Geschichte der Vampire: Carmilla

Halloween 2016
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Von allen direkten Vorgängern Draculas ist Carmilla die wahrscheinlich bekannteste, was zum einen daran liegt, dass ihr Schöpfer, der Ire Joseph Sheridan Le Fanu (1814 bis 1873), nicht völlig in Vergessenheit geraten ist, sondern als wichtiger Schöpfer viktorianischer Geistergeschichten und großer Einfluss auf Autoren wie M. R. James gilt, und zum anderen darauf zurückzuführen sein dürfte, dass Carmilla des Öfteren in Filmen oder anderen popkulturellen Werken auftaucht. Ganz allgemein erwies sich die Novelle „Carmilla“ (ursprünglich als Serial in dem Literaturmagazin „The Dark Blue“ zwischen 1871 und 72 und dann in gesammelter Form in Le Fanus Anthologie „In a Glass Darkly“ 1872 erschienen) als sehr einflussreich, sie beeinflusste Bram Stoker und schuf den Archetypen des weiblichen und oftmals auch lesbischen Vampirs – tatsächlich findet sich in „Carmilla“, ähnlich wie in Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, so viel homosexueller Subtext wie im 19. Jahrhundert gerade eben möglich war.

Die Handlung
Ort der Handlung ist die Steiermark in Österreich. Le Fanu konzipierte „Carmilla“, ähnlich wie Stoker später „Dracula“, als fiktiven Tatsachenbericht. Als Erzählerin fungiert die Protagonistin Laura, Tochter eines englischen Adeligen und Witwers, der früher in den Diensten des österreichischen Kaiserreiches stand und nun mit seiner Tochter und zwei Gouvernanten in einem einsamen Schloss lebt. Laura macht diese Einsamkeit zu schaffen, und so begrüßt sie es, als ihr Vater ein Mädchen in ihrem Alter namens Carmilla aufnimmt, deren Mutter wegen dringender, geheimer Geschäfte außer Landes muss. Schon bald werden Laura und Carmilla zu engen Freundinnen, allerdings gibt es immer wieder merkwürdige Vorkommnisse. So hatte Laura als Kind einen fast schon prophetischen Traum, in dem sie Carmilla sah. Auch gleicht ein Porträt einer entfernten Verwandten Lauras Carmilla. Und schließlich wird Laura von merkwürdigen Alpträumen geplagt, in denen eine schwarze Katze vorkommt, die ihr in die Brust beißt, während sich in den umliegenden Dörfern eine mysteriöse Krankheit ausbreitet, der lediglich junge Mädchen zum Opfer fallen. General Spielsdorf, ein Freund von Lauras Vater, liefert schließlich die Antwort auf die Frage nach diesen mysteriösen Vorkommnissen: Carmilla ist eine Vampirin, die als Millarca bereits für den Tod von General Spielsdorfs Tochter verantwortlich ist und ursprünglich Mircalla von Karnstein hieß. Gemeinsam mit dem Vampirjäger Baron Vordenburg gelingt es, Carmillas Ruhestätte ausfindig zu machen und sie zu pfählen. Laura bleibt jedoch von den Ereignissen gezeichnet.

Le Fanus Vampirin
Carmilla ist nicht nur der erste signifikante weibliche Vampir, sondern unter den direkten Vorgängern Draculas auch einer der sympathischeren. Zwar hadert sie nicht wirklich mit ihrem Schicksal, wie es etwa bei Sir Francis Varney der Fall ist, aber ihre Zuneigung zu Laura scheint doch echt zu sein. Darüber hinaus versucht Carmilla zumindest, ihr Verhalten zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Konzeption des Vampirs bei Le Fanu weißt bereits viele bekannte Komponenten auf, unterscheidet sich aber durchaus auch von späteren Vertretern. Wie nicht anders zu erwarten wird Carmilla zwar durch die Sonne geschwächt und ist primär nachts aktiv, verbrennt allerdings auch nicht zu Asche, da diese Eigenschaft erst mit Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ ihren Weg in den Vampirmythos fand. Wie diverse andere Literaturvampire ruht Carmilla in einem Sarg und wird mit einem Tier in Verbindung gebracht, in das sie sich auch verwandeln kann. Während das bei Dracula allerdings Fledermaus und Wolf waren, nimmt Carmilla die Gestalt einer schwarzen Katze an. Darüber hinaus ist sie, wie Dracula, in der Lage, sich in Nebel zu verwandeln. Was sie von späteren Vampiren außerdem abgrenzt ist die Wahl des Körperteils, von dem sie trinkt. Meistens saugen die Vampire das Blut aus dem Hals, Carmilla bevorzugt jedoch die Brust. Darüber hinaus findet sich bei Le Fanu auch noch ein Element, das eher den älteren Volkssagen entstammt und in „Die Familie des Wurdalak“ sehr prominent war: Die Vorliebe des Vampirs für Familienmitglieder. Laura ist über ihre Mutter mit dem Geschlecht derer von Karnstein, dem Carmilla entstammt, verwandt und scheint dadurch von besonderem Interesse für die Vampirin zu sein.

Wirkung und Adaptionen
carmillahorspielNicht nur erwies sich „Carmilla“ als exzellente und atmosphärische Schauergeschichte in bester Gothic-Tradition (alte, abgelegene Schlösser, neblige Landschaften, düstere Geheimnisse), sondern auch als prägendes Werk der Vampirliteratur. Le Fanus Novelle beeinflusste „Dracula“ sehr direkt; vor dem Abfassen seines Romans hatte Stoker sie gelesen und bestimmte Elemente übernommen. Es gibt atmosphärische und erzählerische Parallelen (beide Werke sind als Aufzeichnung konzipiert), ebenso wie Gemeinsamkeiten gewisser Figuren; so erinnert Lucy Westenra vor ihrer Vampirwerdung an Laura und danach an Carmilla, während Professor Abraham van Helsing an Baron Vordenburg angelehnt sein dürfte. Mehr noch, bevor Transsylvanien zu Draculas Herkunftsort wurde, wollte Stoker ihn in der Steiermark ansiedeln. Noch deutlicher werden die Parallelen, wenn man die Kurzgeschichte „Draculas Gast“ miteinbezieht: Diese sollte ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren, Stoker nahm sie dann allerdings aus dem Roman heraus, bis sie nach seinem Tod von seiner Frau schließlich veröffentlicht wurde. In dieser Geschichte entdeckt der namenlose Ich-Erzähler (bei dem es sich wohl mehr oder weniger um Jonathan Harker handelt) in einem verfallenen Dorf in der Nähe von München eine Vampirin namens Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark. Sowohl „Draculas Gast“ als auch „Carmilla“ wurden von Titania Medien als Gruselkabinett-Folgen umgesetzt und sind wie üblich äußerst empfehlenswert.

Auch über „Dracula“ hinaus erwies sich „Carmilla“ als wichtige Genre-Erzählung und bildete die direkte oder indirekte Vorlage für viele Vampirgeschichten; vor allem im Jugendbuchbereich bediente man sich der grundsätzlichen Handlungskonstruktion gerne, sodass es zur Freundschaft zwischen menschlichem Protagonisten und Vampir kommt. Darüber hinaus wurde Carmilla auch einige Male verfilmt, unter anderem von dem dänischen Regisseur Carl Dreyer („Vampyr“, 1932) oder dem Franzosen Roger Vadim („Et mourir de plaisir“, 1960) – während der dänische Film den homosexuellen Subtext völlig ignoriert, liegt der Fokus des französischen Films auf exakt dieser Thematik. Die bekannteste Adaption dürfte wohl die Karnstein-Trilogie der Hammer-Studios sein, die sich nach der erfolgreichen Umsetzung von „Dracula“ mit Christopher Lee 1970 auch Le Fanus Novelle annahmen. Der erste Film besagter Trilogie trägt den Titel „The Vampire Lovers“ (auf deutsch „Die Gruft der Vampire“) und ist der Vorlage noch verhältnismäßig treu – Ingrid Pitt spielt darin Carmilla. Die anderen beiden Filme, „Lust for a Vampire“ und „Twins of Evil“ haben dagegen nur noch marginal etwas mit Le Fanus Novelle zu tun.

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Ingrid Pitt als Carmilla

Auch in anderen Medien ist Carmillas Einfluss direkt oder indirekt spürbar, vor allem durch mehr oder weniger subtile Verweise – nur allzu gerne wird zum Beispiel der Name Karnstein im Vampirzusammenhang verwendet, etwa in Kim Newmans Anno-Dracula-Romanen. Rachel Kleins Roman „The Moth Diaries“ (ebenso wie die darauf basierende Verfilmung) kann durchaus als Neuinterpretation von „Carmilla“ angesehen werden. Und dann wäre da auch noch die neueste Adaption, eine Webserie, die denselben Namen trägt wie das Original. Laura (Elise Bauman) ist hier Schülerin an einem Internat, die eine Videotagebuch führt und sich mit ihrer neuen Zimmergenossin Carmilla (Natasha Negovanlis). Man kann sich natürlich schon denken, wohin das führt…

Vampire: The Masquerade – Bloodlines

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Da ich mich selbst nicht unbedingt als Gamer bezeichnen würde – viel eher als Gelegenheitsspieler – habe ich schon früh beschlossen, dass es hier keine Rezensionen zu Spielen geben wird. Allerdings, hin und wieder erwacht dann doch das Verlangen, über meine Favoriten der Spielezunft zu schreiben. „Vampire: The Masquerade – Bloodlines“ ist definitiv einer dieser Favoriten, sogar einer der mir besonders am Herzen liegt, und das nicht nur, weil es sich dabei um ein ausgezeichnetes Rollenspiel handelt, das ich wirklich verdammt oft gespielt habe. Dieses Spiel ist letztendlich dafür verantwortlich, dass ich mich endgültig in White Wolfs „World of Darkness“ verliebt habe und nun ein ganzes Regalbrett voller Vampire-Quellenbände besitze.

Vorgänger und Begleitumstände
Die Welt, in der „Vampire: The Masquerade“ spielt, kenne ich allerdings schon ein wenig länger, denn es gibt noch eine weitere Spieleadaption. Im Jahr 2000 erschien „Vampire: The Masquerade – Redemption“, das ich ein, zwei Jahre später erwarb und spielte. Das Konzept der dargestellten Vampirgesellschaft inklusiver diverser Vampirclans begeisterte mich sofort, ebenso wie die Grundstory des Kreuzritters Christof Romauld, der im mittelalterlichen Prag zum Vampir wird und nach einem Besuch in Wien ein mehrere Jahrhunderte dauerndes Nickerchen macht, um im London des Jahres 1999 wieder zu erwachen und schließlich in New York am Vorabend des neuen Jahrtausends seinen Erzfeind zu bezwingen.

