Dracula: Sense & Nonsense

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Wenn man sich intensiver mit Bram Stokers „Dracula“ beschäftigt, kommt man an Elizabeth Miller irgendwann nicht vorbei: Die emeritierte Professorin der Memorial University of Newfoundland gilt als eine der führenden Autoritäten zu Stokers Roman, den sie seit 1990 zum Subjekt ihrer akademischen Forschung gemacht und auch einiges dazu publiziert hat. „Dracula: Sense & Nonsense“ gehört zu diesen Publikationen und ist darüber hinaus ein äußerst nützliches Werk, in dem sich Elizabeth Miller dazu anschickt, viele der Mythen, die „Dracula“, den Autor, die Entstehung und Hintergründe etc. umgeben, aufzuklären. Obwohl Miller hier viele Aspekte anreißt, handelt es sich bei „Dracula: Sense & Nonsense“ nicht um eine umfassende Darstellung oder Aufarbeitung dieser Themen. Stattdessen hangelt sich Miller thematisch an verschiedenen Mythen, Vorurteilen und Falschaussagen entlang, die in den über hundert Jahren seit der Publikation des Romans getätigt wurden – auch und gerade in der Fachliteratur. Dabei spart Miller sich selbst übrigens nicht aus. Alle ihre Widerlegungen belegt Miller ausgiebig und fundiert; sie erklärt genau, wie die Forschungslage zu den einzelnen Themengebieten aussieht, welche Belege es für die Aussagen gibt und warum die meisten bestenfalls mehr oder weniger begründete Annahmen und schlimmstenfalls reißerische Lügen sind.

Im ersten Kapitel, „The Sources for Dracula“, setzt sich Miller mit Falschaussagen zu Stokers Quellen und Inspirationen auseinander. Ein häufig zitierter „Fakt“ ist beispielsweise, dass Stoker viele Informationen, sei es zu Vampirismus, Vlad Țepeș oder Transsylvanien, von dem ungarischen Orientalisten Arminius Vámbéry erhielt, wofür es aber so gut wie keine Belege gibt, ebenso wie für die Behauptung, Jack the Ripper oder Elisabeth Báthory seine wichtige Inspirationsquellen.

Das zweite Kapitel, „Stoker and the Writing of Dracula“, beschäftigt sich mit Statements und beliebten Mythen zur Abfassung von „Dracula“, etwa dem, Stoker habe bereits als Kind den Roman geplant bis hin zur Aussage, Stoker sei Mitglied des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ gewesen und habe okkulte Verweise in „Dracula“ untergebracht. Auch die Frage, in wie weit Zeitgenossen wie Stokers Arbeitgeber Henry Irving oder Oscar Wilde „Dracula“ beeinflussten oder gar für die Figur des Grafen selbst Pate standen, erörtert Miller hier ausgiebig, ebenso wie die Herkunft der Figurennamen, die zum Teil auf Personen aus Stokers Umfeld zurückgehen.

In Kapitel 3, „The Novel“, kommt Miller auf Dinge wie die Datierung des Werkes oder die besondere Rolle von Quincy Morris im Vergleich zu den anderen Vampirjägern zu sprechen. Besonders interessant ist Millers Einordnung des später als Kurzgeschichte von Stokers Witwe Florence veröffentlichten Fragments „Dracula’s Guest“, dessen genaue Platzierung nach wie vor unklar ist. Das vierte Kapitel, „The Geography of Dracula“, schlägt in eine ähnliche Kerbe, setzte sich aber, der Titel verrät es bereits, mit Misskonzeptionen bezüglich der Handlungsorte auseinander, speziell den möglichen Vorbildern von Draculas Schloss – weder Schloss Bran noch Poenari, die Festung von Vlad Țepeș, eignen sich diesbezüglich, auch wenn dies in der Rezeption oft behauptet wird.

Die Verbindung Draculas zu Vlad Țepeș bekommt natürlich noch ein eigenes Kapitel gewidmet, das fünfte. Um es kurz zu machen, nein, Vlad der Pfähler lieferte nicht die Vorlage für Graf Dracula. Soweit es belegbar ist, stieß Stoker lediglich auf die eine oder andere Erwähnung des „Voivoden Dracula“, dessen Namen angeblich Teufel bedeutet und der gegen die Türken kämpfte, und fand, dass es sich hierbei um einen passenden Namen für einen Vampir handelt – ursprünglich sollte der Schurke des Romans „Count Wampyr“ heißen. Mit dem historischen Vlad Țepeș beschäftigte sich Stoker so gut wie überhaupt nicht, weshalb dessen Biografie auch keinen Einfluss auf den Vampir des Romans hatte. Tatsächlich wäre es sehr merkwürdig, hätte Stoker über Vlads bewegtes Leben und vor allem die vielen grausamen Details Bescheid gewusst und diese nicht in den Roman verarbeitet. Miller hat, nebenbei bemerkt, keinerlei Probleme damit, wenn Vlad und Dracula auf fiktiver Ebene vermischt werden, wie es in so vielen Filmen, Romanen und anderen Medien geschieht – ihr geht es darum, klarzustellen, dass der Voivode definitiv nicht als Vorlage für den Vampirgrafen diente. Im sechsten und letzten Kapitel evaluiert Miller schließlich wissenschaftliche Arbeiten zur Thematik, etwa kommentierte Ausgaben des Romans, Stoker-Biografien oder literarische Studien.

Durch die Strukturierung – Miller hangelt sich an den Falschaussagen und Mythen samt Quelle entlang, um sie dann zu widerlegen – sowie ihrem eher lockeren, nicht unbedingt akademisch anmutenden Stil liest sich „Dracula: Sense & Nonsense“ sehr angenehm und überfrachtet auch Leser, die sich noch nicht allzu intensiv mit der Materie beschäftigt haben, nicht mit Informationen. Zugleich ist allerdings eine gewisse Vertrautheit mit dem Roman (was eigentlich selbstverständlich sein sollte) sowie zumindest eine rudimentäre Kenntnis der Biografie Stokers von Vorteil. Gerade all jenen, denen es schwerfällt, aus den diversen Mythen, die um „Dracula“ und Stoker zirkulieren, die Wahrheit herauszufiltern, dürften mit Millers Werk ein brauchbares Hilfsmittel an die Hand bekommen.

Fazit: Kurzweilige Widerlegung diverser nach wie vor kursierenden Mythen und Falschaussagen bezüglich „Dracula“, Bram Stoker und allem, was dazugehört und zudem ein guter Start in die literarische Rezeption des Grafen.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Fright Night

Halloween 2021!
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Story: In Charley Brewsters (William Ragsdale) Nachbarschaft verschwinden Menschen, just als der enigmatische Jerry Dandrige (Chris Sarandon) ins Nachbarhaus einzieht. Schon bald findet Charley eher zufällig heraus, dass Dandrige ein Vampir ist – aber weder seine Mutter (Dorothy Fielding) noch seine Freundin Amy (Amanda Bearse) oder Kumpel „Evil Ed“ (Stephen Geoffreys) glauben ihm. Als Dandrige sich schließlich über Charleys Mutter Zugang zum Haus verschafft (Vampire müssen bekanntermaßen eingeladen werden) und ihn bedroht, wendet er sich verzweifelt an den Fernsehvampirjäger Peter Vincent (Roddy McDowall), der ihm allerdings ebenfalls nicht glaubt. Derweil beginnt Amy, sich Sorgen um Charley zu machen und heuert Vincent an, damit er Charley davon überzeugt, dass Dandrige kein Vampir ist. Doch das Gegenteil tritt ein und Dandrige beginnt damit, die Jugendlichen zu jagen, während sich Peter Vincent ängstlich in seiner Wohnung versteckt. Als schließlich „Evil Ed“ zum Vampir wird, spitzt sich die Lage endgültig zu…

Kritik: In den 80ern war das Genre des Vampirfilms noch weit weniger facettenreich, als es heute der Fall ist. Während in der Literatur komplexe Vampirprotagonisten bereits vorhanden waren, nicht zuletzt dank Anne Rice‘ „Interview with the Vampire“, waren sie im Kino noch eher rar und auf die Antagonistenrolle beschränkt. Dennoch zeigt sich in den Vampirfilmen der 80er bereits eine gewisse Bereitschaft, Genre-Konventionen aufzubrechen. Tom Hollands „Fright Night“ aus dem Jahr 1985 ist hierfür ein schönes Beispiel: Nach wie vor ist der Vampir beschränkt auf die Rolle des Monsters, zugleich ist sich der Film der Genre-Konventionen allerdings überaus bewusst und spielt genüsslich mit ihnen. Wir befinden uns gewissermaßen in einem Zwischenstadium: Die Vampirfilme der Hammer-Studios gehören bereits zum alten Eisen, es fehlt aber noch an der neuen Richtung, die das Genre in den 90ern dank Filmen wie „Bram Stoker’s Dracula“ und natürlich der Adaption von „Interview with the Vampire“ einschlagen würde. Sowohl „Fright Night“ als auch Joel Schumachers zwei Jahr später erschienener Film „The Lost Boys“ sind exemplarisch und versetzen den Vampirfilm vom transsylvanischen Schloss ins amerikanische Kleinstadtmilieu und einen moderneren Kontext.

Ironischerweise wirkt sich dieser Umstand weniger auf die Vampire selbst aus, diese sind, wie bereits erwähnt, nicht nur nach wie vor böse, sondern sogar noch entstellter und monströser, als es Christopher Lees Dracula jemals war. Stattdessen sind es die Jäger, bei denen die Metaaspekte und die Dekonstruktion des Genres zum Tragen kommt. In „The Lost Boys“ sind die Protagonisten gezwungen, sich an die wunderlichen „Frog Brothers“ zu wenden, ein Brüderpaar, das nicht nur in einem Comicladen arbeitet, sondern auch alles Wissen über Vampire aus Comics bezieht. Der Vampirjäger in „Fright Night“, Peter Vincent, erinnert immerhin visuell stark an Peter Cushings Van Helsing, ist aber eben nicht der stoische und kompetente Gelehrte der Hammer-Filme, sondern nur ein Schauspieler, der von den jugendlichen Protagonisten fast schon in Aktion gezwungen werden muss und erst gegen Ende seinen Mut findet. Dementsprechend ist er auch die eigentliche Hauptfigur, da sein Charakter die größte Entwicklung durchmacht, während die Van-Helsing-Figuren sonst eher die Mentorenrolle einnehmen und recht statisch sind.

Ein Teil der Handlung kann durchaus auf „Dracula“ zurückgeführt werden, wie Stokers Graf dringt auch Jerry Dandrige in die Welt der Protagonisten ein und verfügt über einen willigen Diener (Billy Cole) – dieser ist, im Gegensatz zu Renfield, allerdings bereits tot. Die Lucy-Rolle wird sogar auf zwei Figuren verteilt, zum einen „Evil Ed“, der zum vollständigen Vampir wird und eine äußerst tragische Todesszene bekommt, und zum anderen natürlich Amy, die sich aber nach Dandriges Tod wieder zurückverwandeln darf. Dandrige selbst ist zwar nicht wirklich sympathisch, bemüht sich aber zumindest zu Anfang um ein gewisses Maß und gibt Charley ja sogar die Gelegenheit, ihn einfach zu ignorieren. Chris Sarandon reichert seine Performance mit einigen kleinen Momenten an, die seine Figur ein wenig komplexer und runder machen, ohne dabei seine Bosheit zu verwässern. Davon abgesehen sind Dandrige und die anderen Vampire des Films sehr klassische Vertreter, können sich in Fledermäuse verwandeln, schrecken vor Kreuzen zurück (allerdings nur, wenn tatsächlicher Glaube dahinter steht) und sind stets blutgierig.

