäandert. Ständig kommt die Antwort auf dramaturgisch sinnfreie Weise vor der Frage – das geht beim Prolog los, der zwar der visuell interessanteste Teil des Films ist, aufgrund des späteren Gesprächs zwischen Clark und Jor-El aber völlig redundant wird. Dadurch, dass wir als Zuschauer Clark immer schon diverse Schritte voraus sind, werden wir von ihm als Protagonist gleichzeitig distanziert. Im Vergleich dazu stellte Nolan bei „Batman Begins“ die Frage in der Gegenwartshandlung und beantwortete sie mit einem Flashback – also genau umgekehrt.

Auch in anderen Aspekten versucht „Man of Steel“ der Dark-Knight-Trilogie nachzueifern, sei es in Bezug auf Musik, die Charakterisierung des Protagonisten (dazu später mehr) oder die Bildsprache. Zumindest ich werde bei „Man of Steel“ das Gefühl nicht los, dass Snyder seinen eigenen Regiestil zugunsten einer Nolan-Imitation wenigstens teilweise aufgibt. Filme wie „300“, „Watchmen“ oder „Sucker Punch“ waren von kräftigen, ausdrucksstarken Farben geprägt, während „Man of Steel“ diverse visuelle Eigenschaften Nolans bis ins Extrem weitertreibt – alles ist in einem ausgewaschenen graublau gehalten, zusätzlich zu völlig sinnlosem Einsatz der Shaky-Cam. Manche dieser Stilmittel wurden bereits bei „Batman v Superman: Dawn of Justice“ wieder zurückgefahren, die inhaltlichen Probleme verschärfen sich dagegen noch.

Vorlage v Adaption – Probleme bei der Charakterzeichnung
Eine der größten Stärken der Dark-Knight-Trilogie ist die Balance zwischen Vorlagentreue und Eigenständigkeit. Während die Nolan-Brüder und Goyer keine Hemmungen haben, Elemente zu verändern oder die Figuren passend zur Thematik des jeweiligen Films anzupassen, erkennt man doch fast immer noch den Kern der Figur. Mehr noch, es gelingt ihnen, Handlungselemente der Comics unterzubringen, ohne dass diese wie Fremdkörper wirken. Die Trilogie funktioniert sowohl als eigenständige Einheit als auch als Adaption. Die Filme des DCEU dagegen (primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman“) haben dagegen ein weitaus schwierigeres Verhältnis zu den entsprechenden Quellen. Sie versuchen dabei etwas ähnliches zu bewerkstelligen wie die Dark-Knight-Trilogie, zäumen das Pferd aber von der falschen Seite her auf. Einerseits haben Goyer, Snyder und der am Drehbuch von „Batman v Superman“ beteiligte Chris Terrio keine Probleme damit, Figurencharakterisierung und sonstige Gegebenheiten im Vergleich zur Vorlage radikal zu verändern, aber andererseits wird die Vorlagenkenntnis dennoch fast schon vorausgesetzt. Eines der besten Beispiel ist Zods Tod am Ende von „Man of Steel“: Dieser wird als essentieller Moment in Supermans Entwicklung inszeniert, der Mann aus Stahl schreit klagend auf, als er seinem Widersacher den Hals umdreht. Man fragt sich, weshalb. Natürlich, der Superman, den man aus den Comics kennt, ist ein Held traditioneller Prägung mit Aversion gegen das Töten. Für die in „Man of Steel“ auftauchende Version der Figur wurde diese Geisteshaltung jedoch nie etabliert. Der Film verlässt sich darauf, dass der Zuschauer mit Superman vertraut genug ist, um von selbst darauf zu kommen. Aber wieso sollte bei all den radikalen Veränderungen, denen Superman in diesem Film unterworfen wurde, gerade der moralische Kompass identisch mit dem des „normalen“ Superman sein? Die Zerstörung, die er in Smallville und Metropolis anrichtet, während er gegen Zod und dessen Handlanger kämpft, scheint ihn kaum zu tangieren.