Leider ist „Redemption“ nicht unbedingt die gelungenste Umsetzung des Pen&Paper-Rollenspiels. Man merkt, dass den Machern die World of Darkness zweifellos am Herzen lag und dass sie sehr ambitioniert waren. Viele Konzepte, Ideen und Fachtermini der Vorlage sind im Spiel zu finden, es ist den Machern tatsächlich gelungen, alle Clans (mit Ausnahme der Ravnos, dafür gibt es aber Kappadozianer) unterzubringen. Und vor allem der ersten Hälfte merkt man viel Herzblut und Liebe zum Detail an (die zweite Hälfte ist, gerade bezüglich der Schauplätze, leider eher langweilig). Das Problem liegt vor allem darin, dass das Spiel einerseits etwas überladen ist und dass sich andererseits das Spielprinzip nicht ganz so gut mit der Grundprämisse der Vorlage deckt. Beim „Vampire: The Masquerade“ handelt es sich laut dem Grundregelwerk um ein Spiel des persönlichen Horrors, Moralität und die Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Tier stehen im Fokus. „Redemption“ schneidet diese Themen zwar an, arbeitet aber nicht mit ihnen; es gibt kaum Gelegenheiten, in denen man als Spieler wirklich Entscheidungen treffen kann. Als Spiel ist „Redemption“ ein lineares Action-Rollenspiel, das stark an „Diablo 2“ erinnert (allerdings mit einem weit weniger flüssigen Kampf- und Fertigkeitensystem und einer ziemlich miesen KI). Ein solches kann die Prämisse der Vorlage leider nur in sehr begrenztem Maße umsetzen, da man doch die meiste Zeit damit beschäftigt ist, durch Dungeons zu marschieren und Gegner umzubringen.

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Die drei Signaturcharaktere: Jeanette Voerman, der Nosferatu-Spielercharakter und Ming Xiao

Wie dem auch sei, „Bloodlines“ ist nicht im eigentlichen Sinne ein „Nachfolger“ zu Redemption, beide Spiele haben außer der Tatsache, dass sie auf demselben Rollenspiel basieren und in derselben Welt spielen, nicht allzu viel miteinander gemein, was schon durch die verschiedenen Entwicklerstudios deutlich wird. „Redemption“ wurde von Nihilistic Software entwickelt, „Bloodlines“ von Troika Games. Leider hatte das zweite Masquerade-Rollenspiel keinen besonders guten Start, da Troika pleiteging und „Bloodlines“ deshalb unfertig und verbuggt auf den Markt kam. Ein erster Patch beseitigte die gröbsten Fehler, aber es waren schließlich Fan-Patches, die dafür sorgten, dass „Bloodlines“ sein volles Potential ausleben konnte. Trotz der Fehler entwickelte sich schnell eine hingebungsvolle Fangemeinde, die die Qualitäten dieses Spiels erkannte und alles dafür tat, es so perfekt wie möglich zu machen.

Story und Spielprinzip
Zu Anfang des Spiels wählt man einen der sieben Clans der Camarilla (Brujah, Gangrel, Malkavianer, Nosferatu, Toreador, Tremere, Ventrue) aus und legt die grundsätzllichen Attribute fest. Und schon geht es los. Handlungsort ist Los Angeles: Der Spieler beginnt als frisch geschaffener Vampir, dessen Erzeuger hingerichtet wird. Nur dank der Güte des Prinzen von L.A. überlebt man, fungiert aber fortan als Laufbursche des besagten Prinzen, eines Franzosen namens Sebastian LaCroix, und lernt so die vampirische Gesellschaft, die Konflikte zwischen den Sekten (Anarchen, Camarilla, Sabbat), Clans und Einzelvampiren kennen, findet sich mit seiner untoten Natur zurecht und lernt, was es heißt, ein blutsaugendes Monster zu sein. Das die eigentliche Handlung auslösende MacGuffin ist der Sarkophag von Ankara, der alle Fraktionen der Stadt in helle Aufregeung versetzt, da angenommen wird, in seinem Inneren befinde sich ein uralter und mächtiger Vampir. Der Spieler folgt der Spur des Sarkophags und erlebt mit, welche Auswirkungen er auf die Figuren und den Status Quo der Stadt hat.

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Das Gothic-Punk-L.A. der World of Darkness

Nach und nach lernt man dabei vier Stadtteile von Los Angeles (Santa Monica, Downtown, Hollywood und Chinatown) kennen und kann diese ausgiebig erforschen. Zwar könnte man theoretisch auch nur der Haupthandlung folgen, aber es gibt so viele interessante Nebenquests, dass es wirklich eine Schande wäre, würde man sie ignorieren. Insgesamt ist „Bloodlines“ weitaus mehr Rollenspiel als „Redemption“. Die eigentliche Haupthandlung ist zwar ebenfalls ziemlich linear, als Spieler hat man allerdings weitaus mehr Freiheit bei der Erkundung der Welt und der Erledigung der Quests. Mit Ausnahme einiger weniger Missionen gibt es für die diversen Aufträge darüber hinaus immer drei bis vier Lösungsmöglichkeiten. Natürlich kann der Spieler einfach eindringen und alle umbringen, aber zumeist ist es erfolgversprechender, wenn man sich einschleicht oder versucht, potentielle Gegner zu überreden, zu verführen, zu bedrohen oder zu bestechen. Erfahrungspunkte gibt es auch nicht für getötete Gegner, sondern ausschließlich für erledigte Quests; eine subtile und clevere Vorgehensweise ist diesbezüglich zumeist lukrativer. Ganz kommt man um Kämpfe allerdings dennoch nicht herum. „Bloodlines“ bietet sowohl Nah- als auch Fernkampfwaffen (Letztere werden aus der Ego-Perspektive bedient), zusätzlich zu den vampirischen Disziplinen. Leider ist auch hier das Kampfsystem ein wenig holprig und unausgereift, was aber weitaus weniger ins Gewicht fällt als bei Redemption, da man sich nicht die ganze Zeit prügeln muss.

Figuren, Dialoge und Sprecher
Eine der größten Stärken von „Bloodlines“ sind die wirklich exzellenten geschriebenen Figuren und Dialoge. Besonders mit Letzteren hatte „Redemption“ einige Probleme, da sie oftmals ziemlich plakativ und unnatürlich wirkten. Nicht so in „Bloodlines“.

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Smiling Jack (John DiMaggio)

In diesem Spiel wimmelt es geradezu vor enorm spannenden Figuren, die authentisch und oftmals gleichzeitig bedrohlich und amüsant sind, in jedem Fall aber absolut zu überzeugen wissen und mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurden. Da ist es völlig egal, ob es sich um wichtige WoD-Signaturcharaktere wie Beckett oder Smiling Jack handelt, die man bereits aus den Quellenbänden von White Wolf kennt, oder kleine, unwichtige Nebencharaktere wie zum Beispiel Dr. Gimble in Santa Monica – sie alle sind individuell gestaltet und sorgen dafür, dass das Los Angeles des Spiels zu einem lebendigen Ort wird, den man gerne erforscht. Natürlich müssen auch gut geschriebene Dialoge passend vertont werden – zum Glück leistet „Bloodlines“ auch an dieser Front exzellente Arbeit. Es existiert keine deutsche Synchronisation, was angesichts der ausgezeichneten englischen Sprecher aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Ein Spiel wie dieses braucht natürlich Spreche en masse, darum hier nur kurz einige meiner Favoriten: John DiMaggio (Smiling Jack), Michael Gough (Beckett), Grey DeLisle (Jeanette und Theres Voreman), Nika Futterman (Velvet Velour), Jim Ward (Maximilan Strauss), Neil Ross (Gary) und Mary Elizabeth McGlynn (Pisha).

Verhältnis zur Vorlage
Einer der dicksten Pluspunkte von „Bloodlines“ ist die grandiose Atmosphäre, die die Gothic-Punk-Stimmung der Vorlage vorzüglich einfängt. Zwar ist die auf Valves Source-Engine basierende Graphik inzwischen völlig veraltet und war schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht ganz auf der Höhe der Zeit, aber atmosphärisch weiß „Bloodlines“ nach wie vor zu überzeugen.

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Los Angeles by Night (1994)

Auch sonst ist das zweite Masquerade-Spiel eine bessere Umsetzung der Vorlage als das erste. Während es bei „Redemption“ wirkt, als hätten die Macher so viel vom Hintergrundmaterial wie nur möglich unterbringen wollen, zeigt sich, dass bei „Bloodlines“ weniger tatsächlich mehr ist. Die Mythologie der World of Darkness wird weit subtiler vorgestellt, der Spieler ertrinkt nicht in Exposition und die Autoren fühlten sich auch nicht verpflichtet, alle Clans ausführlich vorzustellen – die Jünger des Set oder die Assamiten fehlen beispielsweise völlig.

Obwohl 1994 ein Masquerade-Quellenband erschien, der Los Angeles ausführlich beschrieb, bedient sich „Bloodlines“ kaum der Informationen besagten Quellenbandes – es gibt nur eine einzige Figur, die sowohl im Spiel als auch in der ursprünglichen Beschreibung der Stadt auftaucht: Der legendäre Brujah-Anarch Smiling Jack. Alle anderen Figuren (bis auf Beckett, versteht sich, der, wie erwähnt, einer der beliebtesten NPCs des Pen&Paper-RPGs ist) wurden für das Spiel neu geschaffen. Indirekt haben aber doch einige Elemente von „Los Angeles by Night“ ins Spiel gefunden, bzw. sie dienen als Basis. Dazu gehört vor allem die Tatsache, dass L.A. viele Jahrzehnte lang weder zur Camarilla, noch zum Sabbat gehörte, sondern ein Anarchen-Freistaat war. Die Ereignisse des White-Wolf-Metaplots, etwa die Invasion der Kuej-jin, der ostasiatischen Vampire und das nahen Gehennas, der Vampirapokalypse, werden ebenfalls aufgegriffen und spielen eine wichtige Rolle.

