The Vampire Diaries

Halloween 2015
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Da dieser Artikel alle sechs vollständigen Staffeln bespricht, sind Spoiler unvermeidbar. Ich habe mich allerdings bemüht, eher einzelne Beispiel zu geben statt Handlungsverläufe ausgiebig darzustellen!

Ordnen wir einmal die drei populärsten Vampirmedien der letzten Jahre auf einer Skala an: Wenn sich „Twilight“ am einen Ende des Spektrums befindet und „True Blood“ am anderen, dann ist „The Vampire Diaries“ ziemlich genau in der Mitte – und das in mehr als einer Hinsicht. Als die erste Staffel 2010 zum ersten Mal auf ProSieben ausgestrahlt wurde, habe ich mir die ersten beiden Folgen angesehen, war aber wenig begeistert, weil das Ganze bei mir zu viele Twilight-Assoziationen geweckt hat, weshalb ich beschloss, lieber bei „True Blood“ zu bleiben. Diese erste Einschätzung werde ich nun ein wenig revidieren müssen, da ich mich im Rahmen meines Artikels zu „Interview mit einem Vampir“ recht intensiv mit der Lestat/Louis-Dynamik beschäftigt habe, die auch in „The Vampire Diaries“ eine wichtige Rolle spielt. Und da die Serie ohnehin auf Amazon Prime verfügbar ist…

Beim Anschauen habe ich einige Dinge festgestellt: Die ersten drei, vier Episoden sind tatsächlich immer noch recht Twilight-ähnlich, danach nimmt die Serie allerdings an Fahrt auf, wird sehr viel interessanter und lässt Stephenie Meyers Glitzervampire ziemlich schnell hinter sich. Auch hat die Serie (zumindest auf mich) eine äußerst süchtig machende Wirkung. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass ich in der Zwischenzeit auf dem aktuellen Stand bin. Wie jede andere Serie hat natürlich auch „The Vampire Diaries“ diverse Höhen und Tiefen.

Konzeption
Gerade in diesem Bereich wirkt „The Vampire Diaries“ wirklich wie eine Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“: Einerseits haben wir das High-School-Setting und das eigentlich normale Mädchen, das die Aufmerksamkeit übernatürlicher Wesen erweckt. Andererseits erinnert die Art und Weise, wie die Vampirbrüder Stefan (Paul Wesley) und Damon (Ian Somerhalder) sich beide in Elena Gilbert (Nina Dobrev) verlieben, stärker an „True Blood“. Wie Sookie Stackhouse lässt sich auch Elena zuerst mit dem „guten“ Vampir (hier Stefan, in „True Blood“ Bill Compton) ein, und dann mit dem „bösen“ (Damon und Eric Northman). Die diversen sonstigen vampirischen Verstrickungen, von den ganzen anderen übernatürlichen Kreaturen, Hexen, Werwölfe, Geister etc. gar nicht erst zu sprechen, erinnern ebenfalls an „True Blood“. Auch bezüglich des Härtegrads liegt TVD genau in der Mitte: „Twilight“ ist zahnlos und blutleer, „True Blood“ in Sachen Sex und Gewalt sehr explizit (HBO halt). TVD ist an die Begrenzungen eines öffentlichen Senders wie The CW gebunden, das heißt keine Nacktheit und keine allzu derben Ausdrücke, aber in Sachen Blut und Gewalt kommt schon das eine oder andere vor, was auch gerechtfertigt ist: Eine Vampirserie, in der kein Blut zu sehen ist, macht etwas falsch.

