Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension

Volle Spoiler für das gesamte MCU!
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Nach dem Ende der dritten Phase des MCU war ich dieses Franchise betreffend ein wenig ausgebrannt – besonders, da sich „Avengers: Endgame“ als durchaus gelungener Abschluss erwies. Verstärkt wurde das durch die Pandemie, die weitere Filme wie „Black Widow“ deutlich nach hinten schob. Zudem sorgte Corona dafür, dass sich der Fokus stärker auf die Disney-Plus-Serien verlegte, die ich auch tatsächlich alle gesehen habe. Ich fand sie durchweg entweder ziemlich gelungen oder doch zumindest kurzweilig genug, um sie bis zum Ende anzusehen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich kein Bedürfnis, über sie schreiben. Mit „Spider-Man: No Way Home“ kommt nun allerdings der erste Phase-4-Film, der eine bereits zuvor begonnene Filmreihe fortsetzt – angesichts der Prämisse der Handlung war ich deshalb auch der Meinung, dass sich ein Kinobesuch hier lohnt. Um es kurz zu machen: „Spider-Man: No Way Home“ hat durchaus seine Probleme, die angesichts der Konzeption der Handlung eigentlich schon absehbar waren, im Großen und Ganzen ist der dritte MCU-Spider-Man aber ziemlich gelungen und auf emotionaler Ebene vielleicht sogar der stärkste der Trilogie.

Handlung
Nachdem J. Jonah Jameson (J. K. Simmons) Spider-Mans Geheimidentität enthüllt hat, haben Peter Parker (Tom Holland) und seine Freunde MJ (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) massive Probleme mit ihrer Privatsphäre. Peter gibt sich unter anderem auch die Schuld daran, dass seine Freunde von allen Colleges nur Ablehnungen erhalten. In seiner Verzweiflung wendet sich Peter an Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Dieser schlägt vor, einen Zauber zu wirken, der alle Menschen vergessen lässt, dass Peter Parker Spider-Man ist. Doch der Zauber geht schief und öffnet die Pforten des Multiversums: Plötzlich tauchen Schurken auf, die Peter zwar noch nie getroffen hat, die aber ihrerseits nur allzu versessen darauf sind, Spider-Man zu töten. Der Grüne Kobold (Willem Dafoe), Doctor Octopus (Alfred Molina), Sandman (Thomas Haden Church), die Echse (Rhys Ifans) und Electro (Jamie Foxx) haben alle eine Rechnung mit Spider-Man offen, nur nicht unbedingt mit der Version, die sie antreffen. Chaos bricht aus und Peter muss versuchen, alle Schurken einzufangen, damit Doctor Strange sie zurückschicken kann. Doch reicht das aus? Anstatt die Schurken einfach nur zurück und damit in den fast sicheren Tod zu schicken – fast alle sterben im Kampf gegen anderen Versionen von Spider-Man – entschließt sich Peter, motiviert von seiner Tante May (Marisa Tomei), ihnen zu helfen, doch auch hier kommt es zu ebenso ungeahnten wie tragischen Folgen…

Multiversity
Bei der oben erwähnten Prämisse handelt es sich natürlich um das Vorhaben, die Schurken aus den beiden bisherigen, nicht im MCU verorteten Spider-Man-Filmreihen von Sam Raimi und Marc Webb zurückzubringen und hierfür das frisch etablierte Multiversum zu verwenden. Die Möglichkeit eines solchen wurde bereits in „Doctor Strange“ und „Avengers: Endgame“ angedeutet, bevor Marvel-Mastermind Kevin Feige es mehrfach anteaserte, ohne es tatsächlich durchzuziehen. Sowohl in „Spider-Man: Far From Home“ als auch in „WandaVision“ wurde mit dem Konzept gespielt, in beiden Fällen erwies es sich aber als geschickte Täuschung: Mysterio alias Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) behauptet zwar von sich, von einer anderen Erde des Multiversums zu stammen, erweist sich aber als Betrüger, was Spider-Man-Fans, die mit Mysterio aus den Comics vertraut sind, jedoch erwarteten. Der Auftritt des von Evan Peters gespielten Quicksilver der Fox-X-Men dagegen schien eine eindeutige Sprache zu sprechen, auch hier wurden die Zuschauer allerdings an der Nase herumgeführt, denn bei diesem Quicksilver handelt es sich um den eigentlich unbeteiligten Westview-Einwohner Ralph Bohner, der lediglich durch Wandas Chaosmagier zu Pietro Maximoff wird.

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MJ (Zendaya) und Spider-Man (Tom Holland)

Erst „Loki“ sorgte dafür, dass aus konzeptionellen Andeutungen „Realität“ wurde; die Serie führte Konzepte wie die „Time Variance Authority“ (TVA) und die „Sacred Timeline“ ein und zeigte zudem einige Alternativversionen von Loki (Tom Hiddleston), darunter Sylvie (Sophia Di Martino), Classic Loki (Richard E. Grant) und Alligator Loki. Die Animationsserie „Marvel’s What If…?“ schließlich machte sich (mal mehr, mal weniger gelungen) als erste daran, die Möglichkeit eines Multiversums zu erforschen, wählte dabei aber die bisherigen MCU-Filme als Ausgangspunkt – bei den Figuren handelte es sich stets um die MCU-Version in anderem Kontext. Im Gegensatz dazu bedient sich „Spider-Man: No Way Home“ vom MCU bislang völlig separierter Kontinuitäten. Im Vorfeld stellte sich freilich die Frage, wie sehr sich Feige, Regisseur Jon Watts und die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers auf die Inhalte der bisherigen Filme einlassen würden, schließlich könnten sie sich auch eines „Broad-Strokes-Ansatzes“ bedienen und alles verhältnismäßig vage halten – für diesen Ansatz entschied man sich immer wieder bei den X-Men-Filmen. Stattdessen beschlossen die Verantwortlichen jedoch, dass die Raimi- und Webb-Filme in ihren jeweiligen Universen genauso passiert sind, wie wir sie in Erinnerung haben. Mehr noch, Watts und sein Team haben es sich zum Anspruch gemacht, sowohl der Raimi- als auch der Webb-Serie einen angemessenen Abschluss zu verpassen.

Das ist nun freilich ein enormes Unterfangen, vielleicht nicht ganz auf dem Level von „Infinity War“ und „Endgame“, dem aber doch schon ziemlich nahe. Nebenbei sollte „No Way Home“ auch noch eine eigene Geschichte erzählen und die Handlung des MCU-Spider-Man sinnvoll weiterführen. Zumindest in Ansätzen könnte man von „No Way Home“ durchaus als Realfilmversion von „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ sprechen, ironischerweise hatte es besagter Animationsfilm von Sony sowohl leichter als auch schwerer. Leichter, da ihm als Animationsfilm ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen und schwerer, da er eine ganze Reihe an neuen Figuren bzw. Versionen von Spider-Man etablieren muss, die dem Nichtcomicleser völlig unbekannt sind, von Miles Morales (Shameik Moore) über Spider-Gwen (Hailee Steinfeld) bis hin zu meinem persönlichen Favoriten, Spider-Man Noir (Nicolas Cage). „No Way Home“ hingegen kann mit der Wirkung der in den Raimi- und Webb-Filmen etablierten Schurken und Spider-Men arbeiten, was, wenn man denn alle nötigen Darsteller zusammenbekommt (das allein ist schon eine beeindruckende Leistung), schon einiges rumreißt.

Sinister Six Minus One
Eines der vielleicht größten konzeptionellen Probleme des MCU-Spider-Mans ist der Umstand, dass er auch nach drei Filmen quasi keine eigenen Schurken hat. Dies ist besonders ironisch, da Spider-Man bekanntermaßen eine der üppigsten und ikonischsten „Rogues Galleries“ aller Superhelden hat, lediglich übertroffen von Batman. Natürlich sind der Vulture (Michael Keaton) und Mysterio formale gesehen Spider-Man-Gegenspieler, in ihren MCU-Inkarnationen sind sie aber, zumindest bedingt durch ihre Entstehung und ihre Motivation, Iron-Man-Schurken. Beide tun, was sie tun und wie sie es tun, weil sie sich von Tony Starks Handlungen direkt oder indirekt hintergangen fühlen – die Auseinandersetzung mit Spider-Man ist sowohl in „Homecoming“ als auch in „Far From Home“ fast schon Zufall, es besteht kaum eine persönliche Verbindung zwischen ihnen und Peter Parker. „No Way Home“ verschlimmert dieses Problem noch, da hier kein neuer Schurke etabliert wird, sondern alte Schurken zurückkehren, die zwar alle eine persönliche Verbindung zu Spider-Man haben, aber eben nicht zu diesem Spider-Man.

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Der Grüne Kobold (Willem Dafoe)

Wie bereits mehrfach erwähnt, handelt es sich bei den fünf Schurken dieses Films um alte bekannt – ein Widersacher pro Spider-Man-Film, die beiden MCU-Einträge nicht mitgerechnet und jeder von ihnen gespielt vom ursprünglichen Schauspieler. Rhys Ifans und Thomas Haden Church sind allerdings fast durchgängig in ihrer Echsen- bzw. Sandform, sprich von ihnen sieht man nicht allzu viel. Abgesehen von diesem Umstand wurden beide ohne größere visuelle Änderungen übernommen, dasselbe trifft auch auf Doctor Octopus zu. Bei Electro und dem Grünen Kobold hingegen nahm man einige Anpassungen vor. Besonders das Design von Ersterem in „The Amazing Spider-Man 2“ kam bei Fans und Publikum nie besonders gut an, weshalb man sich wohl entschied, einfach Jamie Foxx‘ Gesicht ohne merkwürdiges lila Makeup und Effekte zu verwenden. Erklärt wird dieser Wandel mit dem Übertritt in das andere Universum. Immer, wenn Electro in „No Way Home“ seine Kräfte anwendet, bilden die Blitze um seinen Kopf zudem die Form seiner klassischen Maske – ein kleines Zugeständnis an sein Comicoutfit. Ähnlich verhält es sich mit dem Kobold. Zuerst taucht er mit Maske auf, diese wird aber bald zerstört und der Film verzichtet dann auch auf sie – stattdessen trägt der Kobold aber violette Kleidungsfetzen inklusive Kapuze, die ebenfalls eine Reminiszenz an sein Kostüm aus den Comics darstellt. Dass Willem Dafoe der richtige Darsteller ist, um das irre Grinsen des Kobolds auf die Leinwand zu bringen, ist ja ohnehin bereits seit dem ersten Spider-Man-Film klar.

Charakterlich bemühen sich Watts und Co., die Figuren so zu zeigen, wie man sie kennt, wobei Sandman und der Echse verhältnismäßig wenig Platz eingeräumt wird – bei Ersterem würde ich sogar zögern, ihn eindeutig als Schurken zu klassifizieren, da er primär nur nachhause zu seiner Tochter möchte und von der ganzen Situation in erster Linie genervt ist. Doc Ock wird ebenfalls verhältnismäßig früh „gezähmt“, da Peter ihn durch die Nanotechnologie seines Anzugs lahmlegt und später den Kontrollchip wiederherstellt, sodass er im finalen Kampf zum Verbündeten und nicht zum Gegner wird. Die beiden Hauptschurken des Films sind eindeutig Electro und der Kobold. Max Dillon erhält nicht nur ein Power-Up durch Iron Mans Arc-Reaktor, sondern verliert auch seine Neurosen und geht deutlich skrupelloser vor, er sieht in diesem neuen Universum seine Chance, seine Allmachtsphantasien zu verwirklichen. Die Pläne des Kobolds sind weniger eindeutig, er reagiert eher, als dass er agiert, in „No Way Home“ wird allerdings die gespaltene Persönlichkeit Norman Osborns noch einmal deutlich stärker betont, als das in Raimis „Spider-Man“ der Fall war. Dort war der Kobold eher Ausdruck von Norman Osborns verborgenen Wünschen, Osborn wurde nicht unbedingt als besonders guter Mensch dargestellt, der Kobold war lediglich eine völlig enthemmte Erweiterung seiner Persönlichkeit. In „No Way Home“ dagegen sind Osborn und Kobold einander völlig entgegengesetzt, Ersterer fungiert eher als Wirt für Letzteren und würde sich seines Alter Ego am liebsten entledigen. Norman wird hier als tragisch und mitleiderregend inszeniert.

Besonders interessant ist der Fokus des Films auf die Heilung und die damit implizierte Rehabilitation der Schurken, etwas, das gerade in den MCU-Filmen mit ihren häufig doch eher eindimensionalen Widersachern recht selten auftaucht. Diese Inkarnation von Spider-Man möchte allen fünf die Chance geben, ein normales Leben wiederzuerlangen, was ihm mit Abstrichen und Opfern auch gelingt, wobei sich letztendlich die Frage stellt, welche Auswirkungen das auf das Multiversum bzw. das Raimi- und Webb-Universum hat. Mit Ausnahme Sandmans wurden alle Widersacher „entnommen“, kurz bevor sie im Kampf gegen ihren Spider-Man sterben – ändert sich durch die Heilung etwas oder wird trotz aller Bemühungen einfach nur die reguläre Timeline der jeweiligen Kontinuität wiederhergestellt?

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Doctor Octopus (Alfred Molina)

Wie dem auch sei, der vielleicht beeindruckendste Aspekt an dieser Schurkenversammlung ist, dass sie im großen und ganzen relativ gut funktioniert. Jede der drei Spider-Man-Filmreihen besitzt jeweils ihren eigenen, sehr individuellen Tonfall, der sich natürlich gerade und im Besonderen auf die Schurken auswirkt. Sie alle in einem Film zusammenzubringen hätte leicht zum Desaster ausarten können, aber sowohl Watts als auch den Darstellern – hier seien besonders Molina und Dafoe hervorgehoben – gelingt es ziemlich gut, das ganze organisch zu gestalten und sogar ein wenig mit den tonalen Unterschieden zu spielen. Wenn Peter, Ned und MJ den Namen „Otto Ocatvius“ für falsch halten und sich darüber lustig machen, passt das zu Figuren des MCU ebenso wie Doc Ocks diesbezügliche Authentizität zu den Raimi-Filmen.

Strange Days Ahead
Als ob die ganzen Schurken nicht schon ausreichen würden, müssen Watts und Co. auch noch Doctor Strange unterbringen, von den regulären Nebenfiguren gar nicht erst zu sprechen. Das hat zwar durchaus zur Folge, dass „No Way Home“ mitunter recht überladen wirkt, zugleich schafft der Film es aber verhältnismäßig gut, mit der Vielzahl an Charakteren zu jonglieren und sie wirklich effektiv einzusetzen. Sowohl Marisa Tomeis Tante May als auch Zendayas MJ erleben in diesem Film ihre Sternstunde, die beiden Darstellerinnen bekommen endlich die Gelegenheit, wirklich etwas aus ihren Figuren herauszuholen und nutzen sie vollständig aus.

Auf handlungstechnischer Ebene wird man hin und wieder allerdings den Verdacht nicht los, dass Watts und seine Autoren es sich das eine oder andere Mal ein wenig zu leicht gemacht haben. Die „Mechanik“ der mutliversalen Einmischungen und gedächtnislöschenden Zaubersprüche bleibt schwammig und undurchsichtig – hat der finale Spruch auch Auswirkungen auf die anderen beiden Peters? Zudem hätte sich das ganze Fiasko um die multiversalen Schurken leicht verhindern lassen können, hätten Doctor Strange und Peter hin und wieder kurz innegehalten und eine Minute nachgedacht. Ebenso wirken manche Wendung doch recht unplausibel; Ned kann plötzlich mit einem Sling-Ring umgehen? Peters Nanotechnik übernimmt mal eben Doc Ocks Tentakel? Nun ja…

Außerdem sorgt der recht große Unterschied im Tonfall, der etwa ab der Hälfte stattfindet, für ein ziemlich unebenes Gefühl. Die Comedy-Elemente der beiden Vorgänger sind zu Anfang vorherrschend, während es gegen Ende deutlich ernster und emotionaler zugeht. Letzteres war in dieser Filmreihe dringend nötig – gerade „Homecoming“ und „Far From Home“ wirkten immer etwas inkonsequent, ein wenig wie eine „Filler-Episode“. Ein essentielles Thema vieler Spider-Man-Comics ist der „Preis des Heldentums“: Peter kämpft immer mit den Konsequenzen seiner Handlungen; wird er als Netzschwinger aktiv, leiden Peter Parkers soziale Beziehungen, konzentriert er sich hingegen auf seine bürgerliche Identität, dann besteht die Chance, dass Menschen sterben. „No Way Home“ vermittelt das deutlich besser als die Vorgänger, wenn auch etwas uneben. Zudem bekommt man manchmal das Gefühl, dass Watts seine inszenatorischen Möglichkeiten nicht ganz ausschöpft: „No Way Home“ lebt vor allem von dem, was der Film erzählt, nicht wie er es erzählt.