Schwächen

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Beckett (Michael Gough)


Trotz aller Qualitäten ist „Bloodlines“ nicht frei von Schwächen. Obwohl die Fan-Patches viele Bugs entfernen und sogar einiges an Content restaurieren, finden sich doch nach wie vor einige Spiel- und Grafikfehler.
Während die Gesichtsanimationen beispielsweise wirklich gelungen sind und auch heute noch durchaus überzeugen, lässt sich das über einige der Bewegungsanimationen absolut nicht sagen. Auch das Kampfsystem ist leider nicht das gelungenste und kann hin und wieder zu leichter bis mittlerer Frustration führen. Und dann wäre da noch das Ende: Zwar gibt es diverse unterschiedliche Enden, je nachdem, welcher Fraktion man die Treue schwört, so gewaltig ist der Unterschied dann aber auch wieder nicht. Und dann wäre da der Schlusstwist, der ebenfalls nicht unbedingt befriedigend ist. Weitaus mehr fällt allerdings ins Gewicht, dass die beiden letzten Missionen reine Schlachtfeste sind. Hat man seinen Charakter zu sehr auf Heimlichkeit oder Überredungskünste spezialisiert, wird man es am Ende relativ schwer haben, was wirklich schade ist, da „Bloodlines“ dem Spieler sonst fast immer die Wahl lässt, wie er eine Mission lösen möchte.

Fazit: Trotz einiger Schwächen ist „Vampire: The Masquerde – Bloodlines“ nach wie vor ein exzellentes Rollenspiel, eines meiner absoluten Lieblingsspiele und die bislang beste Umsetzung von „Vampire: The Masquerade“.

Siehe auch:
Vampire: The Masquerade
Gehenna: Die letzte Nacht

Geschichte der Vampire: Varney the Vampire

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Der sympathische, mit sich selbst und seiner monströsen Natur ringende Vampir war bis zu Anne Rice‘ „Chronik der Vampire“ eher eine Seltenheit, das Konzept selbst ist allerdings älter als Dracula. Unter den diversen Wegbereitern des Vampirgrafen ist Sir Francis Varney wahrscheinlich derjenige, der einerseits den größten Einfluss auf die moderne Vampirliteratur ausgeübt hat, aber andererseits kaum jemandem mehr bekannt sein dürfte. Bei Sir Francis Varney handelt es sich um den Protagonisten (bzw. je nach Sichtweise auch um den Antagonisten) eines über 800 Seiten starken Romans namens „Varney the Vampire; or the Feast of Blood“. Besagter Roman erschien zuerst zwischen 1854 und 1847 als Fortsetzungsreihe im Rahmen der sog. „penny dreadfuls“, englischer Schundromanhefte mit zumeist düsterem Inhalt (in der gleichnamigen Serie von John Logan wird Varney sogar in diesem Zusammenhang erwähnt, eine Anspielung, die den Kenner besonders freut), bevor er 1847 dann auch als gebundenes Buch erschien. Die Autorschaft des Werkes ist umstritten, lange galt Thomas Peckett (manchmal auch Preskett) Prest als Verfasser, aber auch James Malcolm Rymer ist ein möglicher Kandidat.

Die Handlung spielt um das Jahr 1730, der Fokus liegt auf den Taten des Vampirs Sir Francis Varney und seine Beziehung zur Adelsfamilie Bannerworth. Ähnlich wie Lord Ruthven ist auch Varney kein monströser Vampir der alten Schule, sondern ein adeliges und mehr oder weniger verführerisches Monster, das klar von der Vampirdarstellung Polidoris beeinflusst wurde und seinerseits die Vampire, die nach ihm kamen, beeinflusste. Zu den typischen Vampireigenschaften Varneys gehört seine übermenschliche Stärke sowie die Fangzähne, mit deren Hilfe er Blut trinkt. Das Sonnenlicht schadet ihm dagegen nicht, diese Eigenschaft wurde erst mit „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ Teil des Vampirmythos.

Insgesamt ist die Vampirdarstellung in „Varney the Vampire“ recht wechselhaft, da das Werk zum Teil sehr inkonsistent ist. So gibt es Abschnitte, in denen Varney kaum vampirische Eigenschaften aufweist und es scheint, als bilde er sich nur ein, ein Vampir zu sein. In anderen Aspekten ist „Varney the Vampire“ jedoch ganz typisch, gerade, was die Atmosphäre angeht: Friedhöfe, alte Schlösser, Vampirjagden, Blut und Leichen – alles, was mit der typischen Vampirgeschichte assoziiert wird, findet sich hier. Varney selbst macht im Verlauf der Geschichte durchaus eine Wandlung durch; zu Beginn gleicht er eher dem typischen Vampirantagonisten, später wird er allerdings zunehmend sympathischer und hadert mit seinem Schicksal, ganz wie seine Nachfolger, von Louis de Pont du Lac über Angel bis zu Bill Compton. Noch in einem weiteren Aspekt erweist sich Varney als Vorläufer: Ähnlich wie der von Christopher Lee dargestellte Dracula der Hammer-Filme wird Varney immer wieder getötet, das Licht des Mondes und ähnliche Methoden holen ihn allerdings ins (Un-)Leben zurück, jedenfalls bis zu seinem finalen Selbstmord: Er springt in den Krater des Vesuv.

Zur Zeit der Publikation war Varney sehr beliebt und erfolgreich, nach dem Erscheinen seines berühmteren Nachfolgers Dracula verschwand er jedoch langsam in der Vergessenheit, was auch daran lag, dass „Varney the Vampire“ lange nicht nachgedruckt wurde, da ein derart dickes und umfangreiches Buch diesen Inhalts für Verlage schlicht nicht rentabel war. 1976 erschien tatsächlich eine, wenn auch stark gekürzte deutsche Übersetzung, die allerdings nicht neu aufgelegt wurde und deshalb sehr selten ist. „Varney the Vampire“ kann, zumindest auf Englisch, inzwischen jedoch problemlos konsumiert werden, da sich der komplette (und rechtefreie) Text im Internet findet. Ich muss zugeben, dass ich selbst aber nur ein paar Ausschnitte gelesen habe, da es doch eine ganze Menge Material ist und der Stil zum Teil doch sehr anstrengt.

Während der indirekte Einfluss des Werkes nicht zu unterschätzen ist, gibt es kaum direkte Weiterverarbeitungen des Stoffes, soweit ich weiß existiert so gut wie keine Adaption für Film oder Fernsehen. Was dem am nächsten kommen könnte ist die gotische Soap-Opera „Dark Shadows“. Der dort auftauchende Barnabas Collins erinnert stark an Varney, auch er hat eine Verbindung zu seiner sterblichen Familie und hadert mit seinem Schicksal. Darüber hinaus gibt es zumindest noch die eine oder andere Anspielung in anderen Werken. In der Marvel-Comicserie „The Tomb of Dracula“ etwa taucht ein Vampir namens Varnae auf, während Sir Francis Varney in Kim Newmans „Anno Dracula“ als Gouverneur von Indien fungiert.

Siehe auch:
Varney the Vampire; or the Feast of Blood – Volltext

Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

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Im Rahmen dieser Artikelreihe möchte ich irgendwann Bram Stokers „Dracula“ in aller Ausführlichkeit besprechen, allerdings gibt es noch drei Werke, die zuvor bearbeitet werden müssen. Alle drei gehören zu wichtigen Frühwerken der Vampirliteratur und haben viele der späteren Werke, inklusive „Dracula“, massiv beeinflusst, sind aber, vielleicht mit einer Ausnahme, fast nur noch Kennern der Materie geläufig.

„Die Familie des Wurdalak“, oft auch „Die Familie des Vampirs“ und manchmal mit dem Titel „Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“ versehen, wurde von dem russischen Schriftsteller Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï (1817 bis 1875, nicht mit Leo Tolstoi zu verwechseln) bereits 1840 in französischer Sprache verfasst, aber erst 1884 in russischer Übersetzung unter dem Titel „Russki Westnik“ („Russischer Bote“) veröffentlicht. Die französische Originalfassung konnte erst ab 1950 erworben werden. Anders als John William Polidori, dessen Vampir Lord Ruthven sich von den Gestalten osteuropäischer Volkssagen deutlich unterschied und ein blutsaugender Gentleman war, greift Tolstoï stärker auf Inhalt und Atmosphäre der ursprünglichen Vampirlegenden zurück.

Die Erzählung handelt von dem jungen französischen Diplomaten Serge d’Urfé, der sich auf einer wichtigen Mission in Osteuropa befindet, aber wegen eines Schneesturms in einem kleinen Dorf in der Hütte einer Familie Unterschlupf suchen muss. Die Stimmung ist gedrückt: Gorcha, das Familienoberhaupt, hat sich in die Berge begeben, um den türkischen Räuber Ali Bek zu fangen. Gorcha hat seiner Familie befohlen, nur zehn Tage auf ihn zu warten, nach Ablauf dieser Frist soll er nicht mehr eingelassen werden, da er sich wohl in einen Wurdalak, einen Vampir verwandelt hat. Serge hält dies für Aberglauben und hat nur Augen für Sdenka, Gorchas Tochter. Die Meinung des Franzosen ändert sich allerdings langsam, als Gorcha kurz vor bzw. nach Ablauf der Frist zurückkehrt. Trotz einiger Zweifel lässt die Familie den Vater ein, was sich als schwerer Fehler erweist. Gorcha verhält sich höchst ungewöhnlich, merkwürdige Vorkommnisse häufen sich und schon bald wird klar: Der alte Mann ist tatsächlich zum Wurdalak geworden. Schließlich fällt Gorchas Enkel der Blutlust seines Großvaters zum Opfer, was dessen Vater Georges dazu veranlasst, das Familienoberhaupt anzugreifen und ihn in den Wald zu jagen. Bald darauf erklärt Georges seinem Gast, er müsse nun aufbrechen. Nach dem Ende seiner Mission kehrt Serge in das Dorf zurück, nur um herauszufinden, dass Georges seinen Vater zwar töten konnte, sein Sohn aber bereits zum Vampir geworden ist. Nach und nach wurden erst die Familie und dann das ganze Dorf zu Vampiren. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der untoten Sdenka. Nur sein Kreuz rettet Serge vor dem Durst der Vampirin und er kann schließlich fliehen.

Viele der Elemente, die heute als Klischees des Vampirgenres gelten, nahmen in dieser Geschichte ihren Anfang. Vor allem das Setting ist geradezu typisch: Ein kleines Dorf in Osteuropa im Winter, voll von abergläubischen Menschen, die am Ende doch recht behalten – man kann sich gut vorstellen, dass Tolstoïs Geschichte den Anfang von „Dracula“ doch zumindest beeinflusst hat. Auch der langsame, aber wirkungsvolle Spannungsaufbau findet sich wider: Genauso, wie Jonathan Harker die wahre Natur seines Gastgebers entdeckt, muss auch Serge d’Urfé langsam erkennen, in was sich das Familienoberhaupt Gorcha verwandelt hat. Ebenso spielt die Abneigung von Vampiren gegen christliche Symbole eine wichtige Rolle: Nicht nur hat das Kreuz eine schützende Wirkung, Gorcha ist auch unfähig, ein Tischgebet zu sprechen und wird dadurch enttarnt.

