Geschichte der Vampire: Blade

Halloween 2022
Blade_Trilogy
Während wir uns heute vor Comic- bzw. Superheldenfilmen kaum retten können, sah das in den 90ern noch ganz anders aus: Neben diversen B- und C-Produktionen (wer erinnert sich noch an den Captain-America-Film von 1990?) hatte man eigentlich nur zwei Filmreihen zur Auswahl: Die Superman-Filme mit Christopher Reeve, denen nach dem vierten Eintrag die Luft ausgegangen war und die Batman-Filme von Tim Burton und Joel Schumacher, denen 1997 ebenfalls die Luft ausging. Bereits ein Jahr später kam dann die Figur ins Kino, die als erster früher Wegbereiter der aktuell anhaltenden Welle von Superhelden-Filmen gilt: Blade. Zugleich hatte der Daywalker allerdings auch massiven Einfluss auf Vampirfilme und sonstige -medien. Dieser Artikel dient zur Eröffnung der diesjährigen Halloween-Saison.

Die Comicfigur
Sein Debüt feierte der Daywalker 1973 in der zehnten Ausgabe der Comicserie „The Tomb of Dracula“, Marvels wahrscheinlich profiliertester Horrorserie; geschaffen wurde er von Autor Marv Wolfman und Zeichner Gene Colan. In „The Tomb of Dracula“ gehört Blade zu einer Gruppe Vampirjäger, darunter Rachel Van Helsing und Quincey Harker, die sich, wie könnte es auch anders sein, mit Dracula herumschlagen müssen. Diese erste Version der Figur hat optisch noch nicht allzu viel mit der späteren Inkarnation gemein: Er hat einen Afro und trägt eine gelbe Brille sowie eine leuchtend grüne oder orange-braune Jacke. Wie seine spätere Filminkarnation wird auch in den Comics seine Mutter von einem Vampir gebissen, dadurch wird Blade, dessen bürgerlicher Name Eric Brooks lautet, allerdings erst einmal „nur“ immun gegen Vampirbisse – übernatürliche Fähigkeiten erhält er erst später durch Morbius, den lebenden Vampir. Nach seinem Debüt wurde Blade allerdings eher sparsam eingesetzt, agierte außerhalb von „The Tomb of Dracula“ aber auch immer wieder mit anderen Marvel-Figuren, die eher in Richtung Horror tendieren, darunter, wie bereits erwähnt, Morbius oder der Ghost Rider.

blade_card_0
Blades ursprüngliches Design

Sein ikonisches schwarzes Lederoutfit bekam Blade Anfang der 90er, zu dieser Zeit war er auch immer wieder mit anderen übernatürlichen Superhelden unterwegs, mit denen er ein Team bildete, darunter die Midnight Sons und die Nightstalker – Letztere tauchen zumindest namentlich in „Blade Trinity“ auf. Zugegebenermaßen bin ich mit der Comicversion der Figur nur leidlich vertraut, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Blade nie eine länger laufende eigene Serie vergönnt war. Stattdessen trat er als Teil der oben genannten Teams auf, absolvierte Gastauftritte oder bekam Miniserien spendiert. Seinen ersten bewegten Auftritt bekam er in einigen Episoden von „Spider-Man: The Animated Series“, in welcher er von J. D. Hall gesprochen wurde.

Art of Adaptation: Vampirkonzept der Trilogie
Vampire in den Marvel-Comics begannen relative nah an Stoker – die Comicserie „The Tomb of Dracula“ zeigte einen relativ traditionellen Grafen, dementsprechend konnten sich Marvel-Vampire verwandeln und Tiere kontrollieren, waren anfällig gegenüber heiligen Symbolen usw. Über die Jahre hinweg wurde Marvels „Vampir-Mythologie“ natürlich deutlich komplexer, man schuf Verknüpfungen ins Hyborische Zeitalter (ja, Conan gehört formal zum Marvel-Universum) und machte einen gewissen Varnae (eine Anspielung auf „Varney, the Vampire; or, the Feast of Blood“, eine Penny-Dreadful-Reihe, die Jahrzehnte vor Dracula, in den 1840ern publiziert wurde) zum ersten Vampir. Marvel-Vampire waren und sind sehr eindeutig magisch – ein Aspekt, von dem sich die Blade-Filme fast völlig distanzierten.

Vampirismus in der Blade-Trilogie wird eindeutig als Virus identifiziert, Vampire bekommen einen wissenschaftlichen Namen – Hominis nocturnae – und auch sonst werden die „mythischen“ Aspekte zurückgefahren. Während Knoblauch, Silber und Sonnenlicht adäquate Waffen gegen die Blutsauger sind, bleiben heilige Symbole oder fließendes Wasser völlig nutzlos. Statt Varnae ist nun Dracula, bzw. Drake, bzw. Dagon der erste Vampir. Bei ihm handelt es sich um eine Art fast perfekter Prototyp, der wie Blade selbst über die Stärken der Vampire, aber nicht über die Schwächen (ausgenommen der Blutdurst) verfügt. Ein mythisches Element bleibt aber doch erhalten: Der Blutgott La Magra, der im ersten Film als finaler Gegner fungiert, ist recht eindeutig übernatürlich und scheint in letzter Konsequenz der Verursacher des Vampirvirus zu sein. Wie in „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien (inklusive der Marvel-Comics) teilen sich die Vampire in verschiedene Gruppierungen auf, hier als „Häuser“ bezeichnet, und verfügen zudem über eine große Anzahl menschlicher Diener, die mit Vampirrunen gebrandmarkt werden. Vampire können sowohl normal gezeugt als auch durch einen Biss verwandelt werden, wobei Erstere einen höheren Status als Letztere haben und es durchaus möglich ist, Letztere wieder in Menschen zurückzuverwandeln. In „Blade II“ wird eine durch Experimente geschaffene Unterart eingeführt, die Reaper, die Vampirblut trinken und „gewöhnliche“ Vampire durch ihren Biss in Reaper verwandeln.

Blade selbst verfügt von Anfang an über die Kräfte, die er in den Comics erst nach und nach bekommt, da Morbius in der Filmtrilogie nicht auftaucht (allerdings war wohl ein Cameo geplant, das es aber nicht in die finale Schnittfassung des ersten Films schaffte). Alle seine Fähigkeiten werden durch seinen Status als Halbvampir erklärt, die einzige Schwäche, die geblieben ist, ist der Blutdurst, gegen den er mit einem speziellen Serum ankämpft. In ernsten Situationen ernährt er sich allerdings durchaus auch von echtem Blut. Einige weitere Elemente der Comics finden sich ebenfalls in den Filmen, wenn auch meistens stark abgewandelt. Deacon Frost (Stephen Dorff) ist in den Comics wie in den Filmen der Vampir, der Blades Mutter attackiert und auch regelmäßiger Widersacher – die Comicversion ist allerdings deutlich älter (sowohl optisch als auch tatsächlich). Hannibal King und die Night Stalker entstammen ebenfalls den Comics, genauso wie Dracula selbst, alle wurden aber massiven Änderungen unterzogen.

Urban Style: Blade

In vielerlei Hinsicht ist „Blade“ als Superheldenfilm eine eher untypische Angelegenheit, da Blade eben kein typischer Superheld ist. Zwar verfügt Blade technisch gesehen über einen bürgerlichen Namen – Eric Brooks – dieser spielt für ihn aber keine Rolle. Auch geht es ihm nicht wirklich darum, Menschen zu retten, sondern Vampire zu bekämpfen. In dieser Hinsicht gehört er zudem zu den Vorreitern eines Umkehrtrends im Genre: Zuvor waren Vampire zumeist die Einzelgänger, die von Vertretern einer bürgerlichen Gesellschaft gejagt wurden, in „Blade“ hingegen ist es genau anders herum: Es sind die Vampire, die als mafiöse Gruppe die Menschheit unterwandert haben, während der Jäger alleine bzw. mit nur wenigen Verbündeten arbeitet. Dieser Aspekt wird in „Blade: Trinity“ noch einmal stärker, dort benutzen die Vampire das Gesetz, um Blade auf den Leib zu rücken.

Angesichts all dessen ist es fast schon ironisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend, wie sehr sich Regisseur Stephen Norrington und Drehbuchautor David S. Goyer an Tim Burtons „Batman“ orientierten. Gerade bezüglich der Charakterisierung der Hauptfigur und der Handlungskonstruktion finden sich viele Parallelen. Wesley Snipes‘ Blade ist wie Michael Keatons Batman ein ziemlich statischer Charakter, über den man als Zuschauer nicht allzu viel erfährt – beide bleiben relativ unerforschte Antihelden, Getriebene, deren Motivation und Werdegang nicht en detail dargelegt werden. Beide sind zu Beginn des Films bereits vollständig geformt und entwickeln sich, wenn überhaupt, nur minimal. Bei beiden erleben wir nur das auslösende Moment (Mord an den Waynes bzw. Vampirwerdung der Mutter) ihres Kreuzzugs in Flashbacks, aber nichts von der formativen Zeit. Das steht in krassem Gegensatz zu vielen späteren Superheldenfilmen wie „Batman Begins“ oder Sam Raimis „Spider-Man“, die sich diesen Aspekten sehr ausführlich widmen.

Auch die Beziehung zwischen Protagonist und Antagonist ist erstaunlich ähnlich: Sowohl Jack Napier/Joker (Jack Nicholson) als auch Deacon Frost (Stephen Dorff) beginnen als „Unterboss“ in ihrer Organisation, um sich anschließend den Weg an die Spitze zu morden. Zudem sind beide Verantwortlich für die Heldenidentität des Widersachers: Jack Napier tötete die Waynes, Deacon Frost verwandelte Blades Mutter Vanessa (Sanaa Lathan) während der Schwangerschaft in eine Vampirin und sorgte so dafür, dass Blade überhaupt erst in der Lage ist, seinem Handwerk nachzugehen. In der Handlungskonstruktion finden sich zudem Parallelen zwischen Vicky Vale (Kim Basinger) und Karen Jenson (N’Bushe Wright), die mehr oder weniger unfreiwillig in die Welt des Titelhelden hineingezogen werden und als Avatar der Zuschauer fungieren. Anders als in „Batman“ gibt es hier allerdings keine Romanze – tatsächlich hat Wesley Snipes mit keiner der „Leading Ladies“ der Filmreihe wirklich Chemie. Alfred (Michael Gough) und Whistler (Kris Kristofferson) gleichzusetzen ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt, aber als einzige Vertrauter und Mentor des Helden gibt es doch gewisse Parallelen…

Stilistisch hingegen distanziert sich „Blade“ stärker von sowohl „Batman“ als auch von herkömmlichen Vampirfilmen – Stephen Norrington fährt den Gothic-Faktor soweit zurück wie möglich, alles ist urban, stylisch und glatt. In vielerlei Hinsicht bereitete Blade bereits die Ästhetik vor, die die Matrix-Trilogie später popularisieren sollte – inklusive der allgegenwärtigen Ledermäntel und Sonnenbrillen. Zweifelsohne ist „Blade“ Style over Substance, wie bereits erwähnt macht der eigentliche Titelheld kaum eine Entwicklung durch, wenn überhaupt ist es Karen Jenson, die sich von der Ärztin zur Vampirjägerin wandelt. Trotzdem funktioniert Blade, primär deshalb, weil Goyer, Norrington und Snipes die Figur ernst nehmen und natürlich, weil die Action schlicht gut und unterhaltsam ist. Die größte Schwäche des Films ist dabei das Finale, das die geerdeten Aspekte und die pseudowissenschaftliche Natur der Vampire hinter sich lässt und uns nebst einem Blutgott auch viel schlechtes CGI serviert, das einfach nicht hätte sein müssen. Zudem ist es eine merkwürdige Entscheidung, Blade seine Mutter als Vampirin zu präsentieren und dann praktisch nichts damit zu machen.

Ironischerweise bringt „Blade“ gerade die Qualitäten mit, die bei aktuellen Marvel-Filmen oftmals vermisst werden: Handgemachte Action mit einem gewissen Härtegrad und eine Portion Ernsthaftigkeit. Nicht, dass in „Blade“ nicht absurdes Zeug passieren würde oder der Film humorbefreit wäre, aber es fehlt das selbstreferenzielle Augenzwinkern und der Metahumor, der selbst eingefleischten MCU-Fans inzwischen zu viel wird. Gerade aus diesem Grund ist ein in nicht allzu ferner Zukunft ausstehender MCU-Auftritt Blades (gespielt von Mahershala Ali) nicht unbedingt vielversprechend – es sei denn, Kevin Feige entschließt sich, den Tonfall und den Gewaltgrad der Marvel-Netflix-Serien zuzulassen.

Kommen wir noch zu den Vampiren in diesem Film: Eine wirklich tiefgründige Erforschung der vampirischen Zustandes oder des Blutdurstes darf man hier natürlich nicht erwarten, schließlich hat Anne Rice nicht das Drehbuch geschrieben. Blade hat wegen seines Blutdurstes keine Schuldgefühle und fällt in diesem Film auch nicht unkontrolliert Menschen an, der Durst wird eher wie eine typische Superheldenschwäche behandelt. Alle anderen Vampire sind unweigerlich böse, ob sie nun Traditionalisten sind wie der von Udo Kier gespielte Gitano Dragonetti (eine Anspielung auf Kiers Auftritt als Dracula in „Blood for Dracula“ aus dem Jahr 1974?) oder aufbegehrende Rebellen wie Deacon Frost. Als solche hinterlassen Frost und seine Kumpanen zweifelsohne ordentlich Eindruck und sind höchst unterhaltsam.

Neo Gothic: Blade II

Trotz des Erfolges von „Blade“ – der erste Marvel-Charakter, der an den Kinokassen tatsächlich einen ordentlichen Gewinn einbrachte – kehrte Stephen Norrington nicht zurück. An seiner statt nahm Guillermo del Toro die Zügel in die Hand. Für viele, mich eingeschlossen, ist „Blade II“ nach wie vor der beste Teil der Trilogie, denn del Toro nimmt im Grunde alles, was im ersten Teil funktionierte und reichert es um seine eigene Ästhetik an. Wesley Snipes kehrt natürlich als Titelheld zurück. N’Bushe Wright als Karen Jenson sehen wir dagegen nicht wieder, statt ihrer hat Blade mit Scud (Norman Reedus) einen neuen Sidekick. Trotz seines scheinbaren Todes in „Blade“ taucht Kris Kristofferson wieder auf, der Dank eines ziemlich uneleganten Retcons abermals als Blades Vertrauter und Mentor fungieren darf.

Die Action, Coolness und eher dürftige Figurenzeichnung des Vorgängers behält del Toro bei (David S. Goyer ist abermals für das Drehbuch verantwortlich), geht ästhetisch jedoch völlig andere Pfade: „Blade II“ ist dreckiger, gotischer und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „europäischer“ als Teil 1, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Film in Prag spielt und dort auch gedreht wurde. Zudem fährt del Toro hier ein völlig anderes Kaliber an Vampiren auf: Die rebellischen Hipster-Vampire, aus denen Deacon Frosts Clique bestand, sind ebenso Vergangenheit wie die Mafiosi-artige alte Garde um Dragonetti, stattdessen lebt del Toro seine Vorliebe für monströse Vampire aus, die später in der von ihm produzierten Serie „The Strain“ noch stärker hervortreten sollte. Die neue große Gefahr dieses Films sind die Reaper, eine erst vor kurzem aufgetauchte Unterart von Vampiren, deutlich stärker und widerstandsfähiger als die gewöhnlichen Blutsauger, nicht zuletzt, weil ihr Herz besser geschützt ist. Da die Reaper bevorzugt Vampirblut trinken und so andere Vampire in ihresgleichen verwandelt, haben Blade und die „normalen“ Vampire einen gemeinsamen Feind. Blade muss sich also mit einem vampirischen Einsatzteam, dem „Blood Pack“ unter Führung von Nyssa Damaskinos (Leonor Varela) verbünden, um die Reaper aufzuhalten. Sowohl Eli Damaskinos (Thomas Kretschman) als auch die Reaper und ihr Anführer Nomak (Luke Goss) sind mit ihren entstellten Gesichtern und kahlen Schädeln eindeutig von Graf Orlok aus Wilhelm Friedrich Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ beeinflusst.

Das Blood Pack hingegen knüpft relativ direkt an „Blade“ an, indem hier eine Reihe von nicht unbedingt gut ausgearbeiteten, aber doch einprägsamen Charakteren geboten wird. Zudem finden sich einige interessante Schauspieler in dieser Gruppe. Ron Perlmans Präsenz dürfte wohl niemanden, der mit del Toro vertraut ist, groß überraschen – er spielt den ziemlich sadistischen Vampir Reinhardt. Perlman, Nomak-Darsteller Luke Goss und del Toro sollten später zusammen „Hellboy II: The Golden Army“ drehen. Darüber hinaus gehören auch Martial-Arts-Legende Donnie Yen als „Snowman“ sowie Tony Curran als „Priest“ zum Bloodpack – Letzterer sollte in „Underworld: Evolution“ in die Rolle des Vampirältesten Markus Corvinus schlüpfen. Das gesamte Bloodpack ist höchst unterhaltsam, ebenso wie Luke Goss‘ Nomak und sein Vater Eli Damaskinos – Thomas Kretschman hat sichtlich Spaß daran, so richtig schön fies zu sein. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich Leonor Varela, die zwar sehr gut aussieht und wie ein Prototyp von Kate Beckinsales Selene aus den Underworld-Filmen wirkt, aber ihre Figur nicht wirklich authentisch rüberbringen kann. Das ist verdammt schade, da sie im Grunde der einzige Vampircharakter der gesamten Trilogie ist, der nicht ausschließlich böse ausfällt. Ein weiteres Manko sind abermals einige der Effekte – während die Action nach wie vor sehr gut ist, traf man die Entscheidung, die Figuren immer wieder absurde akrobatische Einlagen absolvieren zu lassen, die per CGI umgesetzt wurden, die bereits 2002 nicht gut aussahen und wirklich extrem schlecht gealtert sind.

