Art of Adaptation: The Dark Lord Ascending

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Artikelreihe zu starten. „Art of Adaptation“ setzte sich, wie der Titel schon subtil suggeriert, mit dem Adaptionsprozess auseinander. Zwar habe ich durchaus auch vor, Gesamtadaptionen im Rahmen dieser Reihe zu betrachten, der Fokus soll allerdings auf Einzelaspekten liegen: Wie wird eine bestimmte Figur, eine Szene, eine Kapitel oder ein Ereignis von einem Medium ins andere transferiert. Den Anfang macht hierbei das erste Kapitel aus „Harry Potter and the Deathly Hallows“.

Das Außenseiterkapitel
„The Dark Lord Ascending“ ist nicht nur das Eröffnungskapitel des siebten Harry-Potter-Bandes, sondern auch eines der außergewöhnlichsten. In der gesamten siebenbändigen Serie verlassen wir als Leser nur selten Harry Potters Perspektive, er ist nicht nur Namensgeber der Serie, sondern auch die Figur, durch deren Augen wir fast sämtliche Geschehnisse erleben. Eine Ausnahme ist das erste Kapitel des ersten Bandes; hier fungiert Vernon Dursley als Point-of-View-Charakter (PoV), das erste Kapitel des vierten Bandes, das der Leser durch die Augen des Riddle-Gärtners Frank Bryce erlebt, das erste und zweite Kapitel von „Harry Potter and the Half Blood Prince“ und dieses hier. Was dieses Kapitel so außergewöhnlich macht, ist nicht nur der Umstand, dass wir Harrys Perspektive verlassen, sondern dass keine andere Figur seinen Platz einnimmt. In der Literaturwissenschaft spricht man von „externer Fokalisierung“, die relativ selten vorkommt. Hierbei beschreibt der Erzähler nur, was durch die Sinne wahrgenommen werden kann, aber keine inneren Prozesse der Figuren. Das Gegenteil ist die „interne Fokalisierung“ – hier lässt der Erzähler den Leser an den inneren Prozessen der Figuren bzw. einer ausgewählten Figur teilhaben, wie es bei den HP-Romanen normalerweise der Fall ist. Darüber hinaus gibt es auch die Nullfokalisierung; gemeinhin spricht man auch vom „allwissenden Erzähler“. Wie dem auch sei, in diesem Kapitel folgen wir zwar Snape, erfahren aus dramaturgischen Gründen allerdings nicht, was er denkt und empfindet, schließlich soll bis zum Schluss nicht enthüllt werden, dass er in Wahrheit die ganze Zeit für Dumbledore gearbeitet hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Snape trifft zeitgleich mit Yaxley, einem anderen Todesser, bei Malfoy Manor ein. Nach einer kurzen Unterhaltung über Lucius Malfoys Vorliebe für Luxus betreten die beiden das Anwesen und stoßen zur stattfindenden Todesser-Versammlung unter Leitung Lord Voldemorts. Es geht primär darum, Harry Potter zu ergreifen und um die Frage, wie schnell sich das Zaubereiminsterium unter Voldemorts Kontrolle befinden kann – hierzu hat Yaxley Pius Thicknesse, dem Leiter der magischen Strafverfolgungsbehörde, den Imperiusfluch aufgehalst. Auch die erweiterte Verwandtschaft der Malfoys und Blacks kommt zur Sprache, hat doch Nymphadora Tonks, die Nichte von Bellatrix und Narcissa, den Werwolf Remus Lupin geheiratet. Schließlich verkündet Voldemort, dass er Harry Potter nicht mit seinem eigenen Zauberstab töten kann und borgt sich stattdessen den von Lucius Malfoy, den er sogleich an Charity Burbage, der Muggelkundelehrerin von Hogwarts, ausprobiert, deren Leiche anschließend Nagini zum Faß vorgeworfen wird.

Ich will ehrlich sein: Ich bin kein allzu großer Fan dieses Kapitels. Voldemort war nie der subtilste Schurke, doch gerade in diesem Kapitel ist er mir eine Spur zu offensichtlich fies, zu plump in seiner Bösartigkeit. Ironischerweise gehört die Filmumsetzung zu meinen liebsten Szenen der gesamten Filmreihe, vielleicht ist sie sogar meine Lieblingsszene.

Auffällige Änderungen

Während das Todesser-Meeting den Roman eröffnet, beginnt die Filmadaption mit einer Rede Rufus Scrimgeours (Bill Nighy), gefolgt von einer Montage, die Harry (Daniel Radcliff), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) bei ihren Vorbereitungen zeigt und bereits bestimmte Elemente, die im Roman durch Exposition in späteren Kapiteln auftauchen, visuell vorwegnimmt. Erst nach der Titeleinblendung zeigt David Yates, wie Snape (Alan Rickman) zu Malfoy Manor appariert bzw. fliegt. Anders als im Roman trifft er allerdings alleine ein, Yaxley (Peter Mullan) sitzt bereits am Konferenztisch. Ein Detail, das allerdings übernommen wurde, ist das „durchlässige Eingangstor“, das nicht geöffnet werden muss. Zu den weiteren, besonders auffälligen Änderungen gehört Pius Thicknesse (Guy Henry): Während im Roman nur darüber gesprochen wird, dass Yaxley ihm den Imperius-Fluch auf den Hals gejagt hat, ist der in der Filmszene anwesend, wobei weder hier noch später deutlich wird, ob er ebenfalls unter dem Imperius-Fluch steht, erpresst wird oder sich Voldemort (Ralph Fiennes) freiwillig angeschlossen hat. Dennoch wird er von den Todessern visuell distanziert; während diese alle in ihren typischen Gewändern zur Linken und Rechten des Dunklen Lords sitzen, trägt Thicknesse einen gewöhnlichen Anzug, sitzt Voldemort am anderen Ende der Tafel genau gegenüber und fühlt sich in Naginis Gegenwart sichtlich unwohl. Aus filmischer Sicht ist es äußerst sinnvoll, Thicknesse auf diese Weise zu präsentieren, statt nur über ihn zu reden, da ein Zuschauer, der den Roman nicht gelesen hat, ihn so später deutlich leichter wiedererkennen kann, gerade weil er von den restlichen Todessern abgegrenzt wird.

In der Szene ist, anders als im Roman, Wurmschwanz (Timothy Spall) zugegen, der ebenfalls von den restlichen Todessern abgegrenzt wird; er hat gar keinen Platz an der Tafel, sondern muss stehen. Hier wird außerdem bereits das Auftauchen Ollivanders (John Hurt) subtil angedeutet, denn er ist es, der schmerzerfüllt schreit und dem sich Wurmschwanz kümmern soll.

Die Dialoge der Szene sind größtenteils, wenn auch mit einigen Kürzungen und Änderungen, aus dem Kapitel übernommen. Die Unterhaltung über den Fall des Ministeriums fällt weg, ebenso wie die Erwähnung der Heirat von Lupin und Tonks. Der Mord an Charity Burbage (Carolyn Pickles) ist dagegen wieder vorhanden. Die Lehrerin schwebt während der ganzen Szene im Hintergrund herum, als der Fokus auf sie gerichtet wird, ist besonders Draco (Tom Felton) sichtlich verstört. Dennoch denke ich, dass es an dieser Stelle deutlich effektiver gewesen wäre, hätte Voldemort statt einer Lehrerin, die wir nie zuvor gesehen haben, einen Hogwarts-Lehrer getötet, der bereits vorkam. Sibyl Trewlany hätte sich vielleicht wegen der Prophezeiung angeboten, oder Professor Sprout, also eine Lehrerin, die man als bereits seit den ersten Filmen bzw. Büchern kennt. Der Mord an Charity Burbage passt ideologisch, letztendlich ist sie aber nur ein weiterer Name unter Voldemorts Opfern, der für Leser wie Zuschauer kaum Bedeutung hat.

Ralph Fiennes at his Best

Der wirklich Unterschied zwischen Buch- und Filmszene kommt allerdings von Ralph Fiennes‘ Darstellung Lord Voldemorts und der Art und Weise, wie David Yates ihn in Szene setzt. Das beginnt schon bei den ersten Sätzen, die wir von Voldemort hören. Im Roman begrüßt er Snape und Yaxley ziemlich plump mit „You are very nearly late” und weist ihnen dann per Befehl Plätze zu. Film-Voldemort ist da deutlich subtiler. In der ganzen Szene merkt man, dass der Dunkle Lord hier auf dem Höhepunkt seiner Macht ist – er hat es nicht nötig, plump zu befehlen, stattdessen spricht er mit einer merkwürdigen, subtil spöttischen, aber sehr ausgewählten Ausdrucksweise, die zugleich höflich und zuvorkommend, aber auch bedrohlich ist: „Severus, I was beginning to worry you had lost your way. Come, we’ve saved you a seat.“ Ähnlich verhält es sich, wenn Voldemort mit Pius Thicknesse oder Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) spricht. Selbst als Ollivander schmerzerfüllt schreit und Voldemort kurz lauter wird, bleibt seine Wortwahl beinahe zurückhaltend: „Wormtail, have we not spoken about keeping our guest quiet?“ Dieser Höhepunkt der Macht wird visuell unter anderem auch dadurch vermittelt, dass sich Voldemort in den Einstellungen, in denen er zu sehen ist, zumeist in der Bildmitte befindet.

Die Ausnahme hierbei ist Lucius Malfoy (Jason Isaacs), vor dem Voldemort offensichtlich jeglichen Respekt verloren hat. Die Demütigung erfolgt hier sehr ähnlich wie im Roman durch die Zauberstababnahme, wenn auch verbal etwas subtiler. Der Dialog ist fast identisch, allerdings erklärt Voldemort im Roman: „Lucius… I see no reason for you to have a wand any more.” Im Film dagegen schreitet er die Reihe der Todesser ab wie ein Lehrer, der keine Antwort erhält und fragt dabei: „Who would like the honour?“ Statt des oben erwähnten Satzes äfft Voldemort Lucius allerdings nach. Die symbolische Kastration durch die Zauberstababnahme wird im Film sogar noch deutlicher, als er den Schlangenkopf abbricht.

Wohl primär aus Gründen der Länge wurden einige Voldemort-Seitenhiebe entfernt, u.a. hackt er noch ein, zwei Mal auf den Malfoys im Allgemeinen und Draco im Besonderen herum. Auch die ausführlichere Erläuterung des Zauberstabproblems, in dem Voldemort in ungewohnter Manier zur Selbstkritik neigt, ist der Schere zum Opfer gefallen. In beiden Fällen tut das der Szene allerdings durchaus gut – besonders, wenn es um die Seitenhiebe geht. Durch die aufgesetzte Höflichkeit – selbst das Opfer wird im Film als „Miss Charity Burbage“ vorgestellt, während die formale Anrede im Roman fehlt – wirkt Voldemort deutlich selbstsicherer und gefährlicher.

Fazit: An dieser Szene aus „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1” zeigt sich, wie eine Szene einerseits sehr vorlagengetreu umgesetzt werden kann, andererseits aber durch einige kleine und subtile Änderungen – und nicht zuletzt durch hervorragendes Spiel – deutlich effektiver gestaltet werden kann. Gerade in Bezug auf Voldemort setzt sich diese Tendenz fort. Die Filmversion ist meiner Ansicht nach in diesem und dem Folgefilm deutlich effektiver und besser inszeniert als in der Vorlage.

Star Wars: Das ultimative Ranking

Na gut, der Titel ist vielleicht ein wenig reißerisch. Aber natürlich könnte der Zeitpunkt kaum besser sein: Die Skywalker-Saga ist durch und zumindest in den nächsten paar Jahren wird es auch keine weiteren Star-Wars-Filme geben, nicht zuletzt, weil Corona ohnehin alles nach hinten schiebt. Wie dem auch sei, miteinbezogen werden die elf vollwertigen Star-Wars-Kinofilme, neun Saga-Episoden und zwei Spin-offs. Nicht mit einbezogen werden Fernseh- oder Streamingproduktionen, selbst wenn diese im Kino zu sehen waren oder noch so cinematisch ausfallen, also kein Clone-Wars-Film, keine Ewok-Filme, kein „Mandalorian“ und kein Holdiay Special.

Natürlich gilt wie üblich: Das ist mein persönliches Ranking – mit Sicherheit wird die eine oder andere Platzierung etwas kontroverser ausfallen (wo wäre sonst auch der Spaß an der Sache?). Ich versuche dabei, eine gewisse Balance zwischen persönlichen Vorlieben (sonst wären die Filme nach Ian McDiamirds Leinwandzeit geordnet), Nostalgie, Regie, Drehbuch, Darstellung und sonstige handwerkliche Umsetzung, World Building und Franchise-Folgen sowie erzählerischem Konzept zu finden, wobei Letzteres für mich immer besonderes Gewicht hat.

Platz 11: The Rise of Skywalker

Ich denke, das dürfte keine Überraschung sein. Gerade was erzählerische Konzepte angeht, lassen die Sequels einiges zu wünschen übrig – und all das kulminiert in „The Rise of Skywalker“. Dieser Film erzählt praktisch keine Geschichte, es handelt sich um eine Aneinanderreihung diverser Fan-Theorien und hohler Twists, zusammengehalten von der sinnlosen Jagd nach einem MacGuffin, das zum nächsten MacGuffin führt. Zwar war es bereits im Voraus abzusehen, doch „The Rise of Skywalker“ lieferte den endgültigen Beweis, dass Disney völlig plan- und ahnungslos an das Franchise heranging. „The Rise of Skywalker“ ist ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners – ganz ähnlich wie „Justice League“ soll Episode IX alle zufriedenstellen, und genau wie bei „Justice League“ handelt es sich hier um einen „film by committy“. Das kommt dabei heraus, wenn Finanziers, Produzenten und Aufsichtsräte zu erraten versuchen, was Fans wollen.

Der Konflikt „Konzept vs. Umsetzung“ spielt sowohl bei der Bewertung der Sequels als auch der Prequels eine große Rolle. Im direkten Vergleich gewinnen die Prequels meistens beim Konzept, während der handwerkliche Standard bei den Sequels deutlich höher ist. Im Bereich Effekte ist das natürlich nicht anders zu erwarten, und gerade in dieser Hinsicht tut die Rückbesinnung der Sequels auf praktische Effekte (zumindest dort wo es möglich ist) den Filmen durchaus gut. Auch in Bereichen wie Dialoge, Regieführung und Darstellung sind die Sequels im Schnitt besser als die Prequels. Gerade diesbezüglich fällt „The Rise of Skywalker“ allerdings doch stark ab, was primär an der Struktur des Films und seinem halsbrecherischen Tempo liegt, was ihm in letzter Konsequenz das Genick bricht. Und dann wäre da auch noch der Anspruch, die Skywalker-Saga beenden zu wollen, eine Saga, die seit so vielen Jahrzehnten läuft und neun Filme umfasst. Auch hier versagt „The Rise of Skywalker“ letzten Endes. Nun stellt sich natürlich die Frage: Wäre Colin Trevorrows Episode IX besser gewesen? Die Antwort darauf werden wir nie erfahren, aber die Zusammenfassung des Drehbuchs, die ich gelesen habe, hatte, neben diversen Problemen, immerhin die eine oder andere interessante Idee und versuchte zumindest, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen. „The Rise of Skywalker“ scheitert hingegen kläglich an diesem Unterfangen.

