Scars of Dracula

Halloween 2022
Scarsofdracula
Story: Die Bevölkerung hat endlich genug von Draculas (Christopher Lee) Terror und macht sich daran, das Schloss des Grafen niederzubrennen, ohne allerdings den Schlossherrn tatsächlich dabei zu verletzen. Und die Quittung folgt bald: Eine mörderische Riesenfledermaus tötet die weibliche Bevölkerung des Dorfes. Bald darauf taucht Paul Carlson (Christopher Matthews) beim Schloss des Grafen auf, auf der Flucht vor dem Gesetz, da er die Tochter eines Bürgermeisters verführte. Dracula selbst und seine Gespielin Tania (Anouska Hempel) empfangen Paul – mit Letzterer beginnt er ein Techtelmechtel, dass natürlich blutig endet. Schließlich tauchen auch Pauls Bruder Simon (Dennis Waterman) und seine Verlobte Sarah Framsen (Jenny Hanley) auf, um nach Paul zu suchen. Doch auch sie geraten in Draculas Fänge und müssen sich mit dem Vampirgrafen und seinem Diener Klove (Patrick Troughton) auseinandersetzen…

Kritik: Ein weiteres Mal kehrt Christopher Lee als Graf zurück – im Jahr 1970 bereits zum zweiten Mal für Hammer und zum vierten Mal insgesamt. Hammers sechster Dracula-Film ist der bislang konfuseste und uninspirierteste – das beginnt bereits bei der merkwürdigen Eröffnungsszene, die sich nicht entscheiden kann, ob sie an „Taste the Blood of Dracula“ anschließt oder nicht. Einerseits befindet sich Dracula im selben Zustand wie am Ende dieses Films: rote Asche. Andererseits sollte diese Asche in einer Kirche in London, nicht auf seinem Schloss in Transsylvanien sein. Auch die Wiedererweckung des Vampirs in diesem Film lässt zu wünschen übrig. Wo es bisher zumindest elaborierte satanische Rituale gab, kotzt dieses Mal eine äußerst künstlich anmutende Fledermaus Blut auf die Asche und schon weilt Dracula wieder unter den Untoten. Immerhin spielt besagte Fledermaus im Verlauf des Films noch eine äußerst essentielle Rolle, tötet mehr Menschen als Dracula und erweist sich als fähigster Häscher des Grafen.

Auch sonst ist die Handlung äußerst konfus und bietet selbst nach den Maßstäben dieser Filmserie kaum neue Impulse. Wo „Taste the Blood of Dracula“ sich immerhin um die eine oder andere Innovation bezüglich der Handlungskonzeption bemühte, greift „Scars of Dracula“ auf die üblichen Elemente zurück: Dorf und Schloss in Transsylvanien, arglose Reisende, die in die Fänge des Grafen geraten etc. Die Handlung mäandert so vor sich, alles fühlt sich entweder schon einmal dagewesen oder belanglos an. Selbst Draculas erneuter Tod am Ende des Films resultiert nicht aus der Aktion einer der Figuren, sondern weil er aus heiterem Himmel vom Blitz getroffen wird und daraufhin verbrennt. Anstatt mit einer auch nur halbwegs interessanten Story aufzuwarten, versuchen Drehbuchautor Anthony Hinds und Regisseur Roy Ward Baker mit vermehrtem Gore-Einsatz über die Myriade an Schwächen dieses Films hinwegzutäuschen. Selbst das Produktionsdesign bleibt hinter den bisherigen Filmen der Reihe zurück, da Hammer auf die Hilfe von Warner Bros. beim amerikanischen Vertrieb verzichten und deshalb Kosten sparen musste.

Es ist schon fast müßig zu erwähnen, aber Lee ist darstellerisch ein weiteres Mal über jeden Zweifel erhaben, obwohl er hier noch weniger Ambitionen hatte, ein weiteres Mal in seine Paraderolle zu schlüpfen – und man ihm vielleicht doch ein wenig zu viel Make-up verpasste. Ansonsten sticht vor allem Patrick Troughton als Klove heraus – nicht zu verwechseln mit dem Diener Draculas aus „Dracula: Prince of Darkness“, der zwar denselben Namen trägt, aber anders konzipiert ist und zudem von Philip Latham gespielt wird. Die restlichen Darsteller bleiben blass und unmarkant, wobei noch zu erwähnen ist, dass sowohl Jenny Hanley als auch Anouska Hempel im James-Bond-Film „On Her Majesty’s Secret Service“ zu Blodfelds Todesengeln gehören.

In gewissem Sinne nähert sich „Scars of Dracula“ wieder stärker Stokers Roman an, allerdings primär deshalb, weil sich der Film in großem Ausmaß auf die Genre-Klischees verlässt. So erinnert Klove, obwohl er keine Insekten ist, an Renfield, inklusive der Abwendung von seinem Meister. Zudem erlebt Simon Carlson im letzten Drittel des Films eine „Jonathan-Harker-Episode“ aus dem Roman, die bislang in keinem der Hammer-Filme auftauchte: Er klettert im Schloss des Grafen aus einem Fenster, gelangt schließlich zum Ruheort Draculas und versucht den schlafenden Vampir anzugreifen, wird aber von ihm hypnotisiert, sodass die Attacke nicht gelingt. Das alles spielt sich nicht genau wie bei Stoker ab, ist doch aber nahe genug dran, um als Hommage gelten zu können. Zudem klettert Dracula kurz darauf an der Wand seines Schlosses hinauf. Es ist gut möglich, dass der Stoker-Fan Lee insistierte, diese Szenen im Film unterzubringenn – wann immer er das Gefühl hatte, die Filme entwickelten sich in eine zu absurde Richtung, versuchte er gegenzusteuern, indem er beispielsweise eine Dialogzeile, die ihm nicht passte, durch ein Zitat aus Stokers Roman ersetzte.

Fazit: „Scars of Dracula“ ist ohne Zweifel ein Tiefpunkt der Dracula-Reihe von Hammer, selbst Christopher Lee kann die konfuse, mäandernde und völlig unkreative Handlung nicht mehr ausgleichen.

Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Taste the Blood of Dracula
Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

Geschichte der Vampire: Blade

Halloween 2022
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Während wir uns heute vor Comic- bzw. Superheldenfilmen kaum retten können, sah das in den 90ern noch ganz anders aus: Neben diversen B- und C-Produktionen (wer erinnert sich noch an den Captain-America-Film von 1990?) hatte man eigentlich nur zwei Filmreihen zur Auswahl: Die Superman-Filme mit Christopher Reeve, denen nach dem vierten Eintrag die Luft ausgegangen war und die Batman-Filme von Tim Burton und Joel Schumacher, denen 1997 ebenfalls die Luft ausging. Bereits ein Jahr später kam dann die Figur ins Kino, die als erster früher Wegbereiter der aktuell anhaltenden Welle von Superhelden-Filmen gilt: Blade. Zugleich hatte der Daywalker allerdings auch massiven Einfluss auf Vampirfilme und sonstige -medien. Dieser Artikel dient zur Eröffnung der diesjährigen Halloween-Saison.

Die Comicfigur
Sein Debüt feierte der Daywalker 1973 in der zehnten Ausgabe der Comicserie „The Tomb of Dracula“, Marvels wahrscheinlich profiliertester Horrorserie; geschaffen wurde er von Autor Marv Wolfman und Zeichner Gene Colan. In „The Tomb of Dracula“ gehört Blade zu einer Gruppe Vampirjäger, darunter Rachel Van Helsing und Quincey Harker, die sich, wie könnte es auch anders sein, mit Dracula herumschlagen müssen. Diese erste Version der Figur hat optisch noch nicht allzu viel mit der späteren Inkarnation gemein: Er hat einen Afro und trägt eine gelbe Brille sowie eine leuchtend grüne oder orange-braune Jacke. Wie seine spätere Filminkarnation wird auch in den Comics seine Mutter von einem Vampir gebissen, dadurch wird Blade, dessen bürgerlicher Name Eric Brooks lautet, allerdings erst einmal „nur“ immun gegen Vampirbisse – übernatürliche Fähigkeiten erhält er erst später durch Morbius, den lebenden Vampir. Nach seinem Debüt wurde Blade allerdings eher sparsam eingesetzt, agierte außerhalb von „The Tomb of Dracula“ aber auch immer wieder mit anderen Marvel-Figuren, die eher in Richtung Horror tendieren, darunter, wie bereits erwähnt, Morbius oder der Ghost Rider.

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Blades ursprüngliches Design

Sein ikonisches schwarzes Lederoutfit bekam Blade Anfang der 90er, zu dieser Zeit war er auch immer wieder mit anderen übernatürlichen Superhelden unterwegs, mit denen er ein Team bildete, darunter die Midnight Sons und die Nightstalker – Letztere tauchen zumindest namentlich in „Blade Trinity“ auf. Zugegebenermaßen bin ich mit der Comicversion der Figur nur leidlich vertraut, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Blade nie eine länger laufende eigene Serie vergönnt war. Stattdessen trat er als Teil der oben genannten Teams auf, absolvierte Gastauftritte oder bekam Miniserien spendiert. Seinen ersten bewegten Auftritt bekam er in einigen Episoden von „Spider-Man: The Animated Series“, in welcher er von J. D. Hall gesprochen wurde.

Art of Adaptation: Vampirkonzept der Trilogie
Vampire in den Marvel-Comics begannen relative nah an Stoker – die Comicserie „The Tomb of Dracula“ zeigte einen relativ traditionellen Grafen, dementsprechend konnten sich Marvel-Vampire verwandeln und Tiere kontrollieren, waren anfällig gegenüber heiligen Symbolen usw. Über die Jahre hinweg wurde Marvels „Vampir-Mythologie“ natürlich deutlich komplexer, man schuf Verknüpfungen ins Hyborische Zeitalter (ja, Conan gehört formal zum Marvel-Universum) und machte einen gewissen Varnae (eine Anspielung auf „Varney, the Vampire; or, the Feast of Blood“, eine Penny-Dreadful-Reihe, die Jahrzehnte vor Dracula, in den 1840ern publiziert wurde) zum ersten Vampir. Marvel-Vampire waren und sind sehr eindeutig magisch – ein Aspekt, von dem sich die Blade-Filme fast völlig distanzierten.

Vampirismus in der Blade-Trilogie wird eindeutig als Virus identifiziert, Vampire bekommen einen wissenschaftlichen Namen – Hominis nocturnae – und auch sonst werden die „mythischen“ Aspekte zurückgefahren. Während Knoblauch, Silber und Sonnenlicht adäquate Waffen gegen die Blutsauger sind, bleiben heilige Symbole oder fließendes Wasser völlig nutzlos. Statt Varnae ist nun Dracula, bzw. Drake, bzw. Dagon der erste Vampir. Bei ihm handelt es sich um eine Art fast perfekter Prototyp, der wie Blade selbst über die Stärken der Vampire, aber nicht über die Schwächen (ausgenommen der Blutdurst) verfügt. Ein mythisches Element bleibt aber doch erhalten: Der Blutgott La Magra, der im ersten Film als finaler Gegner fungiert, ist recht eindeutig übernatürlich und scheint in letzter Konsequenz der Verursacher des Vampirvirus zu sein. Wie in „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien (inklusive der Marvel-Comics) teilen sich die Vampire in verschiedene Gruppierungen auf, hier als „Häuser“ bezeichnet, und verfügen zudem über eine große Anzahl menschlicher Diener, die mit Vampirrunen gebrandmarkt werden. Vampire können sowohl normal gezeugt als auch durch einen Biss verwandelt werden, wobei Erstere einen höheren Status als Letztere haben und es durchaus möglich ist, Letztere wieder in Menschen zurückzuverwandeln. In „Blade II“ wird eine durch Experimente geschaffene Unterart eingeführt, die Reaper, die Vampirblut trinken und „gewöhnliche“ Vampire durch ihren Biss in Reaper verwandeln.

Blade selbst verfügt von Anfang an über die Kräfte, die er in den Comics erst nach und nach bekommt, da Morbius in der Filmtrilogie nicht auftaucht (allerdings war wohl ein Cameo geplant, das es aber nicht in die finale Schnittfassung des ersten Films schaffte). Alle seine Fähigkeiten werden durch seinen Status als Halbvampir erklärt, die einzige Schwäche, die geblieben ist, ist der Blutdurst, gegen den er mit einem speziellen Serum ankämpft. In ernsten Situationen ernährt er sich allerdings durchaus auch von echtem Blut. Einige weitere Elemente der Comics finden sich ebenfalls in den Filmen, wenn auch meistens stark abgewandelt. Deacon Frost (Stephen Dorff) ist in den Comics wie in den Filmen der Vampir, der Blades Mutter attackiert und auch regelmäßiger Widersacher – die Comicversion ist allerdings deutlich älter (sowohl optisch als auch tatsächlich). Hannibal King und die Night Stalker entstammen ebenfalls den Comics, genauso wie Dracula selbst, alle wurden aber massiven Änderungen unterzogen.

Urban Style: Blade

In vielerlei Hinsicht ist „Blade“ als Superheldenfilm eine eher untypische Angelegenheit, da Blade eben kein typischer Superheld ist. Zwar verfügt Blade technisch gesehen über einen bürgerlichen Namen – Eric Brooks – dieser spielt für ihn aber keine Rolle. Auch geht es ihm nicht wirklich darum, Menschen zu retten, sondern Vampire zu bekämpfen. In dieser Hinsicht gehört er zudem zu den Vorreitern eines Umkehrtrends im Genre: Zuvor waren Vampire zumeist die Einzelgänger, die von Vertretern einer bürgerlichen Gesellschaft gejagt wurden, in „Blade“ hingegen ist es genau anders herum: Es sind die Vampire, die als mafiöse Gruppe die Menschheit unterwandert haben, während der Jäger alleine bzw. mit nur wenigen Verbündeten arbeitet. Dieser Aspekt wird in „Blade: Trinity“ noch einmal stärker, dort benutzen die Vampire das Gesetz, um Blade auf den Leib zu rücken.

Angesichts all dessen ist es fast schon ironisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend, wie sehr sich Regisseur Stephen Norrington und Drehbuchautor David S. Goyer an Tim Burtons „Batman“ orientierten. Gerade bezüglich der Charakterisierung der Hauptfigur und der Handlungskonstruktion finden sich viele Parallelen. Wesley Snipes‘ Blade ist wie Michael Keatons Batman ein ziemlich statischer Charakter, über den man als Zuschauer nicht allzu viel erfährt – beide bleiben relativ unerforschte Antihelden, Getriebene, deren Motivation und Werdegang nicht en detail dargelegt werden. Beide sind zu Beginn des Films bereits vollständig geformt und entwickeln sich, wenn überhaupt, nur minimal. Bei beiden erleben wir nur das auslösende Moment (Mord an den Waynes bzw. Vampirwerdung der Mutter) ihres Kreuzzugs in Flashbacks, aber nichts von der formativen Zeit. Das steht in krassem Gegensatz zu vielen späteren Superheldenfilmen wie „Batman Begins“ oder Sam Raimis „Spider-Man“, die sich diesen Aspekten sehr ausführlich widmen.

Auch die Beziehung zwischen Protagonist und Antagonist ist erstaunlich ähnlich: Sowohl Jack Napier/Joker (Jack Nicholson) als auch Deacon Frost (Stephen Dorff) beginnen als „Unterboss“ in ihrer Organisation, um sich anschließend den Weg an die Spitze zu morden. Zudem sind beide Verantwortlich für die Heldenidentität des Widersachers: Jack Napier tötete die Waynes, Deacon Frost verwandelte Blades Mutter Vanessa (Sanaa Lathan) während der Schwangerschaft in eine Vampirin und sorgte so dafür, dass Blade überhaupt erst in der Lage ist, seinem Handwerk nachzugehen. In der Handlungskonstruktion finden sich zudem Parallelen zwischen Vicky Vale (Kim Basinger) und Karen Jenson (N’Bushe Wright), die mehr oder weniger unfreiwillig in die Welt des Titelhelden hineingezogen werden und als Avatar der Zuschauer fungieren. Anders als in „Batman“ gibt es hier allerdings keine Romanze – tatsächlich hat Wesley Snipes mit keiner der „Leading Ladies“ der Filmreihe wirklich Chemie. Alfred (Michael Gough) und Whistler (Kris Kristofferson) gleichzusetzen ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt, aber als einzige Vertrauter und Mentor des Helden gibt es doch gewisse Parallelen…

Stilistisch hingegen distanziert sich „Blade“ stärker von sowohl „Batman“ als auch von herkömmlichen Vampirfilmen – Stephen Norrington fährt den Gothic-Faktor soweit zurück wie möglich, alles ist urban, stylisch und glatt. In vielerlei Hinsicht bereitete Blade bereits die Ästhetik vor, die die Matrix-Trilogie später popularisieren sollte – inklusive der allgegenwärtigen Ledermäntel und Sonnenbrillen. Zweifelsohne ist „Blade“ Style over Substance, wie bereits erwähnt macht der eigentliche Titelheld kaum eine Entwicklung durch, wenn überhaupt ist es Karen Jenson, die sich von der Ärztin zur Vampirjägerin wandelt. Trotzdem funktioniert Blade, primär deshalb, weil Goyer, Norrington und Snipes die Figur ernst nehmen und natürlich, weil die Action schlicht gut und unterhaltsam ist. Die größte Schwäche des Films ist dabei das Finale, das die geerdeten Aspekte und die pseudowissenschaftliche Natur der Vampire hinter sich lässt und uns nebst einem Blutgott auch viel schlechtes CGI serviert, das einfach nicht hätte sein müssen. Zudem ist es eine merkwürdige Entscheidung, Blade seine Mutter als Vampirin zu präsentieren und dann praktisch nichts damit zu machen.

Ironischerweise bringt „Blade“ gerade die Qualitäten mit, die bei aktuellen Marvel-Filmen oftmals vermisst werden: Handgemachte Action mit einem gewissen Härtegrad und eine Portion Ernsthaftigkeit. Nicht, dass in „Blade“ nicht absurdes Zeug passieren würde oder der Film humorbefreit wäre, aber es fehlt das selbstreferenzielle Augenzwinkern und der Metahumor, der selbst eingefleischten MCU-Fans inzwischen zu viel wird. Gerade aus diesem Grund ist ein in nicht allzu ferner Zukunft ausstehender MCU-Auftritt Blades (gespielt von Mahershala Ali) nicht unbedingt vielversprechend – es sei denn, Kevin Feige entschließt sich, den Tonfall und den Gewaltgrad der Marvel-Netflix-Serien zuzulassen.

Kommen wir noch zu den Vampiren in diesem Film: Eine wirklich tiefgründige Erforschung der vampirischen Zustandes oder des Blutdurstes darf man hier natürlich nicht erwarten, schließlich hat Anne Rice nicht das Drehbuch geschrieben. Blade hat wegen seines Blutdurstes keine Schuldgefühle und fällt in diesem Film auch nicht unkontrolliert Menschen an, der Durst wird eher wie eine typische Superheldenschwäche behandelt. Alle anderen Vampire sind unweigerlich böse, ob sie nun Traditionalisten sind wie der von Udo Kier gespielte Gitano Dragonetti (eine Anspielung auf Kiers Auftritt als Dracula in „Blood for Dracula“ aus dem Jahr 1974?) oder aufbegehrende Rebellen wie Deacon Frost. Als solche hinterlassen Frost und seine Kumpanen zweifelsohne ordentlich Eindruck und sind höchst unterhaltsam.

Neo Gothic: Blade II

Trotz des Erfolges von „Blade“ – der erste Marvel-Charakter, der an den Kinokassen tatsächlich einen ordentlichen Gewinn einbrachte – kehrte Stephen Norrington nicht zurück. An seiner statt nahm Guillermo del Toro die Zügel in die Hand. Für viele, mich eingeschlossen, ist „Blade II“ nach wie vor der beste Teil der Trilogie, denn del Toro nimmt im Grunde alles, was im ersten Teil funktionierte und reichert es um seine eigene Ästhetik an. Wesley Snipes kehrt natürlich als Titelheld zurück. N’Bushe Wright als Karen Jenson sehen wir dagegen nicht wieder, statt ihrer hat Blade mit Scud (Norman Reedus) einen neuen Sidekick. Trotz seines scheinbaren Todes in „Blade“ taucht Kris Kristofferson wieder auf, der Dank eines ziemlich uneleganten Retcons abermals als Blades Vertrauter und Mentor fungieren darf.

Die Action, Coolness und eher dürftige Figurenzeichnung des Vorgängers behält del Toro bei (David S. Goyer ist abermals für das Drehbuch verantwortlich), geht ästhetisch jedoch völlig andere Pfade: „Blade II“ ist dreckiger, gotischer und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „europäischer“ als Teil 1, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Film in Prag spielt und dort auch gedreht wurde. Zudem fährt del Toro hier ein völlig anderes Kaliber an Vampiren auf: Die rebellischen Hipster-Vampire, aus denen Deacon Frosts Clique bestand, sind ebenso Vergangenheit wie die Mafiosi-artige alte Garde um Dragonetti, stattdessen lebt del Toro seine Vorliebe für monströse Vampire aus, die später in der von ihm produzierten Serie „The Strain“ noch stärker hervortreten sollte. Die neue große Gefahr dieses Films sind die Reaper, eine erst vor kurzem aufgetauchte Unterart von Vampiren, deutlich stärker und widerstandsfähiger als die gewöhnlichen Blutsauger, nicht zuletzt, weil ihr Herz besser geschützt ist. Da die Reaper bevorzugt Vampirblut trinken und so andere Vampire in ihresgleichen verwandelt, haben Blade und die „normalen“ Vampire einen gemeinsamen Feind. Blade muss sich also mit einem vampirischen Einsatzteam, dem „Blood Pack“ unter Führung von Nyssa Damaskinos (Leonor Varela) verbünden, um die Reaper aufzuhalten. Sowohl Eli Damaskinos (Thomas Kretschman) als auch die Reaper und ihr Anführer Nomak (Luke Goss) sind mit ihren entstellten Gesichtern und kahlen Schädeln eindeutig von Graf Orlok aus Wilhelm Friedrich Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ beeinflusst.

Das Blood Pack hingegen knüpft relativ direkt an „Blade“ an, indem hier eine Reihe von nicht unbedingt gut ausgearbeiteten, aber doch einprägsamen Charakteren geboten wird. Zudem finden sich einige interessante Schauspieler in dieser Gruppe. Ron Perlmans Präsenz dürfte wohl niemanden, der mit del Toro vertraut ist, groß überraschen – er spielt den ziemlich sadistischen Vampir Reinhardt. Perlman, Nomak-Darsteller Luke Goss und del Toro sollten später zusammen „Hellboy II: The Golden Army“ drehen. Darüber hinaus gehören auch Martial-Arts-Legende Donnie Yen als „Snowman“ sowie Tony Curran als „Priest“ zum Bloodpack – Letzterer sollte in „Underworld: Evolution“ in die Rolle des Vampirältesten Markus Corvinus schlüpfen. Das gesamte Bloodpack ist höchst unterhaltsam, ebenso wie Luke Goss‘ Nomak und sein Vater Eli Damaskinos – Thomas Kretschman hat sichtlich Spaß daran, so richtig schön fies zu sein. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich Leonor Varela, die zwar sehr gut aussieht und wie ein Prototyp von Kate Beckinsales Selene aus den Underworld-Filmen wirkt, aber ihre Figur nicht wirklich authentisch rüberbringen kann. Das ist verdammt schade, da sie im Grunde der einzige Vampircharakter der gesamten Trilogie ist, der nicht ausschließlich böse ausfällt. Ein weiteres Manko sind abermals einige der Effekte – während die Action nach wie vor sehr gut ist, traf man die Entscheidung, die Figuren immer wieder absurde akrobatische Einlagen absolvieren zu lassen, die per CGI umgesetzt wurden, die bereits 2002 nicht gut aussahen und wirklich extrem schlecht gealtert sind.

Dennoch, aufgrund von Guillermo del Toros Regieführung und seinen stilistischen Vorlieben, die sich mit den meinen überschneiden, ist „Blade II“ definitiv mein Favorit dieser Filmreihe, nicht zuletzt, weil del Toro sich hier noch am ehesten mit der vampirischen Natur auseinandersetzt, sei es durch die etwas komplexere Nyssa oder den Umstand, dass die Vampire hier selbst von Jägern zu Opfern einer noch übleren Spezies von Monstern werden, während ihr Anführer sich nicht nur als Mafiaboss oder machthungriger Aufsteiger, sondern praktisch als Nazi entpuppt, der so etwas wie eine neue vampirische Herrenrasse züchten möchte. Diese Aspekte gehen nach wie vor nicht wirklich in die Tiefe, werden aber stärker und besser herausgearbeitet, als es im ersten und dritten Teil der Trilogie der Fall ist.

The Tomb of Dracula: Blade Trinity

David S. Goyer ist ein ziemlich wechselhafter Drehbuchschreiber – wenn er mit einem guten Regisseur wie Guillermo del Toro oder Christopher Nolan zusammenarbeitet, kann durchaus ein brauchbarer oder sogar sehr guter Film herauskommen. Wenn er hingegen selbst Regie führt, wie es bei „Blade: Trinity“ der Fall ist, entsteht ein mittelschweres Desaster. Die Probleme und Konflikte, die sich hinter den Kulissen abspielten, sind inzwischen legendär, nicht zuletzt, weil Patton Oswald und Ryan Reynolds immer wieder gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Goyer und Wesley Snipes konnten sich offenbar nicht ausstehen, was dazu führte, dass Letzterer ernsthafte Diva-Allüren entwickelte, seinen Trailer nicht verlassen wollte, mit dem Regisseur nur über Notizen kommunizierte und generell nicht zugänglich war. Doch selbst wenn man davon absieht, dass Snipes schlicht keine Lust hatte, in diesem Film mitzuspielen, passt vieles einfach nicht zusammen, die Regieführung ist bestenfalls holprig und schlimmstenfalls inkompetent. Erschwerend hinzu kommt, dass Elemente, die 1998 noch frisch und innovativ waren, im Jahr 2004, nach drei Matrix- und dem ersten Underworld-Film inzwischen ziemlich ausgelutscht wirkten.

Goyers Drehbuch ist da leider auch keine Hilfe, denn im Grunde handelt es sich bei der Story von „Blade: Trinity“ um ein Konglomerat an Handlungselementen aus den ersten beiden Filmen. Whistler stirbt zum zweiten und letzten Mal, Blade muss, wie schon im zweiten Teil, abermals mit einer Gruppe zusammenarbeiten; dieses Mal sind es die zumindest dem Namen nach aus den Comics stammenden Nightstalker, ein weiteres Mal hat er es mit einem „Supervampir“ zu tun und bereits zum dritten Mal macht Blade praktisch keinerlei Wandlung durch. Im Gegensatz zum zweiten Film greift Goyer zumindest formal in größerem Ausmaß auf die Vorlage zurück – auch Hannibal King (Ryan Reynolds) entstammt den gedruckten Seiten und natürlich hätten wir da noch Dracula…

Der Fürst der Vampire wird in diesem Film von Dominic Purcell, primär aus der Serie „Prison Break“ bekannt, gespielt, und ist leider ein weiterer Aspekt, der auf keiner Ebene funktioniert. Wie oben bereits erwähnt nimmt Dracula die Stellung als erster Vampir ein, die in den Comics Varnae innehat. Wie Blade ist er immun gegen das Tageslicht und wurde darüber hinaus als Vampir im antiken Babylon geboren, wo er unter dem Namen Dagon ein Kriegsherr wurde und sich einen blutigen Weg durch die Jahrtausende bahnte. U.a. posierte er auch als Vlad Țepeș und inspirierte in letzter Konsequenz Bram Stoker, zog sich dann aber angewidert von der Welt zurück, um im 21. Jahrhundert von der Vampirin Danica Talos (Parker Posey) und ihren Handlangern wiederweckt zu werden, um gegen Blade zu kämpfen. Schauspieler, die Dracula spielen, werden automatisch an ihren Vorgängern gemessen – eine illustre Riege, zu der neben Bela Lugosi auch Größen wie Christopher Lee, Gary Oldman oder Frank Langella gehören. Dominic Purcell ist zweifelsohne einer der schlechtesten Draculas, weder verfügt er über die Ausstrahlung eines Lugosi, noch über das Charisma eines Lee oder die Komplexität eines Oldman; auch als sumerischer Kriegsherr oder uraltes, unmenschliches Monster weiß er nicht zu überzeugen. Stattdessen wirkt er eher wie ein gelangweilter Rapper.

Alle anderen Aspekte der Produktion sind ebenso misslungen. In den ersten beiden Filmen merkt man Snipes seine Passion für das Material an, diese ist durch den Konflikt mit Goyer völlig verloren gegangen. Die ürbigen Charaktere sind entweder flach, überzeichnete Karikaturen oder beides. Abigail Whistler (Jessica Biel) ist quasi wandelndes Product Placement, Ryan Reynolds scheint schon mal für Deadpool zu üben und Parker Posey und ihr vampirischer Anhang ist völlig überdreht und weit entfernt von den einprägsamen Blutsaugern der ersten beiden Teile.

Apokryphen und Vermächtnis
Unglaublich, aber wahr: Trotz der nicht gerade überwältigenden Rezeption von „Blade: Trinity“ schickte Warner Bros. 2006 eine Blade-Fernsehserie an den Start, die wirklich kaum jemand gesehen hat. Ich glaube, ich habe mir ein oder zwei Folgen angeschaut, als die Serie damals auf ProSieben startete, kann mich aber an absolut nichts mehr erinnern. Obwohl Wesley Snipes nicht mehr beteiligt war – die Titelfigur wird von dem Rapper Kirk Jones alias „Sticky Fingaz“ gespielt – knüpft die Serie an die Filme an, es gibt diverse Anspielungen und sowohl David S. Goyer als auch Ramin Djawadi, der Komponist von „Blade: Trinity“, wirkten an dem Unterfangen mit. Deutlich aufmerksamer dürften Fans der alten Trilogie die MCU-Neuauflage des Vampirjägers verfolgen. Ein erstes (rein stimmliches) Cameo absolvierte Mahershala Ali bereits in der Post-Credits-Szene von „The Eternals“, sein eigener Film kommt im November 2023 ins Kino; meine Bedenken diesbezüglich habe ich oben bereits geschildert.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von „Blade“ auf das Horror-Action-Genre – wenn der Film von 1998 es nicht begründet hat, gehört er doch zumindest zu den Wegbereitern. Filme, Filmreihen und Serien wie „Underworld“, „Resident Evil“, „Van Helsing“, „Priest“ oder „First Kill“ sind massiv vom Einfluss der Blade-Trilogie geprägt. Zudem zeigte Blade, dass ein relativ obskurer Marvel-Charakter an den Kinokassen extrem erfolgreich sein kann. Wenn das MCU sich schon nicht stilistisch an der Trilogie orientiert, so hat es sich doch schon oft genug der Vorgehensweise bedient, indem es absolute Nischenfiguren aus der Versenkung holte und für ein breites Publikum aufbereitete; wer kannte vor 2014 schon die Guardians of the Galaxy? Zudem, und das sollte ebenfalls nicht unterschlagen werden, ist Blade der erste erfolgreiche Superheldenfilm mit einem schwarzen Protagonisten („Spawn“ und „Steel“ kamen zwar vorher ins Kino, können aber beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnet werden) und einem R-Rating und damit Wegbereiter für Filme wie „Black Panther“ oder „Deadpool“.

Bildquelle Titel (New Line Cinema)
Bildquelle klassischer Blade

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Secret Origin
First Kill Staffel 1

The Dracula Tape

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So richtig populär wurde der Vampirprotagonist bzw. der „sympathische Vampir“ erst in den 90ern, allerdings finden sich bereits in den 60ern und 70ern erste Vorreiter, etwa in Gestalt von Barnabas Collins in der Fernsehserie „Dark Shadows“ (1966 bis 1971). Literarisch salonfähig wurde das Konzept schließlich dank zweier Romane, die beide in den 70ern erschienen. Der eine ist natürlich Anne Rice‘ „Interview with the Vampire“, zweifelsohne ein essentieller Meilenstein der Vampirliteratur, aber Dracula selbst hatte auch einen gewissen Anteil an der sich abzeichnenden Entwicklung. Während der Vampirgraf in den in diesem Zeitraum erscheinenden Hammer-Filmen noch als typischer böser Vampire unterwegs war, beschloss der bekannte Fantasy- und Science-Fiction-Autor Fred Saberhagen (1930 bis 2007) in seinem Roman „The Dracula Tape“, ausnahmsweise einmal Draculas Sicht auf die Dinge zu schildern.

Ironischerweise hat „The Dracula Tape“, erschienen 1975, also gerade mal ein Jahr vor Rice‘ Roman, einige andere interessante Gemeinsamkeiten mit „Interview with the Vampire“: In beiden erzählt ein Vampir nicht nur aus seinem Leben, sondern versucht auch, viele Dinge bzgl. der vampirischen Natur „richtig zu stellen“. Während „Interview“ aber eine völlig eigenständige Geschichte erzählt, hangelt sich Saberhagen an Stokers Roman entlang. Konzipiert ist das Ganze als Abschrift einer Tonbandaufnahme (daher der Titel, in der deutschen Übersetzung lautet er stattdessen „Die Geständnisse des Grafen Dracula“). Die Handlung ist freilich dieselbe wie bei Stoker, zumindest vordergründig: Mithilfe des Anwalts Jonathan Harker möchte Dracula nach London umsiedeln und erwirbt zu diesem Zweck das heruntergekommene Anwesen Carfax. Harker findet heraus, dass sein Gastgeber ein Vampir ist und bleibt auf dem Schloss des Grafen zurück, während dieser auf dem russischen Schoner Demeter nach England übersetzt und schließlich in Whitby ankommt. Dort entsteht ein Kontakt zu Lucy Westenra, der besten Freundin von Jonathan Harkers Verlobter Mina Murray – beide machen zufällig gerade in Whitby Urlaub. Über Lucy geraten, wie üblich, ihr Verlobter Arthur Holmwood, dessen Freunde Quincey Morris und John Seward sowie Sewards Lehrmeister Abraham Van Helsing in die Angelegenheit. Nachdem Lucy zur Vampirin geworden ist, macht man gemeinsam Jagd auf sie und schließlich, nach ihrem endgültigen Tod, auf den Grafen. So weit, so bekannt.

Aus Draculas eigener Perspektive ergeben sich allerdings völlig andere Charakterisierungen und Motivationen der Figuren. Der Graf selbst zeichnet sich in seinem Geständnis zwar nicht als völlig „guter“, aber doch als nobler und deutlich weniger böswilliger Vampir, der vor allem im ersten Drittel von Jonathan Harker konsequent falsch verstanden und interpretiert wird. Der Vorfall mit „Draculas Bräuten“, die hier die Namen Anna, Wanda und Melisse tragen, ist zwar „authentisch“, aber alles andere nicht. Dracula hat hier deutlich weniger Kontrolle über sie, als es eigentlich den Anschein hat – tatsächlich versuchen die drei am Ende, ihn durch eine Intrige zu töten. Während Jonathan Harker in diesem Kontext noch halbwegs gut wegkommt und Dracula sogar zähneknirschenden Respekt äußert, ist Van Helsing hier das wahre Monster, ein zum Teil inkompetenter Fanatiker, der bereits zuvor „unschuldige“ Vampire vernichtete und seinem Feldzug alles und jeden opfert.

Lucy und Mina dagegen gehen echte Romanzen mit Dracula ein. Ursprünglich hat Dracula überhaupt nicht vor, Lucy zur Vampirin zu machen, zur Tragödie kommt es überhaupt erst, weil Van Helsing sich an einer Bluttransfusion versucht. Tatsächlich war diese Methode zu Stokers Zeit gerade konzipiert worden, das Konzept der Blutgruppen hatte man allerdings noch nicht entdeckt, dies geschah erst 1900 durch Karl Landsteiner, also drei Jahre nach Erscheinen des Romans. Saberhagen schildert die korrekten Folgen einer fehlerhaften Bluttransfusion, als Folge verwandelt Dracula Lucy, um sie vor dem Tod zu retten. Dieser ereilt sie natürlich trotzdem in Form eines Holzpfahls. Auch Mina kann Dracula von seinen eigentlich hehren Absichten überzeugen, sodass sie gemeinsam mit dem Grafen eine Intrige ausheckt, um die Vampirjäger konsequent in die Irre zu führen. Dies gipfelt schließlich in einer gefakten Tötung Draculas, die zur Folge hat, dass der Graf viele Jahre später seine Geschichte erzählen kann.

Saberhagens Roman ist eine Mischung aus Parodie und liebevoller Hommage, bei der der Horror-Aspekt natürlich verloren geht, da wir die ganze Geschichte aus der Perspektive des vermeintlichen Monsters erleben. Ein derartiges Werk verlangt intime Kenntnisse von Stokers Roman, die zweifelsohne gegeben sind. Dabei muss allerdings angemerkt werden, dass die Umdeutung der Ereignisse nicht immer gleich gut funktioniert. Gerade im ersten Drittel wirkt es mitunter recht bemüht: Saberhagen behält die Dialoge aus Stokers Roman eins zu eins bei, wandelt sie aber in immer neue Missverständnisse um, die oft allzu gekünstelt wirken. Deutlich besser kann er in Whitby und London arbeiten: Hier tritt der Graf in Stokers Roman kaum auf, sondern arbeitet lediglich hinter den Kulissen, dementsprechend hat Saberhagen hier viel mehr Freiheit und ist nicht mehr völlig an den Text des Romans gebunden. Dieser wird, nebenbei bemerkt, immer wieder zitiert, da Dracula Zugang zu den „gesammelten Aufzeichnungen“ der Vampirjäger (sprich: Stokers Roman) hat und diesen immer wieder auf äußerst amüsante Weise kommentiert. Saberhagen baut in diesem Kontext immer wieder ironische Brechungen ein, etwa wenn Dracula sich darüber mokiert, dass er in England ständig und scheinbar zufällig Bekannten Jonathan Harkers über den Weg läuft.

Es sollte zudem erwähnt werden, dass Dracula hier ganz eindeutig als Vlad Țepeș identifiziert wird. Das kommt wohl nicht von ungefähr, 1972 erschien „In Search of Dracula“ von Radu Florescu und Raymond T. McNally, wodurch die These, Stoker sei von Vlad Țepeș zu Dracula inspiriert worden, populär wurde. Obwohl Forscher wie Elizabeth Miller das inzwischen widerlegten, hält sich die Gleichsetzung Draculas mit Vlad III. hartnäckig in der Popkultur und gehört in diesem Kontext mehr oder weniger zum guten Ton – auch diesbezüglich könnte Saberhagen ein Vorreiter gewesen sein.

Wer sich von „The Dracula Tape“ eine ähnlich tiefgründige Erforschung des Vampirzustands erhofft, die „Interview with the Vampire“ bietet, wird wohl enttäuscht werden. Dieser Dracula ist zwar einerseits weit entfernt vom fast absoluten Bösen seines Stoker-Gegenstücks, hadert aber auch nicht besonders mit seiner Vampirnatur und schein wenig Probleme damit zu haben, sich von Tierblut zu ernähren bzw. seine Opfer nicht zu töten. Saberhagen vermittelt nur selten ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, ein Vampir zu sein, etwas, das Anne Rice wie keine andere Autorin vermitteln kann.

Dennoch erwies sich „The Dracula Tape“ als sehr einflussreich. Nicht nur verfasste Fred Saberhagen eine ganze Reihe von Fortsetzungen, in denen Dracula u.a. auf Sherlock Holmes trifft, wann immer der Graf positiver dargestellt wird, meint man, Saberhagens Einfluss zu spüren – das trifft besonders auf „Bram Stoker’s Dracula“ zu. Coppolas Adaption stellt quasi einen Kompromiss zwischen Stokers und Saberhagens Dracula dar, was den Verantwortlichen durchaus nicht entging, weshalb sie Saberhagen baten, die Romanadaption des Films zu verfassen. Schon ein wenig merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Fred Saberhagen der Autor eines Buches mit dem Titel „Bram Stoker’s Dracula“ ist…

Fazit: „The Dracula Tape“ ist nicht nur eine amüsante Parodie von Stokers Roman, die aus dem monströsen Vampirgrafen einen Antihelden macht, sondern auch ein enorm einflussreicher Vampirroman.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Secret Origin
Dracula: Sense & Nonsense

Taste the Blood of Dracula

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Story: William Hargood (Geoffrey Keen), Samuel Paxton (Peter Sallis) and Jonathon Secker (John Carson) geben sich als aufrechte, moralische Mitglieder der Gesellschaft, suchen in Wahrheit aber nach immer größeren Versuchungen. Das, was ihnen die Londoner Bordelle anbieten, reicht schon bald nicht mehr aus. Da kommt der mysteriöse Lord Courtley (Ralph Bates) gerade recht, denn er verspricht nie geahnte Verderbnis. Zu viert bereiten sie ein spezielles, satanisch anmutendes Ritual vor, zu dessen Bestandteilen unter anderem auch das getrocknete Blut Draculas sowie der Umhang des Vampirgrafen gehört. Das Ritual scheint jedoch schiefzugehen und endet im Tod Lord Courtleys. Unbemerkt von den drei Gentlemen verwandelt sich Courtleys Leichnam allerdings bald in Dracula (Christopher Lee) – und diesen dürstet es nach Rache für den Tod seines Dieners…

Kritik: „Taste the Blood of Dracula” markiert Christopher Lees vierten Auftritt als Vampirgraf in einem Hammer-Film, gleichzeitig erschienen im Jahr 1970 ironischerweise noch drei weitere Filme, in denen Lee seine ikonische Rolle mimte: Jess Francos verhältnismäßig werkgetreue, aber recht günstige Adaption des Romans, Jerry Lewis‘ „One More Time“, in welchem er einen kleinen Cameo-Auftritt absolvierte, und „Scars of Dracula“, ein weiterer Hammer-Film, der nur wenige Monate nach „Taste the Blood of Dracula“ ins Kino kam.

Abermals hätte Lee seine Paraderolle fast nicht noch einmal gespielt, dieses Mal allerdings aufgrund höherer Gageforderungen, die Hammer nicht erfüllen wollte. Stattdessen planet man, Ralph Bates zum neuen Dracula zu machen, in der ursprünglichen, von Anthony Hinds verfassten Version des Drehbuchs sollte Dracula einfach nur Lord Courtleys Körper in Besitz nehmen, sodass Bates in diesem und potentiellen weiteren Filme den Grafen verkörpern konnte. Hammer hatte die Rechnung allerdings ohne den amerikanischen Vertrieb gemacht, für den ein Dracula-Film ohne Lee kein Dracula-Film war, was schließlich zu seiner Rückkehr als Graf und einigen hastigen Drehbuchänderungen führte. Als Regisseur wurde Freddie Francis von Peter Sasdy abgelöst.

Dabei beginnt „Taste the Blood of Dracula” äußerst vielversprechend, weil sich der Film deutlich anders anfühlt als seine Vorgänger. Nach einem kurzen Prolog, in welchem der englische Geschäftsmann Weller (Roy Kinnear) Draculas Tod aus „Dracula Has Risen from the Grave“ (zumindest mehr oder weniger) beobachtet und anschließend getrocknetes Blut und Umhang einsammelt, wechseln wir zu den drei Gentlemen, die für eine interessante Handlungskonstellation sorgen. Ralph Bates macht zudem eine durchaus gute Figur als zwielichtiger Lord Courtley. Die Handlung des Films fällt allerdings auseinander, sobald die Drehbuchänderungen, um Lee im Film unterzubringen, allzu deutlich werden. Ab diesem Zeitpunkt will die Handlung einfach keinen rechten Sinn ergeben. Während ein Courtley-Dracula, der an den Gentlemen Rache nimmt oder sich ihrer entledigt, weil sie zu viel wissen, vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, hat Lees Version der Figur doch eigentlich keinen Bezug zu ihnen. Vor allem ist es auch das einzige Mal, dass ihm etwas an seinen Werkzeugen liegt.

Dabei gibt es durchaus auch in der zweiten Hälfte des Films interessante Ansätze. Dracula wurde immer als Bedrohung des gesitteten Status Quo inszeniert, in „Taste the Blood of Dracula“ ist besagter Status Quo aber in letzter Konsequenz nicht positiv konnotiert, wie es in den bisherigen Hammer-Filmen der Fall war. Stattdessen sind seine Vertreter massive Heuchler, die zwar die Fassade moralischen Bürgertums aufrechterhalten, in Wahrheit aber völlig verkommene Subjekte sind. Dieses Mal ist es Dracula, der William Hargoods Tochter Alice (Linda Hayden) vor dem mörderischen Vater rettet und nicht etwa umgekehrt. Dracula wird zum Katalysator jugendlicher Rebellion, sowohl Alice als auch Samuel Paxtons Tochter Lucy (Isla Blair) begehren unter seiner Ägide gegen ihre Väter auf. Dieser Ansatz wird aber kaum weiterverfolgt, nicht zuletzt, weil unklar bleibt, inwiefern die beiden tatsächlich unter Draculas Kontrolle stehen. Zudem scheint Lucy irgendwann zur Vampirin zu werden, nur um am Ende doch als Mensch zu sterben. Alice hingegen wird am Ende von Dracula mehr oder weniger verstoßen, weil sie ihm nicht mehr nützlich ist, was ebenfalls seltsam erscheint. Warum saugt er sie nicht einfach aus? An diesem und ähnlichen Elementen merkt man das kurzfristig abgeänderte Drehbuch überdeutlich.

Tatsächliche Inhalte aus Stokers Roman finden sich, wie nicht anders zu erwarten, kaum mehr in diesem Film, allerdings gibt es einige amüsante (und wahrscheinlich unbeabsichtigte) Parallelen. Zum ersten Mal in der Filmreihe betritt der Graf englischen Boden und treibt in London sein Unwesen, auch wenn er dazu erst zu Pulver werden musste, da sich eine aufwändige Schiffsszene, wie sie im Roman auftaucht, für Hammer stets als zu teuer und aufwendig erwies. Zudem bekommt Dracula es abermals mit einer aus drei Männern bestehenden Gruppe zu tun und zu seinen Opfern gehört zu allem Überfluss ein Mädchen namens Lucy.

Darstellerisch ist „Taste the Blood of Dracula“ stärker als der Vorgänger: Lee macht natürlich auch weiterhin eine gute Figur in seiner Paraderolle und auch Ralph Bates, Peter Sallis, John Carson und Geoffrey Keen funktionieren sehr gut – vor allem Letzterer ist herrlich widerwärtig. Gerade angesichts der interessanten Ausgangslage hätte man sich durchaus mehr von ihnen gewünscht – da wäre einiges an Potential vorhanden gewesen. Stattdessen begnügt sich „Taste the Blood of Dracula“ damit, wieder die inzwischen ziemlich ausgeschöpften Hammer-Klischees breitzutreten: Ein weiteres Mal wird Dracula durch heilige Symbole in seine Schranken gewiesen.

Fazit: „Taste the Blood of Dracula” bietet die eine oder andere interessante Neuerung und schafft es, eine interessante Ausgangsposition für die Handlung zu schaffen, nur um in der zweiten Hälfte aufgrund kurzfristiger Drehbuchänderungen wieder in die alten Klischees zu verfallen.

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Trailer

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

First Kill Staffel 1

„Twilight“ war das letzte „revolutionäre“ Ereignis, dass den Vampirfilm bzw. die Vampirliteratur dominierte. Seither dümpelt dieses Horror-Subgenre mehr oder weniger vor sich hin und wurde primär von Twilight-Nachahmern wie „The Vampire Diaries“ oder von Kontrastprogrammen wie „The Strain“ dominiert – „True Blood“ fällt ironischerweise in beide Kategorien. Neben der einen oder anderen Indie-Perle wie „Only Lovers Left Alive“ oder „What We Do in the Shadows“ (Film wie Serie) und der obligatorischen Dracula-Neuinterpretation – sei es die misslungene Origin-Story „Dracula Untold“ oder die zumindest unterhaltsame BBC/Netflix-Adaption von 2020 – hat sich in den letzten Jahren an dieser Front sehr wenig getan. Literatur oder gar Rollenspiele sind natürlich noch einmal eine andere Geschichte, aber die Mainstreamwahrnehmung konzentriert sich nun einmal primär auf Filme und Serien. Vor Kurzem startete auf Netflix die acht Episoden umfassende erste Staffel von „First Kill“, die vielleicht eine ganz Momentaufnahme des Genres bietet.

Handlung und Konzeption
Schöpferin von „First Kill“ ist die amerikanische Autorin Victoria Schwab, das Konzept der Serie stammt aus der gleichnamigen Kurzgeschichte, die Schwab selbst für die Anthologie „Vampires Never Get Old: Tales With Fresh Bite“ verfasste. Im Zentrum stehen die beiden Teenager Juliette Fairmont (Sarah Catherine Hook) und Calliope „Cal“ Burns (Imani Lewis), die auf dieselbe High School gehen und sich ineinander verlieben. Unglücklicherweise sind Juliette und Calliope gewissermaßen natürlich Feinde, denn Erstere ist die jüngste Tochter einer Dynastie mächtiger Vampire, während Letztere zu einer Familie hingebungsvoller Monsterjäger gehört. Beide haben darüber hinaus mit ihrem „ersten Kill“ zu kämpfen: Um zur vollwertigen Vampirin zu werden, muss Juliette einen Menschen komplett aussagen, während Calliope endlich ihr erstes Monster töten möchte. Ein paralleler Mordversuch an der jeweils anderen geht zwar schief, sorgt aber dafür, dass beiden Familien aufeinander aufmerksam werden. Gleichzeitig merken Juliette und Calliope, dass sie, trotz der inhärenten Feindschaft, einfach nicht voneinander lassen können…

Dass es sich bei „First Kill“ um eine Anlehnung an Shakespeares „Romeo and Juliet“ handelt, ist geradezu überdeutlich – als wäre der Name einer der Protagonistinnen nicht schon genug, wird exakt dieses Stück gerade in der High School aufgeführt. Konzeptionell erinnert vieles darüber hinaus an eine CW-Serie – „The Vampire Diaries“ und die diversen Spin-offs sind natürlich der primäre Referenzpunkt. Der größte Unterschied ist beim Umfang zu finden; während die typische Staffel einer CW-Serie ca. 20 Folgen beinhaltet (und typischerweise viel zu lang ist), hat „First Kill“ lediglich acht. Davon abgehen sind die Parallelen allerdings nicht zu übersehen: Von der Inszenierung, dem relativ niedrigen Budget und der Musikauswahl über die Handlungsführung und Figurenkonzeption bis hin zu dem Umstand, dass hier nicht nur Vampire, sondern auch alle möglichen anderen Monster und Horrorgestalten aktiv sind, verweist so vieles „The Vampire Diaries“.

Umsetzung
Tatsächlich fängt „First Kill“ mit einer verhältnismäßig vielversprechenden ersten Folge an, die die beiden Protagonistinnen relativ ausführlich vorstellt. Wer sich im Vorfeld nicht wirklich mit der Serie auseinandergesetzt hat, könnte zudem auf die Idee kommen, dass es sich bei Calliope und nicht bei Juliette um die Vampirin handelt; Letztere wird gerade hier eher wie Bella Swann oder Elena Gilbert in Szene gesetzt, während Calliope der mysteriöse Neuankömmling ist, der den Status Quo durcheinanderbringt. Zudem zeigt die erste Folge sehr schön die Parallelen beider Figuren auf, sowohl Calliope als auch Juliette streben danach, endlich zu vollwertigen Mitgliedern ihrer jeweiligen Familie zu werden, hadern aber zugleich mit dem Preis, den sie dafür zahlen müssen. Schließlich und endlich ist auch die Chemie zwischen den beiden jungen Darstellerinnen durchaus brauchbar und vor allem authentisch. Über den weiteren Verlauf hat diese erste Staffel allerdings oft mit denselben Problemen wie „The Vampire Diaries“ zu kämpfen: Suboptimale Drehbücher, schlechte Dialoge und, gemessen an dem, was die Serie bezüglich der Monster zeigen und erreichen möchte, ein deutlich zu niedriges Budget – wann immer CGI zum Einsatz kommt, sieht es ziemlich fürchterlich aus. In der Wahl der Handlungsorte ist die Serie ebenfalls recht eingeschränkt und muss primär mit der High School sowie auf den Häusern der beiden Familien zurechtkommen. Auch visuell ist „First Kill“ leider nicht allzu interessant – zwar bedient sich der Serie Kreaturen des Horror-Genres, selten aber geht die Inszenierung tatsächlich in diese Richtung, alles ist sehr sauber und glattgebügelt. Da die Vampire der Serie mit der Sonne keine Probleme zu haben scheinen und das High-School-Element ein wichtiger Faktor ist, finden sich für ein Vampir-Medium sehr viele Tageslichtszenen. Ein wenig überraschend sind dagegen die immer wieder (zumindest verhältnismäßig) ordentlichen Gewaltspritzen – anders als im völlig blutleeren „Twilight“ fließt hier wenigstens hin und wieder roter Saft.

Die schauspielerischen Leistungen sind ebenfalls eher durchwachsen – „First Kill“ funktioniert tatsächlich am besten, wenn es sich auf das zentrale Pärchen konzentriert, während die Machenschaften der beiden Familien rasch uninteressant werden. Das gilt in besonderem Ausmaß für Juliettes Vampirsippe: Was auf dem Papier interessante Konflikte innerhalb einer untoten Gesellschaft sein könnten, wird in der Umsetzung aufgrund der flachen Inszenierung zu einer eher drögen Angelegenheit. Die markantesten Figuren abseits der beiden Protagonistinnen sind zweifelsohne die Mütter, die ähnlich wie ihre Töchter als Spiegelbilder angelegt sind. Sowohl Calliopes Mutter Talia (Aubin Wise) als auch Juliettes Mutter Margot (Elizabeth Mitchell) schwanken zwischen Liebe und Fürsorge für ihre Kinder und ihren Partner und Verpflichtungen, die das Jäger- bzw. Vampirdasein mit sich bringt. Beide werden diesbezüglich im Verlauf der Serie auf die Probe gestellt. Deutlich weniger markant und mitunter sogar fast schon nervig sind die Umtriebe der diversen Geschwister, auf der Vampirseite Elinor (Gracie Dzienny) und Oliver (Dylan McNamara) und auf der Jäger-Seite Apollo (Dominic Goodman) und Theo (Phillip Mullings, Jr.). Besonders hier sind die bereits erwähnten schwachen Dialoge sowie nicht besonders überzeugendes Overacting sehr ausgeprägt. Zudem franzen die Handlungsstränge gegen Ende immer weiter aus und kulminieren schließlich in einem völlig offenen „Finale“, das wirklich keinerlei Abschluss bringt und nur noch mehr Fragen aufwirft.

„First Kill“ im Genre-Kontext
Homosexualität begleitet den Vampir praktisch seit seinen ersten literarischen Gehversuchen, noch implizit in John William Polidoris „The Vampyre“ und dann schon sehr explizit (und für „First Kill“ deutlich relevanter) in Joseph Sheridan LeFanus „Carmilla“ – zumindest nach damaligen Maßstäben ein regelrecht progressives Werk. Auch in Anne Rice‘ Romanen ist die Thematik sehr präsent, nicht zuletzt da gut 70 Prozent der auftauchenden Figuren männlich sind, und wird in späteren Werken noch deutlich prominenter. „True Blood“ etwa thematisiert nicht nur sehr explizit homosexuelle Beziehungen essentieller Figuren wie Lafayette oder Pam, sondern verwendet Vampire als nicht unbedingt subtile Metapher (Stichwort: „God Hates Fangs“), die angesichts der Handlungsentwicklung späterer Staffeln allerdings ihrerseits wieder problematisch wird. „First Kill“ orientiert sich dagegen in der Darstellung des zentralen queeren Pärchens eher an der Web-Serie „Carmilla“ (womit wir den Kreis geschlossen hätten). Während frühere Verfilmungen, etwa Hammers „The Vampire Lovers“ (1970) mit Ingrid Pitt als Carmilla, primär auf den Exploitationfaktor und die Fetischisierung des „lesbischen Vampirs“ abzielten, bemüht sich diese sehr freie Adaption, die Sexualität der Figuren als etwas völlig Natürliches darzustellen, ohne Fetischisierung, ohne Metapher, Queerness und Vampirismus als pure Korrelation ohne jegliche Kausalität. Es sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass besagte Webserie mit einem noch einmal deutlich beschränkteren Budget weitaus kreativere Dinge anstellt als „First Kill“.

Die High School als Setting einer Vampirgeschichte ist natürlich ein fest etabliertes Element, bereits „Buffy the Vampire Slayer“ bediente sich dieses Handlungsortes und spätestens seit „The Vampire Diaries“ und „Twilight“ sind jahrhundertalte Vampire, die aus Spaß an der Freude wieder zur Schule gehen, nichts Besonderes mehr. In diesem Kontext ist „First Kill“ tatsächlich eine Ausnahme, denn Juliette wirkt nicht nur wie eine Schülerin, es ist ihr tatsächliches Alter. Die Beziehung zwischen Mensch und Vampir erzeugt, nicht nur durch die übernatürliche Natur, sondern eben oft auch durch das hohe Alter, oft ein Machtgefälle, dass in dieser Form in der Netflix-Serie völlig entfällt, da Calliope als Jägerin mit Juliette quasi auf einer Stufe steht – der gegenseitige misslungene Tötungsversuch in der ersten Folge unterstreicht das.

Was die mythologischen Hintergründe der Vampire angeht, verlässt „First Kill“ kaum die ausgetretenen Pfade. Bei Juliettes Familie handelt es sich nicht einfach nur um „gewöhnliche“ Vampire, sondern um sog. „Legacy Vampires“, besonders mächtige Exemplare, die praktisch nicht zu töten sind – möglicherweise angelehnt an die ähnlich unkaputtbaren „Originals“ aus „The Vampire Diaries“. Ein weiteres Mal führt man den vampirischen Ursprung, wie in „True Blood“ und so vielen anderen Werken, auf Lilith zurück und räumt sogar der biblischen Schlange einen wichtigen Platz ein – auch diese Idee ist nicht neu und wurde u.a. bereits im Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Requiem“ bemüht. Aufgrund des Lilith-Ursprungs ist die Vampirgesellschaft der Serie matriarchalisch organisiert und arbeitet mit rituellen Schlangen. Dieser Aspekt treibt im Verlauf der Serie noch sehr merkwürdige Blüten, als Juliettes Vater Jack (Jason R. Moore), zu Beginn noch ein gewöhnlicher Vampir, der von seiner Frau Margot aus Liebe zum Blutsauger gemacht wurde, von seiner Schwiegermutter Davina Atwood (Polly Draper) in einen Legacy Vampir verwandelt wird, nur um diese kurz darauf zu verspeisen.

Oft finden sich zudem – gewollt oder ungewollt – auf visueller oder inhaltlicher Ebene viele Verweise auf Vampirfilme und -serien der letzten 30 Jahre: Als Calliopes Jägerfamilie eine Versammlung der Legacy Vampire angreift, tut sie das in schwarzen Blade-Gedächtnis-Outfits inklusive Sonnenbrillen mitten in der Nacht. Auch Anne Rice wird nicht ausgespart: Die (wenn auch recht inkonsequent) mit ihrer Vampirnatur hadernde Juliette ist konzeptionell schon sehr nah an Louis und in einer der späteren Folgen geht sie gemeinsam mit ihrer Schwester Elinor auf die Jagd, um endgültig eine Louis-Lestat-Dynamik zu etablieren – inklusive der korrekten Haarfarben. Die Idee, die Romeo-und-Julia-Thematik mit Horrogestalten durchzuspielen, wurden ebenfalls bereits mehrfach umgesetzt, am prominentesten wohl in Len Wisemans „Underworld“ (2003), während die Beziehung zwischen Vampir und Jäger des Öfteren in „Buffy the Vampire Slayer“ thematisiert wurde.

Fazit: „First Kill“ ist als geistiger Nachfolger von „The Vampire Diaries“ zwar nicht unbedingt zu empfehlen, funktioniert aber ganz gut als Indikator dafür, wo der Vampirfilm bzw. die Vampirserie aktuell steht, besonders, da viele Entwicklungen des Genres hier in komprimierter Form zu finden sind. Was hingegen kaum auftaucht, sind neue Impulse. Je nachdem, wie erfolgreich „First Kill“ ist und wie gut die Serie ankommt, könnte sie entweder eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Genres spielen oder zu einer bloßen, unbedeutenden Fußnote, gewissermaßen einer Momentaufnahme werden.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Carmilla
Geschichte der Vampire: Interview with the Vampire
Geschichte der Vampire: Secret Origins
The Vampire Diaries
Dracula (BBC/Netflix)

Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

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Christopher Lee ist der Schauspieler, der Dracula mit Abstand am häufigsten spielte – und das nicht nur in Hammer-Filmen. In Lees Filmographie finden sich auch Gastauftritte als Stokers Graf, die französische Parodie „Dracula père et fils“ (deutscher Titel: „Die Herren Dracula“) und die deutsch-spanisch-italienische (aber in englischer Sprache gedrehte) Co-Produktion „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (bzw. „Il Conte Dracula“ bzw. „Count Dracula“). Bei diesem, vom spanischen Skandal-Regisseur Jess Franco gedrehten Film handelt es sich, anders als bei den anderen Beispielen, um eine tatsächliche Adaption von Stokers Roman, die lange Zeit als die vorlagengetreueste galt. Dieses Urteil ist angesichts der massiven Abweichungen der anderen filmischen Adaptionen allerdings mit Vorsicht zu genießen, war in letzter Konsequenz allerdings das Argument, das Lee davon überzeugte, an Francos Film mitzuwirken. Lee bedauerte es immer, dass er in den Hammer-Filmen nie den Dracula spielen durfte, den Stoker in seinem Roman beschrieb. Und tatsächlich: Visuell war Lee nie näher am Romangegenstück. Nicht nur verfügt er hier über den Schnurrbart, den Stoker als markantes Merkmal hervorhebt, er beginnt als weißhaariger alter Mann und wird im Verlauf des Films jünger und dunkelhaariger – ein Detail, das nur wenige Dracula-Filme tatsächlich aufgreifen.

Tatsächlich hält sich „Nachts, wenn Dracula erwacht“ zumindest im ersten Akt sehr eng an die Vorlage, Jonathan Harkers (Fred Williams) Besuch auf Draculas Schloss orientiert sich sehr eng an Stokers Text, inklusive des Auftauchens der drei Vampirinnen oder Draculas Vortrag über sein nobles Geschlecht – hier wird der Roman wirklich Wort für Wort zitiert, was auf Christopher Lee zurückzuführen ist, der darauf bestand, diesen Monolog halten zu dürfen. Man merkt in jeder seiner Szenen, wie motiviert Lee ist, seine Paraderolle endlich so zu spielen, wie Stoker sie in „Dracula“ beschreibt.

Nachdem Jonathan Harker aus Draculas Schloss entkommt, wird die Handlung des Romans allerdings stark eingedampft. Franco und die Legion an Drehbuchautoren arbeiten zwar die wichtigen Handlungspunkte ab: Lucy (Soledad Miranda) wird gebissen und zur Vampirin, Mina (Maria Rohm) wird Draculas nächstes Opfer und am Ende flieht der Graf zurück in die Heimat. Das alles geschieht allerdings in sehr abgespeckter und gehetzter Form, was auch kaum verwunderlich ist, „Nachts, wenn Dracula erwacht“ hat nämlich nur eine Laufzeit von 97 Minuten. Für das komplexe Beziehungsgeflecht des Romans ist da natürlich ebenso wenig Zeit wie für Stokers langsamen Spannungsaufbau. Whitby als Handlungsort und die Reise des Grafen auf der Demeter werden völlig eliminiert. Stattdessen taucht Jonathan Harker kurz nach seiner Flucht aus Transsylvanien bereits wieder in London (bzw. Budapest in der deutschen Version) auf, um in Professor Van Helsings (Herbert Lom) Privatklinik behandelt zu werden, in der zufällig auch ein gewisser Renfield (Klaus Kinski) als Patient zugegen ist. Mina ist nach wie vor Jonathans Verlobte und Lucys beste Freundin, beide kommen zur Klinik, um sich um Jonathan zu kümmern. Lucys Verehrer wurden angepasst oder eliminiert, Arthur Holmwood taucht nicht auf, stattdessen ist sie mit Quincey Morris (Jack Taylor) verlobt und Dr. Seward (Paul Müller) ist nur Assistent Van Helsings und hat kein romantisches Interesse an Lucy. Immerhin werden keine neuen Verwandtschaftsbeziehungen geschaffen…

Das vielleicht größte, aber mit Sicherheit nicht das einzige Problem von „Nachts, wenn Dracula erwacht“ ist das bereits erwähnte gehetzte Abarbeiten der Handlung, das gegen Ende noch stärker wird. Van Helsing erleidet aus heiterem Himmel einen Schlaganfall, die restlichen Vampirjäger jagen den Grafen, nachdem sie Lucy gepfählt haben, zurück nach Transsylvanien, töten noch eben Draculas Gespielinnen und machen dann auch schon dem Grafen selbst den Garaus – das alles geschieht innerhalb der letzten zehn bis fünfzehn Minuten.

Auch darüber hinaus ist Jess Francos Regiearbeit nicht besonders gelungen. Ich bin mit seinen sonstigen Filmen nicht vertraut, aber anscheinend scheint sich seine Vorliebe für merkwürdige Zooms auf sein gesamtes Œuvre zu erstrecken – hier jedenfalls ist sie völlig außer Kontrolle. Ständig, egal ob passend oder nicht, wird dramatisch auf die Gesichter der Darsteller gezoomt. Gerade im Vergleich zu den Filmen von Hammer fällt darüber hinaus auf, dass sehr viel an Locations gedreht wurde, die durchaus beeindruckend ausfallen. Es mutet allerdings merkwürdig an, wenn eine Stadt, die eindeutig spanisch aussieht, als London ausgegeben wird… Auch der Score von Bruno Nicolai lässt leider zu Wünschen übrig, Dracula wird durch ein merkwürdiges, auf der Mandoline gespieltes Motiv repräsentiert, das nicht nur ständig auftaucht, sondern auch nie groß variiert wird.

Was die Erzeugung von Atmosphäre, besonders gotischer Atmosphäre angeht, bleibt „Nachts, wenn Dracula erwacht“ trotz der Drehorte leider weit hinter den Hammer-Produktionen zurück und auch sonst ist der Film sehr schlecht gealtert – gerade wenn man ihn mit der überragenden Bildsprache von „The Brides of Dracula“ vergleicht, der immerhin zehn Jahr zuvor entstanden ist. Das mehr oder weniger willkürliche Einblenden ausgestopfter Tiere, die in Carfax herumstehen, hilft da auch nicht. Darstellerisch weiß nur Lee wirklich zu überzeugen. Wie bereits erwähnt: Man merkt ihm den Enthusiasmus an, endlich Dracula so spielen zu können, wie Stoker ihn schrieb. Renfield als größten Teils katatonischen, kein Wort von sich gebenden Patienten darzustellen ist vielleicht die merkwürdigste Entscheidung: Da casten Franco und Produzent Harry Alan Towers Klaus Kinski (offenbar unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) und lassen ihn kein einziges Mal wüten.

Fazit: „Nachts, wenn Dracula erwacht“ ist nur für Komplettisten oder Lee-Fans geeignet; der erste Dracula-Film von Hammer ist zwar weniger vorlagengetreu, aber auch ein deutlich besserer Film.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
Geschichte der Vampire: Nosferatu
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Nosferatu in Venice

Dracula Has Risen from the Grave

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Story:
Ein Jahr ist vergangen, seitdem Dracula (Christopher Lee) ein weiteres Mal vernichtet wurde, doch die Schrecken, die er entfesselte, sind noch nicht vergangen, die Dorfbewohner fürchten den Grafen nach wie vor und weigern sich beispielsweise, die Messe zu besuchen, da der Schatten von Draculas Schloss die Kirche berührt. Monsignor Ernst Mueller (Rupert Davies), der gerade das Dorf besucht, will davon allerdings nichts wissen und macht sich auf den Weg zum Schloss, um es mit einem heiligen Ritual endgültig zu verschließen. Der Dorfpriester (Ewan Hooper), der seinen Glauben verloren hat, stößt derweil durch Zufall auf den im Eis eingesperrten Dracula und erweckt ihn durch seine Ungeschicklichkeit zu neuem Leben. Wütend, weil er sein Schloss nicht mehr betreten kann, sucht Dracula bereits wieder nach einem neuen Opfer und findet es in Ernst Muellers Nichte Maria (Veronica Carlson)…

Kritik: „Dracula Has Risen from the Grave“, Hammers vierter Dracula-Film, startete genau zehn Jahre nach Christopher Lee Debüt als blutsaugender Graf in den Kinos. Ab dieser Fortsetzung, der dritten, in der Lee mitwirkte, zeigte der Darsteller so vieler berühmter Schurken gewisse Hemmungen, das Cape wieder anzulegen, er fand die Drehbücher immer unorigineller und war auch mit dem Umstand, dass die Hammer-Filme kaum mehr etwas mit Stokers Roman zu tun hatten, äußerst unzufrieden. Den Verantwortlichen bei Hammer gelang es allerdings immer wieder, Lee zurückzubringen, indem sie beispielsweise argumentierten, der Film sei bereits mit Lees Namen verkauft und wenn er nicht mitspielte, würden hundert Leute ihren Job verlieren. Es ist wohl nur auf Lees bewundernswerten Anstand zurückzuführen, dass wir ihn in so vielen Dracula-Filmen bewundern können.

Ursprünglich hätte auch Terence Fisher, Regisseur der ersten drei Dracula-Filme, zurückkehren sollen, aufgrund einer Verletzung, die er sich bei einem Autounfall zuzog, konnte er jedoch nicht am Dreh teilnehmen und musste durch Freddie Francis ersetzt werden. Francis hatte in den 60ern bereits einige Hammer-Filme gedreht, darunter auch „The Evil of Frankenstein“ (1964), in welchem Peter Cushing zum dritten Mal den titelgebenden verrückten Wissenschaftler mimt. Und tatsächlich vermisst man einige Aspekte von Fishers Regiearbeit in „Dracula Has Risen from the Grave“, ich persönlich hatte den Eindruck, dass Francis in stärkerem Ausmaß auf Außenaufnahmen setzt, zugleich aber eine weniger stimmige Bildsprache verwendet, gerade im Vergleich zu „The Brides of Dracula“, dessen grandiose Atmosphäre und Sets in dieser Filmserie nach wie vor unübertroffen sind.

Die Formelhaftigkeit der Hammer-Draculas lässt sich kaum leugnen: Nachdem in „Dracula: Prince of Darkness“ noch ein elaboriertes Ritual nötig war, um den Grafen zurückzubringen, wird er dieses Mal durch Zufall in dem Eis, in dem er am Ende von besagtem Film endete, entdeckt und durch die Ungeschicklichkeit des Dorfpriesters wiedererweckt: Ein wenig Blut auf den Lippen ist alles, was nötig ist. Trotz allem agiert der Graf in diesem Film deutlich aktiver und gibt sogar wieder die eine oder andere Dialogzeile von sich, nachdem er im Vorgänger völlig stumm war. Zudem sah man sich bei Hammer genötigt, den Exploitation-Faktor zu erhöhen. Natürlich ist „Dracula Has Risen From the Grave“ nach heutigen Horror-Maßstäben immer noch verhältnismäßig zahm, beginnt aber immerhin mit einem Leichenfund, an Blut und Bissszenen wird nicht gegeizt und die Ausschnitte werden auch immer tiefer – das betrifft primär den der Kellnerin Zena (Barbara Ewing), die als Draculas erstes Opfer herhalten darf.

Der vielleicht faszinierendste Aspekt des vierten Dracula-Films ist die religiöse Komponente. Diese war freilich immer schon vorhanden, schließlich findet sich kaum ein Dracula-Film, in dem nicht irgendwelche Gegenstände zu einem Kreuz improvisiert werden, um den Grafen abzuschrecken, die eigentliche Religiosität der Figuren spielte dabei aber selten eine Rolle, sie wird meistens als gegeben betrachtet. In „Dracula Has Risen from the Grave“ hingegen findet sich mit dem von Barry Andrews gespielten Paul eine Figur, die explizit als Atheist identifiziert wird. Aus diesem Grund hat Paul Probleme, sich dem Grafen zu widersetzen – das geht tatsächlich soweit, dass eine versuchte Pfählung misslingt. Erst als der Dorfpriester, der durch die Ereignisse zum Glauben zurückfindet, ein Gebet spricht, kann Dracula ins Jenseits geschickt werden (natürlich nur, bis er im nächsten Film zurückkehrt). Hier drückt sich, trotz Blut und Brüsten, die letztendlich sehr konservative Haltung des Films aus. Ein zusätzliches Gebet war zudem in bisherigen Filmen nie nötig. Vampirfilme und andere Medien haben immer wieder mit diesem Aspekt gespielt, in Roman Polanskis „The Fearless Vampire Killers“ ist das Kreuz gegen Chagall beispielsweise nutzlos, weil dieser Jude ist. Das Element des wahren Glaubens sollte später vom Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ adaptiert werden, hier helfen religiöse Symbole nur, wenn tatsächlich wahrer Glaube dahintersteckt. In diesem Kontext spielt der Glaube des Vampirs oder der Wahrheitsgehalt der Religion keine Rolle, es kommt lediglich auf den Glauben dessen an, der versucht, den Vampir abzuwehren.

Abgesehen von diesen Aspekten bietet „Dracula Has Risen from the Grave“ wenig neues: Ersatz-Van-Helsing Ernst Mueller ist deutlich weniger markant als sein Gegenstück aus dem Vorgänger und auch die anderen Figuren sind in letzter Konsequenz mehr oder weniger Abziehbilder der in Stokers Roman und im ersten Hammer-Dracula etablierten Archetypen, Maria Mueller macht sogar eine ähnliche Wandlung durch wie Mina im Film von 1958 – nach dem Vampirbiss verhält sie sich deutlich lasziver. Lee ist natürlich grandios wie immer und hier deutlich präsenter, er taucht früher auf und handelt mehr wie eine Figur mit spezifischen Absichten denn eine bloße, animalische Bedrohung, wie es in „Prince of Darkness“ der Fall war. Und sein Tod ist dieses Mal deutlich spektakulärer als im Vorgänger.

Fazit: Die Formel der Hammer-Dracula-Filme wird im vierten Eintrag der Serie nur allzu deutlich, dennoch gelingt es Regisseur Freddie Francis und Drehbuchautor Anthony Hinds zumindest, den einen oder anderen interessanten Aspekt einzubringen. Eine stärkere Präsenz Christopher Lees macht „Dracula Has Risen From the Grave“ nach wie vor sehr anschaubar.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness

Art of Adaptation: Dracula in der Gruselserie

In meinem ursprünglichen Artikel zum Thema Dracula-Hörspiele habe ich mich auf drei sehr werkgetreue Adaptionen konzentriert, heute werfen wir stattdessen einen Blick auf etwas freiere Umsetzungen von Stokers Graf, die sich in H. G. Francis „Gruselserie“ finden. Bei H. G. Francis handelt es sich um einen profilierten, 2011 verstorbenen Roman- und Hörspielautor, der eigentlich Hans Gerhard Franciskowsky hieß und u.a. für seine Mitarbeit an der Perry-Rhodan-Serie bekannt war. Bereits in den 70ern war er für die Produktion einiger Gruselhörspiele verantwortlich, die er zwischen 1981 und 1982 im Rahmen der Reihe „Gruselserie“ neu auflegte und um weitere Hörspiele anreicherte. Viele dieser Hörspiele bedienen sich bekannter Figuren oder Motive aus klassischen Horrorfilmen oder -romanen, wobei das Ganze zumeist eher simpel und mit Pulp-Anleihen aufgezogen ist. Nicht wenige der Folgen erinnern bezüglich ihrer Konzeption oder ihres Handlungsaufbaus an Universal- oder Hammer-Filme. Dracula darf da natürlich nicht fehlen und taucht direkt oder indirekt in einigen Episoden der Serie auf – natürlich nur selten vorlagengetreu. Trotz eines gewissem Mangels an erzählerischem Anspruch und einigen, sagen wir, Defiziten in Sachen Dialoge kann sich die Sprecherriege dieser Serie durchaus sehen lassen, man konnte eine ganze Reihe profilierter Hörspielstimmen gewinnen, darunter Hans Paetsch, Reinhilt Schneider, Andreas von der Meden, Horst Frank, Marianne Kehlau oder Wolfgang Völz, um nur ein paar wenige zu nennen.

Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten
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Bereits in der zweiten Folge der Serie darf der Graf seinen ersten Auftritt absolvieren. Der Titel deutet es bereits an, es handelt sich hierbei um ein Crossover, in dem sich zwei Horror-Legenden treffen. Protagonisten dieses Hörspiel ist ein Pärchen, bestehend aus dem Reporter Tom Fawley (Horst Frank) und seiner Verlobten Eireen Fox (Brigitte Kollecker), die in einem Hotel in Transsylvanien (wo auch sonst?) auf merkwürdige Vorkommnisse stoßen: Ein Mann fällt aus dem Fenster, bald darauf verschwindet seine Leiche und nur ein Haufen Staub bleibt zurück. Etwas beunruhigt brechen die beiden zum nahegelegenen Schloss auf, wo sie ein gewisser Dr. Stein (Hans Paetsch) erwartet, der seine Forschungen mit der Weltpresse teilen möchte. Dort begegnen sie allerdings zuerst dem ominösen Graf Cula (Gottfried Kramer). Dr. Stein enthüllt schließlich, dass er und seine Partnerin Dr. Finistra (Jo Wegener) an der Erschaffung eines künstlichen Menschen arbeiten. Dementsprechend hält sich der Schock auch in Grenzen, als enthüllt wird, dass es sich beim Doktor und beim Grafen um Frankenstein und Dracula handelt. Die Geschichte ist recht merkwürdig aufgezogen und will nie so recht zusammenkommen, entsprechend wenig verbindet den hier auftauchenden Vampir und den verrückten Wissenschaftler mit den tatsächlichen Romanfiguren von Bram Stoker und Mary Shelley – es handelt sich eher um Verkörperungen der allgemeinen Konzeption dieser beiden Figuren, ohne dass sie, trotz der sehr guten Sprecher, allzu spezifisch anmuten. Allerdings gibt es ein wirklich interessantes kleines Detail in diesem Hörspiel: Der Name meines Blogs stammt zumindest partiell daraus. Der Name meiner „Vampiridentität“, die ich mir irgendwann zwischen Kindheit und Teenagerzeit bastelte, tauchte in einigen Hörspielen auf, die ich als Heranwachsender konsumierte, dazu gehört neben diesem hier auch eine John-Sinclair-Episode sowie die Drei-???-Folge „Vampir im Internet“. In „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ ist Hemator ein Bote der Hölle, der Dracula als Herrscher der Vampire ablösen soll – unglücklicherweise handelt es sich bei ihm um die Figur, die zu Anfang aus dem Fenster stürzt und anschließend als Ersatzteillager für Frankensteins Monster dienen muss. Konzeptionell ist das alles durchaus interessant, nur macht das Hörspiel leider nicht allzu viel mit dieser Idee. Tom Fawley und Eireen Fox tauchen im Verlauf der Serie noch in zwei weiteren Folgen auf und werden dabei auch weiterhin von Horst Frank und Brigitte Kollecker gesprochen. Die siebte Folge der Gruselserie, „Das Duell mit dem Vampir“, passt sogar thematisch ganz gut zu „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“, da die beiden es auch hier nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei legendären Monstern zu tun bekommen. Zusätzlich zu Vampiren (dieses Mal allerdings mit weit weniger bekannten Namen) müssen die beiden sich hier in Spanien mit einem Werwolf herumschlagen. Beide Folgen erinnern konzeptionell recht stark an einige der späteren Universal-Crossoverfilme.
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Dracula, König der Vampire
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Bereits in der dritten Folge kehrt der Graf zurück, eine inhaltliche Verbindung zu „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ gibt es allerdings nicht – wohl aber zu Stokers Roman. Tatsächlich handelt es sich bei „Dracula, König der Vampire“ um eine partielle Adaption der Transsylvanien-Episode zu Anfang des Romans, mit einem großen Unterschied: Anstatt alleine zu Dracula (Charles Regnier) zu reisen, wird Jonathan Harker (Günther Ungeheur) von Mina (Reinhilt Schneider) begleitet. Die meisten Ereignisse dieses Abschnitts von Stokers Roman spielen sich dennoch so ab, wie man es gewohnt ist: Als es Jonathan nicht gelingt, Dracula in seinem Rasierspiegel zu sehen, ist Mina gerade auf ihrem Zimmer und während Jonathan von Draculas Bräuten (Ingrid Dreier, Elise Gruber, Dörthe Kiesling) attackiert wird, versteckt sie sich im Schrank. Einige spätere Elemente des Romans werden ebenfalls aufgegriffen: Wie bei Stoker wird Mina auch hier ein Opfer des Grafen. Da Abraham Van Helsing in diesem Hörspiel genauso wenig auftaucht wie Jack Seward, Quincey Morris oder Arthur Holmwood, ist es Jonathan selbst, der Mina mit einem Kreuz statt mit einer Hostie kennzeichnet. Zudem gelingt es Jonathan auch, mit dem Grafen und seinen drei Gefährtinnen verhältnismäßig einfach im Alleingang fertig zu werden. Die technische Umsetzung ist durchaus nicht übel, angesichts der vielen Hörspielfassungen, besonders der drei, die ich im entsprechenden Artikel vorgestellt habe, ist diese Kurzfassung der berühmten Geschichte aber relativ unnötig, besonders, da ich Charles Regnier als Graf nicht unbedingt passend besetzt finde. Bereits als Kind gefiel mir das Hörspiel des WDR deutlich besser als dieses hier, und daran hat sich nichts geändert.
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Gräfin Dracula, Tochter des Bösen
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Der Titel der achten Folge erinnert automatisch an das erste Universal-Sequel zu „Dracula“, „Dracula’s Daughter“, rein inhaltlich finden sich allerdings nicht allzu viele Parallelen. Statt Transsylvanien ist dieses Mal Spanien Ort der Handlung. Die vier Reisenden Amalia (Katharina Brauren), Angelo (Horst Stark), Pedro (Ernst von Klipstein) und Maria (Gabriele Libbach) verschlägt es aufgrund eines durch ein Unwetter verursachten Kutschenunfalls zu einem alten Anwesen, wo sie einer Person begrüßt werden, die sich als Gräfin Dracula (Marianne Kehlau) vorstellt. Später wird sie zudem als Draculas Tochter identifiziert. Darüber hinaus finden sich allerdings nicht allzu viele Verweise auf Stokers Roman. Wie schon in „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ wird hier weniger mit spezifischem Material gearbeitet, sondern mit der abstrahierten Assoziation – der Name fungiert als Marker für das „Vampirböse“. Als solches tritt Gräfin Dracula hier auch auf, ganz im Unterschied zur von Gloria Holden gespielten Marya Zaleska im Universal-Film, die eine deutlich interessantere und differenziertere Figur war. Recht gelungen finde ich allerdings den Sprachduktus bei ihrem ersten Auftritt, dieser erinnert tatsächlich an Stokers Worte aus „Dracula“. Zudem werden sie von Marianne Kehlau sehr gelungen herübergebracht.
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Draculas Insel, Kerker des Grauens
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Geographie ist nicht unbedingt meine Stärke, aber soweit ich weiß hat zwar Rumänien einen Zugang zum Schwarzen Meer, die Region Transsylvanien aber definitiv nicht. Wie dem auch sei, in Folge 10 der Gruselserie darf der Graf wieder selbst auftreten und dieses Mal besitzt er sogar eine eigene Insel „vor der Küste Transsylvaniens“. Abermals verschlägt es eine Gruppe Reisender (dieses Mal per Schiff und nicht Kutsche), bestehend aus Peter Griest (Gernot Endemann), Hammand (Gottfried Kramer), Doran (Wolf Rahtjen), Elenor (Heidi Schaffrath) und Professor Dark (Friedrich Schütter), seines Zeichens Vampirforscher, zur Draculas Unterschlupf, wo sie sich mit dem Blutdurst des Grafen und seiner Schergen herumärgern müssen. In gewisser Hinsicht kulminieren in dieser Episode inhaltlich alle bisherigen Dracula-Folgen: Der Handlungsentwurf erinnert an „Gräfin Dracula, Tochter des Bösen“, Charles Regnier ist hier, wie in „Dracula, König der Vampire“, abermals als Graf zu hören und wie in „Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten“ ist abermals ein künstlicher Mensch an der ganzen Angelegenheit beteiligt – dieser trägt den Namen Hummunk (Hannes Messemer). Dementsprechend ausgelutscht kommt die Handlung dann aber auch daher, ähnlich wie in den späteren Hammer-Filmen wirkt die ganze Angelegenheit wie ein stupides Abarbeiten der Tropen: Schon wieder wird Dracula mit improvisierten Kreuzen ziemlich schnell in seine Schranken gewiesen.
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Dracula – Tod im All
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2019 wurde die Gruselserie von Sony bzw. dem Label Europa wiederbelebt, Drei-???-Veteran André Minninger ist dieses Mal für die Skripte verantwortlich. In der fünften Folge darf Dracula innerhalb dieser Revival-Serie seinen Einstand feiern. Die Handlung erinnert sehr stark an Ridley Scotts „Alien“: Die Crew eines Raumschiffs, bestehend aus Valentina Alexandrowna (Gertie Honeck), Stella Dupont (Merete Brettschneider), Björn Hellström (Romanus Fuhrmann), Tarik Thomalla (Peter G. Dirmeier), Diana Labahn (Anna Carlsson) und Walther Beenstock (Jürgen Uter), erhält einen merkwürdigen Notruf und findet im All einen noch merkwürdigeren Sarg, den sie unglücklicherweise an Bord bringt. Dem Sarg entsteigt Dracula (Udo Schenk) persönlich, der nun in bester Xenomorph-Manie die Crew dezimiert und die Mitglieder nach und nach in Vampire verwandelt oder tötet. Das Revival der Gruselserie ist etwas moderner, deshalb aber kaum weniger pulpig inszeniert. Abermals weiß vor allem die Sprecherriege zu überzeugen – aus den bereits genannten sticht natürlich primär Udo Schenk, bekannt als Stammsprecher von Gary Oldman und Ralph Fiennes, als Graf hervor, der sichtlich Spaß daran hat, Draculas Bösartigkeit genüsslich auszuwalzen. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch Christian Brückner, die deutsche Stimme von Robert De Niro, als Erzähler. Die Verknüpfungen zu Stokers Roman sind abermals eher dünn, aber immerhin wird erwähnt, dass die Vampirjäger-Dynastie Van Helsing in letzter Konsequenz dafür verantwortlich ist, dass Draculas Sarg ins All geschossen wurde. Gerade aufgrund von Udo Schenks herrlicher überdrehter, vor Bösartigkeit triefender stimmlicher Performance als Vampirfürst ist „Dracula – Tod im All“ wahrscheinlich das unterhaltsamste der hier besprochenen Hörspiele.
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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Dracula: Prince of Darkness


Story:
Trotz der Warnung des eigenwilligen Priesters Sandor (Andrew Keir) begeben sich die vier englischen Touristen Charles (Francis Matthews), Diana (Suzan Farmer), Helen (Barbara Shelley) und Alan (Charles Tingwell), die gerade Transsylvanien bereisen, nach Karlsbad. In Sichtweite eines ominösen Schlosses werden sie von ihrem abergläubischen Kutscher im Stich gelassen, eine herrenlose Kutsche bringt sie jedoch zum Schloss, wo sie einen gedeckten Tisch vorfinden. Begrüßt werden die vier vom enigmatischen Klove (Philip Latham), der ihnen von seinem verstorbenen Herrn Graf Dracula (Christopher Lee) berichtet. Keiner der vier Engländer ahnt, dass Klove darauf aus ist, seinen vampirischen Herrn wiederzuerwecken. Dies gelingt ihm auch, indem er Alan über Draculas Asche ausbluten lässt: Der Vampirfürst erwacht zu neuem Leben und lechzt nach dem Blut der verbliebenen Engländer…

Kritik: Nachdem „The Brides of Dracula“ ohne Christopher Lee auskommen musste, sollte er schließlich für „Dracula: Prince of Darkness“ 1966 zurückkehren. Dieses Mal war es Peter Cushing, dessen Van Helsing kein Teil des Films ist – mit Ausnahme der Prologszene, versteht sich, die als Rückblick aus Hammers erstem Dracula-Film stammt und die direkte Verknüpfung dieses Sequels zum Original verdeutlichen soll. Zudem verpflichtete Hammer abermals Regisseur Terence Fisher, der mit „Prince of Darkness“ seinen dritten und letzten Dracula-Film drehte (sofern man „The Brides of Dracula“ diesbezüglich mitrechnen möchte). Auch der Score von James Bernard knüpft direkt an die Musik des Originals an und macht ausgiebigen Gebrauch von dem aus drei Noten bestehenden Dracula-Motiv.