Dennoch, aufgrund von Guillermo del Toros Regieführung und seinen stilistischen Vorlieben, die sich mit den meinen überschneiden, ist „Blade II“ definitiv mein Favorit dieser Filmreihe, nicht zuletzt, weil del Toro sich hier noch am ehesten mit der vampirischen Natur auseinandersetzt, sei es durch die etwas komplexere Nyssa oder den Umstand, dass die Vampire hier selbst von Jägern zu Opfern einer noch übleren Spezies von Monstern werden, während ihr Anführer sich nicht nur als Mafiaboss oder machthungriger Aufsteiger, sondern praktisch als Nazi entpuppt, der so etwas wie eine neue vampirische Herrenrasse züchten möchte. Diese Aspekte gehen nach wie vor nicht wirklich in die Tiefe, werden aber stärker und besser herausgearbeitet, als es im ersten und dritten Teil der Trilogie der Fall ist.

The Tomb of Dracula: Blade Trinity

David S. Goyer ist ein ziemlich wechselhafter Drehbuchschreiber – wenn er mit einem guten Regisseur wie Guillermo del Toro oder Christopher Nolan zusammenarbeitet, kann durchaus ein brauchbarer oder sogar sehr guter Film herauskommen. Wenn er hingegen selbst Regie führt, wie es bei „Blade: Trinity“ der Fall ist, entsteht ein mittelschweres Desaster. Die Probleme und Konflikte, die sich hinter den Kulissen abspielten, sind inzwischen legendär, nicht zuletzt, weil Patton Oswald und Ryan Reynolds immer wieder gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Goyer und Wesley Snipes konnten sich offenbar nicht ausstehen, was dazu führte, dass Letzterer ernsthafte Diva-Allüren entwickelte, seinen Trailer nicht verlassen wollte, mit dem Regisseur nur über Notizen kommunizierte und generell nicht zugänglich war. Doch selbst wenn man davon absieht, dass Snipes schlicht keine Lust hatte, in diesem Film mitzuspielen, passt vieles einfach nicht zusammen, die Regieführung ist bestenfalls holprig und schlimmstenfalls inkompetent. Erschwerend hinzu kommt, dass Elemente, die 1998 noch frisch und innovativ waren, im Jahr 2004, nach drei Matrix- und dem ersten Underworld-Film inzwischen ziemlich ausgelutscht wirkten.

Goyers Drehbuch ist da leider auch keine Hilfe, denn im Grunde handelt es sich bei der Story von „Blade: Trinity“ um ein Konglomerat an Handlungselementen aus den ersten beiden Filmen. Whistler stirbt zum zweiten und letzten Mal, Blade muss, wie schon im zweiten Teil, abermals mit einer Gruppe zusammenarbeiten; dieses Mal sind es die zumindest dem Namen nach aus den Comics stammenden Nightstalker, ein weiteres Mal hat er es mit einem „Supervampir“ zu tun und bereits zum dritten Mal macht Blade praktisch keinerlei Wandlung durch. Im Gegensatz zum zweiten Film greift Goyer zumindest formal in größerem Ausmaß auf die Vorlage zurück – auch Hannibal King (Ryan Reynolds) entstammt den gedruckten Seiten und natürlich hätten wir da noch Dracula…

Der Fürst der Vampire wird in diesem Film von Dominic Purcell, primär aus der Serie „Prison Break“ bekannt, gespielt, und ist leider ein weiterer Aspekt, der auf keiner Ebene funktioniert. Wie oben bereits erwähnt nimmt Dracula die Stellung als erster Vampir ein, die in den Comics Varnae innehat. Wie Blade ist er immun gegen das Tageslicht und wurde darüber hinaus als Vampir im antiken Babylon geboren, wo er unter dem Namen Dagon ein Kriegsherr wurde und sich einen blutigen Weg durch die Jahrtausende bahnte. U.a. posierte er auch als Vlad Țepeș und inspirierte in letzter Konsequenz Bram Stoker, zog sich dann aber angewidert von der Welt zurück, um im 21. Jahrhundert von der Vampirin Danica Talos (Parker Posey) und ihren Handlangern wiederweckt zu werden, um gegen Blade zu kämpfen. Schauspieler, die Dracula spielen, werden automatisch an ihren Vorgängern gemessen – eine illustre Riege, zu der neben Bela Lugosi auch Größen wie Christopher Lee, Gary Oldman oder Frank Langella gehören. Dominic Purcell ist zweifelsohne einer der schlechtesten Draculas, weder verfügt er über die Ausstrahlung eines Lugosi, noch über das Charisma eines Lee oder die Komplexität eines Oldman; auch als sumerischer Kriegsherr oder uraltes, unmenschliches Monster weiß er nicht zu überzeugen. Stattdessen wirkt er eher wie ein gelangweilter Rapper.

Alle anderen Aspekte der Produktion sind ebenso misslungen. In den ersten beiden Filmen merkt man Snipes seine Passion für das Material an, diese ist durch den Konflikt mit Goyer völlig verloren gegangen. Die ürbigen Charaktere sind entweder flach, überzeichnete Karikaturen oder beides. Abigail Whistler (Jessica Biel) ist quasi wandelndes Product Placement, Ryan Reynolds scheint schon mal für Deadpool zu üben und Parker Posey und ihr vampirischer Anhang ist völlig überdreht und weit entfernt von den einprägsamen Blutsaugern der ersten beiden Teile.

Apokryphen und Vermächtnis
Unglaublich, aber wahr: Trotz der nicht gerade überwältigenden Rezeption von „Blade: Trinity“ schickte Warner Bros. 2006 eine Blade-Fernsehserie an den Start, die wirklich kaum jemand gesehen hat. Ich glaube, ich habe mir ein oder zwei Folgen angeschaut, als die Serie damals auf ProSieben startete, kann mich aber an absolut nichts mehr erinnern. Obwohl Wesley Snipes nicht mehr beteiligt war – die Titelfigur wird von dem Rapper Kirk Jones alias „Sticky Fingaz“ gespielt – knüpft die Serie an die Filme an, es gibt diverse Anspielungen und sowohl David S. Goyer als auch Ramin Djawadi, der Komponist von „Blade: Trinity“, wirkten an dem Unterfangen mit. Deutlich aufmerksamer dürften Fans der alten Trilogie die MCU-Neuauflage des Vampirjägers verfolgen. Ein erstes (rein stimmliches) Cameo absolvierte Mahershala Ali bereits in der Post-Credits-Szene von „The Eternals“, sein eigener Film kommt im November 2023 ins Kino; meine Bedenken diesbezüglich habe ich oben bereits geschildert.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von „Blade“ auf das Horror-Action-Genre – wenn der Film von 1998 es nicht begründet hat, gehört er doch zumindest zu den Wegbereitern. Filme, Filmreihen und Serien wie „Underworld“, „Resident Evil“, „Van Helsing“, „Priest“ oder „First Kill“ sind massiv vom Einfluss der Blade-Trilogie geprägt. Zudem zeigte Blade, dass ein relativ obskurer Marvel-Charakter an den Kinokassen extrem erfolgreich sein kann. Wenn das MCU sich schon nicht stilistisch an der Trilogie orientiert, so hat es sich doch schon oft genug der Vorgehensweise bedient, indem es absolute Nischenfiguren aus der Versenkung holte und für ein breites Publikum aufbereitete; wer kannte vor 2014 schon die Guardians of the Galaxy? Zudem, und das sollte ebenfalls nicht unterschlagen werden, ist Blade der erste erfolgreiche Superheldenfilm mit einem schwarzen Protagonisten („Spawn“ und „Steel“ kamen zwar vorher ins Kino, können aber beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnet werden) und einem R-Rating und damit Wegbereiter für Filme wie „Black Panther“ oder „Deadpool“.

Bildquelle Titel (New Line Cinema)
Bildquelle klassischer Blade

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Secret Origin
First Kill Staffel 1

Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf

Kommen wir endlich zu dem Schauspieler, der Dracula am häufigsten verkörperte, dem Mann, dem Mythos, der Legende: Sir Christopher Lee. Seinen ersten Auftritt als Dracula absolvierte der 1922 geborene und 2015 verstorbene Darsteller, dem durch seine Rollen als Saruman der Weiße in LotR und Count Dooku in Star Wars in den frühen 2000ern noch einmal ein ordentliches Karriererevival wiederfuhr, 1958 in der Produktion „Dracula“ (US-Titel „Horror of Dracula“) der britischen Hammer Studios. Hierauf sollten noch viele weitere Filme folgen, in denen Lee den untoten Grafen mimte, die meisten, aber nicht alle, ebenfalls von Hammer.

Präludium: Aufstieg der Hammer Studios
Die von Williams Hinds 1934 gegründeten Hammer Studios, bzw. Hammer Film Productions sollten vor allem in den 60ern und 70ern ein Synonym für britischen Horror werden, die ersten Filme des Studios gehörten jedoch einer ganzen Bandbreite an Genres an, von Mystery und Krimi bis hin zur Musical-Komödie fand sich fast alles darunter. Als erster Gehversuch des Studios im Horror-Bereich kann der Film „The Quatermass Xperiment“ aus dem Jahr 1955 gesehen werden, als eigentlicher Start gilt aber „The Curse of Frankenstein“ von 1957; hier versammelte Hammer bereits einen großen Teil der Talente, die später an „Dracula“ beteiligt sein sollten, darunter Regisseur Terence Fisher, Komponist James Bernard sowie die beiden Hauptdarsteller Peter Cushing und Christopher Lee. Während Cushing den titelgebenden Wissenschaftler spielte, wurde Lee vor allem aufgrund seiner enormen Größe als Monster besetzt – schauspielerisch allzu anspruchsvoll war die Rolle nicht. Am bemerkenswertesten ist wohl der visuelle Unterschied zum von Boris Karloff dargestellten Monster der Universal-Filme, das mit seinem eckigen Schädel und den Schrauben im Hals damals wie heute eine Ikone des klassischen Horrorfilms war und ist. Mary Shelleys Roman befand sich bereits damals in der Public Domain, das Aussehen des Monsters aber natürlich nicht, weshalb man sich entschied, auf die Markenzeichen zu verzichten und stattdessen die Entstellungen noch weitaus stärker zu betonen. Wie Karloff verfügt aber auch die von Lee dargestellte Version des Monsters nicht über den Intellekt, den das Gegenstück aus Shelleys Roman besitzt.

Christopher Lee arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit 10 Jahren als Schauspieler – nach seiner Militärkarriere hatte er 1947 umgesattelt – der große Durchbruch war ihm aber bislang verwehrt geblieben, auch wenn ihm seine Rolle in John Hustons „Moulin Rouge“ (1952) zu einer gewissen Bekanntheit verhalf. Die Rolle von Frankensteins Monster war natürlich ebenfalls nicht unbedingt dazu geeignet, Lee zu Ruhm und Ansehen zu verhelfen, da sie einerseits darstellerisch nicht gerade fordernd und sein Gesicht unter der Maske ohnehin kaum zu erkennen war. Ganz anders dagegen der Hammer-Film, der nur ein Jahr später in die Kinos kam: „Dracula“.

Handlungsanpassungen
Während es heute eine große Bandbreite an verschiedenen Dracula-Versionen gibt, hatte das geneigte Filmpublikum in den späten 50ern noch nicht diesen Luxus – Dracula wurde fast ausschließlich mit Bela Lugosi assoziiert. Hammer bemühte sich deshalb in mehr als einer Hinsicht, die Bezüge zum Film von 1931 zu vermeiden. So basiert dieser Film auch nicht auf dem Theaterstück von Hamilton Deane und John L. Balderston, sondern ausschließlich auf Stokers Roman – was aber nicht unbedingt bedeutet, dass er werkgetreuer ist. Zumindest eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Dracula-Produktionen: Ein knappes Budget. Zudem knüpften Terence Fisher und Drehbuchtautor Jimmy Sangster an die bereits in „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ und Tod Brownings „Dracula“ etablierte Tradition an, die Figuren und ihr Verhältnis zueinander kräftig durchzumischen.

Zumindest das grobe Gerüst der Handlung des Romans bleibt bestehen: Jonathan Harker (John Van Eyssen) reist zu Draculas Schloss, um dem Grafen (Christopher Lee) bei gewissen Geschäften behilflich zu sein und anschließend dort festgesetzt zu werden, während sich der Graf aufmacht, anderswo Opfer zu suchen und ein solches in der jungen Lucy (Carol Marsh) findet. Trotz der Bemühungen des hinzugezogenen Abraham Van Helsing (Peter Cushing) gelingt es nicht, Lucy zu retten – sie wird zur Vampirin und muss gepfählt werden. Derweil hat Dracula mit Mina (Melissa Stribling) bereits ein neues Opfer auserkoren. Um sie zu retten muss Van Helsing dem flüchtigen Grafen nach Transsylvanien folgen, um ihm endgültig den Garaus zu machen.

Bei einem Blick auf die Details fallen allerdings sofort die massiven Unterschiede auf: Nicht nur kommt Jonathan Harker am Tag beim Schloss des Grafen an, er ist auch alles andere als ein ahnungsloser Anwalt, der Dracula beim Erwerb von Immobilien helfen soll. Stattdessen wird er als Bibliothekar angeheuert und ist sich sehr wohl im Klaren, wer und was Dracula ist. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Jonathan als Vampirjäger tätig und ermittelt gemeinsam mit Van Helsing, die Stellung als Draculas Bibliothekar ist nur Tarnung. Im Schloss begegnet er, anders als sein Romangegenstück, nur einer Vampirin (Valerie Gaunt), die sich als sehr gequältes und unwilliges Opfer Draculas entpuppt, das seinen Durst einfach nicht kontrollieren kann. Vampirjäger, der er ist, stöbert Jonathan Dracula und seine „Braut“ in der Gruft auf – sie kann er erlösen, Dracula erwacht allerdings und macht Jonathan zu seinesgleichen, bevor er abreist, um Ersatz für die getötete Gespielin zu finden. Bald darauf trifft Van Helsing ein und sieht sich gezwungen, seinen Freund zu pfählen.

Und wo wir gerade von Draculas Abreise sprechen: Weder Whitby noch London tauchen im Film auf. Draculas Schloss wird hier in der Nähe von Klausenburg (Cluj-Napoca) verortet, Draculas Ziel, das er per Kutsche und nicht per Schiff erreicht, ist Karlstadt in Deutschland. Ironischerweise verlegt ausgerechnet die deutsche Synchronisation die gesamte Handlung nach Großbritannien, indem sie aus Klausenburg „Waterfield“ macht.

In Karlstadt warten Jonathans Angehörige auf Nachricht von ihm. Anstatt mit Mina ist er mit Lucy verlobt, die dieses Mal weder das Objekt der Begierde dreier Männer, noch John Sewards Ziehtochter ist – tatsächlich fehlen sowohl Seward als auch Quincey Morris im Film völlig. Stattdessen ist Lucy Arthur Holmwoods (Michael Gough) Schwester und trägt dementsprechend seinen Namen. Arthur selbst muss auf seinen Adelstitel (Lord Godalming) verzichten, dafür ist er mit Mina verheiratet. Van Helsing wird schließlich dann auch nicht als Experte hinzugezogen, um der erkrankten Lucy zu helfen, sondern taucht von selbst auf, um sie über Jonathans Tod zu informieren. Als er von Lucys Krankheit erfährt, schöpft er Verdacht, woraufhin sich die Ereignisse ähnlich entfalten wie in Stokers Roman. Die zur Vampirin gewordene Lucy muss Van Helsing dieses Mal selbst pfählen und auch im Finale wird er deutlich aktiver. Statt einer Verfolgungsjagd mit den Häschern des Grafen (die in diesem Film nicht existieren), hetzen die beiden Widersacher einander durch Draculas Schloss, bis es Van Helsing gelingt, die Vorhänge des Esszimmers aufzureißen, woraufhin die Sonne dem Vampirfürsten ein Ende bereitet.

Inszenierung
In den 30ern hatte Tod Browning bei seiner Dracula-Verfilmung kaum Spielraum, trotz ihres ikonischen Status ist sie, im wahrsten Sinne des Wortes, blutleer: Weder der Prozess des Bluttrinkens, noch der Tod der Vampire wird gezeigt. Brownings „Dracula“ verlässt sich auf das Charisma Bela Lugosis und auf die Atmosphäre, die nicht zuletzt durch die schwarzweißen Bilder begünstigt wird. Terence Fisher musst zwar ebenfalls mit einem sehr beschränkten Budget kämpfen, hatte aber ansonsten nicht dieselben Probleme: Sein Dracula darf Zähne zeigen, Blut trinken und wenn Van Helsing und Arthur Holmwood Lucy pfählen, hält die Kamera voll drauf. Eines der hervorstechendsten Elemente der Horrorfilme von Hammer ist tatsächlich die Farbe des Blutes, das in einem hellen Rotton sofort die Bildkomposition dominiert. Insgesamt ist der Exploitation-Faktor ein essentieller Aspekt der Filme des Studios. Im Vergleich zu späteren Filmen ist „Dracula“ noch recht zahm, aber die tief ausgeschnittenen Dekolletés und die animalischen Angriffe Draculas sprechen eine recht eindeutige Sprache. Dieser Dracula ist kein Verführer, sondern ein Raubtier. Diese verhältnismäßig große Freiheit gibt Fisher die Möglichkeit, viktorianische Prüderie zum Thema zu machen; dieses Element illustriert er beispielsweise durch Minas deutlich freizügigeres Verhalten nach Draculas Biss.