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Das zentrale Dreiergespann: Stefan (Paul Wesley), Elena (Nina Dobrev), Damon (Ian Somerhalder)

Insgesamt lässt sich trotzdem nicht leugnen, dass ich nicht unbedingt zur Hauptzielgruppe gehöre; der Fokus liegt schon in erster Linie auf den diversen romantischen Verstrickungen. Aber, ähnlich wie bei „True Blood“ und anders als bei „Twilight“, sind diese letztendlich ein wichtiges, aber nicht das einzige Handlungselement, die Figuren besitzen (mal mehr, mal weniger nachvollziehbare) Motivationen, die Antagonisten werden meistens vernünftig aufgebaut und tauchen nicht einfach irgendwann auf, damit noch irgendetwas passiert und vor allem: Es gibt tatsächlich auch interessante Nebenfiguren, die ihre eigenen Handlungsbögen haben. Wenn wir davon ausgehen, dass „Twilight“ und „The Vampire Diaries“ auf derselben grundsätzlichen Prämisse basieren, funktioniert Letzteres im Gegensatz zu Ersterem weitaus besser.

Die Vorlage
Eigentlich ist es unfair, „The Vampire Diaries“ als Mischung aus „Twilight“ und „True Blood“ zu bezeichnen. Zwar ist wohl anzunehmen, dass die Serie ohne den Erfolg von Meyers Romanen und deren Verfilmungen nicht existieren würde, die Buchvorlage ist allerdings sowohl älter als „Twilight“ als auch als Charlaine Harris‘ „Southern Vampire Mysteries“ (die Vorlage für „True Blood“). TVD basiert auf einer gleichnamigen, ursprünglich vierteiligen Jugendromanserie von Lisa J. Smith (im Zuge der Sereinadaption wurde sie 2009 fortgesetzt), die zwischen 1991 und 1992 erschien und die Stephenie Meyer, darauf wette ich, gelesen hat. Wobei man dazu auch sagen muss, die krativen Köpfe hinter TVD mit ihrer Vorlage sehr frei umgehen. Im Grunde übernehmen sie lediglich die grundsätzliche Handlungsidee und einige Figuren bzw. Figurennamen. Das beginnt schon bei der Protagonistin: Elena Gilbert in den Romanen ist blauäugig, blond und bezüglich ihres Charakters mit der gleichnamigen Figur aus der Serie kaum kompatibel; beide sind lediglich in derselben Situation. Der Handlungsort der Romane, „Fell’s Church“, wurde in „Mystic Falls“ umbenannt, aus der von schottischen Druiden abstammenden Hexe Bonnie McCullough wurde die von den Hexen von Salem abstammende afroamerikanische Hexe Bonnie Bennett, in den Romanen hat Elena eine sehr junge Schwester namens Margret, in der Serie einen nur zwei Jahre jüngeren Bruder namens Jeremy, in den Romanen stammen Damon und Stefan aus Italien und wurden während der Renaissance zu Vampiren, in der Serie lebten sie als Sterbliche bereits in Mystic Falls und wurden zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zu Vampiren. Auf dieser Art könnte ich noch ziemlich lange weitermachen. Aus Neugierde, und weil er bei der Bibliothek meines Vertrauens gerade verfügbar war, habe ich mir den ersten Band der Romanreihe zu Gemüte geführt, und nach dessen Lektüre muss ich sagen: Ich denke, die sehr freie Adaption ist eine Stärke, die Serie setzte viele der Grundideen letztendlich besser um als die Vorlage.

Der Vampir in der Serie und die übernatürliche Welt
Im Großen und Ganzen orientiert sich die Serie bei ihrer Darstellung des Vampirs an Anne Rice, mit einigen Abweichungen und ein paar Anspielungen auf die klassischen Stoker-Attribute. Insgesamt ist die Konzeption des Vampirs in der Serie der von „True Blood“ sehr ähnlich. Ein TVD-Vampir wird erschaffen, wenn er als Mensch mit Vampirblut im System stirbt und der Körper erhalten bleibt (also kein Verbrennen oder Köpfen). Danach muss er Menschenblut zu sich nehmen, um die Transformation abzuschließen. Vampire sind stärker und schneller als Menschen, und gewinnen im Alter an Kraft. Ähnlich wie in „True Blood“ können Vampire per Blickkontakt Kontrolle auf Menschen ausüben und müssen eingeladen werden, um ein Haus, das einem Menschen gehört, betreten zu können (anders als in „True Blood“ kann die Einladung allerdings nicht zurückgenommen werden). Die großen Schwächen der Vampire sind, neben dem Blutdurst (Tierblut kann als Ersatz dienen, ein Vampir, der sich nicht von Menschenblut ernährt ist aber verhältnismäßig schwach), Vervain (auf Deutsch Verbana), welches ähnlich wie Knoblauch bei Stoker wirkt, und Sonnenlicht, das sie verbrennt. Allerdings ist es möglich, mithilfe von verzauberten Ringen in die Sonne zu gehen. Nahrung ist für TVD-Vampire kein Problem. Damit macht es sich „The Vampire Diaries“ in mancherlei Hinsicht ziemlich einfach, es gibt diverse Figuren, die nach der Vampirwerdung ihr altes Leben relativ normal weiterführen. Darüber hinaus gibt es noch eine besonders interessante Eigenschaft: Vampire können ihre Emotionen (vor allem Schuldgefühle) abstellen und werden dann zu völlig rücksichtslosen Versionen ihrer selbst – was unter anderem zur Folge hat, dass alle vampirischen Protagonisten der Serie auch schon mal für eine gewisse Zeit lang Antagonisten waren.

Wie so oft haben die Vampire auch hier ihre eigene Ursprungsgeschichte, die eng mit den diversen anderen übernatürlichen Kreaturen zusammenhängt. Der Vampirismus geht von der Familie Mikaelson (auch bekannt als „the Originals“; haben inzwischen ihre eigene Spin-off-Serie bekommen), einer Wikingerfamilie, die im 10. Jahrhundert nach Amerika kam und sich dort ansiedelte, wo in der Gegenwart Mystic Falls liegt (man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Kleinstadt eine mystischer Knotenpunkt ist, ähnlich wie Littlefingers Bordell in King’s Landing). Kurz zusammengefasst: Mutter Mikaelson war eine Hexe und hat ihren Mann und ihre Kinder zum Schutz vor Werwölfen in Vampire verwandelt, diese haben den Vampirismus dann wiederrum weiter in der Welt verbreitet. Apropos Werwölfe, diese sind relativ klassisch, bis auf die Tatsache, dass Silber ihnen nicht schadet (dafür aber Wolfswurz bzw. Wolfsbane) und dass der Biss nicht ansteckend ist (dafür aber tödlich für Vampire). Werwolf ist man durch genetische Veranlagung.

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

Drei Urvampire: Rebekah (Claire Holt), Klaus (Joseph Morgan) und Elija (Daniel Gillies)

In TVD ist allerdings sehr auffällig, dass es im Grunde keinerlei religiöse Motivationen oder Hintergründe gibt, gerade, wenn man sich die Konzeption von Vampiren und Werwölfen in diversen anderen Serien, Romanen und Filmen anschaut. Im Verlauf der Serie tauchen sogar zwei unterschiedliche Jägerorganisationen auf, die aber beide ebenfalls nicht religiös motiviert sind. Insgesamt ist mit der Ursprung der Vampire hier zu unmythisch, zu direkt greifbar und auch zu unmittelbar; als übernatürliche Spezies sind die Vampire nur etwas über tausend Jahre alt. Was ebenfalls auffällig ist: Es fehlt eine soziale Struktur, ein ordnendes Element wie die Authority in „True Blood“, die Camarilla in „Vampire: The Masquerade“ etc. Angesichts der Tatsache, wie Vampire in TVD zum Teil agieren, fragt man sich, weshalb nicht schon die ganze Welt weiß, dass sie existieren. New Orleans scheint hier eine Ausnahme zu bilden, die dortigen Konflikte werden allerdings in dem bereits erwähnten Spin-off „The Originals“ thematisiert, das ich bisher nicht gesehen habe.

