Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
515CQBPP4DL._SY306_BO1,204,203,200_
Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
dracula
Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
81OHAN2JS4L._SL1200_
In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

3 Gedanken zu “Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

  1. Holy Shit. Ich bewundere wirklich, wie du dich in diesem Bereich auskennst und was du da immer für Empfehlungen raushaust. Da werde ich doch selber mal auf die Suche nach der ein oder anderen Version gehen, vielen Dank!

    1. Meine Dracula-Obsession ist vielleicht ein wenig ungesund… sorgt aber für Artikel-Stoff. Ich denke, als nächstes sind die Universal-Filme dran.
      Ich bin gespannt, wie dir die Hörspiele gefallen, wenn die Suche erfolgreich verläuft.

      1. Ich auch. Danke nochmal. Deine Leidenschaft für Hörspiele teile ich ja bekanntlich und du hattest schon coole Empfehlungen in Petto. Diese werden garantiert auch nicht enttäuschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s