All Star Batman and Robin, the Boy Wonder

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Anfang der 2000er feierte Marvel mit dem Ultimate-Imprint große Erfolge: Das Ziel war es, die bekannten und beliebten Helden vom Ballast jahrzehntelanger Kontinuität zu befreien und für Neuleser attraktiv zu machen, was zu Beginn auch durchaus glückte. Um an diesen Erfolg anzuknüpfen, etablierte DC das All-Star-Imprint als Gegenstück. Explizites Vorhaben war es, den kreativen Größen des Mediums zu erlauben, grandiose Geschichten mit den ikonischen Helden des Verlags zu erzählen, befreit von den Fesseln der Kontinuität. Anders als Marvels Ultimate-Comics erschienen unter dem ursprünglichen All-Star-Imprint lediglich zwei Serien, die auch nie zu einem größeren Universum zusammenwuchsen (wobei diskutabel ist, ob das überhaupt geplant war). Grant Morrison und Frank Quietly konnten mit „All Star Superman“ das ursprüngliche Versprechen einlösen: Die zwölfteilige Miniserie, erschienen zwischen 2005 und 2008, erzählt eine in sich geschlossene und kohärente Geschichte, die völlig zurecht als moderner Klassiker und eine der besten Superman-Geschichten überhaupt gilt. Dasselbe lässt sich leider nicht über „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ sagen…
Dabei klang die Ankündigung durchaus vielversprechend: Autor Frank Miller, der Batman in den 80ern mit „Batman: The Dark Knight Returns“ und „Batman: Year One“ eine nötige Frischzellenkur verpasst hatte und Zeichner Jim Lee, der gerade erst mit „Batman: Hush“ einen großen Erfolg gefeiert hatte, würden gemeinsam eine Geschichte aus den Anfangsjahren des Dunklen Ritters erzählen, eine Neufassung von Dick Graysons Origin. Aber, wie sich bereits bei „Batman: The Dark Knight Strikes Again“ gezeigt hatte, war Miller nicht mehr der Autor, der in den 80ern ein Meisterwerk nach dem anderen produzierte…

Handlung und Struktur
„All Star Batman and Robin, the Boy Wonder” umfasst 11 Ausgaben, die zwischen 2005 und 2008 erschienen, zum Teil mit vielen Verzögerungen. Bis heute bleibt die Serie unvollendet – 2011 sollte ursprünglich eine Fortsetzung mit dem Titel „Dark Knight: Boy Wonder“ erscheinen, die die Geschichte in sechs Heften fertig erzählt, doch dazu kam es nie. 2016 erschien zwar eine weitere Serie mit dem Titel „All Star Batman“, diese wurde jedoch von Scott Snyder geschrieben und hat nichts mit Millers Geschichte zu tun. Ähnlich wie bei „The Dark Knight Strikes Again“ ist es verhältnismäßig schwierig, eine halbwegs kohärente Handlungszusammenfassung zu schreiben – „All Star Batman“ besteht im Grunde aus einer ganzen Reihe mehr oder weniger miteinander verknüpfter Vignetten. Zwar liegt der Fokus dieses Mal deutlich stärker auf dem Dunklen Ritter als es bei Millers vorherigem Weg der Fall war, aber auch dieses Mal verwendet er ziemlich viele Seiten darauf, „seine“ Version des DC-Universums auszubauen, ohne dass es größere Konsequenzen für die Geschichte hätte. So gibt es nicht nur ausgedehnte Gastauftritte des Jokers, Batgirls und Catwomans, sondern auch von Black Canary und einer aus Superman, Green Lantern, Wonder Woman und Plastic Man bestehenden Proto-Justice-League.

Der Fokus der, nennen wir es mal großzügig „Haupthandlung“, ist wenig überraschend: Die Eltern des jungen Akrobaten Dick Grayson werden im Zirkus ermordet, während Bruce Wayne im Publikum sitzt. Bereits kurz darauf wird Dick, um ihn vor korrupten Polizisten zu schützen, von Batman gekidnappt. Der Dunkle Ritter hatte Dick bereits lange im Auge und sieht nun seine Chance gekommen, den Jungen zu seinem Sidekick zu machen. Während er Dick in der Bathöhle äußerst schlecht behandelt, sucht gefühlt die halbe Welt nach dem verschwundenen Waisenkind. Derweil ermittelt Batman bezüglich der Hintergründe des Mordes und macht Dick schließlich zu Robin. Als Duo konfrontieren sie zuerst Green Lantern und finden später heraus, dass der Joker Catwoman verletzt hat… An dieser Stelle bricht die Handlung ab.

Die absurde Strukturierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ setzt sich hier nahtlos fort, es wirkt nach wie vor, als hätte der Frank Miller des 21. Jahrhunderts die Fähigkeit verloren, halbwegs kohärent und ausgewogen zu erzählen. Die eigentliche Handlung um Batman und Robin pausiert immer wieder, teilweise für ganze Ausgaben, während sich Miller irgendwelchen Nebenschauplätzen zuwendet. Ausgabe 3 besteht beispielsweise aus 15 Seiten, in denen Black Canary eine Bar samt Insassen auseinandernimmt, es folgen vier Seiten (wohlgemerkt mit zwei ganzseitigen Panels und einer Doppelseite), auf denen Batman und Dick Grayson in der Bathöhle eintreffen und schließlich noch zweien Seiten mit Superman. Ausgabe 6 und 10 konzentrieren sich auf Black Canary und Batgirl und selbst wenn das titelgebende Duo im Fokus steht, schreitet die Handlung zuerst kaum nennenswert voran, nur um plötzlich abrupte Sprünge zu machen.

Millers Schreibstil aus „The Dark Knight Strikes Again“ und vor allem „Sin City“ setzt sich ebenfalls nahtlos fort – kurze Sätze, viele Wiederholungen. Tatsächlich artet das hier so sehr aus, dass es an Selbstparodie grenzt. Spätestens nach dem viertem Mal dürfte auch wirklich dem letzten Leser klar sein, dass Dick Grayson zwölf Jahre alt ist. Auf gewisse Weise sind Frank Millers Dialoge hier fast schon legendär, wenn auch nicht auf die positive Art. Nachdem sich der Dunkle Ritter hier als „the goddamn Batman“ bezeichnet, verselbstständigte sich das Zitat und wird gerne verwendet, um den All-Star-Batman von der regulären Inkarnation der Figur zu unterscheiden. Ansonsten lassen sich die Dialoge an Plakativität und Infantilität kaum überbieten.

Visuelle Gestaltung
Während man auf der Handlungs- und Dialogebene wunderbar diskutieren kann, ob nun „The Dark Knight Strikes Again“ oder „All Star Batman“ bescheuerter ist, hat letztere Miniserie zumindest einen eindeutigen Vorteil: Während die Fortsetzung zu „The Dark Knight Returns“ zweifelsohne einer der hässlichsten Superheldencomics überhaupt ist, sieht „All Star Batman“ wirklich verdammt gut aus. Zeichner Jim Lee machte sich in den 90ern vor allem mit den X-Men einen Namen, bevor er, zusammen mit diversen anderen einflussreichen Künstlern der Branche wie Rob Liefeld und Todd McFarlane den beiden großen Verlagen zumindest zeitweise den Rücken kehrte und den Image-Verlag gründete. In den 2000ern verkaufte Lee dann allerdings sein Image-Label Wildstorm an DC und ist seither einer der einflussreichsten Zeichner des Verlags. Bereits 2003 zeigte er mit „Batman: Hush“ (verfasst von Jeph Loeb), wie gut sein Stil zum Dunklen Ritter passt, daran knüpft er in „All Star Batman“ quasi direkt an.

Schon in „Hush“ schien sich Lees Batman an Millers Darstellung der Figur (kleine Ohren, recht bullig) zu orientieren, diese Eigenschaften sind hier noch verstärkt, was definitiv als Verweis auf „The Dark Knight Returns“ gesehen werden kann. Auch sonst wissen Lees detailreiche Zeichnungen zu überzeugen und sind schlicht und einfach schön anzusehen, solange man mit seinem entwickelten Image-Stil der 90er keine Probleme hat. Wie schon in „The Dark Knight Strikes Again“ arbeitet Miller hier allerdings mit vielen ganz- oder sogar doppelseitigen Panels. Zugegeben, das ausklappbare Panorama der Bathöhle macht einiges her, aber davon abgesehen wirkt der häufige Einsatz von Splash Pages wieder einmal eher faul, auch wenn Lees Zeichnungen diese wenigstens mehr rechtfertigen als Millers. In Sachen Fanservice schlagen die beiden ebenfalls ein wenig über die Stränge. Bei Superheldencomics, in denen es nun einmal um übermäßig attraktive Menschen (oder Aliens) in hautengem Spandex geht, ist mit ein wenig Fanservice immer zu rechnen, das gehört einfach zum Genre, aber wenn sich Vicki Vale bereits zu Beginn der ersten Ausgabe über mehrere Seiten hinweg genüsslich in Unterwäsche räkelt, fragt man sich schon, ob Miller hier seine Schreibarbeit nicht als Ventil benutzt. Nebenbei, wer sich fragt, wie ein von Miller gezeichnetes „All Star Batman“ wohl ausgesehen hätte, kann einige wirklich hässliche alternative Cover zurate ziehen.

Figuren und Deutung
In Frank Millers Wahrnehmung gehören alle seine Batman-Comics zur selben Kontinuität (theoretisch wäre das Erde 31 des DC-Multiversums), was für sich betrachtet schon problematisch ist, da „The Dark Knight Returns“ in den 80ern spielt und Präsident Ronald Reagan auftritt, während „All Star Batman“ doch eindeutig im 21. Jahrhundert verwurzelt zu sein scheint. Wenn man über diese Diskrepanz hinwegsehen kann, ändert „All Star Batman“ die Wahrnehmung von „The Dark Knight Returns“ ziemlich: Im Kontext der regulären Batman-Comics der 80er scheint es, als sei Batman in „The Dark Knight Returns“ auf seine alten Tage grimmig und verbittert geworden. Der Batman, den Miller in der All-Star-Serie präsentiert, ist allerdings derart psychotisch und rücksichtslos, dass es eher scheint, als wäre er auf seine alten Tage weich geworden. In gewisser Hinsicht führt Miller Batmans Charakterisierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ ziemlich nahtlos fort. Dem „goddamn Batman“ geht es nicht darum, Menschen zu retten, er benutzt die Verbrechensbekämpfung nur, um seine Allmachtsphantasien auszuleben – wann sonst sieht man einen Batman, der sich wild lachend in die Schlacht stürzt. Erst in den letzten beiden Ausgaben zeigen sich Spuren des klassischen Batman, er verhindert, dass Robin Green Lantern tötet und trauert anschließend gemeinsam mit ihm. Prinzipiell wäre es ja in Ordnung, die Entwicklung eines völlig übermütigen jungen Batmans hin zum eher gesetzteren Dunklen Ritter zu schildern, Miller schildert hier aber keine sinnvolle Charakterentwicklung.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Figuren; die meisten von ihnen sind eher überdrehte Parodien ihrer selbst. Superman wird gewissermaßen zum Laufburschen degradiert, Wonder Woman ist eine hasserfüllte Ultrafeministin und Green Lantern ein Vollidiot – damit er Batman und Robin keine Probleme macht, malen sie sich und ein Zimmer in einer der absurdesten Szenen der Miniserie komplett gelb an. Black Canary wird hier als Barkeeperin inszeniert, die eines Tages genug von sexuell übergriffigen Gästen hat und als Reaktion auf Raubzug geht – ihre Beteiligung an der Gesamthandlung bleibt höchst nebulös. Noch unnötiger sind die Gastauftritte Catwomans und des Jokers – Letzterer scheint immerhin als finale Widersacher vorgesehen zu sein. Das Markenzeichen DIESES Jokers ist, dass er nicht grinst – welch ein cleverer Twist! Tatsächlich gehört der Handlungsstrang um Gordons häuslich Probleme und ein zum Teil wild fluchendes Batgirl noch zu den besseren, doch auch hier ist nicht klar, was das Ganze nun mit der bei Ausgabe 10 kaum noch vorhandenen Haupthandlung zu tun hat, sodass man sich unweigerlich fragt, ob Miller überhaupt einen Plan hat oder mit den Charakteren nur wie mit Actionfiguren spielt.

Ähnlich wie in „The Dark Knight Strikes Again“ scheint Miller einen parodistischen und dekonstruierenden Ansatz zu verfolgen und sich sowohl über die Rezeption seiner eigenen, früheren Werke als auch den aktuellen Zustand der Superheldencomics lustig zu machen, abermals fehlt allerdings jegliche Aussage, seine Kommentare und Einsichten bleiben banal und inhaltslos.

Fazit: „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ knüpft stilistisch nahtlos an „The Dark Knight Strikes Again“ an und ist ebenso schlecht geschrieben, inhaltsleer und sinnfrei. Der einzige Pluspunkt sind die Zeichnungen von Jim Lee, aber mit hübschen Schleifen dekorierter Müll bleibt Müll.

Bildquelle

Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns
Batman: Year One
Batman: The Dark Knight Strikes Again

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