Mit Batman verhält es sich kaum besser. „Batman v Superman“ vertraut quasi darauf, dass man als Zuschauer zumindest mit Nolans Interpretation der Figur vertraut ist, sodass man eine Entwicklung zu einem extremeren Batman wahrnimmt. Snyder, Goyer und Terrio etablieren allerdings kaum, was den Batman dieses Films eigentlich ausmacht. Eher nebenbei wird angedeutet, Batman gehe nun härter gegen Kriminelle vor, aber was genau das bedeutet, wird nicht klar. Hat dieser Batman schon früher Kriminelle links und rechts in die Luft gejagt? Hat er jemals auf menschliches Leben Rücksicht genommen?

Unter dieser merkwürdigen Spaltung leidet sogar der titelgebende Konflikt des Films. Auch hier vertraut man darauf, dass Batman und Superman als ideologische Gegensätze wahrgenommen werden. Weil aber Snyder Superman konstant fast genauso interpretiert wie Batman, kommen beide letztendlich nur als arrogante Egomanen rüber. Einer der zentralen thematischen Konflikte, die bereits in „Man of Steel“ etablierten wurden, ist der Gegensatz zwischen Altruismus und Objektivismus. Ist Superman wegen seiner Kräfte verpflichtet, Menschen zu helfen? Gemäß dem von Ayn Rand (bekannte für Romane wie „Atlas Shrugged“ oder „The Founainhead“ sowie den anhaltenden Einfluss auf konservative und libertäre Strömungen, speziell in den USA) geprägtem Objektivismus ist er das nicht; dieser Philosophie zufolge ist niemand moralisch dazu verpflichtet, irgendjemandem zu helfen, da das höchste moralische Ziel das eigene Wohlergehen ist – Rand erhebt den Egoismus zur Tugend. Nun ist es nicht zwingend neu, dass Rand’sche Einflüsse ihren Weg in einen Konflikt zwischen Batman und Superman finden. Schon Batman in Frank Millers „The Dark Knight Returns“ zeigte, dass er durchaus vom Objektivismus geprägt ist. Superman ist hier allerdings sehr eindeutig als moralischer Gegenentwurf konzipiert. In „Batman v Superman“ sind sich beide Helden dagegen schlicht zu ähnlich, als dass der Konflikt zwischen ihnen tatsächlich funktionieren würde. Letztendlich geht es nicht um philosophische Gegensätze, auch nicht darum, was richtig oder falsch ist, es geht nur um die Egos der beiden Titelhelden. Batman fühlt sich durch Supermans Übermacht bedroht, während sich Superman letztendlich nur um einige wenige Menschen (Lois, seine Mutter) schert – man fragt sich, weshalb er überhaupt hin und wieder andere Menschen rettet. Am Ende werden die aufgeworfenen Fragen ohnehin nicht gelöst, noch nicht einmal bearbeitet; nachdem Batman herausfindet, dass seine und Supermans Mutter denselben Namen haben, sind sie plötzlich die besten Freunde. Gerade bei Superman führt der Einfluss von Ayn Rands Werken zu einer merkwürdigen Persönlichkeitsspaltung: Einerseits wird Superman überdeutlich als Jesus-Metapher inszeniert und soll von seinem Vermächtnis aus den Comics und vorherigen Adaptionen profitieren, in denen er der Inbegriff des Altruismus ist, andererseits ist seine Weltsicht vom Objektivismus geprägt.

