A Girl Walks Home Alone at Night

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Story: In der iranischen Geisterstadt Bad City fährt eine junge Frau (Sheila Vand) mit einem Tschador auf einem Skateboard herum. Sie ist ein Vampir und sucht sich in der heruntergekommenen Wüstenstadt immer wieder Opfer. Eines nachts begegnet sie Arash (Arash Marandi), der sich auf dem Heimweg von einer Kostümparty befindet und ausgerechnet als Dracula verkleidet ist. Die beiden Außenseiter kommen sich näher, aber natürlich ist da der Durst…

Kritik: Erst jetzt, Jahre später, wird langsam klar, wie sehr Twilight den Vampirfilm insgesamt beschädigt hat. Seit einiger Zeit dümpelt er mehr oder weniger so vor sich hin. Während Twilight aktuell war, gab es eine ganze Menge an Filmen (und auch Serien), die entweder versuchten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen („The Vampire Diaries“) oder aber sich sehr direkt dem Trend des „romantischen Vampirs“ zu widersetzen („Daybreakers“, „The Strain“). In den Jahren danach folgte dann das eine oder andere Underworld-Sequel, der eine oder andere gescheiterte Versuch, Dracula neu zu interpretieren, aber ansonsten verfiel das Genre in einen untoten Zustand. Bezeichnenderweise sind die beiden besten Vampirfilme der letzten Jahre, „Only Lovers Left Alive“ und „5 Zimmer, Küche Sarg“, nun auch keine wirklichen Horrorfilme mehr. „A Girl Walks Home Alone at Night“, von vielen ebenfalls als der beste Vampirfilm der letzten Jahre gepriesen, schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Bei „A Girl Walks Home Alone at Night” handelt es sich um das Regie-Debüt der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour. Diese Film hat mich äußerst zwiegespalten zurückgelassen, denn einerseits verfügt er über viele interessante Elemente und Ideen, bietet aber andererseits nur sehr wenig von dem, was ich von einem Vampirfilm erwarte. Vielleicht ist Amirpours Arbeit einfach zu sehr „Art House“. Der Regisseurin scheint es vor allem darum zu gehen, Verweise unterzubringen und Statements zu machen; konventionelle Erzählmuster sind dagegen eher rar, ebenso wie herkömmliche Charakterentwicklung. Stattdessen überwältigt Amirpour den Zuschauer mit Bildern, Eindrücken und Querverweisen auf alle möglichen Filme aus allen möglichen Genres. Die Regisseurin selbst betitelte ihr Werk als den „ersten iranischen Vampir-Western“, was nicht nur zutrifft, sondern auch in vielen Einstellungen, der heruntergekommenen Atmosphäre und nicht zuletzt der Musik, die das eine oder andere Mal stark an Ennio Morricone erinnert, sehr deutlich wird. Die Zitierwut und die Genreverknüpfung dieses Films erinnert mitunter an Quentin Tarantino – hier wird fast alles subtil oder unsubtil angesprochen, von Tarantino selbst über „Sin City“ und andere Comicverfilmungen bis hin zu James Dean.

Ein wenig problematisch wird „A Girl Walks Home Alone at Night” dagegen als Vampirfilm. Amirpour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, bedient sich hier fast ausschließlich stereotyper Figuren, deren Tod durch das titelgebende Mädchen einer bestimmten Aussage dienen – primär sind es misogyne Figuren, die bekommen, was sie verdienen. Ähnlich verhält es sich mit der Romanze zwischen Arash und dem Mädchen, die letztendlich nirgendwo hinführt. Mir fehlt bei diesem Film etwas, das mir zeigt, was das Mädchen als Vampirin ausmacht. „A Girl Walks Home Alone at Night“ erzählt letztendlich keine wirkliche Geschichte, schon gar keine Vampirgeschichte, sondern liefert nur Eindrücke, Impressionen und Symbolik.

Fazit: Bei all den sorgsam komponierten Bildern, den Zitaten und den möglichen Botschaften, die „A Girl Walks Home Alone at Night“ bietet, fehlt es dem Film doch an einer tatsächlichen Geschichte, die er erzählt. Ana Lily Amirpours Regiedebüt ist zwar ein Film mit Vampir, aber kein Vampirfilm.

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Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Denkt man an Adaptionen von Bram Stokers Roman, kommen einem normalerweise sofort die Filme in den Sinn, aber auch im Bereich Comic treibt sich der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte herum – und zwar in einem fast ebenso erschöpfenden Ausmaß wie in der Filmwelt. Comics, die Dracula in der einen oder anderen Form adaptieren oder zumindest integrieren, und sei es nur als Gag, finden sich sehr häufig – von Comics, in denen der Graf selbst nicht auftaucht, die aber trotzdem von ihm inspiriert sind, gar nicht erst zu sprechen.

The Tomb of Dracula (Marv Wolfman u.a., Gene Colan, 1972-79)
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Unter den amerikanischen Comics der Titan in Bezug auf Stokers Grafen: Die Serie „The Tomb of Dracula“ lief von 1972 bis 1979 und umfasste 70 Ausgaben sowie einige Crossover- oder andere Sonderhefte. Bis in die 70er waren Vampire in Mainstream-Comics eine komplizierte Angelegenheit, da der Comics Code jegliche Art von Horror verbat. Als sich die Bestimmungen des Comics Code dann allerdings langsam lockerten, kamen Horror-Comics auch wieder aus dem Untergrund. Sowohl DC als auch Marvel nahmen sich des Sujets an – während DC Eigenkreationen wie Swamp-Thing ins Rennen schickte, verfuhr Marvel ganz ähnlich wie schon mit der nordischen Mythologie: Auch der Fürst der Vampire wurde ins Marvel-Universum integriert – wobei es relativ selten zu tatsächlichen Überschneidungen zwischen „The Tomb of Dracula“ und Marvels Superheldenserien kam. Auch andere Figuren aus Stokers Roman wurden übernommen: Quincy Harker, Jonathan und Minas Sohn, im Epilog des Romans ein kleines Kind, fungiert als alternder Vampirjäger, während Abraham van Helsing Enkelin Rachel sich ebenfalls an der Vampirjagd beteiligt.

Einige Autoren schrieben für „The Tomb of Dracula“, aber es ist primär Marv Wolfman, der für den anhaltenden Erfolg der Serie verantwortlich war. Die visuelle Gestaltung der Serie blieb dagegen konstant, denn Gene Colan zeichnete alle 70 Ausgaben. Visuell lehnte er Dracula dabei nicht an Christopher Lee oder Bela Lugosi an, sondern orientierte sich an der derzeit aktuellsten Version der Figur, dargestellt von Jack Palance in einer britischen Fernsehproduktion aus dem Jahr 1973.

Was die inhaltliche Darstellung der Figur angeht, so versucht diese nicht, die Titelfigur allzu sympathisch zu darzustellen, wie es etwa Fred Saberhagen in seinem Roman „The Dracula Tapes“ tat. Stattdessen verfahren Wolfman und die anderen Autoren der Serie mit ihm nicht ganz unähnlich wie mit einem populären Marvel-Superschurken: Ein gewisses Maß an Komplexität (mehr, als sich in Stokers Roman findet) wird zugelassen, aber letztendlich ist der Graf dennoch zweifelsfrei böse. Ansonsten ist „The Tomb of Dracula“ vor allem für das Debüt eines ganz bestimmten Vampirjägers bekannt: Blade feierte seinen Einstand auf den Seiten dieser Serie, auch wenn er sich visuell und charakterlich noch stark von der von Wesley Snipes dargestellten Version der Figur unterschied. In dem Drehbuchautor und Regisseur David S. Goyer in „Blade: Trinity“ Dracula zum Schurken des Films machte, schloss sich dann auch der Kreis, wobei die von Dominic Purcell dargestellte Figur weder mit Stokers noch mit Wolfmans Graf allzu viel zu tun hat.

Dracula: Die Graphic Novel (Leah Moore, John Reppion, Colton Worley, 2009)
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Bei dieser Graphic Novel, adaptiert von Alan Moores Tochter Leah sowie John Reppion und bebildert von Colton Worley, handelt es sich um die direkteste Comicumsetzung von Stokers Roman, die mir bislang untergekommen ist. Moore und Reppion folgen der Handlung sehr genau und integrieren so oft wie möglich Teile von Stokers Originaltext. Auch die Beschreibungen des Romans werden sehr genau umgesetzt, besonders, was den Grafen selbst angeht. Wie im Roman tritt er zuerst als alter, in schwarz gekleideter Mann auf, der im Verlauf der Handlung kontinuierlich jünger wird. Der vielleicht interessanteste Aspekt ist der Umstand, dass Moore und Reppion auch den ursprünglich von Stoker weggelassenen Prolog, der später von seiner Witwe als Kurzgeschichte „Draculas Gast“ herausgegeben wurde, wieder in die Handlung integrieren. Wer also eine sehr romantreue Adaption sucht, macht mit „Dracula: Die Graphic Novel“ wohl wenig falsch. Mich konnte sie dennoch leider nicht völlig überzeugen, was primär mit Colton Worleys visueller Umsetzung zusammenhängt. Von Zeichnungen kann man eigentlich kaum reden, es handelt sich eher um gemalte Bilder, die allerdings zumindest auf mich wirken, als wären sie komplett am Computer entstanden. Worleys Stil sagt mir im Zuge von Stokers Geschichte schlicht nicht zu, die Panels wirken regelrecht steril und auch die Kolorierung weiß nicht wirklich zu überzeugen, weshalb kaum Atmosphäre aufkommt.

Bram Stoker’s Dracula (Roy Thomas, Mike Mignola, 1992)
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Dieser Comic hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn er ist eine der ersten Versionen von „Dracula“, die ich konsumiert habe. Es handelt sich hierbei um die Comicadaption zu „Bram Stoker’s Dracula“, nach dem Skript von James v. Haart, umgesetzt von Roy Thomas und gezeichnet von Mike Mignola. Alles, was der Adaption von Moore, Reppion und Worley fehlt, findet sich hier – und das ist ausschließlich Mignola zu verdanken. Wer Mignolas andere Arbeiten, primär die Hellboy-Comics, kennt, weiß, dass er sich wie kein zweiter darauf versteht, herrlich dichte, gotisch-finstere Atmosphäre zu erzeugen. Auch hier fängt er die Stimmung des Films mit seinen markanten, tiefen Schatten ein. Darüber hinaus gelingt es ihm, auch die Figuren passend in Szene zu setzen, sodass sie einerseits ihren Darstellern ähneln, es aber, wie bei so vielen anderen Filmcomics, nicht wirkt, als habe er Standbilder abgezeichnet. Inhaltlich hält sich dieser Comic ebenso dicht an seine Vorlage wie „Dracula: Die Graphic Novel“, weshalb ich weitere Details erst im Filmkontext besprechen werde.

Dracula (Pascal Groci, Françoise-Sylvie Pauly, 2009)
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Wechseln wir nun von den anglo-amerikanischen amerikanischen Comics mal ein wenig zu den frankobelgischen. Nach eigener Aussage plante der französische Zeichner Pascal Groci gut 20 Jahre lang eine wie auch immer geartete Dracula-Adaption, bevor sie 2009 (unter Mitarbeit von Grocis Szenaristin Françoise-Sylvie Pauly) veröffentlicht wurde. Herausgekommen ist eine visuell äußerst ansprechende, aber stilistisch doch äußerst eigenwillige Umsetzung. Der Comic teilt sich in zwei Teile bzw. Bücher: Der erste beschäftigt sich mit Vlad dem Pfähler und trägt auch den Titel „Der Prinz der Walachei Vlad Țepeș“. Rahmen der Handlung ist ein Gespräch zwischen Bram Stoker und einem fiktiven Archivar des British Museum, in dem es natürlich um Vlad Tepes geht. Der eigentliche Plot dreht sich um eine mögliche Vampirwerdung Vlads, bei der auch dessen (historisch verbürgte) Frau Prinzessin Cneajna eine Rolle spielt. Für die Vampirwerdung ist letzten Endes eine Vampirin verantwortlich, die sich als Maler tarnt und mit der Croci, quasi als Abschluss, auch eine Verknüpfung zu LeFanus Carmilla und zur in „Draculas Gast“ erwähnten Gräfin Dolingen von Gratz macht. Die Panels sind visuell beeindruckend gestaltet, leider ist die Handlung aber äußerst sprunghaft und auch ziemlich inkohärent, da Groci und Pauly viel mit Andeutungen arbeiten.

Das zweite Buch, „Die Sage nach Bram Stoker“, ist eine partielle Adaption von Stokers Roman. Groci und Pauly verwenden dabei fast ausschließlich Stokers Originaltext, entscheiden sich aber für eine äußerst eigenwillige Herangehensweise, die ein wenig an modernes Theater erinnert: Man sieht den Grafen kein einziges Mal, an seine Stelle treten Schatten, Statuen oder anders geartete, zumeist architektonische Andeutungen. Mich erinnert diese Herangehensweise ein wenig an eine Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ die ich einmal gesehen habe, in der man das titelgebende Schiff ebenfalls nie sieht – es wird immer nur suggeriert. Nebenbei entfernen Groci und Pauly auch diverse Nebenfiguren und -handlungsstränge, darunter Quincy Morris, Arthur Holmwood und John Seward. Auch hier gilt: Die graphische Umsetzung weiß durchaus zu gefallen, Grocis Bilder sind äußerst atmosphärisch, sie sind aber kaum eine wirkliche Umsetzung der Handlung des Romans, sondern eher zeichnerische Eindrücke der Recherchereisen nach Rumänien und England, die Groci unternommen hat. Dennoch, wer nach einer Dracula-Adaption der etwas anderen Art sucht und nicht allzu hohe Ansprüche an die Handlung setzt, könnte mit diesem zweiteiligen Werk durchaus glücklich werden.

Auf Draculas Spuren (Yves H., Hermann, Séra, Dany, 2006)
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Bei „Auf Draculas Spuren“ handelt es sich um eine dreibändige Comicserie, die sich mit verschiedenen Hintergründen des Romans auseinandersetzt. Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, setzt sich mit Vlad Țepeș auseinander, bleibt dabei aber eher oberflächlich und szenenhaft. Wer ohnehin bereits mit dem Leben des historischen Dracula vertraut ist, gewinnt leider kaum Mehrwert, während ein Leser, der über keine Vorkenntnisse verfügt, schnell verwirrt sein dürfte, da es dem Comic kaum gelingt, die politischen Hintergründe ausreichend zu erklären. Die Zeichnungen des französischen Künstlers Hermann sind leider ebenfalls nicht allzu überzeugend; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, gerade die Gesichter muten dabei aber oft merkwürdig an. Hinzu kommt die matte Kolorierung, die verhindert, dass wirklich Atmosphäre aufkommt.

Der zweite Band, „Bram Stoker“, ist sowohl inhaltlich als auch graphisch der Interessanteste. In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.

Band 3 widmet sich dem Handlungsort „Transsylvanien“ und besitzt von allen drei Teilen den geringsten Mehrwert. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken ein junges Pärchen, Dan und Marcia, durch Transsylvanien – er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren, sie begleitet ihn. Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und Erotik. Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas Ernstes und Düsteres zu machen und wäre daran gescheitert. Insgesamt lohnt sich also nur der zweite Band dieser dreiteiligen Reihe, die anderen beiden sind sowohl erzählerisch als auch visuell ungenügend bis enttäuschend.

Renfield: A Tale of Madness (Gary Reed, Galen Showman, 1995)
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Dieses und das nächste Werk haben einige Dinge gemeinsam. Auf beide bin ich durch Zufall beim Comichändler meines Vertrauens gestoßen und beide greifen ein bestimmtes Element aus Stokers Roman auf und schaffen daraus eine (mehr oder weniger) eigenständige Handlung. „Renfield: A Tale of Madness“ von Gary Reed und Galen Showman schildert die Ereignisse des Romans aus der Perspektive des Wahnsinnigen Renfield. Allzu viel Vorgeschichte wird nicht geboten, der Comic beginnt mit Renfields Ingewahrsamnahme und Einlieferung in Dr. Sewards Sanatorium. Reed zeigt, wie Renfield langsam Dracula verfällt und durch Visionen auch die eine oder andere Schlüsselstelle des Romans indirekt miterlebt (etwa Jonathan Harkers Begegnung mit den drei Vampirinnen auf Draculas Schloss). Gewürzt ist das Ganze, in bester Stoker-Tradition, mit eingestreuten Tagebucheinträgen und Briefen. Reeds spezifisches Vorhaben war es, diese Geschichte so zu erzählen, als handle es sich dabei um geschnittene Szenen des Originals, was ihm im Großen und Ganzen auch gelungen ist.

Visuell erinnerte der Comic ein wenig an Mike Mignolas Adaption von „Bram Stoker’s Dracula“ – tatsächlich könnte man sich durchaus vorstellen, dass eine Dracula-Adaption von Mignola, die sich nicht an diesem spezifischen Film orientiert, optisch in diese Richtung hätte ausfallen können. Zeichner Galen Showman zeichnet insgesamt zwar etwas detaillierter und weniger kantig als Mignola, arbeitet aber ebenfalls mit sehr ausdrucksstarken Schatten und Schwarzflächen, die besonders dann zum Einsatz kommen, wenn Dracula anwesend ist. Die Entscheidung, auf Kolorierung zu verzichten, erweist sich als äußerst gelungen und verstärkt die gotische Atmosphäre zusätzlich. „Renfield: A Tale of Madness“ ist somit eine äußerst gelungene und atmosphärische Ergänzung zu Stokers Roman.

Bram Stoker’s Death Ship (Gary Gerani, Stuart Sayger, 2010)
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„Bram Stoker’s Death Ship“ ist ähnlich konzipiert wie „Renfield: A Tale of Madness”, greift sich aber nicht eine Figur des Romans heraus, sondern eine Sequenz, und baut diese weiter aus: Das Tagebuch des Captains der Demeter, auf der Dracula in Whitby ankommt. Das bedeutet allerdings auch, dass „Death Ship“ weitaus eigenständiger funktioniert als „Renfield“, denn die einzigen beiden Figuren von Stoker sind der im Roman wie im Comic namenlose Captain sowie natürlich Dracula selbst. Die Crewmitglieder sind im Grunde komplett neue Figuren, da Stoker sie im Roman verständlicherweise nicht umfassend charakterisiert.

Das Problem hier ist, dass man als Leser natürlich schon weiß, wie die Geschichte endet und dass sie, anders als „Renfield“, „Dracula“ nicht wirklich anreichert. Konzipiert ist das Ganze letztendlich ähnlich wie „Alien“ (der Autor erwähnt es im Nachwort sogar selbst). Dracula ist hier fast ausschließlich ein Monster, das sich ein Besatzungsmitglied nach dem anderen krallt, lediglich am Ende gibt es eine kurze Interaktion zwischen dem Captain und Dracula, bei der sich der Graf als ungewöhnlich gnädig erweist. Ansonsten ist „Death Ship“ leider sowohl als Teil des „Dracula-Mythos“ als auch als eigenständige Geschichte eher enttäuschend – um als Ersteres zu funktionieren, fehlt der Mehrwert, und für Letzteres mangelt es an Spannung oder interessanten Figuren. Die Zeichnungen von Stuart Sayger verdienen noch ein paar Worte: Sein Stil ist etwas eigenwillig und verwaschen. Während er durchaus gut Atmosphäre erzeugen kann, gefallen mir die zum Teil verzerrten Gesichter der Figuren überhaupt nicht.

