Art of Adaptation: A Shortcut to Mushrooms

Selbst wir Fans des „Lord of the Rings“ kommen nicht umhin zuzugeben, dass Tolkiens Geschichte mitunter etwas arm an Spannung und Action ist, gerade zu Beginn. Ich schrieb bereits im letzten Artikel, dass der Anfang von Frodos, Sams, Merrys und Pippins Reise deutlich anders verläuft als im Film. Das Kapitel „A Shortcut to Mushrooms“ ist vorerst das letzte, das im Film auftaucht, bzw. hier werden die Hobbits noch gezeigt, wie sie denselben Weg wie im Buch zurücklegen, auch wenn es massive Unterschiede gibt. Die nächsten vier Kapitel haben kein Gegenstück in der Filmhandlung, weshalb ich sie wohl zusammenfassen werde, ganz auslassen kann und will ich sie allerdings nicht, denn kleine Schnipsel haben hier und dort, verteilt über die gesamte Trilogie, dann doch ihren Weg in die Filme gefunden.

Suspense vs. Action
Nachdem die Hobbits von den Elben bewirtet wurden, erwachen sie am nächsten Morgen in ziemlich ausgelassener Laune. Gildor und Co. sind zwar verschwunden, haben aber zusätzliche Verpflegung und gute Laune sowie Nachdenklichkeit bei Frodo und Sam hinterlassen. Nachdem sie bereits zwei Mal den unheimlichen schwarzen Reitern begegnet sind, hält Frodo es für sicherer, sich abseits der Straße zu bewegen. Doch selbst hier bemerken die Hobbits immer wieder aus der Ferne, dass sie verfolgt werden. Ein entfernter Schrei, den Frodo korrekt als Signal interpretiert, beunruhigt sie noch deutlich mehr. Schließlich kommen sie zu Bauer Maggots Hof, der die drei bewirtet und ihnen dabei erzählt, dass er ebenfalls eine Begegnung mit einem ebenso ominösen wie unheimlichen Berittenen hatte, der nach „Beutlin“ gefragt und Maggots Hunde in Angst und Schrecken versetzt hat. Maggot bringt die drei schließlich zur Bockenburger Fähre, wo sie zuerst glauben, einem schwarzen Reiter zu begegnen, der sich dann aber als Merry entpuppt. Es zeigt sich: In diesem vierten Kapitel des „Lord of the Rings“ passiert handlungstechnisch nicht allzu viel, Tolkien benutzt es primär zum Aufbau subtiler Spannung. Die Ringgeister sind noch weit entfernt, aber doch gegenwärtig, sie lauern immer hinter dem Horizont oder verpassen die Hobbits nur knapp. Dies steigert auch zugleich das Geheimnis, das sie umgibt. Peter Jackson, Fran Walsh und Philippa Boynes wählten für diesen Teil der Handlung allerdings einen anderen, actionreicheren Ansatz. Nachdem im Film gezeigt wird, wie Gandalf von Saruman festgesetzt wird, springt die Handlung zu Bauer Maggots Felder, wo Frodo und Sam noch allein unterwegs sind, um kurz darauf zufällig auf Merry und Pippin zu treffen. Theoretisch legen die Hobbits in Roman und Film von Maggots Hof bis zur Bockenburger Fähre denselben Weg zurück, bei Tolkien auf Maggots Wagen und relativ unproblematisch. Im Film dagegen werden sie nach einer ersten Begegnung mit dem Ringgeist von gleich mehreren gejagt. Der langsame Spannungsaufbau erfolgt in besagter Szene, in der sich die Hobbits unter der Baumwurzel verstecken, in der darauffolgenden zeigen Jackson und Co. stattdessen die Intensität und Rücksichtslosigkeit, mit der Nazgûl ihre Opfer verfolgen – etwas, das uns im Roman erst viel später verdeutlicht wird. Statt subtilem Suspense-Aufbau bietet der Film eine Action-Szene in Form einer rasanten Verfolgungsjagd, quasi antithetisch zu Tolkien, für den Action selten im Vordergrund stand und erst wirklich viele Kapitel später auf der Wetterspitze vorkommt.

Maggot, Merry und Pippin
Bauer Maggot ist bei Tolkien eine durchaus kuriose Gestalt, da er deutlich cleverer ist als der gemeine Hobbit, dem wir in Hobbingen begegnen. Mit relativ wenig Informationen errät er die diversen Zusammenhänge ziemlich treffend. Zudem trifft er sich immer wieder mit Tom Bombadil, wir in einem späteren Kapitel erfahren. All das taucht im Film aus Zeitgründen nicht auf, Bauer Maggot erhält nur einen kleinen Cameo-Auftritt. Die im vorherigen Artikel bereits erwähnten Szene, in der Khamûl nach „Shire, Baggins“ fragt und von Maggot nach Hobbingen verwiesen wird, ist sicher von ihrem Buchgegenstück inspiriert, Tolkiens Maggot zeigt allerdings deutlich mehr Eier als sein von Cameron Rhodes dargestelltes Filmgegenstück, er droht dem Ringgeist sogar und behält trotz der Wirkung des Nazgûl die Nerven.

Dieser Abschnitt des Films zeigt zudem größere Unterschiede zwischen den Film- und Roman-Versionen von Merry und Pippin. Im Film erwischen Frodo und Sam die beiden dabei, wie sie Gemüse von Maggot stehlen, was dieser nicht allzu gut aufnimmt. Im Buch dagegen erfahren wir von Pippin, dass Merry und Maggot gut befreundet sind und auch Pippin selbst gute Beziehungen zu dem Landwirt unterhält – durch ihn erhalten die drei überhaupt erst Hilfe. Stattdessen war es Frodo, der dreißig Jahre zuvor als Jugendlicher Maggots Pilze gestohlen hat und wegen der Reaktion eine ordentliche Angst vor dem Bauern entwickelt hat, die sich in besagtem Kapitel nun als unbegründet erweist. Merry und Pippin im Film sind deutlich unreifer und kindischer als ihre Romangegenstücke, während wir bei Tolkien erfahren, dass Frodo seinerseits in Jugendjahren ein Tunichtgut war, was die Filme nicht unbedingt vermitteln.

Zudem zeigt sich hier ein gewisses Faible von Jackson, Walsh und Boyens, die Kapiteltitel in irgendeiner Form im Dialog unterzubringen, denn der „Short Cut to Mushrooms“ wird direkt erwähnt, auch wenn damit eine andere Abkürzung gemeint ist – eine nette Anspielung; Derartiges taucht in allen sechs Mittelerde-Filmen auf. Das Lied, das die drei Hobbits bei ihrer Wanderung durch die Wälder singen, taucht ebenfalls in „The Fellowship of the Ring“ auf, wenn auch an anderer Stelle, nämlich deutlich früher im Grünen Drachen, kurz bevor Gandalf nach Beutelsend zurückkehrt. Im Roman lautet der Text wie folgt:

Ho! Ho! Ho! to the bottle I go
To heal my heart and drown my woe.
Rain may fall and wind may blow,
And many miles be still to go,
But under a tall tree I will lie,
And let the clouds go sailing by. (FotR, S. 118)

Im Film wird das etwas abgewandelt und um einige Verse ergänzt, die im folgenden Kapitel auftauchen:

Hey Ho to the bottle I go
To heal my heart and drown my woe
Rain may fall and wind may blow but there’ll still be
Many miles to go

Sweet is the sound of the pouring rain,
And the stream that falls from hill to plain.
Better than rain or rippling brook,
Is a mug of beer inside this Took.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]

Siehe auch:
Art of Adaptation: A Long-expected Party
Art of Adaptation: The Shadow of the Past
Art of Adaptation: Three Is Company
Art of Adaptation: Tolkiens Erzählstruktur und Dramaturgie
Art of Adaptation: Saruman der Weiße
Art of Adaptation: Die Nazgûl

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