Wie bereits erwähnt basiert Tolstoïs Konzeption des Vampirs sehr stark auf osteuropäischen Legenden: Bis auf Sdenka besitzen die Vampire dieser Erzählung keine erotischen Elemente, und selbst Sdenka zeigt ihr wahres Gesicht, nachdem sie mit Serges Kreuz in Berührung kommt. Auch die Affinität für Familienmitglieder und Menschen, die der Vampir zu Lebzeiten liebte, entstammen dem Volksglauben – laut „Die Familie des Wurdalak“ ist es diese Eigenschaft, die den Wurdalak von anderen Vampiren unterscheidet.

Während sich viele Elemente aus „Die Familie des Wurdalak“ in späteren Werken wiederfinden, ist die Geschichte selbst inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde auch nicht groß adaptiert, es existieren lediglich zwei Filmversionen des Stoffes. Die erste ist Teil des italienischen Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ („I tre volti della paura“) von Mario Bava, mit Boris „Frankenstein“ Karloff als Gorcha. 1972 erschien, abermals in Italien, eine weitere Adaption namens „La notte dei diavoli“ („Die Nacht der Teufel“). Bei beiden Filmen handelt es sich wohl um eher um freiere Adaptionen. Darüber hinaus wurde Tolstoïs Erzählung im Rahmen der Hörspielserie „Gruselkabinett“ sehr gelungen und atmosphärisch adaptiert – diese Version der Geschichte kann ich nur empfehlen.

The Vampire Diaries

Halloween 2015
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Da dieser Artikel alle sechs vollständigen Staffeln bespricht, sind Spoiler unvermeidbar. Ich habe mich allerdings bemüht, eher einzelne Beispiel zu geben statt Handlungsverläufe ausgiebig darzustellen!

Ordnen wir einmal die drei populärsten Vampirmedien der letzten Jahre auf einer Skala an: Wenn sich „Twilight“ am einen Ende des Spektrums befindet und „True Blood“ am anderen, dann ist „The Vampire Diaries“ ziemlich genau in der Mitte – und das in mehr als einer Hinsicht. Als die erste Staffel 2010 zum ersten Mal auf ProSieben ausgestrahlt wurde, habe ich mir die ersten beiden Folgen angesehen, war aber wenig begeistert, weil das Ganze bei mir zu viele Twilight-Assoziationen geweckt hat, weshalb ich beschloss, lieber bei „True Blood“ zu bleiben. Diese erste Einschätzung werde ich nun ein wenig revidieren müssen, da ich mich im Rahmen meines Artikels zu „Interview mit einem Vampir“ recht intensiv mit der Lestat/Louis-Dynamik beschäftigt habe, die auch in „The Vampire Diaries“ eine wichtige Rolle spielt. Und da die Serie ohnehin auf Amazon Prime verfügbar ist…

Beim Anschauen habe ich einige Dinge festgestellt: Die ersten drei, vier Episoden sind tatsächlich immer noch recht Twilight-ähnlich, danach nimmt die Serie allerdings an Fahrt auf, wird sehr viel interessanter und lässt Stephenie Meyers Glitzervampire ziemlich schnell hinter sich. Auch hat die Serie (zumindest auf mich) eine äußerst süchtig machende Wirkung. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass ich in der Zwischenzeit auf dem aktuellen Stand bin. Wie jede andere Serie hat natürlich auch „The Vampire Diaries“ diverse Höhen und Tiefen.

Konzeption
Gerade in diesem Bereich wirkt „The Vampire Diaries“ wirklich wie eine Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“: Einerseits haben wir das High-School-Setting und das eigentlich normale Mädchen, das die Aufmerksamkeit übernatürlicher Wesen erweckt. Andererseits erinnert die Art und Weise, wie die Vampirbrüder Stefan (Paul Wesley) und Damon (Ian Somerhalder) sich beide in Elena Gilbert (Nina Dobrev) verlieben, stärker an „True Blood“. Wie Sookie Stackhouse lässt sich auch Elena zuerst mit dem „guten“ Vampir (hier Stefan, in „True Blood“ Bill Compton) ein, und dann mit dem „bösen“ (Damon und Eric Northman). Die diversen sonstigen vampirischen Verstrickungen, von den ganzen anderen übernatürlichen Kreaturen, Hexen, Werwölfe, Geister etc. gar nicht erst zu sprechen, erinnern ebenfalls an „True Blood“. Auch bezüglich des Härtegrads liegt TVD genau in der Mitte: „Twilight“ ist zahnlos und blutleer, „True Blood“ in Sachen Sex und Gewalt sehr explizit (HBO halt). TVD ist an die Begrenzungen eines öffentlichen Senders wie The CW gebunden, das heißt keine Nacktheit und keine allzu derben Ausdrücke, aber in Sachen Blut und Gewalt kommt schon das eine oder andere vor, was auch gerechtfertigt ist: Eine Vampirserie, in der kein Blut zu sehen ist, macht etwas falsch.

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Insgesamt lässt sich trotzdem nicht leugnen, dass ich nicht unbedingt zur Hauptzielgruppe gehöre; der Fokus liegt schon in erster Linie auf den diversen romantischen Verstrickungen. Aber, ähnlich wie bei „True Blood“ und anders als bei „Twilight“, sind diese letztendlich ein wichtiges, aber nicht das einzige Handlungselement, die Figuren besitzen (mal mehr, mal weniger nachvollziehbare) Motivationen, die Antagonisten werden meistens vernünftig aufgebaut und tauchen nicht einfach irgendwann auf, damit noch irgendetwas passiert und vor allem: Es gibt tatsächlich auch interessante Nebenfiguren, die ihre eigenen Handlungsbögen haben. Wenn wir davon ausgehen, dass „Twilight“ und „The Vampire Diaries“ auf derselben grundsätzlichen Prämisse basieren, funktioniert Letzteres im Gegensatz zu Ersterem weitaus besser.

Die Vorlage
Eigentlich ist es unfair, „The Vampire Diaries“ als Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“ zu bezeichnen. Zwar ist wohl anzunehmen, dass die Serie ohne den Erfolg von Meyers Romanen und deren Verfilmungen nicht existieren würde, die Buchvorlage ist allerdings sowohl älter als „Twilight“ als auch als Charlaine Harris‘ „Southern Vampire Mysteries“ (die Vorlage für „True Blood“). TVD basiert auf einer gleichnamigen, ursprünglich vierteiligen Jugendromanserie von Lisa J. Smith (im Zuge der Sereinadaption wurde sie 2009 fortgesetzt), die zwischen 1991 und 1992 erschien und die Stephenie Meyer, darauf wette ich, gelesen hat. Wobei man dazu auch sagen muss, die krativen Köpfe hinter TVD mit ihrer Vorlage sehr frei umgehen. Im Grunde übernehmen sie lediglich die grundsätzliche Handlungsidee und einige Figuren bzw. Figurennamen. Das beginnt schon bei der Protagonistin: Elena Gilbert in den Romanen ist blauäugig, blond und bezüglich ihres Charakters mit der gleichnamigen Figur aus der Serie kaum kompatibel; beide sind lediglich in derselben Situation. Der Handlungsort der Romane, „Fell’s Church“, wurde in „Mystic Falls“ umbenannt, aus der von schottischen Druiden abstammenden Hexe Bonnie McCullough wurde die von den Hexen von Salem abstammende afroamerikanische Hexe Bonnie Bennett, in den Romanen hat Elena eine sehr junge Schwester namens Margret, in der Serie einen nur zwei Jahre jüngeren Bruder namens Jeremy, in den Romanen stammen Damon und Stefan aus Italien und wurden während der Renaissance zu Vampiren, in der Serie lebten sie als Sterbliche bereits in Mystic Falls und wurden zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zu Vampiren. Auf dieser Art könnte ich noch ziemlich lange weitermachen. Aus Neugierde, und weil er bei der Bibliothek meines Vertrauens gerade verfügbar war, habe ich mir den ersten Band der Romanreihe zu Gemüte geführt, und nach dessen Lektüre muss ich sagen: Ich denke, die sehr freie Adaption ist eine Stärke, die Serie setzte viele der Grundideen letztendlich besser um als die Vorlage.

Der Vampir in der Serie und die übernatürliche Welt
Im Großen und Ganzen orientiert sich die Serie bei ihrer Darstellung des Vampirs an Anne Rice, mit einigen Abweichungen und ein paar Anspielungen auf die klassischen Stoker-Attribute. Insgesamt ist die Konzeption des Vampirs in der Serie der von „True Blood“ sehr ähnlich. Ein TVD-Vampir wird erschaffen, wenn er als Mensch mit Vampirblut im System stirbt und der Körper erhalten bleibt (also kein Verbrennen oder Köpfen). Danach muss er Menschenblut zu sich nehmen, um die Transformation abzuschließen. Vampire sind stärker und schneller als Menschen, und gewinnen im Alter an Kraft. Ähnlich wie in „True Blood“ können Vampire per Blickkontakt Kontrolle auf Menschen ausüben und müssen eingeladen werden, um ein Haus, das einem Menschen gehört, betreten zu können (anders als in „True Blood“ kann die Einladung allerdings nicht zurückgenommen werden). Die großen Schwächen der Vampire sind, neben dem Blutdurst (Tierblut kann als Ersatz dienen, ein Vampir, der sich nicht von Menschenblut ernährt ist aber verhältnismäßig schwach), Vervain (auf Deutsch Verbana), welches ähnlich wie Knoblauch bei Stoker wirkt, und Sonnenlicht, das sie verbrennt. Allerdings ist es möglich, mithilfe von verzauberten Ringen in die Sonne zu gehen. Nahrung ist für TVD-Vampire kein Problem. Damit macht es sich „The Vampire Diaries“ in mancherlei Hinsicht ziemlich einfach, es gibt diverse Figuren, die nach der Vampirwerdung ihr altes Leben relativ normal weiterführen. Darüber hinaus gibt es noch eine besonders interessante Eigenschaft: Vampire können ihre Emotionen (vor allem Schuldgefühle) abstellen und werden dann zu völlig rücksichtslosen Versionen ihrer selbst – was unter anderem zur Folge hat, dass alle vampirischen Protagonisten der Serie auch schon mal für eine gewisse Zeit lang Antagonisten waren.