Besonderes Lob verdienen die praktischen Effekte und das Make-up, mit deren Hilfe alle Vampire im letzten Drittel ziemlich überdrehte Monstergestalten annehmen. All das ist äußerst beeindruckend und erinnert qualitativ und ästhetisch durchaus an John Carpenters „The Thing“. Auch sonst ist „Fright Night“ durch und durch ein Film der 80er, von der Ästhetik und dem Humor über den Gore-Faktor bis hin zur Musik. Tom Hollands Regie-Debüt inspirierte sowohl eine Fortsetzung (an der er allerdings nicht beteiligt war) als auch ein Remake, das im Jahr 2011 erschien und praktisch niemanden interessierte. Angeblich soll Hooper derzeit ein weiteres Sequel zum Original planen, das alle anderen Filme ignoriert.

Fazit: Kurzweiliger, etwas trashiger und humoriger 80er-Vampirstreifen, der einige Genrekonventionen hinterfragt und vor allem durch beeindruckende praktische Effekte und Make-up zu überzeugen weiß.

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Halloween 2021:
Batman: The Long Halloween Teil 1 & 2

Geschichte der Vampire: Secret Origins

Wo kommen Vampire eigentlich her? Damit meine ich nicht, wie die ursprünglichen Legenden und Geschichten entstanden sind (dazu gibt es viele Theorien und Erklärungsversuche), sondern die Ursprünge und „Werdungsgeschichten“ innerhalb der erzählten Welten. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über einige Entstehungsgeschichten der untoten Blutsauger bieten, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – bei der schieren Masse an Vampirmedien müsste man darüber schon mindestens ein Buch schreiben. Dennoch soll hier eine kleine Auswahl an Erklärungen für den untoten Zustand geboten werden, von mythologisch-religiös über magisch bis hin zu pseudowissenschaftlich.

Back to the Roots: Dracula
Die meisten frühen Vampirgeschichten sorgen sich nicht allzu sehr um den Ursprung der Blutsauger, und dementsprechend tun es auch die Protagonisten nicht, da sie viel mehr damit beschäftigt sind, zu überleben. Während die Werdegänge einzelner Vampire durchaus geschildert werden, wird die Gesamtheit der „Spezies“ bzw. des Phänomens in der Regel einfach nur als übernatürliches Vorkommnis behandelt, für das es keine tiefergreifende Erklärung gibt. In „Dracula“ ist das größtenteils zwar ebenso, aber immerhin gibt Bram Stoker eine kleine Andeutung, woher Vampire kommen könnten. Zwei Mal erwähnt Abraham Van Helsing im Rahmen seiner Ausführungen die „Scholomance“, die Dracula zu Lebzeiten besucht haben soll, eine Art schwarzmagische Schule aus der transsylvanischen Folklore, die vom Teufel selbst betrieben wird. Es werden jeweils nur zehn Schüler auf einmal ausgebildet, die zehnten gehören immer dem Satan und dürfen für ihn Stürme verursachen und einen Drachen reiten. Die Implikation ist für die wenigen, die mit dieser Legende vertraut sind, recht eindeutig: Dracula wurde an dieser Schule ausgebildet und war wahrscheinlich ein zehnter Schüler – eventuell wird jeder zehnte Schüler zum Vampir. Auf diese Weise wäre Satan persönlich für den Vampirismus verantwortlich und das würde natürlich auch die Anfälligkeit der Vampire gegenüber heiligen Symbolen erklären. Bei all den Weiterverarbeitungen von Dracula im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Aspekt interessanterweise kaum aufgegriffen.

Stattdessen haben aber viele Autoren und Regisseure beschlossen, Dracula selbst zum ersten Vampir zu machen. In „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) von Francis Ford Coppola ist zwar nicht klar, ob Dracula (Gary Oldman) tatsächlich der erste Vampir ist, aber immerhin entsteht er nicht auf normale Weise (Blutaustausch mit einem anderen Vampir, der im Film ja auch praktiziert wird), sondern indem er Gott verflucht und sein Schwert in ein Kreuz rammt, das daraufhin zu bluten anfängt. Nachdem Dracula von diesem Blut getrunken hat, ist er ein Vampir. Obwohl nicht explizit klargemacht, scheint die Implikation, dass der Vampirismus auf dieser Weise in die Welt dieses Films kam, relativ eindeutig.

In „Dracula 2000“ (auch bekannt als „Wes Craven’s Dracula“, die Horror-Legende führte hier aber nicht Regie, sondern produzierte lediglich, Regisseur war Patrick Lussier) ist der Graf ganz eindeutig der erste Vampir, Dracula bzw. Vlad Țepeș (Gerard Butler) ist allerdings nur eine von vielen Identitäten dieses Blutsaugers, und auch nicht die erste. Als Sterblicher war er Judas Iscariot, der als Buße für seinen Verrat an Jesus von Gott zum Vampirismus verflucht wurde – daher rühren sowohl die Aversion gegen heilige Symbole als auch gegen Silber (wegen der allseits bekannten 30 Silberstücke, die Judas für seinen Verrat bekommen haben soll). Damit greifen Lussier und Drehbuchautor Joel Soisson die nicht ganz unproblematische Sagenfigur des „Ewigen Juden“ bzw. „Wandernden Juden“ auf, der, je nach Version, von Gott zur Unsterblichkeit verdammt wird, u.a. auch, weil er Jesus schlecht behandelt. Gerade im Mittelalter und der Frühen Neuzeit erfreute sich der „Ewige Jude“ latenter Beliebtheit und im Nationalsozialismus feierte er natürlich ein großes Comeback, unter anderem in Form des üblen Propagandafilms „Der ewige Jude“ (1940). Tatsächlich kann diese Version von Dracula nicht sterben, weshalb „Dracula 2000“ noch zwei weitere Direct-to-DVD-Sequels erhielt. Die Idee, den Vampirismus mit jüdische-christlichen Elementen zu verbinden, war schon im Jahr 2000 nicht mehr neu und wird in diesem Artikel noch das eine oder andere Mal auftauchen.

Dracula (Dominic Purcell) fungiert auch in der Blade-Trilogie, spezifisch in „Blade: Trinity“ (2004), als Protovampir. Wie in „Dracula 2000“ ist er deutlich älter als Stokers Roman oder Vlad Țepeș, sogar älter als Judas und war schon Jahrtausende vor Christi Geburt im alten Babylon als Dagon aktiv, wurde irgendwann zu Dracula und nimmt in der Moderne dann schließlich den Namen Drake an. Hier fungiert er als erster der „Hominis nocturnae“, wie Vampire in der Blade-Trilogie gerne genannt werden, und verfügt über einige Qualitäten, die der gewöhnliche Vampire dieser Filmreihe nicht sein Eigen nennen kann, u.a. ist er in der Lage, Sonnenlicht auszuhalten, deutlich stärker als seine minderen Nachfahren und besitzt zudem begrenzte gestaltwandlerische Fähigkeiten.

Jene, die bewahrt werden müssen: Akasha und Enkil
Es kann gar nicht oft genug betont werden, wie essentiell Anne Rice‘ „The Vampire Chronicles“ für die Entwicklung des Vampir-Genres sind. Die meisten Tropen, die in der Vampirliteratur oder in den Vampirfilmen noch heute eine wichtige Rolle spielen und nicht von Bram Stoker stammen, etablierte Rice in den ersten drei Romanen dieser Serie, „Interview with the Vampire“ (1976), „The Vampire Lestat“ (1985) und „Queen of the Damned“ (1988). Dazu gehört nicht nur eine vampirische Gesellschaftsstruktur, sondern auch ein Ursprungsmythos für die Blutsauger. Bereits in „Interview with the Vampire“ sucht Louis nach dem Ursprung des Vampirismus, erhält aber weder von den hirnlosen, Nosferatu-artigen Vampiren Osteuropas, noch vom über 400 Jahren alten Armand in Paris eine Antwort. Anders ergeht es Lestat im Folgeroman, der im Verlauf seiner Abenteuer auf „Jene, die bewahrt werden müssen“, die ersten beiden Vampire, sowie ihren Wächter Marius trifft. Diese beiden Urvampire, Akasha und Enkil, waren zu Lebzeiten, viele Jahrtausende vor Christi Geburt, Herrscher des Landes Kemet, das später Ägypten werden sollte. Erst in „Queen of the Damned“ erfahren wir allerdings die vollständige Geschichte: Akasha ist die eigentliche Urvampirin, ihr Zustand resultiert aus einer Vereinigung mit dem bösen Geist Amel, dieser drang durch Wunden in ihren Körper ein und machte sie so zur Untoten. Enkil und alle anderen Vampire stammen von Akasha ab und sind an ihr Schicksal gebunden, sie ist die älteste und mächtigste Blutsaugerin. Wenn ihr etwas geschieht, wenn sie bspw. der Sonne ausgesetzt wird, erleiden alle anderen Vampire dasselbe Schicksal – aus diesem Grund der Spitzname „Jene, die bewahrt werden müssen“. Irgendwann im Verlauf ihres langen Lebens verfallen die beiden Urvampire in Starre und müssen vom bereits erwähnten Marius, einem römischen Vampir, behütet werden. In dieser Zeit werden „Jene, die bewahrt werden müssen“ zu Figuren der Legende, an die sich kaum noch jemand erinnert. Dabei bleibt es in „Queen of the Damned“ natürlich nicht, Akasha erhebt sich aus ihrem Jahrtausende dauernden Nickerchen, entledigt sich ihres Gemahls und strebt danach, die Welt zu beherrschen – mit Lestat an ihrer Seite. Daraus wird letzten Endes nichts und die Vampir-Zwillinge Maharet und Mekare, uralte Gegner Akashas, verschlingen ihr Herz, sodass Mekare zur neuen „Königin der Verdammten“ wird. Über die gleichnamige Verfilmung von „Queen of the Damned“, in der die 2001 tragisch verstorbene Aaliyah die Titelfigur mimt, breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Nach „The Blood Canticle“ (2003), dem zehnten bzw. zwölften Band der Serie (je nachdem, wie man die beiden Bücher der kurzlebigen Sub-Reihe „New Tales of the Vampires“ zählt), legte Anne Rice eine elfjährige Pause ein, da sie zwischenzeitlich ihren Katholizismus wiederentdeckt hatte und Romane über Jesus schrieb. In den 2010er-Jahren wandte sie zwar nicht Jesus, aber der Kirche wieder den Rücken zu und ab 2014 erschienen in jeweils zweijährigem Abstand drei neue Romane der „Vampire Chronicles“: „Prince Lestat“ (2014), „Prince Lestat and the Realms of Atlantis“ (2016) und „Blood Communion: A Tale of Prince Lestat“ (2018). Ich habe diese drei Bücher noch nicht gelesen, allem Anschein nach gibt es aber gerade bezüglich des Ursprungs der Vampire einige Retcons, u.a. scheinen sowohl das legendäre Atlantis als auch Aliens involviert zu sein, was nicht allzu berauschend klingt, weshalb ich nach wie vor zögere, die „Prince-Lestat-Trilogie“ zu konsumieren.

