Stück der Woche: Brass Buttons


Wenn es um die Musik der Hobbit-Trilogie geht und es eine Diskrepanz zwischen Film und Soundtrack-Album gibt, ziehe ich normalerweise die Version des Stückes auf dem Album vor. Wie Doug Adams bereits mehrfach betonte: Was auf dem Album zu hören ist, ist normalerweise das, was Howard Shore ursprünglich im Sinn hatte, während sich der Soundtrack im Film den letzten Schnitten beugen musste und deshalb oft, um es überspitzt auszudrücken, verstümmelt wurde. Brass Buttons ist die große Ausnahme: Es handelt sich hierbei um ein sehr gutes Actionstück, aber wäre die Albenversion etwas näher an der Filmversion, dann könnte es herausragend sein. Im Folgenden betrachten wir erst einmal das Stück, wie es auf dem Album zu hören ist, bevor wir zu den Diskrepanzen kommen.

Brass Buttons beginnt dort, wo Riddles in the Dark aufgehört hat: Mit Bilbos Flucht aus Gollums Höhle. Dementsprechend wird sofort ein relativ hohes Tempo vorgelegt, der Track wird von einem treibenden Rhythmus vorangetrieben, der bereits hier etabliert wird. Die hohen Streicher arbeiten die Hektik noch zusätzlich heraus. Bei 0:15 erklingen Figuren, die vage an „Bilbo’s Fussy Theme“ erinnern, bevor bei 0:23 eine dekonstruierte Version des Gollum-Themas zu hören ist, die Gollums erratische Suche nach dem Ring untermalt. Dieser befindet sich natürlich inzwischen in Bilbos Besitz, der nun zum ersten Mal herausfindet, wie dieses spezielle Kleinod funktioniert – dementsprechend erklingt bei 0:43 auch das Geschichte-des-Ringes-Thema, allerdings ebenfalls in leicht dekonstruierter Form.

Bei 1:20 findet ein Schauplatzwechsel statt, wir kehren musikalisch zu den Zwergen zurück, die nun aus Orkstadt fliehen. Der treibende Rhythmus, der am Anfang des Stückes etabliert wurde, kehrt nun mit aller Macht zurück, begleitet vom Thema der Orks des Nebelgebirges, inklusive der zugehörigen aleatorischen Blechbläser und eines donnernden Männerchors. Bis 3:25 wütet die Orkstadt-Musik regelrecht und beschert uns die vielleicht brachialste Passage des Scores – hier lässt Shore wirklich die gesamte Wucht der Blechbläser und des Chors los – bis es zu einem relativ abrupten Halt kommt und bei 3:42 nach einer aufsteigenden Streicherlinie „Bilbo’s Fussy Theme“ erklingt. Gerade beim ersten Hören mutet dieser Einschub äußerst merkwürdig an, weil er dem Stück gewissermaßen die sorgsam aufgebaute Dynamik raubt. Ab der Vierminutenmarkte findet sich eine kurze Rückkehr zu den treibenden Rhythmen und tiefen Chören, bevor es ab 4:25 deutlich emotionaler wird, um dann bei 5:17 in Sméagols Thema zu kulminieren. In „The Music of the Lord of the Rings Films“ bezeichnet Doug Adams dieses Thema auch als „The Pity of Gollum“ – an keiner Stelle passt diese Bezeichnung besser, da es hier explizit darum geht, dass Bilbo Gollum aus Mitleid verschont, was bekanntermaßen noch massive Auswirkungen haben wird. Der Rest des Tracks beschäftigt sich mit dieser emotionalen Komponente und der merkwürdigen Verbindung zwischen diesen beiden Figuren. Aus den sanften Chorpassage am Ende könnte man meinen, sogar subtile Andeutungen von Gollum’s Song aus „The Two Towers“ zu hören.

Ein weiteres Mal ist hier zu vermuten, dass die entsprechenden Szenen im Film noch einmal kurz vor knapp umgeschnitten wurden. Wie schon in Riddles in the Dark wurden die neuen Variationen bekannter LotR-Themen durch vertraute ersetzt – primär betrifft das hier das Geschichte-des-Ringes-Thema. Das Ende des Stückes findet sich im Film gar nicht, hier wurde stattdessen die Auenlandvariation A Hobbit’s Understanding eingesetzt. Hier ist das Stück auf dem Album eindeutig vorzuziehen. Wie bereits erwähnt fehlt in Brass Buttons allerdings auch essentielles Material. Lange war dieses Material ausschließlich im Film zu hören, bis die entsprechenden Stücke auf Youtube auftauchten. Dabei handelt es sich allerdings weder um neue Veröffentlichungen, noch um durchgesickertes Material, stattdessen wurde die Filmtonspur von Geräuschen und Dialog gereinigt – wobei der Verantwortliche einen wirklich beeindruckenden Job gemacht hat.

Brass Buttons ist hier in zwei Tracks aufgeteilt, Take Up Arms und Escaping Goblin Town. Take Up Arms liefert sofort neues Material, zuerst mehr vom Thema der Orks des Nebelgebirges, gefolgt von einem Einsatz von Gandalfs Thema (0:25) und dem Istari-Motiv (0:40). Nachdem die Zwerge zu sich kommen und sich aufrappeln, ist schließlich eine robuste Variation des Misty-Mountains-Thema zu hören, inklusive des integrierten Thorin-Themas (0:52). Besonders interessant sind die Streicher in der zweiten Hälfte, die in der Abmischung für meinen Geschmack fast ein wenig zu laut sind und dem Thema hier einen zum Kontext nicht ganz passenden, ominösen Tonfall verleihen. Bei 2:13 ist auch deutlich die Standardversion des Geschichte-des-Ringes-Themas zu hören, inklusive eines unschönen Schnitts, der deutlich macht, dass hier eine nachträgliche Einfügung stattfand.

Escaping Goblin Town wirft den Hörer direkt in den aleatorischen und choralen Wahnsinn der Zwergenflucht aus Orkstadt. Der Aufbau und die Dynamik, die in dieser Sequenz aufgebaut werden, zahlen sich in dieser Version, anders als in Brass Buttons, wirklich aus, denn beim Höhepunkt des Chaos und der Anspannung schreitet das Misty-Mountains-Thema in seiner wahrscheinlich kräftigsten Version ein und schafft auf heroische Art und Weise Ordnung. Und wie sähe meine Idealversion aus? Der Anfang von Take Up Arms, dann Brass Buttons mit der integrierten Misty-Mountains-Variation aus Escaping Goblin Town – DAS hätte das Potenial, der wahrscheinlich epischste und brachialste Actiontrack dieses Albums zu sein.

Noch als kleine Nachbemerkung: TheOneRing.net hat zu allen drei Hobbit-Filmen auf Youtube Audiokommentare mit Doug Adams veröffentlicht, die ebenso hörenswert wie interessant sind und einige Vermutungen, die ich im Rahmen dieser Artikelreihe geäußert habe, tatsächlich auch bestätigt haben (zum Beispiel bezüglich des Tracks The Edge of the Wild). Und für alle, die es noch nicht mitbekommen haben, Doug Adams‘ zweites Buch zu Shores Mittelerdemusik, „The Music of the Hobbit Films“, rückt nun ebenfalls in greifbare Nähe.

TheOneRing.net-Kommentare:
An Unexpected Journey
The Desolation of Smaug
The Battle of the Five Armies

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead
An Ancient Enemy
Roast Mutton
The Hill of Sorcery
Warg-Scouts
Moon Runes
The White Council
Over Hill
A Thunder Battle
Riddles in the Dark