Requiem, der Vampirritter (Pat Mills, Olivier Ledroit, ab 2000)
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Autor Pat Mills ist eigentlich ein britischer Schreiberling, mit „Requiem, der Vampirritter“ versuchte er sich aber auch an einer Serie im frankobelgischen Stil, die von Olivier Ledroit phänomenal graphisch umgesetzt wird. Die Handlung folgt dem jungen Wehmachtssoldaten Heinrich, der im Zweiten Weltkrieg umkommt und darauf hin in einem Jenseits der besonderen Prägung landet, in dem man nach dem Tod als mythische Kreatur wiedergeboren wird, je nach Art und Grad der Sünden im Leben. Die meisten normalen Menschen enden als Zombies, Kindsmörderinnen werden zu Harpyien, religiöse Fanatiker zu Werwölfen und die Schlimmsten der Schlimmsten – etwa Attila der Hunne, Aleister Crowley, Caligula, Nero, etc. – zu Vampiren. Dass in dieser Welt auch Vlad Țepeș ein Vampir ist, dürfte nicht weiter verwundern. Es handelt sich dabei aber nicht „nur“ um den historischen Vlad, es finden sich auch genug Stoker-Anleihen. Wie so oft fungiert Dracula, der hier wie im Roman als „Graf“ und nicht, wie es eigentlich sein müsste, als „Voivode“ oder „Fürst“ bezeichnet wird, als „König der Vampire“. Mehr noch, als einziger Vampir dieser jenseitigen Vorhölle wurde er bereits zu Lebzeiten auf Erden zum Blutsauger. Optisch erinnert dieser Dracula an wenig an eine stark übertrieben Version des Gary-Oldman-Draculas aus Francis Ford Coppolas Film, er verfügt über einen mächtigen Schnauzbart und trägt eine dunkelrote Rüstung. Allerdings ist dieser Dracula das pure Böse, verdeutlicht durch die schwarzen Engelsflügel auf seinem Rücken. Ähnlich wie der Roman-Dracula gibt es hier keinerlei Schattierungen, stattdessen haben wir einen Vampirfürsten ohne das geringste bisschen Mitgefühl, der mit Freuden die größten Untaten anrichtet.

Batman/Dracula: Red Rain (Doug Monech, Kelley Jones, 1991)
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Bei „Batman/Dracula: Red Rain“ handelt es sich um eine Elseworld-Geschichte: Im Rahmen dieses Labels haben DCs Kreativschaffende (in diesem Fall Autor Doug Moench und Zeichner Kelley Jones) freie Hand mit den Figuren, müssen sich nicht an die etablierte Kontinuität halten und dürfen die absurdesten Prämissen austesten, etwa: Was wäre, wenn Batman auf Dracula treffen würde. „Red Rain“ und die beiden Fortsetzungen „Bloodstorm“ und „Crimson Mist“ sind sehr interessante Batman-Geschichten, da Batman in ihnen letztendlich selbst zum Vampir wird und mit seinem Kodex auf einer Art und Weise konfrontiert wird, die normalerweise nicht möglich ist. In Bezug auf Dracula, der den ersten Band nicht überlebt, ist „Red Rain“ aber leider eher enttäuschend. Dracula ist hier kaum mehr als ein Vehikel, um den Vampirismus nach Gotham City zu bringen. Er ist ein stereotyp böser Vampirfürst, der über so gut wie keine individuellen Charakterzüge verfügt, nicht einmal optisch sticht er hervor – tatsächlich ist er kaum von Bruce Wayne zu unterscheiden. Im Grunde wird weder zu Stokers Romanfigur, noch zum historischen Dracula irgendeine Beziehung hergestellt. Lediglich ein ähnliches Ziel findet sich bei beiden Versionen: Wie London im Roman hat Dracula Gotham City als seine neuen Jagdgründe auserkoren, weil in einer Stadt wie dieser noch ein paar weitere Tote schlicht nicht auffallen.

The Batman vs. Dracula (Sam Liu, Brandon Vietti, Seung Eun Kim, 2005)
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Es existiert noch ein weiteres Zusammentreffen zwischen dem Dunklen Ritter und dem König der Vampire. Dieser Direct-to-DVD-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2005 ist eine Auskopplung der Serie „The Batman“ (nicht zu verwechseln mit der weit überlegenen „Batman: The Animated Series“), die ich aufgrund der thematischen Überschneidung noch im Rahmen dieses Artikels bespreche. Es handelt sich dabei nicht um eine Adaption von „Red Rain“, auch wenn die Grundprämisse eine ähnliche ist: Dracula kommt nach Gotham City und muss sich mit Batman messen. Im Gegensatz zu „Red Rain“ wird Batmans Schurkenriege in größerem Ausmaß mit einbezogen. Wo „Red Rain“ eher eine definitiv nicht jugendfreie Charakterstudie ist und den Fokus auf Batman und seinen Moralkodex legt, der die Wandlung Bruce Waynes zum Vampir überstehen muss, ist „The Batman vs. Dracula“ weitaus konventioneller und natürlich weniger drastisch. Dennoch finden sich hier weitaus mehr Anspielungen auf Stokers Roman und das popkulturelle Vermächtnis der Figur. So beginnt Dracula im Film als leichenartig ausgezehrtes Monstrum, um im Verlauf jünger und attraktiver zu werden. Der Pinguin übernimmt im Film die Rolle Renfields und legt ein ähnliches Gebaren an den Tag. Wie Bela Lugosis und Gary Oldmans Dracula mischt sich auch dieser Graf unter die feine Gesellschaft und spricht dabei mit osteuropäischem Akzent, während er visuell ein wenig an Christopher Lee angelehnt ist. Ähnlich wie in „The Tomb of Dracula“ wird der Vampirfürst hier als relativ typischer Superschurke charakterisiert, der eine Art vampirische Apokalypse nach Gotham bringen will (auch hier scheint Christopher Lees Graf Pate zu stehen, zumindest in einem der zahlreichen Hammer-Sequels hatte er schon einmal einen ähnlichen Plan). Das Problem hier ist, dass Dracula außerdem noch diverse, ziemlich widersprüchliche Motivationen und Ziele hat, die wirken, als hätte man sie aus den diversen bisherigen Inkarnationen zusammengestückelt, sodass der Graf in diesem Film einfach nicht besonders gut als Schurke für Batman funktioniert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Bildquellen:
Tomb of Dracula
Dracula: Die Graphic Novel
Bram Stoker’s Dracula
Pascal Grocis Dracula
Auf Draculas Spuren
Renfield: A Tale of Madness
Bram Stoker’s Death Ship
Requiem: Der Vampirritter
Red Rain
Batman vs. Dracula

Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Halloween 2017
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Er ist nach wie vor der bekannteste Vampir der Film- und Literaturgeschichte, sein Name wurde zum Teil sogar als Synonym für das Wort „Vampir“ verwendet. Darüber hinaus ist er auch eine der fiktiven Figuren, die am häufigsten in Film und Fernsehen adaptiert wurde – lediglich Sherlock Holmes kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen. Er ist der Archetyp eines ganzen Genres und jeder kennt seinen Namen. Dennoch haben nur verhältnismäßig wenig Leute tatsächlich Bram Stokers „Dracula“ gelesen – das Wissen um den „König der Vampire“ kommt zumeist durch kulturelle Osmose und setzt sich aus Bruchstücken aus Literatur, Film und Fernsehen zusammen. Dennoch, wer den Vampir in seiner heutigen Form verstehen möchte, kommt an „Dracula“ nicht vorbei. Stokers Roman markiert das Ende einer Tradition und den Beginn einer neuen. Auf die ausführliche Besprechung des „Königs der Vampire“ arbeite ich bereits hin, seit ich meine Serie „Geschichte der Vampire“ begonnen habe. Dieser Artikel setzt sich ausführlich und ausschließlich mit Stokers Roman auseinander.

Inhalt und Form
Der junge Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien, um dem dort ansässigen reichen Edelmann Graf Dracula beim Kauf diverser Immobilien in England behilflich zu sein. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass sein Gastgeber ein blutdürstiger Vampir ist, der nach England umsiedeln möchte, um dort neue Opfer zu finden. Er lässt Jonathan in den Klauen seiner drei Gespielinnen zurück und reist per Schiff nach England. In Whitby, dem Ort seiner Ankunft, verbringt gerade Mina Murray, Jonathan Harkers Verlobte, ihre Ferien mit ihrer Freundin Lucy Westenra. Lucy wird zu Draculas erstem Opfer. Obwohl ihr Verlobter Arthur Holmwood sowie Lucys ehemalige Verehrer John Seward und Quincey Morris sowie Sewards Mentor Abraham van Helsing alles daran setzen, Lucy zu retten, scheitern sie. Lucy stirbt und wird zur Untoten, die letztendlich von denen, die sie während ihres Lebens geliebt haben, erlöst werden muss. Mina erfährt derweil, dass Jonathan in halb verrücktem Zustand von Nonnen gefunden wurde und gegenwärtig gesund gepflegt wird. Sie reist nach Osteuropa, wo sie Jonathan so schnell wie möglich heiratet. Die Ereignisse, die zu Jonathan temporärer geistiger Umnachtung geführt haben, hat der junge Anwalt vorerst verdrängt, er gibt Mina allerdings sein Tagebuch. Zuerst weigert sie sich, es zu lesen, nachdem sie von Lucys Tod erfährt und Jonathan meint, den Grafen in London gesehen zu haben, liest sie es dann doch. Schließlich tragen alle Beteiligten ihre Informationen zusammen – nicht nur Jonathan, auch van Helsing, Holmwood, Morris und Seward sind sehr daran interessiert, Dracula ein für alle Mal auszuschalten. Es gelingt ihnen, die Zufluchtsstätten Draculas in England unbrauchbar zu machen, derweil wird Mina allerdings zum nächsten Opfer des Grafen. Seiner Rückzugsorte beraubt flieht der Graf zurück in seine Heimat, verfolgt von den Vampirjägern, die sich mit dem Untoten ein Wettrennen nach Transsylvanien liefern, um Mina vor dem Schicksal zu bewahren, das Lucy ereilte. Es gelingt ihnen schließlich, den Grafen aufzuhalten, kurz bevor er das Schloss erreicht – nur Quincey Morris erleidet dabei eine tödliche Verletzung, freut sich aber darüber, dass sein Opfer es ermöglicht, Dracula aufzuhalten und Mina zu retten.

