Lovecrafts Vermächtnis: Providence

Halloween 2017
providence
Es dürfte kaum verwundern, dass auch Alan Moore, Platzhirsch des amerikanischen Comics, Wegbereiter der Graphic Novel (auch wenn er diesen Begriff strikt ablehnt) und Autor solcher Meisterwerke wie „Watchmen“, „From Hell“ oder „V wie Vendetta“, sich mit H. P Lovecraft beschäftigt hat, besonders, da Moore eine große Vorliebe für das Okkulte und Metaphysische besitzt. Bereits 1994 verfasste Moore die Prosa-Kurzgeschichte „The Courtyard“, die die Grundlage für seine zukünftige literarische Beschäftigung mit Lovecraft bilden sollte. „The Courtyard“ erzählt die Geschichte des FBI-Agenten Aldo Sax, der mehrere Ritualmorde untersucht und sich dabei der „Anomalie-Theorie“ bedient, mit deren Hilfe er Verbindungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen sieht, indem er die „anomalen Fakten“ aussondert. So folgt er der Spur der Droge Aklo und eines Mannes namens Johnny Carcosa und versteht schließlich, dass es sich bei Aklo nicht wirklich um eine Droge handelt, sondern um eine Sprache, die Menschen durch die Offenbarung metaphysischer Wahrheiten in den Wahnsinn treiben kann und Aldo letztendlich dazu bringt, seinerseits einen brutalen Ritualmord zu begehen. Schon allein an der Namensgebung lassen sich viele Lovecraft’sche Elemente feststellen: Die Geschichte spielt im New Yorker Stadtteil Red Hook, in dem auch Lovecrafts „The Horror at Red Hook“ spielt, Aklo ist eine Sprache, die ursprünglich in den Werken Arthur Machens auftauchte und die Lovecraft als Hommage auch in einige seiner Geschichten integrierte (u.a. „The Dunwich Horror“ und „The Haunter of the Dark“), Johnny Carcosa verweist auf Robert W. Chambers „The King in Yellow“ und der Nachclub „Club Zothique“ ist eine Anspielung auf den fiktiven Kontinent des Lovecraft-Freundes Clark Ashton Smith, während Band und Songs, die im Club spielen bzw. gespielt werden, wiederum nach Lovecraft-Geschichten benannt sind.

2003 wurde „The Courtyard“ als zweiteilige Comicminiserie von Autor Antony Johnston und Zeichner Jacen Burrows adaptiert. Vor allem die Paneleinteilung dieser Adaption ist interessant, da sie nicht den gewöhnlichen Konventionen folgt. Mit der Ausnahme von Aldo Sax‘ Vision, in der die eine oder andere bekannte Gottheit auftaucht, finden sich pro Seite jeweils nur zwei vertikale Panels. 2012 erschien eine Fortsetzung, abermals gezeichnet von Jacen Burrows, dieses Mal aber ohne Prosaversion und Adaption, Alan Moore verfasste das Skript zur vierteiligen Miniserie „Neonomicon“ selbst.

„Neonomicon“ greift die Handlung von „The Courtyard“ relativ direkt auf: Nach den Ereignissen des Vorgängers sitzt Aldo Sax in einer psychiatrischen Klinik und gibt nur sinnloses Gebrabbel von sich (der geneigte Leser weiß freilich, dass es sich dabei um Aklo handelt). Doch die Mordserie geht weiter, weshalb die FBI-Agenten Lamper und Brears in Red Hokk weiter ermitteln und nach Johnny Carcosa suchen. Dies bringt sie zum Esoterischen Orden des Dagon, einer Gruppe, die die Geschichten von H. P. Lovecraft ein wenig zu ernst nimmt. Lamper und Brears infiltrieren den Orden, fliegen aber bald auf. Wie sich herausstellt, haben die Kultisten tatsächlich Kontakt zu einem Tiefen Wesen. Während Lamper das zeitliche segnet, soll sich Brears mit der Fischkreatur paaren und zur Mutter eines Hybriden werden. Im deutschsprachigen Raum ist „Neonomicon“ unter diesem Titel zusammen mit der Comicversion von „The Courtyard“ in einem Band bei Panini erschienen.

Laut eigener Aussage verfasste Moore „Neonomicon“ primär, weil er wegen einer ausstehenden Steuerzahlung noch Geld benötigte, aber dennoch verfolgte Moore die Ideen aus „The Courtyard“ und „Neonomicon“ in der zwölfteiligen Serie „Providence“ weiter. Anders als die ersten beiden Geschichten spielt „Providence“ nicht in der Gegenwart, sondern im Jahr 1919, also zu der Zeit, also Lovecraft mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. Robert Black, seines Zeichens Reporter, schwul und angehender Schriftsteller, reist durch Neuengland, um für seinen großen amerikanischen Roman zu recherchieren und trifft dabei auf allerlei merkwürdige Gestalten und Vorkommnisse, die den kundigen Leser an diverse Lovecraft-Geschichten erinnern. Ohne es zu wissen führt sein Weg Black schließlich nach Providence, wo er H. P. Lovecraft in Person trifft.

Bezüglich der Struktur erinnert „Providence“ an „Watchmen“: Die Serie besteht aus zwölf Ausgaben (von Panini hierzulande in drei Paperbacks veröffentlicht), wobei der jeweiligen Ausgabe immer noch ein Prosateil beiliegt, zumeist Ausschnitte aus Blacks Tagebuch, mitunter aber auch Dokumente, die er auf seiner Reise findet. Auch inhaltlich gibt es gewisse Parallelen zu „Watchmen“, denn „Providence“ (unter Einbeziehung von „The Courtyard“ und „Neonomicon“) ist eine umfassende Metaauseinandersetzung mit H. P. Lovecrafts Werken, so wie „Watchmen“ eine umfassende Metaauseinandersetzung mit dem Superheldengenre ist. Das bedeutet allerdings auch, dass Moore nicht immer „im Geiste“ Lovecrafts schreibt. Vor allem in „Neonomicon“ bemüht sich Moore explizit, Dinge zu thematisieren, die Lovecraft nur andeutet oder die von seinen Nachfolgern meistens ausgeklammert werden (etwa der Rassismus oder die höchst unangenehmen sexuellen Implikationen). „Providence“ führt diese Tendenz zwar fort, ist aber durchdachter und besser ausgearbeitet, während man bei „Neonomicon“ mitunter das Gefühl nicht los wird, Moore habe es vor allem auf die eine oder andere Grenzüberschreitung und Provokation abgesehen. Diese finden in „Providence“ zwar ebenfalls statt, sind aber besser kontextualisiert.

Der Metaaspekt, schon in „Neonomicon“ unzweifelhaft vorhanden, wird in „Providence“ endgültig zur treibenden Kraft. Vor allem die ersten Ausgaben nehmen sich jeweils eine oder mehrere Lovecraft-Geschichten vor und spielen diese mit Robert Black als Protagonist mal mehr, mal weniger vorlagengetreu durch und kommentieren sie zugleich. Es beginnt mit den weniger bekannten Frühwerken wie „Cool Air“ oder „The Horror at Red Hook“, bevor die Hefte populärere Geschichten wie „Shadow over Innsmouth“, „The Dunwich Horror“, „The Thing on the Doorstep“ oder „Pickman’s Model“ widerspiegeln. Robert Black bewegt sich dabei allerdings nicht im fiktionalisierten Neuengland Lovecrafts (Städte wie Innsmouth oder Arkham tauchen nicht auf), stattdessen reist er durch ein realistischeres Neuengland, dass sich langsam in Lovecrafts Neuengland verwandelt. Manche der Lovecraft’schen Elemente bekommen Substitute; so fungiert etwa das real existierende Kitab Al-Hikmah Al-Najmiyyaon, das „Buch über die Weisheit der Sterne“, als Ersatz für das allseits bekannte und beliebte Necronomicon.

Im weiteren Verlauf nehmen die Lovecraft-Anspielungen und Verarbeitungen immer weiter zu, ebenso wie die Metaebene, bis Moore am Ende auch noch die losen Fäden von „The Courtyard“ und „Neonomicon“ aufgreift und alles zu einem höchst abstrakten Ende verbindet. „Providence“ (und mit Abstrichen auch die beiden Vorgänger) sind nicht einfach nur Comics, die in der von Lovecraft geschaffenen Welt spielen oder diese kommentieren, es handelt sich um eine detaillierte literarische Auseinandersetzungen mit seinem Werk. Moore schreckt dabei vor äußerst expliziten Szenen und äußerst unangenehmem Material nicht zurück – „Providence“ ist weder leicht zu lesen, noch wird man als Konsument in irgendeiner Form geschont; die Ab-18-Empfehlung auf der Rückseite und der Umstand, dass die Paperbacks nur eingeschweißt verkauft werden, sind völlig gerechtfertigt. Dennoch ist die Lektüre dieser Comics für den Lovecraft-Fan und -Liebhaber ungemein wertvoll und belohnend – und zu allem Überfluss auch noch von Jacen Burrows exzellent und atmosphärisch in Szene gesetzt.

Fazit: „The Courtyard“, „Neonomicon“ und „Providence“ sind zusammen eine detaillierte, umfangreiche und schonungslose Auseinandersetzung mit den Werken und dem Vermächtnis H. P. Lovecrafts. Wenn es so etwas wie DAS definitive Lovecraft-Metawerk geben sollte, dann hat Alan Moore es hiermit geschaffen.

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Halloween 2017:
Prämisse

Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon
Die Opferung
Das Alien-Franchise
Revival
Cthulhu in Westeros

Aktuell: Halloween 2017


Nachdem ich mir letzte Woche eine kleine Pause gegönnt habe, geht es nun wieder voll zur Sache. Der obligatorische herbstliche Themenmonat steht an, und da ich einiges geplant habe, starten wir schon im September. Unter anderem will ich das eine oder andere schon länger geplante Großprojekt umsetzen, zur einen oder anderen Artikelreihe noch etwas beisteuern und mindestens ein aktuelles Ereignis steht ebenfalls auf der To-Do-Liste (das oben eingebettete Musikstück gibt einen subtilen Hinweis). Dazu kommen noch ein paar Rezension zu sonstigen Horror-Filmen aus meinem DVD- bzw. BD-Stapel und der Netflix- bzw. Amazon-Prime-Watchlist In diesem Sinne: Freuen wir uns auf einen erschreckenden Herbst.

Batman und Harley Quinn

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Story: Poison Ivy (Paget Brewster) hat sich mit dem Floronic Man (Kevin Michael Richardson) verbündet, um alles Leben auf der Erde in botanische Hybriden zu verwandeln, um so den Klimawandel zu stoppen. Batman (Kevin Conroy) und Nightwing (Loren Lester) können das natürlich nicht zulassen. Nur eine Person kann ihnen dabei helfen, Ivy aufzuspüren: Die rehabilitierte Harley Quinn (Melissa Rauch). Die ehemalige Geliebte des Jokers mag zwar dem Verbrechen abgeschworen haben, ist aber nach wie vor nicht besonders umgänglich, doch Batman und Nightwing haben keine Wahl, wenn sie Ivy und den Floronic Man stoppen wollen…

Kritik: Als Batman-Fan hat man es dieser Tage nicht leicht. Nicht nur die Realfilme enttäuschen, auch aus dem Animationsbereich, einstmals ein Qualitätsgarant, kommt bestenfalls suboptimale Ware (die einzige Ausnahme ist „The Lego Batman Movie“). Dabei klingen die Konzepte eigentlich sehr vielversprechend, sei es eine Adaption von „The Killing Joke“ oder, wie hier, ein Revival von „Batman: The Animated Series“. Gerade darauf habe ich, wie so viele andere auch, gewartet, seit Warner mit den „DC Universe Animated Original Movies“ loslegte. Umso enttäuschender ist das Ergebnis.

Zugegebenermaßen war es durchaus nett, eine den technischen Standards angepasste Version des klassischen Animationsstils zu sehen, das ist im Grunde aber auch schon das Beste, was sich über „Batman und Harley Quinn“ sagen lässt. Leider orientierte sich Bruce Timm, der die Story verfasste und zusammen mit Jim Krieg auch das Drehbuch schrieb, nicht an der Crème de la Crème des DCAU (wie etwa „Batman: Mask of the Phantasm“ oder „Two Face“), sondern griff den Grundplot der Episode „Harley’s Holiday“ auf (Batman muss sich mit einer zumindest scheinbar rehabilitierten Harley Quinn verbünden, um ein Verbrechen aufzuklären), die sich zufälligerweise auch als Bonusmaterial auf der BD befindet. Nun ist „Harley’s Holiday“ keineswegs eine schlechte Episode und tatsächlich ziemlich witzig und kurzweilig, aber für die Rückkehr dieses Animationsstils hätte ich mir doch etwas anderes gewünscht, etwas das, der emotionalen Intensität der oben erwähnten Beispiele zumindest nahe kommt.

Im Grunde ist „Batman und Harley Quinn“ ein Brückenschlag zwischen „Batman: The Animated Series“ und der Adam-West-Serie aus den 60ern, kombiniert mit ziemlich krudem, selbstironischem und mitunter äußerst anzüglichem Humor, der ein wenig an „Deadpool“ erinnert. Nicht, dass es diese Art von Humor im DCAU nicht auch gegeben hätte, aber die strenge Zensur veranlasste die Autoren damals, derartige Witze und Anspielungen weitaus subtiler zu gestalten, während „Batman und Harley Quinn“ diesbezüglich sehr plump daherkommt. Manchmal funktionieren die Gags ganz gut, viele fallen aber höchst flach und unamüsant aus. Musste der ausgedehnte Furz-Witz wirklich sein? Insgesamt ist „Harley’s Holiday“ traurigerweise die bessere, lustigere und pointiertere Umsetzung dieses Plots. Über die beiden Schurken muss man ohnehin keine Worte verlieren, sie sind kaum mehr als Staffage. Letztendlich handelt es sich hierbei weniger um ein Geschenk an die Fans der klassischen Animationsserie, sondern eher um einen Versuch, aus Harleys aktueller Popularität noch mehr Gewinn herauszupressen.

Selbst die Sprecherriege ist durchwachsen. Mit Kevin Conroy und Loren Lester kehren zwei DCAU-Veteranen zurück. Conroy spricht Batman gewohnt routiniert, wird vom Material aber kaum gefordert. Loren Lester klingt trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch sehr jugendlich, bekommt aber ebenfalls kaum brauchbares Material. Was ist nur aus dem Nightwing der Episode „Old Wounds“ geworden, der mit sich selbst, seiner Identität und Batmans Methoden haderte? Und schließlich wäre da noch Melissa Rauch, die Arleen Sorkin als Harley Quinn mehr schlecht als recht ersetzt. Irgendwie passt ihre Stimme einfach nicht. Ich kann mir nicht helfen, ich höre immer nur Bernadette, auch wenn die Stimmlage nicht ganz so hoch ist.

Immerhin haben die Macher den Anstand, wenigstens einmal Shirley Walkers ikonisches Batman-Thema einzubauen, wenn sie mit Michael McCuistion, Lolita Ritmanis und Kristopher Carter schon drei Komponisten verpflichten, die unter Walker bereits an „Batman: The Animated Series“ arbeiteten. Es ist trotzdem verdammt schade, dass es nicht einmal einen großen, dramatischen Auftritt des Dunklen Ritters gibt, bei dem er mit weit ausgebreitetem Umhang durch ein Fenster bricht, begleitet von besagtem Thema. Ist das denn zu viel verlangt?

Fazit: Trotz ansehnlicher Animationen erweist sich „Batman und Harley Quinn“ als ziemlich Enttäuschung. Ein „in den besten Momenten halbwegs amüsant“ reicht für ein Revival von „Batman: The Animated Series“ einfach nicht aus. Nächstes Mal bitte wieder mit etwas Herzblut.

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Siehe auch:
Batman: The Animated Series
Batman: The Killing Joke

The Limehouse Golem

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Story: Im Jahr 1880 macht ein bestialischer Killer den Limehouse-Distrikt in London unsicher. Da er von der Polizei nicht gefasst werden kann, entstehen Gerüchte, es handle sich bei diesem Killer um den mythischen jüdischen Golem. Inspektor John Kildare (Bill Nighy) wird mit der Lösung des Falls beauftragt, nicht etwa weil mal Vertrauen in seine Fähigkeiten hätte, sondern weil seine Vorgesetzten einen Sündenbock brauchen. Eine Spur führt zu dem Theaterautor John Cree (Sam Reid), der jedoch kurz zuvor verstarb. Seine Frau Elizabeth (Olivia Cooke) wird des Mordes verdächtigt. Kildare vermutet, dass dieser Fall mit dem Golem-Fall zusammenhängt. Ist der Golem vielleicht schon tot? Oder sucht er nur ein neues Opfer…?

Kritik: „The Limehouse Golem“ von Regisseur Juan Carlos Medina, basierend auf dem Roman „Dan Leno and the Limehouse Golem“ von Peter Ackroyd, ist ein Film, der leider fast völlig untergegangen ist. Weder in den traditionellen Medien, noch im Internet habe ich viele Besprechungen entdecken können und zudem macht er sich, nur eine Woche nach dem deutschen Kinostart, schon ziemlich rar. Mir ist es zum Beispiel nicht gelungen, eine passende O-Ton-Vorstellung ausfindig zu machen. Insgesamt finde ich das ziemlich schade, denn „The Limhouse Golem“ ist ein schöner, atmosphärischer Thriller vor der Kulisse des viktorianischen London, ein gotisches Murder Mystery im Stile von „From Hell“ – tatsächlich erinnert Medinas Film vielleicht ein wenig zu sehr an die Comicadaption der Hughes-Brüder aus dem Jahr 2001. Zwar geht es nicht um Jack the Ripper (dieser mordete erst 1888), aber die Mordserie des titelgebenden Golem weist doch deutliche Parallelen auf, und auch visuell verweist „The Limehouse Golem“ auf den Ripper, schon allein durch die Verwendung des typischen Mantels.

Dennoch, wer ich ein Faible fürs Gotische hat, sollte „The Limehouse Golem“ definitiv eine Chance geben. Interessanterweise ist nicht der Inspektor John Kildare die eigentliche Hauptfigur, sondern Elizabeth Cree, deren Geschichte in ausführlichen Rückblenden parallel zu Kildares Ermittlungen erzählt wird. Besonders faszinierend ist dabei die optische Ausgestaltung, die zugleich eine Metaeben eröffnet. Die Ermittlungen sind in tristem Grau gehalten, während Elizabeth Crees Vergangenheit als Darstellerin in einem Varieté in warme Farben getaucht und visuell äußerst üppig gestaltet ist, weil das Theater ihre Passion darstellt. Zugleich wird es benutzt, um die Geschichte einzurahmen, selbst die Morde wirken zum Teil wie auf einer Theaterbühne inszeniert. Darüber hinaus gelingt eine hübsche Verknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, da Kildare nach und nach die Figuren und Orte der Flashbacks aufsucht und man so sieht, wie sich alles entwickelt hat. Ein weiteres interessantes Element ist das Tagebuch des Killers, anhand dessen mehrere Handschriftenvergleiche durchgeführt werden, wobei in der entsprechenden Szene stets der Verdächtige in die Rolle des Killers schlüpft, sodass jeder Mord visuell von jemand anderem ausgeführt wird. Amüsanterweise gehört zu den Verdächtigen auch Karl Marx (Henry Goodman), der somit einen kleinen Gastauftritt bekommt. Wer denn nun tatsächlich der Golem ist, dürfte sich spätestens im dritten Akt relativ deutlich herauskristallisieren, ich werde es hier aber natürlich trotzdem nicht verraten. Nur so viel: Anders als bei vielen anderen Film ist der Twist passend und ergibt sich logisch aus der Handlung. Lediglich die Verbindung zur mythischen jüdischen Lehmkreatur wirkt eher alibimäßig und wird kaum erforscht.

Die Charakterisierung der Figuren fällt oftmals ein wenig knapp aus, wobei Medina häufig mit Andeutungen arbeitet, die ihnen ein wenig mehr tiefe verleihen. So wird zum Beispiel suggeriert, dass Kildare schwul ist. Das hängt nicht wirklich mit der Handlung zusammen, passt aber ins Gefüge der Geschichte, ohne dass die Figur darauf reduziert würde. Elizabeth Cree ist dabei der am besten ausgearbeitete Charakter. Schauspielerisch gibt es nichts zu meckern, Bill Nighy macht sich gut als Inspektor, während mich Olivia Cooke ein wenig an Christian Ricci erinnert – was hier als Kompliment zu verstehen ist. Auch abseits der beiden Hauptdarsteller gibt es keinen Ausfall; Douglas Booths Leistung als Dan Leno, eine weitere historische Figur, die als Elizabeths Mentor fungiert, möchte ich noch gesondert hervorheben. Außerdem sollte noch der gelungene Score des schwedischen Komponisten Johan Söderqvist erwähnt werden, der viel zur eindringlichen Atmosphäre des Films beiträgt.

