Star Wars: Konzept einer Fortsetzung


Dank der D23 ist Star Wars mal wieder in aller Munde, wenn auch nicht unbedingt positiv. Zwar sieht der Trailer zu „The Mandalorian“ wirklich nicht schlecht aus – das könnte was werden – die Promotion zu „The Rise of Skywalker“ bekleckert sich jedoch nicht unbedingt mit Ruhm. Sei es der Teaser, der zur Hälfte aus alten Szenen besteht und kaum etwas offeriert außer einem Schweizer Taschenlichtschwert oder das Poster, bei dem eine Hot-Toys-Figur statt Ian McDiamirds edler Gesichtszügen eingebunden wurde. Aber in diesem Artikel soll es weder um die positiven, noch um die negativen Aspekte der D23-Präsentationen und -Enthüllungen gehen. Stattdessen möchte ich das anhaltende Medienecho nutzen, um noch einmal, einige Monate vor dem Kinostart von Episode IX, über die Konzeption der Sequel-Trilogie sprechen.

Rückblick: Konzept der OT und PT
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Konzepte der bereits bestehenden Trilogien. Der Handlungsbogen der OT dürfte klar sein: Rebellion gegen Imperium, der Fall einer totalitären Diktatur und, auf einer persönlichen Ebene, die Erlösung Anakin Skywalkers. Allerdings war vor allem Letzteres nie von Anfang an Teil der Konzeption. So sehr George Lucas auch behauptet, die OT sei von Anfang an so geplant gewesen, es ist inzwischen deutlich geworden, u.a. aus den ersten Drehbuchentwürfen für „The Empire Strikes Back“, in denen Anakin Skywalkers Machtgeist auftaucht, dass der Handlungsbogen um Darth Vaders Rückkehr zum Licht und die allgemeinen Verwandtschaftsverhältnisse Elemente sind, die erst nach Episode IV Teil der Handlung wurden. Mehr noch, zu Anfang war Palpatine laut des Prologs von Alan Dean Fosters Romanadaption von „A New Hope“ ein schwacher Diktator und mit Sicherheit kein Machtnutzer. Hin und wieder gibt es bei der Gesamtbetrachtung der OT die eine oder andere Diskrepanz, aber insgesamt ist sie ziemlich gut zusammengewachsen und funktioniert als die Saga, als die sie wahrgenommen wird. Dieser Aspekt des Zusammenwachens ist jedoch etwas, das man im Hinterkopf behalten sollte.

Rein konzeptionell ist die Prequel-Trilogie am dichtesten, auch wenn das Konzept nicht immer ganz gelungen umgesetzt wurde. Die Prequels schildern den Fall Anakin Skywalkers, die Vernichtung der Jedi, den Aufstieg Imperator Palpatines und die Umwandlung der Republik in das Imperium. Es war von Anfang an klar, wo es hingehen würde – was den vielgescholtenen Prequels ironischerweise den Status der am besten geplanten und konzipierten Trilogie verleiht, denn anders als bei den anderen beiden wussten die Verantwortlichen genau, wo die Reise enden würde.

Als Disney Lucasfilm 2012 erwarb, waren die Möglichkeiten, die Saga fortzusetzen, vielfältig. Das alte Erweiterte Star-Wars-Universum, inzwischen als „Legends“ gebrandmarkt, hat einige Blaupausen geliefert, die wir uns etwas näher betrachten werden, bevor wir uns mit dem Weg, der für die Sequels gewählt wurde, auseinandersetzen.

Direkte Fortsetzung: Die Thrawn-Trilogie und „Dark Empire“
In den 90ern erwarben zwei Verlage, Bantam und Dark Horse, die Star-Wars-Lizenz und machten sich daran, die Saga in Form von Romanen und Comics fortzusetzen. Das jeweils erste Werk beider Verlage, Timothy Zahns „Heir to the Empire“ (gefolgt von „Dark Force Rising“ und „The Last Command“) und „Dark Empire“ (gefolgt von „Dark Empire II“ und „Empire’s End“) können jeweils als Versuch verstanden werden, die OT sehr direkt fortzusetzen. Im Kontext der Prequels erscheint vor allem „Dark Empire“ recht merkwürdig, aber natürlich konnten weder Tom Veitch noch Timothy Zahn wissen, was George Lucas in der Zukunft anstellen würde (Stichwort: Auserwählter). Wie dem auch sei, beide Werke setzen den Konflikt relativ direkt fort. Zahn erzählt dabei die besser konstruierte und auch deutlich kreativere Geschichte. Nach ihrem Sieg auf Endor hat die Rebellen-Allianz die Macht in der Galaxis übernommen, sodass die Rollen vertauscht sind: Die Helden sind nun die dominante Partei, während die Schurken aus dem Untergrund heraus kämpfen. Nach wie vor ist es das Imperium, das Luke, Han, Leia und Co. Probleme bereitet. Dieses Mal wird die Neue Ordnung durch Großadmiral Thrawn vertreten, der eine deutlich andere Art von Widersacher ist als Vader oder Palpatine, was sich natürlich auf die Geschichte auswirkt. Zahn fährt die mystischen Aspekte von Star Wars etwas zurück. Das Vermächtnis der Jedi und der Kampf gegen die Dunkle Seite sind zwar präsent – Letztere wird vertreten durch den verrückten Jedi-Klon Joruus C’baoth – man merkt den Romanen jedoch an, dass Zahn diesen Elementen weniger Bedeutung zuweist; er rückt Star Wars etwas näher an die „echte“ Science Fiction heran und entfernt sich von der märchenhaften Space Opera. Im Kern steht hier der Konflikt zwischen Imperium und Neuer Republik, dementsprechend ist Thrawn auch militärisches Genie und nicht böser Overlord. Gerade im Kontext der Erscheinungszeit ist die Thrawn-Trilogie wirklich eine exzellente Fortsetzung der OT, der eine gelungene Balance zwischen Altem und Neuem gelingt. Im Kontext der Prequels trifft das freilich nicht mehr zu, da diese das Konzept des Außerwählten und den Konflikt zwischen Jedi und Sith in den Mittelpunkt rücken. Diese essentiellen Elemente der Episoden I bis III finden sich in der Thrawn-Trilogie nicht wieder – wie auch?

Was die grundsätzliche Handlung angeht, eignet sich „Dark Empire“ besser als Fortsetzung der aus den Episoden I bis VI bestehenden Saga: Palpatine/Darth Sidious ist durchgehend der Oberschurke, da bietet es sich an, das Konzept an ihm als „dunkler Bedrohung“ festzumachen: Die Star-Wars-Saga als Kampf der Skywalker-Dynastie gegen Palpatine. Im Detail wusste Tom Veitch natürlich genauso wenig wie Timothy Zahn, was George Lucas mit den Prequels machen würde, weshalb vieles, was in „Dark Empire“ geschieht, im Kontext der Prequels reichlich merkwürdig oder schlicht unpassend wirkt. Zwar werden die Sith in den Fortsetzungen „Dark Empire II“ und „Empire’s End“ tatsächlich erwähnt, schließlich war Darth Vader von Anfang an laut Episode-IV-Drehbuch und -Romanadaption „Dunkler Lord der Sith“, aber was das bedeutete, wusste im Zeitraum von 1977 bis Mitte der 90er niemand. Bekanntermaßen wollte Zahn die Spezies, die für Vader und später auch Thrawn als Attentäter arbeitet, zu den Sith machen und Vaders Titel so erklären, bis Lucasfilm ihm das ausredete, sodass aus besagter Spezies schließlich die Noghri wurden.

Wo die Thrawn-Trilogie jedoch etwas geerdeter ist und sich eher auf die Sci-Fi-Aspekte konzentriert, geht Veitch den entgegengesetzten Weg: Bei ihm ist Palpatine mächtiger denn je, sein Geist kann von Körper zu Körper hüpfen, er kann gewaltige Machtstürme entfesseln und im Grunde ganze Flotten im Alleingang in Schutt und Asche legen. Die Dominanz der Neuen Republik wird von Veitch ebenfalls wieder rückgängig gemacht – insgesamt betont er in „Dark Empire“ deutlich stärker die Pulp-Elemente, die Dank Lucas‘ Vorliebe für „Flash Gordon“ natürlich schon immer Teil der Saga waren.

Ein neuer Konflikt: Die „New Jedi Order“
Eine weitere konzeptionelle Möglichkeit für die Sequel-Trilogie wäre gewesen, ein völlig neues Kapitel aufzuschlagen. Das Imperium, die Sith und die Dunkle Seite der Macht sind besiegt, der Auserwählte hat seinen Job erfüllt, die Bedrohung kommt dieses Mal aus einer völlig anderen Richtung. Die Idee außergalaktischer Invasoren tauchte immer mal wieder im Erweiterten Universum auf; in den alten Marvel-Comics gab es die Nagai, in „Truce at Bakura“ die Ssi-ruuk und 1999 zeigten im Rahmen der Romanreihe „New Jedi Order“ natürlich die Yuuzhan Vong ihre nicht gerade ansehnlichen Gesichter. Diese neue Spezies, die die bekannte Galaxis in einen neuen, blutigen Krieg stürzt, ist enorm umstritten, nicht zuletzt, da ihre Mitglieder in der Macht nicht zu existieren scheinen, aber unabhängig davon sind sie ein Paradebeispiel für ein „neues Kapitel“: Es gibt keine Verbindung zwischen den Vong und dem Imperium, den Sith oder irgend einem anderen bekannten Widersacher. Ich denke nicht, dass sich die Vong wirklich für die Sequels angeboten hätten, dazu sind sie im Fandom zu umstritten und hätten auf den Mainstream wahrscheinlich zu un-star-warsig gewirkt, aber die „New Jedi Order“ wäre als sehr grobe Vorlage interessant gewesen. So hätte Disney bzw. Lucasfilm erklären können, dass sich die Episoden I bis VI mit dem Konflikt Jedi gegen Sith auseinandersetzen, und die Episoden VII bis IX (oder sogar XII?) mit dem Krieg zwischen der Neuen Republik und welchem völlig neuen Gegner man auch immer wählt.

The Next Generation: „Legacy“
Das Konzept der Comicserie „Legacy“ lässt sich mit einem Satz kurz und prägnant erläutern: Selber Konflikt, anderes Personal. Knapp 140 Jahre nach der OT stehen die Jedi (mal wieder) kurz vor der Auslöschung und (mal wieder) herrschen die Sith über das Imperium bzw. die Galaxis. Nur ist der Protagonist nicht mehr der aufrechte Bauernjunge, der sich zum strahlenden (wenn auch schwarz gewandeten) Ritter entwickelt, sondern ein Junkie, der am liebsten in Ruhe gelassen werden will – dummerweise trägt Cade den Familiennamen Skywalker und ist ein Nachfahre besagten Ritters. Etwas ähnliches hätte sich für die Sequels durchaus angeboten, besonders wenn Mark Hamill, Harrison Ford und Carrie Fisher nicht gewillt gewesen wären, noch einmal in ihre Rollen zu schlüpfen. „Legacy“ zeichnet sich dadurch aus, dass der Grundplot derselbe ist wie in der OT, aber von völlig anderen, zum Teil deutlich graueren und komplexeren Charakteren durchgespielt wird, was natürlich zu einer völlig anderen Handlungsentwicklung führt.

Das Nicht-Konzept der Sequels
Das größte Problem der Sequel-Trilogie ist, dass es eben kein die Filmreihe umspannendes erzählerisches Konzept gibt. Lucasfilm unter Kathleen Kennedy wollte sich alle Möglichkeiten offen halten und den individuellen Filmemachern so viel Freiraum geben wie möglich – grundsätzlich ein löblicher Ansatz, aber nicht, wenn er das „Große Ganze“ beschädigt. Aus diesem Grund entwickelte man nur ein Konzept für Episode VII, und das auch nicht auf einer inhaltlichen Ebene. Ich denke, man fragte sich in der Chefetage des Mäusekonzerns nie „Welche Geschichte wollen wir erzählen?“, sondern „Wie arbeiten wir gegen den schlechten Ruf der Prequels?“. Das macht aus Episode VII einen zutiefst reaktionären Film im eigentlichen Wortsinn, denn er ist in vielerlei Hinsicht ein genauer Gegenentwurf zu den Prequels. Bei all der berechtigten Kritik, mit der die Episoden I bis III bedacht werden, findet sich auch oft die in meinen Augen unberechtigte Kritik, dass sie eben nicht wie die OT sind. Genau dem versuchte Disney entgegenzuwirken. Was fanden die Fans an den Prequels schlecht? Zu viel CGI, zu wenig wie die OT, zu viel Politik etc. Also heuerte man mit J. J. Abrams einen bekennenden Episode IV-Fan und konzentriert sich auf diese Aspekte. Konzeptionell dagegen sitzt Episode VII quasi zwischen den Stühlen. Keine der oben geschilderten Möglichkeiten wird gewählt. In „The Force Awakens“ wird nicht derselbe Konflikt (Jedi gegen Sith, Rebellion bzw. Neue Republik gegen Imperium, alle gegen Palpatine) fortgesetzt, es ist aber auch nicht wirklich ein neuer Konflikt. Stattdessen gibt es Ersatzfraktionen, Widerstand, Erste Ordnung und Ritter von Ren, die formal ihren Gegenstücken, Rebellion, Imperium und Sith, nicht entsprechen, aber genau dieselben Story-Beats bedienen. In der Essenz wird nicht derselbe Konflikt weiter ausgetragen, wie es in der Thrawn-Trilogie oder in „Dark Empire“ der Fall ist, und es wird auch kein wirklich neuer Kampf gekämpft, stattdessen wird derselbe Konflikt noch einmal von Ersatzparteien ausgefochten. Das führt dazu, dass sie die Sequels wie ein merkwürdiger Epilog zum Rest der Saga anfühlen, nicht wirklich Teil davon, aber auch nicht losgelöst.

Eines muss man Lucasfilm/Disney allerdings lassen: Zumindest für Episode VII ist das Konzept „Anti-Prequel“ aufgegangen, denn „The Force Awakens“ hatte exakt die Wirkung, die man wollte. Star Wars als Marke wurde revitalisiert, Casual-Fans, die dem Franchise nach den Prequels den Rücken kehrten, fanden wieder in die weit, weit entfernte Galaxis und allgemein gab es viel Kritikerlob und natürlich spielte der Film schlicht und einfach verdammt viel Kohle ein.

Spätestens mit Episode VIII zeigt sich allerdings, dass der Mangel an Konzept eine schlechte Idee war. J. J. Abrams und Episode-VII-Mitautor Lawrence Kasdan arbeiteten in „The Force Awakens” mit Abrams’ berühmt-berüchtigter Mystery-Box-Methode und warfen viele Fragen auf. Vielleicht lieferten sie intern die Antworten mit, vielleicht auch nicht. Jedenfalls bekam Rian Johnson für Episode VIII freie Hand, mit bekanntem Ergebnis. Wenn Abrams und Kasdan Antworten lieferten, ignorierte er sie, und wenn nicht gab er sie nicht in ihrem Sinn. Ich möchte nun wirklich nicht noch einmal die Last-Jedi-Diskussion aufwärmen, doch selbst Befürworter dieses Films müssen zugeben, dass  eine ziemliche Diskrepanz zwischen „The Force Awakens“ und „The Last Jedi“ existiert und dass Letzterer gegen Ersteren arbeitet. Auf gewisse Weise ist „The Last Jedi“ das „Anti-Force-Awakens“, ähnlich wie Episode VII das „Anti-Prequel“ war – und somit wieder ein zutiefst reaktionärer Film. Wo „The Force Awakens“ zwanghaft alle Erwartungen erfüllt, versucht „The Last Jedi“ genauso zwanghaft, alle Erwartungen zu unterwandern. Das ist das Konzept des Films – und abermals ist es kein erzählerisches Konzept.

Schon jetzt sind die Sequels die unebenste der drei Trilogien. Ja, George Lucas hatte auch nicht wirklich ein von Anfang an durchgeplantes Konzept bei der OT, was von Verteidigern der Sequels immer wieder gerne angeführt wird, aber der OT wurde erlaubt, organisch zu wachsen. Zwar gab Lucas den Regiestock für Episode V und VI an Irvin Kershner respektive Richard Marquand weiter, aber er war dennoch derjenige, der die Fahrtrichtung vorgab und dafür sorgte, dass kein Film gegen den anderen arbeitet.

Meine Begeisterung für Episode IX hält sich bislang ziemlich in Grenzen, ich bin eher fachlich daran interessiert, wie diese Trilogie nun zu Ende geführt wird. Obwohl „The Last Jedi“ bei Kritikern gut ankam und auch finanziell keine Wünsche offen ließ, spaltete dieser Film das Fandom wie kein anderer vor ihm und führte von Gegnern wie Befürwortern zu Extremreaktionen. Mit „The Rise of Skywalker“ scheint Disney nun zu versuchen, diese Spaltung zu überwinden und rückwirkend ein Gesamtkonzept wie das oben bei „Dark Empire“ geschilderte zu etablieren, in dem Palpatine als verbindender Faktor zwischen der PT, der OT und der ST eingesetzt wird – der Teaser, der zu Anfang Einstellungen aus allen bisherigen Filmen zeigt, verdeutlicht dieses Ansinnen. Da mag Kathleen Kennedy noch so sehr bezeugen, dass die Rückkehr des Imperators immer für Episode IX geplant war, das nehme ich ihr nicht ab.

Ironischerweise lässt sich nun doch ein vereinendes Konzept für die Sequels festlegen: Jeder Film der ST reagiert auf die Vorgänger-Episode und versucht, sich als entsprechende Antithese zu inszenieren. Natürlich kann eine Trilogie, in der jeder Film als Antithese zum Vorhergegangenen fungiert, niemals einen einheitlichen Eindruck hinterlassen.

Werbeanzeigen

Spider-Man: Far From Home

Leichte bis mittlere Spoiler!
MV5BMGZlNTY1ZWUtYTMzNC00ZjUyLWE0MjQtMTMxN2E3ODYxMWVmXkEyXkFqcGdeQXVyMDM2NDM2MQ@@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_
Story: Eigentlich wollte Peter Parker (Tom Holland) mit seinen Klassenkameraden nur eine schöne Klassenfahrt nach Europa verbringen und dabei seiner Flamme MJ (Zendaya) näherkommen. Unglücklicherweise hat Nick Fury (Samuel L. Jackson) andere Pläne, denn mehrere Elementarmonster machen die Erde unsicher. Fury wurde von Quentin Beck alias Mysterio (Jake Gyllenhall) kontaktiert, der von sich behauptet, ein Superheld aus einem anderen Universum zu sein. Gemeinsam machen sich Beck und Peter daran, die Kreaturen aufzuhalten – doch ist Beck wirklich der Held, als der er sich ausgibt?

Kritik: „Far From Home“ ist nicht nur der zweite Spider-Man-Solofilm des MCU, sondern fungiert gleichzeitig auch als Epilog zu Phase 3. Bereits „Spider-Man: Homecoming“ bemühte sich, das MCU aus der Perspektive des „Normalo“ zu zeigen. Die meisten anderen Filme des Franchise konzentrieren sich entweder auf das direkte Umfeld des Helden, spielen im Weltraum oder haben einen derart riesigen Cast, dass für zusätzliche Perspektiven keinerlei Kapazität vorhanden ist. Peter Parker dagegen interagiert mit High-School-Schülern, die normalerweise keinen Kontakt zu Superhelden haben und diese nur aus der „Bodenperspektive“ wahrnehmen. Gerade im Kontext der Ereignisse von „Infinity War“ und „Endgame“ ist das natürlich besonders interessant, sowohl der Schnipser als auch Irons Mans Opfer sind essentielle Bestandteile der Handlung. Letztere dominiert sogar Peters Charakterentwicklung in diesem Film, da er sich konstant fragt, ob er sich Tony Starks Vertrauen würdig erweisen kann.

Auch was den Schurken angeht, knüpft „Far From Home“ sowohl an „Homeming“ als auch an an die Iron-Man-Solofilme an. Mysterio ist zwar ein Twist-Schurke, des wahre Identität etwa zur Hälfte des Films enthüllt wird, aber ich denke, jeder, der sich zumindest ein wenig mit Spider-Man auskennt, sieht diesen Twist problemlos voraus. Wie dem auch sei, Quentin Beck ist ein weiteres dunkles Spiegelbild von Tony Stark und gesellt sich konzeptionell somit zu Obadiah Stane, Ivan Vanko, Aldrich Killian und Adrian Toomes, die sich alle auf die eine oder andere Weise von Tony Stark übergangen fühlen und deshalb einfordern, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht, wobei sie auch oft zu einer Art Anti-Iron-Man werden. Becks Motivation und die Entwicklung seiner Figur funktionieren ziemlich gut, weshalb Mysterio, nicht zuletzt auch dank des Charismas von Jake Gyllenhall, definitiv zu den gelungeneren Antagonisten des MCU gehört.

Insgesamt finde ich „Far From Home“ sogar gelungener als „Homecoming“ – der Vorgänger fühlte sich sowohl im Kontext des MCU als auch für Peters Entwicklung als Figur relativ konsequenzlos an. „Far From Home“ dagegen gelingt es, die Leichtigkeit von „Homecoming“ besser mit wirkungsvoller Charakterentwicklung zu verknüpfen. Das High-School-Element und der damit verbundene Humor nimmt nach wie vor einen großen Stellenwert ein; dieses Mal mit Klassenfahrtthematik. Wer diesem Aspekt von vornherein abgeneigt ist, den wird „Far From Home“ sicher nicht umstimmen, im Großen und Ganzen funktioniert die Balance aber recht gut.

Im Verlauf des Films sind bei mir nach und nach einige Fragen aufgetaucht, es entstanden einige Ungereimtheiten, gerade bezüglich einiger Figuren, die aber interessanterweise von der Post-Credits-Szene gelöst werden. Es ist definitiv gut, dass sie überhaupt gelöst werden, allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob sie nicht schon im Film und nicht erst nach dem Abspann angesprochen werden sollten. Mehr denn je lohnt es sich also, sitzen zu bleiben, insbesondere, da die Mid-Credits-Szene wahrscheinlich eine der besten des gesamten MCU ist und zumindest mich unheimlich neugierig darauf gemacht hat, wie es mit dieser Inkarnation von Spider-Man weitergeht.

Fazit: „Spider-Man: Far From Home” ist ein gelungener Abschluss der dritten Phase des MCU und passender Epilog zur Infinity-Saga, dem es gelingt, sowohl die Ereignisse von „Avengers: Endgame“ gut zu verarbeiten, als auch als Spider-Man-Film zu funktionieren.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Avengers: Endgame

Der König der Löwen

MV5BMjIwMjE1Nzc4NV5BMl5BanBnXkFtZTgwNDg4OTA1NzM@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_
Story: Simba (JD McCrary als Kind, Donald Glover als Erwachsener) ist der Sohn des Löwenkönigs Mufasa (James Earl Jones) und Erbe des Geweihten Landes. Unglücklicherweise hat es Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) auf den Thron abgesehen. Um sein Ziel zu erreichen, verbündet er sich mit Shenzi (Florence Kasumba) und ihren Hyänen, um Mufasa und Simba aus dem Weg zu räumen. Der Plan gelingt, Mufasa stirbt und Simba flieht in den Dschungel, wo er von dem Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) aufgezogen wird. Derweil terrorisieren Scar und die Hyänen das Geweihte Land, bis Simbas alte Kindheitsfreundin Nala (Shahadi Wright Joseph als Kind, Beyoncé Knowles-Carter als Erwachsene) sich aufmacht, um Hilfe zu suchen…

Kritik: Eigentlich wollte ich ja die Disney-Remakes in Zukunft im Kino meiden (was mir bei „Aladdin“ und „Dumbo“ auch gelungen ist), aber „Der König der Löwen“ war in der Grundschulzeit mein absoluter Lieblingsfilm und ich war einfach zu neugierig darauf, wie Jon Favreau dieses „Pseuod-Live-Action-Remake“ wohl umsetzen würde. Rein vom technischen Standpunkt ist das Ergebnis durchaus beeindruckend; erwartungsgemäß übertreffen die Animationen der Tiere die aus Favreaus „The Jungle Book“ noch einmal, sodass man optisch oft das Gefühl hat, sich eine Tierdokumentation anzusehen. Ironischerweise ist das aber auch eines der beiden großen Probleme dieses Films. In besagtem „The Jungle Book“ bediente sich Favreau noch der Motion-Capture-Technik, die Schauspieler sprachen ihre Rollen nicht nur, ihre Bewegungen und vor allem ihre Mimik wurde auch auf die CGI-Tiere übertragen. Für „Der König der Löwen“ wählte man allerdings einen naturalistischeren Ansatz und versuchte, die Tiere so lebensecht wie möglich zu gestalten. Das führt allerdings dazu, dass sie keine Mimik haben und sich auf der visuellen Ebene auch so verhalten, wie es echte Tiere tun. Dieser Umstand verträgt sich jedoch nicht besonders gut mit der Story- bzw. Figurenebene des Films, da es letztendlich trotz allem Tiere sind, die sich mit menschlichen Konzepten auseinandersetzen. Hin und wieder kommt es dann aber aus Handlungsgründen doch zu Szenen, in denen die Figuren wie Menschen oder Cartoon-Tiere handeln, etwa wenn Scar Mufasa festhält, um ihn dann in die Gnu-Herde zu stoßen. Aufgrund des angestrebten Realismus stechen diese „Ausreißer“ dann natürlich extrem heraus. „The Jungle Book“ gelang es besser, auf dem schmalen Grat zwischen Cartoon und Realismus zu wandeln.

Das andere große Problem des „König der Löwen“ ist, dass es sich dabei im Grunde um denselben Film wie die Version von 1994 handelt. Selbst das Remake von „Die Schöne und das Biest“ war noch eigenständiger als Favreaus Film. Gerade die Eröffnungsszene ist wirklich eine mit realistischem CGI geschaffene Eins-zu-Eins-Umsetzung des Gegenstücks aus dem Original. Die meisten sonstigen Veränderungen sind kosmetischer Natur und fallen kaum ins Gewicht. Shenzi ist nun beispielsweise die eindeutige Anführerin der Hyänen, die von Anfang an zahlreicher auftreten, und ihre beiden Partner heißen nicht mehr Banzai und Ed, sondern Kamari und Azizi (gesprochen von Keegan-Michael Key und Eric Andre). Die Musical-Nummern sind in ihrer visuellen Umsetzung deutlich zurückgefahren, weder I Just Can’t Wait to Be King noch Be Prepared sind so extravagant inszeniert wie im Original. Dafür finden sich hin und wieder zusätzliche Szenen, so wird etwa Nalas Aufbruch vom Königsfelsen gezeigt; dieser existierte im Original nur als geschnittene Szene bzw. vertonte Konzeptzeichnungen. Scar ist etwas anders interpretiert, Chiwetel Ejiofors Version der Figur ist weniger theatralisch als Jeremy Irons‘, dafür aber etwas psychopathischer. Ansonsten wagt Favreau hier aber keinerlei Experimente. Der Vorteil ist, dass es auch keine „Verschlimmbesserungen“ oder unnötige Erklärungen wie bei „Die Schöne und das Biest“ gibt. Dennoch ist jeder Erfolg des Films abseits der beeindruckenden technischen Umsetzung ein Erfolg des ursprünglichen Zeichentrickfilms.

Die Sprecher machen ihre Sache im Großen und Ganzen gut, James Earl Jones IST einfach Mufasa, Chiwetel Ejiofors Scar ist, wie bereits erwähnt, etwas subtiler als das Gegenstück, funktioniert aber, und auch Donald Glover und Beyoncé sind eine gelungene Wahl. Tatsächlich sind es jedoch Billy Eichner, Seth Rogan und John Oliver als Timon, Pumbaa und Zazu, die die besten Leistungen erbringen und mit durchaus gelungenen neuen(!) Gags überzeugen können. Hier greift allerdings auch wieder das oben geschilderte Problem: Durch die eingeschränkte Mimik der CGI-Tiere entsteht stets eine emotionale Distanz; die allzu realistischen Gesichter der Tiere wollen nie so recht zur Performance der Darsteller passen – mehr „Cartoon“ wäre hier besser gewesen.

Fazit: Auf technischer Ebene ist Jon Favreaus „Der König der Löwen“ beeindruckend, aber ansonsten handelt es sich fast um ein Bild-für-Bild-Remake des Originals. Somit ist die Neufassung dieses Klassikers eine ungeheuer teure technische Demo, die im Grunde unnötig ist, da der Zeichentrickfilm von 1994 immer noch der bessere, weil emotional mitreißendere Film ist. Letztendlich funktioniert die Geschichte, die beide Filme erzählen, als Cartoon schlicht besser. Somit bleibt „The Jungle Book“ nach wie vor das einzige Disney-Remake dieser Ära, das wirklich als gelungen bezeichnet werden kann.

Trailer

Bildquelle

A Girl Walks Home Alone at Night

MV5BMjMzNjMyMjU2M15BMl5BanBnXkFtZTgwMzA3NjQ0MzE@._V1_SY1000_CR0,0,701,1000_AL_
Story: In der iranischen Geisterstadt Bad City fährt eine junge Frau (Sheila Vand) mit einem Tschador auf einem Skateboard herum. Sie ist ein Vampir und sucht sich in der heruntergekommenen Wüstenstadt immer wieder Opfer. Eines nachts begegnet sie Arash (Arash Marandi), der sich auf dem Heimweg von einer Kostümparty befindet und ausgerechnet als Dracula verkleidet ist. Die beiden Außenseiter kommen sich näher, aber natürlich ist da der Durst…

Kritik: Erst jetzt, Jahre später, wird langsam klar, wie sehr Twilight den Vampirfilm insgesamt beschädigt hat. Seit einiger Zeit dümpelt er mehr oder weniger so vor sich hin. Während Twilight aktuell war, gab es eine ganze Menge an Filmen (und auch Serien), die entweder versuchten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen („The Vampire Diaries“) oder aber sich sehr direkt dem Trend des „romantischen Vampirs“ zu widersetzen („Daybreakers“, „The Strain“). In den Jahren danach folgte dann das eine oder andere Underworld-Sequel, der eine oder andere gescheiterte Versuch, Dracula neu zu interpretieren, aber ansonsten verfiel das Genre in einen untoten Zustand. Bezeichnenderweise sind die beiden besten Vampirfilme der letzten Jahre, „Only Lovers Left Alive“ und „5 Zimmer, Küche Sarg“, nun auch keine wirklichen Horrorfilme mehr. „A Girl Walks Home Alone at Night“, von vielen ebenfalls als der beste Vampirfilm der letzten Jahre gepriesen, schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Bei „A Girl Walks Home Alone at Night” handelt es sich um das Regie-Debüt der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour. Diese Film hat mich äußerst zwiegespalten zurückgelassen, denn einerseits verfügt er über viele interessante Elemente und Ideen, bietet aber andererseits nur sehr wenig von dem, was ich von einem Vampirfilm erwarte. Vielleicht ist Amirpours Arbeit einfach zu sehr „Art House“. Der Regisseurin scheint es vor allem darum zu gehen, Verweise unterzubringen und Statements zu machen; konventionelle Erzählmuster sind dagegen eher rar, ebenso wie herkömmliche Charakterentwicklung. Stattdessen überwältigt Amirpour den Zuschauer mit Bildern, Eindrücken und Querverweisen auf alle möglichen Filme aus allen möglichen Genres. Die Regisseurin selbst betitelte ihr Werk als den „ersten iranischen Vampir-Western“, was nicht nur zutrifft, sondern auch in vielen Einstellungen, der heruntergekommenen Atmosphäre und nicht zuletzt der Musik, die das eine oder andere Mal stark an Ennio Morricone erinnert, sehr deutlich wird. Die Zitierwut und die Genreverknüpfung dieses Films erinnert mitunter an Quentin Tarantino – hier wird fast alles subtil oder unsubtil angesprochen, von Tarantino selbst über „Sin City“ und andere Comicverfilmungen bis hin zu James Dean.

Ein wenig problematisch wird „A Girl Walks Home Alone at Night” dagegen als Vampirfilm. Amirpour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, bedient sich hier fast ausschließlich stereotyper Figuren, deren Tod durch das titelgebende Mädchen einer bestimmten Aussage dienen – primär sind es misogyne Figuren, die bekommen, was sie verdienen. Ähnlich verhält es sich mit der Romanze zwischen Arash und dem Mädchen, die letztendlich nirgendwo hinführt. Mir fehlt bei diesem Film etwas, das mir zeigt, was das Mädchen als Vampirin ausmacht. „A Girl Walks Home Alone at Night“ erzählt letztendlich keine wirkliche Geschichte, schon gar keine Vampirgeschichte, sondern liefert nur Eindrücke, Impressionen und Symbolik.

Fazit: Bei all den sorgsam komponierten Bildern, den Zitaten und den möglichen Botschaften, die „A Girl Walks Home Alone at Night“ bietet, fehlt es dem Film doch an einer tatsächlichen Geschichte, die er erzählt. Ana Lily Amirpours Regiedebüt ist zwar ein Film mit Vampir, aber kein Vampirfilm.

Trailer

Bildquelle

Justice League vs. the Fatal Five

MV5BMTk5ODdkYzQtMDFjYS00YjgwLWI2N2EtZmU1MWRmMzFiNzdjXkEyXkFqcGdeQXVyNDQ0MTYzMDA@._V1_SY1000_CR0,0,666,1000_AL_
Story: Im 31. Jahrhundert attackieren Tharok (Peter Jessop), Persuader (Matthew Yang King) und Mano (Philip Anthony-Rodriguez), drei Mitglieder des Superschurkenteams Fatal Five das Hauptquartier der Legion der Superhelden, um an ihre Zeitsphäre zu kommen und in die Vergangenheit zu reisen, in der die verbliebenen beiden Mitglieder des Teams gefangen sind. Der mental etwas instabile Legionär Star Boy (Elyes Gabel) wird mit in das 21. Jahrhundert gerissen, wo er als erstes auf Batman (Kevin Conroy) trifft, der ihn ins Arkham Asylum verfrachtet. Schon bald stellt sich allerdings heraus, dass Star Boy nicht halluziniert. Die Justice League, bestehend aus Batman, Superman (George Newbern), Wonder Woman (Susan Eisenberg), Miss Martian (Daniela Bobadilla), Mister Terrific (Kevin Michael Richardson) und Green Lantern (Diane Guerrero) braucht seine Hilfe, denn wenn es Tharok, Persuader und Mano gelingt, ihre Anführerin Emerald Empress (Sumalee Montano) zu finden, wird es für Gegenwart und Zukunft unangenehm…

Kritik: Das DC Animated Universe, speziell natürlich „Justice League“ und „Justice League Unlimited”, sind nach wie vor die Messlatte, an der sich alle anderen Adaptionen von DCs größtem Superheldenteam messen lassen müssen. Dementsprechend gibt es unter den Fans schon seit langem den Wunsch nach einer Fortsetzung des beliebten Serienuniversums. Nach so vielen Jahren haben Bruce Timm und Co. die Fanwünsche nun endlich erhört, zuerst mit „Batman und Harley Quinn“ und nun auch mit „Justice League vs. the Fatal Five“. Ersterer Film war für mich leider eine ziemliche Enttäuschung. „Justice League vs. the Fatal Five“ ist zum Glück weitaus besser gelungen und schafft es, nicht nur optisch, sondern auch bezüglich Atmosphäre und Stimmung an das Vorbild anzuknüpfen und sich tatsächlich wie eine Folge aus besagten Serien anzufühlen. Qualitativ reicht „Justice League vs. the Fatal Five“ allerdings nicht an die Crème de la de Crème des DCAU heran und kann weder „Starcrossed“ noch dem Cadmus-Arc das Wasser reichen. Der Film ist zweifelsohne kompetent und kurzweilig, wächst aber auch nie über sich hinaus.

Das mag für mich persönlich auch damit zusammenhängen, dass ich kein allzu großer Fan der Legion der Superhelden bin; dieses Team hat mich nie wirklich angesprochen, was auch auf die Fatal Five zutrifft. Gerade in Bezug auf die Schurken ist dieser Film leider relativ schwach; die Fatal Five tun, was sie tun, weil sie eben Superschurken sind. Nicht, dass das im DCAU nicht auch schon oft genug vorgekommen wäre, aber die besten Schurken zeichneten sich eben durch nachvollziehbare oder zumindest interessante Motivationen aus.

Bei den Helden sieht es da schon besser aus. Wer allerdings erwartet, all die liebgewonnen Recken der zweiten Reihe aus „Justice League Unlimited“ wie Question, Black Canary, Huntress oder Green Arrow wiederzusehen, wird enttäuscht werden, selbst die sieben Gründungsmitglieder sind nicht alle zugegen. Immerhin ist mit Batman, Superman und Wonder Woman DCs Trinität vollständig. Zwei weitere Figuren, Green Lantern und Martian Manhunter, werden durch jüngere, weibliche Versionen vertreten. Dann ist da noch Mister Terrific, der seine Rolle aus JLU als Koordinator weiterführt, sonst aber nicht allzu viel beiträgt, und natürlich Star Boy, um den sich ohnehin alles dreht. Im Kontext der Handlung sind Star Boy und Green Lantern – hier fungiert Jessica Cruz als Ringträgerin – die interessantesten Figuren. Beide haben gewisse mentale Probleme, die bei Protagonisten im DCAU auf diese Weise noch nicht vorkamen. Da der Film nicht einmal eineinhalb Stunden dauert und doch eine ganze Menge an Figuren unterbringen muss, bleiben die mentalen Zustände dieser beiden Figuren eher oberflächlich; ein Film, der sich ausschließlich mit ihnen beschäftigt, wäre vielleicht sogar interessanter gewesen. Miss Martian, der dritte Neuzugang, ist da konventioneller. Sie fungiert als junge Heldin, die nach der Anerkennung der alten Hasen, speziell der Batmans sucht, und am Ende natürlich in die Liga aufgenommen wird.

Sprechen wir noch über den Platz dieses Films im DCAU und die alte Kontinuitätsgeschichte. Wie alle derartigen Universen hat auch das DCAU die übliche Anzahl an Ungereimtheiten, Fehler und Retcons, die bei einem solchen Unterfangen, das sich organisch aus mehreren Serien entwickelt hat, zu erwarten sind. Nicht nur das Design, auch die Wahl der Sprecher und nicht zuletzt der Soundtrack, in dem großzügig von den bereits etablieren DCAU-Leitmotiven, die direkt oder indirekt auf die große Shirley Walker zurückgehen, Gebrauch gemacht wird, verankern diesen Film recht eindeutig im DCAU. Hinzu kommen diverse subtile Anspielungen und Verweise; es finden sich allerdings auch einige eher fragwürdige Vorkommnisse. So zögern Bruce Timm und Co. nicht, nun auch Elemente zu integrieren, die in den Comics erst nach dem Ende des DCAU eingeführt wurden. Dazu gehören neben dem Nolan’schen Gleitcape des Dunklen Ritters, das er in JLU definitiv noch nicht besaß, vor allem Miss Martian und Jessica Cruz; Erstere tauchte nach „Infinite Crisis“ als Mitglied der Teen Titans auf, Letztere wurde erst im Rahmen der New-52-Justice-League-Serie zur Green Lantern. In bester JLU-Manier hält sich „Justice League vs. the Fatal Five“ nicht groß mit ihrer Origin auf, sondern nimmt und benutzt einfach nach Lust und Laune. Man merkt dem Film an, dass die Macher nicht unbedingt ein groß angelegtes JLU-Revival anstrebten, sondern einfach nur eine Geschichte mit diesen Figuren erzählen wollten, die mehr oder weniger zufällig im DCAU spielt.

Fazit: „Justice League vs. Fatal Five“ ist eine unterhaltsame Rückkehr ins DCAU, die weitaus gelungener und befriedigender ausfällt als „Batman und Harley Quinn“, aber nach wie vor hinter Folgen und Handlungssträngen wie „Starcrossed“ oder dem Cadmus-Arc zurückbleibt.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Batman und Harley Quinn

Avengers: Endgame – Ausführliche Rezension

Spoilers Assemble!
MV5BMTc5MDE2ODcwNV5BMl5BanBnXkFtZTgwMzI2NzQ2NzM@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_
Der Superheldenfilm hat es weit gebracht. Das Genre selbst ist inzwischen schon lange nicht mehr neu; jedes Jahr kommen mehr Filme dieser Kategorie ins Kino. Allerdings hat der Superheldenfilm im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre noch einmal eine ordentliche Schippe in Bezug auf die Adaption des Vorlagenmediums draufgelegt. Dafür gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, unter anderem hätten wir da „Aquaman“, der als erster Film des DCEU die alte Zurückhaltung aufgibt und sich hemmungslos in der Ästhetik der Vorlage aalt. Noch weiter treibt es „Spider-Man: Into the Spider-Verse“, der mehr noch als jeder andere animierte Film wie ein Comic in Bewegung wirkt. „Avengers: Endgame“ ist allerdings zweifelsohne in mehrfacher Hinsicht der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung und übertrifft diesbezüglich sogar „Avengers: Infinity War“. Qualitativ bleibt „Endgame“ ein wenig hinter dem Vorgänger zurück und hat das eine oder andere Problemchen, setzt allerdings auch deutlich andere Schwerpunkte und ist letztendlich ein mehr als gelungener Abschluss der ersten großen Saga des Marvel Cinematic Universe.

Handlung und Konzeption
Thanos‘ Fingerschnipser lässt die Helden völlig demoralisiert zurück. Nachdem Tony Stark (Robert Downey jr.) und Nebula (Karen Gillen) von Carol Danvers (Brie Larson) auf die Erde zurückgebracht wurden, machen sich die verbliebenen Avengers, bestehend aus diesem Trio, Steve Rogers (Chris Evans), Rocket (Bradley Cooper), Bruce Banner (Mark Ruffalo), Rhodey (Don Cheadle), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson) und Thor (Chris Hemsworth) auf, um Thanos (Josh Brolin) ausfindig zu machen und die Infinity-Steine zu nutzen, um den Schnipser rückgängig zu machen. Zwar gelingt es ihnen, den Titanen zu finden und zu töten, doch dieser hat die Steine bereits verwendet, um sie zu zerstören. Fünf Jahre vergehen, in denen die Avengers versuchen, mit den Verlusten umzugehen – bis Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) unverhofft auftaucht. Scott befand sich während dieser fünf Jahre im Quantenraum und glaubt, die Lösung gefunden zu haben: Mit Hilfe des Quantenraumes ist es möglich, in der Zeit zurückzureisen. Die Avengers müssen wieder zusammenfinden, um die Infinity-Steinen aus der Vergangenheit zurückzubringen. Dies führt natürlich zu weiteren Komplikationen…

Sowohl „Infinity War“ als auch „Endgame“ sind massive Superheldenfilme, die die Erzählweise von großen Eventcomics in nie dagewesener Art und Weise auf die große Leinwand bringen. Dennoch sind beide Filme in Struktur und Narrative auch sehr unterschiedlich. Passend zum Namen ist „Infinity War“ deutlich kriegerischer und actionreicher und hat einen unglaublich gewaltigen Cast, der sich in diverse Kleingruppen teilt. Ironischerweise schaffen es die Russos dennoch, „Infinity War“ zum kohärenteren der beiden Filme zu machen, in dem sie Thanos in den Mittelpunkt stellen und ihn zum Protagonisten bestimmen. Er hat den eindeutigsten Handlungsbogen, eine klare Motivation und agiert, während die Helden auf ihn reagieren. Thanos ist der „Held“, der einer Quest-Handlung folgt und zwar nicht alle, aber zumindest einige Stationen der Heldenreise absolviert. Zwar haben auch andere Figuren, primär Tony Stark und Thor, ihre Handlungsbögen, aber Thanos ist es, der den Film zusammenhält und ihm Fokus gibt. „Endgame“ dagegen muss zwar insgesamt mit weniger Figuren jonglieren (die Hälfte der Superhelden hat sich ja aufgelöst), aber da Thanos innerhalb der ersten zehn Minuten geköpft wird, ist der vierte Avengers-Film weit weniger fokussiert. Über weite Teile kommt der Film sogar ohne zentralen Antagonisten aus, erst gegen Ende des zweiten Aktes wird der jüngere Thanos wieder zur Bedrohung. „Endgame“ legt den Fokus dagegen noch einmal auf die ursprünglichen Avengers und fungiert gleichzeitig als Rekapitulation des und Abgesang auf das bisherige MCU.

MV5BODAxZGQwODMtOTdhMi00MTA3LWJkOTAtZjY2ZTc2YTQ1YTdlXkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,936_AL_
Auf in den Weltraum mit Carol Danvers (Brie Larson), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson), Rhodey (Don Cheadle), Thor (Chris Hemsworth) Steve Rogers (Chris Evans) und Rocket (Bradley Cooper) 

Während „Infinity War“ tonal insgesamt sehr konsistent war, verfügt „Endgame“ über drei sehr unterschiedliche Akte. Der Film beginnt fast schon depressiv und hoffnungslos, in dem er die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Schnipsers sehr deutlich zeigt. Sobald die Zeitreisethematik ihren Einzug erhält, wird der Tonfall allerdings etwas leichter, der typische Marvel-Humor kehrt zurück, nicht zuletzt dank Scott Lang, der nach Abwesenheit im Vorgänger nun eine sehr zentrale Rolle spielt. Auch die Zeitreisen selbst dienen oft eher dem Amusement, was dazu führt, dass „Endgame“ die Spannung und der Vorwärtstrieb von „Infinity War“ fehlt. Erst im dritten Akt kehrt der Film zu den epischen Ausmaßen des Vorgängers zurück und schafft es, die Schlacht von Wakanda noch zu übertreffen – man muss schon sehr abgebrüht sein, um bei der Portals-Szene keine Gänsehaut zu bekommen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss „Endgame“ allerdings immer wieder gewisse Opfer bringen, geradezu bezüglich der zuvor etablierten Regeln. Das betrifft besonders die Infinity-Steine. Man erinnert sich an eine Zeit, als die Handhabung nur eines einzigen enorme Konsequenzen hatte, von Red Skull, der quer durch das halbe Universum transportiert wird bis hin zu Peter Quill, der den Stein nur wegen seiner Herkunft überhaupt berühren kann. Im Vergleich dazu sind plötzlich alle Figuren relativ problemlos in der Lage, die Steine zu berühren. Die „Schnipser“ fordern zwar immer noch ihren Tribut, aber auch die Herstellung neuer Handschuhe gelingt vergleichsweise einfach.

Zeitreisen
Die Zeitreisethematik ist in Filmen freilich nicht neu – tatsächlich werden die meisten bekannten Vertreter des Genres in „Endgame“ sogar genannt – und auch in Superheldencomics sind sie keine Seltenheit. In Superheldenfilmen nahm man sich dieses Sujets mit Ausnahme von „X-Men: Days of Future Past“ bislang allerdings nicht wirklich an. Die meisten Filme greifen auf eine von zwei Möglichkeiten zurück: Entweder kann die Vergangenheit verändert werden, wie es etwa in „Zurück in die Zukunft“ der Fall ist – Marty McFly versucht bekanntermaßen den ganzen Film über, die Schäden, die er angerichtet hat, wieder auszubügeln, um seine eigene Existenz zu bewahren. Oder aber wir haben es mit einem sog. „Stable Time Loop“ zu tun – man kann nur in die Vergangenheit reisen, um das zu tun, was man ohnehin schon getan hat, sodass sich nichts verändert. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist ein schönes Beispiel. „Avengers: Endgame“ dagegen wählt einen dritten Ansatz, der zumindest im Mainstream deutlich seltener auftaucht, sich aber auf ähnliche Weise etwa in „Dragonball Z“ findet. Eine Veränderung der Gegenwart ist bei diesem Ansatz durch eine Zeitreise nicht möglich, was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr korrigieren. Stattdessen führt die Zeitreise zur Schaffung einer neuen Zeitlinie, die sich von der bereits bekannten abspaltet.

MV5BYTUxMmUyOGEtMjM5Ny00Y2IxLTkwYzktNjlhMWNkNTEzOTZjXkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_
Clint Barton (Jeremy Renner)

Die von Tilda Swinton dargestellte Älteste deutet im Gespräch mit Bruce Banner an, dass eine reine Zeitreise allerdings noch nicht ausreiche, um eine neue Timeline zu etablieren, sondern dass ein entfernter Infinity-Stein nötig ist – weshalb Captain America am Ende ja die diversen entfernten Steine wieder zu ihrem Ursprungsort zurückbringt. Ob das so funktionieren kann, ist natürlich wieder eine andere Frage; der Film zeigt leider nichts davon. Stattdessen erleben wir, wie Cap am Ende als alter Mann auftaucht. Diese Wendung erweckt den Eindruck einer klassischen Zeitreise, was jedoch wohl unbeabsichtigt war. Laut den Russos kehrt Cap tatsächlich aus einer anderen Zeitlinie zurück, in der er mit Peggy Carter glücklich verheiratet war. Es existiert jedoch noch eine andere Theorie, derzufolge Cap tatsächlich Peggys Ehemann ist, der ein paar Mal erwähnt wird, den man aber nicht zu Gesicht bekommt und dessen Name auch nie genannt wird. Geht man nach dieser Theorie, handelt es sich beim alten Cap am Ende nicht um denselben, der kurz zuvor aufbricht, um die Steine zurückzubringen, sondern um einen Steve Rogers aus einem alternativen Universum, was das „Haupt-MCU“ selbst zu einer bereits veränderten Zeitlinie machen würde. Kompliziert.

Die Zeitreisekonzeption dieses Films führt ironischerweise zur „Comichaftigkeit“ des Films – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Zeitreisen in Superheldencomics Gang und Gäbe sind. Vielmehr unternehmen die Russos hier etwas, das Comickünstler nur allzu gerne zu machen: Sie besuchen quasi Panels und Storylines vergangener Hefte, genauso wie das in einem Comic passieren würde.

Die Überlebenden
Trotz des reduzierten Casts standen Russos und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely vor demselben Problem wie bei „Infinity War“: Wie wird man all diesen Figuren in „nur“ drei Stunden gerecht? Was die vier geleistet haben, ist beeindruckend, auch wenn der eine oder andere Charakter durchaus nicht immer optimal behandelt wird. Das trifft vor allem auf Hawkeye und Bruce Banner zu. Beide bekommen in diesem Film neue Idenitäten, Hawkeye wird durch den Verlust seiner Familie zum gnadenlosen Rächer Ronin, während Bruce Banner nun dauerhaft zum Hulk wird, dabei aber seinen Intellekt und seine Identität behält – Marvel-Kenner sprechen hier von „Professor Hulk“. In beiden Fällen wurden diese Figuren so entwickelt, weil sie in den Comics zu einem bestimmten Zeitpunkt so dargestellt wurden. Das Problem dabei ist, dass „Endgame“ diese Entwicklung entweder, im Falle des Hulk, Off-Screen geschehen lässt und primär als Comedy-Einlage nutzt oder kaum auf sie aufbaut. Sobald Clint Barton wieder zu seinen Kameraden stößt, hört er im Grunde auf, Ronin zu sein und wird wieder Hawkeye; zumindest in diesem Film hat die Identität des ruchlosen Rächers keine Auswirkungen mehr auf die Figur.

MV5BYmQ3YmY0ZDEtOGZiZS00NGFmLTgxZTEtODE4YjVmY2E5MmFkXkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_.jpg
Professor Hulk (Mark Ruffalo)

Thor ist ebenfalls ein wenig grenzwertig. Der aufgedunsene Donnergott erinnert schon ein wenig an eine Sitcom und ein großer Teil seiner Situation dient der Komik – es gelingt allerdings auch immer wieder, die authentische Tragik miteinzubauen. Einerseits finde ich es gelungen, dass Thor nicht einfach so wieder abmagert, aber andererseits übertreiben es Markus und McFeeley irgendwann mit den Witzen auf seine Kosten.

Weitaus überzeugender sind die Entwicklungen, die Steve, Tony, Natasha und Nebula durchmachen. Letztere befindet sich in diesem Film in der interessanten Situation, doppelt vorhanden zu sein und mit sich selbst konfrontiert zu werden – hier zeigt sich gut, wie Nebula sich seit „Guardians of the Galaxy“ entwickelt hat, von der Beziehung zu Gamora bis hin zur kurzen, aber wirkungsvollen Szene zu Beginn von „Endgame“ mit Tony. Bei der Erstsichtung des Films dachte ich sogar kurz, Nebula von 2014 würde den Handschuh erringen und die Handlung würde ähnlich verlaufen wie in „The Infinity Gauntlet“, dem Comic, der als (sehr grobe) Vorlage für „Infinity War“ dient. Ein Thanos, der sich mit den Avengers gegen eine allmächtige Nebula verbünden muss, wäre zumindest interessant gewesen.

MV5BMzYxZTEwNWItNjJkNC00MTlmLWIxMjYtYmMxMGQ4NzU5MTY3XkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_
Tony (Robert Downey jr.) und Steve (Chris Evans)

Dass Tony Starks und Steve Rogers Superheldenkarrieren nach diesem Film enden würden, war im Grunde wegen ihrer auslaufenden Verträge relativ klar. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden damit, wie ihre Handlungsbögen in diesem Film zu Ende gebracht wurden. Mehr noch als die anderen ursprünglichen Avengers sind diese beiden Figuren die Grundsteine des Universums: Mit Iron Man fing für uns Zuschauer alles an, während Cap der erste Superheld innerhalb der Erzählten Welt war. Da ist es nur gerechtfertigt, dass Cap den Tanz bekommt, auf den er seit so vielen Jahrzehnten wartet, während Tony endlich das findet, was er sucht, wenn auch nur für kurze Zeit. Die seit „Civil War“ brodelnde Auseinandersetzung zwischen den beiden wird immerhin noch einmal kurz angeschnitten, was freilich viel zu knapp ist, aber bei all dem Inhalt, die in diesen Film musste, hatte ich diesbezüglich nichts anderes erwartet.

Natashas Tod kommt dann schon etwas unerwarteter, besonders angesichts des anstehenden Black-Widow-Films, der dann wohl doch reines Prequel ist – vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung, diese Figur so kurz vor ihrem ersten Solofilm umzubringen, unabhängig von der Natur des Films. Angesichts des Aufhebens, das um Tonys Tod gemacht wird, wirkt sie ein wenig vernachlässigt. Man könnte fast meinen, die Regisseure und Drehbuchautoren wären der Meinung gewesen, es müsste noch ein Original-Avenger sterben und man habe dann gelost. Vielleicht wäre Hawkeye, in Zusammenhang mit einer gründlicheren Auseinandersetzung seiner Identität als Ronin, die bessere Wahl gewesen.

MV5BZThjMzdhZWUtODIzNi00MjFhLWE3ZjctYzMwYWRhYjE4NzU4XkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_
Thor (Chris Hemsworth)

Über die meisten anderen Figuren gibt es tatsächlich relativ wenig zu sagen. Obwohl Rhodey und Rocket Teil des Zeitreise-Teams sind, haben sie nicht wirklich eigene Handlungsbögen. Dasselbe trifft noch in weitaus größerem Maße auf alle Figuren zu, die am Ende durch Hulks Schnipser wieder zurückgebracht werden. Der interessanteste Fall ist Carol Danvers alias Captain Marvel. Nachdem ihr erster Solofilm extra noch zwischen „Infinity War“ und „Endgame“ geschoben wurde, hatten viele, einschließlich mir, die Befürchtung, sie als Deus Ex Machina auftauchen und den Film gewissermaßen an sich reißen würde. Erstes trifft ein wenig zu, Letzteres glücklicherweise nicht. Angesichts der Tatsache, dass ich von „Captain Marvel“ und seiner Titelhelden nicht allzu begeistert war, bin ich durchaus davon angetan, dass sie in diesem Film keine allzu große Rolle spielt. Am Anfang rettet sie Tony und Nebula und hilft den verbliebenen Avengers, Thanos zu töten, um anschließend zu verschwinden und erst während der finalen Schlacht in letztendlich unterstützender Rolle wieder aufzutauchen. Damit kann ich leben, es hätte weitaus schlimmer kommen können.

Thanos
Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf die bislang größte Bedrohung, der sich die Avengers stellen müssen. Besonders nachdem Loki spätestens in „Thor: Ragnarök“ zum Antihelden wurde, ist Thanos zweifelsohne der beste Schurke des MCU, besonders, nachdem sich die Russos mit „Infinity War“ ausgiebig Zeit nahmen, ihn als Figur zu ergründen. Sein Plan ist dabei verhältnismäßig unsinnig – selbst wenn man davon ausgeht, dass Genozid auf galaktischem Ausmaß das richtige Mittel gegen Rohstoffknappheit ist, ist der Schnipser keine dauerhafte Lösung. Thanos zerstört die Infinity-Steine nach getaner Arbeit, da sie nur eine „Versuchung“ darstellen, was ihn einerseits als prinzipientreues Wesen charakterisiert, aber andererseits auch seinen Verstand in Frage stellt. Geht man nach irdischem Bevölkerungswachstum, steht das Universum in 40 bis 50 Jahren wieder genauso da wie vor dem Schnipser. Ironischerweise gibt es dieses Problem in „The Infinity Gauntlet“ nicht, da Thanos‘ primäre Motivation im Comic darin besteht, Lady Death, die Personifikation des Todes, zu beeindrucken. Der MCU-Thanos ist weitaus rationaler als sein Comicgegenstück, eher ein Dogmatiker, dessen Motivation und Ziele denen Ra’s al Ghuls gleichen, als der verrückte Titan, als der er auch in den Filmen bezeichnet wird.

MV5BZWQ5OGI3Y2EtNjVmMi00Zjc0LWEyMTgtODk3MDlmNGE2ZTEwXkEyXkFqcGdeQXVyNjg2NjQwMDQ@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_
Thanos (Josh Brolin)

In „Endgame“ haben wir es allerdings mit zwei ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Versionen von Thanos zu tun. Zu Beginn des Films finden die Avengers nach nicht allzu intensiver Suche einen geschwächten, aber zufriedenen Thanos. Der finale Gegner des Films ist dann ein jüngerer Thanos, der aufgrund dessen, was er über seine (mögliche) Zukunft erfährt, einen neuen, weniger pseudo-altruistischen Plan fasst: Er will nicht das halbe Universum töten, sondern das gesamte, um dann auf den Ruinen ein neues aufzubauen, das nicht so „undankbar“ ist. Für Thanos aus „Infinity War“ war die ganze Angelegenheit nicht persönlich, für den einen oder anderen Avenger (Peter Quill, Tony Stark) hat er sogar Respekt übrig und tatsächlich bemüht er sich, niemanden zu töten, wenn es nicht sein muss, da er die Lebensauslöschung zufällig und unemotional durchführen möchte. Endgame-Thanos dagegen ist weitaus stärker stereotypischer Schurke, für ihn ist es persönlich, der Versuch, alles rückgängig zu machen, ist etwas, das ihn persönlich beleidigt und dazu verleitet, sich gegenüber seinen Feinden weitaus rabiater zu verhalten.

Der Soundtrack
Mit „Avengers: Endgame“ liefert Alan Silvestri nun seinen bislang vierten MCU-Beitrag und kann inzwischen als der musikalische Architekt dieses Universums gelten – immerhin achten er und die Verantwortlichen nun auf ein gewisses Minimum an leitmotivischer Kontinuität. Von seinem Infinity-War-Score war ich zugegebenermaßen ein wenig ernüchtert, wenn auch nicht überrascht. Ich fand ihn zwar kompetent, aber doch eher uninspiriert. Silvestri machte großzügig von seinem eignen Avengers-Thema-Gebrauch, aber bis auf einen Einspieler von Ludwig Göranssons Black-Panther-Thema fanden sich in diesem Soundtrack keine anderen zuvor etablierten Themen – nicht einmal sein eigenes Capatain-America-Thema zitierte Silvestri in diesem Film. Bei „Endgame“ sieht die Sache erfreulicherweise anders aus. Dass das Avengers-Thema auch dieses Mal zurückkehrt, dürfte kaum überraschen; auch das Motiv für Thanos, das Silvestri in „Infinity War“ etablierte, kehrt zurück, und darüber hinaus dürfen wir auch endlich wieder Statements von Steve Rogers patriotischem Thema vernehmen. Damit hat es sich aber noch nicht erledigt, denn Silvestri zitiert dieses Mal deutlich großzügiger, wenn auch hin und wieder etwas merkwürdig. Die Verwendung von Pinar Topraks Captain-Marvel-Thema bei ihren Auftritten am Anfang und am Ende ist sehr gut gelungen und auch nachvollziehbar. Scott Langs erster Auftritt wird von einer dezenten Variation von Christophe Becks Ant-Man-Thema begleitet und als Bruce Banner die Älteste im New York des Jahres 2012 trifft, erklingt einmal kurz Michael Giacchinos Doctor-Strange-Thema. Der Korinthenkacker in mir beschwert sich nun natürlich darüber, dass die Älteste ihr eigenes Thema hat, aber man muss sich über jedes Statement freuen, das man bekommt. Auch das eine oder andere stilistische Zitat findet sich, so greift Silvestri in Snap Out of It etwa die Hardanger-Fidel auf, die Mark Mothersbaugh in „Thor: Ragnarok“ für eine ähnlich geartete Szene verwendete (Twilight of the Gods).

MV5BMTYyMjE4NjM3Ml5BMl5BanBnXkFtZTgwNzk1OTU5NzM@._V1_SX1777_CR0,0,1777,937_AL_
Nebula (Karen Gillan)

Gerade die beiden Zitate der Themen von Beck und Giacchino fallen ein wenig merkwürdig aus, da sie sehr subtil sind und selbst den Zuschauern, die ein wenig auf Filmmusik achten, kaum auffallen dürften – sie wirken eher wie kleine Geschenke an die Hardcore-Fans. Dennoch bewegte sich das MCU musikalisch in die richtige Richtung, wenn auch mit kleinen Schritten. Selbst wenn man diesen Umstand ausklammert, legt Silvestri noch einmal eine ordentliche Schippe drauf und schafft einen würdigen Abschluss für die erste Saga des MCU. Highlight des Albums ist ohne Zweifel das neue Familien- bzw. Assemble-Thema, das prominent im Track Portals erklingt, gefolgt von der epischsten Variation des Avengers-Themas. Eine ausführliche Analyse des Scores findet sich hier.

Fazit: „Avengers: Endgame“ ist ein nicht fehlerfreier, aber insgesamt rundum gelungener (vorläufiger) Abschluss des MCU, der zwar etwas hinter dem fokussierten Vorgänger zurückbleibt, aber insgesamt ein wirklich beeindruckendes filmisches Ereignis ist, das die Grenze zwischen den Medien Film und Comic in bisher nicht erreichtem Ausmaß überbrückt.

Trailer

Bildquelle

Captain Marvel

MV5BMTE0YWFmOTMtYTU2ZS00ZTIxLWE3OTEtYTNiYzBkZjViZThiXkEyXkFqcGdeQXVyODMzMzQ4OTI@._V1_SY1000_CR0,0,675,1000_AL_ (1)
Story:
Vers (Brie Larson) gehört dem Volk der Kree an und verfügt über enorme Kräfte, hat aber ihr Gedächtnis verloren. Sie wird von ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) trainiert, da sich die Kree im Krieg mit den formwandelnden Skrulls befinden und Vers‘ Kräfte für den Kriegserfolg wichtig sind. Im Verlauf einer Mission wird Vers von dem Skrull-Kommandanten Talos (Ben Mendelsohn) gefangen genommen, der in ihren Erinnerungen wühlt und eine Verbindung zum Planeten Erde feststellt. Vers kann jedoch entkommen und landet auf der Erde, wo sie mit Hilfe des S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) versucht, hinter das Geheimnis ihrer Herkunft zu kommen.

Kritik: Da ist er also, der erste MCU-Film mit einer weiblichen Titelfigur (natürlich gab es noch „Ant-Man and the Wasp“, aber Hope van Dyne musste sich den Titel nun einmal mit Scott Lang teilen). Wie bei ähnlich gearteten Filmen, etwa „Wonder Woman“ oder „Black Panther“, waren die Erwartungen äußerst hoch und die allgemeine Stimmung äußerst geladen. Wie üblich versuche ich, dabei nicht den Film als politische Botschaft welcher Art auch immer zu bewerten, sondern als Film an sich und als Teil seines Franchise.

Nach „Captain America: The First Avenger” ist „Captain Marvel“ erst der zweite MCU-Film, der nicht in „der Gegenwart“, sondern einer historischen Epoche spielt – mit den 90ern wurde allerdings eine gewählt, die uns deutlich näher ist als die 40er. Strukturell erinnert „Captain Marvel“ am ehesten an „Thor“ und bietet, zumindest aus Publikumssicht, eine invertierte Heldenreise. Normalerweise beginnt der Held in einer (verhältnismäßig) alltäglichen Welt, um dann in eine tatsächliche oder metaphorische Abenteuerwelt zu gelangen. Thor und Vers/Carol Danvers dagegen beginnen in phantastischen, extravaganten Welten, und werden nicht von Menschen zu Helden, sondern von Göttern (oder außerirdischen Soldaten) zu Menschen (und dann zu Helden). Und wie bei „Thor“ finden sich im zweiten Akt eine ganze Menge „Fish out of Water“-Elemente, die für den Großteil der Komik verantwortlich sind.

Insgesamt ist „Captain Marvel“ in Ordnung – was gerade für einen Film, auf dem derartige Erwartungen lagen, wohl für viele nicht genug sein dürfte. Der gelungenste Aspekt ist zweifellos die Chemie zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson bzw. das Buddy-Movie-Element des zweiten Aktes – es ist einfach verdammt unterhaltsam, den beiden bei ihren Ermittlungen zuzusehen. Der Rest des Films ist im Großen und Ganzen funktional – relativ wenig sticht positiv oder negativ heraus. Anna Boden und Ryan Fleck sind als Regisseure ziemlich anonym, gerade im Vergleich zu MCU-Regisseuren, die es geschafft haben, den Filmen einen distinktiven Stempel aufzudrücken – man denke an Taika Waititi oder James Gunn.

Das vielleicht größte Problem des Films ist allerdings die Titelfigur. Hier wiederholt sich, was bereits bei „Black Panther“ ein Manko war: Captain Marvel ist als Figur leider nicht besonders interessant oder einnehmend, die Figuren um sie herum, sei es Nick Fury, Yon-Rogg oder selbst der Skrull Talos, sind deutlich interessanter. Der heimlich Star des Films ist natürlich ohnehin die Katze Goose. Am Ende des Films fühlt man sich sogar fast ein wenig an Supermans finalen Auftritt in „Justice League“ erinnert, als Captain Marvel alle Widersacher dann doch deutlich zu leicht und spielend abserviert. Zusätzlich problematisch ist der Umstand, dass Carol Danvers im Grunde auch keine Entwicklung durchmacht. Nur ihre Loyalität verändert sich, das hat aber keine Auswirkungen auf ihren Charakter, sie ist am Ende des Films dieselbe Figur wie am Anfang, was einem Origin-Film nicht gut zu Gesicht steht.

Zur Vorlagentreue des Films kann ich leider nicht allzu viel sagen, da ich mit der Carol-Danvers-Version von Captain Marvel nicht wirklich vertraut bin, ich besitze lediglich einige Geschichten, in denen sie vorkommt, aber keinen ihrer Solo-Titel. Eine Änderung ist mir allerdings tatsächlich sauer aufgestoßen. Carol Danvers ist nicht die erste Captain Marvel, vor ihr gab es bereits Mar-Vell, einen Kree-Krieger, den ich als Figur sehr schätze und der in der exzellenten Graphic Novel „The Death of Captain Marvel“ das zeitliche segnete – nicht im heroischen Kampf gegen einen Superschurken, wohlgemerkt, sondern im auszehrenden Kampf gegen den Krebs. Ohne allzu viel zu spoilern: Mar-Vell taucht in stark veränderter Form in „Captain Marvel“ auf, das Potential, das der Figur inne wohnt, wird aber nicht nur nicht ausgeschöpft, sondern geradezu ignoriert.

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Musik: Mit Pinar Toprak übernahm hier zum ersten Mal eine Frau nicht nur die Titelrolle, sondern auch den Taktstock in einem MCU-Film und liefert einen Score, der sich vor den anderen MCU-Vertretern nicht verstecken muss. Topraks Musik ist durchaus in der Tonalität des MCU verwurzelt, die Verwendung von Elektronik und Synthesizern an der Seite des Orchesters passt gut zur Ära des Films und erinnert sowohl an „Thor: Ragnarök“ als auch ein wenig an Don Davis‘ Matrix-Scores. Das Thema für die Titelfigur ist gelungen, allerdings ist die Abmischung im Film nicht allzu gut, weshalb der Score leider relativ oft untergeht.

Fazit: „Captain Marvel“ ist insgesamt in Ordnung, aber abseits des Umstandes, dass es sich hierbei um den ersten MCU-Film mit einer Frau als alleiniger Titelfigur handelt, weit von der Signifikanz entfernt, die ihm im Positiven wie Negativen beigemessen wird. Der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, bewegt sich aber bestenfalls im Mittelfeld des MCU.

Trailer

Bildquelle