Artemis Fowl

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Story:
Artemis Fowl II. (Ferdia Shaw) ist mit seinen 12 Jahren bereits ein Genie. Eines Tages wird sein Vater, Artemis Fowl I. (Colin Ferrell), seines Zeichens sowohl einflussreicher Krimineller als auch Feengläubiger, von eben jenen Feen entführt. Diese haben sich schon lange aus der Welt der Menschen zurückgezogen; die diversen magischen Völker, darunter auch Zentauren, Trolle, Kobolde etc., leben in einer unterirdischen Stadt und verfügen nicht nur über magische Kräfte, sondern sind den Menschen auch technologisch weit voraus. Die mysteriöse Entführerin von Fowl senior fordert von Artemis, das Aculos zu beschaffen, das sein Vater zuvor gestohlen und versteckt hat. Dieses groß angelegte Vorhaben ruft die Zentrale Untergrundpolizei um Commander Root (Judi Dench) und Holly Short (Lara McDonnell) auf den Plan…

Kritik: Meine Güte, was ist denn hier schief gelaufen? Bei „Artemis Fowl“ handelt es sich um einen Film, den Disney ursprünglich als großen Franchise-Starter konzipierte, bei dem es hinter den Kulissen aber etliche Probleme gab. Die Corona-Krise sorgte dafür, dass das Studio sich dazu entschied, „Artemis Fowl“ direkt bei Disney Plus zu parken – anders etwa als prestigeträchtige Produktionen wie „Black Widow“ oder „Mulan“; Ersterer ist nach wie vor fürs Kino vorgesehen, Letzterer wird zwar zum streamen zur Verfügung gestellt, allerdings nur für eine saftige Zusatzgebühr. Wie so viele andere derartige Filme basiert auch „Artemis Fowl“ auf einer Buchreihe, verfasst vom irischen Autor Eoin Colfer. Die Artemis-Fowl-Romane erschienen ursprünglich im Fahrwasser von Harry Potter und waren gewissermaßen eine weitere der vielen Fantasy-Jugendbuchreihen der frühen 2000er – allerdings eine mit einer einzigartigen Konzeption. Colfer verband Fantasy und Science-Fiction auf durchaus clever Art und Weise und lieferte dazu einen wirklich interessanten Protagonisten, der im ersten Band als Schurke fungiert und erst nach und nach zum widerwilligen Helden wird. Ich persönlich habe in meiner Jugend die Artemis-Fowl-Romane immer sehr gerne gelesen – nicht zuletzt, weil sie sehr kurzweilig und filmisch angelegt sind. Regisseur Kenneth Branagh und die Drehbuchautoren Conor McPherson und Hamish McColl haben die Romane dagegen offensichtlich nicht gelesen, bestenfalls die Wikipedia-Artikel. Disneys „Artemis Fowl“ ist eine Beleidigung für jeden Fan der Romane. Das Tragische daran ist, dass das einfach nicht hätte sein müssen, denn, wie bereits erwähnt, besonders der erste Roman der Reihe ist so filmisch angelegt, dass es wirklich nicht besonders schwierig gewesen wäre, ihn in ein gut funktionierendes Drehbuch umzuwandeln.

Stattdessen trafen die Verantwortlichen wirklich, wirklich unterirdische Entscheidungen und bewiesen ein ums andere Mal, dass sie sich mit den Romanen entweder nicht auseinandergesetzt haben, oder dass es ihnen schlicht egal war. Das merkt man bereits an den kleinen Details: Den Vornamen von Artemis‘ getreuem Leibwächter Butler (Nonso Anozie) erfährt Artemis (und mit ihm der Leser) nicht vor dem dritten Band, und das aus sehr gutem Grund, da Butler Absolvent einer speziellen Bodyguard-Schule ist, die geheimbundartige Methoden pflegt – einer der wichtigsten Grundsätze ist dabei, dass der Schützling den Vornamen des Leibwächters nicht kennen darf. Der Moment, indem Butler Artemis dann seinen Vornamen tatsächlich verrät, ist sehr emotional und stark inszeniert. Im Film dagegen wird Butlers Vorname Domovoi bei der erstbesten Gelegenheit einfach herausposaunt – Artemis nennt seinen Leibwächter „Dom“. Ich bin kein Purist und auch nicht grundsätzlich gegen Änderungen an der Vorlage, wenn sie dazu dienen, die Geschichte in einem anderen Medium zu erzählen, aber jede einzelne Änderung bei dieser Adaption sorgt dafür, dass das die Geschichte am Ende minderwertiger wird – und es gibt wirklich viele Änderungen. Dies ist nur ein kleines Beispiel, es finden sich noch deutlich schwerwiegendere, aber es ist ein guter Indikator.

Das größte Problem ist wohl die „Anpassung“, die Branagh und die Autoren am Titelhelden vorgenommen haben: Artemis Fowl ist in dieser Adaption kein Krimineller (auch wenn er das am Ende von sich behauptet). Mehr noch, obwohl der Film größtenteils auf dem ersten Roman basiert, ist er nicht der Schurke. Vom ursprünglichen Artemis, dem ebenso genialen wie teilweise unausstehlichen kriminellen Mastermind, ist kaum etwas geblieben. Die Filmfigur ist völlig profillos, so als hätte Disney wahnsinnige Angst davor, er könne auch nur ein wenig unsympathisch sein. Obwohl der Film sich grob an die Ereignisse des Romans hält (Stichwort: Belagerung von Fowl Manor), geht es Artemis nicht darum, Gold von den Unterirdischen zu erpressen, wie es bei Colfer der Fall ist, sondern das Aculos zu finden, um seinen Vater zu befreien – ein typisches Macguffin, das offensichtlicher nicht hätte sein können. Dass das Gold dennoch eine Rolle spielt, liegt vermutlich daran, dass hier noch Reste einer früheren Drehbuchfassung vorhanden sind, die eventuell näher am Roman war. Da Artemis nun nicht mehr als Widersacher herhalten kann, wird dafür Opal Koboi herangezogen, die erst ab dem zweiten Roman eine Rolle spielt.

Auch strukturell und erzählerisch ist die Vorlage amüsanterweise filmischer als der Film. Im ersten Kapitel des Romans erfahren wir als Leser sehr anschaulich, woran wir an Butler und Artemis sind, ganz einfach durch ihre Interaktion mit der Umwelt werden sie anschaulich charakterisiert. Was wir über die Welt der Unterirdischen wissen müssen, erfahren wir zusammen mit Artemis, der ihren Spuren folgt und so schließlich die „Bibel des Erdvolkes“ ausfindig machen kann. Der Film verzichtet dagegen auf diese sehr filmische Art und Weise, die Figuren und die Welt vorzustellen, stattdessen setzte er dem Zuschauer Mulch Diggums (Josh Gad) als Erzähler vor, der Exposition von sich gibt. Anstatt gezeigt zu bekommen, wie kompetent Butler und wie genial Artemis ist, wird es einem nur mitgeteilt – immer und immer wieder.

Auf der Seite der Unterirdischen sieht es leider auch nicht viel besser aus. Im Roman ist die quasi Vater/Tochter-Beziehung zwischen Root und Holly Short eines der zentralen Elemente, nicht zuletzt, weil Holly der erste weibliche Offizier in der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrundpolizei ist – sie ist die Vorreiterin. Root scheint zuerst ein Chauvinist zu sein, im Verlauf zeigt sich allerdings, dass er Holly sowohl fordert als auch fördert. Dieses zentrale Element in der Charakterisierung beider Figuren wurde völlig entfernt, nicht zuletzt, weil Root hier weiblich ist. Wenn es einen guten Grund gibt, das Geschlecht einer Figur in der Adaption zu ändern, oder wenn es wenigstens keine negativen Konsequenzen hat, bin ich nicht dogmatisch dagegen, aber hier schadet es der Geschichte wirklich.

Beinahe noch schwerer wiegt, dass der Film auch abseits seiner Adaptionsmängel nicht überzeugen kann. Während Colfer die Welt der Unterirdischen und ihre Kombination aus Magie und Technik meistens zumindest halbwegs kohärent und in sich stimmig etablierte, gelingt selbiges dem Film nicht, sodass sich der Zuschauer ohne Buchkenntnis wahrscheinlich immer wieder fragt, wie das Ganze eigentlich funktioniert. Dramaturgisch und darstellerisch sieht es ähnlich mau aus, es gelingt Branagh kaum, einen Spannungsbogen zu etablieren, und die Leistung der Schauspieler geht selten über ein „halbwegs akzeptabel“ hinaus. Immerhin Komponist Patrick Doyle konnte sich zu einer ordentlichen Leistung durchringen, wie hier beim Kollegen von Score Geek nachzulesen ist.

Fazit: „Artemis Fowl“ versagt sowohl als Film als auch als Adaption auf ganzer Linie und ist ein Schlag ins Gesicht für alle Fans des Romans.

Trailer

Bildquelle

3 Gedanken zu “Artemis Fowl

  1. So, wie du es hier zusammengefasst hast, wird mir nochmal endgültig klar, wie Kacke diese „Adaption“ tatsächlich ist. Ich habe beim Gucken irgendwann einfach aufgegeben und die respektlose Fahrt genossen und herzlich gelacht. Ich bin nicht mal sauer… nur traurig. Nur Mut, vielleicht ergeht es dem Material ja wie His Dark Materials und wird in ein paar Jahren nochmal neu als Serie aufgelegt.
    Und vielen Dank für die Verlinkung! You Rock, Sir!

    1. Immer wieder gerne 😉
      Ja, wer weiß, die Zeit bis zur Zweit- (oder Dritt- oder Viert-) Adaption wird auch immer kürzer. Aber wahrscheinlich kommt das jetzt erstmal für einige Zeit in den Giftschrank, denn bekanntermaßen kann das Studio ja nichts falsch gemacht haben, das wäre ja undenkbar, also muss es am Material liegen…

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