Wagner: Der Ring ohne Worte

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Track Listing:

01. Dämmerung des Rheins
02. Einzug der Götter in Walhall
03. Nibelheim
04. Donner
05. Siegmund und Sieglinde
06. Flucht
07. Wotans Wut
08. Ritt der Walküren
09. Wotans Abschied und Feuerzauber
10. Mime
11. Siegfried
12. Waldweben
13. Der Drache
14. Fafners Klagelied
15. Morgenröte
16. Siegfrieds Rheinfahrt
17. Not ist da
18. Siegfried und die Rheintöchter
19. Siegfrieds Tod und Trauermarsch
20. Götterdämmerung

Wer sich tiefergehend mit orchestraler (bzw. leitmotivischer) Filmmusik beschäftigt, kommt an den Werken Richard Wagners irgendwann nicht vorbei. Was die Leitmotivtechnik angeht, nimmt Wagner eine ähnliche Stellung ein wie J.R.R. Tolkien für die Fantasy oder Bram Stoker für die Vampirliteratur. Auch Wagner hat die Leitmotivtechnik nicht erfunden – die Idee, einem Motiv, einer Melodie oder einem Thema eine feststehende Bedeutung zu verleihen, existiert bereits seit dem Mittelalter – aber Wagner legte mit seinen Opern den Grundstein für die moderne Verwendung dieser Technik in der Filmmusik und kann als Pionier für musikalisches Geschichtenerzählen gelten. Im Laufe seiner Karriere als Komponist entfernte er sich immer weiter von der klassischen „Nummernoper“, in der klar abgetrennte Arien und Duette (Terzette, Quartette etc.) sich mit Rezitativen und Dialogen abwechseln. In seiner Entwicklung als Komponist bewegte sich Wagner immer stärker in Richtung durchkomponiertes Werk, das er mit Hilfe von Leitmotiven (Wagner selbst sprach von „Erinnerungsmotiven“) strukturierte. Somit nahm er Aufbau und Struktur des Filmscores bereits vorweg, bevor es den Film überhaupt gab. Wagners Verwendung von Leitmotiven, die Art und Weise, wie er sie nutzte, wie er sie abwandelte und ineinander übergehen ließ, ist heute noch fast unübertroffen. Höhepunkt seines Schaffens ist freilich der vierteilige Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“, bestehend aus den vier Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ – dieses musikalische Gesamtkunstwerk ist die Blaupause, wie man die Leitmotivtechnik richtig einsetzt.

Das Problem an der Sache ist allerdings, dass Wagners „Ring“ nicht gerade zugänglich ist. Die Gesamtaufnahme, die ich mein Eigen nenne, umfasst 14 CDs und ich muss zugeben, dass ich sie sehr selten frequentiere. Das liegt u.a. auch daran, dass ich zwar ein großer Fan von Wagners Leitmotivtechnik bin, mit seinen Gesangspassagen aber nicht allzu viel anfangen kann. Zum Glück gibt es für alle, die vor dem schieren Umfang des Werkes zurückschrecken oder ein ähnliches Problem wie ich haben, eine angenehme Lösung: Das Album „Der Ring ohne Worte“. Der 2014 verstorbene Dirigent Lorin Maazel machte aus dem 16 Stunden dauernden Monumentalwerk ein 75-Minütiges Album, das den Hardcore-Wagnerianer sicher nicht zufriedenstellen wird, aber besonders für Filmmusikfans eine lohnende Anschaffung ist, denn „Der Ring ohne Worte“ funktioniert sehr ähnlich wie ein Score-Album und beinhaltet darüber hinaus die wichtigsten und bekanntesten Highlights des Opern-Zyklus in einer rein orchestralen Fassung. Obwohl natürlich viel gekürzt und weggelassen wurde, bekommt man einen durchaus passenden Eindruck davon, wie Wagner seine Leitmotive etabliert und entwickelt.

Besonders die Entwicklung von Siegfrieds Thema lässt sich schön verfolgen und an ihm zeigt sich, wie komplex Wagner seine Leitmotive anlegt. Rein formal gesehen hat Siegfried sogar zwei Themen, die ihm gelten (sowie einige weitere, an denen er „beteiligt“ ist, beispielsweise ein Liebesthema mit Brünhild). Da wäre zum einen sein Hornruf (erklingt beispielsweise mehrfach in Der Drache, wo er, passend zum Kampf, mit dem Motiv des Drachen Fafner ringt) und zum anderen sein eigentliches, heroisches Thema, das aus zwei anderen Themen während „Die Walküre“ quasi „zusammenwächst“: Wagner nimmt das Motiv des Schwertes Nothung, das in der zweiten Oper von Siegmund geborgen und von Wotan zerstört wird, um in „Siegfried“ neu geschmiedet zu werden (die Entwicklung kommt einem irgendwie bekannt vor) und kombiniert es mit einer Dur-Umkehrung des Themas des titelgebenden Ringes. Die Bedeutung des Themas ist klar: Dies ist der Held, der Nothung führen und das Unheil, das der Ring anrichtet, letztendlich korrigieren wird. Nebenbei ist Siegfrieds Thema auch gleich der Urvater der typischen Heldenthemen in der Filmmusik. Erstmalig ist es in Wotans Abschied gleich zu Beginn zu hören, als Siegfried, zu diesem Zeitpunkt noch ein Fötus im Mutterleib, angekündigt wird. Im weiteren Verlauf wird das Thema dann, etwa bei 4:05 in Morgenröte, immer triumphaler. Die brachialste Variation erklingt schließlich in Siegfrieds Tod und Trauermarsch, in den dem das Leitmotiv ab 3:40 erst vorbereitet wird, bevor es, nach ein, zwei sanfteren Variationen, schließlich in seiner ganzen epischen Breite bei 7:10 erklingt.

Zu den weiteren Highlights des Albums gehören Einzug der Götter in Walhall, das das Walhall-, bzw. Götter-Motiv vorstellt und Wotans Wut, in dem auf beeindruckende Weise der Ritt der Walküren vorbereitet wird, dessen Rhythmus das Stück unterwandert, bis er bei 1:45 ausbricht. In Reinform findet sich der Ritt der Walküren natürlich ebenfalls auf dem Album. In Götterdämmerung schließlich kulminiert alles, der Zuhörer wird noch einmal mit aller Macht durch die diversen Themen geführt, darunter das Loge/Feuer-Motiv, der Ritt der Walküren, Siegfrieds Thema, Siegfrieds und Brünhilds Liebesthema, das Rhein-Motiv, das Walhall-Thema etc.

Wer sich darüber hinaus für die genau Aufschlüsselung und Konstruktion der Leitmotiv-Struktur des „Rings“ interessiert, dem empfehle ich das Hörbuch „Wagners Ring-Motive“ aus der Reihe „Der Klassik(ver)führer“, in dem sie alle en detail erläutert werden.

Fazit: Wer sich immer schon einmal mit dem „Ring des Nibelungen“ beschäftigen wollte, aber vor dem schieren Umfang zurückschreckte, erhält mit „Ring ohne Worte“ die perfekte Gelegenheit, Wagners Opus Magnum kennen zu lernen. Für alle, die sich für die Entwicklung Leitmotivtechnik interessieren, ist dieses Album ohnehin Pflicht.

Bildquelle

3 Gedanken zu “Wagner: Der Ring ohne Worte

  1. Hey, der Wahnsinn! Obgleich ich den Ring-Zyklus vor allem durch die Arbeit meines Vaters kenne und unter anderem mit den Holzwurm-Versionen vieler Opern aufgewachsen bin, so habe ich bisher zum Beispiel Götterdämmerung nie vollständig gesehen oder gehört. Die drei vorherigen Opern habe ich bereits in verschiedenen Inszenierungen in voller Länge gesehen. Aber diese CD… ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Was für eine großartige Idee! Mensch, vielen Dank für diese Empfehlung, ich habe eben deinen Text gelesen und gleich darauf die CD bestellt. Das wird faszinierend, da bin ich sicher. Nochmal Tausend Dank!

    1. Ja, der Holzwurm – das war auch meine Einsteigsdroge, so habe ich Wagner und den Ring (und natürlich diverse andere Komponisten bzw. Opern) für mich entdeckt. Freut mich auf jeden Fall, dass die Empfehlung ankommt 😉
      Ich träume ja von einer neuen Filmversion der Nibelungen-Geschichte, bei der ein Komponist die Wagner-Leitmotive adaptiert – das wär mal was. Howard Shore würde sich natürlich geradezu aufdrängen, er hat ja schon ganz gut mit Wagner-Musik bei „A Dangerous Method“ gearbeitet. Und ein ganz klein wenig Erfahrung mit Leitmotivik hat er ja auch davon abgesehen 😉

      1. Das wäre in der Tat cool. Wäre aber auch schön, wenn es in Deutschland endlich mal wieder vernünftige Inszenierungen der jeweiligen Opern gäbe. Nur noch diese moderne Arthouse-Scheiße… Aber auch geil, dass du den Holzwurm kennst! Kenne außerhalb der Familie KEINEN, der das ebenfalls gehört hat.

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