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Peter Parker (Tom Holland) und Doctor Strange (Benedict Cumberbatch)

Als Action-Highlight empfinde ich persönlich den Kampf zwischen Spider-Man und Strange in der Spiegel-Dimension, während das Ende vor allem durch seine emotionale Komponente überzeugt – die Stärke des Finales wird allerdings durch ein kleines Problem etwas gedämpft, das nicht einmal dem Film an sich inhärent ist. Der tatsächliche Ausgang – und ein Stück weit der gesamte Handlungsanlass – erinnern mich unangenehm an die Spider-Man-Story „One More Day“, die zurecht als eine der schlechtesten Spider-Man-Storys überhaupt gilt. Wegen der Enthüllung seiner Geheimidentität im Rahmen des Marvel-Großereignisses „Civil War“ (das als lose Vorlage für den gleichnamigen Captain-America-Film fungierte) wird Tante May angeschossen und kein Held des Marvel-Universums sieht sich imstande, sie zu retten; nicht Doctor Strange, nicht Reed Richards, niemand. Aus diesem Grund bietet der Dämon Mephisto Peter an, nicht nur Mays Leben zu retten, sondern auch das Wissen um seine Geheimidentität aus den Köpfen der gesamten Welt zu löschen. Der Preis dafür ist allerdings nicht Peters Seele, wie man vielleicht annehmen würde, sondern Peters und Mary Janes Ehe, die durch diesen satanisch-kosmischen Retcon rückwirkend ausgelöscht wird, primär weil der damalige Spider-Man-Redakteur Joe Quesada weder einen verheirateten, noch einen geschiedenen Helden haben wollte. „No Way Home“ hat in sehr groben Zügen denselben Plot, inklusive der weltweiten Gedächtnislöschung und eines tödlichen Angriffs auf Tante May, was bei mir im Kino zu äußerst unangenehmen Assoziationen führte. „One More Day“ ist mir als Story so sehr zuwider, dass ich jede Verbindung automatisch negative Gefühle hervorruft. Zugegebenermaßen arbeitet „No Way Home“ mit der Grundprämisse jedoch deutlich besser, vermeidet die Fehler des Comics und holt aus dem Plot heraus, was herauszuholen ist, nicht zuletzt deshalb, weil Peter hier, anders als im Comic, als selbstlos und nicht als egoistisch herüberkommt.

Interessanterweise funktioniert „No Way Home“ auch ganz gut als aktuelle Bestandsaufnahme des MCU. Nach wie vor wirkt das „Duo Infernale“ aus „Infinity War“ und „Endgame“ nach, wie sich auch in diesem Film aus den diversen Rückbezügen zeigt, aber so langsam bekommen wir zumindest eine Idee, in welche Richtung sich das MCU bewegt: „No Way Home“ und „Loki“ haben vollends klargemacht, dass das Multiversum das „neue, große Ding“ ist, auf das man sich konzentriert, was durch die Post-Credits-Szene untermauert wird, die lediglich aus einem Teaser zu „Doctor Strange and the Multiverse of Madness“ besteht. Zudem zeigt sich, dass Feige und Disney gewillt sind, jeglichen filmischen Marvel-Content endgültig unter dem Paradigma des Marvel Cinematic Universe bzw. Marvel Cinematic Multiverse zu subsumieren. Nicht nur treten Helden und Schurken der bisherigen beiden Spider-Man-Filmreihen in diesem Film auf, auch der von Tom Hardy gespielte Eddie Brock/Venom aus Sonys Versuch, ein eigenes, wie auch immer geartetes (Anti-) Heldenuniversum mit Spider-Man-Figuren zu etablieren, tauch in der Mid-Credits-Szene auf und zudem darf Charlie Cox‘ Matt Murdock/Daredevil aus den Netflix-Serien kurz vorbeischauen, nachdem sein Widersacher, der von Vincent D’Onforio gespielte Wilson Fisk, bereits als Widersacher in der Disney-Plus-Serie „Hawkeye“ fungierte. Beide sind wohl nicht unbedingt völlig identisch mit den Netflix-Versionen, aber immerhin zeigen die Marvel Studios, dass sie gewillt sind, die etablierten Darsteller für diese Figuren zu übernehmen.

Aller guten Dinge sind drei?
Die Crux bei „No Way Home” ist fraglos der Umstand, dass hier nicht nur die Charakterentwicklung von einem, sondern gleich drei Spider-Men zu einem (vorläufigen?) Ende gebracht werden soll. Während die Beteiligung der diversen Schurken von Anfang an offen von Marvel kommuniziert wurde, versuchte man, das Mitwirken von Tobey Maguire und Andrew Garfield mit mehr oder weniger großem Erfolg geheim zu halten. Ich begrüße es definitiv, dass Watts und Co. sich dazu entschieden, den beiden emiritierten Spider-Men nicht nur einen kleinen Cameo-Auftritt zu spendieren, sondern sie zu einem essentiellen Teil des dritten Aktes zu machen. Die Karrieren beider Versionen des Netzschwingers wurden nach Filmen beendet, die unter Fans keinen allzu guten Ruf haben, wobei „Spider-Man 3“ immer noch ganz gut als Trilogie-Abschluss funktioniert, während „The Amazing Spider-Man 2“ nichts als offene Enden hinterlässt. Bekanntermaßen sollte der Film als Sprungbrett für die Sinister Six dienen, aber selbst in Bezug auf Peter Parker blieb vieles offen: Am Ende sehen wir zwar, dass er wieder als Spider-Man aktiv wird, aber eine wirkliche Auseinandersetzung der Figur mit dem Tod der von Emma Stone gespielten Gwen Stacey findet nicht statt. „No Way Home“ liefert das in gewissem Sinne nach und gibt Andrew Garfields Peter die Gelegenheit, als symbolische Aufarbeitung an Gwens Stelle MJ zu retten. Man merkt Garfields Performance durchaus an, wie viel ihm die Rolle bedeutet haben muss und wie dankbar er dafür ist, nun noch einmal die Gelegenheit zu bekommen, sie zu spielen. Höchst amüsant, aber kaum weniger kathartisch ist die Diskussion, die die drei Spider-Men über ihre Werdegänge, ihre Verluste oder auch nur organische und anorganische Netzdüsen führen – wer hätte schon erwartet, einmal eine derartige Fan-Diskussion in einem Film zu erleben?

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Electro (Jamie Foxx)

Aber konzentrieren wir uns noch ein wenig auf unseren eigentlichen Helden: Tom Hollands Peter Parker macht in diesem Film nun wirklich einiges durch und bekommt zudem „seinen“ Onkel-Ben-Moment nachgereicht. Bereits seit „Captain America: Civil War“ fragen sich Fans und Zuschauer, wie es denn eigentlich um Ben Parker und seinen Tod im MCU steht. Kaum eine andere Superhelden-Origin, mit Ausnahme der Ermordung der Waynes, ist so sehr im popkulturellen Gedächtnis verankert – nach zwei relativ dicht aufeinander folgenden Versionen mieden die Autoren und Regisseure des MCU diesen essentiellen Teil von Spider-Mans Werdegang ebenso wie das Motto „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. In „Captain America: Civil War“ antwortet Peter auf Tony Starks Frage, weshalb er tut, was er tut, mit einer eher vagen Andeutung, die auf Ben Parkers Existenz und Tod hinweisen könnte oder auch nicht: „Look, when you can do the things that I can, but you don’t… and then the bad things happen, they happen because of you.“ Explizit wird Ben Parker lediglich in einer Episode der Animationsserie „What If…?“ erwähnt, hier handelt es sich aber natürlich um einen alternativen Peter. In „No Way Home“ muss nun an seiner statt Tante May das zeitliche segnen, inklusive des ikonischen Satzes. Diese Entwicklung führt dazu, dass Peter sich endgültig mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinandersetzt, seine Verantwortung akzeptiert und dabei den moralischen Anspruch seiner Tante hochhält. Nun wird klar (auch wenn es wohl nicht von Anfang an so geplant war), dass das MCU Spider-Mans Origin tatsächlich nicht ausgelassen, sondern sie auf eine komplette Trilogie ausgedehnt hat. Am Ende von „No Way Home“ finden wir diesen Peter, der lange über ein außerordentliches Sicherheitsnetz aus Superhelden-Verbündeten verfügte, in einer wirklich Spider-Man-typischen Position wieder: Völlig pleite, in einem heruntergekommenen Appartement und allein mit seiner Verantwortung. Gerade das Ende des Films und die emotionale Tragkraft haben mir außerordentlich gut gefallen. Zudem eröffnen sich nun eine ganze Reihe an vielversprechenden Möglichkeiten, sowohl für diesen Spider-Man als auch für, sagen wir, Andrew Garfields Version oder weitere multiversale Zusammenkünfte.

Spider Symphonies
Wie schon bei den beiden vorangegangenen MCU-Spider-Man-Filmen sorgt Michael Giacchino auch dieses Mal wieder für den Score. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich Giacchino sowohl in diesem als auch in anderen Franchises durchaus gewillt, bereits existierende Themen zu verwenden, in beiden Spider-Man-Scores bediente er sich beispielsweise des Avengers-Themas von Alan Silvestri (Brian Tylers Iron-Man-Thema hingegen verwarf er leider und ersetzte es durch eine eigene, merkwürdigerweise an John Ottmans X-Men-Thema erinnernde Komposition). In „No Way Home“ gibt es selbst im Vergleich zu bisherigen MCU-Scores eine gewaltige Masse an leitmotivischem Material, das Giacchino auf die Handlung und Figuren basierend hätte integrieren können und zum Teil auch integriert hat. Doctor Strange ist da freilich ein No-Brainer. Der Sorcerer Supreme erfuhr bislang eine erfreulich konsistente musikalische Repräsentation über die diversen Filme und Serien hinweg, sowohl in „What If…?“ (Laura Karpman) als auch in „Avengers: Endgame“ (Alan Silvestri) und „WandVision“ (Christophe Beck) erklingt sein Thema (ironischerweise ist die Figur selbst in den beiden Letztgenannten in der entsprechenden Szene nicht zugegen) und in „Thor: Ragnarök“ und „Avengers: Infitiy War“ passen Mark Mothersbaugh und Alan Silvestri immerhin ihre Instrumentierung an. Dass Giacchino Doctor Stranges Thema und die spezifische Instrumentierung großzügig in „No Way Home“ verwendet, dürfte kaum verwundern, hat er es doch ursprünglich für „Doctor Strange“ selbst komponiert.

Die beiden vorherigen Spider-Man-Filmserien haben natürlich ihre eigenen Leitmotive, die Raimi-Trilogie ist, trotz des Wechsels nach zwei Filmen von Danny Elfman zu Christopher Young, leitmotivisch und stilistisch relativ konsistent, da Young sich der Elfman-Themen weiter bediente. In der Amazing-Spider-Man-Serie gab es ebenfalls einen Wechsel, nachdem James Horner den ersten Film vertonte, übernahmen Hans Zimmer und Co. das Sequel – hier ist der Unterschied deutlich gravierender, auch wenn durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den jeweiligen Spidey-Themen besteht, da beide an Aaron Coplands Fanfare for the Common Man angelehnt sind (und ein wenig wie eine Nachrichtenfanfare klingen). Mit einer Reihe an Figuren aus beiden Filmreihen liegt der Gedanke nahe, sich der bereits etablierten Themen zu bedienen, was Giacchino auch tut, allerdings nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hätte. Die Schurken-Themen von Elfman für Doc Ock und den Kobold sind am prominentesten, im Gegensatz dazu habe ich kein Schurken-Material von Horner, Zimmer oder Young herausgehört. Die beiden Spider-Man-Themen von Elfman und Horner bekommen ein, zwei fragmentierte Cameo-Auftritte, allerdings nur in ruhigen, emotionalen Variationen. In der finalen Action-Szene, in der drei Spider-Men und fünf Schurken gegeneinander kämpfen, dominiert ausschließlich Giacchinos Spider-Man-Thema – eindeutig eine vertane Chance. Darüber hinaus finden sich noch zwei, drei neue Leitmotive, beispielsweise eines, das die multiversale Schurkenzusammenkunft repräsentiert, diese orientieren sich allerdings so eng am bereits bestehenden Material, dass sie kaum herausstechen. Alles in allem ist der Score von „No Way Home“ der schwächste der MCU-Spider-Man-Trilogie und vor allem im Vergleich zum wirklich gelungenen Soundtrack von „Far From Home“ mit den starken S.H.I.E.L.D.- und Mysterio-Themen eindeutig ein Rückschritt. Kurzweilig und unterhaltsam ist dieser Score dennoch. Eine ausführliche Rezension findet sich hier.

Fazit
„Spider-Man: No Way Home” hätte leicht zu einer chaotischen Katastrophe ausarten können oder in reine Nostalgie und Fan Service ausarten. Diese Elemente sind zwar sehr stark vorhanden, aber nicht als reiner Selbstzweck, stattdessen gelingt es Jon Watts und Kevin Feige, mit ihnen eine durchaus berührende und für die Entwicklung des MCU-Spider-Man bedeutende Geschichte zu erzählen, die zudem alle bisherigen Inkarnationen der Figur ausgiebig würdigt. Ein paar strukturelle Schwächen fallen da kaum ins Gewicht.

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Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Spider-Man: Far From Home

The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover

Spoiler!
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Story: Nachdem der englische Gangster Albert Spica (Michael Gambon) das französische Restaurant „Le Hollandais“ übernommen hat, speist er dort allabendlich und macht den anderen Gästen, dem Personal und dem Koch Richard Boarst (Richard Bohringer) das Leben schwer. Auch Spicas Frau Georgina (Helen Mirren) hat genug von dem proletenhaften und ungehobelten Verhalten ihres Mannes, weshalb sie eine Affäre mit dem Buchhändler Michael beginnt, der ebenfalls regelmäßig im „Le Hollondais“ speist – diese Affäre findet direkt unter Spicas Nase, auf der Toilette oder in der Küche des Restaurants statt. Doch dann erfährt Spica von dem Verhältnis und sein Zorn ist grenzenlos…

Kritik: Ich wollte mich schon lange einmal mit den Filmen des walisischen Regisseurs Peter Greenaway beschäftigen – und siehe da, unverhofft taucht sein bekanntester Film, „The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover“, auf Amazon Prime auf, eine Gelegenheit, die man sich natürlich nicht entgehen lassen sollte. Besagter Film mit dem etwas längeren Titel ist definitiv ein Werk für einen etwas erleseneren Geschmack – sofern man dazu auch einen starken Magen hat. Es dürfte wohl ohnehin klar sein, dass man bei einem derartigen Werk keine atemlose Spannung oder wendungsreiche Handlung erwarten dürfte. Im Zentrum stehen Aussage und Ästhetik – und vor allem Letztere ist wirklich eindrücklich.

Greenaways Ästhetik erinnert ein wenig an eine grimmigere, pessimistischere Version von Wes Anderson, seine Bilder sind auf ähnliche Weise durchkomponiert, vollgestopft mit Symbolismus und äußerst künstlich anmutend. Die Sets erinnern an Bühnenkulissen oder barocke Gemälde, von denen sie auch inspiriert wurden. Die Handlung beschränkt sich auf einige wenige Räumlichkeiten, darunter der direkte Außenbereich des Restaurants, die Küche, der Gästeraum, die Toilette sowie Michaels Buchladen. Jeder dieser Räume ist farblich gekennzeichnet, was die artifizielle Natur der Bildsprache noch erhöht, da auch die Kostüme der Darsteller dementsprechend ihre Farbe wechseln: In der grün ausgeleuchteten Küche ist Albert Spicas Hemd ebenfalls grün, im Gästeraum rot, auf der Toilette weiß etc. Ich weiß nicht, ob Greenaway diese Parallele beabsichtigte, aber mich persönlich erinnert diese Gestaltung an Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“ und die ähnlich konzipierten Räumlichkeiten auf Fürst Prosperos Fest. Andere Verweise sind dagegen eindeutig beabsichtigt; die Garderobe Spicas und seiner Speichellecker orientiert sich etwa an dem Gemälde „Festmahl der Offiziere der Sankt-Georgs-Schützengilde“ des niederländischen Malers Frans Hals, das zufälligerweise auch im Gastraum des „Le Hollondais“ hängt. Aufbau der Handlung sowie der letztendlich Ausgang erinnern an Shakespeares „Titus Andronicus“ und ähnlich geartete Rachestücke dieser Ära – auch Georgina nimmt letztendlich grausame Rache für Spicas Mord an Michael, ganz ähnlich, wie Titus an Saturninus und Tamora Vergeltung übt.

Im Zentrum sowohl der Handlung als auch der Bildsprache stehen Albert Spica und sein Verhältnis zu Nahrung: Es findet sich kaum eine Szene, in der Spica nicht isst, oder besser: sich vollstopft. Das Essen, das im Restaurant konsumiert wird, ist zugleich ansprechend und abstoßend, Letzteres auch bedingt durch diejenigen, die konsumieren. Die Inszenierung der Nahrung wird im dritten Akt endgültig zum Akt des Ekels: Georgina und Michael müssen in einem Laster mit fauligem Schweinefleisch vor Spica flüchten, ein Chorjunge wird gefoltert, indem man ihn zwingt, Knöpfe zu essen und Michael wird schließlich auf ähnliche Weise von Spica hingerichtet, indem dieser ihn mit Buchseiten „füttert“. Am Ende schließlich zwingt Georgina ihren Mann aus Rache, den zubereiteten Kadaver ihres Geliebten zu verspeisen.

Das alles dient natürlich primär der Charakterisierung Spicas: Der Gangster bekommt den Hals nicht voll. Im Grunde hat er alles erreicht, was er erreichen kann, er ist erfolgreich in seinem Metier, hat alles, was er sich wünschen könnte, was aber letztendlich nichts damit anzufangen und will deshalb noch mehr. Er gibt sich als Connoisseur und philosophiert munter vor sich hin, seine Gedankengänge sind jedoch an Banalität nicht zu überbieten und zudem ist er mit seinem flegelhaften Verhalten in einem Restaurant wie dem „Le Hollondais“ völlig fehl am Platz. Die nicht unbedingt subtile Botschaft, die Greenaway hier wohl vermitteln will, kann natürlich allgemeingesellschaftlich gedeutet werden, wird aber zumeist auf die Regierung Margeret Thatchers bezogen. Ironischerweise wirkt Albert Spica allerdings auf jemanden, der diesen Film in 2020ern anschaut, unweigerlich wie eine bärtige, britische, dunkelhaarige Version von Donald Trump – bis hin zur viel zu langen Krawatte. Gier, Raubtierkapitalismus und Proletentum – hätte Greenaway “The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover” genau so heute gedreht, würden die Parallelen und die politische Botschaft wahrscheinlich zu plakativ wirken.

Obwohl sich im Grunde alles um Albert Spica dreht, sollte Georgina allerdings nicht außen vorgelassen werden, ist sie doch die eigentliche Hauptfigur, sprich die, die tatsächlich eine beeindruckende Wandlung durchmacht, von der zurückhaltenden Ehefrau, die die Affäre als Mittel des Widerstands für sich entdeckt, bis hin zum grimmigen Racheengel am Ende. An dieser Stelle sollte auch unbedingt die schauspielerische Leistung aller Beteiligten gelobt werden, vor allem Michael Gambon und Helen Mirren waren kaum je besser. In Albert Spicas Entourage entdeckt man amüsanterweise Tim Roth und Ciarán Hinds.

Fazit: Visuell überwältigender, aber auch anstrengender Film, ästhetisch und politisch faszinierend, aber nur für Zuschauer mit einem starken Magen geeignet.

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The Brides of Dracula

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Story: Die französische Lehrerin Marianne (Yvonne Monlaur) hat eine Stelle an einem Mädcheninternat in Transsylvanien bekommen, doch auf der Reise strandet sie in einem Dorf, da ihre Kutsche ohne sie abfährt. Da die Bewohner ebenso unfreundlich wie merkwürdig sind, ist Marianne froh, als ihr die enigmatische Baronin Meinster (Martita Hunt) anbietet, die Nacht auf ihrem Schloss zu verbringen. Die Baronin gibt sich dann allerdings ebenfalls reichlich seltsam. Schließlich findet Marianne heraus, dass der Sohn ihrer Gastgeberin, Baron Meinster (David Peel), in einem Teil des Schlosses angekettet ist. Aus Mitleid befreit sie den hübschen jungen Mann und entfesselt damit unwissentlich einen blutsaugenden Schrecken. Nur Van Helsing (Peter Cushing) ist in der Lage, den Baron aufzuhalten…

Kritik: Nachdem sich Hammers „Dracula“ als Erfolg erwies war klar: Da muss eine Fortsetzung her. Wie wir inzwischen wissen, hatten die Hammer Studios kein Problem damit, den Grafen ein ums andere Mal wiederzubeleben, um ihn erneut gegen Van Helsing oder andere Vampirjäger antreten zu lassen. Unter all den Dracula-Filmen des Studios ist „The Brides of Dracula“, der bereits 1960, zwei Jahre nach Lees Debüt als Vampirfürst, in die Kinos kam, der wahrscheinlich merkwürdigste, da, trotz des Titels, weder Dracula selbst, noch seine Bräute in diesem Film auftauchen. Tatsächlich gibt es so gut wie keine inhaltliche Verknüpfung zur Handlung des ersten Dracula-Films, nicht einmal wie auch immer geartete Verweise. Der Name des Grafen wird einmal eher nebenbei erwähnt. Die einzige Ausnahme ist Van Helsing, abermals gespielt von Peter Cushing, der zwar die zweite Hälfte des Films dominiert, aber eher zufällig auf die Protagonistin Marianne trifft. Immerhin, sein Vorhandensein in der Handlung ist wenigstens nicht zufällig, da er als Experte herangezogen wird.

Die ursprünglichen Drehbuchfassung mit dem Titel „Disciple of Dracula“, verfasst von Jimmy Sangster, der auch schon das Drehbuch des Films von 1958 geschrieben hatte, war in weitaus stärkerem Ausmaß als direkte Fortsetzung konzipiert. Zwar sollte Baron Meinster hier bereits als Antagonist fungieren, aber ein Gastauftritt von Dracula, evtl. als Geist, war geplant. Zudem sollte der Baron als Anhänger und somit Nachfolger des Grafen gezeigt werden. Ob Hammer tatsächlich bei Christopher Lee anfragte ist nicht bestätigt, jedenfalls wurde Sangsters Drehbuch von ihm selbst sowie Peter Bryan, Edward Percy und Anthony Hinds umgeschrieben, sodass jegliche Verweise auf Dracula verschwanden – ironischerweise wurde Van Helsing hier allerdings erst Teil der Geschichte. Hammer entschied sich zudem, aufgrund der Marketingwirkung Dracula trotz des völligen inhaltlichen Fehlens mit in den Titel zu nehmen. Bei besagten Bräuten dürfte es sich um die beiden Vampirinnen (Marie Devereux und Andrée Melly) handeln, die Baron Meinster im Film erschafft. Marianne steht auch kurz davor, zur Vampirin zu werden, mit ihr wäre die klassische Zahl erreicht, auch wenn sie natürlich Meinsters und nicht Draculas Bräute sind.

Gewisse inhaltliche Parallelen zu Hammers „Dracula“ lassen sich trotz der fehlenden Verweise nicht von der Hand weisen: Wie Jonathan Harker entdeckt auch Marianne nach langer Reise als Gast auf einem Schloss vampirische Umtriebe, um dann in der zweiten Hälfte als Protagonistin praktisch von Van Helsing abgelöst zu werden. Anders als Harker stirbt sie aber nicht, sondern wird „nur“ zum Opfer degradiert und muss am Ende des Films natürlich gerettet werden.

Die eigentlich essentielle Frage ist natürlich: Kann David Peel als Baron Meinster dem großen Christopher Lee das Wasser reichen? Die Antwort lautet natürlich „Nein“, aber im Großen und Ganzen leistet Peel keine schlechte Arbeit, er befindet sich nur in einer unvorteilhaften Situation. Der Titel und die Gegenwart Van Helsings sorgen automatisch dafür, dass Peel als „Ersatz-Dracula“ wahrgenommen wird – hätte es sich bei „The Brides of Dracula“ um einen x-beliebigen Vampirfilm gehandelt, hätte man die beiden Darsteller und ihre Figuren vielleicht gar nicht miteinander verglichen. Peel gelingt es durchaus, sowohl die charmante als auch die raubtierhafte Seite seiner Figur darzustellen. Problematisch ist hier vor allem das Drehbuch; die Hintergründe der Figur werden fast völlig im Dunkeln gehalten. Als Zuschauer erfährt man nicht, wie es zur Ausgangslage kam, wie der Baron zum Vampir wurde und in die Obhut seiner Mutter gelangte. Anhand der Hintergründe des Films kann man davon ausgehen, dass Dracula dafür verantwortlich ist bzw. in der ersten Drehbuchfassung dafür verantwortlich war, in der Story des fertigen Films klaffen nun aber einige Lücken. Das ist besonders schade, weil die Handlung durchaus Potential hat, gerade aus der Konstellation um den Baron und seine Mutter hätte man deutlich mehr machen können, besonders, wenn die Drehbuchautoren Meinster eine Motivation über frisches Blut hinaus verpasst hätten. Zumindest schauspielerisch gibt es allerdings recht wenig zu meckern: Peter Cushing ist wie üblich über jeden Zweifel erhaben, aber auch Martita Hunt als mysteriöse Baronin und Freda Jackson als unheimliche Vampirhandlangerin Greta wissen zu überzeugen.

Trotz des Fehlens von Christopher Lee gibt es zweifellos einen Aspekt, in dem „The Brides of Dracula“ dem Vorgänger eindeutig überlegen ist: Ausstattung und Sets. Wo Regisseur Terence Fisher in „Dracula“ noch mit recht beschränkten Mitteln arbeiten und mitunter dasselbe Set für mehrere Örtlichkeiten verwenden und umdekorieren musste, hatte er in „The Brides of Dracula“ dagegen weitaus mehr Möglichkeiten. Im Vergleich zu Draculas Schloss ist der Sitz der Familie Meinster geradezu üppig ausgestattet und auch das Mädcheninternat oder die Dorfszenen können sich zweifelsohne sehen lassen. Insgesamt ist „The Brides of Dracula“ vielleicht der bestaussehndste Hammer-Film.

Zum Schluss noch einige amüsante Beobachtungen: In „Dracula“ verkündete Peter Cushings Van Helsing, Vampire seien nicht in der Lage, sich in Fledermäuse zu verwandeln – etwas, das Baron Meinster hier tut, worauf Van Helsing auch hingewiesen wird. Noch dazu ist es eine äußerst große und äußerst unüberzeugende Fledermaus. Interessant ist zudem, dass sich die Infektion mit Vampirismus wohl verhindern lässt, indem man die Wunde ausbrennt – genau das tut Van Helsing im Finale. Hier zeigt Cushing wirklich sein ganzes Talent und stellt den Prozess überzeugend dar. Die Brandwunde verschwindet anschließend auf magische Weise. Besagtes Finale spielt übrigens in einer Windmühle, deren Flügel Van Helsing auf kreative Weise nutzt, um Meinster mit dem Schatten eines Kreuzes zu bezwingen. Ich persönlich werde den Verdacht nicht los, dass diese Mühle Tim Burton für eine Szene seiner Hammer-Hommage „Sleepey Hollow“ inspirierte.

Fazit: „The Brides of Dracula“ ist ein durchaus unterhaltsamer, wenn auch alles andere als innovativer Gothic-Horror-Film mit einigen Story-Lücken und -Problemen, einem großartig aufgelegten Peter Cushing und einer beeindruckenden Ausstattung. Eines ist „The Brides of Dracula“ allerdings nicht: Ein Dracula-Film.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf

Art of Adaptation: Three Is Company

Für viele, die Tolkiens „The Lord of the Rings“ nach dem Genuss der Filme lesen wollen, sind die Auenlandkapitel die erste Hürde – „Three Is Company“ ist hier besonders zu nennen. Viele Inhalte der ersten beiden Kapitel haben es in Jacksons Adaption geschafft, im Großen und Ganzen wurden sie recht vorlagengetreu umgesetzt; mit den nötigen Kürzungen, versteht sich. Das dritte Kapitel hingegen wurde von Jackson, Walsh und Boyens nur in sehr groben Zügen adaptiert.

Aufbruchsstimmung
Der Aufbruch der Hobbits im Film besitzt eine große Dringlichkeit, dem Zuschauer soll suggeriert werden, dass es jetzt richtig losgeht: Bereits während Gandalf noch die Hintergründe des Ringes erklärt, packt Frodo schon einmal seinen Rucksack, und sobald alles geregelt ist, machen sich Frodo und Sam, noch in Gandalfs Begleitung, auf den Weg. Der Zauberer verlässt die beiden natürlich bald, um gen Isengard zu reiten. Als Treffpunkt wird das Tänzelnde Pony in Bree auserkoren, während Frodo im Buch erwartet, dass Gandalf bereits in Hobbingen wieder zu ihm stößt und ihn den kompletten Weg nach Bruchtal begleitet. Als Gandalf nicht auftaucht, beunruhigt ihn das sehr, er will aber trotzdem nicht länger warten. Gandalfs komplette Gefangenschaft in Isengard hat bei Tolkien zum Zeitpunkt des Aufbruchs bereits stattgefunden, nur ein paar Tage, bevor die Hobbits losmarschieren, wird er von Gwaihir gerettet und nach Rohan gebracht, was wir aber natürlich alles erst bei Elronds raten erfahren. Der Film versetzt diesen Handlungsstrang zeitlich nach hinten und zeigt ihn parallel zur Wanderung der Hobbits.

Bei Jackson wird die Dringlichkeit des Aufbruchs durch kurze Schnitte zu den Nazgûl unterstrichen: Wir sehen, wie sie aus Minas Morgul aufbrechen, Bauer Maggot belästigen und den Nachwächter köpfen (vielleicht ein wenig übertrieben…). Von dieser Dringlichkeit ist im Roman absolut nichts zu spüren, zwischen Gandalfs Erzählung im zweiten und dem tatsächlichen Aufbruch im dritten Kapitel vergehen mehrere Monate: Im April des Jahres 3018 des Dritten Zeitalters erfährt Frodo, dass sich der Eine Ring in seinem Besitz befindet, der tatsächliche Beginn der Reise findet aber erst im September, nach seinem fünfzigsten Geburtstag statt. Sowohl Gandalf als auch Frodo legen hier wert darauf, nur keine Aufmerksamkeit durch ein erneutes plötzliches Verschwinden des Besitzers von Beutelsend zu erregen. Stattdessen schützt Frodo vor, sich in Bockland, der Heimat seiner verstorbenen Mutter, zur Ruhe setzen zu wollen. Er erwirbt dort ein Haus und verkauft Beutelsend an die Sackheim-Beutlins, um anschließend ganz offiziell nach Osten aufzubrechen. Merry, Pippin und Fredegar Bolger (genannt „Fatty“, bzw. „Dick“ in der Carroux- und „der Dicke“ in der Krege-Übersetzung) sind von Anfang an zumindest in Frodos Pläne bezüglich Bockland eingeweiht und helfen ihm bei den Vorbereitungen, Merry und Fredegar brechen bereits im Voraus mit dem Wagen auf, um das neue Haus im Örtchen Krickloch vorzubereiten, Frodo, Sam und Pippin folgen zu Fuß. Im Film dagegen entschieden sich Jackson und Co., diesen ganzen, recht erklärungsbedürftigen Plan zu streichen und Merry und Pippins Mitwirken zum bloßen Zufall zu machen: Bekanntermaßen stoßen Frodo und Sam auf den Feldern des Bauern Maggot auf die beiden, während sie gerade dabei sind, ihm Gemüse zu stehlen – etwas, das Buch-Merry niemals tun würde (aber dazu in einem kommenden Artikel mehr).

Zusätzlich erwähnenswert ist, dass es bereits beim Aufbruch aus Hobbingen eine erste Beinahe-Begegnung mit einem der Nazgûl gibt: Frodo bekommt mit, dass ein merkwürdiger Fremder mit Sams Vater Hamfast Gamdschie spricht, geht dem jedoch nicht weiter nach. Aus den „Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth“ wissen wir zudem, dass es sich bei diesem ersten Nazgûl, der in der Narrative des Romans auftaucht, um Khamûl, den Ostling handelt, neben dem Hexenkönig der einzige andere Ringgeist mit einer individuellen Identität. Im Film scheint es sich bei dem Nazgûl, der Maggot nach „Shire, Baggins“ fragt und später die Hobbits aufspürt, konsequenterweise ebenfalls um Khamûl zu handeln, zumindest behaupten das diverse Seiten im Internet, allerdings ohne Quellenangabe. Im Drehbuch wird besagter Ringgeist nur als „Black Rider“ identifiziert.

The Road Goes Ever On
Im Roman beginnt die Reise sehr gemütlich und weniger elegisch als im Film und mit deutlich mehr Humor und Hobbit-Gekabbel. In diesem Kapitel finden zudem bereits zwei weitere Begegnungen mit einem Nazgûl statt, die im Film zu einer zusammengefasst und geografisch an einen anderen Ort versetzt wird. Bei Tolkien finden sie noch mitten im Auenland (im Grünbergland, wer es genau wissen will) statt, während die Hobbits im Film bereits jenseits von Bauer Maggots Hof an der Grenze zu Bockland auf den Schwarzen Reiter treffen – direkt im Anschluss fliehen die vier Hobbits zur Bockenburger Fähre, der Film suggeriert, dass sie der Fähre zu diesem Zeitpunkt bereits sehr nahe sind, was zur Beschreibung des Romans passen würde. Mit den geografischen Details nimmt es Jackson allerdings zumeist nicht ganz genau. Die Szene im Film ist durchaus recht nah am Roman, allerdings verstecken sich die Hobbits nicht unter einer Wurzel, sondern im hohen Gras abseits der Straße und lediglich Frodo sieht den Ringgeist überhaupt. Sowohl bei Tolkien als auch bei Jackson verspürt Frodo den unwiderstehlichen Drang, den Ring anzustecken. Die Szene, wie sie in „The Fellowship of the Ring“ zu sehen ist, ist, nebenbei bemerkt, fast ein direktes Remake des entsprechenden Gegenstücks aus Ralph Bakshis Zeichentrickadaption von 1978. Während sich Jackson vor allem in Tonfall und Design deutlich vom Bakshi-Film distanziert, ist doch diese Szene, sowie eine spätere in Bree, eine direkte Referenz.

Zwischen der ersten und zweiten Nazgûl-Begegnung singen die Hobbits ein Lied, das zwar an dieser Stelle im Film nicht auftaucht, dessen dritte Strophe aber leicht abgewandelt in „The Return of the King“ zu hören ist – besagtes Lied bildet die Grundlage für Billy Boyds The Edge of Night, das er in Denethors Gegenwart singt, während Faramir und seine Truppen auf dem Pelennor das Heer des Hexenkönigs von Angmar attackieren. Das gesamte Lied trägt bei Tolkien den Titel „A Walking Song“. Der Text der entsprechenden Strophe lautet wie folgt:
Home is behind, the world ahead,
And there are many paths to tread
Through shadows to the edge of night,
Until the stars are all alight.
Then world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.
Mist and twilight, cloud and shade,
Away shall fade! Away shall fade!
Fire and lamp, and meat and bread,
And then to bed! And then to bed! (FotR, S. 102)

Das zweite Zusammentreffen mit dem Nazgûl wird vom jähen Auftauchen einer Gruppe Noldor-Elben unter Führung von Gildor Inglorion unterbrochen, die den Hobbits zumindest für eine Nacht Schutz, Nahrung und angenehme Gesellschaft bieten, zusätzlich zu einigen Informationen. Hier etabliert Tolkien bereits die „andersweltliche“ Natur der Elben, die im „Hobbit“ auf diese Weise noch nicht vorhanden war. Eine stark verkürzte Version, mehr eine Anspielung denn tatsächliche Umsetzung dieses Ereignisses, findet sich immerhin in der Extended Edition von „The Fellowship of the Ring“: Kurz nach ihrem Aufbruch, also noch deutlich vor der Begegnung mit dem Nazgûl, sehen Frodo und Sam von Fern eine Gruppe Elben, die singend in Richtung Graue Anfurten zieht. Bei dem entsprechenden Lied handelt es sich tatsächlich um eine von David Salo angefertigte Sindarin-Version des Textes, der sich an dieser Stelle im Roman findet – hier zeigt sich mal wieder der Sinn fürs Detail, der diese Filme so großartig macht.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

Hemators Empfehlungen: Podcasts

Mein Hörpensum ist in etwa so umfangreich wie mein Lesepensum – dazu gehören neben Hörbüchern über Hörbücher auch diverse Podcasts. Die hier aufgeführten sind nicht alle, die ich regelmäßig oder sporadisch höre, sondern nur einige meiner Favoriten, in relativ willkürlicher Anordnung. Ich denke, die thematische Ausrichtung dürfte nicht allzu sehr überraschen.

Radio Tatooine/Weltenfunk (Deutsch)
Bei „Radio Tatooine“ handelt es sich nicht nur um den ersten deutschen Star-Wars-Podcast, sondern auch um den ersten Podcast, den ich regelmäßig hörte (und nach wie vor höre, auch wenn ich aktuell ein paar Folgen zurückliege). Ins Leben gerufen wurde „Radio Tatooine“ von Ben und Tim, die inzwischen eine Anzahl regelmäßig wiederkehrender Gäste um sich geschart haben, um (sehr, wirklich sehr) ausführlich, dabei aber auch extrem sympathisch über Star Wars zu diskutieren. Zwischenzeitlich etablierte Tim das Spin-off „Der Buchclub“, in dem SW-Literatur nicht minder ausführlich besprochen wird. „Radio Tatooine“ wird von einer recht sporadischen Veröffentlichungsrate geplagt, zeitweise ist monatelange gar nichts passiert, zum Ausgleich fallen die Folgen dann allerdings mitunter auch wirklich extrem umfangreich aus. Inzwischen läuft „Radio Tatooine“ als Abteilung des übergeordneten Podcast-Senders „Weltenfunk“, in dessen Rahmen durchaus auch über „Matrix“ oder „Dune“ diskutiert wird – die meisten Folgen beschäftigen sich aber nach wie vor mit der weit, weit entfernten Galaxis. Aktuell ist die Veröffentlichungsrate tatsächlich ziemlich ordentlich, u.a. durch einen Rewatch und einer damit verbundenen, folgenweisen Besprechung der ersten Staffel von „The Mandalorian“ sowie einer mehrteiligen Diskussion der SW-Anime-Serie „Star Wars Visions“ und einer fünfstündigen(!) Auseinandersetzung mit dem Trailer zu „The Book of Boba Fett“.
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BatCast (Deutsch)
Der BatCast gehört zur deutschen Batman-Infoseite batmannews.de und wurde dementsprechend vom Seitenbetreiber Bernd alias Batcomputer ins Leben gerufen. Inzwischen konnte eine ganze Reihe von Mitstreitern gewonnen werden, die im Rahmen des BatCast auch eigene Projekte verfolgen. Natürlich dreht sich in letzter Konsequenz alles um den Dunklen Ritter, insgesamt ist das Angebot thematisch aber äußerst vielseitig. Ausführliche Comic- und Filmbesprechungen (auch zu Bat-verwandten Filmen wie „The Suicide Squad“ oder „Zack Snyder’s Justice League“) werden ebenso offeriert wie News-Folgen, nostalgische Rückblicke oder Special-Interest-Gespräche, etwa zum Thema Fan-Sammlungen oder Crossover. Aktuell arbeitet sich das Team beispielsweise durch den Klassiker „Batman: The Long Halloween“, wobei zum jeweils passenden US-Feiertag eine Ausgabe besprochen wird. Die Diskussionen fallen dabei stets fundiert und sachlich kompetent aus, driften mitunter aber auch in nerdige Details ab (wobei ich wirklich der letzte bin, den das stört). Mit anderen Worten: Volle Empfehlung für alle Fans des Dunklen Ritters.
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Sideshow Sound Theatre (Englisch)
Sideshow Sound Theatre ist einer der ersten Filmmusik-Podcasts, die ich für mich entdeckte. Von den Komponisten Will und Wendell ins Leben gerufen, inzwischen aber moderiert von einem deutlich größeren Team, bietet Sideshow Sound Theatre eine ganze Reihe an unterschiedlichen Formten, darunter „Score Guide“, hier werden einzelne Scores ausführliche besprochen, umfassendere Episoden, beispielsweise zu Franchises wie „Assassin’s Creed“ oder der Dark-Knight-Trilogie, zu spezifischen Themen, etwa Schurken oder Filmmusik zum Training, oder „In Defence of“, in welchem Filme mit einem schlechten Ruf verteidigt werden. Die Frequenz der Veröffentlichungen ist generell etwas unregelmäßig, sodass zwischen den Episoden mitunter recht viel Zeit vergehen kann. Seit diesem Sommer ist allerdings Blogger-Kollege Lasse Vogt von Score Geek fester Bestandteil des Teams, nachdem er zuvor immer mal wieder als Gast mit dabei war, und betreut sein eigenes Format: „Track Swap“. Hier tauscht er mit einem Gast ein bis zwei Tracks aus mitunter eher unbekannten, aber gerade deshalb interessanten Soundtracks und spricht zwanzig bis dreißig Minuten mit dem jeweiligen Gast darüber. Auf diese Weise hat er in den letzten Monaten für regelmäßigen Output gesorgt – zudem sind diese kürzeren Segmente ideal geeignet, wenn man nach einer längeren Radio-Tatooine-Besprechung etwas kurzweilige Filmmusik-Abwechslung braucht. Besonders zu empfehlen sind die Episoden mit Podcast-Legende Erik Woods. Lasses eigener Podcast „Fans about Films“ sollte natürlich auch nicht unerwähnt bleiben.
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Tapcaf Transmissions (Englisch)
Bei „Tapcaf Transmission“ handelt es sich um ein Projekt der beiden Star-Wars-Youtuber Justin (Eckharts Ladder) und Corey (Corey’s Datapad), die hier primär über Literatur aus dem SW-Legends-Bereich sprechen, was mich natürlich besonders anspricht. Dabei arbeiten sie sich primär durch die Post-Endor-Timeline, allerdings mit Auslassungen und Abschweifungen, so haben sie unter anderem bereits die Darth-Bane-Trilogie und „Darth Plagueis“ besprochen, die deutlich vor den Filmen spielen. Zudem mischen sie immer wieder Inhalte aus dem Disney-Kanon mit ein und beschränken sich nicht nur auf die Literatur, so finden sich etwa auch Episoden zu einigen der High-Republic-Werken, „The Bad Batch“ und „Star Wars Visions“.
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Arkham Insiders (Deutsch)
Ein Podcast zu den Werken H. P. Lovecrafts darf hier natürlich nicht fehlen. Mirko und Axel sprechen bereits seit 2013 über Leben und Werk des Schriftstellers aus Providence haben es inzwischen auf stolze 173 Episoden gebracht, in denen sie sich ausführlich mit der Biografie und den Geschichten Lovecrafts beschäftigt haben. Zugegeben, die biografischen Episoden habe ich nur teilweise gehört, da Biografien von Autoren haben nie wirklich brennend interessiert haben – die zweibändige Lovecraft-Biografie von S. T. Joshi steht auch schon eine ganze Weile ungelesen im Regal. Aber irgendwann… Wie dem auch sei, Mirko und Axel liefern sehr schöne Besprechungen der einzelnen Storys, für längere wie „The Case of Charles Dexter Ward“ gibt es auch schon mal Doppelfolgen. Inzwischen haben sie die regulären Geschichten, die sich in den diversen Komplettausgaben finden, durchgearbeitet, aktuell besprechen sie die diversen Kollaborationen mit anderen Autoren bzw. die Storys, die Lovecraft als Ghostwriter betreut hat. Zusätzlich finden sich auch immer wieder Sonderfolgen, Interviews u.ä.
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Art of the Score (Englisch)
Noch mehr Filmmusik – „Art of the Score” ist bezüglich der Konzeption, ähnlich wie „Sideshow Sound Theatre“, ein Podcast von Komponisten, die über ihre Liebe zu Filmmusik sprechen, Scores analysieren und mitunter mehrmonatige Pausen zwischen den Episoden einlegen. Der Unterschied ist, dass besagte Komponisten Andrew, Dan und Nicholas Australier sind. „Art of the Score“ ist nicht ganz so vielseitig wie „Sideshow Sound Theatre“, geht bzgl. der Besprechungen aber oft noch ein wenig mehr in die Tiefe. Der Großteil der (noch recht überschaubaren) Episoden setzt sich mit einzelnen Soundtracks auseinander, es finden sich aber auch Sammelbesprechungen, etwa die sehr gelungenen dreiteilige zur Musik der James-Bond-Serie, die bei meiner eigenen Erforschung der Musik dieses Franchise von unschätzbarem Wert war. Zudem offeriert das Trio auch die eine oder andere thematische Episode, in den beiden neuesten sprechen die drei beispielsweise ausführlich über Studiofanfaren.
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25 Years of Vampire the Masquerade (Englisch)
Als das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ 2016 seinen 25. Geburtstag feierte, begannen Nate und Bob damit, sich chronologisch durch die Veröffentlichungen des White-Wolf-Verlages durchzuarbeiten und alle Quellenbände zum Rollenspiel ausgiebig zu besprechen und ihre Hörer zudem auch an ihrer jahrelangen Erfahrung als Spieler und Spielleiter teilhaben zu lassen. Selbst unter dieser speziellen Auflistung an Podcasts ist das noch einmal ein besonderes Nischenthema, aber dennoch kann ich jedem, der sich für „Vampire: The Masquerade“ interessiert, diesen Podcast nur wärmstens ans Herz legen. Angefangen von der ersten Edition bis hin zur aktuellen fünften werden wirklich alle Quellenbände durchgearbeitet. Nachdem sie damit fertig waren, wandten sie sich umgehend dem Spin-Off „Vampire: The Dark Ages“ (bzw. „Dark Ages Vampire“) zu. Aus privaten Gründen musste Nate 2020 den Podcast leider verlassen, sodass Bob nun mit einem Team weitermacht, zugegeben ist es aber seither nicht mehr ganz dasselbe. Da „Masquerade“ und „Dark Ages“ inzwischen komplett abgearbeitet sind, fährt der Podcast zweigleisig und bespricht sowohl das verwandte Spiel „Werewolf: The Apocalypse“ als auch den Nachfolger „Vampire: The Requiem“.
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Dragons in Genesis (Englisch)
Der Außenseiter unter den Podcasts dieser Auflistung: In „Dragons in Genesis“ setzt sich Jason mit der Bibel und ihren mythologischen und historischen Hintergründen auseinander. Obwohl ich selbst absolut nicht gläubig bin, interessieren und faszinieren mich Religionen und Mythologien enorm – für eine historisch-kritische Herangehensweise an die Texte des Alten und Neuen Testaments eignet sich „Dragons in Genesis“ wunderbar. Manche Episoden sind vielleicht ein wenig überladen mit Informationen, speziell diejenigen, die sich mit den apokryphen Enoch-Büchern auseinandersetzen, aber generell werden die Inhalte gut vermittelt – mit einer Länge von 20 Minuten bis einer Stunde sind die einzelnen Folgen auch gut zu verarbeiten. Hier allerdings noch ein Wort der Warnung: Man merkt, dass Jason ein vom Glauben abgefallener Evangelikaler ist, dementsprechend spricht er sich sehr massiv gegen die wörtliche Auslegung der Bibel, Kreationismus und allgemein fundamentalistische Strömungen aus, die in den USA deutlich weiterverbreitet sind als in Deutschland. Auch bezieht er immer wieder historische „Randhypothesen“ ein, etwa das Konzept der „Temple Theology“, das von Margaret Baker etabliert wurde, oder die Hypothese des mythischen Jesus, der zufolge es nie einen historischen Jesus gab; diese wird von Bibelforschern wie Richard Carrier oder Robert M. Price vertreten.
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Echo 3 an Echo 7 (Deutsch)
Der neueste Podcast dieser Auflistung mit Max und Michael als Gastgeber, eng verknüpft mit dem deutschen SW-Wiki jedipedia.net – dementsprechend liegt der Fokus natürlich auf Star Wars, es werden aber auch andere „Nerd-Themen“ besprochen, etwa das MCU, „The Witcher“ und viele weitere. Zugegebenermaßen habe ich „Echo 3 an Echo 7“ bislang eher sporadisch gehört, schlicht weil meine Zu-Hören-Liste ebenso üppig ist wie meine Zu-Lesen-Liste. Ich möchte den Podcast dennoch wärmstens empfehlen, auch weil hier private Verknüpfungen bestehen und zudem in Folge 6 der Administrator des SW-Forenrollenspiels, in dem ich mitspiele (und bei dessen Hochzeit ich auch ganz zufällig Trauzeuge war) zu Gast war. Und da ich auch noch indirekt erwähnt wurde, möchte ich meinerseits ein wenig die Werbetrommel rühren.
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Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf

Kommen wir endlich zu dem Schauspieler, der Dracula am häufigsten verkörperte, dem Mann, dem Mythos, der Legende: Sir Christopher Lee. Seinen ersten Auftritt als Dracula absolvierte der 1922 geborene und 2015 verstorbene Darsteller, dem durch seine Rollen als Saruman der Weiße in LotR und Count Dooku in Star Wars in den frühen 2000ern noch einmal ein ordentliches Karriererevival wiederfuhr, 1958 in der Produktion „Dracula“ (US-Titel „Horror of Dracula“) der britischen Hammer Studios. Hierauf sollten noch viele weitere Filme folgen, in denen Lee den untoten Grafen mimte, die meisten, aber nicht alle, ebenfalls von Hammer.

Präludium: Aufstieg der Hammer Studios
Die von Williams Hinds 1934 gegründeten Hammer Studios, bzw. Hammer Film Productions sollten vor allem in den 60ern und 70ern ein Synonym für britischen Horror werden, die ersten Filme des Studios gehörten jedoch einer ganzen Bandbreite an Genres an, von Mystery und Krimi bis hin zur Musical-Komödie fand sich fast alles darunter. Als erster Gehversuch des Studios im Horror-Bereich kann der Film „The Quatermass Xperiment“ aus dem Jahr 1955 gesehen werden, als eigentlicher Start gilt aber „The Curse of Frankenstein“ von 1957; hier versammelte Hammer bereits einen großen Teil der Talente, die später an „Dracula“ beteiligt sein sollten, darunter Regisseur Terence Fisher, Komponist James Bernard sowie die beiden Hauptdarsteller Peter Cushing und Christopher Lee. Während Cushing den titelgebenden Wissenschaftler spielte, wurde Lee vor allem aufgrund seiner enormen Größe als Monster besetzt – schauspielerisch allzu anspruchsvoll war die Rolle nicht. Am bemerkenswertesten ist wohl der visuelle Unterschied zum von Boris Karloff dargestellten Monster der Universal-Filme, das mit seinem eckigen Schädel und den Schrauben im Hals damals wie heute eine Ikone des klassischen Horrorfilms war und ist. Mary Shelleys Roman befand sich bereits damals in der Public Domain, das Aussehen des Monsters aber natürlich nicht, weshalb man sich entschied, auf die Markenzeichen zu verzichten und stattdessen die Entstellungen noch weitaus stärker zu betonen. Wie Karloff verfügt aber auch die von Lee dargestellte Version des Monsters nicht über den Intellekt, den das Gegenstück aus Shelleys Roman besitzt.

Christopher Lee arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit 10 Jahren als Schauspieler – nach seiner Militärkarriere hatte er 1947 umgesattelt – der große Durchbruch war ihm aber bislang verwehrt geblieben, auch wenn ihm seine Rolle in John Hustons „Moulin Rouge“ (1952) zu einer gewissen Bekanntheit verhalf. Die Rolle von Frankensteins Monster war natürlich ebenfalls nicht unbedingt dazu geeignet, Lee zu Ruhm und Ansehen zu verhelfen, da sie einerseits darstellerisch nicht gerade fordernd und sein Gesicht unter der Maske ohnehin kaum zu erkennen war. Ganz anders dagegen der Hammer-Film, der nur ein Jahr später in die Kinos kam: „Dracula“.

Handlungsanpassungen
Während es heute eine große Bandbreite an verschiedenen Dracula-Versionen gibt, hatte das geneigte Filmpublikum in den späten 50ern noch nicht diesen Luxus – Dracula wurde fast ausschließlich mit Bela Lugosi assoziiert. Hammer bemühte sich deshalb in mehr als einer Hinsicht, die Bezüge zum Film von 1931 zu vermeiden. So basiert dieser Film auch nicht auf dem Theaterstück von Hamilton Deane und John L. Balderston, sondern ausschließlich auf Stokers Roman – was aber nicht unbedingt bedeutet, dass er werkgetreuer ist. Zumindest eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Dracula-Produktionen: Ein knappes Budget. Zudem knüpften Terence Fisher und Drehbuchtautor Jimmy Sangster an die bereits in „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ und Tod Brownings „Dracula“ etablierte Tradition an, die Figuren und ihr Verhältnis zueinander kräftig durchzumischen.

Zumindest das grobe Gerüst der Handlung des Romans bleibt bestehen: Jonathan Harker (John Van Eyssen) reist zu Draculas Schloss, um dem Grafen (Christopher Lee) bei gewissen Geschäften behilflich zu sein und anschließend dort festgesetzt zu werden, während sich der Graf aufmacht, anderswo Opfer zu suchen und ein solches in der jungen Lucy (Carol Marsh) findet. Trotz der Bemühungen des hinzugezogenen Abraham Van Helsing (Peter Cushing) gelingt es nicht, Lucy zu retten – sie wird zur Vampirin und muss gepfählt werden. Derweil hat Dracula mit Mina (Melissa Stribling) bereits ein neues Opfer auserkoren. Um sie zu retten muss Van Helsing dem flüchtigen Grafen nach Transsylvanien folgen, um ihm endgültig den Garaus zu machen.

Bei einem Blick auf die Details fallen allerdings sofort die massiven Unterschiede auf: Nicht nur kommt Jonathan Harker am Tag beim Schloss des Grafen an, er ist auch alles andere als ein ahnungsloser Anwalt, der Dracula beim Erwerb von Immobilien helfen soll. Stattdessen wird er als Bibliothekar angeheuert und ist sich sehr wohl im Klaren, wer und was Dracula ist. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Jonathan als Vampirjäger tätig und ermittelt gemeinsam mit Van Helsing, die Stellung als Draculas Bibliothekar ist nur Tarnung. Im Schloss begegnet er, anders als sein Romangegenstück, nur einer Vampirin (Valerie Gaunt), die sich als sehr gequältes und unwilliges Opfer Draculas entpuppt, das seinen Durst einfach nicht kontrollieren kann. Vampirjäger, der er ist, stöbert Jonathan Dracula und seine „Braut“ in der Gruft auf – sie kann er erlösen, Dracula erwacht allerdings und macht Jonathan zu seinesgleichen, bevor er abreist, um Ersatz für die getötete Gespielin zu finden. Bald darauf trifft Van Helsing ein und sieht sich gezwungen, seinen Freund zu pfählen.

Und wo wir gerade von Draculas Abreise sprechen: Weder Whitby noch London tauchen im Film auf. Draculas Schloss wird hier in der Nähe von Klausenburg (Cluj-Napoca) verortet, Draculas Ziel, das er per Kutsche und nicht per Schiff erreicht, ist Karlstadt in Deutschland. Ironischerweise verlegt ausgerechnet die deutsche Synchronisation die gesamte Handlung nach Großbritannien, indem sie aus Klausenburg „Waterfield“ macht.

In Karlstadt warten Jonathans Angehörige auf Nachricht von ihm. Anstatt mit Mina ist er mit Lucy verlobt, die dieses Mal weder das Objekt der Begierde dreier Männer, noch John Sewards Ziehtochter ist – tatsächlich fehlen sowohl Seward als auch Quincey Morris im Film völlig. Stattdessen ist Lucy Arthur Holmwoods (Michael Gough) Schwester und trägt dementsprechend seinen Namen. Arthur selbst muss auf seinen Adelstitel (Lord Godalming) verzichten, dafür ist er mit Mina verheiratet. Van Helsing wird schließlich dann auch nicht als Experte hinzugezogen, um der erkrankten Lucy zu helfen, sondern taucht von selbst auf, um sie über Jonathans Tod zu informieren. Als er von Lucys Krankheit erfährt, schöpft er Verdacht, woraufhin sich die Ereignisse ähnlich entfalten wie in Stokers Roman. Die zur Vampirin gewordene Lucy muss Van Helsing dieses Mal selbst pfählen und auch im Finale wird er deutlich aktiver. Statt einer Verfolgungsjagd mit den Häschern des Grafen (die in diesem Film nicht existieren), hetzen die beiden Widersacher einander durch Draculas Schloss, bis es Van Helsing gelingt, die Vorhänge des Esszimmers aufzureißen, woraufhin die Sonne dem Vampirfürsten ein Ende bereitet.

Inszenierung
In den 30ern hatte Tod Browning bei seiner Dracula-Verfilmung kaum Spielraum, trotz ihres ikonischen Status ist sie, im wahrsten Sinne des Wortes, blutleer: Weder der Prozess des Bluttrinkens, noch der Tod der Vampire wird gezeigt. Brownings „Dracula“ verlässt sich auf das Charisma Bela Lugosis und auf die Atmosphäre, die nicht zuletzt durch die schwarzweißen Bilder begünstigt wird. Terence Fisher musst zwar ebenfalls mit einem sehr beschränkten Budget kämpfen, hatte aber ansonsten nicht dieselben Probleme: Sein Dracula darf Zähne zeigen, Blut trinken und wenn Van Helsing und Arthur Holmwood Lucy pfählen, hält die Kamera voll drauf. Eines der hervorstechendsten Elemente der Horrorfilme von Hammer ist tatsächlich die Farbe des Blutes, das in einem hellen Rotton sofort die Bildkomposition dominiert. Insgesamt ist der Exploitation-Faktor ein essentieller Aspekt der Filme des Studios. Im Vergleich zu späteren Filmen ist „Dracula“ noch recht zahm, aber die tief ausgeschnittenen Dekolletés und die animalischen Angriffe Draculas sprechen eine recht eindeutige Sprache. Dieser Dracula ist kein Verführer, sondern ein Raubtier. Diese verhältnismäßig große Freiheit gibt Fisher die Möglichkeit, viktorianische Prüderie zum Thema zu machen; dieses Element illustriert er beispielsweise durch Minas deutlich freizügigeres Verhalten nach Draculas Biss.

Strukturell ist Fishers „Dracula“ tatsächlich ziemlich ausgewogen, er verfügt über ein höheres Tempo als die sehr gemächliche Browning-Version und erweckt niemals den Eindruck einer abgefilmten Bühnenproduktion, ist aber noch deutlich entspannter als spätere Sequels. Die Abwandlungen in der Handlung und die Reduzierung des Casts nehmen der Geschichte zwar Komplexität, erlauben aber eine gleichmäßige Handlungsführung und weisen zudem einige durchaus interessante Ideen auf. Ein Jahr, bevor Robert Blochs Roman „Psycho“ publiziert wurde, arbeitete Fisher bereits mit demselben Twist: Jonathan Harker tritt als Protagonist auf, nur um am Ende des ersten Aktes unrühmlich abserviert und von Van Helsing abgelöst zu werden – eine Aufgabe, der Peter Cushing mehr als gewachsen ist. Nicht umsonst gilt Cushing vielen als definitiver Van Helsing. Nachdem er in „The Curse of Frankenstein“ den ebenso skrupellosen wie zielstrebigen Victor Frankenstein mit kalter Präzision spielte, zeigt er sich in „Dracula“ von seiner menschlicheren, wärmeren Seite, auch wenn die Zielstrebigkeit zweifelsohne nach wie vor vorhanden ist.

Christopher Lee als Dracula
Rein visuell entspricht Christopher Lee hier nicht unbedingt Stokers Beschreibung: Er mag eine hochgewachsene, imposante Erscheinung sein, lässt jedoch den Schnurrbart vermissen und wird im Verlauf des Films auch nicht jünger. Dennoch ist Lees Graf, zumindest bezüglich der Charakterisierung, der Romanfigur wahrscheinlich am nächsten; diese Version der Figur ist von allen filmischen Darstellungen die böseste, ihm fehlt die Melancholie, über die seine Vorgänger Max Schreck und Bela Lugosi verfügen, von der expliziten Tragik eines Gary Oldman gar nicht erst zu sprechen. Dennoch verleiht auch Lee dem Grafen eine subtile Traurigkeit, eine Unzufriedenheit mit dem untoten Zustand, die in einem der späteren Sequels allerdings noch verdeutlicht wird. Davon abgesehen interpretieren Lee und Fisher Dracula sehr ähnlich wie Stoker: Nur zu Beginn tritt der Graf wirklich als Charakter auf und agiert mit Jonathan Harker, danach fungiert er primär als Monster und spricht kaum mehr – ganz anders als Lugosis Dracula, für den diverse Interaktionsszenen mit den Vampirjägern hinzugedichtet wurden. Fisher setzt Dracula spärlich, aber gezielt ein, eine unsichtbare Bedrohung, der Lucy langsam, aber unweigerlich zum Opfer fällt. Lucys Krankheit, Tod und Rückkehr als Vampirin sind die Elemente des Films, die, trotz des Fehlens von John Seward und Quincey Morris, am akkuratesten umgesetzt sind.

Draculas Eigenschaften als Vampir sind hier relativ stark reduziert: Geblieben ist der Blutdurst, die Anfälligkeit gegenüber heiligen Symbolen, Knoblauch und Sonnenlicht sowie die übermäßig Stärke. Die Macht über Wetter und Tiere sowie die Fähigkeit, sich selbst zu verwandeln, fehlen hingegen – primär aus Budget-Gründen. Es findet sich sogar eine Szene, in der Van Helsing spezifisch auf dieses Element angesprochen wird und sie als Aberglaube abtut. Die „Regeln des Vampirismus“, auf die Stoker sehr viel Wert legte, weshalb er sie von Van Helsing ausgiebig erläutern lässt, spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, stattdessen wird Draculas Tierhaftigkeit, seine animalische Seite betont. Wir wissen alle, dass Christopher Lee extrem charmant, umgänglich und einnehmend sein kann, als Dracula ist seine Darstellung aber primär körperlich und setzt vor allem auf seine beeindruckende und einschüchternde Präsenz.

Sequels
Ebenso wie „The Curse of Frankenstein“ erwies sich auch „Dracula“ als durchschlagender Erfolg und erhielt eine Myriade an Sequels mit stark wechselnder Qualität – weder Christopher Lee noch Peter Cushing tauchen in allen davon auf, aber einer von beiden ist immer zugegen, beide zusammen sollten allerdings nur noch in zwei weiteren Filmen auftauchen. Der Vergleich der Hammer-Dracula-Reihe sowohl mit den Hammer-Frankenstein-Filmen als auch den Universal-Filmreihen bietet einen interessanten Kontrast. Universal baute seine Frankenstein-Filme beispielsweise um das Monster herum auf, während Hammer den Fokus auf Peter Cushings Baron legte – das von Lee dargestellte Monster kam in keinem weiteren vor, einige Filme kommen sogar völlig ohne aus Leichenteilen gebasteltes Monster jeglicher Art aus. Das erste Dracula-Sequel muss, trotz des Namens „The Brides of Dracula“ (1960), ohne den titelgebenden Grafen zurechtkommen – hier werden Erinnerungen an Universals „Dracula’s Daughter“ wache. Beide Filme haben den Grafen im Titel, bringen aber nur Van Helsing zurück und lassen ihn aber gegen einen neuen Vampir kämpfen. Im Fall von „The Brides of Dracula“ wäre das Baron Meinster (David Peel), für dessen Vampirwerdung wohl Dracula verantwortlich ist und der in einer früheren Skriptfassung als Anhänger Draculas dargestellt wird, was im fertigen Film aber fehlt. Somit muss sich Peter Cushing hier mit einem Blutsauger herumschlagen, der seinem Freund Christopher Lee schlicht nicht das Wasser reichen kann.

Formal gesehen taucht Cushing auch in „Dracula: Prince of Darkness“ (1966) auf, allerdings nur, weil Draculas Todesszene am Anfang noch einmal gezeigt wird, weshalb ich ihn nicht mitrechne. Dafür markiert „Prince of Darkness“ die Rückkehr Lees zur Rolle des Grafen und den Beginn der Tradition, ihn nach dem Tod im vorherigen Film durch irgendeinen hanebüchenen Storykniff wieder zum Leben zu erwecken – meist wird ein Ritual durchgeführt oder aus irgendwelchen Gründen kommt Draculas Asche mit Blut in Berührung, woraufhin sich der Vampirfürst regeneriert. „Prince of Darkness“ ist vor allem bemerkenswert, weil Lee hier kein Wort spricht, nach eigener Aussage weigerte er sich, die fürchterlichen Dialoge aufzusagen, während Drehbuchautor Jimmy Sangster behauptete, nie Dialog für ihn geschrieben zu haben. Wie dem auch sei, mit dem Fortschreiten der Reihe fühlte sich Lee zunehmend unwohl damit, den Grafen zu verkörpern, da der Type Casting fürchtete und konnte oft nur überzeugt werden, indem man ihm erklärte, wie viele Jobs von seiner Beteiligung abhingen. So wirkte Lee nach „Prince of Darkness“ auch in „Dracula Has Risen from the Grave“ (1968), „Taste the Blood of Dracula“ und „Scars of Dracula“ (beide 1970) mit. Der siebte Film der Reihe, „Dracula A.D. 1972“ (1972, mit dem famosen deutschen Titel „Dracula jagt Minimädchen“), ließ Peter Cushing zurückkehren, stellte aber zugleich eine Art Reboot dar. Die Anfangsszene zeigt einen Kampf zwischen dem Grafen und Lawrence Van Helsing (Peter Cushing) im Jahr 1872, was in direkten Widerspruch zu allen anderen Filmen der Reihe steht. Nach seiner Niederlage wird Lees Dracula einhundert Jahre später wiedererweckt und muss sich dieses Mal mit Lorrimer Van Helsing (natürlich ebenfalls Cushing), dem Nachfahren seiner Nemesis, im modernen London herumschlagen. „The Satanic Rites of Dracula“ (1973) ist schließlich der letzte Film, in dem Lee für Hammer das ikonische Cape anlegte, um dieses Mal als ein an Blofeld erinnernder Superschurke die Welt zerstören zu wollen. Abermals ist es Peter Cushing als Lorrimer Van Helsing, der dem Grafen Einhalt gebietet. Nach „The Satanic Rites of Dracula“ hatte Lee endgültig genug, sodass in „The Legend of the Seven Golden Vampires“ (1974), dem unrühmlichen Ende von Hammers Dracula-Reihe, John Forbes-Robertson Dracula mimte, während Peter Cushing ein letztes Mal Van Helsing darstellte – trotzdem gibt es so gut wie keine inhaltlichen Bezüge zu den vorherigen Filmen. Lee selbst spielte Dracula allerdings auch in einigen Filmen, die nicht von Hammer produziert wurden, primär „Count Dracula“ bzw. „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970), eine deutsch-italienische Produktion von Jesús Franco, in der zudem auch Klaus Kinski (der in Werner Herzogs „Nosferatu: Phantom der Nacht“ neun Jahre später selbst Dracula spielen sollte) Renfield mimt, sowie „Dracula and Son“ (Originaltitel: „Dracula père et fils“, deutscher Titel: „Die Herren Dracula“, 1976), einer französischen Komödie, die die Hammer-Filme parodiert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

The French Dispatch

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Story: Als Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray), Herausgeber der Zeitschrift„The French Dispatch“, einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, wird die Publikation eingestellt, allerdings soll es gemäß seines letzten Willens eine finale Ausgabe geben, die zusätzlich zu einem Nachruf einige bereits gedruckte Artikel enthält. Bei diesen handelt es sich um „The Cycling Reporter“ von Herbsaint Sazerac (Owen Wilson), ein kleines Portrait der französischen Stadt Ennui, in welcher „The French Dispatch“ beheimatet ist, „The Concrete Masterpiece“ von J.K.L. Berensen (Tilda Swinton), in welchem es um den im Gefängnis sitzenden Künstler Moses Rosenthaler (Benicio del Toro) geht, „Revisions to a Manifesto“, in welchem Lucinda Krementz (Frances McDormand) von ihren Erlebnissen mit dem jungen Revolutionär Zeffirelli (Timothée Chalamet) berichtet, sowie „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ von Roebuck Wright (Jeffrey Wright), ein etwas aus dem Ruder geratener Bericht über den Koch Nescaffier (Steve Park).

Kritik: Egal, ob man Wes Andersons Eigenheiten als Regisseur schätzt oder nicht, er ist in jedem Fall distinktiv – vielleicht distinktiver als der jedes anderen aktuell arbeitenden Regisseurs. Man mag seinen Stil lieben oder hassen, man weiß in jedem Fall, was man bekommt: Symmetrische Kameraeinstellungen, eine aufwändig komponierte, ebenso detailreiche wie artifizielle Bildsprache, Puppenhaus-artige Kulissen und Sets, absurder und trockener Humor sowie eine Riege an exzentrischen Figuren, gespielt von einer Myriade von Darstellern aus Hollywoods Elite – neben den üblichen Verdächtigen wie Tilda Swinton, Bill Murray, Owen Wilson oder Frances McDormand sind dieses Mal auch Jeffrey Wright, Léa Seydoux, Christoph Waltz (also mit anderen Worten der halbe Cast aus „No Time to Die“) und Benicio del Toro mit dabei – um jeweils nur einige zu nennen. Wer mit Andersons Stil nichts anfangen kann, wird durch „The French Dispatch“ sicher nicht bekehrt und wem seine Manierismen beginnen, langsam auf die Nerven zu gehen, dürfte mit dem neuesten Streich ebenfalls nicht zufrieden sein, da Anderson jegliche Zurückhaltung aufgibt und sich in seinem Stil regelrecht suhlt, fast bis an die Grenze zur Selbstparodie.

Tatsächlich bietet „The Frenchs Dispatch“ genau dafür die perfekte Gelegenheit, da es sich um eine Anthologie mit dreieinhalb in sich geschlossenen Segmenten und einer Rahmenhandlung handelt – jede der oben beschriebenen Storys stellt eines dieser Segmente dar. Da Anderson dieses Mal keine (mehr oder weniger) kohärente Geschichte über einen ganzen Film erzählt, kann er sich innerhalb der einzelnen Segmente noch mehr in absurden Details verlieren. Und der Zuschauer, der eine Affinität für seinen Stil besitzt, verliert sich ebenfalls, sodass man mitunter vergisst, dass das aktuelle Segment nicht der Hauptfilm ist.

Thematisch setzt sich Anderson in „The French Dispatch“ mit den Themen Frankreich und Journalismus auseinander – der Film bzw. die titelgebende Zeitung ist explizit als Hommage an das Wochenmagazin „The New Yorker“ gedacht, wie Anderson auch in einem Interview mit, wie könnte es anders sein, „The New Yorker“ berichtet. Da ich persönlich weder mit besagtem Magazin, noch mit seiner Geschichte vertraut bin, verfehlen die meisten Anspielungen und Referenzen zu Artikeln, Personen etc. bei mir ihr Ziel, aber da dürfte ich wenigstens nicht allein sein. Da ich immerhin im selben Milieu tätig bin, zumindest im weiteren Sinne, ist „The French Dispatch“ mir dennoch „näher“ als die meisten anderen Anderson-Filme, obwohl es sich nicht um meinen Favoriten von ihm handelt. Tatsächlich gelingt es Anderson sehr gut, das Gefühl eines Magazins wie „The New Yorker“ in Filmform zu übersetzen, was tatsächlich so weit geht, dass ein Teil des Segments „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ Animation ist – schließlich haben auch Cartoons ihren festen Platz in derartigen Publikationen. Die Anthologiestruktur ist diesbezüglich natürlich ebenfalls sehr hilfreich.

Das andere große Thema ist, wie bereits erwähnt, Frankreich, Wes Andersons Wahlheimat, und speziell der französische Film. Gerade mit den vielen, in schwarzweiß gehaltenen Flashbacks und Erzählsequenzen wirkt „The French Dispatch“ oft wie eine liebevolle Parodie des französischen Kinos – oder zumindest einer abstrahierten, nicht unbedingt klischeefreien Version desselben. Auf das zweite Segment trifft das in besonderem Ausmaß zu, denn was wäre ist französischer als eine Revolution?

Ohne Zweifel sind alle vier Vignetten höchst unterhaltsam, Owen Wilsons Tour durch Ennui ist am kurzweiligsten, ich denke aber, mein Favorit ist „The Concrete Masterpiece“, und das nicht nur, weil Tilda Swinton als Erzählerin fungiert (aber auch). Tonal ist dieser Teil des Films „The Grand Budapest Hotel“, meinem Favoriten von Anderson, am nächsten und verfügt meinem Empfinden nach über die skurrilsten und unterhaltsamsten Figuren, sei es Benicio del Toro als griesgrämiger Gefängniskünstler, Adrien Brody als durchtriebener Kunsthändler, Léa Seydoux als stoische Gefängniswärterin/Muse und natürlich Tilda Swinton als herrlich überdrehte Kunstexpertin.

Ebenso wie es stilistisch nicht wirklich Überraschungen gibt, verwundert es kaum, wie der Score ausgefallen ist: Anderson und sein Stammkomponist Alexander Desplat haben, mehr noch als Duos wie Tim Burton und Danny Elfman oder Christopher Nolan und Hans Zimmer, definitiv ihren distinktiven Sound gefunden – verspielt, versehen mit schrägen Instrumentenkombinationen und rhythmisch treibend dank diverser repetitiver Figuren. Und genau das bietet Desplats Score auch hier – es fehlt das osteuropäische Flair von „The Grand Budapest Hotel“, dafür wird französisches Feeling geboten, nicht zuletzt durch den häufigen Einsatz von Klavier und Cembalo.

Fazit: Wes Andersons Auseinandersetzung mit den Themen Journalismus und Frankreich in Anthologieform ist ebenso kurzweilig wie schräg und unterhaltsam – sofern einem Andersons Stil und seine Manierismen zusagen.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Interview mit Wes Anderson in „The New Yorker“

Art of Adaptation: The Shadow of the Past

In „The Fellowship of the Ring” finden sich zwei äußerst expositionsreiche Kapitel, in denen die umfangreichen historischen Hintergründe erläutert und diskutiert werden – „The Shadow of the Past“ ist das erste. Derartige Kapitel sind für Filmadaptionen oftmals eine besondere Herausforderung – einerseits muss zumindest ein Bruchteil der Informationen vermittelt werden, um beim Publikum Verständnis für das zu schaffen, was auf der Leinwand geschieht, andererseits gilt nach wie vor die Regel „Show, don’t tell“. „The Shadow of the Past“ ist in dieser Hinsicht besonders faszinierend, denn kein anderes Kapitel wird adaptionstechnisch so sehr über die gesamte Trilogie verteilt wie dieses.

Erzählte Zeit
Zuerst müssen wir uns allerdings noch einem anderen Thema zuwenden: Der zeitlichen Abfolge bzw. der Dauer der Ereignisse. Im Film wird der Eindruck erweckt, dass sich Gandalf direkt nach Bilbos Geburtstag rasch nach Gondor begibt, dort über den Ring nachliest und bald darauf ins Auenland zurückkehrt, um mit Frodo zu besprechen, was zu tun ist. Im Roman vergehen zwischen Bilbos Geburtstagsfeier und der eigentlichen Haupthandlung 17 Jahre, in denen erst einmal herzlich wenig passiert, zumindest im Auenland: Frodo etabliert sich als neuer Besitzer von Beutelsend und wird von seinen Mit-Hobbits bald als ähnlich kauzig wie Bilbo wahrgenommen. Gandalf schaut immer mal wieder vorbei, zuerst drei Jahre nach der Feier, in den folgenden ein bis zwei Jahren häufiger, schließlich immer seltener, bis er dann ganze neun Jahre abwesend ist. Peter Jackson und seine Co-Autorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens geben nie tatsächlich an, wie viel Zeit im Film verstreicht, es könnten also tatsächlich die 17 Jahre sein, es wird allerdings nie suggeriert. Während Frodo durch den Ring natürlich unverändert bleibt, trifft dasselbe auch auf Sam, Merry und Pippin zu, an denen eine derartige Zeitspanne nicht völlig spurlos vorübergehen dürfte. Zudem bestätigt „The Battle of the Five Armies“ diesen Umstand zumindest indirekt: Streicht man die 17 Jahre aus der Timeline und geht von Aragorns Altersnennung von 87 in „The Two Towers“ aus (die mit Tolkien übereinstimmt), wäre Aragorn zu dem Zeitpunkt, da Thranduiel Legolas empfiehlt, nach Streicher zu suchen, 24. Hingegen wäre er nach Tolkiens Timeline zum Zeitpunkt der Ereignisse des „Hobbits“ erst sieben Jahre alt.

Ein kleines Detail vom Anfang des Kapitels möchte ich zudem noch ansprechen. Wie schon in „A Long-expected Party“ findet sich auch hier eine Pub-Szene, relativ analog zu der im vorangegangenen Kapitel, in welcher diverse Hobbits, darunter Sam, über die Ereignisse in der Welt diskutieren und sich über die Beutlins wundern. Im Film findet sich ebenfalls eine kurze Pub-Szene, die die Normalität vermitteln soll, bevor diese von Gandalf gestört wird – hier sehen wir Sam und Frodo Seite an Seite als Freunde. Ich denke, hierbei handelt es sich um einen Versuch, den von Tolkien etablierten Klassenunterschied zwischen den beiden Hobbits weniger drastisch darzustellen. Buch-Sam ist zu diesem Zeitpunkt tatsächlich primär Frodos Gärtner und Angestellter, während die Interaktion zwischen Film-Sam und Film-Frodo sowohl hier als auch bei Bilbos Feier auf eine engere Freundschaft schließen lässt. Ich denke, Buch-Frodo würde nicht unbedingt mit Sam seine Freizeit verbringen.

Is It Secret? Is It Safe?
Der Hauptteil des Kapitels wird von einem langen, nächtlichen Gespräch von Frodo und Gandalf dominiert, in dem, wie bereits erwähnt, viele essentielle Hintergründe bezüglich des eigentlichen Plots vermittelt werden – der Leser erfährt diese zusammen mit Frodo. Anders als im Film, der Gandalfs Rückkehr nutzt, um ein wenig Suspense unterzubringen, indem er den Zauberer Frodo auflauern und überraschen lässt, klopft Gandalf bei Tolkien ganz zivilisiert. Zentral ist natürlich die Enthüllung, dass es sich bei Bilbos Ring um den Einen Ring des Dunklen Herrschers handelt – diese ist in Roman und Film sehr ähnlich; der Ring wird ins Feuer geworfen, die Schrift taucht auf und Gandalf erklärt mehr (Roman) oder weniger (Film) ausführlich, was sie bedeutet. Der Hauptunterschied an dieser Stelle ist das Vorwissen: Wer den „Lord of the Rings“ zum ersten Mal liest, weiß an dieser Stelle in etwa so viel wie Frodo selbst. Nur im oben erwähnten Pub-Gespräch werden am Rande dunkle Gerüchte bezüglich des Landes Mordor und des Feindes erwähnt. Wer hingegen den Film anschaut, verfügt über deutlich mehr Wissen, nicht zuletzt, weil die Inschrift des Einen Rings erst kurz zuvor in Isildurs Aufzeichnungen gezeigt wurde, die Gandalf in Minas Tirith einsieht. Von diesen Nachforschungen berichtet Gandalf bei Tolkien übrigens erst bei Elronds Rat, dem zweiten großen Expositionskapitel von „The Fellowship of the Ring“.

Die darauffolgende Dialogszene zwischen Gandalf und Frodo wird von Jackson auf das Nötigste reduziert: Es wird etabliert, dass der Ring Sauron nicht in die Hände fallen darf, dass der Dunkle Herrscher durch Gollum von den Hobbits und dem Ringfund erfahren hat und dass Gandalf den Ring nicht selbst nehmen möchte, weil dieser eine zu große Macht über ihn ausüben würde. Was an dieser Stelle noch nicht etabliert wird, ist, dass der Ring in den Feuern des Schicksalsberges zerstört werden muss; bei Tolkien teilt Gandalf diesen Umstand bereits eindeutig mit, auch wenn nicht unbedingt Frodo derjenige ist, der den Ring bis nach Mordor bringen soll, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Die Entscheidung, dass Frodo samt Ring das Auenland verlassen muss, wird in beiden Fällen getroffen, im Roman fehlt allerdings die unmittelbare Eile. Im Film dagegen packt Frodo sofort seine sieben Sachen und macht sich aufbruchbereit. Sams Involvierung in die Reisevorbereitungen findet dann in beiden Medien wieder fast identisch statt, bis hin zu den Dialogen. Das Kapitel endet schließlich damit, dass Sam von Gandalf dazu „verurteilt“ wird, Frodo zu begleiten, was dieser überhaupt nicht als Strafe wahrnimmt – schließlich bedeutet es, dass er Elben sehen darf.

Der epische Prolog
Wie bereits erwähnt wurden Gandalfs Erläuterungen auf das absolut Nötigste reduziert, um an dieser Stell keine ewig lange Gesprächs- bzw. Expositionsszene einzubauen. Das bedeutet aber nicht, dass die Inhalte von Gandalfs Erzählung nicht im Film auftauchen würden, im Gegenteil. Der Zauberer erzählt Frodo im Roman erst von den diversen Ringen der Macht und wie Sauron den Einen Ring gegen Ende des Zweiten Zeitalters verliert, um anschließend von Gollums Ringfund zu berichten – der Film vermittelt diese Inhalte in Form eines epischen Prologs. Nun ist dieser Kniff absolut nicht neu und zudem meistens eher Zeichen eines schlechten Drehbuchs. Idealbeispiel ist Ralph Bakshis Adaption des „Lord of the Rings” aus dem Jahr 1978 – inhaltlich sind sich beide Prologszenen sehr ähnlich, ihre jeweilige Wirkung ist aber fundamental unterschiedlich. Zum einen liegt das natürlich an den zur Verfügung stehenden Mittel. Die Idee, das Ganze mit schwarzen Silhouetten vor rotem Hintergrund zu inszenieren, hat durchaus etwas für sich, alles in allem wirkt die Sequenz aber wie ein Fremdkörper im Film, da hier eben nur Schauspieler in billigen Kostümen abgefilmt wurden. Gerade im Medium Animation wäre da sicher mehr drin gewesen. Das andere Problem ist die uninteressante Präsentation des Materials – es handelt sich um eine Expositionsladung der schlimmsten Sorte, die zudem auch noch fehlerhaft ist (Sauron lernte nicht, wie man Ringe schmiedet, er war es, der diese Kunst den Elbenschmieden von Eregion erst beibrachte). Jackson, Walsh und Boyens hingegen bemühen sich, nicht einfach nur die Informationen zu vermitteln, sondern die Stimmung und Atmosphäre von Mittelerde zu transportieren. Die gesamte Inszenierung ist nicht nur extrem gelungen, sondern vermittelt auch genau die richtige Stimmung – nicht ohne Grund versuchen so viele Filme, den Erfolg dieses Prologs zu kopieren, meistens mit mäßigem Erfolg.

Ein Schlüssel zum Erfolg des Prologs ist der Umstand, dass nicht alle verfügbaren Informationen des Kapitels „A Shadow of the Past“ untergebracht werden. Obwohl Bakshis Prolog nur etwa halb so lang ist wie Jacksons, zeigt er hier auch Sméagols Mord an Déagol und seine Transformation zu Gollum. Der Film von 2001 hingegen vermittelt nur das nötige Material, dafür aber richtig, nämlich mit Fokus auf den Einen Ring und seine Wirkung, und kehrt, wenn nötig, an späteren Zeitpunkten in der Trilogie wieder zum Prolog zurück. Die jeweiligen Informationen oder Details werden dem Publikum mitgeteilt, wenn es relevant ist, sei es Isildurs Unfähigkeit, den Ring zu zerstören oder Gollums Hintergründe. Die Tatsache, dass er früher einem Hobbit sehr ähnlich war und Sméagol hieß, erzählt Gandalf Frodo erst in Moria, zusammen mit dem Hinweis, nicht so rasch mit dem Todesurteil zu sein, während die Details und der Mord an Déagol erst im Prolog von „The Return of the King“ enthüllt werden.

Um noch einmal zu Gandalfs Erzählung im Kapitel zurückzukehren: Ein Element, das der Film völlig ausspart, ist die Suche nach Gollum. Bei Tolkien berichtet Gandalf Frodo, wie er, mit Aragorns Hilfe, lange nach Gollum sucht und viele Informationen von ihm extrahiert, auch wenn es sehr schwierig und langwierig ist. Das alle zieht sich über lange Zeit hin (daher auch die 17 Jahre) und endet damit, dass Gollum im Düsterwald von den dort ansässigen Waldelben festgesetzt wird. Im Film hingegen erklärt Gandalf lediglich: „I looked everywhere for the creature Gollum. But the enemy found him first.” Die Tatsache, dass Gandalf um Gollums Gefangennahme und auch um seine sonstigen Hintergründe weiß, impliziert, dass er auch in der Adaption in irgendeiner Form mit ihm Kontakt hatte, aber wie genau das abgelaufen ist, ob Aragorn involviert war und Gollum letztendlich im Düsterwald untergebracht wurde, lässt die Verfilmung offen.

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

No Time to Die – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
UK
Nach über eineinhalb Jahren ist es soweit: Daniel Craig feiert seinen Abschied als James Bond mit „No Time to Die“. Obwohl sowohl Sean Connery mit sechs (sieben, wenn man „Never Say Never Again“ mitrechnet) als auch Roger Moore mit sieben Filmen öfter Bond gespielt haben, ist Craigs Amtszeit als „amtierender“ Bond mit 16 Jahren die längste. Lange war nach „Spectre“ und der gemischten Reaktion, die Bond Nummer 24 hervorrief, unklar, ob Craig überhaupt zurückkehren würde, auch weil er in Interviews erklärte, sich lieber die Pulsadern aufschneiden zu wollen als noch einmal Bond zu spielen. Aber die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson konnten ihn dann doch überzeugen, für „No Time to Die“ noch einmal den Smoking anzulegen. Auch sonst erwies sich die Produktion als problematisch, ursprünglich sollte Danny Boyle Regie führen, sprang aber ab, weshalb Cary Joji Fukunaga schließlich das Ruder übernahm. Und dann ist da noch eine gewisse Pandemie, die die ganze Gelegenheit weiter hinauszögerte und u.a. auch zu weiteren Nachdrehs führte, weil das Product Placement inzwischen veraltet war. Wie dem auch sei, an dieser Stelle zuerst kurz meine spoilerfreien Gedanken, bevor es ans Eingemachte geht: Im Kontext der fünf Craig-Filme würde ich „No Time to Die“ genau in die Mitte setzen, deutlich besser als „Spectre“ und „Quantum of Solace“, aber schwächer als „Skyfall“ und „Casino Royale“. Vor allem die ersten beiden Drittel des Films wissen zu überzeugen, im finalen Drittel fällte der Film allerdings auseinander.

Handlung und Struktur
Nachdem Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz), Anführer der Verbrecherorganisation Spectre, von James Bond (Daniel Craig) und dem MI6 in Gewahrsam genommen wurde, begibt sich Bond nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst zusammen mit Madeleine Swann (Léa Seydoux) nach Matera, doch Blofelds Arm reicht auch bis hier her: Attentäter greifen das Paar an und geben Bond Grund zu der Annahme, dass Madeleine ihn verraten hat, weshalb er sich von ihr trennt. Fünf Jahre später hat sich Bond auf Jamaica zur Ruhe gesetzt, wo seiner alter Freund, der CIA-Agent Felix Leiter (Jeffrey Wright) ihn aufsucht und ihn um Hilfe bittet: Der für den MI6 arbeitende Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik) wurde von Spectre gekidnappt. Zuerst lehnt Bond ab, aber nach einer Begegnung mit Nomi (Lashana Lynch), seiner Nachfolgerin als 007, entscheidet er sich, Leite dabei zu helfen, Obruchev aufzuspüren. Die Spur führt nach Kuba, wo Bond zusammen mit der CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas) ein Spectre-Treffen infiltriert. Dieses erweist sich als weitere Falle von Blofeld, bei der eine Biowaffe namens Heracles, an deren Entwicklung Obruchev und der MI6 beteiligt waren, dazu benutzt werden soll, Bond zu töten. Diese Waffe auf Nanobotbasis funktioniert wie ein Virus, nimmt aber nur bestimmte DNS ins Visier. Doch die Dinge entwickeln sich anders, denn Obruchev erhält in Warheit seine Befehle vom mysteriösen Terroristen Lyutsifer Safin (Rami Malek), sodass nur Bond und Paloma überleben, während die gesamte Spectre-Führung, bis auf Blofeld, eines äußerst unangenehmen Todes stirbt. Bei der Übergabe Obruchevs an Leiter stellt sich heraus, dass sein Kollege Logan Ash (Billy Magnussen) ebenfalls für Safin arbeitet, beide können entkommen, Leiter überlebt nicht.

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Paloma (Ana de Armas)

Daraufhin begibt sich Bond nach London. Da Safin offenbar darauf aus ist, sämtliche Spectre-Mitglieder zu töten, ist Blofeld offensichtlich Safins nächstes Ziel. Nach ein wenig hin und her und einem Wiedertreffen mit Q (Ben Wishaw) und Moneypenny (Naomi Harris) kehrt Bond schließlich zum MI6 zurück und darf mit Ms (Ralph Fiennes) Erlaubnis Blofeld in Anwesenheit seiner Psychiaterin verhören. Bei dieser Psychiaterin handelt es sich allerdings um Madeleine Swann, die kurz zuvor von Safin aufgesucht wurde, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Safin will Madeleine nutzen, um Blofeld zu töten und infiziert sie mit Heracles. Mit Bond als „Mittelsmann“ gelingt der Plan. Madeleine verschwindet daraufhin nach Norwegen, wird jedoch von Bond aufgespürt, der hier erfährt, dass seine alte Flamme inzwischen eine Tochter namens Mathilde (Lisa-Dorah Sonnet) hat. Doch Safins Männer sind ihnen bereits auf der Spur, kidnappen Mutter und Tochter und bringen sie zu einer alten Militärbasis auf einer Insel zwischen Russland und Japan. Gemeinsam mit Nomi macht sich Bond daran, die beiden zu retten und Safin zu stoppen…

Mit 163 Minuten ist „No Time to Die” der bislang längste Bond-Film und übertrifft damit sogar „Spectre“. Zudem weist der Film gerade für dieses Franchise einige strukturelle Besonderheiten auf. Normalerweise folgt nach der Gun-Barrel-Sequenz eine ausgedehnte Action-Szene, mit der der Regisseur einen Vorgeschmack auf später kommendes geben kann und die oft nichts oder nur wenig mit dem eigentlichen Plot des Films zu tun hat. „No Time to Die“ weicht in mehr als einer Hinsicht von dieser Formel ab: Zuerst erhalten wir einen Einblick in Madeleines Kindheit und erleben ihre erste Begegnung mit Safin, um anschließend den Spectre-Angriff in Matera erleben zu dürfen. Beide Sequenzen separat sind schon deutlich länger als die Prä-Credits-Szenen der meisten Bond-Filme – bis Billie Eilishs Titelsong erklingt, vergehen gut und gerne zwanzig Minuten. Durch diesen langen Prolog fühlt sich „No Time to Die“ an wie ein Vierakter, denn alles nach diesem ausufernden Prolog lässt sich relativ bequem in die typische Hollywood-Drei-Akt-Struktur teilen.

Spectre of the Past
„No Time to Die“ ist ein äußerst ambitionierter Film, der nicht nur eine Menge erreichen, sondern auch ein Abgesang und ein befriedigendes Ende für die Daniel-Craig-Ära sein und noch einmal alle Fäden zusammenführen möchte – dementsprechend ist der Film gerade nach Bond-Maßstäben ziemlich untypisch. Über lange Zeit hinweg waren Bond-Filme sehr selbstständige, in sich geschlossene Angelegenheiten. Während Sean Connerys (und George Lazenbys) Zeit als Bond gab es immerhin tatsächlich einen übergreifenden Handlungsstrang, jeder Film, mit Ausnahme von „Goldfinger“, hatte S.P.E.C.T.R.E. als Gegner und Blofeld als Strippenzieher oder Hauptwidersacher. Die Verzahnung der einzelnen Filme war dennoch eher mäßig, sodass es problemlos möglich war, der Handlung von, sagen wir, „You Only Live Twice“ zu folgen, ohne vorher „Thunderball“ gesehen zu haben. Am eindeutigsten fungierte „From Russia with Love“ als direkte Fortsetzung zu „Dr. No“, immerhin gibt es deutliche Referenzen an den Bond-Erstling. Die Craig-Filme hingegen sind noch einmal deutlich enger verzahnt. Allerdings war das mit Sicherheit nicht von Anfang an so geplant. Nach dem Erfolg von „Casino Royale“ entschloss man sich, mit „Quantum of Solace“ eine direkte Fortsetzung zu drehen, besagte Fortsetzung kam allerdings nur bedingt an, weshalb „Skyfall“ eine eigenständige Geschichte erzählt. Mit „Spectre“ versuchte Eon dann schließlich, alles miteinander zu verknüpfen und die losen Fäden aus „Quantum of Solace“ wieder aufzugreifen, in dem man „enthüllte“, dass die verbrecherische Organisation Quantum in Wahrheit nur eine Gruppierung innerhalb von Spectre ist und Blofeld von Anfang an hinter allem steckte. Obwohl das alles, insbesondere der Umstand, dass Blofeld nun Bonds Stiefbruder ist, nicht besonders gut ankam, setzten Eon Productions und Cary Fukunaga dieses Konzept fort: Die fünf Craig-Filme erzählen nun eine Geschichte, von Bonds Anfängen bis zu seinem Tod. Aufgrund des oben geschilderten Hin-und-Hers, der diversen Retcons, Planänderungen und schwächeren Filme fühlt sich diese Geschichte aber sehr uneben und holprig erzählt an. Wir springen gewissermaßen direkt von Bonds Anfangszeit zu einem Vorruhestand in „Skyfall“. In „Spectre“ ist Bond dann plötzlich nicht mehr alt und auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, nur um gleich wieder in den Ruhestand zu verschwinden und dann im aktuellen Film doch noch einmal reaktiviert zu werden.

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Nomi (Lashana Lynch) und Melanie Swann (Léa Seydoux)

Im Gegensatz zu den finalen Filmen der anderen Bonds besteht hier natürlich der Vorteil, dass Eon „No Time to Die“ gezielt als letzten Craig-Film konzipieren konnte, während bei den meisten anderen Bonds einfach irgendwann klar wurde, dass die aktuelle Formel nicht mehr funktioniert. Dementsprechend ist Fukunagas Film ein finaler Abgesang auf diese Ära und arbeitet sehr bewusst mit dem Bond’schen Vermächtnis. Aber nicht nur auf die vier Vorgänger finden sich Anspielungen en masse, auch frühere Filme werden miteinbezogen, primär „On Her Majesty’s Secrer Service“. George Lazenbys einziger Einsatz als 007 von 1969 kam damals beim Publikum nicht besonders gut an, gilt inzwischen vielen, auch prominenten Bond-Fans aber als Favorit, Chris Nolan nennt ihn beispielsweise als seinen Lieblingsfilm des Franchise. In vielerlei Hinsicht kann „On Her Majesty’s Secret Service“ als früher Vorgänger zu den Craig-Filmen betrachtet werden, hier machte Bond (zumindest in einem Film) zum ersten Mal eine wirkliche Entwicklung durch, war persönlich involviert, verliebte sich tatsächlich und am Schluss kam es natürlich zur Tragödie. Fukunaga macht keinen Hehl daraus, dass „On Her Majesty’s Secret Service“ auch sein Favorit ist und ihn stark beeinflusst hat. Sowohl konzeptionell (Liebesgeschichte als Zentrum der Handlung) als auch musikalisch und wörtlich zitiert Fukunaga den Film von 1969 immer wieder.

Leider ist „No Time to Die” letztendlich bezüglich seines Status als Finale Furioso der „Craig-Saga“ als subtiles Scheitern zu bewerten. Ich bin dem Konzept, Bond hier als Abschluss zu töten, nicht per se abgeneigt, tatsächlich bin ich beeindruckt, dass Eon und Fukunaga es tatsächlich durchgezogen haben, aber die Umsetzung lässt leider zu Wünschen übrig. Wie ich oben bereits schrieb, der gesamte dritte Akt fällt gewissermaßen auseinander, was zum einen am nicht völlig überzeugenden Schurken Safin liegt, aber auch am finalen Plan und der Situation, in der sich Bond befindet. Die Lage ist relativ unklar, Bonds Opfer fühlt sich in letzter Konsequenz erzwungen an und entwickelt sich nicht wirklich logisch aus der Handlung und zudem gelingt es dem Film auch nicht, die Dringlichkeit der Situation wirklich klar zu machen: Warum muss die Insel unbedingt jetzt sofort beschossen werden? Als Konsequenz fühlt sich Bonds Tod nicht verdient an und hat mich persönlich ein wenig an Supermans Ableben in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ erinnert. Das ist natürlich nur Spekulation, aber ein wenig wirkt es, als sei 007s Ende erst spät Teil der Geschichte geworden, auch wenn es, zugegebenermaßen, bereits relativ früh im Film Andeutungen gibt (die aber natürlich ihrerseits später eingefügt worden sein können).

Bond Back in Action
Sowohl für die Filmreihe im Allgemeinen als auch für die Craig-Ära im Besonderen ist „No Time to Die“ ein ungewöhnlicher Film und weicht in mehr als einer Hinsicht von der Formel ab – und dabei meine ich nicht einmal so sehr Bonds Tod am Ende, obwohl das natürlich auch ein Novum ist. Immerhin, in den Romanen gibt es einen gewissen Präzedenzfall: In „From Russia with Love“ scheint Bond am Ende nicht zu überleben, als Leser wird man zumindest im Ungewissen gelassen, da Ian Fleming sich nicht sicher war, ob er weiter Bond-Romane schreiben wollte. Erst in der Fortsetzung „Dr. No“ wird dann klar, dass 007 tatsächlich überlebt hat. Nicht ganz dieselbe Situation, aber immerhin ansatzweise vergleichbar. Wie dem auch sei, untypisch für die Craig-Filme ist vor allem, dass Bond hier relativ gesprächig daherkommt. Wir sind es ja bereits gewöhnt, dass gewisse Konventionen der Serie hier immer wieder hinterfragt oder gebrochen werden, ebenso wie wir daran gewöhnt sind, dass Craig der „leidende Bond“ ist, aber bisher war er dabei meistens recht stoisch und verschlossen, während er in „No Time to Die“ insgesamt deutlich gesprächiger ist als in den bisherigen vier Filmen und sogar hin und wieder einen Roger-Moore-Gedächtnis-Spruch loslässt.

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Bond (Daniel Craig) und Felix Leiter (Jeffrey Wright)

Was das Franchise insgesamt angeht, ist Bond hier nicht nur so monogam wie selten zuvor, es gibt nicht einmal ein neues Bond-Girl, stattdessen ist Madeleine Swann auch weiterhin Bonds einziger Love Interest. Die beiden neuen Frauenfiguren, Ana de Armas als Paloma und Lashana Lynch als Nomi, sind beide alles andere als traditionelle Bond-Girls. Eines der größeren Probleme von „No Time to Die“ ist wohl, dass es mir nicht gelingt, Madeleine als „Bonds große Liebe“ wahrzunehmen. Léa Seydoux‘ Chemie mit Daniel Craig ist hier zweifellos besser als in „Spectre“, wo sie praktisch nicht vorhanden war, aber im Vergleich zu dem, was Craig und Eva Green hatten, gibt es noch viel Luft nach oben. Da diese Liebesgeschichte aber der Anker des Films ist, führt das zum einen oder anderen Wahrnehmungsproblem, zumindest bei mir. Dass Bond hier erstmals ein Kind hat, ist freilich ein weiteres Novum, mit dem man sich erst einmal abfinden muss, schließlich waren Kinder in Bond-Filmen selten bis gar nie ein Faktor. Im Großen und Ganzen gibt es bei Craigs schauspielerischer Leistung in jedem Fall nichts zu meckern, man merkt, dass er hier, bei seinem letzten Film, noch einmal voll investiert ist.

Was in „No Time to Die” glücklicherweise vollauf zu überzeugen weiß, ist die Action. Nachdem diese in „Spectre“ oftmals dröge und uninspiriert daherkam, bemüht sich Fukunaga, wirklich grandiose und abwechslungsreiche Set-Pieces zu inszenieren, sei es der Angriff der Spectre-Agenten auf Matera, die Verfolgungsjagd auf Kuba, das Intermezzo in Norwegen oder die scheinbare One-Take-Szene auf Safins Insel. Schauplätze, Bildkomposition und Action sind ebenso schön anzusehen wie unterhaltsam und kreativ, sodass „No Time to Die“ glücklicherweise nicht langweilig wird.

Safin und Blofeld
Im Vorfeld wurde wild spekuliert, ob Eon wohl einen ähnlichen Stunt wie in „Spectre“ abziehen und Safin als bereits bekannten Schurken enthüllen würde. Man vermutete Dr. No hinter der Kabuki-Maske, zum einen, weil das Wort im Titel auftaucht und zum anderen wegen eines kleinen Details aus Flemings Roman „Dr. No“, das keinen Eingang in den gleichnamigen Film fand: Dr. Nos Herz befindet sich statt auf der linken auf der rechten Seite seines Körpers. Im Trailer zu „No Time to Die“ (und auch im fertigen Film) sieht man im Prolog ein Einschussloch dort, wo Safins Herz sein müsste, was ihn jedoch nicht weiter aufzuhalten scheint. Glücklicherweise entpuppt sich Safin nicht als Dr. No; auf dieses Detail geht der Film selbst nicht weiter ein. Vielleicht trägt Safin einfach eine schusssichere Weste unter seinem Parka, vielleicht wurde dieses Element auch für ihn übernommen, wer weiß? Ich persönlich ordne Lyutsifer Safin (extrem subtiler Vorname) ähnlich ein wie den Film insgesamt: Als Schurke ist er stärker als Blofeld oder der von Mathieu Amalric gespielte Dominic Greene, verblasst aber im Vergleich zu Raoul Silva (Javier Bardem) und Le Chiffre (Mads Mikkelsen). Vor allem in der Prolog-Szene wird Safin sehr effektiv inszeniert, hier nutzt Fukunaga Techniken des Horror-Films, danach verschwindet er allerdings für recht lange Zeit aus der Handlung. Rami Malek ist in der Rolle angenehm bedrohlich, ihm wird aber nicht die nötige Gelegenheit gegeben, wirklich viel aus ihr herauszuholen. Das hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass Safin in seiner Motivation merkwürdig zwiegespalten ist. Seine Rachepläne an Blofeld und Spectre sind nachvollziehbar, schließlich sind sie für den Tod seiner Familie verantwortlich, aber alles, was Safin im dritten Akt des Films mit Heracles anstellt bzw. anstellen will, ist merkwürdig schwammig und undefiniert. Will er die Weltherrschaft? Will er nach Ra’s-al-Ghul-Manier einen großen Teil der Weltbevölkerung auslöschen? Und wenn ja, weshalb? Zudem wird sein Verhalten im Finale zunehmend erratisch: Als Mathilde ihn in den Finger beißt, lässt er sie einfach davonlaufen – das wirkt untypisch. Mir scheint, dass im dritten Akt aufgrund der ohnehin schon enormen Länge einige Szenen geschnitten wurden, die für das Verständnis aber besser im Film geblieben wären. Gerade was Safin angeht, fühlt man sich eher an frühere Bond-Widersacher erinnert: In bester Tradition hat Safin eine eigene Insel mit einem „Garden of Poison“, und natürlich gibt er sich mit Kleinigkeiten nicht zufrieden, er ist eine Bedrohung für die gesamte Welt. Gerade in der jetzigen Zeit kommt man zudem nicht umhin, zudem gewisse Parallelen zwischen Heracles und Corona festzustellen, die sicher nicht beabsichtigt waren („No Time to Die“ wurde ja deutlich vor dem Ausbruch abgedreht), aber nichts desto trotz faszinierend sind.

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Lyutsifer Safin (Rami Malek)

Bekanntermaßen überlebte Ernst Stavro Blofeld „Spectre“ und darf nun erneut auftauchen und Bond primär in der ersten Hälfte des Films das Leben schwer machen – wenn auch vom Gefängnis aus. Damit ist Christoph Waltz der bislang einzige Darsteller, der Blofeld mehr als einmal gespielt hat (die schattenhafte Version der Figur in „From Russia with Love“ und „Thunderball“ nicht mitgerechnet). Leider kommt Blofeld in „No Time to Die“ nicht allzu viel besser weg als in „Spectre“: Nach wie vor funktioniert Waltz für mich in dieser Rolle einfach nicht, mehr noch, er scheint auch kein besonderes Interesse an ihr zu haben. Eine der größten Schwächen der „Craig-Saga“ ist für mich zudem, dass es ihr fast nie gelingt, die große, böse Organisation im Schatten, sei es Quantum oder Spectre, wirklich interessant oder eindrücklich zu inszenieren. „No Time to Die“ setzt dem die Krone auf, in dem die gesamte Spectre-Führungsriege hier bei ausgerechnet Blofelds Geburtstagsparty umgebracht wird – das klingt eher nach der Roger-Moore-Ära. Blofeld selbst wird auf ähnlich unrühmliche Weise abserviert. In Anbetracht der Tatsache, dass er DER Gegner James Bonds sein soll und in „Spectre“ als das große Mastermind hinter allen anderen Filmen etabliert wurde, wirkt dieser Abgang unbefriedigend. Aus rein erzählerischen Gründen wäre tatsächlich eine größere Rolle für Blofeld nötig gewesen. Hier wäre vielleicht eine Rückkehr zu Ian Fleming die richtige Lösung gewesen. In den Romanen verändert Blofeld sein Äußeres ständig mit plastischer Chirurgie, man hätte durch diesen Kniff problemlos ein Recasting rechtfertigen können, schließlich will ein geflohener Blofeld nicht erkannt werden. So wirkt „No Time to Die“ mitunter wie eine merkwürdige Coda einer ohnehin holprig erzählten Saga.

Her Majesty’s Secret Service
Im Verlauf der Craig-Ära sammelte Bond ein durchaus beeindruckendes Raster an Verbündeten und Unterstützern an. Die Präsenz von Judi Denchs M ist selbst nach dem Tod der Figur immer noch vorhanden, sei es durch Videos oder ein Porträt. Bereits in „Casino Royale“ und „Quantum of Solace“ arbeitete Bond mit Jeffrey Wrights Felix Leiter zusammen, in Letzterem tauchte auch erstmals die von Rory Kinnear gespielte Version des Fleming-Charakters Bill Tanner auf, die von nun an zum festen Bestandteil des Casts gehören sollte. In „Skyfall“ bekam Craig „seine“ Moneypenny (Naomi Harris) und „seinen“ Q (Ben Wishaw), zusätzlich zu einem neuen M (Ralph Fiennes) und in „No Time to Die“ stoßen nun schließlich Lashana Lynch als Bonds Nachfolgerin Nomi und Ana de Armas als CIA-Agentin Paloma hinzu. Als die Rolle von Ersterer bekanntgegeben wurde, erfolgten natürlich sofort Aufschreie wie „Bond goes woke“, verbunden mit der Befürchtung, Lashana Lynch könne Craig aus dem Rampenlicht drängen, was sich angesichts der Rolle, die Nomi im Film spielt, als ziemlich albern entpuppt. Nicht nur ist die neue 007 verhältnismäßig insignifikant, sie gibt auch ihre Kennung vor dem Finale ganz brav zurück. Heimlicher Star des Films ist ohnehin Paloma – Ana de Armas tauch in der Kuba-Sequenz auf, reißt mit ihrem Charme und ihrer Energie kurzzeitig den gesamten Film an sich, harmonisiert wunderbar mit Daniel Craig und verschwindet dann ebenso unverhofft wieder. Da hätte man sich durchaus eine größere Rolle gewünscht.

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Eve Moneypenny (Naomi Harris), M (Ralph Fiennes) und Bill Tanner (Rory Kinnear)

Das Ableben von Felix Leiter soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Bereits bei Ian Fleming ist er eine immer wieder auftauchende Figur, die im zweiten Roman, „Live and Let Die“, brutal durch einen Haiangriff verstümmelt wird; ein Schicksal, das ihm zwar in der Verfilmung besagten Romans erspart bleibt, aber dafür 16 Jahre später in „Licence to Kill“ widerfährt – ironischerweise wird Leiter in beiden Filmen von David Hedison dargestellt. Wright ist bislang der einzige Schauspieler, der Leiter sogar ganze drei Mal gespielt hat – insofern ist es auch gerechtfertigt, dass er in „No Time to Die“ eine etwas größere Rolle bekommt. Tatsächlich empfand ich sein Ableben als emotionaler als Bonds am Ende des Films – was eher gegen Letzteres und nicht unbedingt für Ersteres spricht.

Der Rest MI6-Besatzung ist hier nicht so beschäftigt wie in „Spectre“, aber immer noch deutlich aktiver als in früheren Bond-Filmen. Moneypenny und Q haben verhältnismäßig wenig zu tun, Ralph Fiennes‘ M dagegen wird negativer dargestellt, da er bei der Entwicklung von Heracles seine Finger im Spiel hatte, was ein wenig an „Skyfall“ erinnert, wo seine Vorgängerin aufgrund ihres Umgangs mit den Agenten, primär Bond und Silva, kritisiert wird.

James Bond Will Return
Bereits im Vorfeld kam die Frage auf, wie es nun weitergehen wird: Wird nur Bond ausgetauscht und der Rest der Besatzung bleibt oder gibt es einen harten Reboot? Nach „No Time to Die“ scheint relativ klar, dass ein harter Reboot ins Haus steht. Ein erneutes auftauchen der bekannten MI6-Besatzung nach diesem Ende wäre höchst merkwürdig und würde das unterlaufen, was Eon mit Bond Nummer 25 erreichen wollten. Tatsächlich ist das auch einer der Gründe, weshalb ich Bonds Tod eher negativ gegenüberstehe: Ich mochte diesen MI6-Cast und hätte ihn gerne auch weiterhin an der Seite eines neuen Bond gesehen. Andererseits gehört die Marke nun Amazon, da ist ein Spin-off wahrscheinlicher denn je. Sowohl für Michelle Yeohs Wai Lin aus „Tomorrow Never Dies“ als auch Halle Berrys Jinx Jordan aus „Die Another Day“ gab es Pläne für Soloauftritte, aus denen freilich nichts geworden ist, aber wer weiß, vielleicht erwartet uns in naher Zukunft ein Agenten-Team-Up bestehend aus Nomi und Paloma, in dem der Craig-MI6-Cast Gastauftritte absolvieren kann.

Wie dem auch sei, ich persönlich denke, dass der neue Bond 2022 verkündet wird. Barabara Broccoli erklärte zwar, man habe noch keine Auswahl getroffen, aber bei Eon Productions hatte man nun doch über eineinhalb Jahre Zeit, sich zumindest Gedanken über den Nachfolger zu machen. Zusätzlich ist 2022 wieder Mal ein Jubiläumsjahr für den Film-Bond, der 1962 sein Debüt feierte und somit 60 wird. 2002 und 2012 gab es jeweils einen mit Anspielungen gespickten Jubiläumsfilm, das kann nächstes Jahr nicht geboten werden, also wäre die Verkündigung des neuen Bond-Darstellers zumindest in Ansätzen eine passende Alternative. Spekulationen, in welche Richtung Bond 26 gehen wird, sind bis zur Bekanntgabe wohl ohnehin müßig. Ich denke, die emotionale Komponente und der stärkere Fokus auf Bonds Charakterisierung wird uns erhalten bleiben, aber ob man sich erneut an einem größeren Handlungsbogen versuchen oder doch den Fokus wieder auf Einzelabenteuer legen möchte, steht noch in den Sternen.

Fazit: Sowohl im Kontext der gesamten Filmreihe als auch der Craig-Ära landet „No Time to Die“ in der Mitte, weder gehört er zu den besten, noch zu den schlechtesten Filmen des Franchise. Primär wird er wohl als der Film in Erinnerung bleiben, in dem Bond stirbt – auch wenn sein Tod eine eher unbefriedigende Angelegenheit bleibt. Ansonsten ist Cary Joji Fukunagas Beitrag zum 007-Vermächtnis mit Sicherheit einer der bestaussehndsten Bonds mit einigen überaus beeindruckenden Action-Szenen, einem eher schwächeren Schurken und einem grandiosen Auftritt von Ana de Armas – weder Meisterwerk noch Totalausfall.

Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Art of Adaptation: Casino Royale

Fright Night

Halloween 2021!
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Story: In Charley Brewsters (William Ragsdale) Nachbarschaft verschwinden Menschen, just als der enigmatische Jerry Dandrige (Chris Sarandon) ins Nachbarhaus einzieht. Schon bald findet Charley eher zufällig heraus, dass Dandrige ein Vampir ist – aber weder seine Mutter (Dorothy Fielding) noch seine Freundin Amy (Amanda Bearse) oder Kumpel „Evil Ed“ (Stephen Geoffreys) glauben ihm. Als Dandrige sich schließlich über Charleys Mutter Zugang zum Haus verschafft (Vampire müssen bekanntermaßen eingeladen werden) und ihn bedroht, wendet er sich verzweifelt an den Fernsehvampirjäger Peter Vincent (Roddy McDowall), der ihm allerdings ebenfalls nicht glaubt. Derweil beginnt Amy, sich Sorgen um Charley zu machen und heuert Vincent an, damit er Charley davon überzeugt, dass Dandrige kein Vampir ist. Doch das Gegenteil tritt ein und Dandrige beginnt damit, die Jugendlichen zu jagen, während sich Peter Vincent ängstlich in seiner Wohnung versteckt. Als schließlich „Evil Ed“ zum Vampir wird, spitzt sich die Lage endgültig zu…

Kritik: In den 80ern war das Genre des Vampirfilms noch weit weniger facettenreich, als es heute der Fall ist. Während in der Literatur komplexe Vampirprotagonisten bereits vorhanden waren, nicht zuletzt dank Anne Rice‘ „Interview with the Vampire“, waren sie im Kino noch eher rar und auf die Antagonistenrolle beschränkt. Dennoch zeigt sich in den Vampirfilmen der 80er bereits eine gewisse Bereitschaft, Genre-Konventionen aufzubrechen. Tom Hollands „Fright Night“ aus dem Jahr 1985 ist hierfür ein schönes Beispiel: Nach wie vor ist der Vampir beschränkt auf die Rolle des Monsters, zugleich ist sich der Film der Genre-Konventionen allerdings überaus bewusst und spielt genüsslich mit ihnen. Wir befinden uns gewissermaßen in einem Zwischenstadium: Die Vampirfilme der Hammer-Studios gehören bereits zum alten Eisen, es fehlt aber noch an der neuen Richtung, die das Genre in den 90ern dank Filmen wie „Bram Stoker’s Dracula“ und natürlich der Adaption von „Interview with the Vampire“ einschlagen würde. Sowohl „Fright Night“ als auch Joel Schumachers zwei Jahr später erschienener Film „The Lost Boys“ sind exemplarisch und versetzen den Vampirfilm vom transsylvanischen Schloss ins amerikanische Kleinstadtmilieu und einen moderneren Kontext.

Ironischerweise wirkt sich dieser Umstand weniger auf die Vampire selbst aus, diese sind, wie bereits erwähnt, nicht nur nach wie vor böse, sondern sogar noch entstellter und monströser, als es Christopher Lees Dracula jemals war. Stattdessen sind es die Jäger, bei denen die Metaaspekte und die Dekonstruktion des Genres zum Tragen kommt. In „The Lost Boys“ sind die Protagonisten gezwungen, sich an die wunderlichen „Frog Brothers“ zu wenden, ein Brüderpaar, das nicht nur in einem Comicladen arbeitet, sondern auch alles Wissen über Vampire aus Comics bezieht. Der Vampirjäger in „Fright Night“, Peter Vincent, erinnert immerhin visuell stark an Peter Cushings Van Helsing, ist aber eben nicht der stoische und kompetente Gelehrte der Hammer-Filme, sondern nur ein Schauspieler, der von den jugendlichen Protagonisten fast schon in Aktion gezwungen werden muss und erst gegen Ende seinen Mut findet. Dementsprechend ist er auch die eigentliche Hauptfigur, da sein Charakter die größte Entwicklung durchmacht, während die Van-Helsing-Figuren sonst eher die Mentorenrolle einnehmen und recht statisch sind.

Ein Teil der Handlung kann durchaus auf „Dracula“ zurückgeführt werden, wie Stokers Graf dringt auch Jerry Dandrige in die Welt der Protagonisten ein und verfügt über einen willigen Diener (Billy Cole) – dieser ist, im Gegensatz zu Renfield, allerdings bereits tot. Die Lucy-Rolle wird sogar auf zwei Figuren verteilt, zum einen „Evil Ed“, der zum vollständigen Vampir wird und eine äußerst tragische Todesszene bekommt, und zum anderen natürlich Amy, die sich aber nach Dandriges Tod wieder zurückverwandeln darf. Dandrige selbst ist zwar nicht wirklich sympathisch, bemüht sich aber zumindest zu Anfang um ein gewisses Maß und gibt Charley ja sogar die Gelegenheit, ihn einfach zu ignorieren. Chris Sarandon reichert seine Performance mit einigen kleinen Momenten an, die seine Figur ein wenig komplexer und runder machen, ohne dabei seine Bosheit zu verwässern. Davon abgesehen sind Dandrige und die anderen Vampire des Films sehr klassische Vertreter, können sich in Fledermäuse verwandeln, schrecken vor Kreuzen zurück (allerdings nur, wenn tatsächlicher Glaube dahinter steht) und sind stets blutgierig.

Besonderes Lob verdienen die praktischen Effekte und das Make-up, mit deren Hilfe alle Vampire im letzten Drittel ziemlich überdrehte Monstergestalten annehmen. All das ist äußerst beeindruckend und erinnert qualitativ und ästhetisch durchaus an John Carpenters „The Thing“. Auch sonst ist „Fright Night“ durch und durch ein Film der 80er, von der Ästhetik und dem Humor über den Gore-Faktor bis hin zur Musik. Tom Hollands Regie-Debüt inspirierte sowohl eine Fortsetzung (an der er allerdings nicht beteiligt war) als auch ein Remake, das im Jahr 2011 erschien und praktisch niemanden interessierte. Angeblich soll Hooper derzeit ein weiteres Sequel zum Original planen, das alle anderen Filme ignoriert.

Fazit: Kurzweiliger, etwas trashiger und humoriger 80er-Vampirstreifen, der einige Genrekonventionen hinterfragt und vor allem durch beeindruckende praktische Effekte und Make-up zu überzeugen weiß.

Bildquelle

Trailer

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