Struktur
„The Vampire Diaries“ hat bislang sechs komplette Staffeln á 22 Folgen (mit einer Ausnahme, Staffel 4 hat 23 Folgen), Staffel 7 läuft gerade. Jede Staffel lässt sich in drei bis vier Kapitel unterteilen; dies hat zumeist mit einer Änderung des Status Quo zu tun (ein neuer Antagonist kommt dazu, ein alter fällt weg, jemand stirbt etc.). Insgesamt muss ich sagen: Ich finde, dass die Staffeln zu lang sind. Das mag auch mit meinen Seriengewohnheiten zu tun haben, denn die meisten Serien (zumindest die nicht komödiantischen), die ich schaue, haben im Schnitt zwischen zehn und fünfzehn Folgen. TVD hat das Problem, dass die Handlungsstränge oft ein wenig zu sehr mäandern und die Staffeln gleichzeitig zu vollgepackt wirken. Oft kommt es vor, dass Plots, die viel Potential haben, zu schnell abgehandelt werden, während andere sich zu sehr ausdehnen und die Autoren zu viele Wendungen, Loyalitäts- und Interessenswechsel einbauen. Kürzere Staffeln und mehr Fokus wären hier zu begrüßen gewesen.

Staffel 1 ist vor allem damit beschäftigt, Setting und Figuren zu etablieren und dem Zuschauer Elena, Stefan und Damon vorzustellen (und das Liebesdreieck zwischen ihnen, das ja zur Grundprämisse der Serie gehört, anzudeuten). Und natürlich werden auch diverse Nebenfiguren etabliert, etwa Elenas Bruder Jeremy (Steven R. McQueen), ihre Freundinnen Bonnie Bennett (Katerina Graham) und Caroline Forbes (Candice King), ihre Tante Jenna Sommers (Sara Canning), bei der sie und ihr Bruder nach dem Tod ihrer Eltern leben, usw. Zu Beginn fungiert Damon als Antagonist, wird jedoch im Verlauf der Staffel (mehr oder weniger freiwillig) zu einem der Protagonisten, da andere Vampire auftauchen und Probleme bereiten. Gegen Ende der Staffel zeigt sich dann, dass Katerina Petrova alias Katherine Pierce (Nina Dobrev), Erzeugerin von Stefan und Damon und Ebenbild von Elena, tatsächlich diejenige ist, die die Fäden in der Hand hält. In der zweiten Staffel übernimmt sie als Hauptantagonistin, wird dann jedoch von zwei der oben bereits erwähnten Originals abgelöst, Elijah (Daniel Gillies) und Klaus (Joseph Morgan). In der dritten Staffel kommen weitere Originals dazu, in gewissem Sinne dreht sich die ganze Staffel mehr oder weniger um ihre Familiendynamik. Auch in Staffel 4 sind sie noch ziemlich prominent, danach treiben sie allerdings in ihrem Spin-off ihr Unwesen, während in TVD neue Antagonisten eingeführt werden, u.a. Silas (Paul Wesley), der erste Unsterbliche, die uralte Hexe Qetsiyah (Janina Gavankar), der Traveler Markos (Raffi Barsoumian) und der psychopathische Hexer Kai (Chris Wood).

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Caroline Forbes (Candice King) und Bonnie Bennett (Katerina Graham)

Wie bei so vielen Serien ist die Qualität von TVD über ihren Verlauf recht wechselhaft. Staffel 1 braucht eine ganze Weile, um in die Gänge zu kommen und wird erst in der zweiten Hälfte interessant, und auch dort leidet die Spannung darunter, dass die Antagonisten, u.a. Elenas leibliche Eltern Isobel Flemming (Mia Kirshner) und John Gilbert (David Anders) nicht besonders einnehmend sind (Erstere ist ein Vampir, Letzteren hielt Elena ihr Leben lang für ihren Onkel, da sie von ihrem eigentlichen Onkel und dessen Frau adoptiert wurde). Das ändert sich mit Staffel 2: Katherine Pierce ist nicht nur eine der besten Antagonistinnen der Serie, sie ist auch einer der interessantesten Charaktere. Ähnliches trifft auf die diversen Mikaelsons zu. Insgesamt würde ich sagen, dass Staffel 2 mit die stärkste der Serie ist. Staffel 3 ist auch noch in Ordnung. In Staffel 4 und 5 geht es allerdings relativ stark abwärts, was zum einen an immer uninteressanteren Widersachern und zum anderen an zum Teil eher unglücklicher Charakterentwicklung liegt. Gerade die Auf-und-Ab-Beziehung Elena/Damon, die ab Staffel 4 in den Mittelpunkt rückt, wird irgendwann fürchterlich lästig. Ebenso kehren immer wieder getötete Figuren zurück, sodass es inzwischen kaum noch einen Charakter gibt, der nicht mindestens einmal über den Jordan gegangen ist. Erfreulicherweise ist Staffel 6 aber wieder ziemlich stark, sodass sie zusammen mit Staffel 2 die wahrscheinlich beste Staffel darstellt, während Staffel 5 der Tiefpunkt der Serie ist. Staffel 6 schafft es, die richtigen emotionalen Saiten anzuschlagen und dafür zu sorgen, dass man sich wieder stärker für die Charaktere interessiert – nicht alle, aber einige. Das Ende der fünften Staffel mischt gewissermaßen die Karten neu, Staffel 6 macht das Beste daraus.

Figuren
Ich habe mit „The Vampire Diaries“ ein Problem, das ich öfter mit diversen Serien, Filmen und Romanen habe: Ich mag die zentrale Protagonistin nicht besonders. Elena leidet an einer ähnlichen Krankheit wie Sookie Stackhouse und (würg) Bella Swann – das scheint irgendwie normal zu sein für junge Frauen, die in einem Liebesdreieck mit übernatürlichen Wesen feststecken: Sie sind als „Damsel in Distress“ quasi vorprogrammiert, und haben darüber hinaus die Tendenz, äußerst selbstbezogen zu sein. Elena hat dafür sogar einige nachvollziehbare Gründe: Sie hat tatsächlich viele geliebte Menschen verloren, und darüber hinaus ist sie als Petrova-Doppelgängerin stets eine Zielscheibe; jede übernatürliche Wesenheit scheint hinter ihrem Blut her zu sein. Diese Charaktereigenschaft von ihr nimmt allerdings mit jeder Staffel massiv zu. Spätestens ab Staffel 4 hat Elena die Tendenz, alles, aber auch wirklich alles immer nur auf sich zu beziehen, wobei sie völlig übersieht, dass auch andere Leute Probleme haben. Das allein wäre noch nicht so problematisch, aber Elena ist nun einmal als positive Protagonistin konzipiert, und darüber hinaus auch noch so fürchterlich selbstgerecht. Inzwischen fragt man sich, weshalb sie überhaupt noch Freunde hat, die alles für sie opfern. Besonders die arme Bonnie wird gerne mal einige Folgen lang ignoriert, bis man sie wieder braucht. Und, noch schlimmer, Elenas absolut selbstsüchtigen Handlungen haben oft keinerlei Folgen. Hierzu ein spezielles Beispiel: In Staffel 4 veranlasst sie, dass einer der Originals getötet wird (was bedeutet, dass alle seine Nachkommen, also mehrere hundert oder gar tausend Vampire, ebenfalls sterben), um eine einzige Person zu retten. Die Serie thematisiert die Folgen dieser Tat einfach nicht, sie wird im Folgenden praktisch ignoriert. Dementsprechend ist es schon irgendwie passend, dass die Qualitätssteigerung von Staffel 6 unter anderem damit zusammenhängt, dass Elena quasi zur Nebenfigur wird. Ich möchte allerdings festhalten, dass das alles nichts mit Nina Dobrev zu tun hat, die in der Serie wirklich sehr gut spielt. Tatsächlich spielt sie nicht nur die ungeliebte Protagonistin, sondern auch eine meiner Lieblingsfiguren: Katherine Pierce (bzw. Katerina Petrova), die den Vorteil hat, als Antagonistin konzipiert zu sein; ihre Charaktereigenschaften passen zueinander, sie ist eine einnehmende und tragische Schurkin, eine absolute Überlebenskünstlerin. Gerade bei der Darstellung der diversen Petrova-Doppelgänger (in Staffel 5 rennen drei von der Sorte durch die Gegend) zeigt Dobrev, wie nuanciert sie spielen kann, sodass man die optisch identischen Figuren problemlos als unterschiedliche Charaktere wahrnehmen kann. Am interessantesten ist es, wenn Katherine sich als Elena oder umgekehrt ausgibt.

