Das Märchen der Märchen

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Story: Drei Königreiche, drei Geschichten: Im Königreich Strongcliff herrscht ein Hedonist (Vincent Cassel), der eine Frau namens Imma (Shirley Henderson) begehrt, die er eines Morgens wunderschön singen hört; anschließend versucht er alles, um sie zu verführen. Das Problem: Imma ist alt und hässlich. Dennoch hofft sie, den König irgendwie täuschen zu können, um für sich und ihre ebenso hässliche Schwester Dora (Hayley Carmichael) Vorteile gewinnen zu können.

Das Herrscherpaar von Longtrellis hofft derweil vergebens auf Nachwuchs. Erst als ein mysteriöser alter Mann (Franco Pistoni) der Königin (Salma Hayek) sagt, was sie tun muss (das Herz eines Seeungeheuers essen, das von einer Jungfrau zubereitet wurde), wird sie schwanger, ebenso wie die kochende Jungfrau. Der Prinz Elias (Christian Lees) und der Sohn der Jungfrau Jonah (Jonah Lees) gleichen sich wie Zwillinge und sind unzertrennlich, was der Königin nicht behagt. Letztendlich schmiedet sie eine Intrige, um beide auseinanderzubringen.

Und dann ist da noch der König von Highhills (Toby Jones), der kaum Interesse an seiner Tochter Violet (Bebe Cave) zeigt und sich stattdessen lieber um einen riesigen Floh kümmert. Nachdem das Tier gestorben ist, lässt er es häuten, derjenige, der erkennt, von welchem Tier die Haut stammt, darf Violet heiraten. Dummerweise rät ein menschenfressender Riese richtig.

Kritik: Märchenfilme (bzw. märchenhafte Filme) sind gerade wieder ordentlich populär, nicht zuletzt, weil Disney einen nach dem anderen auf den Markt wirft, letztes Jahr hatten wir „Maleficent“ und „Into the Woods“, dieses Jahr „Cinderella“ und „Pan“ (nicht von Disney, aber trotzdem), und so wie es aussieht, wird der Trend in den nächsten Jahren munter fortgesetzt. „Das Märchen der Märchen“, eine französisch-britisch-italienische Koproduktion von Regisseur Matteo Garrone, könnte man gewissermaßen als europäische Antwort auf diesen Trend verstehen. Der Titel des Films ist auch der (bzw. ein) Titel der Vorlage: Die drei Geschichten, die der Film erzählt, stammen aus einer Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert, dem „Pentameron“, mit dem Untertitel „Das Märchen der Märchen“. Das Pentameron ist verhältnismäßig unbekannt, es handelt sich dabei um eine der ersten europäischen Märchensammlungen. Giambattista Basile sammelte diverse, mündlich überlieferte Märchen und verfasste eine Rahmenhandlung, die ein wenig an die der „Märchen aus 1001 Nacht“ erinnert. Besagte Rahmenhandlung erstreckt sich über fünf Tage, in deren Verlauf insgesamt 50 Märchen erzählt werden, zehn pro Tag – von diesem Umstand rührt auch der Titel, pentamerone bedeutet „Fünftagewerk“, während der Untertitel besagt, dass dies ein Märchen ist, in dem Märchen erzählt werden. Diese Bedeutung geht bei der Verfilmung leider verloren, da es hier keine Rahmenhandlung gibt, die drei adaptierten Märchen („Der Floh“, „Die hinterlistige Hirschkuh“ und „Die geschundene Alte“) sind inhaltlich fast völlig voneinander getrennt, nur am Anfang und am Ende gibt es Verknüpfungen, was ich ziemlich schade finde, da der Metaaspekt verloren geht. Von diesem Umstand einmal abgesehen ist „Das Märchen der Märchen“ allerdings sehr gelungen.

Wie bei den meisten anderen Märchenverfilmungen auch war es nötig, die Geschichte der Vorlage auszudehnen und um Details zu erweitern; alle drei Geschichten sind nur wenige Seiten lang. Garrone und seine Drehbuchautoren folgen dem inhaltlichen Verlauf zumeist sehr genau, schmücken die Handlung aber ziemlich aus und streichen auch hin und wieder das eine oder andere alberne Element. So werden in „Die hinterlistige Hirschkuh“ nicht nur Königin und Jungfrau schwanger, sondern auch sämtliche Gegenstände des Schlosses, und das Ende der Geschichte unterscheidet sich ziemlich von dem der Vorlage. Insgesamt sind Basiles Märchen weitaus unangenehmer und auch sprachlich sehr viel harscher als die der Gebrüder Grimm: vor allem Happy-Ends sucht man hier vergebens, die Figuren sind am Ende entweder zumindest von den Ereignissen stark gezeichnet, oder aber scheitern grandios an ihrer eigenen Selbstsucht und ihrem unreflektierten Verlangen. Der Film beschönigt diesbezüglich nichts. Obwohl die Stimmung durchaus märchenhaft ist und viele typische Merkmale des Genres auftauchen, besitzt der Streifen einen ziemlich grimmigen Grundton und einige äußerst graphische Szenen. „Das Märchen der Märchen“ ist definitiv kein Kinderfilm, die Altersfreigabe ab 12 wird ziemlich weit ausgereizt und ist meiner Meinung nach durchaus diskutabel.

Schauspielerisch ist „Das Märchen der Märchen“ sehr solide, die Darsteller sind allesamt gut gewählt und erfüllen ihre Aufgabe, der Film verlangt ihnen allerdings selten Höchstleistungen ab, bis auf Toby Jones, der in seiner Rolle wirklich aufgeht. Vincent Cassel und Salma Hayek dagegen wirken hin und wieder etwas unterfordert. Was „Das Märchen der Märchen“ wirklich herausragend macht, ist die grandiose Atmosphäre, zugleich märchenhaft und bizarr. Sie ist dicht, dekadent, üppig, manchmal grotesk, abartig und düster, aber in ihrer Renaissance-Pracht immer herrlich anzuschauen. Das liegt unter anderem auch an den beeindruckenden Drehorten; Garrone ließ sich diesbezüglich nicht lumpen und verwendete einige der beeindruckendsten Schlösser und Burgen Italiens als Kulisse für seinen Märchenfilm.

Fazit: Grandioser, üppig-grotesker europäischer Märchenfilm, der die Konkurrenz aus Hollywood allein mit seiner Kompromisslosigkeit und seinen visuellen Einfällen ziemlich alt aussehen lässt.

Trailer

Geschichte der Vampire: Interview mit einem Vampir

Halloween 2015

Es gibt ein paar Werke, die man unbedingt gelesen haben sollte, wenn man sich mit dem literarischen Vampir in irgendeiner Form beschäftigt. Neben „Dracula“, „The Vampyre“ und „Carmilla“ gehört dazu vor allem auch Anne Rice‘ „Interview mit einem Vampir“. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass „Interview mit einem Vampir“ das Genre in einem Ausmaß beeinflusst hat, den seit „Dracula“ kein Werk mehr hatte. Stokers Roman hat den Vampir für das 20. Jahrhundert definiert, Anne Rice hat dasselbe für das 21. Jahrhundert getan.

Der Roman
„Interview mit einem Vampire“ (Originaltitel: „Interview with the Vampire“) erschien im Jahr 1976. Im Roman erzählt der Vampir Louis de Point du Lac einem Reporter (dessen Name laut einem der Folgeromane „Daniel Molloy“ lautet, der hier aber nur als „der Junge“ bezeichnet wird) seine Lebensgeschichte. Im Jahr 1791 ist Louis noch ein Mensch und Herr über eine Plantage in der Nähe von New Orleans. Nach dem Tod seines religiösen Bruders ist Louis schwer traumatisiert und sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Exakt zu diesem Zeitpunkt taucht der Vampir Lestat auf und macht Louis zu Seinesgleichen, vor allem, so glaubt Louis zu wissen, um an die Plantage zu kommen. Die beiden Vampire kommen allerdings nicht wirklich miteinander klar, denn während Lestat grausam und pragmatisch ist, ist Louis darauf bedacht, seine Menschlichkeit zu bewahren, er hadert mit seinem Schicksal und der Tatsache, dass er jede Nacht töten muss, um zu überleben. Nach mehreren Auseinandersetzungen möchte Louis Lestat schließlich verlassen, doch Lestat verwandelt das fünfjährige Mädchen Claudia in einem Vampir, da er weiß, dass das „gemeinsame Kind“ Louis an Lestat binden würde.

Lestat (Tom Cruise) und Brad Pitt in Neil Jordans „Interview mit einem Vampir“

Die drei Vampire „leben“ 65 Jahre zusammen. Obwohl Claudia eine gewisse Wesensähnlichkeit zu Lestat besitzt (auch sie tötet ohne Reue), beginnt sie, ihren Schöpfer zu hassen, da er sie, die nun im Geist erwachsen ist, im Körper eines Kindes gefangen hat. Mit Louis‘ mehr oder weniger freiwilliger Teilnahme tötet sie Lestat (oder glaubt es zumindest). Anschließend begeben sich die beiden auf eine Weltreise, um weitere Vampire und eventuell sogar den Ursprung der Untoten zu finden. In Osteuropa stoßen sie tatsächlich auf andere Vampire, doch bei diesen handelt es sich um hirnlose Monster, kaum mehr als blutsaugende Tiere. Erst in Paris finden die beiden weitere Vampire wie sie selbst, die ein Theater betreiben und von einem 400 Jahre alten Vampir namens Armand angeführt werden. Louis verliebt sich in Armand, was dazu führt, dass es zum Bruch zwischen Louis und Claudia kommt. Um zu gewährleisten, dass für Claudia gesorgt ist, verwandelt Louis die trauende Mutter Madeleine ebenfalls in einen Vampir. Schon kurz darauf nehmen allerdings die Vampire des Theaters Louis, Claudia und Madeleine gefangen; es stellt sich heraus, dass Lestat überlebt und mit den Vampiren des Theaters konspiriert hat, um Claudia, die mit Madeleine der Sonne überantwortet wird, zu opfern und Louis zurückzugewinnen.

Daraus wird allerdings nichts, denn Louis nimmt Rache an den Vampiren des Theaters und zieht daraufhin mit Armand um die Welt, wobei er einige Zeit später Lestat noch einmal trifft. Als Armand bemerkt, dass Louis‘ Lebenswille verloschen ist, trennt er sich von ihm, womit die Geschichte endet. Nachdem Daniel alles gehört hat, bittet er Louis, ihn ebenfalls in einen Vampir zu verwandeln, was diesen sehr verärgert, da Daniel offensichtlich die Moral der Geschichte nicht verstanden hat. Louis greift ihn an, doch Daniel überlebt und der Roman endet damit, dass er sich auf die Suche nach Lestat macht.

„Interview mit einem Vampir“ basiert auf einer Kurzgeschichte, die Anne Rice bereits im Jahr 1968 oder 69 fertigstellte. Obwohl viele der grundsätzlichen Ideen in besagter Geschichte schon vorhanden waren, hatte sie doch einen gänzlich anderen Tonfall als „Interview“. 1970 wurde bei Rice‘ Tochter Michelle Leukämie festgestellt, an der sie zwei Jahre später starb. In „Interview“ verarbeitete Rice ihre Depressionen und den Schmerz über den Tod ihrer Tochter – Claudia und ihr Schicksal im Roman wurden von Michelle eindeutig inspiriert. „Interview“ ist der mit Abstand nihilistischste und hoffnungsloseste von Rice‘ Romanen, sie ringt darin spürbar mit dem Verlust, der Akzeptanz und der Sinnlosigkeit der Existenz. Auch ihr Abfall vom katholischen Glauben, ihre (damalige) atheistische Weltsicht und die Frage nach Gut und Böse spielen eine wichtige Rolle. Anne Rice selbst beschrieb ihre Vampire einmal als Metapher für „verlorene Seelen“. Darüber hinaus spielt, wie so oft im Genre, Sexualität eine wichtige Rolle. Rice‘ Vampire sind zwar nicht in der Lage, tatsächlichen Geschlechtsverkehr zu haben, aber das Bluttrinken bleibt ein sexuell aufgeladener Akt. Gerade weil der tatsächliche Geschlechtsverkehr nicht möglich ist, geht Liebe und Verlangen bei Rice‘ Vampiren oft über den körperlichen (und auch den geschlechtlichen) Aspekt hinaus, weshalb ihre Werke oft als Metapher für Homosexualität verstanden werden.

Claudia (Kirsten Dunst)
Claudia (Kirsten Dunst)

Beim Erscheinen erhielt „Interview mit einem Vampir“ eher gemischte Kritiken, manche lobten das Werk, andere sahen den Roman sehr kritisch und bemängelten die Abkehr von dem, was damals als klassische Vampirthematik verstanden wurden. Heute, besonders nach der erfolgreichen Verfilmung, gilt „Interview mit einem Vampir“ allerdings völlig zu Recht als Klassiker des Genres, das die Vampirliteratur und den Vampirfilm prägte wie kaum ein anderes Werk des 20. Jahrhunderts.

Die Chronik der Vampire: Ein Überblick
Nach der doch eher gemischten Reaktion auf „Interview“ machte Anne Rice erst einmal eine Vampirpause von einigen Jahren. In den 80ern kehrte sie zu den Blutsaugern zurück, 1985 erschien die Quasi-Fortsetzung zu „Interview mit einem Vampir“: „Der Fürst der Finsternis“ (mal wieder eine grandiose Übersetzung, der englische Titel lautet „The Vampire Lestat“). Gleichzeitig führte sie den Reihentitel „Die Chronik der Vampire“ („The Vampire Chronicles“) ein. Bei „Der Fürst der Finsternis“ handelt es sich um Lestats Autobiographie, die erzählt, wie Lestat aufwuchs, zum Vampir wurde und diverse Abenteuer vor seiner Begegnung mit Louis erlebte. Außerdem gibt Lestat die Ereignisse aus „Interview“, wenn auch stark verkürzt, aus seiner Sicht wieder und erzählt darüber hinaus, wie er in der Gegenwart „ankommt“. Dabei ist auffällig, dass Lestat ein völlig anderes (weit positiveres) Bild von sich selbst hat als Louis; in „Interview“ sah es so aus, als habe Lestat Louis nie verstanden, nun scheint es umgekehrt zu sein. Dies dürfte auch mit Rice‘ verändertem Blickwinkel zu tun haben, „Der Fürst der Finsternis“ und die folgenden Romane sind weit weniger von Nihilismus und Verzweiflung geprägt als „Interview“.

Armand (Antonio Banderas)
Armand (Antonio Banderas)

Auf die ersten beiden Romane der „Chronik der Vampire“ folgten noch elf weitere (zwei davon, „Pandora“ und „Vittorio“, firmieren theoretisch unter dem Reihentitel „New Tales of the Vampires“, in der Praxis macht das allerdings kaum einen Unterschied). Der dritte Band der Serie, „Die Königin der Verdammten“ („The Queen of the Dammned“, 1988), setzt die Handlung von „Der Fürst der Finsternis“ direkt fort, ist aufgrund des Formats allerdings ziemlich einzigartig, denn anders als die meisten anderen Romane der Chroniken ist „Die Königin der Verdammten“ eher eine Sammlung von Kurzgeschichten, die zusammen eine mehr oder weniger kohärente Handlung geben. Somit ist „Die Königin der Verdammten“ zugleich der vielseitigste und vielschichtigste Roman der Serie. Die beiden folgenden Bände, „Nachtmahr“ („The Tale of the Body Thief“, 1992) und „Memnoch der Teufel“ („Memnoch the Devil“, 1995) konzentrieren sich wieder stärker auf Lestat und dessen Streben nach Sinn. Es folgen weitere Autobiographien diverser Vampire, die zumeist in den bereits erschienen Bänden als Nebenfiguren auftauchten: „Armand der Vampir“ („The Vampire Armand“, 1998), „Pandora“ (1998), „Vittorio“ („Vittorio the Vampire“, 1999) und „Blut und Gold“ („Blood and Gold“, 2001, erzählt die Lebensgeschichte von Marius, dem Schöpfer von Armand). Mit „Merrick oder die Schuld des Vampirs“ („Merrick“, 2000) kehrte Rice zu Lestat als Protagonisten zurück und verknüpfte die Chronik mit einer ihrer anderen Romanreihen, „Lives of the Mayfair Witches“. Dies setzte sie mit den beiden folgenden Bänden der Chronik, „Blackwood Farm“ (2002) und „Hohelied des Blutes“ („Blood Canticle“, 2003) fort. „Hohelied des Blutes“ sollte ursprünglich beide Reihen beenden, unter anderem auch, weil Rice zum katholischen Glauben zurückgefunden hatte und nicht mehr über Vampire (oder Hexen) schreiben wollte. In der Zwischenzeit hat sie es sich allerdings wieder anders überlegt, 2014 erschien mit „Prince Lestat“ ein neuer Band der „Chronik der Vampire“ und mit „Blood Paradise“ ist der nächste schon angekündigt.

Ich selbst muss zugeben, dass ich bei Weitem nicht alle Romane der „Chronik der Vampire“ gelesen habe. Zu den gelesenen gehört die „Einstiegstrilogie“ („Interview“, „Fürst“ und „Königin“), die meiner Meinung nach zum Besten gehören, was das Vampirgenre anzubieten hat. Ansonsten habe ich vor allem die späteren Bände gelesen („Merrick“, „Pandora“, „Blackwood Farm“ und „Hohelied des Blutes“) – diese waren in meinen Augen schon durchwachsener, aber immer noch ziemlich gelungen, allerdings mit einer Ausnahme: „Hohelied des Blutes“ hat mir nicht wirklich gefallen, ich fand es ziemlich langweilig, überflüssig und uninspiriert.

Die Verfilmung
Bei einer Besprechung von „Interview mit einem Vampir“, bei der der Fokus letztendlich auf dem Einfluss des Werkes liegt, darf die Verfilmung von Neil Jordan, die 1994 in die Kinos kam, nicht fehlen. Der Roman definierte den Vampir auf gewisse Weise neu, der Film sorgte dafür, dass diese Definition im Mainstream ankam; seither werden die Ideen und Themen im Guten wie im Schlechten en masse weiterverarbeitet.

Vampirfilme gibt es nun ja bekanntermaßen wie Sand am Meer, wirklich gute Vampirfilme sind dagegen eher rar. Umso erfreulicher ist es, dass die Filmadaption eines literarischen Meisterwerkes ein filmisches Meisterwerk geworden ist; „Interview mit einem Vampir“ ist in meinen Augen nicht nur einer der besten, wenn nicht gar DER beste Vampirfilm, sondern auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme und eine gekonnte Umsetzung von Rice‘ Geschichte. Jordan schafft es, die Atmosphäre perfekt zu treffen, die Darsteller, egal ob Brad Pitt, Kirsten Dunst oder Tom Cruise (den ich sonst nicht wirklich gerne mag, aber hier spielt er wunderbar) sind optimal und auch die inhaltliche Umsetzung ist exzellent gelungen. Natürlich gibt es einige Kürzungen und Änderungen gegenüber der Vorlage und einige der Nebencharaktere fallen der Schere zum Opfer. So bringt Lestat im Roman seinen blinden, alten Vater mit nach Point du Lac, Louis hat noch Mutter und Schwester (und zu Beginn stirbt sein Bruder, nicht seine Frau) und interessiert sich später für eine Plantagenbesitzerin, während Lestat im Verlauf des Romans noch mindestens zwei weitere Vampire erschafft, einen kurz nach seinem vermeintlichen Tod und einen nach dem Chaos im Theater der Vampire – beide bleiben im Roman allerdings namenlos und fehlen im Film nicht sonderlich. Die Begegnung mit den hirnlosen Vampiren in Osteuropa fehlt ebenso wie Lestats kurzes Auftauchen im Theater der Vampire und Armands und Louis‘ Reisen. Darüber hinaus wurde der Schluss leicht geändert, Daniel macht sich im Film nicht auf die Suche nach Lestat, stattdessen findet Lestat ihn, was zu einem netten Schlusstwist führt. Und natürlich ist Claudia im Film nicht fünf, sondern zwölf, da ein fünfjähriges Mädchen diese Rolle niemals hätte spielen können; schon für eine Zwölfjährige ist das eine enorm anspruchsvolle Aufgabe, die Kirsten Dunst allerdings mit Bravour meistert.

Die wahrscheinlich interessanteste Änderung ist allerdings die Darstellung Lestats. Im Roman kommt er nicht besonders gut weg und ist auch nicht besonders sympathisch, vor allem gegen Ende ist er ein jammerndes Wrack. Der Film-Lestat dagegen geht eher in Richtung „Fürst der Finsternis“. Gerade hier merkt man, dass Anne Rice das Drehbuch selbst verfasst hat und einige Elemente der späteren Romane mit einfließen ließ, denn die Tom-Cruise-Version der Figur ist weitaus sympathischer und schlauer und dafür weniger jämmerlich als die ursprüngliche Figur. Diese Änderung ist nicht so extrem, dass sie den Verlauf der Geschichte stark beeinflusst, sorgt aber doch dafür, dass Film-Lestat interessanter ist als Buch-Lestat.

Lestat (Stuart Townsend) und Akasha in der Verfilmung von „Königin der Verdammten“

Freilich gibt es auch noch die Verfilmung von „Die Königin der Verdammten“, mit Stuart Townsend als Lestat und Aaliyah (die sechs Monate vor dem Kinostart in einem Flugzeugabsturz verstarb) als Akasha, die titelgebende Königin und erste Vampirin. Leider steht diese Verfilmung zu „Interview mit einem Vampir“ in einem ähnlichen Verhältnis wie „Batman und Robin“ zu „The Dark Knight“. Von der Komplexität und philosophischen Tiefe der Vorlage ist fast nichts geblieben, die Figuren sind kaum wiederzuerkennen und die Darsteller rangieren zwischen akzeptabel und unterirdisch. Kurz und gut: Über diesen Film breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Die Wirkung
Mit „Interview mit einem Vampir“ (und in geringerem Maße auch den Sequels) etablierte Anne Rice vor allem drei Dinge: Den Vampir als Sympathieträger, den Vampir unter seinesgleichen und das „Vampirduo“. Vor allem Ersteres gab es natürlich bereits vor Anne Rice‘ Romandebüt, der sympathische Vampir geht letztendlich zurück auf Sir Francis Varney, die Titelfigur der Penny-Dreadful-Serie „Varney the Vampire“, die zwischen 1845 und 1847 erschien (womit er älter als Dracula ist), zurück. Auch danach tauchten immer mal wieder sympathische Blutsauger auf, etwa Barnabas Collins aus der TV-Serie „Dark Shadows“, der ganz ähnlich wie Varney und später Louis mit seinem Schicksal hadert. Sogar Dracula selbst mutierte in Fred Saberhagens „The Dracula Tape“ (1975) zum Sympathieträger; in diesem Roman erzählt Saberhagen Stokers Geschichte aus der Perspektive Draculas, mit ihm als Helden und den Vampirjägern als Schurken. Letztendlich waren aber sowohl Francis Varney als auch Barnabas Collins und Saberhagen-Dracula Ausnahmeerscheinungen. Der Vampir blieb in den meisten Fällen ein Antagonist. Anne Rice machte den Vampir, der an seiner Menschlichkeit hängt und mit sich selbst hadert, gewissermaßen salonfähig. Letztendlich ist es vor allem die Verfilmung, die diesen Aspekt des Vampirs noch zementierte. In den 90ern wurde der Vampir endgültig zum Sympathieträger.

Eine weitere Thematik, die vor Rice kaum oder gar nicht umgesetzt wurde, ist der Vampir unter seinesgleichen. Über all die Jahrzehnte hinweg traten Vampire meistens als Einzelgänger auf, Interaktion fand fast ausschließlich menschlichen Opfern statt. Selbst in Geschichten, in denen mehr als ein Vampir vorkam, existierte kaum soziale Interaktion: Auf Draculas Schloss leben zwar noch drei weibliche Vampire, aber alles, was der Graf zu ihnen sagt, ist, dass sie seine Beute gefälligst nicht anfassen sollen. In „Interview mit einem Vampir“ gibt es dagegen zum ersten Mal Einblick in eine Vampirgesellschaft. Schon zu Beginn geht es nicht um das Verhältnis zwischen Mensch und Vampir, sondern um das Verhältnis zwischen Louis und Lestat. Später kommt Claudia dazu, und schließlich lernen Louis und Claudia einen ganzen sozialen Verbund kennen, die Vampire des Theaters in Paris. Erst ab diesem Zeitpunkt begannen Autoren und Filmemacher, die soziale Interaktion von Vampiren und ihr Verhältnis untereinander zu thematisieren. Rice selbst baute mit den weiteren Romanen der Chroniken natürlich darauf auf, aber auch viele andere nahmen sich dessen an, etwa George R. R. Martin, dessen Vampirroman „Fiebertraum“ diesen Aspekt ebenfalls aufgreift, sowie viele weitere Autoren und Autorinnen, wie Charlaine Harris, L. J. Smith und natürlich auch Stephenie Meyer. Selbst in Filmen, in denen der Vampir nach wie vor als Schurke fungiert, finden sich Vampirgesellschaften. Ein gutes Beispiel ist die Blade-Trilogie, die die klassische Thematik „Vampir gegen Jäger“ umdreht: Früher waren es viele Jäger, die gegen einen Vampir vorgingen, nun haben wir einen einsamen Jäger, der gegen ein ganzes soziales System von Vampiren vorgeht, das die menschlichen Institutionen kontrolliert.

Zwei Nachfolger von Lestat und Louis: Eric (Alexander Skarsgård) und Bill (Stephen Moyer)
Zwei Nachfolger von Lestat und Louis: Eric (Alexander Skarsgård) und Bill (Stephen Moyer)

Meine Lieblingsverarbeitung der „Vampirgesellschaft“ ist das Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“, das sich zwar bei allen vorherigen Inkarnationen des Vampirs großzügig bedient, aber viele der „Basics“ tatsächlich aus „Interview mit einem Vampir“ (und auch „Fürst der Finsternis“ und „Königin der Verdammten“) entlehnt. Dazu gehören unter anderem das Grundkonzept des „Spiels um persönlichen Horror“, in dem der Horror nicht von außen, sondern von innen kommt und der Spieler mit der Menschlichkeit und dem Tötungstrieb ringen muss, aber auch diverse Mechanismen, zum Beispiel die Erschaffung des Vampirs, die biologische Beschaffenheit etc. Und nicht nur V:tM hat sich diesbezüglich bei Anne Rice bedient, ihre Spuren finden sich in allen möglichen Genrewerken der letzten zwanzig bis dreißig Jahre.

Und dann wäre da noch das „Vampirduo“. Damit ist die Charakterdynamik zwischen zwei Vampiren gemeint, die recht gegensätzliche Ansichten vertreten und allesamt auf Louis und Lestat zurückgehen. Der „Louis“ ist dabei, wie das Original, meistens dunkelhaarig, eher philosophisch (bzw. oftmals fast schon depressiv) und hadert mit seinem Schicksal und seiner Menschlichkeit, während der „Lestat“ blond (oder allgemein hell) ist, sein Schicksal eher annimmt und Lebensfreude ausstrahlt. Das muss nicht einmal per se negativ (bzw. mörderisch) sein, aber derartige Duos finden sich verdammt oft. Um mal ein paar Beispiele zu nennen: Bill und Eric aus „True Blood“, Angel und Spike aus „Buffy“, Adam und Eve aus „Only Lovers Left Alive“, Eleanor und Clara aus „Byzantium“ – die Liste ließe sich sicher noch viel weiter fortführen.

Es zeigt sich also, dass das Vampirgenre, im Guten wie im Schlechten, ohne „Interview mit einem Vampir“ heute wohl anders aussähe. Anne Rice hat den Vampir als Protagonisten etabliert, und viele andere Kreativschaffende sind ihr gefolgt und haben das Potential dieses Konzepts ausgereizt, sowohl im positiven als auch im negativen Bereich.

Stück der Woche: An Ancient Enemy


Nach dem eher leichtherzigen, vom Auenland geprägten Material kehrt An Ancient Enemy wieder stärker zum Ton von My Dear Frodo zurück. Besagtes Stück untermalt einen Rückblick zur Schlacht von Azanulbizar (Schattenbachtal, das Tal vor dem Osttor von Moria) – diese wird im Hobbit-Roman nur sehr beiläufig erwähnt, Tolkien thematisiert sie allerdings ausführlicher in den Anhängen des HdR. Die Rivalität zwischen Thorin und Azog ist allerdings eine Erfindung von Jackson und Co., denn bei Tolkien stirbt Azog nicht nur in der Schlacht, es ist auch Dáin Eisenfuß und nicht Thorin, der ihn besiegt. Shore musste sich natürlich am Film orientieren, weshalb An Ancient Enemy eindeutig von zwei miteinander kämpfenden Leitmotiven dominiert wird: Thorins Thema kennen wir bereits seit My Dear Frodo, Azogs Thema ist hier zum ersten Mal zu hören, dem HdR-Kenner kommt es allerdings ebenfalls recht bekannt vor, und das nicht umsonst, denn im Grunde handelt es sich dabei um eine modifizierte Version der absteigenden Terz. Diese ist eine der Mordor-Begleitfiguren, die in allen drei HdR-Filmen ziemlich häufig als Gefährtin der diversen bösen Themen auftritt, hin und wieder taucht sie auch solo auf (in dieser Ansammlung von Mordor-Themen ist sie direkt am Anfang zu hören). Interessanterweise erinnert die absteigende Terz stark an den Anfang der traditionellen, katholischen Dies-Irae-Melodie, die bereits seit dem Mittelalter existiert (hier direkt am Anfang).

Um nun zu Azogs Thema zurückzukehren: Der Anfang, die ersten vier Noten, sind dieselben wie bei der absteigenden Terz, das Ende unterscheidet sich aber und ist verkürzt. Außerdem ist die Instrumentierung zumeist aggressiver, während die absteigende Terz oft subtil unterwanderte, tritt Azogs Thema fast immer, von dunkeln, Mordor-typischen Blechbläsern gespielt, in den Vordergrund.

Neben dem leitmotivischen Duell ist An Ancient Enemy vor allem von einem aggressiven Männerchor geprägt, der das Stück zusammenhält und abermals Erinnerungen an die Moria-Szenen aus der HdR-Trilogie wachruft, was angesichts der Tatsache, dass es bei der Schlacht um Moria geht, sehr angemessen ist. Bei 0:57 hören wir Azogs Thema zum ersten Mal (direkt nachdem Balin ihn uns mit den Worten „Azog, the Defiler“ vorgestellt hat). Bei 1:53 ertönt dann, mit Chor (im Film selbst allerdings ohne), das gegnerische Thema, das sich zusammen mit Thorin erhebt, um die Zwerge zum Sieg zu führen, der sich bei 2:52 durch ein erneutes, wenn auch noch zaghaftes Statement ankündigt („Azog, the Defiler, learned that day, that the line of Durin was not so easily broken.“) Der dritte und stärkste Einsatz von Thorins Thema, der den Sieg bestätigt, findet sich bei 3:58, Thorin ist nach der Schlacht mit dem Eichenschild zu sehen („There is one I could follow. There is one I could call King.“). Doch nach wie vor ist das Thema zurückhaltend, der Sieg wurde mit großen Verlusten erkauft und Thorin ist trotz allem nur König im Exil. Und zu allem Überfluss lässt uns das fast schon hämisch klingende Statement von Azogs Thema bei 4:35 auch noch wissen, dass der bleiche Ork überlebt hat.

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead

Revenge of the Sith

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Romanadaptionen von Filmen sind so eine Sache für sich: Nur allzu verkommen sie zu reinen Prosafassungen der Drehbücher, im Idealfall angereichert durch ein paar Gedanken der Figuren und vielleicht die eine oder andere Szene, die auf dem Boden des Schneideraums gelandet ist. In der Zwischenzeit sind besagte Romanadaptionen auch deutlich seltener geworden, bei Star Wars gehören sie aber immer noch zum guten Ton, auch wenn sie unter dem Regime des Disney-Konzerns inzwischen fast immer erst einige Monate nach Kinostart erscheinen. Matthew Stovers Umsetzung von „Revenge of the Sith“ in diesem Kontext als Ausnahme dieses Grundsatzes zu bezeichnen, greift allerdings deutlich zu kurz. Vielmehr hat Stover hier nicht nur einen Filmroman mit wirklich Mehrwert abgeliefert, er hat gleich den Goldstandard für Star-Wars-Romane gesetzt. Ich denke, über den Inhalt muss ich nicht allzu viele Worte verlieren, der dürfte hinlänglich bekannt sein: Anakin Skywalker verfällt der Dunklen Seite der Macht und wird Darth Vader, Palpatine alias Darth Sidious lässt die Jedi vernichten und gründet das Imperium und am Ende gibt es eine neue Hoffnung in Form zweier Babys, die auf Tatooine und Alderaan aufwachsen.

„Revenge of the Sith“ unterscheidet sich nicht nur von jedem der anderen SW-Filmromane, sondern auch von jedem verfügbaren SW-Roman überhaupt. Das fängt schon beim Stil an, der zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, selbst wenn man zuvor bereits andere Stover-Romane wie „Traitor“ oder „Shatterpoint“ gelesen hat. „Revenge of the Sith“ ist eine große Geschichte, und Stover versucht, dem gerecht zu werden, indem er seinen Stil „episiert“ – der Prolog ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Wie man das bewertet, hängt letztendlich sehr stark von der eigenen Perspektive ab; der hier gewählte, mit anschaulichen Metaphern (etwa ein Drache für Anakin Skywalkers Ängste) ausgeschmückte Stil könnte sehr leicht schwülstig wirken. Die Betonung liegt auf könnte, denn in meinen Augen funktioniert er ausgezeichnet. Stover hat genau das richtige Maß gefunden, ohne zu übertreiben.

Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Besonderheit, die zu Anfang gewöhnungsbedürftig ist: Immer wieder hält Stover die Handlung an, wechselt ins Präsens und dringt in das Innenleben der Figuren ein, meistens mit Einleitungssätzen wie „Das ist Obi-Wan Kenobi“ oder „So fühlt es sich an, Anakin Skywalker zu sein“. Sobald man sich allerdings daran gewöhnt hat, stellt man fest, dass diese Passagen tatsächlich mitunter die interessantesten Teile des Romans sind, denn Stover belässt es nicht bei oberflächlichen Gefühlsbeschreibungen, er geht hier wirklich in die Tiefe. Als Leser erfährt man genau wie die Hauptfiguren denken, empfinden und fühlen, was ihre Handlung, die sie gemäß dem Drehbuch von George Lucas durchführen müssen, tatsächlich nachvollziehbarer und authentischer macht, während man sich im Film durchaus fragt, weshalb diese Figur gerade so gehandelt hat. Und mehr noch, vor allem bei den im Fokus stehenden Jedi-Charakteren beschreibt Stover auch, wie es sich für sie anfühlt, die Macht einzusetzen und wie sie, ganz individuell, die Macht betrachten. Dies ist ein Aspekt, der zwar durchaus auch schon von anderen Autoren vor und nach Stover aufgegriffen wurde, aber doch zu selten und nie zuvor so „gründlich“ wie bei ihm. Wenn es um die Macht geht, ist Stover ohnehin unerreicht, da seine Romane stets eine ausgeprägte, philosophische Betrachtungsweise der Macht besitzen, die über fast alles andere, was es diesbezüglich im SW-Universum gibt, hinausgeht.

Auch die Art und Weise, wie Stover die Umsetzung der Handlung angeht, ist bewundernswert, denn, wie bereits gesagt, er hat keine Probleme damit, zu kürzen oder zu erweitern. Kurze Szenen, die im Film vor allem da sind, um eine wenig Abwechslung zu bringen, die im Roman aber keinen Mehrwert hätten, etwa die Schlacht um Kashyyyk, lässt er konsequenterweise weg. Auch die Order-66-Montage, im Film definitiv einer der gelungensten Momente, versucht er nicht direkt umzusetzen, da er genau weiß, dass sie im Roman nicht gut funktionieren würde. Stattdessen konzentriert er sich auf das Innenleben und die Dialoge. Auch bei Letzteren ist Stover nicht zimperlich, gibt sie oft eher sinngemäß denn wörtlich wieder und erweitert sie stark. Tatsächlich gelingt ihm, woran Lucas in den Prequels des Öfteren scheitert; die Worte, die er den Figuren in den Mund legt, wirken authentisch, man kann sich vorstellen, dass echte Menschen tatsächlich so miteinander sprechen würden. Kurz und gut: Stover kreiert aus der Vorlage ein eigenständiges Werk, ohne ihr untreu zu werden und nutzt gekonnt die Stärken des Mediums Roman, sodass es sich beinahe anfühlt, als sei der Film eine Adaption des Buches und nicht umgekehrt.

Es gibt noch zwei weitere Aspekte, die mir an „Revenge of the Sith“ besonders gefallen: Die Einbindung der Lichtschwertformen und des Erweiterten Universums im Allgemeinen. Bei Ersteren handelt es sich um die genau definierten und benannten Kampftechniken mit dem Lichtschwert, die im Zuge der Prequels entstanden, die in den diversen EU-Romanen allerdings mitunter unregelmäßig eingesetzt wurden: Während manche Autoren, etwa Drew Karpyshyn, sich ihrer sehr ausgiebig bedienen, kümmern sich andere kaum um sie. Stover, der auch einen Kampfsporthintergrund besitzt, zeigt, wie man die Lichtschwertformen am besten verwendet: Sie dienen hier, um die Figuren, die sich ihrer bedienen, zu charakterisieren. Stover nutzt den Lichtschwertkampf auf kongeniale Weise, um den Charakteren eine weitere Facette zu verleihen. In den Filmen sagt Obi-Wan zu Anakin über das Lichtschwert: „Diese Waffe ist dein Leben.“ In „Revenge of the Sith“ wird das tatsächlich wörtlich genommen, die Art und Weise, wie die Jedi und Sith ihre Waffen einsetzen, ist hier Ausdruck ihrer persönlichen Philosophie und Denkweise, man erkennt, warum das Lichtschwert so ein wichtiges Element des Jedi-Ordens ist: Es ist mehr als nur eine Waffe, es selbst und der Umgang mit ihm sind Ausdruck der Persönlichkeit.

Die Einbindung des EU ist natürlich letztendlich eher Nebensache, aber trotzdem etwas, das mich enorm gefreut hat, denn es gibt der Handlung noch mehr Tiefe: Subtile und weniger subtile Referenzen auf die diversem Klonkriegsmedien sorgen dafür, dass es glaubhafter wird, dass die Protagonisten einen dreijährigen Krieg hinter sich haben. Selbst wenn man nicht versteht, worauf sich die Referenzen beziehen, hilft es, das Setting authentischer zu machen; man muss nicht wissen, was auf Jabiim geschehen ist, man muss nur wissen, dass es für Anakin eine traumatische Erfahrung war (der Comic, in dem die Schlacht um Jabiim thematisiert wird, ist übrigens sehr empfehlenswert). Allerdings lohnt es sich, wenn man Stovers „Shatterpoint“ gelesen hat, da er die Charakterisierung Mace Windus aus diesem Roman nahtlos fortsetzt und es „Revenge of the Sith“ ungemein bereichert, wenn man „Shatterpoint“ (und die Klonkriegscomics aus den Jahren 2002 bis 2005 sowie James Lucenos „Labyrinth of Evil“) gelesen hat.

Natürlich ist auch „Revenge of the Sith“ letztendlich nicht völlig perfekt. Es gibt so ein paar Stellen, an denen Stovers Humor ein wenig überdreht daherkommt, etwa wenn Yoda sich beim Eindringen in den Jedi-Tempel nach Order 66 als Jedi-Baby ausgibt, und auch die One-Liner, die Anakin beim Abschlachten des Separatistenrates vom Stapel lässt, sind ein wenig zu viel des Guten; diese Szene hat in der Filmversion ohne Kommentare besser funktioniert. Aber das sind letztendlich winzige Kleinigkeiten, die das Gesamtbild in keinster Weise trüben. Noch ein Tipp zum Schluss: Ich rate zur Lektüre des englischen Originals, denn die deutsche Übersetzung ist nicht immer ganz gelungen.

Es sei noch zu erwähnen, dass es „Revenge of the Sith“ sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch in Hörbuchform gibt. Auf Deutsch liest Philipp Moog, seines Zeichens deutsche Stimme von Ewan McGregor, in der englischen Lesung (erhältlich auf Audbile) ist SW-Hörbuchveteran Jonathan Davis zu hören. Auch hier rate ich, nicht nur aus dem oben genannten Grund, zur englischen Version – Moog liest zwar keinesfalls schlecht, an Davis‘ Interpretation des Textes und seine gelungene Imitation des Tonfalls der Darsteller kommt er aber nicht heran. Darüber hinaus sind die englischen Hörbücher mit Soundeffekten sowie dem Einsatz von John-Williams-Musik an ausgewählten Stellen noch einmal eine ganze Ecke atmosphärischer.

Fazit: „Revenge of the Sith“ ist so viel mehr als die bloße Romandaption eines Star-Wars-Films. Dieses Werk beinhaltet alles, was Star Wars ausmacht und zeigt gleichzeitig, was man aus Star Wars alles herausholen kann. Jeder, der etwas für die weit, weit entfernte Galaxis übrig hat, sollte dieses Buch lesen, egal, wie die Meinung zu den Prequels aussieht.

Stück der Woche: Burly Brawl


Mal wieder was anderes beim „Stück der Woche“. Vor Kurzem habe ich mir die kompletten Soundtracks von „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ bestellt, was wirklich eine äußerst zufriedenstellende Anschaffung war. Das tolle an den beiden Doppel-CD-Sets von La-La-Land Records ist, dass sie nicht nur die komplette Musik der Filme (ohne die diversen Songs, versteht sich) enthalten, sondern auch diverse, hochinteressante Alternativstücke. Eines davon steht, zusammen mit der Filmversion, im Fokus dieses Artikels.

„The Matrix“ hatte zwei musikalische Seiten, die eine repräsentiert durch bereits vorher existierende Hard-Rock- und Electronica-Songs und die andere durch Don Davis‘ Score in der Tradition postmoderner, klassischer Musik von Komponisten wie John Adams oder Philip Glass. Nach dem großen Erfolg, den vor allem Rob Dougans Clubbed to Death feierte, das durch „The Matrix“ geradezu revitalisiert wurde, beschlossen die Wachowskis, die beiden musikalischen Seiten ihrer Filmreihe stärker miteinander zu verbinden. Eines der Produkte dieses Vorhabens ist Burly Brawl, das die Szene untermalt, in der Neo gegen eine ganze Armee von Smiths kämpft.

Davis komponierte für diese Szene aus „Matrix Reloaded“ ursprünglich ein sehr interessantes, aber auch ziemlich anspruchsvolles Stück. Die Vielzahl an Smiths repräsentiert der Komponist durch staccato-artige, sehr hohe Blechbläser, die den Hörer quasi konstant attackieren. Außerdem arbeitet er immer wieder die bereits aus dem ersten Film bekannten Matrix-Motive ein, etwa das alternierende Zwei-Noten-Thema, das die virtuelle Welt als Ganzes repräsentiert (taucht zum Beispiel bei 0:37 auf), das tiefe Maschinendröhnen (1:35) und die aufsteigende Tonfolge, die ich für Neos heroisches Thema halte (2:25). All diese Einsätze bleiben aber sehr kurz und fragmentarisch, sie werden von der Flut der Smiths und ihrer musikalischen Repräsentation immer wieder abgewürgt. Ab der Dreiminutenmarke beginnt sich das Blatt zum ersten Mal zu Neos Gunsten zu wenden, was von einem epischen neuen Motiv untermalt wird. Es folgen mehr Smiths (und mehr Staccato-Blechbläser), bis sich Neo, begleitet vom epischen Motiv und seinem Heldenthema, am Schluss von den Smiths befreien und davonfliegen kann.

Trotz des interessanten ursprünglichen Ansatzes beschlossen die Wachowskis letztendlich, dem Ganzen eine elektronischere Grundstimmung zu geben, weshalb sie den Electronica-Künstler Ben Watkins (Begründer von Juno Reactor) anheuerten. Dieser schrieb kein völlig neues Stück, sondern bediente sich Davis‘ ursprünglicher Komposition, nahm sie auseinander und setzte sie neu zusammen, sodass nun die für Watkins typischen Elemente elektronischer Trance-Musik mit und gegen Davis‘ orchestrale Klänge arbeiten (treffenderweise wird die Filmversion von Burly Brawl „Juno Reactor vs. Don Davis“ zugeschrieben).

Die anspruchsvollen Staccato-Blechbläser sind nun größtenteils verschwunden (bei 2:10 und kurz vor Schluss schimmern sie kurz durch) und konstanten, treibenden elektronischen Beats gewichen, Davis‘ Orchesterbegleitung, die metallischen Percussions und die eingeflochtenen Leitmotive sind allerdings geblieben, etwa das Matrix-Motiv bei 0:50 oder das Heldenthema bei 2:32. Ebenso findet sich das Maschinenwummern an derselben Stelle wie in der ursprünglichen Version; auch das epische Motiv ist nach wie vor vorhanden und wird durch den Choreinsatz sogar noch epischer (3:18).

Obwohl ich eigentlich Dance, Trance, Eletronica und ähnliches sonst eher weniger schätze, gefällt mir die von Watkins bearbeitete Version des Stückes tatsächlich besser, weil sie den herausbrechenden Leitmotiven mehr Prägnanz verleiht und besser zur Stimmung der Szene passt. Der Einsatz der Staccato-Blechbläser ist zweifelsohne interessant, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass die angeschnittenen Themen fast untergehen. Und der Chor in der Watkins-Version ist natürlich unglaublich hilfreich, denn ich liebe epische Chöre.

Dennoch finde ich es gerade hier besonders toll, dass auf dem La-La-Land-Album beide Stücke zu finden sind, denn der Vergleich beider Versionen macht zumindest mir verdammt viel Spaß. Je mehr Matrix-Musik, desto besser.

Game of Thrones Staffel 4

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Eigentlich wollte ich mich ja gerade an den Überblicksartikel zur fünften GoT-Staffel machen, da ist mir aufgefallen, dass etwas Derartiges auch für Staffel 4 fehlt (am Ende meiner Rezension zur zehnten Episode besagter Staffel findet sich lediglich ein kurzes Resümee), weshalb das nun nachgereicht wird. Da das Zusammenfassen der Handlung ohnehin inzwischen zur Farce geworden ist, gehe ich dieses Mal ähnlich vor wie in meinen Artikeln zu den einzelnen Episoden, will heißen: Sortiert nach Handlungssträngen. Dem wird allerdings ein allgemeinerer Teil vorangestellt. Dabei bemühe ich mich, Staffel-5-Spoiler zu vermeiden.

Allgemeines zur Staffel
Insgesamt muss ich leider sagen, dass Staffel 4 nicht ganz auf dem hohen Niveau ist wie die Staffeln 1 bis 3, wobei man hier zweifelsohne differenzieren muss: Wenn Staffel 4 gut ist, ist sie richtig gut, ich wage sogar die Behauptung, dass sie einige der besten Momente der gesamten Serie enthält; „The Lion and the Rose“, die zweite Folge, in der die königliche Hochzeit stattfindet, gehört definitiv in meine Top 5. Leider gibt es nicht nur Höhen, denn nach einem verdammt starken Start offenbaren sich einige massive Probleme, die vor allem struktureller Natur sind und mit der Adaption der Vorlage zusammenhängen. „A Storm of Swords“, der dritte Band der Serie, wurde ja nicht, wie die ersten beiden Bände, in einer Staffel umgesetzt, sondern in zwei, und die negativen Auswirkungen dieser Entscheidung zeigen sich nun: Staffel 4 leidet sowohl unter der Struktur der Serie als auch daran, dass einige Handlungsstränge mehr „Fleisch“ haben als andere. Während es in King’s Landing beispielsweise noch mehr als genug Handlung für eine ganze Staffel gibt, müssen andere Handlungsstränge unnötig in die Länge gezogen werden. Genau hier wäre eine flexiblere Staffelstruktur wünschenswert gewesen. „A Storm of Swords“ hätte sich in meinen Augen entweder als längere Staffel mit 15 Folgen oder als zwei kürzere mit jeweils sieben Folgen am besten umsetzen lassen. Das ist letztendlich allerdings nichts, was man Benioff und Weiss vorwerfen könnte. So wie ich HBO einschätze, besteht der Sender auf einer zehn-Folgen-Staffel pro Jahr und wäre mit verkürzten Staffeln nicht einverstanden gewesen, während eine längere Staffel aus Produktions- und Budgetgründen schlicht nicht umzusetzen gewesen wäre.

Die Hochzeit von Joffrey (Jack Gleeson) und Margaery (Natalie Dormer)
Die Hochzeit von Joffrey (Jack Gleeson) und Margaery (Natalie Dormer)

Auch die typische Staffelstruktur erweist sich als problematisch: Bislang gab es in jeder ungeraden Staffel in der neunten Episode einen oder mehrere schockierende Todesfälle, während in den geraden eine Schlacht an einem Schauplatz gezeigt wurde. Staffel 4 folgt diesem Muster (bzw. dem Beispiel von Staffel 2) mit der Schlacht an der Mauer, was sich für den entsprechenden Handlungsstrang allerdings ebenfalls als eher unglücklich erweist.

Was Staffel 4 darüber hinaus auch schadet, sind einige Detailänderungen gegenüber der Vorlage, die jedoch massive Auswirkungen auf diverse Charaktere haben und dafür sorgen, dass die Entwicklung problematisch oder die Tiefe und Glaubwürdigkeit unnötig reduziert wird.

King’s Landing
Schon in den Staffeln 1 bis 3 war King’s Landing so etwas wie das inoffizielle Zentrum der Handlung; hier waren stets die meisten wichtigen Figuren an einem Ort und interagierten miteinander. Auch in Staffel 4 ist dies der Fall; im Großen und Ganzen ist dieser Handlungsstrang derjenige, der am besten und überzeugendsten umgesetzt wird, gerade weil noch genug passiert, um eine ganze Staffel zu füllen. Fast alle Highlights der Staffel finden an diesem Schauplatz statt; in erster Linie sind hier vor allem die königliche Hochzeit, Tyrions Prozess und Oberyn Martell in seiner Gesamtheit zu nennen. Die beiden größten Probleme sind Jaime und Cersei, deren Entwicklung und Verhältnis in dieser Staffel sinnlos mäandert (wir erinnern uns an diese Kontroverse, die zu dem, was da alles in Staffel 5 passiert ist, nun relativ harmlos erscheint) und die sich in der Gegenwart des anderen ziemlich out of character verhalten, sowie die Umsetzung des finalen Tyrion-Kapitels, dem Benioff und Weiss gewissermaßen die Zähne gezogen haben, als hätten sie Angst, Tyrion könne dem Zuschauer zu unsympathisch werden. Dennoch, insgesamt betrachtet gefällt mir die Umsetzung all dessen, was in der Hauptstadt passiert, am besten, was nicht zuletzt auch damit zusammenhängt, dass alles einen natürlichen Fluss hat und sich nicht ausgedehnt anfühlt.

Letztendlich könnte das auch damit zusammenhängen, dass sich in King’s Landing ein letztes Mal die darstellerische Crèmè de la Crèmè der Serie fast komplett versammelt, von Peter Dinklage über Charles Dance, Diana Rigg, Pedro Pascal, Natalie Dormer, Gwendoline Christie (zumindest am Anfang) und so weiter.

Tyrion (Peter Dinklage) wird des Königsmordes angeklagt
Tyrion (Peter Dinklage) wird des Königsmordes angeklagt

Natürlich verlassen die diversen wichtigen Figuren in dieser Staffel King’s Landing nach und nach auf die eine oder andere Weise. Während Joffrey das Zeitliche segnet, brechen Sansa und Littlefinger gen Eyrie auf – ein weiterer Subplot, der zwar recht stark reduziert ist, aber im Großen und Ganzen noch funktioniert, auch wenn Sansas Wandlung ein wenig überbetont wurde.

Die Flusslande
Ab hier wird es schon ein wenig problematisch. In Staffel 4 gibt es zwei Pärchen, die durch die Flusslande wandern und sich am Schluss, im Staffelfinale begegnen: Das wären zum einen Brienne und Podrick und zum anderen Arya und Sandor Clegane. Das Interessante an dieser Angelegenheit ist, dass der Trip des einen Pärchens massiv verkürzt , während der des anderen ausgedehnt wurde. In „A Storm of Swords“ haben Arya und Clegane nach der Roten Hochzeit nicht mehr viel zu tun, die Szene im Gasthaus aus „Two Swords“ findet mit minimalen Abweichungen auch im Roman statt, dabei wird Clegane verletzt und wir springen im Grunde direkt zu den Ereignissen, die in „The Children“ thematisiert werden. Das heißt, Aryas und Sandors Wanderung musste um eine ganze Staffel ausgedehnt werden, und in meinen Augen merkt man das auch, da sie gefühlt immer wieder dasselbe Gespräch führen und Arya mit kleinen Abweichung mindestens zwei, drei Mal die gleiche Lektion lernt.

Briennes und Pods Weg stamm dagegen bereits aus „A Feast for Crows“ und wurde gegenüber der Vorlage sehr stark vereinfacht, da die beiden auf ihrem Weg einigen neuen und alten Charakteren begegnen, u.a. Gendry, Rorge und Beißer (die in der Serie von Arya und dem Bluthund erledigt werden) und Sams Vater Randyll Tarly. Trotzdem erscheint ihr Handlungsstrang weniger redundant als der des anderen Pärchens, was auch damit zusammenhängen könnte, dass sie nicht eine ganze Staffel umherwandern, sondern nur eine halbe.

Brienne (Gwendoline Christie) kämpft gegen den Bluthund (Rory McCann)
Brienne (Gwendoline Christie) kämpft gegen den Bluthund (Rory McCann)

Die endgültige Begegnung beider Pärchen entstammt ebenfalls nicht der Vorlage. Ich kann gut verstehen, weshalb Benioff und Weiss sich dafür entschieden haben, gleichzeitig wirkt sie dann aber doch ziemlich unwahrscheinlich und geht am eigentlichen Zweck des Ganzen vorbei: Vor allem bei Brienne und Pod zeigt sich, welche Schäden der Krieg hatte und wie er sich auf das gemeine Volk auswirkte, etwas, das in der Serie kaum angerissen wird. Letztendlich lässt sich hier folgendes (in dieser Besprechung noch öfter auftauchendes) Urteil ziehen: Die Flusslande sind halblebig umgesetzt und hätten entweder mehr oder weniger Zeit benötigt; entweder braucht es radikalere Kürzungen oder mehr Zeit, um der Komplexität der Situation gerecht zu werden.

Dreadfort
Die Geschichte um Theon Greyjoy und Ramsay Snow war in Staffel 3 ziemlich ermüdend, weil es im Grunde immer nur körperliche und psychische Zermürbung gab. In Staffel 4 bessert sich das, weil sich der Handlungsstrang tatsächlich von A nach B bewegt. Im Grunde ist es freilich nicht mehr Theons Geschichte, sondern Ramsays: Er ist derjenige, der einen Auftrag von seinem Vater erhält und am Ende dafür belohnt wird. Auf recht verdrehte Weise erlebt Ramsay hier etwas, das der klassischen Heldenreise ähnelt, um am Ende die Anerkennung seines Vaters zu ernten. Natürlich steht letztendlich trotzdem Theon irgendwie im Fokus, aber er bleibt Wrack und fungiert als reine Spielfigur. Interessanterweise funktioniert das ganz gut, was auch daran liegen könnte, dass das Meiste trotz allem auf Elementen aus „A Dance with Dragons“ basiert. Das kurze Intermezzo mit Yara/Ahsa und den Ironborn ist freilich ebenso nutzlos wie unlogisch und dient lediglich dazu, ein wenig Action unterzubringen und den Zuschauer daran zu erinnern, dass diese Figur noch existiert, aber darüber kann man großzügig hinwegsehen.

Meereen
Daenerys‘ Handlungsstrang in dieser Staffel ist praktisch zweigeteilt: Die erste Hälfte beschäftigt sich mit ihrer Eroberung von Meereen, die zweite mit der Etablierung ihrer Herrschaft und den Schwierigkeiten, die sie dabei hat. Auch hier gibt es das eine oder andere Problem, nicht so gravierend wie in den Flusslanden, aber dennoch. Ich muss zugeben, schon in den Romanen ist Meereen nicht unbedingt mein liebster Handlungsort, und die Serie macht das leider nicht besser. Der grundsätzliche Verlauf (Benioff und Weiss bedienen sich hier auch wieder bei „A Dance with Dragons“) bleibt intakt, Daenerys lernt, dass es weitaus schwieriger ist, eine Stadt zu regieren als eine zu erobern. Allerdings wird die Komplexität stark reduziert; das allein wäre weniger problematisch, allerdings wirken die Daenerys-Szenen zu fragmentiert, um wirklich zu einem Handlungsstrang zusammenzuwachsen, und dann sind da noch die Fokusprobleme: Wo man die Söhne der Harpyie hätte vorbereiten können, dichtet man Grey Worm und Missandei lieber eine Romanze an.

Die Mauer
Den Handlungsstrang mit dem größten Strukturproblem habe ich mir für den Schluss aufgehoben (Bran und Co. sind hier integriert). An dem, was Jon Snow in dieser Staffel so treibt, zeigt sich zum ersten Mal die Schwäche der GoT-Staffel-Struktur. Die große Schlacht, die eine ganze Episode in Anspruch nimmt, hat in Staffel 2 toll funktioniert, hier jedoch… Man verstehe mich nicht falsch, die Episode selbst, „Watchers on the Wall“, gehört zu den Highlights der Staffel, aber ansonsten ist der Jon-Snow-Handlungsstrang höchst redundant, was vor allem damit zusammenhängt, dass man Jon, Sam und den Rest der Nachtwache beschäftigen muss, bis die Wildlinge eintreffen. Dieses Problem gibt es im Roman nicht, da es kein Doppelangriff ist, bei Martin attackieren zuerst die Wildlinge, die sich südlich der Mauer befinden, und dann erst greift Mance Rayders Armee von Norden an. Betracht man „Watchers on the Wall“ separat, dann funktioniert der Doppelangriff sehr gut, aber es handelt sich hier nun einmal um eine Serie, in der die Folgen eben gerade nicht separat stehen, weshalb die Zusammenlegung der Staffel insgesamt schadet. Damit Jon und Co. nicht eine Staffel lang nur herumsitzen müssen, dürfen sie nach Norden aufbrechen, um die Meuterer zu bekämpfen, die sich in Craster’s Keep eingenistet haben und ganz zufällig gerade Bran, Hodor, Meera und Jojen gefangen genommen haben, sodass es zu einer weiteren Beinahebegenung kommt. Das Ganze ist leider reines Füllmaterial, hat keinerlei Auswirkungen auf die Figuren, wirkt höchst unglaubwürdig und ist nicht einmal unterhaltsam. Der Sam/Gilly-Subplot, in dessen Rahmen Sam seine Angebetete in einem Bordell in Molestown unterbringt, damit sie nicht von den schwarzen Brüdern vergewaltigt wird (wie hirnverbrannt ist das denn?), ist ähnlich redundant. Insgesamt haben Benioff und Weiss einer wirklich gelungenen Folge einen kompletten Staffel-Handlungsstrang geopfert.

Ygritte (Rose Leslie) stirbt in Jon Snows (Kit Harrington) Armen
Ygritte (Rose Leslie) stirbt in Jon Snows (Kit Harrington) Armen

Zum Abschluss noch ein Wort zu Stannis, bei dem es ähnliche Probleme gibt; diese sind aber weniger gravierend, weil das Füllmaterial weniger Platz einnimmt. Und anders als bei Jon Snow gibt es hier kein Material, das die Serienautoren hätten umverteilen können. Stannis hat in dieser Staffel bis zu seinem Auftauchen an der Mauer kaum Mehrwert, was aber letztendlich verzeihlich ist, da er im Vergleich zu Jon Snow doch eher sekundär ist.

Fazit: Staffel 4 von „Game of Thrones“ erweist sich als bisher zwiespältigste Staffel der Serie mit den größten Qualitätsschwankungen. Hier stehen Serienhighlights neben strukturell und inhaltlich bisher nicht gekannten Tiefpunkten.