Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Denkt man an Adaptionen von Bram Stokers Roman, kommen einem normalerweise sofort die Filme in den Sinn, aber auch im Bereich Comic treibt sich der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte herum – und zwar in einem fast ebenso erschöpfenden Ausmaß wie in der Filmwelt. Comics, die Dracula in der einen oder anderen Form adaptieren oder zumindest integrieren, und sei es nur als Gag, finden sich sehr häufig – von Comics, in denen der Graf selbst nicht auftaucht, die aber trotzdem von ihm inspiriert sind, gar nicht erst zu sprechen.

The Tomb of Dracula (Marv Wolfman u.a., Gene Colan, 1972-79)
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Unter den amerikanischen Comics der Titan in Bezug auf Stokers Grafen: Die Serie „The Tomb of Dracula“ lief von 1972 bis 1979 und umfasste 70 Ausgaben sowie einige Crossover- oder andere Sonderhefte. Bis in die 70er waren Vampire in Mainstream-Comics eine komplizierte Angelegenheit, da der Comics Code jegliche Art von Horror verbat. Als sich die Bestimmungen des Comics Code dann allerdings langsam lockerten, kamen Horror-Comics auch wieder aus dem Untergrund. Sowohl DC als auch Marvel nahmen sich des Sujets an – während DC Eigenkreationen wie Swamp-Thing ins Rennen schickte, verfuhr Marvel ganz ähnlich wie schon mit der nordischen Mythologie: Auch der Fürst der Vampire wurde ins Marvel-Universum integriert – wobei es relativ selten zu tatsächlichen Überschneidungen zwischen „The Tomb of Dracula“ und Marvels Superheldenserien kam. Auch andere Figuren aus Stokers Roman wurden übernommen: Quincy Harker, Jonathan und Minas Sohn, im Epilog des Romans ein kleines Kind, fungiert als alternder Vampirjäger, während Abraham van Helsing Enkelin Rachel sich ebenfalls an der Vampirjagd beteiligt.

Einige Autoren schrieben für „The Tomb of Dracula“, aber es ist primär Marv Wolfman, der für den anhaltenden Erfolg der Serie verantwortlich war. Die visuelle Gestaltung der Serie blieb dagegen konstant, denn Gene Colan zeichnete alle 70 Ausgaben. Visuell lehnte er Dracula dabei nicht an Christopher Lee oder Bela Lugosi an, sondern orientierte sich an der derzeit aktuellsten Version der Figur, dargestellt von Jack Palance in einer britischen Fernsehproduktion aus dem Jahr 1973.

Was die inhaltliche Darstellung der Figur angeht, so versucht diese nicht, die Titelfigur allzu sympathisch zu darzustellen, wie es etwa Fred Saberhagen in seinem Roman „The Dracula Tapes“ tat. Stattdessen verfahren Wolfman und die anderen Autoren der Serie mit ihm nicht ganz unähnlich wie mit einem populären Marvel-Superschurken: Ein gewisses Maß an Komplexität (mehr, als sich in Stokers Roman findet) wird zugelassen, aber letztendlich ist der Graf dennoch zweifelsfrei böse. Ansonsten ist „The Tomb of Dracula“ vor allem für das Debüt eines ganz bestimmten Vampirjägers bekannt: Blade feierte seinen Einstand auf den Seiten dieser Serie, auch wenn er sich visuell und charakterlich noch stark von der von Wesley Snipes dargestellten Version der Figur unterschied. In dem Drehbuchautor und Regisseur David S. Goyer in „Blade: Trinity“ Dracula zum Schurken des Films machte, schloss sich dann auch der Kreis, wobei die von Dominic Purcell dargestellte Figur weder mit Stokers noch mit Wolfmans Graf allzu viel zu tun hat.

Dracula: Die Graphic Novel (Leah Moore, John Reppion, Colton Worley, 2009)
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Bei dieser Graphic Novel, adaptiert von Alan Moores Tochter Leah sowie John Reppion und bebildert von Colton Worley, handelt es sich um die direkteste Comicumsetzung von Stokers Roman, die mir bislang untergekommen ist. Moore und Reppion folgen der Handlung sehr genau und integrieren so oft wie möglich Teile von Stokers Originaltext. Auch die Beschreibungen des Romans werden sehr genau umgesetzt, besonders, was den Grafen selbst angeht. Wie im Roman tritt er zuerst als alter, in schwarz gekleideter Mann auf, der im Verlauf der Handlung kontinuierlich jünger wird. Der vielleicht interessanteste Aspekt ist der Umstand, dass Moore und Reppion auch den ursprünglich von Stoker weggelassenen Prolog, der später von seiner Witwe als Kurzgeschichte „Draculas Gast“ herausgegeben wurde, wieder in die Handlung integrieren. Wer also eine sehr romantreue Adaption sucht, macht mit „Dracula: Die Graphic Novel“ wohl wenig falsch. Mich konnte sie dennoch leider nicht völlig überzeugen, was primär mit Colton Worleys visueller Umsetzung zusammenhängt. Von Zeichnungen kann man eigentlich kaum reden, es handelt sich eher um gemalte Bilder, die allerdings zumindest auf mich wirken, als wären sie komplett am Computer entstanden. Worleys Stil sagt mir im Zuge von Stokers Geschichte schlicht nicht zu, die Panels wirken regelrecht steril und auch die Kolorierung weiß nicht wirklich zu überzeugen, weshalb kaum Atmosphäre aufkommt.

Bram Stoker’s Dracula (Roy Thomas, Mike Mignola, 1992)
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Dieser Comic hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn er ist eine der ersten Versionen von „Dracula“, die ich konsumiert habe. Es handelt sich hierbei um die Comicadaption zu „Bram Stoker’s Dracula“, nach dem Skript von James v. Haart, umgesetzt von Roy Thomas und gezeichnet von Mike Mignola. Alles, was der Adaption von Moore, Reppion und Worley fehlt, findet sich hier – und das ist ausschließlich Mignola zu verdanken. Wer Mignolas andere Arbeiten, primär die Hellboy-Comics, kennt, weiß, dass er sich wie kein zweiter darauf versteht, herrlich dichte, gotisch-finstere Atmosphäre zu erzeugen. Auch hier fängt er die Stimmung des Films mit seinen markanten, tiefen Schatten ein. Darüber hinaus gelingt es ihm, auch die Figuren passend in Szene zu setzen, sodass sie einerseits ihren Darstellern ähneln, es aber, wie bei so vielen anderen Filmcomics, nicht wirkt, als habe er Standbilder abgezeichnet. Inhaltlich hält sich dieser Comic ebenso dicht an seine Vorlage wie „Dracula: Die Graphic Novel“, weshalb ich weitere Details erst im Filmkontext besprechen werde.

Dracula (Pascal Groci, Françoise-Sylvie Pauly, 2009)
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Wechseln wir nun von den anglo-amerikanischen amerikanischen Comics mal ein wenig zu den frankobelgischen. Nach eigener Aussage plante der französische Zeichner Pascal Groci gut 20 Jahre lang eine wie auch immer geartete Dracula-Adaption, bevor sie 2009 (unter Mitarbeit von Grocis Szenaristin Françoise-Sylvie Pauly) veröffentlicht wurde. Herausgekommen ist eine visuell äußerst ansprechende, aber stilistisch doch äußerst eigenwillige Umsetzung. Der Comic teilt sich in zwei Teile bzw. Bücher: Der erste beschäftigt sich mit Vlad dem Pfähler und trägt auch den Titel „Der Prinz der Walachei Vlad Țepeș“. Rahmen der Handlung ist ein Gespräch zwischen Bram Stoker und einem fiktiven Archivar des British Museum, in dem es natürlich um Vlad Tepes geht. Der eigentliche Plot dreht sich um eine mögliche Vampirwerdung Vlads, bei der auch dessen (historisch verbürgte) Frau Prinzessin Cneajna eine Rolle spielt. Für die Vampirwerdung ist letzten Endes eine Vampirin verantwortlich, die sich als Maler tarnt und mit der Croci, quasi als Abschluss, auch eine Verknüpfung zu LeFanus Carmilla und zur in „Draculas Gast“ erwähnten Gräfin Dolingen von Gratz macht. Die Panels sind visuell beeindruckend gestaltet, leider ist die Handlung aber äußerst sprunghaft und auch ziemlich inkohärent, da Groci und Pauly viel mit Andeutungen arbeiten.

Das zweite Buch, „Die Sage nach Bram Stoker“, ist eine partielle Adaption von Stokers Roman. Groci und Pauly verwenden dabei fast ausschließlich Stokers Originaltext, entscheiden sich aber für eine äußerst eigenwillige Herangehensweise, die ein wenig an modernes Theater erinnert: Man sieht den Grafen kein einziges Mal, an seine Stelle treten Schatten, Statuen oder anders geartete, zumeist architektonische Andeutungen. Mich erinnert diese Herangehensweise ein wenig an eine Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ die ich einmal gesehen habe, in der man das titelgebende Schiff ebenfalls nie sieht – es wird immer nur suggeriert. Nebenbei entfernen Groci und Pauly auch diverse Nebenfiguren und -handlungsstränge, darunter Quincy Morris, Arthur Holmwood und John Seward. Auch hier gilt: Die graphische Umsetzung weiß durchaus zu gefallen, Grocis Bilder sind äußerst atmosphärisch, sie sind aber kaum eine wirkliche Umsetzung der Handlung des Romans, sondern eher zeichnerische Eindrücke der Recherchereisen nach Rumänien und England, die Groci unternommen hat. Dennoch, wer nach einer Dracula-Adaption der etwas anderen Art sucht und nicht allzu hohe Ansprüche an die Handlung setzt, könnte mit diesem zweiteiligen Werk durchaus glücklich werden.

Auf Draculas Spuren (Yves H., Hermann, Séra, Dany, 2006)
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Bei „Auf Draculas Spuren“ handelt es sich um eine dreibändige Comicserie, die sich mit verschiedenen Hintergründen des Romans auseinandersetzt. Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, setzt sich mit Vlad Țepeș auseinander, bleibt dabei aber eher oberflächlich und szenenhaft. Wer ohnehin bereits mit dem Leben des historischen Dracula vertraut ist, gewinnt leider kaum Mehrwert, während ein Leser, der über keine Vorkenntnisse verfügt, schnell verwirrt sein dürfte, da es dem Comic kaum gelingt, die politischen Hintergründe ausreichend zu erklären. Die Zeichnungen des französischen Künstlers Hermann sind leider ebenfalls nicht allzu überzeugend; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, gerade die Gesichter muten dabei aber oft merkwürdig an. Hinzu kommt die matte Kolorierung, die verhindert, dass wirklich Atmosphäre aufkommt.

Der zweite Band, „Bram Stoker“, ist sowohl inhaltlich als auch graphisch der Interessanteste. In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.

Band 3 widmet sich dem Handlungsort „Transsylvanien“ und besitzt von allen drei Teilen den geringsten Mehrwert. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken ein junges Pärchen, Dan und Marcia, durch Transsylvanien – er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren, sie begleitet ihn. Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und Erotik. Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas Ernstes und Düsteres zu machen und wäre daran gescheitert. Insgesamt lohnt sich also nur der zweite Band dieser dreiteiligen Reihe, die anderen beiden sind sowohl erzählerisch als auch visuell ungenügend bis enttäuschend.

Renfield: A Tale of Madness (Gary Reed, Galen Showman, 1995)
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Dieses und das nächste Werk haben einige Dinge gemeinsam. Auf beide bin ich durch Zufall beim Comichändler meines Vertrauens gestoßen und beide greifen ein bestimmtes Element aus Stokers Roman auf und schaffen daraus eine (mehr oder weniger) eigenständige Handlung. „Renfield: A Tale of Madness“ von Gary Reed und Galen Showman schildert die Ereignisse des Romans aus der Perspektive des Wahnsinnigen Renfield. Allzu viel Vorgeschichte wird nicht geboten, der Comic beginnt mit Renfields Ingewahrsamnahme und Einlieferung in Dr. Sewards Sanatorium. Reed zeigt, wie Renfield langsam Dracula verfällt und durch Visionen auch die eine oder andere Schlüsselstelle des Romans indirekt miterlebt (etwa Jonathan Harkers Begegnung mit den drei Vampirinnen auf Draculas Schloss). Gewürzt ist das Ganze, in bester Stoker-Tradition, mit eingestreuten Tagebucheinträgen und Briefen. Reeds spezifisches Vorhaben war es, diese Geschichte so zu erzählen, als handle es sich dabei um geschnittene Szenen des Originals, was ihm im Großen und Ganzen auch gelungen ist.

Visuell erinnerte der Comic ein wenig an Mike Mignolas Adaption von „Bram Stoker’s Dracula“ – tatsächlich könnte man sich durchaus vorstellen, dass eine Dracula-Adaption von Mignola, die sich nicht an diesem spezifischen Film orientiert, optisch in diese Richtung hätte ausfallen können. Zeichner Galen Showman zeichnet insgesamt zwar etwas detaillierter und weniger kantig als Mignola, arbeitet aber ebenfalls mit sehr ausdrucksstarken Schatten und Schwarzflächen, die besonders dann zum Einsatz kommen, wenn Dracula anwesend ist. Die Entscheidung, auf Kolorierung zu verzichten, erweist sich als äußerst gelungen und verstärkt die gotische Atmosphäre zusätzlich. „Renfield: A Tale of Madness“ ist somit eine äußerst gelungene und atmosphärische Ergänzung zu Stokers Roman.

Bram Stoker’s Death Ship (Gary Gerani, Stuart Sayger, 2010)
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„Bram Stoker’s Death Ship“ ist ähnlich konzipiert wie „Renfield: A Tale of Madness”, greift sich aber nicht eine Figur des Romans heraus, sondern eine Sequenz, und baut diese weiter aus: Das Tagebuch des Captains der Demeter, auf der Dracula in Whitby ankommt. Das bedeutet allerdings auch, dass „Death Ship“ weitaus eigenständiger funktioniert als „Renfield“, denn die einzigen beiden Figuren von Stoker sind der im Roman wie im Comic namenlose Captain sowie natürlich Dracula selbst. Die Crewmitglieder sind im Grunde komplett neue Figuren, da Stoker sie im Roman verständlicherweise nicht umfassend charakterisiert.

Das Problem hier ist, dass man als Leser natürlich schon weiß, wie die Geschichte endet und dass sie, anders als „Renfield“, „Dracula“ nicht wirklich anreichert. Konzipiert ist das Ganze letztendlich ähnlich konzipiert wie „Alien“ (der Autor erwähnt es im Nachwort sogar selbst). Dracula ist hier fast ausschließlich ein Monster, das sich ein Besatzungsmitglied nach dem anderen krallt, lediglich am Ende gibt es eine kurze Interaktion zwischen dem Captain und Dracula, bei der sich der Graf als ungewöhnlich gnädig erweist. Ansonsten ist „Death Ship“ leider sowohl als Teil des „Dracula-Mythos“ als auch als eigenständige Geschichte eher enttäuschend – um als Ersteres zu funktionieren, fehlt der Mehrwert, und für Letzteres mangelt es an Spannung oder interessanten Figuren. Die Zeichnungen von Stuart Sayger verdienen noch ein paar Worte: Sein Stil ist etwas eigenwillig und verwaschen. Während er durchaus gut Atmosphäre erzeugen kann, gefallen mir die zum Teil verzerrten Gesichter der Figuren überhaupt nicht.

Requiem, der Vampirritter (Pat Mills, Olivier Ledroit, ab 2000)
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Autor Pat Mills ist eigentlich ein britischer Schreiberling, mit „Requiem, der Vampirritter“ versuchte er sich aber auch an einer Serie im frankobelgischen Stil, die von Olivier Ledroit phänomenal graphisch umgesetzt wird. Die Handlung folgt dem jungen Wehmachtssoldaten Heinrich, der im Zweiten Weltkrieg umkommt und darauf hin in einem Jenseits der besonderen Prägung landet, in dem man nach dem Tod als mythische Kreatur wiedergeboren wird, je nach Art und Grad der Sünden im Leben. Die meisten normalen Menschen enden als Zombies, Kindsmörderinnen werden zu Harpyien, religiöse Fanatiker zu Werwölfen und die Schlimmsten der Schlimmsten – etwa Attila der Hunne, Aleister Crowley, Caligula, Nero, etc. – zu Vampiren. Dass in dieser Welt auch Vlad Țepeș ein Vampir ist, dürfte nicht weiter verwundern. Es handelt sich dabei aber nicht „nur“ um den historischen Vlad, es finden sich auch genug Stoker-Anleihen. Wie so oft fungiert Dracula, der hier wie im Roman als „Graf“ und nicht, wie es eigentlich sein müsste, als „Voivode“ oder „Fürst“ bezeichnet wird, als „König der Vampire“. Mehr noch, als einziger Vampir dieser jenseitigen Vorhölle wurde er bereits zu Lebzeiten auf Erden zum Blutsauger. Optisch erinnert dieser Dracula an wenig an eine stark übertrieben Version des Gary-Oldman-Draculas aus Francis Ford Coppolas Film, er verfügt über einen mächtigen Schnauzbart und trägt eine dunkelrote Rüstung. Allerdings ist dieser Dracula das pure Böse, verdeutlicht durch die schwarzen Engelsflügel auf seinem Rücken. Ähnlich wie der Roman-Dracula gibt es hier keinerlei Schattierungen, stattdessen haben wir einen Vampirfürsten ohne das geringste bisschen Mitgefühl, der mit Freuden die größten Untaten anrichtet.

Batman/Dracula: Red Rain (Doug Monech, Kelley Jones, 1991)
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Bei „Batman/Dracula: Red Rain“ handelt es sich um eine Elseworld-Geschichte: Im Rahmen dieses Labels haben DCs Kreativschaffende (in diesem Fall Autor Doug Moench und Zeichner Kelley Jones) freie Hand mit den Figuren, müssen sich nicht an die etablierte Kontinuität halten und dürfen die absurdesten Prämissen austesten, etwa: Was wäre, wenn Batman auf Dracula treffen würde. „Red Rain“ und die beiden Fortsetzungen „Bloodstorm“ und „Crimson Mist“ sind sehr interessante Batman-Geschichten, da Batman in ihnen letztendlich selbst zum Vampir wird und mit seinem Kodex auf einer Art und Weise konfrontiert wird, die normalerweise nicht möglich ist. In Bezug auf Dracula, der den ersten Band nicht überlebt, ist „Red Rain“ aber leider eher enttäuschend. Dracula ist hier kaum mehr als ein Vehikel, um den Vampirismus nach Gotham City zu bringen. Er ist ein stereotyp böser Vampirfürst, der über so gut wie keine individuellen Charakterzüge verfügt, nicht einmal optisch sticht er hervor – tatsächlich ist er kaum von Bruce Wayne zu unterscheiden. Im Grunde wird weder zu Stokers Romanfigur, noch zum historischen Dracula irgendeine Beziehung hergestellt. Lediglich ein ähnliches Ziel findet sich bei beiden Versionen: Wie London im Roman hat Dracula Gotham City als seine neuen Jagdgründe auserkoren, weil in einer Stadt wie dieser noch ein paar weitere Tote schlicht nicht auffallen.

The Batman vs. Dracula (Sam Liu, Brandon Vietti, Seung Eun Kim, 2005)
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Es existiert noch ein weiteres Zusammentreffen zwischen dem Dunklen Ritter und dem König der Vampire. Dieser Direct-to-DVD-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2005 ist eine Auskopplung der Serie „The Batman“ (nicht zu verwechseln mit der weit überlegenen „Batman: The Animated Series“), die ich aufgrund der thematischen Überschneidung noch im Rahmen dieses Artikels bespreche. Es handelt sich dabei nicht um eine Adaption von „Red Rain“, auch wenn die Grundprämisse eine ähnliche ist: Dracula kommt nach Gotham City und muss sich mit Batman messen. Im Gegensatz zu „Red Rain“ wird Batmans Schurkenriege in größerem Ausmaß mit einbezogen. Wo „Red Rain“ eher eine definitiv nicht jugendfreie Charakterstudie ist und den Fokus auf Batman und seinen Moralkodex legt, der die Wandlung Bruce Waynes zum Vampir überstehen muss, ist „The Batman vs. Dracula“ weitaus konventioneller und natürlich weniger drastisch. Dennoch finden sich hier weitaus mehr Anspielungen auf Stokers Roman und das popkulturelle Vermächtnis der Figur. So beginnt Dracula im Film als leichenartig ausgezehrtes Monstrum, um im Verlauf jünger und attraktiver zu werden. Der Pinguin übernimmt im Film die Rolle Renfields und legt ein ähnliches Gebaren an den Tag. Wie Bela Lugosis und Gary Oldmans Dracula mischt sich auch dieser Graf unter die feine Gesellschaft und spricht dabei mit osteuropäischem Akzent, während er visuell ein wenig an Christopher Lee angelegt ist. Ähnlich wie in „The Tomb of Dracula“ wird der Vampirfürst hier als relativ typischer Superschurke charakterisiert, der eine Art vampirische Apokalypse nach Gotham bringen will (auch hier scheint Christopher Lees Graf Pate zu stehen, zumindest in einem der zahlreichen Hammer-Sequels hatte er schon einmal einen ähnlichen Plan). Das Problem hier ist, dass Dracula außerdem noch diverse, ziemlich widersprüchliche Motivationen und Ziele hat, die wirken, als hätte man sie aus den diversen bisherigen Inkarnationen zusammengestückelt, sodass der Graf in diesem Film einfach nicht besonders gut als Schurke für Batman funktioniert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Bildquellen:
Tomb of Dracula
Dracula: Die Graphic Novel
Bram Stoker’s Dracula
Pascal Grocis Dracula
Auf Draculas Spuren
Renfield: A Tale of Madness
Bram Stoker’s Death Ship
Requiem: Der Vampirritter
Red Rain
Batman vs. Dracula

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Watchmen: Von Alan Moore über Zack Snyder bis zu HBO

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„Watchmen“, verfasst von Alan Moore und gezeichnet von Dave Gibbons, gilt als einer der besten Comics überhaupt. Nicht nur wird „Watchmen“, als einer der Gründe für das Erwachsenwerden des Comics bzw. der Etablierung der Graphic Novel angesehen, das Werk ist auch der einzige Comic auf der Liste der 100 besten Romane seit 1923 des Time-Magazine, wo seine Qualitäten wie folgt beschrieben werden: „Told with ruthless psychological realism, in fugal, overlapping plotlines and gorgeous, cinematic panels rich with repeating motifs, Watchmen is a heart-pounding, heartbreaking read and a watershed in the evolution of a young medium.“ (Quelle: http://entertainment.time.com/2005/10/16/all-time-100-novels/slide/watchmen-1986-by-alan-moore-dave-gibbons/)

In der Tat verfügt „Watchmen“ nicht nur über die oben aufgezählten Qualitäten und sorgte für die Evolution des Mediums, Moore nutzte „Watchmen“ auch gleichzeitig, um, neben vielen anderen Themen wie Macht, Religion, Moral, Psychologie und Politik, die Entwicklung des amerikanischen Comics zu kommentieren. Vor allem steht, was angesichts der Thematik des Werkes kaum verwundert, die Geschichte des Superheldencomics dabei im Fokus. Dies zeigt sich anhand von subtilen Verweisen, Handlungssträngen, der Figurenkonstruktion, aber auch des grundsätzlichen Plots und des Handlungsverlaufs. Insgesamt gehört „Watchmen“ zu den Werken, die genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen und die Zeit ihres Erscheinens genau widerspiegeln. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Graphic Novel so ein revolutionäres, bleibendes Werk wurde, während Zack Snyders Verfilmung weit weniger erfolgreich war und kaum Auswirkungen hatte.

„Watchmen“ als Spiegel der Comicgeschichte
Eine der grundlegenden Prämissen des Werkes ist, zu zeigen, wie es wäre, wenn Superhelden tatsächlich in einer realistischen Welt existieren, wie sich ihre Gegenwart auswirken würde und welche Menschen sich dazu entschließen würden, Kostüme überzustreifen, um gegen das Verbrechen zu kämpfen.  Dies steht im Gegensatz zu den Superheldenuniversen von DC oder Marvel, in denen die Anwesenheit von Superhelden die Menschheitsgeschichte nicht wirklich verändert. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Universen der beiden Comicgiganten funktionieren nach dem Status-Quo-Prinzip, im Kleinen wie im Großen: Bane kann Batmans Rückgrat brechen, der Dunkle Ritter kann temporär sterben oder aus anderen Gründen kurzfristig ersetzt werden, irgendwann wird Bruce Wayne wieder das Fledermauskostüm überstreifen. Ähnlich verhält es sich mit dem globalen Status Quo: Egal wie viele Alien-Invasionen oder interdimensionale Angriffe vorkommen, diese Ereignisse haben nie den Einfluss, den sie tatsächlich haben müssten; trotz all dem entwickelt sich auch die Welt, wie sie das DC- und Marvel-Universum zeigen, parallel zu unserer, da der Leser erwartet, auch seinen Alltag wiederzufinden.

Moore hätte mehrere Herangehensweisen wählen können, entschied sich aber schließlich dazu, dass die Handlung, bzw. die Hintergründe der Figuren die Geschichte der amerikanischen Superhelden wiederspiegeln sollten. Diese Hintergründe werden entweder im Rahmen zahlreicher Rückblicke oder in Form von Zusatztexten am Ende der Einzelhefte erzählt. Bei diesen handelt es sich um fiktive Sachtexte aus der erzählten Welt von „Watchmen“, etwa um Kapitel der Autobiographie von Hollis Mason, der als Nite Owl zur ersten Generation der Superhelden gehört und, gerade weil der Leser durch seine Autobiographie sehr viel über ihn, sein Leben und seine Ansichten erfährt, einer der Hauptrepräsentanten besagter erster Generation ist. In seiner Autobiographie erwähnt Hollis Mason einige spezifische Inspirationen – frühe Pulp-Figuren bzw. Superheldenvorläufer wie Doc Savage und The Shadow, aber vor allem Superman. Superman löste also nicht nur die Flut an Comichelden in unserer Welt aus, sondern inspirierte auch die kostümierten Verbrechensbekämpfer in der Welt von „Watchmen“.  Darüber hinaus ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass Hollis Mason seine Superheldenidentität 1939 annimmt, genau das Jahr, in dem Batman seinen ersten Auftritt absolvierte – zwischen beiden Figuren gibt es einige starke Parallelen, nicht zuletzt die Benennung nach einem nachtaktiven Tier. Tatsächlich basieren viele der Figuren von „Watchmen“ lose auf Charakteren, die DC von einem anderen Verlag, Charlton Comics, erworben hatte und die Moore ursprünglich für „Watchmen“ verwenden wollte, bevor DC dies verhinderte. Allerdings finden sich in den Watchmen-Figuren viele Elemente und Stereotype aller möglicher Superhelden.

Die in Rückblicken geschilderte Bildung des Superheldenteams „Minutemen“ in den 40ern, bei dem alle bedeutenden Helden mitwirken, spiegelt nicht zufällig die Justice Society of America wider. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwinden die Minutemen allerdings in der Versenkung, sowohl in der Realität (nicht zuletzt Dank Frederic Wertham und „Seduction of the Innocent“) als auch in der Welt von „Watchmen“ sind die 50er somit eine superheldenfreie Dekade.

Dr. Manhattans Entstehung 1959, die eine Rückkehr der kostümierten Vigilanten begünstigt, fällt ziemlich genau mit der Superheldenrenaissance Anfang der 60er zusammen. Die versuchte und gescheiterte Bildung der „Crime Busters“ mit einer neuen Heldengeneration erinnert dann wieder an die Formierung der Justice League oder der Avengers; wie bei Ersterer finden sich auch bei den Crime Busters Helden wieder, die ein Vermächtnis fortsetzen (Green Lantern und Flash bei der Justice League, Nite Owl und Silk Spectre bei den Crime Busters); und wie bei Letzteren gibt es eine Figur, die bereits während des goldenen Zeitalters aktiv war (der Comedian und Captain America). Diese Parallelen sind allesamt auf den ersten Blick nicht allzu offensichtlich und dazu ziemlich subtil, aber unzweifelhaft vorhanden. Der Unterschied zwischen „Watchmen“ und den entsprechenden zeitgenössischen Comics ist, dass die Superhelden in Watchmen durchweg vom Scheitern und ihren Komplexen gezeichnet sind. Sie sind als Figuren vielschichtiger und lassen sich, anders als die Helden und Schurken von DC und Marvel, weniger eindeutig als gut oder böse klassifizieren.

Beide Superheldenteams werden von Moore nicht gerade zimperlich behandelt, die Minutemen sind im Grunde nur eine Fassade und zerbrechen letztendlich u.a. daran, dass der Comedian versucht, Silk Spectre zu vergewaltigen. Die Bildung der Crime Busters gelingt gar nicht erst, die zweite Generation der Superhelden findet nie zu einem Team zusammen. Der Keene-Act, der die Superhelden schließlich verbietet, kann getrost als weitere Anspielung auf den Comic Code gesehen werden, auch wenn er über 20 Jahre später umgesetzt wird. Dieses Element wurde immer wieder aufgegriffen, am deutlichsten in Pixars „The Incredibles“, in welchem ein ähnlicher Regierungserlass dem Superheldentum ein Ende setzt.

Das Auftauchen „realer“ Superhelden in der Welt von „Watchmen“ hat dann wiederum auch Auswirkungen auf die Comicgeschichte besagter Welt. In der Graphic Novel existiert eine Binnenhandlung; immer wieder taucht im Verlauf ein Junge auf, der einen Piratencomic namens „Tales of the Black Freighter“ liest, dessen Handlung die Handlung von „Watchmen“ widerspiegelt und kommentiert. Primär betrifft dies vor allem Ozymandias/Adrian Veidt und dessen Handlungen, allerdings nutzt Moore die Hintergründe dieses Piratencomics auch, um die amerikanische Comicgeschichte zu kommentieren. In der Realität sind Superheldencomics das dominante Genre, in einer Welt, in der Superhelden allerdings wirklich existieren, ist dies anders, da sie nicht mehr zum Eskapismus taugen.

Statt der Superhelden dominieren in „Watchmen“ Piraten den Comicmarkt. In der fünften Ausgabe von „Watchmen“ findet sich ein Artikel über die Hintergründe der fiktiven Serie und der alternativen Comicgeschichte. Da Superhelden nicht gefragt sind, wird E.C., Heimat solcher Serien wie „Tales from the Crypt“ in den 1950er Jahren zum dominanten Herausgeber. Auch auf Werthams „Sedution of the Innocent“ wird angespielt. Statt des neuen Flash und der Justice League startet DC eine Comic-Renaissance mit einer eigenen Piratenserie, besagten „Tales of the Black Freighter“.

„Watchmen“ ist letztendlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der Superheldenthematik auf allen Ebenen. Die oben erläuterten Verweise fungieren nicht nur als clevere Ausschmückung der erzählten Welt des Comics, sondern funktionieren zugleich als Kommentar zur Comicgeschichte der USA. Durch das Scheitern seiner Figuren dekonstruiert Moore die idealisierten Vorstellungen und die mitunter vorhandene heile-Welt-Wahrnehmung des Goldenen und Silbernen Zeitalters und zeigt gleichzeitig, wie sich eine alternative Comicgeschichte der USA ohne die Superhelden als dominantes Genre hätte entwickeln können. Dennoch verurteilt Moore weder die Geschichte des Mediums, noch das Superheldengenre, sondern verweist letztendlich in dessen Zukunft. Mit dem, was auf „Watchmen“ folgte, war er dann allerdings alles andere als zufrieden. Anstatt tiefgründiger und besser konstruierte Geschichten zu schreiben, beschränkten sich viele Comicschaffende in den späten 80ern und frühen 90ern darauf, lediglich oberflächliche Elemente von Moores und Gibbons‘ Meisterwerk zu übernehmen: Ebenso grimmige wie gnadenlose Antihelden wurden modern, die zwar einiges mit dem Comedian und Rorschach gemein haben, aber selten auch nur ansatzweise derart gut konstruierte Charaktere sind. Die grimmige Brutalität wurde zum Selbstzweck und ihrer Aussage beraubt.

Zack Snyders Filmadaption

Bereits in den 80ern wurde eine Filmadaption von „Watchmen“ in Erwägung gezogen, es sollte dann aber doch bis zum Jahr 2009 dauern, bis Moores Meisterwerk eine Filmadaption erhielt. Diverse Drehbücher, u.a. von Sam Hamm (Autor von Tim Burtons „Batman“) oder Terry Gilliam wurden verworfen, Gilliam selbst sollte Regie führen, erklärte aber schließlich, die Graphic Novel sei nicht verfilmbar. Nachdem er „300“ zum Erfolg gemacht hatte, trat Warner Bros. Mitte der 2000er an Zack Snyder heran, der darauf bestand, sowohl das 80er-Jahre-Setting als auch den Härtegrad der Vorlage beizubehalten.

Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche von Snyders Film ist die Vorlagentreue. Mit einigen wenigen Ausnahmen hält sich der Film fast sklavisch an die Graphic Novel, wie bei „Sin City“ wurden die Panels zum Teil als Storyboard verwendet. Man merkt Snyders große Liebe zur Vorlage und seinen Willen, ihr gerecht zu werden, deutlich an. Diese Nähe zur Vorlage ist zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich mag die Filmadaption von „Watchmen“, in meinen Augen ist sie Snyders mit Abstand bester Film. Der gute Mann versteht es als Regisseur durchaus, eindrückliche, bleibende und kreative Bilder zu erzeugen. Erzählerische Substanz dagegen ist etwas, das nicht gerade zu seinen Stärken gehört – aber gerade weil „Watchmen“ sich so eng an die Vorlage hält, ist besagte Substanz natürlich gegeben, auch wenn der Film trotzdem einige Probleme bei der Umsetzung der Geschichte hat. Zugleich raubt Snyder der Adaption so aber die Möglichkeit, ein ähnlich markantes Werk wie die Graphic Novel zu werden. Bei der Vorlage handelt es sich um Dekonstruktion und Kommentar zum Superheldengenre – durch die Vorlagentreue bleibt der Film aber letztendlich auf demselben Level wie die Vorlage und ignoriert die letzten zwanzig Jahre Comic- und Filmgeschichte. Was 1986 neu und revolutionär war, ist 2009 nun einmal nicht mehr wirklich bahnbrechend, zumindest für Comicfans. Ein paar Verweise an die weitere Entwicklung des Superheldengenres im Film finden sich bei Snyder schon, aber es bleibt zumeist bei subtilen Anspielungen. Die Kostüme der Figuren etwa folgen den aktuellen Trends und Snyder kann es auch nicht lassen, auf die Bat-Nippel in Joel Schumachers Filmen anzuspielen, in dem er Ozymandias ebenfalls Nippel verpasst. Aber das sind, wie gesagt, subtile Anspielungen.

Andererseits versuchte Snyder ja mit seinen anderen DC-Filmen, primär „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ das Superheldengenre auf eigene Faust zu dekonstruieren – mit, gelinde gesagt, ernüchterndem Ergebnis. Insofern ist die Filmversion von „Watchmen“ wahrscheinlich der best-mögliche Ausgang.

Gegenwart und Zukunft
Obwohl Snyders „Watchmen“ nur mäßig erfolgreich war, brachte der Film Moores Meisterwerk neue Popularität und sorgte dafür, dass DC Comics, gegen Moores ausdrücklichen Willen, neue Watchmen-Publikationen herausbrachte. Vor allem zu erwähnen ist hier „Before Watchmen“, eine Reihe von Miniserien, die die Hintergrundgeschichte der diversen Figuren des Originals aufgreifen. Einerseits sind diese Miniserien relativ unnötig bis überflüssig, andererseits ist aber durchaus einiges an Talent beteiligt, etwa Darwyn Cooke, J.G. Jones, Brian Azzarello oder Lee Bermejo, die zumindest einige dieser Miniserien äußerst lesenswert machen, allen voran „Before Watchmen: Minutemen“ und „Before Watchmen: Rorschach“. Das erwies sich allerdings erst als der Anfang, denn im Rahmen des DC-Rebirth-Events wurden die Figuren und Welt von „Watchmen“ auch offiziell ins DC-Universum eingeführt, spezifisch in der zwölfteiligen Serie „Doomsday Clock“, die ich allerdings noch nicht gelesen habe.

Allgemein interessanter dürfte allerdings der Umstand sein, dass HBO nun eine „Watchmen“-Serie plant. Allem Anschein nach versucht HBO mit dieser Serie genau das zu bewerkstelligen, was Zack Snyder mit seiner Verfilmung versäumte. Weder soll es sich bei dieser Serie um eine Neuerzählung der Geschichte der Graphic Novel handeln, noch um eine tatsächliche Fortsetzung; stattdessen soll die Serie primär in der Welt von „Watchmen“ spielen und dabei ihre eigene Geschichte erzählen. Dieses Konzept bietet sich natürlich optimal für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Superheldengenre quer durch alle Medien an. Gerade der Superheldenfilm hat sich in den zehn Jahren seit Snyders Adaption gewandelt: 2009 war noch nicht absehbar, welche Auswirkungen „The Dark Knight“ auf das Genre haben und wie erfolgreich das MCU, dessen Anfänge im Jahr 2008 ins Kino kamen, sein würde. Eine derartige Serie könnte auch gut auf Politik und Gesellschaft der Gegenwart eingehen, wie es die Graphic Novel bereits in den 80ern tat; in dem eine alternative Welt mit anderem Geschichtsverlauf gezeigt wird, in der sich dennoch unsere eigene Welt widerspiegelt. Bleibt lediglich die Frage, ob Damon Lindelof, seines Zeichens späterer Showrunner von „Lost“ und Drehbuchautor von „Prometheus“, wirklich die richtige Person ist, um das Ganze auf den Weg zu bringen.

Siehe auch:
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das moderne Zeitalter
Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

Bildquelle

Captain Phasma

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Captain Phasma ist das Sinnbild eines verschenkten Charakters. Bereits im Vorfeld von Episode VII schien es, als wolle man den weiblichen Sturmtruppen-Captain zum Boba Fett der Sequel-Trilogie machen: Die coole, etwas mysteriöse Nebenfigur, die jedermanns heimlicher Favorit ist. Man wählte mit Gwendoline Christie sogar eine äußerst rennomierte Schauspielerin, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass man Phasmas Gesicht (mit Ausnahme eines Auges) bis heute nicht gesehen hat. Leider wussten J.J. Abrams und Lawrence Kasdan mit Phasma nicht allzu viel anzufangen. Sicher, die Chrom-Rüstung sieht cool aus, aber davon abgesehen tut Phasma in „Das Erwachen der Macht“ so gut wie nichts. Ihr einziger signifikanter Beitrag zur Handlung ist der Umstand, dass sie Han und Finn unter minimaler Bedrohung verrät, wie man die Schilde der Starkiller-Basis deaktiviert, nur um anschließend in der Müllpresse zu landen. In Episode VIII kann man in Bezug auf Phasma im Grunde nur noch von einem kurzen Gastauftritt reden, der wohl vor allem deshalb zustande gekommen ist, weil die Figur halt „noch da war“. Das ist besonders insofern schade, weil im Vorfeld von „Die letzten Jedi“ im Marketing angedeutet wurde, man hätte nun eine bessere Idee, was mit der Figur anzufangen sei. Sie erhielt einen Roman von Delilah S. Dawson, der Phasmas Vorgeschichte erzählt (und den ich bis heute nicht gelesen habe) und eine Comic-Miniserie, getextet von Kelly Thompson und gezeichnet Marco Chechetto, um die es in diesem Artikel geht.

Phasmas Charakterisierung kennt im Grunde nur zwei Extreme: In Episode VII wird sie als fanatische Anhängerin der Ersten Ordnung vorgestellt, was die von Pablo Hidalgo verfasste illustrierte Enzyklopädie noch unterstreicht. Doch das passt nicht wirklich zu Phasmas Vorgehensweise am Ende des Films. Aus diesem Grund wird sie in der Miniserie (und, so weit ich weiß, auch im Roman) primär als Überlebenskünstlerin dargestellt. Thompson und Chechetto knüpfen direkt an „Das Erwachen der Macht“ an: Phasma entkommt aus dem Müllschacht und schafft es auch, die Starkiller-Basis rechtzeitig zu verlassen. Sie kehrt allerdings nicht sofort zur Ersten Ordnung zurück, sondern jagt zusammen mit einer Tie-Pilotin und einer BB-Einheit Sol Rivas, einen Offizier der Ersten Ordnung, der als einziger von Phasmas Verrat weiß. Dabei landet das Trio auf Luprora, wo es sich mit Monstern, einheimischen Konflikten und schlechtem Wetter herumschlagen muss.

Kelly Thompson legt den Fokus des Comics sehr stark auf Phasmas Eigenschaften als Überlebenskünstlerin, die ruchlos und ohne Gnade gegen alles und jeden vorgeht, der sich ihr in den Weg stellt. Dabei versucht sie Phasma das Bad-ass-Image zurückzugeben, das im Vorfeld zu Episode VII aufgebaut, durch ihre Handlung im Film aber wieder zunichte gemacht wurde. Gleichzeitig soll die Figur dabei nicht entmystifiziert werden – wie in den Filmen ist Phasmas Gesicht nie zu sehen. Als erzählerischer Rahmen dienen Phasmas Aufzeichnungen für die Erste Ordnung, die natürlich alles andere als authentisch sind.

Wie für Medien aus der Sequel-Zeit üblich (mit Ausnahme von Claudia Grays grandiosem „Bloodline“, versteht sich) bleibt auch in diesem Comic das World-Building sehr begrenzt. Nicht, dass ich erwartet hätte, dass gerade diese Miniserie Kontexte liefert, aber es ist dennoch erwähnenswert, dass „Captain Phasma“ abermals eine erzählerisch fast völlig isolierte Angelegenheit ist, die sich ausschließlich auf ihre Prämisse konzentriert, ohne irgendwelche weiteren Kontexte zu liefern. Gerade Comics dieser Prägung wären eigentlich ganz gut dazu geeignet, die Erste Ordnung und den Status Quo ein wenig auszubauen, aber das wird wohl nach wie vor vermieden.

Insgesamt ist „Captain Phasma“ eine durchaus kurzweilige und vor allem graphisch aufwendige Angelegenheit. Marco Chechetto übernahm bereits bei einigen Kanon-Comics, etwa „Shattered Empire“, die graphische Gestaltung. Ich muss zugeben, dass sein Stil zwar durchaus opulent, mir persönlich aber auch ein wenig zu „glatt“ ist und zu sehr nach Computergrafik aussieht.

Fazit: „Captain Phasma“ ist eine insgesamt kurzweilige, visuell ansprechende, aber letztendlich ziemlich vergessenswerte Miniserie. Wer sich wirklich für die Figur interessiert kann zugreifen, alle anderen verpassen kaum etwas.

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Batman – Dark Knight III: Die Übermenschen

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Frank Miller ist schon ein Kuriosum der besonderen Art: In den 80ern modernisierte er Batman mit seinen bahnbrechenden Werden „The Dark Knight Returns“ und „Batman: Year One“ und beeinflusste die Figur nachhaltiger als fast jeder andere Autor. Die Geschichten, die er im neuen Jahrtausend mit der Figur verfasste, werden dagegen oftmals (und auch durchaus zurecht) zu den schlechtesten Batman-Comics gezählt. Egal ob „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ oder „The Dark Knight Strikes Again”, die Fortsetzung zu The Dark Knight Returns, Frank Miller scheint in beiden Fällen das Gespür für das Erzählen guter Geschichten verloren zu haben. Stilmittel, die kleinen Dosen gut funktionierten, wurden nun maßlos und bis zur Selbstparodie übertrieben. Da beginnt man sich dann freilich zu fragen, ob wirklich ein dritter Teil sein muss. Andererseits war Frank Miller an diesem wohl nur noch marginal beteiligt, während Brian Azzarello den Großteil der Schreibarbeit übernahm.

Bevor wir zum eigentlichen Comic kommen, ein paar Worte zum Titel. Wo es in der deutschen Version einen klaren Bezug zu Nietzsche gibt, verweist das Original „The Dark Knight III: The Master Race“ auf etwas geringfügig anderes – die korrekte Übersetzung wäre „Die Herrenrasse“. Nun ja, Miller hatte schon immer eine gewisse Nazi-Faszination.

Wie dem auch sei, inhaltliche knüpft die Handlung ziemlich direkt an „The Dark Knight Strikes Again“ an: Bruce Wayne gilt als tot, aber Carrie Kelly, ehemalige Trägerin des Robin-Kostüms, hat sich das Kostüm ihres Mentors übergeworfen und sorgt auf den Straßen Gothams für Ordnung. Wonder Woman zieht derweil auf Themyscira ihre Kinder Jonathan und Lara auf, während der Vater, Superman, sich aus unerfindlichen Gründen in einem Eisblock befindet. Lara ist mit diesem Leben allerdings nicht mehr zufrieden und überredet The Atom, die Bewohner der Flaschenstadt Kandor zu entschrumpfen. Das klappt auch, allerdings zeigen sich besagte Bewohner, wie Superman Überlebende Kryptons, als nicht besonders dankbar. Zusammen mit Lara beginnen sie, die Erde zu übernehmen, da sie sich als den Menschen überlegen betrachten (man ahnt, woher der Titel des Werkes kommt). Nun müssen sich Batman, Superman und Wonder Woman ein letztes Mal zusammenraufen, um die Erde vor den Amok laufenden Kryptoniern zu verteidigen.

Kommen wir erst einmal zu den positiven Aspekten: Mir gefällt die visuelle Ausarbeitung. Die Zeichnungen stammen von Andy Kubert, dem es gut gelingt, einen Art Hybridstil zu kreieren, der irgendwo zwischen seiner eigenen Optik und der von Frank Miller liegt – kein Vergleich zu den unansehnlichen Miller-Zeichnungen in „The Dark Knight Strikes Again“. Miller selbst steuerte die Bilder für einige One Shots bei, die sich gezielt mit einzelnen Figuren auseinandersetzen. Millers Zeichnungen hier sind zwar immer noch eher unansehnlich, aber ebenfalls besser als seine anderen Arbeiten der letzten Jahre.

Leider gibt es trotz der ansprechenden Optik eine ganze Reihe anderer Probleme – viele der inhaltlichen Schwächen, die schon „The Dark Knight Strikes Again“ plagten, finden sich hier abermals. Da wäre zum einen der Umstand, dass man nur mit sehr viel gutem Willen überhaupt von einer Batman-Story sprechen kann. Ja, auch in „The Dark Knight Returns“ kamen andere Helden des DC-Universums vor, aber der Fokus lag ohne Frage auf Batman, der Dunkle Ritter stand im Zentrum der Geschichte. Hier jedoch spielt er kaum mehr als eine Nebenrolle, sodass der Titel kaum mehr als ein Verkaufsargument ist.

Mehr noch, angesichts des Umfangs (neun US-Hefte plus diverse One Shots bzw. ein verdammt dickes Paperback) wirkt die Geschichte verdammt dünn. Im Grunde handelt es sich beim Plot um eine Variation auf „Man of Steel“: Kryptonier greifen die Erde an – das hatten wir schon ziemlich oft. Die Geschichte mäandert so vor sich hin, ohne jemals wirklich Spannung aufzubauen. Die Figuren verhalten sich dabei zum Teil äußerst sprunghaft, während ihre Motivation vage und unklar bleibt (warum hilft Lara den Kryptoniern doch gleich noch?). Wie schon der Vorgänger gelingt es auch dem dritten Dark-Knight-Comic nicht, an die Brillanz des ursprünglichen Werkes anzuknüpfen. Es wirkt, als wollten Miller und Azzarello hier, anstatt sich mit Batman auseinanderzusetzen, ihre Version des DC-Universums vorstellen. Leider gibt es, was die mögliche Zukunft des DC-Universums angeht, weitaus gelungenere Geschichten – das World Building dieses Werkes bleibt genauso uninteressant wie der Plot und die Figuren.

Fazit: Optisch gelungener, aber inhaltlich mauer und unnötiger Aufguss von Frank Millers Meisterwerk aus den 80ern. Immerhin besser gelungen als der zweite Teil.

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Götterdämmerung

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Wie so viele Sagenstoffe auch existieren vom Nibelungenlied viele verschiedene Versionen und Adaptionen, wobei es in letzter Zeit diesbezüglich nicht allzu viel Material gab. Während beispielsweise die griechische Mythologie alle paar Jahre aus der Mottenkiste geholt wird, um für einen mehr oder minder gelungenen Film (meistens Letzteres) Inspiration zu liefern, liegt die letzte größere Filmadaption der Nibelungensage schon einige Zeit zurück – und zu allem Überfluss handelt es sich dabei auch noch um einen deutschen Fernsehzweiteiler mit Benno Führman, der wohl primär an den Erfolg der Herr-der-Ringe-Trilogie anknüpfen sollte. Wie dem auch sei, meine Lieblingsversion dieses Sagenstoffes ist „Der Ring des Nibelungen“, die Opernversion von Richard Wagner. Das dürfte auch primär daran liegen, dass es sich hierbei um die erste Version handelt, die ich in Form eines für Kinder aufbereiteten Opernhörspiels konsumierte. Als ich später das mittelhochdeutsche Nibelungenlied las, fehlte mir da immer die mythische Dimension – ohnehin finden sich bei Wagner nur einige ausgewählte Elemente des Nibelungenlieds, in weitaus größerem Ausmaß bediente er sich der altnordischen Völsunga saga als Quelle. Lediglich „Götterdämmerung“, die vierte Oper des Zyklus, deckt sich inhaltlich in etwa mit dem Nibelungenlied, die anderen drei Opern erzählen mythischere Vorgeschichten, in denen Götter, Zwerge, Drachen und Riesen sehr prominente Rollen spielen – „Das Rheingold“ kommt sogar völlig ohne Menschen aus.

Da passt es mir ganz gut, dass die aktuellste Adaption dieses Sagenstoffes sich sehr explizit an Wagner orientiert. Besagte Interpretation ist eine französische Comicserie mit Text von Nicolas Jarry und Zeichnungen Djief, die sich den Titel der vierten Wagner-Oper borgt: „Götterdämmerung“. Im deutschsprachigen Raum sind bislang zehne Bände erschienen, neun reguläre und ein Zusatzband 0 mit dem Titel „Der Fluch des Rings“ von einem anderen Team (Istin und Lemercier), der die Vorgeschichte schildert. Gerade besagter Zusatzband ist sehr nahe an Wagner; es handelt sich dabei quasi um eine Comicadaption des „Rheingold“ mit High-Fantasy-Optik. Die restliche Serie dagegen entfernt sich immer mal wieder etwas weiter von der Vorlage und fügt die eine oder andere Episode hinzu. Dennoch ist die Handlung der Bände 0 bis 6 ziemlich deckungsgleich mit den vier Opern: In grauer Vorzeit stiehlt der Nibelung Alberich das Rheingold und schmiedet sich daraus einen Ring, der das Schicksal der Welt beherrschen wird. Wotan, der König der Götter, hat derweil gerade seinen neuen Wohnsitz von zwei Riesen fertigstellen lassen, diese verlangen nun aber Idun, die Göttin der ewigen Jugend, als Bezahlung. Da die Götter keine Lust darauf haben, zu altern, schlägt Loge, der Feuergott mit finsteren Absichten, vor, das Gold der Nibelungen zu rauben und die Riesen damit zu bezahlen. Der Plan funktioniert, allerdings nicht, ohne dass Alberich Gold und Ring verflucht. Der Fluch zeigt sofort Wirkung, der eine Riese erschlägt den anderen, nimmt das Gold mit und verwandelt sich in einen Drachen, um ein mythologisches Klischee zu begründen. Derweil schläft sich Wotan in bester Göttervatermanie durch die Gegend und begründet das Wölsungen-Geschlecht, das ihm dereinst helfen soll, den Fluch des Rings zu brechen. Mit Siegmund klappt das nicht so ganz, aber dessen mit seiner Schwester Sieglinde inzestuös gezeugter Sohn Siegfried ist der ideale Kandidat, besonders, da er mit Wotans in Ungnade gefallener Tochter Brunhilde, ihres Zeichens Ex-Walküre, anbändelt. Bekanntermaßen nimmt das Ganze kein gutes Ende, als Siefried in die Dienste des Burgundenkönigs Gunther tritt, wo Alberichs Sohn Hagen mit allen möglichen schmutzigen Tricks versucht, an den Ring zu kommen. Intrigen, ein Vergessenstrank und Gunthers Schwester Kriemhild sorgen dafür, dass Siegfried Brunhilde vergisst und Gunther dabei hilft, sie als Gemahlin zu gewinnen. Das Ganze eskaliert letztendlich und führt zu Siegfrieds Tod sowie zur Rückgabe von Gold und Ring an den Rhein.

So viel zur gemeinsamen Handlung von Comicserie und Opernzyklus. Jarry und Djief bemühen sich jedoch, die nordisch/germanische Mythologie in noch größerem Ausmaß miteinzubeziehen. Die vierte Oper mag zwar den Titel „Götterdämmerung“ tragen, in der Handlung selbst kommen die Göttert im Vergleich zu den früheren Opern aber kaum noch vor, der mythologische Aspekt ist eher im Subtext vorhanden. In der Comicserie werden weitere Aspekte aus den nordischen Quellen miteinbezogen. Loge (die deutsche Version von Loki), der bei Wagner nur im „Rheingold“ eine Rolle spielt, nimmt seinen angestammten Platz als Bringer von Ragnarök ein und auch seine Kinder Fenrir und Hel mischen mit. Ein Krieg der Götter gegen dämonische Horden und Loge läuft quasi parallel zur allseits bekannten Siegfried-Handlung.

Insgesamt ist die Comicserie eine durchaus gelungene Umsetzung dieses Sagenschatzes, die gerade durch die Nähe zu Wagner von mir Bonuspunkte bekommt. Auch die visuelle Umsetzung weiß durchaus zu gefallen. Es lässt sich nicht leugnen, dass sich die Comicschaffenden mehr als nur ein wenig an der Ausstattung der HdR-Trilogie bedient haben, aber da die Völsunga saga nicht nur für Wagner, sondern auch für Tolkien eine wichtige Inspiration war, gibt es wahrlich schlechter passende Vorbilder. Ich muss allerdings sagen, dass mir Lemerciers Zeichnungen im Zusatzband „Der Fluchs des Rings“ weitaus besser gefallen Djiefs in der eigentlichen Serie. Djief zeichnet nicht schlecht, aber auch nicht wirklich herausragend – vor allem seine Frauenfiguren sehen mitunter einfach zu jung aus.

Nach Siegfrieds Tod und dem eigentlichen Ende des Opernzyklus geht die Serie noch weiter, allerdings orientiert sich Jarry nicht am zweiten Teil des Nibelungenlieds, in dem Kriemhild Rache an Siegfrieds Mördern nimmt und Figuren wie Etzel (Attila der Hunne) und Dietrich von Bern eine Rolle spielen, stattdessen wird eine eigene Geschichte erzählt, in der u.a. die Kinder von Siegfried eine Rolle spielen. Einige Ideen sind durchaus interessant, etwa Wotans Weiterleben nach dem eigentlichen Tod als Odin, aber insgesamt ist der Plot trotz diverser Handlungsstränge, inklusive Miteinbeziehung des Byzantinischen Reiches, relativ dünn und weiß die Aufmerksamkeit nicht wirklich zu fesseln, u.a. auch, weil die neuen Figuren (darunter ein byzantinischer General und eine überlebende Walküre) nicht wirklich interessant sind.

Fazit: „Götterdämmerung“ ist eine unterhaltsame und kurzweilige Adaption der Nibelungensage, die aber nicht unbedingt über Band 6 hinaus hätte weitergeführt werden müssen.

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Lovecrafts Vermächtnis: Echo des Wahnsinns

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H. P. Lovecraft wird gerne als „kosmischer Regionalschriftsteller“ bezeichnet, und das aus gutem Grund: Obwohl er über Schrecken jenseits menschlicher Vorstellungskraft schrieb, spielten doch die meisten seiner Geschichten im ihm vertrauten Neuengland. Viele seiner Nachfolger haben sich daran orientiert, entweder, indem sie sich derselben Lokalität bedienten, oder indem sie von den kosmischen Schrecken in ihrer eigenen Heimat berichteten. „Echo des Wahnsinns“ knüpft an diese Tradition an. Es handelt sich dabei um einen Band mit elf Kurzgeschichten österreichischer Comicschaffender. Sowohl inhaltlich als auch graphisch gibt es einige Unterschiede, aber auch eine gewisse gemeinsame Tendenz, sich spezifisch vom Stil amerikanischer Comics zu unterscheiden. Zugleich eint alle Geschichten auch eine gemeinsame Schwäche: Meinem persönlichen Empfinden nach sind sie fast ausnahmslos zu kurz. Um funktionierenden kosmischen Horror zu etablieren, ist eine gewisse Tiefe nötig, die kaum eine dieser Geschichten wirklich zu vermitteln weiß.

Vor allem graphisch gehört „Die Ahnung“ von Fufu Frauenwahl definitiv zu den besten Geschichten des Bandes – hier findet sich eine subtile Parallele zu „Pickman’s Model“ sowie einige weitere literarische Anspielungen und eine ganz amüsante Meta-Pointe am Ende. „Der Alpenkonvent“ von Andreas Drude baut eine ganz interessante Geschichte im Kontext eines Klosters in den Alpen auf, leidet aber unter der Kürze – hier wäre definitiv mehr drin gewesen. „Der Berg ruft“ von Walter Fröhlich, Thomas Aigelsreiter und Andreas Paar greift die Innsmouth-Thematik auf und versetzt sie in die Alpen. Der Kontrast zwischen scheinbar heiler Bergwelt mit Trachten und allem drum und dran und den monströsen Abgründen dahinter drängt sich in diesem Kontext freilich fast schon auf, und auch graphisch ist diese Geschichte durchaus gelungen, leider ist sie auf narrativer Ebene recht konfus und schafft es nicht, die Prämisse völlig zufriedenstellend umzusetzen, da das fischige Innsmouth-Element erhalten bleibt, das jedoch nicht so recht in die Alpen passen will.

„Verhandlungssache“ von Heinz Wolf ist die erste (aber nicht die letzte) der Geschichten, die eine eher humoristische Herangehensweise wählt und dabei auch das Necronomicon miteinbezieht, dabei aber leider nicht wirklich meinen Humor trifft und auch visuell nicht zu überzeugen weiß, auch wenn zumindest Cthulhu im Trenchcoat ein ganz amüsanter Anblick ist. André Breinbauers „Urlaub auf dem Land“ ist da schon besser gelungen. Es gibt zwar keine direkten inhaltlichen Bezüge zum „Cthulhu-Mythos“, aber Breinbauer gelingt es ganz gut, die Atmosphäre und Thematik für das österreichische Setting einzufangen; die Zeichnungen finde ich allerdings eher mittelmäßig.

Michael Hackers Zweitseiter „Necronomicon 9 to 5“ kehrt zur humoristischen Seite des kosmischen Horrors zurück, wobei hier im Grunde sowohl die Bezüge zu Österreich als auch zum „Cthulhu-Mythos“ fehlen; diese Geschichte passt eher zu „Evil Dead“ bzw. „Army of Darkness“. „Pickmanns Network“ von S.R. Meyers dagegen greift Lovecraft wieder sehr direkt auf – an welche Geschichte hier angeknüpft wird, ist ja wohl selbsterklärend. Ähnlich wie bei „Der Berg ruft“ ist allerdings auch hier, nicht zuletzt bedingt durch die graphische Umsetzung, das Ende recht diffus – und das nicht auf die gute Art. Arnulf Rödlers „Formal Haut“ ist graphisch eine der interessantesten Geschichten, lässt einen aber inhaltlich ziemlich verwirrt zurück – dasselbe trifft auf Wolfgang Matzls „Das Abbild“ zu. In beiden Fällen fehlen ebenfalls die Österreich-Bezüge.

„Die sexy Farbe“ von Anna-Maria Jung ist ähnlich konzipiert wie „Necronomicon 9 to 5“, ein humoristischer Zweiseiter, funktioniert aber weitaus besser, da er eine Lovecraft-Geschichte direkt aufgreift und ihr einen amüsanten Twist verpasst. Beendet wird „Echo des Wahnsinns“ von der Geschichte „Die Blockade“ von Thomas Aigelsreiter – abermals eine humoristische Geschichte im Cartoon-Stil mit Meta-Element, die durchaus amüsant ist, aber nicht so pointiert und knackig daher kommt wie „Die sexy Farbe“.

Fazit: Ich würde diesen österreichischen Beitrag zu Lovecrafts literarischem Vermächtnis gerne uneingeschränkt empfehlen, aber leider ist er eher durchwachsen. Es finden sich darin einige nette Ideen und unterhaltsame Geschichten, aber insgesamt bleiben die Comics dieses Bandes sowohl inhaltlich als auch visuell hinter ihren Möglichkeiten zurück – kann man lesen, muss man aber nicht. Wer die definitive Comic-Auseinandersetzung mit Lovecraft sucht, sollte besser zu Alan Moores „Providence“ greifen, denn „Echo des Wahnsinns“ ist bestenfalls eine kurze Lektüre für Zwischendurch.

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Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival
Cthulhu in Westeros
The Courtyard/Neonomicon/Providence

Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence

Halloween 2017
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Es dürfte kaum verwundern, dass auch Alan Moore, Platzhirsch des amerikanischen Comics, Wegbereiter der Graphic Novel (auch wenn er diesen Begriff strikt ablehnt) und Autor solcher Meisterwerke wie „Watchmen“, „From Hell“ oder „V wie Vendetta“, sich mit H. P Lovecraft beschäftigt hat, besonders, da Moore eine große Vorliebe für das Okkulte und Metaphysische besitzt. Bereits 1994 verfasste Moore die Prosa-Kurzgeschichte „The Courtyard“, die die Grundlage für seine zukünftige literarische Beschäftigung mit Lovecraft bilden sollte. „The Courtyard“ erzählt die Geschichte des FBI-Agenten Aldo Sax, der mehrere Ritualmorde untersucht und sich dabei der „Anomalie-Theorie“ bedient, mit deren Hilfe er Verbindungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen sieht, indem er die „anomalen Fakten“ aussondert. So folgt er der Spur der Droge Aklo und eines Mannes namens Johnny Carcosa und versteht schließlich, dass es sich bei Aklo nicht wirklich um eine Droge handelt, sondern um eine Sprache, die Menschen durch die Offenbarung metaphysischer Wahrheiten in den Wahnsinn treiben kann und Aldo letztendlich dazu bringt, seinerseits einen brutalen Ritualmord zu begehen. Schon allein an der Namensgebung lassen sich viele Lovecraft’sche Elemente feststellen: Die Geschichte spielt im New Yorker Stadtteil Red Hook, in dem auch Lovecrafts „The Horror at Red Hook“ spielt, Aklo ist eine Sprache, die ursprünglich in den Werken Arthur Machens auftauchte und die Lovecraft als Hommage auch in einige seiner Geschichten integrierte (u.a. „The Dunwich Horror“ und „The Haunter of the Dark“), Johnny Carcosa verweist auf Robert W. Chambers „The King in Yellow“ und der Nachclub „Club Zothique“ ist eine Anspielung auf den fiktiven Kontinent des Lovecraft-Freundes Clark Ashton Smith, während Band und Songs, die im Club spielen bzw. gespielt werden, wiederum nach Lovecraft-Geschichten benannt sind.

2003 wurde „The Courtyard“ als zweiteilige Comicminiserie von Autor Antony Johnston und Zeichner Jacen Burrows adaptiert. Vor allem die Paneleinteilung dieser Adaption ist interessant, da sie nicht den gewöhnlichen Konventionen folgt. Mit der Ausnahme von Aldo Sax‘ Vision, in der die eine oder andere bekannte Gottheit auftaucht, finden sich pro Seite jeweils nur zwei vertikale Panels. 2012 erschien eine Fortsetzung, abermals gezeichnet von Jacen Burrows, dieses Mal aber ohne Prosaversion und Adaption, Alan Moore verfasste das Skript zur vierteiligen Miniserie „Neonomicon“ selbst.

„Neonomicon“ greift die Handlung von „The Courtyard“ relativ direkt auf: Nach den Ereignissen des Vorgängers sitzt Aldo Sax in einer psychiatrischen Klinik und gibt nur sinnloses Gebrabbel von sich (der geneigte Leser weiß freilich, dass es sich dabei um Aklo handelt). Doch die Mordserie geht weiter, weshalb die FBI-Agenten Lamper und Brears in Red Hokk weiter ermitteln und nach Johnny Carcosa suchen. Dies bringt sie zum Esoterischen Orden des Dagon, einer Gruppe, die die Geschichten von H. P. Lovecraft ein wenig zu ernst nimmt. Lamper und Brears infiltrieren den Orden, fliegen aber bald auf. Wie sich herausstellt, haben die Kultisten tatsächlich Kontakt zu einem Tiefen Wesen. Während Lamper das zeitliche segnet, soll sich Brears mit der Fischkreatur paaren und zur Mutter eines Hybriden werden. Im deutschsprachigen Raum ist „Neonomicon“ unter diesem Titel zusammen mit der Comicversion von „The Courtyard“ in einem Band bei Panini erschienen.

Laut eigener Aussage verfasste Moore „Neonomicon“ primär, weil er wegen einer ausstehenden Steuerzahlung noch Geld benötigte, aber dennoch verfolgte Moore die Ideen aus „The Courtyard“ und „Neonomicon“ in der zwölfteiligen Serie „Providence“ weiter. Anders als die ersten beiden Geschichten spielt „Providence“ nicht in der Gegenwart, sondern im Jahr 1919, also zu der Zeit, also Lovecraft mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. Robert Black, seines Zeichens Reporter, schwul und angehender Schriftsteller, reist durch Neuengland, um für seinen großen amerikanischen Roman zu recherchieren und trifft dabei auf allerlei merkwürdige Gestalten und Vorkommnisse, die den kundigen Leser an diverse Lovecraft-Geschichten erinnern. Ohne es zu wissen führt sein Weg Black schließlich nach Providence, wo er H. P. Lovecraft in Person trifft.

Bezüglich der Struktur erinnert „Providence“ an „Watchmen“: Die Serie besteht aus zwölf Ausgaben (von Panini hierzulande in drei Paperbacks veröffentlicht), wobei der jeweiligen Ausgabe immer noch ein Prosateil beiliegt, zumeist Ausschnitte aus Blacks Tagebuch, mitunter aber auch Dokumente, die er auf seiner Reise findet. Auch inhaltlich gibt es gewisse Parallelen zu „Watchmen“, denn „Providence“ (unter Einbeziehung von „The Courtyard“ und „Neonomicon“) ist eine umfassende Metaauseinandersetzung mit H. P. Lovecrafts Werken, so wie „Watchmen“ eine umfassende Metaauseinandersetzung mit dem Superheldengenre ist. Das bedeutet allerdings auch, dass Moore nicht immer „im Geiste“ Lovecrafts schreibt. Vor allem in „Neonomicon“ bemüht sich Moore explizit, Dinge zu thematisieren, die Lovecraft nur andeutet oder die von seinen Nachfolgern meistens ausgeklammert werden (etwa der Rassismus oder die höchst unangenehmen sexuellen Implikationen). „Providence“ führt diese Tendenz zwar fort, ist aber durchdachter und besser ausgearbeitet, während man bei „Neonomicon“ mitunter das Gefühl nicht los wird, Moore habe es vor allem auf die eine oder andere Grenzüberschreitung und Provokation abgesehen. Diese finden in „Providence“ zwar ebenfalls statt, sind aber besser kontextualisiert.

Der Metaaspekt, schon in „Neonomicon“ unzweifelhaft vorhanden, wird in „Providence“ endgültig zur treibenden Kraft. Vor allem die ersten Ausgaben nehmen sich jeweils eine oder mehrere Lovecraft-Geschichten vor und spielen diese mit Robert Black als Protagonist mal mehr, mal weniger vorlagengetreu durch und kommentieren sie zugleich. Es beginnt mit den weniger bekannten Frühwerken wie „Cool Air“ oder „The Horror at Red Hook“, bevor die Hefte populärere Geschichten wie „Shadow over Innsmouth“, „The Dunwich Horror“, „The Thing on the Doorstep“ oder „Pickman’s Model“ widerspiegeln. Robert Black bewegt sich dabei allerdings nicht im fiktionalisierten Neuengland Lovecrafts (Städte wie Innsmouth oder Arkham tauchen nicht auf), stattdessen reist er durch ein realistischeres Neuengland, dass sich langsam in Lovecrafts Neuengland verwandelt. Manche der Lovecraft’schen Elemente bekommen Substitute; so fungiert etwa das real existierende Kitab Al-Hikmah Al-Najmiyyaon, das „Buch über die Weisheit der Sterne“, als Ersatz für das allseits bekannte und beliebte Necronomicon.

Im weiteren Verlauf nehmen die Lovecraft-Anspielungen und Verarbeitungen immer weiter zu, ebenso wie die Metaebene, bis Moore am Ende auch noch die losen Fäden von „The Courtyard“ und „Neonomicon“ aufgreift und alles zu einem höchst abstrakten Ende verbindet. „Providence“ (und mit Abstrichen auch die beiden Vorgänger) sind nicht einfach nur Comics, die in der von Lovecraft geschaffenen Welt spielen oder diese kommentieren, es handelt sich um eine detaillierte literarische Auseinandersetzungen mit seinem Werk. Moore schreckt dabei vor äußerst expliziten Szenen und äußerst unangenehmem Material nicht zurück – „Providence“ ist weder leicht zu lesen, noch wird man als Konsument in irgendeiner Form geschont; die Ab-18-Empfehlung auf der Rückseite und der Umstand, dass die Paperbacks nur eingeschweißt verkauft werden, sind völlig gerechtfertigt. Dennoch ist die Lektüre dieser Comics für den Lovecraft-Fan und -Liebhaber ungemein wertvoll und belohnend – und zu allem Überfluss auch noch von Jacen Burrows exzellent und atmosphärisch in Szene gesetzt.

Fazit: „The Courtyard“, „Neonomicon“ und „Providence“ sind zusammen eine detaillierte, umfangreiche und schonungslose Auseinandersetzung mit den Werken und dem Vermächtnis H. P. Lovecrafts. Wenn es so etwas wie DAS definitive Lovecraft-Metawerk geben sollte, dann hat Alan Moore es hiermit geschaffen.

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