Logan – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Der neueste Eintrag im am längsten laufenden Superhelden-Filmuniversum ist in den Kinos gelandet. Wer hätte wohl im Jahr 2000, als „X-Men“ anlief, gedacht, dass sowohl Hugh Jackman als auch Patrick Stewart 17 Jahre später nach wie vor ihre Rollen aus diesem Film spielen würden? Da „Logan“ mal wieder einer dieser Filme ist, über den man einiges schreiben kann, kopiere ich meine Vorgehen bei „Suicide Squad“: Ich spare mir die spoilerfreie Rezension, stattdessen geht’s gleich ans Eingemachte. Wer trotzdem wissen möchte, wie ich den Film fand, ohne gespoilert zu werden, hier die Kurzversion: Im Großen und Ganzen ist „Logan“ ein gelungener Abgesang auf Hugh Jackmans Wolverine. Es war definitiv eine sehr kluge Entscheidung von Fox, James Mangold freie Hand zu lassen und ihm ein R-Rating zu erlauben. Zwar gibt es einige Elemente, die nicht ganz passend ineinandergreifen, und wie üblich bei einem X-Men-Film provoziert auch dieser Kontinuitätsprobleme, aber solange das Endprodukt, wie in diesem Fall, zu überzeugen weiß, ist das zweitrangig. „Logan“ lebt vor allem von seinen exzellenten Darstellern und der grimmigen Neo-Western-Atmosphäre – ein Kinobesuch lohnt sich ohne jeden Zweifel.

Handlung und Konzeption
Im Jahr 2029 sieht es für die Mutanten nicht allzu gut aus: Nicht nur wurden seit 25 Jahren keine neuen geboren, die alte Garde wurde so gut wie ausgelöscht. Seit einem Vorfall in Westchester gibt es auch keine X-Men mehr. Lediglich Logan (Hugh Jackman), Caliban (Stephen Merchant) und Charles Xavier (Patrick Stewart) sind noch übrig und verstecken sich in Mexiko, da Charles an Alzheimer leidet und er seine Telepathie nicht mehr kontrollieren kann. Auch Logan selbst geht es nicht allzu gut: Er arbeitet als Chauffeur, während das Adamantium, das seine Knochen überzieht, ihn langsam vergiftet.

Die schmerzhafte Lethargie endet, als eine Frau namens Gabriella (Elizabeth Rodriguez) mit einem kleinen Mädchen, das auf den Namen Laura (Dafne Keen) hört, im Schlepptau auftaucht. Die beiden werden von dem Cyborg Donald Pierce (Boyd Holbrook), einem Angestellten des rücksichtslosen Konzerns Transigen, gejagt. Es stellt sich heraus, dass Laura ein Klon Wolverines mit der Kennung X-23 ist und Transigen sie und andere Mutanten als Waffe benutzen will. So beschließt Logan, seinen alten Freund und Mentor Charles sowie seine Quasi-Tochter Laura nach Norden zu bringen, wo es der getöteten Gabriella zufolge eine Mutantenzuflucht namens „Eden“ gibt. Der Rest des Films erzählt die Flucht des ungleichen Trios nach Norden, immer verfolgt von den Häschern Transigens.

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Laura/X-23 (Dafne Keen) und Logan (Hugh Jackman)

Regisseur James Mangold inszeniert den dritten Wolverine-Film als leicht futuristischen Western mit Anleihen an allerlei Klassiker, manchmal subtiler, manchmal weniger subtil (der Western „Nash“ etwa wird sehr deutlich referenziert). Es handelt sich hierbei allerdings nicht um eine postapokalyptische Zukunft, wie manche der Trailer ungewollt suggerieren. Während die Zukunft für die Mutanten (mal wieder) nicht allzu rosig aussieht, scheint für die normalen Menschen das Leben ganz normal weiterzugehen. Die große Stärke des Films liegt bei der grimmigen Kompromisslosigkeit – „Logan“ ist keiner der üblichen PG13-X-Men-Filme und auch mit „Deadpool“ nur bedingt zu vergleichen. In „Deadpool“ war vielleicht sogar mehr Blut zu sehen, gleichzeitig war die Gewalt dort aber nie wirklich ernstzunehmen und äußerst überdreht. „Logan“ ist in seinem Tonfall weit geerdeter, es gibt keinen entschärfenden Metahumor, stattdessen aber intensiveres Charakterdrama. Diesem wird zum Teil sogar die Handlung geopfert, bzw. sie dient primär als Katalysator für die Entwicklung der Figuren. Darunter leiden dann vor allem die Widersacher, die ein weiteres Mal fürchterlich blass sind und deren Hintergrund und Motive sehr nebulös bleiben. Im zweiten Akt taucht plötzlich Zander Rice (Richard E. Grant) als eigentlicher Schurke und Chef von Transigen auf, ohne dabei besonders interessant zu sein oder Eindruck zu hinterlassen, nur um am Ende wieder von Donald Pierce als eigentlichem Schurken abgelöst zu werden. Man kommt allerding nicht umhin sich zu fragen, ob da nicht ein wenig Politik drinsteckt: Ein Schurke namens Donald, der versucht, Leute an der Ausreise aus Mexiko zu hindern…

Charles, Logan und Laura
In „Logan” behandelt James Mangold viele Themen: Älterwerden, Tod und Todessehensucht, aber auch Familie und Vermächtnis. Sowohl Charles Xavier als auch Logan sind hier spürbar am Ende; einer der mächtigsten Mutanten der Welt leidet an Alzheimer und kann seine Telepathie nicht mehr kontrollieren, während die Killermaschine schlechthin gewissermaßen auseinanderfällt. Viel ist nicht mehr übrig von den einst so grandiosen Heroen. Wie bereits erwähnt liegt die große Stärke dieses Films bei der Charakterisierung der Figuren: Gerade im ersten Akt wird eindringlich und visuell beeindruckend gezeigt, wie das Alter die Figuren mitgenommen hat: Logan, der seine Klauen nicht mehr ganz ausfahren kann, die aussetzende Selbstheilung, der sichtlich gealterte Charles in einem umgestürzten Tank, der mit seinem runden Innenraum wie ein verrostete Cerebro-Gegenstück wirkt, das die telepathischen Anfälle des X-Men-Gründers kontrollieren soll etc.

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Alles hat sich geändert: Charles Xavier (Patrick Stewart) hat Haare

Schon am Anfang erinnert Logan an einen Sohn, der sich um seinen dementen Vater kümmert (was ironisch anmutet, da Logan um einige Jahrzehnte älter als Professor X ist), was durch den Umstand verstärkt wird, dass er und Caliban wie ein altes, verheiratetes Ehepaar klingen. Die Allegorie wird aber erst durch Laura komplett, die die Rolle der Tochter bzw. Enkelin einnimmt. An dieser Stelle muss unbedingt Dafne Keen gelobt werden; die mexikanische Newcomerin schafft es, mit den schauspielerischen Schwergewichten Hugh Jackman und Patrick Stewart mitzuhalten. Die Mischung aus kindlicher Unschuld und rücksichtsloser Killermaschine ist exzellent gelungen. Das einzige kleine Problem bei der Konzeption der Figur ist der Umstand, dass sie die ersten beiden Drittel des Films aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht spricht, dann nur Spanisch und plötzlich kann sie auch Englisch – das wirkt etwas zu beliebig. Dennoch, die Interaktionen zwischen diesen drei Figuren sind das Herzstück des Films. Das zeigt sich besonders, wenn man eine der emotionalen Kernszenen betrachtet, das Abendessen im Haus der Familie Munson, das interessanterweise fast vollständig improvisiert war. Nicht nur sehen wir die Pseudofamilie in einem normalen Umfeld, sie wird auch mit einer normalen Familie konfrontiert. Natürlich muss das tragisch enden.

Darüber hinaus thematisiert „Logan“ Aspekte der Selbstfindung auf eine Art und Weise, die nur in einem Film wie diesem möglich ist: Am Ende seines Lebens wird Wolverine noch einmal mit seiner Jugend und seinem früheren Selbst konfrontiert. Einerseits natürlich durch Laura, andererseits aber auch durch X-24, einen weiteren Wolverine-Klon, allerdings männlich und erwachsen. Mehr noch, zu Beginn des Films beschuldigt Charles Logan, nur darauf zu warten, dass er stirbt, damit er frei ist (was natürlich nicht stimmt und durch die Interaktion der beiden auch deutlich wird). Der dramatischen Ironie ist es freilich geschuldet, dass es X-24 ist, der Charles schließlich tötet.

Inspiration
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Werfen wir noch einen Blick auf die Comicvorlagen. Bereits im Vorfeld wurde immer wieder vermutet, der dritte Wolverine-Solofilm würde auf „Old Man Logan“ basieren, einer von Mark Millar geschriebenen und von Steve McNiven gezeichneten Graphic Novel (ursprünglich 2008/2009 als Teil der laufenden Wolverine-Serie erschienen). Man kann dabei allerdings kaum von einer tatsächlichen Vorlage sprechen, eher von einer groben Inspiration. James Mangold übernahm den gealterten, desillusionierten Logan, die Atmosphäre, die Ausweglosigkeit und die Brutalität sowie den Road-Movie-Aspekt. Die meisten Details oder sonstigen Handlungselemente spielen in „Logan“ allerdings keine Rolle, schon allein aus rechtlichen Gründen, da der Hulk, Hawkeye oder Red Skull, allesamt wichtige Figuren im Comic, in einem X-Men-Film von Fox nicht auftauchen dürfen, da die Rechte bei Disney liegen. Auch die Umstände unterscheiden sich: Das Marvel-Universum in „Old Man Logan“ ist tatsächlich eine postapokalyptische Wüste, die an die Mad-Max-Filme erinnert und von Superschurken regiert wird. Im Gegensatz dazu ist die Welt in „Logan“ noch harmlos, lediglich den Mutanten geht es nicht allzu gut. Ein weiteres Element wurde jedoch in stark abgewandelter Form übernommen: Sowohl bei Mangold als auch bei Millar wurden die X-Men von einem der Ihren vernichtet. In „Old Man Logan“ ist es Wolverine selbst, der seine Teamkameraden niedermetzelt, weil er sie wegen der Illusionen des Schurken Mysterio als Gegner wahrnimmt. In „Logan“ wird stark angedeutet, dass Charles Xavier für den Tod der X-Men verantwortlich ist. Im „Westchester-Vorfall“ (in Westchester befindet sich Xaviers Schule) wurden sieben Mutanten durch einen von Charles‘ Anfällen getötet – es ist wohl davon auszugehen, dass es sich dabei um diverse Kern-X-Men handelt.

Neben „Old Man Logan“ gibt es noch den einen oder anderen X-Men-Comic, den es in diesem Kontext zu erwähnen gilt. Da wäre, aus offensichtlichen Gründen, „The Death of Wolverine“. Logans Tod im Film hat allerdings kaum etwas mit Logans Tod im Comic zu tun. Lediglich die Tatsache, dass er stirbt wurde übernommen, neben einem weiteren kleinen Detail: Auch im Comic versagt die Selbstheilung.

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X-23 im klassischen Wolverine-Outfit

Und dann wäre da noch Laura Kinney alias X-23. Wolverines Klontochter debütierte im Jahr 2003 in den Zeichentrickserie „X-Men: Evolution“. Ähnlich wie Harley Quinn tauchte die für die Serienadaption geschaffene Figur bald darauf auch in den Comics auf und bekam mit „X-23: Innocence Lost“ eine eigene Miniserie spendiert, die ihren Hintergrund erläutert. Einige Elemente davon wurden in den Film integriert, viele andere wurden jedoch ausgelassen oder abgeändert. So ist X-23 in den Comics kein Mädchen, sondern ein Teenager und später eine Erwachsene. In den folgenden Geschichten tritt sie u.a. den X-Men bei und übernimmt, nach dem oben erwähnten Tod ihres „Vaters“ in „The Death of Wolverine“, dessen Namen und Kostüm.

Kontinuität: Das alte Lied
Sortieren wir mal ein wenig. Theoretisch, bzw. einer Aussage James Mangolds zufolge, spielt „Logan“ in der neuen X-Men-Kontinuität, die durch „Days of Future Past“ ausgelöst und mit „Apocalypse“ (und eventuell „Deadpool“ – da scheint sich niemand so ganz sicher zu sein) fortgesetzt wurde. Nun hat schon „Apocalypse“ zu Kontinuitätsproblemen geführt, und mit „Logan“ wird das nicht besser, gerade weil das Ende von „Days of Future Past“ und der Anfang von „Logan“ nicht so recht zusammenpassen wollen. Der Epilog von „Days of Future Past“, der eine positive Zukunft zeigt, spielt 2023, „Logan“ 2029. Von dieser Datierung ausgehend ist Wolverine in nur sechs Jahren massiv gealtert und für die Mutanten ist, trotz der ganzen Bemühungen, alles zum Teufel gegangen. Zusätzlich passt die Aussage, der letzte Mutant sei im Jahr 2004 geboren worden, nicht so recht zu der scheinbar gut bevölkerten Schule in DoFP.

In „Logan“ selbst gibt es einige Verweise auf die anderen Filme. Wir erfahren, dass Zander Rice, der eigentliche Schurke und derjenige, der für die Auslöschung und die Experimente, die u.a. Laura und X-24 hervorgebracht haben, verantwortlich ist, eine Verbindung zu Wolverine hat: Sein Vater wurde während Logans Ausbruch aus William Strykers Anlage in „X-Men: Apocalypse“ getötet. In der Post-Credits-Szene desselben Films ist zu sehen, wie Proben von Logans Blut sichergestellt werden, die dann später für den Klonprozess verwendet werden. Caliban war ebenfalls bereits in „X-Men: Apocalypse“ zu sehen, wurde dort jedoch von Tómas Lemarquis gespielt. Darüber hinaus gibt es zwei direkte Anspielungen auf den ersten X-Men-Film: Charles erklärt, als er Logan gefunden hat, habe dieser sein Geld in Käfigkämpfen verdient. Außerdem wird ein Ereignis bei der Freiheitsstatue erwähnt. Nun gehört „X-Men“ theoretisch nicht zur neuen Kontinuität, aber bereits als DoFP in die Kinos kam spekulierte ich, dass die Ereignisse der ersten beiden X-Men-Filme wohl in groben Zügen auch in der neuen Zeitlinie stattfinden. Es existiert auch die etwas interessantere, aber weiter hergeholte Theorie, durch seinen geistigen Verfall könne Charles die Ereignisse anderer Zeitlinien wahrnehmen.

Was bedeutet das alles nun? Wohl primär, dass Fox nicht besonders viel Wert auf Kontinuität legt. Alles gehört irgendwie zusammen, passt aber nicht so recht ineinander. „Logan“ baut durchaus auf den bisherigen Filmen auf und profitiert davon, dass der Zuschauer Charles und Logan bereits kennt. Andererseits kümmern sich weder Mangold noch Fox und die zuständigen, kreativen Köpfe wirklich um Kohärenz, sodass wir es hier nur mit einer losen Kontinuität zu tun haben. Wenn das im Gegenzug bedeutet, dass die Regisseure weitgehend freie Hand bekommen und die Ergebnisse auf ähnliche Weise zu überzeugen wissen wie „Deadpool“ oder „Logan“, dann kann ich das zähneknirschend akzeptieren.

Hard R Heroes
Nach „Deadpool“ folgt nun schon der zweite X-Men-Film mit einem R-Rating, Mangolds „The Wolverine“ (auf deutsch „Wolverine: Weg des Kriegers“)  mal nicht mitgerechnet, hier gab es einen Extended Cut mit R-Rating. Und allem Anschein nach geht der Plan auf. Wie bei „Deadpool“ sollte sich das Studio jedoch noch einmal verinnerlichen, dass es nicht allein das R-Rating ist, das die Leute ins Kino lockt. Es ist die Tatsache, dass das R-Rating den Regisseuren ermöglicht, ihre Vision so umzusetzen, wie sie es für richtig halten. Ein wenig spielt Mangold durchaus mit dem Umstand, dass er sich mehr erlauben kann: Das Wort „Fuck“ erklingt vor allem im ersten Akt sehr häufig und es sind einmal kurz nackte Brüste zu sehen, um das R-Rating noch einmal zu unterstreichen. Aber darauf kommt es letztendlich nicht an, es ist weder das Ausmaß an Profanität, noch sind es nackte Tatsachen, die das R-Rating nötig machen. Wenn wir die Gewalt betrachten, sieht das schon ein wenig anders aus. Wenn Logan in diesem Film seine Klauen einsetzt, tut es weh. Die Brutalität ist blutig, aber weniger überzeichnet und in geringerem Ausmaß als bei „Deadpool“. Aber auch das ist nur ein Symptom. Mangold hätte es vielleicht sogar geschafft, eine PG13-Version dieses Films zu drehen, die oberflächlich und inhaltlich vom Endprodukt gar nicht so weit entfernt wäre, die aber dennoch nicht dieselbe Aussage hätte, nicht dieselbe grimmige Kompromisslosigkeit, die den Film eigentlich ausmacht, denn auch thematisch bewegt sich dieser Film in anderen Gewässern. Sowohl „Deadpool“ als auch „Logan“ sind sehr brutal,  aber die eigentliche Gemeinsamkeit liegt woanders. Man merkt, dass es Filme sind, die von den Machern mit Leidenschaft umgesetzt wurden, Filme, bei denen sich das Studio nicht oder nur in geringem Maße eingemischt hat. In beiden Fällen sind auch die Hauptdarsteller wichtige Faktoren, die zum Gelingen des Films sehr viel beigetragen und sich für die Vision massiv eingesetzt haben. Bereits seit dem missglückten „X-Men Origins: Wolverine“ hat sich Ryan Reynolds für einen vorlagengetreuen Deadpool-Film eingesetzt, während Hugh Jackman ohne zu Zögern eine geringere Gage akzeptiert hat, um den Fans endlich den kompromisslosen Wolverine-Film zu geben, den sie schon lange wollten.

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Cyborg und Mutantenjäger: Donald Pierce (Boyd Holbrook)

Die Lehre, die die Studios daraus ziehen sollten ist nicht, nun einfach uninspirierte Comicverfilmungen mit R-Rating auf den Markt zu werfen – dasselbe ist Anfang der 90er in den Comics passiert, als alle Verlage meinten, sie müssten, inspiriert vom Erfolg von „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“, einen gewissenlosen Antihelden nach dem nächsten ins Rennen schicken, ohne zu beachten, was diese Graphic Novels eigenlich so erfolgreich gemacht hat. Die Altersbeschränkung sollte sich nach der Story und der Materie richten und nicht umgekehrt. Dann, und das haben „Deadpool“ und „Logan“ erfreulicherweise sehr deutlich gezeigt, kommt auch der Erfolg, denn die Fans der Figuren fühlen sich dann als Konsumenten ernstgenommen.

Der Score
Ursprünglich sollte Cliff Martinez, bekannt für eher elektronische Ambience-Scores, die Texturen den Vorzug vor Melodien und Themen geben, die Musik für „Logan“ schreiben, dann aber wurde er durch Marco Beltrami, der bereits für „The Wolverine“ sowie Mangolds Western „Todeszug nach Yuma“ den Score komponierte, ersetzt. Wenn man dem Score, den Beltrami für „Logan“ komponiert hat, seine Aufmerksamkeit schenkt, stellt man schnell fest, weshalb Mangold ursprünglich Martinez wollte. Die Musik ist sehr elektronisch, sehr texturbasiert und sehr harsch, dissonant und unangenehm. In Teilen versucht Beltrami, u.a. durch die Verwendung von Instrumenten wie der Glasharmonika oder der E-Gitarre, einen an Ennio Morricone erinnernden Western-Vibe zu erzeugen. Thematisch hat der Score nicht allzu viel zu bieten. Immer wieder hört man reduzierte Ansätze von Beltramis Logan-Thema aus „The Wolverine“, es gibt ein Motiv (bzw. eine Ansammlung dissonanter Akkorde) für Logans animalische Seite und darüber hinaus wird Laura/X-23 von einem schlichten Motiv aus drei Noten repräsentiert, das oft von der bereits erwähnten Glasharmonika gespielt wird.

Insgesamt finde ich den musikalischen Ansatz dieses Scores nicht allzu überzeugend. Meistens ist er durchaus funktional, an manchen Stellen drängen sich die Dissonanzen und die brutalen elektronischen Elemente zu sehr in den Vordergrund. Leider sind Beltramis Texturkonstrukte nicht allzu interessant, insgesamt fand ich die Musik zu „The Wolverine“ da spannender. Diese ist zwar auch überaus harsch, besticht aber wenigstens durch eine interessante japanische Instrumentierung. Was mir aber vor allem fehlt ist ein Gefühl für das Vermächtnis der Figur. Gerade am Ende, als Wolverine ein letztes Mal die Krallen ausfährt, um X-23 und den anderen die Flucht zu ermöglichen, wäre eine heroische Version des Logan-Themas passend gewesen, um das Opfer angemessen zu untermalen.

Fazit
Trotz einiger kleinerer Storyschwächen ist „Logan“ ein würdiger Abgesang auf Hugh Jackmans Darstellung von Wolverine und nebenbei auch eine gelungene Vorlage für Superheldenfilme in der Zukunft: Ein Film, der der Vision des Regisseurs und den Vorgaben der Comics folgt, sich dabei aber nicht sklavisch an sie bindet oder vom Studio verstümmelt wird, um für ein möglichst großes Publikum attraktiv zu werden.

Trailer

Siehe auch:
Wolverine: Weg des Kriegers
X-Men: Days of Future Continuity
Deadpool
X-Men: Apocalypse

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X-Men: Apocalypse – Soundtrack

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Track Listing:

01. Apocalypse
02. The Transference
03. Pyramid Collapse/Main Titles
04. Eric’s New Life
05. Just a Dream
06. Moira’s Discovery/Apocalypse Awakes
07. Shattered Life
08. Going Grey/Who the F are You?
09. Eric’s Rebirth
10. Contacting Eric/The Answer!
11. Beethoven Havok
12. You Can See
13. New Pyramid
14. Recruiting Psylocke
15. Split them Up!
16. A Piece of his Past
17. The Magneto Effect
18. Jet Memories
19. The Message/Some Kind of Weapon
20. Great Hero/You Betray Me
21. Like a Fire
22. What Beach?
23. Rebuilding/Cuffed/Goodbye Old Friend
24. You’re X-Men/End Titles
25. Rest Young Child (Vocal Version)

Während „X-Men: Days of Future Past“ ein toller Film war, stellte der zugehörige Score von John Ottman für mich eine massive Enttäuschung dar, hatte doch dieser beste Eintrag in der Kinosaga der Mutanten einen Score bekommen, der von all dem geprägt war, was mich an der modernen Filmmusiklandschaft nach wie vor nervt. Für „X-Men: Apocalypse“ wurde erneut Ottman verpflichtet, und während auch dieser Score noch weit von John Powels Meisterwerk „X-Men: The Last Stand“ (nach wie vor der beste X-Men-Score und somit die Messlatte) entfernt ist, ist die apokalyptische Musik von Ottmans drittem X-Men-Soundtrack doch definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Das größte Problem von „Days of Future Past“ ist, dass man als kundiger Konsument von Filmmusik ganz genau weiß, wie der Temp-Track besagten Films aussah, was dazu führt, dass dieser Score ein inkohärentes Stückwerk bar jeder eigenen Identität ist und über weite Strecken wie ein „Best of (bzw. Worst of) Hans Zimmer/Remote Control“ klingt. Ein Stück weit ist dieses Problem in „Apocalypse“ immer noch vorhanden, aber in weitaus geringerem Ausmaß. Zugegeben, man sollte vielleicht auch nicht zu hart urteilen, da Ottman bei diesem Film nicht nur als Komponist fungierte, sondern ihn auch mitproduzierte und für den (hervorragenden) Schnitt verantwortlich war.

Wie dem auch sei, an manchen Stellen hört man auch in „Apocalypse“ den Einfluss des Temp-Scores, aber insgesamt klingt dieser Soundtrack weitaus kohärenter, was nicht zuletzt daran liegt, dass es dieses Mal ein wirklich gelungenes neues Thema gibt, das den Film auch trägt. Die Rede ist vom vage orientalisch und sakral klingenden Leitmotiv des titelgebenden Schurken. In Apocalpyse wird es direkt nach den Inception-Hornstößen, auf die Ottman besser verzichtet hätte (auch wenn sie tatsächlich die ersten beiden Noten besagten neuen Themas spielen), langsam und subtil aufgebaut, zuerst geradezu gehaucht von einem Frauenchor, dann übernimmt das Orchester, ein gemischter Chor kommt hinzu und das Thema gewinnt an Stärke, bis bei 1:51 die erste richtig kräftige Version erklingt. En Sabah Nurs Musik dominiert die ersten drei Tracks mit massivem Einsatz von Chor, Blechbläsern und einigen elektronischen Akzenten, die es nicht unbedingt gebraucht hätte. Natürlich taucht das Apocalypse-Thema auch im weiteren Verlauf des Scores immer wieder auf. Subtile Andeutungen finden sich in der zweiten Hälfte von Moira’s Discovery/Apocalypse Awakens, eine bedrohliche Version erklingt am Ende von Going Grey/Who the F Are You, Eric’s Rebirth scheint von Fragmenten durchsetzt zu sein, Contacting Eric/The Answer enthält ein Statement am Ende, eine kräftigere Version erklingt in New Pyramide, Magneto Effect ist ebenfalls vom Apocalypse-Thema durchsetzt und schließlich erklingt es ein letztes Mal in Great Hero/You Betray Me.

Neben diesem starken neuen Thema kehren auch einige bekannte Leitmotive zurück. Primär sind das das X-Men-Thema, das bisher in jedem von Ottman vertonten X-Men-Film zu hören war, sowie das verdächtig nach Inception klingende Xavier-Thema, das in „Days of Future Past“ sein Debüt feierte. Letzteres ist u.a. in Just a Dream und Contacting Eric/The Answer zu hören, während Ersteres, wie bereits in „Days of Future Past“, primär als Eröffnung (Pyramide Collapses/Main Titles) und Abschluss (You’re X-Men/End Titles) des Films fungiert, was bedeutet, dass es wieder nur zwei volle Statements gibt. Immerhin hat Ottman dieses Mal noch ein paar zusätzliche, wenn auch sehr kurze und fragmentarische Varaitionen in seinen Score eingebaut. In New Pyramide ist es kurz am Anfang zu hören, in The Message bei 1:04, in Great Hero/You Betray Me bei 4:08 und schließlich noch einmal in Like a Fire bei 3:04 und 3:40 – der mit Abstand stärkste Einsatz außerhalb der Main Titles und des Abspanns. Darüber hinaus glaube ich, dass Ottman sein Magneto-Motiv aus „X2“ reaktiviert hat (eventuell kam es auch in „Days of Future Past“ vor) – da bin ich mir allerdings nicht wirklich, weil ich schon beim X2-Score mit diesem Motiv Wahrnehmungsprobleme hatte. In Eric’s Rebirth und Great Hero/You Betray Me gibt es Phrasen, die zumindest recht ähnlich klingen.

Obwohl nach wie vor einige RCP-Anleihen vorhanden sind, ist der Apocalypse-Score viel stärker von einem traditionell orchestralen Sound geprägt, was ihm definitiv gut tut. Nach wie vor problematisch finde ich allerdings, dass die Musik abseits der Themeneinsätze oftmals sehr anonym daherkommt. Das betrifft sowohl die ruhigeren Tracks der ersten Hälfte als auch die Action-Tracks in der zweiten. Letztere sind zwar durchaus gut komponiert und unterstützen die Szenen, gleichzeitig bleiben sie aber ziemlich austauschbar, nur selten ist man wirklich dazu geneigt zu sagen DAS ist Ottman oder DAS ist X-Men-Musik. Ich hätte mir gewünscht, dass Ottman seine Themen in der Actionmusik besser integriert. Während En Sabah Nurs Thema zu Beginn des Films beispielsweise noch sehr vorherrschend ist, kommt es in der zweiten Hälfte definitiv zu kurz.

Und nach wie vor hört man mitunter noch die Eigenheiten anderer Komponisten heraus, deren Arbeit wohl als Temp-Track diente, nur ist es eben dieses Mal nicht mehr Hans Zimner. Die emotionalen Stücke klingen mitunter ein wenig nach Thomas Newman, die Action-Tracks erinnern an Michael Giacchino, das Ende von Moira’s Discovery/Apocalypse Awakens gemahnt an Philip Glass und in Jet Memories gibt es ein paar Blechbläserfiguren, aus denen man ein wenig Elliot Goldenthal heraushören kann. Das alles sind weitaus subtilere Parallelen als es noch bei „Days of Future Past“ der Fall war und Anleihen bei Giacchino und Newman sind mir weitaus lieber als bei Zimmer (dessen Methodologie ist derzeit leider immer noch die dominante in Hollywood), aber sie verhindern doch, dass Ottmans Score wirklich eine eigene Idenität entwickeln kann.

Apropos Arbeit anderer Komponisten: Wie schon in „X2“ arbeitete Ottman auch hier wieder ein klassisches Musikstück ein, nämlich den zweiten Satz aus Beethovens siebter Sinfonie (Allegretto). Auf dem Album ist es, wie könnte es anders sein, im Track Beethoven Havok zu hören, zuerst sehr originalgetreu, nach und nach verwandelt es sich aber in moderne Actionmusik mit großem Chor und wummernden Percussions.

Fazit: „X-Men: Apocalypse“ ist gegenüber dem Vorgängerscore eine deutliche Verbesserung. Zwar ist Ottmans dritter X-Men-Soundtrack kein Meisterwerk und leidet nach wie vor an einer gewissen Anonymität, allerdings besticht er durch ein gelungenes neues Thema und zumindest solider Actionmusik, die nicht mehr allzu sehr nach Hans Zimmer klingt. Kompetent, wenn auch streckenweise eher uninspiriert und ein wenig zu sehr von anderen Komponisten beeinflusst.

Siehe auch:
X-Men: Apocalypse
Marvel-Musik: X-Men
X-Men: Days of Future Past – Soundtrack

X-Men: Apocalypse

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Story: Im Jahr 1983 erwacht der erste Mutant En Sabah Nur alias Apocalypse (Oscar Isaac), ein uraltes und gottgleiches Wesen aus dem alten Ägypten, um die Erde nach seinen Vorstellungen umzuformen. In den Mutanten Psylocke (Olivia Munn), Storm (Alexandra Shipp), Angel (Ben Hardy) und Magneto (Michael Fassbender) findet er Verbündete. Magneto sorgt allerdings dafür, dass sowohl Mytique (Jennifer Lawrence), als auch Charles Xavier (James McAvoy) und Hank McCoy (Nicholas Hoult) auf Apocalypse aufmerksam werden. Und so muss sich eine neue X-Men-Generation, u.a. bestehend aus Jean Grey (Sophie Turner), Cyclops (Tye Sheridan), Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), Quicksilver (Evan Peters) En Sabah Nur entgegenstellen, um die Welt vor ihm zu retten…

Kritik: Im zweiten Akt von „X-Men: Apocalypse“ besuchen einige der jungen Mutanten eine Kinovorstellung von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ und streiten sich darüber, welcher Star-Wars-Film der Beste ist. Während sie sich diesbezüglich nicht auf Episode IV oder V einigen können, sind sie doch alle der Meinung, dass der dritte Teil der Schlechteste ist. Primär sollte dieser Kommentar wahrscheinlich als Seitenhieb auf Brett Rattners ungeliebten „X-Men: The Last Stand“ verstanden werden, ironischerweise lässt er sich allerdings auch auf „Apocalypse“ anwenden, da es sich hierbei um den dritten Teil der zweiten X-Men-Trilogie handelt. Und leider trifft er zu. Während „Apocalypse“ keinesfalls wirklich schlecht ist, hat er doch einige Schwächen, die dafür sorgen, dass er hinter „Days of Future Past“ und „First Class“ zurückbleibt.

Diese Probleme betreffen vor allem Apocalypse und Magneto. Ersteren fand ich zugegebenermaßen schon in den Comics und Zeichentrickserien nicht besonders interessant, wenn es um gottgleiche Erzschurken geht, ziehe ich persönlich Darkseid oder Thanos vor. Oscar Isaac spielt ihn hier zwar keinesfalls schlecht, er und Bryan Singer schaffen es für mich aber auch nicht, En Sabah Nur wirklich als mitreißenden und einnehmenden Schurken zu inszenieren. Magneto wird von Michael Fassbender natürlich nach wie vor grandios dargestellt, seine Charakterentwicklung erweist sich hier allerdings als ziemlich repetitiv. Der arme Mann muss schon wieder eine Familie verlieren und schon wieder treibt ihn das zur Rache und zum Bösen – sein Handlungsstrang in diesem Film wird der Figur leider nicht gerecht. Ich hätte es weitaus interessanter gefunden, wenn Xavier zu einem von Apocalypses Reitern geworden wäre und Magneto dann die X-Men hätte anführen müssen, ähnlich wie es in der Comicvorlage „Age of Apocalypse“ (mit der dieser Film ohnehin kaum Gemeinsamkeiten hat) der Fall war. Leider bleiben auch die anderen drei Reiter der Apokalypse ziemlich blass, obwohl sie optisch definitiv eine gute Figur machen.

Neben Magnetos Handlungsstrang gibt es noch zwei weiteree Element aus den bisherigen Filmen, das sich hier unnötigerweise wiederholen. Da wäre der Ausflug nach Kanada, der zum Plot eigentlich nichts beiträgt und nur deshalb im Film ist, um einen bestimmten Cameo-Auftritt unterzubringen, den der letzte Trailer ohnehin schon gespoilert hat. Und: Die X-Men müssen schon wieder als Team zusammenfinden. Beides raubt dem Film Zeit, die er auf ein besseres Ausspielen der Charakterdynamik und eine bessere Ausarbeitung der Schurken hätte verwenden können. Allerdings fand ich die diversen Cast-Neuzugänge sehr gelungen und es war schön, mal wieder den X-Men-Schulalltag zu sehen – gerne mehr davon. Überhaupt ist es herrlich, wie sehr die verschiedenen Darsteller in ihren Figuren aufgehen und wie mühelos und natürlich sie sie verkörpern.