Fazit: „The Limehouse Golem“ ist ein gelungenes, wenn auch recht konventionelles viktorianisches Murder Mystery in der Tradition von „From Hell“ und besticht vor allem durch eine eindringliche Atmosphäre und einen subtilen Metaaspekt.

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Trailer

Siehe auch:
From Hell
Sweeney Todd
Crimson Peak

GoT: The Dragon and the Wolf

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Da ich in der zweiten Hälfte der letzten Woche nicht zuhause war, kommt die Rezension zum Finale der siebten GoT-Staffel ein wenig verspätet. Der Titel dieser Episode ist ein Rückgriff auf ähnlich geartete, wappenbezogene Titel vergangener Staffeln wie „The Wolf and the Lion“ oder „The Lion and the Rose“. Während es sich bei Ersterem allerdings um Feindschaft und bei Letzterem um eine arrangierte Hochzeit handelt, steht eine aufkeimende Liebe im Fokus dieser Episode.

King’s Landing
Zu Beginn dieser Folge zeigt sich die Serie noch einmal von ihrer besten Seite: Auf beeindruckende Weise wird gezeigt, wie sich Daenerys‘ Streitkräfte nähern, während sich die Lannisters auf einen möglichen Angriff vorbereiten – auch wenn es theoretisch um Friedensverhandlungen geht. Das ganze wird passend von den Targayren- und Lannister-Themen im Kontrapunkt untermalt. Auf allen Seiten ist man nervös – Jaime und Bronn begutachten die näherrückenden Truppen, Cersei fragt sich, warum Daenerys noch nicht in Sicht ist und auch die Targaryen-Delegation ist alles andere als selbstsicher.

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Der Drache (Emilia Clarke) und der Wolf (Kit Harrington). Bildquelle.

Die folgende Szene in der Drachengrube (die, nebenbei bemerkt, um einiges zu klein ist) ist ein weiteres Beispiel für die Stärken, die GoT nach wie vor besitzt: Mit nur wenigen Ausnahmen (primär die Stark-Schwestern und Littlefinger) sind fast alle signifikanten Figuren, die bis zu dieser Stelle überlebt haben, an einem Ort. Im Klartext bedeutet das, dass wir hier einen ganzen Haufen extrem talentierter Darsteller haben, die ihre Figuren nach Jahren inzwischen in und auswendig kennen und wunderbar miteinander arbeiten. Viel Zeit bleibt natürlich nicht für individuelle Entfaltung, aber es sind die kleinen Momente, die diese Szene so grandios machen: Euron demütigt Theon, Daenerys legt einen großen Auftritt hin, Brienne und Jaime fachsimpeln über Loyalität und Sandor wechselt liebende Worte mit seinem Bruder. Apropos, es gab die Vermutung, dass der „Clegane Bowl“, der Kampf der beiden Brüder, auf den Buchleser wie Serienschauer schon lange warten, hier endlich stattfindet, dem ist aber nicht der Fall – die kleine Szene zwischen den beiden Brüdern ist wohl als Teaser für die kommende Staffel zu verstehen.

Ansonsten erweist sich der gefangene Wiedergänger als recht überzeugendes Argument, während die Stark-Ehrlichkeit mal wieder fast alles ruiniert, uns aber eine der stärksten Szenen dieser Episode, ach, was sage ich, der gesamten Staffel beschert: Ein Zwiegespräch zwischen Cersei und Tyrion, die sich nun ja seit Staffel 4 nicht mehr persönlich begegnet sind. Beide Daumen hoch für Lena Headey und Peter Dinklage, das hätte man kaum besser in Szene setzen können. Und wider alle Erwartungen scheint besagtes Gespräch sogar wirkungsvoll gewesen zu sein, denn Cersei stimmt zu, sich mit ihren Gegnern zu verbünden und gegen die gemeinsame Bedrohung zu kämpfen.

Dass Cersei diesbezüglich jedoch keinerlei Ambitionen hat, war eigentlich klar, stattdessen will sie den Winter und den Konflikt mit den Weißen Wanderern einfach nur aussitzen. Nachdem Jaimes Charakterentwicklung in den letzten Staffel zum Teil zirkulierte, kommt er nun endlich mental zu dem Punkt, an dem er in „A Feast for Crows“ schon lange angelangt ist: Er hat endgültig genug von Cersei, fühlt sich an sein Versprechen gegenüber Daenerys und Jon gebunden und verlässt seine Schwester, allerdings nicht, ohne die Cersei/Tyrion-Szene dieser Folge zu spiegeln. Damit ist Cersei nun praktisch allein.

Dragonstone
Auf Dragonstone berät man derweil, wie Daenerys nach Norden kommen soll, per Drache oder per Schiff. Jorah rät zum Fliegen, während Jon vorschlägt, die geschmiedete Allianz zu verdeutlichen, indem die Königin der Drachen zusammen mit dem König des Nordens reist. Daenerys nimmt Jons Rat an, während Jorah ein weiteres Mal diesen ganz besonderen Jorah-Blick aufsetzt.

Ein weiteres offenes Ende, das hier noch aufgearbeitet wird, ist die Frage nach Theons weiterem Schicksal. Weder Jon noch Daenerys haben die Kapazität, sich mit Yaras Gefangennahme auseinanderzusetzen, also muss Theon die Sache selbst in die Hand nehmen. Nachdem er in dieser Staffel die meiste Zeit über äußerst passiv war, lässt er den Eisenmann raus, tötet den Anführer der paar verbliebenen, die nicht auf Eurons Seite stehen, im Zweikampf und macht sich auf, seine Schwester zu retten – da steht uns in Staffel 8 wohl noch ein letztes Greyjoy-Familientreffen bevor.

Winterfell
Der Winterfell-Subplot bekommt nun ebenfalls eine Auflösung spendiert, die leider ein Paradebeispiel für die Tendenz dieser Staffel ist, Dramaturgie über Logik zu setzen. Nachdem es Littlefinger scheinbar gelungen ist, einen Keil zwischen die Schwestern zu treiben, soll Arya vor versammelter Mannschaft verhaftet werden – nur dass Sansa plötzlich Littlefinger festnehmen lässt, damit Arya ihn hinrichten kann. Hier haben wir einen eindeutigen Fall von „Twist um des Twists willen“. Plötzlich hat Littlefinger keine Ahnung, plötzlich vertrauen die Schwestern einander doch (wie lange haben sie zusammengearbeitet, was war nur Show für Littlefinger etc.?) und plötzlich wird auch Bran hinzugezogen; alles wird so inszeniert, dass es für den Zuschauer möglichst überraschend kommt, aber zu den vorangegangenen Szenen kaum passt. Man merkt, dass Benioff und Weiss unbedingt wollten, dass Arya Littlefinger tötet und dem Publikum so die Genugtuung verschafft, dass Lord Baelish endlich das bekommt, was er verdient. Ich bleibe dabei, dieser Subplot ist eines der schwächsten, unlogischsten und unnötigsten Elemente dieser Staffel, aber Littlefingers Pläne ergeben ja schon seit einiger Zeit keinen wirklichen Sinn mehr, im Grunde war er also überflüssig. Dennoch ist es schade, da es ja eigentlich Baelish war, auf den viele Konflikte überhaupt erst zurückgehen.

Und wo wir gerade von Brans Beitrag zu Littlefingers Niedergang sprechen: Hier offenbaren sich zugleich die Probleme mit Brans scheinbarer Allwissenheit. Allein in dieser Szene gelingt es Benioff und Weiss, dem Ganzen eine fürchterliche Beliebigkeit zu verleihen. Es scheint, als versuchten sie nicht einmal zu verstecken, dass Bran nur dann weiß, wenn es den Autoren gerade in den Kram passt; er mutiert praktisch zur Expositionsmaschine. Immer, wenn die Figuren etwas wissen müssen, werden sie es von Bran erfahren. Wenn es dagegen dramaturgisch wertvoller ist, dass sie nicht wissen (etwa bezüglich Cerseis Verrat), dann verlassen Bran seine Gaben, bis man sie wieder braucht.

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Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi). Bildquelle.

In der finalen Montage dieser Episode kehren Benioff und Weiss noch einmal zu Jon Snows Herkunft zurück, die von Bran und dem per Jetpack aus Oldtown zurückgekehrten Sam erörtert wird (er hat Gilly also doch zugehört). Durch Brans Augen erleben wir die Hochzeit von Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding) und Lyanna Stark (Aisling Franciosi), wobei das interessanteste Detail für mich dabei Rhaegars Haare sind. Rhaegar trägt dieselbe Frisur wie Viserys, was ich als ziemlich cleveres Detail empfinde. Natürlich würde Viserys im Exil versuchen, sich wie Rhaegar zu geben, war er doch in der Kindheit das große Vorbild, der Targaryen, den alle liebten und verehrten. Gleichzeitig sehen wir, wie Jon und Daenerys miteinander schlafen, was niemanden überraschen dürfte, aber thematisch gut passt und sowohl die Beziehung zwischen Lyanna und Rhaegar als auch das Schicksal des vorherhigen Königs des Nordens widerspiegelt. Nach Fanfiction fühlt es sich trotzdem an. Nebenbei erfahren wir noch, dass Jons wahrer Name Aegon Targaryen lautet – ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das als netten Verweis auf (Fake?-)Aegon VI. in „A Dance with Dragons“ oder doch eher als leichte Fan-Verarsche verstehen soll.

An der Mauer
Es kommt, was kommen muss: Dank des untoten Viserion fällt die Mauer und die Armee der Toten ergießt sich in den Süden. Dass der Drache benutzt wird, um die Mauer niederzumachen, erklärt zumindest, weshalb die Weißen Wanderer so lange brauchten, um nach Süden zu gelangen. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um einen genau ausgetüftelten Plan handelt, mit dessen Hilfe der Nachtkönig Daenerys nach Norden locken und so einen Drachen erbeuten wollte. Noch einmal flammen die Fantheorien auf, denn die Armee der Toten gleicht von oben dem Schattenwolf der Starks, was als weiterer Hinweis verstanden wird, dass es sich beim Nachtkönig um Bran handelt.

Fazit
Statt eines kurzen Episoden-Fazits gibt es dieses Mal gleich ein ausführliches Staffelfazit. Rein technisch, inszenatorisch und zum Teil auch dramaturgisch war „Game of Thrones“ nie besser: Die großen Szenen dieser Staffel, sei es die Schlacht in der Weite, Drachen gegen Untote oder der Fall der Mauer, müssen sich vor nichts, was es im Kino zu sehen gibt, verstecken. Was das pure Spektakel angeht, werden hier für eine TV-Serie neue Dimensionen erklommen. Ausstattung, Sets und natürlich die Darsteller waren selten besser und überzeugender. Inhaltlich dagegen ist Staffel 7 mit eine der schwächsten der gesamten Serie, lediglich Staffel 5 war für mich persönlich noch weitaus frustrierender, das könnte aber auch damit zusammenhängen, dass Staffel 5 die Entwicklung gestartet hat, die hier voll aufblüht. Ich habe es schon bei meiner Rezension von Staffel 6 geschrieben und wiederhole es hier noch einmal: Das ist eindeutig nicht mehr George R. R. Martins Geschichte. Es ist möglich, dass sich Benioff und Weiss nach wie vor an einigen Stichpunkten von Martin orientieren, aber selbst wenn dem so sein sollte, werden die Zwischenräume sehr suboptimal gefüllt. Bei „Game of Thrones“ ging es nie um das große Spektakel, da war zwar auch immer vorhanden, war aber ein Nebenprodukt der Geschichte. In dieser Staffel steht dagegen das Spektakel im Vordergrund, den großen Set Pieces werden zunehmend Logik, Charakterentwicklung und die etablierten Regeln der Welt von Eis und Feuer geopfert (besonders bezüglich der Reisezeit von Individuen, Armeen, Raben und Drachen) . Gerade weil „Game of Thrones“ sich zu Beginn so sehr von klassischer Fantasy unterschied und so sehr mit den Figuren und Regeln arbeitete, ist der zunehmende Rückgriff auf Fantasy-Topoi wie die in dieser Staffel viel zu oft erfolgende Rettung in letzter Sekunde so frustrierend. Was Plot, Storytelling und Figurenentwicklung angeht, ist „Game of Thrones“ im Verlauf der letzten drei Staffeln allzu gewöhnlich und vorhersehbar geworden. Manchmal könnte man fast meinen, Benioff und Weiss sind ohne Martin nicht in der Lage, die Geschichte ansprechend weiterzuerzählen oder, noch schlimmer, haben keine Lust mehr dazu.

Titelbildquelle

Siehe auch:
Dragonstone
Stormborn
The Queen’s Justice
The Spoils of War
Eastwatch
Beyond the Wall