Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht – Soundtrack

Enthält Spoiler!
TFAScore
Track Listing:

01. Main Title and the Attack on the Jakku Village
02. The Scavenger
03. I Can Fly Anything
04. Rey Meets BB-8
05. Follow Me
06. Rey’s Theme
07. The Falcon
08. That Girl with the Staff
09. The Rathtars!
10. Finn’s Confession
11. Maz’s Counsel
12. The Starkiller
13. Kylo Ren Arrives at the Battle
14. The Abduction
15. Han and Leia
16. March of the Resistance
17. Snoke
18. On the Inside
19. Torn Apart
20. The Ways of the Force
21. Scherzo for X-Wings
23. Farewell and the Trip
24. The Jedi Steps and Finale

Beginnen wir diesen Artikel gleich mit einer warnenden und einer und kleinlichen Beschwerde. Zuerst die warnende: Im Vorfeld von „Das Erwachen der Macht“ wurde u.a. angekündigt, man werde auch eine halbe Stunde an zusätzlicher Musik veröffentlichen, die von John Williams für den Film komponiert wurde, in diesem aber nicht zum Einsatz kam. Da es vom Soundtrack zu „Das Erwachen der Macht“ sowohl eine Standard als auch eine Special Edition gibt, nahm ich an, dass die Special Edition besagte zusätzliche Musik enthalten würde, was sich aber als Fehlschluss herausstellte. Inhaltlich sind beide Editionen identisch, das Speziale an der Special Edition ist nur das glänzende Digi-Book. Ich rate zum Kauf der Standardversion. Weitere Musik aus „Das Erwachen der Macht“, die tatsächlich im Film zu hören, aber nicht auf dem Album zu finden ist, gibt es dafür hier.

Und nun zur kleinlichen Beschwerde: Mein musikalischer Lieblingsmoment des Films ist nicht auf dem Album. Ich spreche natürlich von dem Stück, das die Szene untermalt, in der Kylo Ren ein Zwiegspräch mit Darth Vaders Helm hält und in dem der Imperiale Marsch erklingt. Als Fan dieses Leitmotivs, der fast schon besessen jede Variation sammelt, die er findet, ist das für mich natürlich ziemlich enttäuschend. Schande über wer auch immer dafür verantwortlich ist. Und nun zum eigentlichen Score.

Erwartungen sind schon so eine Sache. Nach „Die Rache der Sith“ war es unwahrscheinlich, dass jemals wieder ein von John Williams komponierter Star-Wars-Score kommen würde. Dann kam der Disney-Deal, gefolgt von der Bekanntgabe, dass tatsächlich John Williams, inzwischen stolze 83 Jahre alt, die Musik zu Episode VII komponieren würde. Das sorgt freilich dafür, dass die Vorfreude ins Unermessliche steigt und die Erwartungen ziemlich unrealistisch werden. Leider ist „Das Erwachen der Macht“ weder das allumfassende Meisterwerk, das ich mir erträumt habe, noch der beste der sieben Star-Wars-Scores. So gerne ich das auch gesehen hätte, derartige Erwartungen sind doch etwas überzogen. Nach dem ersten Mal hören war ich sogar ein wenig unterweltigt, doch wie sich gezeigt hat, ist „Das Erwachen der Macht“ ein Score, der langsam ans Herz wächst, statt einen sofort anzuspringen.

Was vor allem bei der Sichtung des Films auffällt ist, dass die Musik bei J. J. Abrams eine weniger dominante Rolle spielt als bei George Lucas, Irvin Kershner und Richard Marquand, und da schließlich ich die Prequels definitiv mit ein, trotz der fürchterlichen Art und Weise, wie Lucas die Musik von „Angriff der Klonkrieger“ behandelt hat. Anders als bei Lucas, erinnern wir uns nur einmal an die finalen Lichtschwertduelle in den Episoden I und III, tritt sie selten wirklich in den Vordergrund.

Stilistisch bewegt sich Williams zwischen drei Perioden seiner Schaffensphase hin und her. Viele hofften ja, Williams würde für „Das Erwachen der Macht“ wieder stärker zu den etwas einfacheren, eleganteren Kompositionen der späten 70er- und 80er-Jahre zurückkehren, und in einigen Stücken greift er tatsächlich auf die Elemente seiner früheren Schaffensphase zurück, etwa in Scherzo for X-Wings oder March of the Resistance. Besonders Letzteres weckt Erinnerungen an die heroischen Märsche, die Williams für „Superman“ oder „Jäger des verlorenen Schatzes“ komponiert hat. Dennoch ist „Das Erwachen der Macht“ eindeutig ein Score des modernen Williams, es finden sich sowohl die Stilmittel, die die Prequels und Williams‘ andere Actionscores der letzten fünfzehn Jahre kennzeichneten (komplexe, hektische Orchesterarbeit, Follow Me und The Falcon sind hier exemplarisch), als auch Elemente der eher dramatischen, emotionalen Musik, die der Maestro beispielsweise für Steven Spielbergs „Gefährten“ schrieb. Das tragische The Starkiller ist ein schönes Beispiel.

Der Kern eines jeden Star-Wars-Scores sind natürlich die Leitmotive. Diverse Themen der klassischen Trilogie kehren zurück und neue kommen dazu. Wie nicht anders zu erwarten erklingt zu Beginn des Films der ikonische Main Title (Luke Skywalkers Thema), wobei gerade an dieser Stelle auffällt, dass hier nicht das London Symphony Orchestra spielt; diesem Einsatz des Themas fehlt die Kraft, die es bei den anderen Episoden hat. Obwohl Luke Skywalker erst in den letzten paar Minuten des Films auftaucht, erklingt sein Thema in „Das Erwachen der Macht“ öfter als in jedem der Prequels. In dieser Hinsicht ist es wohl eher als Star-Wars-Thema im Allgemeinen zu betrachten, denn fast keiner der Einsätze hängt wirklich explizit mit Luke zusammen, sondern eher mit positiven Ereignissen der OT im Allgemeinen. Es gibt subtile Einsätze am Anfang von The Rathtars! und Han und Leia, während es in Scherzo for X-Wings sehr ausgiebig zu hören ist; tatsächlich ist das gesamte Stück um dieses Thema herum aufgebaut und verstärkt so noch das Episode-IV-Gefühl, das der Angriff auf die Starkiller Base weckt. Gleichzeitig ist es ohne Zweifel eines der Highlights des Albums.

Auch Prinzessin Leias Thema und das Leia/Han-Liebesthema kehren zurück, beide in Han und Leia (Ersteres bei 0:10, Letzteres bei 0:42) und Farewell and the Trip (Leia bei 2:55, Han/Leia bei 1:49). Die Rebellenfanfare ist ebenfalls erneut zu hören, repräsentiert dieses Mal allerdings fast ausschließlich den Millenium Falken, da der Widerstand ein eigenes, neues Thema hat. Vielleicht kann man den Falken hier als letztes, unverändertes Überbleibsel der alten Rebellion sehen – in jedem Fall funktioniert das vor allem auf emotionaler Ebene sehr gut. Zu hören ist die Fanfare unter anderem in Follow Me (2:39), The Falcon (am Anfang und bei 1:01), The Rathtars! (3:43) und Farewell and the Trip (3:45).

Und dann wäre da natürlich noch das Machtthema, das in einem Film mit diesem Titel einfach nicht fehlen darf. Dieses Leitmotiv, ohnehin dasjenige, das als zentrales Thema der Star-Wars-Saga gelten kann, „erwacht“ in der zweiten Hälfte des Scores, zum ersten Mal in Maz’s Council (2:15) und bleibt im restlichen Film ziemlich präsent. Weitere sehr deutliche Variationen sind in Han and Leia (4:02), Torn Apart (3:13), The Ways of the Force (direkt am Anfang und bei 1:50), Farewell and the Trip (0:47 und 2:12) sowie Jedi Steps and Finale (1:37, besonders opulente Version) zu hören, und darüber hinaus tauchen an verschiedenen Stellen immer wieder subtile Andeutungen und Fragmente auf, die alle mit dem Erwachen der Macht in Rey und der Galaxis zu tun haben. Während es in der ersten Hälfte des Films nicht zu hören ist, wird es in der zweiten zunehmend stärker.

Werfen wir nun einen Blick auf die neuen Themen, die in erster Linie mit den neuen Charakteren zusammenhängen, die auch im Film zweifelsohne im Zentrum stehen. Drei dieser Themen erhalten im Verlauf des Albums Konzert-Suiten, die in dieser Form nicht im Film gelandet sind: Rey’s Theme, March of the Resistance und Snoke. Letzteres ist das Thema des neuen, mysteriösen Oberschurken und taucht im Film an zwei, drei verschiedenen Stellen auf, ist auf dem Album aber nur in diesem Track zu hören. Ein Männerchor singt hier ein Gedicht von Rudyard Kipling, das auf Sanskrit übersetzt wurde. Dadurch werden natürlich automatisch Erinnerungen an das Thema des Imperators und das mit der Dunklen Seite verknüpfte Duel of the Fates wach, auch hier sang der Chor Sanskrit-Texte. Snokes Thema klingt allerdings fragiler und weniger prägnant als das seines Vorgängers (man versuche nur einmal, es zu summen).

Der Marsch des Widerstandes ist das einzige neue Fraktionsthema, da die Erste Ordnung (noch) nicht musikalisch repräsentiert wird und die Neue Republik ohnehin praktisch nicht vorkommt. Wie bereits gesagt erinnert dieser Marsch an Williams‘ heroische Märsche der 80er Jahre. Außer im gleichnamigen Stück taucht er auch in Han und Leia bei 1:12 auf und erklingt in einigen Stücken, die es nicht auf das Album geschafft haben.

Reys Thema schließlich ist ohne Zweifel das Herz des Scores. Es ist vielleicht nicht ganz so einprägsam wie einige Melodien, die Williams für die alten Filme geschrieben hat, passt aber wunderbar zur Figur: Es klingt neugierig, aufgeweckt, ein wenig verletzlich, kann aber auch stark und entschlossen sein. Gerade hier sind die Spuren von Scores wie „Gefährten“ am deutlichsten; auch gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zu Anakins Thema aus „Die dunkle Bedrohung“. Dies wird vor allem in Finn’s Confession deutlich, dort gibt es am Anfang einen Verweis zur Musik von Episode I (Talk of Podracing auf der Ultimate Edition). Da Rey die Protagonistin des Films ist, ist ihr Thema auch das dominanteste, es wird bereits in The Scavanger eingeführt und entwickelt sich über That Girl with the Staff, Finn’s Confession und Maz‘ Counsel weiter. Wirklich interessant ist aber der Einsatz in Jedi Steps and Finale, dort scheint das Thema eine Verbindung mit Lukes Thema einzugehen und bei 0:58 könnte man meinen, einen subtilen Hinweis auf den Imperialen Marsch zu hören. All das verstärkt noch den Verdacht, dass es sich bei Rey tatsächlich um Anakin Skywalkers Enkelin handelt.

Und apropos Anakin Skywalkers Nachkommenschaft: Das bedeutendste Thema, das keine eigene Suite bekommen hat, ist Kylo Rens Thema, ein absteigendes Motiv, bestehend aus fünf Noten, das bereits in Main Titel and the Attack on the Jakku Village bei 4:20 erklingt. Besonders hier rufen Instrumentierung, Begleitung und der marschartige Rhythmus augenblicklich den Imperialen Marsch ins Gedächtnis (angesichts seiner Obsession und seiner Herkunft sehr passend); bei späteren Einsätzen, etwa in Kylo Ren Arrives at the Battle (0:51) oder The Abduction (0:45), ist das weniger der Fall. Darüber hinaus besitzt Kylo noch ein sekundäres Motiv, das speziell für seinen Einsatz der Macht steht und somit als eine Art dunkles Spiegelbild des Machtthemas fungiert. Es ist in The Abduction bei 0:15 und in Han and Leia bei 3:44 zu hören. Zwei der interessantesten Stücke des Scores sind Torn Apart und The Ways of the Force, hier kulminieren und ringen die beiden Themen von Kylo, das Machtthema und das Thema von Rey auf beeindruckende Weise miteinander – im Zusammenspiel ein Glanzstück narrativer Musik.

Es existieren noch einige weitere, sekundäre Motive, u.a. für Finn und Poe, Ersteres (recht energiegeladen und chaotisch) erklingt beispielsweise in Follow Me bei 1:12, Letzteres (heroisch und mit dem Widerstandsmarsch verwandt) in I Can Fly Anything bei 1:19.

Von besonderem Interesse ist freilich auch noch die Abspannmusik. Dieser beginnt bei 2:11 in Jedi Steps and Finale mit den vertrauten Einsätzen von Lukes Thema und der Rebellenfanfare, gefolgt von Reys Thema (2:58), Kylo Rens sekundärem Thema (4:25), Kylo Rens primärem Motiv (4:45), Finns Motiv (5:02), Poes Thema (2:25) und dem Marsch des Widerstandes (6:05). Schließlich kommt es zu einem sehr schönen Ausklang, eingeleitet vom Machtthema (7:27), dem in kurzer, kontrapunktischer Abfolge Reys Thema (7:31), die Rebellenfanfare (8:07), noch einmal Reys Thema (8:22) und schließlich Lukes Thema (8:34) folgen.

Fazit: John Williams‘ Musik zu „Das Erwachen der Macht“ ist zwar weniger prägnant und eingängig als die Scores der Episoden I bis VI, deshalb allerdings nicht weniger gut durchdacht oder hochwertig. „Das Erwachen der Macht“ ist ein Soundtrack, der einen nicht augenblicklich mit einem Stück wie Duel of the Fates anspringt, sondern mit jedem Hören besser wird, weil man bei jedem Mal eine neue, clevere Nuance entdeckt. Williams‘ neueste Arbeit mag nicht das absolute Meisterwerk sein, das auf ich und viele andere gehofft haben, ein würdiger Score, der zu den besten des Jahres 2015 gehört, ist sie allemal.