Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Mittelerde


Na gut, der Titel dieses Artikels ist vielleicht eine Spur zu reißerisch und auch nicht ganz passend. Zwar ist es zeitlich gut möglich, dass Tolkien Lovecraft gelesen haben könnte, aber es gibt kaum Belege dafür. Lediglich „The Doom that Came to Sarnath“ (1920), eine aus dem Frühwerk Lovecrafts stammende Geschichte, die dem Dreamland-Cycle zugerechnet wird und von kosmischem Horror recht weit entfernt ist, scheint Tolkien gelesen (und sie nicht besonders genossen) zu haben. Man kann wohl davon ausgehen, dass er sich nie mit Lovecrafts sonstiger Prosa oder seinen Horror-Konzepten auseinandersetze. Zudem ist wohl anzunehmen, dass Tolkien, hätte er sich eingehender mit Lovecrafts Œuvre beschäftigt, nicht allzu begeistert von ihm gewesen wäre. Philosophisch driften die beiden doch recht weit auseinander, der eine überzeugter und glaubensfester Katholik, bei dem Hoffnung, und sei es die Hoffnung eines Narren, immer eine wichtige Rolle spielt, der andere ein nicht minder überzeugter Atheist mit nihilistischen Tendenzen. Mit Lovecrafts Philosophie des Kosmizismus hätte Tolkien mit Sicherheit nichts anfangen können, sie wäre ihm wahrscheinlich sogar aktiv zuwider gewesen. Umgekehrt könnte ich mir allerdings vorstellen, dass Lovecraft seinerseits, anglophiler Mythenliebhaber, der er nun einmal war, mit Mittelerde vielleicht sogar warm geworden wäre, auch wenn ihm vermutlich die Verwendung von Elben und Zwergen nicht zugesagt hätte. Nun denn, wenn Tolkien ganz eindeutig nicht von Lovecraft beeinflusst wurde, was ist dann der Sinn dieses Artikels? Die Antwort mag überraschen: In Mittelerde gibt es mehr kosmischen Horror, als man annimmt.

Tolkien selbst ist natürlich nicht im Horror-Genre verankert, in einigen Segmenten des „Lord of the Rings“ erweist sich aber immer wieder, dass der Professor durchaus ein Händchen für äußerst effektiven Grusel hat. Die Sequenz mit den Grabunholden in „The Fellowship of the Ring“ kommt ebenso in den Sinn wie die Pfade der Toten in „The Return of the King“ und natürlich Kankra in „The Two Towers“. Oft zeichnen sich diese Szenen durch ein besonderes, unsichtbares Grauen aus, weder die Grabunholde, noch die Armee der Toten werden tatsächlich aktiv beschrieben, stattdessen vermittelt Tolkien eher die Furcht, die diese halbsichtbaren, nicht körperlichen Entitäten verbreiten. Auch bei den Nazgûl geht er mitunter auf diese Weise vor. Derartiges wäre allerdings eher unter der Kategorie „Geister-Horror“ bzw. „Tier-Horror“ (im Falle Kankras) einzuordnen. Es sollte zudem auch angemerkt werden, dass in Mittelerde durchaus auch Werwölfe und Vampire existieren, die Tolkien im „Silmarillion“ allerdings deutlich anders konzipiert, als man das aus der Popkultur gewohnt ist.

Um kosmischen Horror in Tolkiens Werk zu finden, muss man ein wenig tiefer graben, da er primär in Andeutungen existiert. Ein erster subtiler Hinweis findet sich in „The Fellowship of the Ring“. Als die Gefährten Moria betreten, warnt Gandalf: „There are older and fouler things in the deep places of the world.” (FotR, S. 403). Damit könnte er natürlich auch den Balrog meinen, in „The Two Towers“ erfahren wir vom zurückgekehrten Gandalf dem Weißen jedoch ein wenig mehr. Er erzählt Aragorn, Gimli und Legolas, was nach seinem Fall mit ihm und dem Balrog geschehen ist: „We fought far under the living earth, where time is not counted. Ever he clutched me, and ever I hewed him, till at last he fled into dark tunnels. They were not made by Durin’s folk, Gimli son of Glóin. Far, far below the deepest delving of the Dwarves, the world is gnawed by nameless things. Even Sauron knows them not. They are older than he. Now I have walked there, but I will bring no report to darken the light of day. In that despair my enemy was my only hope, and I pursued him, clutching at his heel.” (TT, S. 654). Hier wird klar, dass sich der vorherige Kommentar nicht unbedingt auf den Balrog beziehen muss. Tatsächlich erfahren wir nie, was diese „nameless things“ in der Tiefe eigentlich sind. Gehört der Wächter im Wasser vielleicht zu ihnen? Mit seinen Tentakeln hat er definitiv etwas cthulhoides…

Besonders faszinierend ist die Aussage, diese Wesen seien älter als Sauron und er wüsste nicht von ihnen, gerade im Kontext des „Silmarillion“. Als einer der Ainur war Sauron selbst quasi von Anfang an dabei und an der Schöpfung beteiligt, weshalb diese Aussage etwas merkwürdig anmutet. Bedeutet es, dass diese Wesen bereits von Anfang an Teil der Welt waren, noch bevor die Ainur als Valar und Maiar (quasi Engel bzw. Götter) die Welt betraten? Sind sie überhaupt Teil der Schöpfung und des Plans von Ilúvatar (Gott) oder kommen sie woanders her, bspw. aus der Äußeren Dunkelheit? Oder hat Tolkien lediglich seine Kosmologie nach der Abfassung des „Lord of the Rings“ noch einmal ein wenig angepasst? Eine finale Antwort wird es nicht geben, aber genau diese Ungewissheit sorgt für amüsantes Spekulieren; mit einer Andeutung gelingt es Tolkien, kosmischen Horror zu wecken.

Tatsächlich finden sich in Mittelerde weitere Wesen, deren Ursprung praktisch völlig ungeklärt ist und die nicht ganz in die Kosmologie zu passen scheinen. Die beiden primären „Verteter“ dieser Gattung sind Tom Bombadil und Ungoliant – zwei sehr entgegengesetzte Figuren, die allerdings beide durch ihre mysteriöse Herkunft vereint werden. David Day klassifizierte beide als Maiar, womit sie den gleichen Rang und die gleiche Abstammung hätten wie Gandalf, Sauron oder der Balrog, aber tatsächlich macht Tolkien dies nie eindeutig, es gibt sogar einiges, das dagegen spricht. Tom Bombadil ist als Name sogar den meisten Nicht-Lesern bekannt, und sei es nur, weil er aus den Adaptionen des „Lord of the Rings“ regelmäßig getilgt wird. Ungoliant hingegen ist eine Figur des „Silmarillion“, die im ersten Hobbit-Film aber immerhin einmal erwähnt wird – als Urmutter der Riesenspinnen im Allgemeinen und Kankras im Besonderen. Dabei ist Ungoliant aber nicht einfach „nur“ eine gewaltige Spinne, sondern etwas, das lediglich die Gestalt einer Spinne angenommen hat. Als Melkor, Saurons Meister und erster Dunkler Herrscher, danach trachtet, die Valar anzugreifen und die beiden Bäume von Valinor, die als primäre Lichtquellen der Welt fungieren, da Sonne und Mond noch nicht existieren, zerstören will, sichert er sich Ungoliants Hilfe. Tolkien beschreibt sie wie folgt: „There, beneath the sheer walls of the mountains and the cold dark sea, the shadows were deepest and thickest in the world; and there in Avathar, secret and unknown, Ungoliant had made her abode. The Eldar knew not whence she came; but some have said that in ages long before she descended from the darkness that lies about Arda, when Melkor first looked down in envy upon the Kingdom of Manwë, and that in the beginning she was one of those that he corrupted to his service. But she had disowned her Master, desiring to be mistress of her own lust, taking all things to herself to feed her emptiness; and she fled to the south, escaping the assaults of the Valar and the hunters of Oromë, for theirvigilance had ever been to the north, and the south was long unheeded. Thence she had crept towards the light of the Blessed Realm; for she hungered for light and hated it.
In a ravine she lived, and took shape as a spider of monstrous form, weaving her black webs in a cleft of the mountains. There she sucked up all light that she could find, and spun it forth again in dark nets of strangling gloom, until no light more could come to her abode; and she was famished.” (Silmarillion, S. 76).

Die Interpretation Ungoliants als gefallene Maia wäre hier zwar durchaus gegeben, wird allerdings nur als eine potentielle Möglichkeit offeriert, da Tolkien von ihr als „spirit“ spricht und nicht näher auf ihr tatsächliches Wesen eingeht. Es gilt auch zu beachten, dass Ungoliant das Potential hat, zu einer der mächtigsten Kreaturen Ardas zu werden. Nachdem sie die beiden Bäume ausgesaugt hat, schwillt sie ungeheuerlich an und ist sogar Melkor an Macht und Gestalt überlegen – wobei es zu bedenken gilt, dass Melkor selbst eines der mächtigsten Wesen der Welt ist. Man stelle sich vor, was passiert wäre, hätte Ungoliant auch noch die Silmaril verschlungen… Um sie wieder loszuwerden, ist eine ganze Horde Balrogs nötig. In Tolkiens Schilderungen ist Ungoliant ein zutiefst alptraumhaftes und unbegreifliches Wesen, die Personifizierung ewigen Hungers und tiefer Dunkelheit, die droht, die ganze Welt zu verschlingen – und als solches der klarste Ausdruck kosmischen Horrors in Tolkiens Werk. Nebenbei bemerkt finde ich, dass die obige Illustration das sehr schön vermittelt. Zwar beschreibt Tolkien Ungoliant nicht mit menschlichen Armen am Unterleib, aber es vermittelt Ungoliants verstörende und fremdartige Natur exzellent.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 2: The Two Towers. London 2007 [1955]
Tolkien, J. R. R.: The Silmarillion. Edited by Christopher Tolkien. London 1999 [1977]

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Westeros

2 Gedanken zu “Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Mittelerde

  1. Wow – ich lerne bei dir immer wieder, was ich alles nicht über Mittelerde weiß! 🙂 Wie es wohl bei vielen der Fall ist, habe ich „nur“ HdR gelesen und die Filmreihen gesehen – und letztere sind durch die Wiederholung stärker in Erinnerung geblieben.
    Und da fehlt ja nun offenbar einiges.

    Mal abgesehen davon, dass die von dir genannten Passagen und Figuren wirklich lovecraftig anmuten, ist es aber wahrscheinlich auch vorprogrammiert, wenn man als Fan von Franchise A oder Künstler A in Medium B Elemente wiederkennt. 😉 Das ist weder als Kritik gemeint, wahrscheinlich auch dir bewusst. Ich erkenne regelmäßig Neon Genesis Evangelion in anderen Medien … . Das macht es aber nicht weniger faszinierend.

    1. Das ist wohl wahr, ich sehe beispielsweise auch in allem, was auch nur Ansatzweise mit Vampiren zu tun hat, „Vampire: The Masquerade“, einfach, weil es meine Lieblingsversion des Vampir-Mythos ist – aber auch, weil es im Grunde jede „Art“ von Vampire beinhaltet 😉
      Aber gerade kosmischer Horror in Werken, die nicht primär mit Lovecraft zu haben, und wenn es nur in isolierten Passagen ist, fasziniert mich doch sehr, besonders in etwas für mich so einflussreichem wie Mittelerde.

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