Rückforderung der Natur

Hobbit-Countdown

Auch abseits der großen Themen weiß Howard Shores Herr-der-Ringe-Musik zu überzeugen, es gibt viele subtil verborgene und eingesetzte Juwelen, die sich erst nach mehrmaligem Hören wirklich erschließen. Eines dieser Juwelen ist das Thema Rückforderung der Natur (Nature’s Reclamation), ein meist subtil eingesetztes Leitmotiv, das für die zurückschlagende Natur steht, die sich gegen ihre Zerstörung durch Sauron und Saruman wehrt und die Agenten dieser „Rückforderung“ begleitet. Dies ist die offizielle Interpretation von Doug Adams, die von Howard Shore bestätigt wurde; beide sehen die Natur als eigenständige Kultur an der Seite der Elben-, Zwerge- und Menschenvölker. Es gibt allerdings noch einige alternative Deutungen. Sehr interessant ist beispielsweise die Deutung als Thema der „Unerwarteten Hilfe“, die, wie man im Folgenden sehen kann, ebenfalls zutreffen könnte.
Vorweg noch eine kleine Anmerkung: Ich beziehe mich hierbei auf die Complete Recordings, da die Hälfte der Einsätze dieses Themas auf den „normalen“ Alben fehlt.
In „Die Gefährten“ ist Rückforderung der Natur nur einmal komplett zu hören, in The Caverns of Isengard. In der zugehörigen Szene ist zum ersten Mal das komplette Ausmaß von Sarumans Verrat zu sehen, ebenso wie das, was er aus Isengard gemacht hat. In besagtem Track wird auch das Isengard-Thema zum ersten Mal vorgestellt, doch mitten in die Wucht des finsteren 5/4-Takts mischt sich ein zarter Knabensopran (der Edward Ross gehört), der eine kleine Motte auf ihrem Flug zur Spitze des Orthanc begleitet und damit das Grundgerüst für spätere Einsätze von Rückforderung der Natur legt.
In Orthanc erklingt darüber hinaus ein Fragment des Themas, das Gwaihirs Auftauchen gilt, aber nur sehr schwer zu hören ist.
An zwei Stellen in „Die Gefährten“ könnte man noch meinen, eine Andeutung des Themas zu hören, einmal in The Mirror of Galadriel um die Vierminutenmarke herum und einmal in Parth Galen ab 6:15. Bei beiden handelt es sich allerdings mit ziemlicher Sicherheit um Zufälle. Zu letzterer Instanz hat sich Howard Shore sogar persönlich geäußert und klargestellt, dass es sich in der Tat lediglich um eine gewisse Ähnlichkeit, aber nicht um einen Einsatz des Themas handelt.
In „Die zwei Türme“ wird Rückforderung der Natur erstmals wirklich wichtig. Eine erste Andeutung ist zu Beginn von Night Camp zu hören: Merry und Pippin befinden sich in der Gewalt von Sarumans Uruk-hai, die am Rand des Fangornwaldes ein Lager aufschlagen. Die Bäume geben merkwürdige Geräusche von sich, was Merry dazu veranlasst, Pippin an den Alten Wald in Bockland zu erinnern, von dem es heißt, die Bäume darin könnten sich bewegen. Hier wird zum ersten Mal, in Wort und Musik, eine Andeutung auf die Ents (als Vertreter der Natur) und ihre spätere Rolle in der Geschichte gemacht. Die Klarinetten-Variation von Rückforderung der Natur, die Merrys Worte begleitet, ist noch sehr subtil, deutet aber an, dass das Thema noch größer und stärker werden wird.
Diese Andeutung bestätigt sich beim nächsten Einsatz in The Last March of the Ents. Hier entdeckt Baumbart das ganze Ausmaß von Sarumans Schurkerei und ruft die Ents in den Krieg. Begleitet wird ihr Marsch von einer stetig anschwellenden, epischen und zugleich verzweifelten Variation der Rückforderung der Natur, die einer meiner absoluten musikalischen Lieblingsmomente der Trilogie darstellt. Zuerst singt ein Frauenchor, dann stoßen Männer dazu und schließlich übernimmt der Knabensopran Ben del Maestro die Melodie. Das Ganze geht nur etwas über eine Minute, jagt mir aber jedes Mal eine gewaltige Gänsehaut den Rücken runter.
Die selbe Variation wurde kurz vor dem Ausfall der Rohirrim bei der Schlacht um die Hornburg ein weiteres Mal verwendet. Ursprünglich hätte hier das Thema Gandalf der Weiße in der Natur erklingen sollen (wie es in Théoden Rides Forth, dem entsprechenden Stück auch der Fall ist), doch man entschied sich, das Rückforderungs-Thema noch einmal zu verwenden. Ebenfalls in Théoden Rides Forth findet sich ab 2:07 die Musik, die – dominiert von harschen Blechbläsern – die Zerstörung Isengards untermalt. Diese basiert auf Rückforderung der Natur und symbolisiert das gewaltige und schreckliche Zerstörungspotential, das der Natur innewohnt.
In „Die Rückkehr des Königs“ zeigt sich Rückforderung der Natur in neuem Gewand. Abermals wird das Thema im Zusammenhang mit den Rohirrim genutzt, die, aufgrund ihrer engen Verbindung zu ihren Pferden, musikalisch als Bündnispartner der Natur dargestellt werden. Am Ende von The Lightning of the Beacons (ab 8:00), als die Reiter von Rohan auf den Hilferuf Gondors reagieren und aus Edoras ausreiten, wird ihr Aufbruch nicht vom Rohan-Thema begleitet, sondern von einer majestätischen Blechbläservariation von Rückforderung der Natur, die den Pakt zwischen den Menschen und der Natur beschreibt.
Eine ganze ähnliche Variation erklingt auch bei der Ankunft der Reiter auf den Pelennorfeldern (The Battle of the Pelennor Fields, 1:19). Dieser stetig anschwellende Einsatz des Themas ist fast noch bombastischer und unterlegt Théodens grimmige Rede sowie die Death-Rufe der Reiter, bevor sie in das Rohan-Thema übergeht.
Noch ein letztes Mal erklingt das Thema in „Die Rückkehr des Königs“, quasi am Punkt größter Verzweiflung. Während der Schlacht am Schwarzen Tor sieht es nicht gut aus für das vereinigte Heer aus Rohan und Gondor, das versucht, für Frodo Zeit zu erkaufen und dabei einer gewaltigen Übermacht (inklusive Nazgûl) gegenübersteht. Das Orchester spiegelt diesen Umstand wieder, die von Chor und Blechbläsern dominierte Musik könnte nicht wilder und chaotischer sein. Doch ein weiteres Mal mischt sich ein klarer Knabensopran ein, die Rückforderung der Natur kündigt die Rückkehr der Motte und der Adler an und sorgt für einen weiteren grandiosen Gänsehautmoment (For Frodo, 2:35)
Bis vor kurzem wäre die alles gewesen, was man zur Rückforderung der Natur hätte sagen können. Erfreulicherweise gehört dieses Thema jedoch zu denen, die in der Hobbit-Trilogie zurückkehren. In „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ taucht es gleich zwei Mal auf, nur einer der Einsätze findet sich allerdings auf dem Soundtrackalbum, was ich persönlich schon fast kriminell finde, da der zweite ein absluter Gänsehautmoment ist. Der erste Einsatz finde sich inOut of the Frying-Pan, wo es sich so ähnlich verhält wie in For Frodo: Finstere Belchbläser sorgen für musikalisches Chaos. Gandalf, die Zwerge und Bilbo sitzen gerade in den Bäumen, während Azog und seine Wargreiter ihnen an den Kragen wollen. Doch wie in „Die Gefährten“ ruft Gandalf Hilfe, dieses Mal per Schmetterling, nicht per Motte – und dazu erklingt eine Andeutung von Rückforderung der Natur bei 1:57. Das Auftauchen der Adler wird natürlich von einem vollen, epischen Statement begleitet, das unbedingt auf die CD gehört hätte. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir dieses Thema in der Hobbit-Trilogie noch nicht zum letzten Mal gehört haben.

Das oben eingebettet Video enthält alle Variationen aus der HdR-Trilogie (mit Ausnahme der beiden „zufälligen“ Einsätze aus „Die Gefährten), allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge. Es beginnt mit der Variation aus Night Camp (0:00-0:07), gefolgt von The Caverns of Isengard (0:08-0:37), For Frodo (0:38-0:53), The Lightning of the Beacons (0:54-1:48), The Last March of the Ents (1:49-2:54), The Battle of the Pelennor Fields (2:55-3:52) und Théoden Rides Forth (3:53-4:48). Der Rest ist das letzte Stück von The Battle of the Pelennor Fields, in dem Rückforderung der Natur zwar nicht vorkommt, das aber dennoch recht gut past.

Out of the Frying-Pan

Der Hobbit-Countdown:
Prämisse
Hobbit-Musik: Ein Ausblick
Historischer Atlas von Mittelerde
Der Hobbit – Comicadaption
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise

Siehe außerdem:
The Music of the Lord of the Rings Films
Stück der Woche: For Frodo

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