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Viel interessanter als Elena: Katherine Pierce/Katerina Petrova (Nina Dobrev)

Insgesamt sind es, wie so oft, die diversen sekundären Hauptcharaktere, die weitaus interessanter sind als die eigentliche Protagonistin. Wie ich bereits sagte, ich gehöre weniger zur Zielgruppe, und für meinen Geschmack liegt der Fokus zu sehr auf den diversen romantischen Beziehungen und Dreiecksverhältnissen. Ironischerweise finde ich, dass TVD oft besser darin ist, nicht-romantische Beziehungen darzustellen als romantische. Die Dynamik zwischen Stefan und Damon finde ich zum Beispiel weitaus interessanter als die zwischen Stefan und Elena oder Damon und Elena. Über den Verlauf der Serie hat sich mehr oder weniger gezeigt, dass die Brüderbeziehung die eigentliche Grundlage der Serie ist – oder zumindest geworden ist. Erfreulicherweise sind sowohl Damon als auch Stefan weitaus interessanter als, sagen wir, Edward Cullen. Gerade Stefan könnte leicht als ähnlich konzipiert wahrgenommen werden, ist aber weitaus facettenreicher und einnehmender – und hat tatsächlich auch eine sehr, sehr dunkle Seite, die irgendwann ordentlich zu Tage tritt.
Ein weiteres Beispiel für die gelungenen nicht-romantischen Beziehungen findet sich in Staffel 6: Die Freundschaft, die sich zwischen Bonnie und Damon entwickelt, war definitiv eines der Highlights und hat auch dafür gesorgt, dass Bonnie als Charakter wirklich unverzichtbar wird.

Eine meiner weiteren Lieblingsfiguren ist außerdem Caroline, die in Staffel 1 noch relativ flach bleibt und vor allem von Damon als Blutkonserve benutzt wird. In Staffel 2 wird sie zum Vampir und ab diesem Zeitpunkt wird sie als Charakter interessant, macht eine glaubwürdige Entwicklung durch und wird auf authentische Weise zu einer besseren Person. Nicht, dass sie nicht auch diverse Fehler macht, aber sie bleibt dabei um so vieles angenehmer und weniger selbstgerecht als Elena. Die völlig dysfunktionale Dynamik der Familie Mikaelson ist natürlich auch äußerst spaßig – Klaus übertreibt es manchmal ein wenig, Rebekah (Claire Holt) ist hin und wieder etwas nervig, aber trotzdem interessant; ich denke jedoch, mein Favorit ist Elija.

Im Verlauf von sechs Staffeln sammeln sich natürlich viele, viele Figuren an, manche gelungen, andere weniger gelungen. Selbst diejenigen, die für die Plots tatsächlich alle wichtig sind aufzuzählen würde hier schon den Rahmen sprengen, von weniger wichtigen (aber natürlich oft interessanteren) Rollen gar nicht erst zu sprechen. Lange Rede, kurzer Sinn: In Sachen Figuren ist TVD sehr wechselhaft, das hat aber auch den Vorteil, dass es fast immer Figuren gibt, an denen man doch interessiert ist.

Fazit: Da habe ich wohl ein Guilty-Pleasure-Fandom gefunden (und das, obwohl ich nicht einmal danach gesucht habe). Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. „The Vampire Diaries“ ist eine sehr wechselhafte Serie, die mal ausgezeichnet funktioniert und mal auch überhaupt nicht – aber sie hat es geschafft, meine Aufmerksamkeit zu fesseln – warum auch immer.

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