Titane

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Story:
Alexia (Agathe Rousselle), der als Kind nach einem Autounfall eine Titanplatte in den Kopf eingesetzt wurde, arbeitet als Showgirl bei einer Motorshow, fühlt sich sexuell von Autos angezogen und betätigt sich nebenbei als Serienkillerin. Besonders gerne tötet sie Männer, die sich ihr unsittlich nähern, mit ihrer Haarnadel. Als man ihr jedoch auf die Spur kommt, ist Alexia gezwungen, eine andere Identität anzunehmen und sich als Adrien, der verschollene Sohn des Feuerwehrhauptmanns Vincent (Vincent Lindon) auszugeben. Das alles würde ihr deutlich leichter fallen, wäre sie nicht von einem Auto schwanger…

Kritik: Die französische Regisseurin Julia Ducournau fiel erstmals mit ihrem Film „Raw“ auf, in welchem sie sensitives Charakterdrama mit kannibalischem Body-Horror verknüpfte. Im Vergleich zu „Titane“, ihrem neuesten Streich, mit dem sie in Cannes 2021 die Goldene Palme gewann, ist „Raw“ ein relativ zugänglicher und gut verständlicher Film. Viele Themen ihres Kinodebüts, primär Identität und Ausdruck derselben durch mentale und körperliche Metamorphose, finden sich auch in „Titane“ wieder, allerdings weitaus hemmungsloser inszeniert. Wo „Raw“ noch vergleichsweise geerdet war, schwelgt Ducournau hier in surrealen Bildern. Nach dem „Wie“ und „Warum“ bzw. der Funktionsweise der erzählten Welt des Films sollte man nicht fragen, denn es gibt keine Antwort darauf, Ducournau erklärt nicht, sondern zeigt nur, und das schonungslos. „Titane“ scheint oft einer Traumlogik zu folgen, Alexia fühlt sich zu einem Auto hingezogen, hat Sex mit ihm und wird dadurch schwanger, was u.a. zur Folge hat, dass aus diversen Körperöffnungen Motoröl tropft. Auch die Handlungen der Figuren folgen nicht per se einem logischen Muster. Während Alexias erster Mord im Film noch halbwegs nachvollziehbar ist, wirken die weiteren willkürlich und ohne Motivation. Alexias Tarnung als Adrien scheint als Handlungselement eher einer schlechten Soap entnommen, da die erzählte Welt des Films allerdings ohnehin mit surrealen Elementen und Traumlogik arbeitet, stört das im Grunde nicht weiter.

Mehr noch als „Raw“ ist „Titane“ geprägt von einer schonungslosen Körperlichkeit, Ducournau richtet ihre Protagonisten, primär natürlich Alexia, in geringerem Maße aber auch Vincent, regelrecht zugrunde und wir als Zuschauer dürfen hautnah dabei sein. Diese Szenen erreichen eine selten gekannte Intensität und Intimität. Alexias mentale und körperliche Metamorphose ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung und fordert ihrer Darstellerin einiges ab – an dieser Stelle möchte ich meine Hochachtung für Agathe Rousselle aussprechen, die sich für ihr Debüt als Schauspielerin wirklich kaum einen physisch anspruchsvolleren und fordernderen Film hätte aussuchen können, wobei dazu gesagt werden muss, dass es eher Ducournau war, die sich Agathe Rousselle aufgrund ihrer androgynen Erscheinung ausgesucht hat und ordentlich Überzeugungsarbeit leisten musste. Alexia wird körperlich völlig zugrunde gerichtet; wo sie zu Beginn als Tänzerin übermäßigt sexualisiert dargestellt wird, bricht sie sich im Verlauf des Films selbst die Nase, wird rasiert, schwillt durch die Schwangerschaft an, das bereits erwähnte Öl quillt aus allen möglichen und unmöglichen Stellen und Metall bricht überall durch. Vincent hat seine eigenen körperlichen Probleme und injiziert sich immer wieder Steroide, um bei Kräften zu bleiben, was Ducournau nicht minder schonungslos zeigt. Besonders faszinierend ist der Umstand, dass beide Figuren mit fortschreitender Entstellung immer menschlicher werden. Wo Alexia zu Beginn gnadenlos tötet und sich um nichts und niemanden schert, scheint ihr Vincent am Ende wirklich etwas zu bedeuten. Vincent seinerseits akzeptiert Alexia schließlich als die Person, die sie ist und nicht als die, für die er sie hält, sein obsessives Verhalten schwindet langsam. Ironischerweise sorgt der Wandel der Hauptfigur dafür, dass sich „Titane“ mitunter anfühlt, als handle es sich um zwei verschiedene Filme: Die erste Hälfte scheint dem Horror- bzw. Exploitation-Bereich anzugehören, während die zweite eher sensitives Charakterdrama ist – meistens zumindest. Beide Hälfte werden durch Elemente des Body-Horror verbunden, deren Wirkung sich allerdings durch den veränderten Kontext massiv verändert.

Die vielleicht größte Schwäche von „Titane“ ist in diesem Zusammenhang, dass die Reizüberflutung und die geradezu surreale Absurdität der ersten halben Stunde die eigentliche Botschaft des Films in der Wahrnehmung unterminieren können, zugleich aber nötig sind, um sie zu vermitteln. So manch ein Kritiker hat „Titane“ in diesem Kontext unterstellt, das zentrale Thema des Films sei „der Körper als Feind“ oder ihm sogar Transfeindlichkeit attestiert, aber ich denke, beide Urteile treffen absolut nicht zu. Das Zugrunderichten der Körper ist eher Metapher für die Identitätsauflösung und z.T. auch Neufindung der Figuren, innere und äußere Metamorphose bilden einen Kontrapunkt. Laut Julia Ducournau ist das zentrale Thema des Filmes Liebe, und tatsächlich triumphiert die Liebe am Ende – wenn auch auf sehr bizarre und irritierende Art und Weise.

Fazit: Wie schon „Raw“ ist auch „Titane“ ein ebenso faszinierender wie fordernder Film, in dem Regisseurin Julia Ducournau sowohl ihren Figuren als auch ihren Zuschauern einiges abverlangt. Bizarrer, absurder und thematisch dichter Body-Horror mit Aussage in bester Cronenberg-Tradition mit beeindruckender schauspielerischer Leistung der Newcomerin Agathe Rousselle, wie üblich ist allerdings ein starker Magen nötig.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Raw

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