Diese ganzen Geschehnisse werden in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Zeitungsausschnitten oder anderen relevanten Dokumenten präsentiert, gesammelt und sortiert von den Protagonisten als Chronik der Ereignisse. Dieser Umstand dominiert die Form des Romans – während Briefe und Zeitungsausschnitte zumeist als kürzere Interludien funktionieren, nehmen die Tagebucheinträge den meisten Raum ein, wobei Jonathan Harker, Mina Harker und John Seward die dominantesten Erzähler sind. Der mit Abstand gelungenste Teil des Romans ist das erste Drittel, in dem Jonathan Harker nach Transsylvanien reist, die dunklen Omen und Warnungen der Einheimischen ignoriert, dann aber langsam feststellt, dass sein Gastgeber ein Vampir ist. Dieser Abschnitt des Romans ist am atmosphärischsten und spannendsten, auch weil er sehr fokussiert ist und sich ausschließlich auf Jonathans wachsenden Schrecken konzentriert. Die anderen beiden Drittel des Romans zerfasern etwas, vor allem der Mittelteil zieht sich ein wenig. Lucys langsame Verwandlung in eine Vampirin ist ebenfalls gelungen, wird aber immer wieder von relativ uninteressanten Interludien unterbrochen. Ein besonders auffälliges Element ist der Umstand, dass Dracula nach dem ersten Drittel kaum mehr als Figur auftaucht, sondern eher zu einer bedrohlichen Präsenz im Hintergrund wird, was dramaturgisch relativ gut funktioniert. In dieser Hinsicht ist lediglich das eigentliche Ende des Romans (bzw. des Vampirs) etwas enttäuschend: Nach einer Verfolgungsjagd von England nach Transsylvanien darf der Graf nicht einmal mehr selbst Hand an seine Verfolger legen, sondern wird ganz passiv in seiner Transportkiste von Jonathan und Quincey abserviert. Letzteren darf er nicht einmal persönlich umbringen – insgesamt ist das ganze Finale ziemlich knapp und antiklamktisch; die meisten Adaptionen erweitern es oder ändern es völlig ab.

Entstehung
Angeblich basiert die Grundidee für „Dracula“ auf einem Traum, den Stoker hatte und der sich im Roman in Form der Begegnungen mit den drei Gespielinnen Draculas wiederfindet. Dabei handelt es sich allerdings eher um eine Anekdote denn eine tatsächliche Gegebenheit. Fakt ist allerdings, dass Stoker definitiv von seinen direkten Vorgängern stark beeinflusst wurde: Sowohl „The Vampyre“ als auch „Varney the Vampire“ und vor allem „Carmilla“ hatten großen Einfluss auf das Schaffen des irischen Schriftstellers und beeinflussten seine Darstellung des Vampirs. Die Inspiration für den Titelschurken stammt allerdings aus anderer Quelle – und es handelt sich dabei auch nicht um Vlad Țepeș. Stattdessen findet sich in Dracula, seinem Auftreten und Gebahren, seinen guten Manieren, seiner Arroganz und Grausamkeit vor allem der Schauspieler Henry Irving wider. Zwischen 1878 und 1898 arbeitete Stoker im Lyceum Theatre in London, das während eben dieses Zeitraums von Irving geleitet wurde. Ursprünglich beabsichtigte Stoker, „Dracula“ im Lyceum mit Irving in der Titelrolle zur Aufführung zu bringen, doch Irving sagte die Idee nicht zu, da ihm der Stoff zu trivial erschien, weshalb Stoker sein Werk schließlich in Romanform veröffentlichte.

Und Vlad Țepeș? Ursprünglich hatte Stoker überhaupt nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark in Österreich als Heimat für seinen Vampir auserwählt – hier zeigt sich noch einmal der Einfluss von Sheridan Le Fanus „Carmilla“. In der Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren sollte, von Stoker aber verworfen und später von seiner Witwe Florence Stoker posthum veröffentlicht wurde, findet sich noch ein letzter Hinweis auf diesen Umstand. Der namenlose Erzähler (theoretisch müsste es sich dabei um Jonathan Harker handeln) stößt in einem verlassenen Dorf in der Nähe von München auf die Gruft einer Vampirin, die von der Inschrift als „Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark“ identifiziert wird.

Im frühen Stadium trug der Schurke von Stokers Werk (und damit auch das Werk selbst) noch den Namen „Count Wampyr“. Erst durch den Orientalisten Arminius Vámbéry kam Stoker auf die Idee, Anfang und Ende der Handlung nach Osteuropa zu verlegen. Vámbéry erzählte Stoker auch von Vlad III., genannt „Dracula“ (bzw. „Drăculea“), dem „Sohn des Drachen“ oder „Sohn des Teufels“. Es gilt inzwischen allerdings als gesichert, dass Stoker nicht allzu viel über Vlad III. wusste, denn die tatsächlichen Verweise auf die historische Figur, die im Roman zu finden sind, bleiben vage und unspezifisch, was angesichts des bewegten Lebens, das Vlad führte, äußerst merkwürdig ist. Noch dazu sind fast alle Details falsch: Vlad III. herrschte niemals in Transsylvanien und besaß auch kein Schloss am Borgo-Pass, stattdessen regierte er die Walachei und war auch kein Graf, sondern Voivode (was sich am ehesten mit „Fürst“ übersetzen lässt; zugegebenermaßen wird dieser Titel im Roman einmal von van Helsing erwähnt). Und obwohl er ein blutrünstiger Schlächter war, hat der Beiname Drăculea, im Gegensatz zu einem anderen Beinamen (Țepeș, der Pfähler) nichts damit zu tun. Vlads Vater, Vlad II., wurde von Kaiser Sigismund in den Drachenorden, einen Ritterorden zum Schutz der Christenheit, aufgenommen und erhielt deshalb den Beinamen „Dracul“, „der Drache“. Somit war Vlad III. der Sohn des Drachens. Lange Rede, kurzer Sinn: Dracula hat mit dem historischen Vlad Drăculea bis auf den Namen und den üppigen Schnurrbart eigentlich nichts gemein, die Verknüpfung zwischen dem Vampir und dem nicht minder blutrünstigen Herrscher der Walachei wurde erst in späteren Adaptionen der Vorlage geschaffen.

Deutungen
Es gibt eine Vielzahl an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten für „Dracula“ – ich will hier nur in aller gebotenen Knappheit einige Ansätze präsentieren, da dieser Artikel sonst völlig ausarten würde. Besonders beliebt ist der Ansatz, dass es sich bei Dracula um eine Repräsentation des im viktorianischen Zeitalter stark unterdrückten Sexualtriebs handelt, der die Reinheit (oder Prüderie) der viktorianischen Dame, vertreten durch Mina Harker und Lucy Westenra, befleckt. In diesem Zusammenhang kann der Vampirismus als Geschlechtskrankheit interpretiert werden, oder als unterdrückte Homosexualität, oder als Freisetzung des Freud’schen „Es“. Apropos Freud, der Madonna/Hure-Komplex ist auch nicht weit entfernt: Die Frauen in „Dracula“ sind entweder pure, reine Wesen, die von den Männern überhöht werden (Mina, Lucy als Mensch) oder lüsterne Dämoninnen (Draculas Gespielinnen, Lucy als Vampirin) – Zwischentöne gibt es nicht.

Und dann wären da noch die gesellschaftlichen bzw. politischen Deutungen. Mit Ausnahme Arthur Holmwoods handelt es sich bei den Vampirjägern um aufgeklärte Vertreter des Bürgertums, die gegen einen blutsaugenden Adeligen, einen Vertreter einer alten und überkommenen Ordnung kämpfen – so kann „Dracula“ auch als Versinnbildlichung einer bürgerlichen Revolution gesehen werden. Damit einher geht die Deutung des Konflikts im Roman als Kampf zwischen Fortschritt und Rückschritt bzw. Aufklärung und Magie. Zwar wird die dogmatische Leugnung des Übernatürlichen als fatal dargestellt – letztendlich müssen die Protagonisten auf unangenehme Weise lernen, dass das Übernatürliche real ist – aber dennoch wird es als etwas bekämpft, das in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Mehr noch, die Vampirjäger unterwerfen sich letztendlich nicht seinen Regeln. Dracula selbst stirbt, anders als Lucy, nicht durch den Holzpflock, die traditionelle Waffe im Kampf gegen Vampire, sondern durch Jonathan Harkers Kukri und Quincy Morris‘ Bowiemesser, zwei verhältnismäßig moderne Waffen.

Und schließlich wäre da noch die persönlichere Deutung, derzufolge Stoker sich selbst und die Personen seines Umfelds auf dualistische Weise in den Roman eingearbeitet hat: Das Zentrum seines beruflichen Lebens und seiner Bewunderung, Henry Irving, wird dieser Interpretation zufolge in seinen positiven Aspekten von van Helsing repräsentiert, in seinen negativen von Dracula, während Stoker sich selbst, schwankend zwischen Bewunderung und Abhängigkeit, in Form von Jonathan Harker und dem Wahnsinnigen Renfield, der sich vom Grafen ewiges Leben erhofft, in die Geschichte einarbeitete. Mina und Lucy repräsentieren dann seine Frau Florence, während die beiden Trios des Romans, die Vampirjäger und die drei Vampirinnen, Irvings persönlich Entourage darstellen sollen.

Dracula und Stokers Vampire
Es gibt ein Element, das Dracula von fast allen seinen Vorgängern unterscheidet, die ich im Rahmen von „Geschichte der Vampire“ besprochen habe: Bram Stokers Graf Dracula ist als Figur absolut nicht ambivalent, er ist einfach nur böse. Nachdem man Jahrzehnte lang Filme gesehen hat, in denen Dracula romantisch involviert war, mit Gewissensbissen haderte oder sein Schicksal beklagte, mag das seltsam erscheinen, aber der Vampire im Roman besitzt keine dieser Eigenschaften, keine Ambivalenz, keine Reue, keine Spur von romantischer Veranlagung, er ist nicht einmal besonders attraktiv oder anziehend (allerdings auch nicht so hässlich wie Graf Orlok). Zwar fungierten Lord Ruthven und Carmilla ebenfalls als die Antagonisten ihrer jeweiligen Geschichte, beide bauten aber auch innige Beziehungen zu den jeweiligen Protagonisten auf, wurden Freunde, Mentoren oder gar Geliebte, sodass sich ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelte. Sir Francis Varney schließlich ist der Prototyp des sympathischen Vampirs, auch wenn er zumindest am Anfang von „Varney the Vampire“ noch eine antagonistische Rolle einnahm. Dracula mag wie Ruthven ein Adeliger sein und es nicht auf Familienmitglieder, sondern auf schöne junge Frauen abgesehen haben, aber auf rein konzeptioneller Ebene lässt er sich am ehesten mit den Vampiren aus „Die Familie des Wurdalak“ vergleichen. Sowohl bei Tolstoï als auch bei Stoker bleibt nach der Vampirwerdung kaum etwas von der ursprünglichen Persönlichkeit des Menschen übrig. Natürlich verrät der Roman nicht, wie Dracula als Mensch war, aber als Leser erlebt man, wie sich Lucy Westenra durch die Vampirwerdung verändert. Zwar erinnert sie sich noch daran, dass sie mit Arthur verlobt war, doch dabei handelt es sich bestenfalls um Rückstände ihres früheren Ichs, die keine Einfluss auf das Monster haben, zu dem sie geworden ist. Nur in einer einzigen Szene des Romans zeigt Dracula ein wenig Ambivalenz, nämlich im Gespräch mit Jonathan Harker im ersten Drittel des Romans. Dort, und nur dort, gibt sich der Graf ein wenig melancholisch. Doch selbst dabei scheint es sich um eine Täuschung des Monsters zu handeln. Fast jede Adaption des Romans, selbst die, in denen Dracula immer noch eindeutig der Schurke ist, haben ihm zumindest den einen oder anderen zusätzlichen sympathischen Zug verliehen, von späteren Versionen, in denen er zum romantischen Antihelden mutiert, gar nicht erst zu sprechen. Aber vielleicht eignet sich Stokers Dracula gerade wegen seiner Eindimensionalität so gut als Archetyp: Dracula ist DER böse Vampir, ohne Schattierungen, und als solcher kann er als Sprungbrett in alle möglichen Richtungen fungieren.

Was die Darstellung des Vampirs im Allgemeinen angeht, so orientiert sich Stoker durchaus an seinen Vorgängern, wo diese aber zum Teil vage und unklar blieben, schafft Stoker fast schon mechanische Gesetzmäßigkeiten: Der Vampir muss Blut trinken, um zu überleben, altert nicht und kann sich sogar verjüngen, er muss in der Erde seiner Heimat schlafen, er kann sich in Tiere (Wölfe, Fledermäuse, Ratten) und Nebel verwandeln, er muss eingeladen werden, um ein Gebäude betreten zu können, sobald er jedoch einmal eingeladen wurde, wird man ihn kaum wieder los. Er hat kein Spiegelbild und keinen Schatten, Knoblauch und christliche Symbole schrecken ihn ab, fließendes Wasser kann er nicht (bzw. nur in einer Kiste schlafend) überqueren, seine Gestalt kann er nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verändern und den Tag muss er in der Gestalt verbringen, die er in der Nacht gewählt hat. Töten kann man ihn, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, ihm den Kopf abschlägt und Knoblauch in den Mund stopft (obwohl sich ja bereits im Roman auch diverse Messer als äußerst wirkungsvoll erweisen). Diese Gesetzmäßigkeiten, zusammen mit dem Tod durch Sonnenlicht, der in Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ etabliert wurde, gelten als Vampirstandard und haben sich inzwischen im kulturellen Unterbewusstsein verankert.

Normalerweise würde ich nun noch weiter über das Vermächtnis des Werkes und das Fortleben der Figur in Adaptionen und anderen Werken schreiben, aber bei „Dracula“ ufert das derartig aus, das noch einige weitere Artikel folgen werden, die sich mit der Darstellung des Grafen in Film und Fernsehen, Comic und Anime, weiteren Romanen sowie Hörbüchern und -spielen auseinandersetzen werden.

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Geschichte der Vampire:
The Vampyre
Die Familie des Wurdalak
Varney the Vampire
Carmilla
Nosferatu

Geschichte der Vampire: Carmilla

Halloween 2016
carmilla
Von allen direkten Vorgängern Draculas ist Carmilla die wahrscheinlich bekannteste, was zum einen daran liegt, dass ihr Schöpfer, der Ire Joseph Sheridan Le Fanu (1814 bis 1873), nicht völlig in Vergessenheit geraten ist, sondern als wichtiger Schöpfer viktorianischer Geistergeschichten und großer Einfluss auf Autoren wie M. R. James gilt, und zum anderen darauf zurückzuführen sein dürfte, dass Carmilla des Öfteren in Filmen oder anderen popkulturellen Werken auftaucht. Ganz allgemein erwies sich die Novelle „Carmilla“ (ursprünglich als Serial in dem Literaturmagazin „The Dark Blue“ zwischen 1871 und 72 und dann in gesammelter Form in Le Fanus Anthologie „In a Glass Darkly“ 1872 erschienen) als sehr einflussreich, sie beeinflusste Bram Stoker und schuf den Archetypen des weiblichen und oftmals auch lesbischen Vampirs – tatsächlich findet sich in „Carmilla“, ähnlich wie in Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, so viel homosexueller Subtext wie im 19. Jahrhundert gerade eben möglich war.

Die Handlung
Ort der Handlung ist die Steiermark in Österreich. Le Fanu konzipierte „Carmilla“, ähnlich wie Stoker später „Dracula“, als fiktiven Tatsachenbericht. Als Erzählerin fungiert die Protagonistin Laura, Tochter eines englischen Adeligen und Witwers, der früher in den Diensten des österreichischen Kaiserreiches stand und nun mit seiner Tochter und zwei Gouvernanten in einem einsamen Schloss lebt. Laura macht diese Einsamkeit zu schaffen, und so begrüßt sie es, als ihr Vater ein Mädchen in ihrem Alter namens Carmilla aufnimmt, deren Mutter wegen dringender, geheimer Geschäfte außer Landes muss. Schon bald werden Laura und Carmilla zu engen Freundinnen, allerdings gibt es immer wieder merkwürdige Vorkommnisse. So hatte Laura als Kind einen fast schon prophetischen Traum, in dem sie Carmilla sah. Auch gleicht ein Porträt einer entfernten Verwandten Lauras Carmilla. Und schließlich wird Laura von merkwürdigen Alpträumen geplagt, in denen eine schwarze Katze vorkommt, die ihr in die Brust beißt, während sich in den umliegenden Dörfern eine mysteriöse Krankheit ausbreitet, der lediglich junge Mädchen zum Opfer fallen. General Spielsdorf, ein Freund von Lauras Vater, liefert schließlich die Antwort auf die Frage nach diesen mysteriösen Vorkommnissen: Carmilla ist eine Vampirin, die als Millarca bereits für den Tod von General Spielsdorfs Tochter verantwortlich ist und ursprünglich Mircalla von Karnstein hieß. Gemeinsam mit dem Vampirjäger Baron Vordenburg gelingt es, Carmillas Ruhestätte ausfindig zu machen und sie zu pfählen. Laura bleibt jedoch von den Ereignissen gezeichnet.

Le Fanus Vampirin
Carmilla ist nicht nur der erste signifikante weibliche Vampir, sondern unter den direkten Vorgängern Draculas auch einer der sympathischeren. Zwar hadert sie nicht wirklich mit ihrem Schicksal, wie es etwa bei Sir Francis Varney der Fall ist, aber ihre Zuneigung zu Laura scheint doch echt zu sein. Darüber hinaus versucht Carmilla zumindest, ihr Verhalten zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Konzeption des Vampirs bei Le Fanu weißt bereits viele bekannte Komponenten auf, unterscheidet sich aber durchaus auch von späteren Vertretern. Wie nicht anders zu erwarten wird Carmilla zwar durch die Sonne geschwächt und ist primär nachts aktiv, verbrennt allerdings auch nicht zu Asche, da diese Eigenschaft erst mit Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ ihren Weg in den Vampirmythos fand. Wie diverse andere Literaturvampire ruht Carmilla in einem Sarg und wird mit einem Tier in Verbindung gebracht, in das sie sich auch verwandeln kann. Während das bei Dracula allerdings Fledermaus und Wolf waren, nimmt Carmilla die Gestalt einer schwarzen Katze an. Darüber hinaus ist sie, wie Dracula, in der Lage, sich in Nebel zu verwandeln. Was sie von späteren Vampiren außerdem abgrenzt ist die Wahl des Körperteils, von dem sie trinkt. Meistens saugen die Vampire das Blut aus dem Hals, Carmilla bevorzugt jedoch die Brust. Darüber hinaus findet sich bei Le Fanu auch noch ein Element, das eher den älteren Volkssagen entstammt und in „Die Familie des Wurdalak“ sehr prominent war: Die Vorliebe des Vampirs für Familienmitglieder. Laura ist über ihre Mutter mit dem Geschlecht derer von Karnstein, dem Carmilla entstammt, verwandt und scheint dadurch von besonderem Interesse für die Vampirin zu sein.

Wirkung und Adaptionen
carmillahorspielNicht nur erwies sich „Carmilla“ als exzellente und atmosphärische Schauergeschichte in bester Gothic-Tradition (alte, abgelegene Schlösser, neblige Landschaften, düstere Geheimnisse), sondern auch als prägendes Werk der Vampirliteratur. Le Fanus Novelle beeinflusste „Dracula“ sehr direkt; vor dem Abfassen seines Romans hatte Stoker sie gelesen und bestimmte Elemente übernommen. Es gibt atmosphärische und erzählerische Parallelen (beide Werke sind als Aufzeichnung konzipiert), ebenso wie Gemeinsamkeiten gewisser Figuren; so erinnert Lucy Westenra vor ihrer Vampirwerdung an Laura und danach an Carmilla, während Professor Abraham van Helsing an Baron Vordenburg angelehnt sein dürfte. Mehr noch, bevor Transsylvanien zu Draculas Herkunftsort wurde, wollte Stoker ihn in der Steiermark ansiedeln. Noch deutlicher werden die Parallelen, wenn man die Kurzgeschichte „Draculas Gast“ miteinbezieht: Diese sollte ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren, Stoker nahm sie dann allerdings aus dem Roman heraus, bis sie nach seinem Tod von seiner Frau schließlich veröffentlicht wurde. In dieser Geschichte entdeckt der namenlose Ich-Erzähler (bei dem es sich wohl mehr oder weniger um Jonathan Harker handelt) in einem verfallenen Dorf in der Nähe von München eine Vampirin namens Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark. Sowohl „Draculas Gast“ als auch „Carmilla“ wurden von Titania Medien als Gruselkabinett-Folgen umgesetzt und sind wie üblich äußerst empfehlenswert.

Auch über „Dracula“ hinaus erwies sich „Carmilla“ als wichtige Genre-Erzählung und bildete die direkte oder indirekte Vorlage für viele Vampirgeschichten; vor allem im Jugendbuchbereich bediente man sich der grundsätzlichen Handlungskonstruktion gerne, sodass es zur Freundschaft zwischen menschlichem Protagonisten und Vampir kommt. Darüber hinaus wurde Carmilla auch einige Male verfilmt, unter anderem von dem dänischen Regisseur Carl Dreyer („Vampyr“, 1932) oder dem Franzosen Roger Vadim („Et mourir de plaisir“, 1960) – während der dänische Film den homosexuellen Subtext völlig ignoriert, liegt der Fokus des französischen Films auf exakt dieser Thematik. Die bekannteste Adaption dürfte wohl die Karnstein-Trilogie der Hammer-Studios sein, die sich nach der erfolgreichen Umsetzung von „Dracula“ mit Christopher Lee 1970 auch Le Fanus Novelle annahmen. Der erste Film besagter Trilogie trägt den Titel „The Vampire Lovers“ (auf deutsch „Die Gruft der Vampire“) und ist der Vorlage noch verhältnismäßig treu – Ingrid Pitt spielt darin Carmilla. Die anderen beiden Filme, „Lust for a Vampire“ und „Twins of Evil“ haben dagegen nur noch marginal etwas mit Le Fanus Novelle zu tun.

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Ingrid Pitt als Carmilla

Auch in anderen Medien ist Carmillas Einfluss direkt oder indirekt spürbar, vor allem durch mehr oder weniger subtile Verweise – nur allzu gerne wird zum Beispiel der Name Karnstein im Vampirzusammenhang verwendet, etwa in Kim Newmans Anno-Dracula-Romanen. Rachel Kleins Roman „The Moth Diaries“ (ebenso wie die darauf basierende Verfilmung) kann durchaus als Neuinterpretation von „Carmilla“ angesehen werden. Und dann wäre da auch noch die neueste Adaption, eine Webserie, die denselben Namen trägt wie das Original. Laura (Elise Bauman) ist hier Schülerin an einem Internat, die eine Videotagebuch führt und sich mit ihrer neuen Zimmergenossin Carmilla (Natasha Negovanlis) arrangieren muss. Man kann sich natürlich schon denken, wohin das führt…

Vampire: The Masquerade – Bloodlines

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Da ich mich selbst nicht unbedingt als Gamer bezeichnen würde – viel eher als Gelegenheitsspieler – habe ich schon früh beschlossen, dass es hier keine Rezensionen zu Spielen geben wird. Allerdings, hin und wieder erwacht dann doch das Verlangen, über meine Favoriten der Spielezunft zu schreiben. „Vampire: The Masquerade – Bloodlines“ ist definitiv einer dieser Favoriten, sogar einer der mir besonders am Herzen liegt, und das nicht nur, weil es sich dabei um ein ausgezeichnetes Rollenspiel handelt, das ich wirklich verdammt oft gespielt habe. Dieses Spiel ist letztendlich dafür verantwortlich, dass ich mich endgültig in White Wolfs „World of Darkness“ verliebt habe und nun ein ganzes Regalbrett voller Vampire-Quellenbände besitze.

Vorgänger und Begleitumstände
Die Welt, in der „Vampire: The Masquerade“ spielt, kenne ich allerdings schon ein wenig länger, denn es gibt noch eine weitere Spieleadaption. Im Jahr 2000 erschien „Vampire: The Masquerade – Redemption“, das ich ein, zwei Jahre später erwarb und spielte. Das Konzept der dargestellten Vampirgesellschaft inklusiver diverser Vampirclans begeisterte mich sofort, ebenso wie die Grundstory des Kreuzritters Christof Romauld, der im mittelalterlichen Prag zum Vampir wird und nach einem Besuch in Wien ein mehrere Jahrhunderte dauerndes Nickerchen macht, um im London des Jahres 1999 wieder zu erwachen und schließlich in New York am Vorabend des neuen Jahrtausends seinen Erzfeind zu bezwingen.

Leider ist „Redemption“ nicht unbedingt die gelungenste Umsetzung des Pen&Paper-Rollenspiels. Man merkt, dass den Machern die World of Darkness zweifellos am Herzen lag und dass sie sehr ambitioniert waren. Viele Konzepte, Ideen und Fachtermini der Vorlage sind im Spiel zu finden, es ist den Machern tatsächlich gelungen, alle Clans (mit Ausnahme der Ravnos, dafür gibt es aber Kappadozianer) unterzubringen. Und vor allem der ersten Hälfte merkt man viel Herzblut und Liebe zum Detail an (die zweite Hälfte ist, gerade bezüglich der Schauplätze, leider eher langweilig). Das Problem liegt vor allem darin, dass das Spiel einerseits etwas überladen ist und dass sich andererseits das Spielprinzip nicht ganz so gut mit der Grundprämisse der Vorlage deckt. Beim „Vampire: The Masquerade“ handelt es sich laut dem Grundregelwerk um ein Spiel des persönlichen Horrors, Moralität und die Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Tier stehen im Fokus. „Redemption“ schneidet diese Themen zwar an, arbeitet aber nicht mit ihnen; es gibt kaum Gelegenheiten, in denen man als Spieler wirklich Entscheidungen treffen kann. Als Spiel ist „Redemption“ ein lineares Action-Rollenspiel, das stark an „Diablo 2“ erinnert (allerdings mit einem weit weniger flüssigen Kampf- und Fertigkeitensystem und einer ziemlich miesen KI). Ein solches kann die Prämisse der Vorlage leider nur in sehr begrenztem Maße umsetzen, da man doch die meiste Zeit damit beschäftigt ist, durch Dungeons zu marschieren und Gegner umzubringen.

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Die drei Signaturcharaktere: Jeanette Voerman, der Nosferatu-Spielercharakter und Ming Xiao

Wie dem auch sei, „Bloodlines“ ist nicht im eigentlichen Sinne ein „Nachfolger“ zu Redemption, beide Spiele haben außer der Tatsache, dass sie auf demselben Rollenspiel basieren und in derselben Welt spielen, nicht allzu viel miteinander gemein, was schon durch die verschiedenen Entwicklerstudios deutlich wird. „Redemption“ wurde von Nihilistic Software entwickelt, „Bloodlines“ von Troika Games. Leider hatte das zweite Masquerade-Rollenspiel keinen besonders guten Start, da Troika pleiteging und „Bloodlines“ deshalb unfertig und verbuggt auf den Markt kam. Ein erster Patch beseitigte die gröbsten Fehler, aber es waren schließlich Fan-Patches, die dafür sorgten, dass „Bloodlines“ sein volles Potential ausleben konnte. Trotz der Fehler entwickelte sich schnell eine hingebungsvolle Fangemeinde, die die Qualitäten dieses Spiels erkannte und alles dafür tat, es so perfekt wie möglich zu machen.

Story und Spielprinzip
Zu Anfang des Spiels wählt man einen der sieben Clans der Camarilla (Brujah, Gangrel, Malkavianer, Nosferatu, Toreador, Tremere, Ventrue) aus und legt die grundsätzllichen Attribute fest. Und schon geht es los. Handlungsort ist Los Angeles: Der Spieler beginnt als frisch geschaffener Vampir, dessen Erzeuger hingerichtet wird. Nur dank der Güte des Prinzen von L.A. überlebt man, fungiert aber fortan als Laufbursche des besagten Prinzen, eines Franzosen namens Sebastian LaCroix, und lernt so die vampirische Gesellschaft, die Konflikte zwischen den Sekten (Anarchen, Camarilla, Sabbat), Clans und Einzelvampiren kennen, findet sich mit seiner untoten Natur zurecht und lernt, was es heißt, ein blutsaugendes Monster zu sein. Das die eigentliche Handlung auslösende MacGuffin ist der Sarkophag von Ankara, der alle Fraktionen der Stadt in helle Aufregeung versetzt, da angenommen wird, in seinem Inneren befinde sich ein uralter und mächtiger Vampir. Der Spieler folgt der Spur des Sarkophags und erlebt mit, welche Auswirkungen er auf die Figuren und den Status Quo der Stadt hat.

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Das Gothic-Punk-L.A. der World of Darkness

Nach und nach lernt man dabei vier Stadtteile von Los Angeles (Santa Monica, Downtown, Hollywood und Chinatown) kennen und kann diese ausgiebig erforschen. Zwar könnte man theoretisch auch nur der Haupthandlung folgen, aber es gibt so viele interessante Nebenquests, dass es wirklich eine Schande wäre, würde man sie ignorieren. Insgesamt ist „Bloodlines“ weitaus mehr Rollenspiel als „Redemption“. Die eigentliche Haupthandlung ist zwar ebenfalls ziemlich linear, als Spieler hat man allerdings weitaus mehr Freiheit bei der Erkundung der Welt und der Erledigung der Quests. Mit Ausnahme einiger weniger Missionen gibt es für die diversen Aufträge darüber hinaus immer drei bis vier Lösungsmöglichkeiten. Natürlich kann der Spieler einfach eindringen und alle umbringen, aber zumeist ist es erfolgversprechender, wenn man sich einschleicht oder versucht, potentielle Gegner zu überreden, zu verführen, zu bedrohen oder zu bestechen. Erfahrungspunkte gibt es auch nicht für getötete Gegner, sondern ausschließlich für erledigte Quests; eine subtile und clevere Vorgehensweise ist diesbezüglich zumeist lukrativer. Ganz kommt man um Kämpfe allerdings dennoch nicht herum. „Bloodlines“ bietet sowohl Nah- als auch Fernkampfwaffen (Letztere werden aus der Ego-Perspektive bedient), zusätzlich zu den vampirischen Disziplinen. Leider ist auch hier das Kampfsystem ein wenig holprig und unausgereift, was aber weitaus weniger ins Gewicht fällt als bei Redemption, da man sich nicht die ganze Zeit prügeln muss.

Figuren, Dialoge und Sprecher
Eine der größten Stärken von „Bloodlines“ sind die wirklich exzellenten geschriebenen Figuren und Dialoge. Besonders mit Letzteren hatte „Redemption“ einige Probleme, da sie oftmals ziemlich plakativ und unnatürlich wirkten. Nicht so in „Bloodlines“.

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Smiling Jack (John DiMaggio)

In diesem Spiel wimmelt es geradezu vor enorm spannenden Figuren, die authentisch und oftmals gleichzeitig bedrohlich und amüsant sind, in jedem Fall aber absolut zu überzeugen wissen und mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurden. Da ist es völlig egal, ob es sich um wichtige WoD-Signaturcharaktere wie Beckett oder Smiling Jack handelt, die man bereits aus den Quellenbänden von White Wolf kennt, oder kleine, unwichtige Nebencharaktere wie zum Beispiel Dr. Gimble in Santa Monica – sie alle sind individuell gestaltet und sorgen dafür, dass das Los Angeles des Spiels zu einem lebendigen Ort wird, den man gerne erforscht. Natürlich müssen auch gut geschriebene Dialoge passend vertont werden – zum Glück leistet „Bloodlines“ auch an dieser Front exzellente Arbeit. Es existiert keine deutsche Synchronisation, was angesichts der ausgezeichneten englischen Sprecher aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Ein Spiel wie dieses braucht natürlich Spreche en masse, darum hier nur kurz einige meiner Favoriten: John DiMaggio (Smiling Jack), Michael Gough (Beckett), Grey DeLisle (Jeanette und Theres Voreman), Nika Futterman (Velvet Velour), Jim Ward (Maximilan Strauss), Neil Ross (Gary) und Mary Elizabeth McGlynn (Pisha).

Verhältnis zur Vorlage
Einer der dicksten Pluspunkte von „Bloodlines“ ist die grandiose Atmosphäre, die die Gothic-Punk-Stimmung der Vorlage vorzüglich einfängt. Zwar ist die auf Valves Source-Engine basierende Graphik inzwischen völlig veraltet und war schon zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht ganz auf der Höhe der Zeit, aber atmosphärisch weiß „Bloodlines“ nach wie vor zu überzeugen.

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Los Angeles by Night (1994)

Auch sonst ist das zweite Masquerade-Spiel eine bessere Umsetzung der Vorlage als das erste. Während es bei „Redemption“ wirkt, als hätten die Macher so viel vom Hintergrundmaterial wie nur möglich unterbringen wollen, zeigt sich, dass bei „Bloodlines“ weniger tatsächlich mehr ist. Die Mythologie der World of Darkness wird weit subtiler vorgestellt, der Spieler ertrinkt nicht in Exposition und die Autoren fühlten sich auch nicht verpflichtet, alle Clans ausführlich vorzustellen – die Jünger des Set oder die Assamiten fehlen beispielsweise völlig.

Obwohl 1994 ein Masquerade-Quellenband erschien, der Los Angeles ausführlich beschrieb, bedient sich „Bloodlines“ kaum der Informationen besagten Quellenbandes – es gibt nur eine einzige Figur, die sowohl im Spiel als auch in der ursprünglichen Beschreibung der Stadt auftaucht: Der legendäre Brujah-Anarch Smiling Jack. Alle anderen Figuren (bis auf Beckett, versteht sich, der, wie erwähnt, einer der beliebtesten NPCs des Pen&Paper-RPGs ist) wurden für das Spiel neu geschaffen. Indirekt haben aber doch einige Elemente von „Los Angeles by Night“ ins Spiel gefunden, bzw. sie dienen als Basis. Dazu gehört vor allem die Tatsache, dass L.A. viele Jahrzehnte lang weder zur Camarilla, noch zum Sabbat gehörte, sondern ein Anarchen-Freistaat war. Die Ereignisse des White-Wolf-Metaplots, etwa die Invasion der Kuej-jin, der ostasiatischen Vampire und das nahen Gehennas, der Vampirapokalypse, werden ebenfalls aufgegriffen und spielen eine wichtige Rolle.

Schwächen

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Beckett (Michael Gough)

Trotz aller Qualitäten ist „Bloodlines“ nicht frei von Schwächen. Obwohl die Fan-Patches viele Bugs entfernen und sogar einiges an Content restaurieren, finden sich doch nach wie vor einige Spiel- und Grafikfehler.
Während die Gesichtsanimationen beispielsweise wirklich gelungen sind und auch heute noch durchaus überzeugen, lässt sich das über einige der Bewegungsanimationen absolut nicht sagen. Auch das Kampfsystem ist leider nicht das gelungenste und kann hin und wieder zu leichter bis mittlerer Frustration führen. Und dann wäre da noch das Ende: Zwar gibt es diverse unterschiedliche Enden, je nachdem, welcher Fraktion man die Treue schwört, so gewaltig ist der Unterschied dann aber auch wieder nicht. Und dann wäre da der Schlusstwist, der ebenfalls nicht unbedingt befriedigend ist. Weitaus mehr fällt allerdings ins Gewicht, dass die beiden letzten Missionen reine Schlachtfeste sind. Hat man seinen Charakter zu sehr auf Heimlichkeit oder Überredungskünste spezialisiert, wird man es am Ende relativ schwer haben, was wirklich schade ist, da „Bloodlines“ dem Spieler sonst fast immer die Wahl lässt, wie er eine Mission lösen möchte.

Fazit: Trotz einiger Schwächen ist „Vampire: The Masquerde – Bloodlines“ nach wie vor ein exzellentes Rollenspiel, eines meiner absoluten Lieblingsspiele und die bislang beste Umsetzung von „Vampire: The Masquerade“.

Siehe auch:
Vampire: The Masquerade
Gehenna: Die letzte Nacht

Geschichte der Vampire: Varney the Vampire

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Der sympathische, mit sich selbst und seiner monströsen Natur ringende Vampir war bis zu Anne Rice‘ „Chronik der Vampire“ eher eine Seltenheit, das Konzept selbst ist allerdings älter als Dracula. Unter den diversen Wegbereitern des Vampirgrafen ist Sir Francis Varney wahrscheinlich derjenige, der einerseits den größten Einfluss auf die moderne Vampirliteratur ausgeübt hat, aber andererseits kaum jemandem mehr bekannt sein dürfte. Bei Sir Francis Varney handelt es sich um den Protagonisten (bzw. je nach Sichtweise auch um den Antagonisten) eines über 800 Seiten starken Romans namens „Varney the Vampire; or the Feast of Blood“. Besagter Roman erschien zuerst zwischen 1854 und 1847 als Fortsetzungsreihe im Rahmen der sog. „penny dreadfuls“, englischer Schundromanhefte mit zumeist düsterem Inhalt (in der gleichnamigen Serie von John Logan wird Varney sogar in diesem Zusammenhang erwähnt, eine Anspielung, die den Kenner besonders freut), bevor er 1847 dann auch als gebundenes Buch erschien. Die Autorschaft des Werkes ist umstritten, lange galt Thomas Peckett (manchmal auch Preskett) Prest als Verfasser, aber auch James Malcolm Rymer ist ein möglicher Kandidat.

Die Handlung spielt um das Jahr 1730, der Fokus liegt auf den Taten des Vampirs Sir Francis Varney und seine Beziehung zur Adelsfamilie Bannerworth. Ähnlich wie Lord Ruthven ist auch Varney kein monströser Vampir der alten Schule, sondern ein adeliges und mehr oder weniger verführerisches Monster, das klar von der Vampirdarstellung Polidoris beeinflusst wurde und seinerseits die Vampire, die nach ihm kamen, beeinflusste. Zu den typischen Vampireigenschaften Varneys gehört seine übermenschliche Stärke sowie die Fangzähne, mit deren Hilfe er Blut trinkt. Das Sonnenlicht schadet ihm dagegen nicht, diese Eigenschaft wurde erst mit „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ Teil des Vampirmythos.

Insgesamt ist die Vampirdarstellung in „Varney the Vampire“ recht wechselhaft, da das Werk zum Teil sehr inkonsistent ist. So gibt es Abschnitte, in denen Varney kaum vampirische Eigenschaften aufweist und es scheint, als bilde er sich nur ein, ein Vampir zu sein. In anderen Aspekten ist „Varney the Vampire“ jedoch ganz typisch, gerade, was die Atmosphäre angeht: Friedhöfe, alte Schlösser, Vampirjagden, Blut und Leichen – alles, was mit der typischen Vampirgeschichte assoziiert wird, findet sich hier. Varney selbst macht im Verlauf der Geschichte durchaus eine Wandlung durch; zu Beginn gleicht er eher dem typischen Vampirantagonisten, später wird er allerdings zunehmend sympathischer und hadert mit seinem Schicksal, ganz wie seine Nachfolger, von Louis de Pont du Lac über Angel bis zu Bill Compton. Noch in einem weiteren Aspekt erweist sich Varney als Vorläufer: Ähnlich wie der von Christopher Lee dargestellte Dracula der Hammer-Filme wird Varney immer wieder getötet, das Licht des Mondes und ähnliche Methoden holen ihn allerdings ins (Un-)Leben zurück, jedenfalls bis zu seinem finalen Selbstmord: Er springt in den Krater des Vesuv.

Zur Zeit der Publikation war Varney sehr beliebt und erfolgreich, nach dem Erscheinen seines berühmteren Nachfolgers Dracula verschwand er jedoch langsam in der Vergessenheit, was auch daran lag, dass „Varney the Vampire“ lange nicht nachgedruckt wurde, da ein derart dickes und umfangreiches Buch diesen Inhalts für Verlage schlicht nicht rentabel war. 1976 erschien tatsächlich eine, wenn auch stark gekürzte deutsche Übersetzung, die allerdings nicht neu aufgelegt wurde und deshalb sehr selten ist. „Varney the Vampire“ kann, zumindest auf Englisch, inzwischen jedoch problemlos konsumiert werden, da sich der komplette (und rechtefreie) Text im Internet findet. Ich muss zugeben, dass ich selbst aber nur ein paar Ausschnitte gelesen habe, da es doch eine ganze Menge Material ist und der Stil zum Teil doch sehr anstrengt.

Während der indirekte Einfluss des Werkes nicht zu unterschätzen ist, gibt es kaum direkte Weiterverarbeitungen des Stoffes, soweit ich weiß existiert so gut wie keine Adaption für Film oder Fernsehen. Was dem am nächsten kommen könnte ist die gotische Soap-Opera „Dark Shadows“. Der dort auftauchende Barnabas Collins erinnert stark an Varney, auch er hat eine Verbindung zu seiner sterblichen Familie und hadert mit seinem Schicksal. Darüber hinaus gibt es zumindest noch die eine oder andere Anspielung in anderen Werken. In der Marvel-Comicserie „The Tomb of Dracula“ etwa taucht ein Vampir namens Varnae auf, während Sir Francis Varney in Kim Newmans „Anno Dracula“ als Gouverneur von Indien fungiert.

Siehe auch:
Varney the Vampire; or the Feast of Blood – Volltext

Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

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Im Rahmen dieser Artikelreihe möchte ich irgendwann Bram Stokers „Dracula“ in aller Ausführlichkeit besprechen, allerdings gibt es noch drei Werke, die zuvor bearbeitet werden müssen. Alle drei gehören zu wichtigen Frühwerken der Vampirliteratur und haben viele der späteren Werke, inklusive „Dracula“, massiv beeinflusst, sind aber, vielleicht mit einer Ausnahme, fast nur noch Kennern der Materie geläufig.

„Die Familie des Wurdalak“, oft auch „Die Familie des Vampirs“ und manchmal mit dem Titel „Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“ versehen, wurde von dem russischen Schriftsteller Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï (1817 bis 1875, nicht mit Leo Tolstoi zu verwechseln) bereits 1840 in französischer Sprache verfasst, aber erst 1884 in russischer Übersetzung unter dem Titel „Russki Westnik“ („Russischer Bote“) veröffentlicht. Die französische Originalfassung konnte erst ab 1950 erworben werden. Anders als John William Polidori, dessen Vampir Lord Ruthven sich von den Gestalten osteuropäischer Volkssagen deutlich unterschied und ein blutsaugender Gentleman war, greift Tolstoï stärker auf Inhalt und Atmosphäre der ursprünglichen Vampirlegenden zurück.

Die Erzählung handelt von dem jungen französischen Diplomaten Serge d’Urfé, der sich auf einer wichtigen Mission in Osteuropa befindet, aber wegen eines Schneesturms in einem kleinen Dorf in der Hütte einer Familie Unterschlupf suchen muss. Die Stimmung ist gedrückt: Gorcha, das Familienoberhaupt, hat sich in die Berge begeben, um den türkischen Räuber Ali Bek zu fangen. Gorcha hat seiner Familie befohlen, nur zehn Tage auf ihn zu warten, nach Ablauf dieser Frist soll er nicht mehr eingelassen werden, da er sich wohl in einen Wurdalak, einen Vampir verwandelt hat. Serge hält dies für Aberglauben und hat nur Augen für Sdenka, Gorchas Tochter. Die Meinung des Franzosen ändert sich allerdings langsam, als Gorcha kurz vor bzw. nach Ablauf der Frist zurückkehrt. Trotz einiger Zweifel lässt die Familie den Vater ein, was sich als schwerer Fehler erweist. Gorcha verhält sich höchst ungewöhnlich, merkwürdige Vorkommnisse häufen sich und schon bald wird klar: Der alte Mann ist tatsächlich zum Wurdalak geworden. Schließlich fällt Gorchas Enkel der Blutlust seines Großvaters zum Opfer, was dessen Vater Georges dazu veranlasst, das Familienoberhaupt anzugreifen und ihn in den Wald zu jagen. Bald darauf erklärt Georges seinem Gast, er müsse nun aufbrechen. Nach dem Ende seiner Mission kehrt Serge in das Dorf zurück, nur um herauszufinden, dass Georges seinen Vater zwar töten konnte, sein Sohn aber bereits zum Vampir geworden ist. Nach und nach wurden erst die Familie und dann das ganze Dorf zu Vampiren. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der untoten Sdenka. Nur sein Kreuz rettet Serge vor dem Durst der Vampirin und er kann schließlich fliehen.

Viele der Elemente, die heute als Klischees des Vampirgenres gelten, nahmen in dieser Geschichte ihren Anfang. Vor allem das Setting ist geradezu typisch: Ein kleines Dorf in Osteuropa im Winter, voll von abergläubischen Menschen, die am Ende doch recht behalten – man kann sich gut vorstellen, dass Tolstoïs Geschichte den Anfang von „Dracula“ doch zumindest beeinflusst hat. Auch der langsame, aber wirkungsvolle Spannungsaufbau findet sich wider: Genauso, wie Jonathan Harker die wahre Natur seines Gastgebers entdeckt, muss auch Serge d’Urfé langsam erkennen, in was sich das Familienoberhaupt Gorcha verwandelt hat. Ebenso spielt die Abneigung von Vampiren gegen christliche Symbole eine wichtige Rolle: Nicht nur hat das Kreuz eine schützende Wirkung, Gorcha ist auch unfähig, ein Tischgebet zu sprechen und wird dadurch enttarnt.

Wie bereits erwähnt basiert Tolstoïs Konzeption des Vampirs sehr stark auf osteuropäischen Legenden: Bis auf Sdenka besitzen die Vampire dieser Erzählung keine erotischen Elemente, und selbst Sdenka zeigt ihr wahres Gesicht, nachdem sie mit Serges Kreuz in Berührung kommt. Auch die Affinität für Familienmitglieder und Menschen, die der Vampir zu Lebzeiten liebte, entstammen dem Volksglauben – laut „Die Familie des Wurdalak“ ist es diese Eigenschaft, die den Wurdalak von anderen Vampiren unterscheidet.

Während sich viele Elemente aus „Die Familie des Wurdalak“ in späteren Werken wiederfinden, ist die Geschichte selbst inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde auch nicht groß adaptiert, es existieren lediglich zwei Filmversionen des Stoffes. Die erste ist Teil des italienischen Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ („I tre volti della paura“) von Mario Bava, mit Boris „Frankenstein“ Karloff als Gorcha. 1972 erschien, abermals in Italien, eine weitere Adaption namens „La notte dei diavoli“ („Die Nacht der Teufel“). Bei beiden Filmen handelt es sich wohl um eher um freiere Adaptionen. Darüber hinaus wurde Tolstoïs Erzählung im Rahmen der Hörspielserie „Gruselkabinett“ sehr gelungen und atmosphärisch adaptiert – diese Version der Geschichte kann ich nur empfehlen.