Underworld: Blood Wars

Halloween 2017
bloodwars
Story: Es wird eng für die Vampire, denn erneut sind die Lykaner unter Führung des charismatischen Marius (Tobias Menzies) auf dem Vormarsch. Aus diesem Grund beschließen die beiden Vampirältesten Semira (Lara Pulver) und Thomas (Charles Dance), die legendäre Selene (Kate Beckinsale) aus dem Exil zu holen und sie zu verpflichten, eine neue Generation von Todeshändlern auszubilden. Tatsächlich lässt sich Selene von Thomas‘ Sohn David (Theo James) überreden, muss aber schon bald feststellen, dass die einzelnen Vampire trotz der Bedrohung nach wie vor gnadenlos gegeneinander intrigieren und sie selbst lediglich ein begehrtes Objekt ist, das den Weg zu ihrer Hybridentochter weisen kann…

Kritik: Da gibt es keine Ausreden, die Underworld-Filme sind Edel-Trash. Dennoch habe ich eine gewisse Schwäche für die ersten beiden Teile. Schon der erste Teil der Reihe war nicht wirklich originell oder innovativ, da er visuelle viele Stilelemente der Matrix- und Blade-Filme aufgriff und sich inhaltlich wie atmosphärisch bei White Wolfs „Vampire: The Masquerade“ bediente (ohne dabei jemals auch nur ansatzweise das Potential dieses Pen&Paper-Rollenspiels auszuschöpfen). Dennoch, wer etwas sucht, das zumindest die Gothic-Punk-Atmsophäre besagten RPGs vermittelt, ist mit „Underworld“ ganz gut bedient. Und obwohl der Film viele Schwächen hatte, merkte man ihm doch die Leidenschaft seiner Macher an. „Underworld: Evolution“ führte das halbwegs konsequent weiter und lieferte einen eigentlich schönen Abschluss der Geschichte. Allerdings waren die Film erfolgreich genug, um noch ein Prequel und zwei Sequels zu rechtfertigen, deren Qualität leider bei Weitem nicht mehr an die ohnehin nicht allzu hochhängende Messlatte der ersten beiden Teile heranreicht. „Underworld: Rise of the Lycans“ war öde und an „Underworld: Awakening“ kann ich mich beim besten Willen kaum noch erinnern.

Nun haben wir also „Underworld: Blood Wars“, bei dem es sich um das Langfilmdebüt der deutschen Regisseurin Anna Foerster handelt, die bislang bei TV-Serien oder als Second Unit Director tätig war und oft mit Roland Emmerich zusammenarbeitete. Leider kann man ihr Debüt kaum als wirklich gelungen bezeichnen, auch wenn es  handwerklich halbwegs solide ist, wobei ich denke, dass man Foerster da kaum die Schuld geben kann. „Underworld: Blood Wars“ ist im Grunde das weitere seelenlose Ausschlachten eines relativ günstig zu produzierenden Franchise, eine reine Auftragsarbeit, bar jeder Möglichkeit zur Entfaltung. Dementsprechend uninspiriert und oberflächlich sind auch Handlung und Figurenzeichnung, da es sich in der Essenz nur um ein erneutes Durchkauen der Thematik des ersten Teils handelt. Wenn ein Film, der gerade einmal eineinhalb Stunden dauert, Längen hat, dann ist etwas schiefgegangen. Die Blaufilter-Optik, völlig ohne Variation von den Vorgängern übernommen, hat sich inzwischen ziemlich abgenutzt und nicht einmal die Action ist wirklich ansprechend inszeniert.

Die größte Stärke der Underworld-Filme war schon immer die Tendenz, die Nebenrollen mit ziemlich hochkarätigen Darstellern wie Michael Sheen oder Bill Nighy zu besetzen, und so auch hier: Während Kate Beckinsale primär grimmig dreinschauen und in Lack und Leder gut aussehen muss (was sie nach 13 Jahren immer noch ziemlich gut hinbekommt; dieses Mal sogar mit weißen Strähnen in den Haaren) und der männliche Lead Theo James völlig blass bleibt, tummeln sich in Neben- und Schurkenrollen renommierte britische TV- und Theaterdarsteller wie Tobias Menzies, Lara Pulver und Charles Dance, die allesamt sichtlich Spaß dabei haben, die zweitklassigen Dialoge mit theatralischer Gravitas aufzusagen. Besonders Dance, der bereits im „Underworld: Awakening“ mit von der Partie war und in „Dracula: Untold“ ebenfalls eine vergleichbare Rolle spielte, macht sich als Vampirfürst einfach verdammt gut und hat auch ohne goldenen Löwen auf dem Banner eine beeindruckende Präsenz.

Fazit: „Underworld: Blood Wars“ kann man wirklich nur Hardcore-Fans der Filmreihe empfehlen, und selbst diese dürften von diesem, selbst an den Maßstäben des Franchise gemessenen, uninspirierten und öden Sequel eher enttäuscht werden.

Bildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
ES
Das Spiel

Siehe außerdem:
Underworld

Advertisements

Blade Runner 2049 – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
bladrunner
In einem Zeitraum von gerade einmal zwei Jahren kehrt Harrison Ford zu seinen beiden ikonischen Science-Fiction-Rollen zurück – nach Han Solo ist nun also auch Rick Deckard ein weiterer Auftritt auf der großen Leinwand vergönnt. „Blade Runner“ ist nun freilich ein völlig anderes Biest als das Star-Wars-Franchise. Wo George Lucas‘ Space Opera ein durchbrechender Erfolg war, erlitt Ridley Scotts Film an den Kinokassen erst einmal Schiffbruch und entwickelte sich langsam über die Jahre hinweg zum Kultfilm (nicht zuletzt dank diverser Schnittfassungen, da sich das Studio bei der ursprünglichen Kinofassung eingemischt hatte). Aus diesem Grund erscheint eine Fortsetzung zu „Blade Runner“ aus rein finanzieller Sicht auch ein wenig merkwürdig: Scotts Film ist zwar ein Sci-Fi-Klassiker, hatte aber nie den Mainstream-Reiz von Star Wars. Dementsprechend vorhersehbar ist auch die Reaktion auf „Blade Runner 2049“: Von Kritikern wird er im Großen und Ganzen äußerst positiv bewertet, an den Kinokassen dagegen geht er eher unter und hat es bislang noch nicht einmal geschafft, sein Budget wieder einzuspielen. Deshalb würde ich fast davon ausgehen, dass es sich bei „Blade Runner 2049“ für Sony gezielt um ein Prestige-Projekt handelt, das eine ähnliche Wirkung wie der Vorgänger entfalten soll, denn dass dieser bei der breiten Masse nicht gut ankommt, war eigentlich von vornherein klar. Zudem hat man bei Sony dem Regisseur Denis Villeneuve, der mit seinen bisherigen Filmen, darunter „Arrival“ und „Sicario“, im großen Stil Kritiker-Lob einheimste, weitgehend freie Hand gelassen und ihn nicht in die Blockbuster-Schablone gepresst – und das bei einem ziemlich ansehnlichen Budget von 150 Millionen Dollar. Dementsprechend fällt dann auch mein spoilerfreies Urteil aus (nach diesem Absatz nehme ich keine Rücksicht mehr): „Blade Runner 2049“ ist ein hochinteressanter und visuell opulenter, aber auch ein langsamer, ja fast schon behäbiger und zum Teil recht anstrengender Film (im positiven Sinn). Er verlangt eine Öffnung für die philosophische Thematik, mit der er sich auseinandersetzt, sowie Geduld und Sitzfleisch.

Harrison Ford träumt von elektronischen Schafen
Bevor ich mich mit Denis Villeneuves Film beschäftige, noch ein paar Worte zum Vorgänger und seiner Vorlage. „Blade Runner“ basiert lose auf dem 1968 erschienenen Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ von Philip K. Dick, den ich zur Vorbereitung auf den Film als Hörbuch konsumiert habe. Die vierzehn Jahre spätere veröffentlichte Filmadaption von Ridley Scott übernimmt allerdings nur die grobe Handlung und einige Figuren, macht aus der zugrunde liegenden Geschichte aber etwas Eigenes. Sowohl im Film als auch im Roman jagt Rick Deckard in einem dystopischen Los Angeles künstliche Menschen, die illegal auf die Erde gekommen sind. Die Unterschiede fangen allerdings schon bei den Fachbegriffen an. Besagte künstliche Menschen werden im Roman als „Androiden“ bezeichnet, im Film als „Replikanten“, ihre Jäger sind bei Dick „Bounty Hunter“, bei Scott dagegen „Blade Runner“ und die Firma, die die Androiden/Replikanten herstellt, trägt im Roman den Namen „Rosen Corporation“, im Film heißt sie dagegen „Tyrell Corporation“ (dementsprechend heißt Rachael Rosen im Film auch Rachael Tyrell). Neben der Thematik der künstlichen Menschen spielt im Roman darüber hinaus auch die Religion eine wichtige Rolle. In Dicks postapokalyptischem Los Angeles folgen fast alle Menschen den Dogmen des „Mercerism“ (zurückgehend auf den Propheten Wilbur Mercer), einer Religion, die menschliches und tierisches Leben sehr hoch schätzt, aber von Androiden nicht allzu angetan ist. Dementsprechend sind echte Haustiere auch das Statussymbol schlechthin, was Deckard im Verlauf des Romans immer wieder zu schaffen macht, weil er nur ein elektronisches Schaf besitzt (daher auch der Titel). All diese Aspekte spielen im Film keine Rolle. Dafür fehlt im Roman die Ambiguität – Deckard ist hier eindeutig ein Mensch, er ist verheiratet und führt den Test, mit dem festgestellt wird, ob man Android ist, an sich selbst durch.

deckard

Rick Deckard (Harrison Ford) 30 Jahre später

Alles in allem ist der Roman weit gesprächiger und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „intellektueller“ als der Film. Die Ideen und Konzepte, Menschlichkeit, Religion, Empathie, Künstlichkeit etc., werden bei Dick sehr ausführlich in Dialogen und inneren Monologen besprochen. Der Film dagegen bemüht sich eher, zumindest einige dieser Konzepte auf visueller und emotionaler Ebene zu vermitteln. Insgesamt ist Buch-Deckard sowohl geschwätziger als auch unsympathischer als sein von Harrison Ford verkörpertes Gegenstück. Besagtes Gegenstück steht dafür mehr im Fokus – „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ zeichnet im größeren Maße das Bild einer zerfallenden Gesellschaft, während „Blade Runner“ persönlicher und intimer ist. Die Neo-Noir-Atmosphäre ist ebenfalls ein Element, das vor allem den Film auszeichnet – allgemein gibt es für die visuelle Opulenz im Roman nur wenige Grundlagen, da Dicks Beschreibungen eher spartanisch ausfallen. Insgesamt muss ich sagen, dass ich sowohl Roman als auch Film eher interessant finde – weder die Vorlage noch die Adaption haben eine tatsächliche Passion in mir hervorgerufen. Gerade „Blade Runner“ ist natürlich auch wegen des Einflusses, den dieser Film auf sein Genre hatte, von großem Interesse. Egal ob „Matrix“ oder die Star-Wars-Prequels (besonders die Verfolgungsjagd in „Angriff der Klonkrieger“), die Ästhetik von Scotts Film ist bei dystopischen Großstadtlandschaften kaum wegzudenken.

Handlung

wallace

Niander Wallace (Jared Leto)

Wir schreiben das Jahr 2049, 30 Jahre sind vergangen, seit Rick Deckard (Harrison Ford) als Blade Runner aktiv war. Die Tyrell Corporation, die für die Herstellung der Replikanten zuständig war, wurde nach einer größeren Katastrophe, Aufständen und einem globalen Stromausfall im Jahre 2022 von Niander Wallace (Jared Leto) übernommen und heißt seither Wallace Corporation, stellt aber nach wie vor Replikanten her, die den „natürlichen Menschen“ als speziell hergestellte Sklaven dienen. Einige der älteren Modelle sind aber nach wie vor auf der Flucht und werden von Blade Runnern zur Strecke gebracht. Der Replikant KD6-3.7, kurz K (Ryan Gosling) gehört dieser neuen Blade-Runner-Generation an. Auf einer Farm liquidiert er den Replikanten Sapper Morton (Dave Bautista), findet dort aber etwas sehr merkwürdiges: Die Knochen einer Replikantin, die im Kindbett starb, was eigentlich unmöglich sein sollte. Im Auftrag seiner Vorgesetzten Lt. Joshi (Robin Wright), die in einem natürlich geborenen Replikanten eine große Gefahr für die allgmeine Stabilität sieht, stellt K weitere Ermittlungen an, die ihn unter anderem auch zum Hauptquartier der Wallace Corporation führen, wo er der Replikantin Luv (Sylvia Hoeks) begegnet, die ihm Informationen über die experimentelle Replikantin Rachael Tyrell (eine rekonstruierte Sean Young) und ihre Verhältnis zu Rick Deckard gibt. Wie sich herausstellt, hat Niander Wallace großes Interesse an einem natürlich geborenen Replikanten, da er in ihm großes Potential sieht, weshalb er Luv befiehlt, sich an Ks Fersen zu heften. In K erhärtet sich derweil aufgrund von merkwürdigen Erinnerungen, von denen er dachte, sie seien künstlich, bis er einen Beweis findet, dass sie echt sind, der Verdacht, er selbst könne der natürlich geborene Replikant sein. Er folgt der Spur weiter und findet schließlich einen gealterten Rick Deckard in Las Vegas. Die Konversation der beiden wird jedoch von Luv unterbrochen, die Deckard mitnimmt und K zum Sterben zurücklässt. Dieser wird allerdings von den Mitgliedern einer Replikanten-Widerstandsgruppe gerettet; von ihnen erfährt er, dass er nicht das Kind von Deckard und Rachael sein kann, da sie eine Tochter hatten. Dennoch macht sich K nun daran Deckard zu befreien, um ihn zu seiner Tochter zu bringen…

Ästhetik und Dramaturgie
Wie schon „Blade Runner“ verfügt auch die Fortsetzung über extrem opulente und beeindruckende Bilder. Dabei gelingt es Villeneuve allerdings, nicht einfach nur die Ästhetik des Vorgängers zu kopieren, sondern auch eine völlig eigenständige Atmosphäre zu kreieren. Einige Einstellungen erinnern natürlich stark an das Original, gerade die Luftaufnahmen des futuristischen Los Angeles, aber „Blade Runner 2049“ verlässt, anders als Ridley Scotts Film, die urbane Landschaft immer mal wieder, sodass es weitaus mehr unterschiedliche Schauplätze gibt. Das ist auch einer der Hauptgründe, weshalb die Fortsetzung wenige klaustrophobisch wirkt als das Original, darüber hinaus wurde die Neo-Noir-Atmsophäre zurückgefahren. Stattdessen sind die verschiedenen Schauplätze stärker von einzelnen Farbfiltern geprägt, was ihnen eine unwirkliche, traumartige Qualität verleiht. Wo „Blade Runner“ ausschließlich dystopisch war, greift Villeneuve die postapokalyptischen Elemente von Dicks Roman auf ästhetischer Ebene wieder auf, wann immer wir zusammen mit K Los Angeles verlassen – die Welt außerhalb der urbanen Enklave ist ein verwüsteter, trostloser und lebensfeindlicher Ort.

kjoi.jpg

K (Ryan Gosling) und seine virtuelle Freundin Joi (Ana de Armas)

Auch dramaturgischer orientiert sich Villeneuve durchaus am Original. Wie Scotts Film ist „Blade Runner 2049“ sehr getragen und sehr langsam. Beide Filme sind nicht wirklich spannend im herkömmlichen Sinn und können den Zuschauer, der nicht für sie bereit ist, mit ihrer behäbigen Art relativ schnell abschrecken. Auf die Fortsetzung trifft das in noch größerem Maße zu, da sie noch einmal deutlich länger ist als selbst der 2008 veröffentlichte Final Cut des Vorgängers. Villeneuve schwelgt regelrecht in den opulenten Bildern und kostet sie voll aus. Wie in Scotts Film sind die Dialoge und Erklärungen eher spärlich gehalten, sodass man als Zuschauer durchaus gefordert ist und nicht alles serviert bekommt. Selbst die abschließende Frage wird noch verhältnismäßig zweideutig beantwortet, ebenso wie die Frage aus dem Vorgänger, ob es sich bei Deckard nun um einen Replikanten handelt oder nicht (nun, zumindest Ridley Scott hat diesbezüglich eine sehr eindeutige Meinung).

Wie schon beim ersten Film ist die eigentliche Handlung relativ simpel und banal, es handelt sich letztendlich um eine sehr ausgedehnte Spurensuche mit erwartbarem Ausgang. Die Art und Weise, wie dieser Plot verarbeitet wird, ist das, was „Blade Runner 2049“ zu etwas Besonderem macht. In einem konventionelleren Sci-Fi-Film wäre die Replikantenverschwörung, auf die K letztendlich stößt, wahrscheinlich ein essentielles Handlungselement. Hier jedoch fungiert sie nur als nötiger Hintergrund und findet kaum mehr Beachtung, nachdem die Anführerin Freysa (Hiam Abbass) die nötige Exposition losgeworden ist. Villeneuve kümmert sich nicht um das Schicksal der Welt, ihn interessieren am Ende nur die Figuren. Die Handlung dient letztendlich vor allem dazu, die Atmosphäre auszukosten und den philosophischen Subtext zu vermitteln – alles andere ist zweitrangig.

Ein richtiger Junge: Von Replikanten und Hologrammen
Wie nicht anders zu erwarten war setzt „Blade Runner 2049“ die Thematik des Vorgängers fort, kopiert sie aber erfreulicherweise nicht einfach nur, sondern gewinnt ihr neue Facetten ab. Augenscheinlich ist die Situation genau umgekehrt wie im Vorgänger, wo Deckard glaubt, ein Mensch zu sein und es dann Hinweise gibt, dass er ein Replikant ist, was ihn dann wiederum dazu veranlasst, Replikanten anders wahrzunehmen. Hier haben wir einen Replikanten als Protagonisten, der im Verlauf seiner Ermittlungen entdeckt, dass er zumindest „echt“ (also geboren) sein könnte. Damit greift Villeneuves Sequel relativ direkt die Pinocchio-Thematik auf – es gibt sogar eine ziemlich eindeutige Dialoganspielung. Eine weitere literarische Anspielung findet sich bei K selbst, der natürlich auf Franz Kafkas „Der Process“ verweist – auch das wird noch offensichtlicher, als K im Verlauf des Films den Namen Joe annimmt. Außer „Joe K“ selbst gibt es darüber hinaus noch eine ganze Reihe von Figuren, die diese Thematik auf die eine oder andere Weise verkörpert. Da wäre natürlich vor allem Joi (Ana de Armas), Ks holografische Freundin, mit der Villeneuve und sein Drehbuchautoren Hampton Fancher und Michael Green im Grunde das Konzept von „Her“ aufgreifen und weiterdenken. Mehrfach fragt man sich, ob Joi nur ihrer Programmierung folgt oder tatsächlich so etwas wie Liebe für K empfindet.

luv

Die Replikantin Luv (Sylvia Hoeks)

Am anderen Ende des Spektrums befindet sich der von Jared Leto verkörperte Niander Wallace, der erblindet ist, aber dank diverser elektronischer Verbesserungen sehen kann und somit seinerseits schon ein halber Roboter ist. Und schließlich wäre da noch Ks Gegenspielerin und Gegenstück Luv, die an einen Terminator erinnert. Luv ist vor allem deshalb interessant, weil ihre Motivation nur angedeutet wird. Es scheint, als fühle sie sich sowohl von K, als auch von Rachael und dem geborenen Replikanten bedroht, weil sie sich für das fortschrittlichste Modell hält, dabei aber vollkommen empathielos bleibt. Im Verlauf des Films jagt sie K immer energischer und gnadenloser. Was „Blade Runner 2049“ im Vergleich zum Original allerdings fehlt, ist die Ambiguität bei der Figurenzeichnung. Luv und Wallace sind interessant, aber auch eindeutig böse, anders als etwa der von Rutger Hauer verkörperte Roy Batty im Original, der letztendlich äußerst sympathisch war und eigentlich Recht hatte.

Musik
Ursprünglich sollte Denis Villeneuves Stammkomponist Jóhann Jóhannsson, mit dem er bereits an „Arrival“, „Sicario“ und „Prisoners“ zusammenarbeitete, auch für „Blade Runner 2049“ die Musik schreiben. Allerdings entschieden Villeneuv und das Studio schließlich, dass Jóhannssons Ansatz nicht zu dem passte, was sie erreichten; stattdessen wollte man stilistisch in stärkerem Maße auf Vangelis‘ ursprünglichen Score zurückgreifen. In dieser Situation taten sie, was die meisten Regisseure und Studios in dieser Situation tun: Sie wandten sich an Hans Zimmer und Remote Control Productions. Letztendlich kompinierten Zimmer selbst sowie Benjamin Wallfisch, der dieses Jahr mit „A Cure for Wellness“ und „ES“ bereits zwei exzellente Horror-Scores ablieferte, für Villeneuve die Musik, wobei wie üblich unklar ist, wer für was verantwortlich ist. Ich persönlich denke, dass Zimmer die Richtung vorgegeben hat, während Wallfisch den Löwenanteil der tatsächlichen Kompositionsarbeit erledigt hat – das ist aber nur eine unbestätigte Vermutung. Wie dem auch sei, leider bleibt „Blade Runner 2049“ weit hinter den beiden erwähnten Wallfisch-Scores zurück. Schon bei „Arrival“ habe ich festgestellt, dass Villeneuves Herangehensweise an Filmmusik mir nicht unbedingt zusagt, und das hat sich hier noch einmal bestätigt. Zudem gehört Vangelis‘ Score für „Blade Runner“ auch nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Beide Scores haben durchaus einige Gemeinsamkeiten: Das dominante „Instrument“ ist der Yamaha CS-80 Synthesizer, dieser sorgt für die fast schon ikonischen, getragenen Klänge, die bereits „Blade Runner“ dominierten und auch in „Blade Runner 2049“ zu vernehmen sind. Darüber hinaus funktionieren beide Scores nicht wirklich leitmotivisch, sondern eher als untermalende Klangtapete. Der größte Unterschied ist die Art und Weise, wie besagte Klangtapete in das Gefüge des Films eingearbeitet ist. Vangelis‘ Musik wurde von Ridley Scott sehr behutsam eingesetzt, sie wirkte fast schon wie ein Teil er erzählten Welt des Films, ohne dabei aber zu reinem Sounddesign zu verkommen. Dieser Einsatz der Musik sorgte für die sehr spezielle Stimmung, die „Blade Runner“ ausmachte. Dasselbe lässt sich leider nicht über die Musik von „Blade Runner 2049“ sagen. Hier habe ich dasselbe Problem wie bei „Verblendung“, „Stranger Things“ oder „Dunkirk“: Es gibt kaum etwas, dass die Musik und die einzelnen Szenen miteinander verknüpft, im Grunde ist alles ziemlich austauschbar. Der Score reagiert nicht auf den Film, er spiegelt weder die Handlung wieder, noch sagt er etwas über die Emotionen der Protagonisten aus. Im Grunde gibt es nur zwei Modi: Getragene Synthesizer-Klänge (die aber anders als beim Vorgänger kaum Emotionen ausdrücken; Vangelis setzte, im Gegensatz zu Zimmer und Wallfisch, tatsächlich Melodien ein) und elektronisches Dröhnen, das vage an „Dunkirk“ erinnert und mich mitunter aus dem Film gerissen und ziemlich genervt hat – und das sollte ein Score niemals tun. So gelungen „Blade Runner 2049“ sonst auch ist, der Score ist die Schwachstelle und ich fürchte, dass er letztendlich auf meiner Worts-of-Liste des Jahres 2017 landen wird.

Fazit
Ist „Blade Runner 2049“ ein weiteres Meisterwerk des Science-Fiction-Films? Ich bin mir da ehrlich gesagt noch nicht ganz sicher. In mancher Hinsicht hat er mir durchaus besser gefallen als das Original, das Sequel ist visuell noch beeindruckender, K ist als Protagonist einnehmender und die Bearbeitung der Thematik „künstlicher Mensch vs. echter Mensch“ finde ich ebenfalls gelungener. Zugleich lässt Villeneuvs Film die Ambiguität bei der Figurenzeichnung vermissen, ist, allein aufgrund der Länge, anstrengender und der Score ist auch deutlich schwächer. Ich denke, „Blade Runner 2049“ ist ein Film, der sein volles Potential erst nach mehrmaliger Sichtung entfaltet.

Titelbildquelle
Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Arrival

Das Spiel

Halloween 2017
geraldsgame
Story: Jessie (Carla Gugino) und Gerald (Bruce Greenwood) wollen wieder etwas Schwung und Feuer in ihre Ehe bringen und fahren deshalb zu einem Seehaus in Alabama, um dort das Wochenende zu verbringen. Auf Geralds Wunsch hin lässt sich Jessie mit Handschellen ans Bett fesseln. Leider erweist sich kurz darauf, dass das die beiden Viagra, die Gerald genommen hat, eine schlechte Idee waren, denn er erleidet einen Herzinfarkt und stirbt vor Ort. Nun ist Jessie allein und ans Bett gefesselt, während die Haustür offen steht, sodass sie sich fragen muss, ob noch mehr im Wald lauert als der streunende Hund, den sie auf der Herfahrt gesehen hat…

Kritik: 2017 ist das Jahr der Stephen-King-Adaptionen; zwei hochkarätige Filme haben es bereits ins Kino geschafft. Zwar erwies sich „Der dunkle Turm“ als wenig erfolgreich, dafür brach „ES“ aber diverse Rekorde und mauserte sich zum Publikums- und Kritikerliebling. Bei all dem Hype sollte man aber die dritte King-Verfilmung dieses Jahres nicht vergessen. „Das Spiel“ (Originaltitel: „Gerald’s Game“), basierend auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1992, ist eine Netflix-Produktion, lief nur in wenigen Kinos in den USA und ist hierzulande ausschließlich bei besagtem Streamingdienst verfügbar. Anders als bei den anderen beiden King-Filmen handelt es sich bei „Das Spiel“ um eine weit intimere Geschichte ohne übernatürliche Einflüsse. Vor allem die ersten beiden Akte bauen ausschließlich auf Suspense, im dritten gibt es dann noch ein kurzes, aber ziemlich ekliges und schmerzhaftes Intermezzo, auf das ich hier aus Spoilergründen natürlich nicht näher eingehen werde.

Eine beliebte Quelle des Horrors sind in Kings Werken oftmals geradezu alltägliche Situationen, die einfach nur fürchterlich schief gehen. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Kurzgeschichte „In der Klemme“, in welcher der Protagonist in einem umgestürzten Dixieklo festsitzt und ihm die Scheiße buchstäblich bis zum Hals steht. Jessie in „Das Spiel“ befindet sich in einer ähnlichen, wenn auch nicht so ekligen Situation. Die Spannung derartiger Geschichten rührt natürlich nicht nur aus der Situation selbst, sondern auch daher, dass die Protagonisten gezwungen sind, sich mit den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit herumzuschlagen. Ironischerweise hat Jessie diesbezüglich einige Gemeinsamkeiten mit Beverly aus „ES“. Wie dem auch sei, der Fokus auf Jessie gibt Carla Gugino jedenfalls die Gelegenheit zu zeigen, wie gut und unterschätzt sie ist. Tatsächlich macht Regisseur Mike Flanagan mit sehr wenig sehr viel. Der Großteil des Films spielt in einem einzigen Raum und zeigt, wie Jessie gegen ihr Schicksal und den Wahnsinn ankämpft, der sich in Form von Illusionen ihrer selbst und ihres toten Mannes manifestiert. Und ein Kindheitstrauma spielt natürlich auch noch mit. „Das Spiel“ lebt regelrecht von Guginos und, in geringerem Maße, Bruce Greenwoods exzellentem Spiel. Trotz der fast schon minimalistischen Ausstattung schafft Flanagan es vorzüglich, die Spannungsschraube anzudrehen und das physische und psychische Martyrium, das die Protagonistin durchstehen muss, anschaulich und eindringlich zu inszenieren.

Fazit: „Das Spiel“ ist ein fieser, kleiner und intimer Psychohorrorfilm, in dem Carla Gugnio zeigen kann, was für eine exzellente Schauspielerin sie ist. Definitiv eine der besseren Stephen-King-Verfilmungen.

Bildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
ES

ES

Halloween 2017
es
Story: Eigentlich scheint Derry in Maine eine ganz gewöhnliche Kleinstadt zu sein, doch dem ist nicht so, denn alle 27 Jahre erwacht ES um zu morden. So auch im Oktober des Jahres 1988, in dem ES sich den kleinen Georgie Denbrough (Jackson Robert Scott) in der Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) einverleibt, was seinen großen Bruder Bill (Jaeden Lieberher) sehr mitnimmt. Im folgenden Sommer verschwinden immer mehr Kinder, sodass Bill und seine Freunde vom „Club der Verlierer“, die alle aus dem einen oder anderen Grund Außenseiter sind, auf ES aufmerksam werden. Zum Club gehören der übergewichtige Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), die angeblich promiskuitive Beverly Marsh (Sophia Lillis), der jüdische und mysophobe Stan Uris (Wyatt Oleff), der Hypochonder Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), der schwarze Mike Hanlon (Chosen Jacobs) sowie Richie Tozier (Finn Wolfhard), der seine Klappe nicht halten kann. ES quält sie schon bald mit ihren schlimmsten Ängsten, was die „Verlierer“ nicht einfach so tatenlos hinnehmen wollen. Doch können sie überhaupt etwas gegen ein Wesen wie ES ausrichten…?

Kritik: „ES“ dürfte wohl eines der bekanntesten Werke von Stephen King sein, nicht zuletzt wegen der Adaption als Miniserie aus dem Jahr 1990, in welcher Tim Curry Pennywise spielte. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich besagte Serie nie zur Gänze gesehen habe, höchstens Mal einen Ausschnitt hier und da. Den Roman habe ich ebenfalls nicht gelesen, zur Vorbereitung auf den Film habe ich allerdings begonnen, die Hörbuchfassung zu hören. Zwar bin ich noch nicht fertig (das Teil dauert 50 Stunden), aber ich bin doch immerhin schon weit genug, um ein paar Dinge zum Thema Vorlagentreue beisteuern zu können.

Die Neuverfilmung von „ES“ ist schon eine ganze Weile in Arbeit und wurde auch schon von einigen Regisseuren betreut, darunter David Kajganich und Cary Fukunaga, die endgültige Umsetzung übernahm dann allerdings der Argentinier Andy Muschietti, der 2013 bereits mit dem von Guillermo del Toro produzierten „Mama“ bewies, dass er einen Horrorfilm eindrucksvoll inszenieren kann. Die ersten Trailer von Muschiettis Neuverfilmung generierten einen ziemlich Hype, der sich nun auszuzahlen scheint, denn für einen Horror-Film mit R-Rating erweist sich „ES“ als äußerst erfolgreich. Der Film passt allerdings auch ziemlich gut zum Zeitgeist, schließlich gab es erst letztes Jahr diverse Probleme mit Horror-Clowns und zudem ist 80er-Jahre-Nostalgie gerade sehr angesagt. Dementsprechend wurden gegenüber der Vorlage auch einige Anpassungen vorgenommen.

Kings Roman spielt auf zwei Zeitebenen, die parallel erzählt werden. 1956/57 findet die erste Begegnung des „Clubs der Verlierer“ mit ES statt, die in ausführlichen Rückblicken geschildert wird. Etwas mehr als 27 Jahre später, nämlich 1985/86, kehrt ES zurück und die inzwischen erwachsenen Club-Mitglieder kehren in ihre alte Heimatstatt Derry zurück, um das Wesen abermals zu bekämpfen. Muschiettis Neuverfilmung erzählt nur von der ersten Begegnung in den 50ern, es gibt keine zwei Zeitebenen und Rückblicke (es wurde aber bereits ein Sequel für 2019 angekündigt). Zudem wird die Handlung zum Großteil ins Jahr 1989 (zufälligerweise mein Geburtsjahr) verlegt, wohl gerade, um sich die 80er-Nostalgie gleich doppelt zunutze zu machen. Nicht umsonst gibt es inhaltliche wie inszenatorische Parallelen zur Netflix-Serie „Stranger Things“, mit Finn Wolfhard teilen sich beide Projekte sogar einen Darsteller. Ansonsten folgt der Film dem 50er-Handlungsstrang des Romans verhältnismäßig genau, auch wenn es einige Unterschiede bei den Details gibt. Da King alles sehr, sehr ausführlich schildert, muss selbst eine zweigeteilte Verfilmung Abstriche machen. Der Film kompensiert und verschlankt vieles deutlich und hat auch keinerlei Probleme damit, diverse Details zu verändern, um eine stringente Geschichte zu erzählen. So werden unter anderem die Familienverhältnisse angepasst (im Roman sterben Mikes Eltern nicht durch ein Feuer, während Beverly nicht mit ihrem Vater allein lebt) und auch die Ängste der Protagonisten werden zum Teil verändert (so taucht das Bild, vor dem Stan sich fürchtet und das eine große Ähnlichkeit zur Titelfigur von Muschiettis „Mama“ aufweist, im Roman nicht auf). Darüber hinaus beschäftigt sich der Film noch nicht wirklich mit der Überbau des Romans bzw. mit der Wesenheit ES und seinen Hintergründen, die u.a. Verknüpfungen zu Kings Dunkler-Turm-Saga haben. Tatsächlich handelt es sich bei ES um eine uralte Entität, die noch von ungefähr an eine Lovecraft’sche Wesenheit erinnert. Diese Elemente des Kosmischen Horrors treten in der Neuverfilmung allerdings (noch?) kaum auf, es gibt lediglich einige subtile Andeutungen (etwa die Lego-Schildkröte).

Insgesamt ist „ES“ zu gleichen Teilen Horror- und Kinder-Abenteuerfilm (soll heißen: Abenteuer mit Kindern, nicht Abenteuer für Kinder). Interessanterweise funktioniert er als Letzteres fast besser. Die Horrorelemente des Films sind mitunter tonal etwas inkonsistent. Manchmal sind die Auftritte von Bill Skarsgårds Pennywise rechtschaffen enervierend und erschreckend (besonders, wenn sie metaphorisch mit dem Erwachsenwerden zusammenhängen), manchmal sind aber auch etwas zu übertrieben und over the top, so als könne sich Muschietti nicht so recht entscheiden, welche Art von Horror er inszenieren will. Das trifft besonders zu, wenn Pennywise seine CGI-Zähne auspackt, die nie so recht überzeugen können. Außerdem übertreibt es Muschietti etwas mit den Jump Scares. Das alles hängt jedoch nicht wirklich mit Skarsgårds Spiel zusammen – er macht seine Sache als mörderischer Clown sehr gut – sondern primär mit der Inszenierung. Der Spannungsbogen des Films ist allerdings ziemlich gut gelungen – „ES“ geht zwar über zwei Stunden, ist aber niemals langweilig.

Die größte Stärke des Films liegt bei den durchweg exzellenten Kinderdarstellern, die alle ausnahmslos hervorragende Arbeit abliefern und eine spürbare Chemie haben – und das bei durchaus anspruchsvollen Rollen. Mehr noch, Muschietti schafft es, sie zugleich authentisch und sympathisch in Szene zu setzen. Die beste darstellerische Leistung stammt zweifellos von Sophia Lillis, die als einziges Mädchen im „Club der Verlier“ und beinahe-Missbrauchsopfer die wohl schwierigste Rolle spielt, während Finn Wolfhard mit seiner großen Klappe das komödiantische Highlight darstellt. Natürlich kann der Film nicht jeder der Figuren die Zeit widmen, die sie im Roman bekommen, sodass manch einer vielleicht etwas zu kurz kommt. Aber im Großen und Ganzen gelingt es Muschietti und den Darstellern gut, die Charaktere plastisch, anschaulich und nachvollziehbar zu zeichnen. Ebenso gelungen ist der Score von Benjamin Wallfisch, der nach „A Cure for Wellness“ dieses Jahr schon zum zweiten Mal beweist, dass er ein exzellenter Horror-Komponist ist.

Fazit: „ES“ ist bezüglich der Horror-Elemente zwar nicht immer ganz rund, dank der guten Figurenzeichnung und der hervorragenden jugendlichen Darsteller aber im Großen und Ganzen eine gelungene Neuverfilmung des Romans von Stephen King.

Bildquelle

Trailer

Halloween 2017:
Prämisse
Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Halloween 2017
dracula
Er ist nach wie vor der bekannteste Vampir der Film- und Literaturgeschichte, sein Name wurde zum Teil sogar als Synonym für das Wort „Vampir“ verwendet. Darüber hinaus ist er auch eine der fiktiven Figuren, die am häufigsten in Film und Fernsehen adaptiert wurde – lediglich Sherlock Holmes kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen. Er ist der Archetyp eines ganzen Genres und jeder kennt seinen Namen. Dennoch haben nur verhältnismäßig wenig Leute tatsächlich Bram Stokers „Dracula“ gelesen – das Wissen um den „König der Vampire“ kommt zumeist durch kulturelle Osmose und setzt sich aus Bruchstücken aus Literatur, Film und Fernsehen zusammen. Dennoch, wer den Vampir in seiner heutigen Form verstehen möchte, kommt an „Dracula“ nicht vorbei. Stokers Roman markiert das Ende einer Tradition und den Beginn einer neuen. Auf die ausführliche Besprechung des „Königs der Vampire“ arbeite ich bereits hin, seit ich meine Serie „Geschichte der Vampire“ begonnen habe. Dieser Artikel setzt sich ausführlich und ausschließlich mit Stokers Roman auseinander.

Inhalt und Form
Der junge Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien, um dem dort ansässigen reichen Edelmann Graf Dracula beim Kauf diverser Immobilien in England behilflich zu sein. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass sein Gastgeber ein blutdürstiger Vampir ist, der nach England umsiedeln möchte, um dort neue Opfer zu finden. Er lässt Jonathan in den Klauen seiner drei Gespielinnen zurück und reist per Schiff nach England. In Whitby, dem Ort seiner Ankunft, verbringt gerade Mina Murray, Jonathan Harkers Verlobte, ihre Ferien mit ihrer Freundin Lucy Westenra. Lucy wird zu Draculas erstem Opfer. Obwohl ihr Verlobter Arthur Holmwood sowie Lucys ehemalige Verehrer John Seward und Quincey Morris sowie Sewards Mentor Abraham van Helsing alles daran setzen, Lucy zu retten, scheitern sie. Lucy stirbt und wird zur Untoten, die letztendlich von denen, die sie während ihres Lebens geliebt haben, erlöst werden muss. Mina erfährt derweil, dass Jonathan in halb verrücktem Zustand von Nonnen gefunden wurde und gegenwärtig gesund gepflegt wird. Sie reist nach Osteuropa, wo sie Jonathan so schnell wie möglich heiratet. Die Ereignisse, die zu Jonathan temporärer geistiger Umnachtung geführt haben, hat der junge Anwalt vorerst verdrängt, er gibt Mina allerdings sein Tagebuch. Zuerst weigert sie sich, es zu lesen, nachdem sie von Lucys Tod erfährt und Jonathan meint, den Grafen in London gesehen zu haben, liest sie es dann doch. Schließlich tragen alle Beteiligten ihre Informationen zusammen – nicht nur Jonathan, auch van Helsing, Holmwood, Morris und Seward sind sehr daran interessiert, Dracula ein für alle Mal auszuschalten. Es gelingt ihnen, die Zufluchtsstätten Draculas in England unbrauchbar zu machen, derweil wird Mina allerdings zum nächsten Opfer des Grafen. Seiner Rückzugsorte beraubt flieht der Graf zurück in seine Heimat, verfolgt von den Vampirjägern, die sich mit dem Untoten ein Wettrennen nach Transsylvanien liefern, um Mina vor dem Schicksal zu bewahren, das Lucy ereilte. Es gelingt ihnen schließlich, den Grafen aufzuhalten, kurz bevor er das Schloss erreicht – nur Quincey Morris erleidet dabei eine tödliche Verletzung, freut sich aber darüber, dass sein Opfer es ermöglicht, Dracula aufzuhalten und Mina zu retten.

Diese ganzen Geschehnisse werden in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Zeitungsausschnitten oder anderen relevanten Dokumenten präsentiert, gesammelt und sortiert von den Protagonisten als Chronik der Ereignisse. Dieser Umstand dominiert die Form des Romans – während Briefe und Zeitungsausschnitte zumeist als kürzere Interludien funktionieren, nehmen die Tagebucheinträge den meisten Raum ein, wobei Jonathan Harker, Mina Harker und John Seward die dominantesten Erzähler sind. Der mit Abstand gelungenste Teil des Romans ist das erste Drittel, in dem Jonathan Harker nach Transsylvanien reist, die dunklen Omen und Warnungen der Einheimischen ignoriert, dann aber langsam feststellt, dass sein Gastgeber ein Vampir ist. Dieser Abschnitt des Romans ist am atmosphärischsten und spannendsten, auch weil er sehr fokussiert ist und sich ausschließlich auf Jonathans wachsenden Schrecken konzentriert. Die anderen beiden Drittel des Romans zerfasern etwas, vor allem der Mittelteil zieht sich ein wenig. Lucys langsame Verwandlung in eine Vampirin ist ebenfalls gelungen, wird aber immer wieder von relativ uninteressanten Interludien unterbrochen. Ein besonders auffälliges Element ist der Umstand, dass Dracula nach dem ersten Drittel kaum mehr als Figur auftaucht, sondern eher zu einer bedrohlichen Präsenz im Hintergrund wird, was dramaturgisch relativ gut funktioniert. In dieser Hinsicht ist lediglich das eigentliche Ende des Romans (bzw. des Vampirs) etwas enttäuschend: Nach einer Verfolgungsjagd von England nach Transsylvanien darf der Graf nicht einmal mehr selbst Hand an seine Verfolger legen, sondern wird ganz passiv in seiner Transportkiste von Jonathan und Quincey abserviert. Letzteren darf er nicht einmal persönlich umbringen – insgesamt ist das ganze Finale ziemlich knapp und antiklamktisch; die meisten Adaptionen erweitern es oder ändern es völlig ab.

Entstehung
Angeblich basiert die Grundidee für „Dracula“ auf einem Traum, den Stoker hatte und der sich im Roman in Form der Begegnungen mit den drei Gespielinnen Draculas wiederfindet. Dabei handelt es sich allerdings eher um eine Anekdote denn eine tatsächliche Gegebenheit. Fakt ist allerdings, dass Stoker definitiv von seinen direkten Vorgängern stark beeinflusst wurde: Sowohl „The Vampyre“ als auch „Varney the Vampire“ und vor allem „Carmilla“ hatten großen Einfluss auf das Schaffen des irischen Schriftstellers und beeinflussten seine Darstellung des Vampirs. Die Inspiration für den Titelschurken stammt allerdings aus anderer Quelle – und es handelt sich dabei auch nicht um Vlad Țepeș. Stattdessen findet sich in Dracula, seinem Auftreten und Gebahren, seinen guten Manieren, seiner Arroganz und Grausamkeit vor allem der Schauspieler Henry Irving wider. Zwischen 1878 und 1898 arbeitete Stoker im Lyceum Theatre in London, das während eben dieses Zeitraums von Irving geleitet wurde. Ursprünglich beabsichtigte Stoker, „Dracula“ im Lyceum mit Irving in der Titelrolle zur Aufführung zu bringen, doch Irving sagte die Idee nicht zu, da ihm der Stoff zu trivial erschien, weshalb Stoker sein Werk schließlich in Romanform veröffentlichte.

Und Vlad Țepeș? Ursprünglich hatte Stoker überhaupt nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark in Österreich als Heimat für seinen Vampir auserwählt – hier zeigt sich noch einmal der Einfluss von Sheridan Le Fanus „Carmilla“. In der Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren sollte, von Stoker aber verworfen und später von seiner Witwe Florence Stoker posthum veröffentlicht wurde, findet sich noch ein letzter Hinweis auf diesen Umstand. Der namenlose Erzähler (theoretisch müsste es sich dabei um Jonathan Harker handeln) stößt in einem verlassenen Dorf in der Nähe von München auf die Gruft einer Vampirin, die von der Inschrift als „Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark“ identifiziert wird.

Im frühen Stadium trug der Schurke von Stokers Werk (und damit auch das Werk selbst) noch den Namen „Count Wampyr“. Erst durch den Orientalisten Arminius Vámbéry kam Stoker auf die Idee, Anfang und Ende der Handlung nach Osteuropa zu verlegen. Vámbéry erzählte Stoker auch von Vlad III., genannt „Dracula“ (bzw. „Drăculea“), dem „Sohn des Drachen“ oder „Sohn des Teufels“. Es gilt inzwischen allerdings als gesichert, dass Stoker nicht allzu viel über Vlad III. wusste, denn die tatsächlichen Verweise auf die historische Figur, die im Roman zu finden sind, bleiben vage und unspezifisch, was angesichts des bewegten Lebens, das Vlad führte, äußerst merkwürdig ist. Noch dazu sind fast alle Details falsch: Vlad III. herrschte niemals in Transsylvanien und besaß auch kein Schloss am Borgo-Pass, stattdessen regierte er die Walachei und war auch kein Graf, sondern Voivode (was sich am ehesten mit „Fürst“ übersetzen lässt; zugegebenermaßen wird dieser Titel im Roman einmal von van Helsing erwähnt). Und obwohl er ein blutrünstiger Schlächter war, hat der Beiname Drăculea, im Gegensatz zu einem anderen Beinamen (Țepeș, der Pfähler) nichts damit zu tun. Vlads Vater, Vlad II., wurde von Kaiser Sigismund in den Drachenorden, einen Ritterorden zum Schutz der Christenheit, aufgenommen und erhielt deshalb den Beinamen „Dracul“, „der Drache“. Somit war Vlad III. der Sohn des Drachens. Lange Rede, kurzer Sinn: Dracula hat mit dem historischen Vlad Drăculea bis auf den Namen und den üppigen Schnurrbart eigentlich nichts gemein, die Verknüpfung zwischen dem Vampir und dem nicht minder blutrünstigen Herrscher der Walachei wurde erst in späteren Adaptionen der Vorlage geschaffen.

Deutungen
Es gibt eine Vielzahl an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten für „Dracula“ – ich will hier nur in aller gebotenen Knappheit einige Ansätze präsentieren, da dieser Artikel sonst völlig ausarten würde. Besonders beliebt ist der Ansatz, dass es sich bei Dracula um eine Repräsentation des im viktorianischen Zeitalter stark unterdrückten Sexualtriebs handelt, der die Reinheit (oder Prüderie) der viktorianischen Dame, vertreten durch Mina Harker und Lucy Westenra, befleckt. In diesem Zusammenhang kann der Vampirismus als Geschlechtskrankheit interpretiert werden, oder als unterdrückte Homosexualität, oder als Freisetzung des Freud’schen „Es“. Apropos Freud, der Madonna/Hure-Komplex ist auch nicht weit entfernt: Die Frauen in „Dracula“ sind entweder pure, reine Wesen, die von den Männern überhöht werden (Mina, Lucy als Mensch) oder lüsterne Dämoninnen (Draculas Gespielinnen, Lucy als Vampirin) – Zwischentöne gibt es nicht.

Und dann wären da noch die gesellschaftlichen bzw. politischen Deutungen. Mit Ausnahme Arthur Holmwoods handelt es sich bei den Vampirjägern um aufgeklärte Vertreter des Bürgertums, die gegen einen blutsaugenden Adeligen, einen Vertreter einer alten und überkommenen Ordnung kämpfen – so kann „Dracula“ auch als Versinnbildlichung einer bürgerlichen Revolution gesehen werden. Damit einher geht die Deutung des Konflikts im Roman als Kampf zwischen Fortschritt und Rückschritt bzw. Aufklärung und Magie. Zwar wird die dogmatische Leugnung des Übernatürlichen als fatal dargestellt – letztendlich müssen die Protagonisten auf unangenehme Weise lernen, dass das Übernatürliche real ist – aber dennoch wird es als etwas bekämpft, das in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Mehr noch, die Vampirjäger unterwerfen sich letztendlich nicht seinen Regeln. Dracula selbst stirbt, anders als Lucy, nicht durch den Holzpflock, die traditionelle Waffe im Kampf gegen Vampire, sondern durch Jonathan Harkers Kukri und Quincy Morris‘ Bowiemesser, zwei verhältnismäßig moderne Waffen.

Und schließlich wäre da noch die persönlichere Deutung, derzufolge Stoker sich selbst und die Personen seines Umfelds auf dualistische Weise in den Roman eingearbeitet hat: Das Zentrum seines beruflichen Lebens und seiner Bewunderung, Henry Irving, wird dieser Interpretation zufolge in seinen positiven Aspekten von van Helsing repräsentiert, in seinen negativen von Dracula, während Stoker sich selbst, schwankend zwischen Bewunderung und Abhängigkeit, in Form von Jonathan Harker und dem Wahnsinnigen Renfield, der sich vom Grafen ewiges Leben erhofft, in die Geschichte einarbeitete. Mina und Lucy repräsentieren dann seine Frau Florence, während die beiden Trios des Romans, die Vampirjäger und die drei Vampirinnen, Irvings persönlich Entourage darstellen sollen.

Dracula und Stokers Vampire
Es gibt ein Element, das Dracula von fast allen seinen Vorgängern unterscheidet, die ich im Rahmen von „Geschichte der Vampire“ besprochen habe: Bram Stokers Graf Dracula ist als Figur absolut nicht ambivalent, er ist einfach nur böse. Nachdem man Jahrzehnte lang Filme gesehen hat, in denen Dracula romantisch involviert war, mit Gewissensbissen haderte oder sein Schicksal beklagte, mag das seltsam erscheinen, aber der Vampire im Roman besitzt keine dieser Eigenschaften, keine Ambivalenz, keine Reue, keine Spur von romantischer Veranlagung, er ist nicht einmal besonders attraktiv oder anziehend (allerdings auch nicht so hässlich wie Graf Orlok). Zwar fungierten Lord Ruthven und Carmilla ebenfalls als die Antagonisten ihrer jeweiligen Geschichte, beide bauten aber auch innige Beziehungen zu den jeweiligen Protagonisten auf, wurden Freunde, Mentoren oder gar Geliebte, sodass sich ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelte. Sir Francis Varney schließlich ist der Prototyp des sympathischen Vampirs, auch wenn er zumindest am Anfang von „Varney the Vampire“ noch eine antagonistische Rolle einnahm. Dracula mag wie Ruthven ein Adeliger sein und es nicht auf Familienmitglieder, sondern auf schöne junge Frauen abgesehen haben, aber auf rein konzeptioneller Ebene lässt er sich am ehesten mit den Vampiren aus „Die Familie des Wurdalak“ vergleichen. Sowohl bei Tolstoï als auch bei Stoker bleibt nach der Vampirwerdung kaum etwas von der ursprünglichen Persönlichkeit des Menschen übrig. Natürlich verrät der Roman nicht, wie Dracula als Mensch war, aber als Leser erlebt man, wie sich Lucy Westenra durch die Vampirwerdung verändert. Zwar erinnert sie sich noch daran, dass sie mit Arthur verlobt war, doch dabei handelt es sich bestenfalls um Rückstände ihres früheren Ichs, die keine Einfluss auf das Monster haben, zu dem sie geworden ist. Nur in einer einzigen Szene des Romans zeigt Dracula ein wenig Ambivalenz, nämlich im Gespräch mit Jonathan Harker im ersten Drittel des Romans. Dort, und nur dort, gibt sich der Graf ein wenig melancholisch. Doch selbst dabei scheint es sich um eine Täuschung des Monsters zu handeln. Fast jede Adaption des Romans, selbst die, in denen Dracula immer noch eindeutig der Schurke ist, haben ihm zumindest den einen oder anderen zusätzlichen sympathischen Zug verliehen, von späteren Versionen, in denen er zum romantischen Antihelden mutiert, gar nicht erst zu sprechen. Aber vielleicht eignet sich Stokers Dracula gerade wegen seiner Eindimensionalität so gut als Archetyp: Dracula ist DER böse Vampir, ohne Schattierungen, und als solcher kann er als Sprungbrett in alle möglichen Richtungen fungieren.

Was die Darstellung des Vampirs im Allgemeinen angeht, so orientiert sich Stoker durchaus an seinen Vorgängern, wo diese aber zum Teil vage und unklar blieben, schafft Stoker fast schon mechanische Gesetzmäßigkeiten: Der Vampir muss Blut trinken, um zu überleben, altert nicht und kann sich sogar verjüngen, er muss in der Erde seiner Heimat schlafen, er kann sich in Tiere (Wölfe, Fledermäuse, Ratten) und Nebel verwandeln, er muss eingeladen werden, um ein Gebäude betreten zu können, sobald er jedoch einmal eingeladen wurde, wird man ihn kaum wieder los. Er hat kein Spiegelbild und keinen Schatten, Knoblauch und christliche Symbole schrecken ihn ab, fließendes Wasser kann er nicht (bzw. nur in einer Kiste schlafend) überqueren, seine Gestalt kann er nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verändern und den Tag muss er in der Gestalt verbringen, die er in der Nacht gewählt hat. Töten kann man ihn, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, ihm den Kopf abschlägt und Knoblauch in den Mund stopft (obwohl sich ja bereits im Roman auch diverse Messer als äußerst wirkungsvoll erweisen). Diese Gesetzmäßigkeiten, zusammen mit dem Tod durch Sonnenlicht, der in Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ etabliert wurde, gelten als Vampirstandard und haben sich inzwischen im kulturellen Unterbewusstsein verankert.

Normalerweise würde ich nun noch weiter über das Vermächtnis des Werkes und das Fortleben der Figur in Adaptionen und anderen Werken schreiben, aber bei „Dracula“ ufert das derartig aus, das noch einige weitere Artikel folgen werden, die sich mit der Darstellung des Grafen in Film und Fernsehen, Comic und Anime, weiteren Romanen sowie Hörbüchern und -spielen auseinandersetzen werden.

Bildquelle

Geschichte der Vampire:
The Vampyre
Die Familie des Wurdalak
Varney the Vampire
Carmilla
Nosferatu

Lovecrafts Vermächtnis: The Courtyard/Neonomicon/Providence

Halloween 2017
providence
Es dürfte kaum verwundern, dass auch Alan Moore, Platzhirsch des amerikanischen Comics, Wegbereiter der Graphic Novel (auch wenn er diesen Begriff strikt ablehnt) und Autor solcher Meisterwerke wie „Watchmen“, „From Hell“ oder „V wie Vendetta“, sich mit H. P Lovecraft beschäftigt hat, besonders, da Moore eine große Vorliebe für das Okkulte und Metaphysische besitzt. Bereits 1994 verfasste Moore die Prosa-Kurzgeschichte „The Courtyard“, die die Grundlage für seine zukünftige literarische Beschäftigung mit Lovecraft bilden sollte. „The Courtyard“ erzählt die Geschichte des FBI-Agenten Aldo Sax, der mehrere Ritualmorde untersucht und sich dabei der „Anomalie-Theorie“ bedient, mit deren Hilfe er Verbindungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen sieht, indem er die „anomalen Fakten“ aussondert. So folgt er der Spur der Droge Aklo und eines Mannes namens Johnny Carcosa und versteht schließlich, dass es sich bei Aklo nicht wirklich um eine Droge handelt, sondern um eine Sprache, die Menschen durch die Offenbarung metaphysischer Wahrheiten in den Wahnsinn treiben kann und Aldo letztendlich dazu bringt, seinerseits einen brutalen Ritualmord zu begehen. Schon allein an der Namensgebung lassen sich viele Lovecraft’sche Elemente feststellen: Die Geschichte spielt im New Yorker Stadtteil Red Hook, in dem auch Lovecrafts „The Horror at Red Hook“ spielt, Aklo ist eine Sprache, die ursprünglich in den Werken Arthur Machens auftauchte und die Lovecraft als Hommage auch in einige seiner Geschichten integrierte (u.a. „The Dunwich Horror“ und „The Haunter of the Dark“), Johnny Carcosa verweist auf Robert W. Chambers „The King in Yellow“ und der Nachclub „Club Zothique“ ist eine Anspielung auf den fiktiven Kontinent des Lovecraft-Freundes Clark Ashton Smith, während Band und Songs, die im Club spielen bzw. gespielt werden, wiederum nach Lovecraft-Geschichten benannt sind.

2003 wurde „The Courtyard“ als zweiteilige Comicminiserie von Autor Antony Johnston und Zeichner Jacen Burrows adaptiert. Vor allem die Paneleinteilung dieser Adaption ist interessant, da sie nicht den gewöhnlichen Konventionen folgt. Mit der Ausnahme von Aldo Sax‘ Vision, in der die eine oder andere bekannte Gottheit auftaucht, finden sich pro Seite jeweils nur zwei vertikale Panels. 2012 erschien eine Fortsetzung, abermals gezeichnet von Jacen Burrows, dieses Mal aber ohne Prosaversion und Adaption, Alan Moore verfasste das Skript zur vierteiligen Miniserie „Neonomicon“ selbst.

„Neonomicon“ greift die Handlung von „The Courtyard“ relativ direkt auf: Nach den Ereignissen des Vorgängers sitzt Aldo Sax in einer psychiatrischen Klinik und gibt nur sinnloses Gebrabbel von sich (der geneigte Leser weiß freilich, dass es sich dabei um Aklo handelt). Doch die Mordserie geht weiter, weshalb die FBI-Agenten Lamper und Brears in Red Hokk weiter ermitteln und nach Johnny Carcosa suchen. Dies bringt sie zum Esoterischen Orden des Dagon, einer Gruppe, die die Geschichten von H. P. Lovecraft ein wenig zu ernst nimmt. Lamper und Brears infiltrieren den Orden, fliegen aber bald auf. Wie sich herausstellt, haben die Kultisten tatsächlich Kontakt zu einem Tiefen Wesen. Während Lamper das zeitliche segnet, soll sich Brears mit der Fischkreatur paaren und zur Mutter eines Hybriden werden. Im deutschsprachigen Raum ist „Neonomicon“ unter diesem Titel zusammen mit der Comicversion von „The Courtyard“ in einem Band bei Panini erschienen.

Laut eigener Aussage verfasste Moore „Neonomicon“ primär, weil er wegen einer ausstehenden Steuerzahlung noch Geld benötigte, aber dennoch verfolgte Moore die Ideen aus „The Courtyard“ und „Neonomicon“ in der zwölfteiligen Serie „Providence“ weiter. Anders als die ersten beiden Geschichten spielt „Providence“ nicht in der Gegenwart, sondern im Jahr 1919, also zu der Zeit, also Lovecraft mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. Robert Black, seines Zeichens Reporter, schwul und angehender Schriftsteller, reist durch Neuengland, um für seinen großen amerikanischen Roman zu recherchieren und trifft dabei auf allerlei merkwürdige Gestalten und Vorkommnisse, die den kundigen Leser an diverse Lovecraft-Geschichten erinnern. Ohne es zu wissen führt sein Weg Black schließlich nach Providence, wo er H. P. Lovecraft in Person trifft.

Bezüglich der Struktur erinnert „Providence“ an „Watchmen“: Die Serie besteht aus zwölf Ausgaben (von Panini hierzulande in drei Paperbacks veröffentlicht), wobei der jeweiligen Ausgabe immer noch ein Prosateil beiliegt, zumeist Ausschnitte aus Blacks Tagebuch, mitunter aber auch Dokumente, die er auf seiner Reise findet. Auch inhaltlich gibt es gewisse Parallelen zu „Watchmen“, denn „Providence“ (unter Einbeziehung von „The Courtyard“ und „Neonomicon“) ist eine umfassende Metaauseinandersetzung mit H. P. Lovecrafts Werken, so wie „Watchmen“ eine umfassende Metaauseinandersetzung mit dem Superheldengenre ist. Das bedeutet allerdings auch, dass Moore nicht immer „im Geiste“ Lovecrafts schreibt. Vor allem in „Neonomicon“ bemüht sich Moore explizit, Dinge zu thematisieren, die Lovecraft nur andeutet oder die von seinen Nachfolgern meistens ausgeklammert werden (etwa der Rassismus oder die höchst unangenehmen sexuellen Implikationen). „Providence“ führt diese Tendenz zwar fort, ist aber durchdachter und besser ausgearbeitet, während man bei „Neonomicon“ mitunter das Gefühl nicht los wird, Moore habe es vor allem auf die eine oder andere Grenzüberschreitung und Provokation abgesehen. Diese finden in „Providence“ zwar ebenfalls statt, sind aber besser kontextualisiert.

Der Metaaspekt, schon in „Neonomicon“ unzweifelhaft vorhanden, wird in „Providence“ endgültig zur treibenden Kraft. Vor allem die ersten Ausgaben nehmen sich jeweils eine oder mehrere Lovecraft-Geschichten vor und spielen diese mit Robert Black als Protagonist mal mehr, mal weniger vorlagengetreu durch und kommentieren sie zugleich. Es beginnt mit den weniger bekannten Frühwerken wie „Cool Air“ oder „The Horror at Red Hook“, bevor die Hefte populärere Geschichten wie „Shadow over Innsmouth“, „The Dunwich Horror“, „The Thing on the Doorstep“ oder „Pickman’s Model“ widerspiegeln. Robert Black bewegt sich dabei allerdings nicht im fiktionalisierten Neuengland Lovecrafts (Städte wie Innsmouth oder Arkham tauchen nicht auf), stattdessen reist er durch ein realistischeres Neuengland, dass sich langsam in Lovecrafts Neuengland verwandelt. Manche der Lovecraft’schen Elemente bekommen Substitute; so fungiert etwa das real existierende Kitab Al-Hikmah Al-Najmiyyaon, das „Buch über die Weisheit der Sterne“, als Ersatz für das allseits bekannte und beliebte Necronomicon.

Im weiteren Verlauf nehmen die Lovecraft-Anspielungen und Verarbeitungen immer weiter zu, ebenso wie die Metaebene, bis Moore am Ende auch noch die losen Fäden von „The Courtyard“ und „Neonomicon“ aufgreift und alles zu einem höchst abstrakten Ende verbindet. „Providence“ (und mit Abstrichen auch die beiden Vorgänger) sind nicht einfach nur Comics, die in der von Lovecraft geschaffenen Welt spielen oder diese kommentieren, es handelt sich um eine detaillierte literarische Auseinandersetzungen mit seinem Werk. Moore schreckt dabei vor äußerst expliziten Szenen und äußerst unangenehmem Material nicht zurück – „Providence“ ist weder leicht zu lesen, noch wird man als Konsument in irgendeiner Form geschont; die Ab-18-Empfehlung auf der Rückseite und der Umstand, dass die Paperbacks nur eingeschweißt verkauft werden, sind völlig gerechtfertigt. Dennoch ist die Lektüre dieser Comics für den Lovecraft-Fan und -Liebhaber ungemein wertvoll und belohnend – und zu allem Überfluss auch noch von Jacen Burrows exzellent und atmosphärisch in Szene gesetzt.

Fazit: „The Courtyard“, „Neonomicon“ und „Providence“ sind zusammen eine detaillierte, umfangreiche und schonungslose Auseinandersetzung mit den Werken und dem Vermächtnis H. P. Lovecrafts. Wenn es so etwas wie DAS definitive Lovecraft-Metawerk geben sollte, dann hat Alan Moore es hiermit geschaffen.

Bildquelle

Halloween 2017:
Prämisse

Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival
Cthulhu in Westeros

Aktuell: Halloween 2017


Nachdem ich mir letzte Woche eine kleine Pause gegönnt habe, geht es nun wieder voll zur Sache. Der obligatorische herbstliche Themenmonat steht an, und da ich einiges geplant habe, starten wir schon im September. Unter anderem will ich das eine oder andere schon länger geplante Großprojekt umsetzen, zur einen oder anderen Artikelreihe noch etwas beisteuern und mindestens ein aktuelles Ereignis steht ebenfalls auf der To-Do-Liste (das oben eingebettete Musikstück gibt einen subtilen Hinweis). Dazu kommen noch ein paar Rezension zu sonstigen Horror-Filmen aus meinem DVD- bzw. BD-Stapel und der Netflix- bzw. Amazon-Prime-Watchlist In diesem Sinne: Freuen wir uns auf einen erschreckenden Herbst.