Story der Woche: Ein Porträt Torquemadas

Spoiler!
csm_3935822529_95530b85b4
Mein erster Berührungspunkt mit H. P. Lovecraft und seinem Vermächtnis war das Hörbuch „Der Cthulhu Mythos“, das nicht nur Geschichten von Lovecraft und einigen seiner Zeitgenossen und Nachahmern enthält, sondern auch über den Schriftsteller aus Providence selbst und einige der sonstigen Hintergründe informiert. Die letzte Kurzgeschichte des Hörbuchs trägt den Titel „Ein Porträt Torquemadas“ und stammt von Christian von Aster, der mit ihr einen Cthulhu-Kurzgeschichtenwettbewerb gewann. Da sich bei ihr nach wie vor um eine meiner Lieblings-Cthulhu-Geschichten handelt, habe ich sie zur „Story der Woche“ gekürt.

Leider ist es nicht ganz leicht, an „Ein Porträt Torquemadas“ in gedruckter Form heranzukommen. Veröffentlicht wurde die Geschichte ursprünglich in dem Festa-Sammelband „Der Cthulhu-Mythos 1976-2002“, der inzwischen allerdings vergriffen ist. Das oben erwähnte Hörbuch, das die Geschichte enthält, noch dazu gelesen von Joachim Kerzel, ist hingegen problemlos über Amazon oder Audible zugänglich und darüber hinaus äußerst empfehlenswert.

Stilistisch gelingt Christian von Aster ein guter Kompromiss zwischen Lovecraft’schen Elementen (ohne nur nachzuahmen) und einem etwas moderneren Stil, der nicht so behäbig und umständlich daherkommt wie der Stil des Altmeisters, sodass „Ein Porträt Torquemadas“ deutlich angenehmer und flüssiger lesbar ist. Inhaltlich knüpft er indirekt an „The Call of Cthulhu“ an – der Cthulhu-Kult steht auch hier im Mittelpunkt, der Schwerpunkt ist allerdings ein anderer. Wie in „The Call of Cthulhu“ gibt es eine Binnenhandlung in Form eines Tagebuchs. Protagonist ist der katholische Arzt Cajetanus, dem auf Anweisung des Vatikans immer wieder Operationen missliebiger Individuen „misslingen“. Eines dieser Individuen ist der Kunsthistoriker Felix Ney, bei dem ein Hirntumor festgestellt wird, nachdem er in der Müncher Pinakothek versucht, ein Gemälde (das titelgebende) mit Säure zu zerstören. Nach der Operation, die Neys Leben kostet, liest Cajetanus in dessen Tagebuch über einen besonderen Auftrag nach. Ney soll ein Porträt des spanischen Großinquisitors Tomás de Torquemada, gemalt von dem Italiener Giuseppe del Candini, restaurieren. Dabei macht er eine kuriose Entdeckung: Im Bücherregal hinter dem Großinquisitor befindet sich ein Buch, Ciceros „De Natura Deorum“, das übermalt wurde. Ney kratzt die obere Schicht ab und findet darunter ein unbeschriftetes Buch mit auffälligem Umschlag. Also wendet er sich an Experten, die das Buch auf dem Bild anhand des Rückens als eine Ausgabe des Necronomicon identifizieren. Mehr oder weniger unfreiwillig begibt sich Felix Ney so auf eine Schnitzeljagd, bei welcher er weitere Hinweise in den Bildern del Candinis auf Cthulhu und dessen Kult findet. Nach und nach stößt Ney – und mit ihm Cajetanus – auf die schreckliche Wahrheit: Die katholische Kirche wurde nicht nur vom Kult des Cthulhu unterwandert, sie hat mit ihm im 15. Jahrhundert einen Pakt geschlossen, der beiden Parteien viele Vorteile bringt. Somit ist auch Cajetanus selbst ein unwissentlicher Agent des tentakelgesichtigen Großen Alten und hat nicht im Auftrag seines Gottes, sondern Cthulhus das Leben vieler Menschen beendet.

Atmosphärisch erinnert „Ein Porträt Torquemadas“ an Roman Polanskis Film „The Ninth Gate“ bzw. den Roman „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte, auf dem dieser basiert – beide beinhalten eine Schnitzeljagd, in deren Zentrum ein verbotenes Buch steht, auch wenn es im Fall der Kurzgeschichte lediglich die Abbildung eines Buches ist. In bester Lovecraft’scher Manier mischt Christian von Aster hier Fakt mit Fiktion: Tomás de Torquemada ist natürlich eine tatsächliche historische Figur, die auch ohne Verbindung zum Kult des Cthulhu genügend Gräueltaten begangen hat. Das titelgebende Porträt und sein Maler Giuseppe del Candini sind fiktiv, von Aster ordnet sie aber kontextuell ein und macht del Candini zu einem Schüler des real existierenden Fra Fillipo Lippi und damit zu einem Zeitgenossen Botticellis. Die Idee, den Kult des Cthulhu mit der katholischen Kirche zu verknüpfen, ist ebenso faszinierend wie naheliegend. Nicht erst seit Dan Browns Romanen (wobei „Ein Porträt Torquemadas“ sogar ein Jahr vor „Angels and Demons“, hierzulande besser bekannt als „Illuminati“, erschien) bietet sich die Kirche für allerhand finstere Verschwörungen ideal an. Man fragt sich fast, weshalb Lovecraft selbst, der für Christentum und Katholizismus nie viel übrig hatte, nicht selbst auf die Idee kam. Der Twist, dass die katholische Kirche vom Cthulhu-Kult unterwandert und kontrolliert wird, ist aus diesem Grund nicht allzu schwer zu erraten. Dennoch gelingt es von Aster, sowohl Spannung aufzubauen, man möchte dann doch wissen, wie sich alles abspielt, als auch die durch die Mischung aus Fakt und Fiktion das Interesse aufrecht zu erhalten. Tatsächlich denke ich, dass der Plot der Geschichte auch durchaus für einen ganzen Roman gereicht hätte. Andererseits funktioniert „Ein Porträt Torquemadas“ als Kurzgeschichte wunderbar und verliert sich nicht in übermäßigen Details, sondern erreicht das Ziel klar und schnörkellos.

Fazit: Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“ ist nach wie vor eine meiner liebsten Cthulhu-Geschichten und eignet sich auch wunderbar als Einstieg in die Thematik, da sie deutlich angenehmer zu lesen ist als viele Storys des Altmeisters.

Bildquelle

Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Mittelerde


Na gut, der Titel dieses Artikels ist vielleicht eine Spur zu reißerisch und auch nicht ganz passend. Zwar ist es zeitlich gut möglich, dass Tolkien Lovecraft gelesen haben könnte, aber es gibt kaum Belege dafür. Lediglich „The Doom that Came to Sarnath“ (1920), eine aus dem Frühwerk Lovecrafts stammende Geschichte, die dem Dreamland-Cycle zugerechnet wird und von kosmischem Horror recht weit entfernt ist, scheint Tolkien gelesen (und sie nicht besonders genossen) zu haben. Man kann wohl davon ausgehen, dass er sich nie mit Lovecrafts sonstiger Prosa oder seinen Horror-Konzepten auseinandersetze. Zudem ist wohl anzunehmen, dass Tolkien, hätte er sich eingehender mit Lovecrafts Œuvre beschäftigt, nicht allzu begeistert von ihm gewesen wäre. Philosophisch driften die beiden doch recht weit auseinander, der eine überzeugter und glaubensfester Katholik, bei dem Hoffnung, und sei es die Hoffnung eines Narren, immer eine wichtige Rolle spielt, der andere ein nicht minder überzeugter Atheist mit nihilistischen Tendenzen. Mit Lovecrafts Philosophie des Kosmizismus hätte Tolkien mit Sicherheit nichts anfangen können, sie wäre ihm wahrscheinlich sogar aktiv zuwider gewesen. Umgekehrt könnte ich mir allerdings vorstellen, dass Lovecraft seinerseits, anglophiler Mythenliebhaber, der er nun einmal war, mit Mittelerde vielleicht sogar warm geworden wäre, auch wenn ihm vermutlich die Verwendung von Elben und Zwergen nicht zugesagt hätte. Nun denn, wenn Tolkien ganz eindeutig nicht von Lovecraft beeinflusst wurde, was ist dann der Sinn dieses Artikels? Die Antwort mag überraschen: In Mittelerde gibt es mehr kosmischen Horror, als man annimmt.

Tolkien selbst ist natürlich nicht im Horror-Genre verankert, in einigen Segmenten des „Lord of the Rings“ erweist sich aber immer wieder, dass der Professor durchaus ein Händchen für äußerst effektiven Grusel hat. Die Sequenz mit den Grabunholden in „The Fellowship of the Ring“ kommt ebenso in den Sinn wie die Pfade der Toten in „The Return of the King“ und natürlich Kankra in „The Two Towers“. Oft zeichnen sich diese Szenen durch ein besonderes, unsichtbares Grauen aus, weder die Grabunholde, noch die Armee der Toten werden tatsächlich aktiv beschrieben, stattdessen vermittelt Tolkien eher die Furcht, die diese halbsichtbaren, nicht körperlichen Entitäten verbreiten. Auch bei den Nazgûl geht er mitunter auf diese Weise vor. Derartiges wäre allerdings eher unter der Kategorie „Geister-Horror“ bzw. „Tier-Horror“ (im Falle Kankras) einzuordnen. Es sollte zudem auch angemerkt werden, dass in Mittelerde durchaus auch Werwölfe und Vampire existieren, die Tolkien im „Silmarillion“ allerdings deutlich anders konzipiert, als man das aus der Popkultur gewohnt ist.

Um kosmischen Horror in Tolkiens Werk zu finden, muss man ein wenig tiefer graben, da er primär in Andeutungen existiert. Ein erster subtiler Hinweis findet sich in „The Fellowship of the Ring“. Als die Gefährten Moria betreten, warnt Gandalf: „There are older and fouler things in the deep places of the world.” (FotR, S. 403). Damit könnte er natürlich auch den Balrog meinen, in „The Two Towers“ erfahren wir vom zurückgekehrten Gandalf dem Weißen jedoch ein wenig mehr. Er erzählt Aragorn, Gimli und Legolas, was nach seinem Fall mit ihm und dem Balrog geschehen ist: „We fought far under the living earth, where time is not counted. Ever he clutched me, and ever I hewed him, till at last he fled into dark tunnels. They were not made by Durin’s folk, Gimli son of Glóin. Far, far below the deepest delving of the Dwarves, the world is gnawed by nameless things. Even Sauron knows them not. They are older than he. Now I have walked there, but I will bring no report to darken the light of day. In that despair my enemy was my only hope, and I pursued him, clutching at his heel.” (TT, S. 654). Hier wird klar, dass sich der vorherige Kommentar nicht unbedingt auf den Balrog beziehen muss. Tatsächlich erfahren wir nie, was diese „nameless things“ in der Tiefe eigentlich sind. Gehört der Wächter im Wasser vielleicht zu ihnen? Mit seinen Tentakeln hat er definitiv etwas cthulhoides…

Besonders faszinierend ist die Aussage, diese Wesen seien älter als Sauron und er wüsste nicht von ihnen, gerade im Kontext des „Silmarillion“. Als einer der Ainur war Sauron selbst quasi von Anfang an dabei und an der Schöpfung beteiligt, weshalb diese Aussage etwas merkwürdig anmutet. Bedeutet es, dass diese Wesen bereits von Anfang an Teil der Welt waren, noch bevor die Ainur als Valar und Maiar (quasi Engel bzw. Götter) die Welt betraten? Sind sie überhaupt Teil der Schöpfung und des Plans von Ilúvatar (Gott) oder kommen sie woanders her, bspw. aus der Äußeren Dunkelheit? Oder hat Tolkien lediglich seine Kosmologie nach der Abfassung des „Lord of the Rings“ noch einmal ein wenig angepasst? Eine finale Antwort wird es nicht geben, aber genau diese Ungewissheit sorgt für amüsantes Spekulieren; mit einer Andeutung gelingt es Tolkien, kosmischen Horror zu wecken.

Tatsächlich finden sich in Mittelerde weitere Wesen, deren Ursprung praktisch völlig ungeklärt ist und die nicht ganz in die Kosmologie zu passen scheinen. Die beiden primären „Verteter“ dieser Gattung sind Tom Bombadil und Ungoliant – zwei sehr entgegengesetzte Figuren, die allerdings beide durch ihre mysteriöse Herkunft vereint werden. David Day klassifizierte beide als Maiar, womit sie den gleichen Rang und die gleiche Abstammung hätten wie Gandalf, Sauron oder der Balrog, aber tatsächlich macht Tolkien dies nie eindeutig, es gibt sogar einiges, das dagegen spricht. Tom Bombadil ist als Name sogar den meisten Nicht-Lesern bekannt, und sei es nur, weil er aus den Adaptionen des „Lord of the Rings“ regelmäßig getilgt wird. Ungoliant hingegen ist eine Figur des „Silmarillion“, die im ersten Hobbit-Film aber immerhin einmal erwähnt wird – als Urmutter der Riesenspinnen im Allgemeinen und Kankras im Besonderen. Dabei ist Ungoliant aber nicht einfach „nur“ eine gewaltige Spinne, sondern etwas, das lediglich die Gestalt einer Spinne angenommen hat. Als Melkor, Saurons Meister und erster Dunkler Herrscher, danach trachtet, die Valar anzugreifen und die beiden Bäume von Valinor, die als primäre Lichtquellen der Welt fungieren, da Sonne und Mond noch nicht existieren, zerstören will, sichert er sich Ungoliants Hilfe. Tolkien beschreibt sie wie folgt: „There, beneath the sheer walls of the mountains and the cold dark sea, the shadows were deepest and thickest in the world; and there in Avathar, secret and unknown, Ungoliant had made her abode. The Eldar knew not whence she came; but some have said that in ages long before she descended from the darkness that lies about Arda, when Melkor first looked down in envy upon the Kingdom of Manwë, and that in the beginning she was one of those that he corrupted to his service. But she had disowned her Master, desiring to be mistress of her own lust, taking all things to herself to feed her emptiness; and she fled to the south, escaping the assaults of the Valar and the hunters of Oromë, for theirvigilance had ever been to the north, and the south was long unheeded. Thence she had crept towards the light of the Blessed Realm; for she hungered for light and hated it.
In a ravine she lived, and took shape as a spider of monstrous form, weaving her black webs in a cleft of the mountains. There she sucked up all light that she could find, and spun it forth again in dark nets of strangling gloom, until no light more could come to her abode; and she was famished.” (Silmarillion, S. 76).

Die Interpretation Ungoliants als gefallene Maia wäre hier zwar durchaus gegeben, wird allerdings nur als eine potentielle Möglichkeit offeriert, da Tolkien von ihr als „spirit“ spricht und nicht näher auf ihr tatsächliches Wesen eingeht. Es gilt auch zu beachten, dass Ungoliant das Potential hat, zu einer der mächtigsten Kreaturen Ardas zu werden. Nachdem sie die beiden Bäume ausgesaugt hat, schwillt sie ungeheuerlich an und ist sogar Melkor an Macht und Gestalt überlegen – wobei es zu bedenken gilt, dass Melkor selbst eines der mächtigsten Wesen der Welt ist. Man stelle sich vor, was passiert wäre, hätte Ungoliant auch noch die Silmaril verschlungen… Um sie wieder loszuwerden, ist eine ganze Horde Balrogs nötig. In Tolkiens Schilderungen ist Ungoliant ein zutiefst alptraumhaftes und unbegreifliches Wesen, die Personifizierung ewigen Hungers und tiefer Dunkelheit, die droht, die ganze Welt zu verschlingen – und als solches der klarste Ausdruck kosmischen Horrors in Tolkiens Werk. Nebenbei bemerkt finde ich, dass die obige Illustration das sehr schön vermittelt. Zwar beschreibt Tolkien Ungoliant nicht mit menschlichen Armen am Unterleib, aber es vermittelt Ungoliants verstörende und fremdartige Natur exzellent.

Zitiert nach:
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 1: The Fellowship of the Ring. London 2007 [1954]
Tolkien, J. R. R.: The Lord of the Rings Part 2: The Two Towers. London 2007 [1955]
Tolkien, J. R. R.: The Silmarillion. Edited by Christopher Tolkien. London 1999 [1977]

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Cthulhu in Westeros

Lovecrafts Vermächtnis: Alhazred – Author of the Necronomicon


Von allen menschlichen Figuren, die H. P. Lovecraft für seine Geschichten erschaffen hat, ist Abdul Alhazred zweifelsohne die ikonischste, aber auch die mysteriöseste. Der legendäre Autor des Necronomicons fungiert dabei nie als handelnde Figur, sondern gehört immer zum Hintergrund. Erstmals erwähnt wird er in der Geschichte „The Nameless City“ (1921), als Autor des Necronomicons wird er in „The Hound“ (1922) identifiziert – besagtes Grimoire taucht dort auch zum ersten Mal auf. Zumindestens namentlich wird er in vielen weiteren Geschichten Lovecrafts genannt, meistens im Kontext des Necronomicons, selten wird allerdings genauer auf ihn oder seine Tätigkeiten eingegangen. Am meisten erfährt man über Abdul Alhazred in „History of the Necronomicon” (1927 verfasst, allerdings erst über zehn Jahr später posthum herausgegeben) – diesen Abriss schrieb Lovecraft nicht zuletzt für sich selbst, um bei seinen Referenzen konsistent zu bleiben. Hier erfahren wir, dass es sich beim Autor des Necronomicons um einen verrückten Poeten aus Sanaa im Jemen handelt, der um das Jahr 700 herum lebte, u.a. in Damaskus aktiv war und das Al Azif (arabischer Name des Necronomicon) verfasste, bevor er im Jahr 738 von den Klauen einer unsichtbaren Kreatur auf offener Straße und im vollen Tageslicht zerrissen wurde. Statt zu Allah betete er zu Yog-Sothoth und Cthulhu.

Es ist wohl müßig zu erwähnen, dass Abdul Alhzared die Phantasie vieler spätere Autoren des „Cthulhu-Mythos“ anregte. Einer davon ist Donald Tyson, der bereits 2004 seine Version des Necronomicon veröffentlichte und 2006 mit der „Autobiografie“ Abdul Alhazreds gewissermaßen daran anknüpfte. „Alhazred – Author of the Necronomicon“ ist ein ordentlicher Wälzer mit über 600 Seiten und, im Gegensatz zu Tysons „Necronomicon – The Wanderings of Alhazred“, ein echter Roman und nicht nur ein verkappter Rollenspiel-Quellenband. Leider ist er nicht unbedingt überzeugender, im Gegenteil.

Die Handlung beginnt mit einem neunzehnjährigen Abdul Alhazred am Hof des jemenitischen Herrschers. Der spätere „verrückte Araber“ hat eine Affäre mit der Tochter besagten Königs, was ihn teuer zu stehen kommt: Nicht nur wird er im Gesicht verstümmelt, kastriert wird er auch, um anschließend in die Wüste verbannt zu werden. Dort wird er von einem Stamm von Ghulen – diese sind unter anderem bekannt aus der Lovecraft-Geschichte „Pickman’s Model“ – praktisch adoptiert. Eine Zeit lang zieht er mit dem Clan umher, bandelt mit einer Dschinn-Frau an, gerät in Kontakt mit Nyarlathotep und landet schließlich in Irem, der Stadt der Säulen (ebenfalls immer wieder bei Lovecraft thematisiert), wo er der Hexe I’thakuah (die namentlich an Ithaqua, einen Beitrag August Derleths zum „Cthulhu-Mythos“ erinnert) begegnet und Zeuge eines Konflikts zwischen den Großen Alten und den „Elder Things“ wird. Auch andere Mythos-Entitäten werden immer wieder zumindest namentlich eingestreut, seien es Cthulhu, Shub-Niggurath, Yig oder Tsathoggua. Alhazred begibt sich schließlich auf eine ausgedehnte Reise gen Alexandria. Auf dem Weg bekommt eine weitere Gefährtin in Gestalt von Martala, die seine Dienerin wird und ihn beim Vorhaben, verbotenes Wissen zu erlangen, unterstützt. Weitere Reisen führen schließlich nach Babylon und Damaskus (wo sich Alhazred auch laut Lovecraft herumgetrieben hat), um mit einem ihm und anderen Nekromanten feindlich gesinnten Kalifen abzurechnen.

Hier komprimiert mag sich Tysons-Roman relativ Mythos-lastig anhören, aber das täuscht – tatsächlich sind die Verweise auf die Lovecraft’schen Inhalte nicht nur relativ dünn und sparsam gesät, sie spielen auch in der Handlung meistens keine große Rolle. Grundsätzlich ist es ja kein schlechter Ansatz, Elemente des „Cthulhu-Mythos“ bedacht und nicht zu verschwenderisch einzusetzen. Hier geht es aber um den Autor des Necronomicon, da hätte ich schon ein wenig… mehr erwartet. Tyson nimmt sich nicht nur extrem viel Zeit, das Necronomicon und der „verrückte Araber“ Lovecrafts scheinen nach über 600 Seiten immer noch sehr weit entfernt zu sein; es wirkt, als habe Tyson bereits Fortsetzungen im Kopf, um schließlich dort anzukommen, wo Alhazreds Geschichte in „History of the Necronomicon“ endet. Mehr noch, trotz einiger doch ziemlich expliziter Szenen kann man bei „Alhazred – Author of the Necronomicon“ nur bedingt von Horror, geschweige denn von kosmischem Horror sprechen, Dark Fantasy ist wahrscheinlich eine passendere Genre-Bezeichnung. Trotz der eindeutigen Lovecraft-Bezüge gelingt es Tyson leider nie, tatsächlichen kosmischen Horror zu kanalisieren.

Noch problematischer ist der Umstand, dass Tyson keinen geeigneten „Ersatz“ (Action, Suspense, etc.) für den kosmischen Horror bietet, der in einem Werk über Abdul Alhazred zu finden sein sollte. Zudem kann der Roman auch stilistisch nicht überzeugen. Tyson macht keine Anstalten, Lovecrafts Stil in irgendeiner Form zu imitieren, tatsächlich ist Tysons Prosa recht leicht und unkompliziert lesbar, aber leider weder fesselnd noch ansprechend. Selbst die brutaleren und expliziteren Szenen können ihre Wirkung nicht so recht entfalten und wirken profan. Wie bereits erwähnt ist der Roman eigentlich weder schwer zu lesen, noch stilistisch besonders anspruchsvoll, ich musste mich aber dennoch immer wieder zwingen, weiterzumachen, weil die Handlung ziemlich mäandert und die, zugegeben, durchaus interessanten Ideen, die präsentiert werden, sich in Banalitäten verlieren. Das mag auch an der Erzählperspektive liegen: „Alhazred – Author of the Necronomicon“ ist als Autobiographie (und damit eventuell als Teil besagten Grimoires) konzipiert und der Titelheld fungiert als Ich-Erzähler. Dennoch wirkt Alhazred merkwürdig distanziert, trotz dieser Perspektive gelingt es Tyson nur selten, den Leser wirklich an den Gedanken und dem Innenleben der Figur teilhaben zu lassen.

Die restlichen Figuren bleiben ebenfalls blass und wenig nachvollziehbar; Alhazreds Gehilfin Martala ist wohl noch die interessanteste. Leider gelingt es Tyson auch nicht, die Lovecraft’schen Entitäten, die tatsächlich auftauchen, richtig in Szene zu setzen. Wenn etwa Nyarlathotep immer mal wieder vorbeischaut, wirkt er nie fremdartig und verstörend, sondern gibt bestenfalls stereotype Schurkendialoge von sich. Angesichts der Tatsache, dass der führende Lovecraft-Experte S. T. Joshi sehr lobende Worte für Tysons Roman übrig hatte, ist das Ergebnis leider noch einmal enttäuschender.

Fazit: Gute Ideen, enttäuschende Umsetzung – von einer „Autobiographie“ Abdul Alhazreds erwartet man mehr kosmischen Horror. Leider gelingt es Donald Tyson nicht einmal Ansatzweise, das Potential des verrückten Arabers auszuschöpfen.

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Necronomicon – The Wanderings of Alhazred
The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos

Lovecrafts Vermächtnis: A Study in Emerald

Halloween 2020! Spoiler!
30897
Wie so viele andere Autoren aus dem Bereich Fantasy/Horror/Sci-Fi hat auch Neil Gaiman immer wieder mit dem „Cthulhu-Mythos“ gespielt, zumeist allerdings mit einem Augenzwinkern. Auch Crossovern scheint er nicht abgeneigt zu sein – in seiner Kurzgeschichte „Only the End of the World Again“ ließ er Lawrence Talbot nach Innsmouth kommen und im Sujet dieses Artikels, „A Study in Emerald“, konfrontiert er die Figuren aus Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten mit Lovecrafts kosmischen Schrecken. „A Study in Emerald“ ist als englische PDF kostenlos auf Neil Gaimans Website verfügbar und wurde von Rafael Albuquerque auch als Comic umgesetzt. Da „A Study in Emerald“ ohnehin ziemlich kurz ist und man die Geschichte kaum besprechen kann, ohne auf die Twists einzugehen, werde ich auf Spoiler keine Rücksicht nehmen. Wer dennoch eine spoilerfreie Bewertung lesen möchte, kann das hier bei Miss Booleana tun.

„A Study in Emerald“ beginnt, wie man das von einer Holmes Geschichte erwarten würde: Ein Veteran des Afghanistan-Krieges sucht eine Bleibe in London und kommt bei einem „consulting detective“ unter – natürlich wird er in die Aufklärung eines Mordfalls verwickelt. Dies ist allerdings nicht die Welt, die wir aus Arthur Conan Doyles Geschichten kennen, es ist nicht einmal die Welt, in der die Geschichten Lovecrafts für gewönlich spielen. In dieser Version der Erde und speziell Englands, das hier den Namen „New Albion“ trägt, existieren kosmische Entitäten nicht einfach nur, um entdeckt zu werden, nein, sie haben offen die Macht übernommen. Siebenhundert Jahre vor Beginn der Handlung erhoben sich die Großen Alten und herrschen seither über die Menschheit – fast alle Adeligen und Herrscherhäuser sind unmenschliche Kreaturen und Monstrositäten. Gaiman ist bezüglich der Identitäten besagter Herrscher – die Hintergrundgeschichte dieser Alternativwelt wird im Rahmen eines Theaterstücks erzählt – recht zurückhaltend, aber wer sich ein wenig bei Lovecraft auskennt, dürfte wenig Probleme damit haben, „the Black One of Egypt“ als Nyarlathotep und „the Ancient Goat, Parent of a Thousand, Emperor of all China“ als Shub-Niggurat zu identifizieren. Manche andere sind dagegen schwere zu bestimmen, Queen Victoria etwa haftet etwas ziemlich cthulhuhaftes an, es könnte sich bei ihr aber auch um Mutter Hydra handeln. In letzter Konsequenz ist das allerdings verhältnismäßig unwichtig. Die Machtübernahme der Großen Alten in England erinnert in jedem Fall an „The Shadow over Innsmouth“, inklusive der Zeugung von Hybriden. Um einen solchen handelt es sich beim Opfer des Mordfalls, in dem die beiden Protagonisten der Geschichte ermitteln – in dieser Welt erkennt man die Royals an ihren Tentakeln und ihrem smaragdgrünen Blut, daher auch der Titel der Geschichte, der natürlich zugleich auf die erste Holmes-Geschichte „A Study in Scarlet“ verweist.

Bei besagten Ermittlern scheint es sich natürlich um Holmes und Watson zu handeln, aber daran kommen bald Zweifel, denn einige Details passen einfach nicht: Der Veteran, auch Erzähler der Geschichte, hält sich nicht für einen Mann der Literatur, der Detektiv hat sich im Bereich der Mathematik betätigt und im Kontext unangenehmer Angewohnheiten wird das Violinspiel nicht erwähnt. Die Verdächtigen im Mordfall schließlich sind ein „hinkender Doktor“ und ein „großer Mann“ – Letzterer scheint dem brillanten Detektiv durchaus ebenbürtig. Der hinkende Doktor wird schließlich als Watson identifiziert, während der Chronist sein Werk mit „S. M. Major“ unterzeichnet. Die Sachlage ist eindeutig: In einer Welt, in der die Großen Alten über die Erde herrschen, arbeiten Holmes und Watson nicht für das böse Establishment, sondern sind Freiheitskämpfer, während Detektiv und Chronist die klassischen Holmes-Schurken Moriarty und Sebastion Moran sind. Mit diesem Twist gelingt es Gaiman, die Schwierigkeiten eines solchen Crossovers geschickt zu umschiffen. In einer Standard-Holmes-Geschichte erwartet man, dass Holmes und Watson den Fall lösen und den Schurken überführen, von einer Standard-Lovecraft-Geschichte hingegen erwartet man, dass ein wie auch immer gearteter Fall oder ein Mysterium unweigerlich zu Wahnsinn oder Tod der Protagonisten führt. Dies unterläuft Gaiman, indem er die Protagonisten zu den Agenten des kosmischen Schreckens macht und Holmes und Watson als zum Großteil unsichtbare Widersacher verwendet.

Darüber hinaus verwendet Gaiman die kosmischen Schrecken in dieser Geschichte – trotz ihrer augenzwinkernden Natur – äußerst effektiv, nämlich in dem er sich ihrer kaum bedient und es bei Andeutungen belässt, sei es im bereits erwähnten Theaterstück, bei Morans Hintergrund oder beim einzig richtigen Auftritt eines solchen Wesens: Queen Victoria persönlich. Gaiman bleibt auch bei der Beschreibung vage, aber effektiv: „She was called Victoria, because she had beaten us in battle, seven hundred years before, and she was called Gloriana, because she was glorious, and she was called the Queen, because the human mouth was not shaped to say her true name. She was huge, huger than I had imagined possible, and she squatted in the shadows staring down at us, without moving.”

Auch abseits der eigentlichen Handlung zeigt Gaiman wie so Häufig seine Liebe zum Detail; Anspielungen auf Doyles Werk finden sich, wen wundert es, ziemlich viele, aber auch Verweise auf die viktorianische Literatur im Allgemeinen tauchen auf, besonders in Form diverser Werbeanzeigen, in denen etwa für den „Exsanguinator V. Tepes“ oder „Jekyll’s Powders“ („Release the inner you“) geworben wird – man fühlt sich automatisch an ähnlich konzipierte Werke wie Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“ oder Kim Newmans „Anno Dracula“ erinnert.

Rafael Albuquerque setzt Gaimans Geschichte gekonnt als Comic um und gibt die Handlung in stimmungsvollen und atmosphärischen Bildern wieder. Besonders die Darstellung Queen Victorias muss hier gelobt werden – gerade aufgrund der mangelnden Beschreibung ist eine gute visuelle Idee gefragt, und Albuquerque liefert. Die Queen trägt ihre ikonische Kleidung und ihr ikonisches Gesicht als Maske, doch dahinter verbergen sich Tentakel und Zähne – diese Kombination führt zu einem äußerst enervierenden Bild, das Queen Victorias Ikonografie auf effektive Weise in kosmischen Schrecken umwandelt.

Fazit: Cleveres Doyle/Lovecraft-Crossover, das sowohl als Kurzgeschichte als auch als Comic exzellent funktioniert und das sich kein Fan von Lovecraft, Doyle oder Gaiman entgehen lassen sollte.

Bildquelle

Lovecrafts Vermächtnis: Necronomicon – The Wanderings of Alhazred

51fu2WoG+4L._SY344_BO1,204,203,200_
Fiktive legendäre Bücher haben die Tendenz, irgendwann Realität zu werden, sei es „Das Buch Nod“ aus dem Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“, das als Quellenband bzw. Requisit Anfang der 90er erschien (von diversen Nachfolgewerken wie den „Offenbarungen der dunklen Mutter“ gar nicht erst zu sprechen) oder „Der König in Gelb“ aus Robert W. Chambers gleichnamiger Kurzgeschichtensammlung (der Autor Thomas Ryng hat sich daran gemacht, das Theaterstück zu schreiben; es kann erworben werden). Für das Necronomicon gilt das mehr als für jedes andere dieser real gewordenen Werke, nicht zuletzt, weil genug Leser dachten, beim von H. P. Lovecraft erfundenen Grimoire handle es sich um ein tatsächliches schwarzmagisches Werk. Lovecraft betonte mehrmals, dass das Necronomicon ausschließlich seiner Fantasie entstamme, was dieser Einstellung allerdings kaum einen Dämpfer verpasste. Anders als bei den oben erwähnten Werken finden sich Bücher, die von sich behaupten, das „echte“ Necronomicon zu sein. Die markantesten sind das sog. Simon-Necronomicon sowie das „Buch der toten Namen“ – über die Glaubwürdigkeit dieser beiden Machwerke bzw. den Mangel derselbigen habe ich mich in einem Artikel bereits ausgiebig geäußert.

Lovecraft selbst spielte durchaus mit dem Gedanken, das Necronomicon zu verfassen, verwarf diese Idee allerdings schnell wieder. Dafür hatte er zwei Gründe. Der erste ist sehr praktischer Natur: In „The Dunwich Horror“ zitiert Lovecraft eine kurze Passage aus dem Grimoire, die von Seite 751 stammt – demzufolge müsste es wohl mindestens um die 800 Seiten haben, was ihm als Unterfangen deutlich zu aufwendig war. Der zweite hängt mit der erzählerischen Wirkung zusammen: Über ein Buch zu schreiben, das den Leser in den Wahnsinn treiben kann, ist eine Sache, aber selbst ein solches Werk zu verfassen noch einmal eine ganz andere. Lovecraft fürchtete, dass das Ergebnis nur enttäuschen könne. Was sich ein Leser in seiner Fantasie ausmalt, ist letztendlich meistens stärker als das, was er schwarz auf weiß gedruckt vorfindet. Ein Autor hat diese Aufgabe allerdings auf sich genommen: Donald Tyson.

Bei Tyson handelt es sich um einen kanadischen Schriftsteller, der sich durchaus ernsthaft mit Okkultismus, Magick und ähnlichen Formen der Spiritualität beschäftigt – Dingen also, die der Skeptiker Lovecraft mit Sicherheit abgelehnt hätte (und ich muss zugeben, ich bin da durchaus geneigt, ihm zuzustimmen). Tatsächlich hat Tyson bereits mehrere Veröffentlichungen in diesem Bereich vorzuweisen. „Necronomicon – The Wanderings of Alhazred“ behauptet allerdings, anders als das Simon-Necronomicon oder das „Buch der toten Namen“, nicht von sich, das echte Werk zu sein, sondern ist ganz offensichtlich Fiktion. Darüber hinaus hat sich Tyson, anders als die Autoren der beiden oben genannten Werke, tatsächlich intensiv mit Lovecrafts Werk beschäftigt, denn seine Version repräsentiert den tatsächlichen „Lovecraft-Mythos“, um S. T. Joshis Bezeichnung zu verwenden, und nicht den „Derleth-Mythos“, wie es bei den anderen beiden Werken der Fall ist.

Ansonsten lässt sich Tysons Necronomicon am ehesten als Reiseführer bzw. Reisebericht durch den Mythos beschreiben – der Untertitel „The Wanderings of Alhazred“ ist also durchaus gerechtfertigt. Im Grunde berichtet Abdul Alhazred, besagter legendärer Autor des Necronomicons, von seinen Reisen, zum Teil zu realen Orten, zum Teil zu diversen Mythos-Schauplätzen wie R’yleh oder dem Plateau von Leng. Man darf hier allerdings keinen wirklich durchgehenden Handlungsstrang erwarten, auch ein Spannungsbogen fehlt völlig. Ein wirklicher Roman ist es nicht, aber ebenso wenig handelt es sich um ein fiktives Grimoire, auch wenn Tyson hin und wieder diverse Siegel zeigt oder Rituale erwähnt. Hier besteht durchaus die Möglichkeit, dass er „echte“ okkulte Inhalte integriert hat – um das zu bewerten fehlt es mir in diesem Bereich an Expertise.

Immerhin, die Lovecraft’schen Inhalte stimmen soweit und decken sich mit den Inhalten von HPLs Geschichten – es findet sich sogar ein cleverer Seitenhieb auf die falsche Interpretation des „Derleth-Mythos“. Zwar mischt Tyson immer wieder Elemente anderer Mythologien und Glaubenssysteme ein, etwa altägyptische, jüdische oder christliche, aber er bedient sich tatsächlich ausschließlich des „Lovecraft-Mythos“. Populäre Hinzufügungen des „Cthulhu-Mythos“ von anderen Autoren wie etwa Tsathoggua (von Clark Ashton Smith), Hastur/der König in Gelb (von Robert W. Chambers bzw. August Derleth) oder Glaaki (von Ramsay Campbell), finden keine Erwähnung. Die üblichen Lovecraft-Verdächtigen, von Dagon über Cthulhu bis hin zu Azathoth, sind allerdings prominent vertreten.

Obwohl Tysons Versuch, das Necronomicon zu konstruieren, deutlich besser gelungen ist, als es bei den beiden anderen der Fall war, bewahrheitet sich doch letztendlich Lovecrafts Befürchtung: Für ein mystisches Werk, das den Leser ob seiner Enthüllungen und Grauen in den Wahnsinn treibt, ist „Necronomicon: The Wanderings of Alhazred“ recht trocken. Zu deskriptiv fällt die Sprache letzten Endes aus; von einem fiktiven Autor, der den Spitznamen „the Mad Arab“ trägt, erwartet man doch ein wenig mehr. Derartig katalogisiert funktioniert der Mythos schlicht nicht mehr so gut – das hat sich bereits bei Derleth und anderen Autoren gezeigt, die zu dem noch versuchten, die Lovecrafts Götter und Entitäten diversen Elementen zuzuordnen oder sie im Stil der griechischen und ägyptischen Götter in Stammbäumen zu sortieren. Von Derartigem sieht Tyson zwar glücklicherweise ab, aber die Wirkung ist dennoch ähnlich. Die Lektüre gleicht am ehesten der eines Quellenbandes des RPGs „Call of Cthulhu“ (hierzulande bei Pegasus unter dem Titel „Cthulhu“ erschienen) und gerade hierfür würde Tysons Werke auch sicher sehr gut als Material anbieten, sei es um weitere Necronomicon-Zitat unterzubringen oder sich für Plots zu inspirieren.

Fazit: Von den Werken, die von sich behaupten, das Necronomicon zu sein, ist Donald Tysons „Necronomicon – The Wanderings of Alhazred“, das immerhin nicht den Anspruch erhebt, authentisch zu sein, zwar mit Abstand das Gelungenste, wer aber hofft, eine gute kosmische Horrorgeschichte zu finden, wird wohl enttäuscht werden. Wer hingegen zusätzliches Material für sein Cthulhu-Rollenspiel braucht, kann bedenkenlos zugreifen.

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Das Necronomicon
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos
The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos

The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos

51GpYSwL1IL._SX331_BO1,204,203,200_
Unglaublich, dass ich diese Monographie jetzt erst entdeckt habe, ist sie doch praktisch die definitive Auseinandersetzung mit dem sog. „Cthulhu-Mythos“. „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” wurde, wie könnte es auch anders sein, von S. T. Joshi verfasst, der nach wie vor und völlig zurecht als führende Autorität der Lovecraft-Forschung gilt – er hatte sogar einen kleinen Gastauftritt in Alan Moores Lovecraft-Meta-Comicserie „Providence“. Die erste Edition von „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” erschien bereits 2008, für die zweite Auflage, die 2015 auf den Markt kam, wurde das Werk noch einmal überarbeitet und natürlich um die seit 2008 erschienen Werke erweitert. Man sollte hier allerdings keine komplette Auflistung aller Autoren und Geschichten erwarten, die jemals etwas zum „Cthulhu-Mythos“ beigetragen haben – dafür bräuchte es ein mindestens doppelt so dickes Werk. Auch konzentriert sich Joshi fast ausschließlich auf englischsprachige Beiträge, sodass beispielsweise Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“, nach wie vor eine meiner liebsten Mythos-Geschichten, keine Erwähnung findet.

Da der Begriff „Cthulhu-Mythos“ an sich schon umstritten ist, bemüht sich Joshi um eine begriffliche Abgrenzung; „Cthulhu-Mythos“ fungiert dabei als Oberbegriff. Für alle Geschichten von Lovecraft selbst, die dem Mythos zugeordnet werden, benutzt er den Begriff „Lovecraft-Mythos“. Bekanntermaßen hat sich HPL nie selbst um eine Bezeichnung für seine Pseudomythologie gekümmert, auch wenn er das eine oder andere Mal spaßeshalber von „Yog-Sothothery“ sprach. Wenn Joshi also vom „Lovecraft-Mythos“ spricht, bemüht er sich, Lovecrafts Geschichten von denen aller anderen Autoren abzugrenzen. Dem entgegen setzt er den Begriff „Derleth-Mythos“, mit dem er die spezifische Ausprägung des Mythos bezeichnet, die auf August Derleth und dessen Uminterpretation von Lovecrafts Werk zurückzuführen ist.

Die Definition des Mythos, sei es „Lovecraft-„ oder „Cthulhu-“, ist grundsätzlich recht diffizil. In der Einführung legt Joshi vier Kriterien bzw. Elemente fest, die man den Mythos-Geschichten attestieren kann und die deren Mythos-Zugehörigkeit aufzeigt. Dazu gehören Lovecrafts fiktive Topographie Neuenglands mit Städten wie Arkham oder Innsmouth, die immer wieder auftauchenden okkulten Werke wie das Necronomicon, die diversen außeridischen Götter und kosmischen Entitäten wie Cthulhu, Azathoth oder Yog-Sothoth und schließlich der Kosmizismus, also die philosophische Einstellung an sich. Aus diesem Grund rechnet Joshi „The Colour out of Space“ beispielsweise auch zum „Lovecraft-Mythos“, obwohl hier keine der Gottheiten auftaucht.

Das erste Kapitel, „Anticipation“, setzt sich mit Lovecrafts Werken von 1917 bis 1926 und der „Mythos-Entwicklung“ auseinander – hier bespricht Joshi Geschichten wie „Dagon“, „The Nameless City“ oder „The Festival“, die Stilmittel oder Elemente des Mythos beinhalten, aber noch nicht unbedingt als vollwertige Mythos-Geschichten zu werten sind. Das zweite Kapitel, „The Lovecraft Mythos: Emergence“, behandelt die Werke von 1926 bis 1930. Hier beginnt sich der tatsächliche Mythos, angefangen mit „The Call of Cthulhu“ – in Thema, Struktur, Aufbau etc. immer noch DIE archetypische Mythos-Geschichte – tatsächlich zu entwickeln. Kapitel III, „The Lovecraft Mythos: Expansion“, setzt sich schließlich mit der dritten Phase von Lovecrafts Schaffen auseinander und handelt die Geschichten von 1931 bis 36 ab. Diese Phase ist vor allem von einer Wandlung geprägt; Lovecrafts Geschichten bekommen in dieser Zeit eine stärkere Science-Fiction-Färbung, gerade Storys wie „At the Mountains of Madness“ dekonstruieren den Mythos regelrecht. Die Kapitel IV und V beschäftigen sich mit den Autoren, die bereits zu Lovecrafts Lebzeiten und in Rücksprache mit ihm Mythos-Geschichten verfasst haben, wobei hier ein „Geben und Nehmen“ zu beobachten ist. Autoren wie Robert E. Howard, Clark Ashton Smith und Frank Belknap Long (viertes Kapitel „Contemporaries: Peers“) bedienten sich nicht nur diverser Elemente aus Lovecrafts Geschichten, Lovecraft baute seinerseits Verweise in seine Werke ein. Ähnlich verhält es sich mit einigen etwas jüngeren Autoren, beispielsweise Robert Bloch, der später vor allem durch seinen Roman „Psycho“ (und nicht zuletzt durch die Verfilmung) bekannt werden sollte (fünftes Kapitel, „Contemporaries: Scions“).

In Kapitel VI setzt sich Joshi ausführlich mit August Derleth und seiner Interpretation bzw. Umdeutung des Mythos auseinander – statt kosmischer Horror ein Kampf von Gut gegen Böse inklusive guter „Äußerer Götter“ als Gegenstück zu den bösen „Großen Alten“; besagte „Äußere Götter“ gab es in dieser Form bei Lovecraft nie. Der Atheist Lovecraft hätte mit der katholisch geprägten Umdeutung seines Werkes sicher massive Probleme gehabt. In jedem Fall merkt man, dass Joshi Derleth nicht allzu sehr schätzt – um es milde auszudrücken. Hätte Derleth „nur“ Mythos-Geschichten mit dieser philosophischen Haltung geschrieben, wäre das Urteil wahrscheinlich bei weitem nicht so harsch ausgefallen, Joshis primäres Problem mit Derleth ist allerdings der Umstand, dass er Lovecraft seine Interpretation „aufdrückt“ und zur einzig gültigen erklärt, obwohl aus Lovecrafts Geschichten und Briefen mehr als deutlich wird, dass Derleth falsch liegt.

Dass sich Derleths Version des Mythos nicht durchgesetzt hat, attestiert Joshi primär der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Lovecraft. Nach Kapitel VIII, „Interrgenum“, in dem er die Mythos-Werke abseits von Derleth bis in die 70er bespricht, beschreibt er in Kapitel IX, „The Scholarly Revolution“ die Entwicklung besagter Auseinandersetzung und die Auswirkung, die diese auf Mythos-Autoren und Werke hatte. Besonders wird dabei ein Essay mit dem Titel „The Derleth Mythos“ von Richard L. Tierney hervorgehoben, das Joshi als essentiell für das Absterben des „Derleth-Mythos“ ansieht, aber die Beiträge zur Lovecraft-Forschung von Dirk W. Mosig, David E. Schultz oder auch Joshi selbst werden gewürdigt.

In den letzten beiden Kapiteln, „Recrudescence“ und „Resurgence“, bemüht sich Joshi, einen Überblick über die verschiedenen Werke und Strömungen des „Cthulhu-Mythos“ in englischer Sprache zu bieten, was aufgrund der schieren Masse an Publikationen natürlich ein schwieriges Unterfangen ist, weshalb er auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Dennoch, wer Empfehlungen für Mythos-Geschichten aus den letzten drei bis vier Jahrzehnten sucht, wird in diesen beiden Kapiteln definitiv fündig.

Fazit: S.T. Joshis „The Rise, Fall, and Rise of the Cthulhu Mythos” ist für alle Lovecraft-Fans und Forscher ein unverzichtbares Begleitwerk, in dem detailliert die Entwicklung des sog. „Cthulhu-Mythos“ gezeichnet wird, von den Ursprüngen bei Lovecraft über August Derleths Entgleisungen bis hin zu den modernen Ausprägungen.

Bildquelle

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos

Lovecraft im Gruselkabinett

Halloween 2016

H. P. Lovecraft ist einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts und hat die phantastischen Genres beeinflusst wie nur wenige andere Autoren. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, überall trifft man auf Spuren des eigenbrötlerischen Autors aus Providence. Dennoch sind seine Werke oftmals ein wenig abschreckend. Besonders einen Leser, der moderne Spannungsliteratur gewohnt ist, können Lovecrafts Geschichten, die stilistisch eher eigenwillig und zum Teil sperrig sind, eher langweilen denn erschrecken, da der Lovecraft’sche Horror sich doch deutlich von den Genre-Standards unterscheidet. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich Lovecraft anzunähern und sich mit ihm vertraut zu machen, ohne dabei an seinen Eigenheiten zu scheitern. Die Hörspieladaptionen seiner Geschichten aus der Reihe „Gruselkabinett“ bieten eine solche Möglichkeit.

„Gruselkabinett“ ist die erfolgreichste Serie des Hörspiellabels Titania Medien, das von seinen Gründern Marc Gruppe und Stephan Bosenius geleitet wird. Die beiden produzieren ihre Hörspiele gemeinsam und führen Regie, Gruppe ist darüber hinaus auch für die Bücher verantwortlich. Die Hörspiele sind stets sehr aufwändig und atmosphärisch produziert; Gruppe und Bosenius greifen bevorzugt auf bekannte deutsche Synchronsprecher zurück, was fast durchweg hervorragend funktioniert. In der Zwischenzeit wurden bereits neun Lovecraft-Geschichten adaptiert, die ich im Folgenden besprechen möchte.

Der Fall Charles Dexter Ward (Folge 24 und 25)
ward

Dieser Kurzroman, verfasst im Jahr 1927, den Lovecraft selbst nicht allzu sehr schätzte und der erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, entspricht inhaltlich eher den üblichen Konventionen des Schauerromans. Er handelt von den okkulten Interessen des Charles Dexter Ward, der bald erkennen muss, dass man sich mit untoten Vorfahren besser nicht abgibt. Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist jedoch Dr. Marinus Willet, der Hausarzt der Wards, der die mysteriösen Umstände untersucht. Die Hörspielumsetzung ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen und sehr atmosphärisch. Bereits in dieser ersten Lovecraft-Adaption zeigt sich eine gewisse Tendenz, die erst mit späteren Lovecraft-Hörspielen endet: Fast sämtliche Bezüge zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“, etwa die Erwähnung des Necronomicon, wurden entfernt. Einerseits macht das die Geschichte für einen Hörer ohne Vorkenntnisse zugänglicher, andererseits raubt es ihr auch einiges an Atmosphäre und Kontext. Das fällt hier allerdings nicht so sehr ins Gewicht wie bei einer der anderen Adaptionen. Ansonsten ist „Der Fall Charles Dexter Ward“ ein solider, wenn auch kein herausragender Start der Lovecraft-Hörspiele; routiniert, gelungen, aber nicht mehr.

Der Tempel (Folge 39)
tempel

Bei „Der Tempel“ handelt es sich um eine etwas obskurere Geschichte aus dem Frühwerk Lovecrafts. Gewisse Themen, die in späteren Geschichten dominant sind, werden hier bereits angerissen, allerdings fehlt zum Teil noch die rechte Form. Wie so oft im Lovecraft’schen Œuvre ist „Der Tempel“ als aufgefundenes Dokument konzipiert. Der fiktive Autor trägt den Namen Karl Heinrich, Graf von Altberg-Ehrenstein und ist Kapitän eines deutschen U-Boots im Ersten Weltkrieg. Die Handlung wird durch den Fund einer Leiche ausgelöst, die eine Statue bei sich hat. Ein Besatzungsmitglied nimmt die Statue an sich, was katastrophale Folgen hat, denn besagtes Abbild treibt die Mannschaft nach und nach in den Wahnsinn. Diese Geschichte wurde von Marc Gruppe etwas entschärft, da der Protagonist ein ziemlich übler Rassist ist, dem alle, die nicht preußischer Abstammung sind, zuwider sind. Lovecraft machte sich hier wohl über das lustig, was er als deutsche Mentalität sah (was angesichts seines eigenen Rassismus schon ein wenig ironisch ist). Die übertriebenen Tiraden wurden jedenfalls gestrichen, was der Geschichte durchaus gut tut. Ansonsten gelingt es dem Hörspiel sehr gut, die klaustrophobische Stimmung des U-Bootes einzufangen; auch das langsam Abgleiten in den Wahnsinn wird von den Sprechern gut vermittelt.

Berge des Wahnsinns (Folge 44 und 45)
wahnsinn
„Berge des Wahnsinns“ (erschienen im Jahr 1931) ist eine von Lovecrafts bekanntesten Geschichten, hier dekonstruiert er die mythischen Elemente seiner Geschichten regelrecht. Die Handlung dreht sich um eine Expedition in die Antarktis. Die Forscher entdecken dabei Spuren einer uralten, nichtmenschlichen und womöglich außerirdischen Zivilisation, die eventuell für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich ist. Zwar sind die Angehörigen dieser Spezies verschwunden, doch haben sie höchst gefährliche Kreaturen zurückgelassen. Von allen Lovecraft-Hörspielen verliert „Berge des Wahnsinns“ durch die Adaption am meisten. Wie schon in „Der Fall Charles Dexter Ward“ wurden sämtliche Elemente des „Cthulhu-Mythos“ entfernt, was hier in weitaus größerem Maße ins Gewicht fällt, da dieser Kurzroman, wie gesagt, quasi als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“ betrachtet werden kann. In mancher Hinsicht zeigt dieses Hörspiel wohl, wie eine Hollywood-Adaption von Lovecrafts Geschichten aussehen könnte. Gruppe nahm es sich hier heraus, eine weibliche Figur einzuführen, die regelrecht feministische Züge besitzt. Auch eine Romanze wird subtil angedeutet. Derartige Hinzufügungen passen allerdings überhaupt nicht zu Lovecraft und wirken für jene, die mit ihm als Autor vertraut sind, erzwungen und deplatziert. Wer jedoch unvoreingenommen an dieses Hörspiel herangeht, wird sicher gut unterhalten, da die Hinzufügungen, Weglassungen und Veränderungen nicht auffallen.

Pickmans Modell (Folge 58)
pickman
Die Adaption von „Pickmans Modell“, 1926 verfasst und ein Jahr später publiziert, gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Das Grauen dieser Geschichte ist konventioneller und nicht wirklich mit den Entitäten des „Cthulhu-Mythos“ verbunden, wird jedoch auf für Lovecraft typische Art und Weise präsentiert. Alles dreht sich um den Maler Richard Upton Pickman, dessen verstörende Gemälde die Bostoner Kunstszene aufwühlen; die abgebildeten Kreaturen entspringen allerdings nicht nur der Phantasie des Malers. Das Gelingen dieses atmosphärischen Hörspiels hängt vor allem mit Sascha Rotermund zusammen, der Richard Upton Pickman hervorragend und nuancenreich spricht und so das Hörspiel fast im Alleingang stemmt. Das Grauen dieser Geschichte ist ein sehr indirektes, impliziertes, das jedoch hervorragend vermittelt wird.

Der Schatten über Innsmouth (Folge 66 und 67)
innsmouth

Ein weiterer Klassiker, der dieses Mal exzellent vertont wurde, auch, weil die mythischen Elemente nicht allzu sehr beschnitten wurden. Wie auch die Geschichte selbst braucht das Hörspiel eine Weile, um richtig in Fahrt zu kommen. Der Protagonist Robert Olmstead (der Name taucht in der Geschichte selbst nicht auf, sondern stammt aus Lovecrafts Notizen, wird aber im Hörspiel verwendet) erforscht den geheimnisvollen Küstenort Innsmouth und stößt dabei auf ein Geheimnis, das nicht nur die merkwürdigen Bewohner der Stadt, sondern auch ihn selbst betrifft. Die Umsetzung ist schnörkellos gelungen. Da „Der Schatten über Innsmouth“ als Geschichte sehr geradlinig und einfach strukturiert ist (jedenfalls einfacher als viele andere Lovecraft-Geschichten), dürfte die Umsetzung auch nicht ganz so anspruchsvoll gewesen sein. Allgemein steht Gruppe bei der Adaption immer vor dem Problem, dass Lovecraft nur selten Dialoge verwendet; seine Geschichten haben zumeist einen distanzierten, berichthaften Charakter mit viel indirekter Rede. „Innsmouth“ ist diesbezüglich eine Ausnahme, da der Mittelteil der Geschichte ein sehr ausführliches Gespräch schildert.

Das Ding auf der Schwelle (Folge 78)
ding

Eine höchst enervierende Geschichte, verfasst 1933 und publiziert 1937, deren Implikationen fast erschreckender sind als die Dinge, die tatsächlich thematisiert werden. Strukturell gibt es einige Ähnlichkeiten zu „Der Fall Charles Dexter Ward“, durch die Augen von Daniel Upton, des eigentlichen Protagonisten, wird die Lebensgeschichte seines besten Freundes Edward Derby erzählt, wobei „Das Ding auf der Schwelle“ mit Uptons Mord an Derby beginnt. Nach und nach wird enthüllt, wie und warum es zu diesem Mord kam, wobei Okkultismus und Edward Derbys Frau Asenath Waite eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus fungiert diese Geschichte gewissermaßen als indirekte Fortsetzung zu „Der Schatten über Innsmouth“, da Asenath Waite aus besagter Stadt stammt und die Geschichte vereinzelt Elemente aus „Innsmouth“ aufgreift. Auch hier ist die Umsetzung ausgezeichnet und schafft es, Atmosphäre, subtile Bedrohung und Schrecken der Vorlage ausgezeichnet umzusetzen und die berichtartige Geschichte in Dialogform zu bringen.

Die Farbe aus dem All (Folge 90)
farbe
„Die Farbe aus dem All“ (1927) gilt vielen als eine von Lovecrafts besten Geschichten, sie setzt sich auf beängstigende Weise mit Fremdartigkeit auseinander, die von Menschen nicht erfasst werden kann. Ein Meteor landet auf der Farm der Gardners und bringt etwas Fremdes mit sich, das sich am ehesten als unbekannte Farbe beschreiben lässt, die sich nach und nach ausbreitet und alles, was mit ihr in Berührung kommt, verdirbt. Viele Jahre später versucht ein Ermittler aus Arkham herauszufinden, was es mit der Farbe auf sich hat und was mit den Gardners geschehen ist. Trotz der einen oder anderen Freiheit, die sich Marc Gruppe nahm, funktionier auch diese Hörspieladaption ausgezeichnet. „Die Farbe aus dem All“ ist, wie so oft bei Lovecraft, eine Geschichte des subtilen Schreckens, die nicht auf oberflächlichen Schock, sondern auf tiefe Beunruhigung zurückgreift. Tatsächlich denke ich, dass sie auf gewisse Weise sehr realistisch ist. Sollte jemals außerirdisches Leben auf die Erde kommen, könnte ich mir vorstellen, dass es sich tatsächlich so abspielt wie von Lovecraft geschildert.

Träume im Hexenhaus (Folge 100)
hexenhaus

Gruppe und Bosenius wählten „Träume im Hexenhaus“ (verfasst 1932, im Folgejahr publiziert) als Folge 100 aus, weil die Geschichte Lovecrafts kosmischen Horror mit Elementen der traditionellen Schauergeschichte verbindet. Was in der Theorie gut klingt, klappt praktisch aber nicht immer. Die Geschichte erzählt von dem Mathematikstudenten Walter Gilman, der von der in Salem verbrannten Hexe Keziah Mason fasziniert ist und glaubt, ihre Magie basiere auf unirdischer Geometrie, mit deren Hilfe sie sich Raum und Zeit unterwerfen könne. Um seinen Wissensdurst zu stillen zieht er in das alte Haus der Hexe, nur um schon bald von grauenhaften Alpträumen geplagt zu werden. „Träume im Hexenhaus“ gehört nicht unbedingt zu Lovecrafts stärksten Geschichten. Ähnlich wie „Berge des Wahnsinns“ scheint Lovecraft hier eine Dekonstruktion durchzuführen, die einzelnen Elemente der Geschichte wollen aber oftmals nicht so recht zusammenpassen. Während das Hörspiel grundsätzlich professionell aufgezogen und produziert wurde, treten hier die Schwächen der Geschichte fast noch deutlicher zutage, sodass viele der Schrecken letztendlich zu banal und plakativ wirken.

Der Ruf des Cthulhu (Folge 114 und 115)
cthulhu

Diese Geschichte aus dem Jahr 1926 bzw. 1928 hat dem „Cthulhu-Mythos“ seinen Namen verliehen. Ironischerweise war Lovecraft weder besonders begeistert von ihr, noch bediente er sich des tentakelgesichtigen Gottes, nach dem Geschichte und Mythos benannt sind, besonders häufig. Lediglich in „Berge des Wahnsinns“ und „Der Schatten über Innsmouth“ wird Cthulhu noch erwähnt. Dennoch gehört sie zu Lovecrafts bekanntesten und beliebtesten Geschichten. Leider eignet sie sich nicht besonders gut als Vorlage für ein Hörspiel. Die Erzählung setzt sich aus mehreren Berichten zusammen, die sich nach und nach wie ein Puzzle verbinden und vom Erwachen des finsteren Gottes Cthulhu berichten. Was in gedruckter Form allerdings ziemlich gut funktioniert, will als Hörspiel nicht so recht klappen. Die Handlung wirkt ziemlich fragmentiert und kommt bis zum Schluss nicht so recht in Gang. Davon abgesehen ist die Produktion natürlich dennoch auf einem sehr hohen Niveau, kann den Spitzenreitern „Der Schatten über Innsmouth“, „Pickmans Modell“ und „Die Farbe aus dem All“ aber nicht das Wasser reichen.

Siehe auch:
Das Necronomicon
Berge des Wahnsinns

Berge des Wahnsinns

LPL_records_Audiobook_Hoerbuch_Howard_Phillips_Lovecraft_HP_Lovecrafts_Bibliothek_des_Schreckens_7_Berge_des_Wahnsinns_David_Nathan
An H. P. Lovecraft scheiden sich die Geister – für seine Art des Horrors und des Grauens muss man empfänglich sein (und zudem sollte man wegen seines trockenen und mitunter sperrigen Stils auch ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen besitzen). An seiner, nach „Der Ruf des Cthulhu“, berühmtesten Geschichte, „Berge des Wahnsinns“, scheiden sich allerdings selbst unter denen, die Lovecraft wohlgesonnen sind, die Geister.
Inhaltlich gibt es zwar viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zu den typischen Lovecraft-Geschichten. Die bedeutendste Abweichung vom üblichen Schema dürfte wohl der Schauplatz sein; während die meisten seiner Geschichten in Lovecrafts Heimat Neuengland (wo „Berge des Wahnsinns“ immerhin beginnt), finden die Ereignisse dieser Erzählung in der Antarktis statt. Ansonsten ist allerdings vieles Vertraut: Wie so oft haben wir einen Ich-Erzähler; die Geschichte ist als Bericht eines Überlebenden konzipiert. Ebenso tauchen viele der typischen Lovecraft-Anspielungen auf, etwa die Stadt Arkham oder das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred.
Der Ich-Erzähler, William Dyer, berichtet von einer Expedition der Miskatonic-Universität in die Antarktis. Das Expeditionsteam entdeckt dabei tief im Süden eine gewaltige Bergkette, deren Gipfel höher sind als der Mount Everest. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen die Forscher zuerst auf merkwürdige Fossilien und später auf eine gewaltige Stadt, die nicht von Menschenhand errichtet wurde. Sie entdecken, dass bereits andere intelligente Geschöpfe, die sie die „Alten Wesen“ nennen, die Erde bevölkert, gegen den tentakelgesichtigen Gott Cthulhu gekämpft und wahrscheinlich auch das restliche Leben auf der Erde erschaffen haben – und nicht nur dieses. Als Sklaven verwendeten sie die ebenfalls künstlich gezüchteten Shoggothen, doch diese erhoben sich gegen ihre Herren, und sie bevölkern immer noch die Berge des Wahnsinns…
„Berge des Wahnsinns“ gehört zwar zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“ (Lovecraft selbst verwendete diesen Begriff nie für die von ihm geschaffene, lose miteinander verknüpfte Mythologie, er stammt von August Derleth), doch die Herangehensweise ist eine andere als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten. Während diese zumeist eher andeuten und mysteriös bleiben – nicht selten verfällt der Protagonist dem Wahnsinn, weil er das Ausmaß des kosmischen Bedrohung, die von den Großen Alten ausgeht, schlicht nicht erfassen kann – ist diese Geschichte eindeutiger. Auf gewisse Weise folgt „Berge des Wahnsinns“ dem üblichen Muster, aber eben nur auf gewisse Weise. Nicht zuletzt wegen der Protagonisten ist alles wissenschaftlicher als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten; „Berge des Wahnsinns“ führt den „Cthulhu-Mythos“ nicht nur weiter, sondern dekonstruiert ihn auch. Lovecraft war bekennender Atheist und ging schließlich auch an seinen eigenen Mythos wissenschaftlich heran. In vielen Mythos-Geschichten gibt es ein gewisses Science-Fiction-Element, das in dieser am stärksten hervortritt – durch die Analyse Dyers werden die „Monster“ der Geschichte greifbarer. Obwohl der Mythos dekonstruiert wird, ist der Schrecken von „Berge des Wahnsinns“ doch von der Sorte, wie man ihn häufig bei Lovecraft findet: Die Idee der Bedeutungslosigkeit der Menschen, die lediglich aus Zufall oder zum Amüsement einer überlegenen Spezies erschaffen wurden.
Um ganz ehrlich zu sein: Mir persönlich sind die mythischeren Lovecraft-Geschichten lieber, in „Berge des Wahnsinns“ ist vieles ein wenig zu klar und eindeutig; so spielen die mythischeren Elemente, wie das Necronomicon, dieses Mal auch eine eher untergeordnete Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Geschichte nicht auch ihre ganz eigene Faszination ausüben würde. Das ewige Eis der Antarktis schafft eine fremdartige Atmosphäre, die Lovecraft vorzüglich auszunutzen weiß.
Daher ist es wenig verwunderlich, dass vor einiger Zeit eine Filmadaption von „Berge des Wahnsinns“ geplant war. Guillermo del Toro sollte Regie führen – eine Nachricht, die den Fans buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, immerhin hatte der Mexikaner bereits bei „Hellboy“ eine gewisse Affinität für Lovecraft gezeigt. Del Toro war auch nicht bereit, Kompromisse einzugehen und wollte partout nicht, dass der Stoff entschärft, mit einem Happy-End versehen oder auf andere Art an Hollywood-Konventionen angepasst wurde. Möglicherweise wurde der Film deshalb auch, trotz der Unterstützung James Camerons, für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Als weiterer Grund wird oftmals Ridley Scotts „Prometheus“ angegeben – ich schrieb ja bereits an anderer Stelle, dass „Prometheus“ beinahe wie eine Sci-Fi-Version von „Berge des Wahnsinns“ wirkt.
Obwohl der Film letztendlich nicht gedreht wurde und die Chancen darauf, dass er noch gedreht wird, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher gering sind, ist es möglich, „Berge des Wahnsinns“ zu konsumieren, ohne Lovecrafts Text lesen zu müssen – man kann ihn einfach hören. Für den Anfänger empfiehlt sich hierbei das Gruselkabinett-Hörspiel von Titania Medien, in der das Ganze ein wenig entschärft und den Gewohnheiten eines modernen Publikums angepasst wurde. Die Figuren wirken ein wenig runder und lebensechter, zwei der Wissenschaftler wurden zu Frauen gemacht, es existiert die Andeutung einer Romanze (was bei Lovecraft nun wirklich selten vorkommt) und die ganzen mythologischen Hintergründe (Cthulhu, Necronomicon etc.) wurden ersatzlos gestrichen. Dennoch bleibt die Essenz der Geschichte erhalten – und rein technisch ist die Umsetzung, wie üblich, tadellos.
Wer den unverfälschten Text möchte, kann auch zur Komplettlesung mit David Nathan von LPL-Records greifen. Nathan liest gut und routiniert, aber gerade, wenn sich der Text in wissenschaftlichen Details zu verlieren droht, ist das Hören fast anstrengender als das Lesen.
Fazit: „Berge des Wahnsinns“ gehört zu den Lovecraft-Geschichten, die sich recht weit vom Horror entfernen und eher in Richtung Science-Fiction tendieren. Sie funktioniert fast als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“, wobei der Grusel leider ein wenig auf der Strecke bleibt. Interessant ist „Berge des Wahnsinns“ jedoch allemal und sollte von jedem, der sich für Lovecraft interessiert, gelesen werden.

Anmerkung: Dieser Artikel sollte eigentlich Teil der Halloween-Artikelreihe sein, universitäre Gründe haben allerdings verhindert, dass ich all das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Die geplanten Artikel kommen trotzdem, aber eben mit Verspätung.

Siehe auch:
Der Cthulhu Mythos
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham

Der Cthulhu Mythos


Mein Verhältnis zum amerikanischen Horror-Autor Howard Phillips Lovecraft ist durchaus als zwiespältig zu bezeichnen. Einerseits ist sein Stil unglaublich sperrig und verstaubt, und zwar sehr präzise, dabei aber auch oftmals extrem ermüdend. Und, seien wir ehrlich, ein Meister der atemlosen Spannung ist er auch nicht gerade, dazu sind seine Ausführungen viel zu weitschweifig und er selbst wirkt zu distanziert.
Bei vielen anderen Autoren wären dies bereits Tatsachen genug, sie links liegen zu lassen. ABER Lovecrafts Werke besitzen ein ganz besonderes Etwas. Nicht ihr Stil ist es, was sie zu etwas besonderem macht, auch nicht die eigentliche Handlung (die meistens recht ähnlich angelegt ist und für gewöhnlich zum Großteil aus Nachforschungen des/der Protagonisten besteht), sondern die Ideen und die Atmosphäre. Das Grauen, das in Lovecrafts Horrorgeschichten zu finden ist, ist kein „alltägliches“. Lovecraft braucht keine alten Friedhöfe und Spukschlösser, keine Splattereffekte, Vampire, Geister oder Folterexzesse, damit einem die Gänsehaut den Rücken hinunterläuft. Was seine Storys unheimlich macht, ist der bloße Gedanke an die unheimliche Macht uralter Wesen, die dabei nicht einmal selbst in Erscheinung treten. Die bloße Vorstellung, dass uralter, gottgleiche Wesen existieren, gegen die man als Mensch nicht kämpfen, ja, die man nicht einmal verstehen kann, schafft es, eine ganz besondere Art des Horrors zu erschaffen. Unterstützend wirkt auch die Tatsache, dass Tod und Wahnsinn die einzigen Möglichkeiten sind, dem zu entkommen, wenn man das entsprechende Wissen erst einmal erlangt hat.
Die perfekte Möglichkeit, sich Lovecraft zu Gemüte zu führen, besteht in den Hörspielen von Titania Medien (hierzu folgt bald Weiteres) und den Hörbüchern von LPL-Records.
LPL-Records ist ein Label des Hörbuch-Giganten Lübbe Audio, das nach dem Leiter (Lars Peter Lueg) benannt ist und sich auf Grusel- und Horrorliteratur spezialisiert hat („Gänsehaut für die Ohren“). Auf das Konto von LPL geht unter anderem die großartige Vertonung von Brian Lumleys Vampirsaga „Necroscope“. Im Jahr 2002 begann das Label damit, die Geschichten Lovecrafts von den besten deutschen Sprechern zu vertonen lassen. Das erste Produkt der Hörbuchreihe „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ ist die Kurzgeschichtensammlung „Der Cthulhu Mythos“, die auch einige Geschichten von anderen Autoren enthält, allerdings sind diese von Lovecraft und dem Mythos der „Großen Alten“ inspiriert.
Enthalten sind:
– „Der Ruf des Cthulhu“ von H. P. Lovecraft
– „Der Schwarze Stein“ von Robert E. Howard
– „Die Glocke im Turm“ von H. P. Lovecraft und Lin Carter
– „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ von D. R. Smith
– „Dagon“ von H. P. Lovecraft
– „Ein Porträt Torquemadas“ von Christian von Aster

Diese Geschichten bieten einen schönen Querschnitt aus 74 Jahren Mythos-Geschichten. „Der Ruf des Cthulhu“ von 1928 ist natürlich unverzichtbar, da mit dieser Geschichte eigentlich alles begann; hier verwendete Lovecraft zum ersten Mal die Großen Alten, allen voran natürlich Cthulhu. Obwohl Lovecraft selbst diese Geschichte in späteren Jahren nicht mehr sonderlich schätzte und in der Tat später noch bessere Geschichten verfasst hat, enthält sie doch eine ordentliche Portion des oben beschriebenen Schreckens.
„Der Schwarze Stein“ von Robert E. Howard (u.a. bekannt für „Conan, der Barbar“) hat, wenn überhaupt nur bedingt etwas mit dem Cthulhu-Mythos zu tun. Die Grundstimmung ist der in Lovecraft zu findenden allerdings sehr ähnlich, weshalb die Geschichte durchaus dazu passt.
Bei die „Die Glocke im Turm“ handelt es sich um eine Geschichte, die von Lovecraft begonnen und von Lin Carter viele Jahre nach Lovecrafts Tod vollendet wurde. Ich persönlich finde sie sogar ein wenig spannender als „Der Ruf des Cthulhu“, wenn auch nicht ganz so informativ.
„Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ fällt in meinen Augen ein wenig aus dem Rahmen. Zwar beschäftigt sich diese Story von D. R. Smith direkt mit den Großen Alten, passt aber so gar nicht zu Lovecrafts Art, da die alten Götter hier gewissermaßen direkt auftauchen und auch noch besiegt werden.
„Dagon“ könnte man gewissermaßen als Fingerübung verstehen, diese Geschichte wirkt ein wenig wie die Rohfassung von „Der Ruf des Cthulhu“ und ist in meinen Augen die schwächste des Hörbuchs.
„Ein Porträt Torquemadas“ schließlich, veröffentlicht im Jahr 2002, ist die neueste und in meinen Augen auch beste Geschichte der Sammlung. Christian von Aster hält sich strukturell sehr nahe an Lovecraft, allerdings ist seine Sprache weitaus angenehmer. Gekonnt schafft er es, den typischen, subtilen Grusel einer Mythos-Geschichte zu erschaffen und nebenbei auch noch die katholische Kirche intelligent zu kritisieren.

Was dieses Hörbuch allerdings so exzellent macht sind nicht nur die Geschichten, sondern auch die Sprecher. Joachim Kerzel, bekannt als deutsche Stimme von Jack Nicholson, Dustin Hoffman und Anthony Hopkins, macht seine Sache, wie bei jedem Hörbuch, das er interpretiert, ausgezeichnet. In der Tat ist Kerzel mein absoluter Lieblingssprecher, da er es mit seiner mächtigen Stimme schafft, dass alles, was er liest, atemlos spannend wird. Ich bin überzeugt, dass Kerzel auch eine Steuererklärung vorlesen könnte und man würde mitfiebern.
Ein weiterer Bonus ist das „Zusatzmaterial“ in Form eines kurzen Lebenslaufes von Lovecraft sowie eines Kommentars zu jeder der Geschichten, die vom Autor „selbst“ vorgetragen werden. Lovecraft wird dabei von David Nathan (Stimme von Johnny Depp) gesprochen, der ebenfalls sehr gute Arbeit leistet. Zwar kann er nicht ganz mit Kerzel mithalten, aber welcher Sprecher kann das schon?
Fazit: Ein wunderbares Hörbuch, perfekt vorgetragen von Kerzel und Nathan und wunderbar geeignet, um H. P. Lovecraft und seine Welt kennen zu lernen.

Siehe auch:
Berge des Wahnsinn
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham
LPL Homepage mit Hörproben