Biblische Ursprünge: Kain und Lilith

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Kains Mord an Abel, dargestellt in „Vampire: The Masquerade“

Wie oben bereits erwähnt liegt der Gedanke, dem Ursprung des Vampirismus eine religiöse Komponente zu verleihen, nahe – schon allein wegen der bekannten Abneigung der Blutsauger gegen Religion und religiöse Symbole. Das Konzept, dass vom biblischen ersten Mörder Kain übernatürliche Kreaturen abstammen könnte, ist ziemlich alt, bereits im altenglischen Gedicht „Beowulf“ (etwa um das Jahr 1000 herum entstanden) werden Grendel und seine Mutter als Nachfahren Kains bezeichnet. Die Idee, bei Kain könne es sich um den ersten Vampir handeln, stammt meines Wissens nach aus George R. R. Martins überaus gelungenem Vampirroman „Fevre Dream“ (1982), in welchem der mögliche Ursprung der Vampire zwar diskutiert wird, darüber hinaus aber keine große Rolle spielt; es ist eher ein Nachgedanke. Im Gegensatz dazu ist „Kain als erster Vampir“ für das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ (ab 1991) essentiell. In der sog. „Welt der Dunkelheit“ verflucht Gott Kain nach dem Mord an Abel dazu, für immer über die Erde zu wandern (wobei wir wieder beim „Wandernden Juden“ wären) und sich nicht mehr von den Früchten des Ackers ernähren zu können. Stattdessen soll er nach dem Blut seines Bruders dürsten, das er vergossen hat. Auf Englisch wird Vampir-Kain durch ein zusätzliches „e“ gekennzeichnet, also „Caine“. Im Verlauf der letzten dreißig Jahre und fünf Editionen hat sich zu diesem Thema einiges an Material angesammelt. Zwar existieren in „Vampire: The Masquerade“ durchaus auch parallele Entstehungsmythen, die sich diverser Elemente aus der ägyptischen, indischen, südamerikanischen und vielen weiteren Mythologien bedienen (und diese hier zu thematisieren den Rahmen des Artikels sprengen würde), aber der „Kains-Mythos“ ist letztendlich doch die dominante Ursprungserzählung. Anders handhabte man dies im Nachfolge-System „Vampire: The Requiem“, hier finden sich mehrere, konkurrierende Erzählungen, tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass die fünf Hauptclans völlig voneinander unabhängig entstanden sind. Aber zurück zu „Vampire: The Masquerade“: Neben einer ständigen Grundpräsenz des Kains-Mythos in fast allen Regelwerken gibt es mit „The Book of Nod“ (1993) „Revelations of the Dark Mother“ (1998) und „The Erciyes Fragments“ (2000) drei Bücher im pseudo-biblischen Stil, die erzählen, wie Kain mit Irad, Zillah und Enoch drei weitere Vampire zeugt, die ihrerseits wiederum die dreizehn Vampire erschaffen, die später die dreizehn Vampir-Clans des Rollenspiels gründen, zusätzlich zu ominösen Prophezeiungen, Gesetzen etc.

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Lilith-Relief

Zudem spielt auch Lilith, Adams erste Frau, eine Rolle. Bei Lilith handelt es sich um eine Immigrantin aus der mesopotamischen Mythologie, die es zwar nicht wirklich in die Bibel, aber doch in apokryphe Texte und den babylonischen Talmud geschafft hat und u.a. dazu genutzt wird, die Diskrepanz zwischen den beiden Schöpfungsberichten im Buch Genesis zu erklären – im einen erschafft Gott Mann und Frau gleichzeitig, im anderen entsteht die Frau aus der Rippe des Mannes. Lilith ist die Frau, die gleichzeitig mit Adam geschaffen wird, sich ihm aber nicht unterordnen (sprich: unten liegen) will und deshalb aus dem Garten Eden verbannt wird, um anschließend als Kinder stehlende Dämonin und Mutter von Ungeheuern Karriere zu machen. In „Vampire: The Masquerade“ ist sie keine Vampirin, tatsächlich lässt sie sich hier sehr schwer klassifizieren, spielt aber eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Kains neuen, finsteren Gaben, nur um schließlich von ihm verraten zu werden, weshalb sie einen tiefen Groll gegen ihn hegt. Ihre Sichtweise wird in „Revelations of the Dark Mother“ dargestellt. In vielen anderen Werken der Popkultur taucht Lilith allerdings tatsächlich als erste Vampirin auf – am prominentesten vielleicht in der HBO-Serie „True Blood“, dargestellt von Jessica Clark. Vor allem in den Staffeln 5 und 6 spielt sie eine prominente Rolle, fungiert als Antagonistin und wird von mehreren Fraktionen angebetet, natürlich unter Verwendung einer Bibel-artigen Schriftensammlung, des „Book of the Vampyr“.

Viren, Krankheiten und Familiendramen

Mythologien, besonders die jüdisch-christliche, sind ohne Zweifel eine beliebte Quelle für den Ursprung der Vampire, viele Autoren bedienen sich allerdings eines pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchs für den Vampirismus und bedienen sich meistens eines Virus, um die übernatürliche bzw. magische Komponente loszuwerden oder zumindest zu minimieren. Ein besonders prominentes Beispiel ist die von Len Wiseman, Kevin Grevioux und Danny McBride ins Leben gerufene Filmserie „Underworld“ (2003 bis 2016). Hier sorgt ein mysteriöser Virus in Kombination mit einer genetischen Mutation dafür, dass der ungarische Kriegsherr Alexander Corvinus (Derek Jacobi) unsterblich wird. Diese Eigenschaft gibt er an seine Söhne Marcus (Tony Curran) und William (Brian Steele) weiter, die jedoch durch die Bisse einer Fledermaus bzw. eines Wolfes zum ersten Vampir und ersten Werwolf weitermutieren und auf diese Weise ihrerseits zu Begründern zweier neuer „Gattungen“ werden. In der Blade-Trilogie wird der Vampirismus ebenfalls durch ein Virus erklärt, dessen erstes Opfer bzw. erster Nutznießer der oben erwähnte Dracula/Dagon/Drake ist. Auch in der von Guillermo del Toro und Chuck Hogan verfassten Vampir-Trilogie bestehend aus den Romanen „The Strain“ (2009), „The Fall“ (2010) und „The Night Eternal“ (2011) sowie der darauf basierenden Serie „The Strain“ hat Vampirismus die Züge einer seuchenartigen Krankheit, die hier allerdings nicht durch einen Virus, sondern durch Parasiten, hier Würmer, weitergegeben wird. Auch diese Idee ist nicht neu und wurde bereits in Brian Lumleys Romanreihe „Necoroscope“ (ab 1986) etabliert und erforscht.

Eine zwar magische, aber erstaunlich unmythologische Entstehung bietet im Kontrast dazu die Serie „The Vampire Diaries“. Die Vampire als übernatürliche Wesen sind hier noch verhältnismäßig jung (gerade einmal tausend Jahre). Die Urvampire der Serie, die „Originals“ (die unter diesem Namen eine Spin-off-Serie erhielten) waren ursprünglich eine Wikingerfamilie, die sich in Amerika ansiedelte und sich mit Werwölfen herumplagen musste. Um dem entgegenzuwirken, beschließen die Oberhäupter Mikael (Sebastian Roché) und Esther (Alice Evans), sich und ihre Kinder per Magie in Unsterbliche zu verwandeln, was aber nur bedingt klappt, da sie zu blutsaugenden Vampiren werden. Alle anderen Vampire der Serie stammen von einem Mitglieder der „Originals“ ab. Wie so häufig sind diese deutlich potenter und schwerer zu töten als gewöhnliche Vampire. Trotz der Präsenz von Magie fällt auf, dass hier jegliches religiöses Element völlig fehlt, wodurch die Hintergründe dieser Serie äußerst prosaisch daherkommen. Ich persönlich ziehe meistens einen gut ausgearbeiteten, mythologischen Ursprung vor, aus diesem Grund ist die Version mit Kain aus „Vampire: The Masquerade“ auch mein Favorit. Und selbst die oben genannten Vertreter der Virus-Version können es mitunter nicht lassen, die pseudobiologische Entstehung ihrer Vampire durch altehrwürdige Dokumente ein wenig zu mythologisieren.

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Art of Adaptation: Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi

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Was wäre, wenn Tod Browning „Dracula“ mit Bela Lugosi sich nicht am Skript des Theaterstücks von Hamilton Deane und John L. Balderston orientiert hätte, sondern stattdessen Stokers Roman sehr vorlagengetreu adaptiert (und auch ein deutlich höheres Budget gehabt) hätte? Diese Frage stellten sich die Künstler El Garing und Kerry Gammil und lieferten die Antwort darauf in Form des Comics „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi“. Dieses Werk verlangt natürlich nach einer Rezension, nicht zuletzt, da es sich dabei um die bislang engste Verzahnung der beiden Dracula-Prototypen handelt, Stokers Romanfigur und Bela Lugosis Darstellung. Auf einen der beiden, wenn nicht gar auf beiden gleichzeitig, lässt sich fast jede Interpretation der Figur zurückführen.

Die Handlung ist ganz eindeutig die des Romans und nicht des Films: Es ist Jonathan Harker, nicht Renfield, der den Grafen in Transsylvanien aufsucht, Mina ist nicht Dr. Sewards Tochter, Lucy Westenra trägt sowohl ihren vollen Nachnamen (im Browning-Film hieß sie nur Weston) und hat auch ihre drei Verehrer wieder, die Interaktionen zwischen Dracula und seinen Jägern werden im Vergleich zum Film stark zurückgefahren und die Verfolgung des Grafen wird ebenso wenig ausgelassen wie die zweite Reise nach Transsylvanien, um Dracula endgültig zu vernichten. Lange Rede, kurzer Sinn: Rein inhaltlich bewegt sich diese Comicadaption sehr nahe an der Vorlage, sogar deutlich näher als beispielsweise Georges Bess‘ Umsetzung. Auch strukturell gibt es keine Experimente, Jonathans Erfahrungen in Transsylvanien werden en bloc erzählt, bevor Whitby als Handlungsort zusammen mit den anderen Figuren eingeführt wird – der Comic bedient sich keiner wie auch immer gearteten Rahmenhandlung und es finden keine größeren Umstrukturierungen welcher Art auch immer statt. Die Tagebücher als Erzählinstanz bleiben ebenfalls erhalten und mehr als einmal stammen Erzähltext und Dialoge direkt von Stoker. Dennoch wird die Langatmigkeit der Vorlage effektiv vermieden, sodass sich die Handlung in relativ hohem (aber nicht zu hohem Tempo) voranbewegt. Es sind vor allem kleine Details, die Garing und Gammil geändert haben: Mina und Lucy wirken als Draculas Opfer beispielsweise williger, als es im Roman der Fall ist; zweifelsohne ist dies dem Umstand geschuldet, dass Bela Lugosi gewissermaßen den verführerischen Dracula begründet hat. Zusätzlich wird der Graf kurz vor seiner Vernichtung noch etwas aktiver und darf sich gegen seine Angreifer in stärkerem Ausmaß zur Wehr setzen.

Mehr noch als bei allen anderen Comicadaptionen von Stokers Roman ist es hier die grafische Umsetzung der Geschichte, die besonders hervorsticht, gerade weil die beiden Künstler sich dazu entschlossen haben, das Gesicht Bela Lugosis zu verwenden und so praktisch eine Version des Browning-Films imaginieren, die der Vorlage ziemlich genau folgt. Dieser Ansatz ist von Lugosis Erben ausdrücklich sanktioniert, sein Sohn Bela G. Lugosi und seine Enkelin Lynne Lugosi Sparks werden als „Executive Consultants“ genannt und haben ein Vorwort beigesteuert, während Stokers Urgroßneffe Dacre Stoker für das Nachwort verantwortlich ist. In diesem zentralen Aspekt des Werkes findet sich dann letztendlich auch die größte Abweichung von Stokers Text, denn der Graf im Roman sieht definitiv nicht aus wie Bela Lugosi. Davon abgesehen bleiben Garing und Gammil allerdings wieder recht nah an der Vorlage und bedienen sich beispielsweise nicht der für den Lugosi-Dracula typischen Kleidung (mit einer kurzen Ausnahme), sondern orientieren sich an Stoker – mit kleinen Zugeständnissen, etwa dem archetypischen Kragen. Auch das Jüngerwerden Draculas im Verlauf der Geschichte wird miteinbezogen. Zu Beginn gleicht Dracula im Comic dem älteren Lugosi, wie man ihn in „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ gesehen hat, während sich die junge Version, die später in London auftaucht, visuell an Lugosis frühesten Auftritten als Dracula im Theater in den späten 20ern orientiert.

Die anderen Figuren gleichen ihren Film-Gegenstücken hingegen kaum – vermutlich wäre das schwierig zu bewerkstelligen und/oder zu teuer gewesen. Bei Jonathan und Mina kann man vielleicht noch eine gewisse rudimentäre Ähnlichkeit feststellen, wobei beide im Comic relativ profillos aussehen. Garings und Gammils Van Helsing wirkt optisch interessanterweise ein wenig wie eine Fusion aus Edward Van Sloane und Peter Cushing – man fragt sich, ob das so beabsichtigt war. Ansonsten bemüht sich diese Adaption allerdings durchaus, die Atmosphäre der alten Universal-Horror-Filme zu rekreieren. Freilich ist ein Comic in seinen Mitteln keinesfalls so beschränkt, wie es Brownings „Dracula“ war – dennoch haftet diesem Werk eine gewisse Bodenständigkeit an, besonders wenn man ein weiteres Mal Georges Bess‘ Interpretation zu Vergleichszwecken heranzieht. Gleichwertiger Symbolismus oder die extrovertierte Bildsprache des französischen Künstlers fehlen ebenso wie die harten Kontraste – wo Bess‘ Adaption im eigentlichen Wortsinn schwarz-weiß ist, arbeiten Garing und Gammil mit den Grautönen eines klassischen Schwarz-Weiß-Filmes. Dementsprechend sind die Bilder ziemlich naturalistisch und detailliert, wobei der Fokus immer auf Draculas bzw. Lugosis Gesicht liegt, das die entsprechenden Seiten meistens ohne wenn und aber dominiert.

Es dürfte kaum verwundern, dass die Bildkomposition und die, nennen wir es „angedeutete Kameraführung“, origineller und dynamischer sind als in Brownings doch recht statisch geratenem Film, trotz des Versuchs, dessen Bildsprache einzufangen. Ebenso ist es keine Überraschung, dass der Comic deutlich expliziter ist und Dinge zeigt, die 1931 ganz sicher nicht durchgegangen wären. Dracula ist beim Trinken zu sehen (und hat, anders als im Film, eindeutig spitze Eckzähne), es fließt ordentlich Blut, die Szenen mit den Draculas Gespielinnen sind höchst suggestiv und auch vor sehr blutigen Pfählungen wird nicht zurückgeschreckt. Auf diese Weise suchen Garing und Gammil stets den Kompromiss zwischen Browning und Lugosi auf der einen und Stoker und einer moderneren, expliziteren Darstellung auf der anderen Seite. Hin und wieder führt das jedoch zu unfreiwillig komischen Panels, etwa als Van Helsing kurz über Draculas Vergangenheit referiert und man als Leser einen Flashback aus Draculas kriegerischen Tagen gezeigt bekommt, in welchem der Graf als grimmiger Krieger in Rüstung zu sehen ist, die einfach nicht mit Lugosis Zügen harmonieren will.

Fazit: „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi” ist ein faszinierendes Experiment, das die Brücke zwischen dem Roman und Tod Brownings Film schlägt bzw. die Frage beantwortet, wie eine vorlagengetreue Adaption mit Lugosi wohl ausgesehen hätte. Vor allem Fans des Lugosi-Draculas und der klassischen Universal-Filme werden sich an diesem Comic zweifellos erfreuen, wer jedoch mit dem Vermächtnis des Grafen nicht allzu gut vertraut ist oder keine besondere Bindung zum Film von 1931 hat, ist mit einer der vielen anderen Umsetzungen wahrscheinlich besser bedient, denn insgesamt betreten El Garing und Kerry Gammil abseits der Verwendung von Lugosis Gesicht nicht wirklich neuen Boden.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stoker’s Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula

Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Trotz ambitionierter Thronfolger wie Lestat de Lioncourt oder (würg) Edward Cullen ist Dracula weiterhin fraglos der König der Vampire. Ebenso so fraglos ist jedoch, dass diese Stellung nicht allein auf Stokers Roman zurückzuführen ist, der bestenfalls mäßig erfolgreich war, sondern auf die filmischen Adaptionen – primär diejenigen der Universal-Studios. Es hat seinen Grund, dass kaum ein Dracula aus der Myriade an Filmen und Fernsehserien der Beschreibung aus Bram Stokers Roman gleicht, denn weitaus stärker als von Stokers Worten ist das popkulturelle Bild des Grafen von Aussehen und Darstellung Bela Lugosis geprägt.

Präludium
Tod Brownings Verfilmung von „Dracula“ ist nicht die erste ihrer Art. „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“, Friedrich Willhelm Murnaus unautorisierte Adaption des Romans aus dem Jahr 1922, ist natürlich ebenfalls weithin bekannt, war sie doch nur marignal weniger einflussreich, zumindest auf das Genre des Vampirfilms als Ganzes. „Nosferatu“ war allerdings ebenfalls nicht die erste Filmversion von Dracula, diese Ehre gebührt der ungarischen Produktion „Drakula halála“, auch wenn wirklich kaum von einer Adaption von Stokers Roman die Rede sein kann. Der 1920 von Károly Lajthay gedrehte und 1921 erschienene Film gilt als verschollen, mithilfe einer Prosafassung konnte allerdings zumindest die Handlung rekonstruiert werden, die mit „Dracula“ freilich wenig gemein hat. Während die üblichen gotischen Stereotype bedient werden, scheint nicht einmal klar zu sein, ob es sich beim titelgebenden Drakula tatsächlich um einen Vampir oder nur um einen bösartigen Satanisten mit einer Vorliebe für verfallene alte Schlösser handelt. In seinem Aufsatz „Discovery of a Hungarian Drakula“ stellt Lokke Heiss fest, dass es zwischen „Drakula halála“ und Gaston Lerroux‘ „Phantom der Oper“ eine deutlichere inhaltliche Parallele gibt als zwischen dem ungarischen Film und Stokers Roman. Weder „Draukla halála“ noch „Nosferatu“ können sich allerdings damit schmücken, offizielle Adaptionen von Stokers Roman zu sein. Dieser Titel gebührt einem Theaterstück.Drakula_halála

Florence Stoker, Bram Stokers Witwe, beschloss nach diesen unautorisierten Bearbeitungen (und einem Rechtsstreit gegen das Nosferatu-Studio Prana) schließlich, die Rechte am Werk ihres Mannes tatsächlich zu veräußern, und zwar an einen gewissen Hamilton Deane. Stoker selbst, der immerhin am Lyceum Theatre für Sir Henry Irving, eine der Inspirationen für Dracula, gearbeitet hatte, hatte selbst Absichten, den Graf auf die Bühne zu bringen, doch daraus wurde letztendlich nichts, es kam nur zu einer einzigen Aufführung kurz vor der Publikation des Romans. Hamilton Deane bearbeitete und kürzte die Handlung stark, nicht zuletzt um die Zensur zu befriedigen. Am 14. Februar 1924 fand im Grand Theatre in Derby, England schließlich die Uraufführung statt, Deane selbst spielte Van Helsing, während Edmund Blake die Rolle Draculas übernahm.

Drei Jahre später, 1927, debütierte der Graf am Broadway. John L. Balderston überarbeitete das Deane-Skript und reduzierte u.a. die Anzahl der Figuren noch weiter. Für diese Version des Stückes schlüpfte erstmals der ungarische Schauspieler Bela Blaskó, der sich nach seiner Geburtsstadt Lugos Bela Lugosi nannte, in die Rolle des Grafen. Das Stück erwies sich als durchschlagender Erfolg, weshalb gerade dieser Erfolg sowie das Skript selbst und nicht der Roman die Grundlage für die erste „echte“ Dracula-Verfilmung lieferten. Sowohl Lugosi als auch Van-Helsing-Darsteller Edward Van Sloan blieben der Leinwandversion erhalten, Regie führte Tod Browning (mit Unterstützung von Karl Freund) und produziert wurde der Streifen von Carl Laemmle Jr., dem Sohn des Universal-Gründers und zu dieser Zeit „Head of Production“ des Studios.

Anpassungen der Handlung
Das Hamilton/Deane-Theaterstück, das in zwei Fassungen existiert, jeweils für die britischen und die amerikanischen Bühnen, ist die wahrscheinlich reduzierteste Version von Stokers Geschichte, tatsächlich fällt der gesamte Teil, der in Transsylvanien spielt, der Schere zum Opfer. Fast die gesamte Handlung spielt in und um Dr. Sewards Sanatorium. Todd Brownings Film behält das zum großen Teil bei, fügt den Anfang in Transsylvanien allerdings wieder ein – nur ist es hier Renfield (Dwight Frye), der den Grafen auf seinem Schloss besucht, um ihm beim Kauf einer englische Immobilie zu helfen, nicht Jonathan Harker. Die Szenen nehmen einen recht ähnlichen Verlauf wie im Roman, inklusive der Begegnung mit den drei Vampirinnen, allerdings lässt Dracula Renfield nicht auf seinem Schloss zurück, sondern macht ihn zu seinem willenlosen Diener und nimmt ihn mit zurück nach Großbritannien, wo er schließlich in Dr. Sewards (Herbert Bunston) Anstalt landet und dort seine Romanrolle einnimmt. An dieser Stelle kommen die anderen Figuren ins Spiel, allerdings mit deutlichen Modifikationen, denn hier beginnt die filmische Tradition, die Namen, Funktionen und Verwandtschaftsverhältnisse von Stokers Charakteren wild durcheinander zu werfen. Jonathan Harker (David Manners), im Film stets John genannt, ist nach wie vor mit Mina (Helen Chandler) verlobt, deren Nachname nun allerdings nicht mehr Murray lautet, sondern Seward, da sie hier die Tochter des im Film deutlich älteren Doktors ist. Ebenfalls mit einem reduzierten Namen muss Lucy Weston (Frances Dade) zurechtkommen, die nach wie vor Minas Freundin ist, aber ihre drei Verehrer verloren hat – Dr. Seward nimmt ihr gegenüber eher eine väterliche Rolle ein, Arthur Holmwood und Quincey Morris tauchen nicht auf. Dies ist übrigens auch eine Änderung gegenüber dem ursprünglichen Skript von Hamilton Deane, in welchem Seward und Arthur als Lord Godalming durchaus romantisches Interesse an ihr zeigen.

Der grundlegende Plot folgt Stoker, Lucy wird Draculas erstes Opfer, nach ihrem Tod wendet er sich Mina zu, während Van Helsing als Gegenspieler fungiert und Renfield Gefallen am Verspeisen von Fliegen und Spinnen findet. Diese Handlung ist jedoch deutlich simplifiziert, es finden keine umfangreichen Nachforschungen statt, stattdessen interagieren Dracula und seine Jäger deutlich häufiger miteinander. Die finale Verfolgungsjagd nach Transsylvanien findet ebenfalls nicht statt, stattdessen kommt es in Carfax Abbey zur finalen Konfrontation zwischen Dracula und Renfield auf der einen und Seward, Van Helsing und Harker auf der anderen Seite, die schließlich mit dem Tod des Grafen und Renfields sowie Minas Heilung endet.

Filmische Qualitäten
Man merkt Brownings „Dracula“ die Theaterherkunft ebenso an wie das niedrige Budget und die „Übergangspahse“, in der der Film entstand: 1927 feierte der Tonfilm mit „The Jazz Singer“ seinen Durchbruch und hatte bis 1936 den Stummfilm fast völlig verdrängt. „Dracula“ entstand genau in der Mitte dieser Phase; Kinos, die noch nicht über die nötige Ausrüstung verfügten, erhielten beispielsweise noch eine Stummfilmversion. Gerade in Anbetracht unserer modernen Konventionen ist das alles besonders auffällig – so verfügt „Dracula“ beispielsweise über keinen Score, lediglich über die Titeleinblendung erklingt ein Ausschnitt von Tschaikowskis „Schwanensee“ und in der Opernszene ist Wagner zu hören. 1998 komponierte Philip Glass einen Score für eine restaurierte Fassung des Films, die mir auf DVD allerdings noch nicht untergekommen ist; auf CD oder als Download ist Glass‘ Arbeit, für die er das Kronos-Quartett verpflichtete, allerdings problemlos erhältlich.

Auch sonst ist Brownings Film äußerst statisch geraten, sodass oft der Eindruck einer abgefilmten Theaterproduktion entsteht; gerade im direkten Vergleich wirkt Murnaus „Nosferatu“ deutlich dynamischer, nicht zuletzt bedingt durch das beeindruckende Spiel mit Licht und Schatten. Visuell ist der Anfang des Films mit Abstand am beeindruckendsten, hier gelingt es Browning, eine ebenso dichte wie unheimliche Atmosphäre zu kreieren und Draculas Schloss exzellent in Szene zu setzen. Die meisten folgenden Szenen sind allerdings lange Gespräche in relativ uninteressanten Innenräumen. „Dracula“ hat darüber hinaus massiv mit der Zensur zu kämpfen und ist deshalb, im besten Sinne des Wortes, blutleer und zahnlos. Jegliche Vampirangriff findet off-screen bzw. versteckt hinter Draculas Umhang statt. Der Handlungsstrang um die zur Vampirin gewordene Lucy wird einfach ignoriert und selbst Draculas Pfählung muss off-screen stattfinden.

