Geschichte der Vampire: Dracula – Der gehörte Graf

Halloween 2020

Da es sich bei „Dracula“ nun schon seit einiger Zeit um ein rechtefreies Werk handelt, ist es ein beliebtes Objekt für die Bearbeitung als Hörbuch oder -spiel, wie schon eine einfach Audible-Suche zeigt. Allein auf Deutsch und Englisch finden sich dutzende Adaptionen von Stokers-Roman, von Hörspielen und Hörbüchern, die den Grafen anderweitig verarbeiten oder solchen, die nicht auf Audible zu finden sind, gar nicht erst zu sprechen. Selbstverständlich bin ich weit davon entfernt, alle verfügbaren Bearbeitungen durchgehört zu haben – zum Einen bin ich nicht gewillt, derart viele Guthaben zu opfern und zum Anderen möchte ich weder so viel Zeit aufbringen, noch derart oft hintereinander dieselbe Geschichte hören, so sehr ich sie auch schätze. Zwei Hörbuchproduktionen sollen allerdings erwähnt werden, nämlich die beiden Audible-Eigenproduktionen auf Deutsch und Englisch. Konzeptionell ähneln sich beide ziemlich und verfolgen denselben Ansatz: Es handelt sich um Komplettlesungen, wobei jeder der Tagebuch- und Briefeschreiber seine eigene Stimme bekommt – gerade für „Dracula“ bietet sich diese Herangehensweise natürlich wunderbar an. Beiden Produktionen haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie sehr hochkarätig besetzt sind. Am deutschen Hörbuch wirken unter anderem Simon Jäger (deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett) als Jonathan Harker, Martin Keßler (deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel) als Dr. Seward und die Filmschauspielerin Tanja Fornaro als Mina Harker mit. Selbst die weniger prominenten Passagen, die nur einige Briefe oder Notizen vorlesen, sind mit Nana Spier, Lutz Riedel oder Oliver Rohrbeck prominent besetzt. Ähnlich sieht es bei der englischen Besetzung aus, hier wirkten unter anderem Simon Vance (der bereits Vampirerfahrung mit den Hörbuchproduktionen diverser Anne-Rice-Romane sammeln konnte) als Jonathan Harker, Alan Cumming als Dr. Seward, Katy Kellgren als Mina Harker und, besonders bemerkenswert, Tim Curry als Van Helsing mit. Wer sich Stokers Volltext hörend zu Gemüte führen möchte, macht mit beiden Versionen eigentlich nichts falsch. Nebenbei bemerkt, ein besonderes Schnäppchen ist „The Monster Collection“; hier findet man drei Horror-Klassiker, darunter „Dracula“ zum Preis von einem (hier geht’s zur Rezension von Miss Booleana). Das eigentliche Sujet dieses Artikels sind allerdings nicht die Hörbücher, sondern die Hörspiele. Auch hier gilt: Es gibt deutlich zu viele, um sie alle in diesem Artikel zu besprechen, weshalb ich mich auf drei deutsche Produktionen konzentriere, die man ironischerweise nicht auf Audbile findet. Es handelt sich dabei um das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 1995, die Adaption des Deutsche Grammophon von 2003 und die Gruselkabinett-Umsetzung von Titania Medien aus dem Jahr 2007.

Dracula beim WDR
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Zu diesem Hörspiel habe ich eine ganz besondere Beziehung, da es, zusammen mit der von Mike Mignola gezeichneten Comicadaption von „Bram Stoker’s Dracula“ und der illustrierten Kinderbuchfassung des Romans aus der Reihe „Visuelle Bibliothek: Klassiker für Kinder“ die erste Version von „Dracula“ war, mit der ich in Kontakt kam. Diese 1995 erstmals vom WDR ausgestrahlte und später vom Hörverlag veröffentlichte Bearbeitung, bei der Annette Kurth Regie führte, erinnert stilistisch an ähnlich geartete WDR-Produktionen wie beispielsweise „Das Foulcaultsche Pendel“. Von den drei hier besprochenen Produktionen gelingt es dieser am besten, den Horror und die Intensität von „Dracula“ einzufangen und mitunter auch zu steigern, nicht zuletzt dank der hervorragenden Musik und Sound-Effekte. Vor allem zu Beginn wird die Erzählstruktur ein wenig abgewandelt, wie die BBC/Netflix-Version von „Dracula“ beginnt auch dieses Hörspiel mit Jonathan Harker in der Obhut der Nonnen, wo er die Ereignisse auf Draculas Schloss in Rückblicken durchlebt. Und wie in „Bram Stoker’s Dracula“ wird die Harker-Episode nicht separat erzählt, Ereignisse des Whitby-Handlungsstranges werden bereits früher eingeführt. Offenbar bemühte man sich, die Erzählerstimmen so weit wie möglich zu reduzieren, ganz verzichtete man allerdings auch nicht auf sie, speziell im letzten Drittel fungieren die Figuren immer wieder als Erzähler, obwohl die Tagebücher des Romans nie wirklich etabliert werden.

Der Cast an sich ist nicht nur äußerst namhaft, sondern auch wirklich großartig. Lutz Herkenrath spricht Jonathan Harker, Katharina Palm ist als Mina Harker zu hören, WDR-Veteran Matthias Haase gibt Dr. Seward und Daniela Hoffmann, die deutsche Stimme von Julia Roberts, mimt Lucy. Wie so oft sind es allerdings Dracula und Van Helsing, die besonders hervorstechen. Ersterer wird von dem Film- und Theater-Schauspieler Martin Reinke gesprochen, der hier einen sehr unterkühlten und unnahbaren, aber nicht minder bedrohlichen und effektiven Grafen gibt. Das wahre Highlight ist allerdings Gottfried John als Abraham Van Helsing, dessen Performance ebenso emotional wie fesselnd ist – gerade im Hörspielbereich mit Abstand meine liebste Darstellung der Figur. Die Nostalgie ist diesbezüglich natürlich auch ein nicht zu unterschätzender Faktor – wie bereits erwähnt, diese Version von „Dracula“ ist für mich quasi die grundlegende. Lange Zeit war an dieses Hörspiel nur schwer heranzukommen, im Sommer letzten Jahres gelang es mir allerdings, die CDs zu halbwegs akzeptablen Preisen zu erwerben. Momentan kann das Hörspiel auch hier auf der Website des WDR angehört werden, allerdings ist es nur noch bis zum 17. November verfügbar. Auf Spotify wird man ebenfalls fündig.

Dracula beim Deutsche Grammophon
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Die Hörspielbearbeitung des Deutsche Grammophon ist die mit Abstand textgetreuste und umfangreichste der drei Produktionen – zum Vergleich, diese umfasst fünf CDs die anderen beiden jeweils drei (bzw. im Fall der Gruselkabinett-Version vier, allerdings wurde hier „Dracula’s Guest“ mit in die Handlung integriert). In mancher Hinsicht ist sie das genaue Gegenstück zur WDR-Version – wo diese den Erzähltext so weit wie möglich reduziert, verlässt sich diese von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne umgesetzte Adaption sehr stark auf Stokers Originaltext, sodass oftmals der Eindruck entsteht, es handle sich um eine atmosphärische Lesung mit Musik. Dem ist natürlich letztendlich nicht so, aber die Erzähllastigkeit ist schon auffällig, die Briefe und Tagebücher als Erzählkonstrukt werden hier voll ausgeschöpft. Das sorgt mitunter für gewisse Längen, wie die beiden anderen Hörspiele effektiv beweisen, sind wirklich nicht unbedingt alle Details nötig, um der Geschichte folgen zu können.

Die Besetzung ist deutlich weniger namhaft als bei den anderen beiden Hörspielen – zumindest mir sind die Sprecher nicht allzu bekannt. Jonathan Harker wird von Robin Bosch gesprochen, Mina von Kristina von Weltzin, John Seward von Michael Bideller und Van Helsing von Uli Plessmann – mit Letzterem kann ich mich in dieser Rolle nicht wirklich anfreunden, gerade im Kontrast zu Gottfried John. Plessmann klingt als Van Helsing ein wenig zu kraftlos und unsicher, ihm fehlt hier die Energie und Entschlossenheit, die ich persönlich mit dieser Figur verbinde und die John so hervorragend verkörpert. Alle anderen Sprecher sind überaus solide, aber kaum einer hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie die aus der WDR-Adaption – was aber natürlich auch daran liegen kann, dass ich diese Version deutlich länger kenne. Die große Ausnahme zu all dem ist Dracula, für den man mit Lutz Riedel einen sehr prominenten Sprecher angeheuert hat, der seine Sache wirklich exzellent macht und von den drei hier zu vergleichenden Hörspiel-Draculas mein Favorit ist. Er bringt eine einschüchternde Macht und Brutalität mit, die den anderen beiden fehlt. Einziges Manko: Man entschied sich, Lutz Riedels Stimme gerade in den besonders dramatischen Passagen immer mal wieder zu verzerren und mit Effekten auszustatten, was ein Sprecher von Riedels Kaliber schlicht nicht nötig hat. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Kurz und gut, wer auf Textnähe und Ausführlichkeit steht, aber bei den Hörbüchern Musik, Soundeffekte und ein Zuwortkommen Draculas vermisst, für den könnte diese Bearbeitung genau das Richtige sein. Leider scheint man an dieses Hörspiel gerade ziemlich schwer heranzukommen, die CD-Version ist über Amazon nicht mehr erhältlich und auch zum Download oder als Stream wird es nirgendwo angeboten, zumindest habe ich es nicht gefunden.

Dracula im Gruselkabinett
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In vielerlei Hinsicht ist die Gruselkabinett-Version von Stokers Roman, wie üblich umgesetzt von Mar Gruppe und Stephan Bosenius, der Kompromiss zwischen der WDR- und der Grammophon-Adaption. Zugleich ist sie auch die angenehmste und Einsteiger-freundlichste Adaption – sie ist weder so textlastig wie Letztere, noch als Hörspiel so szenisch und fordernd wie Erstere. Die Tagebücher als Erzählinstanz sind vorhanden, aber auf ein effektives Maß heruntergefahren, szenische Dialoge sind deutlich dominanter.

Der interessanteste Aspekt dieses Hörspiels ist natürlich der Umstand, dass die Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die aus einer früheren Fassung des Romans stammt und posthum von Bram Stokers Witwe Florence 1914 als Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, der eigentlichen Handlung als Prolog vorangestellt wird. Es ist einerseits wirklich faszinierend, diese „Überbleibsel“ zusammen mit der Romandhandlung zu erleben und erlaubt zugleich, die Exposition des eigentlichen Romananfangs etwas zu entzerren. Zugleich führt das allerdings auch zum einen oder anderen Logikproblem, da es dem Grafen offenbar in Windeseile gelingt, von Transsylvanien nach München zu reisen, was angesichts der Schwierigkeiten, die ihm später die Reise von Transsylvanien nach England und wieder zurück bereitet, etwas merkwürdig erscheint.

Ansonsten entspricht diese Adaption von Dracula dem sehr hohen Gruselkabinett-Standard, ist zugleich aufwändig und atmosphärisch produziert, aber sehr zugänglich und angenehm zu hören. Die Sprecherriege setzt sich wie üblich aus bekannten deutschen Synchronsprechern zusammen. Wie im deutschen Audible-Hörbuch übernimmt Simon Jäger den Part von Jonathan Harker, während Tanja Geke (u.a. deutsche Stimme von Zoe Saldana) Mina und Petra Barthel (deutsche Stimme von Uma Thurman und Nicole Kidman) Lucy spricht. Darüber hinaus erlauben sich Marc Gruppe und Stephan Bosenius ein paar Casting-Gags: Lutz Mackensy ist hier als John Seward zu hören, eine Rolle, mit der er bereits vertraut ist, synchronisierte er doch Richard E. Grant in eben dieser Rolle in „Bram Stoker’s Dracula“. Noch subtiler ist Kaspar Eichel als Van Helsing, der zwar nicht als Anthony Hopkins‘ deutsche Stimme in diesem Film fungierte, aber dem leider 2013 verstorbenen Sprecher Rolf Schult stimmlich sehr ähnelt – so sehr, dass er ihn als deutsche Stimme Patrick Stewarts in den neueren X-Men-Filmen ablöste. Für mich am problematischsten ist hier Joachim Höppner als titelgebender Graf, allerdings nicht, weil Höppner einen schlechten Job machen würde, im Gegenteil. Allerdings ist seine Stimme für mich so sehr mit Gandalf bzw. Ian McKellen verknüpft, dass ich Probleme damit habe, ihn als Dracula zu akzeptieren. Davon abgesehen gibt es allerdings weder an Höppners Dracula, noch an den anderen Sprechern oder am Hörspiel insgesamt etwas auszusetzen. Die CD-Version ist inzwischen vergriffen, als Download ist der Gruselkabinett-Graf allerdings nach wie vor erhältlich.

Fazit: Die drei hier vorgestellten Dracula-Hörspiele ergänzen sich ziemlich gut. Die WDR-Adaption nutzt ihr Medium am besten, ist als Hörspiel am anspruchsvollsten und bietet die intensivste Erfahrung, die Grammophon-Umsetzung ist der Vorlage am nächsten und bietet sehr viel von Stokers Originaltext in der deutschen Übersetzung von Heinz Widtmann aus dem Jahr 1908 und die Gruselkabinett-Version stellt quasi den Kompromiss zwischen beiden Adaptionen dar und ist zugleich die einsteigerfreundlichste – eine sehr gute Möglichkeit, Stokers Roman kennenzulernen.

Bildquelle WDR
Bildquelle Deutsche Grammophon
Bildquelle Gruselkabinett

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Batman: Damned

Halloween 2020
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Bereits seit langem spielen Horror-Elemente eine mehr oder weniger große Rolle bei Batman – der Dunkle Ritter scheint wie dafür gemacht, schließlich scheinen nicht nur seine Widersacher oftmals direkt aus besagtem Genre zu stammen, auch Batman nutzt oft genug die Ikonografie des Horrors. Da verwundert es kaum, dass man sich zum offiziellen Start des DC Black Labels dieses Umstandes bediente. Für die dreiteilige Miniserie „Batman: Damned“ griff man auf ein bewährtes Team zurück: Brian Azzarello und Lee Bermejo. Lee Bermejo liefert im Grunde immer grandiose Arbeit ab, was dieser Mann aufs Papier zaubert, ist, ähnlich wie bei Alex Ross, stets ein absoluter Augenschmaus – wobei Bermejos üppige Bildwelten zumeist deutlich dreckiger und grimmiger sind als Ross’ Hochglanzgemälde. Das Team Azzarello/Bermejo hat auch schon einige wirklich gelungene Werke hervorgebracht, zum Beispiel die beiden Schurken-fixierten Miniserien „Lex Luthor: Man of Steel“ und „Joker“, die jüngst unter dem DC Black Label in den USA neu aufgelegt wurden.

In „Batman: Damned“ lassen Azzarello und Bermejo den Dunklen Ritter auf diverse übernatürliche (Anti-)Helden des DC Universums treffen, etwa John Constantine, Zatanna, die Enchantress, Deadman, Swamp Thing oder Etrigan – also quasi die gesamte Justice League Dark. Eigentlich keine schlechte Prämisse; ich hatte stets eine Schwäche für DCs Kader an magischen und okkulten Figuren, die mir weitaus mehr zusagen als die Marvel-Gegenstücke. Die erste Ausgabe beginnt damit, dass der Joker scheinbar getötet wurde, möglicherweise sogar von Batman selbst. Auch Batman selbst befindet sich an der Schwelle des Todes und muss von John Constantine gerettet werden. Und dann, tja… an dieser Stelle hält der Plot quasi inne und kommt für den Rest der Miniserie nicht mehr in Gang. Im Grunde gibt es hier keine durchgehende Handlung, bei „Batman: Damned“ handelt es sich eigentlich um eine Reihe von lose mit einander verknüpfter Vignetten, in denen Batman mit den oben bereits erwähnten, übernatürlichen Figuren interagiert oder apltraumhafte Visionen und Rückblicke durchlebt – Sinn und Zweck des Ganzen erschließt sich nur selten. Man könnte meinen, die Aufklärung des Mordes am Joker wäre der rote Faden, aber das trifft nicht wirklich zu. Nebenbei wird enthüllt, dass die Enchantress wohl Einfluss auf Bruce Wayne kurz vor dem Tod seiner Eltern genommen hat und seine Kindheit zumindest in diese Inkarnation nicht allzu glücklich war, aber auch das führt nirgendwo hin. Selbst die Auftritte bzw. die Interpretationen der magischen und nichtmagischen Figuren sind manchmal höchst sonderbar – die Enchantress erinnert beispielsweise stark an ihre Darstellung in David Ayers „Suicide Squad“, Etrigan/Jason Blood ist zum Rapper mutiert und über Harley Quinns kurzen Auftritt breitet man lieber den Mantel des Schweigens. Nichts ergibt wirklich Sinn und am Ende weiß man nicht wirklich, woran man eigentlich ist. Kaum etwas von der, nennen wir es mal großzügig „Handlung“, bleibt im Gedächtnis, man erinnert sich lediglich daran, dass hier die Prämisse des DC Black Labels (erwachsene Interpretationen der DC Figuren) auf die denkbar schlechteste Weise umgesetzt wurde.

Fast interessanter als der eigentliche Inhalt von „Batman: Damned“ ist das, was hinter den Kulissen vorging: Offenbar hatte Azzarello massiv mit redaktioneller Einmischung zu kämpfen (was zumindest einiges erklärt und sich selten gut auf die Qualität auswirkt) und dann wäre da noch die Kontroverse um die Veröffentlichung, denn in einem Panel sieht man die Andeutung von Batmans Penis – was für Aufschreie und einen Skandal sorgte. In der folgenden Auflage „korrigierte“ DC den Fehler, aber dennoch wird „Batman: Damned“ wohl als der Comic in die Geschichte eingehen, der Batmans Penis zeigte.

Was bleibt letztendlich? Lee Bermejos grandiose Bilder. Tatsächlich, für Fans dieses Künstlers oder Fans grandioser Comickunst im Allgemeinen dürfte sich die Anschaffung zweifelsohne lohnen. Die Panels quillen regelrecht über vor gotisch-verstörender Atmosphäre und, das muss man Bermejo lassen, die übernatürlichen Figuren des DC-Universums sind alle gut in Szene gesetzt, mit Ausnahme der Rapper-Version von Etrigan vielleicht. Aber gerade Swamp Thing oder Deadman steht Bermejos Interpretation wirklich gut und selbst das Suicuide-Squad-Design der Enchantress funktioniert hier, vor allem, weil sie mit jedem Auftritt immer verstörender wird. Wer zu Bermejos Illustrationen allerdings gerne eine gute Geschichte hätte, sollte lieber zu den eingangs erwähnten Werken oder dem von Bermejo selbst verfassten „Batman: Noel“ greifen.

Fazit: „Batman: Damned“ ist dank Lee Bermejos düster-üppiger Bilder visuell grandios, inhaltlich dagegen leider völlig unausgegoren. Ein interessante Grundidee und einige gelungene Einfälle täuschen leider nicht darüber hinweg, dass Brian Azzarello hier erzählerisch wie strukturell ziemlich daneben gegriffen hat.

Bildquelle

Siehe auch:
Lex Luthor: Man of Steel
Batman: The White Knight
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In the Tall Grass

Halloween 2020! Spoiler!
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Story: Auf dem Weg nach San Diego halten die schwangere Becky (Laysla De Oliveira) und ihr Bruder Cal (Avery Whitted) neben einem Feld mit hohem Gras, da Becky mit Übelkeit zu kämpfen hat. Aus dem Feld hören sie die Stimme eines Jungen, der um Hilfe ruft. Die beiden betreten das Grasfeld, nur um festzustellen, dass hier etwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht, denn jegliche Orientierung erweist sich als völlig unmöglich. Die Geschwister können einander zwar noch hören, aber nicht wiederfinden. Schließlich begegnen sie nicht nur dem Jungen, Tobin (Will Buie Jr.), sondern auch dessen Vater Ross (Patrick Wilson), die sich beide jedoch reichlich merkwürdig verhalten. Auch Beckys Ex-Freund und Vater ihres ungeborenen Babys, Travis (Harrison Gilbertson), der den beiden Geschwistern gefolgt ist, landet schließlich im Grasfeld und muss feststellen, dass dieser ominöse Ort nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit verzerrt…

Kritik: Was wäre Halloween ohne ein wenig Stephen King? Bei „In the Tall Grass“ (deutscher Titel „Im hohen Gras“) handelt es sich um eine Novelle, die King gemeinsam mit seinem Sohn Joe Hill verfasste und die Regisseur Vincenzo Natali bereits seit 2015 filmisch umsetzen wollte – 2019 erschien die Adaption schließlich auf Netflix. Da ich besagte Novelle nicht gelesen habe, kann ich nichts zur Vorlagentreue sagen, eine kurze Recherche lässt allerdings vermuten, dass sich Natali einige Freiheiten genommen hat, besonders, was das Ende angeht. Wie dem auch sei, „In the Tall Grass“ reiht sich ganz gut in die Riege der King-Werke ein, in denen der Horror aus etwas scheinbar Gewöhnlichem erwächst; einer ähnlichen Grundprämisse folgten bereits der Roman sowie die zugehörige Filmadaption „Gerald’s Game“ sowie diverse Kurzgeschichten, zum Beispiel „A Very Tight Place“ oder „The Ledge“. Anders als bei diesen Beispielen kommt bei „In the Tall Grass“ allerdings ein eindeutig übernatürliches Element hinzu. Als Zuschauer wird man recht lange im Dunklen darüber gehalten, was eigentlich Sache ist, was den ersten Akt zum wirkungsvollsten Teil des Films macht – Natali gelingt es sehr gut, das Grasfeld zu einem klaustrophobischen, beklemmenden Ort zu machen und die völlige Orientierungslosigkeit seiner Protagonisten effektiv einzufangen. Diese Inszenierung des Grasfelds als Entität mit eigenem Willen lässt immer wieder Elemente des kosmischen Horrors anklingen, was beim Lovecraft-Fan King nicht weiter verwunderlich ist. Tatsächlich erinnert „In the Tall Grass“ ein wenig an Robert E. Howards wohl bekannteste Kurzgeschichte im Lovecraft’schen Stil, „The Black Stone“, nicht zuletzt, weil im Zentrum des Grasfeldes ein schwarzer Stein steht, von dem die Verzerrung von Zeit und Raum auszugehen scheint. Mehr noch, es werden kultische Rituale inklusive der Opferung eines Babys impliziert und auch in „The Black Stone“ findet gewissermaßen eine Zeitverzerrung statt.

Im weiteren Verlauf wird „In the Tall Grass“ allerdings schwächer als im atmosphärischen ersten Drittel. Der abstrakte Schrecken des Grasfeldes wird durch Patrick Wilson abgelöst, der, durch Berührung des schwarzen Steins, gewissermaßen zur Manifestation des Grasfelds wird. Wilson macht das nicht übel, die Fremdartigkeit und abstrakte Natur der Bedrohung geht nun allerdings teilweise verloren, da Wilsons Ross nun als eindeutiges „Gesicht des Bösen“ fungiert und stärker in den Fokus rückt. Darüber hinaus versucht Natali, den Horror persönlicher zu gestalten und den Hintergrund von Becky, Cal und Travis in die Narrative miteinzubeziehen, was allerdings nicht allzu gut gelingt. Die entsprechenden Szenen wirken aufgesetzt und muten wie Fremdkörper an. Mitunter wird man außerdem das Gefühl nicht los, dass Natali, der auch das Drehbuch verfasste, die Handlung der Novelle doch ein wenig ausdehnen musste, um auf die Filmlaufzeit zu kommen – das ist allerdings lediglich eine Vermutung.

Trotz des verhältnismäßig positiven Ausgangs (der mich letztendlich davon abhält, diesen Film tatsächlich als „kosmischen Horror“ zu klassifizieren; das mag bei der Vorlage allerdings anders sein), finden sich hier viele interessante Andeutungen. Als Zuschauer wird einem nie erklärt, wie genau das Grasfeld und der schwarze Stein „funktionieren“. Gerade dieser Ausgang deutet darauf hin, dass „die Entität“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) vielleicht gar nicht per se bösartig ist, sondern dass die Natur derjenigen, die mit ihr interagieren, eine wichtige Rolle spielt. Ross wird in den wenigen Momenten, in denen er nicht vom schwarzen Stein beeinflusst wird, als nicht unbedingt positive Person charakterisiert – die Figurenarbeit ist allerdings nicht ausreichend genug, um diesbezüglich ein finales Urteil fällen zu können.

Fazit: Atmosphärischer, wenn auch recht unebener King/Hill-Horror mit leichten Anklängen kosmischen Grauens.

Trailer

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Siehe auch:
Das Spiel (Gerald’s Game)

Lovecrafts Vermächtnis: A Study in Emerald

Halloween 2020! Spoiler!
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Wie so viele andere Autoren aus dem Bereich Fantasy/Horror/Sci-Fi hat auch Neil Gaiman immer wieder mit dem „Cthulhu-Mythos“ gespielt, zumeist allerdings mit einem Augenzwinkern. Auch Crossovern scheint er nicht abgeneigt zu sein – in seiner Kurzgeschichte „Only the End of the World Again“ ließ er Lawrence Talbot nach Innsmouth kommen und im Sujet dieses Artikels, „A Study in Emerald“, konfrontiert er die Figuren aus Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten mit Lovecrafts kosmischen Schrecken. „A Study in Emerald“ ist als englische PDF kostenlos auf Neil Gaimans Website verfügbar und wurde von Rafael Albuquerque auch als Comic umgesetzt. Da „A Study in Emerald“ ohnehin ziemlich kurz ist und man die Geschichte kaum besprechen kann, ohne auf die Twists einzugehen, werde ich auf Spoiler keine Rücksicht nehmen. Wer dennoch eine spoilerfreie Bewertung lesen möchte, kann das hier bei Miss Booleana tun.

„A Study in Emerald“ beginnt, wie man das von einer Holmes Geschichte erwarten würde: Ein Veteran des Afghanistan-Krieges sucht eine Bleibe in London und kommt bei einem „consulting detective“ unter – natürlich wird er in die Aufklärung eines Mordfalls verwickelt. Dies ist allerdings nicht die Welt, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen, es ist nicht einmal die Welt, in der die Geschichten Lovecrafts für gewönlich spielen. In dieser Version der Erde und speziell Englands, das hier den Namen „New Albion“ trägt, existieren kosmische Entitäten nicht einfach nur, um entdeckt zu werden, nein, sie haben offen die Macht übernommen. Siebenhundert Jahre vor Beginn der Handlung erhoben sich die Großen Alten und herrschen seither über die Menschheit – fast alle Adeligen und Herrscherhäuser sind unmenschliche Kreaturen und Monstrositäten. Gaiman ist bezüglich der Identitäten besagter Herrscher – die Hintergrundgeschichte dieser Alternativwelt wird im Rahmen eines Theaterstücks erzählt – recht zurückhaltend, aber wer sich ein wenig bei Lovecraft auskennt, dürfte wenig Probleme damit haben, „the Black One of Egypt“ als Nyarlathotep und „the Ancient Goat, Parent of a Thousand, Emperor of all China“ als Shub-Niggurat zu identifizieren. Manche andere sind dagegen schwere zu bestimmen, Queen Victoria etwa haftet etwas ziemlich cthulhuhaftes an, es könnte sich bei ihr aber auch um Mutter Hydra handeln. In letzter Konsequenz ist das allerdings verhältnismäßig unwichtig. Die Machtübernahme der Großen Alten in England erinnert in jedem Fall an „The Shadow over Innsmouth“, inklusive der Zeugung von Hybriden. Um einen solchen handelt es sich beim Opfer des Mordfalls, in dem die beiden Protagonisten der Geschichte ermitteln – in dieser Welt erkennt man die Royals an ihren Tentakeln und ihrem smaragdgrünen Blut, daher auch der Titel der Geschichte, der natürlich zugleich auf die erste Holmes-Geschichte „A Study in Scarlet“ verweist.

Bei besagten Ermittlern scheint es sich natürlich um Holmes und Watson zu handeln, aber daran kommen bald Zweifel, denn einige Details passen einfach nicht: Der Veteran, auch Erzähler der Geschichte, hält sich nicht für einen Mann der Literatur, der Detektiv hat sich im Bereich der Mathematik betätigt und im Kontext unangenehmer Angewohnheiten wird das Violinspiel nicht erwähnt. Die Verdächtigen im Mordfall schließlich sind ein „hinkender Doktor“ und ein „großer Mann“ – Letzterer scheint dem brillanten Detektiv durchaus ebenbürtig. Der hinkende Doktor wird schließlich als Watson identifiziert, während der Chronist sein Werk mit „S. M. Major“ unterzeichnet. Die Sachlage ist eindeutig: In einer Welt, in der die Großen Alten über die Erde herrschen, arbeiten Holmes und Watson nicht für das böse Establishment, sondern sind Freiheitskämpfer, während Detektiv und Chronist die klassischen Holmes-Schurken Moriarty und Sebastion Moran sind. Mit diesem Twist gelingt es Gaiman, die Schwierigkeiten eines solchen Crossovers geschickt zu umschiffen. In einer Standard-Holmes-Geschichte erwartet man, dass Holmes und Watson den Fall lösen und den Schurken überführen, von einer Standard-Lovecraft-Geschichte hingegen erwartet man, dass ein wie auch immer gearteter Fall oder ein Mysterium unweigerlich zu Wahnsinn oder Tod der Protagonisten führt. Dies unterläuft Gaiman, indem er die Protagonisten zu den Agenten des kosmischen Schreckens macht und Holmes und Watson als zum Großteil unsichtbare Widersacher verwendet.

Darüber hinaus verwendet Gaiman die kosmischen Schrecken in dieser Geschichte – trotz ihrer augenzwinkernden Natur – äußerst effektiv, nämlich in dem er sich ihrer kaum bedient und es bei Andeutungen belässt, sei es im bereits erwähnten Theaterstück, bei Morans Hintergrund oder beim einzig richtigen Auftritt eines solchen Wesens: Queen Victoria persönlich. Gaiman bleibt auch bei der Beschreibung vage, aber effektiv: „She was called Victoria, because she had beaten us in battle, seven hundred years before, and she was called Gloriana, because she was glorious, and she was called the Queen, because the human mouth was not shaped to say her true name. She was huge, huger than I had imagined possible, and she squatted in the shadows staring down at us, without moving.”

Auch abseits der eigentlichen Handlung zeigt Gaiman wie so Häufig seine Liebe zum Detail; Anspielungen auf Doyles Werk finden sich, wen wundert es, ziemlich viele, aber auch Verweise auf die viktorianische Literatur im Allgemeinen tauchen auf, besonders in Form diverser Werbeanzeigen, in denen etwa für den „Exsanguinator V. Tepes“ oder „Jekyll’s Powders“ („Release the inner you“) geworben wird – man fühlt sich automatisch an ähnlich konzipierte Werke wie Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“ oder Kim Newmans „Anno Dracula“ erinnert.

Rafael Albuquerque setzt Gaimans Geschichte gekonnt als Comic um und gibt die Handlung in stimmungsvollen und atmosphärischen Bildern wieder. Besonders die Darstellung Queen Victorias muss hier gelobt werden – gerade aufgrund der mangelnden Beschreibung ist eine gute visuelle Idee gefragt, und Albuquerque liefert. Die Queen trägt ihre ikonische Kleidung und ihr ikonisches Gesicht als Maske, doch dahinter verbergen sich Tentakel und Zähne – diese Kombination führt zu einem äußerst enervierenden Bild, das Queen Victorias Ikonografie auf effektive Weise in kosmischen Schrecken umwandelt.

Fazit: Cleveres Doyle/Lovecraft-Crossover, das sowohl als Kurzgeschichte als auch als Comic exzellent funktioniert und das sich kein Fan von Lovecraft, Doyle oder Gaiman entgehen lassen sollte.

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Art of Adaptation: Krabat Teil I

Halloween 2020

Otfried Preußlers „Krabat“ ist ein Roman, der mich schon ziemlich lange begleitet. Ich lernte ihn durch die ursprüngliche Hörbuchfassung kennen, las später (das müsste gegen Ende der Grundschulzeit gewesen sein) dann den Roman und in der sechsten Klasse wurde er als Schullektüre noch einmal ausgiebig behandelt. Dementsprechend habe ich auch eine tiefe Verbundenheit zu diesem Werk, das getrost als Preußlers Opus Magnum gelten kann – nach eigener Aussage schrieb der Schöpfer des Räuber Hotzenplotz und der kleinen Hexe etwa zehn Jahre lang an diesem, seinem einzigen Jugendroman. Natürlich handelt es sich bei „Krabat“ nicht um Horror im engeren Sinn, ich denke aber, es finden sich hier genug Elemente, die diesen Artikel als Teil des Halloween-Themen-Monats legitimieren. In diesem ersten Teil werde ich erläutern, wie Preußler die ursprüngliche Krabat-Sage umsetzt, in späteren Artikeln werde ich mich auch mit Marco Kreuzpaintners Film sowie einer anderen Romanfassung des Krabat-Stoffes, verfasst vom sorbischen Autor Jurij Brězan, auseinandersetzen.

Die Krabat-Sage
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Bei der Krabat-Sage handelt es sich um eine bzw. mehrere Erzählungen aus dem sorbischen Sprachraum. Wie bei so vielen derartigen Volkssagen gibt es keine definitive Fassung; aufgrund der episodischen Natur wird oft auch von einem Sagenkreis gesprochen, möglicherweise ist die Sage aus mehreren unabhängigen Geschichten zusammengewachsen. Die Version, die mir vorliegt, stammt aus dem Buch „Lausitzer Sagen“ von Hans Siegert (1912). Zumindest diese Version lässt sich grob in zwei Teile teilen, wobei der erste von Krabats Lehrzeit und der Auseinandersetzung mit dem Müller geprägt ist, während es sich beim zweiten um Abenteuer vor politischem bzw. historischem Hintergrund handelt.

Der Titelheld ist hier der Sohn armer Eltern, der betteln geschickt wird und so zur Teufelsmühle in Schwarz-Collm kommt. Dort wird er vom Müller aufgenommen, der einen neuen Lehrjungen sucht. Seinen zwölf Müllerburschen bringt der Müller die schwarze Magie bei, einen von ihnen muss er allerdings jedes Jahr opfern, um seinen Pakt mit der Hölle aufrecht zu erhalten, weshalb auch jedes Jahr ein neuer nötig wird. Es gibt allerdings einen Ausweg: Wenn die Mutter eines Burschen ihn freibittet und anschließend erkennen kann, muss der Müller ihn freigeben. Krabat gelingt es, seine Mutter zu dazu zu bringen, ihn freizubitten, allerdings baut der Müller ein besonderes Hindernis ein: Er verwandelt die Burschen in Raben und befiehlt ihnen, den Kopf unter den linken Flügel zu stecken. Ein Rabe steckt den Kopf jedoch unter den rechten Flügel – so erkennt die Mutter Krabat und er darf die Mühle verlassen. Dabei stiehlt er jedoch noch das Zauberbuch des Müllers.

Wieder bei seinen Eltern hadert Krabat mit der herrschenden Armut – auf der Mühle gab es wenigstens stets zu Essen. Aber wozu ist man ein Zauberer: Krabat verwandelt sich in einen Ochsen und lässt sich von seinem Vater auf dem Markt verkaufen. Wenn dieser Zaum und Zügel zurückbehält, kann sich Krabat wieder zurückverwandeln und so seinem „Besitzer“ leicht entkommen. Das Ganze funktioniert, das Geld ist aber sehr schnell aufgebraucht. Beim zweiten Mal soll der Vater Krabat als Pferd verkaufen, doch dieses Mal geht es schief, denn niemand anders als der auf Rache sinnende Müller kauft den verwandelten Krabat und lässt dem Vater Zügel und Zaumzeug natürlich nicht. Krabat schafft es schließlich dennoch, Zügel und Zaumzeug loszuwerden und, vom Müller verfolgt, zu fliehen. Er landet schließlich als Fisch in einem Brunnen, verwandelt sich in einen Ring und lässt sich von einer hübschen Magd finden. Der Müller lässt allerdings nicht locker und will der Magd den Ring abkaufen – da verwandelt sich Krabat in ein Gerstenkorn, das zu Boden fällt. Prompt nimmt der Müller die Gestalt eines Hahns an, um das Korn aufzupicken, doch Krabat gelingt es, seinen ehemaligen Meister zu überlisten, indem er sich in einen Fuchs verwandelt und dem Müller den Hals durchbeißt.

Im zweiten Teil der Sage gelangt Krabat nach einigem magischem Schabernack in die Dienste von August dem Starken, dem Kurfürst von Sachsen und König von Polen und endet schließlich als Musketier im Türkenkrieg. Den Türken ist es gelungen, den Kurfürsten gefangen zu nehmen, weshalb sich Krabat zu seiner Befreiung aufmacht. Auf der Flucht muss Krabat allerdings feststellen, dass sich auf türkischer Seite ebenfalls ein Zauberer befindet, der versucht, die Flucht zu vereiteln. Krabat sieht sich schließlich gezwungen, seinen Widersacher zu töten, nur um anschließend festzustellen, dass es sich dabei ebenfalls um einen ehemaligen Schüler des Müllers der Teufelsmühle handelt – Krabats besten Freund aus der Lehrzeit. Dieser Umstand nimmt ihn ziemlich mit, aber der Kurfürst ist erfolgreich gerettet, sodass Krabat fortan in seiner Gunst steht und somit zu Ruhm, Ansehen und Reichtum kommt. Unter anderem gelingt es ihm, ein Attentat auf den Kurfürsten zu verhindern. Krabat stirbt schließlich im hohen Alter. Das Auftauchen eines weißen Schwans kurz vor seinem Tod zeigt, dass seine Seele trotz seiner Ausübung der schwarzen Kunst nicht zu ewiger Verdammnis verurteilt ist.

Preußlers „Krabat“
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Otfried Preußler (1923 bis 2013) lernte die Krabat-Sage bereits in seiner Kindheit kennen. Als Erwachsener beschloss er, eine modernisierte Version der Erzählung zu schreiben, mit deren Abfassung er 1959/60 begann. Zwischendurch hatte er allerdings gewisse Probleme und verfasste zwischendurch, „aus Verzweiflung“, wie er selbst in einem kurzen Text zur Abfassung schreibt, den „Räuber Hotzenplotz“. Das lag nicht zuletzt daran, dass „Krabat“ für Preußler immer persönlicher wurde: „Mein Krabat ist keine Geschichte, die sich nur an junge Leute wendet, und keine Geschichte für ein ausschließlich erwachsenes Publikum. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ (Quelle). „Krabat“ erschien schließlich 1971 und erwies sich als enorm erfolgreich und populär, auch wenn es die üblichen Vorwürfe gab, „Krabat“ verherrliche Okkultismus – „Harry Potter“ ist bei Weitem nicht das erste Jugendbuch über eine Zauberschule, das sich mit Derartigem herumschlagen muss.

Preußler entschied sich, den Fokus seiner Bearbeitung der Sage auf die Ausbildungszeit in der Mühle zu legen, die zumindest in der mir vorliegenden Version nicht allzu detailliert geschildert wird. Viele der späteren Handlungselemente, besonders der Ochsen- bzw. Pferdehandel sowie die Rettung des Kurfürsten, tauchen dann aber doch in stark angepasster Version auf. In der Sage scheint Krabat sich nur ein Jahr lang auf der Mühle befunden zu haben, Preußler macht daraus drei, wobei das erste Jahr wiederum für drei zählt. Diese drei Lehrjahre strukturieren den Roman. Eine gewisse Episodenhaftigkeit haftet „Krabat“ nach wie vor an, besonders, da sich bestimmte Elemente jeweils drei Mal wiederholen, besonders die Osternacht ist hier zu erwähnen, aber auch der Jahreswechsel ist jedes Mal ein einschneidendes Ereignis.

Die anderen elf Müllerburschen nehmen bei Preußler deutlich mehr Raum ein als in der Sage, in der sie nicht einmal Namen haben. Preußler dagegen bemüht sich sehr, die Kameradschaft der zwölf darzustellen. Nicht alle sind dabei in gleichem Maße ausgearbeitet, Preußler konzentriert sich im ersten Jahr primär auf Tonda, der als Krabats Mentor fungiert und schließlich am Ende des Jahres geopfert wird. Auch Lyscko, der Spitzel des Meisters, und Michal, das Opfer des zweiten Jahres, werden ausgiebiger dargestellt, ebenso wie die nach Krabat kommenden Lehrjungen. Der wichtigste Müllerbursche ist allerdings Juro, der zu Beginn als „der Dumme“ dargestellt wird, sich am Ende allerdings als äußerst schlau erweist und Tonda als Mentor ablöst. Der Müller wird natürlich ebenfalls deutlich ausführlicher charakterisiert, als es in der Sage der Fall ist. Es ist zwar immer noch ein grausamer Schwarzmagier, der einen Pakt mit dem Teufel, bzw. dem Herrn Gevatter geschlossen hat, aber er hat auch seine großzügigen und menschlichen Momente. Besonders faszinierend ist, dass einige Elemente des zweiten Teils der Sage auf den Meister übertragen werden, sodass er gewissermaßen eine weitere Facette des Sagen-Krabats darstellt. Im zweiten Jahr nimmt der Müller Krabat mit an den Hof des Kurfürsten – das impliziert, dass er ein ähnliches Verhältnis zu August dem Starken hat wie der Sagen-Krabat als Erwachsener. Auch die Episode mit der Rettung des Kurfürsten taucht auf – nur ist es der Meister, der seinen Freund Janko töten muss, um einen wichtigen Würdenträger (bei Preußler allerdings nicht den Kurfürsten selbst) zu retten. Krabat und Juro erleben diese Episode als magische Illusion, wobei Krabat natürlich die Rolle des Meisters einnimmt, während Juro Janko „spielen“ darf. Gegen Ende des Romans wird der Meister als Facette des Sagen-Krabats noch einmal besonders betont, als er Krabat anbietet, seine Stelle einzunehmen und selbst Meister zu werden.

Viele Inhalte des Romans sind Ausgestaltungen, die Preußler dazu nutzt, aus der recht knappen Sage eine Romanhandlung zu entwickeln. Dazu gehört auch eine detailreiche Beschreibung des Mühlenalltags, Krabats anfängliche Schwierigkeiten und die essentielle Beziehung zu Tonda. Das Mentorenverhältnis spielt in allen drei Jahren eine wichtige Rolle. Im ersten Jahr ist Krabat selbst der Lehrjunge, im zweiten erlebt er das Mentorenverhältnis von außen mit Michal und dem neuen Lehrjungen Witko und im dritten Jahr fungiert er selbst für Lobosch, den Lehrjungen, der Michals Platz einnimmt, als Mentor. Im Rahmen der drei Jahre finden dann immer wieder unterschiedliche Episoden statt, in denen Krabat seine magischen Fähigkeiten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, austesten kann. Vorbild ist dabei die Episode mit dem Ochsen- bzw. Pferdehandel aus der Sage, die relativ direkt übernommen wird, allerdings verteilt auf zwei Jahre und mit unterschiedlich verteilten Rollen. Krabats Vater spielt dabei keine Rolle, da Krabat bei Preußler Waise ist (dazu später noch mehr). Der geglückte Ochsenhandel wird von zwei anderen Burschen im ersten Jahr durchgeführt, Krabat ist hier lediglich passiver Beobachter. Im zweiten Jahr beauftragt der Meister Krabat damit, Juro als Pferd zu verkaufen. Juro, der sich zu diesem Zeitpunkt noch dumm stellt, äußerst aber Bedenken, dass er in der Lage ist, sich zurückzuverwandeln, weshalb Krabat anbietet, dass sie die Rollen tauschen. Wie in der Sage ist der Müller derjenige, der Krabat schließlich erwirbt, hier allerdings nicht aus Rache für den Diebstahl des Zauberbuches, sondern lediglich, um Krabat eine Lektion zu erteilen.

Die vielleicht größte Abweichung gegenüber der Sage, bei der es sich nicht um eine Ausgestaltung oder Hinzufügung handelt, findet sich bei der Niederlage des Meisters. Wie bereits erwähnt sind Krabats Eltern bereits zu Beginn des Romans tot, weshalb die Mutter ohnehin nicht in der Lage ist, ihren Sohn freizubitten. Diese Aufgabe übernimmt bei Preußler die Kantorka, ein neu eingeführter Love Interest für den Titelhelden. Das einzige Gegenstück, das sich zur Kantorka in der Sage findet, ist die Magd, an deren Finger Krabat als Ring verwandelt schlüpft, um dem Meister zu entkommen. Die Beziehung zwischen ihr und Krabat wird im Verlauf der drei Lehrjahre sorgsam aufgebaut, sodass das Freibitten am letzten Abend des dritten Jahres als natürlich Kulmination funktioniert. Und wo das erfolgreiche Freibitten in der Sage für den Meister erst einmal relativ wenige negative Folgen hat (es ist der Diebstahl des Zauberbuches, der ihn dazu bringt, sich an Krabat zu rächen), bedeutet es bei Preußler das Ende des Müllers und der Mühle. Der zweite Teil der Sage wird quasi negiert, da die Müllerburschen durch den Tod des Meisters ihre magischen Fähigkeiten verlieren. Auch das eigentliche Erkennen ändert sich, die Sagen-Version fungiert als Beispiel, von dem Juro erzählt. Am Ende des Romans findet allerdings keine Rabenverwandlung statt, stattdessen verbindet der Meister einfach die Augen der Kantorka und sie muss Krabat so erkennen, was ihr auch gelingt, da sie Krabats Furcht spürt. Interessanterweise gelingt es Preußler, auch die endgültige Niederlage des Meisters der Sage unterzubringen, die Episode mit Ring, Gerstenkorn, Hahn und Fuchs taucht als Traum auf, den Krabat als gutes Omen interpretiert.

Neben der Krabat-Sage verarbeitet Preußler noch weiteres sorbisches Legendenmaterial. Die Pumphutt-Sage ist thematisch ähnlich gelagert, es findet sich allerdings keine direkte Verbindung zur Krabat-Sage. Bei Pumphutt handelt es sich ebenfalls um einen zaubernden Müllerburschen, der allerdings eher an Till Eulenspiegel erinnert und ungerechten Müllern magische Streiche spielt, damit diese ihre Burschen besser behandeln oder anderweitig eine Lektion erhalten. In einem Kapitel des Romans erzählt einer der Burschen den anderen eine Pumphutt-Geschichte, in einem weiteren taucht Pumphutt persönlich auf und duelliert sich mit dem Meister – hier zeigt Preußler zum ersten Mal, dass der Müller weder allmächtig noch unbesiegbar ist. Otfried Preußlers Kurzgeschichtensammlung „Zwölfe hat’s geschlagen“ ist in diesem Zusammenhang ein exzellentes Begleitwerk zu „Krabat“. Nicht nur der Tonfall der Geschichten passt sehr gut, es findet sich darüber hinaus eine weitere Pumphutt-Geschichte sowie eine Krabat-Geschichte, die allerdings eher zur ursprünglichen Sage als zum Roman passt, da sie nach dem Ende der Zeit auf der Mühle spielt, Krabat aber nach wie vor zaubern kann.

Krabat zum Hören
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Von Preußlers „Krabat“ existieren zwei Hörbuchversionen. Bei der ersten handelt es sich um eine gekürzte Autorenlesung, bei der zweiten um eine Komplettlesung mit Felix von Manteuffel. Da ich den Roman durch die Autorenlesung kennenlernte, werde ich wohl immer eine gewisse Schwäche für sie haben. Preußler selbst liest sein Werk freilich auf andere Art, als das ein professioneller Sprecher tut, etwa ungeschliffener, aber sehr gut zur Geschichte passend, besonders bedingt durch den Dialekt. Die größte Schwäche sind dabei die Kürzungen; der Roman wurde fast um die Hälfte reduziert und einige der interessantesten Episoden wurden entfernt. An der Manteuffel-Lesung gibt es im Großen und Ganzen nichts auszusetzen, sie ist durchweg solide, ihr fehlt vielleicht das besondere Etwas der Autorenlesung, dafür beinhaltet sie aber den Volltext des Romans. Zusätzlich hat das Label Titania Medien die ursprüngliche Krabat-Sage als Hörspiel für die Reihe „Gruselkabinett“ umgesetzt – wie üblich sehr gelungen und atmosphärisch. An einigen Stellen wurde die Sage ein wenig erweitert; der Müllerbursche, der später auf der Seite der Türken kämpft, erhält nun einen Namen (Jakob) und die Ausbildung auf der Mühle wird etwas detaillierter dargestellt, auch Krabats Tod wird etwas erweitert, aber ansonsten hält sich die Gruselkabinett-Version sehr eng an die Sage.

Fazit: Mit „Krabat“ zeigt Otfried Preußler exemplarisch, wie man eine Volkssage als Jugendroman adaptiert und ausgestaltet. Preußler hält sich dabei nicht sklavisch an die Sage, sondern verleiht ihr zusätzliche, für das 20. Jahrhundert relevante Bedeutung, wobei er manche Elemente direkt adaptiert, während andere Episoden auf äußerst clevere, manchmal schon fast subversive Weise untergebracht werden. Nach wie vor eine äußerst lohnenswerte Lektüre.

Bildquelle Rabe
Bildquelle Krabat
Bildquelle Gruselkabinett

Art of Adaptation: The Masque of the Red Death

Halloween 2020

Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen wieder und Donald Trump tanzt den Covid-Tango – da bietet sich die Beschäftigung mit Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“ noch einmal an – oder genauer: mit der wahrscheinlich bekanntesten Filmadaption. Bei dieser 1964 erschienenen Produktion führte Roger Corman, der zuvor bereits für diverse andere Poe-Adaptionen verantwortlich war, Regie, während Vincent Price als Fürst Prospero zu sehen war. Dass dieser Film existiert wusste ich schon lange, primär weil er auf Deutsch den perfekt „übersetzten“ Titel „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ trägt, er stand auf meiner Liste allerdings nie besonders weit oben. Aber wie es der Zufall so will stolperte ich beim Elektronikfachhändler meines Vertrauens über die preisreduzierte Blu-Ray, da konnte ich angesichts der Pandemie und des Themenmonats einfach nicht wiederstehen; der nächste Art-of-Adaptation-Artikel drängt sich da schon fast förmlich auf.

Die Handlung folgt der der Kurzgeschichte, erweitert sie aber in etlichen Punkten: Prospero (Vincent Price) ist ein tyrannischer Herrscher. Als der rote Tod ausbricht, befindet er sich gerade in einem Dorf in der Nähe seines Schlosses, um die Bewohner zu tyrannisieren. Drei von ihnen, Francesca (Jane Asher), ihren Liebhaber Gino (David Weston) und ihren Vater Ludovico (Nigell Green) nimmt er mit auf sein Schloss, allerdings nicht aus Herzensgüte. Wie bei Poe wird das Schloss anschließend hermetisch abgeriegelt, die beiden Männer kommen in den Kerker, während Prospero Francesca umgarnt. Die junge Frau findet dabei heraus, dass es sich bei dem Fürsten um einen Satanisten handelt, der nicht nur mit ihr, ihrem Vater und ihrem Geliebten, sondern auch mit seiner Mätresse Juliana (Hazel Court), den kleinwüchsigen Hop-Toad (Skip Martin) und Esmeralda (Verina Greenlaw) sowie den diversen Adeligen, die an seinem Hof weilen, grausame Spiele treibt. Sein aktuelles Ziel ist es, Francesca davon zu überzeugen, ihrem Glauben an Gott zu entsagen und sie zum Satanismus zu bekehren. Wie bei Poe läuft letztendlich alles auf den großen Maskenball hinaus, bei dem sich eine rot gewandete Gestalt (John Westbrook) unter die Gäste mischt. Prosepro hält diesen speziellen Gast für Satan, muss aber feststellen, dass der Rote Tod nichts für Satanisten übrig hat.

Wie das Hörspiel aus der Gruselkabinett-Reihe adaptieren auch Corman und seine Drehbuchschreiber Charles Beaumont und R. Wright Campbell nicht nur „The Masque of the Red Death“, sondern auch „Hop-Frog“ – wahrscheinlich hat Marc Gruppe die Idee aus Cormans Film. Anders als im Hörspiel fungiert Hop-Frog bzw. in dieser Version Hop-Toad allerdings nicht als Protagonist, sondern ist lediglich eine Nebenfigur. Seinen Subplot hat im Grunde keine Auswirkungen auf die Handlung des Films und ist wohl primär deshalb vorhanden, um die Laufzeit noch etwas zu erweitern – dieser ist mit knapp eineinhalb Stunden ohnehin ziemlich kurz geraten. Alles, was mit Hop-Toad zu tun hat, wird quasi in drei bis vier Szenen fast schon isoliert abgehandelt, das Subjekt der Rachepläne ist dieses Mal nur ein einziger von Prosperos Würdenträgern, der dann im Affenkostüm angezündet wird.

Cormans Fokus liegt letztendlich nicht auf der Seuche, sondern dem religiösen Aspekt und Prosepros Grausamkeit – beides Elemente, die in der ursprünglichen Geschichte völlig fehlen und zudem recht plakativ umgesetzt werden. Als werkgetreue Adaption funktioniert Cormans Umsetzung aus diesem Grund nicht allzu gut – mitunter rückt der Rote Tod beinahe in den Hintergrund. Dass Cormans Film dennoch als Schauerstück zu überzeugen weiß, ist alleine Vincent Price zu verdanken, der hier ein weiteres Mal beweist, dass er ein Meister des Makabren ist und mit großer Freude den sadistischen Fürsten spielt.

Die Konzeption des Maskenballs mit den verschiedenfarbigen Räumen ist vorhanden, sie wird allerdings nicht groß erläutert und funktioniert eher als visuell interessante Gestaltung bzw. Anspielung für alle, die Poes Geschichte gelesen haben. Ein interessantes Details findet sich bei der Demaskierung des Roten Todes, der in diesem Film Prosperos Gesicht trägt und ihm so gewissermaßen den Spiegel vorhält. Darüber hinaus mischt er sich verhältnismäßig häufig ins Geschehen ein, gerade im Vergleich zu den anderen Adaptionen. Im Gruselkabinett-Hörspiel mag er Hop-Frog und Tripetta verschonen, bei Corman hilft er Francesca und ihren Angehörigen sogar aktiv, aus dem Schloss zu entkommen. Somit ist der Rote Tod hier weit stärker eine handelnde Figur und weniger die enigmatische Verkörperung der Seuche, die in letzter Konsequenz keinen Unterschied macht.

Fazit: In seiner Filmadaption erweitert Roger Corman die Handlung nicht nur, er verändert auch Fokus und Thematik drastisch, sodass er Poes ursprünglichen Intention fast schon zuwiderläuft. Dennoch ist „The Masque of the Red Death“ als atmosphärisches Schauerstück durchaus gelungen, was primär einem grandiosen Vincent Price zu verdanken ist.

Siehe auch:
The Masque of the Red Death

Stück der Woche: Hellbound

Halloween 2020

Bereits für Clive Barkers „Hellraiser“ komponierte Christopher Young einen hervorragenden orchestralen Horror-Score, dem es gelang, die Mischung aus Qual und Lust zu vermitteln, die im Zentrum des Films steht. Anders als Barker, der den Regiestuhl räumte, kehrte Young für den Score des Sequels „Hellbound: Hellraiser II“ zurück. Zwar bediente er sich weiterhin der Themen, die er für den ersten Film geschrieben hatte, komponierte aber ein neues Hauptthema, das den Film eröffnet und als Ouvertüre fungiert. Wo der erste Hellraiser-Film noch mit einer wenn auch unheimlichen, aber dennoch fast angenehmen und verführerischen Melodie eröffnet wurde, wird in Hellbound erst einmal choraler Bombast entfesselt, bevor das eigentliche Hellbound-Thema ab 0:18 von den Hörnern gespielt wird. In unter zwei Minuten exerziert Young das Thema mehrmals durch und steigert es immer weiter – weniger Intimität, mehr Grandeur.

Wofür dieses Thema eigentlich steht, ist nicht ganz leicht festzulegen, aber im Grunde kann man den Track-Titel wörtlich nehmen: Es ist das Thema derjenigen, die „an die Hölle gebunden“ sind oder im Verlauf des Films an die Hölle gebunden werden – quasi die neuen Diener Leviathans im Kontrast zu den alten, den vier ursprünglichen Cenobiten. Diese werden nach wie vor vom Hauptthema des ersten Films repräsentiert, das sich in Second Sight Seance allerdings an das Hellbound-Thema annähert und in einer ähnlich bombastischen Variation gespielt wird. Besagte neue Diener Leviathans sind Julia Cotton und Philip Channard, deren Auftritt mit dem Hellbound-Thema untermalt werden. Zum ersten Mal abseits der „Ouvertüre“ erklingt das Thema am Anfang von Looking Through a Woman in einer noch relativ zurückhaltenden Variation – hier wächst Julia in bester Frank-Cotton-Manier aus der Matratze. Im selben Track ist bei 1:50 noch eine weitaus epochalere Version zu hören, die allerdings aus der zweiten Hälfte des Films stammt – die Konzeption und Anordnung der Tracks ist, gelinde gesagt, ein wenig merkwürdig. Dieses Statement erklingt, als der neu geschaffene Channard-Cenobit zum ersten Mal zu sehen ist.

Channards Ankunft in der Welt der Sterblichen wird ebenfalls mit dem Hellbound-Thema untermalt, dieses Mal von besonders tiefen Blechbläsern gespielt. Für besondere Akzente sorgt die Harfe, die dem ganzen einen recht bizarren Charakter verleiht (Sketch with Fire). Eine stärker fragmentierte Variation erklingt darüber hinaus bei 0:50 in Dead or Living – hier tötet Channard die vier Cenobiten des ersten Films einen nach dem anderen. Eine weitere, äußerst blechbläserlastige, aber weniger bombastische und stärker verfremdete Version des Themas ist außerdem in Headless Wizard ab 1:40 zu hören.

Nach „Hellbound: Hellraiser II“ fand ein Komponistenwechsel statt, Young kehrt nicht zu den Cenobiten zurück, stattdessen schwang Randy Miller bei „Hellraiser III“ den Taktstock – allerdings orientierte er sich sowohl stilistisch als auch leitmotivische an der Musik der beiden Vorgänger. Tatsächlich ist das Hellbound-Thema das dominanteste Leitmotiv dieses Scores, Miller verändert allerdings die Bedeutung, denn in diesem Film fungiert es ganz eindeutig als Pinheads Thema. Während ich normalerweise gegen derartige Umdeutungen bin, passt es ziemlich gut, dass das dominanteste Thema des Franchise auch der dominantesten Figur zugeordnet wird. Interessanterweise taucht das Thema in Millers Score häufiger auf als in „Hellbound: Hellraiser II“; es ist beinahe in jedem Track des Soundtrack-Albums in der einen oder anderen Version zu hören oder wird zumindest angedeutet. Hier ist praktisch die volle Bandbreite gegeben, von den ruhigen, bedrohlichen Variationen (Elliot’s Story, 1:36) über den allseits beliebten Bombast (Pinhead’s Proteges/The Devil’s Mass, 9:20 oder Gothic Rebirth gesamt) bis hin zu purer Brutalität (Shall We Begin, direkt am Anfang).

Nach „Hellraiser III“ fand ein weiterer Komponistenwechsel statt, für „Hellraiser: Bloodline“ verpflichtete man Daniel Licht, der später die Musik für die Showtime-Serie „Dexter“ schreiben würde. Licht baut zwar ebenfalls Verweise auf Christopher Youngs Themen ein, setzt sie aber deutlich spärlicher und subtiler ein als Miller. Dennoch: Pinheads großer Auftritt wird mit einem vollen Statement des Hellbound-Themas untermalt – die Perfomance des Orchesters hat zwar nicht ganz die Kraft, die sie vor allem in „Hellbound: Hellraiser II“ hatte, aber dennoch sorgt gerade der Einsatz des Themas in Sharpe at the Gates of Hell (2:18) für eine der eindrucksvollsten Szenen des Films. In den späteren Hellraiser-Sequels, die nur noch auf DVD veröffentlicht wurden, kamen Youngs Themen nicht mehr vor – die jeweiligen Scores sind so vergessenswert wie die Filme.

Aktuell: Halloween 2020


Eigentlich war das Jahr 2020 auch so schon unheimlich genug und wer weiß, was in den letzten Monaten noch auf uns wartet. Aber wir wollen ja nicht mit der Tradition brechen, weshalb es hier in den nächsten eineinhalb Monaten primär (aber nicht ausschließlich) um Horror gehen wird – einmal quer durch die Medien und Subgenres, ganz wie die letzten Jahre auch. Natürlich werde ich die eine oder andere Artikelreihe fortführen (Lovecrafts Vermächtnis, Geschichte der Vampire), endlich eine Artikelreihe beginne, die ich schon vor einem Jahr angekündigt habe, darüber hinaus will ich mich aber auch wieder stärker einzelnen Filmen widmen, die in den letzten Monaten zugunsten ausführlicherer Besprechungen etwas zu kurz kamen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es wird wieder schaurig…