Victorian Undead

Halloween 2022
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Wenn es eine fiktive Figur gibt, die Dracula bezüglich Adaptionen und Auftritten das Wasser reichen oder ihn sogar übertreffen kann, dann ist es Sherlock Holmes. Da ist es natürlich naheliegend, beide in einem Crossover unterzubringen; selbst davon gibt es eine ganze Menge. In den Fortsetzungen von Fred Saberhagens „The Dracula Tape“ etwa treffen der Detektiv und der Vampirgraf ebenso aufeinander wie in Christian Klavers Serie „The Classified Dossier“. Zusätzlich finden sich auch Werke, die ihren Fokus zwar nicht auf das Aufeinandertreffen der beiden Ikonen legen, in dem sie aber vorhanden sind oder waren – man denke an Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“ oder Kim Newmans Anno-Dracula-Serie. Sujet dieses Artikels ist allerdings ein etwas obskureres Werk: Ian Edgintons „Victorian Undead“. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Comics, in denen sich Sherlock Holmes und Dr. Watson, der Titel suggeriert es bereits, mit diversen Untoten herumschlagen müssen. Edginton verfasste zwei Miniserien und einen One Shot, der zwischen ihnen angesiedelt ist, in chronologischer Reihenfolge sind das „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies“ (2010), „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde“ und „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (beide 2011).

Die erste Miniserie inszeniert eine viktorianische Zombie-Apokalypse, hinter der, wen wundert es, letztendlich ein zombiefizierter James Moriarty steckt, der sich nicht nur nach der Angelegenheit bei den Reichenbachfällen an Holmes rächen möchte, sondern auch Weltherrschaftsambitionen hegt. Natürlich ist es an Holmes und Watson, hinter die Ursprünge der sich ausbreitenden Zombieseuche zu kommen und die Welt vor Moriartys Machenschaften zu bewahren. Dr. Jekyll bzw. Mister Hyde ist technisch geschehen natürlich kein Untoter, der One Shot baut allerdings auf der vorherigen Miniserie auf, sodass Mister Hyde nicht nur als menschliches Ungeheuer, sondern als Zombie auftreten kann – wie der untote Moriarty ist er allerdings nach wie vor in der Lage, sich klar zu artikulieren. Sowohl die erste Miniserie als auch der One Shot sind durchaus kurzweilig und unterhaltsam, bleiben aber ein wenig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Erstere verliert vor allem während der zweiten Hälfte, wenn es zunehmend apokalyptisch und zerstörerisch wird, das typische Holmes-Feeling, währende Letzterer seine Prämisse nicht wirklich gerecht wird. Unter einem Aufeinandertreffen zwischen Holmes und Jekyll/Hyde stellt man sich eine deutlich vielschichtigere, psychologisch interessantere Geschichte vor. Die Kürze des One Shots wird dem einerseits kaum gerecht, während Hydes untote Natur zwar aufgrund der Konzeption bzw. des Titels irgendwie essentiell ist, gleichzeitig aber das menschliche Böse, das Hyde repräsentiert, auf fatale Weise mindert.

Wie angesichts meiner Interessenslage nicht anders zu erwarten ist es natürlich vor allem die dritte Miniserie, die im Fokus dieses Artikels stehen soll, nicht zuletzt, weil sie direkt an diverse andere Artikel anknüpft – Draculas Auftauchen im Comic ist schließlich eines meiner hervorstechendsten Steckenpferde. „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ beginnt mit einer nur allzu vertrauten Szene: der Ankunft der Demeter in England. Im weiteren Verlauf erleben wir gewissermaßen, wie sich Holmes und Watson in die Handlung von Bram Stokers Roman einmischen, indem sie ermitteln, was mit der Demeter geschah, weshalb die Mannschaft zu Tode kam etc. Dabei stoßen sie natürlich früher oder später nicht nur auf Draculas Spuren, sondern auch auf seine Jäger um Abraham Van Helsing, die sich gerade mit Lucy Westenras Vampirwerdung auseinandersetzen müssen. Ab diesem Zeitpunkt entfernt sich Edginton weiter von Stokers Roman, auch wenn wir etwas später in einer Rückblende erfahren, dass sich Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss genauso abgespielt hat wie im Roman. Die obligatorische Verknüpfung von Dracula mit Vlad Țepeș darf in dieser Expositionsszene natürlich ebenfalls nicht fehlen. Zudem passt Edginton die Rollen von Mina und Lucy an. Erstere begeht nach ihrer Vampirwerdung Selbstmord, während Letztere sich als Blutsaugerin emanzipiert und sowohl von Dracula als auch ihren Verehrern genug hat. Sie hilft allerdings dabei, Draculas Bräute zu beseitigen.

Wie dem auch sei, die weitere Handlungsentwicklung erinnert an einen gewissen anderen Roman, und zwar so sehr, dass dieser Comic beinahe als Prequel funktionieren könnte, würde er nur anders enden. Die Rede ist vom bereits erwähnten Meta-Crossover „Anno Dracula“ von Kim Newman. Bei Newman wie bei Edginton plant der Graf, über Queen Victoria die Macht in Großbritannien zu übernehmen. Eine weitere, erstaunliche Parallele ist der Umstand, dass Arthur Holmwood in beiden Werken auf der Seite der Vampire steht, auch wenn die Umstände ein wenig anders sind. Bei Edginton fungiert er als Drahtzieher, der alles zusammen mit Dracula geplant hat, während er in „Anno Dracula“ von Lord Ruthven aus John William Polidoris „The Vampyre“, der als Premierminister des Empires fungiert, zum Vampir gemacht wird. Der größte Unterschied ist natürlich der Ausgang, denn „Anno Dracula“ beginnt, nachdem der Graf seinen Plan bereits erfolgreich in die Tat umgesetzt hat, während dieser in „Victorian Undead“ natürlich mithilfe eines komplizierten, von Holmes ersonnen Planes vereitelt wird. Wo der zum Prinzgemahl gewordene Graf Van Helsing im Roman tötet und Sherlock Holmes in ein Lager sperrt, segnet Dracula im Comic selbst das Zeitliche.

Eine ganze Reihe von Zeichnern wirkte an „Victorian Undead“ mit, darunter Horacio Domingues, Tom Mandrake und Mario Guevara Sr., als Hauptzeichner fungiert aber zweifellos Davidé Fabbri, während die anderen drei zumeist für Flashbacks, ausgewählte Szenen oder, im Fall von Horacio Domingues, den One Shot zum Einsatz kommen. Fabbri ist mir primär als Star-Wars-Zeichner von Werken wie „Jedi Council: Acts of War“ oder „The Hunt for Aurra Sing“ bekannt, ich muss allerdings zugeben, dass mir sein Stil nicht allzu sehr zusagt, mir persönlich wirkt er eine Spur zu cartoonig und ich bin auch kein allzu großer Fan seiner Gesichter. Zudem wäre gerade in Bezug auf gotisch-düstere Atmosphäre noch Spielraum nach oben gewesen – ich denke, Tom Mandrake wäre als primärer Zeichner vielleicht die bessere Wahl gewesen. Edginton und Fabbris Dracula erinnert visuell interessanterweise an die aktuelle Marvel-Inkarnation der Figur, bei der der von Stoker beschriebene, üppige Schnauzbart fehlt und die stattdessen über lange, weiße Haare verfügt.

Fazit: „Victorian Undead“ ist ein leidlich interessantes Crossover zwischen Sherlock Holmes und diversen untoten Kreaturen, dass aber gerade in Bezug auf Dracula so gut wie keine neuen Impulse zu setzen vermag, nicht zuletzt aufgrund der inhaltlichen Parallelen zu Kim Newmans „Anno Dracula“. Vielleicht sind diese tatsächlich rein zufällig entstanden, dennoch komme ich nicht umhin mich zu fragen, ob es nicht vielleicht interessanter gewesen wäre, wenn Ian Edginton nicht einfach mit Newman zusammen ein tatsächliches Anno-Dracula-Prequel verfasst hätte.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stoker’s Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Blade
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula
Art of Adaptation: Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi
Dracula, Motherf**ker!
The Dracula Tape

Santa Clarita Diet

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Zombies in Filmen und Serien sind bereits seit einiger Zeit enorm beliebt. Neben dem klassischen Modell, in dem sie entweder, wie etwa in George A. Romeros Filmen, als Metapher fungieren oder, wie in „The Walking Dead“, vor allem als Hintergrund fungieren, vor dem sich die nicht-untoten Figuren entwickeln, finden sich immer häufiger Filme und Serien, zum Beispiel „Warm Bodies“ oder „iZombie“, deren Hauptfigur ein intelligenter Zombie ist, der mit seinem Schicksal hadert. Die Netflix-Serie „Santa Clarita Diet“ ist das neuste Beispiel für diese Herangehensweise. Wie bei den bereits erwähnten spielt auch hier Humor eine sehr wichtige Rolle.

Das Ausgangssetting gleicht dem einer typischen Sitcom und arbeitet mit Serienstereotypen. Mit Sheila (Drew Barrymore) und Joel Hammond (Timothy Olyphant) haben wir ein Maklerpärchen, dessen Ehe ein wenig langweilig geworden ist. Die rebellische sechszehnjährige Tochter Abby (Liv Hewson) überrascht ebenso wenig wie der nerdige gleichaltrige Nachbar Eric (Skyler Gisondo), der unter seinem Stiefvater Dan (Ricardo Shavira) leidet. Eines Tages muss sich Sheila bei einer Hausbesichtigung aus heiterem Himmel übergeben – und zwar in einem Ausmaß, das alles andere als normal ist. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich alles, denn Sheila entdeckt nicht nur, dass sie eine Vorliebe für rohes Fleisch entwickelt hat, sondern auch, dass ihre Triebe die Überhand gewinnen und sie ansonsten ziemlich untot ist. Nachdem sie ihren aufdringlichen Arbeitskollegen Gary (Nathan Fillion) angefallen, ausgeweidet und aufgegessen hat, muss sie feststellen, dass gewöhnliches Fleisch nicht mehr ausreicht: Sheila muss sich von möglichst frischen Menschen ernähren. Joel, der seine Frau aufrichtet liebt, bietet ihr seine volle Unterstützung an, und auch Abby lässt ihre Mutter nicht im Stich. Während Eric einem Zombie-Experten noch am nächsten kommt und ebenfalls hinzugezogen wird, findet Dan Garys abgetrennten Finger und beginnt, Verdacht zu schöpfen…

Um eines gleich von vornherein klarzustellen: „Santa Clarita Diet“ ist keine Serie für schwache Mägen und verfügt über einen sehr, sehr schwarzen Humor – der neueste Streich von Netflix ist definitiv nicht für jeden geeignet. Nun, da wir diese Warnung aus dem Weg haben: Ich liebe diese Serie; sie ist zwar weder perfekt noch ein besonderer Meilenstein, hat für mich aber dieses gewisse Etwas. „Santa Clarita Diet“ hat zehn Folgen, die jeweils eine halbe Stunde gehen; ich habe alle innerhalb von zwei Tagen durchgearbeitet, da die Serie ein ungemeines Suchtpotential hat. Dieses entsteht vor allem aus der gelungenen Kombination von Sitcom-Stereotypen mit absurden und abartigen Situationen, mehr oder weniger unerwarteten Twists und höchst bösartigem Humor. Gerade dann, wenn die Serie Gefahr läuft, formelhaft zu werden, schaffen es die Autoren, die Karten durch eine gelungene Wendung neu zu mischen und den Fokus zu verändern. Vor allem zu Beginn konzentriert man sich auf Sheilas Wandlungsprozess, dann auf die Nahrungsbeschaffung – etwa das erste Drittel der Serie ist auch am unappetitlichsten. Im Folgenden werden dann die Mysteryelemente stärker betont, es zeichnet sich eine übergreifende Handlung ab und einige Fragen werden immerhin teilweise beantwortet – der Fokus liegt nun auf den Hintergründen und der Suche nach einem potentiellen Heilmittel.

Noch wichtiger als die Struktur sind allerdings die Darsteller, allen voran Drew Barrymore und Timothy Olyphant. Die Chemie zwischen diesen beiden bzw. ihren Figuren ist exzellent und trägt einen Großteil des Humors. Dieser wird im Verlauf der Serie ein wenig repetitiv, funktioniert aber gerade wegen der beiden Darsteller nach wie vor. Sheila und Joel wirken im Angesicht der Absurdität nicht nur sympathisch, sondern auch authentisch und schaffen es, den völlig durchgeknallten Vorkommnissen ein gewisses Maß an Bodenhaftung zu verleihen. Man ist stets auf ihrer Seite, auch dann, wenn sie ihren nächsten Mord planen (die Opfer haben es im Großen und Ganzen ohnehin nicht besser verdient). Das hat den Nachteil, dass der B-Plot um Abby und Eric etwas schwächelt, allerdings nicht, weil er wirklich uninteressant ist oder die Darsteller schlecht spielen, sondern ganz einfach deshalb, weil man so schnell wie möglich zur Interaktion der beiden Hauptfiguren zurückkehren möchte. Glücklicherweise sind auch die diversen Nebenfiguren äußerst gelungen und herrlich schräg, sodass fast jede Interaktion äußerst gelungen ausfällt.

Fazit: „Santa Clarita Diet“ ist ziemlich bescheuert, ziemlich bösartig, ziemlich absurd und herrlich schräg. Die neue Netflix-Zombieserie nimmt Sitcom-Klischees, weidet sie aus und verspeist sie genüsslich. Wer schon einmal sehen wollte, wie Drew Barrymore dasselbe mit Nathan Fillon macht oder allgemein auf die Kombination aus Untoten und tiefschwarzem Humor steht, sollte der Serie definitiv eine Chance geben.

Trailer