ES

Halloween 2017
es
Story: Eigentlich scheint Derry in Maine eine ganz gewöhnliche Kleinstadt zu sein, doch dem ist nicht so, denn alle 27 Jahre erwacht ES um zu morden. So auch im Oktober des Jahres 1988, in dem ES sich den kleinen Georgie Denbrough (Jackson Robert Scott) in der Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) einverleibt, was seinen großen Bruder Bill (Jaeden Lieberher) sehr mitnimmt. Im folgenden Sommer verschwinden immer mehr Kinder, sodass Bill und seine Freunde vom „Club der Verlierer“, die alle aus dem einen oder anderen Grund Außenseiter sind, auf ES aufmerksam werden. Zum Club gehören der übergewichtige Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), die angeblich promiskuitive Beverly Marsh (Sophia Lillis), der jüdische und mysophobe Stan Uris (Wyatt Oleff), der Hypochonder Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), der schwarze Mike Hanlon (Chosen Jacobs) sowie Richie Tozier (Finn Wolfhard), der seine Klappe nicht halten kann. ES quält sie schon bald mit ihren schlimmsten Ängsten, was die „Verlierer“ nicht einfach so tatenlos hinnehmen wollen. Doch können sie überhaupt etwas gegen ein Wesen wie ES ausrichten…?

Kritik: „ES“ dürfte wohl eines der bekanntesten Werke von Stephen King sein, nicht zuletzt wegen der Adaption als Miniserie aus dem Jahr 1990, in welcher Tim Curry Pennywise spielte. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich besagte Serie nie zur Gänze gesehen habe, höchstens Mal einen Ausschnitt hier und da. Den Roman habe ich ebenfalls nicht gelesen, zur Vorbereitung auf den Film habe ich allerdings begonnen, die Hörbuchfassung zu hören. Zwar bin ich noch nicht fertig (das Teil dauert 50 Stunden), aber ich bin doch immerhin schon weit genug, um ein paar Dinge zum Thema Vorlagentreue beisteuern zu können.

Die Neuverfilmung von „ES“ ist schon eine ganze Weile in Arbeit und wurde auch schon von einigen Regisseuren betreut, darunter David Kajganich und Cary Fukunaga, die endgültige Umsetzung übernahm dann allerdings der Argentinier Andy Muschietti, der 2013 bereits mit dem von Guillermo del Toro produzierten „Mama“ bewies, dass er einen Horrorfilm eindrucksvoll inszenieren kann. Die ersten Trailer von Muschiettis Neuverfilmung generierten einen ziemlich Hype, der sich nun auszuzahlen scheint, denn für einen Horror-Film mit R-Rating erweist sich „ES“ als äußerst erfolgreich. Der Film passt allerdings auch ziemlich gut zum Zeitgeist, schließlich gab es erst letztes Jahr diverse Probleme mit Horror-Clowns und zudem ist 80er-Jahre-Nostalgie gerade sehr angesagt. Dementsprechend wurden gegenüber der Vorlage auch einige Anpassungen vorgenommen.

Kings Roman spielt auf zwei Zeitebenen, die parallel erzählt werden. 1956/57 findet die erste Begegnung des „Clubs der Verlierer“ mit ES statt, die in ausführlichen Rückblicken geschildert wird. Etwas mehr als 27 Jahre später, nämlich 1985/86, kehrt ES zurück und die inzwischen erwachsenen Club-Mitglieder kehren in ihre alte Heimatstatt Derry zurück, um das Wesen abermals zu bekämpfen. Muschiettis Neuverfilmung erzählt nur von der ersten Begegnung in den 50ern, es gibt keine zwei Zeitebenen und Rückblicke (es wurde aber bereits ein Sequel für 2019 angekündigt). Zudem wird die Handlung zum Großteil ins Jahr 1989 (zufälligerweise mein Geburtsjahr) verlegt, wohl gerade, um sich die 80er-Nostalgie gleich doppelt zunutze zu machen. Nicht umsonst gibt es inhaltliche wie inszenatorische Parallelen zur Netflix-Serie „Stranger Things“, mit Finn Wolfhard teilen sich beide Projekte sogar einen Darsteller. Ansonsten folgt der Film dem 50er-Handlungsstrang des Romans verhältnismäßig genau, auch wenn es einige Unterschiede bei den Details gibt. Da King alles sehr, sehr ausführlich schildert, muss selbst eine zweigeteilte Verfilmung Abstriche machen. Der Film kompensiert und verschlankt vieles deutlich und hat auch keinerlei Probleme damit, diverse Details zu verändern, um eine stringente Geschichte zu erzählen. So werden unter anderem die Familienverhältnisse angepasst (im Roman sterben Mikes Eltern nicht durch ein Feuer, während Beverly nicht mit ihrem Vater allein lebt) und auch die Ängste der Protagonisten werden zum Teil verändert (so taucht das Bild, vor dem Stan sich fürchtet und das eine große Ähnlichkeit zur Titelfigur von Muschiettis „Mama“ aufweist, im Roman nicht auf). Darüber hinaus beschäftigt sich der Film noch nicht wirklich mit der Überbau des Romans bzw. mit der Wesenheit ES und seinen Hintergründen, die u.a. Verknüpfungen zu Kings Dunkler-Turm-Saga haben. Tatsächlich handelt es sich bei ES um eine uralte Entität, die noch von ungefähr an eine Lovecraft’sche Wesenheit erinnert. Diese Elemente des Kosmischen Horrors treten in der Neuverfilmung allerdings (noch?) kaum auf, es gibt lediglich einige subtile Andeutungen (etwa die Lego-Schildkröte).

Insgesamt ist „ES“ zu gleichen Teilen Horror- und Kinder-Abenteuerfilm (soll heißen: Abenteuer mit Kindern, nicht Abenteuer für Kinder). Interessanterweise funktioniert er als Letzteres fast besser. Die Horrorelemente des Films sind mitunter tonal etwas inkonsistent. Manchmal sind die Auftritte von Bill Skarsgårds Pennywise rechtschaffen enervierend und erschreckend (besonders, wenn sie metaphorisch mit dem Erwachsenwerden zusammenhängen), manchmal sind aber auch etwas zu übertrieben und over the top, so als könne sich Muschietti nicht so recht entscheiden, welche Art von Horror er inszenieren will. Das trifft besonders zu, wenn Pennywise seine CGI-Zähne auspackt, die nie so recht überzeugen können. Außerdem übertreibt es Muschietti etwas mit den Jump Scares. Das alles hängt jedoch nicht wirklich mit Skarsgårds Spiel zusammen – er macht seine Sache als mörderischer Clown sehr gut – sondern primär mit der Inszenierung. Der Spannungsbogen des Films ist allerdings ziemlich gut gelungen – „ES“ geht zwar über zwei Stunden, ist aber niemals langweilig.

Die größte Stärke des Films liegt bei den durchweg exzellenten Kinderdarstellern, die alle ausnahmslos hervorragende Arbeit abliefern und eine spürbare Chemie haben – und das bei durchaus anspruchsvollen Rollen. Mehr noch, Muschietti schafft es, sie zugleich authentisch und sympathisch in Szene zu setzen. Die beste darstellerische Leistung stammt zweifellos von Sophia Lillis, die als einziges Mädchen im „Club der Verlier“ und beinahe-Missbrauchsopfer die wohl schwierigste Rolle spielt, während Finn Wolfhard mit seiner großen Klappe das komödiantische Highlight darstellt. Natürlich kann der Film nicht jeder der Figuren die Zeit widmen, die sie im Roman bekommen, sodass manch einer vielleicht etwas zu kurz kommt. Aber im Großen und Ganzen gelingt es Muschietti und den Darstellern gut, die Charaktere plastisch, anschaulich und nachvollziehbar zu zeichnen. Ebenso gelungen ist der Score von Benjamin Wallfisch, der nach „A Cure for Wellness“ dieses Jahr schon zum zweiten Mal beweist, dass er ein exzellenter Horror-Komponist ist.

Fazit: „ES“ ist bezüglich der Horror-Elemente zwar nicht immer ganz rund, dank der guten Figurenzeichnung und der hervorragenden jugendlichen Darsteller aber im Großen und Ganzen eine gelungene Neuverfilmung des Romans von Stephen King.

Bildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

6 Gedanken zu “ES

    1. Erst jetzt, schon allein um zu sehen, ob wir wieder unabhängig voneinander ähnlich empfinden (was wir wie so häufig tun). An den eventuellen Director’s Cut hatte ich gar nicht mehr gedacht, obwohl ich da vor Kinostart auch etwas drüber gelesen habe. Das könnte tatsächlich interessant werden. Ich fand auch, dass Pennywise am effektivsten war, wenn er nicht als Jump Scare oder Effekt herhalten musste (sprich: in der Eröffnungsszene). Hoffentlich gibt es dann tatsächlich noch mehr in diese Richtung.

  1. 50 Stunden!!?? Oha, das ist mal ordentlich. Ich bin ja immer recht enttäuscht, wenn mich in meinem Audible-Abo ein Hörbuch erwartet, dass nur 4 Stunden dauert oder so. Aber 50 ist eine Hausnummer. Habe auch mit dem Gedanken gespielt mir das mal anzuhören, denke aber, dass ich es aufgrund einer bestimmten Szene nicht tun werde.

    Den Film fand ich insgesamt ganz gut, aber ich muss gestehen, dass mir die Rückblicke gefehlt haben. Der Fernsehfilm aus den 90ern hatte vielleicht nicht die tollsten Effekte und das Schauspiel war an manchen Stellen unfreiwillig komisch, aber irgendwie prägt es einfach, wenn man es früh sieht.

    1. Ja, ist schon ein knackiges Teil, da bekommt man ordentlich was für sein Geld. Es gibt ein paar derartige Monsterteile auf Audible, etwa eine Komplettlesung aller Sherlock-Holmes-Geschichten mit Stephen Fry als Sprecher – das gibt irgendwann mal einen Jahresvorrat 😉

      Stimmt schon mit der Frühprägung – die Version einer Geschichte, die einem als erstes unterkommt, ist dann meistens auch die, die einem am meisten am Herzen liegt. Das Problem habe ich bei „ES“ nun natürlich nicht. Die paar Ausschnitte, die ich von der alten Adaption gesehen habe, wirkten eher harmlos.

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