Platz 10: Attack of the Clones

Und schon wieder sind wir beim Thema „Konzept vs. Umsetzung“. Tatsächlich klingt „Attack of the Clones“ in der Theorie äußerst vielversprechend: Eine große Verschwörung mit Anleihen an den Film Noir, eine zum Untergang verurteilte Liebesgeschichte und der Anfang eines großen Krieges. Aber die Umsetzung… Für manche Elemente kann man George Lucas nur bedingt einen Vorwurf machen. Er bemühte sich, die digitale Filmtechnik voranzutreiben und nutzte die Prequels als Vehikel. Episode II ist der erste vollständig digital gedrehte Film – leider hat dieser Status des Vorreiters den Nachteil, dass „Attack of the Clones“ von allen drei Prequels am schlechtesten gealtert ist. Bei Episode I war die Technik schlicht noch nicht soweit, weshalb Lucas noch verhältnismäßig viel mit praktischen Effekten und Sets arbeiten musste, während Episode III von drei zusätzlichen Jahren für die Entwicklung der Technik profitiert.

Darüber hinaus zeigen sich in „Attack of the Clones“ Lucas‘ Defizite als Regisseur und Drehbuchschreiber am stärksten. Der Mann hat ein Händchen für das Visuelle und das World-Building, aber erhebliche Schwächen in den Bereichen Schauspielführung und Dialog. Das erfolgreiche Vermitteln einer Leinwandromanze hängt aber leider nun einmal genau von diesen beiden Aspekten ab. Wo „The Rise of Skywalker“ durch seinen Nicht-Plot hetzt, ist „Attack of the Clones” über weite Strecken schlicht dröge und zäh. Selbst das actionreiche Finale, die Schlacht um Geonosis, wirkt mitunter recht undynamisch, gerade im Vergleich mit den deutlich ansprechenderen Schlachten in „Revenge of the Sith“. Dennoch habe ich eine gewisse Schwäche für Episode II, was nicht zuletzt auch am Mitwirken Christopher Lees liegt, der einfach jeden Film durch seine Anwesenheit massiv aufwertet.

Platz 9: The Force Awakens

Ab jetzt wird es vermutlich etwas kontroverser. Ich bin durchaus gewillt, zuzugeben, dass „The Force Awakens“ von einem gewissen Standpunkt aus ein besserer Film ist als diverse andere, die deutlich weiter oben auf dieser Liste stehen, gerade aus handwerklicher Perspektive. J. J. Abrams ist ein Regisseur, der wirklich gut mit seinen Darstellern zurecht kommt und es schafft, dass sehr gute Chemie zwischen ihnen entsteht. Auch bezüglich der Figuren gibt es durchaus gute Ideen, gerade die Konzeption des „neuen Trios“ finde ich sehr gelungen, ebenso wie die Idee, einen abtrünniges Mitglied der Strumtruppen zu einer Hauptfigur zu machen. In meiner ursprünglichen Rezension bemühte ich mich sehr, diesen Film positiv zu sehen und ihm eine Chance zu geben.

Die größte Schwäche, die „The Force Awakens“ letzten Endes auch das Genick bricht, ist die Tatsache, dass man sich meines Erachtens nach nie gefragt hat, welche Geschichte dieser Film eigentlich erzählen soll. Er wurde von Anfang an konzipiert, um den Fans der OT und denen, die von den Prequels enttäuscht wurden, zu gefallen. Und so wurde auf Teufel komm raus ein Status Quo erschaffen, der im Grunde derselbe ist wie in der OT. Auf der Handlungsbene passiert schlicht nichts, was wir nicht an anderer Stelle in der OT bereits gesehen hätten, und hinzu kommt ein wirklich schlechtes World Building. 2015, nachdem Episode VII von Kritikern und Fans sehr gut aufgenommen wurde und viel Geld einspielte, schien das der richtige Weg zu sein, weil viele Kinogänger nach dem „Star Wars von früher“ hungerten. Doch nun, fünf Jahre später, wird deutlich, dass der Mangel an Konzept, Vorausplanung und Kreativität beim Eintritt in diese neue Star-Wars-Ära der ganzen der Sequel-Trilogie (und dem Franchise als Ganzes) massiv geschadet hat. Ich kann durchaus verstehen, dass „The Force Awakens“ für all jene, die sich mit diesem Franchise nicht allzu intensiv beschäftigen oder sich bestenfalls als Casual Fans bezeichnen, der Favorit ist. Mit Abrams‘ „Star Trek“ von 2009 geht es mir ja sehr ähnlich. In einem Vakuum betrachtet ist „The Force Awakens“ nun wirklich kein schlechter Film (bzw. kein schlecht gemachter Film), aber als Episode VII der Skywalker-Saga funktioniert diese Mischung aus Remake und „Soft Reboot“ einfach nicht.

Platz 8: The Last Jedi

Ich hatte mir lange überlegt, die Plätze 8 und 9 zu tauschen. „The Last Jedi“ hat in gewisser Weise dasselbe Problem wie „The Force Awakens“, nur auf anderer Ebene. Episode VIII ist ein Film, den ich eher respektiere, als dass ich ihn mag. Rian Johnson hat in meinen Augen zumindest klar vor Augen, was er mit diesem Streifen erreichen möchte, konzeptionell ist es sicher dichteste der Sequels, thematisch vielleicht sogar der dichteste der gesamten Saga. So weit, so gut – nur leider vergisst Johnson, bei all seinen Ambitionen, auch eine gute Geschichte zu erzählen. Der eigentliche Plot um das Entkommen des Widerstands passt vielleicht zu einer Episode der ursprünglichen Star-Trek-Serie, aber als Handlung für einen Star-Wars-Film ist das doch eher enttäuschend. Mehr noch, so interessant Johnsons Konzepte und Ideen auch sind, so sehr arbeiten sie gegen das im Vorgänger etablierte Material (was seinerseits nicht optimal ist, aber lassen wir das beiseite). Ich habe es ja schon mehrmals erwähnt: Eines der größten Probleme der Sequels ist, dass die einzelnen Filme gegeneinander arbeiten, statt ineinander zu greifen. Entweder Johnson oder Abrams hätte die Trilogie komplett übernehmen müssen, oder Disney hätte zumindest dafür sorgen müssen, dass die Sequel-Trilogie als großes Ganzes funktioniert.

Johnsons Ansatz der Dekonstruktion und des Unterlaufens von Erwartungen ist ebenfalls ein Problem – nicht grundsätzlich, es gab schon funktionierende Dekonstruktionen, etwa „Knights of the Old Republic II: The Sith Lords“. Johnson dekonstruiert allerdings als Selbstzweck, was nun nach „The Rise of Skywalker“ umso offensichtlicher ist, und er dekonstruiert auf Kosten der Geschichte. Plot Convienence ist bei Star-Wars-Filmen durchaus der Öfteren problematisch (u.a. auch bei den Episoden IX und II), aber gerade hier sind die storytechnischen Verrenkungen, die Johnson betreiben muss, um dorthin zu gelangen, wo er hinmöchte, wirklich unangenehm. Ebenfalls unpassend ist der Humor, der eher zu „Guardians of the Galaxy“ als zu Star Wars passt. Aber wir wollen ja nicht nur meckern, schließlich hat es seinen Grund, dass „The Last Jedi“ auf diesem Platz gelandet ist. Visuell hat Johnson fraglos einiges auf dem Kasten – selten sah Star Wars besser aus – und auch aus den Darstellern holt er wirklich viel heraus.

Platz 7: The Phantom Menace

Dafür gibt es wahrscheinlich Haue; die viel gehasste Episode I steht vor der gesamten Sequel-Trilogie. Aber: Die Nostalgie ist stark bei diesem da. Die Schwächen dürften ja weithin bekannt sein und wurden von allen und jedem so breit wie nur möglich ausgewalzt: Jar Jar und der kindliche Humor, nicht gerade gelungene Dialoge, Jake Lloyd als Anakin Skywalker bzw. George Lucas Probleme bei der Führung der Schauspieler etc. Gerade Letzteres zieht sich als roter Faden durch die gesamten Prequels. Fähige Darsteller wie Ian McDiamird oder Ewan McGregor wissen auch so, was sie tun, aber Darsteller, die auf etwas mehr Regieleistung angewiesen sind, bleiben meistens weit hinter ihren Möglichkeiten. Und in der Tat wäre es wohl tatsächlich klüger gewesen, die Prequels mit einem erwachsenen Anakin und dem Start der Klonkriege beginnen zu lassen.

Wie so oft bei den Prequels ist die Konzeption gelungener als die Umsetzung. Die Idee, mit dem größtmöglichen Kontrast zu Darth Vader, einem aufgeweckten, unschuldigen Kind zu beginnen, ist für sich genommen nicht schlecht, ebenso wie der Einfall, die Struktur des Prequel-Startfilms als Spiegelbild von Episode VI anzulegen, ohne dass es, wie es bei Episode VII und IV der Fall ist, einfach wie abgekupfert wirkt. „The Phantom Menace“ erzählt nun einmal eine deutlich andere Geschichte als „Return of the Jedi“. Leider übernimmt Lucas damit auch die Schwächen von Episode VI: Ein Akt des Films findet jeweils auf Tatooine statt, fühlt sich aber von den restlichen beiden merkwürdig losgelöst an, was bei Episode I allerdings noch deutlich stärker ins Gewicht fällt, da es sich nicht um den ersten, sondern den zweiten Akt handelt. Und die parallel laufenden finalen Schlachten mit drei bzw. in Episode I sogar vier verschiedenen Handlungssträngen ist ebenfalls durchwachsenden, da hier absolute Highlights, die jeweiligen Lichtschwerduelle, Rücken an Rücken mit deutlich uninteressanteren Bodenschlachten stehen. „The Phantom Menace“ ist ein Film, in dem die Einzelteile leider nie zu einem großen Ganzen zusammenwachsen – für sich selbst stehend aber wirklich beeindruckend sind, sei es das Pod-Rennen oder der finale Kampf der beiden Jedi gegen Darth Maul.

Warum hat „The Phantom Menace“ nun in der Platzierung die Sequels überholt? Weil diesem Film etwas gelungen ist, was bereits in „The Force Awakens“ hätte geschehen müssen, bisher aber immer noch nicht geschehen ist: Er hat es erfolgreich geschafft, eine neue Star-Wars-Ära zu etablieren, die sich vom bisher bekannten unterscheidet, aber doch unzweifelhaft Star Wars ist. Wir haben einen ordentlich vermittelten Status Quo, ein Gefühl dafür, wie es in der Galaxis aussieht und gutes World Building, das oft durch die wirklich gelungene Arbeit der Designer vermittelt wird. Die Sequel-Ära fühlt sich dagegen bis heute wie ein Abklatsch der OT-Ära an und reizt mich kaum, während ich in die Prequel-Ära immer wieder gerne zurückkehre.

Platz 6: Solo – A Star Wars Story

Niemand wollte oder brauchte diesen Film, Han Solo funktioniert als Figur, wie wir ihn in Episode IV kennen, wunderbar, er hat seine Entwicklung im Verlauf des Films (und den beiden folgenden), vom eigennützigen Schmuggler zum Helden der Rebellion. Selbst die Fans der Figur, zu denen ich mich nicht unbedingt zähle, waren sehr skeptisch: Müssen wir wirklich sehen, wie Han und Chewie sich kennen lernen oder wie Han den Millenium Falken gewinnt? Was „Solo“ für mich zum zweitbesten Disney-Star-Wars-Film macht, ist der Umstand, dass hier tatsächlich eine Geschichte erzählt wird. Das größte Manko, für mich persönlich aber auch gleichzeitig ein Vorteil, ist, dass es sich dabei nicht um Han Solos Geschichte handelt. Sicher, die oben erwähnten Stationen, die Begegnung mit Chewie, der Kessel Run, Han gewinnt den Falken etc., sind alle da. Dennoch ist es nicht zwingend Hans Geschichte, die der Film erzählt, sondern eher die von Qi’ra, Beckett und Dryden Vos. Han stolpert eher zufällig hinein und ist nicht wirklich nötig. Von diesem Umstand einmal abgesehen ist „Solo“ schlicht ein verdammt kurzweiliger und unterhaltsamer Gangster-Western im Star-Wars-Universum, der sich ein wenig anfühlt wie die Lektüre eines Legends-Romans, inklusive diverser Anspielungen, Querverweise und Gatsauftritte, die beim „Normalzuschauer“ eher für Stirnrunzeln sorgen.

Die Probleme hinter den Kulissen sind an „Solo“ freilich nicht spurlos vorbeigegangen, hin und wieder tauchen Diskrepanzen auf. Dennoch gelingt es diesem Film, eine Balance zwischen interessantem Konzept und kompetenter Umsetzung (wenn man davon absieht, dass die Farbpalette deutlich zu dunkel ist) zu finden, sofern man das zugrundeliegende Konzept als „Gangster-Western im Star-Wars-Universum“ und nicht als „Han-Solo-Origin“ wahrnimmt. Ron Howard ist ein solider Handwerker, dem sowohl George Lucas‘ Vision und Wille zur Innovation als auch seine erheblichen Mankos fehlen. Da ich durch die Probleme hinter der Kamera und Gleichgültigkeit gegenüber Hans Hintergründen keine Erwartungen an diesen Film hatte, hat mich „Solo“ sehr angenehm überrascht – ich mag die neuen Figuren, das World Building und die Schauplätze und finde den Umstand, dass es hier, anders als bei allen anderen Star-Wars-Filmen, keinen eindeutigen Widersacher gibt, sehr erfrischend.

