So finster die Nacht

Halloween 2015
Enthält Spoiler!

sofinster

Der Roman
„So finster die Nacht“ (Originaltitel: „Låt den rätte komma in“) ist ein 2004 (in Deutschland 2007) erschienener Roman des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist. Unter den vielen, vielen Vampir-Medien der letzten zehn bis fünfzehn Jahre ist Lindqvists Roman ziemlich einzigartig, weil er sich von den meisten anderen Darstellungen des untoten Blutsaugers ziemlich unterscheidet. Lindqvist nimmt sich des sympathischen, mit sich hadernden Vampirs an, allerdings in einem völlig anderen Kontext als beispielsweise Anne Rice und ihre Nachfolger. Anders als bei den meisten anderen spielt die Interaktion zwischen mehreren Vampiren hier keine Rolle. Die grundsätzliche Handlungskonzeption könnte gut zu einem Kinderbuch passen, tatsächlich erinnere ich mich dunkel an ein Kinderbuch mit ähnlicher Thematik, das ich einmal besaß, der Titel fällt mit aber einfach nicht mehr ein.

Der zwölfjährige Oskar wird in der Schule oft gehänselt, hat kaum Freunde, die Eltern sind getrennt und er lebt bei seiner Mutter, die aber nur wenig Zeit für ihn hat. Eines Tages begegnet Oskar dem Mädchen Eli, das nebenan wohnt. Eli ist ein merkwürdiges Mädchen, sie lässt sich nie bei Tag blicken, kann einen Zauberwürfel in sehr kurzer Zeit lösen und wirkt insgesamt komisch. Trotzdem – oder gerade deshalb – entwickelt sich bald eine Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern. Aber natürlich kommt es früher oder später, wie es kommen muss: Oskar findet heraus, dass Eli ein Vampir ist und Blut zum Überleben braucht.

Oskar (Kåre Hedebrant) und Eli (Lina Leandersson) in "So finster die Nacht"

Oskar (Kåre Hedebrant) und Eli (Lina Leandersson) in „So finster die Nacht“

„So finster die Nacht“ mag zwar ein Kind als Protagonisten haben, aber Lindqvists Vampirroman ist definitiv kein Kinderbuch. Dafür sorgt vor allem Håkan, Elis erwachsener Begleiter, der für sie sorgt und ihr Blut beschafft. Im Grunde ist Håkan eine weitaus ambivalentere Figur als Eli, die im Grunde keine Wahl hat und töten und Blut trinken muss, um zu überleben. Håkan dagegen ist pädophil, versucht gegen seine Neigungen anzukämpfen, liebt Eli und tötet für sie, obwohl er weiß, dass diese Liebe völlig einseitig ist. Er ist letztendlich eine äußerst tragische Figur, die ein noch tragischeres Ende nimmt. Auch sonst ist „So finster die Nacht“ mitunter ziemlich explizit. Der Fokus liegt letztendlich in erster Linie auf der Beziehung zwischen Eli und Oskar und auf Oskars Problemen und seinen Umgang mit Elis Zustand. Nicht zu Unrecht wird „So finster die Nacht“ gerne als Sozialdrama mit Vampiren beschrieben. Gerade in Sachen Charakterzeichnung ist Lindqvist sehr begabt und sorgt dafür, dass die Figuren authentisch und nachvollziehbar sind, ohne zu viel Zeit auf Nebenschauplätze zu verschwenden.

Die Vampirdarstellung bleibt relativ traditionell, Sonnenlicht ist äußerst schädlich, normale Nahrung kann nicht konsumiert werden, Blut ist überlebensnotwendig und um ein Haus oder eine Wohnung zu betreten ist eine Einladung vonnöten. Um zum Vampir zu werden reicht es, von einem gebissen zu werden und zu überleben. Eli selbst ist, trotz fortgeschrittenen Alters, ein ziemlich fragiles und hilfsbedürftiges Geschöpf, das auf Håkan angewiesen ist; dieser beschafft ihr das Blut, das sie zum Überleben benötigt.

Fazit: „So finster die Nacht“ sticht angenehm aus der Masse der Vampirromane hervor und ist das gelungene Porträt zweier Außenseiter, die zueinander finden.

Die Verfilmungen
Lindqvists Roman wurde zwei Mal verfilmt, einmal in seiner Heimat Schweden und einmal in den USA. Bei der schwedischen Version führte Tomas Alfredson Regie, während Lindqvist selbst das Drehbuch schrieb. Die Hauptrollen spielen Kåre Hedebrant (Oskar) und Lina Leandersson (Eli). Insgesamt hält sich der Film sehr genau an den Roman, Veränderungen gibt es kaum, nur ein paar Auslassungen. Einige Dinge, die im Roman explizit erklärt werden, bleiben im Film vage, zum Beispiel Elis Geschlecht. Der Film deutet lediglich an, dass Eli vielleicht gar kein Mädchen ist, im Roman wird dagegen ausdrücklich klargestellt, dass Eli tatsächlich ein kastrierter Junge ist. Auch Håkans Beziehung zu Eli wird im Film nur in Andeutungen thematisiert, sein Hintergrund wird nicht erläutert und er kehrt nach seinem Fenstersturz auch nicht als höchst verstörender Vampir zurück.

Das amerikanische Remake (oder die Zweitverfilmung des Romans, je nach Sichtweise) „Let Me In“ wurde nach der Ankündigung stark kritisiert, nach dem Kinostart erhielt es allerdings auch viel Lob. Regie führte Matt Reeves, Lindqvist war abermals am Drehbuch beteiligt, das er zusammen mit dem Regisseur verfasste. Die amerikanische Version spielt auch in Amerika, statt Schweden ist New Mexico der Handlungsort, Oskar trägt den Namen Owen (gespielt von Kodi Smit-McPhee), während Eli nun Abby (gespielt von Chloë Grace Moretz) heißt. Interessanterweise hat die Änderung des Handlungsortes relativ wenig Folgen: Das verschneite und triste New Mexico des Films könnte genauso gut Schweden sein.

Owen (Kodi Smit-McPhee) und Abby (Chloë Grace Moretz) in "Let Me In"

Owen (Kodi Smit-McPhee) und Abby (Chloë Grace Moretz) in „Let Me In“

Inhaltlich setzt „Let Me In“ im Vergleich zur schwedischen Adaption allerdings durchaus andere Akzente. Im Großen und Ganzen ist die amerikanische Version weitaus stärker komprimiert als die schwedische. Diese setzt die meisten Szenen sehr buchgetreu um, „Let Me In“ tut das zwar auch, streicht aber viel mehr Szenen, darunter die meisten der kleineren Nebenschauplätze und Subplots. Interessanterweise liegt der Fokus deswegen trotzdem nicht stärker auf der Beziehung und Interaktion von Owen und Abby, diese wirkt in der schwedischen Version plastischer und besser ausgearbeitet, was auch daran liegt, dass sie weitaus dialogreicher ist. Während „So finster die Nacht“ eher ein Drama mit Horror-Elementen ist, in dessen Zentrum die Charaktere stehen, rückt Regisseur Matt Reeves Atmosphäre und Horror stärker in den Mittelpunkt. „So finster die Nacht“ ist beispielsweise ein sehr kalter, aber auch ziemlich realistisch aussehender Film, „Let Me In“ dagegen wirkt oft, besonders in den orange ausgeleuchteten Nachtszenen, geradezu surreal und ist auch in der Gewaltdarstellung expliziter. Während Elis Vampirnatur nur durch tierische Laute vermittelt wird, bekommt Abby raubtierhafte bzw. klassisch „vampirische“ Züge, wenn sie mit Blut konfrontiert wird.

Wie in „So finster die Nacht“ werden jedoch Håkans Hintergrund (die Figur bleibt hier namenlos) und Abbys Geschlecht auch in „Let Me In“ nur subtil angedeutet. Abby wirkt zudem noch „weiblicher“; Lina Leandersson ist im Film eine ziemlich androgyne Erscheinung, ihre Gesichtszüge sind ziemlich neutral und mit kurzen Haaren könnte sie auch sehr gut als Junge durchgehen. Chloë Grace Moretz dagegen sieht weitaus mädchenhafter aus.

Fazit: Insgesamt sind beide Filme ziemlich nah an der Vorlage. „So finster die Nacht“ konzentriert sich dabei stärker auf die Charaktere und das Drama und setzt die Vorlage noch genauer um, während „Let Me In“ die Handlung stärker komprimiert und den Fokus auf Atmosphäre und Horror legt und der visuell interessantere Film ist.

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4 Kommentare zu “So finster die Nacht

  1. The LaSt sagt:

    Schöner Überblick über das Buch und beide Filme 🙂 . Kommt mir gerade recht, stecke zur Zeit total in einer Lindqvist-Phase, seit ich am Montag „So ruhet in Frieden“ ausgelesen habe und noch zwei weitere Bücher von ihm hier ungelesen bei mir rumliegen 😀 .

    Im Ami-Film fand ich es irgendwie ziemlich eindeutig, dass Abby ein Mädchen ist; das hat den Film für mich etwas zerstört, außerdem konnten mich die Schauspieler einfach nicht überzeugen. Aber vielleicht sollte ich ihn auch nochmal anschauen, ist schon eine Weile her. Hatte als Skandinavist natürlich auch so meine Vorurteile gegenüber dem Remake 😀 .

    • hemator sagt:

      Freut mich, dass der Artikel gerade geschickt kommt und gefallen hat 😉

      In „Let Me In“ fand ich die Schauspieler jetzt nicht schlecht, aber die schwedischen war schon näher am Roman. Gerade Chloë Grace Moretz spielt schon gut, nur passt ihr Aussehen einfach nicht so ganz zur Romanfigur und die Ambivalenz geht verloren. Insgesamt würde ich trotzdem sagen: Es gibt sehr viel schlechtere amerikanische Remakes als dieses.

  2. Mensch, das ist ja mal wieder ein Zufall 🙂 habe erst letztes Wochenende Let Me In geguckt – und mich lange davor gedrückt. Ich fand die schwedische Verfilmung großartig (kenne aber das Buch nicht). Wenn ich aber von solchen Remakes, gerade aus den USA, lese, werde ich immer recht sauer und stelle in Frage, ob die Welt das braucht und warum man dem Originalfilm nicht mal Tribut zollen kann. Irgendwann diese Woche gibts auf meinem Blog auch zu lesen wie ich den Film fand.

    • hemator sagt:

      Dann bin ich ja mal gespannt, was du von „Let Me In“ denkst. Über Sinn und Unsinn von Remakes (auch von diesem) kann man natürlich lange diskutieren, aber wenn, dann finde ich die Herangehensweise von diesem hier noch recht gelungen, andere Aspekte im Fokus können da schon hilfreich sein. 😉
      Grundsätzlich würde ich es ja begrüßen, wenn man nicht Klassiker und sonstige gute Filme nochmal neu dreht, sondern Filme, die interessante Ideen haben, aber nicht optimal ausgeführt sind – das wäre weitaus sinnvoller.

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