Darth Plagueis


In „Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ erzählt Palpatine Anakin Skywalker von Darth Plagueis dem Weisen, einem Sith-Lord, der so mächtig gewesen sein soll, dass er die Macht dahingehend kontrollieren konnte, Leben zu bewahren und zu erschaffen. Jedoch wurde besagter Plagueis von seinem Schüler ermordet. Die Vermutung liegt da natürlich nicht fern, dass Palpatine, alias Darth Sidious, dieser Schüler ist. Wer vor dem Kinostart von Episode III James Lucenos Roman „Labyrinth des Bösen“, welcher die direkte Vorgeschichte des Films erzählt und in enger Zusammenarbeit mit Lucas-Film entstand, gelesen hat, der wusste freilich schon ein wenig mehr: In diesem Roman wird bereits ausdrücklich angegeben, dass Plagueis Darth Sidious‘ Meister war. Ein weiteres Bröckchen Information (v.a. über Plagueis‘ Lehrmethoden) enthielt auch der Abschluss der sogenannten „Dark-Lord-Trilogie“, welche den Aufstieg Darth Vaders schildert und die aus „Labyrinth des Bösen“, Matthew Stovers Romanadaption zu „Die Rache der Sith“ und dem direkt im Anschluss spielenden „Dunkler Lord: Der Aufstieg des Darth Vader“ (ebenfalls wieder von James Luceno) besteht.

Für 2008 wurde dann schließlich ein Roman angekündigt, der sich speziell mit Plagueis‘ Suche nach der Unsterblichkeit beschäftigen und dessen Verfasser, wie könnte es anders sein, James Luceno sein sollte. Jedoch wurde diese Roman letztendlich gecancelt (zur Entschädigung erschien dann „Darth Bane: Die Regel der Zwei“) und die Geschichte von Sidious Meister blieb weiterhin im Dunkeln. Hin und wieder wurden die Fans mit weiteren kleinen Informationsschnipseln versorgt; in „Jedi vs. Sith: The Essential Guide to the Force“ etwa wurde bekanntgegeben, dass Plagueis ein Muun ist.

2011 wurde Lucenos „Darth Plagueis“ noch einmal angekündigt, dieses Mal allerdings mit handfesten Folgen: Anfang Januar ist tatsächlich die englische Ausgabe, die diesem Review (das nicht Spoilerfrei ist, also Vorsicht) zugrunde liegt, erschienen. Man könnte spekulieren, dass die 3D-Wiederaufführung von „Star Wars Episode I: Die Dunkle Bedrohung“ etwas damit zu tun hat, immerhin überschneidet sich die Handlung des Romans mit besagtem Film und Darth Maul ist groß auf der Rückseite zu sehen, obwohl seine Rolle doch eher klein ausfällt.

Wie dem auch sei und was immer man über James Lucenos Roman sagen kann, er ist auf jeden Fall zwei Dinge: Hochinteressant und recht kompliziert. Wie schon seine Bücher „Labyrinth des Bösen“ und „Schleier der Täuschung“ entstand es unter direkter Beteiligung von Lucas-Film, das heißt, dass vermutlich die eine oder andere Antwort, die dieser Roman für lange gestellte Fragen bietet, direkt vom Schöpfer selbst kommt. Die Haupthandlung des Romans ist dreigeteilt und wird von einem Prolog und einem Epilog eingerahmt. Der erste Teil beginnt im Jahr 67 vor der Schlacht um Yavin (35 Jahre vor der Handlung von „Die Dunkle Bedrohung“) mit Plagueis‘ Mord an seinem Meister Darth Tenebrous und erstreckt sich über zwei Jahre. Im Zuge dieses Mordes steigt Plagueis natürlich zum Sith-Meister auf. Im Folgenden schildert Luceno Plagueis‘ Leben und den großen Plan der Sith, Republik und Jedi zu vernichten, berichtet von seiner bürgerlichen Identität als Hego Damask, ein einflussreiches Mitglied des Intergalaktischen Bankenclans, seine Studien die Midichlorianer betreffend und seine Suche nach einem Schüler, den er schließlich in dem jungen und ehrgeizigen Palpatine von Naboo findet. Nachdem Palpatine den Namen Darth Sidious annimmt, endet der erste Teil und die Handlung macht einen Sprung zu den Jahren 54 bis 52 vor der Schlacht um Yavin. Hier erfährt der Leser, wie Palpatine zum Senator von Naboo aufsteigt. Der große Plan wird weiter vorangetrieben, die „Schachfiguren“ werden platziert, was auch zur Folge hat, dass viele bekannte Gestalten vorkommen, von Jabba the Hutt über die Jedi Dooku und Sifo-Dyas bis hin zum späteren imperialen Großwesir Sate Pestage. Allerdings beginnt Sidious nach und nach, die politischen Aufgaben immer mehr alleine auszuführen, während Plagueis sich immer stärker auf seine Forschungen konzentriert und nach Wegen sucht, die Midichlorianer direkt zu beeinflussen. Der dritte Teil schließlich beginnt zwei Jahre vor „Die Dunkle Bedrohung“ und schildert die Ereignisse, die vor, während und kurz nach der ersten Episode stattfinden, einschließlich dem Mord an Plagueis und Sidious‘ Aufstieg zum Sith-Meister.

Obwohl der Roman „nur“ knapp 370 Seiten hat, ist er ein wirklich extrem umfassendes Werk, das sich bemüht, alle möglichen Fäden der Filme und des Erweiterten Universums zu verknüpfen. Im Gegensatz zu den Autoren von „The Clone Wars“ erweist sich Luceno in dieser Hinsicht als sehr respektvoll und begabt; in einem Interview gab er selbst an, dass er dieses Buch wie einen historischen Roman behandelte und intensive Recherche betrieb. So greift er natürlich erstrangig die offenen Enden der Darth-Bane-Trilogie auf und schildert, wie der Orden der Sith und dessen Philosophie sich in den knapp tausend Jahren, die vergangen sind, seit Darth Bane die Bruderschaft der Dunkelheit auslöschte, entwickelt hat. Selbst auf „The Old Republic“, genauer das Roman-Tie-in „Revan“ wird eingegangen, ebenso wie auf „The Clone Wars“, was sich einerseits, aufgrund der geänderten Hintergrundgeschichte Darth Mauls, nicht vermeiden ließ, andererseits aber erfreulicherweise sehr knapp ausfällt. Und besonders im letzten Teil schlängelt sich Luceno elegant um sämtlich Romane und Comics, die im Vorfeld von „Die Dunkle Bedrohung“ spielen, wie etwa sein eigenes Werk „Schleier der Täuschung“ und diverse andere Romane (v.a. „Darth Maul: Schattenjäger“) oder Comics („Jedi Council: Aufstand der Yinchorri“, „Darth Maul“ etc.). Obwohl man bereits vorher wusste, dass die Sith bei vielen dieser Ereignisse ihre Finger im Spiel hatten werden sie nun genau in den großen Plan eingeordnet. Auch werden viele offene Fragen beantwortet: Wie wurde Meister Sifo-Dyas dazu gebracht, die Klonarmee in Auftrag zu geben? Wie trat Dooku aus dem Jedi-Orden aus? Weshalb hat Palpatine keinen Vornamen? Selbst auf Anakins mysteriöse Zeugung und das Ungleichgewicht der Macht wird eingegangen. Luceno liefert allerdings keine absolute Antwort; Plagueis hatte seine Finger bei Anakins Zeugung nicht direkt im Spiel, sondern war eher indirekt daran beteiligt, ebenso wie am Ungleichgewicht der Macht. Diesbezüglich passt der „Lösungsvorschlag“ nicht so ganz zu dem, was George Lucas in Interviews erzählt, dafür aber zum restlichen EU und vor allem den Post-Endor-Sith.

Allerdings mag dies alles bei Lesern, die sich im bisherigen EU nicht besonders gut auskennen, zu ein wenig Verwirrung und Stirnrunzeln führen, vor allem, da einige wichtige Ereignisse offscreen geschehen. So wird Darth Maul zum Beispiel ausgeschickt, die Schwarz Sonne, das mächtigste Verbrechersyndikat der Galaxis, auszulöschen, und bereits einen Absatz später hat er die Aufgabe erledigt. Besagte Ereignisse finden aber natürlich in den oben erwähnten Romanen und Comics statt, weshalb deren Kenntnis durchaus vorteilhaft für den Genuss dieses Buches ist. „Darth Plagueis“ ist eindeutig nicht als Einstieg in das Erweiterte Star Wars Universum geeignet, es sei denn die oben erwähnten Details stören nicht.

Man ist fast geneigt zu sagen, dass der Roman zu viel Handlung hat und sich ein wenig zu sehr bemüht, alles und jeden miteinander in Verbindung zu setzen. Selbst „Die Dunkle Bedrohung“ wird man nach der Lektüre in einem völlig anderen Licht sehen, da Plagueis während eines Großteils der Ereignisse noch am Leben ist – was ich, wie ich durchaus zugeben muss, nicht unbedingt positiv finde, degradiert es doch Maul, trotz Darth-Titel, zu einem ähnlichen illegitimen Sith-Schüler wie Starkiller in „The Force Unleashed“. Andererseits war Maul allerdings auch nie etwas anderes als ein Werkzeug für Sidious – ein wirklich cooles Werkzeug, aber ein Werkzeug nichtsdestotrotz. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn Sidious seinen Meister bereits vor Episode I umgebracht hätte und nicht erst während auf die Naboo die Schlacht tobt.

In Anbetracht all dessen ist es wohl nicht verwunderlich, dass gerade die Action in diesem Roman stark auf der Strecke bleibt, was allerdings keinesfalls negativ ist, im Gegenteil. Es ist äußerst erfreulich, dass Luceno nicht auf Biegen und Brechen Action und Raumschlachten unterbringt. „Darth Plagueis“ ist eher ein philosophisch angehauchter Politthriller mit vielen Ränken, politischen Winkelzügen und natürlich einer ordentlichen Portion Sith-Weisheit. Ebenfalls erfreulich ist, dass Luceno den Mut hat, nicht irgendeinen heroischen Protagonisten hinzuzufügen. Während man bei Romanen wie „Dunkler Lord: Der Aufstieg des Darth Vader“, „Betrogen“ oder der Darth-Bane-Trilogie (vor allem beim zweiten Teil) offensichtlich der Meinung war, dass Dunkle Lords allein die Handlung nicht tragen können, wird „Darth Plagueis“ ausschließlich aus der Perspektive von Plagueis, Sidious und (in geringerem Maße) Maul geschildert.

Luceno leistet dabei sehr gute Arbeit und baut die drei Sith-Lords durchaus glaubwürdig auf. Maul wird als arroganter, extrem loyaler, aber nicht dummer Krieger porträtiert, der allerdings nie eine wirklich Chance hat und, wie oben bereits erwähnt, eben ein Werkzeug ist. Der Fokus liegt natürlich auf Sidious, Plagueis, deren Beziehung und der Entwicklung dieser Beziehung und der beiden Sith. Plagueis ist ein sehr wissenschaftlicher und rationaler Charakter, der das ewige Leben durch Midichlorianermanipulation anstrebt und dadurch auch Banes Regel der Zwei bzw. den Sith-Orden reformieren möchte. Mit der Zeit werden ihm seine Studien allerdings immer wichtiger als der große Plan zur Vernichtung der Republik und der Jedi, was schließlich zu seinem Untergang führt.

Am schwierigsten ist natürlich Darth Sidious, eine Figur, die durchaus vom Mysterium ihrer Vergangenheit lebt, das hier aufgelöst wird. Zum Glück ist Luceno nicht auf die unsinnige Idee gekommen, dem Meistermanipulator der Star-Wars-Saga etwas derart triviales wie eine gescheiterte Romanze als Motivation zu verleihen oder ihn gar zum tragischen Antihelden zu machen, wie Thomas Harris das mit Hannibal Lecter in „Hannibal Rising“ machte, was der Figur nicht unbedingt gut tat. Der Vaterkonflikt ist zwar nicht gerade die innovativste Lösung, aber eine passende und zudem auch nicht die Hauptmotivation. Auch Sidious macht eine interessante Entwicklung durch, vom ehrgeizigen Sith-Lehrling zu dem Meistermanipulator, den man aus den Filmen kennt und dem letztendlich auch sein eigener Meister zum Opfer fällt. Ich muss zugeben, dass ich Angst hatte, dass Sidious‘ „Leistungen“ beim Untergang der Republik geschmälert werden könnten, und ein wenig ist dies auch der Fall, allerdings ist das Ausmaß im Bereich des Erträglichen. Trotz allem gelingt es Luceno, weder Sidious noch Plagueis zu absoluten Über-Sith zu stilisieren – die beiden machen durchaus hin und wieder Fehler – und so das Interesse des Lesers wachzuhalten.

Fazit: „Darth Plagueis“ ist ohne Zweifel einer der ambitioniertesten und interessantesten EU-Romane und in meinen Augen auch einer der besten seit langer Zeit. Die Hintergründe des großen Plans der Sith und der ausführenden Dunklen Lords Plagueis und Sidious werden auf angemessene Art und Weise erzählt. Die beiden größten Schwächen des Romans sind die vielen mit eingebundenen EU-Werke und die teilweise erfolgende Umdeutung von „Die Dunkle Bedrohung“, wobei das sehr relative Schwächen sind. Ersteres ist in meinen Augen sogar eine Stärke (auch wenn die Verknüpfungen hin und wieder ein wenig übertrieben werden), dürfte aber EU-Neulingen nicht zum Vorteil gereichen, während Letzteres ebenfalls (vor allem Episode-I-Hassern) als Stärke des Romans erscheinen könnte, mich allerdings durchaus ein wenig stört. Dennoch ist „Darth Plagueis“ ein erhellender und spannender Sith-Politthriller, der sich problemlos in die obere Riege der EU-Romane einreiht.

Siehe auch:
Labyrinth des Bösen

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