Der Bücherdrache

9783328600640
Walter Moers‘ Zamonien-Romane sind in der Fantasy-Landschaft recht einzigartig und wohl noch am ehesten mit Terry Prachetts Scheibenwelt-Romanen zu vergleichen. Gerade die ersten fünf Bücher der Serie bestachen durch wirklich herausragende Qualität und sehr abwechslungsreiche, mit vielen Metaspielereien versehene Geschichten. Dann kam jedoch mit „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ein halber Roman, der Moers‘ Fans bestenfalls unbefriedigt und schlimmstenfalls ziemlich wütend zurückließ – die Fortsetzung ist bis heute nicht erschienen. Man fragt sich, ob es Moers ähnlich geht wie George R. R. Martin und Patrick Rothfuss oder ob das tatsächlich Absicht ist, denn auch fast alle vorherigen Zamonien-Romane spielten mit dem Element der Fragmentierung. In „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ wird nur von der ersten Hälfte seiner 27 Leben erzählt, „Ensel und Krete“ enthält lediglich eine halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, bei „Die Stadt der träumenden Bücher“ handelt es sich nur um die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz‘ „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers“ und in „Der Schrecksenmeister“ hat Moers als fiktiver Übersetzer alle Mythenmetz’schen Abschweifungen herausgekürzt. Wie dem auch sei, nach „Labyrinth“ folgte erst eine längere Pause, bis dann schließlich in vergleichsweise kurzer Abfolge „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ und „Der Bücherdrache“ erschienen. Letzterem werde ich mich zuerst annehmen, da es vor kurzem erst erschienen ist, Besprechungen zu den restlichen werden ebenfalls nach und nach folgen.

Eventuell ist „Der Bücherdrache“ tatsächlich ein Zeichen dafür, dass es mit „Das Schloss der träumenden Bücher“, der lang angekündigten Fortsetzung zu „Labyrinth“ nichts mehr wird, denn dieser doch relativ kurze Roman könnte durchaus eine Ausgliederung besagten Werkes sein. Wie fast alle Zamonien-Romane mit Ausnahme von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ handelt es sich auch beim „Bücherdrachen“ um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz, das mit einer interessanten Rahmenhandlung versehen ist. Erstmals im Rahmen dieser Reihe fungiert ein Comic als Pro- und Epilog. In der Einführung wird geschildert, wie Hildegunst in einem zuerst ziemlich wirren Traum den nach ihm benannten Buchling trifft, der ihm anschließend von seiner Begegnung mit dem Bücherdrachen Nathaviel im Ormsumpf, einem bislang unbekannten Teil der Katakomben von Buchhaim, erzählt. Lässt man die ganzen verschachtelten Rahmenhandlung weg, handelt es sich um eine sehr simple Geschichte. Hildegunst Zwei wird von einigen seiner Mit-Buchlinge überredet, den legendären Bücherdrachen aufzusuchen, um Teil des Geheimbunds der „Ormlinge“ zu werden. Das Gespräch mit Nathaviel (Moers Vorliebe für Anagramme hat nicht nachgelassen) nimmt den größten Teil des Werkes ein. Dabei erzählt das Ungetüm, wie es von einem gewöhnlichen Drachen zu einem Bücherdrachen wurde und räumt dabei gleich mit einigen Vorurteilen auf. Der Rest des Gesprächs ist von einer Auseinandersetzung mit dem Dichtertum und natürlich dem Orm geprägt, die diverse Thematiken aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ fortsetzt.

Insgesamt ist „Der Bücherdrache“ mit Sicherheit der beste Zamonien-Roman seit „Der Schrecksenmeister“, aufgrund der geringen Länge allerdings kaum mehr als ein Appetithappen, der auf mögliche weitere Werke hindeutet. So, wie das Werk konzeptioniert ist, kehrt Hildegunst Zwei mit Sicherheit früher oder später zurück, sei es in „Das Schloss der träumenden Bücher“ als dem Abschluss der Buchhaim-Trilogie oder einem anderen Abenteuer.

Zusätzlich zur eigentlichen Geschichte enthält „Der Bücherdrache“ noch eine Leseprobe, die allerdings in eine andere Richtung deutet. Der nächste Zamonien-Roman trägt den Titel „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ und ist zwischen „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ angesiedelt. Ähnlich wie „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ ist dieses Werk als Brief bzw. Briefe Hildegunst von Mythenmetz‘ an den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer konzipiert. Wie so häufig greift Moers dabei eine bestimmte Thematik auf und arbeitet diese durch. Dieses Mal verschlägt es Hildegunst auf die Nordmeerinsel Eydernorn, deren Leuchtturmkultur er kennen lernen möchte (ja, ja, Moers und seine Anagramme).

Fazit: „Der Bücherdrache“ ist ein gelungenes kleines Abenteuer aus Zamonien, bei dem Walter Moers zwar noch nicht ganz zur alten Größe zurückfindet, das aber doch deutlich besser gelungen ist als die Zamonien-Werke der jüngsten Vergangenheit.

Bildquelle

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