Für „Apocalpyse“ spricht ebenfalls, dass der Film enorm kurzweilig ist und die zweieinhalb Stunden wie im Flug vergehen. Im Gegensatz zu den frühen X-Men-Filmen scheint Singer nun auch keine Angst mehr zu haben, die Comicursprünge seiner Figuren und der Welt des Films offen darzustellen: Optisch waren die X-Men kaum je näher an der Vorlage. Auch bezüglich der Action wird einiges aufgefahren. Zwar legen hier Superschurken schon wieder Großstädte in Schutt und Asche, aber immerhin ist das Zentrum der Verwüstung keine amerikanische Großstadt und En Sabah Nur baut auch einen Ersatz (gewissermaßen). Zu den Highlights gehören außerdem definitiv jede Szene, in der Quicksilver zu sehen ist, sowie das Finale, das zwar die emotionale Tiefe des Gegenstücks aus „Days of Future Past“ vermissen lässt, aber gerade uns Comicfans eine Andeutung dessen gibt, was in „The Last Stand“ gefehlt hat. Wenn Singer sich nun endlich einmal dazu durchringen könnte, uns auch noch einen Team-Shot á la Avengers mit passender thematischer Untermalung zu geben. Apropos: Der Score, abermals komponiert von John Ottman, ist besser als der von „Days of Future Past“, bleibt aber über weite Strecken leider immer noch ziemlich anonym und uninspiriert.

Fazit: „X-Men: Apocalypse“ ist trotz seiner Länger ein kurzweiliger Superheldenfilm, kommt aber an die beiden Vorgänger nicht heran und bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück, weil er zu viele Elemente aus den anderen Filmen der Reihe wieder aufgreift.

Siehe auch:
X-Men: First Class
X-Men: Days of Future Past

Deadpool

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Story: Beinahe-Ex-Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) scheint mit Vanessa (Morena Baccarin) glücklich zu sein, jedenfalls bis bei ihm Krebs diagnostiziert wird. Verzweifelt begibt sich Wade in die Hände des zwielichtigen Ajax (Ed Skrein), der ihm Heilung durch künstliche Mutation verspricht. Der Prozess ist tatsächlich erfolgreich und verleiht Wade sogar zusätzliche Superkräfte wie Selbstheilung, hat aber auch einige Nachteile: Zum einen ist er nun äußerst unansehnlich und zum anderen plant Ajax, ihn und andere als Sklaven mit Superkäften zu benutzen. Darauf hat Wade natürlich absolut keinen Bock und sucht das Weite. In der Hoffnung, doch irgendwie sein altes Gesicht zurückzubekommen, schlüpft er anschließend in ein rotes Ganzkörperkondom und sucht als Deadpool nach Ajax…

Kritik: Was lange währt, wird endlich gut. Deadpool, erschaffen von Rob Liefeld und Fabian Nicieza, gehört zwar zu den Antihelden der 90er, parodiert diese und das Superheldengenre insgesamt allerdings. Der „Söldner mit der großen Klappe“ („Merc with a Mouth“) basiert lose auf dem DC-Comics-Charakter Deathstroke (was vor allem an Deadpools zivilem Namen deutlich wird; Deathstroke heißt im bürgerlichen Leben Slade Wilson, Deadpool Wade Wilson, außerdem sind beide Söldner und ähnlich bewaffnet und ausgerüstet) und ist sich der Tatsache, dass er eine Comicfigur ist, sehr bewusst. Deadpool-Comics verfügen grundsätzlich über einen sehr derben Metahumor, der Titelheld spricht den Leser oft direkt an, um über Comics, Superhelden und alle möglichen anderen Themen zu philosophieren (bzw. über sie herzuziehen).

Deadpool tauchte bereits in „X-Men Origins: Wolverine“ aus dem Jahr 2009 auf, auch dort bereits von Ryan Reynolds gespielt – diese Version der Figur hatte mit ihrem Comicgegenstück allerdings recht wenig zu tun – bis auf die große Klappe, versteht sich. Weder der Film noch diese Interpretation der Figur kamen besonders gut an. Ryan Reynolds selbst hatte großes Interesse daran, Deadpool noch einmal, und dieses Mal richtig, zu spielen, und kämpfte für diesen Film, bis er endlich in Produktion ging. Dabei wurde vor allem darauf geachtet, dass die Macher die nötige Freiheit bekamen und nicht auf ein PG-13-Rating achten mussten – das hätte einfach nicht funktioniert.

Nun, was soll ich sagen: „Deadpool“ ist genauso geworden, wie ich es erwartet und gehofft hatte. Der Grundplot ist sehr simpel und superheldentypisch, die Umsetzung aber ist Deadpool in Reinkultur. Rhet Reese und Paul Wernick, die Drehbuchschreiber (und wahren Helden) und Tim Miller (Regisseur und überbezahlter Idiot) haben es wirklich geschafft, die Essenz der Figur minutiös auf die Leinwand zu bringen. Ryan Reynolds erweist sich als Idealbesetzung für den echten Deadpool, der Humor, der mitunter ziemlich brachial ist und gern unter die Gürtellinie geht, funktioniert prächtig, die Action ist blutig, dreckig, überdreht und unterhaltsam und die ganzen Anspielungen auf diverse andere Superheldenfilme lassen den Kenner amüsiert schmunzeln. Auch die Nebenfiguren, allen voran die X-Men Vertreter Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) und Colossus (Stefan Kapičić) und natürlich Morena Baccarins Vanessa, wissen vollauf zu überzeugen.

Zwei kleinere Schwächen gibt es leider dennoch: Zum einen wäre da Ajax – das liegt nicht ausschließlich am Schauspieler, aber dieser Schurke ist schlicht und einfach langweilig, seinesgleichen hat man schon hundert Mal gesehen. Eine Motivation ist genauso wenig vorhanden wie ein Hintergrund, aber das hätte ich verzeihen können. Aber Ajax ist öde, er hat keine interessanten Kräfte, keine interessantes Outfit, kein interessantes Auftreten, gar nichts. Er erfüllt seine Grundfunktion im Plot, mehr nicht. Für einen überdrehten „Helden“ wie Deadpool hätte ich mir durchaus auch einen etwas schillernderen Schurken gewünscht. Die zweite Schwäche ist die Musik. Die Songauswahl ist sehr passend, aber Tom Holkenborg (alias Junkie XL) hat abermals etwas abgeliefert, das man kaum noch als suboptimal bezeichnen kann. Der Score klingt wie „Mad Max light“ und ist eine Ansammlung all dessen, was mir im zeitgenössischen Actionscoring gehörig auf den Geist geht: Übermäßige Verwendung von Percussions und nerviger Elektronik, extrem simple, rhythmische Konstrukte und keinerlei Substanz, geschweige denn Kreativität. Glücklicherweise wird „Deadpool“ tatsächlich stärker von der Songauswahl dominiert, was für mich ausnahmsweise einmal positiv ist.

Fazit: Grandiose, gewalttätige und völlig überzogene Superhelden-Persiflage. Genau so muss ein Deadpool-Film sein.

Trailer

Blogparade: Buch vs. Film

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In den letzten beiden Wochen hatte ich recht wenig Zeit zum Schreiben, eine Blogparade ist da genau der richtige Anreiz, besonders, wenn es zum Thema so viel zu sagen gibt wie zu diesem. Initiatorin ist Miss Booleana, und der Titel lautet „Buch vs. Film“. Adaption ist ein Thema, das mich grundsätzlich sehr interessiert und mit dem ich mich auch immer wieder beschäftige. Viel zu oft hört bzw. liest man Sätze wie „Das Buch ist immer besser“, was freilich eine völlig unreflektierte, verallgemeinerte und pauschalisierte Aussage ist, und derartigen Aussagen kann ich einfach nichts abgewinnen.

Letztendlich stellt sich die Frage: Was macht eine gute Adaption aus? Ich will ungern allgemeingültige Aussagen treffen, denn letztendlich sollte man sich jedes Werk individuell betrachten, aber ich will dennoch versuchen, etwas Umfassenderes zu dieser Frage zu sagen. Einerseits gibt eine Adaption, die sich so genau wie möglich an die Vorlage hält, meistens kein besonders gutes Werk ab. Wann immer man eine Geschichte von einem Medium ins andere überträgt, muss man zwangsläufig Abstriche machen. Stilmittel, die in der Literatur funktionieren, wirken in Filmen oft bestenfalls komisch. Innere Monologe sind dafür ein gutes Beispiel. Natürlich gibt es Ausnahmen, in „Sin City“ funktionieren diese beispielsweise auch im Film (dazu später mehr), aber meistens läuft es doch wie bei David Lynchs Adaption von Frank Herberts „Dune: Der Wüstenplanet“. Dort wurden die inneren Monologe auch in den Film integriert – und das Ganze funktioniert einfach nicht.

Andererseits hat die Adaption gegenüber der Vorlage schon eine gewisse Verantwortung. Wenn ein Studio bzw. ein Filmteam sich dazu entscheidet, ein Werk zu adaptieren, dann sollen sie doch bitte auch das Werk adaptieren und nicht einfach irgendetwas machen, das mit der Vorlage nichts mehr zu tun hat, denn wieso sollte man dann überhaupt adaptieren, wenn man ohnehin sein eigenes Ding dreht? Eine Adaption kann und soll der Vorlage nicht minutiös folgen, doch ich denke, der „Geist“ des ursprünglichen Werkes sollte erhalten bleiben. Ob und in wie weit das der Fall ist, ist natürlich wieder sehr diskutabel.

Freilich sollte man auch hier ein wenig differenzieren: Wie die meisten anderen Menschen auch messe ich mit mehreren Maßstäben; wenn mir das ursprüngliche Werk egal ist, ich es nicht kenne oder nicht schätze, stört mich eine freie Adaption nicht besonders und dann interessiert es mich nicht, ob der Geist der Vorlage erhalten geblieben ist. Auch bei Werken, die schon mehrfach adaptiert wurden, kann eine freiere Interpretation interessant sein – ich meine hiermit klassische Geschichten, die seit Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in verschiedener Form immer und immer wieder erzählt wurden, von der Odysee über Dracula bis hin zu Batman. Ein gewisse Gemeinsamkeit mit der Vorlage, ein gemeinsamer Nenner, sollte aber auch hier vorhanden sein.

„Der Herr der Ringe“ vs. „Der Herr der Ringe“
Beginnen wir mit einer Adaption, die gemeinhin als positives Beispiel für den Wechsel einer Geschichte von Buch zu Film gilt. Freilich gibt es da Tolkien-Puristen, die dem vehement widersprechen würden, ich persönlich teile allerdings die Ansicht, dass es sich bei Peter Jacksons HdR-Trilogie um eine hervorragende Adaption von Tolkiens Werk handelt. Grundsätzlich scheuen Jackson und seine Drehbuch-Co-Autorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens sich nicht davor, einige Abläufe und Elemente doch recht stark zu verändern. Manches davon ist fast schon unumgänglich: In „Die Gefährten“ funktioniert der lange Anfang im Auenland in Filmform einfach nicht, speziell, wenn der Film nicht sechs bis sieben Stunden lang sein soll. Ähnlich verhält es sich mit Tom Bombadil, der zur eigentlichen Geschichte praktisch nichts besteuert. Oftmals gehen Jackson und Co. allerdings noch einige Schritte weiter, was letztendlich mit der Natur der Vorlage zusammenhängt. Professor Tolkien ist ein genialer Sprach- und Weltenschöpfer, der seine Sekundärwelt mit einem Detailgrad ausgestattet hat, den man in anderen Werken selten findet. Dramaturgie zählt allerdings nicht unbedingt zu seinen Stärken – wobei das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist. Vielmehr sollte man sagen: Tolkiens Sinn für Dramaturgie war sehr eigen, geprägt von den nordischen Sagen und Epen, auf denen Mittelerde letztendlich basiert. Sowohl im „Herrn der Ringe“ als auch in seinen anderen Werken tut Tolkien Dinge, vor denen Standardwerke über Literatur und Grundkurse für kreatives Schreiben warnen und die heute wohl kein Lektor mehr akzeptieren würde. Gerade deshalb ist der „Herr der Ringe“ ein ziemlich einzigartiges Werk – aber viele dieser Kniffe, etwa die strikte Trennung zwischen Frodo und Sam und dem Rest der Gefährten in „Die zwei Türme“, funktionieren in einem Film einfach nicht, weshalb stärkere Anpassungen nötig sind.

Schließlich und endlich würde ich behaupten, dass Jackson Tolkiens Roman nicht nur einfach adaptiert hat, er hat ihn auch, gerade was Struktur und Charaktere angeht, zugänglicher gemacht und ergänzt ihn somit. Zwar geht an einigen Stellen Tolkiens Liebe zum Detail und die inhaltliche Komplexität der Vorlage verloren, allerdings haben die Filmemacher ihren ganz eigenen Sinn für Komplexität, der sich an den Kulissen, den Kostümen oder der Musik (ganz besonders der Musik) zeigt. Und die Vereinfachungen und Änderungen haben in meinen Augen letztendlich keine Auswirkungen auf Geist oder Botschaft der Vorlage. Mehr noch, die Filme folgen der Handlung im Groben ziemlich gut, besonders wenn man bedenkt, was ein „normaler“ Filmemacher vielleicht mit der Geschichte getan hätte (in Tom Shippeys „Der Weg nach Mittelerde“ findet sich hierzu eine passende Anekdote).
Sieger: Unentschieden

„Der Hobbit“ vs. „Die Hobbit-Trilogie“
Die Hobbit-Trilogie ist ein sehr interessanter Fall, gerade, weil sie von denselben Machern kommt wie die HdR-Trilogie und auch weil es nicht die üblichen Faktoren sind, die die Schwächen dieser Adaption ausmachen. Normalerweise geht es darum, was geändert oder weggelassen wurde: Filme haben gemeinhin weniger inhaltliche Kapazität als Romane, weshalb beides unumgänglich ist. In der Hobbit-Trilogie wurde allerdings kaum etwas weggelassen, und selbst die Änderungen sind nicht größer als bei den HdR-Filmen. Hier sind es die Dinge, die Jackson und Co. hinzugefügt haben, die Probleme bereiten, sodass man sich letztendlich fragt, wer die eigentlichen Hauptfiguren sind: Thorin und Bilbo oder Legolas, Tauriel und Alfrid.

Das Scheitern der Hobbit-Trilogie ist insofern schade, da ich denke, dass das Vorhaben hätte gut gelingen können, hätte Jackson es bei zwei Filmen belassen und sich auf Tolkiens Material konzentriert statt Romanzen und sinnlose Action hinzuzufügen. Auch „Der Hobbit“ ist dramaturgisch nicht wirklich leicht umzusetzen, da er sich aus diversen Episoden zusammensetzt, die kaum zusammenhängen; die eigentliche Haupthandlung beginnt erst, nachdem Bilbo und die Zwerge in Esgaroth angekommen sind. Hinzu kommt die Tendenz des Professors, nur wenige Figuren wirklich zu charakterisieren. Diesbezüglich gibt es bei Jackson einige sehr gute Ansätze, besonders bei Bard und Thranduil. Auch an anderen Stellen ist immer wieder die alte Magie zu spüren, aber dann…

Bereits in der HdR-Trilogie arbeitete Jackson oftmals konträr zu Tolkiens Sinn fürs Dramatische: Wo der Professor eher dazu neigt, Ereignisse ein wenig undramatisch zu gestalten, tendiert der Regisseur zur Überdramatisierung. Beim „Herrn der Ringe“ hält sich das bis auf ein, zwei Ausrutscher aber noch in Grenzen, in der Hobbit-Trilogie übertreibt er es aber wirklich mit geradezu exzessiven Szenen, die jeglicher Logik und jeglichen Gesetzen der Physik spotten.

Die Verfilmung des „Hobbit“ war letztendlich ein ambitioniertes Projekt, das gescheitert ist. Der Roman war weitaus weniger ambitioniert, eine Abenteuergeschichte für Kinder, aber letztendlich funktioniert er, besonders, wenn man ihn sich vom Rest Mittelerdes losgelöst betrachtet, einfach besser.
Sieger: Buch

„Watchmen“ vs. „Watchmen“
Alan Moores „Watchmen“ gilt zu Recht als Meisterwerk der graphischen Literatur, als Meilenstein des Medium Comics und als gelungene Dekonstruktion des Superheldengenres. Die gleichnamige Filmadaption gilt ebenfalls zurecht als Zack Snyders bester Film – wobei ich gestehen muss, dass Letzteres weitaus weniger beeindruckend ist als Ersteres, denn Snyders Œuvre ist doch eher durchwachsen. „300“ funktioniert noch ganz gut als Guilty Pleasure, der Rest dagegen ist optisch zwar meistens ganz interessant, aber inhaltlich doch eher mau (nun gut, auf „300“ trifft das eigentlich auch zu, ich habe nur eine gewisse Affinität dafür). Ich denke, Snyders Problem ist vor allem, dass er zwar weiß, wie man coole Bilder auf die Leinwand zaubert, diese aber stets reines Gimmick bleiben und er keine Ahnung hat, wie er seine Stilmittel einsetzen muss, um eine gute Geschichte zu erzählen, egal ob es sich dabei um die Zeitlupe in „300“ oder die Shaky-Cam in „Man of Steel“ handelt; der Einsatz seiner Stilmittel wirkt stets ziemlich willkürlich.

Die beste und gleichzeitig schlechteste Entscheidung von Snyder war es, sich sehr eng an die Vorlage zu halten. Die beste, weil „Watchmen“ einfach eine verdammt gute Geschichte hat und Snyder trotz allem ein relativ gutes Händchen dabei beweisen hat, diese Geschichte visuell umzusetzen und den eigentümlichen Stil bzw. die Farbgebung des Comics gelungen in Filmform zu bringen. Nach wie vor gibt es diverse stilistische Gimmicks, die im Grunde sinnlos sind, aber auch (zumindest mich) nicht weiter stören. Ebenfalls gelungen ist die Darstellung der Figuren; Snyder verzichtete darauf, „Watchmen“ mit großen Namen zu besetzen, sodass die Figur und nicht der Schauspieler im Vordergrund steht, was vollständig aufgeht. Die Tatsache, dass die Vorlage wirklich außergewöhnlich tiefgründig, hochkomplex, perfekt durchdacht und umgesetzt ist, verhindert, dass der Film der Graphic Novel ebenbürtig ist. Kein Film hätte alle Facetten des Werkes umsetzen können, weshalb immer etwas fehlt, der Vergleich zur Vorlage aufgrund der Nähe aber kaum umgangen werden kann. Auf gewisse Weise ist die Adaption gleichzeitig zu dicht und nicht dicht genug am Comic dran.

Auch fehlt dem Film die zeitgeistliche Komponente. „Watchmen“ war, in Bezug auf Weltgeschehen und Comiclandschaft, extrem aktuell und brachte viele Neuerungen, die zum Erscheinen des Films freilich schon lange bekannt waren. Insofern ist der Film in gewissem Sinne veraltet, er ist, anders als der Comic, nicht revolutionär oder bahnbrechend. Aber angesichts dessen, wie eine Adaption dieses Werkes hätte aussehen können, ist Snyders Verfilmung des Kultcomics trotz allem eine ziemlich gelungene Umsetzung, der man die Liebe zur Vorlage anmerkt.
Sieger: Buch (bzw. Comic)

„X-Men: Days of Future Past“ vs. „X-Men: Days of Future Past“
Der letzte X-Men-Film steht hier im Grunde stellvertretend für alle Superheldenadaptionen. Sehr, sehr selten wird ein ganz bestimmter Superheldencomic wirklich direkt umgesetzt. „Watchmen“ ist eine der wenigen Ausnahmen, es gibt auch noch ein paar Zeichentrickfilme, die sich ebenfalls eine bestimmte Vorlage aussuchen und diese ziemlich genau umsetzen. Die meisten Live-Action-Filme dieses Genre vermengen dagegen zumeist Elemente mehrerer Storylines oder Einzelgeschichten. „Batman Begins“ kombiniert beispielsweise Versatzstücke aus „Batman: Year One“, „Batman: The Man Who Falls“ und „Batman: The Long Halloween“, „The Dark Knight“ bedient sich der Comics „Batman: The Long Halloween“ und „Batman: The Killing Joke“ sowie „Batman 1“ aus dem Jahr 1940, während man in „The Dark Knight Rises“ Versatzstücke aus „Batman: The Dark Knight Returns“, „Batman: Knightfall“ und „Batman: No Man’s Land“ findet. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Nolan-Trilogie geradezu stereotyp für das Genre.

„Days of Future Past“ ist in diesbezüglich interessant, weil Bryan Singer eine ganz bestimmte Geschichte als alleinige Grundlage verwendete. Von dieser einen Geschichte benutzte er allerdings ausschließlich den Grundplot (dystopische Zukunft, Mutanten stehen kurz vor der Auslöschung durch die Sentinels, ein Mutant wird in die Vergangenheit geschickt, um einen Mord zu verhindern, der die dystopische Zukunft auslöst) sowie den Titel. Das ganze Drumherum ist allerdings radikal anders, weil das X-Men-Filmuniversum sich eben stark vor X-Men-Comicuniversum der 80er unterscheidet und eine genaue Umsetzung einfach nicht funktioniert hätte. „Days of Future Past“ ist eine freie Adaption, die es allerdings schafft, die Vorlage zu übertreffen; der Film bleibt dem Geist des Comics treu, macht die Geschichte aber gleichzeitig größer, emotionaler, epischer und holt schlicht alles aus dem Grundkonzept heraus, was man herausholen kann.
Sieger: Film

„Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ vs.
„Die Rache der Sith“

Drehen wir den Spieß doch einmal um. Romanadaptionen von Filmen sind zwar auch in Deutschland nicht wirklich eine Seltenheit, aber doch weitaus weniger verbreitet als im angloamerikanischen Raum, wo wirklich sehr viele Exemplare dieser Gattung erscheinen, von denen lediglich ein Bruchteil übersetzt wird. Romanadaptionen von Filmen (bzw. von Filmdrehbüchern, evtl. unter Einbeziehung von Rohschnitten, Konzeptzeichnungen etc.) genießen zumeist keinen allzu guten Ruf, da sie sich oft darauf beschränken, das Drehbuch nachzuerzählen, wobei sie eventuell noch ein paar geschnittene Szenen oder Gedanken der Charaktere einfügen. Das Problem dabei ist, dass sie auch der Narrative des Films sehr genau folgen und schnelle Szenenwechsel, Montagen etc. direkt umsetzen. Im Film können diese Wunder wirken, in einem Roman sind sie dagegen fehl am Platz.

Matthew Stovers Romanadaption von „Die Rache der Sith“ dagegen ist ein Idealbeispiel dafür, wie ein Roman zum Film sein sollte. Stover beschränkt sich nicht nur darauf, die Handlung nachzuerzählen und ein paar geschnittene Szenen zu integrieren, er nutzt gezielt die Stärken des Mediums Roman, da er ja auf die Stärken des Mediums Film (Musik, Optik etc.) verzichten muss. Stover lässt die Figuren reflektieren, geht detailliert auf ihre inneren Prozesse ein, konzentriert sich auf die Charaktere als Kern der Geschichte und scheut sich auch nicht davor, Dialoge abzuändern oder Dinge, die rein visuell sind, einfach auszulassen. Während der Film beispielsweise immer wieder nach Kashyyyk schneidet, unterlässt Stover dies, da die Schlacht um Kashyyyk zur eigentlichen Handlung kaum etwas beiträgt und vor allem als Fanservice fungiert („Hey, da ist Chewie“). Letztendlich sorgt Stover dafür, dass alles, was im Film nicht so ganz passt, nahtlos ineinander greift. „Die Rache der Sith“ erzählt nicht einfach nur die Geschichte des gleichnamigen Streifens, der Roman ergänzt den Film, wertet ihn auf und macht ihn logischer, verständlicher und nachvollziehbarer.
Sieger: Buch

„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vs. „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 und 2“
Ich bin seit meiner Grundschulzeit Harry-Potter-Fan; im Grunde habe ich die Bücher ziemlich genau im richtigen Alter entdeckt, um bei allem hautnah dabei zu sein; ich bin quasi mit Harry, Ron und Hermine zusammmen aufgewachsen, habe den Büchern und Filmen immer entgegengefiebert, war Teil des Fandoms etc.; tatsächlich bin ich acht Tage Jünger als Daniel Radcliff und habe am selben Tag Geburtstag wie Harry Potter und J. K. Rowling – das muss doch fast schon Schicksal sein. Leider ändert das alles nichts daran, dass ich von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ maßlos enttäuscht war. Nach dem ersten Lesen war das noch nicht der Fall, weil mich der Roman da noch fesseln konnte. Sobald ich allerdings über das Gelesene nachzudenken begann… Mit gefällt nicht, wie die Geschichte endet, mir gefällt nicht, wie sich die wichtigen Figuren entwickeln, und vor allem gefallen mir die massiven Logiklöcher und der furchtbar konstruierte Plot um die Deus-Ex-Heiligtümer absolut nicht. In meinen Augen ist der siebte Harry-Potter-Band als Abschluss der Reihe unwürdig.

Und dann ist da die zweiteilige Verfilmung, die einen Trend begründet hat, der immer noch anhält. Erfreulicherweise ist das Verhältnis zwischen Roman und Filmadaption hier ähnlich wie bei „Die Rache der Sith“: Die Adaption nutzt die Stärken des Mediums, um die Vorlage aufzuwerten. Zwar wird die Geschichte nicht besser oder logischer, aber der Film schafft es, viele der Schwächen ganz gut zu kaschieren und profitiert von der gelungenen Optik, der Musik, kleinen Änderungen und natürlich den grandiosen Schauspielern. Ralph Fiennes sorgt allein durch sein Spiel dafür, dass Voldemort im Film funktioniert, was er im Roman nicht tut. Trotz all seiner Schwächen gelingt es dem Film, mich emotional mitzureißen, was das Buch nicht schafft.
Sieger: Film

„Der Kunde hat immer recht“, „Stadt ohne Gnade“, „Das große Sterben“ und „Dieser feige Bastard“ vs. „Sin City“
Für gewöhnlich funktionier eine eins-zu-eins-Adaption kaum oder gar nicht. „Sin City“ ist gewissermaßen die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es gibt wohl kaum einen Film, der so nahe an seiner Vorlage ist wie dieser. Natürlich, ein paar winzige Änderungen gibt es, hier eine Szene, die der Schere zum Opfer gefallen ist, da eine kleine Ergänzung, aber insgesamt folgt Robert Rodriguez‘ und Frank Millers Episodenfilm der Handlung der drei adaptiert langen und des einen kurzen Comics sehr genau, und das sowohl inhaltlich als auch optisch. Rodriguez heuerte dazu nicht nur Miller als Co-Autor und –Regisseur an, tatsächlich wurden die Comics als Storyboards verwendet und die meisten Dialoge und Einstellungen fast eins zu eins übertragen.

Was den Film so interessant macht ist, dass er trotz allem eine Eigendynamik entwickelt, die den Comics in dieser Form fehlt. Diese Eigendynamik entsteht, eigentlich ganz simpel, durch die clevere, nonlineare Anordnung der einzelnen Episoden. Die Comics erzählen jeweils eine Geschichte von Anfang bis Ende. Der Film schneidet die Geschichten in nicht chronologischer Ordnung ineinander, ohne sie zu verändern. Wir beginnen mit „Der Kunde hat immer recht“ als Prolog, gefolgt vom Anfang von „Dieser feige Bastard“. Es folgen „Stadt ohne Gnade“ und „Das große Sterben“, bevor der Film mit „Dieser feige Bastard“ und einem extra für den Film verfassten Epilog, der „Der Kunde hat immer recht“ und „Das große Sterben“ auf ironische Weise verbindet, endet. Das mag chronologisch nicht stimmen („Dieser feige Bastard“ spielt in seiner Gesamtheit vor allen anderen Geschichten), funktioniert dramaturgisch aber hervorragend. Der Extended Cut, der im Grunde aus vier separaten Kurzfilmen besteht, ist für Fans der Vorlage interessant, weil er fast alle geschnittenen Szenen des Comics enthält; Dynamik und Dramaturgie der Kinoversion gehen allerdings verloren.
Sieger: Unentschieden

„A Song of Ice and Fire“ vs. „Game of Thrones“
Hätte ich diese Liste vor etwa zwei Jahren angefertigt, wäre das Urteil für „Game of Thrones“ wohl anders ausgefallen, denn bis zur dritten Staffel war die Serie eine sehr gelungene Adaption mit ähnlichen Stärken wie Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmung. Staffel 4 und 5 (besonders Staffel 5; ich bemühe ich, Spoiler für diese zu meiden und das Ganze auf allgemeine Aussagen zu beschränken) haben mich allerdings dazu gezwungen, dieses Urteil zu revidieren. Insgesamt muss man den Serienmachern zugestehen, dass besonders „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ enorm schwer zu adaptieren sind, weil die Handlung immer weiter zerfasert, King’s Landing als zentrale Örtlichkeit wegfällt und jede der Hauptfiguren im Grunde anfängt, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dennoch: Gerade in Staffel 5, und in geringerem Maße auch in Staffel 4, haben Benioff und Weiss wirklich sehr viele sehr schlechte Entscheidungen getroffen. Staffel 4 hat immerhin noch einige Höhen, um die Tiefen auszugleichen, in Staffel 5 dagegen ist kaum noch etwas von George R. R. Martins Geschichte übrig geblieben. Man kann über Martin sagen, was man will, aber „A Song of Ice and Fire“ ist eigentlich immer nachvollziehbar, die Figuren handeln passend, die Abläufe sind in sich logisch, die aufgestellten Regeln werden befolgt und es gibt Wirkung und Ursache. Staffel 5 dagegen ist, gerade was die Drehbücher angeht, im Niveau sehr stark gesunken. Subplots wurde auf das Minimum reduziert, die Komplexität wird billigem Drama geopfert, die Handlungen der Figuren wirken an den Haaren herbeigezogen und die Schockmomente, für die GoT berühmt ist, die sich aber bisher logisch aus der Handlung ergaben, verkommen zum Selbstzweck. Staffel 5 entfernt sich insgesamt sehr weit von der Buchvorlage – das muss per se erst einmal nichts Schlechtes sein, aber leider hat sich nun erwiesen, dass Benioff und Weiss sehr viel schlechtere Geschichtenerzähler als George R. R. Martin sind. Ich hege aber nach wie vor die Hoffnung, dass sich GoT mit Staffel 6 wieder erholt.
Sieger: (Buch bzw. Bücher)

„The Hunger Games“ vs. „The Hunger Games“
Bei den Hunger-Games-Filmen handelt es sich um sehr werkgetreue Adaptionen. Ich habe seinerzeit den ersten Film gesehen, der mir ganz gut gefallen, mich aber nicht dazu gebracht hat, die Vorlage zu lesen – das habe ich erst im Zuge eines Uni-Seminars getan. Die Kenntnis der Vorlage hat allerdings für eine gesteigerte Wertschätzung der Filme gesorgt. Zwar hat Suzanne Collins interessante Ideen, allerdings schadet der Umstand, dass wir alles durch Katniss‘ Augen sehen, der Geschichte in meinen Augen. Während sie auch in den Filmen ohne Frage die Protagonistin ist, können diese es sich doch hin und wieder erlauben, sich von ihr lösen, Hintergründe zu beleuchten und die erzählte Welt plastischer zu gestalten. Hinzu kommt, dass ich Film-Katniss weitaus sympathischer finde als Buch-Katniss, was wohl auch mit Jennifer Lawrence zusammenhängt. Insgesamt würde ich sagen, dass die „Hunger Games“, ähnlich wie „Die Heiligtümer des Todes“, vom Medienwechsel und vor allem von den wirklich gut ausgewählten Schauspielern profitiert.
Sieger: Film (bzw. Filme)

„Vampire: The Masquerade“ vs. „Clan der Vampire“
Noch etwas eher Obskures zum Schluss. Außerhalb von Rollen- oder Computerspielkreisen ist das Pen & Paper-RPG „Vampire: The Masquerade“ nicht allzu bekannt, allerdings hat es einen meiner Meinung nach stark unterschätzten Einfluss auf die aktuelle Vampirlandschaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der heute fast schon selbstverständliche Konflikt zwischen Vampiren und Werwölfen nahm hier seinen Anfang. Für mich persönlich ist V:tM immer noch die beste Version des Vampir-Mythos, weil er im Grunde jede andere Version mit einschließt, einen grandiosen, komplexen und mythologisch sehr vielseitigen Hintergrund hat und weil man mit ihm im Grunde jede Art von Vampirgeschichte erzählen kann, vom romantischen Twilight-Verschnitt über ein Action-Szenario á la „Blade“ oder „Underworld“ bis hin zur klassischen Gothic Novel nach Bram Stoker oder der Anne Rice’schen Charakterstudie.

In den späten 90ern gab es eine kurzlebige Serienadaption namens „Clan der Vampire“ (im Original „Kindred: The Embraced“), die sich einiger grundlegender Aspekte (und Bezeichnungen) der Vorlage bediente. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Serienmacher die Vorlage nicht verstanden hatten. Dass die komplexe Vampirpolitik vereinfacht wurde, hätte ich ja durchaus verziehen, aber weder Atmosphäre noch erzählerische Grundlage oder Thematik wurden in irgendeiner Form umgesetzt. „Clan der Vampire“ gleicht eher einer zweitklassigen Gangster-Serie, in der die Gangster halt Vampire sind. Das, was V:tM eigentlich ausmacht, der persönliche Horror, das Ringen um Menschlichkeit, die Konfrontation mit dem Tier im Inneren, wurde nicht im geringsten integriert, die Charaktere bleiben flache, uninteressante Stereotypen und die Gothic-Punk-Amtosphäre, auf die die Vorlage sehr viel wert legt (und die Beispielsweise in „Underworld“ zu finden ist), verzichtet „Clan der Vampire“ ebenfalls völlig. Setzen, sechs.
Sieger: Buch (bzw. RPG)

Ergebnis:
Buch: 5
Film: 3
Unentschieden: 2

(Anmerkung: Man könnte, wegen „Die Rache der Sith“, auch nach Vorlage und Adaption abrechnen, in dem Fall wäre es unentschieden mit 4:4:2).

X-Men: Days of Future Continuity

xaviermagneto
Ich hatte es ja schon angekündigt: „X-Men: Days of Future Past“ ist, vor allem Hinblick auf die anderen Filme des Franchise, interessant und kompliziert genug, um eine ausführliche Analyse nicht nur zu rechtfertigen, der Film fordert sie geradezu. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf dem Streifen selbst, sondern vor allem darauf, wie er sich zur „Verwandschaft“ verhält.
Dieser Artikel ist zweigeteilt, die erste Hälfte beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Films zur gleichnamigen Comicvorlage, während die zweite Hälfte die Kontinuität des X-Men-Filmuniversums und die Auswirkungen, die „Days of Future Past“ darauf hat, diskutiert. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass ich auf Spoiler keine Rücksicht nehmen werde, wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht vorher wissen möchte, wie er endet, sollte stattdessen meine spoilerfreie Filmkritik lesen.

Vorlage ist Vergangenheit: Film und Comic
Die meisten X-Men-Filme basieren zumindest teilweise auf genau bestimmbaren Comicvorlagen, allerdings handelt es sich zumeist um eher lose Adaptionen oder sogar Vermischungen einzelner Handlungsstränge. „X-Men: The Last Stand“ basiert zum Beispiel auf der berühmt-berüchtigten Dark-Phoenix-Saga, während der Plot um das Heilmittel aus Joss Whedons (ja, der Joss Whedon) X-Men-Run stammt. Sowohl „X-Men: First Class“ als auch „X-Men: Days of Future Past“ gehen diesbezüglich noch einen Schritt weiter und sind sogar nach der jeweiligen Comicvorlage benannte, auf der sie allerdings abermals nur lose basieren.
comiccover
Das berühmt gewordene Cover von The Uncanny X-Men 141

Die in diesem Fall titelgebende Geschichte stammt aus dem Jahr 1981, wurde von Chris Claremont geschrieben und von John Byrne gezeichnet (Claremont/Byrne gilt als DAS X-Men-Dream-Team, zusammen haben sie einige der wichtigsten und einflussreichsten X-Men-Geschichten zu Papier gebracht, und ohne sie wären die Mutanten heute mit Sicherheit nicht so populär, wie sie es sind). Es handelt sich dabei interessanterweise weder um eine ausgekoppelte Miniserie oder Graphic Novel (wie es etwa bei „God Loves, Man Kills“, der Vorlage für „X2: X-Men United“, der Fall war), noch um einen größeren Handlungsbogen wie bei den oben erwähnten Beispielen. Die Geschichte zieht sich nur über zwei Hefte, The Uncanny X-Men 141 und 142, und fühlt sich beim Lesen ehrlich gesagt auch nicht so „groß“ an, wie man das vielleicht erwarten würde. Dennoch ist die Geschichte nicht nur enorm beliebt, sie hatte auch große Auswirkungen. Die düstere X-Men-Zukunft gehört zu den beliebtesten alternativen Marvel-Settings, es gibt mehrere Comics, die es wieder aufgreifen (etwa „Days of Future Present“ oder „Days of Future Yet To Come“) und auch in den diversen X-Men-Zeichentrickserien wurde sie mal mehr, mal weniger Vorlagengetreu umgesetzt.
Der Film adaptiert vor allem die Grundidee des Comics, passt diese dem Film-Universum an, erweitert und vergrößert sie. Besagte Grundidee lässt sich wie folgt zusammenfassen: In einer dystopischen Zukunft werden Mutanten von Sentinels gejagt und stehen kurz vor der Auslöschung. Um zu verhindern, dass dies geschieht, wird der Geist eines X-Man in seinen früheren Körper geschickt, um Mystique daran zu hindern, eine bestimmte politische Figur zu eliminieren, deren Tod die düstere Zukunft ausgelöst hat.
So weit so gut, alles andere unterscheidet sich allerdings fundamental vom Comic. Das beginnt schon bei der Auswahl der Figuren und der Zeitebene. Im Comic ist es Kitty Pryde, die vom Jahr 2013 aus in ihren Körper des Jahres 1981 geschickt wird, und zwar von Rachel Summers, der in dieser Zeitlinie existierenden Tochter von Scott Summers und Jean Grey. Im Filmuniversum funktioniert das nicht, da „Days of Future Past“ auch als Sequel zu „X-Men: First Class“ fungieren sollte und hauptsächlich im Jahr 1973 spielt, in welchem Film-Kitty noch gar nicht geboren ist. Aus diesem Grund wählte man Wolverine und gab Kitty dafür die Rolle von Rachel Summers. Die Begründung, weshalb es Wolverine und nicht Xavier ist, der zurückgeschickt wird, ist zwar ein wenig fadenscheinig, aber was soll’s, Wolverine ist nun einmal ein Fanliebling.
Die Gestaltung der Zukunft sowie die Konstellation der X-Men und der Bruderschaft unterscheiden sich ebenfalls stark von der Vorlage. Im Comic sind die Mutanten in einem Internierungscamp und tragen Halsbänder, die ihre Kräfte ausschalten. Im Film kämpfen sie, sind aber letztendlich unweigerlich dem Untergang geweiht, da die Sentinels hier nicht nur große fiese Roboter sind, sondern sich an alle Mutantenkräfte anpassen und diese sogar reproduzieren können.
sentinel
Ein Comic-Sentinel

Die Zukunfts-X-Men im Comic sind nicht mehr sehr zahlreich, zu diesen gehören Magneto, Shadowcat, Colossus, Franklin Richards (der Sohn von Reed Richards und Sue Storm) und Rachel Summers. Im Film dagegen kämpft, mit Ausnahme von Beast, fast alles, was in „The Last Stand“ nicht gestorben ist, zusätzlich zu neuen Gesichtern wie Bishop oder Blink. In den 70ern dagegen sind sowohl die X-Men als auch die Bruderschaft zu diesem Zeitpunkt nicht existent, Magneto sitzt mal wieder im Plastikgefängnis und Mystique arbeitet auf eigene Faust, während die X-Men praktisch nur aus Xavier, Beast und Wolverine bestehen. Im Comic sind beide Teams gut besetzt und aktiv.
Auch sonst unterscheidet sich der Handlungsablauf im Film stark von der Vorlage, wo es nicht Bolivar Trask ist, den Mystique umbringen will, sondern ein gewisser Senator Kelly – wir erinnern uns dunkel an die beiden Singer-Filme. Nebenbei bemerkt, in den Comics ist Trask nicht kleinwüchsig, aber ich denke, niemand außer den Hardcore-Puristen stört das, wenn Peter Dinklage die Rolle spielt. Viel interessanter ist, dass in „The Last Stand“ ebenfalls ein Bolivar Trask auftaucht (nicht kleinwüchsig, dafür aber Afroamerikaner, gespielt von Bill Duke), der mit den Sentinels allerdings nichts zu tun hat. Wahrscheinlich sollte man das als Zufall werten. Im Comic fehlt ebenfalls der ganze weltpolitische Überbau mit Nixon, JFK etc., ebenso wie Magneto, der lediglich in der Zukunftsrahmenhandlung auftaucht.
trask
Bolivar Trask in den Comics

Die vielleicht gravierendste Änderung findet sich allerdings am Ende: Für die Zukunfts-X-Men im Comic gibt es kein Happy-End; wie sich die Zukunft nach dem gescheiterten Attentat verändert, bleibt offen, während wir im Film eine kurze Szene zu sehen bekommen, in welcher noch alle X-Men auftauchen, die bisher noch nicht zu sehen waren, mit der Ausnahme von Nightcrawler und Angel.
Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass mir die Umsetzung des Grundplots im Film besser gefällt als im Comic. Die Idee ist heute noch mehr als damals alles andere als revolutionär, insbesondere, da es seit dem erscheinen der beiden Hefte vier Terminator-Filme gab, die einem ähnlichen Handlungsmuster folgen, aber die Geschichte hat zweifelsohne viel Potential, das in der Vorlage in meinen Augen bei Weitem nicht ausgeschöpft wird.

Der Gordische Knoten: Die Kontinuität der X-Men-Filme
Die X-Men-Filme sind nicht gerade ein Musterbeispiel an stimmiger Kontinuität. Während die Trilogie noch halbwegs in sich konsistent ist, fangen die Probleme bei „X-Men Origins: Wolverine“ bereits an, wirklich problematisch wird es allerdings mit „X-Men: First Class“, da er sich einerseits an den bisherigen Filmen zu orientieren scheint (Hinweis hierauf sind Mystiques Aussehen, die Cameos von Hugh Jackman und Rebecca Romjin, die Reproduktion der Konzentrationslagerszene u.ä.), andererseits gibt es aber einige massive Kontinuitätsschnitzer. Selbst wenn man annimmt, dass „First Class“ nur die beiden Singer-Filme akzeptiert, gibt es einige Probleme, da Xavier in „X-Men“ beispielsweise behauptet, er hätte Magneto mit 17 Jahren kennen gelernt und dieser hätte ihm dabei geholfen, Cerebro zu bauen. In „First Class“ ist beides nicht der Fall, Xavier ist wesentlich älter, als er Magneto kennen lernt und Cerebro – zumindest der Prototyp – wurde von Hank McKoy gebaut. Ebenso ist Xavier in „X-Men“ überrascht, dass Magneto durch seinen Helm gegen Telepathie immun ist, während er in „First Class“ dabei war, als Magneto den Helm erwarb. Auch scheint es merkwürdig, dass Xavier und Mystique zusammen aufgewachsen sind, wo sie ihn in „X-Men“ doch bereitwillig vergiftet.
Manche der Kontinuitätsprobleme werden durch „X-Men: Days of Future Past“ gelöst, andere werden ignoriert (etwa der 17-jährige Xavier). Wer sich in der Film-Kontinuität allerdings nicht gut auskennt und mit Zeitreisen Probleme hat, der könnte nach der Sichtung von „Days of Future Past“ etwas verwirrt sein, denn Singers Film tut dasselbe wie J. J. Abrams‘ „Star Trek“: Durch Wolverines Reise in die Vergangenheit wird eine neue Zeitlinie gestartet.
Betrachten wir zuerst einmal, wo wir zu Beginn des Films stehen. Die dystopische Zukunft gehört zur ursprünglichen Zeitlinie, in der mit einer Ausnahme alle bisherigen X-Men-Filme spielen – Singer und sein Drehbuchteam machen im Verlauf des Films ziemlich klar, dass „X-Men Origins: Wolverine“ so, wie der Film ist, nicht mehr zur Kontinuität gehört, deswegen werde ich ihn im Folgenden auch nicht mehr beachten.
Die ursprüngliche Zeitlinie beginnt mit „X-Men: First Class“, die Welt wird durch die Kuba-Krise zum ersten Mal auf Mutanten aufmerksam. Danach spielen sich die Ereignisse so ab, wie Xavier und Magneto sie zu Beginn von „Days of Future Past“ schildern: Mystique tötet Bolivar Trask, wird gefangengenommen und mithilfe ihrer DNS werden die Sentinels weiterentwickelt – dieser Prozess erstreckt sich wohl über mehrere Jahrzehnte. Xavier erklärt, dass Raven Darkholme an dem Tag, an dem sie Trask tötet, erst wirklich zu Mystique wird. Ihre folgende Gefangenschaft, die Experimente etc. sorgen dafür, dass sie zu der kalten Killerin wird, die sie in der ursprünglichen Trilogie ist.
Das Serum, das Xavier sich spritzt, um seine Telepathie auszuschalten, sorgt auch dafür, dass die Rückblickszene mit dem laufenden Xavier zu Beginn von „The Last Stand“ wieder funktioniert: In der alten Zeitlinie muss Xavier seine Depressionen selbst überwunden haben (vielleicht ausgelöst durch den Mord an Trask?) und die Dosis zumindest reduziert haben. An Beast sehen wir ja, dass eine geringere Dosis seine Kräfte nicht völlig ausschaltet. Xavier nimmt das Serum bis in die 80er, reduziert dann aber irgendwann die Dosis immer weiter und entscheidet schließlich, dass er es überhaupt nicht mehr braucht oder will. Auch eine zeitweilige Versöhnung mit Magneto scheint zwar nicht besonders wahrscheinlich, aber immerhin nicht völlig ausgeschlossen.
Es folgen die Ereignisse von „X-Men“, „X2: X-Men United“ und „X-Men: The Last Stand“: Der Ellis-Island-Vorfall, die Sache mit Stryker und schließlich das Heilmitel und das Erwachen von Dark Phoenix. Ebenfalls zu dieser Zeitlinie gehört James Mangolds „The Wolverine“, das auf den Ereignissen von „The Last Stand“ aufbaut und in der Mid-Credits-Szene wiederrum auf „Days of Future Past“ hindeutet. Zwischen „The Last Stand“ (bzw. „The Wolverine“) und dem Anfang von „Days of Future Past“ fehlt nun praktisch ein Film – zumindest empfinde ich es so, denn es gibt ein paar Lücken. Die Lösung für Fragen wie „Warum lebt Xavier noch?“ wird zwar angedeutet (in der Post-Credits-Szene von „The Last Stand“ erfährt man, dass er sein Bewusstsein in einen anderen Körper transferiert hat), aber es wird doch auch vieles offen gelassen, etwa weshalb Kitty Pryde plötzlich Zeitreisefähigkeiten hat. Am Ende dieser primären Zeitlinie steht die finstere Zukunft, in der die Mutanten von den Sentinels gejagt und nach und nach vernichtet werden.
Dann wird Wolverines Geist in den Körper seines früheren Ichs geschickt, und damit beginnt die neue, sekundäre Zeitlinie. Während des Films laufen, vor allem aus dramaturgischen Gründen, sowohl die alte als auch die neue Zeitlinie parallel zueinander – ob das nun logisch ist sei einmal dahingestellt, aber immerhin wird es, im Gegensatz zu vielen anderen Zeitreisefilmen, wenigstens erwähnt und erklärt.
Zur sekundären Zeitlinie gehören nach wie vor die Ereignisse von „X-Men: First Class“ und der Teil von „Days of Future Past“, der im Jahr 1973 spielt. Alle anderen Filme gehören allerdings nicht mehr dazu.
Im Internet existiert noch eine weitere Theorie, um die oben erwähnten Kontinuitätsprobleme zu Erklären: Ihr zufolge gibt es nicht zwei, sondern drei Kontinuitäten. In der ersten, die von den anderen völlig losgelöst ist, spielen „X-Men Origins: Wolverine“, „X-Men“, „X2: X-Men United“ und „X-Men: The Last Stand“. Zur zweiten gehören „X-Men: First Class“, „The Wolverine“ und die Zukunftsteile von „Days of Future Past“. Zwischen „First Class“ und „The Wolverine“ finden Ereignisse statt, die denen der ursprünglichen Trilogie sehr ähnlich, aber nicht mit ihnen identisch sind. Die dritte Kontinuität ist die oben beschriebene, durch Wolverines Zeitreise veränderte. Vermutlich ist diese Theorie für den gemeinen Filmschauenden wahrscheinlich ein wenig zu pedantisch.
Am Ende von „Days of Future Past“ erhalten wir noch einen kleinen Ausblick auf die Zukunft der sekundären Zeitlinie, die nicht allzu viel verrät, die aber immerhin einige Schlüsse zulässt und zu Vermutungen anregt: Die Ereignisse von „X-Men“ und „X2: X-Men United“ könnten in groben Zügen in dieser Kontinuität ebenfalls passiert sein, allerdings nicht identisch wie in den alten Filmen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Wolverine Teil der X-Men ist und Rogue weiße Strähnen hat und mit Bobby Drake/Iceman zusammen ist. Die Ereignisse von „The Last Stand“ dagegen haben sich gar nicht oder zumindest anders abgespielt, da Jean und Cyclops noch leben. Ich persönlich glaube allerdings, dass man diesen Ausblick nur als mögliche Zukunft verstehen sollte, schon allein weil man nicht weiß, was in zukünftigen Filmen noch alles passiert.
Betrachten wir zum Schluss noch einmal, wie „Days of Future Past“ im Jahr 1973 endet und was das für die sekundäre Zeitlinie und die kommenden X-Men-Filme bedeuten könnte. Xavier eröffnet seine Schule wieder, was zu erwarten war. Das heißt, dass wir in „X-Men: Apocalypse“, dem bereits angekündigten Sequel zu „Days of Future Past“, wieder ein funktionsfähiges X-Men-Team unter Leitung des McAvoy-Xaviers zu sehen bekommen werden. Da Magneto entkommt, könnte auch die Bruderschaft wieder auftauchen, mögliche Kandidaten gab es im Film bereits zu sehen, etwa eine jüngere Version von Toad.
Die interessanteste Frage ist nun, wie sich Mystique wohl entwickelt. Sie hat weder Trask noch Magneto getötet und sich mit Xavier zumindest teilweise versöhnt. Vermutlich wird sie sich nicht erneut der Bruderschaft anschließen. Am Ende des Films hat sie die Gestalt des jungen William Stryker angenommen, was auch Fragen bezüglich Logans weiterem Schicksal aufwirft. Bekommt er nun kein Adamantium-Skelett?
Wie auch immer sich die neue Zeitlinie entwickelt, nun ist klar, wie Bryan Singer und Co. den Kontinuitätsknoten des X-Men-Filmuniversums gelöst haben, nämlich genau so, wie Alexander der Große es mit dem Gordischen Knoten getan hat: Sie haben ihn durchgehauen, in dem sie mit „Days of Future Past“ einen Quasi-Reboot initialisiert haben. Diese Lösung ist zweifelsohne reichlich unelegant, ermöglicht aber nun weitere X-Men-Filme ohne den Ballast der bisherigen Teile. Nun stellt sich allerdings noch die Frage, in welcher Kontinuität der dritte Wolverine-Film spielen wird, der für 2017 angekündigt ist und bei dem James Mangold wieder Regie führen soll. Wird er als Sequel zu „The Wolverine“ konzipiert und spielt damit in der primären Zeitlinie, oder spielt er in der sekundären Zeitlinie und steht in irgendeiner Form mit „X-Men: Apcoalypse“ in Verbindung? Only time can tell.

Siehe auch:
X-Men
X-Men: First Class
Wolverine: Weg des Kriegers
X-Men: Days of Future Past
X-Men: Days of Future Past – Soundtrack

X-Men: Days of Future Past – Soundtrack

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Tracklisting:

01. The Future – Main Titles
02. Time’s Up
03. Hope (Xavier’s Theme)
04. I Found Them
05. Saigon/Logan Arrives
06. Pentagon Plan/Sneaky Mystique
07. He Lost Everything
08. Springing Erik
09. How Was She
10. All Those Voices
11. Paris Pandemonium
12. Contacting Raven
13. Rules of Time
14. Hat Rescue
15. Time’s Up (Film Version)
16. The Attack Begins
17. Join Me
18. Do What You Were Made For
19. I Have Faith In You/Goodbyes
20. Welcome Back/End Titles
21. Time in a Bottle (written and performed by Jim Croce)
22. The First Time Ever I Saw Your Face (written by Ewan MacColl, performed by Roberta Flack)

Auf John Ottmans Rückkehr als X-Men-Komponist hatte ich mich sehr gefreut, denn wie kaum einem anderen Franchise mangelt es den X-Men-Filmen an musikalischer Identität, alle bisherigen Filme wurden von verschiedenen Komponisten vertont, ohne dass es je einen Rückbezug auf das leitmotivische Material der anderen gegeben hätte.
Die gute Nachricht: John Ottman schafft ein Minimum an musikalischer Kontinuität, da er sein X-Men-Thema aus „X2: X-Men United“ wieder aus der Versenkung holt. Er zitiert sogar einmal scheinbar Henry Jackmans Magneto-Thema (in der zweiten Hälfte von Time’s Up (Film Version)), wenn auch in einer Szene, in der Magneto gar nicht auftaucht – wahrscheinlich ist es lediglich ein ähnliches Konstrukt.
Die schlechte Nachricht: Der restliche Soundtrack taugt praktisch nichts. Ich weiß nicht, wem man hier die Schuld geben muss: John Ottman, weil er derartig uninspirierte, ja geradezu langweilige Musik komponiert hat oder Bryan Singer oder dem Studio weil sie wohl wieder einmal die Verwendung der Zimmer’schen Stilmittel befohlen haben.
„X-Men: Days of Future Past“ wirkt, als hätte Singer sich nicht von seinen Temp-Tracks trennen können, sowohl auf dem Album als auch im Film ist die Musik fürchterlich inkohärent, ein nicht wirklich zusammenpassender Mischmasch verschiedener Stile. So klingt Time’s Up stark nach Ramin Djawadis „Pacific Rim“ während Hope (Xavier’s Theme) eine kaum veränderte Einspielung des Stückes Time aus „Inception“ ist (welches von Hans Zimmer ohnehin ständig verwendet wird, u.a. in „12 Years a Slave“, „The DaVinci-Code“ und „The Thin Red Line“). Traurigerweise hört man John Ottmans kompositorische Stimme kaum heraus.
Leider findet sich auch sonst alles, was dafür sorgt, dass der Großteil der Filmmusik der heutigen Zeit völlig austauschbar klingt: Simple Konstrukte, gleichförmige Ostinati, das durch „Inception“ populär gewordene „Horn of Doom“, Wummern, Dröhnen und der übermäßige und unnötige Einsatz von elektronischer Orchestermanipulation und Percussion-Loops.
Und als ob das alles nicht schon ausreichen würde, ist „X-Men: Days of Future Past“ auch noch aus narrativer Hinsicht völlig uninteressant. Wie bereits erwähnt verwendet Ottman sein X-Men-Thema wieder, dies tut er allerdings nur in Vor- (The Future – Main Titles) und Abspann (Welcome Back/End Titles). Während des Films selbst wird das Thema nur ein, zwei Mal angedeutet (etwa in Do What Your Were Made For). Der Rest des Scores ist fast völlig austauschbar und substanzlos. Gerade im Vergleich zu Henry Jackmans Musik zu „X-Men: First Class“ fällt auf, wie anonym, unmarkant und schlicht langweilig diese Musik ist. Jackmans Arbeit war weit davon entfernt, ein Meisterwerk zu sein, aber die Verwendung seines X-Men- und seines Magneto-Themas war äußerst wirkungsvoll, und darüber hinaus hat seine Musik Spaß gemacht. Gerade das Magneto-Thema hätte in „Days of Future Past“ an einigen Stellen extrem gut gepasst, auch ein stärkerer Einsatz von Ottmans Hauptthema hätte diesem Film gut getan.
Fazit: Ottmans zweiter X-Men-Soundtrack ist eine kolossale Enttäuschung und bleibt weit hinter seiner Musik zum zweiten X-Men-Film sowie den Kompositionen John Powells oder Henry Jackmans für das Franchise zurück.

Siehe auch:
X-Men: Days of Future Past
X-Men: Days of Future Continuity
Marvel-Musik Teil 1: X-Men