Verlorene Welten

LostStars
In den letzten Monaten sind zwei Romane erschienen, die die Situation der Galaxis nach Endor beschreiben oder doch zumindest anschneiden: Claudia Grays „Verlorene Welten“ (Originaltitle: „Lost Stars“) und Chuck Wendigs „Aftermath“. Ursprünglich wollte ich mir vor allem Letzteren zulegen, da Ersterer das Label „Young Adult“ verpasst bekam (das übrigens niemand abschrecken sollte, wie ich selbst feststellen musste). Dann kamen die Kritiken, die Grays Roman einhellig lobten und „Aftermath“ fast ausschließlich verrissen, also änderte ich meine Prioritäten. Eigentlich wollte ich mir „Verlorene Welten“, wie die anderen bisherigen Kanon-Romane auch, auf Englisch zulegen, aber da die deutsche Ausgabe mit verhältnismäßig wenig Verzögerung kam und ich hin und wieder auch zur Faulheit neige, habe ich mir direkt die Übersetzung besorgt, man muss ja ab und zu auch die heimischen Verlage unterstützen.

Wie dem auch sei, wollte man „Verlorene Welten“ kurz und knapp inhaltlich zusammenfassen, könnte man es wohl als „‚Romeo und Julia‘ + ‚Forrest Gump‘ im Star-Wars-Universum“ zusammenfassen: Thane Kyrell und Ciena Ree stammen beide von Jelucan, und obwohl sie aus unterschiedlichen sozialen Schichten kommen, sind sie seit ihrer Kindheit eng befreundet. Beide verbindet eine Leidenschaft fürs Fliegen und beide landen schließlich auf der Imperialen Akademie. Nach dem Ende der Ausbildung trennen sich die Wege der beiden allerdings: Während Ciena in den Diensten des Imperiums bleibt, schließt sich Thane, verstört und desillusioniert durch die Zerstörung Alderaans, schließlich der Rebellion an. Obwohl beide immer noch tief miteinander verbunden sind, stehen sie nun auf unterschiedlichen Seiten eines galaktischen Krieges.

Der Romeo-und-Julia-Aspekt des Ganzen dürfte offensichtlich sein, die Ähnlichkeit zu „Forrest Gump“ kommt von dem Umstand, dass die beiden bei allen wichtigen Ereignissen der OT mehr oder weniger anwesend sind: Bei der Schlacht um Yavin sind beide noch in imperialen Diensten, Thane als Tie-Pilot auf Sondermission nach Dantooine (so entgeht er der Zerstörung des Todessterns), Ciena als Offizierin auf Vaders Flagschiff, der Devastator. Auch in der Schlacht um Hoth kämpfen beide mit, Ciena wurde auf die Executor versetzt, während Thane nun für die Rebellen fliegt. Ähnlich verhält es sich auch bei der Schlacht um Endor.

Das Young-Adult-Label des Romans kommt wohl vor allem von Konzeption und Format und weniger vom tatsächlichen Inhalt, der ist gleichauf mit den Erwachsenenromanen. Gerade, was die explizite Natur der Beziehung angeht, geht „Verlorene Welten“ weiter als die meisten anderen SW-Romane. Es gibt zwar keine detaillierten Sexszenen, aber es ist doch sehr viel eindeutiger als sonst.

Stilistisch ist „Verlorene Welten“ sehr leicht und angenehm zu lesen und hat tatsächlich viel mit anderen YA-Werken gemein. Grays Stil funktioniert sehr gut, hat aber den Nachteil, dass die Beschreibungen und emotionalen Schilderungen manchmal ein wenig flach bleiben – in Bezug auf Erstere hilft natürlich, dass man als Fan ohnehin weiß, wie man sich Welten und Raumschiffe vorzustellen hat, sodass dieses Manko zumindest ein Stück weit ausgeglichen wird. Ebenso ist das Erwachsenwerden der beiden Protagonisten relativ YA-typisch. Gerade im ersten Drittel, das an der Akademie spielt, lassen sich die Harry-Potter-Parallelen, auf die diverse andere Reviewer hingewiesen haben, kaum leugnen.

Das Konzept des Romans funktioniert insgesamt sehr gut: Die beiden Protagonisten sind sehr sympathisch, die meisten Nebenfiguren ebenfalls, auch wenn sie eher oberflächlich bleiben, der Fokus liegt eindeutig auf Thane und Ciena. Gerade die Entwicklung ist äußerst gut nachvollziehbar. Es ist vor allem schön, dass es nun auch im Einheitskanon fähige Imperiale gibt, die mit den Taten des Imperiums auf der einen und ihrem Loyalitätsschwur auf der anderen Seite hadern, nachdem gerade „Rebels“ derartige Elemente kaum berücksichtigt und die meisten Imperiumstreuen dort flach und unfähig sind. Thanes Entwicklung ist nachvollziehbarer, Cienas aber definitiv interessanter.

Ähnliches gilt für die Beziehung der beiden Protagonisten, die ziemlich gut funktioniert. Zwar gibt es auch hier einen gewisse Mangel an Tiefe, der auch daher rührt, dass Thane und Ciena in den beiden letzten Dritteln des Romans kaum Zeit miteinander verbringen, sondern sich zwischen Einsätzen eher zufällig begegnen. Tatsächlich ist das bei der Handlungskonstruktion einer meiner größten Kritikpunkte, der Zufall wird da schon sehr stark ausgereizt. Andererseits, das hier ist Star Wars, wo so etwas gewissermaßen Tradition hat – man könnte immer noch mit dem Willen der Macht argumentieren. Tatsächlich ist der größte Kritikpunkt, dass das Konzept des Romans noch mehr Potential gehabt hätte und Gray die Entwicklung der Figuren noch ausführlicher hätte schildern können – vielleicht wäre hier ein Mehrteiler durchaus angebracht gewesen. Gerade in der Mitte wirkt die Handlung mitunter sehr gehetzt, wenn sie von einem OT-Schauplatz zum nächsten springt.

Wirklich interessant wird es im letzten Drittel des Romans, da der geneigte Leser unter anderem etwas darüber erfährt, wie es im neuen Einheitskanon nach Endor aussieht, es wird allerdings nicht allzu detailreich geschildert – als Leser sind wir an Thanes und Cienas Perspektive gekettet, und beide stehen dann doch nicht hoch genug im Rang, um tatsächlich einen Überblick zu haben. Immerhin erfahren wir, wie das Wrack des Sternenzerstörers auf Jakku, das im Trailer von Episode VII zu sehen ist, dort hinkam.

Fazit: „Verlorene Welten“ lohnt sich definitiv und ist ohne Frage eines der besseren Werke der neuen Einheitskontinuität. Darüber hinaus hilft es, die OT noch einmal in Kurzform zu rekapitulieren und zeigt den Galaktischen Bürgerkrieg aus der Perspektive des kleinen Soldaten bzw. Piloten.