Raw

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Story: Justine (Garance Marillier), auf Veranlassung ihrer Eltern bereits ihr Leben lang Vegetarierin, beginnt ihr Studium auf der selben Schule für Tiermedizin wie ihre Schwester Alexia (Ella Rumpf). Besagte Schule verfügt über einige eher ungewöhnliche Riten, um die Neuzugänge zu initiieren – darunter das Verspeisen roher Hasenleber. Nachdem Justine diese heruntergewürgt hat, beginnt sie, einen einen unheimlichen Hunger zu spüren, der nur mit einem gestillt werden kann: Menschenfleisch…

Kritik: Nachdem ich in letzter Zeit primär über die großen Franchises geschrieben habe (was u.a. auch mit einem gewissen Zeitmangel zusammenhing), wende ich mich nun mal wieder etwas geringfügig anderem zu. Französische Horrorfilme sind von etwas anderem Kaliber als ihre amerikanischen Gegenstücke, wie spätestens seit „Martyrs“ bekannt sein dürfte. Zugegebenermaßen tue ich mich allerdings mit der Klassifizierung von Julia Ducournau Kinodebut als „Horrorfilm“ eher schwer, auch wenn ihm gemeinhin dieses Label verpasst wird, denn tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Kannibalen-Horror im eigentlichen Sinne, sondern um eine Coming-of-Age-Story – eine sehr eklige zwar, aber nichts desto trotz.

Die Konzeption des Plots erinnert vage an die Schauergeschichte „The White Maniac: A Doctor’s Tale“ von Mary Fortune – auch hier wird eine junge Frau durch einen bestimmten Auslöser, in diesem Fall nicht Fleischverzehr, sondern die Farbe rot – zur Kannibalin. Bei Fortune wird diese Idee allerdings in klassischer Horror-Manier verarbeitet. Als Leser erlebt man die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Arztes, der sich zuerst in besagte junge Frau verliebt, bis sie später zum Monster wird. „Raw“ dagegen folgt stets Justine und zeigt alles aus ihrer Perspektive. Als Zuschauer wird einem dabei relativ wenige erklärt – so erfährt man nie, woher der Hunger auf Menschenfleisch kommt, nur, dass er innerhalb von Justines Familie wohl öfter vorkommt, denn Alexia gönnt sich auch ganz gerne mal einen Snack der besonderen Art.

Vielmehr ergeht sich Regisseurin Ducournau in überwältigenden Bildern, die zugleich poetisch und ekelerregend sind und eine ähnliche Faszination ausüben können wie die Bildkompositionen in der Serie „Hannibal“ – wenn auch auf andere Weise und ohne den gotischen Einschlag. Ducournau konnotiert den Kannibalismus hier mit Erwachsenwerden, mit erwachender Sexualität, schreck dabei aber auch vor tiefschwarzem Humor nicht zurück. Gerade bei der Art und Weise, wie Justines körperliche und mentale Transformation in Szene gesetzt ist, zeigt sich der Unterschied zu amerikanischen Produktionen – in einer solchen würde das niemals derart schonungslos, dabei aber unvoyeuristisch gezeigt werden. In diesem Kontext muss unbedingt Garance Marillier gelobt werden, die für diesen Film einiges über sich ergehen lassen muss, dabei aber in ihrer Rolle völlig überzeugt.

Fazit: „Raw“ ist kein klassischer Kannibalen-Horror, sondern eine ebenso sensitive wie ekelhafte Coming-of-Age-Story, die über ebenso viel Symbolismus wie Ausmaß an Körperflüssigkeit verfügt. Lohnenswert, aber nichts für schwache Mägen.

Trailer

Bildquelle

4 Gedanken zu “Raw

    1. Danke. Irgendwie dauern die Antworten gerade immer etwas länger, aber irgendwann kommen sie 😉 „Raw“ war tatsächlich fast so etwas wie eine Zufallsentdeckung, ich hatte schon vorher das eine oder andere darüber gelesen und dann war er plötzlich auf Amazon Prime verfügbar – sehr nützlich 🙂

  1. Witzigerweise habe ich den Film auch erst vor ein paar Wochen gesehen und war überrascht, dass er doch edgier und ein bisschen mehr Indie ist als ich erwartet hätte. V.A. dachte ich nicht, dass das Studentenleben als so krass dargestellt wird. Und ich meine da haben sie sehr krass übertrieben. Die ganzen Initiationsriten in dem Film sind ja zum wegrennen – da gerät leicht das Thema des Films aus den Augen oder man interpretiert es als einen Teil des dargestellten Erwachsenwerdens.

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