All Star Batman and Robin, the Boy Wonder

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Anfang der 2000er feierte Marvel mit dem Ultimate-Imprint große Erfolge: Das Ziel war es, die bekannten und beliebten Helden vom Ballast jahrzehntelanger Kontinuität zu befreien und für Neuleser attraktiv zu machen, was zu Beginn auch durchaus glückte. Um an diesen Erfolg anzuknüpfen, etablierte DC das All-Star-Imprint als Gegenstück. Explizites Vorhaben war es, den kreativen Größen des Mediums zu erlauben, grandiose Geschichten mit den ikonischen Helden des Verlags zu erzählen, befreit von den Fesseln der Kontinuität. Anders als Marvels Ultimate-Comics erschienen unter dem ursprünglichen All-Star-Imprint lediglich zwei Serien, die auch nie zu einem größeren Universum zusammenwuchsen (wobei diskutabel ist, ob das überhaupt geplant war). Grant Morrison und Frank Quietly konnten mit „All Star Superman“ das ursprüngliche Versprechen einlösen: Die zwölfteilige Miniserie, erschienen zwischen 2005 und 2008, erzählt eine in sich geschlossene und kohärente Geschichte, die völlig zurecht als moderner Klassiker und eine der besten Superman-Geschichten überhaupt gilt. Dasselbe lässt sich leider nicht über „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ sagen…
Dabei klang die Ankündigung durchaus vielversprechend: Autor Frank Miller, der Batman in den 80ern mit „Batman: The Dark Knight Returns“ und „Batman: Year One“ eine nötige Frischzellenkur verpasst hatte und Zeichner Jim Lee, der gerade erst mit „Batman: Hush“ einen großen Erfolg gefeiert hatte, würden gemeinsam eine Geschichte aus den Anfangsjahren des Dunklen Ritters erzählen, eine Neufassung von Dick Graysons Origin. Aber, wie sich bereits bei „Batman: The Dark Knight Strikes Again“ gezeigt hatte, war Miller nicht mehr der Autor, der in den 80ern ein Meisterwerk nach dem anderen produzierte…

Handlung und Struktur
„All Star Batman and Robin, the Boy Wonder” umfasst 11 Ausgaben, die zwischen 2005 und 2008 erschienen, zum Teil mit vielen Verzögerungen. Bis heute bleibt die Serie unvollendet – 2011 sollte ursprünglich eine Fortsetzung mit dem Titel „Dark Knight: Boy Wonder“ erscheinen, die die Geschichte in sechs Heften fertig erzählt, doch dazu kam es nie. 2016 erschien zwar eine weitere Serie mit dem Titel „All Star Batman“, diese wurde jedoch von Scott Snyder geschrieben und hat nichts mit Millers Geschichte zu tun. Ähnlich wie bei „The Dark Knight Strikes Again“ ist es verhältnismäßig schwierig, eine halbwegs kohärente Handlungszusammenfassung zu schreiben – „All Star Batman“ besteht im Grunde aus einer ganzen Reihe mehr oder weniger miteinander verknüpfter Vignetten. Zwar liegt der Fokus dieses Mal deutlich stärker auf dem Dunklen Ritter als es bei Millers vorherigem Weg der Fall war, aber auch dieses Mal verwendet er ziemlich viele Seiten darauf, „seine“ Version des DC-Universums auszubauen, ohne dass es größere Konsequenzen für die Geschichte hätte. So gibt es nicht nur ausgedehnte Gastauftritte des Jokers, Batgirls und Catwomans, sondern auch von Black Canary und einer aus Superman, Green Lantern, Wonder Woman und Plastic Man bestehenden Proto-Justice-League.

Der Fokus der, nennen wir es mal großzügig „Haupthandlung“, ist wenig überraschend: Die Eltern des jungen Akrobaten Dick Grayson werden im Zirkus ermordet, während Bruce Wayne im Publikum sitzt. Bereits kurz darauf wird Dick, um ihn vor korrupten Polizisten zu schützen, von Batman gekidnappt. Der Dunkle Ritter hatte Dick bereits lange im Auge und sieht nun seine Chance gekommen, den Jungen zu seinem Sidekick zu machen. Während er Dick in der Bathöhle äußerst schlecht behandelt, sucht gefühlt die halbe Welt nach dem verschwundenen Waisenkind. Derweil ermittelt Batman bezüglich der Hintergründe des Mordes und macht Dick schließlich zu Robin. Als Duo konfrontieren sie zuerst Green Lantern und finden später heraus, dass der Joker Catwoman verletzt hat… An dieser Stelle bricht die Handlung ab.

Die absurde Strukturierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ setzt sich hier nahtlos fort, es wirkt nach wie vor, als hätte der Frank Miller des 21. Jahrhunderts die Fähigkeit verloren, halbwegs kohärent und ausgewogen zu erzählen. Die eigentliche Handlung um Batman und Robin pausiert immer wieder, teilweise für ganze Ausgaben, während sich Miller irgendwelchen Nebenschauplätzen zuwendet. Ausgabe 3 besteht beispielsweise aus 15 Seiten, in denen Black Canary eine Bar samt Insassen auseinandernimmt, es folgen vier Seiten (wohlgemerkt mit zwei ganzseitigen Panels und einer Doppelseite), auf denen Batman und Dick Grayson in der Bathöhle eintreffen und schließlich noch zweien Seiten mit Superman. Ausgabe 6 und 10 konzentrieren sich auf Black Canary und Batgirl und selbst wenn das titelgebende Duo im Fokus steht, schreitet die Handlung zuerst kaum nennenswert voran, nur um plötzlich abrupte Sprünge zu machen.

Millers Schreibstil aus „The Dark Knight Strikes Again“ und vor allem „Sin City“ setzt sich ebenfalls nahtlos fort – kurze Sätze, viele Wiederholungen. Tatsächlich artet das hier so sehr aus, dass es an Selbstparodie grenzt. Spätestens nach dem viertem Mal dürfte auch wirklich dem letzten Leser klar sein, dass Dick Grayson zwölf Jahre alt ist. Auf gewisse Weise sind Frank Millers Dialoge hier fast schon legendär, wenn auch nicht auf die positive Art. Nachdem sich der Dunkle Ritter hier als „the goddamn Batman“ bezeichnet, verselbstständigte sich das Zitat und wird gerne verwendet, um den All-Star-Batman von der regulären Inkarnation der Figur zu unterscheiden. Ansonsten lassen sich die Dialoge an Plakativität und Infantilität kaum überbieten.

Visuelle Gestaltung
Während man auf der Handlungs- und Dialogebene wunderbar diskutieren kann, ob nun „The Dark Knight Strikes Again“ oder „All Star Batman“ bescheuerter ist, hat letztere Miniserie zumindest einen eindeutigen Vorteil: Während die Fortsetzung zu „The Dark Knight Returns“ zweifelsohne einer der hässlichsten Superheldencomics überhaupt ist, sieht „All Star Batman“ wirklich verdammt gut aus. Zeichner Jim Lee machte sich in den 90ern vor allem mit den X-Men einen Namen, bevor er, zusammen mit diversen anderen einflussreichen Künstlern der Branche wie Rob Liefeld und Todd McFarlane den beiden großen Verlagen zumindest zeitweise den Rücken kehrte und den Image-Verlag gründete. In den 2000ern verkaufte Lee dann allerdings sein Image-Label Wildstorm an DC und ist seither einer der einflussreichsten Zeichner des Verlags. Bereits 2003 zeigte er mit „Batman: Hush“ (verfasst von Jeph Loeb), wie gut sein Stil zum Dunklen Ritter passt, daran knüpft er in „All Star Batman“ quasi direkt an.

Schon in „Hush“ schien sich Lees Batman an Millers Darstellung der Figur (kleine Ohren, recht bullig) zu orientieren, diese Eigenschaften sind hier noch verstärkt, was definitiv als Verweis auf „The Dark Knight Returns“ gesehen werden kann. Auch sonst wissen Lees detailreiche Zeichnungen zu überzeugen und sind schlicht und einfach schön anzusehen, solange man mit seinem entwickelten Image-Stil der 90er keine Probleme hat. Wie schon in „The Dark Knight Strikes Again“ arbeitet Miller hier allerdings mit vielen ganz- oder sogar doppelseitigen Panels. Zugegeben, das ausklappbare Panorama der Bathöhle macht einiges her, aber davon abgesehen wirkt der häufige Einsatz von Splash Pages wieder einmal eher faul, auch wenn Lees Zeichnungen diese wenigstens mehr rechtfertigen als Millers. In Sachen Fanservice schlagen die beiden ebenfalls ein wenig über die Stränge. Bei Superheldencomics, in denen es nun einmal um übermäßig attraktive Menschen (oder Aliens) in hautengem Spandex geht, ist mit ein wenig Fanservice immer zu rechnen, das gehört einfach zum Genre, aber wenn sich Vicki Vale bereits zu Beginn der ersten Ausgabe über mehrere Seiten hinweg genüsslich in Unterwäsche räkelt, fragt man sich schon, ob Miller hier seine Schreibarbeit nicht als Ventil benutzt. Nebenbei, wer sich fragt, wie ein von Miller gezeichnetes „All Star Batman“ wohl ausgesehen hätte, kann einige wirklich hässliche alternative Cover zurate ziehen.

Figuren und Deutung
In Frank Millers Wahrnehmung gehören alle seine Batman-Comics zur selben Kontinuität (theoretisch wäre das Erde 31 des DC-Multiversums), was für sich betrachtet schon problematisch ist, da „The Dark Knight Returns“ in den 80ern spielt und Präsident Ronald Reagan auftritt, während „All Star Batman“ doch eindeutig im 21. Jahrhundert verwurzelt zu sein scheint. Wenn man über diese Diskrepanz hinwegsehen kann, ändert „All Star Batman“ die Wahrnehmung von „The Dark Knight Returns“ ziemlich: Im Kontext der regulären Batman-Comics der 80er scheint es, als sei Batman in „The Dark Knight Returns“ auf seine alten Tage grimmig und verbittert geworden. Der Batman, den Miller in der All-Star-Serie präsentiert, ist allerdings derart psychotisch und rücksichtslos, dass es eher scheint, als wäre er auf seine alten Tage weich geworden. In gewisser Hinsicht führt Miller Batmans Charakterisierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ ziemlich nahtlos fort. Dem „goddamn Batman“ geht es nicht darum, Menschen zu retten, er benutzt die Verbrechensbekämpfung nur, um seine Allmachtsphantasien auszuleben – wann sonst sieht man einen Batman, der sich wild lachend in die Schlacht stürzt. Erst in den letzten beiden Ausgaben zeigen sich Spuren des klassischen Batman, er verhindert, dass Robin Green Lantern tötet und trauert anschließend gemeinsam mit ihm. Prinzipiell wäre es ja in Ordnung, die Entwicklung eines völlig übermütigen jungen Batmans hin zum eher gesetzteren Dunklen Ritter zu schildern, Miller schildert hier aber keine sinnvolle Charakterentwicklung.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Figuren; die meisten von ihnen sind eher überdrehte Parodien ihrer selbst. Superman wird gewissermaßen zum Laufburschen degradiert, Wonder Woman ist eine hasserfüllte Ultrafeministin und Green Lantern ein Vollidiot – damit er Batman und Robin keine Probleme macht, malen sie sich und ein Zimmer in einer der absurdesten Szenen der Miniserie komplett gelb an. Black Canary wird hier als Barkeeperin inszeniert, die eines Tages genug von sexuell übergriffigen Gästen hat und als Reaktion auf Raubzug geht – ihre Beteiligung an der Gesamthandlung bleibt höchst nebulös. Noch unnötiger sind die Gastauftritte Catwomans und des Jokers – Letzterer scheint immerhin als finale Widersacher vorgesehen zu sein. Das Markenzeichen DIESES Jokers ist, dass er nicht grinst – welch ein cleverer Twist! Tatsächlich gehört der Handlungsstrang um Gordons häuslich Probleme und ein zum Teil wild fluchendes Batgirl noch zu den besseren, doch auch hier ist nicht klar, was das Ganze nun mit der bei Ausgabe 10 kaum noch vorhandenen Haupthandlung zu tun hat, sodass man sich unweigerlich fragt, ob Miller überhaupt einen Plan hat oder mit den Charakteren nur wie mit Actionfiguren spielt.

Ähnlich wie in „The Dark Knight Strikes Again“ scheint Miller einen parodistischen und dekonstruierenden Ansatz zu verfolgen und sich sowohl über die Rezeption seiner eigenen, früheren Werke als auch den aktuellen Zustand der Superheldencomics lustig zu machen, abermals fehlt allerdings jegliche Aussage, seine Kommentare und Einsichten bleiben banal und inhaltslos.

Fazit: „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ knüpft stilistisch nahtlos an „The Dark Knight Strikes Again“ an und ist ebenso schlecht geschrieben, inhaltsleer und sinnfrei. Der einzige Pluspunkt sind die Zeichnungen von Jim Lee, aber mit hübschen Schleifen dekorierter Müll bleibt Müll.

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Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns
Batman: Year One
Batman: The Dark Knight Strikes Again

Outlander

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Erst vor wenigen Tagen endete die erste Staffel der zweiten Star-Wars-Realserie. „The Book of Boba Fett“ verdient natürlich einen eigenen, ausführlichen Artikel, zuvor gilt es allerdings, ein deutlich älteres Werk aus dem Bereich Star Wars Legends zu besprechen, das „The Book of Boba Fett“ durchaus beeinflusst haben könnte, jedenfalls gibt es einige inhaltliche und thematische Parallelen. Es handelt sich dabei um „Outlander“, den zweiten Handlungsbogen der 1998 gestarteten Star-Wars-Comicserie, die später den Beinamen Republic erhalten sollte und Geschichten aus der Prequel-Ära erzählt. Diese Story füllte die Hefte 7 bis 12 besagter Serie und lief von Juni bis November 1999. Wie schon im ersten Handlungsbogen mit dem Titel „Prelude ot Rebellion“ fungiert der cereanische Jedi Ki-Adi-Mundi als Protagonist.

Die Story des von Timothy Truman geschriebenen und von einer Reihe verschiedener Zeichner umgesetzten Handlungsbogens konzentriert sich ganz auf Tatooine und die Tusken. Kurz nach den Ereignissen von „The Phantom Menace“ verhalten sich die Sandleute gegenüber den Feuchtfarmern und Siedlern der Wüstenwelt mit einem Mal deutlich feindseliger: Ihre Stämme haben sich unter einem Kriegsherrn vereint und führen gezielte, gut koordinierte Angriffe aus. Für die Jedi besonders beunruhigend ist der Umstand, dass besagter Kriegsherr ein Lichtschwert trägt. Und es ist nicht irgendein Lichtschwert, sondern die Waffe des legendären Ritters Sharad Hett, der seit vielen Jahren als tot gilt. Um dem nachzugehen, schickt der Jedi-Rat Ki-Adi-Mundi. Dieser soll auf Tatooine mit dem Hutten Jabba Desilijic Tiure Kontakt aufnehmen, wird von dem Gangster jedoch hintergangen und während eines Sandsturms in der Wüste zurückgelassen. In einer Höhle findet er Unterschlupf, diese gehört jedoch unglücklicherweise einem Kraytdrachen. Allerdings findet Sharad Hett Mundi hier und hilft ihm, zusammen mit seinem Sohn A’Sharad, die Bestie zu besiegen. Von Hett erfährt Mundi, dass der Konflikt zwischen den Farmern und den Tusken von Jabba provoziert wurde, damit dieser veraltete Blaster zu Höchstpreisen verkaufen kann. Auch Jabbas Rivalin Gardulla Besadii hat ihre Finger im Spiel, da beide Hutts die Vorherrschaft auf Tatooine erringen wollen. Ein finaler Konflikt zwischen den Tusken und den Streitkräften der Hutts scheint unausweichlich…

Während Jan Strnad bei „Prelude to Rebellion” das Problem hatte, nur auf sehr begrenzte Informationen bezüglich der Episode-I-Inhalte zurückgreifen zu können, da die ersten Ausgaben fast ein halbes Jahr vor Kinostart erschien, konnte Timothy Truman da deutlich mehr Inhalte, Designs und Figuren integrieren. Truman knüpft an die Charakterisierung Ki-Adi-Mundis durchaus an, verlagert aber den inhaltlichen Fokus: Die Geschichte, die in „Prelude to Rebellion“ erzählt wurde, war, da es sich um die Heimatwelt und Familie des Protagonisten drehte, deutlich persönlicher. Stattdessen erfahren wir bei „Outlander“, dass Ki-Adi-Mundi vom Jedi-Rat für diese Mission ausgewählt wurde, weil er gerade keine persönliche Beziehung zu Sharad Hett hatte. Ein wenig schwingen die Ereignisse von „Prelude to Rebellion“ dennoch nach, da Mundi auch hier Tatooine besuchte und noch eine offene Rechnung mit Jabba hat – letztendlich einer der Gründe, weshalb er von dem Hutt verraten wird. Obwohl „Outlander“ für den Protagonisten weniger persönlich ist und Ki-Adi-Mundi sich als Figur nicht wirklich weiterentwickelt, finde ich persönlich diesen zweiten Handlungsbogen doch um einiges spannender und unterhaltsamer als den ersten, er ist wendungsreicher, in seinen Actionszenen deutlich dynamischer und fühlt sich, aufgrund des oben erwähnten Umstandes, deutlich besser mit dem größeren Star-Wars-Universum verknüpft.

Inhaltlich stellt Truman hier die Tusken und ihre Kultur stärker in den Fokus, als das zuvor geschah, zumindest soweit ich weiß. Vor allem in Episode IV und I bleiben die Sandleute relativ typische, undifferenzierte „Wilde“. In „Outlander“ erfahren wir deutlich mehr über ihre Gebräuche, Traditionen und auch, dass ihnen vor allem von den Hutts mitunter sehr übel mitgespielt wurde. Ähnliche Bemühungen unternehmen auch die zweite Staffel von „The Mandalorian“ sowie „The Book of Boba Fett“. Obwohl „Outlander“ und „The Book of Boba Fett“ in zwei völlig unterschiedlichen SW-Ären spielen, gibt es doch einige Parallelen zwischen Sharad Hett und Boba Fett, die über die drei identischen Buchstaben im Nachnamen hinausgehen. Beide landen allein und auf sich gestellt in der Wüste Tatooines und werden schließlich von einem Tusken-Stamm „adoptiert“, lernen die Bedeutung ihrer Gemeinschaft kennen und steuern zugleich eine „Außenseitsicht“ bei. Und in beiden Fällen wird der Tusken-Stamm in letzter Konsequenz von kriminellen Elementen vernichtet. In „Outlander“ wird natürlich auch die Frage gestellt, ob die Philosophie der Jedi mit der Sichtweise der Tusken kompatibel ist. Obwohl Ki-Adi-Mundi die Figur ist, der wir folgen, ist Sharad Hett mindestens in gleichem Ausmaß Protagonist der Geschichte und hier auch die deutlich komplexere Figur, deren Hintergründe in einem ausführlichen Flashback geschildert werden. Natürlich könnte man sich beschweren, dass hier schon wieder Tatooine in den Mittelpunkt gerückt wird, aber immerhin dient „Outlander“ tatsächlich dazu, diesen essentiellen Star-Wars-Schauplatz besser kennenzulernen und ausführlicher zu erforschen. Im Kontext der Disney-Serien ist zudem das Auftauchen des Krayt-Drachen interessant, der hier deutlich mehr nach klassischem Drachen als nach übergroßem Sandwurm aussieht. Aber auch in „Outlander“ spielt die Kraytdrachenperle für die Tusken eine wichtige Rolle.

Timothy Truman erweist sich als relativ geschickt darin, diverse Elemente sowohl aus „Prelude to Rebellion“ als auch aus „The Phantom Menace“ aufzugreifen, so finden sich mehrere Verweise zu den Ereignissen der ersten Star-Wars-Episode, die durchaus sinnvoll sind die Motivationen der Jedi in dieser Angelegenheit passend erklären. Besonders bemerkenswert ist „Outlander“ als erster Comic-Auftritt der Kopfgeldjägerin Aurra Sing. Diese tauchte in „The Phantom Menace“ kurz während des Podrennens auf, gespielt von Michonne Bourriague – nach bester Star-Wars-Tradition musste sie eine ausführliche Hintergrundgeschichte bekommen, die hier ihren Anfang nimmt. So erfahren wir, dass Aurra Sing nicht einfach nur eine Kopfgeldjägerin, sondern eine ehemalige Padawan ist und zudem noch von An’ya Kuro, der Jedi, die Ki-Adi-Mundi von Cerea holte, ausgebildet wurde. Aurra Sing entwickelte sich jedoch zur Jedi-Killerin – in „Outlander“ hat sie es, im Auftrag Gardullas, auf Sharad Hett abgesehen. Aurra Sing sollte noch ein einigen Comics dieser Reihe auftreten und später auch in „The Clone Wars“ auftauchen, gesprochen von Jaime King. In „The Clone Wars“ und im Disney-Kanon scheint Aurra Sing allerdings keine ehemalige Jedi zu sein und auch kein Lichtschwert zu führen.

Apropos Lichtschwert: Diesbzüglich gibt es in den vor Episode II erschienen Comics noch einige interessante Anekdoten. In dieser Zeit waren Lichtschwertfarben eine relativ willkürliche Angelegenheit – erst im Zuge von „Attack of the Clones“ wurde festgelegt, dass Jedi, mit einigen wenigen Ausnahmen, ausschließlich grüne und blaue Lichtschwerter führen, von den späteren Entwicklungen in „The Clone Wars“ und im Disney-Kanon gar nicht erst zu sprechen. Dementsprechend werden in „Outlander“ und den vor 2002 erschienene Comics die Farben relativ wild verteilt, Ki-Adi-Mundi führt ein violettes Lichtschwert und Sharad Hett, A’Sharad Hett und Aurra Sing bedienen sich roter Waffen, obwohl sie allesamt keine Sith sind. Die Assoziation der roten Klinge mit der Dunklen Seite war sicher Absicht, bleibt aber letzten Endes genau das, eine Assoziation und kein Statement bezüglich der Zugehörigkeit. Nach Episode II wurden Lichtschwertfarben deutlich restriktiver gehandhabt und selbst Figuren wie A’Sharad Hett und Aurra Sing hatten ab diesem Zeitpunkt nur noch blaue oder grüne Schwerter. Man kann wohl in diesem Kontext von einem rückwirkenden Farbgebungsfehler ausgehen und annehmen, dass diese Lichtschwerter auch schon zu Episode-I-Zeiten blau oder grün waren.

Grafisch ist „Outlander“ relativ divers geraten, nicht zuletzt, da mit Tom Raney (Ausgabe 7), Rod Pereira (Ausgabe 7 und 9), Rick Leonardi (Ausgabe 8 und 10) und Al Rio (Ausgabe 11 und 12) vier verschiedene Zeichner beteiligt waren, zum Teil mit Wechseln im selben Heft. Mir persönlich sagen Al Rios Zeichnungen am meisten zu, da sie äußerst detailliert ausfallen und die Dynamik der finalen Schlacht relativ gut einfangen. Aufgrund der vielen Zeichner kommt es jedoch zu dem einen oder anderen Kontinuitätsfehler. Sowohl bei Al Rio als auch bei all seinen späteren Auftritten fällt beispielsweise A’Sharad Hett besonders durch seinen langen schwarzen Zopf auf, dieser fehlt bei seinem ersten, von Rick Leonardi gezeichneten Auftritt jedoch.

Fazit: „Outlander“ ist gerade im Kontext von „The Book of Boba Fett“ eine äußerst faszinierende Story, da hier diverse Entwicklungen bezüglich der Tusken über zwanzig Jahre zuvor vorweggenommen werden. Auch im Kontext der Prequels ist Ki-Adi-Mundis zweites Abenteuer eine deutlich lohnenswertere und spannendere Lektüre als der Vorgänger „Prelude to Rebellion“.

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Siehe auch:
Prelude to Rebellion
Darth Maul
Jango Fett: Open Season

Snow, Glass, Apples

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Neil Gaiman hat eine besondere Vorliebe dafür, bekannte und beliebte Geschichten mit einem besonderen Twist neu zu erzählen, oft in Form von Kurzgeschichten, die dann ihrerseits als Comics umgesetzt werden. Das Sherlock-Holmes/Lovecraft-Crossover „A Study in Emerald“ ist ein sehr gutes Beispiel, „Snow, Glass, Apples“ ein weiteres. Die Story selbst erschien bereits 1994, die Comicadaption, umgesetzt und illustriert von Colleen Doran, wurde 2019 für Dark Horse angefertigt, die Übersetzung erschien erst vor kurzem bei Splitter.

Der Titel lässt es bereits vermuten, Gaiman erzählt hier „Schneewittchen“ neu – aus der perspektive der Stiefmutter und ganz definitiv nicht jugendfrei. Der Handlungsverlauf ist grob derselbe wie im Märchen: Eine magisch begabte junge Frau heiratet den König und wird Stiefmutter eines Mädchens mit Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und Haaren so schwarz wie Ebenholz. Nach dem Tod des Königs versucht die Königin, ihre Stieftochter umbringen zu lassen, mit der Folge, dass sie allein im Wald landet und bei Zwergen Zuflucht findet. Die Königin spürt ihre Stieftochter auf und versucht, sie mit einem vergifteten Apfel zu töten, ein Prinz erweckt sie jedoch aus dem Totenschlaf. So weit, so gut, Schneewittchen ist hier allerdings eine androgyne, bösartige Vampirin. Es wäre zu viel gesagt, ihre Stiefmutter als „die Gute“ zu bezeichnen, ihre Handlungen sind allerdings deutlich gerechtfertigter als im Märchen, denn es ist Schneewittchen, die für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist. Das Herz, das die Stiefmutter erhält, ist hier tatsächlich Schneewittchens, was sie allerdings nicht groß aufhält. Eine besondere Interpretation erfährt darüber hinaus der Prinz, der zuerst mit der Königin anbandelt und sich dabei als nekrophil erweist. Am Ende erlangt das untote Schneewittchen ihr Herz zurück und lässt die Königin zahlen – das ganze fühlt sich aber natürlich nicht wie ein Happy End an.

Während „A Study in Emerald“ zwar sehr kompetent, aber zeichnerisch nicht besonders außergewöhnlich umgesetzt wurde, verfügt „Snow, Glass, Apples“ über eine sehr distinktive, vom Jugendstil inspirierte Optik. In Colleen Dorans Anmerkungen nennt sie Harry Clarke und dessen Werk An Angel of Peace als primäre Inspiration. Dorans Bilder sind üppig, wunderschön und gleichzeitig alptraumhaft. Sie verfügen über eine fließende Qualität, oft vermeidet Doran eine klassische Panelstruktur, stattdessen gehen die Szenen direkt ineinander über, was sowohl den Eindruck eines klassischen Kinderbuches als auch mittelalterlicher Wandteppiche erweckt.

Da ich nur den Comic und nicht die Prosakurzgeschichte gelesen habe, kann ich nichts zur Adaption sagen, allerdings entsteht hier problemlos der Eindruck, dass die Geschichte ausschließlich für Dorans Bilder geschaffen wurde, auch wenn dem nicht so sein mag. Denn was die Subversität angeht, war Gaiman schon deutlich besser und cleverer (gerade „A Study in Emerald“ ist ein gutes Beispiel), die Umwandlung des Märchens in eine Horror-Geschichte fällt doch ein wenig zu plakativ und auf den Schockfaktor ausgerichtet aus. Als Vehikel für Dorans Bilder ist die Geschichte aber wunderbar geeignet, sodass man geneigt ist, sich im Rausch der Bilder zu verlieren.

Fazit: Subversive Horror-Version von „Schneewittchen“, die an sich etwas zu plakativ ausfällt, in der Adaption von Colleen Doran aber ein wunderbar üppiges Comic-Kunstwerk darstellt, das ich jedem empfehlen kann, der sich an sehr expliziten Inhalten in seinen Märchen nicht stört.

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Siehe auch:
A Study in Emerald

JLA: Rock of Ages

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Zack Snyder ist definitiv nicht der erste, der auf die Idee einer dystopischen, von Darkseid beherrschten Zukunft des DC-Universums kam. Wahrscheinlich ist auch Grant Morrison nicht der erste, aber auf den Seiten der JLA-Storyline „Rock of Ages“ (erschienen in den Heften 10 bis 15) begegnete zumindest mir dieses Konzept zum ersten Mal. Ähnlich wie schon meine Rezension zu „Justice League: Origin“ kann auch dieser Artikel als Vorbereitung auf den Snyder-Cut gesehen werden – und natürlich handelt es sich dabei um die lange überfällige Fortführung meiner Artikelreihe zu Grant Morrisons JLA-Run.

Handlung
Sieben bösartige Doppelgänger des Justice League greifen Star City an und sorgen für Chaos und Zerstörung. Der Liga gelingt es gerade so, die Doppelgänger zu besiegen, wobei die Ligisten feststellen, dass es sich nicht um lebendige Wesen, sondern um ferngesteuerte Hartlichthologramme handelt. Hinter dem Angriff steckt eine Neuformation der „Injustice Gang“. Dieses Team existierte bereits in mehreren Formationen als schurkisches Gegenstück zur Justice League, dieses Mal besteht sie allerdings ausschließlich aus Erzfeinden der „Großen Sieben“. Ins Leben gerufen wurde sie von Lex Luthor, der sich durch Supermans Beteiligung an der Liga persönlich angegriffen fühlt. Als Gegenstück für Batman fungiert natürlich der Joker (wer auch sonst?), für Wonder Woman ist Circe am Start, für Aquaman der Ocean Master (der durch James Wans „Aquaman“ immerhin ein wenig mehr Bekanntheit erlangt hat) und aus Flashs Rogues Gallery macht Mirror Master mit. Green Lantern (Kyle Rayner) ist als Held noch zu neu, um einen wirklichen Erzfeind zu haben, weshalb Luthor (bzw. Morrison) mit Doctor Light einen klassischen Teen-Titans-Schurken wählte, der während des Crossovers „Underworld Unleashed“ neue Fähigkeiten und ein neues Aussehen bekam und immerhin schon das eine oder andere Mal mit Lantern aneinandergeriet. Für Martian Manhunter schickt Morrison eine eher obskure DC-Figur aus den 80ern namens Jemm bzw. „Son of Saturn“ an den Start – dieses telepathische Alien wird von Luthor mehr oder weniger ferngesteuert. Supermans Erzfeind verfügt allerdings noch über eine weitere Geheimwaffe, den legendären Stein der Weisen (auch Worlogog), der zwar weder für Gold, noch für Unsterblichkeit sorgt, dafür seinem Besitzer aber Macht über das temporale Gefüge verleiht.

Während sich die Liga, die aktuell aus Superman, Batman, Martian Manhunter, Aquaman, Green Lantern, Flash sowie den beiden Newcomern Aztek und Green Arrow besteht – Wonder Woman ist zu diesem Zeitpunkt gerade tot, allerdings, wie üblich bei Superhelden, nur temporär – mit den Machenschaften der Injustice Gang herumschlägt, taucht unvorhergesehen der New God Metron im Wachturm der Justice League auf und enthüllt den dort anwesenden Ligisten Aquaman, Green Lantern und Flash, dass sie unbedingt verhindern müssen, dass der Stein der Weisen Darkseid in die Hände fällt. Um das zu erreichen, schickt er die drei auf eine Odyssee durch Raum und Zeit. Nach einem Zwischenstopp auf Wonderworld, wo sich gewaltige Superwesen auf die Apokalpyse vorbereiten, landen sie schließlich fünfzehn Jahre in einer Zukunft, in der Darkseid die Antilebensformel errungen hat und über das Universum regiert. Mithilfe der versprengten Reste der JLA müssen die drei Ligisten, die sich in den Körpern ihrer zukünftigen Gegenstücke befinden und weder über Supertempo, noch über einen Kraftring verfügen, versuchen, in ihre Zeit zurückzugelangen, um anschließend zu verhindern, dass Superman Luthor den Stein der Weisen abnimmt und ihn zerstört – dieser Akt ermöglichte es Darkseid nämlich, die Herrschaft zu übernehmen…

Injustice for All

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Lex Luthors Injustice Gang

„Rock of Ages” verfügt über zwei Handlungsstränge, die ineinander verschachtelt sind. Der Kampf gegen die Injustice Gang fungiert dabei als Rahmen, pausiert für die dystopische Zukunft und wird dann wieder aufgenommen. Dieser Handlungsstrang legt seinen Fokus primär auf Lex Luthor, die anderen Mitglieder der Gang fungieren eher als Erfüllungsgehilfen. Luthor ist hier stark in seiner 90er-Charakterisierung als ruchloser Geschäftsmann verwurzelt, das heißt, er steigt nicht in einen grünen Anzug, um sich selbst an den Kämpfen zu beteiligen, sondern betrachtet die Vernichtung der Justice League als Firmenübernahme, angefeuert von seinem Hass auf Superman. Batman hat auf diesem Bereich natürlich als Geschäftsführer von Wayne Enterprises nicht weniger Erfahrung und kann so relativ gut gegen Luthor arbeiten. Zum Beispiel bringt er drei Agenten, darunter Plastic Man, in Luthors Team unter. Sehr interessant ist die Dynamik der Schurken untereinander sowie ihre Zusammenarbeit. So entstehen die Hartlichthologramme zum Beispiel aus der Kooperation zwischen Dr. Light und Mirror Master. Ein späteres Konstrukt wird genutzt, um den wirren Verstand des Jokers bildlich umzusetzen und so Superman und Martian Manhunter in die Irre zu führen. Allerdings muss auch gesagt werden, dass das eine oder andere Mitglied der Gang fast schon zur Staffage gerät, vor allem Ocean Master und Circe haben relativ wenig zu tun – Letztere wird immerhin in einen hochamüsanten Austausch mit Plastic Man verwickelt und darf Green Arrow scheinbar abwerben. Leider kommt es kaum zur Interaktion zwischen den Mitgliedern der Injustice Gang und ihren JLA-Gegenstücken; allerdings hat der Martian Manhunter eine ganz interessante Szene mit dem Joker.

In diesem Kontext bietet es sich an, noch ein paar Worte zu den Zeichnungen zu verlieren, da gerade der Joker von Howard Porter nicht ganz optimal dargestellt ist. Das ist wirklich schade, da Porters Interpretation der anderen Figuren mir überaus gut gefällt und er einige Jahre zuvor in der Eventminiserie „Underworld Unleashed“ einen wirklich exzellenten, herrlich dämonisch grinsenden Joker abgeliefert hat. Für die letzte Ausgabe dieses Handlungsbogens bekam Porter zusätzlich Unterstützung von Gary Frank und Greg Land, die sich um sehr fließende Übergänge bemühen, sodass der Wechsel nicht sofort auffällt – irgendwann bemerkt man es aber doch, da die meisten Figuren optisch etwas schwächer sind. Lediglich der Joker sieht bei Frank und Land besser aus.

Darkseid Is

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Darkseid Is

Der interessantere der beiden Teile von „Rock of Ages“ ist mit großem Abstand Lanterns, Flashs und Aquamans Ausflug in die dystopische, von Darkseid beherrschte Zukunft. Diesen Ausflug erzählt Morrison in den US-Heften 13, 14 und 15 am Stück, ohne mit der Injustice-Gang-Handlung zu alternieren. Egal, ob es sich um Elseworlds-Geschichten außerhalb der Kontinuität, Visionen oder wie hier Zeitreisen handelt, Autoren haben mit dem Konzept der düsteren Zukunft immer viel Spaß und bei Grant Morrison ist es kaum anders. Das beginnt bereits bei der Zusammensetzung der zukünftigen Liga, die neben den drei Zeitreisenden in ihren zukünftigen Körpern aus einer ins Leben zurückgekehrten Wonder Woman, dem umprogrammierten Schurken-Droiden Amazo, der zweiten Aztek und den beiden Ex-Titans Argent und The Atom besteht. Nicht vergessen werden sollte außerdem Green Arrow Connor Hawke mit dem Oliver-Queen-Gedächtnisbart. Im späteren Verlauf kommt außerdem noch eine grandiose Version von Batman hinzu, dem es zwar an einigen Fingergliedern, aber nicht an Entschlossenheit mangelt. Abermals ist es der Dunkle Ritter, der den Schlüssel zum Sieg in der Hand hält. Gerade hier zeigt sich ein weiteres Mal Morrisons Talent für Komprimierung, das seinen JLA-Run auszeichnet: Was Morrison in drei US-Ausgaben an Worldbuilding für diese finstere Zukunft unterbringt, ist beeindruckend. Er muss nicht lang und breit auswalzen, weshalb das Leben unter Darkseids Herrschaft fürchterlich ist, oft reichen Andeutungen, sei es in den Dialogen oder den Zeichnungen. Supermans Schicksal ist stellvertretend für die vielen anderen gefallenen Helden, den Rest erledigen die beschädigten Artefakte in der Zuflucht der letzten Helden, sei es Doctor Fates Helm, Starmans Stab oder die Überreste der Kostüme von Robin und Mister Miracle. Morrison gelingt es, wie schon zuvor, die Handlung erfolgreich zu komprimieren und mit verhältnismäßig wenig Platz sehr viel zu erreichen. Gerade im Vergleich mit Geoff Johns‘ „Justice League: Origin“ fällt auf, wie viel Handlung und Twists Morrison in sechs US-Heften unterbringen kann, ohne dass es sich zu überfüllt anfühlt.

Und dann wäre da natürlich noch Darkseid selbst, der seinen üblichen, grau-blauen Look gegen ein tiefschwarzes Outfit getauscht hat und hier imposanter als in fast jeder anderen Geschichte wirkt. Morrison beginnt in „Rock of Ages“, sich mit dem finsteren Gott näher auseinanderzusetzen und ihn von dem außerirdischen Despoten, als der er in den 90ern meistens dargestellt wird, stärker in Richtung „platonische Verkörperung des Bösen“ zu rücken. Diese Entwicklung ist in „Rock of Ages“ noch alles andere als abgeschlossen und wird erst in Morrisons „Final Crisis“ wieder aufgegriffen, aber die Saat findet sich bereits hier, im „Slogan“ des finsteren Gottes: „Darkseid Is“. Das ist natürlich ein Verweis auf den Namen Gottes, das Tetragrammaton JHWH (meistens mit „Jahwe“ wiedergegeben), was übersetzt bzw. erläutert wohl so viel bedeutet wie „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde der sein, der ich sein werde“ (die Etymologie des Gottesnamens ist ein kompliziertes Kapitel, auf das ich hier nicht eingehen werde). Dieser Slogan ist jedoch noch so viel mehr, er verweist darauf, dass Darkseid aus seiner Perspektive nicht einfach nur Gott ist, sondern das einzige Wesen, das tatsächlich existiert – eine Form von Solipsismus, die Morrison in „Final Crisis“ noch weiter ausarbeiten sollte. Alle anderen Wesen sind in Darkseids Wahrnehmung so weit unter ihm, dass sie praktisch nicht existieren. Letztendlich liegt Darkseid hier natürlich falsch, was Morrison sehr schön durch den Erzähler der JLA-Ausgaben 14 herausarbeitet. Dieser ist offensichtlich Teil der Geschichte, bleibt aber bis zum Schluss mysteriös – letztendlich entpuppt er sich als der Black Racer, die Inkarnation des Todes der New Gods, die am Ende kommt, um auch Darkseid zu holen.

Weiterführende Lektüre
Zwischen den Ausgabe 10 und 11 der JLA-Serie (also zwischen Teil 1 und 2 des Handlungsbogens) findet ein ganzes Crossover-Event statt. Diese Miniserie aus dem Jahr 1997 mit dem Namen „Genesis“ (sowie die zugehörigen Superman-Hefte) veröffentlichte der Dino-Verlag in Paperbackform als „Superman Sonderband 2“. Tatsächlich hat die dort erzählte Geschichte um die Godwave, die den New Gods und auch den Superhelden ihre Kräfte verleiht (und nun dafür sorgt, dass besagte Kräfte verrücktspielen) nur marginal etwas mit „Rock of Ages“ zu tun. Sowohl Darkseid als auch der griechische Kriegsgott Ares, der immer wieder als Gegner für Wonder Woman fungiert, versuchen, sich die Godwave für ihre finsteren Zwecke zunutze zu machen. Morrison nimmt das eine oder andere Mal Bezug auf die Miniserie, etwa als die Ligisten sich angesichts von Metrons Warnung fragen, ob Darkseid es geschafft hat, aus dem Quellenwall, in den er am Ende von „Genesis“ verbannt wurde, auszubrechen. Zum Verständnis von „Rock of Ages“ ist „Genesis“ allerdings nicht notwendig.

Wie bereits erwähnt greift Morrison viele Ideen aus „Rock of Ages“ in seinem Großevent „Final Crisis“, das 2008/09 in Zusammenarbeit mit den Zeichnern J. G. Jones und Doug Mahnke erschien, wieder auf. Nicht nur verfügt „Final Crisis“, wie für DC-Großevents üblich, über eine ganze Reihe von Tie-Ins und Begleitminiserien, die Geschichte ist zusätzlich ziemlich komplex (vielleicht sogar übermäßig kompliziert) und zudem ziemlich verschachtelt. Morrison unterwirft sich hier kaum noch den gewöhnlichen Konventionen eines Superhelden-Events, sondern begibt sich voll auf die Meta-Schiene. Gerade im Hinblick auf die New Gods ist „Final Crisis“ aber hochinteressant, da die oben beschriebene Entwicklung und die platonische Darstellung Darkseids hier auf die Spitze getrieben werden. Der finstere Gott wird als Wesen außerhalb des Multiversums etabliert. Darkseids Fall und das „Absterben“ seiner Essenz sorgen für eine interdimensionale Krise, da er auf diese Weise das Gefüge des Multiversums selbst beschädigt. Zusätzlich finden sich auch einige Handlungsparallelen zu „Rock of Ages“: Abermals erringt Darkseid (wenn auch nur kurzfristig) die Kontrolle über die Erde und ein weiteres Mal stellt sich ihm Batman entgegen, um anschließend von Darkseids Omega-Strahlen (zumindest scheinbar) pulverisiert zu werden.

Fazit: Nicht umsonst ist „Rock of Ages“ einer von Kevin Smiths absoluten Lieblings-DC-Comics und taucht auch regelmäßig in den Best-of-Justice-League-Listen auf – dieser Handlungsbogen ist der vorläufige Höhepunkt von Morrisons JLA-Run, eine epische Geschichte, die ihresgleichen sucht, einen grandiosen Moment an den anderen reiht und genug von Morrisons metaphysischen Spielereien enthält, um das Ganze wirklich faszinierend zu gestalten, aber nicht so viele, dass die Geschichte, wie es bei „Final Crisis“ der Fall ist, zu unübersichtlich gerät.

Bildquelle Cover
Bildquelle Injustice Gang
Bildquelle Darkseid

Siehe auch:
JLA: New World Order
JLA: American Dreams
Justice League: Origin

Art of Adaptation: Animorphs – The Invasion


Vielleicht ist es nur meine persönliche Wahrnehmung, aber ich habe das Gefühl, dass Kinder- und Jugendbuchreihen seit den späteren Harry-Potter-Bänden deutlich umfangreicher geworden sind und dafür weniger Bände umfassen. Zumindest in den 90ern waren meinem Empfinden nach die Hardcover-Wälzer eher eine Seltenheit, stattdessen gab es viele Serien mit recht kurzen (100 bis 200 Seiten), dafür aber sehr vielen Bänden. Ich denke, das Idealbeispiel meiner Kindheit ist die Reihe „Gänsehaut“ (im Original „Goosebumps“) von R. L. Stine, die für meine Liebe zum Horror-Genre zumindest mitverantwortlich ist – darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um eine zumindest oberflächlich vergleichbare Serie und deren Comicadaption: „Animorphs“.

Anders als bei „Gänsehaut“ handelt es sich bei „Animorphs“ nicht um jugendgerechten Horror, sondern um eine Science-Fiction-Abenteuerserie und die einzelnen Bände erzählen auch nicht in sich geschlossene Geschichten mit jeweils neuen Protagonisten, sondern haben eine fortlaufende Handlung mit wiederkehrenden Figuren. Ersonnen und verfasst wurde die Serie von Katherine Applegate und ihrem Ehemann Michael Grant unter Applegates Namen, wobei viele der späteren Bände von Ghostwritern verfasst wurden, da der Verlag Scholastic ein hohes Publikationstempo vorschrieb. Die Serie umfasst 54 reguläre Bände, die zwischen 1995 und 2001 erschienen, zusätzlich zu diversen Sonderbänden. Nur die ersten 30 (sowie vier der „Megamorphs“ genannten Sonderbände) erschienen allerdings in deutscher Übersetzung. Auf dem Höhepunkt der Popularität der Bücher gab es zusätzlich auch deutsche Hörspiele, Actionfiguren, Games und eine wohl nicht besonders gelungene Fernsehserie, die es allerdings ebenfalls nie in deutsche Gefilde schaffte. Lange war es sehr ruhig um die Serie, seit einiger Zeit bewegt sich jedoch wieder etwas: Auf Audible erschienen Hörbuchversionen, 2020 wurde eine Filmadaption angekündigt und im selben Jahr erschien auch eine Comicadaption des ersten Romans, „The Invasion“, umgesetzt von Chris Grine.

Handlungsmäßig gibt es zwischen Roman und Comic kaum Abweichungen. Zufällig treffen sich fünf Jugendliche, die einander mehr oder weniger gut kennen, eines Abends im Einkaufszentrum: Jake und Marco sind beste Freunde, Cassie und Rachel ebenfalls. Rachel ist Jakes Cousine und Tobias, der fünfte im Bunde, ist zwar neu an der Schule, wurde von Jake allerdings davor gerettet, den Kopf ins Klo getaucht zu bekommen. Da sie bereits spät dran sind, nehmen sie die Abkürzung über eine verlassene Baustelle, auf der just an diesem Abend ein beschädigtes Raumschiff landet. Beim Piloten, der das Schiff kurz darauf verlässt, handelt es sich um eine Art Zentauer mit blauem Fell und ohne Mund, dafür aber mit Zusatzaugen auf Stielen am Kopf und einem äußerst tödlichen Schwanz mit Klinge. Per Telepathie teilt der Ankömmling den fünf Jugendlichen mit, dass er ein Andalit ist und Elfangor heißt. Und mehr noch, er enthüllt, dass er nicht das erste Alien ist, das die Erde besucht. Die Andaliten befinden sich im Krieg mit einer anderen Spezies, den Yirks („Yeerks“ im Original). Bei diesen handelt es sich um schneckenartige Kreaturen, Parasiten, die sich in den Köpfen anderer Arten einnisten und diese kontrollieren können. Viele Spezies sind den Yirks bereits zum Opfer gefallen, etwa die Hork-Bajirs und die Taxxons, die nun als Fußsoldaten der Yirks dienen. Die Menschen sind als nächstes an der Reihe, viele wurden bereits mit einem Yirk infiziert – diese „Controller“ arbeiten unerkannt daran, die gesamte Erde zu unterjochen. Die Andaliten haben eine Raumschlacht verloren, Elfangor ist der letzte Überlebende. Die Yirks sind bereits auf dem Weg zu ihm, er hat kaum noch Überlebenschancen. Allerdings gibt er den fünf Jugendlichen eine Waffe: Er verleiht ihnen die Kraft des Morphens. Über Berührung können die fünf die DNS von Tieren in sich aufnehmen und sich für zwei Stunden in diese verwandeln. Morphen sie sich innerhalb dieser zwei Stunden allerdings nicht zurück, bleiben sie in ihrer Tiergestalt gefangen. Kurz darauf treffen auch schon die Yirks ein und ihr Kommandant, Visser 3, der einzige Yirk, der je einen Andaliten versklaven konnte und so ebenfalls über die Macht des Morphens verfügt, verwandelt sich in ein monströses Alien und verschlingt Elfangor, während die fünf gerade so entkommen können.

Am nächsten Morgen bestehen gewisse Zweifel, ob das alles wirklich passiert ist, allerdings stellt sich heraus, dass es kein schlechter Traum war. Erste Morphs werden ausgetestet, Tobias verwandelt sich in seine Katze, Jake in seinen Hund und Cassie, deren Eltern eine Farm besitzen und Tierärzte sind, in ein Pferd. Zugleich müssen die „Animorphs“, wie Marco die Gruppe scherzhaft nennt, erkennen, dass sich die Welt für sie verändert. Immer mehr Menschen, darunter Polizisten und Jakes eigener Bruder Tom, entpuppen sich durch ihr Verhalten, besonders ihre Fragen, ob die fünf am Vorabend auf der Baustelle waren, als Controller. Die Animorphs sind noch unentschlossen, ob sie tatsächlich gegen die Yirks kämpfen sollen, vor allem Tobias und Rachel sind dafür, während Marco, der sich um seinen verwitweten Vater sorgt, große Vorbehalte hat. Schließlich beschließen die Animorphs, erst einmal ein wenig zu ermitteln. Dabei finden sie unter anderem heraus, dass es sich beim sog. „Freundschaftsclub“, einer neuen Jugendorganisation, um einen Verein handelt, der dazu gedacht ist, neue Controller zu gewinnen. Außerdem erfahren sie, dass ihr Rektor, Chapman, ein hochrangiger Controller ist und dass sich unter der Schule der Yirkpool befindet – dieser dient zur Versorgung der Yirks und als Basis. Für Notfälle beschließen die Animorphs, sich im Zoo Kampfmorphs zuzulegen, Jake übernimmt beispielsweise einen Tiger, Rachel einen Elefanten und Marco einen Wolf. Diese Morphs werden auch bald nötig, denn ein Polizisten-Controller, der vermutet, dass Cassie auf der Baustelle war und etwas gesehen haben könnte, schnappt sie sich, um sie zu infizieren. Um ihre Freundin (und nach Möglichkeit auch Tom) zu retten, greifen die Animorphs den Yirkpool an. Die Mission verläuft nur teilweise erfolgreich, denn Visser Drei ist unglücklicherweise zugegen. Zwar gelingt es den Animorphs, ordentlich Chaos zu stiften und mit Cassie zu entkommen, allerdings schaffen sie es nicht, Tom zu retten und Tobias muss zudem einen hohen Preis bezahlen: Von nun an ist er im Körper eines Bussards gefangen. Der Entschluss steht nun allerdings fest: Die Animorphs werden kämpfen, bis die Andaliten zurückkehren.

Handlungsmäßig adaptiert der Comic den Roman, wie bereits erwähnt, sehr genau, es gibt kaum Auslassungen und die Dialoge werden oft Wort für Wort übernommen. Ein kleines Kontinuitätsproblem konnte sogar gelöst werden: Wenn die Animorphs sich in Tiergestalt befinden, können sie, wie die Andaliten, per Gedankensprache kommunizieren. Im ersten Roman war ihnen das auch in menschlicher Gestalt möglich, in späteren aber nicht mehr – die entsprechende Szene wurde in dieser Adaption angepasst. Ansonsten ist die größte Abweichung wahrscheinlich die Erzählperspektive. Jeder Roman ist aus der Ich-Perspektive von einem der Protagonisten verfasst, als Erzähler von „The Invasion“ fungiert Jake. Der Comic hingegen hat kaum Erzähltext, lediglich am Anfang tauchen die üblichen Animorphs-Floskeln auf („Wir können niemandem verraten wer wir sind“ etc.), die aber keinem einzelnen Mitglied zugeschrieben werden, sondern der gesamten Gruppe.

Von vorrangigem Interesse ist bei dieser Adaption natürlich die visuelle Umsetzung. Chris Grine (mit dessen sonstigem Werk ich nicht vertraut bin) entschied sich eher für einen Cartoon-Look und gegen eine realistische oder in irgendeiner Form vom Superhelden-Comic inspirierte Umsetzung – zumindest bei den menschlichen Figuren. Man erkennt durchaus Einflüsse des frankobelgischen Comics und der Ligne claire – die Gesichter sind insgesamt recht offen, wenig definiert und haben knubbelige Nasen; nicht auf Asterix-Niveau, aber dennoch. Interessanterweise wirken die Tiere und Aliens deutlich „realistischer“ und detaillierter als die Protagonisten. Alles in allem funktioniert die visuelle Umsetzung ziemlich gut und spiegelt auch eine zentrale Eigenschaft der gesamten Buchserie wider.

„Animorphs“ scheint zu Beginn eine typische Abenteuerserie zu sein: Die jugendlichen Protagonisten erleben Abenteuer und kämpfen gegen die Yirks, es gibt viel Action und Humor und am Ende wird der Tag gerettet. Die Mischung funktioniert ziemlich gut, aber je weiter die Serie voranschreitet, desto brutaler und verstörender werden die Kämpfe – und desto deutlicher zeigt sich, dass der Krieg gegen die Yirks tiefe Narben und Traumata in den Protagonisten hinterlässt, die zu Beginn der Serie gerade einmal 13 oder 14 Jahre alt sind. Applegate und Grant greifen durchaus auf Stereotypen zurück – Jake ist der Anführer, Marco der Witzbold, Rachel das Action-Girl, Tobias der Träumer und Cassie die Empathin. Sie erforschen die Archetypen dann aber auch ausgiebig, zeigen, was ein brutaler Krieg mit Jugendlichen machen und wie er sie verändert. Jake wird als Anführer beispielsweise zunehmend rücksichtloser und trifft Entscheidungen, die sein früheres Selbst zutiefst verstört hätten, während Rachel zunehmend zum Adrenalin-Junkie mutiert. Dementsprechend passt der variable visuelle Stil sehr gut – sollte die Comic-Serie länger laufen, könnte ich mir gut vorstellen, dass die Zeichnungen mit zunehmender Intensität immer mehr ihre „Cartoonigkeit“ verlieren.

Zum Schluss noch ein Wort zur Cover-Gestaltung. Diese war bei den ursprünglichen Romanen recht auffällig und distinktiv: Gezeigt wurde stets der Erzähler, der sich über mehrere Schritte in ein Tier morpht – bei „The Invasion“ ist es beispielsweise Jake, der sich in eine Echse verwandelt. In dieser Gestalt späht er Chapman aus. Das Cover des Comics hingegen zeigt die fünf Animorphs von hinten auf der Baustelle, wie sie die Lichter von Elfangors Raumschiff anstarren. Der Echsenmorph ist aber nicht völlig verschwunden, sondern ist als Silhouette über dem Titel zu sehen.

Fazit: Gelungene visuelle Umsetzung des ersten Animorphs-Bandes, dem es gelingt, die Eigenschaften der Serie gut zu adaptieren. Wer wie ich die Romane als Kind verschlungen hat, dürfte beim Lesen dieser Adaption mit Sicherheit ziemlich nostalgisch werden.

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Justice League: Origin

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Der Snyder-Cut rückt näher. Nun gut, zugegebenermaßen ist er eigentlich schon da, weil ich allerdings keine Lust auf Sky Ticket habe, werde ich ihn mir erst zu Gemüte führen, wenn er als Download oder Blu-Ray erworben werden kann. Da ich ohnehin nicht der größte Fan von Synders Interpretation der DC-Helden bin, verkrafte ich die Wartezeit schon. Bis es allerdings soweit ist, lohnt es sich durchaus, die primäre Inspirationsquelle des Films unter die Lupe zu nehmen. Während Snyder und Chris Terrio in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ viele Elemente aus Frank Millers „The Dark Knight Returns” entlehnten, ist die (wenn auch lose) Vorlage von „Justice League“ (egal ob Snyder- oder Whedon-Cut) ein deutlich jüngeres Werk.

Zuerst allerdings ein wenig Kontext: 2011 entschloss man sich bei DC (mal wieder) zu einem kosmischen Reboot, um die Kontinuität zu sortieren und Neulesern den Einstieg zu erleichtern. 52 Serien begannen mit einer neuen Nummer 1 – daher auch der Name „New 52“ (zugleich die Anzahl der Parallel-Erden in DCs Multiversum). Viele Helden wurden fast völlig auf Null heruntergefahren und jegliche Ereignisse der vorherigen Kontinuität wurden ausgelöscht, allerdings nicht alle – Batman und Green Lantern wurden größtenteils intakt gelassen. Im Rahmen der Miniserie „Flashpoint“ wurde dieser Reboot umgesetzt. Vielleicht die zentrale Serie der New 52 war die neue Justice-League-Serie, geschrieben Geoff Johns, dem leitenden kreativen Kopf hinter dem Reboot, und bebildert vom zeichnerischen Schwergewicht Jim Lee. In den ersten sechs Ausgaben erzählten Johns und Lee, wie sich das Team in dieser neuen Kontinuität zum ersten Mal zusammenfindet.

In Gotham City wird Batman von merkwürdigen, dämonischen Kreaturen attackiert. Gemeinsam mit Green Lantern, mit dem er sich allerdings nicht allzu gut versteht, ermittelt der Dunkle Ritter. Sie stoßen auf eine nicht minder ominöse außerirdische Box und beschließen, sich an das bekannteste Alien zu wenden: Superman. Gemeinsam begeben sie sich nach Metropolis, allerdings ist der Mann aus Stahl nicht unbedingt gesprächsbereit und attackiert die beiden. Auch das Eingreifen Flashs ändert daran nichts. Schließlich können die vier Helden sich allerdings halbwegs einigen, denn schon kurz darauf kommt es zur großangelegten Invasion der Erde durch den finsteren Gott Darkseid und seine Paradämonen-Armee. Gemeinsam mit den Helden Wonder Woman, Cyborg und Aquaman bilden sie zu siebt die Verteidigungslinie der Erde.

Johns und Lee inszenieren dieses erste Zusammentreffen der Liga als opulenten, atemlosen Action-Blockbuster, tiefer gehende Charakterisierung der Figuren sucht man dabei aber vergebens. Johns hat hier natürlich den Luxus, nicht allzu groß auf die Ursprünge eingehen zu müssen, da selbst Neueleser die Figuren wahrscheinlich kennen. Bis auf Cyborg sind alle Helden bereits voll etabliert, nur Victor Stone, traditionell Mitglied der Teen Titans und nicht der Justice League, erhält hier eine volle Origin, die mit dem Plot um dem angreifenden Darkseid verknüpft ist. Insgesamt wird der Charakterzeichnung der Figuren nicht allzu viel Platz eingeräumt und zudem wirken sie alle eher unsympathisch. Batman ist der typische grimmige Einzelgänger, Green Lantern kommt ziemlich arrogant rüber und Superman ist von seiner positiven Prä-Flashpoint-Interpretation relativ weit entfernt – er wirkt jünger (das Gesicht erinnert fast an Superboy) und deutlich aggressiver. Er ist nicht unbedingt der brütende Cavill-Superman, aber eben auch nicht der  optimistische Held, den man gemeinhin mit ihm assoziiert. Wonder Woman ist noch neu in der „Welt der Männer“ und wird von Johns recht naiv, aber kampfesfreudig gezeichnet, während Flash das wohl bodenständigste und sympathischste Mitglied des Teams ist. Cyborg wird primär über die Tragödie seiner Origin charakterisiert und muss lernen, mit seinem Schicksal klarzukommen (nicht, dass man ihm dazu besonders viel Zeit einräumen würde) und Aquaman stößt schließlich reichlich spät zum Team und kommt ebenfalls reichlich selbstgerecht und arrogant daher. Die insgesamt eher negative Charakterisierung der Figuren erinnert recht stark an Mark Millars „The Ulitmates“, eine Neuinterpretation der Avengers aus dem Jahr 2002.

Gerade im Vergleich zu Grant Morrisons JLA-Run (den zu loben ich nie müde werde) fällt leider negativ auf, wie wenig hier mit sechs Ausgaben eigentlich erreicht wird – was nicht bedeutet, dass „Justice League: Origin“ nicht durchaus kurzweilig und unterhaltsam wäre. Besonders die Interaktionen von Green Lantern und Batman sind ziemlich amüsant, vor allem, da sie einen gelungenen Payoff am Ende haben. Fast alle anderen Figuren kommen aber schlicht zu kurz, vor allem Aquaman stößt ziemlich unmotiviert zum Team. Leider lässt auch Darkseid seine übliche Raffinesse vermissen – der Herrscher von Apokolips funktioniert als Strippenzieher oder unbegreifliche Entität besser denn als offensiver Gegner, mit dem sich die Liga direkt prügelt.

Auf der visuellen Ebene hingegen ist „Justice League: Origin“ dank Jim Lee über jeden Zweifel erhaben, sofern man seinen Stil schätzt. Lee ist nicht ohne Grund einer der beliebtesten Zeichner des Business, seine Panels sind detailliert und dynamisch, die Figuren wirken zugleich überlebensgroß und menschlich. Die meisten Kritikpunkte, die ich habe, beziehen sich auf das New-52-Redesign der Figuren – Superman wirkt, besonders in Kombination mit seinem eher rüstungsartigen Aufzug, einfach zu jung. Auch der neugestaltete Darkseid will mir nicht unbedingt zusagen, sein aufwendiger gestaltetes Äußeres ist… zu viel. Gerade bei Darkseid ist weniger oftmals mehr.

Um nun am Ende noch zum Synder-Cut zurückzukehren: Allein bei der Inhaltsangabe zeigt sich schon, welche Elemente für Snyders „Justice League“ übernommen wurden. Da wäre zuerst der Grundplot, der Angriff auf die Erde durch die Horden von Apokolips. Im Film werden diese zwar von Steppenwolf angeführt, in letzter Konsequenz steckt aber natürlich immer Darkseid dahinter. Ich persönlich halte es tatsächlich für besser, Darkseid nicht selbst zum ersten Gegner der Liga zu machen, wenn man ihn schon als übergeordneten Schurken verwenden möchte. Im Rahmen der New 52 kam zwar ebenfalls Steppenwolf zum Einsatz, griff in der Serie „Earth 2“ allerdings besagte Parallelerde an. Auch Cyborgs mit dem Angriff verknüpfte Origin ist in Comic und Film ziemlich ähnlich, ebenso wie der Kampf der Ligisten gegen Superman, auch wenn der Kontext natürlich ein anderer ist.

Fazit: „Justice League: Origin“ ist als Neustart der Liga in Ordnung: Kurzweilig, actionreich, visuell opulent. Im Vergleich Grant Morrisons JLA-Run oder dem deutlich charakterfokussierteren „JLA: Year One“ kann „Origin“ aber leider nicht mithalten.

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Siehe auch:
JLA: New World Order
JLA: American Dreams

Batman: The Dark Knight Strikes Again

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Während Frank Miller in den 80ern Daredevil und Batman auf Vordermann brachte, beschäftigte er sich in den 90ern primär mit eigenen Projekten, die beim Verlag Dark Horse veröffentlicht wurden. Bei „Hard Boiled“ und „Give Me Liberty“ fungierte er lediglich als Autor und arbeitete mit den Zeichnern Geof Darrow und Dave Gibbons zusammen, während er bei den aufgrund der Verfilmungen deutlich bekannteren Werken „Sin City“ und „300“ selbst den Zeichenstift schwang. Anfang des neuen Jahrtausends kehrte er dann jedoch zu Batman zurück und schrieb und zeichnete mit „The Dark Knight Strikes Again“ eine Fortsetzung zu seinem populärsten Werk. Zu sagen, dass besagte Fortsetzung hinter den Erwartungen zurückblieb, wäre eine maßlose Untertreibung. Die meisten Fans des Originals erwarteten eine stringente Fortführung der Handlung und ein Anknüpfen an den visuellen Stil des Originals – beides verwehrt Miller seinen Lesern.

Handlung und Struktur
„The Dark Knight Returns“ war sehr ordentlich und sauber strukturiert, der Handlung ließ sich gut folgen und trotz der Auftritte anderer DC-Helden wie Superman oder Green Arrow war Batman ganz ohne Zweifel der Protagonist. Die Fortsetzung dagegen ist in ihrer Erzählweise völlig diffus und chaotisch, während es, trotz des Titels, keinen eindeutigen Protagonisten gibt – Batman ist ganz sicher nicht die Hauptfigur dieses Machwerks, er kommt nämlich kaum vor. Auch der Plot an sich ist dünner als das Papier, auf dem der Comic gedruckt ist. Drei Jahre sind seit den Ereignissen des Vorgängers vergangen, Batman arbeitet nach wie vor im Untergrund und eine wachsende Anzahl an Helden hat sich ihm angeschlossen, darunter neben Green Arrow, der bereits in TDKR für den Dunklen Ritter arbeitete, Plastic Man, Flash und The Atom. Superman, Wonder Woman und Captain Marvel/Shazam arbeiten hingegen für die Regierung unter Präsident Rickard (der optisch sehr an George W. Bush erinnert), bei dem es sich allerdings nur um eine Computersimulation unter der Kontrolle der Schurken Lex Luthor und Brainiac handelt. Zusätzlich taucht auch noch ein merkwürdiger neuer Joker auf und die Flaschenstadt Kandor wird von Brainiac als Geisel genommen. Batmans Methoden im Kampf gegen die Schurken sind radikaler denn je, dennoch kommt Superman irgendwann zu dem Schluss, dass Luthor und Brainiac nur auf diese Weise aufgehalten werden können und arbeitet zähneknirschend mit Batman zusammen. Dieser lässt sich von Luthor gefangen nehmen und foltern, um von dessen Plänen zu erfahren, kurz darauf wird Luthor allerdings vom Sohn von Hawkman und Hawkgirl getötet. Der neue Joker enthüllt schließlich, dass er in Wahrheit ein wahnsinnig gewordener und beinahe-unsterblicher Dick Grayson ist, der von seinem ehemaligen Mentor in einen Vulkan geworfen wird. Batman überlebt nur Dank Supermans Hilfe. Das alles klingt willkürlich und durcheinander? Ist es auch. „The Dark Knight Strikes Again“ besteht, anders als der Vorgänger, nur aus drei Ausgaben, ist insgesamt aber trotzdem nur marginal kürzer als TDKR – die eigentliche Handlung hätte jedoch in ein Heft gepasst. Aufgebläht wird das Ganze durch ebenso flache wie unnötige Mediensatire. Diese war zwar bereits im Vorgänger vorhanden, fügte sich aber gut in die Handlung ein, während sie hier losgelöst, plakativ und völlig redundant erscheint.

Visuelle Gestaltung

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Batman und Flash in Millers Interpretation.

Ich bin nicht der größte Fan von Frank Millers Stil, der in meinen Augen in „Sin City“ mit den harten schwarz-weiß-Kontrasten am besten funktioniert. In TDKR diente er jedoch unweigerlich der Geschichte und funktionierte im Zusammenspiel mit dieser exzellent – Miller bediente sich zwar grotesker Verzerrungen, hielt die Optik aber zugleich geerdet. In „The Dark Knight Strikes Again“ hingegen kennt er keine Zurückhaltung mehr, alles sieht aus wie ein völlig überdrehter, absurder Cartoon. Füße und Hände der Figuren sind gewaltig, die Posen ebenso absurd wie anatomisch unmöglich und manche Figuren kann man nicht einmal mehr als Karikaturen ihrer selbst bezeichnen – das trifft besonders auf Lex Luthor sowie auf Batman nach der ausgedehnten Foltersession zu. Wo Miller einst sehr differenziert und detailliert zeichnete, scheint er nun jedes Interesse an aufwändigeren Illustrationen verloren zu haben. Diese Tendenz ist wohl tatsächlich direkt auf „Sin City“ zurückzuführen – in ihrer Gesamtheit zeigen die diversen Geschichten, wie Millers Stil sich wandelte. Der erste Band bzw. die ersten Miniserie, „The Hard Goodbye“, erinnert optisch noch sehr stark an TDKR, während „Hell and Back“, nur ein bis zwei Jahre vor „The Dark Knight Strikes Again“ entstanden, schon viele Elemente dieses Batman-Comics vorwegnimmt. Alle anderen Sin-City-Geschichten bewegen sich entsprechend des Entstehungsjahres auf einem Spektrum dazwischen.

Bei der Panelanordnung verhält es sich ähnlich wie bei den Zeichnungen, war diese im Vorgänger noch sehr ordentlich und nachvollziehbar, so ist sie nun chaotisch und verwirrend – völlig ohne Grund. Die Panelanordnung erscheint willkürlich und macht es mitunter schwer, dem Handlungsverlauf einer Szene zu folgen. Zusätzlich finden sich viele ganz- oder sogar zweiseitige Panels, sog. „slapsh pages“, die wirken, als wolle Miller seinen Stil in all seiner Pracht präsentieren. Was jedoch bei einem Zeichner wie Alex Ross oder Lee Bermejo, deren Panels Gemälden gleichen, an denen man sich nicht sattsehen kann, gut funktioniert, wirkt hier nur arrogant und faul.

Für die Farbgebung ist abermals Millers damalige Ehefrau Lynn Varley verantwortlich, doch wo sie sich in TDKR einer gedeckten Farbpalette bediente, verwendet sie hier eine schrille, mitunter fast schon psychedelisch anmutende digitale Koloration, die, ebenso wie die Zeichnungen, jegliche Zurückhaltung vermissen lässt. Tatsächlich fungieren Varleys Farbgebilde oft als Ersatz für tatsächliche Hintergründe, was mitunter den Eindruck erweckt, beim gesamten Werk handle es sich um einen schlechten Drogentrip. Für die gewählte Optik in „The Dark Knight Strikes Again“ gibt es nur ein zutreffendes Wort: Hässlich. Wenn ich spontan den unansehnlichsten Superheldencomic, nominieren müsste, wäre „The Dark Knight Strikes Again“ das erste Werk, das ich nennen würde. Man fragt sich unweigerlich: Konnte Miller nicht oder wollte er nicht? Hat er zu lange an „Sin City“ gearbeitet und darüber hinaus jegliches Gespür für die Farbgebung verloren? Hielt er das tatsächlich für die natürlich Evolution seines Stils oder wollte er wild experimentieren? Sollte Letzteres der Fall sein, dann ist dieses Experiment jedenfalls ordentlich in die Hose gegangen. Millers nächstes Batman-Werk, „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder” ist zwar inhaltlich mindestens genauso bescheuert wie „The Dark Knight Strikes Again“, kann aber Dank Jim Lees Zeichnungen wenigstens visuell überzeugen.

Figuren und Deutung
Noch ein letztes Mal muss TDKR zum Vergleich herangezogen werden: Millers Meisterwerk ist ohne wenn und aber eine Auseinandersetzung mit Batman, mit den Themen und Motiven, die die Figur seit ihrer Erschaffung dominieren – eine Dekonstruktion des Dunklen Ritters. Das Ergebnis und die Aussagen des Werkes müssen einem nicht zusagen, aber es ist ohne Zweifel eine Batman-Geschichte. Wie bereits erwähnt lässt sich das über die Fortsetzung nicht sagen. Nicht nur, dass Batman bestenfalls eine Nebenfigur ist, „The Dark Knight Strikes Again“ hat im Grunde nichts über den Dunklen Ritter zu sagen, Batman hat hier keinen Handlungsbogen und ist auch kein einnehmender Charakter. Miller verschärft lediglich Batmans Arschlochtendenzen, nimmt ihm den letzten Rest Menschlichkeit und Wärme und macht ihn zu einer Karikatur der Figur, die er in „The Dark Knight Returns“ war. Problematisch ist, dass Batman hier immer recht behält und dass es seine radikalen Pläne sind, die zur Lösung der Probleme führen. In früheren Werken hinterfragte Miller Batmans Methoden und zeigte ihn als durchaus zweifelhafte Figur. Es ist nicht unübliche, dass der Dunkle Ritter sich von seinen Verbündeten entfremdet, sie schlecht behandelt oder über die Stränge schlägt – allerdings erhält er normalerweise die Quittung dafür. Hier hingegen weiß nur Batman, was gut und richtig ist. Das Gebaren Bruce Waynes ist einerseits so gnadenlos überzeichnet, dass man es eigentlich nicht ernst nehmen kann, und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Miller genau diese Art des Handelns für nötig hält. Ähnlich wie Zack Snyders Version der Figur in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ mäht der Dunkle Ritter alles gnadenlos nieder, schreckt vor Mord und großangelegter Zerstörung nicht zurück und nimmt auch sonst keinerlei Rücksicht. Eine tatsächliche, wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit der Figur sucht man vergeblich.

Ohnehin scheint es Miller viel stärker darum zu gehen, seine eigene, satirische Version des DC-Universums zu schaffen, statt sich tatsächlich mit Batman auseinanderzusetzen. In „The Dark Knight Strikes Again“ wimmelt es von absurden, überdrehten und merkwürdigen Versionen diverser DC-Helden, die man ohne Verlust hätte aus der Geschichte streichen können. Die paar Figuren, die tatsächlich für die Handlung mehr oder weniger essentiell sind, sind, ähnlich wie Batman, absurde Parodien ihrer selbst, deren Handlungen und Motivationen fragwürdig bis undurchsichtig bleiben. Warum etwa nennt sich Carrie Kelley, Robin in TDKR, nun Catgirl? Um Selina Kyle zu ehren? Mit dieser hatte sie nie zuvor Kontakt, weshalb sie ausgerechnet Catgirl und nicht etwa Batgirl wird, bleibt schleierhaft. Ebenso absurd wirkt Supermans Beziehung zu Wonder Woman – die beiden haben hier übrigens eine gemeinsame Tochter namens Lara, die ebenfalls kaum etwas zur Handlung beiträgt. Über die Schurken zu sprechen ist ebenfalls praktisch müßig, da Miller sie kaum charakterisiert – auch sie sind bestenfalls Karikaturen ihres üblichen Selbst, ihre Bosheit und Grausamkeit ist im Grunde reiner Selbstzweck, sie sagen nichts mehr aus. Der arme Dick Grayson kommt kaum besser weg, hier wäre zumindest ein Ansatz für interessantes erzählerisches Potential vorhanden, da Batman ja eigentlich Schuld ist, dieses wird aber zusammen mit dem Ex-Robin in der Lava versenkt. Miller erlaubt seinem Batman hier keinen Moment der Selbstreflexion oder des Zweifels.

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Lex Luthor mit Riesenpranken

Millers politische und gesellschaftliche Ansichten treten in „The Dark Knight Strikes Again“ noch einmal überdeutlich zutage. Ein gewisser Einfluss von Ayn Rands Objektivismus war bei Miller stets festzustellen, in früheren Werken, gerade „The Dark Knight Returns“, war er jedoch in der Lage, sich differenzierter mit der Thematik auseinanderzusetzen. Man geht gemeinhin davon aus, dass 9/11 etwas mit dieser „Radikalisierung“ zu tun hat – Miller lebte 2001 in New York und bekam den Anschlag auf das World Trade Center direkt mit, was nicht nur Auswirkungen auf die Entstehung von „The Dark Knight Strikes Again“ gehabt haben dürfte, sondern letztendlich zur Schaffung des Comics „Holy Terror“ führte, der zurecht als absoluter Tiefpunkt in Millers Schaffen gilt und von dem er sich inzwischen distanziert hat. Wie dem auch sei, Millers „politische Satire“ hier ist so unglaublich plump und plakativ wie nur irgend möglich. Gerade die Auftritt Ronald Reagans in TDKR war nun auch nicht gerade subtil, aber Millers Anti-Establishment-Haltung (oder Anti-Haltung im Allgemeinen) in diesem Comic wird dem Leser durch den von Luthor und Brainiac kontrollierten Fake-Präsidenten sowie diverse Kommentare Batmans mit dem Holzhammer eingebläut.

Nun stellt sich die Frage, was Miller mit „The Dark Knight Strikes Again“ eigentlich bezweckte, von der oben erwähnten politischen Botschaft einmal abgesehen. In einem Interview erklärte Miller: „I was out to remind readers about the inherent joy and wonder these superheroes offer, and also to celebrate their delicious absurdity. I saw the superheroes as Gods and Heroes in the Classic sense: Mighty, quirky, lustful, capricious, noble, petty, wrathful, unpredictable. Superman, Wonder Woman, Lara, Batman, Brainiac, Luthor, and Green Lantern are Gods. Carrie Kelley and the rest are heroes, offspring of Gods and men. Batman is the greatest of these Gods. Even though he can’t leap tall buildings or throw cars around, he knows what he wants, and he’s smarter than any of them. He uses his Pantheon to save humanity from its own self-embraced slavery.” (Quelle). Ähnlich wie viele andere Autoren, Beispielsweise Alan Moore, Grant Morrison oder Mark Waid, scheint auch Miller Probleme mit dem Einfluss gehabt zu haben, den Werke wie „Watchmen“ oder „The Dark Knight Returns“ auf die Comicindustrie und das Superhelden-Genre hatten. Das, was er in „The Dark Knight Strikes Again“ jedoch als Gegenthese präsentiert, ist weder Dekonstruktion der Trends der 90er noch Rekonstruktion der klassischen Superhelden, sondern nur ein wirres und schlecht erzähltes Konglomerat merkwürdiger Ideen und Konzepte. Oder war es Millers Absicht, zu irritieren und seine Leser und Fans vor den Kopf zu stoßen (zumindest behauptet er das im oben verlinkten Interview)? Wenn ja hat er sein Ziel definitiv erreicht.

Fazit: „The Dark Knight Strikes Again“ ist ein absoluter Tiefpunkt im Schaffen Frank Millers und in der Geschichte Batmans, ein schlecht erzähltes, visuell hässliches Machwerk, das weder mit seiner angeblichen Hauptfigur, noch mit einem der anderen Charaktere etwas sinnvolles anstellt und wie eine Sammlung aller stilistischen und inhaltlichen Schwächen Millers wirkt. Nur für Masochisten geeignet.

Titelbildquelle
Bildquelle Flash
Bildquelle Luthor

Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns
Batman: Year One
Holy Terror

Art of Adaptation: Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi

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Was wäre, wenn Tod Browning „Dracula“ mit Bela Lugosi sich nicht am Skript des Theaterstücks von Hamilton Deane und John L. Balderston orientiert hätte, sondern stattdessen Stokers Roman sehr vorlagengetreu adaptiert (und auch ein deutlich höheres Budget gehabt) hätte? Diese Frage stellten sich die Künstler El Garing und Kerry Gammil und lieferten die Antwort darauf in Form des Comics „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi“. Dieses Werk verlangt natürlich nach einer Rezension, nicht zuletzt, da es sich dabei um die bislang engste Verzahnung der beiden Dracula-Prototypen handelt, Stokers Romanfigur und Bela Lugosis Darstellung. Auf einen der beiden, wenn nicht gar auf beiden gleichzeitig, lässt sich fast jede Interpretation der Figur zurückführen.

Die Handlung ist ganz eindeutig die des Romans und nicht des Films: Es ist Jonathan Harker, nicht Renfield, der den Grafen in Transsylvanien aufsucht, Mina ist nicht Dr. Sewards Tochter, Lucy Westenra trägt sowohl ihren vollen Nachnamen (im Browning-Film hieß sie nur Weston) und hat auch ihre drei Verehrer wieder, die Interaktionen zwischen Dracula und seinen Jägern werden im Vergleich zum Film stark zurückgefahren und die Verfolgung des Grafen wird ebenso wenig ausgelassen wie die zweite Reise nach Transsylvanien, um Dracula endgültig zu vernichten. Lange Rede, kurzer Sinn: Rein inhaltlich bewegt sich diese Comicadaption sehr nahe an der Vorlage, sogar deutlich näher als beispielsweise Georges Bess‘ Umsetzung. Auch strukturell gibt es keine Experimente, Jonathans Erfahrungen in Transsylvanien werden en bloc erzählt, bevor Whitby als Handlungsort zusammen mit den anderen Figuren eingeführt wird – der Comic bedient sich keiner wie auch immer gearteten Rahmenhandlung und es finden keine größeren Umstrukturierungen welcher Art auch immer statt. Die Tagebücher als Erzählinstanz bleiben ebenfalls erhalten und mehr als einmal stammen Erzähltext und Dialoge direkt von Stoker. Dennoch wird die Langatmigkeit der Vorlage effektiv vermieden, sodass sich die Handlung in relativ hohem (aber nicht zu hohem Tempo) voranbewegt. Es sind vor allem kleine Details, die Garing und Gammil geändert haben: Mina und Lucy wirken als Draculas Opfer beispielsweise williger, als es im Roman der Fall ist; zweifelsohne ist dies dem Umstand geschuldet, dass Bela Lugosi gewissermaßen den verführerischen Dracula begründet hat. Zusätzlich wird der Graf kurz vor seiner Vernichtung noch etwas aktiver und darf sich gegen seine Angreifer in stärkerem Ausmaß zur Wehr setzen.

Mehr noch als bei allen anderen Comicadaptionen von Stokers Roman ist es hier die grafische Umsetzung der Geschichte, die besonders hervorsticht, gerade weil die beiden Künstler sich dazu entschlossen haben, das Gesicht Bela Lugosis zu verwenden und so praktisch eine Version des Browning-Films imaginieren, die der Vorlage ziemlich genau folgt. Dieser Ansatz ist von Lugosis Erben ausdrücklich sanktioniert, sein Sohn Bela G. Lugosi und seine Enkelin Lynne Lugosi Sparks werden als „Executive Consultants“ genannt und haben ein Vorwort beigesteuert, während Stokers Urgroßneffe Dacre Stoker für das Nachwort verantwortlich ist. In diesem zentralen Aspekt des Werkes findet sich dann letztendlich auch die größte Abweichung von Stokers Text, denn der Graf im Roman sieht definitiv nicht aus wie Bela Lugosi. Davon abgesehen bleiben Garing und Gammil allerdings wieder recht nah an der Vorlage und bedienen sich beispielsweise nicht der für den Lugosi-Dracula typischen Kleidung (mit einer kurzen Ausnahme), sondern orientieren sich an Stoker – mit kleinen Zugeständnissen, etwa dem archetypischen Kragen. Auch das Jüngerwerden Draculas im Verlauf der Geschichte wird miteinbezogen. Zu Beginn gleicht Dracula im Comic dem älteren Lugosi, wie man ihn in „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ gesehen hat, während sich die junge Version, die später in London auftaucht, visuell an Lugosis frühesten Auftritten als Dracula im Theater in den späten 20ern orientiert.

Die anderen Figuren gleichen ihren Film-Gegenstücken hingegen kaum – vermutlich wäre das schwierig zu bewerkstelligen und/oder zu teuer gewesen. Bei Jonathan und Mina kann man vielleicht noch eine gewisse rudimentäre Ähnlichkeit feststellen, wobei beide im Comic relativ profillos aussehen. Garings und Gammils Van Helsing wirkt optisch interessanterweise ein wenig wie eine Fusion aus Edward Van Sloane und Peter Cushing – man fragt sich, ob das so beabsichtigt war. Ansonsten bemüht sich diese Adaption allerdings durchaus, die Atmosphäre der alten Universal-Horror-Filme zu rekreieren. Freilich ist ein Comic in seinen Mitteln keinesfalls so beschränkt, wie es Brownings „Dracula“ war – dennoch haftet diesem Werk eine gewisse Bodenständigkeit an, besonders wenn man ein weiteres Mal Georges Bess‘ Interpretation zu Vergleichszwecken heranzieht. Gleichwertiger Symbolismus oder die extrovertierte Bildsprache des französischen Künstlers fehlen ebenso wie die harten Kontraste – wo Bess‘ Adaption im eigentlichen Wortsinn schwarz-weiß ist, arbeiten Garing und Gammil mit den Grautönen eines klassischen Schwarz-Weiß-Filmes. Dementsprechend sind die Bilder ziemlich naturalistisch und detailliert, wobei der Fokus immer auf Draculas bzw. Lugosis Gesicht liegt, das die entsprechenden Seiten meistens ohne wenn und aber dominiert.

Es dürfte kaum verwundern, dass die Bildkomposition und die, nennen wir es „angedeutete Kameraführung“, origineller und dynamischer sind als in Brownings doch recht statisch geratenem Film, trotz des Versuchs, dessen Bildsprache einzufangen. Ebenso ist es keine Überraschung, dass der Comic deutlich expliziter ist und Dinge zeigt, die 1931 ganz sicher nicht durchgegangen wären. Dracula ist beim Trinken zu sehen (und hat, anders als im Film, eindeutig spitze Eckzähne), es fließt ordentlich Blut, die Szenen mit den Draculas Gespielinnen sind höchst suggestiv und auch vor sehr blutigen Pfählungen wird nicht zurückgeschreckt. Auf diese Weise suchen Garing und Gammil stets den Kompromiss zwischen Browning und Lugosi auf der einen und Stoker und einer moderneren, expliziteren Darstellung auf der anderen Seite. Hin und wieder führt das jedoch zu unfreiwillig komischen Panels, etwa als Van Helsing kurz über Draculas Vergangenheit referiert und man als Leser einen Flashback aus Draculas kriegerischen Tagen gezeigt bekommt, in welchem der Graf als grimmiger Krieger in Rüstung zu sehen ist, die einfach nicht mit Lugosis Zügen harmonieren will.

Fazit: „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi” ist ein faszinierendes Experiment, das die Brücke zwischen dem Roman und Tod Brownings Film schlägt bzw. die Frage beantwortet, wie eine vorlagengetreue Adaption mit Lugosi wohl ausgesehen hätte. Vor allem Fans des Lugosi-Draculas und der klassischen Universal-Filme werden sich an diesem Comic zweifellos erfreuen, wer jedoch mit dem Vermächtnis des Grafen nicht allzu gut vertraut ist oder keine besondere Bindung zum Film von 1931 hat, ist mit einer der vielen anderen Umsetzungen wahrscheinlich besser bedient, denn insgesamt betreten El Garing und Kerry Gammil abseits der Verwendung von Lugosis Gesicht nicht wirklich neuen Boden.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stoker’s Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula

Hellstar Remina

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Das Werk des Mangaka Junji Ito beinhaltet zumeist bizarren Body Horror und die Dämonisierung des scheinbar Alltäglichen. Mitunter begibt sich Ito jedoch hin und wieder in die Gefilde kosmischen Horrors – nennt er doch H. P. Lovecraft immer wieder explizit als Vorbild. Unter all seinen Mangas ist „Hellstar Remina“ (in der neuesten englischen Auflage nur noch „Remina“, eine deutsche Ausgabe existiert noch nicht) bislang das wohl eindeutigste Werk dieses Subgenres. Die Prämisse ließe sich vielleicht wie folgt beschreiben: Was, wenn H. P. Lovecraft das Drehbuch zu Lars von Triers „Melancholia“ verfasst hätte?

Die Handlung spielt in einer ominösen „nahen Zukunft“: Der Wissenschaftler Dr. Oguro entdeckt einen sich bewegenden planetaren Körper, der aus einem schwarzen Loch kommt, und benennt ihn nach seiner 16-jährigen Tochter Remina – u.a. auch, da er den Planeten an ihrem Geburtstag entdeckt hat. Dies sorgt dafür, dass Remina, die zwar äußerst hübsch, aber auch sehr zurückhaltend ist, plötzlich sehr populär wird und viele Fans hat. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge: Remina (der Planet) scheint auf seinem Weg Sterne und andere Planeten zu verschlingen – und nun nähert er sich unaufhaltsam der Erde. Die Stimmung schlägt plötzlich gegen Remina (die Person) um: Wo sie vorher ungemein populär war, entsteht nun ein Kult, der glaubt, wenn sie rituell hingerichtet würde, könnte die Erde vor dem Planeten Remina gerettet werden. Und so eskaliert die Situation, während die Vernichtung der Erde unausweichlich näher rückt…

Im Kontext von Junji Itos Œuvres ist „Hellstar Remina“ wahrscheinlich die lange Geschichte mit dem deutlichsten Fokus. Gerade die einzelnen Kapitel von „Uzumaki“ oder „Tomie“ erinnern stark an Itos diverse Kurzgeschichten – sie vereint zwar ein gemeinsames Sujet, davon abgesehen sind sie aber relativ in sich geschlossen und würden auch separat funktionieren. „Hellstar Remina“ hingegen ist deutlich fokussierter, die Handlung ist nicht episodisch und schreitet mit recht hohem Tempo voran. Ansonsten ist „Hellstar Remina“ von vielen für Junji Ito typischen Elementen geprägt, vorrangig der ziemlich passiven Protagonistin. Remina ist eine Figur, die selten aktiv wird oder eine Agenda verfolgt, es sind fast immer Dinge, die ihr passieren.

Der Horror des Werkes spielt sich auf zwei unterschiedlichen Ebenen ab. Zum einen wäre da der existenzielle Horror, der vom näherrückenden, alles verschlingenden Planeten ausgeht und zum anderen der menschliche Horror. Die langsam durchdrehenden Menschen, die Remina opfern wollen, sind die akutere Gefahr. Im Verlauf der Handlung schwingt die Liebe zu Remina vielleicht ein wenig zu schnell in Hass und Wahnsinn um, allerdings kommt man nicht umhin einzugestehen, dass derartige Reaktionen durchaus realistisch sind. Hier zeigt sich abermals Itos Tendenz, profane Elemente des alltäglichen Lebens in erschreckenden Horror umzuwandeln – in diesem Fall die Begeisterung für eine Prominente, die zu Wahnsinn und verzehrendem Hass mutiert. Der Symbolismus, dessen sich Ito bedient, primär der sehr deutliche visuelle Bezug zu Jesu Kreuzigung, ist eventuell ein wenig zu deutlich und plakativ, sorgt aber für eindrückliche Bilder.

Interessanterweise mutet sowohl die Atmosphäre, die Ito erzeugt, als auch die Handlung selbst ein wenig „pulpy“ an, vor allem bedingt durch die futuristischen Elemente im Hintergrund. Ein wenig erinnert das Ambiente an Science Fiction der 50er und 60er. Besonders die Ausgangslage der Handlung, ein kosmisches Wesen, das droht, die Erde zu verschlingen, könnte auch einem Superheldencomic entstammen – man erinnere sich nur an den ersten Auftritt von Galactus bei den Fantastic Four. Freilich fehlt bei Ito jegliche Möglichkeit, dem drohenden Untergang zu entkommen. Wie nicht anders zu erwarten sind auch die bizarr-alptraumhaften Eindrücke und Bildwelten vorhanden. Wenn der Planet Remina sein Auge öffnet oder beginnt, mit einem Zungententakel an der Erde zu lecken, von der Oberfläche des Höllenplaneten ganz zu schweigen, ist das Junji Ito in Reinkultur. Gerade visuell muss sich „Hellstar Remina“ definitiv nicht hinter Itos anderen Werken verstecken, die Zeichnungen sind ebenso filigran, bizarr und verstörend wie eh und je. In Kombination mit der Unaufhaltsamkeit des „Höllensterns“ und dem äußerst trostlosen Ende entsteht auf diese Weise eine ordentliche Portion Lovecraft’sches Feeling, ohne dass sich Ito der Elemente des Cthulhu-Mythos bedienen müsste.

Fazit: „Hellstar Remina“ ist der Junji-Ito-Manga, der bislang am eindeutigsten dem Gerne des kosmischen Horrors zuzuordnen ist. Im Kontext von Itos Œuvre betritt dieses Werk zwar kein Neuland – die Erzählstruktur und Charakterisierung der Figuren erinnert an viele seiner anderen Arbeiten – aber gerade im Vergleich zu seinen anderen Werken handelt es sich bei „Hellstar Remina“ um das fokussierteste und thematisch dichteste.

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Siehe auch:
Uzumaki – Spiral Into Horror

Jango Fett: Open Seasons

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Meine lang überfällige Rezension zu den ersten beiden Staffeln von „The Mandalorian“ wird definitiv irgendwann in diesem Jahr kommen, vorher gilt es allerdings, noch etwas Vorarbeit zu leisten und die Mandalorianer ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Exemplarisch soll dies anhand der vierteiligen Dark-Horse-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ (ursprünglich 2002 erschienen) geschehen, da diese, obwohl im Fan-Bewusstsein nicht allzu präsent, viele Grundlagen schuf. Die Mandalorianer als solche gehen weit zurück, Boba Fett feierte bekanntermaßen im Zeichentrick-Segment des „Star Wars Holiday Specials“ sein Debüt, bevor er einem weit größeren Publikum in „The Empire Strikes Back“ vorgestellt wurde. Die meines Wissens nach erste Erwähnung der Mandalorianer als Gruppe taucht in Dondald F. Gluts Romanfassung von Episode V auf, in welcher Boba Fetts Rüstung (aber nicht unbedingt Fett selbst) als mandalorianisch identifiziert wird und die Mandalorianer wiederum als Gruppe böser Krieger, die von den Jedi besiegt wurden, charakterisiert werden. Im weiteren Verlauf des EU tauchten Fett und die Mandalorianer immer mal wieder sporadisch auf, in den alten Marvel-Comics wurden beispielsweise mandalorianische Supercommandos erwähnt, die in den Klonkriegen kämpften. In der von Kevin J. Anderson verfassten Miniserie „Tales of the Jedi – The Sith War“, die knapp 4000 Jahre vor „A New Hope“ spielt, gab sich schließlich Mandalore der Unbezähmbare, der erste in einer langen Reihe mandalorianischer Anführer, die Ehre. Anderson enthüllte außerdem, dass es sich bei den Mandalorianern zumindest ursprünglich nicht um Menschen, sondern um „Taung“, Angehörige einer grauhätuigen, nichtmenschlichen Spezies handelte. Diesen Handlungsstrang griffen die beiden Knights-of-the-Old-Republic-Spiele sowie die gleichnamige Comicserie von John Jackson Miller auf und erläuterten, wie sich die Mandalorianer als Gruppe entwickeln, als Armee die Republik bedrohen und wie es schließlich zum Demografiewandel innerhalb des Volkes kommt. Auch Boba Fetts Hintergründe wurden in frühem Legends-Material erläutert, in der Kurzgeschichte „The Last One Standing: The Tale of Boba Fett“ von Daniel Keys Moran, erschienen in der Anthologie „Tales of the Bounty Hunters“, wurde er als Jaster Mereel identifiziert, was „Attack of the Clones“ natürlich gehörig über den Haufen warf. Dort sorgte George Lucas persönlich für einen neuen Hintergrund für den gefürchtesten Kopfgeldjäger der Galaxis und machte aus ihm einen unveränderten Klon des Kopfgeldjägers Jango Fett, der von diesem als Sohn großgezogen wird. Wie später der Junior ist natürlich auch Jango Fett in mandalorianischer Rüstung unterwegs. Ob es sich bei Jango und Boba Fett tatsächlich um Mandalorianer handelt, wird in Episode II allerdings nicht weiter erörtert. Hier knüpft „Jango Fett: Open Seasons“ an.

Inhaltlich setzt die von Haden Blackman geschriebene und von Ramón F. Bachs gezeichnete Miniserie kurz nach „The Phantom Menace“ an: Count Dooku, bereits der neue Sith-Schüler von Darth Sidious, hat den Kopfgeldjäger Jango Fett als Vorlage für die zu erschaffende Klonarmee, die im kommenden Krieg kämpfen soll, ausgewählt. Nun bemüht er sich, die Hintergründe Fetts zusammenzusetzen. Von einem ehemaligen Kameraden Fetts erfährt Dooku, dass dieser auf dem Planeten Concord Dawn geboren wurde und auf einer Farm mit seiner Familie aufwuchs. Besagte Familie gerät unverhofft in einen Konflikt zwischen mandalorianischen Söldnern unter Führung von Jaster Mereel und einer Gruppe abtrünniger Mandalorianer, die sich als „Death Watch“ bezeichnet und von einem gewissen Tor Vizsla kommandiert wird. Nur Jango überlebt und wird fortan Protegé von Jaster. Einige Jahre später stirbt Jaster in einer weiteren Konfrontation mit Death Watch und Jango übernimmt die Führung der Mandalorianer, nur um Vizsla auf Galidraan in die Falle zu gehen: Durch eine Intrige gelingt es ihm, die Jedi auf die Mandalorianer aufmerksam zu machen – hier begegnen sich Dooku, zu diesem Zeitpunkt noch ein Meister des Ordens, und Jango zum ersten Mal. Jango überlebt als einziger und gerät in Gefangenschaft. Wie er entkommt, seine neue Rüstung erhält und schließlich Tor Vizsla tötet, erfährt Dooku von Jango selbst, der nun in der Rahmenhandlung auftaucht, um mit Dooku über die Bedingungen des Vertrags zu verhandeln.

„Jango Fett: Open Seasons“ zählt nicht unbedingt zur Crème de la Crème der Legends-Comics, im Gesamtkontext ist die Miniserie zwar kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht herausragend. Gerade die Charakterisierung der Figuren bleibt eher funktional – vier Hefte sind nun einmal relativ wenig Raum für mehrere Jahrzehnte. Gerade dem Zerwürfnis bzw. dem ideologischen Konflikt zwischen Jaster Mereel und Tor Vizsla wird recht wenig Platz eingeräumt, sodass Vizsla nur ein recht brutaler und eindeutig böser, aber nicht wirklich interessanter Charakter ist. Auch viele andere Figuren bleiben ziemlich oberflächlich, wobei Jango, als Fokus der Geschichte, noch am besten wegkommt. Ein besonderes Highlight ist hierbei die Dialogszene zwischen Jango und Dooku, in welcher der Kopfgeldjäger zeigt, dass er einem Machtnutzer durchaus ebenbürtig sein kann, ohne dass es zum Kampf kommt. Natürlich handelt es sich bei „Open Seasons“ auch nicht um eine tiefgreifende Erforschung mandalorianischer Kultur – primär etabliert Blackman hier die „guten“ Mandalorianer, die einem Kodex folgen, und die „bösen“ Mandalorianer in Gestalt von Death Watch. Die ausgiebige Auseinandersetzung mit dieser Kultur erfolgt erst in den Werken von Karen Traviss, primär den Republic-Commando-Romanen und ihren Beiträgen zur Buchreihe „Legacy of the Force“. Traviss war es auch, die die mandalorianische Sprache entwickelte – zugleich sind ihre Romane mitunter allerdings auch von einer gewissen Bevorzugung der mandalorianischen Charaktere und ihrer Lebensweise geprägt. Deutlich interessanter ist „Open Seasons“ im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Mandalorianer.

Zum einen greift Blackman Boba Fetts ursprüngliche Identität als Jaster Mereel auf und macht daraus eine eigenständige Figur, die zum Mentor von Bobas Vater Jango wird. Und zum anderen handelt es sich bei „Open Seasons“ um eine der ersten positiven Darstellungen der Mandalorianer. Die beiden Fetts werden in den Filmen primär als relativ rücksichtslose Kopfgeldjäger und eindeutige Widersacher der Helden dargestellt, und auch in früheren Ledgends-Werken, primär den „Tales of the Jedi“, kommen sie nicht besonders gut weg. Der Einfluss, den die Miniserie auf weitere Werke hatte, ist nicht zu unterschätzen, da sie die Grundlage für die Mandalorianer der Prequel-Ära lieferte und somit quasi das Fundament für das legte, was Karen Traviss später in ihren Republic-Commando-Romanen weiter ausbaute. Mehr noch, auch die Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ verdankt „Open Seasons“ einiges. Während Traviss‘ Ideen und Konzepte für die Animationsserie weitestgehend ignoriert wurden, griffen Dave Filoni und George Lucas einige Elemente aus der Miniserie auf, primär die terroristische Mandalorianer-Gruppierung Death Watch, die auch in der Serie von einem Vizsla angeführt wird – allerdings Pre Vizsla und nicht Tor. Seither haben sich die Mandalorianer im Disney-Kanon in diverse Richtungen entwickelt, sei es in späteren Clone-Wars-Staffeln, in „Star Wars: Rebels“ oder natürlich in „The Mandalorian“, welches, nebenbei bemerkt, „Open Seaons“ inhaltlich in sehr groben Zügen als Jangos Kanon-Vorgeschichte neue Gültigkeit verleiht.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Ramón F. Bachs, dessen prominenteste Star-Wars-Arbeiten neben „Open Seasons“ wohl „Jedi vs. Sith“ und der Republic-Handlungsbogen „Infinity’s End“ sind. Bachs Zeichnungen passen ganz gut zum „funktionalen“ Charakter dieser Miniserie; für mich persönlich gehört er weder zu den stärksten, noch zu den schwächsten Star-Wars-Comickünstlern. Gerade seine Actionszenen sind äußerst dynamisch, seine Gesichter hingegen wirken für meinen Geschmack immer ein wenig zu kantig.

Fazit: Für sich allein betrachtet ist „Jango Fett: Open Seaons“ ein actionreicher und kurzweiliger, aber nicht besonders in die Tiefe gehender Origin-Comic für die Titelfigur, im Kontext der Entwicklung der Mandalorianer, gerade auch im Hinblick auf „The Clone Wars“ und den Disney-Kanon, aber essentielle Lektüre.

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