The Batman – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Unglaublich, aber wahr: Matt Reeves „The Batman“ ist der erste Solofilm mit dem Dunklen Ritter seit 2012 „The Dark Knight Rises“ ins Kino kam, zumindest was Realfilme angeht. Natürlich gab es diverse Animationsprojekte, von denen einige sogar auf der Leinwand zu sehen waren, etwa „The Lego Batman Movie“ oder „Batman: The Killing Joke“ – Letzterer hatte zumindest einen begrenzten Release. Und es gab genug Filme mit Batman, aber Ben Afflecks eher unrühmliche Amtszeit als Dunkler Ritter beinhaltet eben nur Filme, in denen Batman zwar meistens eine, aber eben nicht DIE Hauptrolle spielt. Tatsächlich startete „The Batman“ als Film für Afflecks Inkarnation der Figur, bei dem er auch selbst Regie führen und am Drehbuch mitschreiben sollte. Daraus wurde bekanntlich nichts, Affleck zog sich als Regisseur zurück, Matt Reeves, Regisseur von „Dawn of the Planet of the Apes“, „War for the Planet of the Apes“, „Cloverfield“ und „Let Me In“ kam an Bord und kurz darauf wurde klar, dass Affleck hier auch nicht Batman spielen würde. Matt Reeves hatte kein Interesse daran, an das DC Extended Universe gebunden zu sein oder das Drehbuch eines anderen zu verfilmen, stattdessen wollte er seine eigene Version Batmans umsetzen und einen noch eher jungen und unerfahrenen Dunklen Ritter zeigen, ohne dabei aber noch einmal groß auf die Origin einzugehen. Dementsprechend verfasste er zusammen mit Peter Craig auch das Drehbuch. Eine gewisse Pandemie sorgte für einige Schwierigkeiten, besonders als Robert Pattinson, dessen Casting als Bruce Wayne die üblichen Wellen schlug, an Covid-19 erkrankte. Aber trotz Corona und allen weiteren Hindernissen kann Reeves‘ Vision seit letzter Woche im Kino begutachtet werden. Um es kurz und knapp zu machen, bevor wir in den Spoilerbereich abtauchen: Reeves‘ „The Batman“ hat mir außerordentlich gut gefallen. Nicht, dass es nicht die eine oder andere Schwäche gäbe, gerade der dritte Akt sowie einige Subplots sind ein wenig holprig erzählt, aber im Großen und Ganzen funktioniert Reeves Ansatz exzellent. Diesen als Mischung aus Burton und Nolan mit einer kräftigen Dosis David Fincher zu beschreiben greift zwar ein wenig zu kurz, gibt aber einen ganz guten Eindruck. Wie sich „The Batman“ in meinem persönlichen Ranking gegen die diversen anderen Umsetzungen des Dunklen Ritters schlagen wird, muss sich allerdings erst noch zeigen.

Handlung und Konzeption
An Halloween wird Don Mitchell (Rupert Penry-Jones), der Bürgermeister von Gotham City, auf grausame Art und Weise ermordet, wobei der Killer, der bald als „der Riddler“ (Paul Dano) bekannt wird, ein Rätsel am Tatort hinterlässt. Um ihm bei diesem Fall behilflich zu sein, zieht der ermittelnde Lieutenant James Gordon (Jeffrey Wright), trotz des Widerstands seiner Kollegen, den seit knapp zwei Jahren aktiven Vigilanten Batman (Robert Pattinson) zu rate. Der Riddler scheint es auf die korrupte Elite Gothams abgesehen zu haben: Sein zweites Opfer ist Police Commissioner Peter Savage (Alex Ferns). Die erste Spur, das Foto einer jungen Frau, mit der Mitchell offenbar eine Affäre hatte, führt Batman zum Nachclub „The Iceberg Lounge“, der von Oswald Cobblepot (Colin Farrell), genannt „der Pinguin“, der rechten Hand des Mafiabosses Carmine Falcone (John Turturro), betrieben wird. Nach einem recht fruchtlosen Gespräch mit dem Gangster wird Batman auf Selina Kyle (Zoë Kravitz) aufmerksam, die besagte junge Frau namens Annika (Hana Hrzic) in ihrer Wohnung versteckt. Kurz darauf verschwindet Annika, weshalb Batman und Selina ein wackliges Bündnis schließen, in Batmans Auftrag kehrt Selina in die Iceberg Lounge zurück, um weiter zu ermitteln. Dabei erfahren sie, dass auch Bezirksstaatsanwalt Gil Colson (Peter Sarsgaard) auf Carmine Falcones Gehaltsliste steht – dieser wird dann auch das nächste Opfer des Riddles.

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Batman (Robert Pattinson)

In seiner zivilen Identität als Bruce Wayne besucht Batman Don Mitchells Begräbnis, um dort weiter zu ermitteln. Das Begräbnis wird jedoch von Colson, der vom Riddler mit einer Bombe versehen wurde, gestört. Nur wenn es ihm gelingt, drei Rätsel zu lösen, stoppt der Riddler den Countdown. Colson weigert sich allerdings, die dritte Frage nach der Person zu beantworten, die den entscheidenden Hinweis zur Festnahme des Gangsterbosses Sal Maroni gab. Über den Pinguin kommen Batman und Gordon darauf, dass mit Maronis Festnahme etwas nicht stimmt, da seine kriminelle Operation ungehindert weiterläuft, und nicht nur das: Weitere Polizisten und städtische Beamte sind involviert. Durch weitere Hinweise muss Batman erkennen, dass auch sein eigener Vater Thomas Wayne in die Angelegenheit verstrickt ist. Und mehr noch: Der Riddler hat es auch auf Bruce Wanye selbst abgesehen, eine für ihn bestimmte Bombe bringt seinen Butler Alfred (Andy Serkis) ins Krankenhaus. Kann Batman herausfinden, wer in diese Verschwörung verwickelt ist und wie der Riddler mit all dem zusammenhängt?