Platz 5: A New Hope

„A New Hope“ ist zweifelsohne der wichtigste Star-Wars-Film und hat im Herzen vieler Fans einen besonderen Platz. Auch in meine Top 5 hat er es geschafft – aber eben auch nicht weiter nach vorn, findet er sich doch bei vielen anderen Rankings auf einem der ersten drei Plätze. Während die meisten anderen Filme, selbst einige, die ich weiter vorne platziert habe, über eklatante Schwächen verfügen, ist „A New Hope“ ein sehr ausgewogener Film, der lediglich nicht besonders gut gealtert ist. Er teilt das Schicksal anderer Vorreiter auf ihren Gebieten: Was einmal revolutionär und nie dagewesen war, haben andere Filme in der Zwischenzeit so viel besser gemacht. In mancher Hinsicht wirkt dieser Vorreiter etwas bieder, die Geschichte, die er erzählt, ist gemessen an späteren Vertretern des Franchise,  recht klein. Es ist eigentlich unfair, Episode IV das vorzuwerfen; ohne die Grundlagen, die „A New Hope“ gelegt hat, hätten spätere Filme nicht auf ihnen aufbauen können. Ansonsten ist Episode IV gewissermaßen ein filmisches Schulbuchbeispiel: Sehr ausgewogen, sehr klare Drei-Akt-Struktur, sehr klare Umsetzung von Campbells Heldenreise. Gewisse Lucas-typische Schwächen zeigen sich bereits, fallen aber kaum ins Gewicht, weil der gute George hier, anders als bei den Prequels, nicht machen konnte, was er wollte, sondern stets zu Kompromissen gezwungen war, und natürlich weil er ein äußerst fähiges Team mit dem Schnitt des Films beauftragte.

Platz 4: Rogue One

„Rogue One“ ist ein schönes Beispiel für einen Star-Wars-Film, der deutlich unebener ist und weitaus mehr strukturelle Schwächen hat als beispielsweise Episode IV oder VII. Auch hier sind primär die Probleme hinter den Kulissen schuld; mitunter bemerkt man die Nachdrehs sehr deutlich und gewisse Unebenheiten zwischen Schnittfassungen fallen ebenfalls auf. Das betrifft besonders den ersten Akt, der recht wildes und unübersichtliches Planeten-Hopping betreibt. Glücklicherweise ist „Rogue One“ ein Film, der mit jedem Akt besser wird, um sich dann in einem der fulminantesten Finales des Franchise zu entladen.

Des Öfteren werden bei „Rogue One“ darüber hinaus die Figuren als langweilig und uninteressant kritisiert, eine Kritik, die ich so allerdings nicht teile – die Figuren an sich sind in Ordnung, das Problem sind auch hier strukturelle Unebenheiten und unterschiedliche Schnittfassungen des Films, die nicht gut ineinandergreifen. Wenn Baze Malbus Jyn Erso am Ende „Good luck, little sister“ wünscht, kommt das fast aus dem Nichts, da die beiden während des Films kaum einmal ein Wort wechseln, das in einer früheren Version durchaus getan haben könnten. Ohnehin betrachte ich weder Jyn Erso noch Cassian Andor als Hauptfigur von „Rogue One“, denn die eigentliche Hauptfigur des Films ist die Rebellion an sich. Dieses Spin-off bemüht sich, ein breites Bild dieser Gruppierung in all ihren Facetten zu zeigen, von den gemäßigten und allseits bekannten Anführern wie Mon Mothma und Bail Organa über unfreiwillige oder zufällige Verbündete wie Chirrut Îmwe und Bodhi Rook bis hin zu den extremeren Elementen um General Draven und natürlich Fanatiker wie Saw Gerrera. Regisseur Gareth Edwards gelingt es, ein breites Spektrum an verschiedenen Rebellen zu zeigen und der Gruppierung ein deutlich breiter gefächertes Profil zu verleihen. Rein strukturell mag „The Force Awakens“ beispielsweise deutlich besser funktionieren, doch „Rogue One“ gelingt es dagegen mühelos, sich wie eine etwas grimmigere Version des Star-Wars-Universums anzufühlen, die dennoch hervorragend zum bereits Etablierten passt, während die Sequels oft nur erzwungene Wiederholung bieten.

Platz 3: Return of the Jedi

Episode VI ist zweifellos der unausgewogenste Film der OT mit einer Handlung, die sich zu stark an Episode IV anlehnt, einem ersten Akt, der vom Rest des Films bzw. der Handlung der gesamten Trilogie merkwürdig losgelöst ist und einem äußerst (eventuell sogar zu) komplexen, in drei Handlungsstränge aufgegliederten dritten Akt. Die Bodenschlacht auf dem Waldmond Endor funktioniert dabei nur bedingt – thematisch passt sie zwar gut zum im Franchise immer wieder auftauchenden Konflikt zwischen Technologie und Natur, aber die Ewoks sind einfach zu sehr darauf ausgelegt, Spielzeug zu verkaufen, zu unglaubwürdig erscheint ihr Sieg über das Imperium. Wenn „Return of the Jedi“ allerdings zur Hochform aufläuft, dann richtig. Besonders im dritten Akt liefert Episode VI einige der besten Szenen und Momente der OT, wenn nicht des gesamten Franchise, sei es das finale Duell zwischen Luke und Vader, jede Szene mit Ian McDiamirds Palpatine oder die gesamte Raumschlacht. „Return of the Jedi“ ist sicher kein perfektes, aber ein würdiges Finale der OT, an dem sich jedes der beiden anderen Gegenstücke messen muss. Eines hat es geschafft, Episode VI in meinen Augen zu übertreffen, das andere ist kläglich am Versuch gescheitert.

Platz 2: Revenge of the Sith

Es dürfte niemanden überraschen, dass Episode III in meinem Ranking so gut abschneidet, schließlich habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ich diesen Film liebe. „Revenge of the Sith“ erzählt in meinen Augen die größte und ambitionierteste Geschichte der Saga, wenn auch nicht immer konsequent und funktionierend. Anakins Entscheidungen sind nicht immer ganz nachvollziehbar, letzten Endes verfällt er der Dunklen Seite doch ein wenig abrupt und manche Dialoge, speziell wenn sie von Anakin und Padmé geführt werden, sind immer noch nah an der Schmerzgrenze. Trotzdem: Hier wird „Space Opera“ wörtlich genommen. George Lucas liefert eine große Tragödie, den Fall eines Helden, den Sturz der Republik, den Aufstieg des Imperiums. Als er diesen Film drehte, war er sich ziemlich sicher, dass es sein letzter Star-Wars-Film werden würde, und das merkt man auch, denn hier schöpft er noch einmal aus den Vollen, beginnt mit einer Raumschlacht, die die aus Episode VI vielleicht nicht übertrifft, aber doch zumindest nah an sie herankommt, und beendet das Ganze mit einem epischen Parallel-Duel sowie einigen der eindringlichsten visuellen Momente des Franchise. Und den Ian McDiamird-Faktor sollte man ebenfalls nicht unterschätzen. Bisher hat er in diesem Ranking keine Rolle gespielt, schließlich sind die Plätze 11 und 10 Filme, in denen er eine zwar untergeordnete, aber doch äußerst prominente Rolle spielt. Aber „Revenge of the Sith“ ist ohne Wenn und Aber Darth Sidious‘ Film, die große Bühne für Ian McDiamird – und McDiamird liefert. „Revenge of the Sith“ könnte man darüber hinaus als meinen Go-To-Star-Wars-Film bezeichnen – wann immer ich Lust auf eine Prise Star Wars habe, eine halbe Stunde in der weit, weit entfernten Galaxis, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit zur Episode-III-BluRay greifen. Gerade im Vergleich zu den Sequels möchte ich noch einmal feststellen: Ich ziehe einen Film, der eine gute Geschichte suboptimal erzählt einem Film vor, der eine nicht-Geschichte gut erzählt.

Platz 1: The Empire Strikes Back

Das wiederum ist nun wirklich keine kontroverse Wahl, Episode V gilt gemeinhin als bester Star-Wars-Film – und das aus gutem Grund. Nach Episode IV hätte man das Franchise auf viele Arten fortsetzen können. Lucas hätte auch eine James-Bond- oder Indiana-Jones-artige Filmserie daraus machen können; die Helden erleben in jedem Film ein neues, nur marginal mit dem letzten Teil verknüpftes Abenteuer. Stattdessen machte „The Empire Strikes Back“ Star Wars zur Saga. Wenn es einen Film des Franchise gibt, der an der Perfektion kratzt, dann ist es dieser. Irvin Kershners Leistung ist mit Abstand die beste Regie-Arbeit des Franchise, hier passt alles. Wo Richard Marquand bei „Return of the Jedi“ eher Erfüllungsgehilfe war, setzte Kershner Akzente, während Lucas sich primär darum kümmerte, ihm den Rücken freizuhalten. Und wo man bei jedem anderen Star-Wars-Film Abstriche machen muss, ist das bei „Empire“ schlicht nicht nötig. Episode V ist qualitativ und strukturell ähnlich konsistent wie Episode IV, aber auf einem deutlich höheren Niveau. Diese vielleicht beste aller Fortsetzungen nutzt den Umstand, dass es sich um ein Sequel handelt, vollständig aus und arbeitet sich in die Figuren und ihre Beziehungen deutlich stärker ein. Auf jeder Ebene wird es für die Charaktere persönlich – wo es zuvor nur eine vage Feindschaft zwischen Vader und den Helden gab, hat am Ende dieses Films jeder ein auf gewisse Weise fast schon intimes Verhältnis zu dem Sith-Lord. „The Empire Strikes Back“ ist, um es kurz zu machen, nach wie vor die Messlatte, an der jeder andere Star-Wars-Film gemessen wird. Dass es nach so vielen Jahren immer noch keiner geschafft hat, ihn zu übertreffen, ist wohl allein schon aussagekräftig genug.

Der Leuchtturm

Spoiler!
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Story: Ephraim Winslow (Robert Pattinson) ist der neue Gehilfe des Leuchtturmwärters Tom Wake (Willem Dafoe). Die beiden treten gemeinsam eine Vierwochenschicht auf dem Leuchtturm einer kleinen Felseninsel in Maine an, während der sie von der Außenwelt völlig isoliert sind. Wake erweist sich dabei als äußerst herrisch und lässt seinen Gehilfen nur niedere arbeiten verrichten. Am Ende der Schicht zieht ein Sturm auf, der verhindert, dass die beiden Leuchtturmwächter abgelöst werden. Die harte Arbeit und die Einsamkeit hinterlässt ihre Spuren an Winslow, immer öfter hat er seltsame Wahnvorstellungen, und auch Wake scheint geistig nicht mehr völlig beisammen zu sein…

Kritik: Bereits mit seinem Debütfilm „The Witch“ hat Robert Eggers es geschafft, als außergewöhnliche und individuelle Stimme im Horror-Genre wahrgenommen zu werden, ein Status, den er mit seinem zweiten Film nun unterstreicht. Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen lassen sich nicht leugnen: Sowohl bei „The Witch“ als auch bei „Der Leuchtturm“ handelt es sich um Horrorfilme in historischem Setting, das vom Regisseur mit großem Aufwand so genau und authentisch wie möglich rekonstruiert wurde. Die Handlung beider Filme spielt in einem sehr beschränkten, fast schon klaustrophobischen Setting und in beiden Filmen müssen die Protagonisten mit stärker werdendem Wahnsinn kämpfen. Und schließlich kommen in beiden Filmen subtile übernatürliche Elemente vor, die jedoch vielleicht nur besagtem Wahnsinn entspringen.

Visuell unterscheidet sich „Der Leuchtturm“ allerdings stark von Eggers‘ Erstling. Gedreht wurde der Film mit einer altmodischen Kamera im fast quadratischen 1,19:1-Seitenverhältnis und in Schwarzweiß, was sehr stummfilmhaft anmutet und die ohnehin starke Klaustrophobie des Settings noch einmal deutlich unterstreicht. Manchmal erinnert die Bildkomposition und der teils symmetrische Aufbau ein wenig an Wes Anderson – allerdings einen Wes Anderson, der in ein tiefes, schwarzes Depressionsloch gefallen ist. Trotz der „Stummfilmhaftigkeit“ spielt die Tonspur, sowohl die Sprache als auch die Soundeffekte und der enervierende Score von Mark Korven, eine essentielle Rolle – man fühlt regelrecht, wie der Wahnsinn von den beiden Protagonisten Besitz ergreift, die bedrückende Atmosphäre ist allgegenwärtig. Nicht weniger beeindruckend als die Bildsprache und die Tonspur ist die Leistung der beiden Darsteller. Willem Dafoe und Robert Pattinson, vor allem Letzterer, spielen sich wirklich die Seele aus dem Leib und gehen mit ihrer Performance ins psychische und physische Extrem. Der langsam Verfall der beiden Figuren wirkt absolut authentisch und glaubhaft.

Wie nach „The Witch“ nicht anders zu erwarten ist die Handlung recht doppelbödig. Ein zentrales Element ist die Sage um Prometheus, der den Göttern das Feuer stiehlt und es den Menschen bringt – man könnte hier beinahe vom roten Faden des Films sprechen. Bereits zu Anfang macht Wake klar, dass nur er sich um das Licht kümmert, während Winslow sich mit Handlangertätigkeiten begnügen muss. Im Verlauf der Handlung verlangt es Winslow immer stärker danach, ebenfalls „das Licht zu sehen“, während Wake es eifersüchtig hütet und ein, vorsichtig ausgedrückt, romantisches Verhältnis zu ihm zu haben scheint. Der endgültige Bruch zwischen den beiden Wächtern erfolgt über das Licht. Am Ende gelingt es Winslow, das Licht zu sehen bzw. es zu stehlen, um beim Mythos zu bleiben, nur um dann genau wie Prometheus zu enden: Allein auf einem Felsen, während ein Vogel (hier eine Möwe) genüsslich seine Gedärme verspeist.

Weitere Inspiration zieht Eggers aus dem Bereich der „Weird Fiction“, in deren Tradition er „Der Leuchtturm“ sieht. In einem Interview nennt er Autoren wie M. R. James, Edgar Allan Poe und natürlich H. P. Lovecraft als Inspiration. Schon bei „The Witch“ wurde ich immer wieder an Lovecrafts „The Dreams in the Witch House“ erinnert, was primär daran lag, das Eggers und Lovecraft sich ähnlicher Quellen bedienten, auch wenn sie die daraus entnommenen Elemente sehr unterschiedlich umsetzten. In „Der Leuchtturm“ sind die Parallelen ungleich stärker. Die kleine Figur, die Winslow zu Beginn findet und zu der er ein ungesundes Verhältnis aufbaut, erinnert ein wenig an die Rolle der Figur in „The Temple“, die Halluzinationen von Tentakeln, eher unappetitlichen Meerjungfrauen und Geschlechtsverkehr mit diesen verweist auf „The Shadow over Innsmouth“ und „das Licht“ selbst bleibt eine unverständliche Präsenz, wir erfahren nie, was Winslow genau sieht, als er ins Licht blickt, nur, dass es ihn endgültig zerstört – das ist quasi der Inbegriff kosmischen Schreckens.