Wie so oft haben die Vampire auch hier ihre eigene Ursprungsgeschichte, die eng mit den diversen anderen übernatürlichen Kreaturen zusammenhängt. Der Vampirismus geht von der Familie Mikaelson (auch bekannt als „the Originals“; haben inzwischen ihre eigene Spin-off-Serie bekommen), einer Wikingerfamilie, die im 10. Jahrhundert nach Amerika kam und sich dort ansiedelte, wo in der Gegenwart Mystic Falls liegt (man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Kleinstadt eine mystischer Knotenpunkt ist, ähnlich wie Littlefingers Bordell in King’s Landing). Kurz zusammengefasst: Mutter Mikaelson war eine Hexe und hat ihren Mann und ihre Kinder zum Schutz vor Werwölfen in Vampire verwandelt, diese haben den Vampirismus dann wiederrum weiter in der Welt verbreitet. Apropos Werwölfe, diese sind relativ klassisch, bis auf die Tatsache, dass Silber ihnen nicht schadet (dafür aber Wolfswurz bzw. Wolfsbane) und dass der Biss nicht ansteckend ist (dafür aber tödlich für Vampire). Werwolf ist man durch genetische Veranlagung.

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

In TVD ist allerdings sehr auffällig, dass es im Grunde keinerlei religiöse Motivationen oder Hintergründe gibt, gerade, wenn man sich die Konzeption von Vampiren und Werwölfen in diversen anderen Serien, Romanen und Filmen anschaut. Im Verlauf der Serie tauchen sogar zwei unterschiedliche Jägerorganisationen auf, die aber beide ebenfalls nicht religiös motiviert sind. Insgesamt ist mit der Ursprung der Vampire hier zu unmythisch, zu direkt greifbar und auch zu unmittelbar; als übernatürliche Spezies sind die Vampire nur etwas über tausend Jahre alt. Was ebenfalls auffällig ist: Es fehlt eine soziale Struktur, ein ordnendes Element wie die Authority in „True Blood“, die Camarilla in „Vampire: The Masquerade“ etc. Angesichts der Tatsache, wie Vampire in TVD zum Teil agieren, fragt man sich, weshalb nicht schon die ganze Welt weiß, dass sie existieren. New Orleans scheint hier eine Ausnahme zu bilden, die dortigen Konflikte werden allerdings in dem bereits erwähnten Spin-off „The Originals“ thematisiert, das ich bisher nicht gesehen habe.

Struktur
„The Vampire Diaries“ hat bislang sechs komplette Staffeln á 22 Folgen (mit einer Ausnahme, Staffel 4 hat 23 Folgen), Staffel 7 läuft gerade. Jede Staffel lässt sich in drei bis vier Kapitel unterteilen; dies hat zumeist mit einer Änderung des Status Quo zu tun (ein neuer Antagonist kommt dazu, ein alter fällt weg, jemand stirbt etc.). Insgesamt muss ich sagen: Ich finde, dass die Staffeln zu lang sind. Das mag auch mit meinen Seriengewohnheiten zu tun haben, denn die meisten Serien (zumindest die nicht komödiantischen), die ich schaue, haben im Schnitt zwischen zehn und fünfzehn Folgen. TVD hat das Problem, dass die Handlungsstränge oft ein wenig zu sehr mäandern und die Staffeln gleichzeitig zu vollgepackt wirken. Oft kommt es vor, dass Plots, die viel Potential haben, zu schnell abgehandelt werden, während andere sich zu sehr ausdehnen und die Autoren zu viele Wendungen, Loyalitäts- und Interessenswechsel einbauen. Kürzere Staffeln und mehr Fokus wären hier zu begrüßen gewesen.

Staffel 1 ist vor allem damit beschäftigt, Setting und Figuren zu etablieren und dem Zuschauer Elena, Stefan und Damon vorzustellen (und das Liebesdreieck zwischen ihnen, das ja zur Grundprämisse der Serie gehört), anzudeuten. Und natürlich werden auch diverse Nebenfiguren wie Elenas Bruder Jeremy (Steven R. McQueen), ihre Freundinnen Bonnie Bennett (Katerina Graham) und Caroline Forbes (Candice King), ihre Tante Jenna Sommers (Sara Canning), bei der sie und ihr Bruder nach dem Tod ihrer Eltern leben, usw. Zu Beginn fungiert Damon als Antagonist, wird jedoch im Verlauf der Staffel (mehr oder weniger freiwillig) zu einem der Protagonisten, da andere Vampire auftauchen und Probleme bereiten. Gegen Ende der Staffel zeigt sich dann, dass Katerina Petrova alias Katherine Pierce (Nina Dobrev), Erzeugerin von Stefan und Damon und Ebenbild von Elena, tatsächlich diejenige ist, die die Fäden in der Hand hält. In der zweiten Staffel übernimmt sie als Hauptantagonistin, wird dann jedoch von zwei der oben bereits erwähnten Originals abgelöst, Elijah (Daniel Gillies) und Klaus (Joseph Morgan). In der dritten Staffel kommen weitere Originals dazu, in gewissem Sinne dreht sich die ganze Staffel mehr oder weniger um ihre Familiendynamik. Auch in Staffel 4 sind sie noch ziemlich prominent, danach treiben sie allerdings in ihrem Spin-off ihr Unwesen, während in TVD neue Antagonisten eingeführt werden, u.a. Silas (Paul Wesley), der erste Unsterbliche, die uralte Hexe Qetsiyah (Janina Gavankar), der Traveler Markos (Raffi Barsoumian) und der psychopathische Hexer Kai (Chris Wood).

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Wie bei so vielen Serien ist die Qualität von TVD über ihren Verlauf recht wechselhaft. Staffel 1 braucht eine ganze Weile, um in die Gänge zu kommen und wird erst in der zweiten Hälfte interessant, und auch dort leidet die Spannung darunter, dass die Antagonisten, u.a. Elenas leibliche Eltern Isobel Flemming (Mia Kirshner) und John Gilbert (David Anders) nicht besonders einnehmend sind (Erstere ist ein Vampir, Letzteren hielt Elena ihr Leben lang für ihren Onkel, da sie von ihrem eigentlichen Onkel und dessen Frau adoptiert wurde). Das ändert sich mit Staffel 2: Katherine Pierce ist nicht nur eine der besten Antagonistinnen der Serie, sie ist auch einer der interessantesten Charaktere. Ähnliches trifft auf die diversen Mikaelsons zu. Insgesamt würde ich sagen, dass Staffel 2 mit die stärkste der Serie ist. Staffel 3 ist auch noch in Ordnung. In Staffel 4 und 5 geht es allerdings relativ stark abwärts, was zum einen an immer uninteressanteren Widersachern und zum anderen an zum Teil eher unglücklicher Charakterentwicklung liegt. Gerade die Auf-und-Ab-Beziehung Elena/Damon, die ab Staffel 4 in den Mittelpunkt rückt, wird irgendwann fürchterlich lästig. Ebenso kehren immer wieder getötete Figuren zurück, sodass es inzwischen kaum noch einen Charakter gibt, der nicht mindestens einmal über den Jordan gegangen ist. Erfreulicherweise ist Staffel 6 aber wieder ziemlich stark, sodass sie zusammen mit Staffel 2 die wahrscheinlich beste Staffel darstellt, während Staffel 5 der Tiefpunkt der Serie ist. Staffel 6 schafft es, die richtigen emotionalen Saiten anzuschlagen und dafür zu sorgen, dass man sich wieder stärker für die Charaktere interessiert – nicht alle, aber einige. Das Ende der fünften Staffel mischt gewissermaßen die Karten neu, Staffel 6 macht das Beste daraus.

Figuren
Ich habe mit „The Vampire Diaries“ ein Problem, das ich öfter mit diversen Serien, Filmen und Romanen habe: Ich mag die zentrale Protagonistin nicht besonders. Elena leidet an einer ähnlichen Krankheit wie Sookie Stackhouse und (würg) Bella Swann – das scheint irgendwie normal zu sein für junge Frauen, die in einem Liebesdreieck mit übernatürlichen Wesen feststecken: Sie sind als „Damsel in Distress“ quasi vorprogrammiert, und haben darüber hinaus die Tendenz, äußerst selbstbezogen zu sein. Elena hat dafür sogar einige nachvollziehbare Gründe: Sie hat tatsächlich viele geliebte Menschen verloren, und darüber hinaus ist sie als Petrova-Doppelgängerin stets eine Zielscheibe: Jede übernatürliche Wesenheit scheint hinter ihrem Blut her zu sein. Diese Charaktereigenschaft von ihr nimmt allerdings mit jeder Staffel massiv zu. Spätestens ab Staffel 4 hat Elena die Tendenz, alles, aber auch wirklich alles immer nur auf sich zu beziehen, wobei sie völlig übersieht, dass auch andere Leute Probleme haben. Das allein wäre noch nicht so problematisch, aber Elena ist nun einmal als positive Protagonistin konzipiert, und darüber hinaus auch noch so fürchterlich selbstgerecht. Inzwischen fragt man sich, weshalb sie überhaupt noch Freunde hat, die alles für sie opfern. Besonders die arme Bonnie wird gerne mal einige Folgen lang ignoriert, bis man sie wieder braucht. Und, noch schlimmer, Elenas absolut selbstsüchtigen Handlungen haben oft keinerlei Folgen. Hierzu ein spezielles Beispiel: In Staffel 4 veranlasst sie, dass einer der Originals getötet wird (was bedeutet, dass alle seine Nachkommen, also mehrere hundert oder gar tausend Vampire, ebenfalls sterben), um eine einzige Person zu retten. Die Serie thematisiert die Folgen dieser Tat einfach nicht, sie wird im Folgenden praktisch ignoriert. Dementsprechend ist es schon irgendwie passend, dass die Qualitätssteigerung von Staffel 6 unter anderem damit zusammenhängt, dass Elena quasi zur Nebenfigur wird. Ich möchte allerdings festhalten, dass das alles nichts mit Nina Dobrev zu tun hat, die in der Serie wirklich sehr gut spielt. Tatsächlich spielt sie nicht nur die ungeliebte Protagonistin, sondern auch eine meiner Lieblingsfiguren: Katherine Pierce (bzw. Katerina Petrova), die den Vorteil hat, als Antagonistin konzipiert zu sein; ihre Charaktereigenschaften passen zueinander, sie ist eine einnehmende und tragische Schurkin, eine absolute Überlebenskünstlerin. Gerade bei der Darstellung der diversen Petrova-Doppelgänger (in Staffel 5 rennen drei von der Sorte durch die Gegend) zeigt Dobrev, wie nuanciert sie spielen kann, sodass man die optisch identischen Figuren problemlos als unterschiedliche Charaktere wahrnehmen kann. Am interessantesten ist es, wenn Katherine sich als Elena oder umgekehrt ausgibt.

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Insgesamt sind es, wie so oft, die diversen sekundären Hauptcharaktere, die weitaus interessanter sind als die eigentliche Protagonistin. Wie ich bereits sagte, ich gehöre weniger zur Zielgruppe, und für meinen Geschmack liegt der Fokus zu sehr auf den diversen romantischen Beziehungen und Dreiecksverhältnissen. Ironischerweise finde ich, dass TVD oft besser darin ist, nicht-romantische Beziehungen darzustellen als romantische. Die Dynamik zwischen Stefan und Damon finde ich zum Beispiel weitaus interessanter als die zwischen Stefan und Elena oder Damon und Elena. Über den Verlauf der Serie hat sich mehr oder weniger gezeigt, dass die Brüderbeziehung die eigentliche Grundlage der Serie ist – oder zumindest geworden ist. Erfreulicherweise sind sowohl Damon als auch Stefan weitaus interessanter als, sagen wir, Edward Cullen. Gerade Stefan könnte leicht als ähnlich konzipiert wahrgenommen werden, ist aber weitaus facettenreicher und einnehmender – und hat tatsächlich auch eine sehr, sehr dunkle Seite, die irgendwann ordentlich zu Tage tritt.
Ein weiteres Beispiel für die gelungenen nicht-romantischen Beziehungen findet sich in Staffel 6: Die Freundschaft, die sich zwischen Bonnie und Damon entwickelt, war definitiv eines der Highlights und hat auch dafür gesorgt, dass Bonnie als Charakter wirklich unverzichtbar wird.

Eine meiner weiteren Lieblingsfiguren ist außerdem Caroline, die in Staffel 1 noch relativ flach bleibt und vor allem von Damon als Blutkonserve benutzt wird. In Staffel 2 wird sie zum Vampir und ab diesem Zeitpunkt wird sie als Charakter interessant, macht eine glaubwürdige Entwicklung durch und wird auf authentische Weise zu einer besseren Person. Nicht, dass sie nicht auch diverse Fehler macht, aber sie bleibt dabei um so vieles angenehmer und weniger selbstgerecht als Elena. Die völlig dysfunktionale Dynamik der Familie Mikaelson ist natürlich auch äußerst spaßig – Klaus übertreibt es manchmal ein wenig, Rebekah (Claire Holt) ist hin und wieder etwas nervig, aber trotzdem interessant; ich denke jedoch, mein Favorit ist Elija.

Im Verlauf von sechs Staffeln sammeln sich natürlich viele, viele Figuren an, manche gelungen, andere weniger gelungen. Selbst diejenigen, die für die Plots tatsächlich alle wichtig sind aufzuzählen würde hier schon den Rahmen sprengen, von weniger wichtigen (aber natürlich oft interessanteren) Rollen gar nicht erst zu sprechen. Lange Rede, kurzer Sinn: In Sachen Figuren ist TVD sehr wechselhaft, das hat aber auch den Vorteil, dass es fast immer Figuren gibt, an denen man doch interessiert ist.

Fazit: Da habe ich wohl ein Guilty-Pleasure-Fandom gefunden (und das, obwohl ich nicht einmal danach gesucht habe). Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. „The Vampire Diaries“ ist eine sehr wechselhafte Serie, die mal ausgezeichnet funktioniert und mal auch überhaupt nicht – aber sie hat es geschafft, meine Aufmerksamkeit zu fesseln – warum auch immer.

Fiebertraum

Halloween 2015
fevredream
Unglaublich, aber wahr: George R. R. Martin hat auch Werke verfasst, die nichts mit der Welt von Eis und Feuer zu tun haben. Tatsächlich war er in einigen Genres aktiv, darunter auch Horror. 1982 erschien mit „Fiebertraum“ („Fevre Dream“) ein Vampirroman aus seiner Feder – und ein äußerst lohnenswerter noch dazu, denn auch Martin leistete seinen Beitrag zum immer populärer werdenden sympathischen Vampir.

Die Handlung beginnt im Jahr 1857, im Zentrum steht Abner Marsh, ein sehr fähiger, wenn auch äußerst unattraktiver Mississippi-Kapitän. Nach einer Pechsträhne erhält Marsh von dem mysteriösen Joshua York ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen kann: York schlägt ihm vor, einen Flussdampfer zu finanzieren, wie ihn der Mississippi noch nie gesehen hat und auf dem sie gemeinsam das Sagen haben. Die einzige Bedingung ist, dass Marsh Yorks seltsame Angewohnheiten akzeptiert und keine Fragen stellt. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist die Fevre Dream, ein opulentes Schiff, das schon bald zur Legende werden und die schnellsten Dampfer auf dem Mississippi schlagen könnte. Doch besagte Angewohnheiten Yorks beginnen schon bald, Marsh massiv zu stören, unter anderem verschwindet York immer wieder, verzögert so die Abfahrt und bringt neue, merkwürdige Passagiere an Bord. Schließlich kommt Marsh hinter das Geheimnis seines Partners: Dieser ist ein Vampir, der sein Schicksal nicht anerkennt und versucht, seine Artgenossen mithilfe eines Blutersatzes vom Töten abzubringen. Marsh erklärt sich schließlich dazu bereit, seinem Partner zu helfen. In Damon Julien, einem Jahrtausende alten Blutsauger, haben sie allerdings einen übermächtigen Gegner, der keinerlei Interesse daran hat, seine Lebensweise zu ändern…

Inhaltlich unterscheidet sich „Fiebertraum“ sehr stark von den Romanen, für die Martin vor allem populär ist, stilistisch gibt es allerdings diverse Parallelen. Wie in „A Song of Ice and Fire“ gibt es POV-Charaktere, durch deren Augen der Leser das Geschehen ausschließlich sieht; hier sind es Abner Marsh und Sour Billy Tipton, der menschliche Helfer von Damon Julien, wobei Letzterer eindeutig ein sekundärer Protagonist ist, während der Fokus auf Marsh liegt. Und wie in „A Song of Ice and Fire“ ist die Erzählung sehr breit angelegt und darüber hinaus auch sehr gut recherchiert, es dauert eine Weile, bevor man als uneingeweihter Leser erfährt, worum es eigentlich geht. Der Horror-Aspekt wird erst in der zweiten Hälfte des Romans dominant, dann aber richtig, denn mit Damon Julien ist definitiv nicht zu Spaßen. Den ersten Teil nutzt Martin vor allem, um die Eigenheiten der Zeit und des Settings sehr detailliert zu beschrieben, was manch einen ungeduldigeren Leser vielleicht abschrecken könnte. Auf mich hatte es allerdings eher den gegenteiligen Effekt, Martin schafft es, Setting und Atmosphäre äußerst plastisch zu gestalten und die Geschehnisse interessant darzustellen. Das gilt auch für Abner Marsh, der erfreulicherweise kein klischeehafter Protagonist ist, sondern äußerst authentisch und sympathisch daherkommt. Ebenso sind die beiden Vampire äußerst interessante Figuren.

Apropos Vampire: Diese sind bei Martin eine eigene Spezies, die sich parallel zu den Menschen entwickelt hat, das heißt, dass Menschen nicht verwandelt werden können, man wird als Vampir geboren. Viele der klassischen Eigenschaften spielen deshalb auch keine Rolle, wirklich wichtig sind nur zwei: Der Blutdurst (hier als „der rote Durst“ bezeichnet, der Vampire zum Töten treibt) sowie die Anfälligkeit gegenüber Sonnenlicht. Einige der inhaltlichen Ideen greifen bereits einiges vorweg, was in den folgenden Jahrzehnten durch andere Werke populär werden sollte. Das von Joshua York erfundene Elixier, das den roten Durst bekämpft, kann wohl getrost als Vorläufer des Tru Blood in Charliane Harris‘ „Southern Vampire Mysteries“ und der darauf basierenden TV-Serie „True Blood“ betrachtet werden, während die Idee, dass der biblische Kain der Urvater der Vampire ist, von „Vampire: The Masquerade“ aufgegriffen und popularisiert wurde.

Joshua York steht als mit seiner Natur hadernder „guter“ Vampir derweil in der Tradition von Sir Francis Varney und Louis de Point du Lac. Anders als sonst bei Martin ist Damon Julien wirklich eindeutig böse und der Schurke, bleibt als solcher aufgrund seiner Konzeption allerdings stets interessant; Julien ist alt und ausgebrannt, hegt einen Todeswunsch und klammert sich gleichzeitig an sein Leben. Jegliche Ähnlichkeit zu Menschen, die er vielleicht einmal besessen haben mag, ist schon vor langer Zeit verschwunden. Auch hier haben sich die Macher von „Vampire: The Masquerade“ bei der Konzeption der uralten Vampire deutlich an Martin orientiert.

Fazit: „Fiebertraum“ ist der Beweis, dass George R. R. Martin auch schon ein großartiger Autor war, bevor er sein Magnum Opus verfasste. Hier finden sich bereits viele der stilistischen Stärken von „A Song of Ice and Fire“, zusätzlich zu einer gelungenen Variation des Vampirs und einer verdammt spannenden, atmosphärisch grandiosen Geschichte. Wer nach einem guten Vampirroman sucht, macht mit „Fiebertraum“ nichts falsch.

Geschichte der Vampire: Interview mit einem Vampir

Halloween 2015

Es gibt ein paar Werke, die man unbedingt gelesen haben sollte, wenn man sich mit dem literarischen Vampir in irgendeiner Form beschäftigt. Neben „Dracula“, „The Vampyre“ und „Carmilla“ gehört dazu vor allem auch Anne Rice‘ „Interview mit einem Vampir“. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass „Interview mit einem Vampir“ das Genre in einem Ausmaß beeinflusst hat, den seit „Dracula“ kein Werk mehr hatte. Stokers Roman hat den Vampir für das 20. Jahrhundert definiert, Anne Rice hat dasselbe für das 21. Jahrhundert getan.

Der Roman
„Interview mit einem Vampire“ (Originaltitel: „Interview with the Vampire“) erschien im Jahr 1976. Im Roman erzählt der Vampir Louis de Point du Lac einem Reporter (dessen Name laut einem der Folgeromane „Daniel Molloy“ lautet, der hier aber nur als „der Junge“ bezeichnet wird) seine Lebensgeschichte. Im Jahr 1791 ist Louis noch ein Mensch und Herr über eine Plantage in der Nähe von New Orleans. Nach dem Tod seines religiösen Bruders ist Louis schwer traumatisiert und sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Exakt zu diesem Zeitpunkt taucht der Vampir Lestat auf und macht Louis zu Seinesgleichen, vor allem, so glaubt Louis zu wissen, um an die Plantage zu kommen. Die beiden Vampire kommen allerdings nicht wirklich miteinander klar, denn während Lestat grausam und pragmatisch ist, ist Louis darauf bedacht, seine Menschlichkeit zu bewahren, er hadert mit seinem Schicksal und der Tatsache, dass er jede Nacht töten muss, um zu überleben. Nach mehreren Auseinandersetzungen möchte Louis Lestat schließlich verlassen, doch Lestat verwandelt das fünfjährige Mädchen Claudia in einem Vampir, da er weiß, dass das „gemeinsame Kind“ Louis an Lestat binden würde.

Lestat (Tom Cruise) und Brad Pitt in Neil Jordans „Interview mit einem Vampir“

Die drei Vampire „leben“ 65 Jahre zusammen. Obwohl Claudia eine gewisse Wesensähnlichkeit zu Lestat besitzt (auch sie tötet ohne Reue), beginnt sie, ihren Schöpfer zu hassen, da er sie, die nun im Geist erwachsen ist, im Körper eines Kindes gefangen hat. Mit Louis‘ mehr oder weniger freiwilliger Teilnahme tötet sie Lestat (oder glaubt es zumindest). Anschließend begeben sich die beiden auf eine Weltreise, um weitere Vampire und eventuell sogar den Ursprung der Untoten zu finden. In Osteuropa stoßen sie tatsächlich auf andere Vampire, doch bei diesen handelt es sich um hirnlose Monster, kaum mehr als blutsaugende Tiere. Erst in Paris finden die beiden weitere Vampire wie sie selbst, die ein Theater betreiben und von einem 400 Jahre alten Vampir namens Armand angeführt werden. Louis verliebt sich in Armand, was dazu führt, dass es zum Bruch zwischen Louis und Claudia kommt. Um zu gewährleisten, dass für Claudia gesorgt ist, verwandelt Louis die trauende Mutter Madeleine ebenfalls in einen Vampir. Schon kurz darauf nehmen allerdings die Vampire des Theaters Louis, Claudia und Madeleine gefangen; es stellt sich heraus, dass Lestat überlebt und mit den Vampiren des Theaters konspiriert hat, um Claudia, die mit Madeleine der Sonne überantwortet wird, zu opfern und Louis zurückzugewinnen.

Daraus wird allerdings nichts, denn Louis nimmt Rache an den Vampiren des Theaters und zieht daraufhin mit Armand um die Welt, wobei er einige Zeit später Lestat noch einmal trifft. Als Armand bemerkt, das Louis‘ Lebenswille verloschen ist, trennt er sich von ihm, womit die Geschichte endet. Nachdem Daniel alles gehört hat, bittet er Louis, ihn ebenfalls in einen Vampir zu verwandeln, was diesen sehr verärgert, da Daniel offensichtlich die Moral der Geschichte nicht verstanden hat. Louis greift ihn an, doch Daniel überlebt und der Roman endet damit, dass er sich auf die Suche nach Lestat macht.

„Interview mit einem Vampir“ basiert auf einer Kurzgeschichte, die Anne Rice bereits im Jahr 1968 oder 69 fertigstellte. Obwohl viele der grundsätzlichen Ideen in besagter Geschichte schon vorhanden waren, hatte sie doch einen gänzlich anderen Tonfall als „Interview“. 1970 wurde bei Rice‘ Tochter Michelle Leukämie festgestellt, an der sie zwei Jahre später starb. In „Interview“ verarbeitete Rice ihre Depressionen und den Schmerz über den Tod ihrer Tochter – Claudia und ihr Schicksal im Roman wurden von Michelle eindeutig inspiriert. „Interview“ ist der mit Abstand nihilistischste und hoffnungsloseste von Rice‘ Romanen, sie ringt darin spürbar mit dem Verlust, der Akzeptanz und der Sinnlosigkeit der Existenz. Auch ihr Abfall vom katholischen Glauben, ihre (damalige) atheistische Weltsicht und die Frage nach Gut und Böse spielen eine wichtige Rolle. Anne Rice selbst beschrieb ihre Vampire einmal als Metapher für „verlorene Seelen“. Darüber hinaus spielt, wie so oft im Genre, Sexualität eine wichtige Rolle. Rice‘ Vampire sind zwar nicht in der Lage, tatsächlichen Geschlechtsverkehr zu haben, aber das Bluttrinken bleibt ein sexuell aufgeladener Akt. Gerade weil der tatsächliche Geschlechtsverkehr nicht möglich ist, geht Liebe und Verlangen bei Rice‘ Vampiren oft über den körperlichen (und auch den geschlechtlichen) Aspekt hinaus, weshalb ihre Werke oft als Metapher für Homosexualität verstanden werden.

Claudia (Kirsten Dunst)

Claudia (Kirsten Dunst)

Beim Erscheinen erhielt „Interview mit einem Vampir“ eher gemischte Kritiken, manche lobten das Werk, andere sahen den Roman sehr kritisch und bemängelten die Abkehr von dem, was damals als klassische Vampirthematik verstanden wurden. Heute, besonders nach der erfolgreichen Verfilmung, gilt „Interview mit einem Vampir“ allerdings völlig zu Recht als Klassiker des Genres, das die Vampirliteratur und den Vampirfilm prägte wie kaum ein anderes Werk des 20. Jahrhunderts.

Die Chronik der Vampire: Ein Überblick
Nach der doch eher gemischten Reaktion auf „Interview“ machte Anne Rice erst einmal eine Vampirpause von einigen Jahren. In den 80ern kehrte sie zu den Blutsaugern zurück, 1985 erschien die Quasi-Fortsetzung zu „Interview mit einem Vampir“: „Der Fürst der Finsternis“ (mal wieder eine grandiose Übersetzung, der englische Titel lautet „The Vampire Lestat“). Gleichzeitig führte sie den Reihentitel „Die Chronik der Vampire“ („The Vampire Chronicles“) ein. Bei „Der Fürst der Finsternis“ handelt es sich um Lestats Autobiographie, die erzählt, wie Lestat aufwuchs, zum Vampir wurde und diverse Abenteuer vor seiner Begegnung mit Louis erlebte. Außerdem gibt Lestat die Ereignisse aus „Interview“, wenn auch stark verkürzt, aus seiner Sicht wieder und erzählt darüber hinaus, wie er in der Gegenwart „ankommt“. Dabei ist auffällig, dass Lestat ein völlig anderes (weit positiveres) Bild von sich selbst hat als Louis; in „Interview“ sah es so aus, als habe Lestat Louis nie verstanden, nun scheint es umgekehrt zu sein. Dies dürfte auch mit Rice‘ verändertem Blickwinkel zu tun haben, „Der Fürst der Finsternis“ und die folgenden Romane sind weit weniger von Nihilismus und Verzweiflung geprägt als „Interview“.

Armand (Antonio Banderas)

Armand (Antonio Banderas)

Auf die ersten beiden Romane der „Chronik der Vampire“ folgten noch elf weitere (zwei davon, „Pandora“ und „Vittorio“, firmieren theoretisch unter dem Reihentitel „New Tales of the Vampires“, in der Praxis macht das allerdings kaum einen Unterschied). Der dritte Band der Serie, „Die Königin der Verdammten“ („The Queen of the Dammned“, 1988) setzt die Handlung von „Der Fürst der Finsternis“ direkt fort, ist aufgrund des Formats allerdings ziemlich einzigartig, denn anders als die meisten anderen Romane der Chroniken ist „Die Königin der Verdammten“ eher eine Sammlung von Kurzgeschichten, die zusammen eine mehr oder weniger kohärente Handlung geben. Somit ist „Die Königin der Verdammten“ zugleich der vielseitigste und vielschichtigste Roman der Serie. Die beiden folgenden Bände, „Nachtmahr“ („The Tale of the Body Thief“, 1992) und „Memnoch der Teufel“ („Memnoch the Devil“, 1995) konzentrieren sich wieder stärker auf Lestat und dessen Streben nach Sinn. Es folgen weitere Autobiographien diverser Vampire, die zumeist in den bereits erschienen Bänden als Nebenfiguren auftauchten: „Armand der Vampir“ („The Vampire Armand“, 1998), „Pandora“ (1998), „Vittorio“ („Vittorio the Vampire“, 1999) und „Blut und Gold“ („Blood and Gold“, 2001, erzählt die Lebensgeschichte von Marius, dem Schöpfer von Armand). Mit „Merrick oder die Schuld des Vampirs“ („Merrick“, 2000) kehrte Rice zu Lestat als Protagonisten zurück und verknüpfte die Chronik mit einer ihrer anderen Romanreihen, „Lives of the Mayfair Witches“. Dies setzte sie mit den beiden folgenden Bänden der Chronik, „Blackwood Farm“ (2002) und „Hohelied des Blutes“ („Blood Canticle“, 2003) fort. „Hohelied des Blutes“ sollte ursprünglich beide Reihen beenden, unter anderem auch, weil Rice zum katholischen Glauben zurückgefunden hatte und nicht mehr über Vampire (oder Hexen) schreiben wollte. In der Zwischenzeit hat sie es sich allerdings wieder anders überlegt, 2014 erschien mit „Prince Lestat“ ein neuer Band der „Chronik der Vampire“ und mit „Blood Paradise“ ist der nächste schon angekündigt.

Ich selbst muss zugeben, dass ich bei Weitem nicht alle Romane der „Chronik der Vampire“ gelesen habe. Zu den gelesenen gehört die „Einstiegstrilogie“ („Interview“, „Fürst“ und „Königin“), die meiner Meinung nach zum Besten gehören, was das Vampirgenre anzubieten hat. Ansonsten habe ich vor allem die späteren Bände gelesen („Merrick“, „Pandora“, „Blackwood Farm“ und „Hohelied des Blutes“) – diese waren in meinen Augen schon durchwachsener, aber immer noch ziemlich gelungen, allerdings mit einer Ausnahme: „Hohelied des Blutes“ hat mir nicht wirklich gefallen, ich fand es ziemlich langweilig, überflüssig und uninspiriert.