Anhand dieser Inhaltsangabe zeigt sich bereits, dass die Detektivarbeit und die Ermittlungen dieses Mal – und zum ersten Mal in einem Batman-Realfilm – eindeutig im Vordergrund stehen. Ein wenig Detektivarbeit hier und da leisteten sicher auch die anderen filmischen Inkarnationen der Figur, man erinnere sich beispielsweise an Christian Bales Rekonstruktion des Einschusslochs in „The Dark Knight“ (wobei die ganze Aktion nicht unbedingt in sich logisch war), aber keiner der bisherigen Batmen kann guten Gewissens als „the world’s greatest detective“ bezeichnet werden – ironischerweise fällt dieser Titel, mit dem Batman in den Comics gerne bedacht wird, sogar in Reeves‘ Film, wenn auch ironisch-spöttisch. Wie dem auch sei, mehr noch als Nolans Batman-Filme entfernt sich Reeves bezüglich des Genres so weit vom typischen Superheldenfilm, wie es gerade möglich ist, ohne den kostümierten Rächer völlig zu entfernen, wie es Todd Phillips in „Joker“ tat. Ja, es gibt einige Actionszenen, doch diese sind verhältnismäßig selten und relativ geerdet, gerade im Kontrast zu den üppigen CGI-Schlachten der MCU-Filme. Und mehr noch, Action ist selten, die Ermittlungen und der Serienkiller- sowie der mit ihm verknüpfte Verschwörungsplot stehen ohne Zweifel im Fokus des Films. „The Batman“ ist ein waschechter Noir-Thriller und bedient sich der üblichen Konventionen.

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Selina Kyle (Zoë Kravitz)

Mit einer Laufzeit von 176 Minuten ist „The Batman“ noch einmal zehn Minuten länger als „The Dark Knight Rises“, insgesamt aber sehr gelungen strukturiert, sodass eigentlich keine Längen aufkommen: Reeves gelingt es, seine Zuschauer direkt in diesen finsteren Moloch einer Großstadt hineinzuziehen und nicht mehr loszulassen, zumindest für die ersten beiden Akte, obwohl man zugegebenermaßen hier und da etwas beschleunigen könnte; für manche Szenen nimmt sich Reeves sehr viel Zeit. Zumindest mich hat das allerdings kaum gestört, ich war immer voll investiert. Erst im letzten Drittel bekommt das Konstrukt einige Risse, da auf die Szene, die sich zuerst wie ein Finale anfühlt, noch einmal mindestens eine weitere halbe Stunde und auch ein weiteres Finale folgt. „The Batman“ ist nun bei weitem nicht der einzige Film mit einem derartigen „Doppelfinale“, weitere Beispiele wären „Casino Royale“ oder „Red Dragon“. Sowohl bei diesen Beispielen als auch hier wirkt das Ganze etwas holprig erzählt, wie in „Casino Royle“ ist diese Struktur zumindest bezüglich der Figurenentwicklung und des Handlungsabschlusses allerdings durchaus essentiell. Dennoch fragt man sich unweigerlich, ob es nicht eine Möglichkeit gegeben hätte, das alles etwas eleganter zu lösen.

A Serious City on a Serious Earth: Matt Reeves’ Gotham
Wir haben schon viele Versionen von Gotham City auf der Leinwand gesehen, von Tim Burtons gotisch-expressionistischer Metropole über Joel Schumachers Neon-Alptraum bis zu Zack Synders völlig undefinierter Großstadt. Natürlich ist den meisten Zuschauern vor allem Nolans Version noch im Gedächtnis; diese Inkarnation von Batmans Heimatstadt wandelte sich allerdings von Film zu Film: In „Batman Begins“ war Gotham noch leidlich gotisch, zwar relativ realistisch, gerade im Vergleich zu Burton oder Schumacher, aber immer noch etwas überzeichnet. Dieser Aspekt verschwand in „The Dark Knight“ fast völlig, hier wirkte Gotham wie eine normale Großstadt und orientierte sich stark am Drehort Chicago – tatsächlich einer der wenigen Kritikpunkte, die ich an „The Dark Knight“ habe. Nun denn, Matt Reeves bringt das „Goth“ in Gotham City zurück. Zwar bemüht er sich ebenfalls, zumindest einen gewissen oberflächlichen Realismus zu bewahren und zieht sein Gotham nicht so überdreht auf, wie es die Filme der 90er taten, zugleich zeigt er aber eine völlig heruntergekommene Stadt, die noch einmal deutlich stilisierter daherkommt als etwa das Gotham aus „Joker“, obwohl sich beide Städte zweifellos am New York der 70er und 80er orientieren. Wie Burton bemüht sich Reeves auch, sein Gotham zu seinem einzigartigen, markanten Ort zu machen, bei dem sich nicht nur um irgendeine Großstadt handelt. Seien es Pinguins Nachtclub, die Bathöhle oder Bruce‘ Wohnräume im Wayne Tower (Wayne Manor wurde bereits im Vorfeld zum Waisenhaus umfunktioniert) – meine Güte, ich will auch so ein Esszimmer.

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Der Riddler (Paul Dano)

Wie oben beschrieben scheint „The Batman“ atmosphärisch mitunter wie ein Kompromiss zwischen den Ansätzen von Burton und Nolan zu sein, während die Tatorte, die Konzeption des Riddlers und die Morde stark an David Finchers „Seven“ und in Ansätzen auch an „Saw“ erinnern. Da „The Batman“ ein PG-13-Rating hat, fällt das Ganze natürlich deutlich weniger blutig aus, aber wie schon Nolan in „The Dark Knight“ reizt Reeves das PG-13-Rating praktisch bis zum Anschlag aus. Selbstverständlich sollten bei den visuellen und inszenatorischen Einflüssen die diversen Batman-Medien abseits der Filme nicht ausgeklammert werden, von „Batman: The Animated Series“ über die Arkham-Spiele bis hin zu den Comics – den diversen Quellen widme ich mich weiter unten separat.

Nicht nur visuell zeigt Reeves sein Gotham als völlig kaputte Stadt. Wie schon bei Nolan ist diese Metropole völlig korrupt, und das noch in deutlich größerem Ausmaß. Vor allem in „Batman Begins“, aber auch in „The Dark Knight“ sahen wir primär korrupte Cops, aber auch Richter und städtische Beamte, neben Gordon schienen allerdings auch der Bürgermeister und der Police Comissioner sauber zu sein. Nicht so bei Reeves: Die komplette Führungsriege der Stadt steckt mit Carmine Falcone unter einer Decke, sodass er der de facto Bürgermeister der Stadt ist. Reeves thematisiert die Korruption noch in deutlich stärkerem Ausmaß und inszeniert sie weitaus erdrückender und allgegenwärtiger, als Nolan das tat. Während in „Batman Begins“ die eigentliche Bedrohung, Ra’s al Ghul und die Gesellschaft der Schatten, letztendlich von außen kommt, dreht sich in „The Batman“ alles um die Stadt selbst, der Riddler ist diesem Sumpf ebenso entwachsen wie Batman selbst, beide sind direkte Reaktionen.

„I’m Vengeance“: Robert Pattinsons Batman
Nachdem in der Dark-Knight-Trilogie die Tendenz vorherrschte, alles zu erklären und auch ordentlich Selbstanalyse zu betreiben, kehrt Reeves eher zum Burton’schen Ansatz zurück: Woher hat Batman sein Training und seine Spielzeuge? Wissen wir nicht, spielt keine große Rolle. Reeves geht sogar noch weiter, was manchmal sehr gut funktioniert, manchmal aber durchaus Lücken hinterlässt, die man hätte schließen müssen. Beispielsweise zeigt Reeves nicht noch einmal die Ermordung der Waynes – zum Glück, nach „Batman“, „Batman Begins“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“, „Gotham“ und „Joker“ haben wir diese in den letzten Jahrzehnten wirklich oft genug gesehen. In manchen Aspekten verlässt sich Reeves einfach darauf, dass sein Publikum mit der Figur vertraut ist, um sich voll auf den Plot dieses Films konzentrieren zu können, ganz ähnlich wie es ein Batman-Comic tun würde, der nicht spezifisch die Origin der Figur behandelt. Bruce‘ Eltern werden zwar thematisiert, aber eben nur insofern sie für die Handlung relevant sind, es spielt also vor allem Thomas Waynes Verstrickung mit Carmine Falcone eine Rolle. Manche Elemente müssen einfach als selbstverständlich hingenommen werden. Die Entscheidung, die Fledermaus als Totem zu verwenden oder nicht zu töten wird weder inhaltlich noch psychologisch erklärt, es ist Batman, das gehört dazu, weshalb wird zumindest in diesem Film nicht erläutert. Ein wenig erinnert dieser Ansatz an „Batman: The Animated Series“: In der ersten Folge „On Leather Wings“ verhält es sich sehr ähnlich, Details bezüglich Batmans Vergangenheit, Motivation etc. werden erst später nachgereicht.

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Alfred Pennyworth (Andy Serkis) und Bruce Wayne (Robert Pattinson)

„The Batman“ ist dennoch eine Origin-Story für die Figur: Robert Pattinsons Bruce Wayne mag bereits seit fast zwei Jahren aktiv sein, ist aber trotzdem noch nicht der Batman, der er sein muss. In vielerlei Hinsicht ist „The Batman“ eine Geschichte von Batmans Scheitern, ein Scheitern, das nötig ist, um ihn zu einer essentiellen Erkenntnis zu bringen. Zu Anfang kümmert sich dieser Batman primär um die kleinen Verbrechen, Raub, Mord, Vandalismus, wobei er nur mäßig erfolgreich ist – zwar kann er einzelne Verbrechen verhindern, insgesamt geht die Kriminalitätsrate aber nach oben, nicht nach unten. Der Film beginnt mit einer ähnlichen Montage, wie wir sie auch zu Beginn von „The Dark Knight“ nach dem Banküberfall sehen: Das Batsignal am Himmel, verängstigte Verbrecher und schließlich Batman im Einsatz. Der Unterschied: In „The Dark Knight“ sorgt die Furcht vor Batman bereits dafür, dass Verbrechen nicht begangen werden, in „The Batman“ hingegen nicht. Auch der Fokus ist ein anderer: Korruption und organisiertes Verbrechen scheinen diesen Batman zumindest zu Anfang nicht zu kümmern. Wo Nolans Dunkler Ritter bei seinem ersten Einsatz sofort gegen Carmine Falcone vorgeht, interessiert sich Reeves‘ Version der Figur nicht groß für die Mafia, sofern sie keine aktiven Verbrechen begeht. Es sind tatsächlich die Morde des Riddlers, die Batman überhaupt erst auf das Ausmaß an Korruption aufmerksam werden lassen.

Den Fokus auf die Detektivarbeit erwähnte ich bereits, aber gerade hier wird Batmans Versagen deutlich: Trotz seiner Beobachtungs- und Kombinationsgabe, von der Technik gar nicht erst zu sprechen, gelingt es ihm nicht, auch nur einen der Riddler-Morde tatsächlich zu verhindern, ebenso wenig wie er es schafft, den finalen Anschlag abzuwenden. Batman geht in seinem Kreuzzug gegen das Verbrechen mit einem absoluten Tunnelblick vor, ohne auf den Kontext zu achten, er sieht nur das aktuelle Verbrechen, nicht das große Ganze. Das zeigt sich auch an der Rolle, die Bruce Wayne in diesem Film spielt – nämlich so gut wie keine. Bezüglich Batmans bürgerlicher Identität verzichtet Reeves auf die übliche Dualität zwischen Playboy und Vigilant, die vor allem in der Dark-Knight-Trilogie sehr betont wurde. Selbst Michael Keatons Batman zeigte sich hin und wieder in der Öffentlichkeit und gab Wohltätigkeitsfeste, obwohl er deutlich introvertierter und zurückgezogener war. Im Vergleich zu Robert Pattinsons Bruce Wayne ist selbst Keatons Inkarnation der Figur eine Frohnatur: Selten zuvor wurde Bruce als derartig obsessiv und kaputt gezeigt. Dementsprechend fällt auch Robert Pattinsons Performance aus, seiner Darstellung ist recht stoisch, Pattinson erreicht mit kleinen Regungen und vor allem seinen Augen extrem viel und deutet eine emotionale Tiefe an, die nur selten an die Oberfläche kommt.

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Das Batmobil

Trotz des Mangels an Bruce Wayne arbeitet Reeves mit einer eindeutigen Dualität, allerdings einer anderen als der üblichen: Batman als Symbol der Vergeltung vs. Batman als Symbol der Hoffnung. Das ist es auch, was Batman durch sein Scheitern in diesem Film lernt: Vergeltung reicht nicht aus, um wirklich etwas zu verändern, benötigt Batman einen systematischen Ansatz. Nur, wenn er sowohl Angst bei den Kriminellen als auch Hoffnung bei denen erweckt, die es zu beschützen gilt, kann er wirklich etwas verändern. Das zeigt sich besonders schön zu Beginn und zum Schluss: Die Person, die Batman am Anfang vor der Straßengang rettet, hat ebenso viel Angst vor ihm wie vor der Gang. Am Ende hat eine andere Person, die er aus den Trümmern rettet, keine Angst mehr, sondern möchte ihn nicht loslassen. Reeves‘ Bildsprache diesbezüglich ist nicht subtil, aber effektiv: Der Vigilant, der sich zu Anfang als Teil der Schatten bezeichnet, bringt das Licht.

Batmans Ausrüstung in diesem Film ist deutlich unausgereifter und weniger „poliert“ als etwa Christian Bales oder Michael Keatons, sondern stärker zweckgebunden. Das neue Batmobil sieht zwar verdammt cool aus und hat ordentlich Power, ihm fehlen aber die ganzen eingebauten Gadgets wie Maschinengewehre, Bat Pod, Sprungvorrichtung etc. Anstatt des Capes mit Gedächtnisstoff, das seinen Weg aus der Dark-Knight-Trilogie in die Comics und die Arkham-Spiele gefunden hat, verfügt Robert Pattinson über einen noch eher unausgereiften Fluganzug. Einzig der Suit scheint den anderen Modellen deutlich überlegen zu sein, offenbar steckt er so ziemlich alles weg, selbst Schüsse aus nächster Nähe. Das eine oder andere Mal hat das eher an Din Djarins Beskar-Rüstung aus „The Mandalorian“ als an Batmans typische Körperpanzerung erinnert. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen – stattdessen hätte man Batman vielleicht den einen oder anderen Ermittlungserfolg gönnen und ihn beispielsweise den Riddler finden lassen können, ohne dass dieser sich selbst aufgibt.

„You Are Part of this, too”: Batmans Verbündete
Batmans Unterstützer sind nur allzu bekannt: Andy Serkis übernimmt als treuer Butler Alfred Pennyworth, Jeffrey Wright spielt James Gordon, hier noch nicht Comissioner, sondern nur Lieutenant, und Zoë Kravitz mimt die neue Version von Selina Kyle/Catwoman. Alle drei Figuren wurden bereits mehrfach hervorragend von exzellenten Darstellern verkörpert, sodass sich automatisch die Frage stellt, wie diese drei sich in ihren Rollen machen. Den geringsten Eindruck hinterlässt tatsächlich Andy Serkis‘ Alfred, was aber nicht daran liegt, dass er der Herausforderung nicht gewachsen wäre – trotz der Laufzeit von drei Stunden taucht Alfred verhältnismäßig selten auf. Reeves versucht, ihm mit Bruce einen eigenen kleinen Subplot zu geben und ihre Beziehung etwas zu entwickeln, zu Anfang des Films verhält sich Bruce eher abweisend und erklärt ihm, er sei eben nicht sein Vater, nachdem Alfred jedoch dem Angriff des Riddlers zum Opfer fällt, revidiert er diese Aussage. Dennoch bleibt die Beziehung zwischen Bruce und Alfred ziemlich oberflächlich, vor allem natürlich im Vergleich zu dem Verhältnis, das die beiden in „Batman Begins“ hatten.

Im Gegensatz dazu spielt Gordon eine deutlich größere Rolle. Weshalb er mit Batman zusammenarbeitet und ihm, anders als alle anderen Polizisten, die mit dieser Zusammenarbeit massive Probleme haben, bedingungslos vertraut, verrät uns Reeves nicht. Dafür fällt die Zusammenarbeit deutlich enger aus als in fast allen bisherigen Filmen: Gordon kontaktiert Batman nicht nur mit dem Batsignal, sie untersuchen gemeinsam Tatorte, ermitteln zusammen und verhören gemeinsam den Pinguin. Jeffrey Wrights Version der Figur erinnert dabei sehr an die beiden, von Brad Pitt und Morgan Freeman gespielten Ermittler David Mills und William Somerset aus Finchers „Seven“, sogar der Sprachduktus scheint ein sehr ähnlicher zu sein. Gordons familiäres Umfeld, das in den Comics eine wichtige Rolle spielt – seine Tochter Barbara ist bekanntermaßen Batgirl, sein Sohn James jr. wird zum Widersacher und seine zweite Frau Sarah Essen Gordon wird vom Joker ermordet – taucht hier zumindest noch nicht auf. Dementsprechend zweckgebunden fällt Wrights Performance aus, wie üblich ist Gordon einer der wenigen nicht-korrupten Polizisten, und obwohl wir seinen genauen Antrieb nicht kennen, ist doch eindeutig, dass er mit voller Leidenschaft bei der Sache ist.

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James Gordon (Jeffrey Wright) und Batman (Robert Pattinson)

Das Verhältnis zwischen Batman und Catwoman, die hier, wie schon in „The Dark Knight Rises“, nur ihren bürgerlichen Namen trägt und bestenfalls einmal als „cat burglar“ bezeichnet wird, ist wie üblich recht ambivalent. Selina ist gleich doppelt in die Mafiaverschwörung verwickelt, zum einen ist ihre Freundin Annika eine potentielle Zeugin, die später vom Pinguin und seinen Leuten beseitigt wird, und zum anderen ist sie Carmine Falcones Tochter und möchte sich an ihrem Vater rächen. Dieser Subplot wirkt ein wenig unausgegoren und konstruiert, die einzelnen Elemente wollen alle nicht unbedingt wirklich zusammenpassen, vor allem am Ende wird das deutlich. Über den Film hinweg wird immer wieder der Eindruck erweckt, Carmine Falcone habe ein gewisses Interesse an Selina, weil er weiß, dass sie seine Tochter ist, jedenfalls scheint er sie „väterlich“ zu behandeln. Dann gibt es allerdings eine Enthüllungsszene, in welcher Selina ihn aufklärt, wer sie ist und die nicht so recht zum Rest passen will. Davon abgesehen ist Selina allerdings ein exzellenter Bestandteil des Films, ich würde sogar noch weiter gehen und Zoë Kravitz die beste Performance des Films attestieren. Während Pattinsons Rolle eher stoisch angelegt ist und er sehr viel über die Augen vermittelt, ist es bei Kravitz die Körpersprache, die die Figur definiert, sei es in den Kampfszenen, wenn sie die Rolle einer Kellnerin schlüpft oder wenn sie sich tatsächlich ehrlich und verletzlich gibt. Mit dem finalen Urteil möchte ich noch bis zur Zweitsichtung warten, aber ich denke, ich habe meine Lieblings-Catwoman gefunden – was angesichts der Konkurrenz durch Michelle Pfeiffer und Anne Hathaway wirklich eine beeindruckende Leistung ist.

„Riddle me this”: Schurken und Widersacher
In „The Batman“ bringt Matt Reeves drei (sofern man Catwoman nicht dazurechnet) klassische Batman-Widersacher zurück auf die Leinwand. Wie schon in der meisterhaften Miniserie „Batman: The Long Halloween“ sowie in „Batman Begins“ und „Gotham“ fungiert Carmine Falcone, in „The Batman“ gespielt von John Turturro, als Symbol des „alten Gotham“, das von klassischen Gangstern beherrscht wird, die aber nach und nach von exzentrischen Freaks abgelöst werden. Um ehrlich zu sein, John Turturro konnte mich als übermächtiger Mafia-Don nicht wirklich überzeugen, die Gravitas, die Ausstrahlung, die man von einer derartigen Figur erwartet, schafft er einfach nicht zu vermitteln. Hier wäre etwas mehr „show, don’t tell“ angebracht gewesen – man wird immer wieder darüber informiert, wie mächtig und gefährlich Carmine Falcone ist, aber weder bekommen wir wirklich eine Kostprobe seiner Macht, noch wird es auf andere Art vermittelt. Was bleibt ist ein recht jovialer John Turturro.

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Oswald Cobblepot, der Pinguin (Colin Farrell)

Oswald Cobblepot ist das genau Gegenteil: Der Pinguin fungiert hier als Carmine Falcones Unterboss und rechte Hand, als solcher wird er deutlich aktiver als sein Chef. Nicht nur ist Colin Farrell unter dem beeindruckenden Make-up absolut nicht wiederzuerkennen, er geht völlig in seiner Rolle auf, spielt grandios und sorgt für einige der besten, wenn auch grimmigen, Momente des Humors. Farrell gibt einen deutlichen besseren und exzentrischeren Gangster ab als Turturro und reißt gnadenlos jede Szene an sich, in der er auftaucht, sei es das erste Zusammentreffen mit Batman oder die wilde Verfolgungsjagd (Batmans asozialer Fahrstil ist über die verschiedenen Inkarnationen hinweg sehr konsistent).

Schließlich und endlich hätten wir den Riddler, den eigentlichen Antagonisten des Films, der sich in der Reeves-Interpretation so weit wie nur irgendwie denkbar von Frank Gorshin oder Jim Carrey entfernt hat und eher an den Zodiac-Killer, John Doe aus „Seven“ oder Jigsaw aus „Saw“ angelehnt ist. Wie so oft bei Batman handelt es sich um ein dunkles Spiegelbild des Helden: Sowohl Bruce Wayne als auch Edward Nashton sind Waisen, die sich mit Gothams Korruption und Kriminalität nicht mehr abfinden wollen. Anders als Bruce Wayne verfügt Edward Nashton allerdings nicht über unbegrenzte finanzielle Mittel, weshalb er Bruce als „keine echte Waise“ betrachtet. Wie Bruce beschließt er, Vergeltung zu üben. Wo Batman allerdings Nacht für Nacht auf die Straße geht und Verbrecher verprügelt, ohne dabei das Gesamtbild zu sehen, kommt Nashton hinter die Verschwörung, die Carmine Falcones Macht sichert, ihm fehlen aber die Mittel, etwas dagegen zu tun. Batman fungiert für ihn als Inspiration, tatsächlich glaubt er, sie stünden auf derselben Seite. Als Riddler möchte Nashton Batman die Augen für das Gesamtbild öffnen, was ihm auf gewisse Weise auch gelingt, nachdem er dem Dunklen Ritter allerdings seine Sichtweise enthüllt, ist dieser nicht etwa erfreut, sondern aktiv abgestoßen. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich Riddlers Vorgehensweise, denn im Finale agiert er weniger wie der Puzzle-verrückte Serienkiller, als der er bis dahin dargestellt wurde, sondern eher wie ein Terrorist aus den Nolan-Filmen, was mir persönlich wie ein Bruch vorkommt. Auch die neuen Anhänger des Riddlers, die plötzlich fast wie aus dem Nichts auftauchen, erscheinen etwas merkwürdig, ein recht unsubtiler Kommentar auf Social-Media-Follower. Auf der einen Seite wirkt das Finale ein wenig wie angeklebt, um noch etwas Spektakel und Action unterzubringen, andererseits ist es für die Entwicklung Batmans und den thematischen Überbau sehr wichtig. Wie dem auch sei, Paul Dano überzeugt in der Rolle des Riddlers auf seine Art ebenso wie Colin Farrell, auch wenn er deutlich weniger unterhaltsam ist (wie es auch sein sollte). Über den Masterplan des Riddlers sollte man dagegen vielleicht nicht allzu genau nachdenken, sonst offenbaren sich die üblichen Lücken.

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Carmine Falcone (John Turturro)

Mit dem Joker, gespielt von Barry Keoghan, hat darüber hinaus ein weiterer, klassischer Batman-Schurke einen kleinen Cameo-Auftritt, den es meinem Empfinden nach aber absolut nicht gebraucht hätte – die Szene wirkt unpassend und stört den Fluss des Endes. Zudem hatten wir in letzter Zeit so viel Joker, dass er durchaus mal eine Weile pausieren kann. Laut Reeves war eine weitere Szene mit dem Joker geplant und wurde sogar gedreht, in welcher Batman den Joker aufsucht, damit dieser ihm auf Hannibal-Lecter-Art bei der Ergreifung des Riddlers hilft – diese Szene fiel (glücklicherweise) der Schere zum Opfer. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass die Ergreifung des Jokers das Ereignis war, das Batman und Gordon zusammengeschweißt hat. Zudem wird noch der etwas neuere, in den frühen 2000ern von Jeph Loeb und Jim Lee geschaffene Hush angedeutet. Der Reporter, der droht, Thomas Waynes Geheimnisse zu enthüllen, trägt den Nachnamen Elliot, was natürlich sofort an Thomas Elliot, Hushs bürgerliche Identität denken lässt. Zudem steht das Wort „Hush“ auch noch auf dem Foto besagten Reports – ich bin sicher, sowohl Thomas Elliot als auch die Frage, wie korrupt Thomas Wayne tatsächlich war, werden in Zukunft noch eine Rolle spielen.

Art of Adaptation: Ein Blick auf die Quellen
„The Batman“ folgt dem gewohnten Muster vieler anderer Superheldenfilme: Anstatt eine bestimmte Story zu adaptieren, arbeiteten Matt Reeves und Peter Craig mit einer Vielzahl an verschiedenen Story-Elementen aus diversen Werken der letzten Jahrzehnte und bauten zudem noch viele, viele kleine Anspielungen für Comic-Fans ein, die zeigen, wie gut sie sich in der Materie auskennen. Wie schon bei „Batman Begins“ und „The Dark Knight“ fungieren die beiden essentiellen Batman-Storys „Batman: Year One“ (von Frank Miller und David Mazzuchelli) und „Batman: The Long Halloween“ (von Jeph Loeb und Tim Sale) als primäre Inspiration für das Setting eines völlig korrupten, von der Mafia beherrschten Gotham, das von einem bestimmten Vigilanten und seiner (mehr oder weniger) farbenfrohen Schar an Widersachern nachhaltig verändert wird. Vor allem „The Long Halloween“ nannte Reeves immer wieder als eine seiner liebsten Batman-Geschichten, dementsprechend viele Verweise finden sich in der Handlung des Films. Während „The Dark Knight“ den Two-Face-Plot (zumindest in groben Zügen) adaptierte, scheint „The Batman“ stärker vom zentralen Kriminalfall inspiriert zu sein. In „The Long Halloween“ ist natürlich nicht der Riddler, sondern der Holiday-Killer der zentrale Antagonist, und er tötet Mitglieder der Mafia, nicht korrupte städtische Beamte, aber die Parallelen sind doch deutlich. Und zu allem Überfluss startet die Mordserie in „The Batman“ an Halloween, auch wenn sie kein ganzes Jahr andauert. Catwoman als Tochter Carmine Falcones stammt ebenfalls aus „The Long Halloween“, dieser Aspekt wird in den Fortsetzungen „Batman: Dark Victory“ und „Catwoman: When in Rome“ (beide ebenfalls von Loeb und Sale) weiter ausgeführt. Besonders erfreut war ich darüber, dass Selina Carmine Falcone auch im Film die ikonischen Kratzer verpasst, die er in „Year One“ bekommt. Und wo wir gerade von Catwoman sprechen: Ihr Kurzhaar-Look stammt direkt aus dem beliebten Run von Ed Brubaker und Darwyn Cooke, während sie in der finalen Konfrontation genauso aussieht wie bei ihrem ersten Auftritt in Millers „Year One“. Selinas Freundin Annika ist, so weit ich weiß, eine Neuschöpfung, erinnert aber an Holly Robinson, die in den Comics eine ähnliche Rolle spielt und ebenfalls getötet, von Ed Brubaker aber wieder zurückgebracht wurde.

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Selina Kyle (Zoë Kravitz) und Batman (Robert Pattinson)

Eine weitere wichtige Inspiration dürfte die deutlich jüngere dreiteilige Graphic-Novel-Serie „Batman: Earth One“ von Geoff Johns und Gary Frank sein. In dieser Neuerzählung von Batmans Origin erleben wir einen ähnlich fehlbaren Batman, der erst lernen muss, was es heißt, ein Held und ein Detektiv zu sein. Die Interpretation Alfreds scheint ebenfalls auf „Earth One“ zu basieren, vom Gehstock bis hin zu seiner Rolle, die eher Trainer und Bodyguard statt Butler zu sein scheint. Ähnliches lässt sich auch über den Riddler sagen, der im zweiten Band der zentrale Widersacher ist und ebenfalls als Serienkiller inszeniert wird. Gewisse Parallelen zum Riddler aus den Arkham-Spielen lassen sich nicht leugnen, von der Agenda gegen Korruption in „Arkham Origins“ bis zu den Jigsaw-ähnlichen Fallen in „Arkham City“. Das Finale schließlich erinnert an Ed Brubakers und Greg Capullos „Batman: Zero Year“, eine weitere Origin-Erzählung im Rahmen der 2011 gestarteten New-52-Kontinuität. Wie in „The Batman“ tritt der Riddler hier als erster „echter“ Superschurke auf und zudem wird Gotham geflutet und von der Außenwelt abgeschnitten, etwas, das im kommenden Sequel von „The Batman“ thematisiert werden könnte. Eine ähnliche Situation hatten wir freilich auch in „The Dark Knight Rises“ und dem groß angelegten Handlungsbogen „No Man’s Land“, der sich Ende der 90er durch sämtliche Batman-Serien zog.

Mit der Idee, die Waynes könnten vielleicht nicht die guten Menschen sein, als die sie Bruce immer sah, spielen die Autoren in den Comics immer wieder. Die Verbindung zu Carmine Falcone stammt direkt aus „The Long Halloween“, und auch die Telltale-Spiele (die ich leider nicht selbst gespielt habe) greifen diese Idee wohl auf. Martha Wayne als Mitglied der vom Wahnsinn gezeichneten Arkham-Familie stammt aus „Earth One“ – normalerweise ist sie eine Kane – und in gewisser Weise scheint „The Batman“ auch an Todd Phillips „Joker“ anzuknüpfen, denn Phillips‘ Version von Thomas Wayne kandidiert ebenfalls als Bürgermeister und hat mit Sicherheit keine völlig weiße Weste. Den Pinguin als Handlanger und gewissermaßen Nachfolger Carmine Falcones sahen wir bereits in „Gotham“. Der gefesselte Colin-Farrell-Pinguin adaptiert sogar kurzzeitig das typische Watscheln der Robin-Lord-Taylor-Version. Als weitere zentrale Inspirationsquelle für Batmans psychischen Zustand nennen Reeves und Robert Pattinson zudem „Batman: Ego“ von Darwyn Cooke, ein kürzerer One-Shot, in welchem Bruce Wayne eine Art Zwiegespräch mit seinem Alter Ego führt, was angesichts des Mangels an Distinktion zwischen Bruce und Batman im Film ein wenig ironisch anmutet.

Fazit: Ist Matt Reeves‘ „The Batman” ein Meisterwerk, vielleicht sogar der beste Batman-Film? So weit würde ich definitiv (noch?) nicht gehen, aber zweifelsohne handelt es sich um eine extrem gelungene Neuinterpretation der Figur und ihres Kosmos mit einem wirklich grandiosen Cast, einem vor gotischer Atmosphäre triefenden Gotham City und leider einigen erzählerischen Schwächen im dritten Akt. Aber ich möchte definitiv gerne mehr sehen von dieser Inkarnation Batmans und Gothams.

Trailer

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Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Spoilerificus Totalus!
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Ich möchte diese Rezension mit einem Zitat Lord Voldemorts beginnen: „They never learn. Such a pity.“ Leider passt dieses Zitat nur allzu gut. Nach einem soliden Start dieser Filmreihe um Newt Scamander mit „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ gelingt es der Fortsetzung mit dem kaum weniger sperrigen Titel „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ leider, in so ziemlich jedes Fettnäpfchen zu treten, das man sich bei einem derartigen Franchise-Film nur vorstellen kann. Man kann kaum über diesen Film sprechen, ohne zu spoilern, weshalb ich das auch gar nicht groß versuchen werde. Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei „The Amazing Spide-Man 2“, den Hobbit-Filmen oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“.

Handlung
Gellert Grindelwald (Johnny Depp) befindet sich bereits seit einiger Zeit in der Gefangenschaft des MACUSA und soll nun nach Europa überstellt werden, doch ihm gelingt die Flucht. Der finstere Zauberer macht sich auf nach Paris, um seine Anhänger um sich zu scharen. Nach wie vor ist er an Credence Barebone (Ezra Miller) interessiert, der die erste Begegnung mit Grindelwald nicht nur überlebt hat, sondern nun in Paris nach seinen Wurzeln sucht.

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Newt (Eddie Redmayne) und Theseus (Callum Turner), die Gebrüder Scamander

Derweil erhält Newt Scamander (Eddie Redmayne) einen Auftrag von Albus Dumbledore (Jude Law): Er soll sich ebenfalls nach Paris aufmachen, um Credence aufzuspüren. Newt hat derweil eigentlich andere Probleme, da sein Bruder Theseus (Callum Turner) seine alte Flamme Leta Lestrange (Zoë Kravitz) heiraten wird. Zwischendurch tauchen auch Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) auf; Erster hat sein Gedächtnis wieder, aber in der Beziehung der beiden kriselt es ziemlich, da Jacob Queenie nicht heiraten möchte, um sie nicht in Konflikt mit dem MACUSA zu bringen. Zudem erfährt Newt, dass Tina (Katherine Waterston) sich ebenfalls in Paris aufhält, um nach Credence zu suchen. Es kommt, wie es kommen muss: Die Fäden laufen zusammen, verheddern sich ordentlich und es folgt die Konfrontation mit Grindelwald, in dem sich die Fronten klären und jeder eine Seite wählen muss.

Verlorene Figuren
Wenn ich eine übergreifende Schwäche bei „Crimes of Grindelwald“ nennen müsste, dann wäre das wohl „Mangel an Motivation“, und zwar auf allen Ebenen. Der Vorgänger war zweifelsohne nicht frei von Schwächen, aber im Großen und Ganzen war klar, weshalb die Figuren tun, was sie tun.

Der Mangel an Motivation beginnt bereits bei der Wiedereinführung der Figuren des ersten Teils (wobei es hier sowohl den Figuren selbst als auch Rowling und Yates an Motivation fehlt). Wichtige Schritte in der Entwicklung der Figuren werden einfach übersprungen und in einem Halbsatz abgehandelt, wobei ganz nebenbei noch essentielle emotionale Elemente des ersten Films zerstört werden. Credence hat überlebt? Ja, man konnte in „Fantastic Beasts and Where to Find Them” sehen, dass sich ein Fetzen seines Obscurus-Wesens davon gemacht hat. Aber plötzlich ist er ohne Erklärung wieder völlig beieinander und kann seine Fähigkeiten offenbar weitaus besser kontrollieren als früher. Ähnlich verhält es sich mit Jacobs Gedächtnis. Es wirkt, als hätten Rowling und Yates schlicht keine Lust gehabt, sich mit diesen Elementen auseinanderzusetzen und sie deshalb einfach ignoriert, um zum gewünschten Ausgang zu gelangen.

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Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Tina Goldstein (Katherine Waterston)

Auch die Konflikte zwischen den Figuren sind bestenfalls halbherzig und meistens einfach nur schlecht geschrieben. Jacob und Queenie waren im ersten Film äußerst liebenswert, jetzt sind sie einfach nur flach. Queenies gesamter Handlungsstrang in diesem Film ist völlig unlogisch und einfach nur daneben: Weil die Gesellschaft es ihr verbietet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, verlässt sie diesen Mann, um sich dem Schwarzmagier anzuschließen, der Muggel gnadenlos zu unterdrücken gedenkt? Auch der Konflikt zwischen Tina und Newt funktioniert vielleicht in einer schlechten Soap, ist im Kontext dieses Films aber so fürchterlich erzwungen und gleichzeitig so banal, dass es schmerzt.

Mit den diversen neuen Figuren verhält es sich ähnlich. Sowohl der Konflikt zwischen Newt und Theseus als auch die Beziehung der beiden zu Leta Lestrange bleiben oberflächlich und undefiniert. Man merkt gerade eben so, dass Substanz hätte da sein können, hätte es nur die passende Motivation dazu von Rowling und Yates gegeben.

Insgesamt bleiben die Figuren, vor allem diejenigen, die neu eingeführt werden, fürchterlich blass und uninteressant. Gerade das ist vielleicht die größte Enttäuschung. Bei allem, was man den Harry-Potter-Romanen vielleicht vorwerfen kann, unmarkante Figuren gehören definitiv nicht dazu. Früher hatte Rowling stets ein Talent dafür, ihre magische Welt mit einprägsamen Charakteren zu bevölkern. Mitunter konnten die Filme sogar noch darauf aufbauen. Man erinnere sich nur an den von Peter Mullan gespielten Yaxley in „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“. Eine kleine Rolle, ein verhältnismäßig unwichtiger Todesser, aber er bleibt im Gedächtnis. Kein Vergleich zu Grindelwalds Entourage, die ebenso blass wie austauschbar ist.

Verworrene Handlungsstränge
Im „Fantastic Beasts and Where to Find Thema” konnte David Yates eine im Grunde relativ geradlinige Handlung umsetzen, deren größte Schwäche war, dass die beiden Stränge sich nicht so recht miteinander verknüpfen wollten. „The Crimes of Grindelwald“ hat dieses Problem in noch weit, weit größerem Ausmaß. Hier merkt man schmerzhaft, dass J.K. Rowling eben eine Roman- und keine Drehbuchautorin ist, denn die Handlungskonstruktion des Films mit seinen diversen Subplots ist die eines Romans. Insgesamt denke ich tatsächlich, dass „The Crimes of Grindelwald“ als Roman vielleicht nicht gut, aber doch weitaus besser funktioniert hätte als als Film.

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Nagini (Claudia Kim) und Credence Barebone (Ezra Miller)

Die Handlungsstränge, von denen es hier eine ganze Menge gibt, sind separiert und finden kaum zusammen. Alles ist mit Figuren, Konflikten und Beziehungen überfrachtet, diese bleiben aber ohne Tiefe, alles wird nur oberflächlich angerissen. Zudem sorgen der Schnitt und einige ziemlich merkwürdige Entscheidungen (etwa die Close-ups zu Beginn) dafür, dass man als Zuschauer auch nicht investiert ist. Es gibt durchaus gelungene Einzelszenen und Set-Pieces, aber der Kontext ist stets misslungen. Actionszenen wirken oft aufgesetzt, unlogisch, unnötig oder dramaturgisch daneben. Das beginnt bereits bei Grindelwalds Flucht direkt zu Beginn, bei der ich bis jetzt noch nicht herausfinden konnte, weshalb sie auf diese Weise überhaupt nötig war – was bezweckt Grindelwald damit? Auch die Sequenzen, in denen neue Tierwesen auftauchen, um von Newt gebändigt zu werden, sind hier seltsam fehl am Platz und erwecken den Eindruck, man versuche die Gegenstücke aus dem ersten Film zu rekonstruieren. Immer wieder pausiert die eigentliche Handlung auf plumpe Weise, die Action entwickelt sich nie logisch aus dem Geschehen.

Und wo wir gerade von der Handlung sprechen: Auch die Vermittlung dessen, was eigentlich passiert, lässt ziemlich zu wünschen übrig. Manche Szenen sind mit Exposition geradezu vollgestopft, während bei anderen überhaupt nur vage klar ist, was warum geschieht. Natürlich, wer mit Rowling und den HP-Romanen intim vertraut ist, hat meistens keine Probleme, sich alles zusammenzureimen, aber alle anderen dürfte das frustrieren und/oder langweilen. Eines der unschönsten Beispiele ist der gesamte Subplot um die Familiengeschichte der Lestranges und ihre Verknüpfung mit Credence. Hier werden aufwendig Familienverhältnisse erklärt, ohne dass es letztendlich irgendwelche Auswirkungen hat, da es nur eine falsche Fährte ist und letztendlich völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Dumbledore vs. Grindelwald
Trotz allem hat auch „The Crimes of Grindelwald“ die eine oder andere Stärke. Das in meinen Augen beste Element des Films ist fraglos Jude Law als junger Dumbledore. Er hat nicht viel Leinwandzeit, nutzt diese aber ausgezeichnet und mausert sich zum heimlichen Star dieses Films. Dabei spielt Law nicht spezifisch einen jungen Richard Harris oder Michael Gambon, sondern tatsächlich einen Dumbledore, der als jüngere Version beider Darsteller funktionieren könnte. Johnny Depp dagegen… die Zweifel, die ich schon seit „Fantastic Beasts and Where to Find Them” hatte, zeigen sich nun als gerechtfertigt. Johnny Depp ist als Schauspieler für meinen Geschmack zu markant und zu sehr mit anderen Rollen verknüpft, um in dieser wirklich funktionieren zu können. Jude Law kann ich problemlos als Dumbledore sehen, aber wenn Depp den Zauberstab schwingt, sehe ich Depp und nicht Grindelwald.

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Leta Lestrange (Zoë Kravitz) und Gellert Grindelwald (Johnny Depp)

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man Colin Farrell nicht nur Grindewalds Deckidentität, sondern auch den tatsächlichen Schwarzmagier hätte spielen lassen. Leider wird Grindelwald in dem nach ihm benannten Film zu allem Überfluss auch noch nicht allzu gut charakterisiert und erinnert in seiner großen Rede irgendwie an Magneto. Das Problem dabei ist, dass seine Agenda schlecht dargestellt wird. Da sind einerseits die Elemente, die er sich mit Voldemort teilt und mit denen er die alten Reinblüter auf seine Seite ziehen will, gleichzeitig hat er aber auch nichts gegen Muggel, sodass er mit derselben Rede auch Queenie von sich überzeugen kann. Und dann sieht er mit seinen seherischen Fähigkeiten auch gleich noch den Zweiten Weltkrieg voraus. Alles ein wenig viel auf einmal, und zudem schafft Depp es einfach nicht, die diversen Facetten glaubhaft zu verkörpern, sodass Gellert Grindelwald sich problemlos in die Riege an blassen und unmotivierten Figuren dieses Films einreiht.

Harry Potters Vermächtnis
Ein Aspekt, der mir an „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ ziemlich gut gefiel, war der Umstand, dass man die Verknüpfungen zum Franchise im Großen und Ganzen subtil hielt. Es war zweifelsohne dieselbe Welt, aber an einem anderen Ort und zu anderer Zeit. Anspielungen blieben zumeist unaufdringlich und Yates und Rowling gelang es, das New York der Zaubererschaft als eigenständigen Handlungsort zu etablieren. Leider war man wohl der Meinung, dass das alles zu subtil war; „The Crimes of Grindelwald“ erinnert da eher an die Hobbit-Filme – hier wird grob recycelt, um Nostalgie zu erwecken. Wo New York als Handlungsort eigenständig war, ist Paris kaum mehr als ein bloßer Abklatsch. Es gibt eine französische Winkelgasse und ein französisches Zaubereiministerium; beide wirken rechtschaffen profillos und bekannt.

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Albus Dumbledore (Jude Law)

Die Franchise-Probleme reichen aber noch weitaus tiefer. Das Verhältnis dieses Films zu seinem Franchise erinnert mich ein wenig an „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Die Handlung ist so konstruiert, dass man mindestens die HP-Filme und idealerweise die HP-Romane ziemlich gut kennen muss, um ihr vollständig folgen zu können. Gleichzeitig bricht dieser Film konstant die Regeln und packt einen Retcon nach dem anderen aus, der genau diejenigen, die der Film eigentlich ansprechen sollte, verärgert. Und das ist auch noch unnötig, weil das alles nicht zur eigentlichen Handlung beiträgt. Warum muss Professor McGongall bereits sieben Jahre vor ihrer Geburt in Hogwarts unterrichten? Ist es wirklich nötig, dass Dumbledore statt Verwandlung Verteidigung gegen die Dunklen Künste lehrt? Ja, die Szene mit dem Irrwicht deutet einen späteren Twist an (was an sich schon ein viel zu deutlicher Rückgriff auf „Der Gefangene von Askaban“ ist), aber wäre es nicht interessanter gewesen, einmal Galatea Merrythought zu zeigen, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet? Und dann ist da noch der Schlusstwist, der so gar keinen Sinn ergibt, zeitlich überhaupt nicht passt und, wenn Rowling noch halbwegs bei Sinnen ist, besser eine wilde Lüge von Grindelwald ist.

Fast genauso ärgerlich sind die unnötigen Gastauftritte. Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) wird nur für billige Gags gebraucht und Nagini (Claudia Kim) ist sogar Gastauftritt und Retcon in einem: Da verpasst Rowling Voldemorts Schlange eine menschliche Identität und einen komplizierten Fluch, um dann praktisch nichts mit ihr zu machen. Nagini ist ein reines Anhängsel für Credence, hat keinen Handlungsbogen, keine Motivation und auch keinen Grund, warum sie überhaupt im Film ist, außer um eventuell etwas für kommende Sequels vorzubereiten.

Ein weiteres Problem, das bereits im ersten Film in Ansätzen zu sehen war, ist die Potenz der Magie. In den Romanen waren die Regeln der Magie zugegebenermaßen auch nicht immer völlig konsistent, aber was in diesen beiden Filmen gezaubert wird, lässt selbst die Erwachsenen Harry-Potter-Figuren amateurhaft wirken. Schon der Wiederaufbau von New York im ersten Teil war zu viel des Guten, aber Grindelwalds blauer Feuerdämon ist endgültig over the top. Das ist Magie auf Warcraft-Level, die in diesem Universum fehl am Platz wirkt und zum hohlen Spektakel ausartet. Nebenbei: Warum ist die Zaubererwelt nach allem, was in diesem Film passiert ist, überhaupt noch geheim?

Fazit: „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald” ist leider ein Sequel, das weit hinter dem zwar nicht herausragenden, aber doch sehr soliden ersten Teil zurückbleibt. Unmotivierte Figuren tummeln sich in einer überfrachteten, schlecht konstruierten Story, die zu allem Überfluss den Kanon des „Potterverse“ (meinetwegen auch der „Wizarding World“) ernsthaft in Mitleidenschaft zieht. Ab in die Potter-Ecke der Schande zu „The Cursed Child“.

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