Lovecraft Country

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Ursprünglich hatte ich geplant, Matt Ruffs Roman als Teil meiner Artikelreihe „Lovecrafts Vermächtnis“ zu rezensieren, aber dafür enthält er, trotz des Titels, schlicht zu wenig Lovecraft. Der Zeitpunkt könnte hingegen kaum besser gewählt sein: Am 16. August startet die Serienadaption auf HBO und auch thematisch passt das Ganze hervorragend zu den diversen aktuellen Kontroversen, sei es die Diskussion um den „Tod des Autors“ oder die Black-Lives-Matter-Proteste. Aber kümmern wir uns erst einmal um die Handlung des Romans, bevor wir zur Relevanz kommen.

Matt Ruff hat „Lovecraft Country“ als Sammlung diverser zusammenhängender Vignetten konzipiert, jedes Kapitel legt den Fokus auf eine andere Hauptfigur; sie alle stammen aus derselben afroamerikanischen Nachbarschaft des Chicago der 50er-Jahre und sind zum Teil auch miteinander verwandt oder untereinander befreundet. Alles beginnt mit Atticus, der oft für seinen Onkel George und dessen „Safe Negro Travel Guide“ unterwegs ist. Atticus‘ Vater Montrose verschwindet in Massachusetts, was Atticus, George und Letitia, eine Freundin der Familie, dazu veranlasst, sich auf seine Spur zu begeben. Mitten in New England stoßen die drei nicht nur auf eine ordentliche Portion Rassismus, sondern auch auf einen merkwürdigen Kult, die „Söhne Adams“, die Finsteres mit Atticus vorhaben.

Von dieser ersten Vignette aus entfaltete sich die Handlung, wobei die meisten Protagonisten der einzelnen Kapitel jeweils schon in den vorhergehenden als Nebenfiguren auftauchten und auch in späteren Teilen der Handlung immer wieder mit dabei sind. Trotz des Titels spielt eigentlich nur das erste Kapitel in Neuengland, die restliche Handlung findet in Chicago statt. Auch sonst ist der Titel „Lovecraft Country“ mit all den Implikationen, die er weckt (bspw. eine Auseinandersetzung mit Lovecrafts Rassismus) vielleicht ein wenig übertrieben. Matt Ruff bedient sich zweifellos einiger Lovecraft’scher Topoi und Handlungselemente, etwa des ominösen Kults in Neuengland, und immer wieder findet sich auch eine direkte Lovecraft-Referenz, beispielsweise in Form des zentralen Grimoires, das den Titel „Das Buch der Namen“ trägt. Nicht nur der Leser, auch die Figuren denken dabei an das Necronomicon, dessen Titel mitunter unzutreffend als „Buch der toten Namen“ übersetzt wird. Lovecrafts Rassismus wird ebenfalls angesprochen, da Atticus ein großer Fan diverser Pulp-, Horror- und Fantasy-Autoren ist, die oftmals, wie eben Lovecraft, ziemlich problematische Ansichten hatten. Dieser Umstand wird allerdings nicht wirklich thematisiert, er zieht sich auch nicht als Leitmotiv durch den Roman, wie vielleicht fälschlicherweise suggeriert wird – es wird schlicht einmal von den Figuren diskutiert. Für mich am enttäuschendsten ist jedoch, dass „Lovecraft Country“ schlicht keine kosmische Horrorgeschichte ist – das ist auch der Grund, weshalb diese Rezension nicht zu „Lovecrafts Vermächtnis“ gehört.

Nun, da wir geklärt haben, was „Lovecraft Country“ NICHT ist, sollte erläutert werden, was für ein Roman hier eigentlich vorliegt. Tatsächlich tue ich mich schwer damit, Ruffs Werk überhaupt als „Horror“ zu klassifizieren, ich denke, der Begriff „okkultes Abenteuer“ trifft es besser. Es sind zweifellos Horror-Elemente zugegen, im Großen und Ganzen sind diese aber relativ zahm, selbst für „gewöhnlichen“ Horror. Die blanke Verzweiflung einer kosmischen Horror-Geschichte sucht man hier vergeblich. Tatsächlich kommt das schlimmste Grauen, das Ruff schildert, nicht vom Übernatürlichen, sondern von der Segregation und dem allgegenwärtigen Rassismus der USA der 50er. Ruff verknüpft die beiden Ebenen des Romans – das okkulte Abenteuer und den Schrecken des Alltagsrassismus – die meiste Zeit über recht gut, aber Letzterer sorgt dafür, dass die Horror-Elemente, die vorhanden sind, noch zahmer wirken. Die Filme von Jordan Peele, der ebenfalls konventionellere Horror-Konzepte mit Rassismus kombiniert, werden gerne zum Vergleich herangezogen (tatsächlich ist Peele ein Produzent der Serien-Adaption), aber auch im Vergleich zu Peeles Filmen ist „Lovecraft Country“ im Horror-Bereich eher zurückhaltend.

Interessanterweise gelingt es Ruff, trotz der nicht gerade angenehmen Thematik, dem Ganzen eine gewisse Leichtigkeit und Ironie zu verleihen, die es sehr angenehm machen, der Handlung zu folgen. Auch die Figuren sind insgesamt sehr sympathisch und gelungen – Ruff zeichnet ein breites Panorama verschiedener Charaktere, vom Pulp-Fan Atticus über den eigenwilligen Montrose, die religiöse Letita bis hin zur rebellischen Ruby. Eine besondere Rolle nimmt dabei Caleb Braithwhite ein, der als Schurke fungiert und dabei die Figur ist, die am ehesten zu einer Lovecraft-Geschichte passt. Zugleich ist Caleb Braithwhite allerdings auch der weiße Charakter, der zumindest an der Oberfläche am wenigsten rassistisch ist. Wie dem auch sei, die Struktur des Romans sorgt dafür, dass selten Längen auftreten. Sagt einem eine Vignette oder ein Protagonist nicht zu, wartet man einfach auf das nächste Kapitel.

Wie so häufig habe ich zum Hörbuch gegriffen, die Komplettlesung mit Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) findet sich auf Audible. Ähnlich wie mit David Nathan macht man mit Simon Jäger auch selten etwas falsch, er liest gekonnt und routiniert, sodass dieses Hörbuch definitiv meine Empfehlung bekommt.

Fazit: Es ist wichtig, an „Lovecraft Country“ nicht mit den falschen Erwartungen heranzugehen. Wer kosmischen Horror oder eine tatsächliche Auseinandersetzung mit Lovecraft oder seinen problematischen Ansichten erwartet, wird zweifelsohne enttäuscht. Wer sich hingegen auf ein okkultes Abenteuer, das sich darüber hinaus mit Rassismus und Rassentrennung beschäftigt, einlassen kann, wird sicher gut unterhalten.

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