Ein besonderes Kuriosum ist die spanische Version des Films: In den 30ern synchronisierte man noch nicht, stattdessen war es gängige Praxis, mit denselben Sets und demselben Skript, aber unterschiedlichen Schauspielern, mehrsprachige Versionen desselben Films zu drehen. Tagsüber entstand Tod Brownings „Dracula“, nachts führte George Melford bei „Drácula“ Regie. Gerade bezüglich der filmischen Qualitäten gilt Melfords Arbeit als die bessere, er setzt die Kamera effektiver und dynamischer ein, seine Version ist deutlich weniger statisch und theaterhaft. Mehr noch, Melford konnte das Material, das Browning tagsüber gedreht hatte, einsehen, und basierend darauf Verbesserungen vornehmen. Interessanterweise ist die spanische Version gut eine halbe Stunde länger als die englische und auch expliziter, sowohl in Bezug auf Erotik als auch Gewalt – obwohl das nach heutigen Maßstäben natürlich nach wie vor sehr zahm ist. Der Lucy-Subplot wird zumindest verbal aufgelöst, auch wenn man ihre Pfählung nach wie vor nicht sieht und sie in der spanischen Version Lucía (Carmen Guerrero) heißt. Auch die Namen einiger anderer Figuren wurden geändert, Jonathan/John heißt nun Juan (Barry Norton) und statt Mina wird Eva Seward (Lupita Novar) Draculas finales Opfer. Renfield (Pablo Alvarez Rubio), Dr. Seward (José Soriano Viosca) und Van Helsing (Eduardo Arozamena) bleiben unverändert. Besonders Lupita Tovar, die erst 2016 im Alter von 106 Jahren verstarb, wird als deutlich bessere Version von Mina als ihr englisches Gegenstück Helen Chandler wahrgenommen. Zugleich fehlt der Melford-Version allerdings ein entscheidendes Element: Bela Lugosi als Dracula.

Lugosis Graf
In Stokers Roman wird Dracula als hochgewachsener alter Mann mit hageren Gesichtszügen, einer markanten Nase, einem Schnurrbart, einem harten Mund mit langen, spitzen Zähnen (welche es sind spezifiziert Stoker nicht, aber natürlich denkt man inzwischen an die Eckzähne), die über die Lippen hinausragen, und haarigen Handflächen beschrieben. Im Verlauf des Films wird Dracula jünger, was sich primär auf seine Haarfarbe auswirkt, die zu Beginn weiß ist, dann grau und schließlich schwarz wird. Das ist allerdings nicht das Bild, das man gemeinhin bei der Erwähnung des Namens Dracula im Kopf hat. Hier zeigt sich der massive Einfluss des Browning-Films: Die Darstellung des Grafen, die für das Theaterstück entworfen und für den Film übernommen wurde, ist nach wie vor die dominante, Tod Brownings bzw. Bela Lugosis Dracula, und nicht Stokers, ist der Standard, von der Abendgarderobe mit Cape über die kurzen, schwarzen Haare und den osteuropäischen Akzent (im Roman spricht Dracula praktisch akzentfrei Englisch). Nun, was macht Lugosis Dracula so besonders? Unabhängig davon, ob man der Meinung ist, dass diese Inkarnation der Figur funktioniert oder nicht, sie bleibt auf jeden Fall im Gedächtnis. Selbst unter Lugosis Nachfolgern sind die Meinungen hierzu geteilt. Christopher Lee beispielsweise, ohnehin ein Fan von Stokers Roman und immer (meistens vergeblich) bemüht, sich der Vorlage anzunähern, war nicht allzu begeistert von Brownings Film oder Lugosis Darstellung, während Gary Oldman Lugosi als seinen Lieblings-Dracula bezeichnet und in „Bram Stoker’s Dracula“ seine Stimmlage und seinen Akzent an Lugosi anlehnte.

1931 mag das noch anders gewesen sein, aber nach heutigen Maßstäben wirkt Lugosis Darstellung des Grafen nicht mehr allzu furchterregend. Das liegt zum einen daran, dass die Performance mit ihren übermäßig theatralischen Gesten schlicht nicht mehr zeitgemäß ist, zum anderen wurde Lugosis Graf zu oft parodiert oder nachgeahmt – ein Schicksal, dass er mit vielen anderen Horror-Figuren teilt, sei es die besessene Regan MacNeil aus „The Exorcist“, das Xenomorph aus „Alien“ oder, oder, oder, oder… Dennoch haftet diesem Grafen etwas Besonderes an. Lugosi hat ein einprägsames, keinesfalls alltägliches Gesicht das, verbunden mit der hypnotischen Präsenz, die von ihm ausgeht, wohl in letzter Konsequenz dafür gesorgt hat, dass Lugosi für lange Zeit DER Dracula war und immer noch die Inkarnation des Grafen, die den meisten bei der Nennung des Namens in den Sinn kommt.

Nicht nur optisch, auch charakterlich unterscheidet sich die Browning/Lugosi-Adaption der Figur stark von Stokers Graf. Ich schrieb es bereits in meinem Artikel zum Roman, möchte es hier aber noch einmal betonen, denn angesichts der vielen, vielen medialen Auftritte des Grafen in den etwa 100 Jahren seit „Nosferatu“ vergisst man es ganz gerne: Stokers Dracula ist ohne wenn uns aber böse. Er ist nicht tragisch, er ist nicht romantisch, anziehend oder attraktiv, weder Lucy noch Mina geben sich ihm in irgendeiner Form freiwillig hin oder fühlen sich auch nur in Ansätzen von ihm angezogen. Zwar ist auch Lugosis Graf kein komplexer Widersacher, wirkt aber doch deutlich eleganter und attraktiver als sein literarisches Gegenstück. Wo Stokers Figur zwar den Adelstitel führt, aber sich so gut wie gar nicht in gesellschaftlichen Kreisen bewegt (tatsächlich taucht er im Roman nur selten auf und interagiert kaum mit den Helden), besucht Lugosis Graf die Oper und gibt sich als mysteriöser Gentleman, der auf die anwesende Lucy Weston durchaus anziehend wirkt. Er parliert jovial und übt sich relativ mühelos im Smalltalk, was ihm im Roman mit Jonathan Harker nie ganz so effektiv gelingen mag. Mehr noch, ihm haftet eine Melancholie, eine Todessehnsucht an, die der Romanfigur, bis auf ein oder zwei extrem subtile Andeutungen, ebenfalls fehlt. So erklärt er Lucy: „To die, to be really dead, that must be glorious.” Viele dieser charakterlichen Änderungen sind letztendlich dem Wechsel vom Roman zur Theaterbühne bzw. zum Film mit beschränkten Mitteln zu verdanken. Stück und Film sind auf Dialogszenen in wenigen Räumlichkeiten angewiesen und können keine elaborierte Spurensuche inszenieren, weshalb die Autoren des Skripts bzw. des Drehbuchs gezwungen waren, Dracula deutlich mehr mit den Helden im Dialog interagieren zu lassen. Wie essentiell Lugosi in diesem Film ist, zeigt sich bei der Betrachtung der spanischen Version: Bei all den Vorzügen, die diese hat, kann ihre Version des Grafen, dargestellt von Carlos Villarías, schlicht nicht mit Lugosis einnehmender, hypnotischer Performance mithalten.

Sequels und Vermächtnis
Obwohl Bela Lugosis Name und Gesicht bis heute untrennbar mit Dracula verbunden sind, spielte er für Universal nur noch ein weiteres Mal den Grafen, und zwar in dem eher parodistisch angehauchten „Abbott and Costello Meet Frankenstein“, in welchem neben Dracula und Frankensteins Kreatur auch noch Lawrence Talbot, der „Wolf Man“ auftaucht. Lugosi spielte allerdings in ähnlich gearteten Filmen mit, darunter etwa „Mark of the Vampire“ (1935), das Remake des Stummfilms „London after Midnight“ – beide gedreht von Dracula-Regisseur Tod Browning. Hier spielt Lugosi Graf Mora, der stark an seinen Dracula erinnert, sich jedoch am Ende als falscher Vampir entpuppt. Zusätzlich gab er Dracula noch häufig auf der Bühne und war auch sonst in vielen Universal-Horror-Filmen zu sehen, etwa späteren Teilen der Frankenstein-Reihe oder Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen.

Nach dem Erfolg ließ es sich Universal nicht nehmen, Brownings „Dracula“ direkt fortzusetzen, allerdings ohne den Grafen dafür, wie es in den Hammer-Sequels der Fall war, wieder von Toten zurückzuholen. In „Dracula’s Daughter“ (1936) von Lambert Hillyer wählte man einen anderen, interessanten Ansatz: Der Film setzt dort an, wo „Dracula“ endete: Van Helsing (abermals gespielt von Edward Van Sloan) muss sich vor der Polizei für die beiden Leichen von Renfield und Dracula verantworten, gibt freimütig zu, für sie verantwortlich zu sein, und wird daraufhin eingesperrt. Die titelgebende Tochter Draculas ist Gräfin Marya Zaleska (Gloria Holden), die eine deutlich tragischere Vampirin ist als ihr Vater und mit ihrem untoten Zustand hadert, nur um letztendlich doch vom Blutdurst übermannt zu werden. Das 1943 erschienene „Son of Dracula“ hat dagegen nur noch bedingt etwas mit dem Original zu tun. In diesem Pseudo-Sequel macht ein gewisser Graf Alucard (gespielt von Lon Chaney jr.) dieses Mal die vereinigten Staaten unsicher.

Der Graf selbst tauchte neben „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ noch in weiteren, an Parodie grenzenden Crossover-Filmen auf: Sowohl in „House of Frankenstein“ (1944) als auch in „House of Dracula“ (1945) wird er von John Carradine gespielt – interessanterweise wohl der erste Dracula-Darsteller, der den von Stoker beschriebenen Schnurrbart im Gesicht trägt. Davon abgesehen haben diese Filme freilich nur noch wenig mit Stokers Roman zu tun.

Wie bereits erwähnt war der Einfluss des Films von 1931 über die direkten und indirekten Sequels hinaus extrem weitreichend – Bela Lugosis Dracula war der Graf, an dem sich alle anderen lange messen mussten und es war sein Bild, das die popkulturelle Wahrnehmung des Grafen über Jahrzehnte hinaus prägte. Darüber hinaus wurde auch das ursprüngliche Skript 1979 ein weiteres Mal verfilmt. Regie führte John Badham, während Frank Langella einen äußerst romantischen Dracula spielte. Mel Brooks‘ „Dracula: Dead and Loving It“ basiert ebenfalls auf dem Deane/Balderston-Skript und parodiert primär den Browning-Film bzw. den Lugosi-Grafen – mit der einen oder anderen Anspielung auf Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Zusätzlich versuchte Universal in den 2000ern und 2010ern immer wieder, den „studioeigenen“ Dracula bzw. das ursprüngliche „Universal Monsters Franchise“ wiederzubeleben, zuerst mit „Van Helsing“ (2004), in welchem, ähnlich wie in den oben erwähnten Crossovern, neben Dracula (hier Richard Roxburgh) auch Frankensteins Monster und diverse Werwölfe Transsylvanien unsicher machen. Mit „Dracula Untold“, einer Dracula-Origin-Story mit Luke Evans, folgte 2014 ein weiterer Versuch, ein Crossover-Franchise zu starten und auch im grandios gescheiterten „Dark Universe“ hätte Dracula wohl mit Sicherheit eine Rolle spielen sollen.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Nosferatu

Dracula, Motherf**ker!

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Der Graf ist, wie in allen anderen Medien, auch im Comicbereich weiterhin nicht totzukriegen, und somit geht meine Reise ebenfalls weiter. Nachdem Georges Bess‘ Adaption von Stokers Roman zwar visuell opulent, aber insgesamt sehr konventionell und vorlagengetreu war, folgt nun mit „Dracula, Motherf**ker!“ quasi genau das Gegenteil, sowohl in inhaltlicher als auch in visueller Hinsicht. Dieser 2020 bei Image erschienene, von Alex de Campi verfasste und von Erica Henderson illustrierte Comic hat mit Stoker nicht mehr allzu viel zu tun. 1889 (also noch bevor Stokers Roman eigentlich stattfinden würde) wird Dracula in Wien von seinen Bräuten gepfählt, im Los Angeles des Jahres 1974 kehrt er zurück. Junge Frauen finden den Tod und natürlich sind die Bräute des Grafen ebenfalls noch aktiv. Quincey Harker, seines Zeichens Fotograf von Verbrechensschauplätzen, wird in die Geschichte hingezogen, als er den Tatort des Mordes an der Schauspielerin Bebe Beauland ablichten soll.

Wie viel „Dracula“ steckt nun also in „Dracula, Motherf**ker!“? Um ehrlich zu sein, nicht allzu viel. Quincey Harker ist natürlich der Name des Sohnes von Mina und Jonathan, aber abgesehen von diesem Namen hat der Protagonist des Comics nichts mit den Figuren des Romans zu tun. Ebenso verhält es sich mit dem Vampir dieser Geschichte, der kaum von Stokers Vampir beeinflusst ist, sondern vielmehr auf Alucard aus „Hellsing“ basiert, der zwar zugegebenermaßen seinerseits eine Version von Dracula ist, aber jeder Dracula-hafte Aspekt, bzw. jeder Aspekt, der auf Draculas ehemalige Menschlichkeit hinweist, und sei es das Äußere, wurde getilgt. Im Nachwort „On Monsters“, in dem Alex de Campi die kreativen Prozesse erläutert (und „Hellsing“ auch explizit als Inspiration nennt), erklärt sie, dass es ihr Ziel war, Dracula von jedwedem verführerischen Aspekt zu befreien und ihn stattdessen zu einem „nameless, faceless ancient terror“ zu machen – eben Alucard auf seiner höchsten Fähigkeitenstufe, eine formlose Ausgeburt aus Augen und Zähnen, mehr lovecraft’scher Schrecken denn tatsächlicher Vampir. Zuerst einmal muss noch einmal betont werden, dass der verführerische Dracula fast ausschließlich auf spätere Adaptionen zurückzuführen und bei Stoker kaum auftaucht – im Roman mischt sich der Graf nie unter die feine Gesellschaft, es ist erst Bela Lugosi, der in dieser Richtung tätig wird. Tatsächlich war es ja auch Georges Bess‘ Ansinnen, den Grafen zu seinen monströsen Wurzeln zurückzuführen.

Wie dem auch sei, letztendlich ist „Dracula, Motherf**ker!“ primär style over substance, der Comic schwelgt regelrecht in psychedelischen Bildern mit ausdrucksstarker Farbgebung. Im Bereich Handlungsentwicklung oder Figurenzeichnung passiert nicht wirklich viel, vielmehr stolpert Quincey Harker durch ein alptraumhaftes, surreales Los Angeles, angefüllt mit menschlichen und unmenschlichen Blutsaugern. Tatsächlich wird es irgendwann recht schwer zu sagen, was eigentlich passiert und wie die Handlung weiter verläuft. Auch die Idee der Bräute Draculas wird zumindest ansatzweise bearbeitet – bezeichnend ist hier natürlich, dass sie ihn vor Beginn der Romanhandlung bereits ausschalten, wenn auch temporär – aber diesbezüglich bleibt der Ansatz ebenfalls oberflächlich und geht irgendwann im Rausch der Bilder verloren. De Campis und Hendersons Arbeit scheint eher ein visuelles Sinnieren über die Dracula- und Vampirthematik denn eine wirkliche, inhaltliche Auseinandersetzung in irgendeiner Form mit dem Roman zu sein.

Fazit: „Dracula, Motherf**ker!“ ist ein interessantes visuelles Experiment mit einigen ansprechenden Ideen und opulenten Bildern, aber kaum Handlung. Letzten Endes hat dieser Comic zumindest mit Stokers Roman kaum etwas zu tun, sondern wirkt eher wir eine amerikanische Adaption einiger Elemente von „Hellsing“

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula

Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula

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Heimtückisch, dieser Splitter-Verlag: Veröffentlicht einfach eine neue Comicadaption von „Dracula“ in einer üppigen Luxusausgabe, wohl wissend, dass ich das einfach nicht ignorieren kann. Mit Ausnahme von Pascal Grocis eher eigenwilliger Interpretation habe ich bislang primär anglo-amerikanische Comicadaptionen von Stokers Roman besprochen, nun kommt eine französische hinzu. Der 1947 geborene Georges Bess, der bereits mit Comic-Größe und Beinahe-Dune-Regisseur Alejandro Jodorowsky zusammenarbeitete, fungiert hier als Autor und Zeichner in Personalunion – es handelt sich also mal wieder um einen Comic, hinter dem ein einzelner kreativer Kopf steht. Gerade bei einer Geschichte wie „Dracula“ ist es jedes Mal interessant zu sehen, wie der Künstler sie wahrnimmt, welche Anpassungen er vornimmt und welche eigenen Ideen er einbringt.

Im Großen und Ganzen hält sich Bess relativ genau an Stokers Handlung: Jonathan Harker reist nach Transsylvanien, um Graf Dracula beim Erwerb der Immobilie Carfax behilflich zu sein, entdeckt, dass auf dem Schloss des Grafen merkwürdige Ereignisse vor sich gehen und der Gastgeber ein blutsaugendes Monster ist. Während er auf dem Schloss festgesetzt wird, reist der Graf nach England, um Lucy Westenra, die beste Freundin von Harkers Verlobter Mina, auszusaugen. Dies ruft wiederum ihre drei Verehrer Arthur Holmwood, Jack Seward und Quincey Morris sowie den holländischen Arzt Abraham Van Helsing auf den Plan, denen es aber nicht gelingt, Lucys Vampirwerdung zu verhindern. Derweil entkommt Jonathan Harker und nach Lucys „Gnadenpfählung“ macht man sich gemeinsam daran, den Grafen zu jagen, der seinerseits bereits von Mina gekostet hat. Vor Draculas Schloss kommt es dann schließlich zum Showdown. All das stammt von Stoker, all das findet sich auch bei Georges Bess. Dennoch gibt es in der Strukturierung der Geschichte einige Unterschiede. So beginnt Bess, anders als jede Dracula-Adaption, die mir untergekommen ist, in Whitby mit Mina und Lucy. Diese Eröffnungsszene, in der sich die beiden Frauen mit dem alten Swales über die leeren Gräber auf dem Abtei-Friedhof unterhalten, stammt direkt aus dem Roman, kommt dort aber deutlich später. Erst dann springt Bess zum eigentlichen Anfang, sprich: Jonathan Harkers Reise zu Dracula. Jonathans Aufenthalt im Schloss wird wie im Roman ohne Unterbrechung erzählt. Eine inhaltliche Änderung nimmt Bess an der Begegnung mit Draculas Bräuten vor: Im Comic sind es deutlich mehr als nur drei, auf der üppig gestalteten Doppelseite zählt man elf, wobei unklar ist, ob die Fledermäuse in der rechten oberen Ecke tatsächlich nur Fledermäuse sind.

Nach Draculas Abreise aus Transsylvanien kehrt der Comic nach Whitby zurück und stellt Lucys drei Verehrer in einem kurzen Kapitel vor, in welchem sich Lucy scheinbar direkt an den Leser wendet – dies erfolgt bei Stoker vor der Swales-Szene in einem Brief an Mina. Anschließend entwickeln sich Handlung und Struktur so, wie es auch im Roman der Fall ist, mit einer größeren Ausnahme: Bei Stoker erhält Mina einen Brief von den Nonnen, die Jonathan nach seiner Flucht vom Schloss aufgenommen haben und reist nach Osteuropa, um ihn dort zu heiraten, im Comic dagegen taucht er gewissermaßen spontan einfach wieder in England auf und die Hochzeit findet (zumindest vorerst) nicht statt. Erst gegen Ende nimmt Bess eine weitere, markante inhaltliche Veränderung vor: Hier ist es Van Helsing persönlich, der Dracula pfählt und köpft, während bei Stoker Jonathan Harker und Quincey Morris den Grafen mit ihren Klingen bearbeiten. Als Folge explodiert im Comic das Schloss und Draculas Gespielinnen vergehen von selbst, weil ihr Meister getötet wurde – bei Stoker muss Van Helsing das im Vorfeld selbst erledigen. Quincey Morris‘ Tod wird bei Bess weder gezeigt noch erwähnt und der Epilog (Sieben Jahre später) wird ebenfalls ausgespart.

Mit derartigen Änderungen ist bei einer Adaption durchaus zu rechnen, gerade wenn sie sich nicht sklavisch an die Vorlage hält. Besonders im Vergleich zu diversen Filmadaptionen sind diese Anpassungen doch eher kosmetischer Natur. Der wirklich interessante Aspekt dieses Comics ist freilich die visuelle Umsetzung, zuvor allerdings noch ein paar Worte zur Erzählsituation: Bekanntermaßen nutzt Stoker im Roman vor allem Tagebücher und, in geringerem Maße, Briefe, Zeitungsartikel, Telegramme etc. Zumindest teilweise setzt auch Georges Bess Erzähltexte aus der Sicht der Figuren im Präteritum ein, bei denen es sich mitunter um Direktübernahmen aus dem Roman handelt. Diese werden nie explizit als die Tagebücher von Jonathan oder Mina ausgewiesen, der Effekt ist letztendlich jedoch derselbe. Allerdings setzt Bess, vor allem in der zweiten Hälfte, vermehrt auf auktoriale Erzähltexte im Präsens.

In den Comicadaptionen von „Dracula“, die ich bereits besprochen habe, findet sich eine ganze Bandbreite an verschiedenen Zeichenstilen, wobei die vorlagengetreuste – „Dracula: Die Graphic Novel“ – auch die visuell uninteressanteste ist. Colton Worleys Bebilderung des Romans wirkt kalt, steril, uninspiriert und bar jeglicher Atmosphäre. Glücklicherweise lässt sich selbiges über Geogres Bess‘ Zeichnungen nicht sagen. Ähnlich wie Mike Mignola, Galen Showman oder Pascal Groci legt Bess extrem großen Wert auf eine düstere und höchst gotische Atmosphäre. Seine schwarzweißen Zeichnungen sind sehr detailliert und filigran; sie strahlen eine klaustrophobische Düsternis und eine alptraumhafte Intensität aus und muten mitunter fast schon kafkaesk an, besonders zu Beginn, als Jonathan im Bistriz eintrifft, oder natürlich später in Draculas Schloss. Darüber hinaus sind Bess‘ Bilder sehr stark symbolisch aufgeladen und spiegeln das Innenleben der Figuren wider oder verdeutlichen die Handlung metaphorisch, etwa wenn im Himmel ein gewaltiger Totenschädel zu sehen ist, während sich Jonathan Harkers Kutsche durch die zerklüfteten Karpaten bewegt oder die Berge um Draculas Schloss herum wie die Flügel einer Fledermaus anmuten. Bess pflegt eine Optik der Extreme: Die Schatten sind tiefschwarz und die Hintergründe sind entweder klaustrophobisch oder aber, genau im Gegenteil, episch angelegte Panoramen, in denen die Figuren regelrecht verschwinden. Manchmal sind sie wirklich extrem detailliert ausgestaltet, genauso oft aber auch abstrahiert und nur durch Silhouetten oder Weißflächen angedeutet. Die Panelstruktur ist oft unregelmäßig bis chaotisch, was allerdings gut zu Bess‘ ausdrucksstarkem Stil passt und die alptraumhafte Bilderwelt dieser Adaption unterstützt.

Von besonderem Interesse ist selbstverständlich die visuelle Gestaltung des Grafen selbst. Kaum ein Künstler kommt am gewaltigen Vermächtnis der zahllosen Dracula-Adaptionen vorbei. Bess hält sich diesbezüglich nicht an Stokers Beschreibung, wie so häufig fehlt zum Beispiel der markante Schnurrbart, den der Graf zwar im Roman, aber in kaum einer Adaption vorzuweisen hat. Ähnlich wie die von Gary Oldman dargestellte Version in „Bram Stoker’s Dracula“ trifft man den Vampirfürsten auch hier kaum zweimal in derselben Gestalt an. Zu Beginn tritt er als alter Mann auf, der mit seinen langen, weißen Haaren optisch an den alten Dracula zu Beginn der BBC/Netflix-Produktion mit Claes Bang erinnert. Auch als übergroße Fledermaus, Wolf und junger Mann mit dunklen Haaren ist Bess‘ Dracula zu sehen, darüber hinaus gewährt er dem Grafen allerdings noch eine weitere, monströse Form, über die er im Roman nicht verfügt und die sehr stark an Max Schrecks bzw. Friedrich Wilhelm Murnaus Graf Orlok aus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ angelehnt ist. Diese Gestalt nimmt Dracula an, als er erkennt, dass er von Van Helsing und Co. gejagt wird – passenderweise trägt das entsprechende Kapitel den Titel „Der Nosferatu“. In einem Interview erklärte Bess, wie sehr „Nosferatu“ ihn inspiriert habe und dass Orlok dem Grafen des Romans deutlich näher komme als der romantische Dracula, der in vielen Filmen zu sehen ist. Dementsprechend stellt sich der Graf zu Beginn Jonathan auch als „Vlad III. Tepes, Graf Orlok, Nosferatu, Graf Dracula, Fürst der Walachei“ vor – einmal quer durch das Vermächtnis der Figur.

Fazit: Mit diesem üppigen und wunderschön gestalteten Band legt Georges Bess eine visuell höchst ansprechende Adaption von Stokers Roman vor, die sich auf den monströsen Aspekt des Grafen konzentriert und die Handlung, mit einigen bewussten Abweichungen, sehr vorlagengetreu umsetzt. Definitiv eine lohnenswerte Anschaffung.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
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Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
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Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
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In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Die Untoten

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Ich stehe auf schöne Bücher und habe mir auch schon Exemplare primär aus ästhetischen Gründen angeschafft. Ein grundlegendes Interesse am Inhalt sollte natürlich schon vorhanden sein, aber wahrscheinlich hätte ich mir keinen Sammelband der Jules-Verne-Romane in englischer Übersetzung angeschafft, hätte er nicht diesen wunderschönen roten Ledereinband und sähe so grandios aus neben meinen anderen Exemplaren der Reihe „Barnes and Noble Leatherbound Classics“. Hin und wieder gibt es dann allerdings auch wirklich Glücksgriffe, die einen zufällig in der Buchhandlung geradezu anspringen, die wie für einen gemacht scheinen und bei denen sich Inhalt und Form perfekt ergänzen. „Die Untoten“ von Johan Egerkrans gehört zu diesen Glücksfällen.

Bei Johan Egerkrans handelt es sich um einen schwedischen Kinderbuchillustrator, dieses spezielle „Bilderbuch“ ist allerdings definitiv nicht für Kinder geeignet – dafür trifft es aber genau meinen Geschmack. Nicht nur sieht es mit dem schwarzen Leineneinband mit Goldprägung exquisit aus, der Inhalt ist auch wie für mich gemacht. Es handelt sich hierbei um eine Überblicksdarstellung diverser Untoter aus allen Teilen der Welt. Nach einer allgemeinen Einführung sind diese Wesen – Egerkrans konzentriert sich hier auf Untote aus Mythen und Legenden, nicht aus der moderneren Literatur – geografisch geordnet. Es beginnt mit den europäischen Kreaturen, die einem als Leser aus diesen Gefilden wohl noch am vertrautesten sind; Sukkubus, Strigoi, Nachzehrer, Banshee und Lamia haben es doch immer wieder in die Popkultur geschafft. Danach folgen die Untoten aus Afrika und dem Nahen Osten, aus Amerika sowie aus Asien und Ozeanien. Diese dürften im Mainstream weitaus weniger bekannt sein, selbst mir ist auf diesen Seiten das eine oder andere Wesen begegnet, von dem ich noch nie zuvor gehört habe.

Es handelt sich bei „Die Untoten“ um eine schöne bebilderte Überblicksdarstellung, die Texte zu den einzelnen Kreaturen gehen nicht besonders in die Tiefen, bieten aber einen guten und kompakten Überblick über das jeweilige Wesen. Das primäre Argument für dieses Buch sind ohnehin die Illustrationen von Johan Egerkrans und diese sind – in einem Wort – schlicht grandios. Egerkrans hat einen eher kantigen Stil, der an eine detaillierter Version der Zeichnungen von Mike Mignola erinnert und der zur Thematik des Werkes perfekt passt. Die Bebilderung ist bizarr, makaber, auf ihre ganz eigene Art aber wirklich wunderschön und unglaublich stimmig. Egerkrans gelingt es perfekt, diese Untoten aus den verschiedensten Kulturen passend einzufangen, sodass sie besagte Kultur entsprechend repräsentieren. Zugleich schafft er es, eine einheitliche, gotisch-romantische Stimmung zu erzeugen, die von der Einbandgestaltung unterstützt wird. Besonders angetan haben es mir Egerkrans‘ Interpretation der Lamia, des Asanbosam, des Wendigo, des Draug, der Manananggal und der Yuki Onna. Egerkrans hat auch die Götter und Kreaturen der nordischen Mythologie in ähnliche konzipierten Bänden umgesetzt – diese stehen bereits auf dem Einkaufszettel.

Fazit: Egal ob als Recherchestartpunkt, zur Inspiration oder nur zum Schmökern und Genießen, Johan Egerkrans‘ „Die Untoten“ ist eine wunderschöne und herrlich illustrierte Überblicksdarstellung der Geister, Blutsauger und Wiedergänger aus den Mythen der Welt, die sich kein Freund des Gotischen oder Makaberen entgehen lassen sollte.

Bildquelle

Dracula (BBC/Netflix)

Spoiler!
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„My revenge has just begun! I spread it over centuries and time is on my side.” Ob Bram Stoker wohl wusste, wie zutreffend diese Worte, die er seinem Grafen Dracula in den Mund legte, einmal sein würden? Vermutlich nicht. Trotzdem – alle paar Jahre kehrt der Vampirfürst in einer neuen Inkarnation zurück, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Die erste Neuinterpretation des neu angebrochenen Jahrzehnts kommt aus einer Co-Produktion von Netflix und der BBC, die von Mark Gatiss und Steven Moffat verfasst wurde. Diese beiden Herren sind bereits mit der Modernisierung von Figuren des viktorianischen Zeitalters vertraut, sind sie doch auch die Schöpfer der allseits beliebten Serie „Sherlock“. Wie nicht anders zu erwarten finden sich in „Dracula“ einige deutliche Parallelen zu „Sherlock“, nicht zuletzt was Struktur und Format angeht. Wie jede der Sherlock-Staffeln besteht auch „Dracula“ aus drei Episoden, die jeweils eineinhalb Stunden dauern. Und wie bei „Sherlock“ balancieren Gatiss und Moffat auf einem schmalen Grat zwischen Vorlagentreue mit Twist und mal mehr, mal weniger cleverer Modernisierung. Wer eine buchgetreue Verfilmung erwartet, wird also definitiv enttäuscht werden, diese Neuinterpretation ist jedoch trotz allem nicht völlig von Stoker losgelöst.

Handlung und Struktur
Im Nonnenkonvent in Budapest taucht 1897 der mental verwirrte und körperlich entstellte Jonathan Harker (John Heffernan) auf und erzählt Schwester Agatha (Dolly Wells) seine Geschichte: Als britischer Anwalt kommt Harker nach Transsylvanien, da der Adelige Graf Dracula (Claes Bang) in London Immobilien erwerben will. Sobald er in Draculas Schloss angekommen ist, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Nicht nur verhält sich der Schlossherr äußerst merkwürdig und scheint mit jeder Nacht jünger zu werden, Jonathan selbst wird immer schwächer und kränklicher und macht, ähnlich wie der Graf, eine Metamorphose durch. Bald wird ihm klar, dass sein Gastgeber ein blutsaugender Vampir ist. Nach und nach trifft er auf weitere Opfer des Grafen, die bereits ebenfalls Untote sind, manche nur hirnlose Blutegel, während andere noch Reste ihrer Menschlichkeit bewahren konnten. Es kommt schließlich zur finalen Auseinandersetzung zwischen Harker und Dracula, die damit endet, dass Letzterer Ersteren tötet, woraufhin auch dieser zum Vampir wird. Erst beim Erzählen dieser Geschichte kehren Harkers Erinnerungen vollständig zurück. Just zu diesem Zeitpunkt schickt sich Dracula an, das Kloster in Budapest zu attackieren…

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Graf Dracula (Claes Bang)

Strukturell erinnert „Dracula“ stark an die typische Sherlock-Staffel: Die Serie besteht aus drei Folgen zu jeweils 90 Minuten. Während „Sherlock“ pro Episode einen Fall des Meisterdetektivs zeigte, die dann letztendlich mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft waren, erzählt „Dracula“ zwar eine durchgehende Geschichte, tut dies aber episodisch. Jede der drei Folgen hat ein eigenes Setting, einen eigenen Handlungsort und eine eigene, interne Dramaturgie. Mehr noch, alle drei Folgen fühlen sich sehr unterschiedlich an und arbeiten mit einer sehr unterschiedlichen Atmosphäre. Die erste Episode erzählt von Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss, die zweite von Draculas Reise noch Großbritannien und die dritte von seinem Aufenthalt in England und später Amerika. Wie üblich sind es Dracula und van Helsing – hier Agatha van Helsing – die die Handlung tragen.

Was von Stoker übrig ist
Trotz der gewaltigen Menge an Adaptionen von Stokers Roman ist die Zahl derer, die sich tatsächlich an der Vorlage orientieren, verhältnismäßig gering. Moffat und Gatiss hangeln sich tatsächlich an der Handlung des Romans entlang, je weiter die Serie allerdings fortschreitet, desto weiter dehnen sie den Rahmen und desto freier interpretieren sie Handlungselemente. Die erste Episode ist noch verhältnismäßig nahe an der ursprünglichen Handlung, Jonathan Harkers Aufenthalt auf dem Schloss verläuft bis zum Schluss sehr ähnlich. Zugegeben, die Episode mit Draculas Bräuten unterscheidet sich stark vom Romangegenstück, aber insgesamt sind Stimmung und Handlungsführung recht ähnlich wie bei Stoker. Das ändert sich dann allerdings mit der Enthüllung, dass es sich bei Schwester Agatha um die Van Helsing dieser Adaption und damit die Widersacherin des Grafen handelt. Auch der Angriff auf das Kloster ist bei Stoker ohne Gegenstück.

Die zweite Episode erinnert bezüglich ihrer Konzeption ein wenig an den Comic „Bram Stoker’s Death Ship“, der ebenfalls die Überfahrt der Demeter schildert. Bei besagtem Comic handelt es sich allerdings eher um eine Horror-Geschichte á la „Alien“, während Dracula sich in der Serie keinesfalls damit begnügt, die meiste Zeit über in seiner Kiste zu bleiben, stattdessen mischt er sich als Passagier unter die anderen Gäste (bei Stoker war die Demeter ein reines Frachtschiff). Wie nicht anders zu erwarten hat diese zweite Episode recht wenig mit dem Roman zu tun und arbeitet, von Van Helsing und dem Grafen selbst einmal abgesehen, mit völlig neuen Figuren, die natürlich letztendlich alle das zeitliche segnen.