Fazit: „Der Leuchtturm“ knüpft stilistisch und qualitativ an Robert Eggers‘ Erstling „The Witch“ an – ein gelungener, außergewöhnlicher und handwerklich ebenso wie schauspielerisch beeindruckender Horrorfilm, der auf plakative Genreklischees verzichtet und den Zuschauer stattdessen auf eine alptraumhafte Reise in den Wahnsinn mitnimmt.

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Siehe auch:
The Witch
Score-Analyse
Interview mit Robert Eggers

Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension

Volle Ladung Spoiler!
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Da ist es also, das Ende einer Ära, der Abschluss der Skywalker-Saga, der neunte Film der Heptalogie, der angeblich alle Fäden der Original-Trilogie, der Prequels und der Sequels aufgreifen und zusammenführen soll. Wenn ich ihn mit einem Wort beschreibend müsste, wäre es „bieder“; sowohl bieder in der Art und Weise, wie die Handlung verläuft als auch, mehr noch als „The Force Awakens“, anbiedernd. Im Grunde ist „The Rise of Skywalker“ das Star-Wars-Gegenstück zu Warners „Justice League“: Der Versuch einer Franchise-Korrektur mit der Brechstange und als solcher ein zutiefst unwürdiger Abschluss dieser Filmreihe.

Handlung
Kylo Ren (Adam Driver) ist nach wie vor der Anführer der Ersten Ordnung, doch er fühlt sich bedroht, denn wie es scheint, ist Imperator Palpatine (Ian McDiamird) zurück. Ren spürt ihn schließlich auch auf dem Planeten Exegol auf, wo der Anführer der Ersten Ordnung tatsächlich auf den Sith-Lord trifft, der ihm noch größere Macht und eine geheime Flotte verspricht, wenn er es schafft, Rey (Daisy Ridley) zu töten. Diese trainiert derweil unter General Leia (Carrie Fisher), um ihre Fähigkeiten zu verfeinern. Der Widerstand erfährt schließlich auch von Palpatines Rückkehr. Gemeinsam mit Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega), Chewbacca (Joonas Suotamo), C-3PO (Anthony Daniels) und BB8 (as himself) macht sie sich auf, alte Sith-Artefakte zu finden, die ihren den Weg zum Imperator weisen, damit dieser die Galaxis nicht ein weiteres Mal mit Tod und Zerstörung überziehen kann. Sie hetzen durch die Galaxis, treffen dabei alte Verbündete der Rebellion wie Lando Calrissian (Billy Dee Williams) und neue Kameraden wie Jannah (Naomi Ackie) oder Zorri Bliss (Keri Russel). Im Verlauf dieses Abenteuers hat Rey immer wieder Visionen, setzt einmal „aus Versehen“ Machtblitze ein und erfährt schließlich, dass sie tatsächlich Palpatines Enkelin ist. In den Trümmern des Zweiten Todessterns, wo sich der letzte Hinweis auf Palpatines‘ Verbleib verbirgt, kommt es schließlich auch zum finalen Zusammentreffen zwischen Rey und Kylo Ren, bei dem sich entscheidet, wer auf welcher Seite steht…

Konzeption und Struktur: Korrektur mit der Brechstange
Bereits vor einiger Zeit verfasste ich einen ausführlichen Artikel über die Konzeption der Sequel-Trilogie. Die Essenz: Die Sequels folgen keinem erzählerischen Konzept, sondern sind reaktionär; jeder Film stellt eine Antithese zum Vorgänger dar. „The Force Awakens“ ist die Antithese zu den Prequels, „The Last Jedi“ ist die Antithese zu Episode VII und – immerhin diesbezüglich bleibt sich Disney treu – „The Rise of Skywalker“ ist die Antithese zu Episode VIII. Hier zeigt sich noch einmal das ganze Ausmaß an Planlosigkeit, mit dem Disney an die Sequels heranging, denn nun haben wir eine Trilogie, in der die beiden Regisseure konsequent gegeneinander arbeiten. Während J. J. Abrams in Interviews das übliche PR-Gesäusel von sich gab, ist doch ziemlich klar, dass viele Handlungselemente seines zweiten Star-Wars-Films ein Mittelfinger in Richtung Rian Johnson darstellen. Abrams zahlt es seinem Vorgänger mit gleicher Münze heim und negiert nonchalant dessen Entscheidungen. Ich bin inzwischen zu der Meinung gelang, dass Abrams nach „The Force Awakens“ durchaus Ideen für Episode VIII und IX hatte, die Johnson allerdings konsequent ignorierte. Mit „The Rise of Skywalker“ versucht Abrams nun, Stoff für zwei Filme in einem unterzubringen. Besonders der Anfang ist mit Exposition vollgestopft, die Handlung hüpft von Planet zu Planet und der Zuschauer wird mit Sachverhalten regelrecht beworfen. Gleichzeitig werden viele Elemente aus „The Last Jedi“ ignoriert (soweit möglich) oder geretcont, sodass Johnsons Film im Gefüge dieser Trilogie größtenteils obsolet wird.

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Von links nach rechts: Chewbacca (Joonas Suotamo), BB8, Dio, C-3P0 (Anthony Daniels), Rey (Daisy Ridley), Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega)

Die ersten beiden Akte von „The Rise of Skywalker“ stellen den Abenteuer-Aspekt von Star Wars in den Vordergrund. In fast schon Indiana-Jones-artiger Manier jagen Rey und Co. hinter diversen MacGuffins her, was immer wieder zu Konfrontationen mit der Ersten Ordnung führt. Ich denke, diese Jagd hätte eigentlich in Episode VIII stattfinden sollen. In „The Force Awakens“ etablierte Abrams Rey, Finn und Poe als „neues Trio“, fand aber vor lauter Fanservice nicht mehr die Zeit, sie als Team interagieren zu lassen, was Johnson ebenso unterließ – Rey und Poe treffen sich das erste Mal am Ende von „The Last Jedi“. In Episode IX erfolgt nun endlich die Teambildung. Und tatsächlich – im Grunde sind diese Aspekte von „The Rise of Skywalker“ nicht übel. Abrams verstand es schon immer, gute Chemie zwischen seinen Schauspielern zu erzeugen – nach wie vor einer der Hauptgründe, weshalb sein Star-Trek-Reboot so unterhaltsam war. Dennoch kommt die Team-Dynamik zu spät und muss auch noch mit den diversen anderen Handlungsschwerpunkten konkurrieren, primär dem Verhältnis zwischen Rey und Kylo Ren, die nach wie vor per Force-Skype kommunizieren.

Ich persönlich denke nicht, dass Palpatines Rückkehr in irgendeiner Form von Anfang an vorgesehen war – sie wird in keinster Weise in den Episoden VII oder VIII angedeutet und zumindest Colin Trevorrow, der ja immerhin ursprünglich bei Episode IX Regie führen sollte, wusste nichts davon. Viel eher scheint Palpatine eine Notlösung zu sein und die Rolle auszufüllen, die Snoke in einer hypothetischen Abrams-Trilogie innegehabt hätte; vielleicht wäre er tatsächlich Darth Plagueis gewesen, vielleicht hätte ihn auch ein anderes uraltes Geheimnis der Dunklen Seite umgeben. Da Kylo Ren nun einmal nicht zum Oberschurken taugt und ihn nach seinen vielen Niederlagen niemand als solchen ernst nehmen würde, musste eben der gute alte Darth Sidious noch einmal herhalten.

Wie auch immer, letztendlich sind das alles Spekulationen, die finale Schuld am Scheitern dieses Films und der gesamten Sequel-Trilogie liegt weder bei Abrams noch bei Johnson, sondern bei Disney, da der Konzern es überhaupt erst ermöglicht hat. Abrams hatte wirklich eine undankbare Aufgabe, da Rian Johnson ihm kaum etwas Brauchbares hinterlassen hatte, um diese Trilogie abzuschließen und er zugleich versuchen sollte, der Kritik an „The Last Jedi“ zu begegnen. Leider machten es sich Abrams und Co-Drehbuchautor Chris Terrio (der seinerseits bereits an „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Justice League“ beteiligt war und damit schon ausreichend Erfahrung im Franchise-gegen-die-Wand-fahren sammeln konnte), viel zu leicht und versuchten den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, in dem sie die beliebtesten bzw. abgeschmacktesten Fan-Theorien in ihre Handlung einbauten. Das sorgt dafür, dass der Plotverlauf selbst dann extrem vorhersehbar ist, wenn man sich von den ganzen Leaks ferngehalten hat.

Die alte Nemesis: Plot Convinience
Es ist immer eine Herausforderung für Autoren, den Plot und die Figuren dorthin zu bringen, wo man sie haben möchte. Abrams hatte in seinen Filmen diesbezüglich schon immer gewisse Probleme: Kirk wird in „Star Trek“ ganz zufällig auf dem Planeten ausgesetzt, auf dem sich momentan nicht nur Scotty, sondern auch Spock senior befinden. Auch in Star Wars nimmt das immer wieder problematisch Ausmaße an (besonders in Episode II), aber dieses Franchise hat immerhin eine bessere Ausrede als so manch anderes Werk: Es ist der Wille der Macht, dass sich bestimmte Figuren begegnen oder zu einem gewissen Zeitpunkt an einem gewissen Ort aufhalten. Mehr als ein SW-Autor hat diesen Umstand mal mehr, mal weniger clever zu nutzen gewusst. Aber irgendwann ist der Bogen einfach überspannt. Für mich war er das schon in „The Last Jedi“, aber „The Rise of Skywalker“ setzt da noch einmal ordentlich einen drauf. Abrams und Terrio legen hier wirklich beachtliche handlungstechnische Verrenkungen hin und stolpern dabei über ihre eigenen Plottwists. Vieles wird lediglich in Halbsätzen kurz angedeutet oder schlicht übergangen. Woher kommt Snoke? Aus dem Reagenzglas, offenbar gibt es noch mehr von der Sorte. Die Ritter von Ren? Sind einfach da und machen nicht viel. Banaler hätte man diese Aspekte kaum auflösen können.

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Kylo Ren alias Ben Solo (Adam Driver)

Das Elend beginnt bereits beim ersten Satz des Opening Crawl: „The dead speak! The galaxy has heard a mysterious broadcast, a threat of REVENGE in the sinister voice of the late EMPEROR PALPATINE.” Ich hatte erwartet, dass die Rückkehr des Imperators etwas ist, das die Figuren entdecken müssen, aber nein, dieser Teil wird direkt übersprungen, alle wissen von Anfang an, dass Palpatine zurück ist, einfach um Filmzeit zu sparen. Bereits hier beginnt die Handlung auseinanderzufallen. Die gesamte Schnitzeljagd ist zwar der unterhaltsamste Teil des Films, da die besuchten Planeten immerhin interessanter sind als die Welten der bisherigen beiden Sequels, aber auch hier fragt man sich: Wozu, wer hat die ganzen Hinweise versteckt, wie kommt eine Nachricht auf einen uralten Sith-Dolch, den man dann in einem bestimmten Winkel vor die Todessterntrümmer halten muss, um das Rätsel zu lösen – Todessterntrümmer wohlgemerkt, die an dieser Stelle noch nicht allzu lange herumliegen? Hat Palpatine Snoke durch die Galaxis geschickt, damit dieser Hinweise verteilt, für den Fall, dass seine Enkelin irgendwann einmal zu ihm kommen muss? „The Rise of Skywalker“ hat keine Plotlöcher, das sind Plotkrater, durch die man mit einem Sternenzerstörer fliegen kann.

Die Figuren
Während der Widerstand am Ende von „The Last Jedi“ drastisch reduziert wurde, trifft das auf den eigentlichen Cast der Sequels nicht zu, sodass es bereits am Anfang von „The Rise of Skywalker“ eine ganze Reihe relevanter Figuren gibt, deren Zahl durch Neuzugänge und Rückkehrer noch weiter anwächst. Beginnen wir mit den Neulingen, primär sind das Keri Russel als Zorri Bliss und Naomie Ackie als Jannah, die beide als Unterstützung für die Helden fungieren, deren Auftauchen aber ebenso inkonsequent wie unnötig ist. Bei Zorri handelt es sich um eine alte Bekannte von Poe Dameron, die ihn aus früheren, zwielichtigeren Tagen kennt, während Letztere denselben Hintergrund hat wie Finn; sie ist eine Deserteurin der Ersten Ordnung. Beide Figuren hätten im Zusammenspiel mit Poe respektive Finn interessant sein können, aber sie haben so wenig Leinwandzeit und steuern so wenig zur Handlung bei, dass man sie wohl besser geschnitten hätte. Auch Billy Dee Williams‘ Rückkehr als Lando Calrissian ist kaum mehr als ein Fan-Service-Cameo. Etwas dankbarer ist die Rolle des Allegiant General Pryde auf der Seite der Ersten Ordnung, dargestellte von Richard E. Grant – endlich einmal ein wirklich kompetenter Befehlshaber der Ersten Ordnung. Ähnlich wie den Neuzugängen geht es vielen etablierten Figuren. Rose Tico (Kelly-Marie Tran) etwa, immerhin eine recht dominante Figur in „The Last Jedi“, hat, ähnlich wie Lando, kaum mehr als einen Cameo-Auftritt und auch General Hux (Domnhall Gleeson) ergeht es nicht viel besser – dieses Mal darf er aus Hass auf Kylo Ren für den Widerstand den Maulwurf spielen, nur um dann von Pryde, der sich nicht bescheißen lässt, erschossen zu werden – wie gesagt, mit Abstand der fähigste Offizier innerhalb der Ersten Ordnung.

Die Leia-Situation muss freilich noch gesondert angesprochen werden, bevor wir zu den Hauptfiguren kommen. Nach Carrie Fishers tragischem Tod stand man bei Disney natürlich vor einem Problem, da Episode IX eigentlich Leias Film hätte werden sollen, so wie Episode VII Hans und Episode VIII Lukes Film war. Idealerweise hätte man bereits im Zuge von „The Last Jedi“ reagiert, schließlich war noch ein Jahr Zeit, aber Rian Johnson und Kathleen Kennedy waren, sei es aus Pietät oder Sturheit, nicht gewillt, Leias Rolle abzuändern. Ihre Präsenz in „The Rise of Skywalker“ setzt sich primär aus Episode-VII-Szenen zusammen, die auf dem Boden des Schneideraums landeten. Dementsprechend hat sie, außer einem Grund für Kylo Rens Rückkehr zum Licht, nicht wirklich viel Substantielles zum Film beizutragen. Ich frage mich, wie ihre Rolle wohl auf jemanden wirkt, der im Vorfeld nicht weiß, dass die Szenen nicht für diesen Film gedreht wurden.

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Altes Dream-Team: Chewie (Joonas Suotamo) und Lando Calrissian (Billy Dee Williams)

Und nun zu den Kernfiguren. Lässt man Rey und Kylo Ren erst einmal außen vor, hat Poe Dameron noch die eindeutigste Entwicklung, da er nach Leias Tod in die Rolle des Anführers gedrängt wird. Auch das hätte ein interessanter Handlungsstrang werden können, wird aber in ein bis zwei kurzen Szenen abgearbeitet. Der Rest, Chewie, Finn, 3PO, sind mehr oder weniger nur als Anhängsel dabei. Allgemein fällt auf, dass in „The Rise of Skywalker“ die Dinge, die den Figuren passieren, allesamt völlig folgenlos bleiben. Finn begegnet weiteren desertierten Sturmtruppen – Abrams und Terrio machen nichts damit. 3POs Gedächtnis muss gelöscht werden – macht nichts, R2 hat während „The Force Awakens“ eine Notfallspeicherung vorgenommen. Chewie wird von Rey versehentlich getötet – natürlich hat er überlebt, was dem Zuschauer in der nächsten Szene mitgeteilt wird. Alles bleibt ohne Konsequenzen. Mehr noch, wegen des gehetzten Tempos im Film wird die emotionale Wirkung, die manche Szene hätte haben können, gnadenlos unterbunden, weil der Zuschauer schon wieder mit irgendetwas anderem bombardiert wird. „The Rise of Skywalker“ kommt kaum zur Ruhe, um wirkliche Charaktermomente zuzulassen. Um einmal „Revenge of the Sith“ zum Vergleich heranzuziehen: Auch die dritte Episode musste eine Menge leisten, Untergang der Republik und Jedi, Aufstieg des Imperiums, Anakins Fall zur Dunklen Seite usw., dennoch gelang es diesem Film, seinen Figuren etwas Raum zum „atmen“ zu geben. Ich will nicht behaupten, dass alle Charaktermomente funktionieren, aber wenn sie funktionieren, gehören sie mit zu den besten der Saga. Die Art und Weise, wie „The Rise of Skywalker“ strukturiert und geschnitten ist, hätte die Opern-Szene etwa kaum zugelassen.

Und schließlich: Rey und Kylo Ren/Ben Solo. Das Verhältnis zwischen diesen beiden kann man getrost als Herzstück der Sequel-Trilogie bezeichnen. Rey muss sich in diesem Film mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie Palpatines Enkelin ist – eine Fan-Theorie, die seit „The Force Awakens“ ihre Runden macht und schon damals reichlich dämlich war. Die Enthüllung, dass Rey ein „Niemand“ ist, war tatsächlich eines der Elemente, das mir in „The Last Jedi“ tatsächlich gefallen hat – mir sind in Star Wars sowieso schon zu viele Leute miteinander verwandt und verschwägert. Diese Enthüllung soll wohl Reys raschen Machtzuwachs erklären und befeuert zugleich den Plan des Imperators (dazu später mehr), wirft aber mehr Fragen und Probleme auf, als dadurch beantwortet und gelöst werden – ganz davon abgesehen, dass das alles fürchterlich erzwungen und plakativ daherkommt. Da wäre es noch besser gewesen, wenn Rey stattdessen eine spezielle Züchtung des Imperators, ein Sith-Experiment oder ähnliches gewesen wäre – damit hätte man eine interessante Geschichte erzählen können.

Kylo Ren tritt derweil ein weiteres Mal in die Fußstapfen seines Großvaters und kehrt am Ende des Films zur Hellen Seite zurück – dieses Mal nicht, um einen Todesfall in der Familie zu verhindern, sondern weil er bereits geschehen ist. Insgesamt ist Ben Solos Charakterentwicklung in diesem Film noch am überzeugendsten, was schlich an Adam Driver liegt und natürlich auch daran, dass diese Entwicklung die klarste ist – leider ist das nur verhaltenes Lob, denn wirklich gut ist sie nicht, nur besser als die anderen. Ein Ben Solo, der am Ende des Films für seine Taten wirklich geradestehen muss und durch den Tod nicht den „einfachen“ Ausweg bekommt, das wäre eine wirklich faszinierende Entwicklung gewesen.

Darth Sidious
Palpatine, der Imperator, Darth Sidious – nicht nur meine Lieblingsfigur in der Star-Wars-Saga, sondern wohl auch der Charakter, dem die Prequels nicht nur nicht geschadet haben, nein, er hat sogar von ihnen profitiert. In „Return of the Jedi“ entsprach er dem Archetypen des bösen Zauberers und Overlords. Zwar gewinnt er in den Episoden I bis III nicht wirklich an Tiefe und wird eine tragische oder gar nachvollziehbare Figur, aber er gewinnt an Facetten, wir sehen ihn als Meistermanipulator, der eine Demokratie stürzt und eine Diktatur errichtet. Obwohl die Rückkehr Imperator Palpatines in „The Rise of Skywalker“ nach Verzweiflung riecht, freute und freue ich mich, dass Ian McDiamird so noch einmal die Gelegenheit bekommt, in die ikonische Kutte zu schlüpfen. Unabhängig von allem anderen: McDiamird IST einfach Darth Sidious, so unausgegoren seine Rolle in diesem Film auch sein mag, ihm kann man definitiv keinen Vorwurf machen, mit dem, was man ihm gibt, stellt er das bestmögliche an und erfüllt jeden seiner Sätze mit abgrundtief böser Gravitas. Nun stellt sich die Frage, was Palpatine als neuer alter Oberschurke im Trilogie-Finale so anstellt. Wie sieht sein Masterplan dieses Mal aus? Leider entspricht er ganz dem Niveau der restlichen Handlung des Films: Zu Beginn lockt er Kylo Ren zu sich, zieht sich buchstäblich eine Flotte aus dem Arsch und beauftragt Kylo, Rey zu töten. Später erfahren wir allerdings, dass er Rey niemals tot sehen wollte, sondern das alles nur dazu diente, sie zu seinem Stützpunkt auf dem Sith-Planeten Exegol in den Unbekannten Regionen zu locken. Dort soll seine Enkelin ihn nach bester Sith-Tradition in all ihrem Hass niederstrecken und seinen Platz einnehmen, wobei sein Geist (sowie die Geister aller Sith (?), was auch immer es damit auf sich hat) dann auf sie übergeht. Nachdem Rey von dieser Idee allerdings nicht allzu begeistert ist, saugt Sidious die Energie aus der Machtverbindung zwischen Rey und Ben Solo, der inzwischen als Geläuterter ebenfalls zurückgekehrt ist, um so seinem leichenhaften Zustand zu entkommen und zu alter Macht zurückzukehren. Da hatte der Sith-Meister schon bessere Pläne.

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Rey (Daisy Ridley) und Kylo Ren (Adam Driver) kämpfen in den Trümmern des zweiten Todessterns

Ein weiteres Mal zeigt sich hier, wie wenig in den Sequels geplant war und mit welcher Nonchalance Abrams und Terrio einfach über offene Fragen hinweggehen. Tatsächlich erklärt der Film nicht, wie und warum Palpatine noch lebt… oder sagen wir besser, noch existiert, denn rein optisch befindet er sich die meiste Zeit über in einem ziemlich untoten Zustand. Der von Dominic Monaghan gespielte Resistance-Soldat Beaumont Kin erwähnt in einem Halbsatz Klone, was man wohl als Anspielung auf die Legends-Comicserie „Dark Empire“ aus den 90ern werten kann; in dieser kehrt Palpatines Geist in einem Klonkörper seiner selbst zurück und entfesselt erneut Tod und Verderben in der Galaxis – ganz ähnlich, wie er es in Episode IX tut. Es gibt tatsächlich einen Hinweis darauf, dass dem so sein könnte, denn Palpatine sieht zwar aus wie eine halb verweste Leiche, die Entstellung durch die Machtblitze, die von Mace Windus Lichtschwert auf ihn in „Revenge of the Sith“ zurückgeworfen wurden, ist jedoch nicht vorhanden. Merkwürdigerweise kehrt sie allerdings zurück, als Palpatine Kraft aus der Machtverbindung schöpft, was nicht allzu viel Sinn ergibt. Einer anderen Theorie zufolge, auf die ich in den Untiefen des Internets gestoßen bin, hat Palpatine auf dem Zweiten Todesstern eine Art Wurmloch geöffnet und ist nach Exegol entkommen; dieser Akt kostete ihn allerdings so viel Kraft, dass er Jahrzehnte brauchte, um sich halbwegs zu regenerieren. Wie dem auch sei, in einem weiteren Halbsatz wird, wie bereits erwähnt, auf höchst antiklimaktische Art und Weise eröffnet, dass Sidious hinter Snoke und damit auch hinter der Ersten Ordnung steht und Ben Solo wohl von Anfang an manipuliert hat, sowohl über Snoke (den er dann wohl ferngesteuert hat), als auch als Stimme von Vader. Auch sonst scheint mit alles um Sidious und seine Absichten recht schlecht durchdacht. Wer sind beispielsweise die ganzen vermummten Gestalten, die sich da in seinem Thronsaal herumtreiben?

Das vielleicht größte Problem bei der Sache: Abrams und Terrio wissen nicht so recht, was sie mit Palpatine anstellen sollen – die meiste Zeit über tut er das, was er auch schon in „Return of the Jedi“ tat: Er sitzt bzw. hängt rum, gibt hasserfüllten Dialog zum Besten und wirft mit Blitzen um sich. Ich bin nun wirklich kein Fan von „Star Wars Rebels“, aber diese Serie hat es geschafft, mit Sidious interessantere Dinge anzustellen als das Finale der Saga, und dort taucht der Imperator sogar fast ausschließlich als Hologramm auf. Warum präsentiert er sich Rey, die die ganze Sequel-Trilogie über verzweifelt nach Familie und Zugehörigkeit sucht, nicht als genau das und nimmt noch einmal die Gestalt des liebenswerten Großvaters an, in der er auch schon Anakin zur Dunklen Seite bekehrt hat? Dass sich Rey einem halb verwesten Leichnam nicht anschließt, kann man ihr kaum übelnehmen. Ohnehin hat man nie das Gefühl, Rey wäre auch nur eine Sekunde lange wirklich in Versuchung, sich der Dunklen Seite zu verschreiben – trotz Vision von Dark-Rey mit klappbarem Doppelklingenlichtschwert. Auch die Art und Weise, wie Palpatine letztendlich besiegt wird, wirkt unheimlich abgedroschen – schon wieder bekommt er seine eigenen Machtblitze ins Gesicht. Man fühlt sich an „Harry Potter and the Deathly Hallows“ erinnert, wo Voldemort zum widerholten Mal von seinem eigenen Todesfluch erwischt wird.

Fazit: Das Vermächtnis der Saga
Letztendlich ist das passiert, was ich vermutet habe: Die Sequel-Trilogie kann nun endgültig als gescheitert betrachtet werden, es gibt kein erzählerisches Konzept, nur ein Reagieren auf den vorherigen Film, jede Episode ist die Antithese zur vorangegangenen, die beiden verantwortlichen Regisseure arbeiten gegeneinander. Auf technischer bzw. formaler Ebene wissen gewisse Elemente, zumindest abseits des erratischen Schnitts, durchaus zu gefallen, Abrams versteht es, beeindruckende Bilder zu erzeugen, die gezeigten Planeten sind die interessantesten der Sequels und besonders die Sith-Welt Exegol und die Festung des Imperators sprechen mich ästhetisch durchaus an. Auch einige der Action Set-Pieces wissen zu gefallen, die Darsteller sind im Großen und Ganzen gut oder, im Fall von Adam Driver und Ian McDiamird, sehr gut, aber all das wiegt die Plot-, Figuren- und Konzeptionsprobleme nicht einmal ansatzweise auf. „The Rise of Skywalker“ ist ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners, der primär Fan-Theorien und bereits Dagewesenes neu aufwärmt.

Wie bereits erwähnt kündigte J. J. Abrams vollmundig an, hier die Fäden aller drei Trilogien zusammenzuführen – nach wie vor bleiben die Prequels allerdings das ungeliebte Stiefkind, das kaum berücksichtigt wird. Sidious zitiert sich das eine oder andere Mal selbst („The Dark Side of the Force is a pathway to many abilities some consider to be unnatural“, „Do it“), sein Sith-Erbe wird bemüht, ohne es allerdings tatsächlich mit Substanz zu füllen und am Ende, als Rey die Stimmen der toten Jedi hört, sind auch Anakin und sogar Ahsoka dabei (was freilich leicht untergeht), aber davon abgesehen bleiben die Prequels nach wie vor auf der Strecke. Die Idee des Gleichgewichts der Macht, die in „The Force Awakens“ und „The Last Jedi“ immerhin noch einmal angerissen wurde, wenn auch nur nebenbei, wird fast komplett fallengelassen, nur Anakins Machtgeiststimme erwähnt es noch und meint, Rey solle nun die Macht ins Gleichgewicht bringen, so wie er es getan hat. Da Sidious aber noch lebt, scheint das ja nicht der Fall zu sein – oder muss die Macht alle paar Jahrzehnte einfach neu justiert werden? Wie so oft hat man sich wohl auch über diesen Aspekt keine Gedanken gemacht, sondern wirft einfach nur ein Schlagwort in den Raum in der Hoffnung, das werde die Fans schon zufrieden stellen. Genau diese Einstellung ist der Grund, weshalb „The Rise of Skywalker“ als Finale der Skywalker-Saga mehr als nur ernüchternd ist. Im Internet schwirren dutzende an Fan-Idee herum, wie man dieses Finale hätte deutlich besser und runder gestalten können. Wo Disney schon die ganzen abgeschmackten Fan-Ideen eingebaut hat, warum nicht auch ein paar von den guten? Selbst als reines Finale dieser Trilogie funktioniert „The Rise of Skywalker“ nicht, weil eben mit Palpatines Rückkehr noch einmal ein völlig neues Fass aufgemacht wird. Hätte man sich bei Disney von Anfang an überlegt, welche Geschichte man mit dieser Trilogie eigentlich erzählen will und dazu einen gescheiten Fahrplan aufgestellt, hätte man sich einiges ersparen können.

 

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Der Goldene Handschuh

Halloween 2019
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Story: Im Hamburg der 70er-Jahre treibt der Serienmörder Fritz Honka (Jonas Dassler) sein Unwesen. Der entstellte Exzesstrinker verbringt seine Zeit zumeist in der heruntergekommenen Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“, wo er versucht, Frauen aufzureißen, um sie anschließend in seine heruntergekommene Wohnung mitzunehmen. Wenn sie ihm nicht gefügig sind, tötet und zerstückelt er sie. Honkas einzige Bezugsperson ist sein Bruder Siggi (Max Hosemann). Irgendwann versucht er, dem Suff und dem elenden Leben zu entkommen und nimmt einen Job als Nachtwächter an, doch alte Gewohnheiten legt man schwer ab…

Kritik: „Der Goldene Handschuh“ ist ein Serienmörderfilm, der sich den Konventionen dieses bzw. des Horror- und Thriller-Genres strikt verweigert, was zugleich Stärke und Schwäche ist. Fatih Akins Adaption des gleichnamigen, auf wahren Begebenheiten basierenden Romans von Heinz Strunk ist eine ebenso faszinierende wie unangenehme Angelegenheit, die auf der einen Ebene durchaus zu beeindruckend weiß, auf der anderen als Film aber nicht immer funktioniert.

Wirklich beeindruckend sind sowohl die Ausstattung als auch die Darsteller. Atmosphärisch ist dieser Film fast unübertroffen, man kann den Gestank von Honkas Wohnung beinahe riechen, die bedrückende, beinahe depressive Stimmung ist nahezu greifbar, die titelgebende Kneipe samt Gästen wirkt absolut authentisch. Auch die Leistung des Make-up-Teams ist beeindruckend; der durchaus ansehnliche Jonas Dassler wurde zu einem absolut glaubwürdigen Ebenbild des tatsächlichen Fritz Honka, und zudem wird ihm hier als Darsteller wirklich einiges abverlangt – Hut ab.

Strukturell ist „Der Goldene Handschuh“ als lose verknüpfte Folge von Ereignissen inszeniert – einen wirklich Spannungsbogen gibt es nicht. Wie bereits erwähnt verweigert sich Fatih Akin hier den konventionellen Strukturen. Die Wirkung und Aufklärung der Morde spielt keinerlei Rolle, ebenso verzichtet Akin mit einer Ausnahme auf Nebenhandlungen oder eine Außenperspektive. Auch gewährt er dem Zuschauer kein Verständnis, er erklärt nicht, er zeigt nur. Nur ein einziges Mal wirft er tatsächlich einen Blick in Honkas Kopf und zeigt eine Fantasie, die jedoch geradezu banal und deplatziert wirkt. In seinem Roman beleuchtet Heinz Strunk seine Hauptfigur, erläuterte ihren Werdegang und taucht in ihre Psyche ein, sodass man als Leser versteht, weshalb Honka mordet und wie er an diesen Punkt kam. Der Film dagegen beginnt kurz nach dem ersten Mord, der Zuschauer wird ohne Erläuterungen mitten in die Handlung geworfen. Das setzt sich den Film über fort, es passieren Dinge, dem Zuschauer wird aber kein Kontext geliefert, kein Einblick in das Wesen Fritz Honkas. Wer den Roman nicht gelesen oder sich nicht über den tatsächlichen Honka informiert hat, wird zum reinen Voyeu, der beobachtet, wie eine kaputte Existenz sich selbst und andere völlig zugrunde richtet.

All das, gepaart mit der Gewalt, macht „Der Goldene Handschuh“ zu einem äußerst unzugänglichen Film. Den Gewaltgrad kann man zwar nicht als exzessiv oder splatter-artig beschreiben, da Akin immer wieder wegschneidet oder die Sicht versperrt, aber sie ist sehr schmutzig, stets sexuell konnotiert und insgesamt sehr, sehr unangenehm, nicht zuletzt durch die stümperhafte Durchführung, die das Ganze äußerst grotesk erscheinen lassen. Das trifft zwar auch auf die Vorlage zu, diese ist allerdings thematisch deutlich stringenter gestaltet. Nicht nur zeichnet Strunk ein umfassendes Bild von Honka, er arbeitet auch mit Nebenfiguren aus der Oberschicht, die zum Teil nur marginal, zum Teil auch fast gar nicht mit der Haupthandlung verknüpft sind, aber das Thema des Verfalls, des Alkoholismus und der Misogynie unterstreichen. Alle thematischen und hintergründigen Aspekte gehen in dieser Verfilmung verloren.

Fazit: „Der Goldene Handschuh“ ist ein technisch ebenso kompetenter wie beeindruckender Film, der sich den Konventionen des Horror- bzw. Serienmörder-Genres verweigert, den Zuschauer aber zugleich zum reinen Voyeur macht und ihm keine Möglichkeit gibt, die Hauptfigur auch nur wirklich zu verstehen, weshalb man sich zu Fragen beginnt, welchen Zweck dieser Film, außer dem Zeigen einiger wirklich unangenehmer Gewalt- und Mordszenen, eigentlich hat.

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Joker – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Mir scheint, dass sich gerade ein Trend abzeichnet: Nach Venom hat sich mit dem Joker nun schon der zweite Superschurke, der als Antithese seines Helden gibt, in einem Solofilm als Box-Office-Hit erwiesen. Todd Phillips‘ Neuinterpretation des legendären Batman-Widersachers wurde von Anfang an mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Kann der Joker ohne Batman funktionieren? Brauchen wir einen Joker-Solofilm? Ist das nur ein Versuch von Warner, nach der desaströsen Reaktion auf „Batman v Superman: Dawn of Justice“, „Suicide Squad“ und „Justice League“ wieder an den Erfolg der Dark-Knight-Trilogie anzuschließen? Im Grunde lassen sich alle drei Fragen mit „ja“ beantworten. Den letzten Aspekt werde ich in dieser Rezension ausklammern, da ich über Warners Planlosigkeit bezüglich der DC-Figuren ohnehin schon genug geschrieben habe – stattdessen konzentrieren wir uns auf den Film.

Handlung
Wir schreiben das Jahr 1981: Gotham City ist eine völlig kaputte Stadt, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewalt und Armut regieren und der Müll stapelt sich in den Straßen. Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), ein Miet-Clown, der zusammen mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy) in einer heruntergekommenen Wohnung lebt, gehört zu den großen Verlierern. Er hat psychische Probleme, ist auf seine Medikamente angewiesen und leidet an einer Tourette-ähnlichen Krankheit, die ihn in Stresssituationen unkontrolliert lachen lässt. Seine größte Ambition ist es, Stand-up-Comedian zu werden. Nachdem er von randalierenden Jugendlichen verprügelt wird, gibt ihm einer seiner Kollegen gegen seinen Willen einen Revolver. Bei einem Auftritt als Clown in einem Kinderkrankenhaus fällt ihm die Waffe aus der Tasche, was zur Folge hat, dass er gefeuert wird. Anschließend auf dem Heimweg wird er abermals angegriffen, dieses Mal von drei Yuppies. Im Affekt erschießt Arthur zwei von ihnen, den dritten richtet er regelrecht hin. Diese Morde erwecken mediales Aufsehen und werden u.a. auch von Bürgermeisterkandidat Thomas Wayne (Brett Cullen) verurteilt, während sie Revolte inspirieren. Derweil bereiter sich Arthur auf seinen ersten Auftritt als Comedian vor, der aufgrund seines Leidens aber schiefgeht. Insgesamt läuft es immer schlechter für Arthur, seine Mutter erleidet einen Herzinfarkt, durch den er auf ein dunkles Geheimnis stößt, das mit Thomas Wayne zusammenhängt, während Arthurs Idol, der Talk-Master Murray Franklin (Robert DeNiro) sich über seinen Auftritt lustig macht. Als irgendwann alles zu viel wird und Arthur auch noch den Zugang zu seinen Medikamenten verliert, ergibt er sich zusehends dem Wahnsinn und verwandelt sich in eine neue, monströse Version seiner selbst…

Kontroverse
„Joker“ ist mal wieder einer dieser Filme, bei dem die Rezeptionsgeschichte mindestens genauso interessant ist wie die eigentliche Handlung. Nach anfänglichen Zweifeln wurde Phillips‘ Interpretation des „Clown Prince of Crime“ anfangs sehr positiv aufgenommen, die Resonanz auf die Trailer war überaus enthusiastisch und die Kritiker lobten den Film nach der Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig fast einhellig – sogar den Goldenen Löwen gewann er. Dann wurden jedoch andere Stimmen laut, die warnten, „Joker“ könne Gewalt inspirieren oder sei inhaltlich problematisch, weil er Gewalt bzw. gewalttätige weiße Männer glorifiziere; u.a. wurden Parallelen zum Amoklauf von Aurora gezogen. Viele Medien sprangen sofort auf diesen Zug auf und begannen, vor dem Film zu warnen – die meisten taten dies, ohne ihn vorher überhaupt gesehen zu haben. Spätestens nach der Sichtung ist mir persönlich klar, dass diese Reaktion nicht nur überzogen, sondern sogar völlig ungerechtfertigt ist. Auf mich wirkte es im Vorfeld, als versuchte man geradezu, einen Amoklauf in diesem Kontext zu provozieren. Was die problematische Natur angeht – ich kann diese Sichtweise absolut nicht nachvollziehen. Natürlich thematisiert „Joker“ Gewalt und das Abrutschen in eine extreme Geisteshaltung – es ist nun mal ein Film über den Joker. Auch gelingt es Todd Phillips und Joaquin Phoenix auf beeindruckende Weise, Mitgefühl und sogar ein gewisses Maß an Verständnis für Arthur Fleck zu wecken – was ein guter Film tun sollte. Das macht eine interessante Charakterentwicklung aus. An keiner Stelle wird Arthur Fleck jedoch glorifiziert, zum Antihelden erhoben oder tatsächlich, außerhalb der erzählten Welt des Films, zur Symbolfigur stilisiert. Natürlich kann man den Film und seine Botschaft falsch verstehen – es gibt schließlich auch genug Menschen, die „Starship Troopers“ (den Film, nicht den Roman) für faschistische Propaganda statt für eine Satire halten – aber dass man einen Film falsch verstehen könnte liegt nicht in der Verantwortung des Regisseurs.

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Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) versucht sich als Comedian

Auch die sonstigen Warnungen vor der Gewalttätigkeit oder „Härte“ des Films (Menschen, die das Kino verlassen weil sie es nicht aushalten etc.) halte ich für überzogen. Sicher, „Joker“ ist kein Feel-Good-Superheldenfilm, sondern zeigt eine dreckige, kaputte Welt, erreicht bezügliches der Verstörungsgrades aber kein neues Level – da gibt es wirklich noch andere, weitaus heftigere Filme. Dasselbe gilt für die Gewalt – es finden sich zwei, drei knackige, wenn auch kurze Gewaltspitzen, die jedoch weder glorifizierend noch voyeuristisch sind. Auch muss man durchaus gestehen, dass die ganzen Kontroversen dem Film in letzter Hinsicht wohl eher genutzt als geschadet haben, man sich also diesbezüglich fragen kann, inwiefern das alles möglicherweise vom Studio sogar noch befeuert wurde.

Was mir bei der Rezeption von Filmen im Allgemeinen und von „Joker“ im Besonderen gegen den Strich geht, ist diese übermäßige Politisierung. Damit meine ich nicht, dass Filme nicht politische Aussagen treffen können oder politische interpretiert werden, sondern diesen Zwang, jeden Film, von dem man vermutet, er könne nicht genau der eigenen Geisteshaltung entsprechen, pauschal abzuwerten. Damit einher geht scheinbar auch der Wunsch, gewalttätige, extreme oder schlicht, in Ermangelung eines besseren Wortes, „böse“ Menschen nicht mehr als auch nur ansatzweise nachvollziehbar darzustellen – denn genau das wurde bei „Joker“, wie bereits erwähnt, oftmals kritisiert. Mir scheint, die Fähigkeit, zwischen Sympathie bzw. Verständnis für und Akzeptanz bzw. Gutheißen einer bestimmten Tat oder Handlungsweise zu differenzieren, geht zunehmend verloren oder wird als „problematisch“ gebrandmarkt.

Is Society to Blame?
Ein Aspekt, der im Vorfeld heftig diskutiert wurde, war die Frage, ob es „die Gesellschaft“ ist, die Arthur Fleck dazu veranlasst, zum Joker zu werden. Die Trailer lassen diese Interpretation durchaus zu und ich muss zugeben, ich hätte es auch nicht allzu erfreulich gefunden, hätte Todd Phillips diesen Ansatz durchgezogen. Sein Vorhandensein kann man definitiv nicht leugnen, denn Arthur wird von Anfang an wirklich übel mitgespielt, was sich natürlich immer weiter steigert. Dennoch wird Arthur dadurch nicht freigesprochen. Ein durchaus bedeutsames Thema ist Verhältnismäßigkeit: Todd Phillips bemüht sich diesbezüglich, keine allzu einfachen Antworten zu geben, wie sich besonders am Beispiel von Murray Franklin und Thomas Wayne zeigt. „Joker“ hat keinen zentralen Antagonisten im herkömmlichen Sinne (es sei denn, man sieht Gotham City selbst an Widersacher), aber sowohl Murray Franklin als auch Thomas Wayne kommen dem am nächsten. Bei beiden Figuren versteht man, weshalb Arthur auf sie reagiert, wie er reagiert, in beiden Fällen werden die Figuren aber nicht einfach nur als komplette Arschlöcher dargestellt. Murray Franklin etwa macht sich über Arthur vor ganz Gotham lustig und lädt ihn dann zu allem Überfluss auch noch in seine Show ein, nur um ihn als wandelnde Pointe zu missbrauchen. Man versteht, dass Arthur sich zutiefst gedemütigt fühlt – wem würde das nicht so gehen? Dennoch ist seine Reaktion darauf natürlich absolut unverhältnismäßig. Derartiges tun Comedians und Showmaster auf dieselbe Art und Weise schließlich regelmäßig. Gerade am Ende zeigt Franklin dann auch, dass er durchaus sehr moralisch und seine Ansichten vehement vertritt.

Der Joker ist eine tragische Figur, der übel mitgespielt wird, eine Figur mit psychischen Problemen, aber das rechtfertigt nicht sein Handeln, das völlig unverhältnismäßig ausfällt. Das zeigt sich auch bei Thomas Wayne, der durchaus den einen oder anderen Charakterzug von Donald Trump aufweist und dessen eher negative Darstellung zumindest im filmischen Bereich ein Novum ist. Besonders in seinen Fernsehansprachen erscheint er sehr arrogant und abgehoben, gerade durch die Art und Weise, wie er die Proteste kommentiert. In der Szene, in der er mit Arthur persönlich interagiert, wird er dagegen als durchaus vernünftiger Mensch gezeigt. Ja, er verpasst Arthur einen Faustschlag, aber man muss bedenken, dass Arthur sich in dieser Szene auch nicht gerade rational verhält und sich zudem seinem Sohn auf höchst beunruhigende Art und Weise genähert hat, vom Würgen des Butlers gar nicht erst zu sprechen.

Bei all dem fällt auf, dass Phillips sich bzw. den Film nie eindeutig positioniert – etwas, das ebenfalls oftmals kritisiert wird bzw. dazu führt, dass er im zutiefst gespaltenen Amerika sofort „der anderen Seite“ zugerechnet oder pauschal und grundlos als rassistisch oder sexistisch abgestempelt wird, „weil halt“. „Joker“ zeichnet das Bild einer hoffnungslosen Welt, dieses Gotham ist, obwohl als höllischer Moloch nur oberflächlich definiert, auswegloser als alle bisherigen Inkarnationen dieser Stadt. Thomas Wayne kann Gotham ebenso wenig retten wie die Aufrührer, deren durchaus gerechtfertigter Protest rasch in ungerechtfertigte Gewalt gegen alles und jeden ausartet. Auch kommt das Thema „Verhältnismäßigkeit“ wieder zum Tragen. Ist die Gesellschaft Schuld an den Taten des Jokers? Ja, aber nicht in größerem Ausmaß als er selbst, der sich seinem Narzissmus am End völlig ergibt.

Send in the Clown
Selbst diejenigen, die „Joker“ nicht allzu gelungen finden, geben meistens zähneknirschend zu, dass Joaquin Pheonix‘ Darstellung grandios ist. Wie Phoenix in die Rolle des Arthur Fleck eintaucht, ist in höchstem Maße beeindruckend. Und damit meine ich noch nicht einmal den extremen Gewichtsverlust, sondern die Art und Weise, wie Phoenix diesen Charakter auf so umfassende Weise darstellt und wie er durch Körperhaltung und Bewegung die Wandlung seiner Figur ausdrückt. All das hätte allerdings umsonst sein können, wenn man die essentielle, zentrale Frage mit „Nein“ beantwortet: Ist Arthur Fleck der Joker oder ist er nur ein beliebiger Verrückter bzw. Mörder, dessen Film „Joker“ heißt, damit er sich besser verkauft? Wir haben hier freilich etwas, das es bisher kaum gab: Eine Entwicklung zum Joker. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film eine klar definierte Origin des Jokers zeigt – Tim Burton tat das schließlich in „Batman“ auch. Sein Joker entwickelt sich allerdings nicht – schon vor dem Säurebad ist Jack Napier ein übler Zeitgenosse, Gangster und Mörder. Er wird lediglich exzentrischer und arbeitet nun mit exaltierten Gimmicks. Selbst in Alan Mooers „The Killing Joke“ gibt es nicht wirklich eine Entwicklung. Bei Moore ist der Joker ein armer Comedian (gewisse Parallelen zu Arthur Fleck lassen sich nicht leugnen), der einen besonders schlechten Tag hat, bei einem missglückten Überfall, an dem er eigentlich nicht teilnehmen wollte, in einen Bottich mit Chemikalien fällt und als Joker wieder emporsteigt. Wenn es beim Joker in den Comics oder Filmen eine Entwicklung gibt, dann ist es die zu Batmans Antithese – dies wird etwa in der Graphic Novel „The Man Who Laughs“ oder dem Spiel „Batman: Arkham Origins“ geschildert.

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Murray Franklin (Robert DeNiro)

Arthur Fleck ist die erste Version der Figur, die sich langsam zum Joker entwickelt – und zumindest die erste filmische Interpretation, die tatsächlich mit massiven, psychischen Problemen zu kämpfen hat. Der Joker wird zwar immer als wahnsinnig abgestempelt, doch inwiefern er das tatsächlich ist, ist zumindest diskutabel. Mehr als ein Comic suggeriert, dass der Joker überhaupt nicht wahnsinnig ist – ein prominentes Beispiel ist die Kurzgeschichte „Case Study“, geschrieben von Paul Dini und schwarz-weiß bebildert von Alex Ross. Hier wird die Möglichkeit erörtert, dass der Joker nur wahnsinnig spielt, um einer tatsächlichen Strafe zu entgehen. In Grant Morrisons und Dave McKeans ebenso bahnbrechender wie verstörender Graphic Novel „Arkham Asylum: A Serious House on a Serious Earth“ wird der Zustand des Jokers gar als „hyper sanity“ bezeichnet – als jemand, der keine echte Persönlichkeit hat und sich jeden Tag neu erfindet, was u.a. die vielen verschiedenen Interpretationen, vom harmlosen Spaßmacher bis zum brutalen Mörder, erklären soll. In Film und Comics ist der Joker meistens zwar ein Soziopath, der ohne jegliche Schuldgefühle mordet und sich durch einen perversen Sinn für Humor auszeichnet, aber er hat selten oder nie mit denselben Symptomen wie Arthur Fleck zu kämpfen, seien es die Wahnvorstellungen, das Angewiesensein auf Medikamente, die depressiven Zustände oder das unfreiwillige Lachen in Stresssituationen, das an sich schon ein wirklich brillanter Einfall ist. Mehr noch, Arthur ist sozial völlig gehemmt; wann immer er im Film mit anderen Personen spricht, ahmt er deren Körpersprache unweigerlich nach. In einer Szene studiert er das Publikum einer Stand-up-Show, um herauszufinden, was witzig ist, wobei er konsequent an den falschen Stellen lacht. Er bewegt sich auch gehemmt, ist stets in sich versunken und hinkt leicht. Nur wenn er Clowns-Make-up angelegt hat, kann er sich frei bewegen. Das ist bereits zu Beginn des Films so, doch nach seiner Metamorphose am Ende wird die Freiheit, die er gewonnen hat, noch einmal wirklich deutlich. Sein bizarres Tanzen in triumphalen Momenten ist ein weiterer Ausdruck dieser seltenen mentalen Freiheit.

Selbst nach seinen ersten Morden ist die Verwandlung eine langsame, schleichende. Anders als in „The Killing Joke“ braucht es nicht nur „one bad day“ – es geht wirklich alles schief, was noch schief gehen kann. In dieser Hinsicht ist Phillips vielleicht zu plakativ – Arthurs Leben ist schon zu Beginn wirklich erbärmlich, und dann kommen zu den sonstigen externen Problemen auch noch die an Wahnvorstellungen leidende Mutter und der Missbrauch in der Kindheit hinzu, der wahrscheinlich für Arthurs mentalen Zustand verantwortlich ist; hier wäre etwas Subtilität möglicherweise besser gewesen.

Wie dem auch sei, kehren wir zur ursprünglichen Frage zurück: Ist bzw. wird Arthur Fleck tatsächlich zum Joker? Ja, aber erst ganz am Ende. Selbst, als er seinen ehemaligen Mitarbeiter mit einer Schere tötet, ist immer noch etwas von Arthur vorhanden. Es ist nicht aus der Welt, dass auch der Joker den kleinwüchsigen Ex-Kollegen am Leben lassen würde, aber nicht mit derselben Begründung. Bis kurz zum Schluss geht Arthur noch sehr gezielt gegen Menschen vor, die ihm persönlich übel mitgespielt haben. Ich denke, er realisiert zusammen mit dem Publikum, was er geworden ist, denn der ursprüngliche Plan ist, wie suggeriert wird, sich selbst vor laufender Kamera zu erschießen. Erst kurz oder während seines Auftritts beginnt Arthur zu begreifen, wie sehr er das Chaos genießt. Nach Murray Franklin haben seine weiteren Taten keine persönliche Note mehr, diejenigen, die ihm übel mitgespielt haben, hat er ermordet. Natürlich ist der Joker in den Comics oder anderen Filme über Rache nicht unbedingt erhaben, aber meistens sind seine Taten von einer Mischung aus Willkür und Grandeur gepaart, die letztendlich freilich von Batman abhängig ist.

Dennoch habe ich den tatsächlichen Joker schon vorher erkannt, und zwar in der U-Bahn-Szene, in der er die Polizisten durch geschicktes Manövrieren loswird – genau DAS ist der Joker wie wir ihn kennen und lieben. Der Joker dieses Films ist (noch) nicht das bösartige Genie, wie es bei anderen Inkarnationen der Figur der Fall ist. Aber genau in dieser Szene sieht man die ersten Ansätze.

Inspiration
Todd Phillips hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr „Joker“ von den Filmen Martin Scorseses – besonders von „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ – inspiriert ist – dementsprechend ist der Verlauf der Handlung wirklich nicht allzu überraschend. Gerade das Verhältnis zwischen Arthur Fleck und Murray Franklin erinnert natürlich stark an „The King of Comedy“, nicht zuletzt weil Robert DeNiro dieses Mal den Jerry Langford zu Arthur Flecks Robert Pupkin gibt. Auch Travis Bickles Entwicklung vom Einzelgänger zum Mörder findet sich in Arthur wieder. Ich denke zwar, man tut „Joker“ Unrecht, wenn man ihn als reine Mischung aus „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ abstempelt, aber völlig von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Auch sonst ist „Joker“ ästhetisch stark in einer vergangenen Filmepoche angesiedelt, wobei Phillips diesbezüglich Scorsese nicht einfach nur plump imitiert, sondern stattdessen handwerklich, besonders was die Kameraführung angeht, wirklich Meisterhaftes abliefert, dass man in dieser Ära nur noch selten zu Gesicht bekommt.

Was mich persönlich allerdings weitaus mehr interessiert ist die Frage, wie viel von den Batman-Comics tatsächlich in „Joker“ steckt, schließlich haben Todd Phillips und Joaquin Phoenix relativ deutlich gemacht, dass sie sich ihren Vorlagen nicht allzu verpflichtet fühlen. Einige Werke habe ich zu Vergleichszwecken ja schon herangezogen. Um Alan Moores und Brian Bollands „The Killing Joke“ kommt man einfach nicht herum, schließlich handelt es sich dabei um den Comic, der einer definitiven Origin-Story des Jokers am nächsten kommt – zumindest die Idee des Jokers als gescheiterter Comedian stammt aus dieser Graphic Novel. Viele der sonstigen Gegebenheiten finden sich natürlich nicht: Batman als „Schöpfer“ des Jokers, das Bad in der Säure etc. – ich denke, niemand hätte damit gerechnet, dass diese Elemente hier auftauchen. Dennoch ist „Joker“ auf faszinierende Weise mit Batmans Kosmos verknüpft.

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Sophie Dumont (Zazie Beetz)

Gerade die Konzeption Gotham Citys ist interessant. Gotham, hier noch stärker an New York City angelehnt als sonst, ist spätestens seit den 80ern eine völlig verkommene Stadt, in der es wenig oder keine Hoffnung für einen Großteil der Bevölkerung gibt – zumindest bis Batman auftaucht. Gewöhnlich liegt die Hauptverantwortung dafür beim organisierten Verbrechen – in Tim Burtons „Batman“ repräsentiert durch den von Jack Palance verkörperten Carl Grissom, während in der Dark-Knight-Trilogie, der Fernsehserie „Gotham“ und auch in den meisten Comics Carmine Falcone der oberste Mafiaboss ist. Gewöhnlich sorgt Batmans Auftauchen für eine Metamorphose des Verbrechens in Gotham, von gewöhnlicher (wenn auch übermächtiger) Mafia-Kriminalität hin zu durchgedrehten mörderischen Freaks – sowohl die Graphic Novel „Batman: The Long Halloween“ von Jeph Loeb und Tim Sale als auch Nolans „The Dark Knight“ thematisieren diesen Wandel. In „Joker“ findet sich eine faszinierende Abwandlung dieser Elemente. Das organisierte Verbrechen spielt hier keine Rolle, Gothams Probleme sind fast rein ökonomischer Natur, zumindest wird im Film nichts anderes behauptet. Die bedenkliche Situation der Stadt wird zwar eindrucksvoll durch Bilder und Symbolik vermittelt, er gibt den Zuschauern allerdings nur selten handfeste Informationen. Verbrechen werden hier nicht koordiniert begangen, sondern sind „nur“ isolierte Gewaltakte. Darüber hinaus findet der üblicherweise von Batman ausgelöste Wandel in „Joker“, ganz ähnlich wie in „Gotham“, deutlich früher statt und wird von den bzw. dem Schurken direkt ausgelöst. Das sorgt ironischerweise dafür, dass Arthur Fleck einiges mit den beiden Pseudo-Jokern Jerome und Jeremiah Valeska gemein hat: Sie alle treten ihre Metamorphose ohne Batmans Zutun an und inspirieren die Bevölkerung auf höchst negative Weise.

Auch die Wechselwirkung zwischen Batman und dem Joker greift Phillips auf. In „Batman“ war es ein junger Jack Napier, der Bruce‘ Eltern tötet, während Batman wiederum für den Fall besagten Jack Napiers in den Chemikalien-Bottich verantwortlich ist. In „The Dark Knight“ ist Batman das Produkt der Kriminalität Gothams, während der Joker ein indirektes Produkt von Batmans Kreuzzug ist. In „Joker“ nun tötet Arthur Fleck Thomas und Martha nicht persönlich, aber sie werden in den von ihm verursachten Unruhen von jemandem erschossen, der eine Clownsmaske trägt – abermals ist der Joker auf gewisse Art für den Tod der Waynes verantwortlich.

Schließlich hätten wir noch die Szene, in der Arthur in Murray Franklins Show auftritt. Diese erinnert, vielleicht unbeabsichtigt, an Frank Millers „The Dark Knight Returns“; dort findet ein ähnlicher Auftritt des Jokers in einer Talkshow statt, der damit endet, dass der Joker nicht nur den Moderator, sondern alle Anwesenden tötet.

Multiple Choice
„If I’m going to have a past, I prefer it to be multiple choice“ – kaum ein anderes Zitat hat den Joker so sehr definiert wie dieses aus Alan Moores „The Killing Joke“. Chris Nolan nahm es sich zu Herzen und ließ den Joker gleich zwei verschiedene Ursprungsgeschichten erzählen, ohne aufzuklären, ob eine der beiden wahr ist (wahrscheinlich nicht). Die Idee, dem Joker eine definitive Origin-Story zu verpassen, scheint dem entgegenzuwirken. Seit Tim Burton kam das nur noch selten vor – in den Comics und den meisten anderen Bat-bezogenen Medien ist der Name des Jokers nach wie vor unbekannt, auch wenn Jack Napier immer mal wieder auftaucht, etwa in „Batman: The Animated Series“ (wo es sich aber lediglich um einen Decknamen handelt) oder „Batman: „The White Knight“ (das ohnehin außerhalb der regulären Kontinuität spielt).

Dennoch arbeitet auch Todd Phillips auf mehr oder weniger subtile Art und Weise mit diesem Konzept von Alan Moore. Es gibt einige Szenen, die ganz offensichtlich in Arthurs Fantasie spielen, etwa sein Auftritt in Murray Franklins Show zu Beginn des Films, oder bei denen es sich schlicht um Wahnvorstellungen handelt wie die meisten Szenen mit Sophie Dumont (Zazie Beetz). Der Film macht das auch sehr deutlich. Andere Szenen sind da jedoch zweideutiger: Hat Arthur wirklich die Akten in Arkham eingesehen und seine Mutter anschließend erstickt? Hat er wirklich mit Thomas Wayne gesprochen? Wie üblich geistert auch die Theorie durchs Netz, Arthur habe die gesamte Handlung des Films nur halluziniert. Diese Idee wird immer wieder auf diverse Filme (oder Bücher) angewandt, die Harry-Potter-Serie ist ein prominentes Beispiel: Was, wenn Harry im Schrank unter der Treppe einfach nur wahnsinnig geworden ist? Ich mag diese Theorie nicht, weil sie immer auf dasselbe hinausläuft. Es besteht in „Joker“ aber durchaus die Möglichkeit, dass es sich bei der Handlung des Films um eine der möglichen Multiple-Choice-Vergangenheiten des Jokers handelt. Dafür spricht zum Beispiel die kurze Einstellung der ermordeten Waynes, die Arthur so nie zu Gesicht bekommen hat. Diese Tendenz ist zugleich Stärke als auch Schwäche des Films, sie ermöglicht eine Vielzahl an Interpretationen und tätigt, sollte sie zutreffen, eine interessante Aussage über Arthurs Narzismus: Er schiebt jegliche Schuld von sich und sucht konstant einen neuen Sündenbock, erst Thomas Wayne, dann seine Mutter. Anderseits wird „Joker“ dadurch beinahe zahmer und verhindert oft die letzte Konsequenz.

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Der Joker (Joaquin Phoenix)

Natürlich stellt sich nun die Frage, ob und wie es weitergeht. Einerseits funktioniert „Joker“ sehr gut als in sich geschlossener Film, der keine Fortsetzung braucht. Andererseits scheinen Todd Phillips und Joaquin Phoenix der Idee einer Fortsetzung nicht unbedingt abgeneigt – und angesichts des Einspielergebnisses hat Warner damit sicher auch keine Probleme. Wenn wir davon ausgehen, dass zumindest der größte Teil des Films nicht halluziniert ist, fehlt dem Joker momentan ein spezifischer Antrieb, schließlich sind Thomas Wayne und Murray Franklin tot. Diese spezifische Antrieb könnte Batman sein – alles ist dafür in die Wege geleitet. Schon im Kino musste ich an die Szene aus „The Dark Knight Returns“ denken, in der der Joker nach zehnjähriger Katatonie durch Batmans Rückkehr aus derselben erwacht – Batmans Auftauchen könnte einen ähnlichen Effekt auf Arthur haben. Allerdings ist fraglich, ob ein Batman in dieser Version von Gotham außerhalb der Andeutungen überhaupt existieren könnte. Außerdem hat Todd Phillips zu Protokoll geben, keinen Film mit Batman machen zu wollen, es müsste also etwas anderes geben, das Arthur dazu bringt, aus Arkham zu entkommen.

Fazit
„Joker“ muss im Grunde auf zwei Ebenen abschließend bewertet werden. Zum einen als „normaler“ Film – auf dieser Ebene ist Phillips‘ Werk zweifelsohne ein gelungener Thriller bzw. eine interessante Charakterstudie, die aber aufgrund ihrer Nähe zu den Scorsese-Vorbildern ein wenig zu vorhersehbar ist, was ein wirklich herausragender Joaquin Phoenix allerdings mehr als ausgleicht. Kein absolutes Meisterwerk, aber ein wirklich guter Film, der zurecht diskutiert wird. Auch der ebenso gelungene wie enervierende Score von Hildur Guðnadóttir sollte noch erwähnt werden, da er ein wichtiger Bestandteil ist und einen wichtigen Beitrag zur bedrückenden Stimmung des Films leistet. Eine ausführliche Besprechung findet sich hier beim Kollegen von Score Geek.

Als Superheldenfilm (im weitesten Sinne des Wortes) ist „Joker“ dagegen fast schon essentiell, da er an Filme wie „The Dark Knight“ und „Logan“ schön anknüpft und zeigt, was im Genre drinsteckt. So manch ein Kritiker bemerkte, dieser Film würde sich nicht wie eine Comicverfilmung anfühlen. Diese Aussage ist nachvollziehbar, wenn auch recht eindimensional, da „Comicverfilmung“ nicht gleich „Superheldenverfilmung“ ist (auch „Tamara Drewe“ ist eine Comicverfilmung) und es auch im Bereich der erweiterten Superheldencomics allerhand Werke gibt, die vom Standard ziemlich weit entfernt sind. Letztendlich ist „Joker“ natürlich ebenso wenig die definitive Origin bzw. Arthur Fleck die Identität des Jokers wie es Jack Napier in Burtons „Batman“ war. Für mich persönlich fühlt sich dieser Film an, wie eine Elseworlds-Geschichte, eine Version des Jokers, die unter dem Vertigo- oder DC-Black-Label erschienen sein könnte. Umso mehr freut mich der Erfolg dieses Films, denn er erweitert das Genre und könnte helfen, andere, von kreativen Filmemachern getrieben Visionen umzusetzen.

Trailer

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Aladdin

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Story: Dschafar (Marwan Kenzari), der Wesir des Sultans (Navid Negahban), will die Macht im Königreich Agrabah usurpieren. Zu diesem Zweck plant er, die mysteriöse Wunderlampe in seine Hände zu bekommen, doch nur ein „ungeschliffener Diamant“ kann sie aus der Wunderhöhle herausholen. Hierbei handelt es sich um den Straßenjungen Aladdin (Mena Massoud), der sich just in Prinzessin Jasmin (Naomi Scott), die Tochter des Sultans, verliebt hat. Unglücklicherweise kann nur ein Prinz die Prinzessin heiraten. So gelingt es Dschafar, Aladdin von seinen Vorhaben zu überzeugen, denn mit den Schätzen aus der Wunderhöhle kann alles möglich sein. Beim Erringen der Lampe geht jedoch alles schief, sodass Aladdin in der verschlossenen Höhle gefangen ist. Zum Glück wohnt in der Lampe ein Dschinni (Will Smith), mit dessen Hilfe Aladdin nicht nur aus der Höhle herauskommt, sondern auch zum Prinzen werden kann, um Jasmins Herz für sich zu erobern…

Kritik: Noch ein Remake eines Zeichentrickklassikers meiner Kindheit. Da die Vorzeichen bereits äußerst desaströs waren, habe ich diesen Film bewusst im Kino ausgelassen. Und was soll ich nach der Sichtung der BluRay sagen: Es ist genauso gekommen, wie ich es erwartet hatte. „Aladdin“ ist ein weiterer, ebenso seelenloser wie unnötiger Neuaufguss eines Animationsfilms, der dieses Medium nie hätte verlassen sollen.

Ironischerweise gehört das Element, das im Vorfeld für die größte Empörung sorgte, Will Smith als Dschinni, noch zu den gelungensten Bestandteilen. Die blaue CGI-Version des Schauspielers wirkt zwar irritierend (die Effekte lassen generell zu Wünschen übrig, wahrscheinlich hat „Der König der Löwen“ zu viele Ressourcen verschlungen), aber bei weitem nicht so schlimm wie im ersten Trailer, und davon abgesehen funktioniert Smith in der Rolle eigentlich ganz gut – kein Vergleich zu Robin Williams, aber das hat wohl auch niemand erwartet. Alles andere drumherum allerdings ist ziemlich misslungen.

Regisseur Guy Ritchie, der zusammen mit John August und Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, bekommt das merkwürdige Kunststück hin, ein Remake abzuliefern, das über eine halbe Stunde länger ist als das Original, sich aber trotzdem gehetzter und knapper anfühlt. „Aladdin“ hält sich nicht so sklavisch an die Vorlage wie John Favreaus „Der König der Löwen“ und versucht durchaus, Geschehnisse, an denen sich freilich kaum etwas ändert, immerhin etwas anders zu erzählen, was sich vor allem zu Beginn zeigt. Ritchie greift die ursprüngliche, dann aber verworfene Idee auf, dass es sich beim Erzähler um den Dschinni handelt, was zur Folge hat, dass das Remake ähnlich anfängt wie eine Folge von „How I Met Your Mother“. Im Folgenden hetzt Ritchie regelrecht durch den ersten Akt des Films, dessen Ereignisse hier merkwürdig verschachtelt wurden; Dschafars erster Besuch bei der Wunderhöhle wird in zwei Minuten kurz abgehandelt und One Jump Ahead wird mit Aladdins erster Begegnung mit Jasmin zusammengelegt. Ich vermute, Vorbild war Favreaus „Jungle Book“, in welchem der etwas behäbige Anfang des Originals ebenfalls zugunsten einer Eröffnung mit erhöhtem Tempo abgeändert wurde. Was in „The Jungle Book“ jedoch ganz gut funktioniert, sorgt in „Aladdin“ für massive Strukturschwächen, wo das Original perfekt ausbalanciert war.

Diese Strukturschwächen ziehen sich durch den gesamten Film und zeigen überdeutlich, wie unnötig dieses Remake ist: Ritchie versucht durchaus immer wieder, sich den Stoff zu Eigen zu machen, doch jede der Änderungen funktioniert schlechter als im Original und sorgt für weitere dramaturgische Probleme oder Logiklöcher. Anders als im Zeichentrickfilm wird beispielsweise nie erklärt, weshalb gerade Aladdin der „ungeschliffene Diamant“ ist, Dschafar schnappt ihn quasi grundlos und schleift ihn zur Wunderhöhle.

Diese Tendenz hat auch massive Auswirkungen auf das Finale. Der Showdown des Originals ist einer der besten aller Disney-Meisterwerke, enorm atmosphärisch und spannend, da er sich konstant steigert. Im Remake wurde die Szene, in der sich Dschafar in eine gewaltige Kobra verwandelt, durch eine Verfolgungsjagd mit einem riesigen Jago ersetzte. Die klaustrophobische Enge des Zeichentrickfilms geht dabei genauso verloren wie die Intensität und die atmosphärische Dichte.

Leider weiß „Aladdin“ auch auf schauspielerischer Ebene nicht zu überzeugen. Wie bereits erwähnt ist Will Smith diesbezüglich noch am besten bzw. am unterhaltsamsten. Mena Massoud hätte vielleicht einen brauchbaren Aladdin darstellen können, hätte ihm das Drehbuch nicht eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung auferlegt. In einigen Szenen versuchte er, der Aladdin des Zeichentrickfilms zu sein, der sich gekonnt aus der Klemme herausredet, in anderen ist er ein merkwürdig schüchterner Rom-Com-Protagonist, der keinen Ton herausbekommt. Gerade die Ball-Szene passt überhaupt nicht zur früheren Charakterisierung Aladdins und ist darüber hinaus zum Fremdschämen.

Auch mit Jasmin meint es das Drehbuch nicht allzu gut, da sie auf Teufel komm raus als unabhängige, starke Frau dargestellt wird. Nicht, dass es im Original diesbezüglich irgendwelche Probleme gegeben hätte, aber hier wird diese Charaktereigenschaft derart mit dem Holzhammer vermittelt, dass es an Plakativität nicht zu überbieten ist. Jasmin will sich hier nicht nur ihrem Schicksal als Prinzessin nicht fügen, sie will auch Sultan werden, weil – warum eigentlich? Wohl primär deshalb, weil man das als starke, unabhängige Frau wohl will. Auch hier kann man Naomi Scott eigentlich keinen Vorwurf machen, ich denke, sie hätte eine gute Jasmin spielen können, hätte das Drehbuch etwas getaugt.

Am schlimmsten hat es allerdings Dschafar getroffen. Nicht umsonst ist die Zeichentrickversion der Figur einer der beliebtesten Disney-Schurken: Dschafar ist offensichtlich böse, aber so verdammt unterhaltsam und charismatisch dabei, egal ob er in den der englischen Version von Jonathan Freeman oder in der deutschen von Joachim Kemmer gesprochen wird. Die von Marwan Kenzari dargestellte Interpretation dagegen ist, was ein Disney-Schurke niemals sein sollte: unscheinbar und langweilig. Die opulente Kleidung und der Kobrastab wollen schlicht nicht zu dieser zurückhaltenden Person passen. Wahrscheinlich hätte es besser funktioniert, hätte man sich an der Broadway-Adaption des Stoffes orientiert und einfach nochmal Jonathan Freeman angeheuert.

Leider sind auch die Songs durchweg schwächer als im Original. Es findet sich ein Neuzugang im Film, Jasmin bekommt mit Speechless ihr eigenes Lied, das stilistisch völlig fehlt am Platz wirkt, mit den restlichen Liedern und dem Score überhaupt nicht harmoniert und noch einmal vermitteln soll, wie stark und unabhängig sie ist. Kurz nach dem Lied wird sie gefangen genommen und muss von einem Mann gerettet werden.

Tatsächlich ist der einzige Aspekt, in dem das Remake das Original übertrifft, der Score. Wie schon bei Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ bekam Alan Menken abermals die Gelegenheit, denselben Film noch einmal zu vertonen, und abermals zeigt er, wie er sich seit den frühen 90ern als Komponist weiterentwickelt hat. Der Score des ursprünglichen „Aladdin“ war keinesfalls schlecht, aber, um die Diktion des Films zu bemühen, ein „ungeschliffener Diamant“. Was Orchestrierung und Verwendung der Song-Melodien als Leitmotive angeht, hat sich Menken enorm weiterentwickelt, sodass dieser Film immerhin eine minimale Existenzberechtigung hat.

Fazit: „Aladdin“ ist ein ebenso inspirationsloses wie unnötiges Remake des Zeichentrickklassikers, das entweder das Original schlecht reproduziert oder beim Versuch, eigene Akzente zu setzen, gnadenlos scheitert.

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