Die Verfilmung
Bei einer Besprechung von „Interview mit einem Vampir“, bei der der Fokus letztendlich auf dem Einfluss des Werkes liegt, darf die Verfilmung von Neil Jordan, die 1994 in die Kinos kam, nicht fehlen. Der Roman definierte den Vampir auf gewisse Weise neu, der Film sorgte dafür, dass diese Definition im Mainstream ankam; seither werden die Ideen und Themen im Guten wie im Schlechten en masse weiterverarbeitet.

Vampirfilme gibt es nun ja bekanntermaßen wie Sand am Meer, wirklich gute Vampirfilme sind dagegen eher rar. Umso erfreulicher ist es, dass die Filmadaption eines literarischen Meisterwerkes ein filmisches Meisterwerk geworden ist; „Interview mit einem Vampir“ ist in meinen Augen nicht nur einer der besten, wenn nicht gar DER beste Vampirfilm, sondern auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme und eine gekonnte Umsetzung von Rice‘ Geschichte. Jordan schafft es, die Atmosphäre perfekt zu treffen, die Darsteller, egal ob Brad Pitt, Kirsten Dunst oder Tom Cruise (den ich sonst nicht wirklich gerne mag, aber hier spielt er wunderbar) sind optimal und auch die inhaltliche Umsetzung ist exzellent gelungen. Natürlich gibt es einige Kürzungen und Änderungen gegenüber der Vorlage und einige der Nebencharaktere fallen der Schere zum Opfer. So bringt Lestat im Roman seinen blinden, alten Vater mit nach Point du Lac, Louis hat noch Mutter und Schwester (und zu Beginn stirbt sein Bruder, nicht seine Frau) und interessiert sich später für eine Plantagenbesitzerin, während Lestat im Verlauf des Romans noch mindestens zwei weitere Vampire erschafft, einen kurz nach seinem vermeintlichen Tod und einen nach dem Chaos im Theater der Vampire – beide bleiben im Roman allerdings namenlos und fehlen im Film nicht sonderlich. Die Begegnung mit den hirnlosen Vampiren in Osteuropa fehlt ebenso wie Lestats kurzes Auftauchen im Theater der Vampire und Armands und Louis‘ Reisen. Darüber hinaus wurde der Schluss leicht geändert, Daniel macht sich im Film nicht auf die Suche nach Lestat, stattdessen findet Lestat ihn, was zu einem netten Schlusstwist führt. Und natürlich ist Claudia im Film nicht fünf, sondern zwölf, da ein fünfjähriges Mädchen diese Rolle niemals hätte spielen können; schon für eine Zwölfjährige ist das eine enorm anspruchsvolle Aufgabe, die Kirsten Dunst allerdings mit Bravour meistert.

Die wahrscheinlich interessanteste Änderung ist allerdings die Darstellung Lestats. Im Roman kommt er nicht besonders gut weg und ist auch nicht besonders sympathisch, vor allem gegen Ende ist er ein jammerndes Wrack. Der Film-Lestat dagegen geht eher in Richtung „Fürst der Finsternis“. Gerade hier merkt man, dass Anne Rice das Drehbuch selbst verfasst hat und einige Elemente der späteren Romane mit einfließen ließ, denn die Tom-Cruise-Version der Figur ist weitaus sympathischer und schlauer und dafür weniger jämmerlich als die ursprüngliche Figur. Diese Änderung ist nicht so extrem, dass sie den Verlauf der Geschichte stark beeinflusst, sorgt aber doch dafür, dass Film-Lestat interessanter ist als Buch-Lestat.

Lestat (Stuart Townsend) und Akasha in der Verfilmung von „Königin der Verdammten“

Freilich gibt es auch noch die Verfilmung von „Die Königin der Verdammten“, mit Stuart Townsend als Lestat und Aaliyah (die sechs Monate vor dem Kinostart in einem Flugzeugabsturz verstarb) als Akasha, die titelgebende Königin und erste Vampirin. Leider steht diese Verfilmung zu „Interview mit einem Vampir“ in einem ähnlichen Verhältnis wie „Batman und Robin“ zu „The Dark Knight“. Von der Komplexität und philosophischen Tiefe der Vorlage ist fast nichts geblieben, die Figuren sind kaum wiederzuerkennen und die Darsteller rangieren zwischen akzeptabel und unterirdisch. Kurz und gut: Über diesen Film breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Die Wirkung
Mit „Interview mit einem Vampir“ (und in geringerem Maße auch den Sequels) etablierte Anne Rice vor allem drei Dinge: Den Vampir als Sympathieträger, den Vampir unter seinesgleichen und das „Vampirduo“. Vor allem Ersteres gab es natürlich bereits vor Anne Rice‘ Romandebüt, der sympathische Vampir geht letztendlich zurück auf Sir Francis Varney, die Titelfigur der Penny-Dreadful-Serie „Varney the Vampire“, die zwischen 1845 und 1847 erschien (womit er älter als Dracula ist), zurück. Auch danach tauchten immer mal wieder sympathische Blutsauger auf, etwa Barnabas Collins aus der TV-Serie „Dark Shadows“, der ganz ähnlich wie Varney und später Louis mit seinem Schicksal hadert. Sogar Dracula selbst mutierte in Fred Saberhagens „The Dracula Tape“ (1975) zum Sympathieträger; in diesem Roman erzählt Saberhagen Stokers Geschichte aus der Perspektive Draculas, mit ihm als Helden und den Vampirjägern als Schurken. Letztendlich waren aber sowohl Francis Varney als auch Barnabas Collins und Saberhagen-Dracula Ausnahmeerscheinungen. Der Vampir blieb in den meisten Fällen ein Antagonist. Anne Rice machte den Vampir, der an seiner Menschlichkeit hängt und mit sich selbst hadert, gewissermaßen salonfähig. Letztendlich ist es vor allem die Verfilmung, die diesen Aspekt des Vampirs noch zementierte. In den 90ern wurde der Vampir endgültig zum Sympathieträger.

Eine weitere Thematik, die vor Rice kaum oder gar nicht umgesetzt wurde, ist der Vampir unter seinesgleichen. Über all die Jahrzehnte hinweg traten Vampire meistens als Einzelgänger auf, Interaktion fand fast ausschließlich menschlichen Opfern statt. Selbst in Geschichten, in denen mehr als ein Vampir vorkam, existierte kaum soziale Interaktion: Auf Draculas Schloss leben zwar noch drei weibliche Vampire, aber alles, was der Graf zu ihnen sagt, ist, dass sie seine Beute gefälligst nicht anfassen sollen. In „Interview mit einem Vampir“ gibt es dagegen zum ersten Mal Einblick in eine Vampirgesellschaft. Schon zu Beginn geht es nicht um das Verhältnis zwischen Mensch und Vampir, sondern um das Verhältnis zwischen Louis und Lestat. Später kommt Claudia dazu, und schließlich lernen Louis und Claudia einen ganzen sozialen Verbund kennen, die Vampire des Theaters in Paris. Erst ab diesem Zeitpunkt begannen Autoren und Filmemacher, die soziale Interaktion von Vampiren und ihr Verhältnis untereinander zu thematisieren. Rice selbst baute mit den weiteren Romanen der Chroniken natürlich darauf auf, aber auch viele andere nahmen sich dessen an, etwa George R. R. Martin, dessen Vampirroman „Fiebertraum“ diesen Aspekt ebenfalls aufgreift, sowie viele weitere Autoren und Autorinnen, wie Charlaine Harris, L. J. Smith und natürlich auch Stephenie Meyer. Selbst in Filmen, in denen der Vampir nach wie vor als Schurke fungiert, finden sich Vampirgesellschaften. Ein gutes Beispiel ist die Blade-Trilogie, die die klassische Thematik „Vampir gegen Jäger“ umdreht: Früher waren es viele Jäger, die gegen einen Vampir vorgingen, nun haben wir einen einsamen Jäger, der gegen ein ganzes soziales System von Vampiren vorgeht, das die menschlichen Institutionen kontrolliert.

Zwei Nachfolger von Lestat und Louis: Eric (Alexander Skarsgård) und Bill (Stephen Moyer)

Zwei Nachfolger von Lestat und Louis: Eric (Alexander Skarsgård) und Bill (Stephen Moyer)

Meine Lieblingsverarbeitung der „Vampirgesellschaft“ ist das Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“, das sich zwar bei allen vorherigen Inkarnationen des Vampirs großzügig bedient, aber viele der „Basics“ tatsächlich aus „Interview mit einem Vampir“ (und auch „Fürst der Finsternis“ und „Königin der Verdammten“) entlehnt. Dazu gehören unter anderem das Grundkonzept des „Spiels um persönlichen Horror“, in dem der Horror nicht von außen, sondern von innen kommt und der Spieler mit der Menschlichkeit und dem Tötungstrieb ringen muss, aber auch diverse Mechanismen, zum Beispiel die Erschaffung des Vampirs, die biologische Beschaffenheit etc. Und nicht nur V:tM hat sich diesbezüglich bei Anne Rice bedient, ihre Spuren finden sich in allen möglichen Genrewerken der letzten zwanzig bis dreißig Jahre.

Und dann wäre da noch das „Vampirduo“. Damit ist die Charakterdynamik zwischen zwei Vampiren gemeint, die recht gegensätzliche Ansichten vertreten und allesamt auf Louis und Lestat zurückgehen. Der „Louis“ ist dabei, wie das Original, meistens dunkelhaarig, eher philosophisch (bzw. oftmals fast schon depressiv) und hadert mit seinem Schicksal und seiner Menschlichkeit, während der „Lestat“ blond (oder allgemein hell) ist, sein Schicksal eher annimmt und Lebensfreude ausstrahlt. Das muss nicht einmal per se negativ (bzw. mörderisch) sein, aber derartige Duos finden sich verdammt oft. Um mal ein paar Beispiele zu nennen: Bill und Eric aus „True Blood“, Angel und Spike aus „Buffy“, Adam und Eve aus „Only Lovers Left Alive“, Eleanor und Clara aus „Byzantium“ – die Liste ließe sich sicher noch viel weiter fortführen.

Es zeigt sich also, dass das Vampirgenre, im Guten wie im Schlechten, ohne „Interview mit einem Vampir“ heute wohl anders aussähe. Anne Rice hat den Vampir als Protagonisten etabliert, und viele andere Kreativschaffende sind ihr gefolgt und haben das Potential dieses Konzepts ausgereizt, sowohl im positiven als auch im negativen Bereich.