Uzumaki: Spiral Into Horror

9783551757524
Anime und Manga gehören eigentlich nicht so sehr zu meinen Fachgebieten. Wie die meisten meiner Generation hatte ich in der Grundschul- und frühen Gymnasiumszeit meine Anime-Phase mit „Pokemon“, „Digimon“, „Yu-Gi-Oh!“ und „Dragon Ball Z“, darüber waren meine Erfahrungen allerdings verhältnismäßig begrenzt; mal eine Episode „Elfenlied“ hier und eine Episode „Hellsing“ da, jedoch nichts Profundes. Aber man soll seinen Horizont ja immer mal wieder erweitern. Irgendwann lief mir, sinnbildlich gesprochen, Junji Ito über den Weg, der als einer der besten und profiliertesten Horror-Mangaka gilt. Das allein hätte eventuell noch nicht mein Interesse geweckt, allerdings gibt er selbst an, dass H.P. Lovecraft zu seinen Einflüssen zählt. Darüber hinaus hat er den Ruf, immer wieder Elemente des kosmischen Horrors in seinem Werk zu verarbeitet. Mehr aus Zufall entschied ich mich für „Uzumaki: Spiral Into Horror“, in Deutschland bei Carlsen zuerst als dreibändige Serie und dann als einbändiges Hardcover erschienen, und: Volltreffer.

Kirie und Shuichi sind Schüler in der japanischen Kleinstadt Kurōzu-cho, die von merkwürdigen Ereignissen heimgesucht wird, die alle mit Spiralen zu tun haben. Es beginnt damit, dass Shuichis Vater eine Besessenheit für Spiralen entwickelt und schließlich seinen eigenen Körper zu einer Spirale verformt, was ihn das Leben kostet. Daraufhin entwickelt Shuichis Mutter eine panische Angst vor Spiralen, die sie in den Wahnsinn treibt. Auch andere Bewohner der Stadt werden von „der Spirale“ vereinnahmt. Jedes Spiralenvorkommen entwickelt ein ebenso beängstigendes wie bizarres Eigenleben; u.a. wachsen Spiralen auf den Rücken von Menschen, die sich anschließend in übergroße Schnecken verwandeln, mörderische Wirbelstürme entstehen und nach und nach wird die ganze Stadt auf verschiedenste Weisen von Spiralen heimgesucht.

In vielerlei Hinsicht erinnert „Uzumaki“ an Lovecrafts „The Colour out of Space”: In beiden Geschichten wird eine kleine Stadt von einer mysteriösen Macht heimgesucht, die sich durch etwas scheinbar Alltägliches manifestiert, das dann völlig außer Kontrolle gerät – bei Lovecraft eine Farbe, bei Ito Spiralen. Interessanterweise fehlen in „The Colour of ouf Space“ jegliche Bezüge zum Cthulhu-Mythos, die Farbe wird nicht mit den Großen Alten oder den Äußeren Göttern in Verbindung gebracht, sie ist einfach. So ähnliche verhält es sich auch in „Uzumaki“: Die Spiralen werden nie wirklich erklärt oder auf etwas bestimmtes zurückgeführt. Zwar dringen Kirie und Shuichi am Ende ins Herz des Phänomens vor, doch was sie finden, bleibt mysteriös und fremdartig, eine nicht erklärbare Macht.

Neben diesem kosmischen Schrecken, der „Uzumaki“ innewohnt, materialisiert sich das Grauen – auch hier finden sich Parallelen zu Lovecraft – oft durch beunruhigende und bizarre körperliche Metamorphosen. Grauen im Medium Comic zu vermitteln ist natürlich immer eine besondere Herausforderung, gerade im Vergleich zum Film – Ito gelingt es meisterhaft, mit seinen detaillierten und filigranen Zeichnungen, ebenso verstörende wie kreative Alpträume aufs Papier zu bringen. Dies wird durch den Umstand verstärkt, dass Itos Zeichnungen wenig übertrieben und sehr realistisch sind – die stilistischen Übertreibungen, die oft mit Mangas assoziiert werden, sucht man hier erfreulicherweise vergebens.

Eine weitere Parallele zu Lovecraft findet sich bei den Protagonisten: Zwar sind diese nicht eigenbrötlerische Intellektuelle, wie es bei HPL so oft der Fall ist, sondern Schüler, aber sie sind äußerst passive Protagonisten, die keine eigene Agenda haben; sie verfolgen kein Ziel, ihnen passieren Dinge oder sie beobachten, gerade zu Beginn den Schrecken als marginal beteiligter Zuschauer, dem Leser nicht unähnlich. Erst nach und nach werden sie stärker in die Ereignisse verwickelt und der Wahnsinn der Spirale ergreift auch sie.

Fazit: Selbst wer, wie ich, nicht allzu Manga-affin ist, sollte sich als Horror-Fan im Allgemeinen oder Lovecraft-Fan im Besonderen „Uzumaki: Spiral Into Horror“ nicht entgehen lassen – man wird Spiralen nie wieder mit denselben Augen sehen.

Bildquelle

5 Gedanken zu “Uzumaki: Spiral Into Horror

  1. Uuuuaaaaah, diese Review schreit mir persönlich jedenfalls ein lautes „Nope!“ entgegen. Bin mal auf Bilder aus dem Manga gestoßen in einem Artikel über die gruseligsten Comics etc., und Oh Mann… Hat sich nicht viel verändert seit meiner Jugend, dieses Zeug macht mir immer noch Angst…

    1. Nun ja, dann hat der gute Junji Ito ja die gewünschte Wirkung erzielt. 😉 Das ist schon, was man gemeinhin als „kranker Scheiß“ klassifizieren würde, aber qualitativ extrem hochwertiger kranker Scheiß. Bin gerade dabei, mir seine restlichen Sachen anzuschaffen.

  2. Ah cool, um den Band tanze ich schon länger herum. 😀 Junji Ito kann ich allgemein sehr empfehlen, er schafft es ähnlich wie Stephen King den Horror in die banalsten Themen des Alltags hinein zu inszenieren. Seine Kurzgeschichte „The Enigma of Amigara Falls“ fand ich zum Beispiel auch großartig. Aber ja, er hat auch viel von Lovecraft in der im Kern wissenschaftlichen Denke und wie du oben beschrieben hast dem Umstand, dass es den Charakteren „einfach“ passiert.
    Jetzt hab ich natürlich noch mehr Lust mir den Band mal zu holen … vor einer halben Ewigkeit habe ich mal den Film gesehen, kann mich aber nicht mehr an das Ende erinnern.

  3. Ich bin in der Zwischenzeit schon weiter in Junji Itos Werk vorgedrungen, habe mir die Bände „Smashed“ und „Frankenstein“ besorgt und just heute hat der Paketbote „Gyo“ (enthält lustigerweise die von dir genannte Geschichte „The Enigma of Amigara Falls“ als Bonusstory) gebracht. Die beiden erstgenannten habe ich auch schon gelesen – haben mir ebenfalls gut gefallen, allerdings fand ich „Uzumaki“ bislang am besten.

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