Strukturell ist Fishers „Dracula“ tatsächlich ziemlich ausgewogen, er verfügt über ein höheres Tempo als die sehr gemächliche Browning-Version und erweckt niemals den Eindruck einer abgefilmten Bühnenproduktion, ist aber noch deutlich entspannter als spätere Sequels. Die Abwandlungen in der Handlung und die Reduzierung des Casts nehmen der Geschichte zwar Komplexität, erlauben aber eine gleichmäßige Handlungsführung und weisen zudem einige durchaus interessante Ideen auf. Ein Jahr, bevor Robert Blochs Roman „Psycho“ publiziert wurde, arbeitete Fisher bereits mit demselben Twist: Jonathan Harker tritt als Protagonist auf, nur um am Ende des ersten Aktes unrühmlich abserviert und von Van Helsing abgelöst zu werden – eine Aufgabe, der Peter Cushing mehr als gewachsen ist. Nicht umsonst gilt Cushing vielen als definitiver Van Helsing. Nachdem er in „The Curse of Frankenstein“ den ebenso skrupellosen wie zielstrebigen Victor Frankenstein mit kalter Präzision spielte, zeigt er sich in „Dracula“ von seiner menschlicheren, wärmeren Seite, auch wenn die Zielstrebigkeit zweifelsohne nach wie vor vorhanden ist.

Christopher Lee als Dracula
Rein visuell entspricht Christopher Lee hier nicht unbedingt Stokers Beschreibung: Er mag eine hochgewachsene, imposante Erscheinung sein, lässt jedoch den Schnurrbart vermissen und wird im Verlauf des Films auch nicht jünger. Dennoch ist Lees Graf, zumindest bezüglich der Charakterisierung, der Romanfigur wahrscheinlich am nächsten; diese Version der Figur ist von allen filmischen Darstellungen die böseste, ihm fehlt die Melancholie, über die seine Vorgänger Max Schreck und Bela Lugosi verfügen, von der expliziten Tragik eines Gary Oldman gar nicht erst zu sprechen. Dennoch verleiht auch Lee dem Grafen eine subtile Traurigkeit, eine Unzufriedenheit mit dem untoten Zustand, die in einem der späteren Sequels allerdings noch verdeutlicht wird. Davon abgesehen interpretieren Lee und Fisher Dracula sehr ähnlich wie Stoker: Nur zu Beginn tritt der Graf wirklich als Charakter auf und agiert mit Jonathan Harker, danach fungiert er primär als Monster und spricht kaum mehr – ganz anders als Lugosis Dracula, für den diverse Interaktionsszenen mit den Vampirjägern hinzugedichtet wurden. Fisher setzt Dracula spärlich, aber gezielt ein, eine unsichtbare Bedrohung, der Lucy langsam, aber unweigerlich zum Opfer fällt. Lucys Krankheit, Tod und Rückkehr als Vampirin sind die Elemente des Films, die, trotz des Fehlens von John Seward und Quincey Morris, am akkuratesten umgesetzt sind.

Draculas Eigenschaften als Vampir sind hier relativ stark reduziert: Geblieben ist der Blutdurst, die Anfälligkeit gegenüber heiligen Symbolen, Knoblauch und Sonnenlicht sowie die übermäßig Stärke. Die Macht über Wetter und Tiere sowie die Fähigkeit, sich selbst zu verwandeln, fehlen hingegen – primär aus Budget-Gründen. Es findet sich sogar eine Szene, in der Van Helsing spezifisch auf dieses Element angesprochen wird und sie als Aberglaube abtut. Die „Regeln des Vampirismus“, auf die Stoker sehr viel Wert legte, weshalb er sie von Van Helsing ausgiebig erläutern lässt, spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, stattdessen wird Draculas Tierhaftigkeit, seine animalische Seite betont. Wir wissen alle, dass Christopher Lee extrem charmant, umgänglich und einnehmend sein kann, als Dracula ist seine Darstellung aber primär körperlich und setzt vor allem auf seine beeindruckende und einschüchternde Präsenz.

Sequels
Ebenso wie „The Curse of Frankenstein“ erwies sich auch „Dracula“ als durchschlagender Erfolg und erhielt eine Myriade an Sequels mit stark wechselnder Qualität – weder Christopher Lee noch Peter Cushing tauchen in allen davon auf, aber einer von beiden ist immer zugegen, beide zusammen sollten allerdings nur noch in zwei weiteren Filmen auftauchen. Der Vergleich der Hammer-Dracula-Reihe sowohl mit den Hammer-Frankenstein-Filmen als auch den Universal-Filmreihen bietet einen interessanten Kontrast. Universal baute seine Frankenstein-Filme beispielsweise um das Monster herum auf, während Hammer den Fokus auf Peter Cushings Baron legte – das von Lee dargestellte Monster kam in keinem weiteren vor, einige Filme kommen sogar völlig ohne aus Leichenteilen gebasteltes Monster jeglicher Art aus. Das erste Dracula-Sequel muss, trotz des Namens „The Brides of Dracula“ (1960), ohne den titelgebenden Grafen zurechtkommen – hier werden Erinnerungen an Universals „Dracula’s Daughter“ wache. Beide Filme haben den Grafen im Titel, bringen aber nur Van Helsing zurück und lassen ihn gegen einen neuen Vampir kämpfen. Im Fall von „The Brides of Dracula“ wäre das Baron Meinster (David Peel), für dessen Vampirwerdung wohl Dracula verantwortlich ist und der in einer früheren Skriptfassung als Anhänger Draculas dargestellt wird, was im fertigen Film aber fehlt. Somit muss sich Peter Cushing hier mit einem Blutsauger herumschlagen, der seinem Freund Christopher Lee schlicht nicht das Wasser reichen kann.

Formal gesehen taucht Cushing auch in „Dracula: Prince of Darkness“ (1966) auf, allerdings nur, weil Draculas Todesszene am Anfang noch einmal gezeigt wird, weshalb ich ihn nicht mitrechne. Dafür markiert „Prince of Darkness“ die Rückkehr Lees zur Rolle des Grafen und den Beginn der Tradition, ihn nach dem Tod im vorherigen Film durch irgendeinen hanebüchenen Storykniff wieder zum Leben zu erwecken – meist wird ein Ritual durchgeführt oder aus irgendwelchen Gründen kommt Draculas Asche mit Blut in Berührung, woraufhin sich der Vampirfürst regeneriert. „Prince of Darkness“ ist vor allem bemerkenswert, weil Lee hier kein Wort spricht, nach eigener Aussage weigerte er sich, die fürchterlichen Dialoge aufzusagen, während Drehbuchautor Jimmy Sangster behauptete, nie Dialog für ihn geschrieben zu haben. Wie dem auch sei, mit dem Fortschreiten der Reihe fühlte sich Lee zunehmend unwohl damit, den Grafen zu verkörpern, da er Type Casting fürchtete und oft nur überzeugt werden konnte, indem man ihm erklärte, wie viele Jobs von seiner Beteiligung abhingen. So wirkte Lee nach „Prince of Darkness“ auch in „Dracula Has Risen from the Grave“ (1968), „Taste the Blood of Dracula“ und „Scars of Dracula“ (beide 1970) mit. Der siebte Film der Reihe, „Dracula A.D. 1972“ (1972, mit dem famosen deutschen Titel „Dracula jagt Minimädchen“), ließ Peter Cushing zurückkehren, stellte aber zugleich eine Art Reboot dar. Die Anfangsszene zeigt einen Kampf zwischen dem Grafen und Lawrence Van Helsing (Peter Cushing) im Jahr 1872, was in direkten Widerspruch zu allen anderen Filmen der Reihe steht. Nach seiner Niederlage wird Lees Dracula einhundert Jahre später wiedererweckt und muss sich dieses Mal mit Lorrimer Van Helsing (natürlich ebenfalls Cushing), dem Nachfahren seiner Nemesis, im modernen London herumschlagen. „The Satanic Rites of Dracula“ (1973) ist schließlich der letzte Film, in dem Lee für Hammer das ikonische Cape anlegte, um dieses Mal als ein an Blofeld erinnernder Superschurke die Welt zerstören zu wollen. Abermals ist es Peter Cushing als Lorrimer Van Helsing, der dem Grafen Einhalt gebietet. Nach „The Satanic Rites of Dracula“ hatte Lee endgültig genug, sodass in „The Legend of the Seven Golden Vampires“ (1974), dem unrühmlichen Ende von Hammers Dracula-Reihe, John Forbes-Robertson Dracula mimte, während Peter Cushing ein letztes Mal Van Helsing darstellte – trotzdem gibt es so gut wie keine inhaltlichen Bezüge zu den vorherigen Filmen. Lee selbst spielte Dracula allerdings auch in einigen Filmen, die nicht von Hammer produziert wurden, primär „Count Dracula“ bzw. „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970), eine deutsch-italienische Produktion von Jesús Franco, in der zudem auch Klaus Kinski (der in Werner Herzogs „Nosferatu: Phantom der Nacht“ neun Jahre später selbst Dracula spielen sollte) Renfield mimt, sowie „Dracula and Son“ (Originaltitel: „Dracula père et fils“, deutscher Titel: „Die Herren Dracula“, 1976), einer französischen Komödie, die die Hammer-Filme parodiert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Geschichte der Vampire: Secret Origins

Wo kommen Vampire eigentlich her? Damit meine ich nicht, wie die ursprünglichen Legenden und Geschichten entstanden sind (dazu gibt es viele Theorien und Erklärungsversuche), sondern die Ursprünge und „Werdungsgeschichten“ innerhalb der erzählten Welten. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über einige Entstehungsgeschichten der untoten Blutsauger bieten, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – bei der schieren Masse an Vampirmedien müsste man darüber schon mindestens ein Buch schreiben. Dennoch soll hier eine kleine Auswahl an Erklärungen für den untoten Zustand geboten werden, von mythologisch-religiös über magisch bis hin zu pseudowissenschaftlich.

Back to the Roots: Dracula
Die meisten frühen Vampirgeschichten sorgen sich nicht allzu sehr um den Ursprung der Blutsauger, und dementsprechend tun es auch die Protagonisten nicht, da sie viel mehr damit beschäftigt sind, zu überleben. Während die Werdegänge einzelner Vampire durchaus geschildert werden, wird die Gesamtheit der „Spezies“ bzw. des Phänomens in der Regel einfach nur als übernatürliches Vorkommnis behandelt, für das es keine tiefergreifende Erklärung gibt. In „Dracula“ ist das größtenteils zwar ebenso, aber immerhin gibt Bram Stoker eine kleine Andeutung, woher Vampire kommen könnten. Zwei Mal erwähnt Abraham Van Helsing im Rahmen seiner Ausführungen die „Scholomance“, die Dracula zu Lebzeiten besucht haben soll, eine Art schwarzmagische Schule aus der transsylvanischen Folklore, die vom Teufel selbst betrieben wird. Es werden jeweils nur zehn Schüler auf einmal ausgebildet, die zehnten gehören immer dem Satan und dürfen für ihn Stürme verursachen und einen Drachen reiten. Die Implikation ist für die wenigen, die mit dieser Legende vertraut sind, recht eindeutig: Dracula wurde an dieser Schule ausgebildet und war wahrscheinlich ein zehnter Schüler – eventuell wird jeder zehnte Schüler zum Vampir. Auf diese Weise wäre Satan persönlich für den Vampirismus verantwortlich und das würde natürlich auch die Anfälligkeit der Vampire gegenüber heiligen Symbolen erklären. Bei all den Weiterverarbeitungen von Dracula im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Aspekt interessanterweise kaum aufgegriffen.

Stattdessen haben aber viele Autoren und Regisseure beschlossen, Dracula selbst zum ersten Vampir zu machen. In „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) von Francis Ford Coppola ist zwar nicht klar, ob Dracula (Gary Oldman) tatsächlich der erste Vampir ist, aber immerhin entsteht er nicht auf normale Weise (Blutaustausch mit einem anderen Vampir, der im Film ja auch praktiziert wird), sondern indem er Gott verflucht und sein Schwert in ein Kreuz rammt, das daraufhin zu bluten anfängt. Nachdem Dracula von diesem Blut getrunken hat, ist er ein Vampir. Obwohl nicht explizit klargemacht, scheint die Implikation, dass der Vampirismus auf dieser Weise in die Welt dieses Films kam, relativ eindeutig.

In „Dracula 2000“ (auch bekannt als „Wes Craven’s Dracula“, die Horror-Legende führte hier aber nicht Regie, sondern produzierte lediglich, Regisseur war Patrick Lussier) ist der Graf ganz eindeutig der erste Vampir, Dracula bzw. Vlad Țepeș (Gerard Butler) ist allerdings nur eine von vielen Identitäten dieses Blutsaugers, und auch nicht die erste. Als Sterblicher war er Judas Iscariot, der als Buße für seinen Verrat an Jesus von Gott zum Vampirismus verflucht wurde – daher rühren sowohl die Aversion gegen heilige Symbole als auch gegen Silber (wegen der allseits bekannten 30 Silberstücke, die Judas für seinen Verrat bekommen haben soll). Damit greifen Lussier und Drehbuchautor Joel Soisson die nicht ganz unproblematische Sagenfigur des „Ewigen Juden“ bzw. „Wandernden Juden“ auf, der, je nach Version, von Gott zur Unsterblichkeit verdammt wird, u.a. auch, weil er Jesus schlecht behandelt. Gerade im Mittelalter und der Frühen Neuzeit erfreute sich der „Ewige Jude“ latenter Beliebtheit und im Nationalsozialismus feierte er natürlich ein großes Comeback, unter anderem in Form des üblen Propagandafilms „Der ewige Jude“ (1940). Tatsächlich kann diese Version von Dracula nicht sterben, weshalb „Dracula 2000“ noch zwei weitere Direct-to-DVD-Sequels erhielt. Die Idee, den Vampirismus mit jüdische-christlichen Elementen zu verbinden, war schon im Jahr 2000 nicht mehr neu und wird in diesem Artikel noch das eine oder andere Mal auftauchen.

Dracula (Dominic Purcell) fungiert auch in der Blade-Trilogie, spezifisch in „Blade: Trinity“ (2004), als Protovampir. Wie in „Dracula 2000“ ist er deutlich älter als Stokers Roman oder Vlad Țepeș, sogar älter als Judas und war schon Jahrtausende vor Christi Geburt im alten Babylon als Dagon aktiv, wurde irgendwann zu Dracula und nimmt in der Moderne dann schließlich den Namen Drake an. Hier fungiert er als erster der „Hominis nocturnae“, wie Vampire in der Blade-Trilogie gerne genannt werden, und verfügt über einige Qualitäten, die der gewöhnliche Vampire dieser Filmreihe nicht sein Eigen nennen kann, u.a. ist er in der Lage, Sonnenlicht auszuhalten, deutlich stärker als seine minderen Nachfahren und besitzt zudem begrenzte gestaltwandlerische Fähigkeiten.

Jene, die bewahrt werden müssen: Akasha und Enkil
Es kann gar nicht oft genug betont werden, wie essentiell Anne Rice‘ „The Vampire Chronicles“ für die Entwicklung des Vampir-Genres sind. Die meisten Tropen, die in der Vampirliteratur oder in den Vampirfilmen noch heute eine wichtige Rolle spielen und nicht von Bram Stoker stammen, etablierte Rice in den ersten drei Romanen dieser Serie, „Interview with the Vampire“ (1976), „The Vampire Lestat“ (1985) und „Queen of the Damned“ (1988). Dazu gehört nicht nur eine vampirische Gesellschaftsstruktur, sondern auch ein Ursprungsmythos für die Blutsauger. Bereits in „Interview with the Vampire“ sucht Louis nach dem Ursprung des Vampirismus, erhält aber weder von den hirnlosen, Nosferatu-artigen Vampiren Osteuropas, noch vom über 400 Jahren alten Armand in Paris eine Antwort. Anders ergeht es Lestat im Folgeroman, der im Verlauf seiner Abenteuer auf „Jene, die bewahrt werden müssen“, die ersten beiden Vampire, sowie ihren Wächter Marius trifft. Diese beiden Urvampire, Akasha und Enkil, waren zu Lebzeiten, viele Jahrtausende vor Christi Geburt, Herrscher des Landes Kemet, das später Ägypten werden sollte. Erst in „Queen of the Damned“ erfahren wir allerdings die vollständige Geschichte: Akasha ist die eigentliche Urvampirin, ihr Zustand resultiert aus einer Vereinigung mit dem bösen Geist Amel, dieser drang durch Wunden in ihren Körper ein und machte sie so zur Untoten. Enkil und alle anderen Vampire stammen von Akasha ab und sind an ihr Schicksal gebunden, sie ist die älteste und mächtigste Blutsaugerin. Wenn ihr etwas geschieht, wenn sie bspw. der Sonne ausgesetzt wird, erleiden alle anderen Vampire dasselbe Schicksal – aus diesem Grund der Spitzname „Jene, die bewahrt werden müssen“. Irgendwann im Verlauf ihres langen Lebens verfallen die beiden Urvampire in Starre und müssen vom bereits erwähnten Marius, einem römischen Vampir, behütet werden. In dieser Zeit werden „Jene, die bewahrt werden müssen“ zu Figuren der Legende, an die sich kaum noch jemand erinnert. Dabei bleibt es in „Queen of the Damned“ natürlich nicht, Akasha erhebt sich aus ihrem Jahrtausende dauernden Nickerchen, entledigt sich ihres Gemahls und strebt danach, die Welt zu beherrschen – mit Lestat an ihrer Seite. Daraus wird letzten Endes nichts und die Vampir-Zwillinge Maharet und Mekare, uralte Gegner Akashas, verschlingen ihr Herz, sodass Mekare zur neuen „Königin der Verdammten“ wird. Über die gleichnamige Verfilmung von „Queen of the Damned“, in der die 2001 tragisch verstorbene Aaliyah die Titelfigur mimt, breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Nach „The Blood Canticle“ (2003), dem zehnten bzw. zwölften Band der Serie (je nachdem, wie man die beiden Bücher der kurzlebigen Sub-Reihe „New Tales of the Vampires“ zählt), legte Anne Rice eine elfjährige Pause ein, da sie zwischenzeitlich ihren Katholizismus wiederentdeckt hatte und Romane über Jesus schrieb. In den 2010er-Jahren wandte sie zwar nicht Jesus, aber der Kirche wieder den Rücken zu und ab 2014 erschienen in jeweils zweijährigem Abstand drei neue Romane der „Vampire Chronicles“: „Prince Lestat“ (2014), „Prince Lestat and the Realms of Atlantis“ (2016) und „Blood Communion: A Tale of Prince Lestat“ (2018). Ich habe diese drei Bücher noch nicht gelesen, allem Anschein nach gibt es aber gerade bezüglich des Ursprungs der Vampire einige Retcons, u.a. scheinen sowohl das legendäre Atlantis als auch Aliens involviert zu sein, was nicht allzu berauschend klingt, weshalb ich nach wie vor zögere, die „Prince-Lestat-Trilogie“ zu konsumieren.

Biblische Ursprünge: Kain und Lilith

Cainite_Heresy.JPG
Kains Mord an Abel, dargestellt in „Vampire: The Masquerade“

Wie oben bereits erwähnt liegt der Gedanke, dem Ursprung des Vampirismus eine religiöse Komponente zu verleihen, nahe – schon allein wegen der bekannten Abneigung der Blutsauger gegen Religion und religiöse Symbole. Das Konzept, dass vom biblischen ersten Mörder Kain übernatürliche Kreaturen abstammen könnte, ist ziemlich alt, bereits im altenglischen Gedicht „Beowulf“ (etwa um das Jahr 1000 herum entstanden) werden Grendel und seine Mutter als Nachfahren Kains bezeichnet. Die Idee, bei Kain könne es sich um den ersten Vampir handeln, stammt meines Wissens nach aus George R. R. Martins überaus gelungenem Vampirroman „Fevre Dream“ (1982), in welchem der mögliche Ursprung der Vampire zwar diskutiert wird, darüber hinaus aber keine große Rolle spielt; es ist eher ein Nachgedanke. Im Gegensatz dazu ist „Kain als erster Vampir“ für das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ (ab 1991) essentiell. In der sog. „Welt der Dunkelheit“ verflucht Gott Kain nach dem Mord an Abel dazu, für immer über die Erde zu wandern (wobei wir wieder beim „Wandernden Juden“ wären) und sich nicht mehr von den Früchten des Ackers ernähren zu können. Stattdessen soll er nach dem Blut seines Bruders dürsten, das er vergossen hat. Auf Englisch wird Vampir-Kain durch ein zusätzliches „e“ gekennzeichnet, also „Caine“. Im Verlauf der letzten dreißig Jahre und fünf Editionen hat sich zu diesem Thema einiges an Material angesammelt. Zwar existieren in „Vampire: The Masquerade“ durchaus auch parallele Entstehungsmythen, die sich diverser Elemente aus der ägyptischen, indischen, südamerikanischen und vielen weiteren Mythologien bedienen (und diese hier zu thematisieren den Rahmen des Artikels sprengen würde), aber der „Kains-Mythos“ ist letztendlich doch die dominante Ursprungserzählung. Anders handhabte man dies im Nachfolge-System „Vampire: The Requiem“, hier finden sich mehrere, konkurrierende Erzählungen, tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass die fünf Hauptclans völlig voneinander unabhängig entstanden sind. Aber zurück zu „Vampire: The Masquerade“: Neben einer ständigen Grundpräsenz des Kains-Mythos in fast allen Regelwerken gibt es mit „The Book of Nod“ (1993) „Revelations of the Dark Mother“ (1998) und „The Erciyes Fragments“ (2000) drei Bücher im pseudo-biblischen Stil, die erzählen, wie Kain mit Irad, Zillah und Enoch drei weitere Vampire zeugt, die ihrerseits wiederum die dreizehn Vampire erschaffen, die später die dreizehn Vampir-Clans des Rollenspiels gründen, zusätzlich zu ominösen Prophezeiungen, Gesetzen etc.

Queen_of_the_Night_relief_in_the_British_Museu_-_Lilith_-_panoramio
Lilith-Relief

Zudem spielt auch Lilith, Adams erste Frau, eine Rolle. Bei Lilith handelt es sich um eine Immigrantin aus der mesopotamischen Mythologie, die es zwar nicht wirklich in die Bibel, aber doch in apokryphe Texte und den babylonischen Talmud geschafft hat und u.a. dazu genutzt wird, die Diskrepanz zwischen den beiden Schöpfungsberichten im Buch Genesis zu erklären – im einen erschafft Gott Mann und Frau gleichzeitig, im anderen entsteht die Frau aus der Rippe des Mannes. Lilith ist die Frau, die gleichzeitig mit Adam geschaffen wird, sich ihm aber nicht unterordnen (sprich: unten liegen) will und deshalb aus dem Garten Eden verbannt wird, um anschließend als Kinder stehlende Dämonin und Mutter von Ungeheuern Karriere zu machen. In „Vampire: The Masquerade“ ist sie keine Vampirin, tatsächlich lässt sie sich hier sehr schwer klassifizieren, spielt aber eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Kains neuen, finsteren Gaben, nur um schließlich von ihm verraten zu werden, weshalb sie einen tiefen Groll gegen ihn hegt. Ihre Sichtweise wird in „Revelations of the Dark Mother“ dargestellt. In vielen anderen Werken der Popkultur taucht Lilith allerdings tatsächlich als erste Vampirin auf – am prominentesten vielleicht in der HBO-Serie „True Blood“, dargestellt von Jessica Clark. Vor allem in den Staffeln 5 und 6 spielt sie eine prominente Rolle, fungiert als Antagonistin und wird von mehreren Fraktionen angebetet, natürlich unter Verwendung einer Bibel-artigen Schriftensammlung, des „Book of the Vampyr“.

Viren, Krankheiten und Familiendramen

Mythologien, besonders die jüdisch-christliche, sind ohne Zweifel eine beliebte Quelle für den Ursprung der Vampire, viele Autoren bedienen sich allerdings eines pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchs für den Vampirismus und bedienen sich meistens eines Virus, um die übernatürliche bzw. magische Komponente loszuwerden oder zumindest zu minimieren. Ein besonders prominentes Beispiel ist die von Len Wiseman, Kevin Grevioux und Danny McBride ins Leben gerufene Filmserie „Underworld“ (2003 bis 2016). Hier sorgt ein mysteriöser Virus in Kombination mit einer genetischen Mutation dafür, dass der ungarische Kriegsherr Alexander Corvinus (Derek Jacobi) unsterblich wird. Diese Eigenschaft gibt er an seine Söhne Marcus (Tony Curran) und William (Brian Steele) weiter, die jedoch durch die Bisse einer Fledermaus bzw. eines Wolfes zum ersten Vampir und ersten Werwolf weitermutieren und auf diese Weise ihrerseits zu Begründern zweier neuer „Gattungen“ werden. In der Blade-Trilogie wird der Vampirismus ebenfalls durch ein Virus erklärt, dessen erstes Opfer bzw. erster Nutznießer der oben erwähnte Dracula/Dagon/Drake ist. Auch in der von Guillermo del Toro und Chuck Hogan verfassten Vampir-Trilogie bestehend aus den Romanen „The Strain“ (2009), „The Fall“ (2010) und „The Night Eternal“ (2011) sowie der darauf basierenden Serie „The Strain“ hat Vampirismus die Züge einer seuchenartigen Krankheit, die hier allerdings nicht durch einen Virus, sondern durch Parasiten, hier Würmer, weitergegeben wird. Auch diese Idee ist nicht neu und wurde bereits in Brian Lumleys Romanreihe „Necoroscope“ (ab 1986) etabliert und erforscht.

Eine zwar magische, aber erstaunlich unmythologische Entstehung bietet im Kontrast dazu die Serie „The Vampire Diaries“. Die Vampire als übernatürliche Wesen sind hier noch verhältnismäßig jung (gerade einmal tausend Jahre). Die Urvampire der Serie, die „Originals“ (die unter diesem Namen eine Spin-off-Serie erhielten) waren ursprünglich eine Wikingerfamilie, die sich in Amerika ansiedelte und sich mit Werwölfen herumplagen musste. Um dem entgegenzuwirken, beschließen die Oberhäupter Mikael (Sebastian Roché) und Esther (Alice Evans), sich und ihre Kinder per Magie in Unsterbliche zu verwandeln, was aber nur bedingt klappt, da sie zu blutsaugenden Vampiren werden. Alle anderen Vampire der Serie stammen von einem Mitglieder der „Originals“ ab. Wie so häufig sind diese deutlich potenter und schwerer zu töten als gewöhnliche Vampire. Trotz der Präsenz von Magie fällt auf, dass hier jegliches religiöses Element völlig fehlt, wodurch die Hintergründe dieser Serie äußerst prosaisch daherkommen. Ich persönlich ziehe meistens einen gut ausgearbeiteten, mythologischen Ursprung vor, aus diesem Grund ist die Version mit Kain aus „Vampire: The Masquerade“ auch mein Favorit. Und selbst die oben genannten Vertreter der Virus-Version können es mitunter nicht lassen, die pseudobiologische Entstehung ihrer Vampire durch altehrwürdige Dokumente ein wenig zu mythologisieren.

Bildquelle Kain
Bildquelle Lilith

Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Trotz ambitionierter Thronfolger wie Lestat de Lioncourt oder (würg) Edward Cullen ist Dracula weiterhin fraglos der König der Vampire. Ebenso so fraglos ist jedoch, dass diese Stellung nicht allein auf Stokers Roman zurückzuführen ist, der bestenfalls mäßig erfolgreich war, sondern auf die filmischen Adaptionen – primär diejenigen der Universal-Studios. Es hat seinen Grund, dass kaum ein Dracula aus der Myriade an Filmen und Fernsehserien der Beschreibung aus Bram Stokers Roman gleicht, denn weitaus stärker als von Stokers Worten ist das popkulturelle Bild des Grafen von Aussehen und Darstellung Bela Lugosis geprägt.

Präludium
Tod Brownings Verfilmung von „Dracula“ ist nicht die erste ihrer Art. „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“, Friedrich Willhelm Murnaus unautorisierte Adaption des Romans aus dem Jahr 1922, ist natürlich ebenfalls weithin bekannt, war sie doch nur marignal weniger einflussreich, zumindest auf das Genre des Vampirfilms als Ganzes. „Nosferatu“ war allerdings ebenfalls nicht die erste Filmversion von Dracula, diese Ehre gebührt der ungarischen Produktion „Drakula halála“, auch wenn wirklich kaum von einer Adaption von Stokers Roman die Rede sein kann. Der 1920 von Károly Lajthay gedrehte und 1921 erschienene Film gilt als verschollen, mithilfe einer Prosafassung konnte allerdings zumindest die Handlung rekonstruiert werden, die mit „Dracula“ freilich wenig gemein hat. Während die üblichen gotischen Stereotype bedient werden, scheint nicht einmal klar zu sein, ob es sich beim titelgebenden Drakula tatsächlich um einen Vampir oder nur um einen bösartigen Satanisten mit einer Vorliebe für verfallene alte Schlösser handelt. In seinem Aufsatz „Discovery of a Hungarian Drakula“ stellt Lokke Heiss fest, dass es zwischen „Drakula halála“ und Gaston Lerroux‘ „Phantom der Oper“ eine deutlichere inhaltliche Parallele gibt als zwischen dem ungarischen Film und Stokers Roman. Weder „Draukla halála“ noch „Nosferatu“ können sich allerdings damit schmücken, offizielle Adaptionen von Stokers Roman zu sein. Dieser Titel gebührt einem Theaterstück.Drakula_halála

Florence Stoker, Bram Stokers Witwe, beschloss nach diesen unautorisierten Bearbeitungen (und einem Rechtsstreit gegen das Nosferatu-Studio Prana) schließlich, die Rechte am Werk ihres Mannes tatsächlich zu veräußern, und zwar an einen gewissen Hamilton Deane. Stoker selbst, der immerhin am Lyceum Theatre für Sir Henry Irving, eine der Inspirationen für Dracula, gearbeitet hatte, hatte selbst Absichten, den Graf auf die Bühne zu bringen, doch daraus wurde letztendlich nichts, es kam nur zu einer einzigen Aufführung kurz vor der Publikation des Romans. Hamilton Deane bearbeitete und kürzte die Handlung stark, nicht zuletzt um die Zensur zu befriedigen. Am 14. Februar 1924 fand im Grand Theatre in Derby, England schließlich die Uraufführung statt, Deane selbst spielte Van Helsing, während Edmund Blake die Rolle Draculas übernahm.

Drei Jahre später, 1927, debütierte der Graf am Broadway. John L. Balderston überarbeitete das Deane-Skript und reduzierte u.a. die Anzahl der Figuren noch weiter. Für diese Version des Stückes schlüpfte erstmals der ungarische Schauspieler Bela Blaskó, der sich nach seiner Geburtsstadt Lugos Bela Lugosi nannte, in die Rolle des Grafen. Das Stück erwies sich als durchschlagender Erfolg, weshalb gerade dieser Erfolg sowie das Skript selbst und nicht der Roman die Grundlage für die erste „echte“ Dracula-Verfilmung lieferten. Sowohl Lugosi als auch Van-Helsing-Darsteller Edward Van Sloan blieben der Leinwandversion erhalten, Regie führte Tod Browning (mit Unterstützung von Karl Freund) und produziert wurde der Streifen von Carl Laemmle Jr., dem Sohn des Universal-Gründers und zu dieser Zeit „Head of Production“ des Studios.

Anpassungen der Handlung
Das Hamilton/Deane-Theaterstück, das in zwei Fassungen existiert, jeweils für die britischen und die amerikanischen Bühnen, ist die wahrscheinlich reduzierteste Version von Stokers Geschichte, tatsächlich fällt der gesamte Teil, der in Transsylvanien spielt, der Schere zum Opfer. Fast die gesamte Handlung spielt in und um Dr. Sewards Sanatorium. Todd Brownings Film behält das zum großen Teil bei, fügt den Anfang in Transsylvanien allerdings wieder ein – nur ist es hier Renfield (Dwight Frye), der den Grafen auf seinem Schloss besucht, um ihm beim Kauf einer englische Immobilie zu helfen, nicht Jonathan Harker. Die Szenen nehmen einen recht ähnlichen Verlauf wie im Roman, inklusive der Begegnung mit den drei Vampirinnen, allerdings lässt Dracula Renfield nicht auf seinem Schloss zurück, sondern macht ihn zu seinem willenlosen Diener und nimmt ihn mit zurück nach Großbritannien, wo er schließlich in Dr. Sewards (Herbert Bunston) Anstalt landet und dort seine Romanrolle einnimmt. An dieser Stelle kommen die anderen Figuren ins Spiel, allerdings mit deutlichen Modifikationen, denn hier beginnt die filmische Tradition, die Namen, Funktionen und Verwandtschaftsverhältnisse von Stokers Charakteren wild durcheinander zu werfen. Jonathan Harker (David Manners), im Film stets John genannt, ist nach wie vor mit Mina (Helen Chandler) verlobt, deren Nachname nun allerdings nicht mehr Murray lautet, sondern Seward, da sie hier die Tochter des im Film deutlich älteren Doktors ist. Ebenfalls mit einem reduzierten Namen muss Lucy Weston (Frances Dade) zurechtkommen, die nach wie vor Minas Freundin ist, aber ihre drei Verehrer verloren hat – Dr. Seward nimmt ihr gegenüber eher eine väterliche Rolle ein, Arthur Holmwood und Quincey Morris tauchen nicht auf. Dies ist übrigens auch eine Änderung gegenüber dem ursprünglichen Skript von Hamilton Deane, in welchem Seward und Arthur als Lord Godalming durchaus romantisches Interesse an ihr zeigen.

Der grundlegende Plot folgt Stoker, Lucy wird Draculas erstes Opfer, nach ihrem Tod wendet er sich Mina zu, während Van Helsing als Gegenspieler fungiert und Renfield Gefallen am Verspeisen von Fliegen und Spinnen findet. Diese Handlung ist jedoch deutlich simplifiziert, es finden keine umfangreichen Nachforschungen statt, stattdessen interagieren Dracula und seine Jäger deutlich häufiger miteinander. Die finale Verfolgungsjagd nach Transsylvanien findet ebenfalls nicht statt, stattdessen kommt es in Carfax Abbey zur finalen Konfrontation zwischen Dracula und Renfield auf der einen und Seward, Van Helsing und Harker auf der anderen Seite, die schließlich mit dem Tod des Grafen und Renfields sowie Minas Heilung endet.

Filmische Qualitäten
Man merkt Brownings „Dracula“ die Theaterherkunft ebenso an wie das niedrige Budget und die „Übergangspahse“, in der der Film entstand: 1927 feierte der Tonfilm mit „The Jazz Singer“ seinen Durchbruch und hatte bis 1936 den Stummfilm fast völlig verdrängt. „Dracula“ entstand genau in der Mitte dieser Phase; Kinos, die noch nicht über die nötige Ausrüstung verfügten, erhielten beispielsweise noch eine Stummfilmversion. Gerade in Anbetracht unserer modernen Konventionen ist das alles besonders auffällig – so verfügt „Dracula“ beispielsweise über keinen Score, lediglich über die Titeleinblendung erklingt ein Ausschnitt von Tschaikowskis „Schwanensee“ und in der Opernszene ist Wagner zu hören. 1998 komponierte Philip Glass einen Score für eine restaurierte Fassung des Films, die mir auf DVD allerdings noch nicht untergekommen ist; auf CD oder als Download ist Glass‘ Arbeit, für die er das Kronos-Quartett verpflichtete, allerdings problemlos erhältlich.

Auch sonst ist Brownings Film äußerst statisch geraten, sodass oft der Eindruck einer abgefilmten Theaterproduktion entsteht; gerade im direkten Vergleich wirkt Murnaus „Nosferatu“ deutlich dynamischer, nicht zuletzt bedingt durch das beeindruckende Spiel mit Licht und Schatten. Visuell ist der Anfang des Films mit Abstand am beeindruckendsten, hier gelingt es Browning, eine ebenso dichte wie unheimliche Atmosphäre zu kreieren und Draculas Schloss exzellent in Szene zu setzen. Die meisten folgenden Szenen sind allerdings lange Gespräche in relativ uninteressanten Innenräumen. „Dracula“ hat darüber hinaus massiv mit der Zensur zu kämpfen und ist deshalb, im besten Sinne des Wortes, blutleer und zahnlos. Jegliche Vampirangriff findet off-screen bzw. versteckt hinter Draculas Umhang statt. Der Handlungsstrang um die zur Vampirin gewordene Lucy wird einfach ignoriert und selbst Draculas Pfählung muss off-screen stattfinden.

Ein besonderes Kuriosum ist die spanische Version des Films: In den 30ern synchronisierte man noch nicht, stattdessen war es gängige Praxis, mit denselben Sets und demselben Skript, aber unterschiedlichen Schauspielern, mehrsprachige Versionen desselben Films zu drehen. Tagsüber entstand Tod Brownings „Dracula“, nachts führte George Melford bei „Drácula“ Regie. Gerade bezüglich der filmischen Qualitäten gilt Melfords Arbeit als die bessere, er setzt die Kamera effektiver und dynamischer ein, seine Version ist deutlich weniger statisch und theaterhaft. Mehr noch, Melford konnte das Material, das Browning tagsüber gedreht hatte, einsehen, und basierend darauf Verbesserungen vornehmen. Interessanterweise ist die spanische Version gut eine halbe Stunde länger als die englische und auch expliziter, sowohl in Bezug auf Erotik als auch Gewalt – obwohl das nach heutigen Maßstäben natürlich nach wie vor sehr zahm ist. Der Lucy-Subplot wird zumindest verbal aufgelöst, auch wenn man ihre Pfählung nach wie vor nicht sieht und sie in der spanischen Version Lucía (Carmen Guerrero) heißt. Auch die Namen einiger anderer Figuren wurden geändert, Jonathan/John heißt nun Juan (Barry Norton) und statt Mina wird Eva Seward (Lupita Novar) Draculas finales Opfer. Renfield (Pablo Alvarez Rubio), Dr. Seward (José Soriano Viosca) und Van Helsing (Eduardo Arozamena) bleiben unverändert. Besonders Lupita Tovar, die erst 2016 im Alter von 106 Jahren verstarb, wird als deutlich bessere Version von Mina als ihr englisches Gegenstück Helen Chandler wahrgenommen. Zugleich fehlt der Melford-Version allerdings ein entscheidendes Element: Bela Lugosi als Dracula.

Lugosis Graf
In Stokers Roman wird Dracula als hochgewachsener alter Mann mit hageren Gesichtszügen, einer markanten Nase, einem Schnurrbart, einem harten Mund mit langen, spitzen Zähnen (welche es sind spezifiziert Stoker nicht, aber natürlich denkt man inzwischen an die Eckzähne), die über die Lippen hinausragen, und haarigen Handflächen beschrieben. Im Verlauf des Films wird Dracula jünger, was sich primär auf seine Haarfarbe auswirkt, die zu Beginn weiß ist, dann grau und schließlich schwarz wird. Das ist allerdings nicht das Bild, das man gemeinhin bei der Erwähnung des Namens Dracula im Kopf hat. Hier zeigt sich der massive Einfluss des Browning-Films: Die Darstellung des Grafen, die für das Theaterstück entworfen und für den Film übernommen wurde, ist nach wie vor die dominante, Tod Brownings bzw. Bela Lugosis Dracula, und nicht Stokers, ist der Standard, von der Abendgarderobe mit Cape über die kurzen, schwarzen Haare und den osteuropäischen Akzent (im Roman spricht Dracula praktisch akzentfrei Englisch). Nun, was macht Lugosis Dracula so besonders? Unabhängig davon, ob man der Meinung ist, dass diese Inkarnation der Figur funktioniert oder nicht, sie bleibt auf jeden Fall im Gedächtnis. Selbst unter Lugosis Nachfolgern sind die Meinungen hierzu geteilt. Christopher Lee beispielsweise, ohnehin ein Fan von Stokers Roman und immer (meistens vergeblich) bemüht, sich der Vorlage anzunähern, war nicht allzu begeistert von Brownings Film oder Lugosis Darstellung, während Gary Oldman Lugosi als seinen Lieblings-Dracula bezeichnet und in „Bram Stoker’s Dracula“ seine Stimmlage und seinen Akzent an Lugosi anlehnte.

1931 mag das noch anders gewesen sein, aber nach heutigen Maßstäben wirkt Lugosis Darstellung des Grafen nicht mehr allzu furchterregend. Das liegt zum einen daran, dass die Performance mit ihren übermäßig theatralischen Gesten schlicht nicht mehr zeitgemäß ist, zum anderen wurde Lugosis Graf zu oft parodiert oder nachgeahmt – ein Schicksal, dass er mit vielen anderen Horror-Figuren teilt, sei es die besessene Regan MacNeil aus „The Exorcist“, das Xenomorph aus „Alien“ oder, oder, oder, oder… Dennoch haftet diesem Grafen etwas Besonderes an. Lugosi hat ein einprägsames, keinesfalls alltägliches Gesicht das, verbunden mit der hypnotischen Präsenz, die von ihm ausgeht, wohl in letzter Konsequenz dafür gesorgt hat, dass Lugosi für lange Zeit DER Dracula war und immer noch die Inkarnation des Grafen, die den meisten bei der Nennung des Namens in den Sinn kommt.

Nicht nur optisch, auch charakterlich unterscheidet sich die Browning/Lugosi-Adaption der Figur stark von Stokers Graf. Ich schrieb es bereits in meinem Artikel zum Roman, möchte es hier aber noch einmal betonen, denn angesichts der vielen, vielen medialen Auftritte des Grafen in den etwa 100 Jahren seit „Nosferatu“ vergisst man es ganz gerne: Stokers Dracula ist ohne wenn und aber böse. Er ist nicht tragisch, er ist nicht romantisch, anziehend oder attraktiv, weder Lucy noch Mina geben sich ihm in irgendeiner Form freiwillig hin oder fühlen sich auch nur in Ansätzen von ihm angezogen. Zwar ist auch Lugosis Graf kein komplexer Widersacher, wirkt aber doch deutlich eleganter und attraktiver als sein literarisches Gegenstück. Wo Stokers Figur zwar den Adelstitel führt, aber sich so gut wie gar nicht in gesellschaftlichen Kreisen bewegt (tatsächlich taucht er im Roman nur selten auf und interagiert kaum mit den Helden), besucht Lugosis Graf die Oper und gibt sich als mysteriöser Gentleman, der auf die anwesende Lucy Weston durchaus anziehend wirkt. Er parliert jovial und übt sich relativ mühelos im Smalltalk, was ihm im Roman mit Jonathan Harker nie ganz so effektiv gelingen mag. Mehr noch, ihm haftet eine Melancholie, eine Todessehnsucht an, die der Romanfigur, bis auf ein oder zwei extrem subtile Andeutungen, ebenfalls fehlt. So erklärt er Lucy: „To die, to be really dead, that must be glorious.” Viele dieser charakterlichen Änderungen sind letztendlich dem Wechsel vom Roman zur Theaterbühne bzw. zum Film mit beschränkten Mitteln zu verdanken. Stück und Film sind auf Dialogszenen in wenigen Räumlichkeiten angewiesen und können keine elaborierte Spurensuche inszenieren, weshalb die Autoren des Skripts bzw. des Drehbuchs gezwungen waren, Dracula deutlich mehr mit den Helden im Dialog interagieren zu lassen. Wie essentiell Lugosi in diesem Film ist, zeigt sich bei der Betrachtung der spanischen Version: Bei all den Vorzügen, die diese hat, kann ihre Version des Grafen, dargestellt von Carlos Villarías, schlicht nicht mit Lugosis einnehmender, hypnotischer Performance mithalten.

Sequels und Vermächtnis
Obwohl Bela Lugosis Name und Gesicht bis heute untrennbar mit Dracula verbunden sind, spielte er für Universal nur noch ein weiteres Mal den Grafen, und zwar in dem eher parodistisch angehauchten „Abbott and Costello Meet Frankenstein“, in welchem neben Dracula und Frankensteins Kreatur auch noch Lawrence Talbot, der „Wolf Man“ auftaucht. Lugosi spielte allerdings in ähnlich gearteten Filmen mit, darunter etwa „Mark of the Vampire“ (1935), das Remake des Stummfilms „London after Midnight“ – beide gedreht von Dracula-Regisseur Tod Browning. Hier spielt Lugosi Graf Mora, der stark an seinen Dracula erinnert, sich jedoch am Ende als falscher Vampir entpuppt. Zusätzlich gab er Dracula noch häufig auf der Bühne und war auch sonst in vielen Universal-Horror-Filmen zu sehen, etwa späteren Teilen der Frankenstein-Reihe oder Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen.

Nach dem Erfolg ließ es sich Universal nicht nehmen, Brownings „Dracula“ direkt fortzusetzen, allerdings ohne den Grafen dafür, wie es in den Hammer-Sequels der Fall war, wieder von Toten zurückzuholen. In „Dracula’s Daughter“ (1936) von Lambert Hillyer wählte man einen anderen, interessanten Ansatz: Der Film setzt dort an, wo „Dracula“ endete: Van Helsing (abermals gespielt von Edward Van Sloan) muss sich vor der Polizei für die beiden Leichen von Renfield und Dracula verantworten, gibt freimütig zu, für sie verantwortlich zu sein, und wird daraufhin eingesperrt. Die titelgebende Tochter Draculas ist Gräfin Marya Zaleska (Gloria Holden), die eine deutlich tragischere Vampirin ist als ihr Vater und mit ihrem untoten Zustand hadert, nur um letztendlich doch vom Blutdurst übermannt zu werden. Das 1943 erschienene „Son of Dracula“ hat dagegen nur noch bedingt etwas mit dem Original zu tun. In diesem Pseudo-Sequel macht ein gewisser Graf Alucard (gespielt von Lon Chaney jr.) dieses Mal die vereinigten Staaten unsicher.

Der Graf selbst tauchte neben „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ noch in weiteren, an Parodie grenzenden Crossover-Filmen auf: Sowohl in „House of Frankenstein“ (1944) als auch in „House of Dracula“ (1945) wird er von John Carradine gespielt – interessanterweise wohl der erste Dracula-Darsteller, der den von Stoker beschriebenen Schnurrbart im Gesicht trägt. Davon abgesehen haben diese Filme freilich nur noch wenig mit Stokers Roman zu tun.

Wie bereits erwähnt war der Einfluss des Films von 1931 über die direkten und indirekten Sequels hinaus extrem weitreichend – Bela Lugosis Dracula war der Graf, an dem sich alle anderen lange messen mussten und es war sein Bild, das die popkulturelle Wahrnehmung des Grafen über Jahrzehnte hinaus prägte. Darüber hinaus wurde auch das ursprüngliche Skript 1979 ein weiteres Mal verfilmt. Regie führte John Badham, während Frank Langella einen äußerst romantischen Dracula spielte. Mel Brooks‘ „Dracula: Dead and Loving It“ basiert ebenfalls auf dem Deane/Balderston-Skript und parodiert primär den Browning-Film bzw. den Lugosi-Grafen – mit der einen oder anderen Anspielung auf Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Zusätzlich versuchte Universal in den 2000ern und 2010ern immer wieder, den „studioeigenen“ Dracula bzw. das ursprüngliche „Universal Monsters Franchise“ wiederzubeleben, zuerst mit „Van Helsing“ (2004), in welchem, ähnlich wie in den oben erwähnten Crossovern, neben Dracula (hier Richard Roxburgh) auch Frankensteins Monster und diverse Werwölfe Transsylvanien unsicher machen. Mit „Dracula Untold“, einer Dracula-Origin-Story mit Luke Evans, folgte 2014 ein weiterer Versuch, ein Crossover-Franchise zu starten und auch im grandios gescheiterten „Dark Universe“ hätte Dracula wohl mit Sicherheit eine Rolle spielen sollen.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Nosferatu

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
515CQBPP4DL._SY306_BO1,204,203,200_
Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
dracula
Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
81OHAN2JS4L._SL1200_
In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Denkt man an Adaptionen von Bram Stokers Roman, kommen einem normalerweise sofort die Filme in den Sinn, aber auch im Bereich Comic treibt sich der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte herum – und zwar in einem fast ebenso erschöpfenden Ausmaß wie in der Filmwelt. Comics, die Dracula in der einen oder anderen Form adaptieren oder zumindest integrieren, und sei es nur als Gag, finden sich sehr häufig – von Comics, in denen der Graf selbst nicht auftaucht, die aber trotzdem von ihm inspiriert sind, gar nicht erst zu sprechen. Was in diesem Artikel präsentiert wird, ist freilich nur eine unvollständige Auswahl. Außerdem habe ich Mangas erst einmal außen vorgelassen – diesen werde ich mich in der einen oder anderen Form später noch annehmen.

The Tomb of Dracula (Marv Wolfman u.a., Gene Colan, 1972-79)
51F7yhE7pGL._SX322_BO1,204,203,200_
Unter den amerikanischen Comics der Titan in Bezug auf Stokers Grafen: Die Serie „The Tomb of Dracula“ lief von 1972 bis 1979 und umfasste 70 Ausgaben sowie einige Crossover- oder andere Sonderhefte. Bis in die 70er waren Vampire in Mainstream-Comics eine komplizierte Angelegenheit, da der Comics Code jegliche Art von Horror verbat. Als sich die Bestimmungen des Comics Code dann allerdings langsam lockerten, kamen Horror-Comics auch wieder aus dem Untergrund. Sowohl DC als auch Marvel nahmen sich des Sujets an – während DC Eigenkreationen wie Swamp-Thing ins Rennen schickte, verfuhr Marvel ganz ähnlich wie schon mit der nordischen Mythologie: Auch der Fürst der Vampire wurde ins Marvel-Universum integriert – wobei es relativ selten zu tatsächlichen Überschneidungen zwischen „The Tomb of Dracula“ und Marvels Superheldenserien kam. Auch andere Figuren aus Stokers Roman wurden übernommen: Quincy Harker, Jonathans und Minas Sohn, im Epilog des Romans ein kleines Kind, fungiert als alternder Vampirjäger, während Abraham Van Helsings Enkelin Rachel sich ebenfalls an der Vampirjagd beteiligt.

Einige Autoren schrieben für „The Tomb of Dracula“, aber es ist primär Marv Wolfman, der für den anhaltenden Erfolg der Serie verantwortlich war. Die visuelle Gestaltung der Serie blieb dagegen konstant, denn Gene Colan zeichnete alle 70 Ausgaben. Visuell lehnte er Dracula dabei nicht an Christopher Lee oder Bela Lugosi an, sondern orientierte sich an der derzeit aktuellsten Version der Figur, dargestellt von Jack Palance in einer britischen Fernsehproduktion aus dem Jahr 1973.

Was die inhaltliche Darstellung der Figur angeht, so versucht diese nicht, die Titelfigur allzu sympathisch zu darzustellen, wie es etwa Fred Saberhagen in seinem Roman „The Dracula Tapes“ tat. Stattdessen verfahren Wolfman und die anderen Autoren der Serie mit ihm nicht ganz unähnlich wie mit einem populären Marvel-Superschurken: Ein gewisses Maß an Komplexität (mehr, als sich in Stokers Roman findet) wird zugelassen, aber letztendlich ist der Graf dennoch zweifelsfrei böse. Ansonsten ist „The Tomb of Dracula“ vor allem für das Debüt eines ganz bestimmten Vampirjägers bekannt: Blade feierte seinen Einstand auf den Seiten dieser Serie, auch wenn er sich visuell und charakterlich noch stark von der von Wesley Snipes dargestellten Version der Figur unterschied. In dem Drehbuchautor und Regisseur David S. Goyer in „Blade: Trinity“ Dracula zum Schurken des Films machte, schloss sich dann auch der Kreis, wobei die von Dominic Purcell dargestellte Figur weder mit Stokers noch mit Wolfmans Graf allzu viel zu tun hat.

Dracula: Die Graphic Novel (Leah Moore, John Reppion, Colton Worley, 2009)
dracula graphic novel
Bei dieser Graphic Novel, adaptiert von Alan Moores Tochter Leah sowie John Reppion und bebildert von Colton Worley, handelt es sich um die direkteste Comicumsetzung von Stokers Roman, die mir bislang untergekommen ist. Moore und Reppion folgen der Handlung sehr genau und integrieren so oft wie möglich Teile von Stokers Originaltext. Auch die Beschreibungen des Romans werden sehr genau umgesetzt, besonders, was den Grafen selbst angeht. Wie im Roman tritt er zuerst als alter, in schwarz gekleideter Mann auf, der im Verlauf der Handlung kontinuierlich jünger wird. Der vielleicht interessanteste Aspekt ist der Umstand, dass Moore und Reppion auch den ursprünglich, von Stoker weggelassenen Prolog, der später von seiner Witwe Florence als Kurzgeschichte „Draculas Gast“ herausgegeben wurde, wieder in die Handlung integrieren. Wer also eine sehr romantreue Adaption sucht, macht mit „Dracula: Die Graphic Novel“ wohl wenig falsch. Mich konnte sie dennoch leider nicht völlig überzeugen, was primär mit Colton Worleys visueller Umsetzung zusammenhängt. Von Zeichnungen kann man eigentlich kaum reden, es handelt sich eher um gemalte Bilder, die allerdings zumindest auf mich wirken, als wären sie komplett am Computer entstanden. Worleys Stil sagt mir im Zuge von Stokers Geschichte schlicht nicht zu, die Panels wirken regelrecht steril und auch die Kolorierung weiß nicht wirklich zu überzeugen, weshalb kaum Atmosphäre aufkommt.

Bram Stoker’s Dracula (Roy Thomas, Mike Mignola, 1992)
bramstokerdracula
Dieser Comic hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn er ist eine der ersten Versionen von „Dracula“, die ich konsumiert habe. Es handelt sich hierbei um die Comicadaption zu „Bram Stoker’s Dracula“, nach dem Skript von James v. Haart, umgesetzt von Roy Thomas und gezeichnet von Mike Mignola. Alles, was der Adaption von Moore, Reppion und Worley fehlt, findet sich hier – und das ist ausschließlich Mignola zu verdanken. Wer Mignolas andere Arbeiten, primär die Hellboy-Comics, kennt, weiß, dass er sich wie kein zweiter darauf versteht, herrlich dichte, gotisch-finstere Atmosphäre zu erzeugen. Auch hier fängt er die Stimmung des Films mit seinen markanten, tiefen Schatten ein. Darüber hinaus gelingt es ihm, auch die Figuren passend in Szene zu setzen, sodass sie einerseits ihren Darstellern ähneln, es aber, wie bei so vielen anderen Filmcomics, nicht wirkt, als habe er Standbilder abgezeichnet. Inhaltlich hält sich dieser Comic ebenso dicht an seine Vorlage wie „Dracula: Die Graphic Novel“, weshalb ich weitere Details erst im Filmkontext besprechen werde.

Dracula (Pascal Groci, Françoise-Sylvie Pauly, 2009)
draculagroci
Wechseln wir nun von den anglo-amerikanischen amerikanischen Comics mal ein wenig zu den frankobelgischen. Nach eigener Aussage plante der französische Zeichner Pascal Groci gut 20 Jahre lang eine wie auch immer geartete Dracula-Adaption, bevor sie 2009 (unter Mitarbeit von Grocis Szenaristin Françoise-Sylvie Pauly) veröffentlicht wurde. Herausgekommen ist eine visuell äußerst ansprechende, aber stilistisch doch äußerst eigenwillige Umsetzung. Der Comic teilt sich in zwei Teile bzw. Bücher: Der erste beschäftigt sich mit Vlad dem Pfähler und trägt auch den Titel „Der Prinz der Walachei Vlad Țepeș“. Rahmen der Handlung ist ein Gespräch zwischen Bram Stoker und einem fiktiven Archivar des British Museum, in dem es natürlich um Vlad Țepeș geht. Der eigentliche Plot dreht sich um eine mögliche Vampirwerdung Vlads, bei der auch dessen (historisch verbürgte) Frau Prinzessin Cneajna eine Rolle spielt. Für die Vampirwerdung ist letzten Endes eine Vampirin verantwortlich, die sich als Maler tarnt und mit der Croci, quasi als Abschluss, auch eine Verknüpfung zu LeFanus Carmilla und zur in „Draculas Gast“ erwähnten Gräfin Dolingen von Gratz macht. Die Panels sind visuell beeindruckend gestaltet, leider ist die Handlung aber äußerst sprunghaft und auch ziemlich inkohärent, da Groci und Pauly viel mit Andeutungen arbeiten.

Das zweite Buch, „Die Sage nach Bram Stoker“, ist eine partielle Adaption von Stokers Roman. Groci und Pauly verwenden dabei fast ausschließlich Stokers Originaltext, entscheiden sich aber für eine äußerst eigenwillige Herangehensweise, die ein wenig an modernes Theater erinnert: Man sieht den Grafen kein einziges Mal, an seine Stelle treten Schatten, Statuen oder anders geartete, zumeist architektonische Andeutungen. Mich erinnert diese Herangehensweise ein wenig an eine Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ die ich einmal gesehen habe, in der man das titelgebende Schiff ebenfalls nie sieht – es wird immer nur suggeriert. Nebenbei entfernen Groci und Pauly auch diverse Nebenfiguren und -handlungsstränge, darunter Quincy Morris, Arthur Holmwood und John Seward. Auch hier gilt: Die graphische Umsetzung weiß durchaus zu gefallen, Grocis Bilder sind äußerst atmosphärisch, sie sind aber kaum eine wirkliche Umsetzung der Handlung des Romans, sondern eher zeichnerische Eindrücke der Recherchereisen nach Rumänien und England, die Groci unternommen hat. Dennoch, wer nach einer Dracula-Adaption der etwas anderen Art sucht und nicht allzu hohe Ansprüche an die Handlung setzt, könnte mit diesem zweiteiligen Werk durchaus glücklich werden.

Auf Draculas Spuren (Yves H., Hermann, Séra, Dany, 2006)
draculasspuren
Bei „Auf Draculas Spuren“ handelt es sich um eine dreibändige Comicserie, die sich mit verschiedenen Hintergründen des Romans auseinandersetzt. Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, setzt sich mit Vlad Țepeș auseinander, bleibt dabei aber eher oberflächlich und szenenhaft. Wer ohnehin bereits mit dem Leben des historischen Dracula vertraut ist, gewinnt leider kaum Mehrwert, während ein Leser, der über keine Vorkenntnisse verfügt, schnell verwirrt sein dürfte, da es dem Comic kaum gelingt, die politischen Hintergründe ausreichend zu erklären. Die Zeichnungen des französischen Künstlers Hermann sind leider ebenfalls nicht allzu überzeugend; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, gerade die Gesichter muten dabei aber oft merkwürdig an. Hinzu kommt die matte Kolorierung, die verhindert, dass wirklich Atmosphäre aufkommt.

Der zweite Band, „Bram Stoker“, ist sowohl inhaltlich als auch graphisch der Interessanteste. In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.

Band 3 widmet sich dem Handlungsort „Transsylvanien“ und besitzt von allen drei Teilen den geringsten Mehrwert. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken ein junges Pärchen, Dan und Marcia, durch Transsylvanien – er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren, sie begleitet ihn. Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und Erotik. Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas Ernstes und Düsteres zu machen und wäre daran gescheitert. Insgesamt lohnt sich also nur der zweite Band dieser dreiteiligen Reihe, die anderen beiden sind sowohl erzählerisch als auch visuell ungenügend bis enttäuschend.

Renfield: A Tale of Madness (Gary Reed, Galen Showman, 1995)
renfield
Dieses und das nächste Werk haben einige Dinge gemeinsam. Auf beide bin ich durch Zufall beim Comichändler meines Vertrauens gestoßen und beide greifen ein bestimmtes Element aus Stokers Roman auf und schaffen daraus eine (mehr oder weniger) eigenständige Handlung. „Renfield: A Tale of Madness“ von Gary Reed und Galen Showman schildert die Ereignisse des Romans aus der Perspektive des Wahnsinnigen Renfield. Allzu viel Vorgeschichte wird nicht geboten, der Comic beginnt mit Renfields Ingewahrsamnahme und Einlieferung in Dr. Sewards Sanatorium. Reed zeigt, wie Renfield langsam Dracula verfällt und durch Visionen auch die eine oder andere Schlüsselstelle des Romans indirekt miterlebt (etwa Jonathan Harkers Begegnung mit den drei Vampirinnen auf Draculas Schloss). Gewürzt ist das Ganze, in bester Stoker-Tradition, mit eingestreuten Tagebucheinträgen und Briefen. Reeds spezifisches Vorhaben war es, diese Geschichte so zu erzählen, als handle es sich dabei um geschnittene Szenen des Originals, was ihm im Großen und Ganzen auch gelungen ist.

Visuell erinnerte der Comic ein wenig an Mike Mignolas Adaption von „Bram Stoker’s Dracula“ – tatsächlich könnte man sich durchaus vorstellen, dass eine Dracula-Adaption von Mignola, die sich nicht an diesem spezifischen Film orientiert, optisch in diese Richtung hätte ausfallen können. Szenarist Galen Showman zeichnet insgesamt zwar etwas detaillierter und weniger kantig als Mignola, arbeitet aber ebenfalls mit sehr ausdrucksstarken Schatten und Schwarzflächen, die besonders dann zum Einsatz kommen, wenn Dracula anwesend ist. Die Entscheidung, auf Kolorierung zu verzichten, erweist sich als äußerst gelungen und verstärkt die gotische Atmosphäre zusätzlich. „Renfield: A Tale of Madness“ ist somit eine äußerst gelungene und atmosphärische Ergänzung zu Stokers Roman.

Bram Stoker’s Death Ship (Gary Gerani, Stuart Sayger, 2010)
deathsship
„Bram Stoker’s Death Ship“ ist ähnlich konzipiert wie „Renfield: A Tale of Madness”, greift sich aber nicht eine Figur des Romans heraus, sondern eine Sequenz, und baut diese weiter aus: Das Tagebuch des Captains der Demeter, auf der Dracula in Whitby ankommt. Das bedeutet allerdings auch, dass „Death Ship“ weitaus eigenständiger funktioniert als „Renfield“, denn die einzigen beiden Figuren von Stoker sind der im Roman wie im Comic namenlose Captain sowie natürlich Dracula selbst. Die Crewmitglieder sind im Grunde komplett neue Figuren, da Stoker sie im Roman verständlicherweise nicht umfassend charakterisiert.

Das Problem hier ist, dass man als Leser natürlich schon weiß, wie die Geschichte endet und dass sie, anders als „Renfield“, „Dracula“ nicht wirklich anreichert. Konzipiert ist das Ganze letztendlich ähnlich wie „Alien“ (der Autor erwähnt es im Nachwort sogar selbst). Dracula ist hier fast ausschließlich ein Monster, das sich ein Besatzungsmitglied nach dem anderen krallt, lediglich am Ende gibt es eine kurze Interaktion zwischen dem Captain und Dracula, bei der sich der Graf als ungewöhnlich gnädig erweist. Ansonsten ist „Death Ship“ leider sowohl als Teil des „Dracula-Mythos“ als auch als eigenständige Geschichte eher enttäuschend – um als Ersteres zu funktionieren, fehlt der Mehrwert, und für Letzteres mangelt es an Spannung oder interessanten Figuren. Die Zeichnungen von Stuart Sayger verdienen noch ein paar Worte: Sein Stil ist etwas eigenwillig und verwaschen. Während er durchaus gut Atmosphäre erzeugen kann, gefallen mir die zum Teil verzerrten Gesichter der Figuren überhaupt nicht.

Requiem, der Vampirritter (Pat Mills, Olivier Ledroit, ab 2000)
requla
Autor Pat Mills ist eigentlich ein britischer Schreiberling, mit „Requiem, der Vampirritter“ versuchte er sich aber auch an einer Serie im frankobelgischen Stil, die von Olivier Ledroit phänomenal graphisch umgesetzt wird. Die Handlung folgt dem jungen Wehmachtssoldaten Heinrich, der im Zweiten Weltkrieg umkommt und darauf hin in einem Jenseits der besonderen Prägung landet, in dem man nach dem Tod als mythische Kreatur wiedergeboren wird, je nach Art und Grad der Sünden im Leben. Die meisten normalen Menschen enden als Zombies, Kindsmörderinnen werden zu Harpyien, religiöse Fanatiker zu Werwölfen und die Schlimmsten der Schlimmsten – etwa Attila der Hunne, Aleister Crowley, Caligula, Nero, etc. – zu Vampiren. Dass in dieser Welt auch Vlad Țepeș ein Vampir ist, dürfte nicht weiter verwundern. Es handelt sich dabei aber nicht „nur“ um den historischen Vlad, es finden sich auch genug Stoker-Anleihen. Wie so oft fungiert Dracula, der hier wie im Roman als „Graf“ und nicht, wie es eigentlich sein müsste, als „Voivode“ oder „Fürst“ bezeichnet wird, als „König der Vampire“. Mehr noch, als einziger Vampir dieser jenseitigen Vorhölle wurde er bereits zu Lebzeiten auf Erden zum Blutsauger. Optisch erinnert dieser Dracula an wenig an eine stark übertrieben Version des Gary-Oldman-Draculas aus Francis Ford Coppolas Film, er verfügt über einen mächtigen Schnauzbart und trägt eine dunkelrote Rüstung. Allerdings ist dieser Dracula das pure Böse, verdeutlicht durch die schwarzen Engelsflügel auf seinem Rücken. Ähnlich wie der Roman-Dracula gibt es hier keinerlei Schattierungen, stattdessen haben wir einen Vampirfürsten ohne das geringste bisschen Mitgefühl, der mit Freuden die größten Untaten anrichtet.

Batman/Dracula: Red Rain (Doug Monech, Kelley Jones, 1991)
redrain
Bei „Batman/Dracula: Red Rain“ handelt es sich um eine Elseworld-Geschichte: Im Rahmen dieses Labels haben DCs Kreativschaffende (in diesem Fall Autor Doug Moench und Zeichner Kelley Jones) freie Hand mit den Figuren, müssen sich nicht an die etablierte Kontinuität halten und dürfen die absurdesten Prämissen austesten, etwa: Was wäre, wenn Batman auf Dracula treffen würde? „Red Rain“ und die beiden Fortsetzungen „Bloodstorm“ und „Crimson Mist“ sind sehr interessante Batman-Geschichten, da Batman in ihnen letztendlich selbst zum Vampir wird und mit seinem Kodex auf einer Art und Weise konfrontiert wird, die normalerweise nicht möglich ist. In Bezug auf Dracula, der den ersten Band nicht überlebt, ist „Red Rain“ aber leider eher enttäuschend. Dracula ist hier kaum mehr als ein Vehikel, um den Vampirismus nach Gotham City zu bringen. Er ist ein stereotyp böser Vampirfürst, der über so gut wie keine individuellen Charakterzüge verfügt, nicht einmal optisch sticht er hervor – tatsächlich ist er kaum von Bruce Wayne zu unterscheiden. Im Grunde wird weder zu Stokers Romanfigur, noch zum historischen Dracula irgendeine Beziehung hergestellt. Lediglich ein ähnliches Ziel findet sich bei beiden Versionen: Wie London im Roman hat Dracula Gotham City als seine neuen Jagdgründe auserkoren, weil in einer Stadt wie dieser noch ein paar weitere Tote schlicht nicht auffallen.

The Batman vs. Dracula (Sam Liu, Brandon Vietti, Seung Eun Kim, 2005)
batcula
Es existiert noch ein weiteres Zusammentreffen zwischen dem Dunklen Ritter und dem König der Vampire. Dieser Direct-to-DVD-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2005 ist eine Auskopplung der Serie „The Batman“ (nicht zu verwechseln mit der weit überlegenen „Batman: The Animated Series“), die ich aufgrund der thematischen Überschneidung noch im Rahmen dieses Artikels bespreche. Es handelt sich dabei nicht um eine Adaption von „Red Rain“, auch wenn die Grundprämisse eine ähnliche ist: Dracula kommt nach Gotham City und muss sich mit Batman messen. Im Gegensatz zu „Red Rain“ wird Batmans Schurkenriege in größerem Ausmaß mit einbezogen. Wo „Red Rain“ eher eine definitiv nicht jugendfreie Charakterstudie ist und den Fokus auf Batman und seinen Moralkodex legt, der die Wandlung Bruce Waynes zum Vampir überstehen muss, ist „The Batman vs. Dracula“ weitaus konventioneller und natürlich weniger drastisch. Dennoch finden sich hier weitaus mehr Anspielungen auf Stokers Roman und das popkulturelle Vermächtnis der Figur. So beginnt Dracula im Film als leichenartig ausgezehrtes Monstrum, um im Verlauf jünger und attraktiver zu werden. Der Pinguin übernimmt im Film die Rolle Renfields und legt ein ähnliches Gebaren an den Tag. Wie Bela Lugosis und Gary Oldmans Dracula mischt sich auch dieser Graf unter die feine Gesellschaft und spricht dabei mit osteuropäischem Akzent, während er visuell ein wenig an Christopher Lee angelehnt ist. Ähnlich wie in „The Tomb of Dracula“ wird der Vampirfürst hier als relativ typischer Superschurke charakterisiert, der eine Art vampirische Apokalypse nach Gotham bringen will (auch hier scheint Christopher Lees Graf Pate zu stehen, zumindest in einem der zahlreichen Hammer-Sequels hatte er schon einmal einen ähnlichen Plan). Das Problem hier ist, dass Dracula außerdem noch diverse, ziemlich widersprüchliche Motivationen und Ziele hat, die wirken, als hätte man sie aus den diversen bisherigen Inkarnationen zusammengestückelt, sodass der Graf in diesem Film einfach nicht besonders gut als Schurke für Batman funktioniert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Bildquellen:
Tomb of Dracula
Dracula: Die Graphic Novel
Bram Stoker’s Dracula
Pascal Grocis Dracula
Auf Draculas Spuren
Renfield: A Tale of Madness
Bram Stoker’s Death Ship
Requiem: Der Vampirritter
Red Rain
Batman vs. Dracula

Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Halloween 2017
dracula
Er ist nach wie vor der bekannteste Vampir der Film- und Literaturgeschichte, sein Name wurde zum Teil sogar als Synonym für das Wort „Vampir“ verwendet. Darüber hinaus ist er auch eine der fiktiven Figuren, die am häufigsten in Film und Fernsehen adaptiert wurde – lediglich Sherlock Holmes kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen. Er ist der Archetyp eines ganzen Genres und jeder kennt seinen Namen. Dennoch haben nur verhältnismäßig wenig Leute tatsächlich Bram Stokers „Dracula“ gelesen – das Wissen um den „König der Vampire“ kommt zumeist durch kulturelle Osmose und setzt sich aus Bruchstücken aus Literatur, Film und Fernsehen zusammen. Dennoch, wer den Vampir in seiner heutigen Form verstehen möchte, kommt an „Dracula“ nicht vorbei. Stokers Roman markiert das Ende einer Tradition und den Beginn einer neuen. Auf die ausführliche Besprechung des „Königs der Vampire“ arbeite ich bereits hin, seit ich meine Serie „Geschichte der Vampire“ begonnen habe. Dieser Artikel setzt sich ausführlich und ausschließlich mit Stokers Roman auseinander.

Inhalt und Form
Der junge Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien, um dem dort ansässigen reichen Edelmann Graf Dracula beim Kauf diverser Immobilien in England behilflich zu sein. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass sein Gastgeber ein blutdürstiger Vampir ist, der nach England umsiedeln möchte, um dort neue Opfer zu finden. Er lässt Jonathan in den Klauen seiner drei Gespielinnen zurück und reist per Schiff nach England. In Whitby, dem Ort seiner Ankunft, verbringt gerade Mina Murray, Jonathan Harkers Verlobte, ihre Ferien mit ihrer Freundin Lucy Westenra. Lucy wird zu Draculas erstem Opfer. Obwohl ihr Verlobter Arthur Holmwood sowie Lucys ehemalige Verehrer John Seward und Quincey Morris sowie Sewards Mentor Abraham van Helsing alles daran setzen, Lucy zu retten, scheitern sie. Lucy stirbt und wird zur Untoten, die letztendlich von denen, die sie während ihres Lebens geliebt haben, erlöst werden muss. Mina erfährt derweil, dass Jonathan in halb verrücktem Zustand von Nonnen gefunden wurde und gegenwärtig gesund gepflegt wird. Sie reist nach Osteuropa, wo sie Jonathan so schnell wie möglich heiratet. Die Ereignisse, die zu Jonathan temporärer geistiger Umnachtung geführt haben, hat der junge Anwalt vorerst verdrängt, er gibt Mina allerdings sein Tagebuch. Zuerst weigert sie sich, es zu lesen, nachdem sie von Lucys Tod erfährt und Jonathan meint, den Grafen in London gesehen zu haben, liest sie es dann doch. Schließlich tragen alle Beteiligten ihre Informationen zusammen – nicht nur Jonathan, auch van Helsing, Holmwood, Morris und Seward sind sehr daran interessiert, Dracula ein für alle Mal auszuschalten. Es gelingt ihnen, die Zufluchtsstätten Draculas in England unbrauchbar zu machen, derweil wird Mina allerdings zum nächsten Opfer des Grafen. Seiner Rückzugsorte beraubt flieht der Graf zurück in seine Heimat, verfolgt von den Vampirjägern, die sich mit dem Untoten ein Wettrennen nach Transsylvanien liefern, um Mina vor dem Schicksal zu bewahren, das Lucy ereilte. Es gelingt ihnen schließlich, den Grafen aufzuhalten, kurz bevor er das Schloss erreicht – nur Quincey Morris erleidet dabei eine tödliche Verletzung, freut sich aber darüber, dass sein Opfer es ermöglicht, Dracula aufzuhalten und Mina zu retten.

Diese ganzen Geschehnisse werden in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Zeitungsausschnitten oder anderen relevanten Dokumenten präsentiert, gesammelt und sortiert von den Protagonisten als Chronik der Ereignisse. Dieser Umstand dominiert die Form des Romans – während Briefe und Zeitungsausschnitte zumeist als kürzere Interludien funktionieren, nehmen die Tagebucheinträge den meisten Raum ein, wobei Jonathan Harker, Mina Harker und John Seward die dominantesten Erzähler sind. Der mit Abstand gelungenste Teil des Romans ist das erste Drittel, in dem Jonathan Harker nach Transsylvanien reist, die dunklen Omen und Warnungen der Einheimischen ignoriert, dann aber langsam feststellt, dass sein Gastgeber ein Vampir ist. Dieser Abschnitt des Romans ist am atmosphärischsten und spannendsten, auch weil er sehr fokussiert ist und sich ausschließlich auf Jonathans wachsenden Schrecken konzentriert. Die anderen beiden Drittel des Romans zerfasern etwas, vor allem der Mittelteil zieht sich ein wenig. Lucys langsame Verwandlung in eine Vampirin ist ebenfalls gelungen, wird aber immer wieder von relativ uninteressanten Interludien unterbrochen. Ein besonders auffälliges Element ist der Umstand, dass Dracula nach dem ersten Drittel kaum mehr als Figur auftaucht, sondern eher zu einer bedrohlichen Präsenz im Hintergrund wird, was dramaturgisch relativ gut funktioniert. In dieser Hinsicht ist lediglich das eigentliche Ende des Romans (bzw. des Vampirs) etwas enttäuschend: Nach einer Verfolgungsjagd von England nach Transsylvanien darf der Graf nicht einmal mehr selbst Hand an seine Verfolger legen, sondern wird ganz passiv in seiner Transportkiste von Jonathan und Quincey abserviert. Letzteren darf er nicht einmal persönlich umbringen – insgesamt ist das ganze Finale ziemlich knapp und antiklamktisch; die meisten Adaptionen erweitern es oder ändern es völlig ab.

Entstehung
Angeblich basiert die Grundidee für „Dracula“ auf einem Traum, den Stoker hatte und der sich im Roman in Form der Begegnungen mit den drei Gespielinnen Draculas wiederfindet. Dabei handelt es sich allerdings eher um eine Anekdote denn eine tatsächliche Gegebenheit. Fakt ist allerdings, dass Stoker definitiv von seinen direkten Vorgängern stark beeinflusst wurde: Sowohl „The Vampyre“ als auch „Varney the Vampire“ und vor allem „Carmilla“ hatten großen Einfluss auf das Schaffen des irischen Schriftstellers und beeinflussten seine Darstellung des Vampirs. Die Inspiration für den Titelschurken stammt allerdings aus anderer Quelle – und es handelt sich dabei auch nicht um Vlad Țepeș. Stattdessen findet sich in Dracula, seinem Auftreten und Gebahren, seinen guten Manieren, seiner Arroganz und Grausamkeit vor allem der Schauspieler Henry Irving wider. Zwischen 1878 und 1898 arbeitete Stoker im Lyceum Theatre in London, das während eben dieses Zeitraums von Irving geleitet wurde. Ursprünglich beabsichtigte Stoker, „Dracula“ im Lyceum mit Irving in der Titelrolle zur Aufführung zu bringen, doch Irving sagte die Idee nicht zu, da ihm der Stoff zu trivial erschien, weshalb Stoker sein Werk schließlich in Romanform veröffentlichte.

Und Vlad Țepeș? Ursprünglich hatte Stoker überhaupt nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark in Österreich als Heimat für seinen Vampir auserwählt – hier zeigt sich noch einmal der Einfluss von Sheridan Le Fanus „Carmilla“. In der Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren sollte, von Stoker aber verworfen und später von seiner Witwe Florence Stoker posthum veröffentlicht wurde, findet sich noch ein letzter Hinweis auf diesen Umstand. Der namenlose Erzähler (theoretisch müsste es sich dabei um Jonathan Harker handeln) stößt in einem verlassenen Dorf in der Nähe von München auf die Gruft einer Vampirin, die von der Inschrift als „Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark“ identifiziert wird.

Im frühen Stadium trug der Schurke von Stokers Werk (und damit auch das Werk selbst) noch den Namen „Count Wampyr“. Erst durch den Orientalisten Arminius Vámbéry kam Stoker auf die Idee, Anfang und Ende der Handlung nach Osteuropa zu verlegen. Vámbéry erzählte Stoker auch von Vlad III., genannt „Dracula“ (bzw. „Drăculea“), dem „Sohn des Drachen“ oder „Sohn des Teufels“. Es gilt inzwischen allerdings als gesichert, dass Stoker nicht allzu viel über Vlad III. wusste, denn die tatsächlichen Verweise auf die historische Figur, die im Roman zu finden sind, bleiben vage und unspezifisch, was angesichts des bewegten Lebens, das Vlad führte, äußerst merkwürdig ist. Noch dazu sind fast alle Details falsch: Vlad III. herrschte niemals in Transsylvanien und besaß auch kein Schloss am Borgo-Pass, stattdessen regierte er die Walachei und war auch kein Graf, sondern Voivode (was sich am ehesten mit „Fürst“ übersetzen lässt; zugegebenermaßen wird dieser Titel im Roman einmal von van Helsing erwähnt). Und obwohl er ein blutrünstiger Schlächter war, hat der Beiname Drăculea, im Gegensatz zu einem anderen Beinamen (Țepeș, der Pfähler) nichts damit zu tun. Vlads Vater, Vlad II., wurde von Kaiser Sigismund in den Drachenorden, einen Ritterorden zum Schutz der Christenheit, aufgenommen und erhielt deshalb den Beinamen „Dracul“, „der Drache“. Somit war Vlad III. der Sohn des Drachens. Lange Rede, kurzer Sinn: Dracula hat mit dem historischen Vlad Drăculea bis auf den Namen und den üppigen Schnurrbart eigentlich nichts gemein, die Verknüpfung zwischen dem Vampir und dem nicht minder blutrünstigen Herrscher der Walachei wurde erst in späteren Adaptionen der Vorlage geschaffen.

Deutungen
Es gibt eine Vielzahl an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten für „Dracula“ – ich will hier nur in aller gebotenen Knappheit einige Ansätze präsentieren, da dieser Artikel sonst völlig ausarten würde. Besonders beliebt ist der Ansatz, dass es sich bei Dracula um eine Repräsentation des im viktorianischen Zeitalter stark unterdrückten Sexualtriebs handelt, der die Reinheit (oder Prüderie) der viktorianischen Dame, vertreten durch Mina Harker und Lucy Westenra, befleckt. In diesem Zusammenhang kann der Vampirismus als Geschlechtskrankheit interpretiert werden, oder als unterdrückte Homosexualität, oder als Freisetzung des Freud’schen „Es“. Apropos Freud, der Madonna/Hure-Komplex ist auch nicht weit entfernt: Die Frauen in „Dracula“ sind entweder pure, reine Wesen, die von den Männern überhöht werden (Mina, Lucy als Mensch) oder lüsterne Dämoninnen (Draculas Gespielinnen, Lucy als Vampirin) – Zwischentöne gibt es nicht.

Und dann wären da noch die gesellschaftlichen bzw. politischen Deutungen. Mit Ausnahme Arthur Holmwoods handelt es sich bei den Vampirjägern um aufgeklärte Vertreter des Bürgertums, die gegen einen blutsaugenden Adeligen, einen Vertreter einer alten und überkommenen Ordnung kämpfen – so kann „Dracula“ auch als Versinnbildlichung einer bürgerlichen Revolution gesehen werden. Damit einher geht die Deutung des Konflikts im Roman als Kampf zwischen Fortschritt und Rückschritt bzw. Aufklärung und Magie. Zwar wird die dogmatische Leugnung des Übernatürlichen als fatal dargestellt – letztendlich müssen die Protagonisten auf unangenehme Weise lernen, dass das Übernatürliche real ist – aber dennoch wird es als etwas bekämpft, das in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Mehr noch, die Vampirjäger unterwerfen sich letztendlich nicht seinen Regeln. Dracula selbst stirbt, anders als Lucy, nicht durch den Holzpflock, die traditionelle Waffe im Kampf gegen Vampire, sondern durch Jonathan Harkers Kukri und Quincy Morris‘ Bowiemesser, zwei verhältnismäßig moderne Waffen.

Und schließlich wäre da noch die persönlichere Deutung, derzufolge Stoker sich selbst und die Personen seines Umfelds auf dualistische Weise in den Roman eingearbeitet hat: Das Zentrum seines beruflichen Lebens und seiner Bewunderung, Henry Irving, wird dieser Interpretation zufolge in seinen positiven Aspekten von van Helsing repräsentiert, in seinen negativen von Dracula, während Stoker sich selbst, schwankend zwischen Bewunderung und Abhängigkeit, in Form von Jonathan Harker und dem Wahnsinnigen Renfield, der sich vom Grafen ewiges Leben erhofft, in die Geschichte einarbeitete. Mina und Lucy repräsentieren dann seine Frau Florence, während die beiden Trios des Romans, die Vampirjäger und die drei Vampirinnen, Irvings persönlich Entourage darstellen sollen.

Dracula und Stokers Vampire
Es gibt ein Element, das Dracula von fast allen seinen Vorgängern unterscheidet, die ich im Rahmen von „Geschichte der Vampire“ besprochen habe: Bram Stokers Graf Dracula ist als Figur absolut nicht ambivalent, er ist einfach nur böse. Nachdem man Jahrzehnte lang Filme gesehen hat, in denen Dracula romantisch involviert war, mit Gewissensbissen haderte oder sein Schicksal beklagte, mag das seltsam erscheinen, aber der Vampire im Roman besitzt keine dieser Eigenschaften, keine Ambivalenz, keine Reue, keine Spur von romantischer Veranlagung, er ist nicht einmal besonders attraktiv oder anziehend (allerdings auch nicht so hässlich wie Graf Orlok). Zwar fungierten Lord Ruthven und Carmilla ebenfalls als die Antagonisten ihrer jeweiligen Geschichte, beide bauten aber auch innige Beziehungen zu den jeweiligen Protagonisten auf, wurden Freunde, Mentoren oder gar Geliebte, sodass sich ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelte. Sir Francis Varney schließlich ist der Prototyp des sympathischen Vampirs, auch wenn er zumindest am Anfang von „Varney the Vampire“ noch eine antagonistische Rolle einnahm. Dracula mag wie Ruthven ein Adeliger sein und es nicht auf Familienmitglieder, sondern auf schöne junge Frauen abgesehen haben, aber auf rein konzeptioneller Ebene lässt er sich am ehesten mit den Vampiren aus „Die Familie des Wurdalak“ vergleichen. Sowohl bei Tolstoï als auch bei Stoker bleibt nach der Vampirwerdung kaum etwas von der ursprünglichen Persönlichkeit des Menschen übrig. Natürlich verrät der Roman nicht, wie Dracula als Mensch war, aber als Leser erlebt man, wie sich Lucy Westenra durch die Vampirwerdung verändert. Zwar erinnert sie sich noch daran, dass sie mit Arthur verlobt war, doch dabei handelt es sich bestenfalls um Rückstände ihres früheren Ichs, die keine Einfluss auf das Monster haben, zu dem sie geworden ist. Nur in einer einzigen Szene des Romans zeigt Dracula ein wenig Ambivalenz, nämlich im Gespräch mit Jonathan Harker im ersten Drittel des Romans. Dort, und nur dort, gibt sich der Graf ein wenig melancholisch. Doch selbst dabei scheint es sich um eine Täuschung des Monsters zu handeln. Fast jede Adaption des Romans, selbst die, in denen Dracula immer noch eindeutig der Schurke ist, haben ihm zumindest den einen oder anderen zusätzlichen sympathischen Zug verliehen, von späteren Versionen, in denen er zum romantischen Antihelden mutiert, gar nicht erst zu sprechen. Aber vielleicht eignet sich Stokers Dracula gerade wegen seiner Eindimensionalität so gut als Archetyp: Dracula ist DER böse Vampir, ohne Schattierungen, und als solcher kann er als Sprungbrett in alle möglichen Richtungen fungieren.

Was die Darstellung des Vampirs im Allgemeinen angeht, so orientiert sich Stoker durchaus an seinen Vorgängern, wo diese aber zum Teil vage und unklar blieben, schafft Stoker fast schon mechanische Gesetzmäßigkeiten: Der Vampir muss Blut trinken, um zu überleben, altert nicht und kann sich sogar verjüngen, er muss in der Erde seiner Heimat schlafen, er kann sich in Tiere (Wölfe, Fledermäuse, Ratten) und Nebel verwandeln, er muss eingeladen werden, um ein Gebäude betreten zu können, sobald er jedoch einmal eingeladen wurde, wird man ihn kaum wieder los. Er hat kein Spiegelbild und keinen Schatten, Knoblauch und christliche Symbole schrecken ihn ab, fließendes Wasser kann er nicht (bzw. nur in einer Kiste schlafend) überqueren, seine Gestalt kann er nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verändern und den Tag muss er in der Gestalt verbringen, die er in der Nacht gewählt hat. Töten kann man ihn, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, ihm den Kopf abschlägt und Knoblauch in den Mund stopft (obwohl sich ja bereits im Roman auch diverse Messer als äußerst wirkungsvoll erweisen). Diese Gesetzmäßigkeiten, zusammen mit dem Tod durch Sonnenlicht, der in Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ etabliert wurde, gelten als Vampirstandard und haben sich inzwischen im kulturellen Unterbewusstsein verankert.

Normalerweise würde ich nun noch weiter über das Vermächtnis des Werkes und das Fortleben der Figur in Adaptionen und anderen Werken schreiben, aber bei „Dracula“ ufert das derartig aus, das noch einige weitere Artikel folgen werden, die sich mit der Darstellung des Grafen in Film und Fernsehen, Comic und Anime, weiteren Romanen sowie Hörbüchern und -spielen auseinandersetzen werden.

Bildquelle

Geschichte der Vampire:
The Vampyre
Die Familie des Wurdalak
Varney the Vampire
Carmilla
Nosferatu

Geschichte der Vampire: Carmilla

Halloween 2016
carmilla
Von allen direkten Vorgängern Draculas ist Carmilla die wahrscheinlich bekannteste, was zum einen daran liegt, dass ihr Schöpfer, der Ire Joseph Sheridan Le Fanu (1814 bis 1873), nicht völlig in Vergessenheit geraten ist, sondern als wichtiger Schöpfer viktorianischer Geistergeschichten und großer Einfluss auf Autoren wie M. R. James gilt, und zum anderen darauf zurückzuführen sein dürfte, dass Carmilla des Öfteren in Filmen oder anderen popkulturellen Werken auftaucht. Ganz allgemein erwies sich die Novelle „Carmilla“ (ursprünglich als Serial in dem Literaturmagazin „The Dark Blue“ zwischen 1871 und 72 und dann in gesammelter Form in Le Fanus Anthologie „In a Glass Darkly“ 1872 erschienen) als sehr einflussreich, sie beeinflusste Bram Stoker und schuf den Archetypen des weiblichen und oftmals auch lesbischen Vampirs. Tatsächlich findet sich in „Carmilla“, ähnlich wie in Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“, so viel homosexueller Subtext wie im 19. Jahrhundert gerade eben möglich war.

Die Handlung
Ort der Handlung ist die Steiermark in Österreich. Le Fanu konzipierte „Carmilla“, ähnlich wie Stoker später „Dracula“, als fiktiven Tatsachenbericht. Als Erzählerin fungiert die Protagonistin Laura, Tochter eines englischen Adeligen und Witwers, der früher in den Diensten des österreichischen Kaiserreiches stand und nun mit seiner Tochter und zwei Gouvernanten in einem einsamen Schloss lebt. Laura macht diese Einsamkeit zu schaffen, und so begrüßt sie es, als ihr Vater ein Mädchen in ihrem Alter namens Carmilla aufnimmt, deren Mutter wegen dringender, geheimer Geschäfte außer Landes muss. Schon bald werden Laura und Carmilla zu engen Freundinnen, allerdings gibt es immer wieder merkwürdige Vorkommnisse. So hatte Laura als Kind einen fast schon prophetischen Traum, in dem sie Carmilla sah. Auch gleicht ein Porträt einer entfernten Verwandten Lauras Carmilla. Und schließlich wird Laura von merkwürdigen Alpträumen geplagt, in denen eine schwarze Katze vorkommt, die ihr in die Brust beißt, während sich in den umliegenden Dörfern eine mysteriöse Krankheit ausbreitet, der lediglich junge Mädchen zum Opfer fallen. General Spielsdorf, ein Freund von Lauras Vater, liefert schließlich die Antwort auf die Frage nach diesen mysteriösen Vorkommnissen: Carmilla ist eine Vampirin, die als Millarca bereits für den Tod von General Spielsdorfs Tochter verantwortlich ist und ursprünglich Mircalla von Karnstein hieß. Gemeinsam mit dem Vampirjäger Baron Vordenburg gelingt es, Carmillas Ruhestätte ausfindig zu machen und sie zu pfählen. Laura bleibt jedoch von den Ereignissen gezeichnet.

Le Fanus Vampirin
Carmilla ist nicht nur der erste signifikante weibliche Vampir, sondern unter den direkten Vorgängern Draculas auch einer der sympathischeren. Zwar hadert sie nicht wirklich mit ihrem Schicksal, wie es etwa bei Sir Francis Varney der Fall ist, aber ihre Zuneigung zu Laura scheint doch echt zu sein. Darüber hinaus versucht Carmilla zumindest, ihr Verhalten zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Konzeption des Vampirs bei Le Fanu weist bereits viele bekannte Komponenten auf, unterscheidet sich aber durchaus auch von späteren Vertretern. Wie nicht anders zu erwarten wird Carmilla zwar durch die Sonne geschwächt und ist primär nachts aktiv, verbrennt allerdings auch nicht zu Asche, da diese Eigenschaft erst mit Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ ihren Weg in den Vampirmythos fand. Wie diverse andere Literaturvampire ruht Carmilla in einem Sarg und wird mit einem Tier in Verbindung gebracht, in das sie sich auch verwandeln kann. Während das bei Dracula allerdings Fledermaus und Wolf waren, nimmt Carmilla die Gestalt einer schwarzen Katze an. Darüber hinaus ist sie, wie Dracula, in der Lage, sich in Nebel zu verwandeln. Was sie von späteren Vampiren außerdem abgrenzt ist die Wahl des Körperteils, von dem sie trinkt. Meistens saugen die Vampire das Blut aus dem Hals, Carmilla bevorzugt jedoch die Brust. Darüber hinaus findet sich bei Le Fanu auch noch ein Element, das eher den älteren Volkssagen entstammt und in „Die Familie des Wurdalak“ sehr prominent war: Die Vorliebe des Vampirs für Familienmitglieder. Laura ist über ihre Mutter mit dem Geschlecht derer von Karnstein, dem Carmilla entstammt, verwandt und scheint dadurch von besonderem Interesse für die Vampirin zu sein.

Wirkung und Adaptionen
carmillahorspielNicht nur erwies sich „Carmilla“ als exzellente und atmosphärische Schauergeschichte in bester Gothic-Tradition (alte, abgelegene Schlösser, neblige Landschaften, düstere Geheimnisse), sondern auch als prägendes Werk der Vampirliteratur. Le Fanus Novelle beeinflusste „Dracula“ sehr direkt; vor dem Abfassen seines Romans hatte Stoker sie gelesen und bestimmte Elemente übernommen. Es gibt atmosphärische und erzählerische Parallelen (beide Werke sind als Aufzeichnung konzipiert), ebenso wie Gemeinsamkeiten gewisser Figuren; so erinnert Lucy Westenra vor ihrer Vampirwerdung an Laura und danach an Carmilla, während Professor Abraham van Helsing an Baron Vordenburg angelehnt sein dürfte. Mehr noch, bevor Transsylvanien zu Draculas Herkunftsort wurde, wollte Stoker ihn in der Steiermark ansiedeln. Noch deutlicher werden die Parallelen, wenn man die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“ miteinbezieht: Diese sollte ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren, Stoker nahm sie dann allerdings aus dem Roman heraus, bis sie nach seinem Tod von seiner Frau schließlich veröffentlicht wurde. In dieser Geschichte entdeckt der namenlose Ich-Erzähler (bei dem es sich wohl mehr oder weniger um Jonathan Harker handelt) in einem verfallenen Dorf in der Nähe von München eine Vampirin namens Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark. Sowohl „Dracula’s Guest“ als auch „Carmilla“ wurden von Titania Medien als Gruselkabinett-Folgen umgesetzt und sind wie üblich äußerst empfehlenswert.

Auch über „Dracula“ hinaus erwies sich „Carmilla“ als wichtige Genre-Erzählung und bildete die direkte oder indirekte Vorlage für viele Vampirgeschichten; vor allem im Jugendbuchbereich bediente man sich der grundsätzlichen Handlungskonstruktion gerne, sodass es zur Freundschaft zwischen menschlichem Protagonisten und Vampir kommt. Darüber hinaus wurde Carmilla auch einige Male verfilmt, unter anderem von dem dänischen Regisseur Carl Dreyer („Vampyr“, 1932) oder dem Franzosen Roger Vadim („Et mourir de plaisir“, 1960) – während der dänische Film den homosexuellen Subtext völlig ignoriert, liegt der Fokus des französischen Films auf exakt dieser Thematik. Die bekannteste Adaption dürfte wohl die Karnstein-Trilogie der Hammer-Studios sein, die sich nach der erfolgreichen Umsetzung von „Dracula“ mit Christopher Lee 1970 auch Le Fanus Novelle annahmen. Der erste Film besagter Trilogie trägt den Titel „The Vampire Lovers“ (auf deutsch „Die Gruft der Vampire“) und ist der Vorlage noch verhältnismäßig treu – Ingrid Pitt spielt darin Carmilla. Die anderen beiden Filme, „Lust for a Vampire“ und „Twins of Evil“ haben dagegen nur noch marginal etwas mit Le Fanus Novelle zu tun.

Auch in anderen Medien ist Carmillas Einfluss direkt oder indirekt spürbar, vor allem durch mehr oder weniger subtile Verweise – nur allzu gerne wird zum Beispiel der Name Karnstein im Vampirzusammenhang verwendet, etwa in Kim Newmans Anno-Dracula-Romanen. Rachel Kleins Roman „The Moth Diaries“ (ebenso wie die darauf basierende Verfilmung) kann durchaus als Neuinterpretation von „Carmilla“ angesehen werden. Und dann wäre da auch noch die neueste Adaption, eine Webserie, die denselben Namen trägt wie das Original. Laura (Elise Bauman) ist hier Schülerin an einem Internat, die eine Videotagebuch führt und sich mit ihrer neuen Zimmergenossin Carmilla (Natasha Negovanlis) arrangieren muss. Man kann sich natürlich schon denken, wohin das führt…

Geschichte der Vampire: Varney the Vampire

varney
Der sympathische, mit sich selbst und seiner monströsen Natur ringende Vampir war bis zu Anne Rice‘ „Chronik der Vampire“ eher eine Seltenheit, das Konzept selbst ist allerdings älter als Dracula. Unter den diversen Wegbereitern des Vampirgrafen ist Sir Francis Varney wahrscheinlich derjenige, der einerseits den größten Einfluss auf die moderne Vampirliteratur ausgeübt hat, aber andererseits kaum jemandem mehr bekannt sein dürfte. Bei Sir Francis Varney handelt es sich um den Protagonisten (bzw. je nach Sichtweise auch um den Antagonisten) eines über 800 Seiten starken Romans namens „Varney the Vampire; or the Feast of Blood“. Besagter Roman erschien zuerst zwischen 1854 und 1847 als Fortsetzungsreihe im Rahmen der sog. „penny dreadfuls“, englischer Schundromanhefte mit zumeist düsterem Inhalt (in der gleichnamigen Serie von John Logan wird Varney sogar in diesem Zusammenhang erwähnt, eine Anspielung, die den Kenner besonders freut), bevor er 1847 dann auch als gebundenes Buch erschien. Die Autorschaft des Werkes ist umstritten, lange galt Thomas Peckett (manchmal auch Preskett) Prest als Verfasser, aber auch James Malcolm Rymer ist ein möglicher Kandidat.

Die Handlung spielt um das Jahr 1730, der Fokus liegt auf den Taten des Vampirs Sir Francis Varney und seine Beziehung zur Adelsfamilie Bannerworth. Ähnlich wie Lord Ruthven ist auch Varney kein monströser Vampir der alten Schule, sondern ein adeliges und mehr oder weniger verführerisches Monster, das klar von der Vampirdarstellung Polidoris beeinflusst wurde und seinerseits die Vampire, die nach ihm kamen, beeinflusste. Zu den typischen Vampireigenschaften Varneys gehört seine übermenschliche Stärke sowie die Fangzähne, mit deren Hilfe er Blut trinkt. Das Sonnenlicht schadet ihm dagegen nicht, diese Eigenschaft wurde erst mit „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ Teil des Vampirmythos.

Insgesamt ist die Vampirdarstellung in „Varney the Vampire“ recht wechselhaft, da das Werk zum Teil sehr inkonsistent ist. So gibt es Abschnitte, in denen Varney kaum vampirische Eigenschaften aufweist und es scheint, als bilde er sich nur ein, ein Vampir zu sein. In anderen Aspekten ist „Varney the Vampire“ jedoch ganz typisch, gerade, was die Atmosphäre angeht: Friedhöfe, alte Schlösser, Vampirjagden, Blut und Leichen – alles, was mit der typischen Vampirgeschichte assoziiert wird, findet sich hier. Varney selbst macht im Verlauf der Geschichte durchaus eine Wandlung durch; zu Beginn gleicht er eher dem typischen Vampirantagonisten, später wird er allerdings zunehmend sympathischer und hadert mit seinem Schicksal, ganz wie seine Nachfolger, von Louis de Pont du Lac über Angel bis zu Bill Compton. Noch in einem weiteren Aspekt erweist sich Varney als Vorläufer: Ähnlich wie der von Christopher Lee dargestellte Dracula der Hammer-Filme wird Varney immer wieder getötet, das Licht des Mondes und ähnliche Methoden holen ihn allerdings ins (Un-)Leben zurück, jedenfalls bis zu seinem finalen Selbstmord: Er springt in den Krater des Vesuv.

Zur Zeit der Publikation war Varney sehr beliebt und erfolgreich, nach dem Erscheinen seines berühmteren Nachfolgers Dracula verschwand er jedoch langsam in der Vergessenheit, was auch daran lag, dass „Varney the Vampire“ lange nicht nachgedruckt wurde, da ein derart dickes und umfangreiches Buch diesen Inhalts für Verlage schlicht nicht rentabel war. 1976 erschien tatsächlich eine, wenn auch stark gekürzte deutsche Übersetzung, die allerdings nicht neu aufgelegt wurde und deshalb sehr selten ist. „Varney the Vampire“ kann, zumindest auf Englisch, inzwischen jedoch problemlos konsumiert werden, da sich der komplette (und rechtefreie) Text im Internet findet. Ich muss zugeben, dass ich selbst aber nur ein paar Ausschnitte gelesen habe, da es doch eine ganze Menge Material ist und der Stil zum Teil doch sehr anstrengt.

Während der indirekte Einfluss des Werkes nicht zu unterschätzen ist, gibt es kaum direkte Weiterverarbeitungen des Stoffes, soweit ich weiß existiert so gut wie keine Adaption für Film oder Fernsehen. Was dem am nächsten kommen könnte ist die gotische Soap-Opera „Dark Shadows“. Der dort auftauchende Barnabas Collins erinnert stark an Varney, auch er hat eine Verbindung zu seiner sterblichen Familie und hadert mit seinem Schicksal. Darüber hinaus gibt es zumindest noch die eine oder andere Anspielung in anderen Werken. In der Marvel-Comicserie „The Tomb of Dracula“ etwa taucht ein Vampir namens Varnae auf, während Sir Francis Varney in Kim Newmans „Anno Dracula“ als Gouverneur von Indien fungiert.

Siehe auch:
Varney the Vampire; or the Feast of Blood – Volltext

Geschichte der Vampire: Die Familie des Wurdalak

wurdalak
Im Rahmen dieser Artikelreihe möchte ich irgendwann Bram Stokers „Dracula“ in aller Ausführlichkeit besprechen, allerdings gibt es noch drei Werke, die zuvor bearbeitet werden müssen. Alle drei gehören zu wichtigen Frühwerken der Vampirliteratur und haben viele der späteren Werke, inklusive „Dracula“, massiv beeinflusst, sind aber, vielleicht mit einer Ausnahme, fast nur noch Kennern der Materie geläufig.

„Die Familie des Wurdalak“, oft auch „Die Familie des Vampirs“ und manchmal mit dem Titel „Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“ versehen, wurde von dem russischen Schriftsteller Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï (1817 bis 1875, nicht mit Leo Tolstoi zu verwechseln) bereits 1840 in französischer Sprache verfasst, aber erst 1884 in russischer Übersetzung unter dem Titel „Russki Westnik“ („Russischer Bote“) veröffentlicht. Die französische Originalfassung konnte erst ab 1950 erworben werden. Anders als John William Polidori, dessen Vampir Lord Ruthven sich von den Gestalten osteuropäischer Volkssagen deutlich unterschied und ein blutsaugender Gentleman war, greift Tolstoï stärker auf Inhalt und Atmosphäre der ursprünglichen Vampirlegenden zurück.

Die Erzählung handelt von dem jungen französischen Diplomaten Serge d’Urfé, der sich auf einer wichtigen Mission in Osteuropa befindet, aber wegen eines Schneesturms in einem kleinen Dorf in der Hütte einer Familie Unterschlupf suchen muss. Die Stimmung ist gedrückt: Gorcha, das Familienoberhaupt, hat sich in die Berge begeben, um den türkischen Räuber Ali Bek zu fangen. Gorcha hat seiner Familie befohlen, nur zehn Tage auf ihn zu warten, nach Ablauf dieser Frist soll er nicht mehr eingelassen werden, da er sich wohl in einen Wurdalak, einen Vampir verwandelt hat. Serge hält dies für Aberglauben und hat nur Augen für Sdenka, Gorchas Tochter. Die Meinung des Franzosen ändert sich allerdings langsam, als Gorcha kurz vor bzw. nach Ablauf der Frist zurückkehrt. Trotz einiger Zweifel lässt die Familie den Vater ein, was sich als schwerer Fehler erweist. Gorcha verhält sich höchst ungewöhnlich, merkwürdige Vorkommnisse häufen sich und schon bald wird klar: Der alte Mann ist tatsächlich zum Wurdalak geworden. Schließlich fällt Gorchas Enkel der Blutlust seines Großvaters zum Opfer, was dessen Vater Georges dazu veranlasst, das Familienoberhaupt anzugreifen und ihn in den Wald zu jagen. Bald darauf erklärt Georges seinem Gast, er müsse nun aufbrechen. Nach dem Ende seiner Mission kehrt Serge in das Dorf zurück, nur um herauszufinden, dass Georges seinen Vater zwar töten konnte, sein Sohn aber bereits zum Vampir geworden ist. Nach und nach wurden erst die Familie und dann das ganze Dorf zu Vampiren. Es kommt schließlich zur Konfrontation mit der untoten Sdenka. Nur sein Kreuz rettet Serge vor dem Durst der Vampirin und er kann schließlich fliehen.

Viele der Elemente, die heute als Klischees des Vampirgenres gelten, nahmen in dieser Geschichte ihren Anfang. Vor allem das Setting ist geradezu typisch: Ein kleines Dorf in Osteuropa im Winter, voll von abergläubischen Menschen, die am Ende doch recht behalten – man kann sich gut vorstellen, dass Tolstoïs Geschichte den Anfang von „Dracula“ doch zumindest beeinflusst hat. Auch der langsame, aber wirkungsvolle Spannungsaufbau findet sich wider: Genauso, wie Jonathan Harker die wahre Natur seines Gastgebers entdeckt, muss auch Serge d’Urfé langsam erkennen, in was sich das Familienoberhaupt Gorcha verwandelt hat. Ebenso spielt die Abneigung von Vampiren gegen christliche Symbole eine wichtige Rolle: Nicht nur hat das Kreuz eine schützende Wirkung, Gorcha ist auch unfähig, ein Tischgebet zu sprechen und wird dadurch enttarnt.

Wie bereits erwähnt basiert Tolstoïs Konzeption des Vampirs sehr stark auf osteuropäischen Legenden: Bis auf Sdenka besitzen die Vampire dieser Erzählung keine erotischen Elemente, und selbst Sdenka zeigt ihr wahres Gesicht, nachdem sie mit Serges Kreuz in Berührung kommt. Auch die Affinität für Familienmitglieder und Menschen, die der Vampir zu Lebzeiten liebte, entstammen dem Volksglauben – laut „Die Familie des Wurdalak“ ist es diese Eigenschaft, die den Wurdalak von anderen Vampiren unterscheidet.

Während sich viele Elemente aus „Die Familie des Wurdalak“ in späteren Werken wiederfinden, ist die Geschichte selbst inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten und wurde auch nicht groß adaptiert, es existieren lediglich zwei Filmversionen des Stoffes. Die erste ist Teil des italienischen Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ („I tre volti della paura“) von Mario Bava, mit Boris „Frankenstein“ Karloff als Gorcha. 1972 erschien, abermals in Italien, eine weitere Adaption namens „La notte dei diavoli“ („Die Nacht der Teufel“). Bei beiden Filmen handelt es sich wohl um eher um freiere Adaptionen. Darüber hinaus wurde Tolstoïs Erzählung im Rahmen der Hörspielserie „Gruselkabinett“ sehr gelungen und atmosphärisch adaptiert – diese Version der Geschichte kann ich nur empfehlen.