Korrekturversuche
Die verbliebenen drei Filme des DCEU können im Großen und Ganzen als Reaktion auf die Rezeption von „Batman v Superman“ betrachtete werden. Von einer kleinen Gruppe lautstarker Fans, die der Meinung sind, genau so müsse ein DC-Film sein, einmal abgesehen, war die Reaktion bekanntermaßen äußerst negativ. „Batman v Superman“ ist, was im Fandom gerne mit Phrasen wie „grim dark“ oder, um den TV-Tropes-Jargon zu bemühne, „darkness induced audience apathy“ beschrieben wird. Als Korrekturversuch funktioniert „Wonder Woman“ noch am besten, da die von Gal Gadot dargestellte Amazone das Element des Films war, das mit Abstand am Besten aufgenommen wurde – mit „Wonder Woman“ hat Warner dem Publikum nicht nur mehr von dem gegeben, was es wollte, das Studio ließ Patty Jenkins auch verhältnismäßig freie Hand und ermöglichte es sogar, den Film vom DCEU losgelöst zu genießen. Mehr noch, „Wonder Woman“ gelingt es, einen eigenen Ton zu etablieren, der vom Zynismus der Snyder-Filme weit entfernt ist, sich aber nicht der MCU-Formel bedient und trotz allem gerade noch so im selben Universum spielen kann wie „Batman v Superman“. All das lässt sich über „Suicide Squad“ leider nicht sagen.

David Ayers „Suicide Squad“ ist ein wunderschönes Beispiel für den panischen Versuch eines Studios, einen Film zu retten; hier wurden genau die Fehler begangen, die „Wonder Woman“ später erfreulicherweise vermeiden konnte. Mit „Suicide Squad“ versuchte das Studio, ein DC-Gegenstück zu Marvels „Guardians of the Galaxy“ zu schaffen, was sich schon allein an der Art und Weise zeigt, wie populäre Songs im Film untergebracht wurden. Doch wo die Musikplatzierung in „Guardians“ wirklich Teil der Narrative, wirkt sie in „Suicide Squad“ bestenfalls plakativ und amateurhaft. Viel schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass das Schurken-Team, gerade im Vergleich zu Batman und Superman, wie sie in Snyders Filmen präsentiert werden, zahnlos und zu gutmütig daherkommt – eben eher wie die Guardians denn eine tatsächlich aus Superschurken bestehende Gruppe. Hinzu kommen eine völlig banale Schurkin, eine fürchterliche narrative Struktur und Voilá, fertig ist der Totalausfall.

Mit „Justice League“ hat Warner dann endgültig das ins Kino gebracht, was alle befürchteten: Einen Abklatsch von „The Avengers“. Die Hintergründe um Zack Snyders Ausstieg nach dem Trauerfall in der Familie, Joss Whedons Übernahme und das Verlangen der Snyder-Fans nach einem ursprünglichen Cut, der vielleicht oder auch nicht existiert, je nach dem, wen man fragt, sollte ja nur allzu bekannt sein. Auch von Snyders ursprünglichen Plänen für die Liga schwirren durch’s Internet, denen zufolge die Mitglieder der Justice League alle psychisch und mental völlig kaputt sein sollten – man könnte fast meinen, Snyder hätte noch einmal „Watchmen“ drehen wollen. Wie dem auch sei, die fertige Version von „Justice League“ ist in erster Linie belanglos, eine mindere Version der Avengers, bedingt durch den panischen Versuch der Kurskorrektur Warners. Man merkt, dass das Studio gerade bei Batman und Superman versucht, die traditionelle Charakterisierung aus den Comics umzusetzen, aber wenn man das einerseits nur mithilfe von Nachdrehs tut und es andererseits gravierende Löcher zwischen diesem und den vorhergegangenen Filmen gibt, funktioniert das einfach nicht.

Quo Vadis, DCEU?

Wie bereits am Anfang erwähnt scheint Warner vom Konzept „Shared Universe“ wieder abzuweichen. Formal setzen „Wonder Woman: 1984“ und „Aquaman“ das DCEU fort, werden sich aber auf den jeweiligen Titelhelden konzentrieren und das größere DC-Universum außen vorlassen, zumindest nach dem, was man so hört. „Shazam“, dessen Trailer ebenfalls auf der San-Diego-Comic-Con vorgestellt wurde, scheint interessanterweise ebenfalls im DCEU zu spielen, obwohl das tonal noch weniger passt als „Justice League“ und die Grenze zur Selbstparodie überschreitet.