Mehr noch als die beiden Vorgänger bemüht sich „Prince of Darkness“ um einen sehr langsamen, schleichenden Spannungsaufbau; Fisher arbeitet in großem Ausmaß mit Andeutungen, visuellen Hinweisen und unheimlichen Kamerafahrten durch das Schloss. Bis zu Draculas tatsächlichem Auftauchen vergehen gut und gerne 45 Minuten. Der Dracula, den Fisher, Lee und Drehbuchautor Jimmy Sangster (hier unter dem Pseudonym John Sansom) dem Publikum präsentieren, ist noch brutaler und animalischer als der des Erstlings. „Prince of Darkness“ ist primär als der Dracula-Film bekannt, in dem Christopher Lee kein Wort spricht, sondern nur Fauchen und Knurren von sich gibt. Lee selbst behauptete einmal, er habe das Drehbuch als so schlecht empfunden, dass er sich schlicht weigerte, die Dialogzeilen zu sprechen, während Sangster dagegenhielt, er habe nie Dialoge für den Grafen verfasst und dieser sei von Anfang an als stummes Monster konzipiert gewesen. Wie dem auch sei, Lees ehrfurchtgebietende Leinwandpräsenz ist nach wie vor über jeden Zweifel erhaben und sein Dracula funktioniert auch ohne Worte.

Da Peter Cushing sich auf die ebenfalls von Hammer produzierten Frankenstein-Filme konzentrierte, bekommt Dracula es stattdessen mit Vater Sandor zu tun, der ein wirklich mehr als brauchbarer Ersatz ist. Andrew Keir gelingt es, seiner Figur dieselbe Hingabe wie Cushings Van Helsing zu verleihen, den stürmischen und wenig zurückhaltenden Priester aber zugleich zu einem Charakter zu machen, der sich nicht wie eine billige Van-Helsing-Kopie anfühlt. Tatsächlich finde ich es schade, dass Andrew Keir die Rolle im Verlauf der Filmserie nicht noch einmal spielen durfte. Im Gegensatz dazu bleiben die vier Engländer leider verhältnismäßig blass und uninteressant.

Storytechnisch handelt es sich bei „Prince of Darkness“ zwar um eine Fortsetzung – und um das erste Mal, dass Dracula auf mehr oder weniger fragwürdige Art und Weise zurückgebracht wird – es finden sich aber erstaunlich viele Parallelen zum ersten Teil der Serie bzw. zu Stokers Roman. Tatsächlich greifen Sangster und Fisher das eine oder andere Elemente der Vorlage auf, das es nicht in den Film von 1958 geschafft hat. So erinnert Klove nicht von ungefähr an Renfield, Charles entdeckt den mit offenen Augen in seinem Sarg liegenden Dracula, Diana trinkt, genau wie Mina im Roman, Blut direkt von einer Wunde an Draculas Brust und am Ende kommt es zu einer Kutschenverfolgungsjagd. Im Finale wird zudem eine weitere klassische Vampir-Schwäche aufgegriffen: Fließendes Wasser. Ob das auf diese Art gelungen umgesetzt wurde, ist freilich diskutabel, aber ein wenig Variation beim Tod der Vampire ist durchaus begrüßenswert. Eine klassische Pfählung findet sich ebenfalls, die zur Vampirin gewordenen Helen, die getrost als Lucy-Gegenstück gesehen werden kann, ist die erste Hammer-Vampirin, die in wachem und nicht in schlafendem Zustand mit dem Holzpflock bearbeitet wird.

Was „Prince of Darkness“ hingegen leider fehlt, sind die beeindruckenden Sets und die dichte Atmosphäre, mit der „The Brides of Dracula“ überzeugen konnte. Hammer befand sich gerade auf Sparkurs, weshalb mit demselben Cast und denselben Sets gleich parallel „Rasputin: The Mad Monk“ gedreht wurde – selbstverständlich spielt Lee auch in diesem Film die Titelrolle.

Fazit: Alles in allem ist „Dracula: Prince of Darkness“ eine durchaus gelungene Fortsetzung und insgesamt sicherlich einer der besseren Hammer-Dracula-Filme. Gerade weil Christopher Lee im Film kein Wort sagt, kommt er umso bedrohlicher und raubtierhafter daher. Mit Andrew Keir als Vater Sandor wurde zudem ein passender Ersatz für Cushings Van Helsing gefunden.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula

Nosferatu in Venice

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Story: In Venedig sucht der britische Wissenschaftler Paris Catalan (Christopher Plummer) nach Spuren des mysteriösen Vampirs Nosferatu (Klaus Kinski). Dabei stößt er auf die Prinzessin Helietta Canins (Barbara De Rossi), die der verstorbenen Geliebten Nosferatus zum Verwechseln ähnlich sieht. Entgegen der Warnung des Priesters Don Alvise (Donald Pleasence) nimmt Professor Catalan an einer Séance der Familie Canins Teil, die Nosferatu tatsächlich dazu bringt, sein Grab nach 200 Jahren wieder zu verlassen. Als wacher und durstiger Vampir macht Nosferatu sich nun auf die Suche nach Opfern, während Catalan und Don Alvise versuchen, das Ungeheuer aufzuhalten…

Kritik: Klaus Kinski hatte als Schauspieler ein interessantes Verhältnis zu Dracula. Bereits 1970 spielte er in Jesús Francos „Nachts, wenn Dracula erwacht“ bzw. „Count Dracula“ bzw. „Il Conte Dracula“ einen katatonischen Renfield, um nur ein Jahr später Edgar Allan Poe in einer Produktion des italienischen Regisseurs Antonio Margheriti aufzutreten, die den deutschen Titel „Dracula im Schloß des Schreckens“ trägt, darüber hinaus mit Stokers Grafen aber nichts zu tun hat. 1979 durfte er sich schließlich in Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ selbst als Blutsauger versuchen. Obwohl es sich dabei um ein Remake des Stummfilmklassikers von Murnau handelt, beschloss Herzog, die Namen aus Stokers Roman zu verwenden, sodass Kinski zwar aussieht wie Max Schrecks Graf Orlok, aber als Dracula unterwegs ist. Was mir selbst bis vor kurzem noch unbekannt oder zumindest unbewusst war: Kinski durfte seine Reißzähne noch ein weiteres Mal entblößen, und zwar fast zehn Jahre später in der italienischen Produktion „Nosferatu in Venice“, manchmal auch „Vampire in Venice“ (Originaltitel: „Nosferatu a Venezia“, 1988). Es handelt sich dabei um eine Pseudofortsetzung des Films von Herzog: Inhaltliche passen die beiden definitiv nicht zusammen, da Dracula zum einen am Ende von „Phantom der Nacht“ getötet wird und der in dieser Produktion nur als Nosferatu bezeichnete Vampir zum Zeitpunkt der Handlung besagten Herzog-Films noch in seinem Grab ruht. Auch optisch unterscheiden sich beide Vampire: Wo Dracula einen kahlen Schädel und Fledermausohren hat, verfügt der venezianische Nosferatu über volles, blondes Haar und ist deutlich weniger entstellt. Vermutlich hatte Kinski einfach keine Lust auf aufwendiges Make-up. Die Wahl des Titels und Hauptdarstellers sowie der Umstand, dass Nosferatu über dieselben spitzen Schneidezähne wie sein Herzog-Gegenstück verfügt, lassen aber darauf schließen, dass man sich dennoch irgendwie auf „Phantom der Nacht“ berufen wollte. Handlungstechnisch lassen sich Parallelen zu „Dracula“ nicht leugnen, das Drehbuch ist zweifelsohne eine Variation auf altbekannte Themen. Die Reinkarnation der großen Liebe des Vampirs deutet schon auf „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) hin, war aber bereits in Dan Curtis „Dracula“ (1974) mit Jack Palance Teil der Handlung.

Wie dem auch sei, „Nosferatu in Venice“ gehört zu den Filmen, deren Entstehungsgeschichte deutlich interessanter ist als die Handlung des Films. Ursprüngliche sollte Maurizio Lucidi für den Produzenten Augusto Caminito bei „Nosferatu in Venice“ Regie führen, nachdem dieser Klaus Kinski für zwei Filme verpflichten konnte. Dann beschloss Caminito allerdings, dass Budget des Films zu erhöhen und mit Pasquale Squitieri einen deutlich prestigeträchtigeren Regisseur zu verpflichten. Zwischen dem Produzenten und dem neuen Regisseur kam es allerdings zu Konflikten, weshalb Caminito auch Squitieri feuerte, sodass nun Mario Caiano die Regie übernahm, was mit einer Reduzierung des Budgets einherging. Der Dreh des Films verlief nicht weniger problematisch, da Kinski sich wie üblich querstellte, sich mitunter in seinem Trailer einschloss, wenn etwas nicht geschah, wie er es wollte, und auch sonst tat, was ihm passte, inklusive der sexuellen Belästigung der Darstellerinnen. Das alles führte dazu, dass der Dreh irgendwann abgebrochen wurde, obwohl nur ein Teil des Drehbuchs abgefilmt worden war, und Caiano „Nosferatu in Venice“ aus dem vorhandenen Material zusammenstückelte.

Dementsprechend wirr und zusammenhanglos fällt dann auch die Handlung aus. Zugegebenermaßen finden sich wirklich einige beeindruckende und atmosphärische Aufnahmen von Venedig, aber darüber hinaus ist deutlich spürbar, dass es sich hierbei um alles andere als einen kohärenten Film handelt. Selten wirken die Handlungen der Figuren motiviert oder nachvollziehbar, Charaktere tauchen ohne Erklärung auf und verschwinden wieder, sterben plötzlich etc.

Der Cast ist tatsächlich äußerst hochkarätig: Donald „Blofeld“ Pleasence hat als Priester nicht wirklich viel zu tun und auch Christopher Plummer als Van-Helsing-artiger Paris Catalan wirkt unterfordert – dennoch findet sich hier amüsantes unfreiwilliges Foreshadowing, sollte Plummer doch in „Wes Craven’s Dracula“ etwa zehn Jahre später tatsächlich Van Helsing spielen. Kinski selbst gelingt das merkwürdige Kunststück, zugleich aggressiver und verbrauchter zu sein als in Herzogs Film. „Nosferatu in Venice“ versucht ebenfalls, seinen Vampir als tragischen, lebensmüden Untoten darzustellen, anders als in Herzogs Film spielt Kinski diese Rolle aber nicht mehr, stattdessen ist er im Grunde einfach er nur er selbst, gieriges Raubtier, das er war. Man merkt vor allem in der zweiten Hälfte des Films, dass der Schauspieler immer öfter in die Handlung eingriff, denn hier wird primär gezeigt, wie sich Nosferatu mit seinen Opfern beschäftigt. Es kann allerdings nicht geleugnet werden, dass Kinski auch zu diesem Zeitpunkt noch über eine beeindruckende Präsenz verfügte.

Fazit: „Nosferatu in Venice“ ist kein guter, aber zweifelsohne ein faszinierender Film, eine Katastrophe mit beeindruckender Besetzung, in der Klaus Kinski einfach er selbst sein konnte. Wer neugierig geworden ist: Der Film ist komplett auf Youtube zu finden. Stellt sich nur noch die Frage: Ist es zu viel verlangt, dass ein Comedy-Remake mit Max Giermann als Klaus Kinski als Nosferatu gedreht wird?

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Nosferatu