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Zoe Van Helsing (Dolly Wells)

Die dritte Episode versetzt die Handlung in die Gegenwart, nach dem Untergang der Demeter macht der Graf ein über 100 Jahre dauerndes Nickerchen vor der Küste Whitbys (wo auch sonst?), um dann von einer Nachfahrin Agatha Van Helsings, Zoe Van Helsing (nochmal Dolly Wells) wieder zum Leben erweckt zu werden. Ironischerweise greift diese dritte Episode, trotz des Zeitsprungs, mehr Handlungselemente des Romans auf als die zweite – wenn man gnädig ist, kann man immer noch von einer Adaption in groben Zügen sprechen. Mit Jack Seward (Matthew Beard), Lucy Westenra (Lydia West) und Frank Renfield (Mark Gatiss himself, bei Stoker allerdings nicht Frank, sondern R. M. Renfield) tauchen sogar Figuren des Romans in Rollen auf, die denen ihrer literarischen Gegenstücke zumindest halbwegs entsprechen.

Vor allem die erste Episode ist wirklich gelungen und äußerst atmosphärisch, womit sich diese Adaption in guter Gesellschaft befindet – Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss ist meistens der stärkste Teil der Dracula-Erzählung, egal in welchem Gewand sie auftritt. Die zweite Episode ist vor allem faszinierend, weil sie vom Roman abweicht. Dabei ist weniger interessant, was tatsächlich geschieht, als vielmehr, in welche Richtung sich die Erzählung bewegt. Leider leidet die dritte Episode unter Schwächen, mit denen auch spätere Sherlock-Staffeln zu kämpfen haben – Gatiss und Moffat sind praktisch cleverer, als ihnen gut tut. Zu sehr bemühen sie sich, die Figuren zu psychologisieren, was letzten Endes einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Das Vermächtnis des Grafen
„Dracula“ ist einer der am häufigsten adaptierten Romane der Literaturgeschichte, was zur Folge hat, dass sich jede neue Verfilmung nicht nur mit dem Roman selbst, sondern auch mit den anderen Adaptionen auseinandersetzen muss, sei es direkt oder indirekt. Tatsächlich finden sich hier durchaus einige, mal mehr, mal weniger subtile Anspielungen auf diverse Dracula-Adaptionen. Rein optisch ähnlet der von Claes Bang dargestellte Vampirfürst kaum dem Buch-Gegenstück, das neben einem mächtigen Schnurrbart auch haarige Handflächen besitzt, sondern erinnert eher an die von Bela Lugosi dargestellte Version – einmal sogar im klassischen Outfit. Allerdings wird Dracula hier, genau wie im Roman, durch den Konsum von Blut verjüngt. Bei Gatiss und Moffat geschieht das allerdings bereits vollständig während Jonathans Aufenthalt in Draculas Schloss, während die Verjüngung bei Stoker erst mit Draculas Ankunft in London abgeschlossen ist. Draculas Vampirgebiss erinnert dagegen an das, das Christopher Lee in den Hammer-Filmen trug. Auch die Szene ganz am Ende der dritten Episode, in der Zoe Van Helsing über den Tisch hechtet, um die Vorhänger zu öffnen und die Sonne hereinzulassen, kann als Reminiszenz auf Hammers ersten Dracula-Film verstanden werden, in dem Peter Cushings Van Helsing dasselbe tut, auch wenn der Effekt natürlich ein anderer ist.

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Der vom Vampirismus gezeichnete Jonathan Harker (John Heffernan)

Der kundige Zuschauer kann darüber hinaus diverse andere Anspielungen erkennen, die über „Dracula“ hinausgehen. Der vom Vampirismus gezeichnete Jontahan Harker kann mit seinem kahlen, entstellten Äußeren als Anspielung auf Graf Orlok aus Werner Herzogs „Nosferatu“ mit Max Schreck verstanden werden und mehr noch, in Werner Herzogs Nosferatu-Remake mit Klaus Kinski und Bruno Ganz wird Jonathan Harker ebenfalls zum Vampir. In der zweiten Episode taucht ein gewisser Lord Ruthven (Patrick Walshe McBride) auf – diesen Namen trug der erste literarische bzw. aristokratische Vampir in John William Polidoris „The Vampyre“. Die Serienfigur dieses Namens ist allerdings nicht untot, sondern nur ein weiteres Opfer von Draculas Machenschaften. Die jeweilige Rahmenhandlung der ersten beiden Episoden weist schließlich, gewollt oder ungewollt, Parallelen zu „Interview mit einem Vampir“ auf.

Die gesamte dritte Episode erinnert schließlich – unglücklicherweise – an „Wes Craven präsentiert Dracula“ (auch unter dem Titel „Dracula 2000“ bekannt). Hierbei handelt es sich sowohl um eine (wenig gelungene) Adaption von Stokers Roman als auch um eine Fortsetzung mit Gerard Butler in der Titelrolle, die die Handlung ins Amerika der Gegenwart (in diesem Fall des Jahres 2000) versetzt. Wie in besagtem Film, den Wes Craven nur produzierte und bei dem Patrick Lussier Regie führte, greift auch die Serie in ihrer dritten Episode Elemente des Romans auf und versetzt sie in ein modernes Setting. Und wie beim Film ist das Ergebnis eher ernüchternd. Wie üblich versuchen Moffat und Gatiss, dem etablierten Stoff einen besonderen Twist zu verpassen, der ihm letztendlich aber keine neuen Seiten abgewinnen kann. Hier kommt Lucy Westenra als neue Figur hinzu, die wie im Roman zur Vampirin wird – anstatt allerdings als laszive Untote aus dem Grab zurückzukehren, taucht sie als verbrannter Kadaver wieder auf. Gerade hier handelt es sich um einen Twist um des Twists Willen, da er letztendlich kaum Auswirkungen hat: Auch im Roman sind die Vampirjäger, primär Jack Seward und Arthur Holmwood, von der untoten Lucy trotz ihres lasziven Gebarens abgestoßen. Tatsächlich findet sich in „Bram Stoker’s Dracula“ eine deutlich subtilere Variation auf diesen Handlungsstrang.

Vampire, Jäger und Opfer
Die wahrscheinlich größte Stärke dieser Dracula-Adaption ist Claes Bang als Graf und, wenn auch in geringerem Ausmaß, Dolly Wells als Agatha/Zoe Van Helsing. Wie schon Christopher Lee und Peter Cushing oder Gary Oldman und Anthony Hopkins tragen diese beiden und ihre Rivalität den jeweiligen Film bzw. die Serie. Diese Version des Grafen ist dabei zwar nicht die unheimlichste oder einschüchterndste, aber zweifellos eine der unterhaltsamsten. Claes Bangs Graf ist weit von der monströsen Figur des Romans entfernt; wir haben es hier mit einem geradezu jovialen und verspielten (dabei aber keinesfalls ungefährlichen) Dracula zu tun, der immer dann am besten ist, wenn er in Wells‘ Van Helsing eine würdige Gegnerin findet. Gatiss und Moffat greifen hier ein Element auf, das in anderen Adaptionen selten berücksichtigt wird: Bei Stoker lernt der Graf über seinen Zustand; er ist keinesfalls ein Vampir, der seine Stärken und Schwächen völlig unter Kontrolle hat. Die Serien-Inkarnation ist trotz ihres Alters von 400 Jahren ebenfalls noch in einem Lernprozess, für ihn ist alles letztendlich ein Spiel, in dem er sich austesten kann. Claes Bang spielt Dracula als einen Schurken, der enorm viel Spaß an seinem bösen Tun hat. Das bestimmt auch die Stimmung und den Tonfall der Serie, die nie wirklich erschreckend ist, sondern von der theatralischen Verspieltheit ihrer Titelfigur dominiert wird. Unterstrichen wird das von dem einen oder anderen ziemlich trashigen Moment, etwa Nonnen, die mit militärischer Präzision die Armbrust zücken.

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Lucy Westenra (Lydia West)

Im Gegensatz dazu spielt Dolly Wells zwei sehr verschiedene Figuren: Agatha Van Helsing ist eine sehr resolute Nonne, die versucht, ihren Glauben und ihre Hingabe an die Wissenschaft unter einen Hut zu bringen – etwas, bei dem ihr Dracula letztendlich hilft, denn er ist ein eindeutiger Beweis des Übernatürlichen, der Agatha letztendlich in ihren Absichten festigt. Im Gegensatz dazu ist Zoe van Helsing ein Getriebene, die wegen ihrer Krebserkrankung verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihr Leben zu retten – und wenn sie sich dafür mit dem Vampirismus einlässt.

Leider funktioniert die letzte Konfrontation zwischen Zoe/Agatha (die sich durch Draculas Blut in ihrer Nachfahrin manifestiert) und dem Grafen nicht allzu gut. Hier kommt die übermäßige Psychologisierung ins Spiel und macht die Serie gewissermaßen „kaputt“: Moffat und Gatiss erklären Dracula und seinen Vampirsmus mit dem Wunsch nach dem Tod kombiniert mit der Angst vor ihm. Die „Regeln des Vampirismus“ resultieren aus der Scham Draculas, aus Manierismen werden Legenden, an die der Graf selbst glaubt. An sich keine uninteressante Idee, nur passt sie absolut nicht zur bisherigen Charakterisierung, zur Verspieltheit des Grafen.

Die Musik der Kinder der Nacht

Wie schon bei diversen anderen BBC-Produktionen, etwa „Good Omens“ und alle vier Staffeln von „Sherlock“, verpflichtete man das Komponisten-Duo David Arnold und Michael Price. Letzteren kenne ich tatsächlich nur von den Soundtracks dieser Fernsehproduktionen, David Arnold hingegen hat in den 90ern und 2000ern auch einiges im Blockbusterbereich abgeliefert, darunter die „Emmerich-Bombast-Trilogie“ bestehend aus „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“, der Score des dritten Narnia-Films „Voyage of the Dawn Treader“ und natürlich die Musik diverser James-Bond-Filme – besonders nennenswert sind seine Kompositionen für „Tomorrow Never Dies“ und „Casino Royale“.

Arnolds und Price‘ Arbeit für „Dracula“ unterscheidet sich deutlich von den bombastischen Fantasy- und Agenten-Scores vergangener Dekaden, die Parallelen zu „Sherlock“ sind da schon größer, auch wenn „Dracula“ erfreulicherweise deutlich weniger modern klingt. In gewisser Weise scheinen Arnold und Price den „Sherlock-Sound“ mit dem osteuropäisch angehauchten Stil des Soundtracks von „Bram Stoker’s Dracula“, komponiert von Wojciech Kilar, vereint zu haben. Das Hauptthema des Scores stammt ironischerweise jedoch aus einer anderen Quelle: Der Anfang besagten Themas stimmt fast eins zu eins mit dem Voldemort/Todesser-Thema aus Alexandre Desplats „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1“ überein, auch wenn die Instrumentierung natürlich eine völlig andere ist. Tatsächlich ist dieses Thema nicht wirklich außergewöhnlich oder komplex und erinnert zudem an die unter Film- und anderen Komponisten nur allzu beliebte klassische Dies-Irae-Melodie, weshalb ich durchaus gewillt bin, dieses Desplat-Zitat als bloßen Zufall durchgehen zu lassen.

Insgesamt ist Arnolds und Price‘ Score nämlich äußerst gelungen, eine schöner, ziemliche Streicher-lastiger Gothic-Horror-Score, sowohl finster und eindringlich als auch melodisch und tragisch. Das Thema des Grafen ist äußert gut form- und wandelbar und tritt in einer Vielzahl unterschiedlicher Gestalten auf. Als Gegenpol fungiert Mina Harkers Thema, ein äußerst melodisches und ansprechendes Konstrukt, das für ein ausgewogenes Gesamtbild sorgt.

Fazit: Stephen Moffats und Mark Gatiss‘ Neuinterpretation von Bram Stokers Roman ist in den ersten beiden Folgen zwar mitunter etwas überdreht, aber durchaus clever und unterhaltsam, in der dritten dagegen zu mäandernd und übermäßig psychologisierend. Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings das Zusammenspiel von Claes Bang als Dracula und Dolly Wells als Van Helsing.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf