Art of Adaptation: Pickman’s Model

Halloween 2022

Dass Guillermo del Toro ein gewisses Faible für H. P. Lovecraft hat, ist nun wirklich kein Geheimnis: Immer wieder finden sich Anspielungen in seinen Filmen und natürlich hat wahrscheinlich kein Lovecraft-Fan del Toros gescheiterte Adaption von „At the Mountains of Madness“ vergessen. So verwundert es kaum, dass der Schriftsteller aus Providence auch in der neuen Horror-Anthologieserie „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ eine Rolle spielt, und das nicht nur in einzelnen Anspielungen (die natürlich auch vorhanden sind), sondern in Form von zwei Episoden, die sich als direkte Adaptionen von Lovecraft-Geschichten präsentieren. Das Konzept der Netflix-Serie erinnert an „Alfred Hitchcock Presents“: Zu Beginn jeder Episode gibt es ein paar einleitende Worte von del Toro, darauf folgen die von verschiedenen Regisseuren inszenierten Horror-Geschichten. Bei Folge 5, Regie führt Keith Thomas, handelt es sich um eine, wenn auch ziemlich freie, Umsetzung der Geschichte „Pickman’s Model“, was sie zu einem interessanten Sujet für mich macht.

Die Lovecraft-Geschichte
Lovecraft verfasste „Pickman’s Model“ 1926, ein Jahr später wurde die Kurzgeschichte auf den Seiten des Magazins „Weird Tales“ publiziert. Gemessen an vielen der späteren und populäreren Storys wie „The Call of Cthulhu“ oder „The Shadow Over Innsmouth“ ist „Pickman’s Model“ eine eher konventionelle Geschichte, die eigentlich nicht wirklich dem „Cthulhu-Mythos“ oder dem Sub-Genre des kosmischen Horrors zuzurechnen ist, auch wenn Elemente der Geschichte, sei es Richard Upton Pickman selbst oder die Ghule, die er abbildet, in Mythos-Geschichten anderer Autoren nur allzu gerne auftauchen.

Erzählerisch ist die Geschichte recht simpel aufgebaut, wie so oft bei Lovecraft haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der allerdings ausnahmsweise einmal keinen Bericht über erschreckende Ereignisse hinterlässt; stattdessen ist die Geschichte als „einseitiger Dialog“ aufgebaut. Der Erzähler Thurber (in der Geschichte ohne Vornamen, in der Adaption heißt er Will) berichtet seinem Freund Eliot von seinen Erlebnissen mit dem Maler Richard Upton Pickman, wobei der Text Eliots Antworten und Erwiderungen ausspart, sodass der Leser gewissermaßen als Dialogpartner fungiert. Thurber berichtet, dass seine Angst vor der U-Bahn, Kellern und dem Untergrund im Allgemeinen von einem Erlebnis mit dem kürzlich verschwundenen Maler Richard Upton Pickman herrührt, der wie Thurber und Eliot Mitglied des Kunstvereins von Boston ist bzw. war. Pickman eckte dort mehrmals wegen seiner ebenso grausigen wie realistischen Gemälde an, die viele andere Mitglieder verschreckten, während sie Thurber nachhaltig beeindrucken und faszinieren – trotz seines Traumas hält er an der Meinung fest, dass es sich bei Pickman um einen außergewöhnlichen Künstler handelt.

Pickman, der sich von Thurbers Bewunderung offenbar geschmeichelt fühlt, lädt ihn in sein „geheimes Atelier“ in den heruntergekommenen Norden Bostons ein, in welchem er Thurber Gemälde von blutrünstigen Monstrositäten zeigt, gegen die jene, die im Kunstverein schon ausgestellt wurden, regelrecht harmlos sind. Merkwürdige Geräusche veranlassen Pickman, mit einem Revolver das Zimmer zu verlassen, angeblich um Ratten zu verscheuchen – tatsächlich fallen Schüsse. Pickman und Thurber trennen sich hastig. Später stellt Thurber fest, dass er bei Pickman ein Stück Papier eingesteckt hat, bei welchem es sich um eine Fotografie handelt, die eines jener grausigen Wesen zeigt, die Pickman gemalt hat. So muss Thurber feststellen, dass diese Kreaturen keinesfalls der Fantasie entstammen, sondern dass es sich bei Pickmans Gemälden „nur“ um realitätsnahe Wiedergaben handelt.

„Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die heute zugegebenermaßen in dieser Form nicht mehr allzu viele Neuleser besonders beeindrucken dürfte, im Vergleich zu anderen Enthüllungen, besonders Enthüllungen kosmischen Schreckens, ist die hiesige relativ zahm. Wie viele andere Geschichten Lovecrafts ist sie in ihrem Aufbau und in ihren Andeutungen deutlich stärker als in ihrer tatsächlichen Auflösung. Der interessanteste Aspekt dürften wahrscheinlich die immer wieder eingestreuten Diskussionen zum Thema Kunst sein, Thurber dient hier zweifellos als Avatar für Lovecrafts eigene Meinung zum Thema „erschreckende Gemälde“. Tatsächlich funktioniert „Pickman’s Model“ für mich persönlich in der Hörspieladaption der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien mit Abstand am besten, da sie unheimlich stimmig inszeniert ist und von dem großartigen Zusammenspiel von Dietmar Wunder (dt. Stimme von Daniel Craig) und Sascha Rotermund (dt. Stimme von Benedict Cumberbatch) profitiert. Dabei bleibt das Hörspiel nah am Text und schafft es, allein durch die Performance der Sprecher das Grauen zu vermitteln. Kaum weniger gelungen ist zudem die GM-Factory-Lesung von Gregor Schweitzer. Eine visuelle Adaption hat es da natürlich schwerer – dementsprechend verwundert es kaum, dass Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson sich vom Text sehr weit entfernen.

Die Umsetzung
Zumindest auf handwerklicher Ebene kann man dieser Folge, wie der gesamten Serie (zugegeben, ich habe noch nicht alle Folgen gesehen) wenig vorwerfen. „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiositys“ sieht definitiv sehr gut aus und ist durchweg enorm atmosphärisch. Die Handschriften der einzelnen Regisseure sind sehr wohl präsent, zugleich haftet allen Folgen aber auch eine gewisse, nennen wir es „Del-Toro-haftigkeit“ an, sei es in der Atmosphäre oder im Design der Kreaturen. Inhaltlich ist es leider eine etwas andere Geschichte: Wie bereits zu erwarten war, wird eher die grobe Prämisse als die tatsächliche Geschichte adaptiert: Thurber (Ben Barnes) und Pickman (Crispin Glover) sind beide Schüler einer Kunstakademie. In einer Sitzung beobachtet Thurber zufällig, wie das gewöhnliche Modell, das gemalt werden soll, auf Pickmans Bild vier Arme hat und blutet. Wie in der Geschichte übt Pickman eine gewisse Faszination auf Thurber aus, man unterhält sich und Pickman erzählt Thurber ein wenig von seinen Hintergründen – eine Vorfahrin namens Lavinia (Megan Many) war laut Pickman in diverse kultische bzw. schwarzmagische Handlungen verwickelt, setzte Gästen ihren gekochten Ehemann vor und wurde dafür als Hexe verbrannt – dieses kannibalistische Motiv taucht in der Episode immer wieder auf. Gewisse Andeutungen diesbezüglich finden sich tatsächlich in Lovecrafts Geschichte, auch hier werden Verbindungen zu den Hexenprozessen von Salem erwähnt und eines von Pickmans Werken trägt den Titel „Leichenfresser beim Fraße“, diese sind allerdings weit weniger spezifisch. Der Lovecraft-Kenner wird bei dem Namen Lavinia zudem sofort hellhörig und muss an „The Dunwich Horror“ denken.

Die Werke Pickmans, die Thurber in Kombination mit der Familiengeschichte gezeigt bekommt, haben einen verstörenden Einfluss auf den jungen Maler, er scheint zu halluzinieren und Elemente aus Pickmans Gemälden in der Realität zu sehen, was zur Folge hat, dass seine Geliebte Rebecca (Oriana Leman) glaubt, er sei Betrunken auf ihrer Party erschienen, woraufhin sie die Beziehung beendet. Als Thurber Pickman erneut in seiner Wohnung aufsucht, sind sowohl der Maler als auch seine Gemälde verschwunden. An dieser Stelle macht die Handlung einen Sprung von 17 Jahren, Thurber und Rebecca sind inzwischen verheiratet und haben einen gemeinsamen Sohn. Zudem ist Thurber inzwischen ein einflussreicher Künstler. Da taucht, recht unverhofft, Richard Upton Pickman wieder auf – und mit ihm und seinen Gemälden kehren auch die Visionen und Alpträume zurück, die sich nun direkt auf Thurber und seine Familie auswirken. Pickman taucht schließlich sogar bei Thurber zuhause auf und beteuert, er wolle nur, dass seine Bilder gesehen werden. Abermals lädt er den Kollegen zu sich ein, bei Pickman kommt es allerdings zum Handgemenge, das schließlich mit Pickmans Tod endet. Um ganz sicher zu gehen, verbrennt Thurber die unheilvollen Bilder, doch es stellt sich heraus, dass der unheilvolle Einfluss bereits von Thurbers Frau und Sohn Besitz ergriffen hat, sodass sich Lavinias Tat wiederholt…

Wie bereits erwähnt: „Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die so, wie sie Lovecraft erzählt, weder besonders furchterregend, noch besonders filmisch ist. Thomas und Patterson ließen sich für diese Folge der Anthologie eher von der Prämisse und der Figurenkonstellation inspirieren, entwickelten sie dann jedoch in eine völlig andere Richtung. Gewisse Reste der ursprünglichen Geschichte sind noch vorhanden, so wird Thurber unter anderem auch mit dem tatsächlichen Ghul konfrontiert, anstatt nur dessen Foto zu sehen, ironischerweise hätte man diese Szene jedoch problemlos entfernen können. Wo sich die eigentliche Story auf die Ghule und deren Abbildung konzentriert, schaffen Regisseur und Drehbuchautor aus Implikationen und Andeutungen einen kultischen Überbau, der ironischerweise an „Dreams in the Witch House“ erinnert – zufällig handelt es sich hierbei um die zweite Lovecraft-Geschichte, die im Rahmen des „Cabinet of Curiosities“ verfilmt wird. Das Problem bei der Sache ist, dass die ganze Angelegenheit ziemlich holprig erzählt ist, die einzelnen Bestandteile wollen nicht ineinandergreifen. Es wirkt, als hätten Thomas und Patterson versucht, das Grauen der ursprünglichen Kurzgeschichte zu erweitern, um sie für ein modernes Horror-Publikum ansprechender zu machen, diese Bemühungen sorgen allerdings dafür, dass das Ergebnis recht generisch daherkommt und sich nicht mehr recht nach Lovecraft anfühlen will – man fühlt sich eher etwas an „The Conjuring“ erinnert. Dementsprechend fand ich persönlich die finale Realwerdung eines der Bilder auch nicht allzu überraschend oder schockierend. Hinzu kommt, dass leider auch die beiden Hauptdarsteller ihn ihren Rollen nicht völlig überzeugen können, was primär damit zusammenhängt, dass sie mit ihrem Akzent kämpfen: Sowohl Ben Barnes (dessen Mitwirken angesichts der Tatsache, dass er in „The Picture of Dorian Gray“ die Hauptrolle spielte, wohl als Casting-Gag verstanden werden kann) als auch Crispin Glover scheinen mit dem Bostoner Sprach-Duktus nicht völlig zurechtzukommen. Während das bei Barnes nicht allzu viel ausmacht, ist Glovers Akzent wirklich merkwürdig und klingt eher wie die Parodie eines Iren. Vielleicht bin ich durch Sascha Rotermund, der Pickman sehr charismatisch anlegt, zu sehr vorgeprägt, aber ich persönlich finde Glovers autistisch anmutendes Overacting hier ziemlich fehl am Platz.

Fazit: Die Umsetzung von „Pickman’s Model“ im Rahmen von „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ kann zwar nicht wirklich als misslungen bezeichnet werden, vor allem auf technischer und atmosphärischer Ebene weiß sie durchaus zu überzeugen. Allerdings scheitern Regisseur Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson an einer wirklich effektiven Modernisierung der Lovecraft-Geschichte, die zudem an Fokusproblemen und Crispin Glovers Darstellung von Richard Upton Pickman leidet.

Siehe auch:
Hörbuch: Pickman’s Model bei GM Factory
Lovecraft im Gruselkabinett
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos

Art of Adaptation: Frankenstein – Mary Shelleys Roman

Halloween 2022
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Während Dracula beständiger Gast meines Blogs ist, habe ich mich mit der anderen großen, klassischen Horror-Ikone deutlich seltener bzw. bislang so gut wie gar nicht beschäftigt: Frankenstein. Das hängt natürlich einerseits mit meiner wahrscheinlich nicht völlig gesunden Fixierung auf Vampire zusammen, allerdings boten sich in den letzten Jahren auch deutlich weniger Gelegenheiten. Mary Shelleys Roman wurde zwar ebenfalls unzählige Male adaptiert, aber doch deutlich seltener als Stokers Graf, der nicht nur regelmäßig alle paar Jahre in einer neuen Adaption zu sehen ist, sondern auch in allen möglichen und unmöglichen Werken Gastauftritte absolviert und sich nach wie vor mit Sherlock Holmes um die Krone der am häufigsten adaptierten literarischen Figur streitet. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass im Zentrum von „Frankenstein, or the Modern Prometheus“ zwei Figuren und nicht eine stehen. Zwar denken die meisten bei der Erwähnung des Titels an die von Boris Karloff dargestellte Version des Monsters, aber, wie Klugscheißer wie ich nicht müde werden immer wieder anzumerken, bezieht sich der Titel auf den Schöpfer des Monsters und nicht auf das Monster selbst. Gerade im Hinblick auf Adaptionen ist diese Doppelung faszinierend. Es existieren zwei mehrere Filme umfassende Frankenstein-Filmreihen, die von Universal konzentriert sich stärker auf das Monster (wenn auch nicht immer von Boris Karloff dargestellt), während der Dreh- und Angelpunkt der Hammer-Frankenstein-Filme der von Peter Cushing gespielte Doktor ist. Tatsächlich bekommt man das ursprüngliche Monster (Christopher Lee) nach dem ersten Film nicht mehr zu sehen. Aber darum soll es in diesem Artikel (noch) nicht gehen, stattdessen werde ich erst einmal den eigentlichen Roman unter die Lupe nehmen, bevor in den Folgeartikeln die diversen Adaptionen an der Reihe sind.

Entstehung
Die Entstehungsgeschichte des Romans (oder zumindest ein essentielles Element) ist tatsächlich ziemlich bekannt und wurde ihrerseits schon das eine oder andere Mal filmische umgesetzt, etwa im Kontext eines biografischen Films wie „Mary Shelley“ (2017) mit Elle Fanning in der Titelrolle, häufiger ist aber tatsächlich eine Adaption des auslösenden Ereignisses, wie sie in „Gothic“ (1986) mit Natasha Richardson oder „Haunted Summer“ (1988) mit Alice Krige zu finden ist. Im Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“ (ausgelöst durch einen Vulkanausbruch) befanden sich die damals 18-jährige Mary Wollenstonecraft Godwin, ihre Verlobter Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont sowie der berühmte Poet Lord Byron und dessen Leibarzt John William Polidori in der Villa Diodati am Genfer See in der Schweiz, wo sie ihren Urlaub verbrachten, aufgrund des schlechten Wetters aber drinnen bleiben mussten. Also beschäftigten sie sich mit einem Band deutscher Geistergeschichten und kamen schließlich auf die Idee, sich selbst am Abfassen einer derartiger Storys zu versuchen. Während Byron und Shelley nicht allzu weit kamen, erdachte Mary Godwin hier die Grundlage für „Frankenstein“, die, nach eigener Aussage, auf einem Traum basierte. Zudem fanden viele Elemente aus Shelleys bisherigem Leben Eingang in den Roman, die nach und nach sterbenden Verwandten und Angehörigen des Titelhelden erinnern beispielsweise an die Tragödien, die Mary Shelley selbst durchleben musste, vom Tod der Mutter (der auch zu Beginn von Frankensteins Erzählung steht) bis hin zum Tod ihres ersten Kindes kurz nach der Geburt im Jahr 1815.

Es sollte zudem erwähnt werden, dass Polidori ebenfalls mit seinem Vorhaben durchaus erfolgreich war, denn seine Kurzgeschichte „The Vampyre“ entstand ebenfalls in diesem Kontext – die Kurzgeschichte, die dem adeligen und scheinbar zivilisierten Vampir, den wir heute kennen, zu seinem Debüt verhalf, ein ganzes Subgenre des Horrors begründete und in letzter Konsequenz auch „Dracula“, „Interview with the Vampire“ und so viele andere direkt oder indirekt inspirierte. Somit war der Sommer 1816 für die Horrorliteratur zweifelsohne ein Wendepunkt – das aber nur am Rande.

„Frankenstein“ wurde schließlich bis zum Jahr 1818 fertiggestellt und auch veröffentlicht, zuerst anonym, weshalb der Roman zu Anfang Percy Shelley zugeschrieben wurde, vielleicht auch, weil er es war, den die Verträge mit dem Verlag aushandelte. 1931 erschien eine von Mary Shelley stark überarbeitete Version des Romans – in literaturwissenschaftlichen Kreisen wird mitunter heftig diskutiert, ob die Ausgabe von 1818 oder die von 1931 als primäre Forschungsgrundlage dienen sollte, generell ist es allerdings die neuere Auflage, die häufiger in Umlauf ist, eine ganze Reihe an Forschern und Literaturwissenschaftlern, beispielsweise Leslie S. Klinger, der Verfasser bzw. Herausgeber von „The New Annotated Frankenstein“, ziehen ursprüngliche Version vor.

Handlung und Struktur
„Frankenstein“ besitzt drei unterschiedliche Erzählebenen mit drei unterschiedlichen Ich-Erzählern. Der erste ist Captain Robert Walton, der sich an Bord eines Expeditionsschiffes befindet, das Richtung Nordpol fährt und der dabei seiner Schwester Margaret Walton Saville Briefe schreibt, in denen er ihr von seinen Erlebnissen berichtet. Eines Tages sehen Walton und die Crew aus der Ferne einen übergroßen Mann auf einem Hundeschlitten. Einige Stunden später nehmen sie einen beinahe erfrorenen Schiffbrüchigen an Bord, der sich als Victor Frankenstein vorstellt. Walton und Frankenstein verstehen sich sofort gut, sind sie doch beide Männer der Wissenschaft, Frankenstein warnt Walton allerdings vor dem, was ungebremster Wissensdurst anrichten kann und beginnt, dem Captain seine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte macht den Hauptteil des Romans aus. Frankenstein berichtet von seiner Jugend in Genf und seiner Familie – besonders zu seinem Bruder William und seiner Stiefschwester Elizabeth hat er ein inniges Verhältnis. Schließlich beginnt er, von wissenschaftlicher Neugier getrieben, sein Studium an der Universität Ingolstadt.

Schon bald ist er faszinierte von der Idee, selbst Leben schaffen zu können und beginnt schließlich, mit Hilfe von Leichenteilen und anatomischen Studien einen Humanoiden zu schaffen, dem er mit einer speziellen, nicht näher erläuterten Technik Leben einhauchen möchte. Dies gelingt auch, doch beim Anblick des monströs aussehenden Wesens ist Frankenstein schockiert und flieht aus seinem Labor. Als er mit seinem Freund Henry Clerval zurückkehrt, ist seine Schöpfung allerdings verschwunden. Die Erfahrungen sorgen für eine mehrmonatige Krankheit Frankensteins, während der er von Clerval gepflegt wird. Erst ein Brief aus der Heimat, der vom Tod seines Bruders William berichtet, reißt ihn aus der Katatonie. In Genf erhascht Victor einen kurzen Blick auf die von ihm erschaffene Kreatur und hat sie sofort als Täter im Verdacht. Die Gerichtsbarkeit hat allerdings eine andere Schuldige gefunden Justine Moritz, die nicht nur Williams Kindermädchen, sondern auch eine gute Freundin von Frankenstein und Elizabeth ist, wird des Mordes beschuldigt und schließlich hingerichtet. Victor macht sich daraufhin in die Berge auf, um die Wahrheit in dieser Sache herauszufinden.

Und tatsächlich findet Victor Frankenstein die von ihm geschaffene Kreatur, die sich als äußerst gesprächig erweist und Frankenstein bittet, sich ihre Geschichte anzuhören. Hier setzt die dritte Erzählebene ein und Frankensteins künstlicher Mensch berichtet von seinem Schicksal seit seiner Erschaffung, von seiner Zeit in der Wildnis und der ersten Begegnung mit Menschen, die ihn aufgrund seines abstoßenden Äußeren zurückweisen, weshalb er verbittert und zynisch wird. Wie nicht anders zu erwarten ist die Kreatur auch für den Mord an William verantwortlich, ebenso wie für die Verhaftung Justines. Schließlich bittet die Kreatur ihren Schöpfer, ihr eine Gefährtin zu machen und verspricht als Gegenleistung, Frankenstein und alle Menschen in Ruhe zu lassen.

Zuerst ist Victor einverstanden, begibt sich nach Irland und beginnt mit der Arbeit, schreckt dann allerdings vor dem Gedanken zurück, hier eine neue Spezies monströser Wesen zu schaffen und zerstört seine Arbeit schließlich. Die Kreatur ist außer sich und nimmt blutige Rache, indem sie Victors Freund Clerval tötet. Frankenstein selbst wird für den Mord verantwortlich gemacht, kann jedoch seine Unschuld beweisen und kehrt nach Genf zurück. Bereits seit langem planten Frankensteins Eltern, Victor mit seiner Stiefschwester Elizabeth zu verheiraten, doch noch in der Hochzeitsnacht tötet die Kreatur nun auch Elizabeth. Der Schreck über den Tod der Adoptivtochter kostet auch Victors Vater das Leben. Daraufhin verfolgt Frankenstein seine Schöpfung durch ganz Europa – so haben sowohl er als auch die Kreatur den Polarkreis erreicht. Kurz nachdem er seine Erzählung beendet hat, stirbt Frankenstein an Entkräftung. Daraufhin erscheint die Kreatur, betrauert den Tod ihres Schöpfers und verschwindet mit dem Leichnam, um nie wieder aufzutauchen.

Deutung und Wirkung
Zumindest mit dem groben Konzept von „Frankenstein“ sind die meisten Menschen ebenso vertraut wie mit dem von „Dracula“: Verrückter Wissenschaftler erschafft ein Monster aus Leichenteilen – diese groben, wenn nicht gar unzutreffende Handlungsbeschreibung ist der Aspekt, der sich in der Popkultur festgesetzt und am häufigsten reproduziert wird, nicht zuletzt bedingt durch die frühen filmischen Adaptionen von Universal. Von Lovecrafts „Herbert West – Reanimator“ bis hin zu Tim Burtons „Frankenweenie“ finden sich unzählige Verarbeitungen, Parodien oder Pastichen. Wenn Mary Shelleys Roman dann tatsächlich gelesen wird, sind die meisten, die die Geschichte durch die Filme oder popkulturelle Osmose kennen, zumeist darüber verblüfft, wie eloquent die Kreatur ist oder wie sehr sich der eigentliche Horror zurückhält, zumindest der Horror, den man vielleicht erwarten würde. Tatsächlich verwendet Mary Shelley nicht allzu viel Platz für die Beschreibung der Erschaffung oder des Äußeren der Kreatur. Bezüglich seiner Forschungen hält sich Frankenstein als Erzähler bewusst zurück, da er fürchtet, diese könnten reproduziert werden. Das Monster hat laut Beschreibung im Roman gelbe Haut, die Muskeln und Adern nur unzureichend verbirgt, schwarze Lippen und Haare sowie wässrige Augen. Den genauen Entstellungsgrad schildert Shelley nicht und überlässt vieles der Vorstellungskraft; keine Spur vom viereckigen Schädel, den Narben oder den Schrauben im Hals, die Boris Karloffs Version der Figur unsterblich machen sollten.

Weder ist Frankenstein der tatsächlich verrückte Wissenschaftler, als der er zumeist wahrgenommen wird, noch ist seine Schöpfung ein Monster im eigentlichen Sinn, und schon gar kein tumbes Wesen, das nicht einmal weiß, was es tut, wie es in Universals Filmen der Fall war. Sowohl Frankenstein als auch die Kreatur sind zutiefst fehlerhafte, aber auch tragische Figuren, in beiden Fällen allerdings nicht, weil sie naiv wären oder sich der Konsequenzen ihrer Taten nicht bewusst sind. Beiden gelingt es allerdings nicht, ihre eigene Perspektive außen vorzulassen. Zwar erkennt Frankenstein schließlich seine Verantwortung an, kann sich aber nicht dazu durchringen, seiner Schöpfung Empathie entgegenzubringen. Die Kreatur fungiert in diesem Aspekt als Spiegelbild Frankensteins – zurecht ist sie wütend auf ihren Schöpfer, tötet und vernichtet dann aber völlig unschuldige Menschen, um sich an Frankenstein rächen zu können. Tatsächlich ist William einer der wenigen Menschen, die der Kreatur Mitgefühl entgegenbringt. Der eigentliche Horror von „Frankenstein“ entstammt nicht einem Monster aus Leichenteilen, sondern der konsequenten Uneinsichtigkeit und des Empathiemangels zweier Personen, die dabei so viele andere mit in den Abgrund reißen.

Natürlich ist „Frankenstein“ für das Science-Fiction-Genre mindestens ebenso essentiell wie für das Horror-Genre, vielleicht sogar noch essentieller. Nicht nur das gesamte Konzept des künstlichen Menschen lässt sich zumindest in großen Teilen auf diesen Roman zurückführen, auch die Art und Weise, wie ein Sci-Fi-Element, hier die Erschaffung eines künstlichen Menschen, zu sehr menschlichem Drama führt, bereitet die Klassiker der Science-Ficition-Literatur und natürlich die daraus entshenden Filme und Serien vor. Thematisch ist ein Film wie „Ex Machina“ (2014) deutlich näher an Shelleys Roman als Action-Trash wie „I, Frankenstein“ (ebenfalls 2014), obwohl Letzterer sich direkt auf den Titel beruft.

Vermächtnis
Wie bereits erwähnt wurde „Frankenstein“ unzählige Male adaptiert, von der kleinen Billigproduktion bis hin zum großen Studioprojekt mit vielen Stars. Und ebenso wie bei „Dracula“ haben die Verfilmungen die Wahrnehmung des Romans massiv beeinflusst – das trifft natürlich vor allem auf die Universal-Adaption aus den 1930ern, vielleicht sogar noch mehr, als es bei Stoker der Fall war. Neben den tatsächlichen Umsetzungen des Romans finden sich natürlich auch unzählige Gastauftritte des Monsters und (nicht ganz so häufig) seines Schöpfers. Gerade in Crossover-Projekten, ernsten wie parodistischen, ist Frankensteins Monster ein gern gesehener Gast. Das geht zurück zu Universal Filmen wie „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ (1948) über „The Munsters“ (Originalserie 1964 bis 1966) bis hin zu moderneren Crossovern wie „Van Helsing“ (2004) oder „Penny Dreadful“ (2014 bis 2016). Natürlich werde ich im Rahmen dieser Artikelreihe nicht alle Adaptionen besprechen, der Fokus soll zuerst einmal auf den „drei großen Filmen“ liegen: Universals „Frankenstein“ (1931), Hammers „Curse of Frankenstein“ (1957) und „Mary Shelley’s Frankenstein“ (1994). Zudem möchte ich den Fokus auf die eine oder andere Comicadaption legen, die nicht aus dem anglo-amerikanischen Raum stammt.

Wie üblich folgt an dieser Stelle die obligatorische Empfehlung der Gruselkabinett-Adaption von „Frankenstein“, besonders für alle, die mit über hundert Jahre alten Romanen vielleicht so ihre Probleme habe. Wie gewohnt handelt es sich beim zweiteiligen Hörspiel von Marc Gruppe und Stephan Bosenius um eine ebenso atmosphärische wie hochwertige und Vorlagengetreue Umsetzung von Mary Shelleys Geschichte. Besonders zu überzeugen wissen Peter Flechtner (deutsche Stimme von Ben Affleck) als Victor Frankenstein und Klaus-Dieter Klebsch (deutsche Stimme von Hugh „Dr. House“ Laurie und Josh Brolin) als Kreatur – beiden gelingt es, die tragischen, vielschichtigen Figuren des Romans angemessen stimmlich darzustellen.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: The Vampyre
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Penny Dreadful Staffel 1

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
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Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
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Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
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In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Art of Adaptation: Krabat Teil I

Halloween 2020

Otfried Preußlers „Krabat“ ist ein Roman, der mich schon ziemlich lange begleitet. Ich lernte ihn durch die ursprüngliche Hörbuchfassung kennen, las später (das müsste gegen Ende der Grundschulzeit gewesen sein) dann den Roman und in der sechsten Klasse wurde er als Schullektüre noch einmal ausgiebig behandelt. Dementsprechend habe ich auch eine tiefe Verbundenheit zu diesem Werk, das getrost als Preußlers Opus Magnum gelten kann – nach eigener Aussage schrieb der Schöpfer des Räuber Hotzenplotz und der kleinen Hexe etwa zehn Jahre lang an diesem, seinem einzigen Jugendroman. Natürlich handelt es sich bei „Krabat“ nicht um Horror im engeren Sinn, ich denke aber, es finden sich hier genug Elemente, die diesen Artikel als Teil des Halloween-Themen-Monats legitimieren. In diesem ersten Teil werde ich erläutern, wie Preußler die ursprüngliche Krabat-Sage umsetzt, in späteren Artikeln werde ich mich auch mit Marco Kreuzpaintners Film sowie einer anderen Romanfassung des Krabat-Stoffes, verfasst vom sorbischen Autor Jurij Brězan, auseinandersetzen.

Die Krabat-Sage
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Bei der Krabat-Sage handelt es sich um eine bzw. mehrere Erzählungen aus dem sorbischen Sprachraum. Wie bei so vielen derartigen Volkssagen gibt es keine definitive Fassung; aufgrund der episodischen Natur wird oft auch von einem Sagenkreis gesprochen, möglicherweise ist die Sage aus mehreren unabhängigen Geschichten zusammengewachsen. Die Version, die mir vorliegt, stammt aus dem Buch „Lausitzer Sagen“ von Hans Siegert (1912). Zumindest diese Version lässt sich grob in zwei Teile teilen, wobei der erste von Krabats Lehrzeit und der Auseinandersetzung mit dem Müller geprägt ist, während es sich beim zweiten um Abenteuer vor politischem bzw. historischem Hintergrund handelt.

Der Titelheld ist hier der Sohn armer Eltern, der betteln geschickt wird und so zur Teufelsmühle in Schwarz-Collm kommt. Dort wird er vom Müller aufgenommen, der einen neuen Lehrjungen sucht. Seinen zwölf Müllerburschen bringt der Müller die schwarze Magie bei, einen von ihnen muss er allerdings jedes Jahr opfern, um seinen Pakt mit der Hölle aufrecht zu erhalten, weshalb auch jedes Jahr ein neuer nötig wird. Es gibt allerdings einen Ausweg: Wenn die Mutter eines Burschen ihn freibittet und anschließend erkennen kann, muss der Müller ihn freigeben. Krabat gelingt es, seine Mutter zu dazu zu bringen, ihn freizubitten, allerdings baut der Müller ein besonderes Hindernis ein: Er verwandelt die Burschen in Raben und befiehlt ihnen, den Kopf unter den linken Flügel zu stecken. Ein Rabe steckt den Kopf jedoch unter den rechten Flügel – so erkennt die Mutter Krabat und er darf die Mühle verlassen. Dabei stiehlt er jedoch noch das Zauberbuch des Müllers.

Wieder bei seinen Eltern hadert Krabat mit der herrschenden Armut – auf der Mühle gab es wenigstens stets zu Essen. Aber wozu ist man ein Zauberer: Krabat verwandelt sich in einen Ochsen und lässt sich von seinem Vater auf dem Markt verkaufen. Wenn dieser Zaum und Zügel zurückbehält, kann sich Krabat wieder zurückverwandeln und so seinem „Besitzer“ leicht entkommen. Das Ganze funktioniert, das Geld ist aber sehr schnell aufgebraucht. Beim zweiten Mal soll der Vater Krabat als Pferd verkaufen, doch dieses Mal geht es schief, denn niemand anders als der auf Rache sinnende Müller kauft den verwandelten Krabat und lässt dem Vater Zügel und Zaumzeug natürlich nicht. Krabat schafft es schließlich dennoch, Zügel und Zaumzeug loszuwerden und, vom Müller verfolgt, zu fliehen. Er landet schließlich als Fisch in einem Brunnen, verwandelt sich in einen Ring und lässt sich von einer hübschen Magd finden. Der Müller lässt allerdings nicht locker und will der Magd den Ring abkaufen – da verwandelt sich Krabat in ein Gerstenkorn, das zu Boden fällt. Prompt nimmt der Müller die Gestalt eines Hahns an, um das Korn aufzupicken, doch Krabat gelingt es, seinen ehemaligen Meister zu überlisten, indem er sich in einen Fuchs verwandelt und dem Müller den Hals durchbeißt.

Im zweiten Teil der Sage gelangt Krabat nach einigem magischem Schabernack in die Dienste von August dem Starken, dem Kurfürst von Sachsen und König von Polen und endet schließlich als Musketier im Türkenkrieg. Den Türken ist es gelungen, den Kurfürsten gefangen zu nehmen, weshalb sich Krabat zu seiner Befreiung aufmacht. Auf der Flucht muss Krabat allerdings feststellen, dass sich auf türkischer Seite ebenfalls ein Zauberer befindet, der versucht, die Flucht zu vereiteln. Krabat sieht sich schließlich gezwungen, seinen Widersacher zu töten, nur um anschließend festzustellen, dass es sich dabei ebenfalls um einen ehemaligen Schüler des Müllers der Teufelsmühle handelt – Krabats besten Freund aus der Lehrzeit. Dieser Umstand nimmt ihn ziemlich mit, aber der Kurfürst ist erfolgreich gerettet, sodass Krabat fortan in seiner Gunst steht und somit zu Ruhm, Ansehen und Reichtum kommt. Unter anderem gelingt es ihm, ein Attentat auf den Kurfürsten zu verhindern. Krabat stirbt schließlich im hohen Alter. Das Auftauchen eines weißen Schwans kurz vor seinem Tod zeigt, dass seine Seele trotz seiner Ausübung der schwarzen Kunst nicht zu ewiger Verdammnis verurteilt ist.

Preußlers „Krabat“
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Otfried Preußler (1923 bis 2013) lernte die Krabat-Sage bereits in seiner Kindheit kennen. Als Erwachsener beschloss er, eine modernisierte Version der Erzählung zu schreiben, mit deren Abfassung er 1959/60 begann. Zwischendurch hatte er allerdings gewisse Probleme und verfasste zwischendurch, „aus Verzweiflung“, wie er selbst in einem kurzen Text zur Abfassung schreibt, den „Räuber Hotzenplotz“. Das lag nicht zuletzt daran, dass „Krabat“ für Preußler immer persönlicher wurde: „Mein Krabat ist keine Geschichte, die sich nur an junge Leute wendet, und keine Geschichte für ein ausschließlich erwachsenes Publikum. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ (Quelle). „Krabat“ erschien schließlich 1971 und erwies sich als enorm erfolgreich und populär, auch wenn es die üblichen Vorwürfe gab, „Krabat“ verherrliche Okkultismus – „Harry Potter“ ist bei Weitem nicht das erste Jugendbuch über eine Zauberschule, das sich mit Derartigem herumschlagen muss.

Preußler entschied sich, den Fokus seiner Bearbeitung der Sage auf die Ausbildungszeit in der Mühle zu legen, die zumindest in der mir vorliegenden Version nicht allzu detailliert geschildert wird. Viele der späteren Handlungselemente, besonders der Ochsen- bzw. Pferdehandel sowie die Rettung des Kurfürsten, tauchen dann aber doch in stark angepasster Version auf. In der Sage scheint Krabat sich nur ein Jahr lang auf der Mühle befunden zu haben, Preußler macht daraus drei, wobei das erste Jahr wiederum für drei zählt. Diese drei Lehrjahre strukturieren den Roman. Eine gewisse Episodenhaftigkeit haftet „Krabat“ nach wie vor an, besonders, da sich bestimmte Elemente jeweils drei Mal wiederholen, besonders die Osternacht ist hier zu erwähnen, aber auch der Jahreswechsel ist jedes Mal ein einschneidendes Ereignis.

Die anderen elf Müllerburschen nehmen bei Preußler deutlich mehr Raum ein als in der Sage, in der sie nicht einmal Namen haben. Preußler dagegen bemüht sich sehr, die Kameradschaft der zwölf darzustellen. Nicht alle sind dabei in gleichem Maße ausgearbeitet, Preußler konzentriert sich im ersten Jahr primär auf Tonda, der als Krabats Mentor fungiert und schließlich am Ende des Jahres geopfert wird. Auch Lyscko, der Spitzel des Meisters, und Michal, das Opfer des zweiten Jahres, werden ausgiebiger dargestellt, ebenso wie die nach Krabat kommenden Lehrjungen. Der wichtigste Müllerbursche ist allerdings Juro, der zu Beginn als „der Dumme“ dargestellt wird, sich am Ende allerdings als äußerst schlau erweist und Tonda als Mentor ablöst. Der Müller wird natürlich ebenfalls deutlich ausführlicher charakterisiert, als es in der Sage der Fall ist. Es ist zwar immer noch ein grausamer Schwarzmagier, der einen Pakt mit dem Teufel, bzw. dem Herrn Gevatter geschlossen hat, aber er hat auch seine großzügigen und menschlichen Momente. Besonders faszinierend ist, dass einige Elemente des zweiten Teils der Sage auf den Meister übertragen werden, sodass er gewissermaßen eine weitere Facette des Sagen-Krabats darstellt. Im zweiten Jahr nimmt der Müller Krabat mit an den Hof des Kurfürsten – das impliziert, dass er ein ähnliches Verhältnis zu August dem Starken hat wie der Sagen-Krabat als Erwachsener. Auch die Episode mit der Rettung des Kurfürsten taucht auf – nur ist es der Meister, der seinen Freund Janko töten muss, um einen wichtigen Würdenträger (bei Preußler allerdings nicht den Kurfürsten selbst) zu retten. Krabat und Juro erleben diese Episode als magische Illusion, wobei Krabat natürlich die Rolle des Meisters einnimmt, während Juro Janko „spielen“ darf. Gegen Ende des Romans wird der Meister als Facette des Sagen-Krabats noch einmal besonders betont, als er Krabat anbietet, seine Stelle einzunehmen und selbst Meister zu werden.

Viele Inhalte des Romans sind Ausgestaltungen, die Preußler dazu nutzt, aus der recht knappen Sage eine Romanhandlung zu entwickeln. Dazu gehört auch eine detailreiche Beschreibung des Mühlenalltags, Krabats anfängliche Schwierigkeiten und die essentielle Beziehung zu Tonda. Das Mentorenverhältnis spielt in allen drei Jahren eine wichtige Rolle. Im ersten Jahr ist Krabat selbst der Lehrjunge, im zweiten erlebt er das Mentorenverhältnis von außen mit Michal und dem neuen Lehrjungen Witko und im dritten Jahr fungiert er selbst für Lobosch, den Lehrjungen, der Michals Platz einnimmt, als Mentor. Im Rahmen der drei Jahre finden dann immer wieder unterschiedliche Episoden statt, in denen Krabat seine magischen Fähigkeiten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, austesten kann. Vorbild ist dabei die Episode mit dem Ochsen- bzw. Pferdehandel aus der Sage, die relativ direkt übernommen wird, allerdings verteilt auf zwei Jahre und mit unterschiedlich verteilten Rollen. Krabats Vater spielt dabei keine Rolle, da Krabat bei Preußler Waise ist (dazu später noch mehr). Der geglückte Ochsenhandel wird von zwei anderen Burschen im ersten Jahr durchgeführt, Krabat ist hier lediglich passiver Beobachter. Im zweiten Jahr beauftragt der Meister Krabat damit, Juro als Pferd zu verkaufen. Juro, der sich zu diesem Zeitpunkt noch dumm stellt, äußerst aber Bedenken, dass er in der Lage ist, sich zurückzuverwandeln, weshalb Krabat anbietet, dass sie die Rollen tauschen. Wie in der Sage ist der Müller derjenige, der Krabat schließlich erwirbt, hier allerdings nicht aus Rache für den Diebstahl des Zauberbuches, sondern lediglich, um Krabat eine Lektion zu erteilen.

Die vielleicht größte Abweichung gegenüber der Sage, bei der es sich nicht um eine Ausgestaltung oder Hinzufügung handelt, findet sich bei der Niederlage des Meisters. Wie bereits erwähnt sind Krabats Eltern bereits zu Beginn des Romans tot, weshalb die Mutter ohnehin nicht in der Lage ist, ihren Sohn freizubitten. Diese Aufgabe übernimmt bei Preußler die Kantorka, ein neu eingeführter Love Interest für den Titelhelden. Das einzige Gegenstück, das sich zur Kantorka in der Sage findet, ist die Magd, an deren Finger Krabat als Ring verwandelt schlüpft, um dem Meister zu entkommen. Die Beziehung zwischen ihr und Krabat wird im Verlauf der drei Lehrjahre sorgsam aufgebaut, sodass das Freibitten am letzten Abend des dritten Jahres als natürlich Kulmination funktioniert. Und wo das erfolgreiche Freibitten in der Sage für den Meister erst einmal relativ wenige negative Folgen hat (es ist der Diebstahl des Zauberbuches, der ihn dazu bringt, sich an Krabat zu rächen), bedeutet es bei Preußler das Ende des Müllers und der Mühle. Der zweite Teil der Sage wird quasi negiert, da die Müllerburschen durch den Tod des Meisters ihre magischen Fähigkeiten verlieren. Auch das eigentliche Erkennen ändert sich, die Sagen-Version fungiert als Beispiel, von dem Juro erzählt. Am Ende des Romans findet allerdings keine Rabenverwandlung statt, stattdessen verbindet der Meister einfach die Augen der Kantorka und sie muss Krabat so erkennen, was ihr auch gelingt, da sie Krabats Furcht spürt. Interessanterweise gelingt es Preußler, auch die endgültige Niederlage des Meisters der Sage unterzubringen, die Episode mit Ring, Gerstenkorn, Hahn und Fuchs taucht als Traum auf, den Krabat als gutes Omen interpretiert.

Neben der Krabat-Sage verarbeitet Preußler noch weiteres sorbisches Legendenmaterial. Die Pumphutt-Sage ist thematisch ähnlich gelagert, es findet sich allerdings keine direkte Verbindung zur Krabat-Sage. Bei Pumphutt handelt es sich ebenfalls um einen zaubernden Müllerburschen, der allerdings eher an Till Eulenspiegel erinnert und ungerechten Müllern magische Streiche spielt, damit diese ihre Burschen besser behandeln oder anderweitig eine Lektion erhalten. In einem Kapitel des Romans erzählt einer der Burschen den anderen eine Pumphutt-Geschichte, in einem weiteren taucht Pumphutt persönlich auf und duelliert sich mit dem Meister – hier zeigt Preußler zum ersten Mal, dass der Müller weder allmächtig noch unbesiegbar ist. Otfried Preußlers Kurzgeschichtensammlung „Zwölfe hat’s geschlagen“ ist in diesem Zusammenhang ein exzellentes Begleitwerk zu „Krabat“. Nicht nur der Tonfall der Geschichten passt sehr gut, es findet sich darüber hinaus eine weitere Pumphutt-Geschichte sowie eine Krabat-Geschichte, die allerdings eher zur ursprünglichen Sage als zum Roman passt, da sie nach dem Ende der Zeit auf der Mühle spielt, Krabat aber nach wie vor zaubern kann.

Krabat zum Hören
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Von Preußlers „Krabat“ existieren zwei Hörbuchversionen. Bei der ersten handelt es sich um eine gekürzte Autorenlesung, bei der zweiten um eine Komplettlesung mit Felix von Manteuffel. Da ich den Roman durch die Autorenlesung kennenlernte, werde ich wohl immer eine gewisse Schwäche für sie haben. Preußler selbst liest sein Werk freilich auf andere Art, als das ein professioneller Sprecher tut, etwa ungeschliffener, aber sehr gut zur Geschichte passend, besonders bedingt durch den Dialekt. Die größte Schwäche sind dabei die Kürzungen; der Roman wurde fast um die Hälfte reduziert und einige der interessantesten Episoden wurden entfernt. An der Manteuffel-Lesung gibt es im Großen und Ganzen nichts auszusetzen, sie ist durchweg solide, ihr fehlt vielleicht das besondere Etwas der Autorenlesung, dafür beinhaltet sie aber den Volltext des Romans. Zusätzlich hat das Label Titania Medien die ursprüngliche Krabat-Sage als Hörspiel für die Reihe „Gruselkabinett“ umgesetzt – wie üblich sehr gelungen und atmosphärisch. An einigen Stellen wurde die Sage ein wenig erweitert; der Müllerbursche, der später auf der Seite der Türken kämpft, erhält nun einen Namen (Jakob) und die Ausbildung auf der Mühle wird etwas detaillierter dargestellt, auch Krabats Tod wird etwas erweitert, aber ansonsten hält sich die Gruselkabinett-Version sehr eng an die Sage.

Fazit: Mit „Krabat“ zeigt Otfried Preußler exemplarisch, wie man eine Volkssage als Jugendroman adaptiert und ausgestaltet. Preußler hält sich dabei nicht sklavisch an die Sage, sondern verleiht ihr zusätzliche, für das 20. Jahrhundert relevante Bedeutung, wobei er manche Elemente direkt adaptiert, während andere Episoden auf äußerst clevere, manchmal schon fast subversive Weise untergebracht werden. Nach wie vor eine äußerst lohnenswerte Lektüre.

Bildquelle Rabe
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Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I

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„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine von Lovecrafts besten Geschichten und als Schulbuchbeispiel des kosmischen Horrors, es handelt sich dabei um eine der wenigen Erzählungen, mit denen Lovecraft selbst zufrieden war. Verfasst wurde sie im März des Jahres 1927 und veröffentlicht einige Monate später, im September des selben Jahres auf den Seiten des Magazins Amazing Stories. Das wirklich faszinierende an dieser Story ist der Umstand, dass sie trotz des Status, den sie genießt, nicht im engeren Sinne zu dem gehört, was August Derleth schließlich als „Cthulhu-Mythos“ bezeichnete: Kein Necronomicon, keine Großen Alten oder Äußere Götter – lediglich die Stadt Arkham wird erwähnt und schafft so eine mehr oder weniger subtile Verknüpfung. Dennoch wird „The Colour out of Space“ wegen ihrer Beliebtheit nur allzu gerne mit dem „Mythos“ in Verbindung gebracht und taucht in den einschlägigen Mythos-Anthologien wie „The Complete Cthulhu Mythos Tales“ von Barnes and Noble (ein wirklich sehr schön aufgemachtes Buch) auf. Auch im Grundregelwerk des Pen&Paper-Rollenspiels „Cthulhu“ (im Original „Call of Cthulhu“ von Chaosium, hierzulande von Pegasus herausgebracht) taucht die titelgebende Farbe auf und wird als „Mythos-Wesenheit“ klassifiziert. Der Grund dafür ist letztendlich sehr simpel: In kaum einer anderen Geschichte kann das kosmische Grauen, das Lovecraft vermitteln wollte, so unmittelbar wahrgenommen werden.

Obwohl Lovecraft nach wie vor kaum als Mainstream bezeichnet werden kann, ist „The Colour out of Space“ wahrscheinlich diejenige seiner Geschichten, die am häufigsten direkt adaptiert wurde. Im Rahmen dieses dreiteiligen Artikels werde ich mir zumindest einige dieser Adaptionen genauer ansehen. Teil I setzt sich mit der Geschichte selbst und zwei Audio-Umsetzungen auseinander, Teil II betrachtet zwei ziemlich aktuelle Filmadaptionen, „Die Farbe“ aus dem Jahr 2010 und „Color out of Space“ aus dem Jahr 2019 und Teil III vergleicht drei verschiedene Comic-Versionen.

Handlung
Ein neues Wasserreservoire für die Stadt Arkham soll gebaut werden – hierzu ist es nötig, das Gelände eines alten Bauernhofes zu fluten. Zuvor soll es allerdings von einem Landvermesser aus Boston überprüft werden. Dieser stellt Nachforschungen an und beginnt sich für das Gelände, das bei den Einwohnern als verflucht gilt, zu interessieren. Er findet heraus, dass in der Gegend noch ein alter Einsiedler namens Ammi Pierce lebt, den er schließlich aufsucht. Ammi Pierce erzählt dem Landvermesser von der Familie, die das Gelände ursprünglich bewohnte. Die Garnders bewirtschafteten den Hof erfolgreich, bis 1882 ein Meteorit auf dem Gelände neben einem Brunnen abstürzte. Der Meteorit brachte etwas zur Erde, das sich in Form einer Farbe jenseits des bekannten Spektrums zeigt. Langsam breitete sich die Farbe aus und begann, das Land zu beeinflussen. Die Früchte der Gardners wurden riesig, schmeckten jedoch widerlich. Dann begannen nach und nach Flora und Fauna zu mutieren, zuerst nahmen sie die fremdartige Farbe aus dem All an, um anschließend abzusterben und grau und spröde zu werden. Das Vieh starb und auch die Gardners selbst wurden nicht verschont. Nabby, die Mutter, und ihr Sohn Thaddeus wurden langsam wahnsinnig, bis Letzterer starb, während sein jüngerer Bruder Merwin im Brunnen verschwand. Auch Nahum, der Vater, verlor langsam den Verstand. Bei seinem letzten Besuch auf der Farm musste Ammi Pierce feststellen, dass auch der dritte Gardner-Sohn, Zenas, gestorben war, Nahum jeden Sinn für die Realität verloren hatte und Nabby auf dem Dachboden grau und spröde geworden war. Schweren Herzens erlöste Ammi sie von ihrem Leiden. Kurz darauf starb auch Nahum, allerdings nicht, ohne vorher von dem Wesen zu erzählen, das offenbar im Brunnen existiert. Daraufhin alarmierte Ammi die Berhöden, die im Brunnen nichts mehr fanden, aber bald darauf das Leuchten der Farbe aus dem All selbst erlebten. Seither gilt die Gegend als verflucht und die grauen Überreste der Farbe breiten sich weiter aus, langsam zwar, aber unaufhaltsam. Der Landvermesser kündigt, weiß dabei aber, dass er die Flutung des Gebiets nicht aufhalten können wird – und dass das, was immer noch im Brunnen lebt, das neue Wasserreservoire beeinflussen wird.

Struktur und Kontext
Abgesehen vom bereits erwähnten Mangel an „Cthulhu-Mythos-Komponenten“ wie dem Necronomicon und ähnlichen Schriften, den Gottheiten oder sonstigen Kreaturen, ist „The Colour out of Space“ in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für viele typische Lovecraft-Stilmittel. Die Rahmenhandlung wird von einem namenlosen Ich-Erzähler, besagtem Landvermesser, erzählt, während die eigentlichen Ereignisse rund um die Aktivitäten der Farbe (sofern man davon sprechen kann) als Binnenerzählung vermittelt werden. Einer derartigen Struktur bediente sich Lovecraft immer wieder gerne, am prominentesten und verschachteltsten natürlich in „The Call of Cthulhu“. Im Vergleich dazu ist „The Colour out of Space“ noch recht unkompliziert, auch wenn Binnenerzähler Ammi Pierce seinerseits nicht bei allen Ereignissen zugegen ist und mitunter Dinge wiedergibt, die ihm Nahum Gardner erzählt hat.

Ort der Handlung ist – ebenfalls kaum verwunderlich – Lovecrafts Heimat Providence. Auch sonst passt „The Colour out of Space“ gut ins Œuvre; an Geschichten wie dieser zeigt sich besonders gut, wie sich Lovecraft als Autor vom Horror á la Poe langsam in Richtung Science Ficition entwickelte, was schließlich in Geschichten wie „At the Mountains of Madness“ oder „The Shadow out of Time“ kulminierte. Noch immer finden sich typische Elemente des Horror-Genres und der Gothic Fiction, deren Ursprung jedoch in den Tiefen des Kosmos liegt. Die Ergebnisse sind ebenfalls recht bekannt: Wahnsinn, Mutationen, Body Horror. Was „The Colour out of Space“ zu so einer herausragenden Beispiel des kosmischen Horrors macht, ist die schiere Fremdartigkeit der Farbe. Tatsächlich denke ich, sollte die Menschheit jemals auf außerirdisches Leben stoßen, wird es sich dabei wahrscheinlich um etwas wie diese Farbe handeln, ein Wesen, sofern man hier von einem Wesen sprechen kann, das kaum greifbar und jenseits unseres Verstehens ist. Selbst Cthulhu und die meisten seiner Konsorten sind leichter zu begreifen als die Farbe, der es an jedweder nachvollziehbarer Motivation fehlt. Folgt sie nur ihrer Natur, so sie denn eine hat? Ist sie ein lebendiges Wesen? Oder doch etwas völlig anderes? Besonders die schleichende Verderbnis und den Verfall, die die Farbe mit sich bringt, schildert Lovecraft äußerst effektiv und eindringlich.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Verhalten der Familie Gardner: Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte in ihrer Situation längst das Weite gesucht, Nahum Gardner besteht allerdings stur darauf, seine Farm nicht aufzugeben und reißt seine Familie so in den Abgrund. Allerdings wird zumindest angedeutet, dass dieses Verhalten ebenfalls auf die Farbe zurückzuführen ist und sie den Verstand der Gardners deutlich früher und subtiler beeinflusst, als es den Anschein hat. Immerhin: Auch Ammi Pierce ist trotz allem nicht aus der Gegend weggezogen.

Im Aufbau der Geschichte offenbart sich außerdem noch eine weitere Parallele zu „The Call of Cthulhu“. Der eigentliche Erzähler kommt nie wirklich in Kontakt mit dem Schrecken, sei es die Farbe oder der schlummernde Große Alte. Als Ammi Pierce mit dem Landvermesser spricht, liegen die eigentlichen erschreckenden Ereignisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, während der Erzähler in „The Call of Cthulhu“ vom titelgebenden Schrecken nur aus Berichten erfährt. In beiden Fällen scheint das Grauen überwunden zu sein, beide Protagonisten erfahren jedoch, dass dem keines Falls so ist und dass die Ereignisse, von denen sie gehört bzw. gelesen haben, lediglich ein Vorspiel sein könnten.

Kann man Farben hören?
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Zumindest diese Farbe kann man hören. „The Colour out of Space“ wurde, wie so viele andere Lovecraft-Geschichten auch, mehrfach als Hörbuch und Hörspiel adaptiert. Vor allem im englischsprachigen Bereich gibt es einige, wer diesbezüglich auf Audible sucht, wird diese Story sowohl separat als auch als Teil diverser Anthologien problemlos finden. Auch Deutsch existiert ebenfalls die eine oder andere Version, Miss Booleana hat hier beispielsweise eine Lesung mit Ernst Meincke besprochen. Die erste Audio-Version dieser Geschichte, die ich mir zu Gemüte geführt habe, findet sich in der Hörbuchproduktion „H. P. Lovecraft Gruselbox“, die ausnahmsweise nicht von LPL Records stammt und auch ein wenig anders konzipiert ist als die Lovecraft-Anthologie-Hörbücher dieses Labels. Zusätzlich zu den Erzählungen „The Hound“, „The Festival“, „The Picture in the House“ und natürlich „The Colour out of Space” werden auch einige Gedichte Lovecrafts im Original vorgetragen, während das „Orchester der Schatten“ für musikalische Untermalung sorgt – für meinen Geschmack ein wenig zu aufdringlich, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Geschichten werden routiniert von Simon Jäger, bekannt als deutsche Stimme von Heath Ledger, Josh Hartnett und Matt Damon vorgelesen. Seine Interpretation von „The Colour out of Space“ ist solide und gut hörbar, allerdings nicht herausragend oder in irgend einer Form besonders erwähnenswert.

Die wirklich interessante Audio-Adaption von „The Colour out of Space” findet sich, wie so häufig, in der Reihe in der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien. Wenn Marc Gruppe, der nicht nur mit Stephan Bosenius das Label leitet, sondern auch für die Drehbücher der Hörspiele verantwortlich ist, klassische Schauerliteratur adaptiert, tut er das meistens sehr vorlagengetreu. Bei den Lovecraft-Hörspielen ist das allerdings nicht immer der Fall, gerade „Berge des Wahnsinns“ fühlte sich mit den eingefügten weiblichen (bzw. fast schon feministischen) Figuren und der Eliminierung aller Verweise auf den „Cthulhu-Mythos“ tatsächlich eher wie eine Hollywood-Bearbeitung des Stoffes an. Auch in „Die Farbe aus dem All“ (deutscher Titel verweist von nun an auf das Hörspiel, der englische auf Lovecrafts Geschichte) wurde eine zusätzliche weibliche Figur hinzugefügt, die sich allerdings deutlich weniger fremdartig anfühlt als ihr Gegenstück in „Berge des Wahnsinns“. Dem bei Lovecraft namenlosen Landvermesser, der im Hörspiel den Namen Frank Burger (Johannes Berenz) trägt, wird eine Kollegin namens Rose Kenny (Melanie Pukaß) an die Seite gestellt, die wohl einerseits den eklatanten Mangel an weiblichen Figuren bei Lovecraft kompensieren soll, andererseits aber auch dazu dient, Informationen im Dialog anschaulicher zu vermitteln. So verarbeitet der Landvermesser das Gehörte in „The Colour out of Space“ in seinem Bericht, während Frank Burger und Rose Kenny diskutieren können.

An der eigentlichen Handlung der Geschichte ändert sich kaum etwas, die beiden Landvermesser fahren zu Ammi Pierce (Jochen Schröder) und lassen sich von ihm die Geschichte der Familie Gardner erzählen. Im Hörspiel bekommt man die Geschehnisse als Flashback dann natürlich live mit, was sie noch einmal deutlich intensiver macht, besonders, da Peter Reinhardt und Cornelia Meinhardt als Nahum und Nabby Gardner die mentale Zermürbung und den geistigen Verfall, die die Farbe auslöst, sehr gut vermitteln. Die kleinen Änderungen sind vor allem der Adaption in ein anderes Medium geschuldet. Etwas ironisch ist vielleicht der Umstand, dass Gruppe ausgerechnet in dieses Hörspiel Verknüpfungen zum „Cthulhu-Mythos“ in Form von Gebrabbel im Delirium einbaut, die in der Geschichte selbst gar nicht zu finden sind.

Bildquelle (Titel)
Bildquelle (Gruselkabinett)

The Masque of the Red Death

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Literatur in Zeiten des Corona-Virus? Welcher Horror-Fan denkt da nicht an Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“? Kaum eine andere Geschichte aus dem reichen Fundus der Schauerliteratur dürfte jemals so brandaktuell gewesen sein wie diese – inklusive Quarantäne und Corona-Party – oder besser gesagt, Corona-Party in Quarantäne. Wie bei so vielen anderen Poe-Geschichten ist die Liste der Adaptionen lang und die der Referenzen noch länger. Für diesen Artikel habe ich mir zwei dieser Adaptionen herausgegriffen, die ich zusammen mit der eigentlichen Geschichte besprechen werde: Es handelt sich dabei um zwei deutsche Hörspielproduktionen, die diese Kurzgeschichte auf sehr unterschiedliche Art und Weise umsetzen.

Die Geschichte
„The Masque of the Red Death” erschien 1842 auf den Seiten von Graham’s Magazine und erzählt die Geschichte des, je nach Übersetzung, Prinzen bzw. Fürsten Prospero. Im ganzen Land wütet eine besondere Krankheit, der „Rote Tod“, die ein exzessives Bluten der Poren verursacht und in kurzer Zeit nach der Ansteckung zum Tod führen kann. Prospero und seine Adeligen verschanzen sich in einer alten Abtei mit vielen Vorräten und versuchen so, der Krankheit zu trotzen. Um gegen ihre Langweile anzukämpfen, veranstaltet der Fürst ein großes Maskenfest in sieben speziell präparierten Räumen. Jeder ist mit anderem Licht illuminiert, blau, lila, grün, orange, weiß und violett. Nur der siebte Raum ist schwarz ausgehängt und wird von rotem Licht beleuchtet. Unter die Gäste mischt sich eine Gestalt im Kostüm des Roten Todes, inklusive blutbeschmierter Robe und entsprechender Maske. Prospero befiehlt, den Träger dieses geschmacklosen Kostüms hinzurichten, doch als seine Wachen versuchen, den Fremden zu demaskieren, müssen sie feststellen, dass sich kein Mensch aus Fleisch und Blut im Kostüm befindet. Stattdessen ist der Rote Tod persönlich gekommen und fordert nun das Leben Prosperos und aller Adeligen.

Edgar Allan Poe ist bekannt dafür, typische Elemente der „Gothic Fiction“ zu entnehmen und diese zu psychologisieren. Bei ihm sind es weniger die Geister und sonstigen übernatürlichen Monster, die im Mittelpunkt stehen, sondern der Wahnsinn und die Verderbtheit der Protagonisten. „The Masque of the Red Death“ ist da keine Ausnahme. Poe borgt sich einige Elemente aus „The Castle of Otranto“ von Horace Walpole, dem ersten Vertreter der Gattung „Gothic Novel“, inklusive des Schloss-ähnlichen Schauplatzes, der Atmosphäre und natürlich des Handlungsortes Italien, der durch Prosperos Namen angedeutet wird. Die Bedrohung tritt hier durch eine fiktive Krankheit auf, die sich letzten Endes auch den arroganten Adel holt, der glaubt, sich ihr entziehen zu können und sich dabei ein Gefängnis erbaut, das ihn ein-, die Krankheit aber letzten Endes nicht ausschließt. Oft wurde der Rote Tod als Ausdruck von Tuberkulose interpretiert, an welcher mehrere Mitglieder aus Poes Umfeld, darunter seine Frau Virginia, seine Mutter Eliza und sein Bruder William litten und zum Teil auch verstarben.

Stilistisch ist „The Masque of the Red Death” sehr distanziert vom Geschehen, mehr Bericht denn tatsächliche Erzählung. Es gibt einen Ich-Erzähler, der jedoch kaum in den Vordergrund tritt und auch nicht Teil der eigentlichen Narrative ist, sei es als tatsächlich handelnde Person oder als bloßer Beobachter. Prosepro ist die einzige namentlich erwähnte Figur und im Grunde auch die einzige Figur, mit Ausnahme des maskierten Fremden, die in irgendeiner Form als handelnde Person auftritt. Gerade das macht es natürlich schwer, die Geschichte für ein anderes Medium zu adaptieren, speziell eines, das wie das Hörspiel primär auf Dialogen basiert.

Lübbe Audio: Edgar Allan Poe
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Von 2003 bis 2009 veröffentlichte Lübbe Audio unter der Regie von Simon Bertling und Christian Hagitte eine Hörspielserie mit dem schlichten Titel „Edgar Allan Poe“. Im Rahmen dieser Serie, die insgesamt 37 Folgen umfasst und leider unvollendet bleibt, werden einerseits Poes Geschichten adaptiert, andererseits wird aber auch eine neue, „poeesque“ Geschichte mit subtilen Metaelementen erzählt. Im Zentrum dieser Geschichte steht ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und den zufälligen Namen Edgar Allan Poe annimmt. Vor allem zu Beginn folgt jede Episode dem selben Muster: Poe versucht, seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen, reist von einem Ort zum anderen und wird immer wieder von bizarren, verstörenden Alpträumen geplagt – jeder dieser Alpträume ist eine mehr oder weniger vorlagengetreue Adaption einer Poe-Geschichte und nimmt den Großteil des Hörspiels in Anspruch, während die Suche des Protagonisten nach seiner Identität als Rahmenhandlung fungiert. In späteren Episoden wird dieses Muster allerdings aufgebrochen und die Rahmenhandlung rückt stärker in den Vordergrund. Was diese Hörspielserie vor allem auszeichnet, ist die hochwertige Produktion, unter anderem wurde der Soundtrack extra von einem Orchester eingespielt und auch die Sprecherriege kann sich sehen lassen, unter anderem wirken Ulrich Pleitgen als Poe, Iris Berben als seine Geliebte Leonie und Till Hagen als Dr. Templeton mit, zusätzlich zu diversen Gaststars, darunter Joachim Kerzel, Anna Thalbach, Hans Peter Hallwachs, Jürgen Kluckert und viele weitere.

„The Masque of the Red Death“ findet sich, ebenso wie die meisten anderen wirklich bekannten Poe-Geschichten, zu Beginn der Serie, es handelt sich um Folge 4. Amüsanterweise war es auch die erste Folge der Serie, die ich hörte und tatsächlich wohl einer meiner ersten Kontakte mit Poe überhaupt. Die Rahmenhandlung nimmt hier noch verhältnismäßig wenig Raum ein, der Fokus liegt auf der eigentlichen Kurzgeschichte, die weniger inhaltlich verändert als vielmehr weiter ausgearbeitet und dem Medium angepasst wird. Poes Prosa konzentriert sich vor allem auf das Maskenfest, beschreibt dessen Konzeption ziemlich detailliert, geht aber kaum auf Figuren ein, erzählt nicht szenisch und beinhaltet kaum wörtliche Rede. Das Hörspiel dagegen konzentriert sich auf all die Elemente, die bei Poe lediglich impliziert werden oder keine Rolle spielen, etwa den Ausbruch der Seuche. Zu Beginn der Geschichte wütet der Rote Tod bereits im Land, während das Hörspiel deutlich unbeschwerter beginnt. Neben Prospero, durch dessen Augen Edgar Allan Poe (die Figur) die Geschehnisse wahrnimmt, werden weitere Figuren vorgestellt, darunter Prosepros Hofmeister (Peter Groeger), sein Narr (Thomas B. Hoffmann) und das Küchenmädchen Louisa (Yara Blümel). Poe (die Figur) fungiert zwar als Erzähler der Rahmenhandlung, die eigentliche Adaption der Kurzgeschichte kommt allerdings ohne Erzähler aus und setzt die Handlung szenisch um, vom Ausbruch der Krankheit, die von Gauklern ins Land gebracht wird, über die rasche Ausbreitung und die Verschanzung des Adels bis hin zum Maskenball. Die Distanziertheit der Vorlage wird zugunsten des persönlichen Schicksals der Figuren aufgegeben. Das Hörspiel bemüht sich, die Folgen der Seuche und der Isolation auf den psychischen Zustand der Charaktere plastisch darzustellen. Die Konzeption des Maskenballs mit den farbigen Räumen, dessen Beschreibung bei Poe so viel Platz bekommt, spielt hier dagegen nur eine kleine Rolle.

In der Kurzgeschichte wird Prospero darüber hinaus kaum als plastische Figur gezeichnet, was einer Adaption einige Möglichkeiten an die Hand gibt. Hier wird Prospero, natürlich ebenfalls von Ulrich Pleitgen gesprochen, im Großen und Ganzen als positive, fast schon gutmütige, wenn auch hilflose Figur gezeichnet. Der Hofmeister ist eher die handelnde Figur, schlägt die Maßnahmen zu Kampf gegen die Seuche vor, ordnet die Isolation an und hat auch die Idee, den Maskenball zu veranstalten. Prospero ist schon fast passiv. Insgesamt ist diese Darstellung der Figur ein sehr interessanter Kontrast zum zweiten zu besprechenden Hörspiel.

Titania Medien: Gruselkabinett
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Seit 2004 produzieren Stephan Bosenius und Marc Gruppe mit ihrem Label Titania Medien hochwertige Hörspiele. Neben Sherlock Holmes und diversen Märchen gehört zu ihrem Repertoire auch die Reihe Gruselkabinett, in der Klassiker der Schauerliteratur adaptiert werden – da darf Poe natürlich nicht fehlen. Da „The Masque of the Red Death“ ohnehin eine von Poes bekanntesten und beliebtesten Geschichten ist, bot es sich natürlich an, nach „The Fall of the House of Usher“ auch diese Erzählung adaptieren – dabei standen Bosenius und Gruppe natürlich ebenfalls vor dem Problem, dass sie es mit einer sehr kurzen, nicht szenischen Geschichte zu tun hatten. Anstatt allerdings die Handlung „nur“ auszuarbeiten, wählten die beiden einen anderen Ansatz und verschmolzen zwei von Poes Geschichten zu einer, die zweite ist die deutlich weniger bekannte Erzählung „Hop-Frog“, in der ein missgestalteter Zwerg diesen Namens und seine ebenfalls kleinwüchsige Gefährtin Tripetta Rache an einer Gruppe spottender und grausamer Adeliger und ihrem König nehmen. Im Zentrum dieser Geschichte steht ebenfalls ein Maskenfest, in dessen Rahmen die Adeligen und der König sich dazu überreden lassen, sich als Orang-Utans zu verkleiden, um dann anschließend von Hopp-Frosch angezündet zu werden.

Ähnlich wie in der Kurzgeschichte wütet der Rote Tod zu Beginn des Hörspiels bereits im Lande. Hauptfigur ist Hopp-Frosch (Sven Plate), der zusammen mit Tripetta (Daniela Reidies) von Prospero (Ernst Meincke), der an die Stelle des grausamen Königs tritt, und seinen Ministern (Uli Krohm, Viktor Neumann und Alexander Turrek) aufgesammelt wird. So sind die beiden zwar vorerst sicher vor dem Roten Tod, aber der Grausamkeit Prosperos und seiner Minister ausgeliefert. Die Szenen des Hörspiels sind, bis auf das Finale, praktisch alle aus „Hop-Frog“ entnommen und werden sogar noch erweitert, unter anderem taucht mit Giulietta, der Geliebten Prosperos, noch eine Figur auf, die extra für das Hörspiel neu geschaffen wurde, um weitere Dialoge zu ermöglichen. Darüber hinaus wurde Tripettas Rolle stark erweitert. Da Prospero natürlich erst am Ende sterben darf, ist er, anders als der grausame König aus „Hop-Frog“, nicht an der Orang-Utan-Maskerade beteiligt. Ansonsten wird er als Figur aber deutlich negativer gezeichnet als sein Gegenstück aus der Vorlage oder dem Lübbe-Audio-Hörspiel. Und anders als im Hörspiel von Lübbe Audio wird der Fokus wieder stärker auf das Setting und die farbigen Räume gelegt.

Es ist tatsächlich interessant, wie gut die beiden Geschichten zu- bzw. ineinander passen. In einem späteren Hörspiel gingen Bosenius und Gruppe noch einmal denselben Weg und kombinierten zwei weitere Poe-Geschichten miteinander, „The Pit and the Pendulum“ und „The Casc of Amontillado“ – hier ist das Ergebnis allerdings weitaus unbefriedigender, da die Geschichten nicht gut ineinandergreifen und einer der zentralen Aspekte der zweiten Erzählung nichtig wird: Als Leser wissen wir nie, weshalb Montresor an Fortunato Rache nehmen will, was einen Großteil des Schreckens ausmacht, im Hörspiel sind es die Ereignisse aus „The Pit and the Pendulum“.

Fazit: Das Gruselkabinett-Hörspiel legt den Fokus stärker auf die bizarren und schaurigen Elemente der Geschichte – sogar der Rote Tod (Axel Lutter) selbst darf am Ende zu Wort kommen, während sein Gegenstück von Lübbe Audio die Figuren und ihre Psychologie stärker in den Fokus rückt. Gerade in der aktuellen Situation ist aus diesem Grund die Lübbe-Audio-Version deutlich intensiver und wirkungsvoller, da man gewissermaßen die letzten Wochen noch einmal im Schnelldurchlauf erlebt. Beide Hörspiele sind allerdings überaus hochwertig, gut gesprochen und sehr atmosphärisch.

Bildquelle Lübbe Audio
Bildquelle Titania Medien

Lovecraft im Gruselkabinett

Halloween 2016

H. P. Lovecraft ist einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts und hat die phantastischen Genres beeinflusst wie nur wenige andere Autoren. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, überall trifft man auf Spuren des eigenbrötlerischen Autors aus Providence. Dennoch sind seine Werke oftmals ein wenig abschreckend. Besonders einen Leser, der moderne Spannungsliteratur gewohnt ist, können Lovecrafts Geschichten, die stilistisch eher eigenwillig und zum Teil sperrig sind, eher langweilen denn erschrecken, da der Lovecraft’sche Horror sich doch deutlich von den Genre-Standards unterscheidet. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich Lovecraft anzunähern und sich mit ihm vertraut zu machen, ohne dabei an seinen Eigenheiten zu scheitern. Die Hörspieladaptionen seiner Geschichten aus der Reihe „Gruselkabinett“ bieten eine solche Möglichkeit.

„Gruselkabinett“ ist die erfolgreichste Serie des Hörspiellabels Titania Medien, das von seinen Gründern Marc Gruppe und Stephan Bosenius geleitet wird. Die beiden produzieren ihre Hörspiele gemeinsam und führen Regie, Gruppe ist darüber hinaus auch für die Bücher verantwortlich. Die Hörspiele sind stets sehr aufwändig und atmosphärisch produziert; Gruppe und Bosenius greifen bevorzugt auf bekannte deutsche Synchronsprecher zurück, was fast durchweg hervorragend funktioniert. In der Zwischenzeit wurden bereits neun Lovecraft-Geschichten adaptiert, die ich im Folgenden besprechen möchte.

Der Fall Charles Dexter Ward (Folge 24 und 25)
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Dieser Kurzroman, verfasst im Jahr 1927, den Lovecraft selbst nicht allzu sehr schätzte und der erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, entspricht inhaltlich eher den üblichen Konventionen des Schauerromans. Er handelt von den okkulten Interessen des Charles Dexter Ward, der bald erkennen muss, dass man sich mit untoten Vorfahren besser nicht abgibt. Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist jedoch Dr. Marinus Willet, der Hausarzt der Wards, der die mysteriösen Umstände untersucht. Die Hörspielumsetzung ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen und sehr atmosphärisch. Bereits in dieser ersten Lovecraft-Adaption zeigt sich eine gewisse Tendenz, die erst mit späteren Lovecraft-Hörspielen endet: Fast sämtliche Bezüge zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“, etwa die Erwähnung des Necronomicon, wurden entfernt. Einerseits macht das die Geschichte für einen Hörer ohne Vorkenntnisse zugänglicher, andererseits raubt es ihr auch einiges an Atmosphäre und Kontext. Das fällt hier allerdings nicht so sehr ins Gewicht wie bei einer der anderen Adaptionen. Ansonsten ist „Der Fall Charles Dexter Ward“ ein solider, wenn auch kein herausragender Start der Lovecraft-Hörspiele; routiniert, gelungen, aber nicht mehr.

Der Tempel (Folge 39)
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Bei „Der Tempel“ handelt es sich um eine etwas obskurere Geschichte aus dem Frühwerk Lovecrafts. Gewisse Themen, die in späteren Geschichten dominant sind, werden hier bereits angerissen, allerdings fehlt zum Teil noch die rechte Form. Wie so oft im Lovecraft’schen Œuvre ist „Der Tempel“ als aufgefundenes Dokument konzipiert. Der fiktive Autor trägt den Namen Karl Heinrich, Graf von Altberg-Ehrenstein und ist Kapitän eines deutschen U-Boots im Ersten Weltkrieg. Die Handlung wird durch den Fund einer Leiche ausgelöst, die eine Statue bei sich hat. Ein Besatzungsmitglied nimmt die Statue an sich, was katastrophale Folgen hat, denn besagtes Abbild treibt die Mannschaft nach und nach in den Wahnsinn. Diese Geschichte wurde von Marc Gruppe etwas entschärft, da der Protagonist ein ziemlich übler Rassist ist, dem alle, die nicht preußischer Abstammung sind, zuwider sind. Lovecraft machte sich hier wohl über das lustig, was er als deutsche Mentalität sah (was angesichts seines eigenen Rassismus schon ein wenig ironisch ist). Die übertriebenen Tiraden wurden jedenfalls gestrichen, was der Geschichte durchaus gut tut. Ansonsten gelingt es dem Hörspiel sehr gut, die klaustrophobische Stimmung des U-Bootes einzufangen; auch das langsam Abgleiten in den Wahnsinn wird von den Sprechern gut vermittelt.

Berge des Wahnsinns (Folge 44 und 45)
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„Berge des Wahnsinns“ (erschienen im Jahr 1931) ist eine von Lovecrafts bekanntesten Geschichten, hier dekonstruiert er die mythischen Elemente seiner Geschichten regelrecht. Die Handlung dreht sich um eine Expedition in die Antarktis. Die Forscher entdecken dabei Spuren einer uralten, nichtmenschlichen und womöglich außerirdischen Zivilisation, die eventuell für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich ist. Zwar sind die Angehörigen dieser Spezies verschwunden, doch haben sie höchst gefährliche Kreaturen zurückgelassen. Von allen Lovecraft-Hörspielen verliert „Berge des Wahnsinns“ durch die Adaption am meisten. Wie schon in „Der Fall Charles Dexter Ward“ wurden sämtliche Elemente des „Cthulhu-Mythos“ entfernt, was hier in weitaus größerem Maße ins Gewicht fällt, da dieser Kurzroman, wie gesagt, quasi als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“ betrachtet werden kann. In mancher Hinsicht zeigt dieses Hörspiel wohl, wie eine Hollywood-Adaption von Lovecrafts Geschichten aussehen könnte. Gruppe nahm es sich hier heraus, eine weibliche Figur einzuführen, die regelrecht feministische Züge besitzt. Auch eine Romanze wird subtil angedeutet. Derartige Hinzufügungen passen allerdings überhaupt nicht zu Lovecraft und wirken für jene, die mit ihm als Autor vertraut sind, erzwungen und deplatziert. Wer jedoch unvoreingenommen an dieses Hörspiel herangeht, wird sicher gut unterhalten, da die Hinzufügungen, Weglassungen und Veränderungen nicht auffallen.

Pickmans Modell (Folge 58)
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Die Adaption von „Pickmans Modell“, 1926 verfasst und ein Jahr später publiziert, gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Das Grauen dieser Geschichte ist konventioneller und nicht wirklich mit den Entitäten des „Cthulhu-Mythos“ verbunden, wird jedoch auf für Lovecraft typische Art und Weise präsentiert. Alles dreht sich um den Maler Richard Upton Pickman, dessen verstörende Gemälde die Bostoner Kunstszene aufwühlen; die abgebildeten Kreaturen entspringen allerdings nicht nur der Phantasie des Malers. Das Gelingen dieses atmosphärischen Hörspiels hängt vor allem mit Sascha Rotermund zusammen, der Richard Upton Pickman hervorragend und nuancenreich spricht und so das Hörspiel fast im Alleingang stemmt. Das Grauen dieser Geschichte ist ein sehr indirektes, impliziertes, das jedoch hervorragend vermittelt wird.

Der Schatten über Innsmouth (Folge 66 und 67)
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Ein weiterer Klassiker, der dieses Mal exzellent vertont wurde, auch, weil die mythischen Elemente nicht allzu sehr beschnitten wurden. Wie auch die Geschichte selbst braucht das Hörspiel eine Weile, um richtig in Fahrt zu kommen. Der Protagonist Robert Olmstead (der Name taucht in der Geschichte selbst nicht auf, sondern stammt aus Lovecrafts Notizen, wird aber im Hörspiel verwendet) erforscht den geheimnisvollen Küstenort Innsmouth und stößt dabei auf ein Geheimnis, das nicht nur die merkwürdigen Bewohner der Stadt, sondern auch ihn selbst betrifft. Die Umsetzung ist schnörkellos gelungen. Da „Der Schatten über Innsmouth“ als Geschichte sehr geradlinig und einfach strukturiert ist (jedenfalls einfacher als viele andere Lovecraft-Geschichten), dürfte die Umsetzung auch nicht ganz so anspruchsvoll gewesen sein. Allgemein steht Gruppe bei der Adaption immer vor dem Problem, dass Lovecraft nur selten Dialoge verwendet; seine Geschichten haben zumeist einen distanzierten, berichthaften Charakter mit viel indirekter Rede. „Innsmouth“ ist diesbezüglich eine Ausnahme, da der Mittelteil der Geschichte ein sehr ausführliches Gespräch schildert.

Das Ding auf der Schwelle (Folge 78)
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Eine höchst enervierende Geschichte, verfasst 1933 und publiziert 1937, deren Implikationen fast erschreckender sind als die Dinge, die tatsächlich thematisiert werden. Strukturell gibt es einige Ähnlichkeiten zu „Der Fall Charles Dexter Ward“, durch die Augen von Daniel Upton, des eigentlichen Protagonisten, wird die Lebensgeschichte seines besten Freundes Edward Derby erzählt, wobei „Das Ding auf der Schwelle“ mit Uptons Mord an Derby beginnt. Nach und nach wird enthüllt, wie und warum es zu diesem Mord kam, wobei Okkultismus und Edward Derbys Frau Asenath Waite eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus fungiert diese Geschichte gewissermaßen als indirekte Fortsetzung zu „Der Schatten über Innsmouth“, da Asenath Waite aus besagter Stadt stammt und die Geschichte vereinzelt Elemente aus „Innsmouth“ aufgreift. Auch hier ist die Umsetzung ausgezeichnet und schafft es, Atmosphäre, subtile Bedrohung und Schrecken der Vorlage ausgezeichnet umzusetzen und die berichtartige Geschichte in Dialogform zu bringen.

Die Farbe aus dem All (Folge 90)
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„Die Farbe aus dem All“ (1927) gilt vielen als eine von Lovecrafts besten Geschichten, sie setzt sich auf beängstigende Weise mit Fremdartigkeit auseinander, die von Menschen nicht erfasst werden kann. Ein Meteor landet auf der Farm der Gardners und bringt etwas Fremdes mit sich, das sich am ehesten als unbekannte Farbe beschreiben lässt, die sich nach und nach ausbreitet und alles, was mit ihr in Berührung kommt, verdirbt. Viele Jahre später versucht ein Ermittler aus Arkham herauszufinden, was es mit der Farbe auf sich hat und was mit den Gardners geschehen ist. Trotz der einen oder anderen Freiheit, die sich Marc Gruppe nahm, funktionier auch diese Hörspieladaption ausgezeichnet. „Die Farbe aus dem All“ ist, wie so oft bei Lovecraft, eine Geschichte des subtilen Schreckens, die nicht auf oberflächlichen Schock, sondern auf tiefe Beunruhigung zurückgreift. Tatsächlich denke ich, dass sie auf gewisse Weise sehr realistisch ist. Sollte jemals außerirdisches Leben auf die Erde kommen, könnte ich mir vorstellen, dass es sich tatsächlich so abspielt wie von Lovecraft geschildert.

Träume im Hexenhaus (Folge 100)
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Gruppe und Bosenius wählten „Träume im Hexenhaus“ (verfasst 1932, im Folgejahr publiziert) als Folge 100 aus, weil die Geschichte Lovecrafts kosmischen Horror mit Elementen der traditionellen Schauergeschichte verbindet. Was in der Theorie gut klingt, klappt praktisch aber nicht immer. Die Geschichte erzählt von dem Mathematikstudenten Walter Gilman, der von der in Salem verbrannten Hexe Keziah Mason fasziniert ist und glaubt, ihre Magie basiere auf unirdischer Geometrie, mit deren Hilfe sie sich Raum und Zeit unterwerfen könne. Um seinen Wissensdurst zu stillen zieht er in das alte Haus der Hexe, nur um schon bald von grauenhaften Alpträumen geplagt zu werden. „Träume im Hexenhaus“ gehört nicht unbedingt zu Lovecrafts stärksten Geschichten. Ähnlich wie „Berge des Wahnsinns“ scheint Lovecraft hier eine Dekonstruktion durchzuführen, die einzelnen Elemente der Geschichte wollen aber oftmals nicht so recht zusammenpassen. Während das Hörspiel grundsätzlich professionell aufgezogen und produziert wurde, treten hier die Schwächen der Geschichte fast noch deutlicher zutage, sodass viele der Schrecken letztendlich zu banal und plakativ wirken.

Der Ruf des Cthulhu (Folge 114 und 115)
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Diese Geschichte aus dem Jahr 1926 bzw. 1928 hat dem „Cthulhu-Mythos“ seinen Namen verliehen. Ironischerweise war Lovecraft weder besonders begeistert von ihr, noch bediente er sich des tentakelgesichtigen Gottes, nach dem Geschichte und Mythos benannt sind, besonders häufig. Lediglich in „Berge des Wahnsinns“ und „Der Schatten über Innsmouth“ wird Cthulhu noch erwähnt. Dennoch gehört sie zu Lovecrafts bekanntesten und beliebtesten Geschichten. Leider eignet sie sich nicht besonders gut als Vorlage für ein Hörspiel. Die Erzählung setzt sich aus mehreren Berichten zusammen, die sich nach und nach wie ein Puzzle verbinden und vom Erwachen des finsteren Gottes Cthulhu berichten. Was in gedruckter Form allerdings ziemlich gut funktioniert, will als Hörspiel nicht so recht klappen. Die Handlung wirkt ziemlich fragmentiert und kommt bis zum Schluss nicht so recht in Gang. Davon abgesehen ist die Produktion natürlich dennoch auf einem sehr hohen Niveau, kann den Spitzenreitern „Der Schatten über Innsmouth“, „Pickmans Modell“ und „Die Farbe aus dem All“ aber nicht das Wasser reichen.

Siehe auch:
Das Necronomicon
Berge des Wahnsinns

Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

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Im Rahmen dieser Artikelreihe möchte ich irgendwann Bram Stokers „Dracula“ in aller Ausführlichkeit besprechen, allerdings gibt es noch drei Werke, die zuvor bearbeitet werden müssen. Alle drei gehören zu wichtigen Frühwerken der Vampirliteratur und haben viele der späteren Werke, inklusive „Dracula“, massiv beeinflusst, sind aber, vielleicht mit einer Ausnahme, fast nur noch Kennern der Materie geläufig.

„Die Familie des Wurdalak“, oft auch „Die Familie des Vampirs“ und manchmal mit dem Titel „Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“ versehen, wurde von dem russischen Schriftsteller Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï (1817 bis 1875, nicht mit Leo Tolstoi zu verwechseln) bereits 1840 in französischer Sprache verfasst, aber erst 1884 in russischer Übersetzung unter dem Titel „Russki Westnik“ („Russischer Bote“) veröffentlicht. Die französische Originalfassung konnte erst ab 1950 erworben werden. Anders als John William Polidori, dessen Vampir Lord Ruthven sich von den Gestalten osteuropäischer Volkssagen deutlich unterschied und ein blutsaugender Gentleman war, greift Tolstoï stärker auf Inhalt und Atmosphäre der ursprünglichen Vampirlegenden zurück.

Die Erzählung handelt von dem jungen französischen Diplomaten Serge d’Urfé, der sich auf einer wichtigen Mission in Osteuropa befindet, aber wegen eines Schneesturms in einem kleinen Dorf in der Hütte einer Familie Unterschlupf suchen muss. Die Stimmung ist gedrückt: Gorcha, das Familienoberhaupt, hat sich in die Berge begeben, um den türkischen Räuber Ali Bek zu fangen. Gorcha hat seiner Familie befohlen, nur zehn Tage auf ihn zu warten, nach Ablauf dieser Frist soll er nicht mehr eingelassen werden, da er sich wohl in einen Wurdalak, einen Vampir verwandelt hat. Serge hält dies für Aberglauben und hat nur Augen für Sdenka, Gorchas Tochter. Die Meinung des Franzosen ändert sich allerdings langsam, als Gorcha kurz vor bzw. nach Ablauf der Frist zurückkehrt. Trotz einiger Zweifel lässt die Familie den Vater ein, was sich als schwerer Fehler erweist. Gorcha verhält sich höchst ungewöhnlich, merkwürdige Vorkommnisse häufen sich und schon bald wird klar: Der alte Mann ist tatsächlich zum Wurdalak geworden. Schließlich fällt Gorchas Enkel der Blutlust seines Großvaters zum Opfer, was dessen Vater Georges dazu veranlasst, das Familienoberhaupt anzugreifen und ihn in den Wald zu jagen. Bald darauf erklärt Georges seinem Gast, er müsse nun aufbrechen. Nach dem Ende seiner Mission kehrt Serge in das Dorf zurück, nur um herauszufinden, dass Georges seinen Vater zwar töten konnte, sein Sohn aber bereits zum Vampir geworden ist. Nach und nach wurden erst die Familie und dann das ganze Dorf zu Vampiren. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der untoten Sdenka. Nur sein Kreuz rettet Serge vor dem Durst der Vampirin und er kann schließlich fliehen.

Viele der Elemente, die heute als Klischees des Vampirgenres gelten, nahmen in dieser Geschichte ihren Anfang. Vor allem das Setting ist geradezu typisch: Ein kleines Dorf in Osteuropa im Winter, voll von abergläubischen Menschen, die am Ende doch recht behalten – man kann sich gut vorstellen, dass Tolstoïs Geschichte den Anfang von „Dracula“ doch zumindest beeinflusst hat. Auch der langsame, aber wirkungsvolle Spannungsaufbau findet sich wider: Genauso, wie Jonathan Harker die wahre Natur seines Gastgebers entdeckt, muss auch Serge d’Urfé langsam erkennen, in was sich das Familienoberhaupt Gorcha verwandelt hat. Ebenso spielt die Abneigung von Vampiren gegen christliche Symbole eine wichtige Rolle: Nicht nur hat das Kreuz eine schützende Wirkung, Gorcha ist auch unfähig, ein Tischgebet zu sprechen und wird dadurch enttarnt.

Wie bereits erwähnt basiert Tolstoïs Konzeption des Vampirs sehr stark auf osteuropäischen Legenden: Bis auf Sdenka besitzen die Vampire dieser Erzählung keine erotischen Elemente, und selbst Sdenka zeigt ihr wahres Gesicht, nachdem sie mit Serges Kreuz in Berührung kommt. Auch die Affinität für Familienmitglieder und Menschen, die der Vampir zu Lebzeiten liebte, entstammen dem Volksglauben – laut „Die Familie des Wurdalak“ ist es diese Eigenschaft, die den Wurdalak von anderen Vampiren unterscheidet.

Während sich viele Elemente aus „Die Familie des Wurdalak“ in späteren Werken wiederfinden, ist die Geschichte selbst inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde auch nicht groß adaptiert, es existieren lediglich zwei Filmversionen des Stoffes. Die erste ist Teil des italienischen Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ („I tre volti della paura“) von Mario Bava, mit Boris „Frankenstein“ Karloff als Gorcha. 1972 erschien, abermals in Italien, eine weitere Adaption namens „La notte dei diavoli“ („Die Nacht der Teufel“). Bei beiden Filmen handelt es sich wohl um eher um freiere Adaptionen. Darüber hinaus wurde Tolstoïs Erzählung im Rahmen der Hörspielserie „Gruselkabinett“ sehr gelungen und atmosphärisch adaptiert – diese Version der Geschichte kann ich nur empfehlen.

Berge des Wahnsinns

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An H. P. Lovecraft scheiden sich die Geister – für seine Art des Horrors und des Grauens muss man empfänglich sein (und zudem sollte man wegen seines trockenen und mitunter sperrigen Stils auch ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen besitzen). An seiner, nach „Der Ruf des Cthulhu“, berühmtesten Geschichte, „Berge des Wahnsinns“, scheiden sich allerdings selbst unter denen, die Lovecraft wohlgesonnen sind, die Geister.
Inhaltlich gibt es zwar viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zu den typischen Lovecraft-Geschichten. Die bedeutendste Abweichung vom üblichen Schema dürfte wohl der Schauplatz sein; während die meisten seiner Geschichten in Lovecrafts Heimat Neuengland (wo „Berge des Wahnsinns“ immerhin beginnt), finden die Ereignisse dieser Erzählung in der Antarktis statt. Ansonsten ist allerdings vieles Vertraut: Wie so oft haben wir einen Ich-Erzähler; die Geschichte ist als Bericht eines Überlebenden konzipiert. Ebenso tauchen viele der typischen Lovecraft-Anspielungen auf, etwa die Stadt Arkham oder das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred.
Der Ich-Erzähler, William Dyer, berichtet von einer Expedition der Miskatonic-Universität in die Antarktis. Das Expeditionsteam entdeckt dabei tief im Süden eine gewaltige Bergkette, deren Gipfel höher sind als der Mount Everest. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen die Forscher zuerst auf merkwürdige Fossilien und später auf eine gewaltige Stadt, die nicht von Menschenhand errichtet wurde. Sie entdecken, dass bereits andere intelligente Geschöpfe, die sie die „Alten Wesen“ nennen, die Erde bevölkert, gegen den tentakelgesichtigen Gott Cthulhu gekämpft und wahrscheinlich auch das restliche Leben auf der Erde erschaffen haben – und nicht nur dieses. Als Sklaven verwendeten sie die ebenfalls künstlich gezüchteten Shoggothen, doch diese erhoben sich gegen ihre Herren, und sie bevölkern immer noch die Berge des Wahnsinns…
„Berge des Wahnsinns“ gehört zwar zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“ (Lovecraft selbst verwendete diesen Begriff nie für die von ihm geschaffene, lose miteinander verknüpfte Mythologie, er stammt von August Derleth), doch die Herangehensweise ist eine andere als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten. Während diese zumeist eher andeuten und mysteriös bleiben – nicht selten verfällt der Protagonist dem Wahnsinn, weil er das Ausmaß des kosmischen Bedrohung, die von den Großen Alten ausgeht, schlicht nicht erfassen kann – ist diese Geschichte eindeutiger. Auf gewisse Weise folgt „Berge des Wahnsinns“ dem üblichen Muster, aber eben nur auf gewisse Weise. Nicht zuletzt wegen der Protagonisten ist alles wissenschaftlicher als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten; „Berge des Wahnsinns“ führt den „Cthulhu-Mythos“ nicht nur weiter, sondern dekonstruiert ihn auch. Lovecraft war bekennender Atheist und ging schließlich auch an seinen eigenen Mythos wissenschaftlich heran. In vielen Mythos-Geschichten gibt es ein gewisses Science-Fiction-Element, das in dieser am stärksten hervortritt – durch die Analyse Dyers werden die „Monster“ der Geschichte greifbarer. Obwohl der Mythos dekonstruiert wird, ist der Schrecken von „Berge des Wahnsinns“ doch von der Sorte, wie man ihn häufig bei Lovecraft findet: Die Idee der Bedeutungslosigkeit der Menschen, die lediglich aus Zufall oder zum Amüsement einer überlegenen Spezies erschaffen wurden.
Um ganz ehrlich zu sein: Mir persönlich sind die mythischeren Lovecraft-Geschichten lieber, in „Berge des Wahnsinns“ ist vieles ein wenig zu klar und eindeutig; so spielen die mythischeren Elemente, wie das Necronomicon, dieses Mal auch eine eher untergeordnete Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Geschichte nicht auch ihre ganz eigene Faszination ausüben würde. Das ewige Eis der Antarktis schafft eine fremdartige Atmosphäre, die Lovecraft vorzüglich auszunutzen weiß.
Daher ist es wenig verwunderlich, dass vor einiger Zeit eine Filmadaption von „Berge des Wahnsinns“ geplant war. Guillermo del Toro sollte Regie führen – eine Nachricht, die den Fans buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, immerhin hatte der Mexikaner bereits bei „Hellboy“ eine gewisse Affinität für Lovecraft gezeigt. Del Toro war auch nicht bereit, Kompromisse einzugehen und wollte partout nicht, dass der Stoff entschärft, mit einem Happy-End versehen oder auf andere Art an Hollywood-Konventionen angepasst wurde. Möglicherweise wurde der Film deshalb auch, trotz der Unterstützung James Camerons, für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Als weiterer Grund wird oftmals Ridley Scotts „Prometheus“ angegeben – ich schrieb ja bereits an anderer Stelle, dass „Prometheus“ beinahe wie eine Sci-Fi-Version von „Berge des Wahnsinns“ wirkt.
Obwohl der Film letztendlich nicht gedreht wurde und die Chancen darauf, dass er noch gedreht wird, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher gering sind, ist es möglich, „Berge des Wahnsinns“ zu konsumieren, ohne Lovecrafts Text lesen zu müssen – man kann ihn einfach hören. Für den Anfänger empfiehlt sich hierbei das Gruselkabinett-Hörspiel von Titania Medien, in der das Ganze ein wenig entschärft und den Gewohnheiten eines modernen Publikums angepasst wurde. Die Figuren wirken ein wenig runder und lebensechter, zwei der Wissenschaftler wurden zu Frauen gemacht, es existiert die Andeutung einer Romanze (was bei Lovecraft nun wirklich selten vorkommt) und die ganzen mythologischen Hintergründe (Cthulhu, Necronomicon etc.) wurden ersatzlos gestrichen. Dennoch bleibt die Essenz der Geschichte erhalten – und rein technisch ist die Umsetzung, wie üblich, tadellos.
Wer den unverfälschten Text möchte, kann auch zur Komplettlesung mit David Nathan von LPL-Records greifen. Nathan liest gut und routiniert, aber gerade, wenn sich der Text in wissenschaftlichen Details zu verlieren droht, ist das Hören fast anstrengender als das Lesen.
Fazit: „Berge des Wahnsinns“ gehört zu den Lovecraft-Geschichten, die sich recht weit vom Horror entfernen und eher in Richtung Science-Fiction tendieren. Sie funktioniert fast als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“, wobei der Grusel leider ein wenig auf der Strecke bleibt. Interessant ist „Berge des Wahnsinns“ jedoch allemal und sollte von jedem, der sich für Lovecraft interessiert, gelesen werden.

Anmerkung: Dieser Artikel sollte eigentlich Teil der Halloween-Artikelreihe sein, universitäre Gründe haben allerdings verhindert, dass ich all das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Die geplanten Artikel kommen trotzdem, aber eben mit Verspätung.

Siehe auch:
Der Cthulhu Mythos
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham