The Dracula Tape

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So richtig populär wurde der Vampirprotagonist bzw. der „sympathische Vampir“ erst in den 90ern, allerdings finden sich bereits in den 60ern und 70ern erste Vorreiter, etwa in Gestalt von Barnabas Collins in der Fernsehserie „Dark Shadows“ (1966 bis 1971). Literarisch salonfähig wurde das Konzept schließlich dank zweier Romane, die beide in den 70ern erschienen. Der eine ist natürlich Anne Rice‘ „Interview with the Vampire“, zweifelsohne ein essentieller Meilenstein der Vampirliteratur, aber Dracula selbst hatte auch einen gewissen Anteil an der sich abzeichnenden Entwicklung. Während der Vampirgraf in den in diesem Zeitraum erscheinenden Hammer-Filmen noch als typischer böser Vampire unterwegs war, beschloss der bekannte Fantasy- und Science-Fiction-Autor Fred Saberhagen (1930 bis 2007) in seinem Roman „The Dracula Tape“, ausnahmsweise einmal Draculas Sicht auf die Dinge zu schildern.

Ironischerweise hat „The Dracula Tape“, erschienen 1975, also gerade mal ein Jahr vor Rice‘ Roman, einige andere interessante Gemeinsamkeiten mit „Interview with the Vampire“: In beiden erzählt ein Vampir nicht nur aus seinem Leben, sondern versucht auch, viele Dinge bzgl. der vampirischen Natur „richtig zu stellen“. Während „Interview“ aber eine völlig eigenständige Geschichte erzählt, hangelt sich Saberhagen an Stokers Roman entlang. Konzipiert ist das Ganze als Abschrift einer Tonbandaufnahme (daher der Titel, in der deutschen Übersetzung lautet er stattdessen „Die Geständnisse des Grafen Dracula“). Die Handlung ist freilich dieselbe wie bei Stoker, zumindest vordergründig: Mithilfe des Anwalts Jonathan Harker möchte Dracula nach London umsiedeln und erwirbt zu diesem Zweck das heruntergekommene Anwesen Carfax. Harker findet heraus, dass sein Gastgeber ein Vampir ist und bleibt auf dem Schloss des Grafen zurück, während dieser auf dem russischen Schoner Demeter nach England übersetzt und schließlich in Whitby ankommt. Dort entsteht ein Kontakt zu Lucy Westenra, der besten Freundin von Jonathan Harkers Verlobter Mina Murray – beide machen zufällig gerade in Whitby Urlaub. Über Lucy geraten, wie üblich, ihr Verlobter Arthur Holmwood, dessen Freunde Quincey Morris und John Seward sowie Sewards Lehrmeister Abraham Van Helsing in die Angelegenheit. Nachdem Lucy zur Vampirin geworden ist, macht man gemeinsam Jagd auf sie und schließlich, nach ihrem endgültigen Tod, auf den Grafen. So weit, so bekannt.

Aus Draculas eigener Perspektive ergeben sich allerdings völlig andere Charakterisierungen und Motivationen der Figuren. Der Graf selbst zeichnet sich in seinem Geständnis zwar nicht als völlig „guter“, aber doch als nobler und deutlich weniger böswilliger Vampir, der vor allem im ersten Drittel von Jonathan Harker konsequent falsch verstanden und interpretiert wird. Der Vorfall mit „Draculas Bräuten“, die hier die Namen Anna, Wanda und Melisse tragen, ist zwar „authentisch“, aber alles andere nicht. Dracula hat hier deutlich weniger Kontrolle über sie, als es eigentlich den Anschein hat – tatsächlich versuchen die drei am Ende, ihn durch eine Intrige zu töten. Während Jonathan Harker in diesem Kontext noch halbwegs gut wegkommt und Dracula sogar zähneknirschenden Respekt äußert, ist Van Helsing hier das wahre Monster, ein zum Teil inkompetenter Fanatiker, der bereits zuvor „unschuldige“ Vampire vernichtete und seinem Feldzug alles und jeden opfert.

Lucy und Mina dagegen gehen echte Romanzen mit Dracula ein. Ursprünglich hat Dracula überhaupt nicht vor, Lucy zur Vampirin zu machen, zur Tragödie kommt es überhaupt erst, weil Van Helsing sich an einer Bluttransfusion versucht. Tatsächlich war diese Methode zu Stokers Zeit gerade konzipiert worden, das Konzept der Blutgruppen hatte man allerdings noch nicht entdeckt, dies geschah erst 1900 durch Karl Landsteiner, also drei Jahre nach Erscheinen des Romans. Saberhagen schildert die korrekten Folgen einer fehlerhaften Bluttransfusion, als Folge verwandelt Dracula Lucy, um sie vor dem Tod zu retten. Dieser ereilt sie natürlich trotzdem in Form eines Holzpfahls. Auch Mina kann Dracula von seinen eigentlich hehren Absichten überzeugen, sodass sie gemeinsam mit dem Grafen eine Intrige ausheckt, um die Vampirjäger konsequent in die Irre zu führen. Dies gipfelt schließlich in einer gefakten Tötung Draculas, die zur Folge hat, dass der Graf viele Jahre später seine Geschichte erzählen kann.

Saberhagens Roman ist eine Mischung aus Parodie und liebevoller Hommage, bei der der Horror-Aspekt natürlich verloren geht, da wir die ganze Geschichte aus der Perspektive des vermeintlichen Monsters erleben. Ein derartiges Werk verlangt intime Kenntnisse von Stokers Roman, die zweifelsohne gegeben sind. Dabei muss allerdings angemerkt werden, dass die Umdeutung der Ereignisse nicht immer gleich gut funktioniert. Gerade im ersten Drittel wirkt es mitunter recht bemüht: Saberhagen behält die Dialoge aus Stokers Roman eins zu eins bei, wandelt sie aber in immer neue Missverständnisse um, die oft allzu gekünstelt wirken. Deutlich besser kann er in Whitby und London arbeiten: Hier tritt der Graf in Stokers Roman kaum auf, sondern arbeitet lediglich hinter den Kulissen, dementsprechend hat Saberhagen hier viel mehr Freiheit und ist nicht mehr völlig an den Text des Romans gebunden. Dieser wird, nebenbei bemerkt, immer wieder zitiert, da Dracula Zugang zu den „gesammelten Aufzeichnungen“ der Vampirjäger (sprich: Stokers Roman) hat und diesen immer wieder auf äußerst amüsante Weise kommentiert. Saberhagen baut in diesem Kontext immer wieder ironische Brechungen ein, etwa wenn Dracula sich darüber mokiert, dass er in England ständig und scheinbar zufällig Bekannten Jonathan Harkers über den Weg läuft.

Es sollte zudem erwähnt werden, dass Dracula hier ganz eindeutig als Vlad Țepeș identifiziert wird. Das kommt wohl nicht von ungefähr, 1972 erschien „In Search of Dracula“ von Radu Florescu und Raymond T. McNally, wodurch die These, Stoker sei von Vlad Țepeș zu Dracula inspiriert worden, populär wurde. Obwohl Forscher wie Elizabeth Miller das inzwischen widerlegten, hält sich die Gleichsetzung Draculas mit Vlad III. hartnäckig in der Popkultur und gehört in diesem Kontext mehr oder weniger zum guten Ton – auch diesbezüglich könnte Saberhagen ein Vorreiter gewesen sein.

Wer sich von „The Dracula Tape“ eine ähnlich tiefgründige Erforschung des Vampirzustands erhofft, die „Interview with the Vampire“ bietet, wird wohl enttäuscht werden. Dieser Dracula ist zwar einerseits weit entfernt vom fast absoluten Bösen seines Stoker-Gegenstücks, hadert aber auch nicht besonders mit seiner Vampirnatur und schein wenig Probleme damit zu haben, sich von Tierblut zu ernähren bzw. seine Opfer nicht zu töten. Saberhagen vermittelt nur selten ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, ein Vampir zu sein, etwas, das Anne Rice wie keine andere Autorin vermitteln kann.

Dennoch erwies sich „The Dracula Tape“ als sehr einflussreich. Nicht nur verfasste Fred Saberhagen eine ganze Reihe von Fortsetzungen, in denen Dracula u.a. auf Sherlock Holmes trifft, wann immer der Graf positiver dargestellt wird, meint man, Saberhagens Einfluss zu spüren – das trifft besonders auf „Bram Stoker’s Dracula“ zu. Coppolas Adaption stellt quasi einen Kompromiss zwischen Stokers und Saberhagens Dracula dar, was den Verantwortlichen durchaus nicht entging, weshalb sie Saberhagen baten, die Romanadaption des Films zu verfassen. Schon ein wenig merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Fred Saberhagen der Autor eines Buches mit dem Titel „Bram Stoker’s Dracula“ ist…

Fazit: „The Dracula Tape“ ist nicht nur eine amüsante Parodie von Stokers Roman, die aus dem monströsen Vampirgrafen einen Antihelden macht, sondern auch ein enorm einflussreicher Vampirroman.

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Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Secret Origin
Dracula: Sense & Nonsense

Taste the Blood of Dracula

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Story: William Hargood (Geoffrey Keen), Samuel Paxton (Peter Sallis) and Jonathon Secker (John Carson) geben sich als aufrechte, moralische Mitglieder der Gesellschaft, suchen in Wahrheit aber nach immer größeren Versuchungen. Das, was ihnen die Londoner Bordelle anbieten, reicht schon bald nicht mehr aus. Da kommt der mysteriöse Lord Courtley (Ralph Bates) gerade recht, denn er verspricht nie geahnte Verderbnis. Zu viert bereiten sie ein spezielles, satanisch anmutendes Ritual vor, zu dessen Bestandteilen unter anderem auch das getrocknete Blut Draculas sowie der Umhang des Vampirgrafen gehört. Das Ritual scheint jedoch schiefzugehen und endet im Tod Lord Courtleys. Unbemerkt von den drei Gentlemen verwandelt sich Courtleys Leichnam allerdings bald in Dracula (Christopher Lee) – und diesen dürstet es nach Rache für den Tod seines Dieners…

Kritik: „Taste the Blood of Dracula” markiert Christopher Lees vierten Auftritt als Vampirgraf in einem Hammer-Film, gleichzeitig erschienen im Jahr 1970 ironischerweise noch drei weitere Filme, in denen Lee seine ikonische Rolle mimte: Jess Francos verhältnismäßig werkgetreue, aber recht günstige Adaption des Romans, Jerry Lewis‘ „One More Time“, in welchem er einen kleinen Cameo-Auftritt absolvierte, und „Scars of Dracula“, ein weiterer Hammer-Film, der nur wenige Monate nach „Taste the Blood of Dracula“ ins Kino kam.

Abermals hätte Lee seine Paraderolle fast nicht noch einmal gespielt, dieses Mal allerdings aufgrund höherer Gageforderungen, die Hammer nicht erfüllen wollte. Stattdessen planet man, Ralph Bates zum neuen Dracula zu machen, in der ursprünglichen, von Anthony Hinds verfassten Version des Drehbuchs sollte Dracula einfach nur Lord Courtleys Körper in Besitz nehmen, sodass Bates in diesem und potentiellen weiteren Filme den Grafen verkörpern konnte. Hammer hatte die Rechnung allerdings ohne den amerikanischen Vertrieb gemacht, für den ein Dracula-Film ohne Lee kein Dracula-Film war, was schließlich zu seiner Rückkehr als Graf und einigen hastigen Drehbuchänderungen führte. Als Regisseur wurde Freddie Francis von Peter Sasdy abgelöst.

Dabei beginnt „Taste the Blood of Dracula” äußerst vielversprechend, weil sich der Film deutlich anders anfühlt als seine Vorgänger. Nach einem kurzen Prolog, in welchem der englische Geschäftsmann Weller (Roy Kinnear) Draculas Tod aus „Dracula Has Risen from the Grave“ (zumindest mehr oder weniger) beobachtet und anschließend getrocknetes Blut und Umhang einsammelt, wechseln wir zu den drei Gentlemen, die für eine interessante Handlungskonstellation sorgen. Ralph Bates macht zudem eine durchaus gute Figur als zwielichtiger Lord Courtley. Die Handlung des Films fällt allerdings auseinander, sobald die Drehbuchänderungen, um Lee im Film unterzubringen, allzu deutlich werden. Ab diesem Zeitpunkt will die Handlung einfach keinen rechten Sinn ergeben. Während ein Courtley-Dracula, der an den Gentlemen Rache nimmt oder sich ihrer entledigt, weil sie zu viel wissen, vielleicht noch nachvollziehbar gewesen wäre, hat Lees Version der Figur doch eigentlich keinen Bezug zu ihnen. Vor allem ist es auch das einzige Mal, dass ihm etwas an seinen Werkzeugen liegt.

Dabei gibt es durchaus auch in der zweiten Hälfte des Films interessante Ansätze. Dracula wurde immer als Bedrohung des gesitteten Status Quo inszeniert, in „Taste the Blood of Dracula“ ist besagter Status Quo aber in letzter Konsequenz nicht positiv konnotiert, wie es in den bisherigen Hammer-Filmen der Fall war. Stattdessen sind seine Vertreter massive Heuchler, die zwar die Fassade moralischen Bürgertums aufrechterhalten, in Wahrheit aber völlig verkommene Subjekte sind. Dieses Mal ist es Dracula, der William Hargoods Tochter Alice (Linda Hayden) vor dem mörderischen Vater rettet und nicht etwa umgekehrt. Dracula wird zum Katalysator jugendlicher Rebellion, sowohl Alice als auch Samuel Paxtons Tochter Lucy (Isla Blair) begehren unter seiner Ägide gegen ihre Väter auf. Dieser Ansatz wird aber kaum weiterverfolgt, nicht zuletzt, weil unklar bleibt, inwiefern die beiden tatsächlich unter Draculas Kontrolle stehen. Zudem scheint Lucy irgendwann zur Vampirin zu werden, nur um am Ende doch als Mensch zu sterben. Alice hingegen wird am Ende von Dracula mehr oder weniger verstoßen, weil sie ihm nicht mehr nützlich ist, was ebenfalls seltsam erscheint. Warum saugt er sie nicht einfach aus? An diesem und ähnlichen Elementen merkt man das kurzfristig abgeänderte Drehbuch überdeutlich.

Tatsächliche Inhalte aus Stokers Roman finden sich, wie nicht anders zu erwarten, kaum mehr in diesem Film, allerdings gibt es einige amüsante (und wahrscheinlich unbeabsichtigte) Parallelen. Zum ersten Mal in der Filmreihe betritt der Graf englischen Boden und treibt in London sein Unwesen, auch wenn er dazu erst zu Pulver werden musste, da sich eine aufwändige Schiffsszene, wie sie im Roman auftaucht, für Hammer stets als zu teuer und aufwendig erwies. Zudem bekommt Dracula es abermals mit einer aus drei Männern bestehenden Gruppe zu tun und zu seinen Opfern gehört zu allem Überfluss ein Mädchen namens Lucy.

Darstellerisch ist „Taste the Blood of Dracula“ stärker als der Vorgänger: Lee macht natürlich auch weiterhin eine gute Figur in seiner Paraderolle und auch Ralph Bates, Peter Sallis, John Carson und Geoffrey Keen funktionieren sehr gut – vor allem Letzterer ist herrlich widerwärtig. Gerade angesichts der interessanten Ausgangslage hätte man sich durchaus mehr von ihnen gewünscht – da wäre einiges an Potential vorhanden gewesen. Stattdessen begnügt sich „Taste the Blood of Dracula“ damit, wieder die inzwischen ziemlich ausgeschöpften Hammer-Klischees breitzutreten: Ein weiteres Mal wird Dracula durch heilige Symbole in seine Schranken gewiesen.

Fazit: „Taste the Blood of Dracula” bietet die eine oder andere interessante Neuerung und schafft es, eine interessante Ausgangsposition für die Handlung zu schaffen, nur um in der zweiten Hälfte aufgrund kurzfristiger Drehbuchänderungen wieder in die alten Klischees zu verfallen.

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Trailer

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf
The Brides of Dracula
Dracula: Prince of Darkness
Dracula Has Risen from the Grave
Art of Adaptation: Nachts, wenn Dracula erwacht

Art of Adaptation: Der Ring des Nibelungen – RBB-Hörspiel

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Wagners „Der Ring des Nibelungen“ taucht aktuell immer wieder in den Schlagzeilen auf, primär natürlich wegen den gerade stattfindenden Bayreuther Festspielen, sei es wegen der neuen Inszenierung des Opernzyklus durch Regisseur Valentin Schwarz, Belästigungsvorwürfen oder Unfällen, bei denen sich Darsteller schwer verletzen. Mehr oder weniger parallel dazu habe ich eine Entdeckung gemacht, die zwar deutlich weniger dramatisch, dafür aber nicht minder interessant ist. Bereits vor einigen Monaten inszenierte der RBB eine aufwändige Hörspielproduktion des „Rings“ mit hochkarätiger Sprecherriege unter Regie von Regine Ahrem, die zumindest in Ansätzen einen von mir lange gehegten Traum erfüllt: Ich war schon lange der Meinung, es müsse eine vernünftige Film- oder Serienadaption des „Rings der Nibelungen“ geben, in der eine bearbeitete Fassung von Wangers Musik als Score fungiert – die Ringpartituren mit ihrer aufwändigen Leitmotivstruktur sind praktisch schon fast Film-Scores. Besagtes Hörspiel ist zwar kein Film, folgt allerdings eben diesem Konzept – gesungen wird nicht, Wagners Musik ist aber durchaus zu vernehmen, arrangiert und durch eigene Kompositionen angereichert von Felix Raffel.

Nun ist Wagners Opernzyklus ja bekanntermaßen selbst kein originales Werk – der umstrittene Komponist bediente sich nicht nur beim „Nibelungenlied“, quasi dem deutschen Nationalepos, sondern auch bei diversen anderen Versionen der Geschichte. Während das „Nibelungenlied“ eindeutig christlich geprägt ist und den Fokus auf die höfischen Elemente (und die spätere Racheaktion von Kriemhild) legt, konzentriert sich Wagner in weit größerem Maß auf die mythischen Elemente und entnimmt für die ersten drei Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“ und „Siegfried“ viele Komponente aus der Völsunga saga und anderen nordischen Quellen; auf diese Weise versuchte er gewissermaßen, eine ursprüngliche, germanische Version der Sage zu rekonstruieren. Aus Odin wird Wotan, aus Thor Donner, aus Loki Loge etc. „Götterdämmerung“ schließlich ist in etwa inhaltsgleich mit der ersten Hälfte des „Nibelungenliedes“, während die zweite Hälfte, die Kriemhilds Rache an den Burgunden, die für Siegfrieds Tod verantwortlich sind, schildert und nebenbei diverse Gastauftritte bekannter Figuren aus Sage und Geschichte, von Dietrich von Bern bis hin zu Etzel/Attila beinhaltet, von Wagner nicht beachtet wird. Und selbst die Teile, die deckungsgleich sind, sind von größeren Unterschieden geprägt, im „Nibelungenlied“ lässt sich beispielsweise eine Parallelentwicklung beobachten: Zu Beginn ist Bründhilde die kriegerischer Frauenfigur, wird dann aber zunehmend gebändigt und spielt später kaum eine Rolle mehr, während Kriemhild die zentrale Figur der zweiten Hälfte ist und sich praktisch zur Rachegöttin entwickelt. Wagners Kriemhild-Gegenstück Gutrune dagegen bleibt der höfischen Welt verbunden und alles in allem ziemlich unwichtig, während Bründhilde diejenige ist, die am Schluss die Initiative ergreift.

Die Hörspieladaption hält sich sehr eng an Wagners Version der Handlung: Alles beginnt am Rhein, der Nibelungenzwerg Alberich steigt den Rheintöchtern nach, wird von diesen allerdings nur verhöhnt, weshalb er stattdessen der Liebe entsagt und das Rheingold, dessen Geheimnis ihm die Rheintöchter leichtsinnigerweise anvertraut haben, für sich beansprucht. Denn wer aus dem Rheingold einen Ring schmiedet, kann damit die Welt beherrschen. In anderen Sphären har Göttervater Wotan derweil mit eigenen Problemen zu kämpfen. Zwar haben die Riesen Fasolt und Fafner ihm eine herrliche Burg mit dem Namen Walhall erbaut, allerdings fordern sie als Preis Wotans Schwägerin Freia. Darüber ist Ehegattin Fricka nicht amüsiert, zudem sind die Götter auf Freias Äpfel, die ihre ewige Jugend garantieren, angewiesen. Feuergeist Loge weiß allerdings Rat: Wenn man den Riesen das Rheingold anstelle von Freia verspräche, könnte man die Göttin zurückerhalten. Da Alberich das Gold geschickterweise bereits gestohlen hat, würde man es zudem nur einem Dieb abnehmen. Da kann man die ursprünglichen Wärterinnen schon mal ignorieren. Gesagt, getan, Wotan und Loge steigen hinab nach Nibelheim und schaffen es, Alberich, der inzwischen nicht nur einen Ring, sondern auch einen Tarnhelm mit der Hilfe seines Bruders Mime aus dem Gold geschmiedet hat, um Gold, Ring und Tarnhelm zu erleichtern. Alberich verflucht allerdings den Ring, auf dass er Tod und Verderben bringe. Wotan ist zuerst nicht gewillt, Gold und Allmacht aufzugeben, lässt sich aber von Erda, der Urmutter, schließlich überreden, alles den Riesen zu überlassen. Der Fluch auf dem Ring zeigt sofort Wirkung: Fafner tötet Fasolt und verschwindet in die Wälder, um sich in einen Drachen zu verwandeln.

In den anderen drei Opern arbeitet Wotan unermüdlich daran, seine Fehler aus dem „Rheingold“ auszumerzen. Zu diesem Zweck zeugt er mit diversen Göttinnen, darunter auch Erda, die Walküren, die die gefallenen Helden nach Walhall bringen, damit diese Wotan in einem potentiellen finalen Kampf unterstützen. Es sind allerdings sterbliche Helden, die die Misere in letzter Konsequenz in Ordnung bringen müssen. Zu diesem Zweck gründet Wotan das Geschlecht der Wälsungen. Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, Kinder Wotans, verlieben sich auch prompt ineinander und alles könnte so schön sein, bestünde Wotans Ehefrau Fricka, zufällig die Göttin der Gattentreue, nicht darauf, dass die inzestuöse Beziehung gewaltsam beendet wird. Schweren Herzens befiehlt Wotan Brünhilde, in Siegmunds Kampf mit Sieglindes Ehemann Hunding Letzterem zum Sieg zu verhelfen, was diese allerdings ablehnt, ihrem Herzen folgt und für die Liebe eintritt. Also muss Wotan selbst tätig werden, Siegmund stirbt, sein magisches Schwert Notung zerbricht und Brünhilde trägt Sieglinde von dannen. Wotans ursprünglicher Plan geht dennoch auf, denn Sieglinde ist mit Siegfried, dem ultimativen Helden schwanger. Aber Strafe muss sein, weshalb Brünhilde auf einem Felsen in magischen Schlaf versetzt wird. Ein Feuerkreis schützt sie vor Unwürdigen, wer jedoch furchtlos ist, soll sie besitzen.

In „Siegfried“ wird der verwaiste Titelheld (Sieglinde ist bei der Geburt gestorben) von Alberichs Bruder Mime aufgezogen, der hofft, der Junge wäre eines Tages dazu in der Lage, den Drachen Fafner zu töten, denn natürlich ist auch Mime hinter Ring und Goldschatz her. Dazu benötigt er allerdings Notung – da Mime nicht in der Lage ist, das Schwert neu zu schmieden, muss Siegfried selbst Hand anlegen und erweist sich als Naturtalent. Es kommt, wie es kommen muss: Nicht nur gelingt es Siegfried, den Drachen zu töten, er demütigt auch noch Wotan, zerstört dessen Gesetzesspeer und macht sich schließlich daran, die schlafende Brünhilde aufzusuchen. Natürlich durchschreitet er den Flammenring problemlos und Tante und Neffe verlieben sich sofort ineinander.

Im Finale des Zyklus wird Siegfried mit etwas deutlich Schlimmerem konfrontiert als einem Drachen: höfischen Intrigen. Auf der Suche nach neuen Heldentaten lässt er Brünhilde samt Ring der Macht zurück und sucht die Gibichungen auf, die von einem gewissen Gunther regiert werden. Gunthers Halbbruder Hagen ist jedoch Alberichs Protegé und hat eigene Pläne mit Siegfried. Sowohl Gunther als auch seine Schwester Gutrune müssen vielversprechende Ehen eingehen, um die Macht der Gibichungen zu sichern, und wer wäre da besser geeignet als eine ehemalige Walküre und ein Drachentöter? Der Plan ist simpel: Mit einem Zaubertrank sorgt man dafür, dass Siegfried Brünhilde vergisst und sich in Gutrune verliebt. Anschließend gibt sich Siegfried, um Gutrune ehelichen zu können, per Tarnhelm als Gunther aus und bringt Brünhilde gegen ihren Willen an den Hof der Gibichungen. Letztendlich dient dieses ganze Kunststück natürlich dazu, an den Ring zu kommen. Kaum, dass die erste Intrige aufgeht, arbeitet Hagen auch schon an der nächsten: Siegfried muss weg. Durch den Zaubertrank hat er unwissentlich einen Meineid geschworen, und natürlich fühlt auch Brünhilde sich verraten, weshalb sie Hagen mitteilt, dass Siegfried durch ihren Zauber zwar unverwundbar ist, sie den Rücken allerdings ausgespart hat, sodass Hagen ihn wegen Verrats töten kann. Auch dieser Plan geht auf, Brünhilde beschließt nun aber, endlich das Richtige zu tun und den Ring an die Rheintöchter zurückzugeben, damit der Fluch gebrochen wird.

Die Vorlagentreue ist einerseits die größte, Stärke, aber auch die größte Schwäche der Hörspielproduktion. An der einen oder anderen Stelle wird der „Ring“ hier zweifellos etwas moderner ausgelegt, gerade zu Beginn wird etwa das menschliche (bzw. göttliche) Eingreifen in die Natur und Wotans Vertragsversessenheit noch einmal negativer hervorgehoben und Regisseurin Regine Ahrem legt nach eigener Aussage den Fokus noch einmal stärker auf die Frauenfiguren. Ansonsten werden aber nur wenige Anpassungen vorgenommen, Hagen scheint hier beispielsweise nicht mehr Alberichs leiblicher Sohn zu sein. Somit ist das Hörspiel eine wirklich gute Gelegenheit, die Wagner’sche Version dieses Stoffes – und zusätzlich zumindest in Ansätzen auch seine Musik – kennenzulernen. Zudem leisten die Sprecher wirklich gute Arbeit – der Cast um Martina Gedeck, Bernhard Schütz, Bibiana Beglau, Dimitrij Schaad und Lars Rudolphleihen kann sich wirklich sehen bzw. hören lassen.

Die Vorlagentreue wird primär dann zum Problem, wenn sie auf die Opern- bzw. Theaterherkunft nur allzu deutlich hinweist: Entnimmt man die Geschichte des „Rings“ ihrem Opernkontext, verliert sie automatisch einen Teil ihrer epochalen Natur. Zum einen liegt das an den fehlenden Gesangseinlagen, die relativ banale Handlungselemente oder Gespräche natürlich sofort dramatisieren. Diesbezüglich fallen auch die Dialoge mitunter etwas uneben aus, manchmal bemüht man sich um modernere Diktion, manchmal wird Wagners Libretto aber auch recht direkt zitiert. Wie dem auch sei, mitunter wird die Theaterherkunft des „Rings“ in dieser Bearbeitung unangenehm deutlich, und das auf eine Art und Weise, die gerade bei einem Hörspiel nicht hätte sein müssen, da es eben nicht an die Beschränkungen der Bühne gebunden ist. Zudem treten hier einige Schwächen der Vorlage noch deutlicher zutage. Das betrifft besonders die „Götterdämmerung“. Egal ob bei Wagner oder im Hörspiel, der Umstand, dass sich das Finale der Tetralogie ausschließlich auf die menschlichen bzw. halbmenschlichen oder menschgewordenen Figuren konzentriert und die Götter fast völlig außenvorlässt, sorgt dafür, dass der Titel wie ein gebrochenes Versprechen klingt. Die ursprünglichen Kontrahenten Alberich und Wotan tauchen kaum bzw. gar nicht mehr auf und über den Untergang der Götter wird man lediglich durch Dialoge informiert. Die Comicserie „Götterdämmerung“ hat hier einen relativ gelungenen Weg gefunden – auch sie orientiert sich an Wagner, erlaubt aber zusätzliche Handlungsstränge und zeigt auch tatsächlich den Untergang der Götter Walhalls.

Die Musikauswahl ist im Großen und Ganzen gelungen. Es ist natürlich schwierig, Wagners komplexe Leitmotivstruktur aus 16 Stunden Opernzyklus für ein deutlich kürzeres Hörspiel zu adaptieren, dennoch hätte es meinem Empfinden nach etwas mehr sein dürfen. Gerade die größtenteils atmosphärischen Passagen, die Felix Raffel selbst komponiert hat, wirken äußerst uninteressant und austauschbar – vielleicht wäre es besser gewesen, sich dort stärker Wagners Motivsprache zu bedienen und die Themen nach Bedarf selbst weiterzuentwickeln. Das ist jedenfalls, was ich mir von dem oben beschriebenen, hypothetischen Film wünschen würde. Dennoch, die Highlights, vom Einzug der Götter in Walhall über den Ritt der Walküren bis hin zu Siegfrieds Thema finden sich in das Hörspiel eingearbeitet, allerdings habe ich die Variation aus Siegfrieds Trauermarsch vermisst.

Ursprünglich wurde das Hörspiel als 16-teilige Podcast-Serie veröffentlicht, da die Jugend mit Podcasts anscheinend leichter anzulocken ist als mit klassischen Hörspielen. In dieser Form kann die Ring-Adaption direkt auf Seite des RBB gehört werden. Inzwischen gibt es allerdings auch Albenveröffentlichungen, die sich auf den gängigen Plattformen (Amazon, Audible etc.) erwerben lassen. Dass es ursprünglich ein auf mehrere Teile angelegtes Projekt war, merkt man allerdings immer noch, da Erda, die als Erzählerin fungiert, immer wieder das kurz zuvor gehört zusammenfasst.

Fazit: Aufwändiges Hörspiel, das einen durchaus gelungenen Einstieg in das Werk Wagners bietet, da es sich sehr eng an die Vorlage hält. Für Kenner der Materie dagegen dürfte das Hörspiel zu wenig Musik und zu wenig Eigeninitiative besitzen. Unterhaltsam ist es trotzdem.

Siehe auch:
Hörspiel beim RBB
Wagner: Der Ring ohne Worte
Götterdämmerung

All Star Batman and Robin, the Boy Wonder

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Anfang der 2000er feierte Marvel mit dem Ultimate-Imprint große Erfolge: Das Ziel war es, die bekannten und beliebten Helden vom Ballast jahrzehntelanger Kontinuität zu befreien und für Neuleser attraktiv zu machen, was zu Beginn auch durchaus glückte. Um an diesen Erfolg anzuknüpfen, etablierte DC das All-Star-Imprint als Gegenstück. Explizites Vorhaben war es, den kreativen Größen des Mediums zu erlauben, grandiose Geschichten mit den ikonischen Helden des Verlags zu erzählen, befreit von den Fesseln der Kontinuität. Anders als Marvels Ultimate-Comics erschienen unter dem ursprünglichen All-Star-Imprint lediglich zwei Serien, die auch nie zu einem größeren Universum zusammenwuchsen (wobei diskutabel ist, ob das überhaupt geplant war). Grant Morrison und Frank Quietly konnten mit „All Star Superman“ das ursprüngliche Versprechen einlösen: Die zwölfteilige Miniserie, erschienen zwischen 2005 und 2008, erzählt eine in sich geschlossene und kohärente Geschichte, die völlig zurecht als moderner Klassiker und eine der besten Superman-Geschichten überhaupt gilt. Dasselbe lässt sich leider nicht über „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ sagen…
Dabei klang die Ankündigung durchaus vielversprechend: Autor Frank Miller, der Batman in den 80ern mit „Batman: The Dark Knight Returns“ und „Batman: Year One“ eine nötige Frischzellenkur verpasst hatte und Zeichner Jim Lee, der gerade erst mit „Batman: Hush“ einen großen Erfolg gefeiert hatte, würden gemeinsam eine Geschichte aus den Anfangsjahren des Dunklen Ritters erzählen, eine Neufassung von Dick Graysons Origin. Aber, wie sich bereits bei „Batman: The Dark Knight Strikes Again“ gezeigt hatte, war Miller nicht mehr der Autor, der in den 80ern ein Meisterwerk nach dem anderen produzierte…

Handlung und Struktur
„All Star Batman and Robin, the Boy Wonder” umfasst 11 Ausgaben, die zwischen 2005 und 2008 erschienen, zum Teil mit vielen Verzögerungen. Bis heute bleibt die Serie unvollendet – 2011 sollte ursprünglich eine Fortsetzung mit dem Titel „Dark Knight: Boy Wonder“ erscheinen, die die Geschichte in sechs Heften fertig erzählt, doch dazu kam es nie. 2016 erschien zwar eine weitere Serie mit dem Titel „All Star Batman“, diese wurde jedoch von Scott Snyder geschrieben und hat nichts mit Millers Geschichte zu tun. Ähnlich wie bei „The Dark Knight Strikes Again“ ist es verhältnismäßig schwierig, eine halbwegs kohärente Handlungszusammenfassung zu schreiben – „All Star Batman“ besteht im Grunde aus einer ganzen Reihe mehr oder weniger miteinander verknüpfter Vignetten. Zwar liegt der Fokus dieses Mal deutlich stärker auf dem Dunklen Ritter als es bei Millers vorherigem Werk der Fall war, aber auch dieses Mal verwendet er ziemlich viele Seiten darauf, „seine“ Version des DC-Universums auszubauen, ohne dass es größere Konsequenzen für die Geschichte hätte. So gibt es nicht nur ausgedehnte Gastauftritte des Jokers, Batgirls und Catwomans, sondern auch von Black Canary und einer aus Superman, Green Lantern, Wonder Woman und Plastic Man bestehenden Proto-Justice-League.

Der Fokus der, nennen wir es mal großzügig „Haupthandlung“, ist wenig überraschend: Die Eltern des jungen Akrobaten Dick Grayson werden im Zirkus ermordet, während Bruce Wayne im Publikum sitzt. Bereits kurz darauf wird Dick, um ihn vor korrupten Polizisten zu schützen, von Batman gekidnappt. Der Dunkle Ritter hatte Dick bereits lange im Auge und sieht nun seine Chance gekommen, den Jungen zu seinem Sidekick zu machen. Während er Dick in der Bathöhle äußerst schlecht behandelt, sucht gefühlt die halbe Welt nach dem verschwundenen Waisenkind. Derweil ermittelt Batman bezüglich der Hintergründe des Mordes und macht Dick schließlich zu Robin. Als Duo konfrontieren sie zuerst Green Lantern und finden später heraus, dass der Joker Catwoman verletzt hat… An dieser Stelle bricht die Handlung ab.

Die absurde Strukturierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ setzt sich hier nahtlos fort, es wirkt nach wie vor, als hätte der Frank Miller des 21. Jahrhunderts die Fähigkeit verloren, halbwegs kohärent und ausgewogen zu erzählen. Die eigentliche Handlung um Batman und Robin pausiert immer wieder, teilweise für ganze Ausgaben, während sich Miller irgendwelchen Nebenschauplätzen zuwendet. Ausgabe 3 besteht beispielsweise aus 15 Seiten, in denen Black Canary eine Bar samt Insassen auseinandernimmt, es folgen vier Seiten (wohlgemerkt mit zwei ganzseitigen Panels und einer Doppelseite), auf denen Batman und Dick Grayson in der Bathöhle eintreffen und schließlich noch zweien Seiten mit Superman. Ausgabe 6 und 10 konzentrieren sich auf Black Canary und Batgirl und selbst wenn das titelgebende Duo im Fokus steht, schreitet die Handlung zuerst kaum nennenswert voran, nur um plötzlich abrupte Sprünge zu machen.

Millers Schreibstil aus „The Dark Knight Strikes Again“ und vor allem „Sin City“ setzt sich ebenfalls nahtlos fort – kurze Sätze, viele Wiederholungen. Tatsächlich artet das hier so sehr aus, dass es an Selbstparodie grenzt. Spätestens nach dem viertem Mal dürfte auch wirklich dem letzten Leser klar sein, dass Dick Grayson zwölf Jahre alt ist. Auf gewisse Weise sind Frank Millers Dialoge hier fast schon legendär, wenn auch nicht auf die positive Art. Nachdem sich der Dunkle Ritter hier als „the goddamn Batman“ bezeichnet, verselbstständigte sich das Zitat und wird gerne verwendet, um den All-Star-Batman von der regulären Inkarnation der Figur zu unterscheiden. Ansonsten lassen sich die Dialoge an Plakativität und Infantilität kaum überbieten.

Visuelle Gestaltung
Während man auf der Handlungs- und Dialogebene wunderbar diskutieren kann, ob nun „The Dark Knight Strikes Again“ oder „All Star Batman“ bescheuerter ist, hat letztere Miniserie zumindest einen eindeutigen Vorteil: Während die Fortsetzung zu „The Dark Knight Returns“ zweifelsohne einer der hässlichsten Superheldencomics überhaupt ist, sieht „All Star Batman“ wirklich verdammt gut aus. Zeichner Jim Lee machte sich in den 90ern vor allem mit den X-Men einen Namen, bevor er, zusammen mit diversen anderen einflussreichen Künstlern der Branche wie Rob Liefeld und Todd McFarlane den beiden großen Verlagen zumindest zeitweise den Rücken kehrte und den Image-Verlag gründete. In den 2000ern verkaufte Lee dann allerdings sein Image-Label Wildstorm an DC und ist seither einer der einflussreichsten Zeichner des Verlags. Bereits 2003 zeigte er mit „Batman: Hush“ (verfasst von Jeph Loeb), wie gut sein Stil zum Dunklen Ritter passt, daran knüpft er in „All Star Batman“ quasi direkt an.

Schon in „Hush“ schien sich Lees Batman an Millers Darstellung der Figur (kleine Ohren, recht bullig) zu orientieren, diese Eigenschaften sind hier noch verstärkt, was definitiv als Verweis auf „The Dark Knight Returns“ gesehen werden kann. Auch sonst wissen Lees detailreiche Zeichnungen zu überzeugen und sind schlicht und einfach schön anzusehen, solange man mit seinem entwickelten Image-Stil der 90er keine Probleme hat. Wie schon in „The Dark Knight Strikes Again“ arbeitet Miller hier allerdings mit vielen ganz- oder sogar doppelseitigen Panels. Zugegeben, das ausklappbare Panorama der Bathöhle macht einiges her, aber davon abgesehen wirkt der häufige Einsatz von Splash Pages wieder einmal eher faul, auch wenn Lees Zeichnungen diese wenigstens mehr rechtfertigen als Millers. In Sachen Fanservice schlagen die beiden ebenfalls ein wenig über die Stränge. Bei Superheldencomics, in denen es nun einmal um übermäßig attraktive Menschen (oder Aliens) in hautengem Spandex geht, ist mit ein wenig Fanservice immer zu rechnen, das gehört einfach zum Genre, aber wenn sich Vicki Vale bereits zu Beginn der ersten Ausgabe über mehrere Seiten hinweg genüsslich in Unterwäsche räkelt, fragt man sich schon, ob Miller hier seine Schreibarbeit nicht als Ventil benutzt. Nebenbei, wer sich fragt, wie ein von Miller gezeichnetes „All Star Batman“ wohl ausgesehen hätte, kann einige wirklich hässliche alternative Cover zurate ziehen.

Figuren und Deutung
In Frank Millers Wahrnehmung gehören alle seine Batman-Comics zur selben Kontinuität (theoretisch wäre das Erde 31 des DC-Multiversums), was für sich betrachtet schon problematisch ist, da „The Dark Knight Returns“ in den 80ern spielt und Präsident Ronald Reagan auftritt, während „All Star Batman“ doch eindeutig im 21. Jahrhundert verwurzelt zu sein scheint. Wenn man über diese Diskrepanz hinwegsehen kann, ändert „All Star Batman“ die Wahrnehmung von „The Dark Knight Returns“ ziemlich: Im Kontext der regulären Batman-Comics der 80er scheint es, als sei Batman in „The Dark Knight Returns“ auf seine alten Tage grimmig und verbittert geworden. Der Batman, den Miller in der All-Star-Serie präsentiert, ist allerdings derart psychotisch und rücksichtslos, dass es eher scheint, als wäre er auf seine alten Tage weich geworden. In gewisser Hinsicht führt Miller Batmans Charakterisierung aus „The Dark Knight Strikes Again“ ziemlich nahtlos fort. Dem „goddamn Batman“ geht es nicht darum, Menschen zu retten, er benutzt die Verbrechensbekämpfung nur, um seine Allmachtsphantasien auszuleben – wann sonst sieht man einen Batman, der sich wild lachend in die Schlacht stürzt. Erst in den letzten beiden Ausgaben zeigen sich Spuren des klassischen Batman, er verhindert, dass Robin Green Lantern tötet und trauert anschließend gemeinsam mit ihm. Prinzipiell wäre es ja in Ordnung, die Entwicklung eines völlig übermütigen jungen Batmans hin zum eher gesetzteren Dunklen Ritter zu schildern, Miller schildert hier aber keine sinnvolle Charakterentwicklung.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Figuren; die meisten von ihnen sind eher überdrehte Parodien ihrer selbst. Superman wird gewissermaßen zum Laufburschen degradiert, Wonder Woman ist eine hasserfüllte Ultrafeministin und Green Lantern ein Vollidiot – damit er Batman und Robin keine Probleme macht, malen sie sich und ein Zimmer in einer der absurdesten Szenen der Miniserie komplett gelb an. Black Canary wird hier als Barkeeperin inszeniert, die eines Tages genug von sexuell übergriffigen Gästen hat und als Reaktion auf Raubzug geht – ihre Beteiligung an der Gesamthandlung bleibt höchst nebulös. Noch unnötiger sind die Gastauftritte Catwomans und des Jokers – Letzterer scheint immerhin als finale Widersacher vorgesehen zu sein. Das Markenzeichen DIESES Jokers ist, dass er nicht grinst – welch ein cleverer Twist! Tatsächlich gehört der Handlungsstrang um Gordons häuslich Probleme und ein zum Teil wild fluchendes Batgirl noch zu den besseren, doch auch hier ist nicht klar, was das Ganze nun mit der bei Ausgabe 10 kaum noch vorhandenen Haupthandlung zu tun hat, sodass man sich unweigerlich fragt, ob Miller überhaupt einen Plan hat oder mit den Charakteren nur wie mit Actionfiguren spielt.

Ähnlich wie in „The Dark Knight Strikes Again“ scheint Miller einen parodistischen und dekonstruierenden Ansatz zu verfolgen und sich sowohl über die Rezeption seiner eigenen, früheren Werke als auch den aktuellen Zustand der Superheldencomics lustig zu machen, abermals fehlt allerdings jegliche Aussage, seine Kommentare und Einsichten bleiben banal und inhaltslos.

Fazit: „All Star Batman and Robin, the Boy Wonder“ knüpft stilistisch nahtlos an „The Dark Knight Strikes Again“ an und ist ebenso schlecht geschrieben, inhaltsleer und sinnfrei. Der einzige Pluspunkt sind die Zeichnungen von Jim Lee, aber mit hübschen Schleifen dekorierter Müll bleibt Müll.

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Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns
Batman: Year One
Batman: The Dark Knight Strikes Again

Thor: Love and Thunder

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Story: Während Thor (Chris Hemsworth) mit den Guardians of the Galaxy durch das Universum reist, erreicht ihn eine Nachricht seiner alten Verbündeten Sif (Jaimie Alexander). Der Donnergott und sein Kamerad Korg (Taika Waititi) trennen sich von den Guardians, um Sif aufzusuchen und dem Hilferuf auf den Grund zu gehen. Von der einarmigen Asgardianerin erfährt Thor, dass eine Kreatur namens Gorr, der Götterschlächter (Christian Bale) sein Unwesen treibt und die Götter vieler Welten tötet. Und mehr noch, Gorrs nächstes Ziel ist der Zufluchtsort seines Volkes auf der Erde, regiert von Valkyrie (Tessa Thompson). Thors Ex-Freundin Jane Foster (Natalie Portman) ist derweil an Krebs erkrankt und blickt dem Tod ins Auge, da hört sie den Ruf der Trümmer Mjölnirs. Als Thor schließlich auf der Erde eintrifft, erwartet ihn Jane als Thor, die Donnergöttin – was sie aber auch zu einem Ziel für Gorr macht…

Kritik: Wer hätte angesichts der Rezeption der ersten beiden Thor-Filme jemals gedacht, dass der Donnergott nicht nur der einzige Avenger ist, der in jeder MCU-Phase einen Film bekommt, sondern auch der erste, der als Titelheld von vier Filmen fungieren darf (was angesichts des Erfolgs von „Spider-Man: No Way Home“ aber mit Sicherheit nicht lange so bleiben wird). Natürlich wäre es ohne den überwältigenden Erfolg von „Thor: Ragnarok“ sicher nicht dazu gekommen – Taika Waititis Präsenz als Regisseur ist ein wichtiger Aspekt der Vermarktung des Films. Interessanterweise zeigen sich hier bereits die Beschränkungen und Grenzen der Kombination MCU/Waititi.

Stilistisch knüpft Waititi direkt an „Thor: Ragnarok“ an: Alles ist groß, laut, bombastisch, zugleich aber auch sehr überdreht und kaum etwas wird ernstgenommen – das steht durchaus in Kontrast zu „Spider-Man: No Way Home“ und (in geringerem Maße) „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“, die beide zumindest über gewisse Strecken versuchten, authentischere emotionale Inhalte zu vermitteln. MCU-Filme bemühen sich immer um eine gewisse Balance zwischen, nennen wir es „Authentizität“ und dem als Markenzeichen des Franchise fungierenden, selbstreferenziellen Humor. Bereits in „Thor: Ragnarok“ fiel diese Balance zweifelsohne zugunsten von Letzterem aus, in „Thor: Love and Thunder“ ist sie aber praktisch kaum mehr vorhanden, es handelt sich hierbei um den bislang teuersten Improv-Comedy-Film.

Dieser Umstand wird besonders im Hinblick auf die Vorlage deutlich. Waititi und Co-Drehbuchautorin Jennifer Kaytin Robinson bedienen sich inhaltlich primär aus Jason Aarons Zeit als Thor-Autor. In den 2010er-Jahren verfasste Aaron diverse Serien und Miniserien mit dem Donnergott, sowohl Gorr, der Götterschlächter als auch Jane Foster als hammerschwingende Donnergöttin stammen auf seiner Feder. Aarons Comics sind allerdings deutlich ernster und düsterer als „Love and Thunder“. Statt so gut wie jede Thematik als Aufhänger für Humor zu verwenden, bemüht sich Aaron, die philosophischen Implikationen zu erforschen – soweit das eben in einer Mainstream-Marvel-Serie möglich ist. Während Waititi und Robinson sich der Ideen und Konzepte zumindest oberflächlich bedienen, bleibt vieles auf der Strecke. Während Jane Foster in den Comics den Hammer schwingt, hat Thor Probleme damit, unwürdig zu sein und Mjölnir nicht mehr anheben zu können, was Aaron in der Miniserie „The Unworthy Thor“ ausführlich thematisiert. Zugegeben musste sich Thor damit bereits im ersten Film von Kenneth Branagh auseinandersetzen, aber diese Miniserie zeigt einen deutlich an sich zweifelnden, introspektiven Thor, während sich das Filmgegenstück mit den Eifersüchteleien der beiden göttlichen Waffen auseinandersetzen muss. In den seltenen Momenten, in den Waititi tatsächlich versucht, ernsthaftes Drama zu inszenieren, etwa wenn es um Janes Krebserkrankung oder Gorr geht, scheitert er meistens daran. Das ist umso frustrierender, weil hier enormes Potential liegt: Gerade die Sequenzen mit Zeus (Russel Crowe) und den anderen Göttern zeigen ja, dass Gorr im Grunde sehr wohl recht hat – dieser Ansatz wird aber einfach nicht aufgegriffen. Nebenbei bemerkt: Zu Beginn des MCU wurden Thor und Co. noch als sehr mächtige und langlebige Aliens inszeniert, die von den Menschen der Erde lediglich für Götter gehalten wurden. Dieser Ansatz scheint nun endgültig passé zu sein.

Zu all dem kommt der Umstand, dass „Love and Thunder“ als Komödie deutlich schlechter funktioniert als „Ragnarok“. Die Dichte an Gags wurde zwar erhöht, die Trefferquote fällt aber deutlich niedriger aus und zudem reizt Waititi gewisse Witze bis zum Äußersten aus, seien es die mit menschlicher Stimme schreienden Böcke oder Janes Suche nach einer Catchphrase. Möglicherweise fehlt auch einfach die Präsenz von Jeff Goldblum und Tom Hiddleston. So erfrischend „Ragnarok“ nach zwei eher mäßigen Thor-Filmen auch war, so schnell hat sich der Comedy-Ansatz überholt. Vielleicht ist Thor eine Figur, die einfach alle paar Filme von Grund auf überarbeitet werden muss. „Love and Thunder“ ist zwar durchaus kurzweilig und gut anschaubar, lässt einen aber irgendwie erschöpft zurück. Das zeigt sich bereits daran, dass ich relativ lange für diese Kritik gebraucht habe und einfach nicht motiviert war, eine ausführliche Rezension zu schreiben.

Fazit: Was in „Thor: Ragnarok“ eine nötige Frischzellenkur für Marvels Donnergott war, erweist sich in „Thor: Love and Thunder“ nun als Hindernis und Ballast. Gerade weil Taika Waititi und Jennifer Kaytin Robinson sich als Vorlage thematisch und emotional durchaus vielschichtige Comics ausgewählt haben, fällt der Comedy-Ansatz dieses Mal äußerst flach aus und will nicht so recht funktionieren.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Thor: Ragnarok – Ausführliche Rezension
Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension
Doctor Strange in the Mutliverse of Madness – Ausführliche Rezension

Stück der Woche: Galadriel/Sauron

Amazons Mega-Projekt „The Lord of the Rings: The Rings of Power” rückt konstant näher, immer mehr Material wird veröffentlicht, vom Design der Orks bis hin zum Cameo-Auftritt eines sehr an die Jackson-Filme erinnernden Balrogs im jüngsten Trailer. Ich muss zugeben, dass ich dem Projekt eher zwiegespalten gegenüberstehe, manche sieht vielversprechend aus, anderes hingegen klingt hingegen eher…bedenklich (Bartlose Zwergenfrauen? So ein Blödsinn!) Dennoch halte ich absolut nichts davon, derartige Projekte hysterisch als zum Scheitern verurteilt abzutun, ich werde warten, bis die Serie startet, sie mir ansehen und sie anschließend ehrlich evaluieren. Wie dem auch sei, nicht nur für Filmmusik-Fans stellte sich lange die Frage: Wer ist für die Musik zuständig? Nach langem Warten und vielen Spekulationen und Gerüchten gab es in dieser Woche endlich die Antwort: Bear McCreary arbeitet bereits seit einem Jahr am Score der Serie, zusätzlich wird Howard Shore das Titelthema schreiben. Das klingt erst einmal sehr vielversprechend: McCreary und sein Team enttäuschen selten und die Tatsache, dass Howard Shore persönlich, der für mich und unzählige andere Mittelerde musikalisch definiert hat, beteiligt ist, scheint ebenfalls eine sehr gute Nachricht zu sein. Einige Aussagen, die McCreary in diesem Kontext tätigte, lassen allerdings stutzig werden: „As I set out to compose the score for this series, I strove to honor Howard Shore’s musical legacy. When I heard his majestic main title, I was struck by how perfectly his theme and my original score, though crafted separately, fit together so beautifully. I am excited for audiences to join us on this new musical journey to Middle-earth.” (Quelle) Das klingt ein wenig merkwürdig, tatsächlich scheint Shore erst spät dazugestoßen zu sein, als McCrearys Score schon sehr weit fortgeschritten war. Weiter impliziert diese Aussage, dass Shores Thema abseits des Intros nicht wirklich Teil des Soundtracks sein wird, vielleicht abgesehen von einigen späten Einspielern. Da werden zumindest bei mir gewisse Erinnerungen an die Komponisten-Konstellation von „Obi-Wan Kenobi“ wach… Dieses musikalische Arrangement scheint zugleich ein Gesamtindikator für diese Serie zu sein, die sich scheinbar einfach nicht entscheiden kann, ob sie nun ein Prequel zu den Peter-Jackson-Filmen sein will oder nicht.

Zusätzlich zu dieser Ankündigung wurden zwei Tracks aus McCrearys Score veröffentlicht, bei denen es sich um das eigentliche Sujet dieses Artikels handelt: Galadriel und Sauron. Die Titel der Stücke legen nahe, dass es sich hierbei um Themen-Suiten zu diesen beiden Figuren handelt. Sollte dem so sein, wird bereits deutlich, dass McCreary zwar vielleicht grob in eine tonal ähnliche Richtung geht wie Shore, wir aber wohl keine direkten Bezüge zu Shores Musik der beiden Jackson-Trilogien erwarten dürfen – beide Figuren sind in den LotR- und Hobbit-Filmen leitmotivisch en detail definiert. Galadriel wird für gewöhnlich durch das Lothlórien-Thema repräsentiert, während Sauron eine ganze Reihe von Themen, Motiven und Begleitfiguren hat, die mit ihm verbunden sind, von seinem eigentlichen Charakterthema über das Geschichte-des-Ringes-Thema (beide beginnen mit demselben Halbtonschritt), der absteigenden Terz bis hin zu den Nekromanten-Motiven aus der Hobbit-Trilogie usw.

Der Track Galadriel beginnt mit vage keltisch anmutenden Harfenklängen und sanftem Frauenchor, bevor die Hörner mit Unterstützung der Flöten eine sehr angenehme Melodie anstimmen (das Kernmotiv von Galadriels Thema?). Anschließend übernehmen Streicher und Chor die Melodie, die um die Zweiminutenmarke herum an Intensität gewinnt. Im letzten Drittel wird das Thema getragener und epischer, nicht zuletzt dank des Einsatzes mächtiger Pauken, bevor am Ende hohe Streicher, Harfe und Chor einen zärtlichen Abschluss anstimmen.

Sauron beginnt mit frenetischen Streichern und tiefem Chor, der wahrscheinlich in der Schwarzen Sprache Mordors singt – es würde mich schon sehr wundern, wenn McCreary und die Verantwortlichen nicht zumindest die Tradition, die Chöre in Tolkiens Kunstsprachen singen zu lassen, fortführten. Gewisse Parallelen zu Shores Musik für die Nazgûl lassen sich nicht von der Hand weisen, mehr klingt dieser Track allerdings wie eine Fortführung des Sounds von McCrearys „God of War“ – der Score dieses Spiels war ebenfalls sehr chorlastig. Eigenheiten aus Shores Musik für Mittelerde kehren hier in größerem Ausmaß zurück, sowohl die Streicherfiguren in der Begleitung als auch der Einsatz der Schlagzeuginstrumente rufen zumindest vage Erinnerungen an die Scores der Filme hervor. Ab der Hälfte wird der Männerchor von einem Frauenchor abgelöst und leitet in eine eher tragisch klingende, weniger finster anmutende Passage über, die aber nicht lange vorhält, schon ab 1:40 kehren Männerchor und donnernde Percussions zurück, die abermals Erinnerungen an die Nazgûl und Moria hervorrufen.

Siehe auch:
Stück der Woche: Learning to Ride
Obi-Wan Kenobi

Obi-Wan Kenobi

Spoiler!
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Die Idee, Ewan McGregor als Obi-Wan Kenobi zurückkehren zu lassen und mit ihm eine wie auch immer geartete Geschichte zwischen „Revenge of the Sith“ und „A New Hope“ zu erzählen, geistert im Grunde bereits seit der Disney-Übernahme durch das Fandom. Erst dachte man an einen Spin-off-Film im Stil von „Rogue One“, nach dem Erfolg von „The Mandalorian“ und der gewaltigen Serienexpansion wurde es dann jedoch schließlich eine sechs Episoden umfassende Miniserie (die eventuell eine zweite Staffel erhält, da Kritiker und Fans zwar gespalten sind, aber die Zuschauerzahlen stimmen). Von Drehbuchautor Stuart Beattie wissen wir inzwischen, dass in der Tat ursprünglich ein Film (bzw. sogar eine Trilogie) angedacht war, für die Beattie den Entwurf verfasste. Nachdem „Solo“ jedoch hinter den Erwartungen zurückblieb, entschied man sich bei Lucasfilm, das Format zu wechseln und Beatties Geschichte – mit massiven Änderungen, versteht sich – im Rahmen einer Serie zu erzählen. Die kanadische Regisseurin Deborah Chow, die bereits zwei Episoden von „The Mandalorian“ inszeniert hatte, wurde als Regisseurin aller sechs Episoden verpflichtet. Besondere Anziehungskraft auf Prequel-Fans entwickelte die Serie, als man verkündete, nicht nur Ewan McGregor, sondern auch Anakin-Darsteller Hayden Christensen zurückbringen zu wollen.

Handlung
Der ehemalige Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) lebt nach dem Fall des Ordens unter dem Namen Ben im Exil auf Tatooine, um über Luke Skywalker (Grant Feely) zu wachen. Die Monotonie seines Alltags wird erst unterbrochen, als Inquisitoren des Imperiums auftauchen, um einen weiteren Ex-Jedi aufzuspüren, der sich auf dem Planeten verbirgt. Obi-Wan kann den Agenten des Imperators zwar entgehen, doch noch mehr Unheil braut sich zusammen: Prinzessin Leia (Vivien Lyra Blair), Ziehtochter von Obi-Wans altem Verbündetem Bail Organa (Jimmy Smits) wird entführt, woraufhin Bail sich persönlich nach Tatooine begibt, um Obi-Wan um Hilfe zu bitten. Der ehemalige Jedi zögert zuerst, erklärt sich dann jedoch bereit, Leia ausfindig zu machen. Das Mädchen wird auf dem Planeten Daiyu gefangen gehalten. Obi-Wan gelingt es, die dortige imperiale Festung zu infiltrieren und Leia zu befreien, dabei findet er jedoch heraus, dass die Entführung spezifisch dazu inszeniert wurde, um ihn aus dem Versteckt zu locken. Eine Inquisitorin, Reva alias die Dritte Schwester (Moses Ingram), scheint nicht nur besonderes Interesse an Obi-Wan zu haben, sie eröffnet ihm auch, dass sein ehemaliger Schüler Anakin Skywalker (Hayden Christensen) noch am Leben ist. Dieser terrorisiert als Darth Vader (Stimme: James Earl Jones) die Galaxis und hat natürlich seinerseits enormes Interesse daran, seinen ehemaligen Meister endlich zu vernichten. Obi-Wan und Leia gelingt derweil die Flucht nach Mapuzo, wo sie von der abtrünnigen imperialen Offizierin Tala Durith (Indira Varma) unerwartet Hilfe erhalten. Doch Vader kann nichts aufhalten: Während es zu einer weiteren Konfrontation zwischen ihm und Obi-Wan kommt, gelingt es Reva, Leia erneut gefangen zu nehmen und sie nach Nur zum Hauptquartier der Inquisitoren zu bringen. Obi-Wan und Tala suchen auf Jabiim derweil die Hilfe einer Rebellenzelle, um Leia aus den Klauen des Imperiums zu befreien…

Konzeption und Struktur
In meiner Rezension zu „The Book of Boba Fett” schrieb ich, dass sich diese Serie anfühlt, als basiere sie weniger auf einem soliden erzählerischen Konzept und mehr auf einer fixen Idee mit mangelhafter Ausarbeitung – bei „Obi-Wan Kenobi“ verhält es sich meinem Empfinden nach relativ ähnlich. Die Idee lautet: „Obi-Wan und Vader: Rematch“. Um dieses Konzept sowie einige Elemente, die damit einhergehen ist die Serie aufgebaut. Tatsächlich finden sich zwei Begegnungen zwischen Obi-Wan und Vader, die die Serie relativ symmetrisch Strukturieren: Das erste findet in Episode 3, quasi als Mid-Season-Finale statt, das zweite natürlich in der finalen Episode 6. Das erste Duell markiert dabei den Tiefpunkt unseres Protagonisten, das zweite die endgültige Rückkehr zur alten Form. Soweit, so gut – das primäre Problem der Miniserie ist allerdings das ganze Drumherum, will heißen: die eigentliche Story, die oft so wirkt, als sei sie nicht aus sich selbst heraus erzählenswert, sondern diene eben dazu, die Figuren in bestimmte, angestrebte Situationen zu bringen. Dementsprechend ist Plot Convinience ein massives Problem. Star Wars hat diesbezüglich eine lange Tradition, aber gerade hier fällt es zumindest mir extrem unangenehm auf: Diverse Figuren werden zum Teil mehrfach erstochen, ohne dass es größere Konsequenzen gäbe, tauchen plötzlich an Orten auf, die sie eigentlich nicht hätten erreichen dürfen, tun die naheliegendsten Dinge nicht oder kommen, im Gegenteil, Plotelementen durch extrem weitgeholte Kombination auf die Schliche. Besonders Reva scheint immer wieder Opfer der schlechten Drehbücher zu sein: Nicht nur wird sie zwei Mal erstochen, ihre finale Aktion auf Tatooine ergibt keinerlei Sinn.

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Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor)

Auf mich wirkt das Format, das man letztendlich für diese Serie gewählt hat, in jeder Hinsicht falsch. Entweder hätte Lucasfilm diese Geschichte tatsächlich als sauber strukturierten Film erzählen müssen, oder aber eine deutlich längere Serie machen, die die angerissenen Themen wie das Vermächtnis der Jedi in der Galaxis oder Obi-Wans Trauma tatsächlich ausarbeitet – mit sechs Episoden wirkt die Miniserie wie nichts Halbes und nichts Ganzes. „Obi-Wan Kenobi“ ist langsam und holprig erzählt und wirkt, trotz inhaltlicher und struktureller Anpassungen, eben wie das Drehbuch eines Films, das auf sechs Episoden ausgedehnt wurde. Vieles ist redundant, unnötig in die Länge gezogen oder schlicht doppelt: Dass Obi-Wan Leia aus imperialer Gefangenschaft rettet, ist ja in Ordnung, aber gleich zwei Mal? Mit dieser Ansicht bin ich alles andere als alleine: Ähnlich wie bei den Hobbit-Filmen und einigen anderen größeren Franchise-Projekten hat „Obi-Wan Kenobi“ bereits einige Hobby-Editoren dazu veranlasst, die Miniserie zu einem Film umzuschneiden, Einblicke finden sich beispielsweise hier und hier.

Nicht unbedingt hilfreich ist, dass „Obi-Wan Kenobi“ auch im Bereich Regieführung einige Probleme aufweist, wobei ich oft nicht einmal wirklich genau den Finger darauf legen kann, was genau stört – manches wirkt einfach leicht daneben, merkwürdig in Szene gesetzt oder steif inszeniert. Mitunter könnte man auch auf den Gedanken kommen, dass Deborah Chow mit der Volume-Technologie nicht völlig zurechtkommt und sie zu vollem Effekt zu nutzen weiß, ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass es bei den von ihr inszenierten Folgen von „The Mandalorian“ ähnliche Probleme gegeben hätte. Das betrifft oft auch Action: Wie viel wurde bereits über die beiden missglückten und schlecht inszenierten Verfolgungsjagden gesagt und geschrieben, und auch der Angriff des Imperiums auf die Rebellenfestung lässt zu wünschen übrig.

Gerade bezüglich der Effekte und Schauwerte ist „Obi-Wan Kenobi“ zudem ein deutlicher Schritt zurück, gerade im Vergleich zur zweiten Mandalorian-Staffel oder „The Book of Boba Fett“. Man kann über letztere Serie sagen, was man möchte, aber mit Schauwerten wurde nicht gegeizt, seien es die beeindruckenden Panoramen von Mos Espa oder die fantastisch umgesetzte Ringwelt. Die Planeten, die wir in „Obi-Wan Kenobi“ besuchen, sind im Vergleich dazu deutlich uninteressanter, ja geradezu langweilig – und das, obwohl „Obi-Wan Kenobi“ noch einmal ein deutlich höheres Budget hatte als die vorherigen Serien. Gab es Probleme hinter den Kulissen? Wahrscheinlich. Waren Ewan McGregor und Hayden Christensen so teuer? Sehr gut möglich. Generell wissen die Special Effects leider nur teilweise zu überzeugen und nie zu beeindrucken.

Anakin vs. Obi-Wan?
Interessanterweise liegt die größte Stärke von „Obi-Wan Kenobi“ bei der Charakterisierung und Umsetzung der Hauptfigur. Ein Großteil davon ist natürlich Ewan McGregor zu verdanken. Trotz der negativen Rezeption der Prequels gehörte McGregors Darstellung des klassischen Jedi-Meisters zu den Aspekten, die fast durchgehend gelobt wurden – in „Obi-Wan Kenobi“ zeigt sich ein weiteres Mal, weshalb. McGregor kehrt mühelos in seine Paraderolle zurück und wirkt in jeder Minute überzeugend. Zu Beginn der Serie erleben wir einen Obi-Wan, der ganz unten angekommen ist, gefangen in der Routine seines Exils und konstant mit seinem Trauma hadernd. Auf Luke aufzupassen ist das Einzige, das seinem Leben noch Sinn gibt. Ganz im Sinne der klassischen Heldenreise-Thematik muss er von Bail Organa regelrecht gezwungen werden, sich auf die Leia-Rettungsmission zu begeben. Und selbst hier im Einsatz ist er weit von seinem alten Selbst entfernt, ähnlich wie Luke in „The Last Jedi“ scheint sich Obi-Wan zumindest partiell von der Macht abgekapselt zu haben. Dementsprechend gravierend fällt dann auch seine erste Niederlage gegen Vader aus. Erst danach gelingt es ihm, zu alter Form zurückzukehren und Vader bei der zweiten Begegnung sogar zu besiegen. Prinzipiell ist das keine schlechte Charakterentwicklung und sie funktioniert vor allem immer dann, wenn Ewan McGregor die Gelegenheit bekommt, ihr Potential in den ruhigeren Charaktermomenten auszuschöpfen. Leider wirkt die holprige Erzählweise der Serie dem manchmal entgegen und nur allzu oft wird die Aufmerksamkeit durch redundante Erzählstränge von Obi-Wan abgelenkt.

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Darth Vader (Hayden Christensen/James Earl Jones)

Hayden Christensens Rückkehr als Anakin/Darth Vader ist freilich das andere große Verkaufsargument dieser Serie. Tatsächlich finde ich persönlich es sehr schön, wie Christensen nun, genau zwanzig Jahre nach seinem Debüt als Anakin, auf diese Weise vom Fandom akzeptiert wird, nachdem er zu den Schauspielern gehört, die in der Rezeption der Prequels absolut nicht gut wegkamen. Zwar steckt Christensen in „Obi-Wan Kenobi“ auch unter Vaders Maske, bekommt hier aber kaum die Chance, sein Talent zu zeigen, nicht zuletzt weil die Stimme immer noch James Earl Jones gehört, wenn auch nachbearbeitet. Tatsächlich bediente man sich wohl derselben Technologie, mit der auch die Stimme des jungen Luke in „The Mandalorian“ und „The Book of Boba Fett“ rekonstruiert wurde, allerdings scheint sie inzwischen noch ausgereifter zu sein, denn Vader klingt tatsächlich fast genauso wie in der OT. Das aber nur am Rande – Christensen bekommt in der fünften Episode die Gelegenheit, noch einmal in die Rolle des Padawan Anakin Skywalker zu schlüpfen. Dieses Mal entschied man sich, die Verjüngungsmaßnahmen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren – während Ewan McGregor wirklich kaum zu altern scheint, wirkt Anakin doch deutlich älter als 19 – zugleich entsteht so aber auch kein unangenehmer Uncanny-Valley-Effekt. Und man kann es nicht leugnen, Christensen gelingt es trotz allem, die jugendliche Energie seine Rolle zu vermitteln. Nicht minder kraftvoll ist seine Performance im finalen Duell, in welchem er mit zerstörter Maske als „Anakin/Vader-Mischling“ auftreten darf – diese Szene wäre allerdings deutlich kraftvoller gewesen, hätte es nicht beinahe dieselbe bereits in „Star Wars Rebels“ gegeben.

Senatoren, Inquisitoren und andere Unruhestifter
Neben Obi-Wan und Anakin finden sich noch eine Reihe weiterer Rückkehrer aus den Prequels, primär Joel Edgerton und Bonnie Piesse als Owen und Beru Lars, Jimmy Smits als Bail Organa und, in kleinen Cameo-Auftritten, Temuera Morrison als Klon der 501. Legion, Ian McDiarmid als Darth Sidious und Liam Neeson als Qui-Gon Jinn. Dazu gesellen sich neue Darsteller in bekannten Rollen, primär Vivien Lyra Blair als zehnjährige Prinzessin Leia und Rupert Friend als der aus „Star Wars Rebels“ bekannte Großinquisitor. Weitere essentielle Neuzugänge sind Moses Ingram als Reva, Indira Varma als Tala Durith und Kumail Nanjiani als „Fake-Jedi“ Haja Estree. Im Großen und Ganzen sind zumindest die bekannten Figuren, mit einer Ausnahme, ziemlich gut umgesetzt, die Gastauftritte fügen sich logisch und sinnvoll in die Handlungskonstruktion ein, gerade Temuera Morrisons kleiner Auftritt ist ein wirklich kraftvoller Moment, von Ian McDiarmid und Liam Neeson hätte ich gerne mehr gesehen. Vivien Lyra Blair, die bereits in dem Netflix-Film „Birdbox“ ihr Debüt feierte, liefert eine wirklich gute Performance ab. Das eine oder andere Mal klingen ihre Dialoge vielleicht ein wenig zu erwachsen, aber dafür kann die Schauspielerin natürlich nichts. Man könnte kritisieren, dass die Handlunskonzeption diesbezüglich manchmal vielleicht etwas zu sehr an „The Mandalorian“ erinnert, schon wieder haben wir einen Einzelgänger, der sich (widerwillig) um ein Kind kümmern muss, aber zugleich sind Grogu und Leia als Figuren verschieden genug, dass das nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Zugegebenermaßen hätte ich mir gewünscht, dass nicht unbedingt Leia der Auslöser für Obi-Wans kurzzeitige Rückkehr auf die Bühne der Galaxis ist, aber nun ja…

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Reva (Moses Ingram)

Im Gegensatz dazu funktioniert der Großinquisitor für mich in dieser Inkarnation überhaupt nicht. Das liegt zum einen daran, dass er für meinen Geschmack deutlich zu menschlich aussieht, das Make-up erinnert eher an hochwertiges Cosplay, die Pau’aner in „Revenge of the Sith“ sahen da deutlich beeindruckender aus. Zum anderen kann ich mich auch mit Rupert Friends Darstellung nicht wirklich anfreunden – zu pompös, zu aufgesetzt. Wäre es nach mir gegangen, hätte man den Großinquisitor mit Jason Isaacs besetzt, der der Figur in „Star Wars Rebels“ ihre Stimme verlieh und nochmal ein ganz anderes Level an Gravitas mitgebracht hätte. Insgesamt sind die Inquisitoren nicht allzu gelungen – bereits in „Rebels“ waren sie nicht besonders furchterregende oder ernstzunehmende, aber hier wirken sie noch einmal inkompetenter. Reva alias die Dritte Schwester hat sich diesbezüglich besonders mal wieder zu einer Figur entwickelt, die das Fandom enerviert – und wie üblich zeigt es sich dabei von seiner hässlichsten Seite. Es ist völlig in Ordnung, eine schauspielerische Leistung oder die Konzeption einer Figur sachlich zu kritisieren, entsprechende Schauspielerin dann aber auf Social Media mit rassistischen Kommentaren niederzumachen absolut nicht. Ich bin zugegebenermaßen nicht der größte von Fan Reva, aber Moses Ingram trägt dafür nun wirklich nicht die Verantwortung. Auf mich wirkt sie konzeptionell ähnlich wie Kylo Ren, gewissermaßen eine unwillige Anhängerin der Dunklen Seite, allerdings mit deutlich handfesterer Motivation: Infiltrieren der Inquisition, um an Vader heranzukommen. In diesem Kontext ist auch Ingrams etwas überdrehtes Spiel in den frühen Episoden verständlich: Reva kompensiert. Aber auch hier schadet die suboptimale Erzählstruktur und die ungeschickte Inszenierung der Serie dem Handlungsbogen – vor allem, was die Auflösung angeht. Es ist auf konzeptioneller und thematischer Ebene gut verständlich, weshalb Reva Luke töten möchte, da es sehr gut die Order-66-Flashbacks widerspiegelt: Reva ist genau zu dem geworden, was sie eigentlich vernichten wollte. Handlungslogisch ergibt dieser Abstecher allerdings keinerlei Sinn und lenkt nur vom eigentlich Kern und der Obi-Wan/Vader-Begegnung ab.

Verordnung im Franchise
Die Einordnung von „Obi-Wan Kenobi“ im Franchise ist in mehr als einer Hinsicht eine recht interessante Angelegenheit, sowohl im Bezug auf die Filme, als auch auf frühere Legends-Werke. In Episode IV erhalten wir einige mehr oder weniger nebulöse Angaben zur Vorgeschichte: „When I left you I was but the learner. Now I am the master.“ Diese Aussage impliziert eine Niederlage Vaders gegen Obi-Wan; bisher wurde sie primär auf „Revenge of the Sith“ bezogen, „Obi-Wan Kenobi“ rekontextualisiert dies (und vieles andere) aber nun natürlich. Und irgendwann muss Obi-Wan natürlich auch erfahren haben, dass Anakin ihr Duell überlebt hat, denn in „A New Hope“ ist er sich dessen sehr bewusst. In wie fern das alles, auch in Hinblick auf die Beziehung zwischen Obi-Wan und Leia, passend ist, ist diskutabel, das war es aber auch schon bei „Revenge of the Sith“. Der Wortwechsel zwischen Vader und Obi-Wan in der sechsten Episode der Serie bemüht sich jedenfalls sehr, die Fronten zu klären: Vader legt dar, dass nicht Obi-Wan versagt hat, sondern dass er, Vader, Anakin getötet habe, woraufhin Obi-Wan beginnt, ihn „Darth“ zu nennen, wie er es auch in Episode IV tut.

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Owen Lars (Joel Edgerton)

„Obi-Wan Kenobi“ ist auch insofern interessant, da es im Legends-Bereich quasi direkte Gegenstücke gibt – zumindest im Bezug auf Star-Wars-Serien durchaus ein Novum. Zwar findet kein Rematch zwischen dem Ex-Jedi und seinem Padawan statt, aber es finden sich einige konzeptionell ähnliche Romane. Primär wären das John Jackson Millers „Kenobi“ und die Kinderbuchreihe „The Last of the Jedi“ von Jude Watson. In Ersterem macht Obi-Wan eine ähnliche Charakterentwicklung durch und lernt, mit den Ereignissen aus „Revenge of the Sith“ umzugehen, allerdings ohne dabei Tatooine zu verlassen. „Kenobi“ ist eine sehr begrenzte, „kleine“ Geschichte, in der es, neben Obi-Wans Trauma, primär um einen Konflikt zwischen Feuchtfarmern und Tusken geht. Im Gegensatz dazu verlässt Obi-Wan in „The Last of the Jedi“ sein Exil, verbündet sich mit einem anderen Order-66-Überlebenden namens Ferus Olin und bekommt es auch mit Inquisitoren zu tun – das Konzept dieser Jedi-Jäger stammt ursprünglich aus den Legends-Werken, auch wenn sie sich von ihren Disney-Gegenstücken durchaus unterscheiden. Dass Anakin/Vader überlebt hat und als Cyborg durch die Gegend marschiert, erfährt Obi-Wan zudem in James Lucenos „Dark Lord: The Rise of Darth Vader“ – in diesem Roman nimmt auch Qui-Gon Jinns Machtgeist zum ersten Mal mit ihm Kontakt auf. Es sei zudem zu erwähnen, dass sich Qui-Gon in Legends nie körperlich manifestieren konnte, er war immer nur zu hören. Neben dem Rematch findet sich der größte Unterschied zwischen Kanon und Legends in dem Umstand, dass alle dieser Obi-Wan-Geschichten relativ kurz nach „Revenge of the Sith“ spielen, während zwischen Film und Serie zehn Jahre liegen.

Zudem baut „Obi-Wan Kenobi“ eine ganze Reihe an Verweisen zum Disney-Kanon und sogar zu diversen Legends-Werken ein. Die Basis der Inquisitoren stammt beispielsweise aus „Jedi: Fallen Order“ – tatsächlich wirkt die vierte Episode fast wie die Verfilmung einer Mission dieses Spiels. Die Legends-Anspielungen sind zumeist etwas subtiler, die Serie etabliert, dass Quinlan Vos, wie in Legends, Order 66 überlebt hat und etabliert zudem mehr oder weniger die Existenz des Post-Endor-Jedi-Ritters Corran Horn. Der Planet Jabiim, auf dem die Handlung der fünften Episode stattfindet, hat in den Republic-Comics der frühen 2000er zudem eine besondere Bedeutung, dort kämpft Anakin in einer ihn stark prägenden Schlacht, während Obi-Wan von den Separatisten gefangengenommen und an Asajj Ventress ausgeliefert wird. Die Serie benutzt allerdings nur diesen Namen.

Soundtrack

Wie bei vielen anderen Aspekten von „Obi-Wan Kenobi“ gab es auch bei der Musik einige Probleme hinter den Kulissen. Als Komponistin wurde Natalie Holt ausgewählt, die sich mit dem ebenso gelungenen wie kreativen Score der MCU-Serie „Loki“ einen Namen machen konnte. Deutlich später wurde dann verkündet, John Williams höchstpersönlich werde, wie schon bei „Solo“, ein Thema für die Hauptfigur beisteuern. Holt hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen großen Teil der Musik für die Serie komponiert. Auf Williams Empfehlung (oder Anweisung) hin zog man William Ross, einen langjährigen Williams-Mitarbeiter hinzu, der beispielsweise bereits bei „Harry Potter and the Chamber of Secrets“ ausgeholfen hatte, um Williams‘ neues Thema für die entsprechenden Szenen zu adaptieren. Zusätzlich oblag es Ross, einige der klassischen Star-Wars-Leitmotive unterzubringen. Wie aus einem Interview mit Holt hervorgeht, wussten sowohl sie als auch Deborah Chow lange nicht, ob die ikonischen Themen überhaupt verwendet werden durften, weshalb Holt auf die verzichtete. Auch hier war es anscheinend Williams selbst, der anregte (oder verlangte), sie auf ein Minimum bzw. auf die letzte Folge zu beschränken. So sehr ich Williams auch als Komponisten und musikalischen Geschichtenerzähler schätze, diese Entscheidung halte ich für völlig verkehrt.

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Der Großinquisitor (Rupert Friend)

Aber betrachten wir zuerst das neue Obi-Wan-Thema. Entgegen anderslautender Behauptungen hatte Obi-Wan in „A New Hope“ tatsächlich ein eigenes Leitmotiv – nur dass dieses Leitmotiv sehr schnell zum Thema der Macht insgesamt „mutierte“ und diese auch heute noch repräsentiert – in der ursprünglichen Partitur wird es jedoch als „Ben’s Theme“ bezeichnet. Das neue Williams-Thema passt sich hervorragend in das leitmotivische Netz des Franchise ein, ähnlich wie bei Reys Thema gibt es viele Anknüpfungspunkte zu anderen Themen der Saga, primär natürlich dem Machtthema. Darüber hinaus verströmt es ein gewisses wagnerianisches Flair, mich persönlich erinnerte es beim ersten hören an Siegfrieds Thema aus dem „Ring des Nibelungen“ (am besten zu hören in Siegfrieds Trauermarsch), allerdings weniger heroisch und eher traurig und introspektiv.

Bei den Stücken, die auf dem offiziellen Album zu finden sind, wird eindeutig zugeordnet, welche von Holt und welche von Ross stammen – wie zu erwarten war, taucht das Williams-Thema nur in den Ross-Tracks auf. Diese klingen insgesamt auch in deutlich stärkerem Ausmaß nach Williams, während sich Holt eher modernerer Stilmittel bedient – sowohl Synth-Elemente als auch exotische Instrumentierung zur Repräsentation verschiedener Schauplätze spielen hier eine deutlich größere Rolle. Das sorgt dafür, dass beide Teile des Scores stilistisch nie so recht zusammenfinden wollen. Holts Musik ist keinesfalls schlecht, für meinen Geschmack allerdings teilweise etwas unpassend: Es ist durchaus angemessen, dass Serien wie „The Mandalorian“ oder „The Book of Boba Fett“ in einem individuellen, moderneren Stil komponiert sind, gerade bei dieser Serie, die so von den Prequels abhängig ist, wäre es in meinen Augen wichtig gewesen, diesen Umstand durch die Musik auszudrücken.

Und damit wären wir auch schon bei der Verwendung der altbekannten Themen: Wie essentiell diese sind, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlen. Dieser Umstand trägt zumindest für mich oft zu der Wahrnehmung bei, dass bei der Inszenierung einfach etwas nicht stimmt. Holt liefert durchaus neue Themen für bekannte Figuren, etwa für Leia oder Vader (letzteres Motiv ist irgendwo zwischen dem Rhythmus des Imperialen Marsches und des ursprünglichen Vader-Motivs aus Episode IV), zusätzlich zu dem einen oder anderen völlig neuen Motiv, etwa für die Inquisitoren. Diese sind allerdings selten mehr als funktional. Hin und wieder finden sich subtile Andeutungen, Vaders neues Thema scheint sich im Verlauf des Scores immer weiter dem Imperialen Marsch zu nähern, sehr gut vernehmbar in Empire Arrival, gegen Ende von No Further Use taucht bereits eine kurzen Andeutung des Imperialen Marsches auf (an die ich mich in der Serie selbst aber nicht erinnern kann) und in First Rescue baut Ross einen kurzen Hinweis auf den Main Title ein.

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Tala Durith (Indira Varma)

Tatsächliche, volle Statements der ikonischen Themen finden sich am Ende von Overcoming the Past (Imperialer Marsch) und Saying Goodbye (Machtthema und Leias Thema). Ich verstehe die Idee, sich die „großen Themen“ bis ganz zum Schluss aufzuheben, das kann durchaus gut funktionieren, ein Beispiel wäre etwa David Arnolds „Casino Royale“. Da der Imperiale Marsch aber bereits zuvor in den Prequels Verwendung fand, überzeugt mich die Argumentation, Vader müsse sich sein ikonisches Leitmotiv erst verdienen, absolut nicht. Vor allem ist „Obi-Wan Kenobi“ für mich eine verpasste Chance: Während die Themen der OT in den Sequels ausgiebig (und mal mehr, mal weniger gelungen) verarbeitet wurden, zeigte man sich in den Disney-Produktionen gegenüber den Prequel-Themen zumeist sehr stiefmütterlich, der kurze Einsatz von Duel of the Fates in „Solo“ war praktisch das höchste der Gefühle. Anakins oder Qui-Gons Thema hätten sich wirklich ideal angeboten und der Umstand, dass im großen Duell zwischen Vader und Obi-Wan keine neue Variation von Battle of the Heroes erklingt, ist fast schon kriminell. Man merkt, dass Ross im entsprechenden Stück, I Will Do What I Must, versuchte, etwas an Duel of the Fates oder Battle of the Heroes erinnerndes zu schreiben, aber es wirkt eben doch wie eine bloße Nachahmung.

Fazit: „Obi-Wan Kenobi“ ist eine ebenso zwiespältige wie frustrierende Erfahrung. Einerseits ist viel Potential vorhanden und zudem bietet die Serie vor allem eine grandiose Rückkehr von Ewan McGregor und anderen Prequel-Darstellern wie Jimmy Smits, Joel Edgerton oder Hayden Christensen. Andererseits geht aber viel durch suboptimale Inszenierung, holprige Erzählweise, Mangel an Fokus und schlichte Redundanz verloren. Irgendwo in dieser aufgeblähten Miniserie steckt ein guter Film, wie einige kreative Fans bereits bewiesen haben…

Trailer

Bildquelle (© 2022 Lucasfilm Ltd. & ™. All Rights Reserved.)

Siehe auch:
The Mandalorian Staffel 1 & 2
The Book of Boba Fett
Kenobi

Stück der Woche: Fire and Water

„The Battle of the Five Armies” ist der einzige Mittelerde-Film, der ohne einen der eigentlichen Handlung vorgesetzten und von ihr separierten Prolog auskommen muss. Da „The Desolation of Smaug“ mit einem Cliffhanger endet, fühlt sich die Eröffnungsszene des dritten Hobbit-Films immer eher an, als gehöre sie noch zum Vorgänger, ohne dabei aber dieselbe Wirkung zu erzielen wie ein „regulärer“ Prolog. Dieser Umstand wirkt sich natürlich auch auf die Musik aus: Die Prologszenen boten Shore stets interessante Möglichkeiten, eben weil sie von dem, was direkt danach kam, separiert sind. In den beiden Eröffnungsfilmen der jeweiligen Trilogie nutzte Shore die Prologe ähnlich wie eine Ouvertüre und etablierte bereits früh eine ganze Menge an leitmotivischem Material, das erst später im Film oder gar in den Folgefilmen wichtig werden sollte, während er im jeweils zweiten Film die Gelegenheit bekam, zu einem früheren Schauplatz noch einmal kurzzeitig zurückzukehren, sei es Moria oder Bree. In „The Return of the King“ präsentierte Shore schließlich eine Frühform des Auenlandmaterials für die Proto-Hobbits Sméagol und Déagol. In Fire and Water (ein weiterer Track, der direkt nach einem Kapitel des Romans benannt ist) führt Shore dagegen einige der leitmotivischen Fäden von „The Desolation of Smaug“ zur Kulmination.

Zwischen Alben- und Filmversion gab es bereits beim Vorgänger immer größere Unterschiede, diese Tendenz verstärkt sich im Hobbit-Finale noch weiter – der Musik-Schnitt wird von Film zu Film in dieser Trilogie schlechter. Da es immer umständlicher wird, auf Unterschiede zwischen Film- und Albenversion hinzuweisen, werde ich das nur noch in ausgewählten Einzelfällen tun – ansonsten behandle ich die Stücke auf dem Album als die von Shore intendierte Version. Fire and Water ist da bereits ein exzellentes Beispiel – ich vermute, dass auch diese Sequenz bis kurz vor Kinostart immer wieder umgeschnitten wurde, was zur Diskrepanz zwischen Film und Album geführt haben dürfte: Musikschnipsel des Films fehlen auf dem Album und umgekehrt; immer wieder wirkt es, als hätten Jackson und Co. einfach die Pausetaste gedrückt, weshalb der natürliche Fluss der Musik unterbrochen wird.

Sofort zu Beginn des Tracks hören wir, dass sich der Drache nähert, es braucht gerade einmal etwas über 20 Sekunden, bis die B-Phrase und das charakteristische Ostinato von Smaugs Thema erklingen. Als Zuschauer bzw. Zuhörer nehmen wir hier die Perspektive der Menschen von Esgaroth ein, weshalb die Musik des Drachen zu Anfang noch subtiler und weiter entfernt ist, aber rasch näher kommt. Zum ersten Mal in dieser Filmtrilogie wird die Einblendung des Titels „The Hobbit“ zudem nicht von einer Variation des Auenlandthemas begleitet, sondern von einem Fragment des Drachenleitmotivs (0:53). Sobald das erledigt ist, steigert sich die Intensität des Drachenmaterials, das bei 1:21 kurz vom Motiv „The Politicans of Lake-town“ (nach Doug Adams) unterbrochen wird, als der Meister von Esgaroth und Alfrid versuchen, die Staatskasse vor dem anrückenden Ungetüm in Sicherheit zu bringen – dementsprechend gehetzt ist das Statement und wird auch sofort wieder von Smaugs Begleitfigur bei 0:28 überlagert. Ein erster zorniger Ausbruch der A-Phrase erklingt bei 1:50, nur um allerdings direkt in das Girion bzw. Drachentöter-Thema überzugehen. Bereits hier zeigt sich, dass Fire and Water ein faszinierender Spiegel des Tracks My Armor Is Iron darstellt: Nicht nur haben beide eine ähnliche Laufzeit, sie stellen ein Duell des Smaug-Themas mit jeweils einer Motivgruppe dar, in My Armor Is Iron kämpfte die musikalische Repräsentation des Drachen mit den Themen der Zwerge, hier sind es die verschiedenen Themen Bards des Bogenschützen.

Bei der Zweiminutenmarke kehren wir sofort wieder zu Ostinato und ansteigender B-Phrase zurück, bei 2:23 entlädt sich schließlich der volle Zorn des feuerspeienden Reptils in einem mächtigen Statement der A-Phrase, die sich bei 2:50 wiederholt. Und abermals folgt darauf direkt bei 3:06 das Drachentöter-Thema, rein und klar von Blechbläsern gespielt, als Bard endlich seine Bestimmung erkennt und sein Erbe annimmt. Bei 3:21 geht es in die bislang stärkste Variation des eigentlichen zentralen Leitmotivs dieser Figur über, das Thema für Bard, den Bogenschützen, das in „The Desolation of Smaug“ oft eine etwas zwielichtige Färbung hatte, nun aber endgültig zum Heldenthema mutiert. Als Bard seinen Sohn Bain als Zielvorrichtung verwendet, erklingt das dritte Thema des Bogenschützen, Bards Familienthema (3:23), das im zweiten Hobbit-Film nur einmal kurz angedeutet wurde, in „The Battle of the Five Armies“ aber noch an Wichtigkeit gewinnt. Durch den Einsatz eines Frauenchors schafft Shore einen starken Kontrast sowohl zum Material des Drachen als auch zu den anderen beiden Bard-Themen.

Noch einmal kehrt ab 4:04 das Smaug-Material mit voller Wucht zurück, allerdings durchsetzt von ominösen Chorpassagen, die vom Ende der Bestie künden. Smaugs Thema wird weitergespielt, verliert an Kraft und Intensität, verstummt allerdings nicht und verschwindet auch nicht aus dem Score. Es bleibt als unheilvolle Präsenz bestehen, während die Handlung des Films zum Erebor und den Zwergen zurückkehrt. Smaug mag tot sein, aber sein Vermächtnis ist nicht aus Mittelerde verschwunden. Bei 5:39 arbeitet sich schließlich zögerlich das Erebor-Thema aus dem Drachenmaterial heraus, das die Titeleinblendung „The Battle of the Five Armies“ untermalt.

Siehe auch:
My Armor Is Iron

First Kill Staffel 1

„Twilight“ war das letzte „revolutionäre“ Ereignis, dass den Vampirfilm bzw. die Vampirliteratur dominierte. Seither dümpelt dieses Horror-Subgenre mehr oder weniger vor sich hin und wurde primär von Twilight-Nachahmern wie „The Vampire Diaries“ oder von Kontrastprogrammen wie „The Strain“ dominiert – „True Blood“ fällt ironischerweise in beide Kategorien. Neben der einen oder anderen Indie-Perle wie „Only Lovers Left Alive“ oder „What We Do in the Shadows“ (Film wie Serie) und der obligatorischen Dracula-Neuinterpretation – sei es die misslungene Origin-Story „Dracula Untold“ oder die zumindest unterhaltsame BBC/Netflix-Adaption von 2020 – hat sich in den letzten Jahren an dieser Front sehr wenig getan. Literatur oder gar Rollenspiele sind natürlich noch einmal eine andere Geschichte, aber die Mainstreamwahrnehmung konzentriert sich nun einmal primär auf Filme und Serien. Vor Kurzem startete auf Netflix die acht Episoden umfassende erste Staffel von „First Kill“, die vielleicht eine ganz gute Momentaufnahme des Genres bietet.

Handlung und Konzeption
Schöpferin von „First Kill“ ist die amerikanische Autorin Victoria Schwab, das Konzept der Serie stammt aus der gleichnamigen Kurzgeschichte, die Schwab selbst für die Anthologie „Vampires Never Get Old: Tales With Fresh Bite“ verfasste. Im Zentrum stehen die beiden Teenager Juliette Fairmont (Sarah Catherine Hook) und Calliope „Cal“ Burns (Imani Lewis), die auf dieselbe High School gehen und sich ineinander verlieben. Unglücklicherweise sind Juliette und Calliope gewissermaßen natürlich Feinde, denn Erstere ist die jüngste Tochter einer Dynastie mächtiger Vampire, während Letztere zu einer Familie hingebungsvoller Monsterjäger gehört. Beide haben darüber hinaus mit ihrem „ersten Kill“ zu kämpfen: Um zur vollwertigen Vampirin zu werden, muss Juliette einen Menschen komplett aussagen, während Calliope endlich ihr erstes Monster töten möchte. Ein paralleler Mordversuch an der jeweils anderen geht zwar schief, sorgt aber dafür, dass beiden Familien aufeinander aufmerksam werden. Gleichzeitig merken Juliette und Calliope, dass sie, trotz der inhärenten Feindschaft, einfach nicht voneinander lassen können…

Dass es sich bei „First Kill“ um eine Anlehnung an Shakespeares „Romeo and Juliet“ handelt, ist geradezu überdeutlich – als wäre der Name einer der Protagonistinnen nicht schon genug, wird exakt dieses Stück gerade in der High School aufgeführt. Konzeptionell erinnert vieles darüber hinaus an eine CW-Serie – „The Vampire Diaries“ und die diversen Spin-offs sind natürlich der primäre Referenzpunkt. Der größte Unterschied ist beim Umfang zu finden; während die typische Staffel einer CW-Serie ca. 20 Folgen beinhaltet (und typischerweise viel zu lang ist), hat „First Kill“ lediglich acht. Davon abgehen sind die Parallelen allerdings nicht zu übersehen: Von der Inszenierung, dem relativ niedrigen Budget und der Musikauswahl über die Handlungsführung und Figurenkonzeption bis hin zu dem Umstand, dass hier nicht nur Vampire, sondern auch alle möglichen anderen Monster und Horrorgestalten aktiv sind, verweist so vieles „The Vampire Diaries“.

Umsetzung
Tatsächlich fängt „First Kill“ mit einer verhältnismäßig vielversprechenden ersten Folge an, die die beiden Protagonistinnen relativ ausführlich vorstellt. Wer sich im Vorfeld nicht wirklich mit der Serie auseinandergesetzt hat, könnte zudem auf die Idee kommen, dass es sich bei Calliope und nicht bei Juliette um die Vampirin handelt; Letztere wird gerade hier eher wie Bella Swann oder Elena Gilbert in Szene gesetzt, während Calliope der mysteriöse Neuankömmling ist, der den Status Quo durcheinanderbringt. Zudem zeigt die erste Folge sehr schön die Parallelen beider Figuren auf, sowohl Calliope als auch Juliette streben danach, endlich zu vollwertigen Mitgliedern ihrer jeweiligen Familie zu werden, hadern aber zugleich mit dem Preis, den sie dafür zahlen müssen. Schließlich und endlich ist auch die Chemie zwischen den beiden jungen Darstellerinnen durchaus brauchbar und vor allem authentisch. Über den weiteren Verlauf hat diese erste Staffel allerdings oft mit denselben Problemen wie „The Vampire Diaries“ zu kämpfen: Suboptimale Drehbücher, schlechte Dialoge und, gemessen an dem, was die Serie bezüglich der Monster zeigen und erreichen möchte, ein deutlich zu niedriges Budget – wann immer CGI zum Einsatz kommt, sieht es ziemlich fürchterlich aus. In der Wahl der Handlungsorte ist die Serie ebenfalls recht eingeschränkt und muss primär mit der High School sowie auf den Häusern der beiden Familien zurechtkommen. Auch visuell ist „First Kill“ leider nicht allzu interessant – zwar bedient sich der Serie Kreaturen des Horror-Genres, selten aber geht die Inszenierung tatsächlich in diese Richtung, alles ist sehr sauber und glattgebügelt. Da die Vampire der Serie mit der Sonne keine Probleme zu haben scheinen und das High-School-Element ein wichtiger Faktor ist, finden sich für ein Vampir-Medium sehr viele Tageslichtszenen. Ein wenig überraschend sind dagegen die immer wieder (zumindest verhältnismäßig) ordentlichen Gewaltspritzen – anders als im völlig blutleeren „Twilight“ fließt hier wenigstens hin und wieder roter Saft.

Die schauspielerischen Leistungen sind ebenfalls eher durchwachsen – „First Kill“ funktioniert tatsächlich am besten, wenn es sich auf das zentrale Pärchen konzentriert, während die Machenschaften der beiden Familien rasch uninteressant werden. Das gilt in besonderem Ausmaß für Juliettes Vampirsippe: Was auf dem Papier interessante Konflikte innerhalb einer untoten Gesellschaft sein könnten, wird in der Umsetzung aufgrund der flachen Inszenierung zu einer eher drögen Angelegenheit. Die markantesten Figuren abseits der beiden Protagonistinnen sind zweifelsohne die Mütter, die ähnlich wie ihre Töchter als Spiegelbilder angelegt sind. Sowohl Calliopes Mutter Talia (Aubin Wise) als auch Juliettes Mutter Margot (Elizabeth Mitchell) schwanken zwischen Liebe und Fürsorge für ihre Kinder und ihren Partner und Verpflichtungen, die das Jäger- bzw. Vampirdasein mit sich bringt. Beide werden diesbezüglich im Verlauf der Serie auf die Probe gestellt. Deutlich weniger markant und mitunter sogar fast schon nervig sind die Umtriebe der diversen Geschwister, auf der Vampirseite Elinor (Gracie Dzienny) und Oliver (Dylan McNamara) und auf der Jäger-Seite Apollo (Dominic Goodman) und Theo (Phillip Mullings, Jr.). Besonders hier sind die bereits erwähnten schwachen Dialoge sowie nicht besonders überzeugendes Overacting sehr ausgeprägt. Zudem franzen die Handlungsstränge gegen Ende immer weiter aus und kulminieren schließlich in einem völlig offenen „Finale“, das wirklich keinerlei Abschluss bringt und nur noch mehr Fragen aufwirft.

„First Kill“ im Genre-Kontext
Homosexualität begleitet den Vampir praktisch seit seinen ersten literarischen Gehversuchen, noch implizit in John William Polidoris „The Vampyre“ und dann schon sehr explizit (und für „First Kill“ deutlich relevanter) in Joseph Sheridan LeFanus „Carmilla“ – zumindest nach damaligen Maßstäben ein regelrecht progressives Werk. Auch in Anne Rice‘ Romanen ist die Thematik sehr präsent, nicht zuletzt da gut 70 Prozent der auftauchenden Figuren männlich sind, und wird in späteren Werken noch deutlich prominenter. „True Blood“ etwa thematisiert nicht nur sehr explizit homosexuelle Beziehungen essentieller Figuren wie Lafayette oder Pam, sondern verwendet Vampire als nicht unbedingt subtile Metapher (Stichwort: „God Hates Fangs“), die angesichts der Handlungsentwicklung späterer Staffeln allerdings ihrerseits wieder problematisch wird. „First Kill“ orientiert sich dagegen in der Darstellung des zentralen queeren Pärchens eher an der Web-Serie „Carmilla“ (womit wir den Kreis geschlossen hätten). Während frühere Verfilmungen, etwa Hammers „The Vampire Lovers“ (1970) mit Ingrid Pitt als Carmilla, primär auf den Exploitationfaktor und die Fetischisierung des „lesbischen Vampirs“ abzielten, bemüht sich diese sehr freie Adaption, die Sexualität der Figuren als etwas völlig Natürliches darzustellen, ohne Fetischisierung, ohne Metapher, Queerness und Vampirismus als pure Korrelation ohne jegliche Kausalität. Es sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass besagte Webserie mit einem noch einmal deutlich beschränkteren Budget weitaus kreativere Dinge anstellt als „First Kill“.

Die High School als Setting einer Vampirgeschichte ist natürlich ein fest etabliertes Element, bereits „Buffy the Vampire Slayer“ bediente sich dieses Handlungsortes und spätestens seit „The Vampire Diaries“ und „Twilight“ sind jahrhundertalte Vampire, die aus Spaß an der Freude wieder zur Schule gehen, nichts Besonderes mehr. In diesem Kontext ist „First Kill“ tatsächlich eine Ausnahme, denn Juliette wirkt nicht nur wie eine Schülerin, es ist ihr tatsächliches Alter. Die Beziehung zwischen Mensch und Vampir erzeugt, nicht nur durch die übernatürliche Natur, sondern eben oft auch durch das hohe Alter, oft ein Machtgefälle, dass in dieser Form in der Netflix-Serie völlig entfällt, da Calliope als Jägerin mit Juliette quasi auf einer Stufe steht – der gegenseitige misslungene Tötungsversuch in der ersten Folge unterstreicht das.

Was die mythologischen Hintergründe der Vampire angeht, verlässt „First Kill“ kaum die ausgetretenen Pfade. Bei Juliettes Familie handelt es sich nicht einfach nur um „gewöhnliche“ Vampire, sondern um sog. „Legacy Vampires“, besonders mächtige Exemplare, die praktisch nicht zu töten sind – möglicherweise angelehnt an die ähnlich unkaputtbaren „Originals“ aus „The Vampire Diaries“. Ein weiteres Mal führt man den vampirischen Ursprung, wie in „True Blood“ und so vielen anderen Werken, auf Lilith zurück und räumt sogar der biblischen Schlange einen wichtigen Platz ein – auch diese Idee ist nicht neu und wurde u.a. bereits im Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Requiem“ bemüht. Aufgrund des Lilith-Ursprungs ist die Vampirgesellschaft der Serie matriarchalisch organisiert und arbeitet mit rituellen Schlangen. Dieser Aspekt treibt im Verlauf der Serie noch sehr merkwürdige Blüten, als Juliettes Vater Jack (Jason R. Moore), zu Beginn noch ein gewöhnlicher Vampir, der von seiner Frau Margot aus Liebe zum Blutsauger gemacht wurde, von seiner Schwiegermutter Davina Atwood (Polly Draper) in einen Legacy Vampir verwandelt wird, nur um diese kurz darauf zu verspeisen.

Oft finden sich zudem – gewollt oder ungewollt – auf visueller oder inhaltlicher Ebene viele Verweise auf Vampirfilme und -serien der letzten 30 Jahre: Als Calliopes Jägerfamilie eine Versammlung der Legacy Vampire angreift, tut sie das in schwarzen Blade-Gedächtnis-Outfits inklusive Sonnenbrillen mitten in der Nacht. Auch Anne Rice wird nicht ausgespart: Die (wenn auch recht inkonsequent) mit ihrer Vampirnatur hadernde Juliette ist konzeptionell schon sehr nah an Louis und in einer der späteren Folgen geht sie gemeinsam mit ihrer Schwester Elinor auf die Jagd, um endgültig eine Louis-Lestat-Dynamik zu etablieren – inklusive der korrekten Haarfarben. Die Idee, die Romeo-und-Julia-Thematik mit Horrogestalten durchzuspielen, wurden ebenfalls bereits mehrfach umgesetzt, am prominentesten wohl in Len Wisemans „Underworld“ (2003), während die Beziehung zwischen Vampir und Jäger des Öfteren in „Buffy the Vampire Slayer“ thematisiert wurde.

Fazit: „First Kill“ ist als geistiger Nachfolger von „The Vampire Diaries“ zwar nicht unbedingt zu empfehlen, funktioniert aber ganz gut als Indikator dafür, wo der Vampirfilm bzw. die Vampirserie aktuell steht, besonders, da viele Entwicklungen des Genres hier in komprimierter Form zu finden sind. Was hingegen kaum auftaucht, sind neue Impulse. Je nachdem, wie erfolgreich „First Kill“ ist und wie gut die Serie ankommt, könnte sie entweder eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Genres spielen oder zu einer bloßen, unbedeutenden Fußnote, gewissermaßen einer Momentaufnahme werden.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Carmilla
Geschichte der Vampire: Interview with the Vampire
Geschichte der Vampire: Secret Origins
The Vampire Diaries
Dracula (BBC/Netflix)

Doctor Strange in the Multiverse of Madness – Ausführliche Rezension

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Seit seinem Debüt in Scott Derricksons „Doctor Strange“ trat Marvels Sorcerer Supreme primär in Nebenrollen auf; während man Spider-Man zwischen 2017 und 2021 drei Filme gewährte, musste Stephen Strange auf seinen zweiten Solo-Auftritt ganze sechs Jahre warten. Zusätzlich wurde „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ von einer ganzen Reihe an Problemen geplagt. Natürlich hatte jeder Film der letzten zweieinhalb Jahre unter der Corona-Pandemie zu leiden, wie so häufig kam es allerdings auch hier zu „kreativen Differenzen“ zwischen Marvel bzw. Disney und Derrickson, der ursprünglich auch den zweiten Strange-Film inszenieren sollte, weshalb man kurzerhand Regie-Veteran Sam Raimi heranholte. „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist Raimis erster Kinofilm seit “Oz the Great and Powerful” (2013) und markiert natürlich seine Rückkehr zum Superheldenfilm im Allgemeinen und Marvel im Besonderen, nachdem er mit seiner Spider-Man-Trilogie (2002 bis 2007) einer der essentiellen Geburtshelfer des Superheldenfilms als Genre war. Ein zugegebenermaßen interessanter Wiedereinstiegspunkt, besonders da „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ unter einer Eigenheit des MCU mehr leidet als jedes andere Sequel dieses Franchise: Zwischen dem ersten und dem zweiten Film ist so viel passiert. Nicht immer, aber meistens gelingt es den Solo-Sequels eine halbwegs anständige Balance zwischen dem „großen Ganzen“ und den für den Solo-Helden spezifischen Handlungselementen zu halten, was Raimi und Drehbuchautor Michael Waldron hier aber sichtlich schwerfällt. In letzter Konsequenz ist dieser zweite Doctor-Strange-Film zwar überaus unterhaltsam und profitiert definitiv von Raimis Expertise, versucht aber mehr zu stemmen, als er tragen kann und leidet und einigen der üblichen MCU-Probleme.

Handlung
Die Hochzeit von Stephen Stranges (Benedict Cumberbatch) alter Flamme Christine Palmer (Rachel McAdams) – bei der er als Gast und nicht als Bräutigam zugegen ist – wird vom Angriff eines Tentakelmonsters unterbrochen, das es offensichtlich auf die junge America Chavez (Xochitl Gomez) abgesehen hat. Nachdem Strange und Wong (Benedict Wong) die Kreatur gemeinsam besiegt haben, stellen sie fest, dass America überhaupt nicht aus ihrem Universum stammt – tatsächlich besitzt sie die Fähigkeit, zwischen den verschiedenen Welten des Multiversums zu wechseln, kann diese aber nicht kontrollieren. Zudem scheinen interdimensionale Dämonen hinter ihr her zu sein. Um der Sache auf den Grund zu gehen, möchte sich Strange die Hilfe von Wanda Maximoff alias Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) sichern, muss aber feststellen, dass diese hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Unter dem Einfluss des Darkhold, eines schwarzmagischen Wälzers, und der Trauer über den Verlust ihrer durch Magie erschaffenen Zwillinge ist sie auf die Idee gekommen, in den Weiten des Multiversums nach Ersatz für die Verlorenen zu suchen – ohne Rücksicht auf Verluste. Zu diesem Zweck plant sie, sich Americas Kräfte anzueignen – was im Tod der mutliversalen Reisenden enden würde.

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Stephen Strange (Benedict Cumberbatch)

Wandas Angriff zwingt Strange und America, gemeinsam durch das Multiversum zu fliehen. Sie landen schließlich auf Erde 838 – die hiesige Variante von Strange ist bereits tot, statt seiner ist Karl Mordo (Chiwetel Ejiofor) nun Sorcerer Supreme. Mordo veranlasst, dass Strange gefangen und vor die Illuminati, den „Sicherheitsrat“ dieses Universums gebracht wird. Besagtes Gremium besteht zum Teil aus alten Bekannten in neuen Rollen, etwa Captain Marvel/Maria Rambeau (Lashana Lynch) und Captain Carter (Haley Atwell), aber auch aus Persönlichkeiten, mit denen zumindest Strange nicht vertraut ist, darunter Charles Xavier (Patrick Stewart), Black Bolt (Anson Mount) und Mister Fantastic (John Krasinski). Wanda kann sich über ihr hiesiges Gegenstück allerdings ebenfalls Zugang zu Erde 838 verschaffen, macht kurzen Prozess mit den Illuminati und setzt weiter alles daran, America und Strange, die nun Hilfe von 383-Christine-Palmer erhalten, endlich dingfest zu machen…

Raimi vs. MCU?
Eine der größten Schwächen des MCU ist die gewisse Gleichförmigkeit der Filme: Da Kevin Feige und Co. stets versuchen, ein relativ kohärentes Universum zu aufrechtzuerhalten, sind die Filmemacher oft recht eingeschränkt und zu Kompromissen zwischen ihrem individuellen Stil und dem „MCU-Stil“ gezwungen. Manch einem Regisseur gelang es ganz gut, seinen Stempel zu hinterlassen, sei es James Gunn in den beiden Guardians-Filmen oder Taika Waititi in „Thor: Ragnarok“. Sam Raimi ist ebenfalls ein Filmemacher mit einem sehr individuellen Stil, der sowohl in seinen frühen Horror-Filmen als auch in seiner Spider-Man-Trilogie immer offensichtlich ist. Und für einen MCU-Film ist „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ tatsächlich sehr von den Manierismen Raimis geprägt – sowohl inszenatorisch als auch inhaltlich. Im Zentrum der Handlung steht ein (zugegebenermaßen schon in „WandaVision“ etabliertes) finsteres Grimoire, das nicht von ungefähr an des Necronomicon ex Mortis erinnert, diverse dämonische Entitäten tauchen auf und Strange selbst verbringt das Finale im untoten Körper einer Variante seiner selbst, die dank diverser Geister über einige Zusatzarme verfügt – Ähnliches oder Gleichwertiges hat man auch schon in „Ash vs. Evil Dead“ gesehen. Und selbst gemessen an Raimis Spider-Man-Filmen durfte der Regisseur in seinem MCU-Debüt Schraube für Gewalt und Ekel ganz ordentlich anziehen und das PG-13-Rating ausreizen. Raimi-Fans, die mit dem MCU nicht allzu viel anfangen können, werden seinen Stil hingegen vermutlich als verwässert ansehen, denn auch Raimi musste sich mit den diversen Vorgaben des Studios herumärgern, was immer wieder deutlich wird. Erfreulicherweise gelingt es ihm dennoch, eine Form der Authentizität zumindest teilweise zu etablieren, die seine Spider-Man-Filme so einnehmend machten, die im MCU aber oftmals fehlt, da die Figuren sich genötigt fühlen, sofort einen ironischen selbstreferenziellen Kommentar abzugeben. Vor allem „Doctor Strange“ hatte das Bathos-Problem: Jeder ernstere oder emotionale Moment wurde sofort durch einen Gag entschärft und ironisiert, sodass automatisch eine gewisse Distanz entstand. Natürlich ist „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ weit davon entfernt, humorlos zu sein, dennoch hat man das Gefühl, dass die Protagonisten die Bedrohung deutlich ernster nehmen, als das im typischen MCU-Film der Fall ist. Um einen „echten Horrorfilm im MCU“, wie immer wieder vollmundig angekündigt wurde, handelt es sich zwar nicht, aber immerhin werden Horror-Elemente durchaus gelungen eingesetzt.

Strangers in a Strange Land
Doctor Strange im MCU bewegt sich konstant zwischen zwei Charakterisierungen: Wir haben zum einen den relativ zielgerichteten, auf seine Mission bedachten Strange, der vor allem in „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“ auftaucht, und zum anderen den waghalsigen Strange, der zum Teil idiotische Risiken eingeht – man denke nur an die Aktionen aus „Spider-Man: No Way Home“. Die beiden Solofilme versuchen jeweils (und nicht immer völlig gelungen) eine Balance zwischen diesen beiden Seiten von Stranges Persönlichkeit herzustellen. Ein zentrales Thema der Figur in all ihren filmischen Inkarnationen ist der Kontrollzwang: Strange versucht ständig, alles um sich herum zu kontrollieren, das beginnt bereits, als er noch als Arzt tätig ist; der Kontrollverlust über sein Leben, bedingt durch den Unfall, ist der Hauptantrieb der Figur im ersten Film. Auch in „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist der Kontrollzwang ein essentieller Faktor und, gepaart mit Stranges Arroganz, ein fatales Problem, wie sich an diversen Inkarnationen der Figur aus anderen Universen zeigt. „Unser“ Strange muss in letzter Konsequenz beweisen, dass er als einzige Variante in der Lage ist, vom Kontrollzwang abzulassen, was ihm am Ende auch gelingt, indem er America Chavez vertraut.

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America Chavez (Xochitl Gomez)

Die von der Newcomerin Xochitl Gomez dargestellte America Chavez hat gewissermaßen das entgegengesetzte Problem. Ich bin mit America Chavez in den Comics praktisch überhaupt nicht vertraut und kann deshalb auch nichts darüber sagen, ob sie vorlagengetreu umgesetzt ist oder nicht – Xochitl Gomez liefert jedenfalls eine durchaus beeindruckende Leistung ab, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass ihr das Drehbuch nicht allzu viel mit auf den Weg gibt. Die obligatorische tragische Hintergrundgeschichte wird eher unsubtil abgehandelt, ansonsten lebt der Charakter in erster Linie vom Spiel der Darstellerin. America Chavez‘ primäres Problem ist, dass sie ihre Kräfte eben nicht kontrollieren kann und scheinbar auch nicht wirklich den Drang besitzt, es zu lernen. Stattdessen lässt sie sich einfach treiben. Gerade deshalb ergänzen sich Strange und America als Co-Protagonisten recht gut, da sich beide im Grunde vom jeweils anderen eine Scheibe abschneiden müssen, um erfolgreich zu sein. Thematisch und konzeptionell sind diesbezüglich gute Grundlagen gelegt, das Problem ist, dass es Raimi und Co. nicht unbedingt gelingt, diese auszuschöpfen, weil der Film mit so vielen anderen Dingen überfrachtet ist.

Gerade bezüglich der in „Doctor Strange“ begonnen Handlungsstränge zeigt sich dieses Manko noch stärker – das Sequel setzt sie zwar fort, meistens aber auf merkwürdige Weise. Christine etwa taucht zu Beginn auf, wo Strange ihrer Hochzeit beiwohnt, der zentrale romantische Subplot findet aber zwischen Strange und der Christine von Erde 838 statt. Ähnlich verhält es sich mit Mordo, der in der Post-Credits-Szene von „Doctor Strange“ als zukünftiger Schurke etabliert wird. Auch hier setzt sich Strange im Sequel allerdings mit dem Mordo von Erde 838 auseinander und wir erfahren im Dialog, dass Erde-616-Mordo irgendwann off-screen die Schurkenlaufbahn eingeschlagen hat und wahrscheinlich bereits besiegt wurde. Mehr und mehr wird so der Eindruck erweckt, dass noch mindestens ein weiterer Doctor-Strange-Film irgendwo auf der Strecke geblieben ist, weil Disney/Marvel eher darauf aus ist, die multiversale Agenda als Konzept voranzutreiben, statt die Figuren so weiterzuentwickeln, wie es nötig ist.

Der Wanda-Faktor
Ich erwähnte bereits die Probleme, die es hinter den Kulissen von „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ gab. Offenbar war die Entscheidung, Wanda Maximoff alias Scarlet Witch zur zentralen Antagonistin zu machen, eine relativ späte. Dass Wanda eine wichtige Rolle spielen würde, war bereits seit einiger Zeit klar, aber selbst die kreativen Köpfe bei Disney wussten offenbar für längere Zeit nicht, welche. Im Fandom spekulierte man derweil munter darauf los und vermutete, dass die Sere „Loki“, welche das MCU-Muliversum schließlich etablierte, eine wichtige Rolle spielen würde – immerhin verpflichtete man Loki-Serienschöpfer Michael Waldron als Drehbuchautor. Ebenso wurde vermutet, eine Variante von Strange, etwa die aus der vierten Folge der Animationsserie „What If…?“, könne als Widersacher fungieren. Beides stellte sich als falsch heraus, das Projekt mit dem größten Einfluss auf „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist „WandaVision“.

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Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)

Wandas gesamte Motivation beruht auf der Disney-Plus-Serie, sie setzt Himmel, Hölle und das gesamte Multiversum in Bewegung, um ihre beiden Kinder zu finden bzw. Ersatz für die Zwillinge zu bekommen. Unglücklicherweise verwerfen bzw. simplifizieren Waldron und Raimi die komplexere Charakterisierung Wandas aus „WandaVision“ und machen sie zur relativ eindeutigen Schurkin – für Zuschauer fehlt hier abermals ein Zwischenschritt, denn am Ende der Serie versucht Wanda zwar, mit dem Darkhold eine Möglichkeit zu finden, ihre Kinder zurückzubringen, zeigte davor aber Reue wegen dem, was sie in Westview getan hat. Ein weiteres Mal findet eine essentielle Charakterentwicklung offscreen statt. Wenn man Wanda schon in die Schurkenrolle drängt (was in den Comics zugegebenermaßen ziemlich häufig geschieht), wäre eine etwas nachvollziehbarere Entwicklung schon angebracht gewesen. Ich hätte es tatsächlich bevorzugt, hätte sie in diesem Film zuerst mit Strange gegen eine wie auch immer geartete, multiversale Bedrohung gekämpft, um dabei auf die Idee zu kommen, ihre Kinder auf diese Weise zurückzubekommen. Elizabeth Olsen kann man in diesem Kontext natürlich keinerlei Vorwurf machen, schon in „WandaVision“ bekam sie die Gelegenheit zu zeigen, wozu sie darstellerisch in der Lage ist, daran knüpft sie hier nahtlos an. Sehr erfreulich ist dazu, dass Raimi Wanda eher als rücksichtslose Horror-Gestalt denn als einen typischen, Sprüche-klopfenden MCU-Schurken inszeniert.

Multiverse of Madness
Über die ersten multiversalen Gehversuche des MCU hatte ich bereits in meinem Artikel zu „Spider-Man: No Way Home“ geschrieben, das soll hier nicht noch einmal wiederholt werden. Es sei allerdings gesagt, dass „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kaum auf den anderen multiversalen Abenteuern aufbaut – die Handlung der erwähnten Spider-Man-Films wird beispielsweise nur in einer Szene erwähnt, was u.a. daran liegt, dass „Multiverse of Madness“ ursprünglich vor „No Way Home“ hätte erscheinen sollen und nur aufgrund interner Probleme nach hinten verschoben wurde. „Loki“ und eine mögliche Bedrohung durch Kang, den Eroberer taucht ebenso wenig auf wie Uatu oder die „Guardians of the Multiverse“ – allesamt etabliert in „What If…?“. Tatsächlich bekommen wir relativ wenig vom Multiversum zu sehen, neben kurzen Eindrücken während Stranges und Americas unkontrolliertem Fall und einer zerstörten Welt mit einem psychotischen Strange ist der Haupthandlungsort des Films, neben der bekannten Erde des MCU, Erde 838, auf der Strange und America schließlich landen. Hier wird zudem etabliert, dass es sich bei der Standard-Erde des MCU um Erde 616 handelt, was zumindest Hardcore-Marvel-Fans irritierten dürfte, da Erde 616 eigentlich die Standard-Erde der Comics ist, während das MCU ursprünglich als Erde 199999 klassifiziert wurde; das aber nur am Rande.

Wong
Wong (Benedict Wong)

Erde 838 hingegen ist eine Neuschöpfung, die in dieser Form bislang nicht in den Comics auftauchte, aber dennoch einige bekannte Gesichter beinhaltet, primär natürlich Captain Carter und Charles Xavier. Bei beiden handelt es sich allerdings nicht um die bzw. eine Version, die wir tatsächlich bereits gesehen haben, sondern um die Varianten dieser Figuren, die auf Erde 838 heimisch sind. Im Klartext bedeutet das, dass diese Captain Carter nicht mit der aus „What If…?“ identisch ist und dieser Charles Xavier weder aus den X-Men-Filmen von Fox, noch aus der Zeichentrickserie der 90er stammt, obwohl er von Patrick Stewart gespielt und wie der Animations-Xavier inszeniert wird (gelbes Gefährt, Intro-Thema aus der Serie). Diese Figuren sind lediglich konzeptionell ähnlich. Maria Rambeau als Captain Marvel verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Captain Carter, Black Bolt ist einer der Inhumans und tauchte in der kurzlebigen Serie „Inhumans“ auf, die formal zum MCU gehört bzw. gehören sollte, als Kevin Feige noch nicht die Kontrolle über die Serienableger hatte. Wie in „Inhumans“ wird er auch hier von Anson Mount gespielt. Mister Fantastic alias Reed Richards ist natürlich der Anführer der Fantastic Four, der zuvor bereits von Ioan Gruffudd und Miles Teller dargestellt wurde – beide Versionen sind deutlich weniger beliebt als Patrick Stewart in der Rolle des Professor X, weshalb wir nun eine neue Variante erleben. Möglicherweise testet Marvel hier John Krasinski als Darsteller für das Standard-MCU aus. Zusammen bilden diese Figuren die Illuminati, eine Gruppe von Superhelden, die in den Comics zwar auftaucht, aber in einem völlig anderen Kontext. Da sie dort zu Erde 616 gehören, finden sich leichte Variationen bei der Zusammensetzung: Neben Black Bolt, Xavier und Mister Fantastic gehören in der ursprünglichen Zusammensetzung auch Iron Man, Namor, der Submariner und Doctor Strange persönlich zur Gruppierung, während Captain Carter, Captain Marvel und Baron Mordo fehlen.

Gerade für MCU- und natürlich Comic-Fans finden sich hier viele Anspielungen und es werden spannende Konzepte angerissen, zugleich leidet die Konzeption der Illuminati aber unter demselben Problem, das auch schon in „What If…?“ auftauchte: Gemessen an der Machtfülle dieser Figuren werden sie von Wanda ziemlich schnell abserviert, ebenso wie in „What If…?“ Handlungsstränge, die im regulären MCU einen oder sogar mehrere Filme zur Auflösung benötigen, mal eben schnell abgehandelt werden. So fragt man sich unweigerlich, ob es, vom Fan-Service abgesehen, handlungstechnisch nicht eleganter gewesen wäre, hätte sich Wanda beispielsweise mit Mordo ein ausgiebiges Zauberer-Duell geliefert. So wirken die Illuminati äußerst schwach und inkompetent, was gerade bei all jenen, die die Referenzen zuordnen können, einen schalen Geschmack hinterlassen dürfte. Zugleich bleiben die Teile des Multiversums, die tatsächlich auftauchen, für einen Film der die Worte „Multiverse of Madness“ im Titel hat, relativ konservativ und geerdet.

Soundtrack
Doctor Stranges musikalische Repräsentation war, zumindest für MCU-Verhältnisse, bislang relativ konsistent, für „Doctor Strange“ komponierte Michael Giacchino nicht nur ein sehr heroisches und einprägsames Thema für den Sorcerer Supreme, sondern gab ihm auch einen recht einzigartigen Sound, geprägt durch die Kombination von traditionellem Orchester, subtilem Einsatz elektronischer Elemente und einigen besonderen Instrumenten wie Cembalo und Sitar, die dem ganzen Score einen passend psychedelischen Anstrich verpassten. Wenn Stranges Thema nicht tatsächlich zitiert wurde, wie es in Laura Karpmans „What If…?“, Alan Silvestris „Avengers: Endgame“ und natürlich Giacchinos „Spider-Man: No Way Home“ der Fall war, wurde immerhin die oben beschrieben Instrumentierung für ihn integriert, so geschehen etwa in Mark Mothersboughs „Thor: Ragnarok“ und Alan Silvestris „Avengers: Infinty War“. Unter Scott Derrickson wäre Gacchino auch für „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ zurückgekehrt, doch Sam Raimi entschied sich, Danny Elfman den Taktstock in die Hand zu geben. Raimi und Elfman arbeiteten an einigen Projekten in den 90ern und frühen 2000ern zusammen, darunter etwa „Darkman“, „A Simple Plan“ und natürlich die ersten beiden Spider-Man-Filme. Über „Spider-Man 2“ zerstritten sie sich allerdings, versöhnten sich aber wieder, sodass sie an „Oz, the Great and Powerful“ erneut zusammenarbeiten konnten. Elfman selbst bekam bereits 2015 die Gelegenheit, seine Fühler ins MCU auszustrecken, indem er den Score von „Avengers: Age of Ultron“ vollendete. Sowohl stilistisch als auch konzeptionell lässt sich seine Arbeit für „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ sehr gut mit den Soundtracks von „Age of Ultron“ und „Justice League“ vergleichen. Elfmans neuester Streich ist ebenfalls fest in seinem Action-Sound verwurzelt, der primär durch aufwändige Orchesterarbeit und auch eine gewisse, für ihn typische Verspieltheit besticht. Bedingt durch die Horror-Elemente im Film bekommt Elfman darüber hinaus die Gelegenheit, immer mal wieder in seine Horror-Trickkiste zu greifen, sodass Passagen durchaus auch an „Sleepy Hollow“ oder „The Wolfman“ erinnern. Was sich leider nicht findet, sind Verweise auf Giacchinos distinktiv Instrumentierung – „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist, im Guten wie im Schlechten, ein Elfman-Score durch und durch.

Leitmotivisch bemüht sich Elfman um eine Balance zwischen alten und neuen Themen. Die drei primären neuen Themen gelten Doctor Strange, America Chavez und Wanda – wobei es schwierig ist, Wandas Repräsentation wirklich als „neu“ zu bezeichnen. Zum einen scheint das Thema (passenderweise) eine Verwandtschaft zu Elfmans Motiv für die Figur aus „Avengers: Age of Ultron“ zu besitzen und zum anderen erinnert es sehr stark an das Willy-Wonka-Thema aus „Charlie and the Chocolat Factory“. Elfman verwirft Giacchinos Identität für Strange allerdings nicht völlig, sondern gewährt ihr einige Gastauftritte, primär in der ersten Hälfte des Films, u.a. in On the Run, Gargantos, Strang Statue und Battle Time (dieser kräftigste Einsatz ist im Film entweder unter Soundeffekten begraben oder überhaupt nicht zu hören). In der zweiten Hälfte dominiert hingegen Elfmans deutlich weniger markantes Motiv für die Figur, was ich persönlich ein wenig problematisch finde, da es nicht wirkliche erzählerische Notwendigkeit für ein neues Strange-Thema gibt und man sich, bei allem Respekt für Elfman, zudem fühlt, als bekäme man einen minderwertigen Ersatz für ein besseres Produkt.

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Christine Palmer (Rachel McAdams)

Darüber hinaus zitiert Elfman auch durchaus Themen anderer Komponisten, in Wanda at Home erklingt das Titelthema aus „WandaVision“ von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez und auch beim Auftritt der Illuminati (im gleichnamigen Track) lässt er es sich nicht nehmen, einige bekannte Melodien zu anzuspielen, primär wären das der Captain-America-Marsch von Alan Silvestri für Captain Carter (ein Fragment ist außerdem in Illuminati vs. Wanda zu hören) und das Intro des klassischen X-Men-Serie aus den 90ern für Charles Xavier. Interessanterweise entschied sich Elfman offenbar dagegen, Pinar Topraks Captain-Marvel-Fanfare miteinzubeziehen.

Insgesamt ist Elfmans Arbeit definitiv ein mehr als solider und vor allem unheimlich unterhaltsamer Score, der vor allem Fans der Action-Musik des Komponisten (zu denen ich mich zähle) ansprechen und zufriedenstellen dürfte. Hätte Elfman allerdings noch einige Verweise auf Giacchinos distinktive Instrumentierung eingebaut und sich in größerem Ausmaß des bereits etablierten Themas für den Titelhelden bedient, hätte aus diesem guten ein wirklich großartiger Soundtrack werden können. Eine ausführliche Rezension findet sich hier.

Fazit
Während „Doctor Strange in the Multiverse of Madness” definitiv kurzweilig und unterhaltsam ist und zudem durchaus von Sam Raimis individuellem Stil als Regisseur profitiert, merkt man doch, dass es hinter den Kulissen Probleme gab. Einerseits hat man sich hier zu viel aufgebürdet, der Film wirkt überladen – es sind viele interessante Aspekte dabei, die jedoch oft kaum zur Zufriedenheit erforscht werden können. Zugleich wirkt Raimi, trotz der Vorzüge, die seine Präsenz bringt, beinahe verschwendet. In einer idealen Welt hätte man ihn einfach machen lassen und ihm keine Zügel angelegt. So bleibt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ im Mittelfeld des MCU – ein Film des verschwendeten Potentials.

Trailer

Bildquelle
Bildquelle America Chavez
Bildquelle Wong
Bildquelle Christine

Siehe auch:
Doctor Strange
Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension
Avengers: Age of Ultron – Soundtrack