The Book of Boba Fett

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Boba Fett ist zweifellos eine der beliebtesten Nebenfiguren des Franchise, bereits in „The Empire Strikes Back“ wusste der enigmatische Kopfgeldjäger viele Fans von sich einzunehmen. Über die Jahre hinweg versorgten Romane und Comics das Fandom mit mehr Fett, u.a. wurde in der Comicserie „Dark Empire“, verfasst vom kürzlich verstorbenen Tom Veitch und bebildert von Cam Kennedy, enthüllt, dass Boba seinen eher unrühmlichen Tod in „Return of the Jedi“ überlebt hatte. Mit „Attack of the Clones“ verpasste ihm George Lucas schließlich einen Hintergrund, der sich sehr von dem unterschied, was diverse EU-Autoren zuvor über seine Vergangenheit berichtet hatten. Dass Disney sich Boba Fetts Popularität nicht entgehen lassen würde, war von Anfang an ziemlich klar. Lange wurde spekuliert, bei dem Anthologie-Film, bei dem Josh Trank Regie führen sollte, handle es sich um einen Boba-Fett-Film. Sein Live-Action-Debüt in einem Disney-Projekt feierte Boba schließlich in der zweiten Staffel von „The Mandalorian“, gespielt von Jango-Fett-Darsteller Temuera Morrison. Dieselbe Staffel teaserte am Ende auch die zweite Star-Wars-Realserie „The Book of Boba Fett“ an. Und hier sind wir also: Die komplette erste Staffel (ob es eine zweite geben wird steht aktuell noch nicht fest) ist komplett auf Disney+ anschaubar und umfasst sieben Episoden.

Handlung
Nachdem Boba Fett (Temuera Morrison) seine Rüstung zurückbekommen hat, kehrt er zusammen mit Fennec Shand (Ming-Na Wen) nach Tatooine zurück und übernimmt Jabbas altes Territorium. Damit ist es aber nicht getan, als neuer Daimyo muss er sich erst einmal einen Namen machen und Verbündete finden, denn nur mit Fennec und Jabbas altem Folterdroiden 8D8 (Matt Berry) wird er nicht allzu weit kommen. Während einige einflussreiche Einwohner der nahe gelegenen Stadt Mos Espa, etwa die Cantinabesitzerin Garsa Fwip (Jennifer Beals) Bobas Anspruch akzeptieren, sind andere wie beispielsweise der Bürgermeister Mok Shaiz (Robert Rodriguez) und sein Twi’lek-Handlanger (David Pasquesi) weit weniger einsichtig. Zudem haben diverse Parteien ein gesteigertes Interesse an Tatooine, darunter die Spice schmuggelnden Pykes und die Zwillinge, zwei Hutts aus Jabbas Verwandtschaft. Verbündete findet Boba in zwei Gamorreanern, die zuvor für Jabba und Bib Fortuna arbeiteten, dem Wookiee Black Krrsantan (Carey Jones) und den Mitgliedern einer Cyborg-Gang.

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Boba Fett (Temuera Morrison)

Während sich Boba Fetts Syndikat und die Pykes für den Krieg gegeneinander rüsten, erfahren wir in Rückblicken, was sich in der Zeit zwischen „Return of the Jedi“ und Bobas Auftauchen in der zweiten Mandalorian-Staffel ereignet hat: Nachdem er sich aus dem Sarlacc retten kann, wird Boba von einer Gruppe Tusken gefangen genommen, deren Respekt er nach und nach erringt und der er hilft, gegen die Agenten der Pykes zu kämpfen. So wird Boba Teil des Stammes, doch die Zugehörigkeit hält nicht lange an, denn die Tusken werden augelöscht. So muss Boba nun eine neue Bestimmung finden. Nachdem er Fennec Shand davor rettet, in der Wüste zu sterben, beginnt sich ein Plan zu formen: Warum nicht Jabbas altes Imperium übernehmen?

Konzeption und Struktur
Mehr noch als „The Mandalorian“ arbeitet „The Book of Boba Fett” die Western-Elemente von Star Wars heraus, zusätzlich hat die zweite Star-Wars-Serie allerdings auch einen deutlich erhöhten Pulp-Faktor, der sich auf diese Weise im etwas geerdeteren „The Mandalorian“ nicht findet. Rückblickend betrachtet scheint es mir aber besonders eine Inspirationsquelle zu geben, die in der Rezeption allerdings eher selten erwähnt wird (Ming-Na Wen selbst verwies in einem Interview allerdings auf die Parallelen): Francis Ford Coppolas „The Godfather“ und „The Godfather Part II“ scheinen in mehr als einer Hinsicht (Achtung, schlechtes Wortspiel) Pate gestanden zu haben – und das nicht nur, weil Boba sich hier als Gangster statt als Kopfgeldjäger versucht. Gerade die Flashback-Struktur, derer sich die ersten vier Episoden bedienen, erinnert stark an „The Godfather Part II“, die Beziehung zwischen Boba und Fennec Shand hat Parallelen zu der zwischen Vito Corleone und Luca Brasi und letztendlich ist Vito Corleone das, was Boba Fett am Ende werden will bzw. werden soll: Der Gangsterboss, der mit Respekt herrscht. Wenn Boba in der finalen Szene durch die Straßen Mos Espas schlendert und von alle begrüßt wird, erinnert das unweigerlich sowohl an Don Fanucci als auch an Vito Corleone in den Rückblicken in „The Godfather Part II“.

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Fennec Shand (Ming-Na Wen)

Leider funktioniert diese Herangehensweise hier nicht wirklich. Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe es durchaus genossen, „The Book of Boba Fett“ anzusehen, ich habe mich nicht gelangweilt und hatte meinen Spaß mit der Serie, da sie viele coole Elemente und sehenswerte Bestandteile hat. Letztendlich ist „The Book of Boba Fett“ aber ein Werk, das nie über die Summe seiner Einzelteile hinauswächst und, anders als „The Mandalorian“, nie wirklich zusammenfindet. Mir erscheint es fast ein wenig, als wäre das Konzept dieser Serie als fixe Idee im Writers‘ Room entstanden: „Wäre es nicht cool, aus Boba Fett Vito Corleone zu machen?“, hätte dann aber nicht die entsprechenden Anpassungen erhalten. Das beginnt bereits bei der Ausführung dieser Idee, da nie völlig klar wird, wie Boba sein Vorhaben eigentlich wirklich durchzuführen gedenkt bzw. wie die kriminelle Unterwelt von Tatooine diesbezüglich funktioniert. Zu Beginn besteht Bobas „Organisation“ nur aus Fennec Shand und Jabbas altem Folterdroiden (was für eine Verschwendung des komödiantischen Talents von Matt Berry) – hat er Anspruch auf Jabbes altes Imperium, nur weil er Bib Fortuna getötet und sich im Palast breitgemacht hat? Immerhin erkennen ja einige der Bewohner von Mos Espa Bobas Autorität an, nur, weshalb?

Hinzu kommen einige massive erzählerische Probleme. Ich kann verstehen, weshalb man die Flashback-Struktur für die ersten vier Folgen wählte: Einerseits wollte man direkt an die Mid-Credits-Szene aus der zweiten Mandalorian-Staffel anknüpfen, andererseits aber auch erzählen, was zwischen „Return of the Jedi“ und „The Mandalorian“ geschehen ist. Aber auch hier will alles nicht so recht zusammenfinden, nicht zuletzt, weil es den Flashbacks nicht wirklich gelingt, zu vermitteln, dass sie eine Zeit von fünf Jahren abdecken – die Einteilung bleibt relativ schwammig, es gibt keinen Indikator dafür, wie lange Boba beispielsweise bei den Tusken war. Zudem haftet der Strukturierung der Flashbacks eine gewisse Willkür an. Das Idealbeispiel für eine derartige Struktur ist neben „The Godfather Part II“ für mich immer „Batman Begins“ wo die Rückblicke stets Fragen beantworten, die in der Gegenwartshandlung zuvor aufgeworfen werden.

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Garsa Fwip (Jennifer Beals)

Und dann ist da natürlich noch der Umstand, dass „The Book of Boba Fett“ nach vier Folgen und dem Abschluss der Flashback-Handlung temporär jegliches Interesse am Protagonisten und seinem Wirken verliert und uns stattdessen gefühlt zwei Folgen aus der dritten Staffel von „The Mandalorian“ zeigt; in der fünften Folge kommt Boba überhaupt nicht vor, in der sechsten hat er das, was man gerne als „non speaking cameo“ bezeichnet – und das in seiner eigenen Serie. Die finale siebte Folge schließlich, in der die Schlacht um Mos Espa gezeigt wird, zeigt die Probleme der Serie noch einmal kondensiert: Wie die gesamte Staffel hat auch diese Abschlussfolge viele coole Ideen, seien es die Scorpenek-Droiden oder der Rancor in Aktion, in letzter Konsequenz will aber alles nicht so recht zusammenfinden, was zum Teil auch an der Regieführung liegt – hier schwankt die Serie mitunter stark. Gerade die inszenatorischen Schwächen der siebten Folge, die den Titel „In the Name of Honor“ trägt, hat mal wieder zu Übersprungshandlungen bei Star-Wars-Fans geführt, die per Petition erreichen wollten, dass Robert Rodriguez nie wieder im Franchise aktiv wird. So idiotisch ich derartige Reaktionen auch finde, Rodriguez‘ Folgen (eins, drei und sieben) waren definitiv die schwächeren dieser Staffel, und auch der sehr unfokussierten sechsten Folge, „From the Desert Comes a Stranger“, merkt man an, dass Dave Filoni im Regie-Bereich noch das eine oder andere lernen muss. Die diesbezüglich stärksten Folgen waren zweifelsohne Kapitel 2, „The Tribes of Tatooine“ von Steph Green und Kapitel 5, „Return of the Mandalorian“ von Bryce Dallas Howard. Letztere hat auch in den beiden Mandalorian-Staffeln sehr gute Arbeit geleistet und ein gewisses Händchen für die weit, weit entfernte Galaxis bewiesen; vielleicht wäre sie eine gute Kandidatin für einen wie auch immer gearteten Star-Wars-Film.

Boba und das Ensemble
Boba Fetts Charakterisierung war über die verschiedenen Medien hinweg nie besonders kohärent. Die Figur, wie sie in Episode V und VI auftaucht, gibt einem als Autor, der den Kopfgeldjäger weiterentwickeln soll, auch nicht allzu viel an die Hand. Selbst vor Episode II war seine Persönlichkeit über das Badasstum hinaus nicht unbedingt konsistent, mitunter wurden ihm sogar zolibatäre Tendenzen angedichtet. Nach „Attack of the Clones“ konzentrierte man sich in den Legends-Romanen und -Comics stärker auf Boba als Träger des mandalorianischen Vermächtnisses von Jango, er erhielt nicht nur eine Jugendbuchserie, die schildert, wie er mit dem Tod seines Vater umgeht und die Klonkriege erlebt, in der Buchreihe „Legacy of the Force“ macht ihn Autorin Karen Traviss gar auf seine alten Tage zum neuen Mandalore. „The Book of Boba Fett“ möchte uns nun einen Boba zeigen, der nach dem Ausflug in den Sarlacc endgültig genug davon hat, sich als Kopfgeldjäger seine Brötchen zu verdienen. Von seinem Tusken-Stamm lernt er den Wert der Gemeinschaft, um anschließend als ehrbarer Gangsterboss Mos Espa bzw. Tatooine (wie groß genau sein Einflussgebiet nun ist, wird nicht definiert) zu kontrollieren. Ob diese Entwicklung konzeptionell zu dem rücksichtslosen Kopfgeldjäger, den wir in Episode V kennen lernen, oder den vorherigen Darstellungen passt, ist sicher diskutabel, aber selbst wenn wir davon ausgehen, scheitert „The Book of Boba Fett“ letztendlich an der Umsetzung. Für mich persönlich ist Bobas Entwicklung einerseits zu plakativ und andererseits nicht unbedingt nachvollziehbar, was primär an der unsauberen Erzählweise liegt. In welche Richtung das gehen soll, zeigt sich bereits in Kapitel 2, und allein von dieser Folge ausgehend hätte das auch funktionieren können, hätte man nicht beschlossen, in den Schnellvorlauf zu gehen und die Tusken gleich in der nächsten Episode offscreen niederzumetzeln. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Stamm stattdessen zur Grundlage von Bobas kriminellem Imperium zu machen. Erschwerend hinzu kommt Bobas schiere Naivität und Blauäugigkeit in der Gegenwartshandlung: Wie genau hat er sich seinen Weg zur Macht eigentlich vorgestellt? Selbst nachdem er zwei Gamorreaner auf seine Seite gebracht hat, ist er allen anderen Fraktionen nach wie vor gnadenlos unterlegen, ein erstes Attentat überlebt er durch schieres Glück. Boba scheint einfach nicht das zu haben, was man als Gangsterboss braucht, sowohl im Bezug auf Verstand als auch auf Rücksichtslosigkeit. Ich denke, hier liegt ein Problem vor, dass viele Geschichten haben, die vorgeben, einen Antihelden oder Schurken als Protagonisten zu haben: Die kreativen Köpfe haben Angst davor, zu weit zu gehen und ihr Publikum zu entfremden. Egal Maleficent im nach ihr benannten Film oder Dracula in „Dracula Untold“, beide Filme haben dasselbe Problem wie „The Book of Boba Fett“. Selbst die rücksichtslose Brutalität, mit der Boba in der zweiten Mandalorian-Staffel gegen die Sturmtruppen vorging, findet sich hier nicht. So ungern ich das sage, Boba Fett ist in seiner eigenen Serie einfach zu nett. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass wir keinen wirklich Einblick in Bobas Charakter vor dem Sturz in den Sarlacc erhalten und so nicht einmal ein wirkungsvoller Kontrast etabliert wird – die Serie verlässt sich fast ausschließlich auf seinen im Fandom vorherrschenden Ruf.

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Black Krrsantan (Carey Jones)

Die Charakterisierung der anderen Figuren lässt leider ebenfalls zu wünschen übrig. Wie bereits erwähnt stellt „The Book of Boba Fett“, gerade im Figurenbereich, eine Reihe wirklich cooler Konzepte vor, arbeitet sie dann aber kaum aus. Dafür, dass Fennec Shand beispielsweise neben Boba eigentlich die zentrale Figur der Serie ist, erfahren wir kaum mehr über sie, als wir aus ihren Auftritten in „The Mandalorian“ ohnehin schon wissen. Zudem bleibt ihre Beziehung zu Boba merkwürdig undefiniert. Mina-Na Wen tut mit dem Material, das sie bekommt, was sie kann, aber es ist einfach nicht besonders viel. Mit dem Wookiee Black Krrsantan, den Cyborg-Bikern oder dem von Danny Trejo gespielten Rancor-Trainer verhält es sich sehr ähnlich. Überall wäre sehr viel Potential vorhanden, aber Dave Filoni, Jon Favreau und Robert Rodriguez belassen es bei einer sehr oberflächlichen Ausarbeitung.

Noch schwerer wiegt der Mangel an wirklich eindringlichen Antagonisten – Bobas Feinde bleiben über weite Strecken undefiniert und gesichtslos. Zu Beginn scheinen die beiden Hutt-Zwillinge die primären Antagonisten zu sein, das hat sich aber nach ihrem zweiten Auftritt bereits wieder erledigt. Die Pykes, die wir bereits aus „The Clone Wars“ und „Solo“ kennen, rücken schließlich als die Unterweltfraktion an, die das größte Interesse an Tatooine hat, liefern aber kein wirkliches Gesicht mit: Weder der Bürgermeister von Mos Espa, noch der Sprecher des Syndikats eignen sich wirklich als funktionierender Antagonist. Natürlich ist da noch Cad Bane (Corey Burton), doch dieser taucht viel zu spät und zu wenig auf, um in dieser Rolle funktionieren zu können. Durch diese Gesichtslosigkeit verliert Bobas Sieg am Ende an Bedeutung. Es hätten ja nicht gleich Qi’ra und Crimson Dawn sein müssen, die sich viele Fans in dieser Rolle gewünscht haben, aber irgendjemand, der frühzeitig als funktionierender Antagonist aufgebaut worden wäre, hätte der Serie gut getan.

Mandalorian Staffel 2,5? Verordnung im Franchise
Manchmal könnte man fast den Eindruck bekommen, Filoni, Favreau und Rodriguez ging es weniger darum, tatsächlich eine Geschichte mit Boba Fett zu erzählen, sondern stattdessen eine ganze Menge an Vorarbeit für künftige Serien zu leisten. Die visuell extrem beeindruckende Ringwelt Glavis etwa wirkt für ihr kurzes Vorkommen in der fünften Folge beispielsweise zu aufwendig, weshalb wohl davon auszugehen ist, dass sie auch in zukünftigen Projekten wieder auftauchen wird. Neben derartiger Vorarbeit finden sich auch viele Rückbezüge. Im Guten wie im Schlechten ist „The Book of Boba Fett“ stark im Franchise verwurzelt. Prinzipiell ist das erst einmal positiv, gerade im Vergleich zur Sequel-Trilogie, wo man konstant versuchte, das Rad neu zu erfinden, anstatt sich existierender Ressourcen zu bedienen. Dass die Macher der Disney-Serien sehr wohl sowohl mit dem alten als auch dem neuen Kanon vertraut sind und keine Hemmungen haben, sich daraus zu bedienen, zeigt sich immer wieder, von subtilen Verweisen auf Comics aus den frühen 2000ern, etwa „Jango Fett: Open Season“ in „The Mandalorian“ Staffel 2 oder hier nun „Outlander“, bis hin zur Umsetzung von Figuren, die bislang nur in Romanen, Comics oder Animation auftauchten. Cobb Vanth (aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie, gespielt von Timothy Olyphant) und Ahsoka (aus „The Clone Wars“ und „Rebels“, gespielt von Rosario Dawson) tauchten beide bereits in „The Mandalorian“ auf und dürfen auch in „The Book of Boba Fett“ vorbeischauen, zusätzlich gesellen sich nun Black Krrsantan (aus diversen Comics) und Cad Bane („The Clone Wars“) dazu – und ich bin sicher, dass wir beide nicht zum letzten Mal gesehen haben. Auch darüber hinaus ist die Liebe zum Detail wirklich beeindruckend. So taucht in der zweiten Episode beispielsweise die in Episode IV erwähnte Tosche Station auf, bei der es sich tatsächlich um eine exakte Nachbildung des Sets handelt, das in einer geschnittenen Szene aus „A New Hope“ zu sehen ist. Das nenne ich Hingabe.

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Cad Bane (Corey Burton)

Leider kompensiert das nicht den Bruch nach den ersten vier Folgen. Man verstehe mich nicht falsch, die fünfte Folge, „Return of the Mandalorian“, ist zusammen mit der zweiten die beste der Staffel und besticht durch wirklich gelungene Regiearbeit von Bryce Dallas Howard und vielleicht eine Spur zu viel Fanservice (andererseits: viel Prequel-Liebe), aber in einer Serie mit dem Titel „The Book of Boba Fett“ ist eine Folge, die wunderbar als Auftakt für die dritte Mandalorian-Staffel hätte fungieren können, irgendwie fehl am Platz. Und wenn dann die darauffolgende Episode nochmal ihren Fokus auf Din Djarin (Pedro Pascal) legt und es zudem Auftritte von Grogu, Luke Skywalker (mit verbessertem, aber noch nicht optimalem CGI-Gesicht) und Ahsoka gibt, während der eigentliche Protagonist auf ein stummes Cameo reduziert wird, dann stimmt etwas ganz und gar nicht. Spätestens hier wird man den Eindruck nicht los, dass „The Book of Boba Fett“ letztendlich „The Mandalorian“ Staffel 2,5 ist und in erster Linie dazu dient, Dinge für Kommendes vorzubereiten. Offenbar wollte man zum Auftakt der tatsächlichen dritten Staffel Din und Grogu bereits wieder als Duo zeigen, weshalb ihre Wiedervereinigung als B-Plot ins Finale gepackt wird. All das lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit von Boba Fett ab, sondern sorgt gleichzeitig dafür, dass auch die Mandalorian-Aspekte nicht ausreichend gewürdigt und eher „nebenbei“ abgearbeitet werden. Gerade das Auftauchen von Luke, Ahsoka und Grogu halte ich hier für höchst kontraproduktiv, da ihre Auftritte automatisch alles überschatten.

Soundtrack

Beim Soundtrack haben wir eine ähnliche Situation wie bei „Solo: A Star Wars Story“: Ludwig Göransson, der die Scores der beiden Mandalorian-Staffeln komponierte, steuerte ein Thema für die Titelfigur bei, während ein anderer Komponist, in diesem Fall der mir bislang unbekannte Joseph Shirley, der wohl vor allem als „Score Programmer“ (was auch immer das sein mag) an diversen Göransson-Scores mitarbeitete und dort auch zusätzliche Musik lieferte, die Ausgestaltung übernahm. Das Ergebnis ist leider bei weitem nicht so überzeugend wie John Powells Solo-Score: Wie nicht anders zu erwarten orientiert sich Shirley sehr stark am von Göransson kreierten Mandalorian-Sound, lieferte aber eine, man möchte fast sagen, verwässerte Version davon – im Guten wie im Schlechten weniger experimentell, aber auch weniger markant, zumindest abseits des Hauptthemas, das ein ziemlich eingängiger Ohrwurm ist, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich zu Boba Fett passt. Göranssons Mandalorian-Thema taucht zusammen mit Din Djarin natürlich ebenfalls auf und zudem dürfen zwei Williams-Themen in der sechsten Episode Gastauftritte absolvieren, während Grogus Training erklingen sowohl Yodas Thema als auch das Machtthema. Ohnehin rückt die Musik, die wir während des Aufenthalts auf Lukes bislang namenlosem Akademie-Planeten hören, stilistisch deutlich näher an Williams heran. Es ist allerdings schade, dass Williams‘ ursprüngliches Boba-Fett-Motiv aus „The Empire Strikes Back“ nicht ein einziges Mal erklingt, das wäre wirklich ein nettes musikalisches Easter Egg gewesen.

Fazit: Während „The Book of Boba Fett” viele coole Elemente, Figuren und Ideen hat, kommt das alles doch nie zu einem großen Ganzen zusammen. Strukturelle und erzählerische Probleme sowie die unausgegorene Entwicklung der Titelfigur und zwei Episoden, die eher aus „The Mandalorian“ Staffel 3 zu stammen scheinen, sorgen schließlich dafür, dass die Soloserie des allseits beliebten Kopfgeldjägers zu einer äußerst unrunden Angelegenheit mit sehr viel verpasstem Potential wird und deutlich hinter den beiden Mandalorian-Staffeln zurückbleibt.

Trailer

Bildquelle (© 2021 Lucasfilm Ltd. & ™. All Rights Reserved.)
Bildquelle Black Krrsantan
Bildquelle Cad Bane

Siehe auch:
The Mandalorian – Staffel 1 & 2
Jango Fett: Open Season
Outlander

The Mandalorian: Staffel 1 & 2

Spoiler für beide Staffeln!
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Während die Sequels die Star-Wars-Fangemeinde zutiefst gespalten zurückgelassen haben, scheinen die beiden Staffeln von „The Mandalorian“ exakt das Gegenteil bewirkt zu haben – im Großen und Ganzen hat diese erste Live-Action-Serie von Jon Favreau und Dave Filoni verschiedene Fraktionen des Fandoms wieder zusammengebracht. Eine Betrachtung dieser Serie meinerseits ist im Grunde lang überfällig, deshalb halten wir uns gar nicht erst lange mit Vorgeplänkel auf, sondern starten direkt durch.

„This is the Way“: Handlung und Struktur von Staffel 1
Ende der 90er erschien bei Dark Horse die Miniserie „Crimson Empire“ – nachdem ich die erste Staffel von „The Mandalorian“ gesehen hatte, empfand ich sie gewissermaßen als Disney-Gegenstück, wenn auch eher auf konzeptioneller denn inhaltlicher Ebene. In beiden Fällen nahm man sich einen Aspekt, der in der OT nicht allzu ausgiebig erforscht wurde – in „Crimson Empire“ die Rotgardisten des Imperators, in „The Mandalorian“ die Mandalorianer, und schuf eine größtenteils eigenständige und in sich geschlossene Geschichte mit einem neuen Protagonisten und nur marginalen Verbindungen zu den Filmen. Im Falle von „The Mandalorian“ ist das Din Djarin (Pedro Pascal), ein enigmatischer mandalorianischer Kopfgeldjäger, der fünf Jahre nach der Schlacht um Endor im Auftrag eines mit dem Restimperium verbündeten Klienten (Werner Herzog) auf Arvala-7 ein besonders „Gut“ sicherstellen soll. Bei diesem Gut handelt es sich um das 50 Jahre alte Kleinkind einer sehr langlebigen Spezies, die Din Djarin zwar unbekannt ist, den Zuschauern jedoch sehr vertraut sein dürfte – und das nicht nur, weil „The Child“ alias Baby Yoda alias Grogu seit dem Start der ersten Staffel praktisch allgegenwärtig war. Din Djarin liefert den liebenswerten kleinen Kerl wie vereinbart ab, bekommt dann allerdings Zweifel, da ziemlich klar ist, dass das Imperium nicht unbedingt an seinem Wohlergehen interessiert ist. Nachdem es ihm gelungen ist, mit Hilfe einiger mandalorianischer Kameraden mit dem Kind zu entkommen, beginnt eine Odyssee, die ihn zu mehreren Outer-Rim-Planeten führt. Während er eine Antwort auf die Frage sucht, was denn nun mit seinem Schützling zu tun ist, trifft der Mandalorianer neue Verbündete wie die ehemalige Rebellenoffizieren Cara Dune (Gina Carano), aber auch Gegner wie die Attentäterin Fennec Shand (Ming-Na Wen). Sein Weg führt ihn schließlich zurück zum Ursprung des Auftrags, denn der imperiale Moff Gideon (Giancarlo Esposito), der letztendlich hinter der Suche nach dem Kind steckt, ist immer noch erpicht darauf, seinen Preis zu erhalten.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Grogu

Serien haben meistens entweder einen durchgehenden Handlungsstrang mit „offenen“ Episoden wie etwa „Game of Thrones“ oder sie gehen nach einem bestimmten Schema vor – am deutlichsten bei Krimiserien zu beobachten: Neue Folge, neuer Fall, der innerhalb einer Episode (manchmal auch zwei) abgeschlossen ist. Aber selbstverständlich finden sich auch alle möglichen Mischformen – in diese Kategorie kann man auch „The Mandalorian“ einordnen. Es gibt einen übergeordneten Handlungsstrang, aber vor allem in der Mitte der ersten Staffel sind die einzelnen Folgen relativ in sich geschlossen. Vor allem die Episoden 4 bis 6 könnte man relativ mühelos untereinander austauschen. Strukturell erinnern diese mitunter an die Quests eines Spiels: Um auf seinem Weg weiterzukommen, muss Din Djarin das Problem einer anderen Person lösen – dieses Element wird vor allem in Staffel 2 noch deutlich stärker, da hier das Ziel des Mandalorianers eindeutiger ist.

Was die erste Staffel darüber hinaus auszeichnet, ist ihr sehr gemäßigtes und ausgeglichenes Erzähltempo. Das fällt besonders im Vergleich mit der fast zeitgleich erschienenen neunten Episode der Skywalker-Saga auf, bei der genau das Gegenteil der Fall war. Hier hatte man stets das Gefühl, J. J. Abrams wolle einen partout nicht zur Ruhe kommen lassen – man könnte ja über das gerade gesehene nachdenken. „The Mandalorian“ dagegen wählt genau den entgegengesetzten Ansatz, nimmt sich Zeit, lässt Figuren und Setting atmen. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass die erste Staffel strukturell sehr gut ausbalanciert ist, gerade weil sie sich die nötige Zeit nimmt: In den ersten drei Folgen wird der Status Quo (Mando und Kind als ungleiches Duo) etabliert, in den zweiten drei beibehalten, aber immer wieder auf die Probe gestellt und in den letzten beiden schließlich ernsthaft gefährdet.

„You are a clan of two“: Figuren und Setting
Wie bereits erwähnt arbeitet zumindest die erste Staffel ausschließlich mit neuen Figuren, die jedoch an die bekannte Ikonographie geknüpft sind. Die Sturmtruppen als Repräsentanten eines (stark geschwächten) Imperiums sind selbst dem „Casual Fan“ des Franchise ebenso vertraut wie der ikonische mandalorianische Helm. Wie üblich bei Star Wars spielen Archetypen eine wichtige Rolle. Aus dem wilden SW-Genre-Gemisch legen Favreau und Filoni ihren Fokus auf den Western – passend dazu entspricht Din Djarin dem Archetypen des wortkargen und mysteriösen Revolverhelden, der oft genug von Clint Eastwood dargestellt wurde. „The Mandalorian“ geht allerdings noch mehr ins Extrem, indem das Gesicht des Protagonisten nie gezeigt wird – bzw. erst in der letzten Episode der ersten Staffel. Es ist durchaus ein Risiko, wenn die Hauptfigur nicht nur relativ unnahbar, sondern auch konstant maskiert ist.

Grogu/Baby Yoda ist vor allem aus Marketing-Sicht ein Geniestreich, wie sich immer wieder zeigt, die Dynamik zwischen ihm und Din Djarin funktioniert allerdings auch in der Serie ziemlich gut. Die Charakterisierung unseres Protagonisten ist zwar zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Bei einer Figur wie dem Mando besteht die Gefahr, dass er auf sein „Badasstum“ reduziert wird, was hier aber erfreulicherweise nicht der Fall ist. Din Djarin ist zwar kompetent, aber keinesfalls hyperkompetent und gerät immer wieder in knifflige Situationen, in denen er Hilfe braucht oder an denen er schlicht scheitert. Obwohl er zumindest zu Beginn keine eigene Agenda verfolgt, sondern nur Aufträge erfüllt und insgesamt ein relativ passiver Protagonist ist, ist sein Wachstum und die Entwicklung seines Charakters doch deutlich spürbar. Pedro Pascal holt mit Stimme und Körpersprache sehr viel aus einem sehr minimalistischen Charakter heraus, dessen Gesicht zudem fast nie zu sehen ist. Trotzdem, oder gerade deshalb, fungiert der Mando als Fenster in diesen Teil der Star-Wars-Galaxis; da er ein Einzelgänger ist, lernen wir zusammen mit ihm all die neuen, von einem exzellenten Cast dargestellten Figuren kennen, ohne dass es überfordernd wäre oder allzu künstlich daherkommt. Auch was diesen betrifft, erinnerten sich Favreau und Filoni an eine alte SW-Tugend: Die Nebenfiguren sollten markant sein. Die tiefgründigsten sind sie nun nicht unbedingt, vor allem, weil der Fokus eben auf Mando und Grogu liegt und kaum eine in mehr als zwei oder drei Episoden auftaucht, aber sie sind einprägsam und bleiben im Gedächtnis, egal ob Carl Weathers als Greef Karga, Gina Carano als Cara Dune, Bill Burr als Migs Mayfeld oder Taika Waitit als IG-11.

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Cara Dune (Gina Carano) und Greef Karga (Carl Weathers)

Auf dieselbe Art gelingt es Favreau und Filoni auch sehr gut, den aktuellen Status Quo zu vermitteln: Das Imperium ist auf dem Rückzug, die Neue Republik aber noch nicht stark genug, um im Outer Rim wirklich für Ordnung zu sorgen – aus diesem Grund geht es recht gesetzlos zu. Zusätzlich erforschen wir die mandalorianische Kultur. In meiner Rezension zur Legends-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ habe ich bereits einen kurzen Abriss über die Geschichte der Mandalorianer im Franchise gegeben, weshalb ich das hier nicht noch einmal tun werde. Ohnehin würde ich besagte Miniserie durchaus als ansprechende Lektüre für Fans von „The Mandalorian“ empfehlen, allerdings kommt man an die gedruckte Ausgabe in der Zwischenzeit ziemlich schwer heran. Wie dem auch sei, in Staffel 1 erfahren wir, dass die Mandalorianer ihre Helme nie abnehmen und ein praktisch religiöses Verhältnis zu ihrer Ausrüstung haben – zumindest Ersteres widerspricht dem bisher im Disney-Kanon (und auch in Legends) Etablierten, diese Diskrepanz wird aber in Staffel 2 aufgeklärt, da Din Djarin zu einer besonderen, extremistischen Gruppierung gehört. Alles in Allem war ich mit der bisherigen Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ und „Rebels“ nicht allzu zufrieden, „The Mandalorian“ rückt sie allerdings, zumindest empfindungsmäßig, wieder näher an die Legends-Interpretation.

Auch sonst ist „The Mandalorian“ erfreulicherweise sehr geerdet. Zwar verfügte man über ein verhältnismäßig hohes Budget, aber eben doch nicht ganz auf der Höhe eines Star-Wars-Kinofilms. Zudem muss natürlich für weniger Geld mehr Material entstehen. Wie schon George Lucas bei der OT mussten Filoni und Favreau deshalb öfter kreativ werden und das Maximum aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Material herausholen und nebenbei auch gleich noch in bester SW-Tradition die Effekttechnik vorantreiben. Die Planeten etwa sind nicht unbedingt die kreativsten (und zudem wieder sehr wüstenlastig, nicht zuletzt bedingt durch die Genre-Ausrichtung), aber „The Mandalorian“ holt deutlich mehr aus seinen Welten heraus als beispielsweise die Sequels – man bekommt ein Gespür für die Planeten, kann sie tatsächlich erforschen und erfährt, wie es sich dort lebt. Auf handwerklicher Ebene funktioniert ebenfalls alles ziemlich gut, in beiden Staffeln haben Filoni und Favreau ein sehr gutes Gespür dafür, wann sie in die Vollen gehen können und wann sie sich besser zurückhalten sollten. Besonders die Action wirkt handgemacht und bodenständig und trägt viel zur Atmosphäre bei. Der Humor ist angemessen und funktioniert ebenso gut – meistens ist ohnehin Grogu derjenige, der für die humoristischen Momente zuständig ist.

„A friendly piece of advice, assume that I know everything”: Staffel 2 – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In Staffel 2 gibt es einige massive Änderungen bezüglich des erzählerischen Konzepts der Serie, die sich aber sehr langsam und schleichend etablieren. Genau genommen beginnt er bereits mit dem kurzen Gastauftritt des aus „The Clone Wars“ und „Rebels“ bekannten Darksabers am Ende des Finales von Staffel 1. Ab diesem Zeitpunkt finden immer mehr Inhalte und Figuren aus anderen Ecken des SW-Universums ihren Weg in die Serie. Din Djarin sucht praktisch die gesamte Staffel nach einem sicheren Ort für Grogu bzw. nach seinen Angehörigen, findet sich in noch mehr Quid-pro-Quo-Situationen wieder und muss sich natürlich abermals mit alten Feinden auseinandersetzen – findet aber auch neue Verbündete, die manch einem Zuschauer durchaus vertraut sein dürften. Los geht es direkt in Folge 1 der zweiten Staffel mit Cobb Vanth (Timothy Olyphant), der nicht nur eine allzu bekannte Rüstung trägt, sondern seinerseits der Aftermath-Reihe, einer Romantrilogie von Chuck Wendig, entstammt. Gerade diese Verwendung eines bislang äußerst obskuren Charakters zeigt den Kontrast in der Herangehensweise von Favreau und Filoni auf der einen und den Regisseuren und Autoren der Sequels auf der anderen: Hier geschah eine intensive Beschäftigung mit der Materie, die sich bereits in Staffel 1 andeutete und in Staffel 2 praktisch überdeutlich ist. „The Mandalorian“ versucht nicht, zu rekreieren oder zu unterlaufen, sondern greift auf alles verfügbare Material, sei es OT, PT, aktuelles EU oder Legends, zurück, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Fans freuen sich über die Anspielungen und Querverweise, gleichzeitig gelingt es Favreau und Filoni aber auch, das Ganze so zu gestalten, dass man als Neuling nicht das Gefühl hat, zum Verständnis müsse man erst eine SW-Enzyklopädie wälzen. Stattdessen fühlen sich die „neuen alten Figuren“ eher an wie eine natürliche Fortführung der Charaktere, die bereits in Staffel 1 vorgestellt wurden und größtenteils auch wieder mit von der Partie sind.

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Din Djarin (Pedro Pascal) und Boba Fett (Temura Morrison)

Zugegebenermaßen ist das Argument, dass es in Staffel 2 mit der Rückkehr bzw. Realwerdung diverser Figuren aus Filmen, Animationsserien und der Literatur vielleicht etwas übertrieben wurde, nicht völlig von der Hand zu weisen. Zu Cobb Vanth gesellen sich die Clone-Wars- und Rebels-Veteraninnen Bo-Katan Kryze (Katee Sackhoff, die der animierten Version der Figur auch ihre Stimme lieh) und Ahsoka Tano (Rosario Dawson), Legends-Inhalte wie die Dark Trooper und der Planet Tython und natürlich die Filmschwergewichte Boba Fett (Temura Morrison), Luke Skywalker (Mark Hamill?) und R2D2 (as himself). Im Großen und Ganzen denke ich jedoch, dass Favreau und Filoni die Balance gerade noch halten können, eben weil sie sich in Staffel 1 auf die neuen Figuren konzentrierten, diese anständig etablierten und nie den Kern aus den Augen verlieren. Bei einem Luke Skywalker besteht natürlich immer die Gefahr, dass er alles überschattet, das emotionale Highlight der Folge ist aber dennoch unzweifelhaft der Abschied von Din und Grogu. Die bereits in anderen Medien etablierten Figuren übernehmen nie das Ruder oder usurpieren die Geschichte.

Deutlich schwerer wiegen in meinen Augen einige strukturelle Mängel in Staffel 2, die alles in allem deutlich weniger ausgewogen und balanciert wirkt als Staffel 1. Besonders die ersten beiden Folgen nehmen sich noch reichlich Zeit für, in Ermangelung eines besseren Wortes, „Nebensächlichkeiten“ (wobei diese durchaus zur Charakterentwicklung beitragen), während spätere Folgen geradezu gehetzt wirken – zumindest im Vergleich zur Erzählweise von Staffel 1. Am schwächsten fällt für mich hier „The Tragedy“, die sechste Folge der zweiten Staffel aus, bei der immerhin Robert Rodriguez Regie führte. Diese markiert Boba Fetts großen Auftritt und weiß ihn auch durchaus cool zu inszenieren, aber das ganze Drumherum will einfach nicht so recht passen, von der Ineffektivität der Sturmtruppen (dazu später mehr) über die Inszenierung der Action bis hin zum Planeten Tython selbst. Gerade in Bezug auf die effektive Gestaltung der Planeten ist ausgerechnet Tython, die legendäre Heimatwelt der Jedi, die Ausnahme, die gezeigte Welt ist sehr ernüchternd und schlicht langweilig ausgefallen.

„I’m a simple man making his way through the galaxy, like my father before me”: Alte Freunde
Werfen wir doch noch einen ausführlicheren Blick auf die Figuren, die entweder zurückkehren oder sogar ihr Live-Action-Debüt feiern. Cobb Vanth stammt, wie bereits erwähnt, aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie. Interessanterweise erlangt er dort Boba Fetts Rüstung ein wenig anders, als er es in der Folge „The Marshal“ selbst erzählt, wobei es sich dabei sowohl um einen Retcon als auch um eine Lüge der Figur handeln könnte. Ansonsten gibt es nicht allzu viel über ihn zu sagen, bereits in der Aftermath-Trilogie war er eine eher unwichtige Nebenfigur, die wohl platziert wurde, um Boba Fetts Rückkehr in die Wege zu leiten (wenn auch nicht unbedingt spezifisch in dieser Serie), was dann ja auch umgesetzt wurde. Es bleibt noch zu erwähnen, dass die Besetzung der Figur mit Timothy Olyphant ein netter Casting-Gag für Fans der HBO-Serie „Deadwood“ ist.

Bo-Katan Kryze hat da schon eine deutlich längere Geschichte hinter sich, sie trat erstmals in der vierten Staffel der Animationsserie „The Clone Wars“ auf, zuerst als Teil der Death Watch, einer Gruppe radikaler Mandalorianer, die sich der pazifistischen Ideologie von Bo-Katans Schwester Satine, der Herzogin von Mandalore, nicht unterwerfen will. Als jedoch der wiederauferstandene Darth Maul die Macht auf Mandalore übernimmt, verbündet sie sich widerwillig mit den Jedi, um Maul aufzuhalten. In „Rebels“ kämpft sie schließlich gegen den Einfluss des Imperiums und möchte ihrem Volk die Freiheit von imperialer Knechtschaft bringen. Dort erringt sie auch das Darksaber, das als mandalorianisches Herrschaftssymbol fungiert. Dieses wird ihr jedoch zwischen dem Ende von „Rebels“ und dem Beginn von „The Mandalorian“ von Moff Gideon abgenommen. Bo-Katan wird hier als Vertreterin der „gemäßigten“ Mandalorianer verwendet, im Gegensatz zu Din Djarin und seinen Kameraden aus der ersten Staffel, den sog. „Children of the Watch“. Nach wie vor möchte sie das Beste für ihr Volk und hat deshalb auch eine offene Rechnung mit Moff Gideon. Sie zeigt unserem Protagonisten, dass der häufig erwähnte „Weg“, den die „Children of the Watch“ immer wieder verbal beschwören, eben nicht alternativlos ist.

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Grogu und Ahsoka Tano (Rosario Dawson)

Ahsoka Tano dürfte noch einmal deutlich bekannter und populärer sein als Bo-Katan, auch sie stammt aus „The Clone Wars“, beginnt dort als Anakin Skywalkers Padawan, tritt dann jedoch noch vor Ende des Krieges aus dem Jedi-Orden aus, bekämpft zusammen mit Bo-Katan auf Mandalore Maul und überlebt Order 66, um sich später den Rebellen anzuschließen. Hier treffen gewissermaßen zwei Handlungsstränge aufeinander, denn Ahsoka sucht offensichtlich Großadmiral Thrawn, der sich bereits in „Rebels“ als Problem erwies. Ahsoka ist die erste (mehr oder weniger) ausgebildete Jedi, die in der Serie auftaucht. Angesichts der Tatsache, dass sie weiße Lichtschwerter führt, die einen schönen Kontrast zur dunklen Klinge des Darksabers abgegeben hätten, wurde eifrig spekuliert, ob sie wohl am Finale beteiligt sein würde, letztendlich entschied man sich aber, den mandalorianischen Aspekt zu betonen und Boba Fett und Bo-Katan bei der Rettung Grogus assistieren zu lassen. Ahsoka weist nur den Weg nach Tython, schafft aber auch eine tiefere Verbindung zwischen Grogu und Din, unter anderem, indem sie seinen Namen und etwas von seiner Vergangenheit enthüllt und die Kommunikation erleichtert. Ich persönlich war nie der größte Ahsoka-Fan, zu Beginn von TCW fand ich sie ziemlich unausstehlich. Sie hat sich zweifelsohne entwickelt, ist aber nach wie vor keine Figur, an der ich besonders hänge. Allerdings kann ich gut verstehen, dass ein Live-Action-Auftritt Ahsokas etwas Besonderes darstellt, wenn man mit ihr aufgewachsen ist. Anders als bei Bo-Katan bediente man sich hier nicht der Sprecherin der Serien (das wäre Ashley Eckstein gewesen), sondern wählte mit Rosario Dawson eine Darstellerin, die deutlich bekannter ist, ihre Sache aber sehr gut macht.

Temura Morrison ist ein Sonderfall: Er ist der erste Darsteller der Filme, der in dieser Serie auftaucht, das allerdings in einer Rolle, die er bisher noch nicht gespielt hat (sofern wir das Nachsychronisieren einiger Sätze in der Special Edition der OT ignorieren). Natürlich gilt aber: Wenn Boba Fetts Gesicht zu sehen sein soll, muss Temura Morrison unter der Maske stecken. Boba Fett ist eine der beliebtesten SW-Nebenfiguren, der ganze Hype um ihn war mir allerdings stets ein wenig suspekt, selbst unter Einbeziehung des Legends-Materials – ich empfand tatsächlich Jango immer als den Interessanteren der beiden. Aber „The Mandalorian“ hat es in nur wenigen Episoden geschafft, mir die Figur näher zu bringen. Obwohl ich „seine“ Episode als die schwächste der Staffel empfinde, hat Rodriguez es zumindest geschafft, ihn wirklich ansprechend zu inszenieren, was in den folgenden Episoden fortgesetzt wird. Nebenbei wurde Jango nun auch im Disney-Kanon wieder offiziell zu einem „echten“ Mandalorianer erklärt, nachdem „The Clone Wars“ das in Zweifel gezogen hatte. Alles in allem wirklich ein exzellenter Auftritt mit einer Seismischen Bombe als Sahnehäubchen, der zeigt, wie gut und wirkungsvoll sich Prequel-Material in die Post-Endor-Ära integrieren lässt, wenn man es nur ordentlich anstellt. „The Mandalorian“ hat es tatsächlich geschafft, mich für die angekündigte Serie „The Book of Boba Fett“ zu begeistern.

Und schließlich: Luke Skywalker. Ist sein Auftauchen eine logische Entwicklung aus der Handlung? Oder ein Versuch, von „The Last Jedi“ enttäuschte Fans der Figur zurückzugewinnen? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich möchte hier das Fass „Luke in den Sequels“ gar nicht erst groß aufmachen, da ich mit Lukes Zustand in Episode VIII verhältnismäßig wenig Probleme hatte, zumindest im Vergleich zu vielen anderen, ich fand nur seinen Weg zu diesem Zustand absolut nicht überzeugend. Lukes Auftauchen ist tatsächlich eine logische Handlungsentwicklung aus dem Ruf, den Grogu auf Tython ausgesandt hat, denn wer hätte auch sonst kommen sollen? Ezra Bridger? Cal Kestis? Fanservice ist sein Auftauchen zweifelsohne, aber funktionierender Fanservice, der sich logisch aus der Geschichte ergibt. Nicht ganz so gut funktioniert die auf Lukes Gesicht angewandte Technik, was in der Rezeption der entsprechenden Szene aber interessanterweise nur eine untergeordnete Rolle spielte. Und auch ich kann nicht behaupten, dass ich die Rückkehr des auf der Höhe seiner Kräfte stehenden Luke nicht genossen hätte.

„They all hate you, Mando. Because you’re a legend!”: Die größte Schwäche
Neben der einen oder anderen Struktur- bzw. Balanceschwäche in Staffel 2 ist es vor allem die Darstellung der Imperialen, die Anlass zur Kritik gibt. Die Zielgenauigkeit der Sturmtruppen (oder besser: ihr Mangel an derselben) ist ja bereits seit Jahrzehnten Sujet diverser Witze, sodass man sich inzwischen fragt, ob Obi-Wans Ausspruch in „A New Hope“ als zynischer Scherz gemeint war und er sich wundert, dass sie überhaupt etwas getroffen haben: „Only imperial stormtroopers are so precise.“ Unter Disney erreichte die Unfähigkeit imperialer Soldaten allerdings noch mal ein ganz anderes Level, besonders in „Rebels“ kennt ihre Inkompetenz keine Grenze, und leider knüpft „The Mandalorian“ daran an, vor allem in Staffel 2. Das finde ich besonders schade, weil es der Serie ansonsten gelingt, mit begrenzten Mitteln sehr viel zu erreichen – in Staffel 1 gab es da durchaus entgegengesetzte Tendenzen. In Episode 4, „Sanctuary“, gelang es Regisseurin Bryce Dallas Howard etwa sehr gut, einen einzelnen AT-ST als große Bedrohung zu inszenieren. „The Mandalorian“ hätte die Chance gehabt, die Sturmtruppen auf dieselbe Art wieder zu ernstzunehmenden Gegnern zu machen. Vor allem die dritte Episode der zweiten Staffel, „The Heiress“, (ironischerweise ebenfalls von Bryce Dallas Howard inszeniert) zeigt die Soldaten des Restimperiums als extrem inkompetent.

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Moff Gideon (Giancarlo Esposito)

Leider erstreckt sich das auch auf die Kommandoriege. Giancarlo Esposito ist ein hervorragender Schauspieler, Moff Gideon profitiert ungemein von seiner Besetzung und wirkt primär deshalb als ernstzunehmender Gegner, betrachtet man allerdings seinen „Masterplan“ in Staffel 2, steckt da leider nicht allzu viel dahinter. Die Serie versucht zu vermitteln, dass er im Finale zuerst die Trümpfe in der Hand hat, aber leider agiert er im Grunde relativ sinn- und kopflos, ohne Alternativplan, sollten die Dark Trooper versagen. Diese sind die wirkliche Gefahr, die vom Imperium ausgeht, werden dann aber ihrerseits von Luke ziemlich schnell niedergemacht – auch hier fragt man sich, ob es nicht erzählerisch besser gewesen wäre, hätten sie dem Jedi-Meister zumindest etwas mehr entgegenzusetzen gehabt. In diesem Kontext ist der Umstand, dass Gideons tatsächliche Pläne bezüglich Grogu völlig nebulös sind, auch nicht unbedingt hilfreich. An dieser Stelle wollte man sich wahrscheinlich noch alle Möglichkeiten offen halten: Arbeitet Gideon autonom oder dient er einem Meister wie Thrawn, Snoke oder gar Palpatine ? Und was ist sein langfristiges Ziel? Das Mysterium in allen Ehren, aber hier wären etwas handfestere Absichten zur wirkungsvollen Definition des Charakters bessere gewesen.

Die interessanteste (zumindest im weitesten Sinne) imperiale Figur ist der von Bill Burr gespielte Migs Mayfeld, der als Ex-Imperialer zumindest einiges von dem Potential ausschöpft, das bei Finn in den Sequels vorhanden gewesen wäre. Leider vermisst man im Disney-Kanon außerhalb der Literatur bislang Figuren wie beispielsweise Gilad Pellaeon, die als aufrechte, prinzipientreue „ehrbare“ Imperiale einen Gegenstück zu den sadistischen und/oder inkompetenten Fanatikern bilden. Von dieser Sorte bietet „The Mandalorian“ mehr als genug, beispielsweise Rick Famuyiwa als Valian Hess (sehr sprechender Name) in der siebten Folge der zweiten Staffel. Was ich mir wünsche, wäre ein imperiales Gegenstück zu „Rogue One“; dieses erste Spin-off zeigte die dunkleren Seiten der Rebellen und half dabei, der Fraktion zusätzliche Facetten zu verleihen. Für das Imperium wäre eine differenziertere Darstellung in den bewegten Medien überfällig.

„Do the magic hand thing“: Ludwig Görannsons Score

Das musikalische Vermächtnis des Franchise ist immer ein Thema für sich, John Williams‘ Klänge sind essentiell für Star Wars. Bislang traute man sich bei Disney noch nicht, sich allzu weit davon zu entfernen. Dass Williams selbst die Sequels vertonen würde, stand nie in Frage, und auch die Komponisten anderer Projekte, sei es Kevin Kiner („Rebels“), Michael Giacchino („Rogue One“), John Powell („Solo“) oder Gordy Haab (die meisten Spiele, darunter auch „Jedi: Fallen Order“) blieben sowohl stilistisch als auch leitmotivisch sehr nah an Williams. Für „The Mandalorian“ wandten sich Favreau und Filoni an den schwedischen Komponisten Ludwig Göransson, der in vielen seiner Scores eine modernere Sensibilität an den Tag legt und darüber hinaus auch in der Popmusik aktiv ist, unter anderem als Produzent von Jung-Lando-Darsteller Donald Glover alias Childish Gambino. Göranssons Scores zeichnen sich zumeist durch interessante Stil-Mischungen aus – gute Beispiele sind etwa seine Musik für die beiden Creed-Filme sowie „Black Panther“, für den er den Oscar gewann. Oft mischt Göransson traditionelles Orchester mit Hip-Hop-, R&B- oder Electronica-Elementen und, im Fall von „Black Panther“, auch mit afrikanischen Percussions.

Die Musik von „The Mandalorian“ spiegelt die Handlungsentwicklung sehr gut wider. Die Scores der ersten Staffel sind stilistisch recht weit von traditioneller Star-Wars-Musik entfernt. Das Orchester spielt zwar durchaus eine zentrale Rolle und hin und wieder findet sich auch eine stilistische Williams-Anleihe, aber mindestens ebenso stark ist der Einfluss der Western-Soundtracks von Ennio Morricone. Alles in allem funktioniert das ziemlich gut, Göransson etabliert sofort ein eigenes Klangspektrum für die Serie und liefert dazu noch ein ziemlich eingängiges Titelthema sowie eine ganz Reihe anderer Leitmotive, die allerdings zu Beginn eher schwer herauszuhören sind. In manchen Fällen übertreibt er es allerdings mit dem elektronischen Ambiente und den Effekten und Verzerrungen, zumindest für meinen Geschmack. Gerade die Repräsentation der Dark Trooper durch Dubstep fand ich etwas zu viel.

Mit Ausnahme von ein, zwei extrem subtilen Andeutungen des Machtthemas (wenn überhaupt nur die ersten zwei, drei Noten) taucht in der ersten Staffel kein bereits existierendes leitmotivisches Material auf. Das ändert sich erst mit der zweiten Folge der zweiten Staffel, „The Passenger“: Das erste Williams-Thema, das zu hören ist, ist ausgerechnet der Marsch des Widerstands aus den Sequels. Dieses Thema ist in einer recht modernisierten Version am Ende der Episode zu hören, als sich Din Djarin mit den beiden Piloten der Neuen Republik unterhält. Außerdem taucht der Marsch auch in der Folge „The Siege“ während Cara Dunes Konsversation mit dem Republik-Piloten auf. In der zweiten Hälfte der Staffel nimmt die Anzahl an leitmotivischen Verweisen dann deutlich zu. Nicht nur findet sich im Score der Episode „The Jedi“ ein Hinweis auf Yodas Thema, Keviner Kiners Leitmotiv für Ahsoka aus „The Clone Wars“ wird sogar ziemlich ausgiebig verwendet und im Finale erklingt schließlich ein volles Statement des Machtthemas. Ich persönlich finde es sehr schön, dass die musikalische Welt der Serie mit der von Williams etablierten langsam zusammenwächst, ohne dabei jedoch ihre Individualität zu opfern.

Fazit
Nach den spaltenden Episoden VIII und IX dürfte „The Mandalorian“ genau das sein, was das Franchise nötig hatte: Eine Serie, die das Fandom wieder vereinigen kann und die fast jedem etwas zu bieten hat. Natürlich ist auch „The Mandalorian“ nicht perfekt, kleine Schwächen und Schönheitsfehler finden sich schließlich überall, aber im Großen und Ganzen weiß die Serie nicht nur zu überzeugen, sie dürfte, vielleicht zusammen mit „Rogue One“, das bislang beste Produkt der Disney-SW-Ära sein. Und wie es aussieht hat man sich bei Disney bereits ausgiebig Notizen gemacht, denn die zweite Staffel dient als Sprungbrett für diverse neue Serien, darunter „Rangers of the New Republic“, „Ahsoka“ und „The Book of Boba Fett“. Ob diese Serien das halten können, was „The Mandalorian“ verspricht, wird sich erst noch zeigen, aber wenn sie qualitativ überzeugen können, wäre es möglich, dass sie und nicht die Sequels zum dominierenden Faktor dieser Ära des Franchise werden.

Trailer Staffel 1
Trailer Staffel 2

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Bildquelle Ahsoka

Siehe auch:
Jango Fett: Open Seasons
Star Wars: Das ultimative Ranking

Mulan (2020)

Spoiler!
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Story: Als der Heerführer Böri Khan (Jason Scott Lee) mit seiner Armee und der Hexe Xianniang (Gong Li) China angreift, befiehlt der Kaiser (Jet Li), dass ein Mann aus jeder Familie dem Heer des Reiches der Mitte zur Verteidigung beitreten muss. In der Hua-Familie kommt dafür nur das gealterte Familienoberhaupt Hua Zhou (Tzi Ma) in Frage, weshalb seine Tochter Mulan (Yifei Liu) den Platz ihres Vaters einnimmt, sich als Mann verkleidet und unter dem Decknamen Hua Jun der Armee beitritt. Neben den üblichen Gefahren des Soldatenlebens muss sie besonders darauf achten, dass ihre Identität nicht aufgedeckt wird, da dies den Tod für sie und den Gesichtsverlust für ihre Familie bedeuten würde…

Kritik: Als das Live-Action-Remake von „Mulan“ angekündigt und die ersten Trailer gezeigt wurden, war ich tatsächlich der Meinung, dass diese Neufassung Potential hat. Offensichtlich wollte man nicht, wie es bei „Aladdin“ oder „The Lion King“ der Fall war, nur eine verwässerte Neuauflage des Originals produzieren, sondern sich, wie bei „The Jungle Book“, um eine Art Kompromiss zwischen dem Animationsfilm und der Vorlage bemühen. Diese Version von „Mulan“ sollte mehr Action- und Kriegsfilm und kein Musical werden. Trotz dieser durchaus sinnvollen Herangehensweise versagt „Mulan“ leider vollständig. Zusätzlich hierzu gibt es noch eine ganze Menge an kontroversem Kontext, vom kostenpflichtigen Anschauen auf Disney Plus wegen Corona bis hin zum problematischen Anbiedern an die chinesische Regierung, was in dieser Rezension allerdings außenvor bleiben soll – der Film ist auch so schlecht genug.

Die Änderungen gegenüber der animierten Version sind Legion und oft nicht per se schlecht. Abseits der Titelfigur wurden beispielsweise kaum Figuren direkt übernommen, sei es namentlich oder charakterlich. Das beginnt bei Li Shang, der aufgespalten wurde; Mulans Ausbilder und ihr Love Interest sind nun zwei verschiedene Figuren, zum einen der von Donnie Yen gespielte Tung und zum anderen Chen Honghui (Yoson An), der „nur“ ein einfacher Soldat ist. Die komödiantischen Sidekicks wie Mushu oder Cri-Kee fehlen völlig. Auch unter den Schurken gibt es einige Veränderungen, Böri Khan nimmt den Platz von Shan Yu ein, während die Gestaltwandlerin Xianniang als neue Figur an seine Seite gestellt wird. Der Umstand, dass sie sich gerne in einen Falken verwandelt, ist immerhin eine nette Anspielung an den Animationsfilm. Ansonsten sind diese beiden Schurken aber relativ enttäuschend. Shan Yu mag nicht gerade der beste Disney-Schurke sein, hinterließ aber aufgrund seiner grimmigen, zielgerichteten Vorgehensweise und seiner stillen Grausamkeit durchaus bleibenden Eindruck, was man von Böri Khan leider nicht sagen kann. Xianniang ist theoretisch interessanter, da sie als Mulans dunkles Spiegelbild dient. Wie Mulan wurden ihr Dinge verwehrt, weil sie eine Frau ist, weshalb sie drastischeren Mitteln greift, um das zu bekommen, was ihr zusteht. Das inszeniert der Film allerdings fürchterlich plump und unsubtil, am Ende opfert Xianniang spontan ihr Leben für ihre Widersacherin, weil sie so beeindruckt davon ist, dass diese die chinesische Armee kommandiert.

Trotz dieser Änderungen leidet das Remake an einer Schwäche, die viele Filme dieser Machart plagen. Gerade im direkten Vergleich fällt auf, wie ökonomisch die Disney-Filme der 90er im Allgemeinen und „Mulan“ im speziellen mit ihrer Zeit umgehen. Das Original geht mit Abspann nur knapp 90 Minuten, verschenkt aber keine davon, Charakterisierung, Entwicklung und die Beziehung der Figuren zu einander sind exzellent. Das Remake ist mit 115 Minuten deutlich länger, es gelingt ihm aber nicht, diese Zeit sinnvoll zu nutzen, besonders wenn es darum geht, das Verhältnis der Figuren untereinander zu etablieren. Es reicht, das Verhältnis zwischen Mulan und ihrem Vater im Original und im Remake zu vergleichen. Ohnehin scheint Figurenchemie nicht unbedingt die Stärke von Regisseurin Niki Caro zu sein, zumindest nicht in diesem Film. Von der Kameradschaft zwischen den Rekruten bzw. Soldaten zu denen Mulan stößt, ist im Remake kaum etwas geblieben. Auch dramaturgisch ist der 2020-Film deutlich schwächer als das Original, die Handlung plätschert oftmals einfach so dahin.

Das größte Problem des Remakes findet sich aber bei der Titelheldin selbst. Diese ist im Animationsfilm sehr eindeutig charakterisiert: Wie so viele Disney-Helden und -Heldinnen der 90er fühlt sie sich ein wenig fehl am Platz. Ihre Zeit bei der Ausbildung wird als „Fish out of Water“ Story inszeniert, bevor sie dann am Ende ihren Platz auch tatsächlich findet, indem sie sich entwickelt, ihre Schwächen überwindet und lernt, sich selbst zu akzeptieren. Im Remake dagegen hat Mulan im Grunde keinen Handlungsbogen, weil sie bereits als Kriegerin beginnt und eigentlich nichts lernen muss. Mehr noch, aus irgend einem Grund verpasste man Mulan hier Superkräfte, verweigert ihr aber auch einen dementsprechend angepassten Handlungsbogen. Es ist eine merkwürdige Ansicht, die sich vor allem im letzten Jahrzehnt herausgearbeitet hat, dass starke weibliche Figuren keine Schwäche haben dürfen, nicht emotional sein sollten und am besten von Anfang an praktisch perfekt sind. Was die Entwicklung (oder den Mangel derselben) angeht, ist „Mulan“ kein Remake des Zeichentrickfilms aus den 90ern, sondern von „Captain Marvel“; hier herrschte dieselbe Geisteshaltung vor. Wo die von Ming-Na Wen (die im Remake immerhin einen kleinen Cameo-Auftritt erhält) gesprochene Mulan eine liebenswerte, intelligente und manchmal auch sehr ungeschickte Figur war, mit der man sich wunderbar identifizieren kann, wirkt die von Yifei Liu dargestellte Version meistens kalt, unnahbar und unemotional. Wie sehr man darauf bedacht war, diese Mulan keine Fehler machen zu lassen, zeigt sich bei der Heiratsvermittlung, die im Original primär wegen ihrer Tollpatschigkeit daneben geht. Im Remake dagegen ist ihre Schwester schuld, während man ihr selbst kaum etwas vorwerfen kann. Gerade diese Aspekte hätte man bei einer Neuinterpretation nicht ändern dürfen, insbesondere, wenn die Geschichte immer noch dieselben Stationen abarbeitet, die nun allerdings frei von Sinn und Emotionen sind.

Und was bleibt letztendlich? Einige beeindruckende Bilder und ein durchaus gelungener Score von Harry Gregson-Williams – wie üblich der beste Aspekt des Remakes, obwohl selbst dieser Score etwas hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Eine Ausführliche Rezension findet sich hier. Ansonsten ist „Mulan“ ebenso seelenlos und unnötig wie fast alle anderen Disney-Remakes auch. Damit bleibt Jon Favreaus „The Jungle Book“ nach wie vor der einzige Film dieser Machart, den ich tatsächlich als gelungen bezeichnen würde.

Fazit: Leider reiht sich „Mulan“ in die Reihe der misslungenen Disney-Remakes ein. Ein guter Ansatz wurde leider katastrophal umgesetzt – das animierte Original ist diesem Machwerk in jeder Hinsicht überlegen.

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Artemis Fowl

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Story:
Artemis Fowl II. (Ferdia Shaw) ist mit seinen 12 Jahren bereits ein Genie. Eines Tages wird sein Vater, Artemis Fowl I. (Colin Ferrell), seines Zeichens sowohl einflussreicher Krimineller als auch Feengläubiger, von eben jenen Feen entführt. Diese haben sich schon lange aus der Welt der Menschen zurückgezogen; die diversen magischen Völker, darunter auch Zentauren, Trolle, Kobolde etc., leben in einer unterirdischen Stadt und verfügen nicht nur über magische Kräfte, sondern sind den Menschen auch technologisch weit voraus. Die mysteriöse Entführerin von Fowl senior fordert von Artemis, das Aculos zu beschaffen, das sein Vater zuvor gestohlen und versteckt hat. Dieses groß angelegte Vorhaben ruft die Zentrale Untergrundpolizei um Commander Root (Judi Dench) und Holly Short (Lara McDonnell) auf den Plan…

Kritik: Meine Güte, was ist denn hier schief gelaufen? Bei „Artemis Fowl“ handelt es sich um einen Film, den Disney ursprünglich als großen Franchise-Starter konzipierte, bei dem es hinter den Kulissen aber etliche Probleme gab. Die Corona-Krise sorgte dafür, dass das Studio sich dazu entschied, „Artemis Fowl“ direkt bei Disney Plus zu parken – anders etwa als prestigeträchtige Produktionen wie „Black Widow“ oder „Mulan“; Ersterer ist nach wie vor fürs Kino vorgesehen, Letzterer wird zwar zum streamen zur Verfügung gestellt, allerdings nur für eine saftige Zusatzgebühr. Wie so viele andere derartige Filme basiert auch „Artemis Fowl“ auf einer Buchreihe, verfasst vom irischen Autor Eoin Colfer. Die Artemis-Fowl-Romane erschienen ursprünglich im Fahrwasser von Harry Potter und waren gewissermaßen eine weitere der vielen Fantasy-Jugendbuchreihen der frühen 2000er – allerdings eine mit einer einzigartigen Konzeption. Colfer verband Fantasy und Science-Fiction auf durchaus clever Art und Weise und lieferte dazu einen wirklich interessanten Protagonisten, der im ersten Band als Schurke fungiert und erst nach und nach zum widerwilligen Helden wird. Ich persönlich habe in meiner Jugend die Artemis-Fowl-Romane immer sehr gerne gelesen – nicht zuletzt, weil sie sehr kurzweilig und filmisch angelegt sind. Regisseur Kenneth Branagh und die Drehbuchautoren Conor McPherson und Hamish McColl haben die Romane dagegen offensichtlich nicht gelesen, bestenfalls die Wikipedia-Artikel. Disneys „Artemis Fowl“ ist eine Beleidigung für jeden Fan der Romane. Das Tragische daran ist, dass das einfach nicht hätte sein müssen, denn, wie bereits erwähnt, besonders der erste Roman der Reihe ist so filmisch angelegt, dass es wirklich nicht besonders schwierig gewesen wäre, ihn in ein gut funktionierendes Drehbuch umzuwandeln.

Stattdessen trafen die Verantwortlichen wirklich, wirklich unterirdische Entscheidungen und bewiesen ein ums andere Mal, dass sie sich mit den Romanen entweder nicht auseinandergesetzt haben, oder dass es ihnen schlicht egal war. Das merkt man bereits an den kleinen Details: Den Vornamen von Artemis‘ getreuem Leibwächter Butler (Nonso Anozie) erfährt Artemis (und mit ihm der Leser) nicht vor dem dritten Band, und das aus sehr gutem Grund, da Butler Absolvent einer speziellen Bodyguard-Schule ist, die geheimbundartige Methoden pflegt – einer der wichtigsten Grundsätze ist dabei, dass der Schützling den Vornamen des Leibwächters nicht kennen darf. Der Moment, indem Butler Artemis dann seinen Vornamen tatsächlich verrät, ist sehr emotional und stark inszeniert. Im Film dagegen wird Butlers Vorname Domovoi bei der erstbesten Gelegenheit einfach herausposaunt – Artemis nennt seinen Leibwächter „Dom“. Ich bin kein Purist und auch nicht grundsätzlich gegen Änderungen an der Vorlage, wenn sie dazu dienen, die Geschichte in einem anderen Medium zu erzählen, aber jede einzelne Änderung bei dieser Adaption sorgt dafür, dass das die Geschichte am Ende minderwertiger wird – und es gibt wirklich viele Änderungen. Dies ist nur ein kleines Beispiel, es finden sich noch deutlich schwerwiegendere, aber es ist ein guter Indikator.

Das größte Problem ist wohl die „Anpassung“, die Branagh und die Autoren am Titelhelden vorgenommen haben: Artemis Fowl ist in dieser Adaption kein Krimineller (auch wenn er das am Ende von sich behauptet). Mehr noch, obwohl der Film größtenteils auf dem ersten Roman basiert, ist er nicht der Schurke. Vom ursprünglichen Artemis, dem ebenso genialen wie teilweise unausstehlichen kriminellen Mastermind, ist kaum etwas geblieben. Die Filmfigur ist völlig profillos, so als hätte Disney wahnsinnige Angst davor, er könne auch nur ein wenig unsympathisch sein. Obwohl der Film sich grob an die Ereignisse des Romans hält (Stichwort: Belagerung von Fowl Manor), geht es Artemis nicht darum, Gold von den Unterirdischen zu erpressen, wie es bei Colfer der Fall ist, sondern das Aculos zu finden, um seinen Vater zu befreien – ein typisches Macguffin, das offensichtlicher nicht hätte sein können. Dass das Gold dennoch eine Rolle spielt, liegt vermutlich daran, dass hier noch Reste einer früheren Drehbuchfassung vorhanden sind, die eventuell näher am Roman war. Da Artemis nun nicht mehr als Widersacher herhalten kann, wird dafür Opal Koboi herangezogen, die erst ab dem zweiten Roman eine Rolle spielt.

Auch strukturell und erzählerisch ist die Vorlage amüsanterweise filmischer als der Film. Im ersten Kapitel des Romans erfahren wir als Leser sehr anschaulich, woran wir an Butler und Artemis sind, ganz einfach durch ihre Interaktion mit der Umwelt werden sie anschaulich charakterisiert. Was wir über die Welt der Unterirdischen wissen müssen, erfahren wir zusammen mit Artemis, der ihren Spuren folgt und so schließlich die „Bibel des Erdvolkes“ ausfindig machen kann. Der Film verzichtet dagegen auf diese sehr filmische Art und Weise, die Figuren und die Welt vorzustellen, stattdessen setzte er dem Zuschauer Mulch Diggums (Josh Gad) als Erzähler vor, der Exposition von sich gibt. Anstatt gezeigt zu bekommen, wie kompetent Butler und wie genial Artemis ist, wird es einem nur mitgeteilt – immer und immer wieder.

Auf der Seite der Unterirdischen sieht es leider auch nicht viel besser aus. Im Roman ist die quasi Vater/Tochter-Beziehung zwischen Root und Holly Short eines der zentralen Elemente, nicht zuletzt, weil Holly der erste weibliche Offizier in der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrundpolizei ist – sie ist die Vorreiterin. Root scheint zuerst ein Chauvinist zu sein, im Verlauf zeigt sich allerdings, dass er Holly sowohl fordert als auch fördert. Dieses zentrale Element in der Charakterisierung beider Figuren wurde völlig entfernt, nicht zuletzt, weil Root hier weiblich ist. Wenn es einen guten Grund gibt, das Geschlecht einer Figur in der Adaption zu ändern, oder wenn es wenigstens keine negativen Konsequenzen hat, bin ich nicht dogmatisch dagegen, aber hier schadet es der Geschichte wirklich.

Beinahe noch schwerer wiegt, dass der Film auch abseits seiner Adaptionsmängel nicht überzeugen kann. Während Colfer die Welt der Unterirdischen und ihre Kombination aus Magie und Technik meistens zumindest halbwegs kohärent und in sich stimmig etablierte, gelingt selbiges dem Film nicht, sodass sich der Zuschauer ohne Buchkenntnis wahrscheinlich immer wieder fragt, wie das Ganze eigentlich funktioniert. Dramaturgisch und darstellerisch sieht es ähnlich mau aus, es gelingt Branagh kaum, einen Spannungsbogen zu etablieren, und die Leistung der Schauspieler geht selten über ein „halbwegs akzeptabel“ hinaus. Immerhin Komponist Patrick Doyle konnte sich zu einer ordentlichen Leistung durchringen, wie hier beim Kollegen von Score Geek nachzulesen ist.

Fazit: „Artemis Fowl“ versagt sowohl als Film als auch als Adaption auf ganzer Linie und ist ein Schlag ins Gesicht für alle Fans des Romans.

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Aladdin

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Story: Dschafar (Marwan Kenzari), der Wesir des Sultans (Navid Negahban), will die Macht im Königreich Agrabah usurpieren. Zu diesem Zweck plant er, die mysteriöse Wunderlampe in seine Hände zu bekommen, doch nur ein „ungeschliffener Diamant“ kann sie aus der Wunderhöhle herausholen. Hierbei handelt es sich um den Straßenjungen Aladdin (Mena Massoud), der sich just in Prinzessin Jasmin (Naomi Scott), die Tochter des Sultans, verliebt hat. Unglücklicherweise kann nur ein Prinz die Prinzessin heiraten. So gelingt es Dschafar, Aladdin von seinen Vorhaben zu überzeugen, denn mit den Schätzen aus der Wunderhöhle kann alles möglich sein. Beim Erringen der Lampe geht jedoch alles schief, sodass Aladdin in der verschlossenen Höhle gefangen ist. Zum Glück wohnt in der Lampe ein Dschinni (Will Smith), mit dessen Hilfe Aladdin nicht nur aus der Höhle herauskommt, sondern auch zum Prinzen werden kann, um Jasmins Herz für sich zu erobern…

Kritik: Noch ein Remake eines Zeichentrickklassikers meiner Kindheit. Da die Vorzeichen bereits äußerst desaströs waren, habe ich diesen Film bewusst im Kino ausgelassen. Und was soll ich nach der Sichtung der BluRay sagen: Es ist genauso gekommen, wie ich es erwartet hatte. „Aladdin“ ist ein weiterer, ebenso seelenloser wie unnötiger Neuaufguss eines Animationsfilms, der dieses Medium nie hätte verlassen sollen.

Ironischerweise gehört das Element, das im Vorfeld für die größte Empörung sorgte, Will Smith als Dschinni, noch zu den gelungensten Bestandteilen. Die blaue CGI-Version des Schauspielers wirkt zwar irritierend (die Effekte lassen generell zu Wünschen übrig, wahrscheinlich hat „Der König der Löwen“ zu viele Ressourcen verschlungen), aber bei weitem nicht so schlimm wie im ersten Trailer, und davon abgesehen funktioniert Smith in der Rolle eigentlich ganz gut – kein Vergleich zu Robin Williams, aber das hat wohl auch niemand erwartet. Alles andere drumherum allerdings ist ziemlich misslungen.

Regisseur Guy Ritchie, der zusammen mit John August und Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, bekommt das merkwürdige Kunststück hin, ein Remake abzuliefern, das über eine halbe Stunde länger ist als das Original, sich aber trotzdem gehetzter und knapper anfühlt. „Aladdin“ hält sich nicht so sklavisch an die Vorlage wie John Favreaus „Der König der Löwen“ und versucht durchaus, Geschehnisse, an denen sich freilich kaum etwas ändert, immerhin etwas anders zu erzählen, was sich vor allem zu Beginn zeigt. Ritchie greift die ursprüngliche, dann aber verworfene Idee auf, dass es sich beim Erzähler um den Dschinni handelt, was zur Folge hat, dass das Remake ähnlich anfängt wie eine Folge von „How I Met Your Mother“. Im Folgenden hetzt Ritchie regelrecht durch den ersten Akt des Films, dessen Ereignisse hier merkwürdig verschachtelt wurden; Dschafars erster Besuch bei der Wunderhöhle wird in zwei Minuten kurz abgehandelt und One Jump Ahead wird mit Aladdins erster Begegnung mit Jasmin zusammengelegt. Ich vermute, Vorbild war Favreaus „Jungle Book“, in welchem der etwas behäbige Anfang des Originals ebenfalls zugunsten einer Eröffnung mit erhöhtem Tempo abgeändert wurde. Was in „The Jungle Book“ jedoch ganz gut funktioniert, sorgt in „Aladdin“ für massive Strukturschwächen, wo das Original perfekt ausbalanciert war.

Diese Strukturschwächen ziehen sich durch den gesamten Film und zeigen überdeutlich, wie unnötig dieses Remake ist: Ritchie versucht durchaus immer wieder, sich den Stoff zu Eigen zu machen, doch jede der Änderungen funktioniert schlechter als im Original und sorgt für weitere dramaturgische Probleme oder Logiklöcher. Anders als im Zeichentrickfilm wird beispielsweise nie erklärt, weshalb gerade Aladdin der „ungeschliffene Diamant“ ist, Dschafar schnappt ihn quasi grundlos und schleift ihn zur Wunderhöhle.

Diese Tendenz hat auch massive Auswirkungen auf das Finale. Der Showdown des Originals ist einer der besten aller Disney-Meisterwerke, enorm atmosphärisch und spannend, da er sich konstant steigert. Im Remake wurde die Szene, in der sich Dschafar in eine gewaltige Kobra verwandelt, durch eine Verfolgungsjagd mit einem riesigen Jago ersetzte. Die klaustrophobische Enge des Zeichentrickfilms geht dabei genauso verloren wie die Intensität und die atmosphärische Dichte.

Leider weiß „Aladdin“ auch auf schauspielerischer Ebene nicht zu überzeugen. Wie bereits erwähnt ist Will Smith diesbezüglich noch am besten bzw. am unterhaltsamsten. Mena Massoud hätte vielleicht einen brauchbaren Aladdin darstellen können, hätte ihm das Drehbuch nicht eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung auferlegt. In einigen Szenen versuchte er, der Aladdin des Zeichentrickfilms zu sein, der sich gekonnt aus der Klemme herausredet, in anderen ist er ein merkwürdig schüchterner Rom-Com-Protagonist, der keinen Ton herausbekommt. Gerade die Ball-Szene passt überhaupt nicht zur früheren Charakterisierung Aladdins und ist darüber hinaus zum Fremdschämen.

Auch mit Jasmin meint es das Drehbuch nicht allzu gut, da sie auf Teufel komm raus als unabhängige, starke Frau dargestellt wird. Nicht, dass es im Original diesbezüglich irgendwelche Probleme gegeben hätte, aber hier wird diese Charaktereigenschaft derart mit dem Holzhammer vermittelt, dass es an Plakativität nicht zu überbieten ist. Jasmin will sich hier nicht nur ihrem Schicksal als Prinzessin nicht fügen, sie will auch Sultan werden, weil – warum eigentlich? Wohl primär deshalb, weil man das als starke, unabhängige Frau wohl will. Auch hier kann man Naomi Scott eigentlich keinen Vorwurf machen, ich denke, sie hätte eine gute Jasmin spielen können, hätte das Drehbuch etwas getaugt.

Am schlimmsten hat es allerdings Dschafar getroffen. Nicht umsonst ist die Zeichentrickversion der Figur einer der beliebtesten Disney-Schurken: Dschafar ist offensichtlich böse, aber so verdammt unterhaltsam und charismatisch dabei, egal ob er in den der englischen Version von Jonathan Freeman oder in der deutschen von Joachim Kemmer gesprochen wird. Die von Marwan Kenzari dargestellte Interpretation dagegen ist, was ein Disney-Schurke niemals sein sollte: unscheinbar und langweilig. Die opulente Kleidung und der Kobrastab wollen schlicht nicht zu dieser zurückhaltenden Person passen. Wahrscheinlich hätte es besser funktioniert, hätte man sich an der Broadway-Adaption des Stoffes orientiert und einfach nochmal Jonathan Freeman angeheuert.

Leider sind auch die Songs durchweg schwächer als im Original. Es findet sich ein Neuzugang im Film, Jasmin bekommt mit Speechless ihr eigenes Lied, das stilistisch völlig fehlt am Platz wirkt, mit den restlichen Liedern und dem Score überhaupt nicht harmoniert und noch einmal vermitteln soll, wie stark und unabhängig sie ist. Kurz nach dem Lied wird sie gefangen genommen und muss von einem Mann gerettet werden.

Tatsächlich ist der einzige Aspekt, in dem das Remake das Original übertrifft, der Score. Wie schon bei Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ bekam Alan Menken abermals die Gelegenheit, denselben Film noch einmal zu vertonen, und abermals zeigt er, wie er sich seit den frühen 90ern als Komponist weiterentwickelt hat. Der Score des ursprünglichen „Aladdin“ war keinesfalls schlecht, aber, um die Diktion des Films zu bemühen, ein „ungeschliffener Diamant“. Was Orchestrierung und Verwendung der Song-Melodien als Leitmotive angeht, hat sich Menken enorm weiterentwickelt, sodass dieser Film immerhin eine minimale Existenzberechtigung hat.

Fazit: „Aladdin“ ist ein ebenso inspirationsloses wie unnötiges Remake des Zeichentrickklassikers, das entweder das Original schlecht reproduziert oder beim Versuch, eigene Akzente zu setzen, gnadenlos scheitert.

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Der König der Löwen

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Story: Simba (JD McCrary als Kind, Donald Glover als Erwachsener) ist der Sohn des Löwenkönigs Mufasa (James Earl Jones) und Erbe des Geweihten Landes. Unglücklicherweise hat es Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor) auf den Thron abgesehen. Um sein Ziel zu erreichen, verbündet er sich mit Shenzi (Florence Kasumba) und ihren Hyänen, um Mufasa und Simba aus dem Weg zu räumen. Der Plan gelingt, Mufasa stirbt und Simba flieht in den Dschungel, wo er von dem Erdmännchen Timon (Billy Eichner) und dem Warzenschwein Pumbaa (Seth Rogen) aufgezogen wird. Derweil terrorisieren Scar und die Hyänen das Geweihte Land, bis Simbas alte Kindheitsfreundin Nala (Shahadi Wright Joseph als Kind, Beyoncé Knowles-Carter als Erwachsene) sich aufmacht, um Hilfe zu suchen…

Kritik: Eigentlich wollte ich ja die Disney-Remakes in Zukunft im Kino meiden (was mir bei „Aladdin“ und „Dumbo“ auch gelungen ist), aber „Der König der Löwen“ war in der Grundschulzeit mein absoluter Lieblingsfilm und ich war einfach zu neugierig darauf, wie Jon Favreau dieses „Pseuod-Live-Action-Remake“ wohl umsetzen würde. Rein vom technischen Standpunkt ist das Ergebnis durchaus beeindruckend; erwartungsgemäß übertreffen die Animationen der Tiere die aus Favreaus „The Jungle Book“ noch einmal, sodass man optisch oft das Gefühl hat, sich eine Tierdokumentation anzusehen. Ironischerweise ist das aber auch eines der beiden großen Probleme dieses Films. In besagtem „The Jungle Book“ bediente sich Favreau noch der Motion-Capture-Technik, die Schauspieler sprachen ihre Rollen nicht nur, ihre Bewegungen und vor allem ihre Mimik wurde auch auf die CGI-Tiere übertragen. Für „Der König der Löwen“ wählte man allerdings einen naturalistischeren Ansatz und versuchte, die Tiere so lebensecht wie möglich zu gestalten. Das führt allerdings dazu, dass sie keine Mimik haben und sich auf der visuellen Ebene auch so verhalten, wie es echte Tiere tun. Dieser Umstand verträgt sich jedoch nicht besonders gut mit der Story- bzw. Figurenebene des Films, da es letztendlich trotz allem Tiere sind, die sich mit menschlichen Konzepten auseinandersetzen. Hin und wieder kommt es dann aber aus Handlungsgründen doch zu Szenen, in denen die Figuren wie Menschen oder Cartoon-Tiere handeln, etwa wenn Scar Mufasa festhält, um ihn dann in die Gnu-Herde zu stoßen. Aufgrund des angestrebten Realismus stechen diese „Ausreißer“ dann natürlich extrem heraus. „The Jungle Book“ gelang es besser, auf dem schmalen Grat zwischen Cartoon und Realismus zu wandeln.

Das andere große Problem des „König der Löwen“ ist, dass es sich dabei im Grunde um denselben Film wie die Version von 1994 handelt. Selbst das Remake von „Die Schöne und das Biest“ war noch eigenständiger als Favreaus Film. Gerade die Eröffnungsszene ist wirklich eine mit realistischem CGI geschaffene Eins-zu-Eins-Umsetzung des Gegenstücks aus dem Original. Die meisten sonstigen Veränderungen sind kosmetischer Natur und fallen kaum ins Gewicht. Shenzi ist nun beispielsweise die eindeutige Anführerin der Hyänen, die von Anfang an zahlreicher auftreten, und ihre beiden Partner heißen nicht mehr Banzai und Ed, sondern Kamari und Azizi (gesprochen von Keegan-Michael Key und Eric Andre). Die Musical-Nummern sind in ihrer visuellen Umsetzung deutlich zurückgefahren, weder I Just Can’t Wait to Be King noch Be Prepared sind so extravagant inszeniert wie im Original. Dafür finden sich hin und wieder zusätzliche Szenen, so wird etwa Nalas Aufbruch vom Königsfelsen gezeigt; dieser existierte im Original nur als geschnittene Szene bzw. vertonte Konzeptzeichnungen. Scar ist etwas anders interpretiert, Chiwetel Ejiofors Version der Figur ist weniger theatralisch als Jeremy Irons‘, dafür aber etwas psychopathischer. Ansonsten wagt Favreau hier aber keinerlei Experimente. Der Vorteil ist, dass es auch keine „Verschlimmbesserungen“ oder unnötige Erklärungen wie bei „Die Schöne und das Biest“ gibt. Dennoch ist jeder Erfolg des Films abseits der beeindruckenden technischen Umsetzung ein Erfolg des ursprünglichen Zeichentrickfilms.

Die Sprecher machen ihre Sache im Großen und Ganzen gut, James Earl Jones IST einfach Mufasa, Chiwetel Ejiofors Scar ist, wie bereits erwähnt, etwas subtiler als das Gegenstück, funktioniert aber, und auch Donald Glover und Beyoncé sind eine gelungene Wahl. Tatsächlich sind es jedoch Billy Eichner, Seth Rogan und John Oliver als Timon, Pumbaa und Zazu, die die besten Leistungen erbringen und mit durchaus gelungenen neuen(!) Gags überzeugen können. Hier greift allerdings auch wieder das oben geschilderte Problem: Durch die eingeschränkte Mimik der CGI-Tiere entsteht stets eine emotionale Distanz; die allzu realistischen Gesichter der Tiere wollen nie so recht zur Performance der Darsteller passen – mehr „Cartoon“ wäre hier besser gewesen.

Fazit: Auf technischer Ebene ist Jon Favreaus „Der König der Löwen“ beeindruckend, aber ansonsten handelt es sich fast um ein Bild-für-Bild-Remake des Originals. Somit ist die Neufassung dieses Klassikers eine ungeheuer teure technische Demo, die im Grunde unnötig ist, da der Zeichentrickfilm von 1994 immer noch der bessere, weil emotional mitreißendere Film ist. Letztendlich funktioniert die Geschichte, die beide Filme erzählen, als Cartoon schlicht besser. Somit bleibt „The Jungle Book“ nach wie vor das einzige Disney-Remake dieser Ära, das wirklich als gelungen bezeichnet werden kann.

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Der Glöckner von Notre Dame – Musical

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Ein Disney-Film, der als Bühnenmusical adaptiert wird, ist tatsächlich nichts allzu Besonderes: Egal ob „Der König der Löwen“, „Aladdin“ oder „Die Schöne und das Biest“, viele beliebte Zeichentrickfilme wurden bereits am Broadway aufgeführt und fanden anschließend ihren Weg nach Deutschland. Besagte Filme wurden dabei natürlich den Gegebenheiten der Bühne angepasst, mit neuen Liedern bestückt, insgesamt aber nicht allzu sehr verändert. „Der Glöckner von Notre Dame“, seit dem 18. Februar 2018 in Stuttgart im Apollo Theater zu sehen, ist da in zweierlei Hinsicht ein interessanter Sonderfall. Zuerst wäre da eine äußerst interessante Wechselwirkung zwischen Deutschland und den USA: 1996 kam „Der Glöckner von Notre Dame“ als Zeichentrickfilm ins Kino – ein etwas ungewöhnlicher Stoff für einen Disney-Film, schließlich ist die Vorlage, der Roman von Victor Hugo aus dem Jahre 1831 (Originaltitel: „Notre Dame de Paris“), weder besonders märchenhaft noch kindgerecht, sondern beschäftigt sich mit Themen wie Lust, Verdammnis und gotischer Architektur. Disney bemühte sich zwar, diese Geschichte kindgerechter zu gestalten, machte aus Hugos fast schon depressivem Schluss ein Happy End, verwandelte den zwielichtigen Hauptmann Phoebus in eine eindeutig heroische Figur und fügte noch drei lebendig gewordene Wasserspeier hinzu, die für mehr Humor sorgten, doch trotz all dieser Maßnahmen ist Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ noch eine ziemlich düstere Angelegenheit, zumindest gemessen an den anderen Zeichentrickfilmen des Meisterwerke-Kanons. Das blieb nicht folgenlos – nach Disney-Standards war „Der Glöckner von Notre-Dame“ fast schon ein Misserfolg. Dennoch entschloss man sich bei Disney, eine Musical-Adaption in Auftrag zu geben, allerdings nicht für Amerika oder den Broadway, sondern für Deutschland, das Land, in dem der Film am erfolgreichsten war. Alan Menken und Stephen Schwartz, die bereits die Lieder für den Film verfasst hatten, schrieben einige neue Songs, die von Michael Kunze ins Deutsche übertragen wurden. Dieses Musical lief in im Theater am Potsdamer Platz in Berlin von 1999 bis 2002 und folgt der Handlung des Films relativ genau, nähert sich im Tonfall allerdings Hugos Romanvorlage an. Die markanteste Änderung ist das Ende, denn anders als im Film stirbt Esmeralda im Musical. Dieses Stück bildete die Grundlage für die amerikanische Version, die allerdings ziemlich lange auf sich warten ließ – erst 2014 wurde Premiere gefeiert, und das auch nicht am Broadway, sondern im La Jolla Playhouse in San Diego, Kalifornien. 2017 kehrte „Der Glöckner von Notre Dame“ schließlich nach Deutschland zurück, um zuerst in Berlin, dann in München und schließlich in Stuttgart gespielt zu werden. Die neue deutsche Version entspricht genau der amerikanischen (beide wurden von Scott Schwartz inszeniert), die sich noch weiter vom Film entfernt und noch mehr Elemente aus Hugos Roman integriert.

Claude (Felix Martin) und Jehan Frollo (Nico Schweers) wachsen nach dem Tod ihrer Eltern beide in Notre Dame auf. Während Claude Priester wird, kommt Jehan mit dem strikten Lebensstil nicht klar und brennt mit einer Zigeunerin durch. Erst viele Jahre später findet der zum Erzdiakon der Kathedrale aufgestiegen Claude seinen Bruder wieder. Dieser liegt im Sterben, vertraut Claude aber seinen Sohn, ein missgestaltetes Baby an. Widerwillig adoptiert Claude seinen Neffen, nennt ihn Quasimodo und zieht ihn verborgen in der Kathedrale auf, wo er ihn zum Glöckner macht. Zwanzig Jahre später sehnt sich Quasimodo (David Jakobs) danach, Notre Dame zu verlassen und am jährlich stattfindenden Fest der Narren teilzunehmen. Entgegen den Befehlen seines Meisters Frollo schleicht sich Quasimodo hinaus, wird aber von der geifernden Menge bis aufs Blut gedemütigt. Nur die Zigeunerin Esmeralda (Mercedesz Csampai) hat Mitleid mit ihm, weshalb sich Quasimodo in sie verliebt. Aber auch Phoebus (Maximilian Mann), der Hauptmann der Kirchengarde, und Frollo werden von der schönen Zigeunerin verzaubert – und vor allem Letzterer tut nun alles, um seine Gelüste zu befriedigen und Esmeralda in seine Finger zu bekommen, und wenn er dafür ganz Paris niederbrennen muss…

Die Geschichte, die das Musical erzählt, ist natürlich nur allzu bekannt, wirkt aber gerade in diesen Zeiten wieder äußerst aktuell, wenn auch hin und wieder eine Spur zu plakativ. Dennoch ist es ohne Zweifel eine gelungene Entscheidung, Frollo fast schon zur Hauptfigur zu machen. Gerade im Vergleich zum Film wird der Schurke weitaus differenzierter, mitunter sogar verletzlicher gezeichnet, wodurch sein langsamer Abstieg in den Wahnsinn noch intensiver wirkt. Im Film wurde die komplexe Romanfigur des Erzdiakon Frollo, die durchaus zu Gnade und Mitleid fähig ist, quasi zweigeteilt. Alle negativen Eigenschaften erhielt der weltliche Richter Frollo, während alle positiven Eigenschaften dem namenlosen Erzdiakon von Notre Dame zugeteilt wurden. Im Musical ist Frollo nun selbst wieder Erzdiakon und gleicht somit mehr der Romanfigur. Über all das wird der eigentliche Titelheld des Stücks zum Glück nicht vergessen, seine Entwicklung wird eindringlich und nachvollziehbar dargestellt. Auch Quasimodo erhält einige Eigenschaften seines Buchgegenstücks zurück, etwa die partielle Taubheit oder die eingeschränkte Sprachfähigkeit – nur in seinen Liedern drückt er sich deutlich und einwandfrei aus.

„Der Glöckner von Notre Dame“ ist ein Stück, das sehr offen mit seiner eigenen Natur umgeht – notgedrungen, könnte man fast sagen, da es sehr schwer ist, diese Geschichte auf andere Weise umzusetzen. Das fällt besonders auf, da der Chor, ganz ähnlich wie bei einer antiken Griechischen Tragödie, immer auf der Bühne präsent ist und sich mitunter aus den Darstellern zusammensetzt, deren Rolle gerade nicht auf der Bühne benötigt wird. Das Bühnenbild selbst erlebt nur recht wenig Variation, gerade im Vergleich zu einem Musical wie „Tanz der Vampire“ mit seiner dynamischen Drehbühne. Das Bühnenbild wird stets vom ikonischen runden Fenster von Notre Dame dominiert und wirkt auch sonst wie das Innere einer Kathedrale. Verschiedene Lokalitäten werden durch einzelne Veränderungen und zusätzliche Elemente angedeutet: In Quasimodos Glockenturm hängen natürlich Glocken von der Decke, für das Fest der Narren wird eine bunte Bühne aufgebaut, Brüstungen, Geländer und Kerkertüren werden von Chormitgliedern gebracht und wieder entfernt. Dieses Konzept geht insgesamt ziemlich gut auf, wirkt in sich stimmig und atmosphärisch und schafft es, die Geschichte, die Musik und die Darsteller in den Vordergrund zu rücken. Letztere wissen durchweg zu überzeugen, vor allem Mercedesz Csampai ist als Esmeralda wirklich beeindruckend. Felix Martin in der Rolle des Frollo ist zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn man Tony Jay (im Zeichentrickfilm) oder Patrick Page (in der amerikanischen Produktion) gewohnt ist – Martin interpretiert die Rolle doch ein wenig anders, weniger selbstsicher und grausam. Aber allerspätestens bei Das Feuer der Hölle – das Paradestück nicht nur dieser Rolle, sondern des gesamten Musicals – zeigt sich, dass Martin sehr wohl als Frollo zu überzeugen weiß. Erfreulicherweise gelingt es auch Chor und Orchester sehr gut, die bombastische, liturgische Wucht von Alan Menkens Musik vermitteln, sodass eindringliche Gänsehautmomente garantiert sind. Einziger wirklicher Kritikpunkt: Die Übersetzung der englischen Texte ist manchmal ein wenig holprig. In großen Teilen bediente man sich der Übersetzung von Michael Kunze aus der ursprünglichen Musicalfassung, die aber oft noch angepasst wurde. Warum The Bells of Notre Dame nun allerdings Der Klang von Notre Dame heißt, ist ein wenig schleierhaft.

Fazit: Extrem gelungenes Disney-Musical, das die Vorzüge und die Musik des Films exzellent mit der Stimmung des Romans verbindet. Gerade Live ein Erlebnis, das man sich als Fan nicht entgehen lassen sollte.

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Die Schöne und das Biest

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Story:
Als ein dekadenter junger Prinz (Dan Stevens) eine alte Bettlerin (Hattie Morahan) abweist, entpuppt sich diese als Zauberin, die den Prinzen zur Strafe für seine Arroganz und Oberflächlichkeit in ein Biest verwandelt. Bevor das letzte Blütenblatt einer magischen Rose gefallen ist, muss der Prinz beweisen, dass er lieben und geliebt werden kann. Einige Jahre später ergibt sich die Gelegenheit: Um ihren Vater Maurice (Kevin Kline), der eine Rose aus dem Schlossgarten pflücken wollte, aus den Klauen des Biests zu befreien, erklärt sich die Bücherfreundin Belle (Emma Watson) bereit, den Platz ihres Vaters als Gefangene des Biests einzunehmen. Derweil versucht Belles Verehrer Gaston (Luke Evans) die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen, da Belle ihn partout nicht heiraten will…

Kritik: Holen wir mal ein wenig weiter aus und betrachten „Die Schöne und das Biest“, Disneys neuestes Realfilmremake eines Zeichentrickklassikers, mal im Kontext eben dieses Trends („Elliot der Drache“ mal ausgenommen, da ich ihn noch nicht gesehen habe). Die Frage nach Sinn und Unsinn sollte dabei gar nicht erst gestellt werden, denn der Sinn ist eindeutig: Bislang waren alle Remakes finanziell äußerst erfolgreich, weshalb Disney sicher nicht damit aufhören wird, diese Filme zu produzieren.

Es fing alles 2010 mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an, das gleichermaßen Remake wie Fortsetzung war, da es von Alice‘ zweitem Ausflug ins Wunderland erzählt (der dennoch in vieler Hinsicht dem ersten gleicht). Das Ergebnis war leider ein vor CGI überquellender Film, der an der Essenz der Geschichte vorbeierzählte: „Alice im Wunderland“, sowohl der Film von 1951 als auch die Vorlage von Lewis Carrol, ist ein Werk der englischen Nonsense-Strömung, einem solchen Werk einen sinnvollen Plot zu geben, der daraus einen etwas schrägeren Narnia-Abklatsch macht, ist fürchterlich daneben. „Maleficent“ (2014) von Robert Stromberg, der bereits bei „Alice im Wunderland“ für die Effekte verantwortlich war, ist in mancherlei Hinsicht das interessanteste Remake, da es sich hierbei quasi um die märchenhafte Disney-Version eines Rape/Revenge-Films handelt. Dass der Film unter dieser Prämisse überhaupt zustande kam ist beeindruckend, leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen und passt einfach hinten und vorne nicht. Der künstliche CG-Look von „Alice“ wird auf die Spitze getrieben, die Handlung ist schlecht erzählt, die Charakterzeichnung unterirdisch und der Schlusstwist stammt direkt aus „Frozen“. „Cinderella“ (2015) von Kenneth Branagh war da ausgeglichener und runder, aber auch unspektakulärer; ein harmloser, unterhaltsamer, aber vergessenswerter Märchenfilm (ich bin allerdings auch nicht der größte Fan des Originals). Jon Favreaus „Jungle Book“ zeigte dann, wie so eine Realfilmremake idealerweise auszusehen hat. Favreau bemühte sich, den Zeichentrickklassiker und die Atmosphäre von Kiplings Vorlage miteinander zu verbinden. Dabei erweist er, anders als „Maleficent“, dem Original stets die nötige Ehrerbietung, ohne sich allerdings sklavisch an ihm zu orientieren. Während die Handlung dieselbe ist, schafft es Favreau doch, fast jeder Szene einen neuen Twist oder Blickwinkel zu verleihen, der sie interessant macht.

Und nun also „Die Schöne und das Biest“, entstanden unter der Ägide von Breaking-Dawn-Regisseur Bill Condon (was ich ihm allerdings nicht vorwerfen will, tatsächlich hat er zumindest in „Breaking Dawn Teil 2“ alles aus dem Stoff herausgeholt, was herauszuholen ist). Von allen Realfilmremakes ist dieses zwar nicht das schlechteste, aber wohl das überflüssigste. Wo „The Jungle Book“ und „Cinderella“ die Vorlage durchaus erzählerisch und inhaltlich erweiterten, schaffen es Bill Condon und die Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos kaum, den Zeichentrick-Klassiker von 1991 wirklich sinnvoll zu ergänzen. Es gibt zwar durchaus einige Hinzufügungen und Veränderungen, so verläuft etwa der Subplot von Belles Vater Maurice ein wenig anders, die Zauberin, die das Biest verflucht, bekommt weitere Auftritte und es wurden auch ein paar neue Lieder beigefügt, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um kosmetische Korrekturen. Am interessantesten ist der Umstand, dass sich der Film der Rezeption des Originals scheinbar bewusst ist und versucht, die kleinen Logikprobleme, die im Verlauf der letzten 25 Jahre ermittelt wurden, zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel die genaue Funktionsweise des Fluchs (warum vermisst niemand das Schloss samt Prinz und Belegschaft?) oder auch nur der Umstand, dass ein Dorf voller Lesemuffel eine gut ausgestattete Bibliothek hat. Im Grunde sind diese Details und Erklärungen eigentlich überflüssig, da das Original sie schlicht nicht braucht. Der Zeichentrickfilm funktioniert mit Märchenlogik, die Probleme, die das Remake löst, entstehen erst durch die Neuverfilmung.

In diesem Zusammenhang lässt sich Condons Film am ehesten mit Baranghs „Cinderella“ vergleichen, wobei ich das Gefühl habe, dass die Hinzufügungen und Erweiterungen bei „Cinderella“ weitaus gewichtiger ausfielen. Mehr noch, „Cinderella“ fühlte sich trotz des Respekts vor dem Original eigenständiger an. Condon, bzw. Disney versucht in erster Linie, das Original und seine Wirkung minutiös zu rekreieren. Nun ist es nicht so, dass das Remake keinen Charme hätte – dummerweise ist es der Charme des Originals. Jemanden, der die Zeichentrickversion nicht gesehen hat, könnte dieser Film vielleicht überzeugen, wer jedoch mit dem Original vertraut ist, stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb er gerade das Remake ansieht – jedenfalls ging es mir so. Dem Remake gelingt es nie, dieses gewisse Etwas einzufangen, dass den ursprünglichen Film so besonders gemacht hat.

Lässt man diesen Aspekt außen vor, überzeugt „Die Schöne und das Biest“ vor allem durch das Design und die Gestaltung. Das Schloss ist beeindruckend und die diversen lebendigen Haushaltsgegenstände sind mit viel Liebe zum Detail konstruiert (bzw. animiert). Auch die Besetzung kann sich sehen lassen, von Ewan McGregor als Lumiere über Emma Thompson als Madame Pottine bis zu Ian McKellen (Von Unruh), Josh Gad (Le Fou), Kevin Kline (Maurice) und Luke Evans (Gaston). Dasselbe lässt sich leider nicht über die Hauptdarsteller sagen: Während weder Dan Stevens noch Emma Watson wirklich schlecht spielen, fehlt doch einfach diese Chemie zwischen den beiden, die dafür sorgte, dass das Original so wunderbar funktioniert. Darüber hinaus finde ich das Biest optisch nicht besonders gelungen. Wo die anderen CGI-Figuren zu überzeugen wissen, wirkt das Biest fürchterlich unecht – vielleicht wären praktische Effekte, Prothesen und Make-up hier sinnvoller gewesen.

Bevor ich auf die Musik zu sprechen komme, noch ein kurzes Wort zur Kontroverse um Le Fou: Diese ist kaum der Rede wert. Josh Gads Version der Figur ist ein wenig femininer als das Original und als Figur ein wenig eigenständiger; sie hat einen Mini-Subplot. Das ändert im Grunde kaum etwas und wirkt nach der Sichtung des fertigen Films primär wie ein Marketing-Stunt, mit dem Disney zeigt, wie progressiv es ist. Umso alberner und bescheuerter sind dann auch die Reaktionen aus Alabama und Russland, wo der Film entweder boykottiert wurde oder eine Altersfreigabe ab 16 bekam. Und nun zu einem wirklich wichtigen Aspekt.

Da es sich bei „Die Schöne und das Biest“ um ein tatsächliches Musical handelt und die Songs eine wichtige Rolle spielen (immerhin ist jedes einzelne Lied des Originals ein Ohrwurm, der die Gehirnwindungen nie wieder verlässt), werde ich ein wenig ausführlicher auf die Musik eingehen. Insgesamt bin ich zwiegespalten. Keines der Lieder aus dem Remake kommt auch nur ansatzweise an das Gegenstück aus dem Original heran. Luke Evans singt erstaunlich gut, bei den meisten anderen lassen die Sangeskünste jedoch zu wünschen übrig. In der deutschen Version ist das ein wenig besser, weil hier tatsächlich Sänger angeheuert werden, während im O-Ton die Schauspieler selbst singen. Vor allem Emma Watson und Emma Thompson können da absolut nicht überzeugen. Die neuen Lieder, darunter Evemore, eine Solonummer für das Biest, gehen neben ikonischen Nummern wie Be Our Guest oder Gaston ziemlich unter und schaffen es kaum, sich ins Gedächtnis einzubrennen. In einem Aspekt übertrifft das Remake jedoch das Original. Wie schon 1991 komponierte Alan Menken auch hier den Score. Nun kommt es ziemlich selten vor, dass ein Komponist denselben Film zwei Mal vertont, aber Menken zeigt, dass er als Score-Komponist unterbewertet ist und definitiv mehr Arbeit abseits von Musicals braucht. Nun hatte das Original keinesfalls einen schlechten Score, aber Menken bekommt hier die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich als Komponist weiterentwickelt hat. Die Orchestrierungen sind besser und komplexer und auch die leitmotivische Arbeit weiß zu gefallen. Mühelos nimmt Menken seine ikonischen Melodien, variiert sie, kontrapunktiert sie und lässt sie mit- und gegeneinander arbeiten. Passend zum barocken Stil des Films bekommt das Cembalo eine größere Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Fluch-Thema, das nun endgültig zum Rückgrat des Scores wird.

Fazit: Während „Die Schöne und das Biest“ kein wirklich schlechter Film ist, ist er doch im Grunde überflüssig, da er primär versucht, das Original zu reproduzieren, dabei aber nur erreicht, dass zumindest ich mich frage, weshalb ich mir nicht gerade die Zeichentrickversion ansehe.

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Top 10 Scores von Hans Zimmer

Hans Zimmer ist der gegenwärtig einflussreichste und, in Filmmusikfankreisen, wohl auch der polarisierendste Komponist. Sein Stil und seine Art, Filme zu vertonen, haben die Industrie nachhaltig geprägt. Hier auf meinem Blog kommt Zimmer meistens nicht allzu gut weg. Das liegt zum einen an seiner Herangehensweise an Projekte und dem Wandel seiner Methodologie, aber auch natürlich an meinem persönlichen Musikgeschmack. Um Kritik an diesem Komponisten und seinem Werk soll es dieses Mal aber nicht gehen, dazu habe ich vor einiger Zeit schon einen ausführlichen Artikel verfasst, der nach wie vor Gültigkeit besitzt. Nein, heute werde ich ergründen, WARUM ich mit Zimmer so hart ins Gericht gehe, und zwar in Form einer Top-10-Liste. Denn wenn er will kann Zimmer wirklich grandios sein – und genau deshalb hat mich sein Output der letzten Jahre so sehr enttäuscht.

Kommen wir zu den Parametern dieser Liste. Da Zimmer bei vielen Scores einen Team-Ansatz verfolgt, ist es oftmals sehr schwierig auszumachen, wie viel er bei einzelnen Scores tatsächlich komponiert hat: Ist er wirklich für den Großteil des Materials verantwortlich, oder hat er nur ein, zwei Themen geschrieben und die ungefähre Richtung bestimmt? Ausschlaggebend ist für diese Liste letztendlich ein ganz simpler Fakt: Steht sein Name auf dem Cover? Wenn ja, dann ist der Score wählbar. Da die meisten Zimmer-Scores ohnehin Kollaborationen sind, stört mich ein weiterer Name auf dem Cover allerdings nicht. Und letztendlich habe ich beschlossen, keine ganzen Filmreihen aufzunehmen, sondern lediglich einzelne Scores bzw. Alben. Wie üblich gilt: Diese Liste repräsentiert nur meinen persönlichen Geschmack und ist eher eine Momentaufnahme; je nach Gemütslage können die Platzierungen, mit Ausnahme von 1 und 2, durchaus anders ausfallen

Bevor wir zu den Platzierungen kommen, hier noch die Honourable Mentions, in keiner bestimmten Reihenfolge: „Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest“, „Rush“, „The Lone Ranger“, „Crimson Tide“, „Hannibal“, „The Power of One“, „Kung Fu Panda 1 & 3“

Platz 10: The Da Vinci Code: Sakrileg

Ähnlich wie Zimmers Score für Ridley Scotts „Hannibal“ gehört auch die Musik dieser Dan-Brown-Verfilmung zu den Werken des deutschstämmigen Komponisten, die sehr klassisch angehaucht sind. Obwohl Zimmer keineswegs auf synthetische Unterstützung verzichtet, erinnert der Score von „The Da Vinci Code“ des Öfteren an die Werke Johann Sebastian Bachs. Weite Strecken dieses Scores sind eher atmosphärischer Natur, aber gerade hier zeigt sich, wie sehr Zimmer sich in meinen Augen in den letzten Jahren zum Schlechteren entwickelt hat: Derartige Passagen bestehen heute oft aus tumbem elektronischen Dröhnen; da ziehe ich die elegischen Streicherpassagen dieses Soundtracks definitiv vor. Wirklich interessant wird „The Da Vinci Code“ allerdings immer dann, wenn Zimmer die religiösen Elemente des Films vertont und sich der Schönheit und Wucht des Chors bedient. „The Da Vinci Code“ ist insgesamt weniger leitmotivisch (auch wenn es durchaus wiederkehrende Melodien gibt, etwa die aus Chevaliers de Sangreal), sondern eher atmosphärisch und emotional, aber das ist per se, und besonders in diesem Fall, nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Platz 9: The Last Samurai

Zimmer hat schon des Öfteren bewiesen, dass er durchaus ein Händchen für ethnische Instrumentierung besitzt und es versteht, das traditionelle Sinfonie-Orchester mit Instrumenten aus aller Welt zu kombinieren – tatsächlich sind diverse Einträge meiner Liste dieser Natur. So auch „The Last Samurai“; Zimmer ergänzt das Orchester hier mit diversen traditionellen japanischen Instrumenten, darunter die Shakuhachi (eine Bambusflöte), die Koto (eine Harfe mit 13 Saiten) und die immer beliebter werdenden Taiko-Trommeln. Besagte Instrumente behandelt Zimmer allerdings weniger als hervorstechende Solisten, sondern ordnet sie dem Ensemble unter. Das Hauptthema des Scores ist eine getragene, erhabene und sehr schöne Melodie, die von Zimmer im Verlauf des Scores ausreichend und passend orchestriert wird. Auch die Action-Musik, die vornehmlich in der zweiten Hälfte erklingt, ist sehr gelungen und besticht durch ein stets präsentes, getrieben-tragisches Element.

Platz 8: Sherlock Holmes

Ursprünglich verwendete Guy Ritchie für seine actionreiche Sherlock-Holmes-Adaption die Musik von „The Dark Knight“ als Temp Track – da war es natürlich naheliegend, Zimmer selbst für den Score zu gewinnen. Erfreulicherweise entschieden sich Zimmer und Ritchie dann jedoch für eine völlig andere Herangehensweise, denn „Sherlock Holmes“, klingt nun wahrlich nicht nach „The Dark Knight“. Zimmer wollte das geniale Chaos in Holmes‘ Kopf passend darstellen. Um das zu erreichen reduzierte er die Präsenz des traditionellen Orchesters und reicherte es mit diversen Spezialinstrumenten an, etwa einem ungestimmten Klavier, Banjos, Fiedeln und Cimbalom. Das Ergebnis rangiert irgendwo zwischen osteuropäischer „Zigeunermusik“ und den Klängen eines irischen Pubs und funktioniert im Kontext des Films hervorragend. Zimmers Score hat eine Frische und Energie, die man vor allem heutzutage nur noch selten von ihm hört. Dazu kommt noch ein äußerst eingängiges, sehr passendes Thema für den Titelhelden und einige kleinere, wiederkehrende Motive, die zu einem gelungenen Gesamtbild zusammenfinden. Schade, dass der Score der Fortsetzung so enttäuschend war.

Platz 7: Gladiator

Zimmers Musik zu Ridley Scotts Monumentalfilm „Gladiator“ ist ein schöner Beweis dafür, wie gut Zimmers Methodologie funktionieren kann, wenn er sich nur dazu entscheidet, seine Musik auch tatsächlich Emotionen ausdrücken zu lassen. Natürlich ist hier (genauso wie im Film selbst) nichts authentisch römisch, aber wenn man die Klänge hört, fühlt man die Pracht des alten Roms. Gemessen an der Tatsache, dass „Gladiator“ doch zumeist als Actionfilm angesehen wird, enthält der Score verhältnismäßig wenig Actionmusik, aber wenn die Kämpfe losgehen, lässt Zimmer die volle Wucht seiner (im Vergleich zu späteren Werken noch sehr subtil synthetisch unterstützten) Blechbläser los. Noch essentieller ist die emotionale Seite des Scores – hier sollte Lisa Gerrard nicht unerwähnt bleiben, die nicht nur ihre Stimme beisteuerte, sondern auch das Elysium-Thema komponierte. Hin und wieder werden noch einige zusätzliche instrumentale Akzente gesetzt; Maximus‘ Herkunft wird etwa durch spanische Gitarren repräsentiert, während der Einsatz des Duduk seinen Weg in die Sklaverei untermalt.

Platz 6: King Arthur

„King Arthur“ ist eine Fortsetzung und Steigerung des in „Gladiator“ etablierten Sounds für das alte Rom – man könnte meinen, Zimmer habe sich beim Komponieren dieses Scores gefragt: „Was passiert, wenn ich ‚Gladiator‘ Steroide verpasse?“ Das Ergebnis ist grandioser, hemmungslos melodramatischer Bombast. Thematisch ist „King Arthur“ weit weniger ergiebig als andere Zimmer-Scores, die Musik dieser historisch unsinnigen Adaption der Artus-Legende lebt eher von ihren orchestralen Texturen, die wahrhaft epische Breite vermitteln. Das Hauptthema hält das Ganze zusammen, ist aber weniger tatsächliches Leitmotiv, sondern fungiert eher als melodische Grundlage, auf der die Stücke basieren. „King Arthur“ überzeugt letztendlich durch schiere, brachiale Wucht, die immer wieder von erstaunlich lyrischen Momenten durchzogen ist.

Platz 5: Kung Fu Panda 2

Es ließe sich freilich ausgiebig darüber diskutieren, ob „Kung Fu Panda 2“ nicht eher ein John-Powell- als ein Hans-Zimmer-Score ist, aber Zimmers Name steht auf dem Cover, somit ist er für diese Liste auch relevant. Wie dem auch sei, Zimmers melodisches Gespür und Powells Vorliebe für frenetische Action-Musik verbinden sich hier, mehr noch als im ebenfalls sehr gelungenen ersten Kung-Fu-Panda-Score, zu einem gelungenen und homogenen Ganzen. Ähnlich wie bei „The Last Samurai“ spielen ostasiatische Instrumente, hier vor allem das Erhu und diverse Percussions, eine wichtige Rolle. Passend zur Natur des Films ist „Kung Fu Panda 2“ allerdings weit weniger elegisch und dafür schlicht und einfach fürchterlich unterhaltsam und energetisch. Darüber hinaus besitzt „Kung Fu Panda 2“ auch eine sehr moderne, ein wenig an Jazz erinnernde Sensibilität, die ebenfalls sehr gut ins unterhaltsame Gesamtpacket passt.

Platz 4: Illuminati

Der Score von Ron Howards zweiter Dan-Brown-Verfilmung greift den religiösen Ton des Vorgängers auf, kombiniert ihn aber in größerem Ausmaß mit elektronischen Elementen, um so den Konflikt zwischen Religion und Technik widerzuspiegeln. Der Actionanteil erhöht sich ebenfalls deutlich, was zu einigen bombastischen, energetischen und wirklich beeindruckenden Stücken wie 160 BPM (ein wirklich grandioser Albenauftakt) führt. Das dominanteste Thema der Vorgängers, Chevaliers de Sangreal, kehrt ebenso wie die Chorpräsenz zurück und etabliert sich als Hauptthema der Filmreihe und zugleich als Leitmotiv für deren Protagonist Robert Langdon. Oftmals finde ich Zimmers Kombination von Orchester und Elektronik nicht allzu gelungen, aber in „Illuminati“ weiß sie zu überzeugen und repräsentiert den der Geschichte zugrundeliegenden Konflikt ausgezeichnet.

Platz 3: Der Prinz von Ägypten

Das Zusammenspiel zwischen Liedern und Score ist bei „Der Prinz von Ägypten“ ein enorm wichtiges Element. Die Melodien der Songs stammen zwar von Stephen Schwartz, aber Zimmer sorgte immerhin für die Arrangements, sodass die Musik der in meinen Augen besten Bibelverfilmung wie aus einem Guss wirkt und sich nur schwer separieren lässt. Da aber eigentlich fast alle Zimmer-Scores ohnehin Kollaborationen sind, sollte auch hier das Gesamtpaket bewertet werden, vor allem, da Zimmers Themen in den Liedern auftauchen und Schwartz‘ Melodien ihren Weg in den Score gefunden haben. Aber selbst wenn man Lieder und Score separiert, weiß Zimmers Arbeit definitiv zu überzeugen. Zu Beginn dominiert Hollywoods typischer (und von mir geliebter) Ägypten-Sound, der vor allem die Naivität und Jugend der beiden ungleichen Brüder repräsentiert. Im Verlauf gewinnt der Score dann an religiöser Gravitas. Das Highlight ist ohne Frage Zimmers grandioses und stimmiges Thema für Gott selbst, das sogar in einem Agnostiker wie mir religiöse Gefühle wecken kann, zumindest solange ich es höre. Das muss man erstmal hinbekommen. Das Einzige, was an „Der Prinz von Ägypten“ misslungen ist, ist die Albenpräsentation, die zu viele unnötige und lahme Pop-Versionen der Lieder und zu wenig von Zimmers Score enthält – wie konnte man nur das grandiose Chariot Race nicht auf die CD packen?

Platz 2: Der König der Löwen

Als Kind habe ich den „König der Löwen“ so oft geschaut, dass ich ihn irgendwann auswendig konnte. Die Musik war dabei natürlich ebenfalls ein Faktor; der Score hatte sich irgendwann genauso in meinen Kopf eingebrannt wie Elton Johns Lieder. Dieser Soundtrack, der einzige, für den Zimmers mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, ist für mich nicht nur der emotionalste Score seines Œuvre, sondern eines der emotionalsten Stücke Filmmusik überhaupt. Hier zeigt Zimmer, dass er wie kaum ein anderer in der Lage ist, die Emotionen einer Geschichte einzufangen, wenn er nur wirklich will. „Der König der Löwen“ ist ein Score von epischer Breite, die Musik spiegelt die shakespeare’sche Dimension des Filmes wieder und trifft auch in den Momenten naiver Komik stets den richtigen Ton. Besonders erwähnenswert ist das grandiose Hauptthema des Films (oft nach dem Track des ursprünglichen Albums This Land genannt), eine der besten Melodien, die Zimmer je geschrieben hat.

Platz 1: Pirates of the Caribbean: At World’s End

Mir kommt es manchmal so vor, als kulminierten Zimmers beste Stilmittel in diesem Score, der die Emotionen von „The Last Samurai“ mit dem Bombast von „King Arthur“ und der Wucht von „Gladiator“ kombiniert. Darüber hinaus ist der dritte Pirates-Score Zimmers mit Abstand leitmotivisch komplexeste und beste Arbeit. Während sonst zumeist ein Hauptthema im Fokus des Scores steht, jongliert Zimmer hier mit diversen, bereits im Vorgänger etablierten Themen sowie grandiosen Neuzugängen, vornehmlich dem dreiteiligen Liebesthema und der Piratenhymne Hoist the Colours, die neben This Land zu seinen besten Themen überhaupt gehören. Und nicht nur sind die Themen selbst grandios, Zimmer gelingt es auch, sie stets gekonnt und kreativ einzusetzen und zu variieren, sodass sie stets präsent und niemals langweilig werden. „Pirates of the Caribbean: At World’s End“ überschattet für mich nach wie vor alles andere, was der deutschstämmige Komponist jemals geschrieben hat. Gerade deshalb finde ich es so verdammt schade, dass er scheinbar keinerlei Interesse mehr daran hat, diese Art von Soundtrack zu komponieren.

Geschichte des amerikanischen Comics Teil 3: Das Goldene Zeitalter

Sowohl über Anfang als auch Ende des Goldenen Zeitalters der amerikanischen Comics ist man sich gemeinhin einig, da sowohl Anfang als auch Ende von einer bestimmten Publikation bestimmt werden, die die amerikanische Comiclandschaft jeweils sehr nachhaltig veränderte.

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Action Comics #1

Den Anfang des Goldenen Zeitalters markiert das Erscheinen der ersten Ausgabe von Action Comics im Jahr 1938, die den ersten Auftritt von Superman enthielt. Der Begriff „Goldenes Zeitalter“ wurde für diese Zeit gewählt, weil die Superheldencomics ihre erste Blüte erlebten und die Autoren und Zeichner noch sehr wenige kreative Einschränkungen hatten. Darüber hinaus waren die Verkaufszahlen der Comics in Amerika nie wieder so hoch wie in dieser Zeit.

Dieses Ereignis hat natürlich vor allem für die Superhelden eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, immerhin ist Superman die erste Figur dieser Gattung, sofern man „Protosuperhelden“ wie Zorro oder The Shadow nicht berücksichtigt. Die Bedeutung für den amerikanischen Comic im Allgemeinen sollte allerdings ebenfalls berücksichtigt werden. Superman und die Superhelden sorgten dafür, dass sich das Comicheft endgültig als erfolgreiche Unterhaltungsform in den USA etablieren konnte.

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Detective Comics #27

Superman erwies sich als durchschlagender Erfolg, dem viele weitere, ähnlich konstruierte Figuren folgten. Bereits 1939 feierte Batman in der 27. Ausgabe von Detective Comics seinen Einstand, und bald darauf kamen Wonder Woman, The Flash oder Captain America, die auch heute noch nach wie vor extrem beliebt sind. Die erste Hälfte der 40er Jahre kann getrost als Höhepunkt des Goldenen Zeitalters betrachtet werden, zumindest, was die kostümierten Helden betrifft, denn in dieser Krisenzeit kam ihnen vor allem eine propagandistische Rolle zu – sowohl Captain America als auch Superman kämpften mehrfach gegen Hitler oder andere Gegner der USA. Superhelden spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda der Vereinigten Staaten – das Cover der ersten Captain-America-Ausgabe, auf dem er Hitler niederschlägt, hat inzwischen Kultstatus und wurde sogar auf humoristische Weise in die Filmadaption von 2011 eingearbeitet.

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Captain America #1

Zu dieser Zeit formte sich auch das erste Superheldenteam, die Justice Society of America, die der Verlag All-American (der sich später in DC umbenennen sollte) nutzte, um einigen seiner weniger bekannten Charaktere mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu den Mitgliedern der Society gehörten unter anderem The Flash, The Spectre, Green Lantern, Hawkman oder Doctor Fate. Auch Marvel existierte bereits, trug allerdings noch den Namen Timely Comics und verlegte neben Captain America Helden wie Namor den Submariner und The Human Torch (nicht mit dem gleichnamigen Mitglied der Fantastic Four zu verwechseln).

Obwohl die Superhelden das meiste Geld einbrachten, wäre es falsch anzunehmen, dass sie die einzigen Comiccharaktere waren. In der Tat zeichnet sich das Goldene Zeitalter durch eine Vielzahl weiterer Genres aus. Auch Genrevertreter aus Bereichen wie Horror, Romanze oder Krimi erlebten große Erfolge, vor allem, als der Superheldenboom nach Kriegsende langsam nachließ, was anderen Genres zum Erfolg verhalf. Die wachsende Beliebtheit von Horror- und Krimicomics begünstigte den Aufstieg des Verlags EC (zuerst „Educational Comics“, später „Entertaining Comics“). Ursprünglich hatte EC vor allem Bildungscomics herausgegeben, konzentrierte sich aber nach dem Tod des Verlagsgründers auf Horror, Science Fiction, Krimis – eine der bekanntesten Serien ist „Tales from the Crypt“. EC-Comics zeichneten sich ab diesem Zeitpunkt vor allem durch eine explizite Gewaltdarstellung aus. Die meisten Titel und Figuren dieser Zeit (mit Ausnahme der Superhelden) sind inzwischen allerdings relativ obskur und blieben kaum im Gedächtnis.

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Carl Barks, Vater der Ducks

Die Figuren, deren Bekanntheit heute noch am größten ist, sind die in der Tradition der Funny-Animal-Comics stehenden Disney-Charaktere wie Donald oder Dagobert Duck (Scrooge McDuck), die in den 40ern, 50ern und 60ern ebenfalls sehr populär waren, nicht zuletzt dank der Geschichten von Carl Barks, der fast alle wichtigen Figuren aus Entenhausen (Duckburgh) erschuf. In den USA sind diese Charaktere aber vor allem als Cartoon-Figuren bekannt, während die Comics von Barks dort nur noch wenige Anhänger haben und neue Disney-Comics selten produziert werden. In Europa dagegen waren Donald Duck und Micky Maus vor allem als Comicfiguren populär, weshalb die meisten Disney-Comics inzwischen in Italien entstehen. Aber auch in Deutschland und Skandinavien sind die Enten nach wie vor unheimlich beliebt; Carl Barks‘ Comics zählen dort zu Klassikern, die im Rahmen von verschiedenen Heft- und Albenserien immer wieder neu aufgelegt werden.

Das Goldene Zeitalter endete schließlich 1954 mit der Publikation eines Buches mit dem Titel „Seduction of the Innocent“, das einen beinahe ebenso großen Einfluss auf den amerikanischen Comic hatte wie der erste Auftritt von Superman, allerdings in negativer Hinsicht. Das von Dr. Frederic Wertham, dem Direktor der psychiatrischen Lafargue-Klinik in New York verfasste Werk stellt einen massiven Einschnitt auf allen Ebenen dar. Mit diesem Buch versuchte Wertham die steigende Jugendkriminalität zu erklären und machte kurzerhand die Comics dafür verantwortlich. Wertham behauptete, Comics seien „an invitation to illiteracy“ und stimulierten „unwholesome fantasies“. Darüber hinaus machte er Comics für alles Mögliche verantwortlich, etwa drogenabhängige Kinder oder Jugendkriminalität und postulierte, neben vielen weiteren derartigen Vorwürfen, Superhelden würden eine faschistische Ästhetik vertreten. Werthams Thesen gelten inzwischen als unsinnig, absurd und überholt; bereits mehrere Jahre vor der Publikation von „Seduction of the Innocent“ wurden Werthams Methoden von einigen seiner Kollegen als unwissenschaftlich bewertet.

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Siegel der Comics Code Authority

Die Wirkung des Werkes war enorm und löste eine Hetze gegen Comichefte aus, die perfekt zur Kommunistenjagd der McCarthy-Ära passte. Es kam sogar zu öffentlichen Comicverbrennungen, und als Reaktion richteten die Verlage mit der „Comics Code Authority“ eine Instanz zur Selbstzensur ein. Dies hatte wiederum zur Folge, dass sämtliche Elemente, die als anstößig empfunden wurden, etwa Sex, übermäßige Gewalt, das Infragestellen der Autorität etc., aus den Comics entfernt wurden. Zwar war der Comics Code theoretisch freiwillig, jedoch war ein Mainstream-Comic ohne das Siegel der Comics Code Authority praktisch nicht verkäuflich – für einen Verlag wie EC bedeutete das das Todesurteil. Auch für viele Superhelden bedeutete der Comic Code das Aus, lediglich Superman, Batman und Wonder Woman verkauften sich noch. Die Vorgaben des Comics Code verhinderten fast jegliche kreative Entfaltung und jede Umsetzung einer anspruchsvollen Geschichte im Medium und warfen seine Entwicklung um Jahrzehnte zurück.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter