The Northman

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Story: Nachdem der junge Prinz Amleth (Oscar Novak) von seinem Vater Aurvandill (Ethan Hawke) und dem Narren Heimir (Willem Dafoe) in die Mysterien Odins eingeführt wird, um ihn auf die Thronfolge vorzubereiten, reißt Aurvandills Bruder Fjölnir (Claes Bang) die Macht an sich. Er tötet den vorigen König und erklärt dessen Frau Gudrún (Nicole Kidman) zu seinem Eigentum. Amleth gelingt die Flucht und er schwört Rache. Viele Jahre später kehrt Amleth (Alexander Skarsgård), nun ein mächtiger Krieger, als Sklave verkleidet zurück, um seinen Schwur in die Tat umzusetzen. Fjölnir hat inzwischen sein Königreich verloren und lebt auf einem verhältnismäßig kleinen Hof mit Gudrún, seinen Söhnen und seinen Untergebenen auf Island. Gemeinsam mit seiner mit-Sklavin Olga (Anya Taylor-Joy) plant Amleth brutale Vergeltung an seinem Onkel…

Kritik: „The Northman“ ist der dritte Film von Regisseur Robert Eggers, dessen beide vorherige Arbeiten, „The Witch“ und „The Lighthouse“, ich sehr genossen habe. Mit „The Northman“ beschreitet Eggers ein Stück weit neue Wege: Waren seine bisherigen Filme sehr authentische historische Kammerspiele mit starken Horror-Einschlägen, so ist „The Northman“ deutlich epischer und actionreicher angelegt: Ein Wikinger-Epos, eine Rachegeschichte, die aber natürlich trotzdem nicht auf Eggers‘ spezifische Handschrift verzichtet. Zwar scheint es, als habe Eggers das eine oder andere Mal dem Studio Zugeständnisse machen müssen, schließlich ist „The Northman“ sein bisher größter und vor allem teuerster Film, aber im Großen und Ganzen handelt es sich doch zweifelsfrei um einen Eggers-Film.

Wer die Inhaltsangabe liest, kommt nicht umhin, gewisse Parallelen zu Shakespeares „Hamlet“ festzustellen: Der Herrscher, der vom Bruder getötet wird, der Sohn, der Rache schwört, selbst die Namen Amleth und Hamlet sind ähnlich. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Amleth-Sage, wie sie u.a. von dem dänischen Theologen und Historiker Saxo Grammaticus (ca. 1150 bis 1220) aufgezeichnet wurde, diente Shakespeare als Vorlage für sein Drama um den rachedurstigen dänischen Prinzen. Gemeinsam mit dem isländischen Autoren Sigurjón Birgir Sigurðsson, genannt „Sjón“, mit dem er zusammen das Drehbuch verfasste, versucht Eggers hier gewissermaßen, eine historische Version der Amleth-Sage zu rekonstruieren, geht dabei aber auch nicht unbedingt sehr vorlagengetreu vor, sondern bedient sich der von Saxo Grammaticus aufgezeichneten Version eher als grober Inspiration. Zusätzlich mischen Eggers und Sjón eine ordentliche Portion nordischen Mystizismus in die Geschichte. Obwohl das Ganze deutlich opulenter inszeniert ist als „The Witch“ oder „The Lighthouse“, zeigt sich hier besonders deutlich Eggers Handschrift – wie in seinen beiden bisherigen Filmen weiß man auch in „The Northman“ nie wirklich, ob tatsächlich übernatürliche Ereignisse geschehen oder ob die Protagonisten sich diese lediglich einbilden.

Ebenso zeigt sich Eggers‘ Handschrift bei der Inszenierung von historischer Authentizität. Vieles bleibt natürlich Spekulation, aber dennoch wird in „The Northman“ ein weiteres Mal der Aufwand, den Eggers betreibt, um alles ordentlich zu recherchieren, deutlich – gerade, was die Darstellung der Kulthandlungen angeht. Zwar folgen Eggers und Sjón Saxo Grammaticus‘ Version der Geschichte nur bedingt, bedienen sich aber durchaus der Erzählmuster nordischer Sagas und verschaffen den Göttern, besonders Odin und Freyr, einen essentiellen Platz in der Geschichte. Trotz der mythologischen Elemente romantisiert Eggers nicht, wir sehen unseren Protagonisten Amleth bei einem brutalen Überfall auf ein Dorf und mit der Sklaverei als Institution scheint er keinerlei Probleme zu haben. Manchmal hat man das Gefühl, Eggers hätte den Film am liebsten komplett auf Altnordisch gedreht, so kommt die Sprache lediglich in einigen Schlüsselszenen zum Einsatz.

Nicht nur inszenatorisch, auch bezüglich der Figurenzeichnung finden sich einige Unterschiede zu Eggers bisherigen beiden Werken – gerade diesbezüglich ist „The Northman“ der bislang geradlinigste Film des amerikanischen Regisseur, es fehlt an der Komplexität und Doppelbödigkeit, die die Figuren in „The Witch“ und „The Lighthouse“ auszeichnete. Die Ausnahme dabei ist die von Nicole Kidman gespielte Gudrún, für die Shakespeares Lady Macbeth Pate gestanden haben könnte.

Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Darsteller aus – wo beispielsweise „The Lighthouse“ fast ausschließlich vom intensiven Spiel von Robert Pattinson und Willem Dafoe lebte, verlangt Eggers in „The Northman“ von seinen Darstellern weniger subtiles Agieren und viel mehr aggressive Körperlichkeit. Vorreiter ist hier natürlich Hauptdarsteller Alexander Skarsgård, der in HBOs „True Blood“ ironischerweise einen Wikingervampir namens Eric Northman spielte, sodass man sich fragt, ob „The Northman“ nicht vielleicht doch als Prequel zu besagter Vampirserie gedacht war… Wie dem auch sei, Eggers beginnt langsam damit, sich, ähnlich wie Tim Burton, Chris Nolan oder Wes Anderson, eine Gruppe an Stammschauspielern aufzubauen. Nicht nur Anya Taylor-Joy, die in „The Witch“ ihr Leinwanddebüt feierte, kehrt zurück, sondern auch ihre Co-Stars (und GoT-Veteranen) Kate Dickie und Ralph Ineson, ebenso wie Willem Dafoe, der nach „The Lighthouse“ bereits zum zweiten Mal mit Eggers zusammenarbeitet. Insgesamt gibt es in diesem Bereich jedenfalls absolut nichts zu meckern, alle Darsteller in „The Northman“ sind durchweg exzellent.

Erstmals komponierte nicht Mark Korven für Eggers den Score, stattdessen wandte er sich an die beiden Filmmusik-Newcomer Robin Carolan und Sebastian Gainsborough, zwei englische Komponisten, die eher aus dem Electronica-Bereich kommen. Hätte man mir allerdings Carolans und Gainsboroughs Arbeit präsentiert und behauptet, sie stamme von Korven, ich hätte es ohne zu Zögern geglaubt, denn die Herangehensweise ist sehr ähnlich wie bei „The Witch“. Der Score von „The Northman“ ist sehr harsch und unangenehm, arbeitet primär mit Texturen und legt großen Wert auf authentische Instrumentierung. Als solcher ist er nicht unbedingt besonders angenehm zu hören, im Film allerdings äußerst effektiv, nicht zuletzt durch den beeindruckenden Chor-Einsatzes während des finalen Duells, das bei mir Episode-III-Flashbacks hervorgerufen hat. Eine ausführliche Rezension des Scores findet sich hier.

Fazit: Auch bei seinem dritten Werk weiß Robert Eggers zu überzeugen: „The Northman“ mag die Doppelbödigkeit und die Intimität von „The Witch“ und „The Lighthouse“ fehlen, der Film macht dieses Manko allerdings durch schiere Intensität wieder wett. Ein Historienepos dieses Kalibers bekommt man nun wirklich nicht alle Tage.

Trailer

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Siehe auch:
The Witch
The Lighthouse

Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension

Volle Spoiler für das gesamte MCU!
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Nach dem Ende der dritten Phase des MCU war ich dieses Franchise betreffend ein wenig ausgebrannt – besonders, da sich „Avengers: Endgame“ als durchaus gelungener Abschluss erwies. Verstärkt wurde das durch die Pandemie, die weitere Filme wie „Black Widow“ deutlich nach hinten schob. Zudem sorgte Corona dafür, dass sich der Fokus stärker auf die Disney-Plus-Serien verlegte, die ich auch tatsächlich alle gesehen habe. Ich fand sie durchweg entweder ziemlich gelungen oder doch zumindest kurzweilig genug, um sie bis zum Ende anzusehen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich kein Bedürfnis, über sie schreiben. Mit „Spider-Man: No Way Home“ kommt nun allerdings der erste Phase-4-Film, der eine bereits zuvor begonnene Filmreihe fortsetzt – angesichts der Prämisse der Handlung war ich deshalb auch der Meinung, dass sich ein Kinobesuch hier lohnt. Um es kurz zu machen: „Spider-Man: No Way Home“ hat durchaus seine Probleme, die angesichts der Konzeption der Handlung eigentlich schon absehbar waren, im Großen und Ganzen ist der dritte MCU-Spider-Man aber ziemlich gelungen und auf emotionaler Ebene vielleicht sogar der stärkste der Trilogie.

Handlung
Nachdem J. Jonah Jameson (J. K. Simmons) Spider-Mans Geheimidentität enthüllt hat, haben Peter Parker (Tom Holland) und seine Freunde MJ (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) massive Probleme mit ihrer Privatsphäre. Peter gibt sich unter anderem auch die Schuld daran, dass seine Freunde von allen Colleges nur Ablehnungen erhalten. In seiner Verzweiflung wendet sich Peter an Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Dieser schlägt vor, einen Zauber zu wirken, der alle Menschen vergessen lässt, dass Peter Parker Spider-Man ist. Doch der Zauber geht schief und öffnet die Pforten des Multiversums: Plötzlich tauchen Schurken auf, die Peter zwar noch nie getroffen hat, die aber ihrerseits nur allzu versessen darauf sind, Spider-Man zu töten. Der Grüne Kobold (Willem Dafoe), Doctor Octopus (Alfred Molina), Sandman (Thomas Haden Church), die Echse (Rhys Ifans) und Electro (Jamie Foxx) haben alle eine Rechnung mit Spider-Man offen, nur nicht unbedingt mit der Version, die sie antreffen. Chaos bricht aus und Peter muss versuchen, alle Schurken einzufangen, damit Doctor Strange sie zurückschicken kann. Doch reicht das aus? Anstatt die Schurken einfach nur zurück und damit in den fast sicheren Tod zu schicken – fast alle sterben im Kampf gegen anderen Versionen von Spider-Man – entschließt sich Peter, motiviert von seiner Tante May (Marisa Tomei), ihnen zu helfen, doch auch hier kommt es zu ebenso ungeahnten wie tragischen Folgen…

Multiversity
Bei der oben erwähnten Prämisse handelt es sich natürlich um das Vorhaben, die Schurken aus den beiden bisherigen, nicht im MCU verorteten Spider-Man-Filmreihen von Sam Raimi und Marc Webb zurückzubringen und hierfür das frisch etablierte Multiversum zu verwenden. Die Möglichkeit eines solchen wurde bereits in „Doctor Strange“ und „Avengers: Endgame“ angedeutet, bevor Marvel-Mastermind Kevin Feige es mehrfach anteaserte, ohne es tatsächlich durchzuziehen. Sowohl in „Spider-Man: Far From Home“ als auch in „WandaVision“ wurde mit dem Konzept gespielt, in beiden Fällen erwies es sich aber als geschickte Täuschung: Mysterio alias Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) behauptet zwar von sich, von einer anderen Erde des Multiversums zu stammen, erweist sich aber als Betrüger, was Spider-Man-Fans, die mit Mysterio aus den Comics vertraut sind, jedoch erwarteten. Der Auftritt des von Evan Peters gespielten Quicksilver der Fox-X-Men dagegen schien eine eindeutige Sprache zu sprechen, auch hier wurden die Zuschauer allerdings an der Nase herumgeführt, denn bei diesem Quicksilver handelt es sich um den eigentlich unbeteiligten Westview-Einwohner Ralph Bohner, der lediglich durch Wandas Chaosmagie zu Pietro Maximoff wird.

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MJ (Zendaya) und Spider-Man (Tom Holland)

Erst „Loki“ sorgte dafür, dass aus konzeptionellen Andeutungen „Realität“ wurde; die Serie führte Konzepte wie die „Time Variance Authority“ (TVA) und die „Sacred Timeline“ ein und zeigte zudem einige Alternativversionen von Loki (Tom Hiddleston), darunter Sylvie (Sophia Di Martino), Classic Loki (Richard E. Grant) und Alligator Loki. Die Animationsserie „Marvel’s What If…?“ schließlich machte sich (mal mehr, mal weniger gelungen) als erste daran, die Möglichkeit eines Multiversums zu erforschen, wählte dabei aber die bisherigen MCU-Filme als Ausgangspunkt – bei den Figuren handelte es sich stets um die MCU-Version in anderem Kontext. Im Gegensatz dazu bedient sich „Spider-Man: No Way Home“ vom MCU bislang völlig separierter Kontinuitäten. Im Vorfeld stellte sich freilich die Frage, wie sehr sich Feige, Regisseur Jon Watts und die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers auf die Inhalte der bisherigen Filme einlassen würden, schließlich könnten sie sich auch eines „Broad-Strokes-Ansatzes“ bedienen und alles verhältnismäßig vage halten – für diesen Ansatz entschied man sich immer wieder bei den X-Men-Filmen. Stattdessen beschlossen die Verantwortlichen jedoch, dass die Raimi- und Webb-Filme in ihren jeweiligen Universen genauso passiert sind, wie wir sie in Erinnerung haben. Mehr noch, Watts und sein Team haben es sich zum Anspruch gemacht, sowohl der Raimi- als auch der Webb-Serie einen angemessenen Abschluss zu verpassen.

Das ist nun freilich ein enormes Unterfangen, vielleicht nicht ganz auf dem Level von „Infinity War“ und „Endgame“, dem aber doch schon ziemlich nahe. Nebenbei sollte „No Way Home“ auch noch eine eigene Geschichte erzählen und die Handlung des MCU-Spider-Man sinnvoll weiterführen. Zumindest in Ansätzen könnte man von „No Way Home“ durchaus als Realfilmversion von „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ sprechen, ironischerweise hatte es besagter Animationsfilm von Sony sowohl leichter als auch schwerer. Leichter, da ihm als Animationsfilm ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen und schwerer, da er eine ganze Reihe an neuen Figuren bzw. Versionen von Spider-Man etablieren muss, die dem Nichtcomicleser völlig unbekannt sind, von Miles Morales (Shameik Moore) über Spider-Gwen (Hailee Steinfeld) bis hin zu meinem persönlichen Favoriten, Spider-Man Noir (Nicolas Cage). „No Way Home“ hingegen kann mit der Wirkung der in den Raimi- und Webb-Filmen etablierten Schurken und Spider-Men arbeiten, was, wenn man denn alle nötigen Darsteller zusammenbekommt (das allein ist schon eine beeindruckende Leistung), schon einiges rumreißt.

Sinister Six Minus One
Eines der vielleicht größten konzeptionellen Probleme des MCU-Spider-Mans ist der Umstand, dass er auch nach drei Filmen quasi keine eigenen Schurken hat. Dies ist besonders ironisch, da Spider-Man bekanntermaßen eine der üppigsten und ikonischsten „Rogues Galleries“ aller Superhelden hat, lediglich übertroffen von Batman. Natürlich sind der Vulture (Michael Keaton) und Mysterio formale gesehen Spider-Man-Gegenspieler, in ihren MCU-Inkarnationen sind sie aber, zumindest bedingt durch ihre Entstehung und ihre Motivation, Iron-Man-Schurken. Beide tun, was sie tun und wie sie es tun, weil sie sich von Tony Starks Handlungen direkt oder indirekt hintergangen fühlen – die Auseinandersetzung mit Spider-Man ist sowohl in „Homecoming“ als auch in „Far From Home“ fast schon Zufall, es besteht kaum eine persönliche Verbindung zwischen ihnen und Peter Parker. „No Way Home“ verschlimmert dieses Problem noch, da hier kein neuer Schurke etabliert wird, sondern alte Schurken zurückkehren, die zwar alle eine persönliche Verbindung zu Spider-Man haben, aber eben nicht zu diesem Spider-Man.

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Der Grüne Kobold (Willem Dafoe)

Wie bereits mehrfach erwähnt, handelt es sich bei den fünf Schurken dieses Films um alte bekannt – ein Widersacher pro Spider-Man-Film, die beiden MCU-Einträge nicht mitgerechnet und jeder von ihnen gespielt vom ursprünglichen Schauspieler. Rhys Ifans und Thomas Haden Church sind allerdings fast durchgängig in ihrer Echsen- bzw. Sandform, sprich von ihnen sieht man nicht allzu viel. Abgesehen von diesem Umstand wurden beide ohne größere visuelle Änderungen übernommen, dasselbe trifft auch auf Doctor Octopus zu. Bei Electro und dem Grünen Kobold hingegen nahm man einige Anpassungen vor. Besonders das Design von Ersterem in „The Amazing Spider-Man 2“ kam bei Fans und Publikum nie besonders gut an, weshalb man sich wohl entschied, einfach Jamie Foxx‘ Gesicht ohne merkwürdiges lila Makeup und Effekte zu verwenden. Erklärt wird dieser Wandel mit dem Übertritt in das andere Universum. Immer, wenn Electro in „No Way Home“ seine Kräfte anwendet, bilden die Blitze um seinen Kopf zudem die Form seiner klassischen Maske – ein kleines Zugeständnis an sein Comicoutfit. Ähnlich verhält es sich mit dem Kobold. Zuerst taucht er mit Maske auf, diese wird aber bald zerstört und der Film verzichtet dann auch auf sie – stattdessen trägt der Kobold aber violette Kleidungsfetzen inklusive Kapuze, die ebenfalls eine Reminiszenz an sein Kostüm aus den Comics darstellt. Dass Willem Dafoe der richtige Darsteller ist, um das irre Grinsen des Kobolds auf die Leinwand zu bringen, ist ja ohnehin bereits seit dem ersten Spider-Man-Film klar.

Charakterlich bemühen sich Watts und Co., die Figuren so zu zeigen, wie man sie kennt, wobei Sandman und der Echse verhältnismäßig wenig Platz eingeräumt wird – bei Ersterem würde ich sogar zögern, ihn eindeutig als Schurken zu klassifizieren, da er primär nur nachhause zu seiner Tochter möchte und von der ganzen Situation in erster Linie genervt ist. Doc Ock wird ebenfalls verhältnismäßig früh „gezähmt“, da Peter ihn durch die Nanotechnologie seines Anzugs lahmlegt und später den Kontrollchip wiederherstellt, sodass er im finalen Kampf zum Verbündeten und nicht zum Gegner wird. Die beiden Hauptschurken des Films sind eindeutig Electro und der Kobold. Max Dillon erhält nicht nur ein Power-Up durch Iron Mans Arc-Reaktor, sondern verliert auch seine Neurosen und geht deutlich skrupelloser vor, er sieht in diesem neuen Universum seine Chance, seine Allmachtsphantasien zu verwirklichen. Die Pläne des Kobolds sind weniger eindeutig, er reagiert eher, als dass er agiert, in „No Way Home“ wird allerdings die gespaltene Persönlichkeit Norman Osborns noch einmal deutlich stärker betont, als das in Raimis „Spider-Man“ der Fall war. Dort war der Kobold eher Ausdruck von Norman Osborns verborgenen Wünschen, Osborn wurde nicht unbedingt als besonders guter Mensch dargestellt, der Kobold war lediglich eine völlig enthemmte Erweiterung seiner Persönlichkeit. In „No Way Home“ dagegen sind Osborn und Kobold einander völlig entgegengesetzt, Ersterer fungiert eher als Wirt für Letzteren und würde sich seines Alter Ego am liebsten entledigen. Norman wird hier als tragisch und mitleiderregend inszeniert.

Besonders interessant ist der Fokus des Films auf die Heilung und die damit implizierte Rehabilitation der Schurken, etwas, das gerade in den MCU-Filmen mit ihren häufig doch eher eindimensionalen Widersachern recht selten auftaucht. Diese Inkarnation von Spider-Man möchte allen fünf die Chance geben, ein normales Leben wiederzuerlangen, was ihm mit Abstrichen und Opfern auch gelingt, wobei sich letztendlich die Frage stellt, welche Auswirkungen das auf das Multiversum bzw. das Raimi- und Webb-Universum hat. Mit Ausnahme Sandmans wurden alle Widersacher „entnommen“, kurz bevor sie im Kampf gegen ihren Spider-Man sterben – ändert sich durch die Heilung etwas oder wird trotz aller Bemühungen einfach nur die reguläre Timeline der jeweiligen Kontinuität wiederhergestellt?

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Doctor Octopus (Alfred Molina)

Wie dem auch sei, der vielleicht beeindruckendste Aspekt an dieser Schurkenversammlung ist, dass sie im großen und ganzen relativ gut funktioniert. Jede der drei Spider-Man-Filmreihen besitzt jeweils ihren eigenen, sehr individuellen Tonfall, der sich natürlich gerade und im Besonderen auf die Schurken auswirkt. Sie alle in einem Film zusammenzubringen hätte leicht zum Desaster ausarten können, aber sowohl Watts als auch den Darstellern – hier seien besonders Molina und Dafoe hervorgehoben – gelingt es ziemlich gut, das ganze organisch zu gestalten und sogar ein wenig mit den tonalen Unterschieden zu spielen. Wenn Peter, Ned und MJ den Namen „Otto Ocatvius“ für falsch halten und sich darüber lustig machen, passt das zu Figuren des MCU ebenso wie Doc Ocks diesbezügliche Authentizität zu den Raimi-Filmen.

Strange Days Ahead
Als ob die ganzen Schurken nicht schon ausreichen würden, müssen Watts und Co. auch noch Doctor Strange unterbringen, von den regulären Nebenfiguren gar nicht erst zu sprechen. Das hat zwar durchaus zur Folge, dass „No Way Home“ mitunter recht überladen wirkt, zugleich schafft der Film es aber verhältnismäßig gut, mit der Vielzahl an Charakteren zu jonglieren und sie wirklich effektiv einzusetzen. Sowohl Marisa Tomeis Tante May als auch Zendayas MJ erleben in diesem Film ihre Sternstunde, die beiden Darstellerinnen bekommen endlich die Gelegenheit, wirklich etwas aus ihren Figuren herauszuholen und nutzen sie vollständig aus.

Auf handlungstechnischer Ebene wird man hin und wieder allerdings den Verdacht nicht los, dass Watts und seine Autoren es sich das eine oder andere Mal ein wenig zu leicht gemacht haben. Die „Mechanik“ der mutliversalen Einmischungen und gedächtnislöschenden Zaubersprüche bleibt schwammig und undurchsichtig – hat der finale Spruch auch Auswirkungen auf die anderen beiden Peters? Zudem hätte sich das ganze Fiasko um die multiversalen Schurken leicht verhindern lassen können, hätten Doctor Strange und Peter hin und wieder kurz innegehalten und eine Minute nachgedacht. Auch manche der moralischen Implikationen hätten vielleicht noch etwas überdacht werden müssen, da Peter im Grunde bereit ist, sein Universum oder sogar das Multiversum zu opfern, um fünf Schurken zu retten. Ebenso wirken manche Wendung doch recht unplausibel; Ned kann plötzlich mit einem Sling-Ring umgehen? Peters Nanotechnik übernimmt mal eben Doc Ocks Tentakel? Nun ja…

Außerdem sorgt der recht große Unterschied im Tonfall, der etwa ab der Hälfte stattfindet, für ein ziemlich unebenes Gefühl. Die Comedy-Elemente der beiden Vorgänger sind zu Anfang vorherrschend, während es gegen Ende deutlich ernster und emotionaler zugeht. Letzteres war in dieser Filmreihe dringend nötig – gerade „Homecoming“ und „Far From Home“ wirkten immer etwas inkonsequent, ein wenig wie eine „Filler-Episode“. Ein essentielles Thema vieler Spider-Man-Comics ist der „Preis des Heldentums“: Peter kämpft immer mit den Konsequenzen seiner Handlungen; wird er als Netzschwinger aktiv, leiden Peter Parkers soziale Beziehungen, konzentriert er sich hingegen auf seine bürgerliche Identität, dann besteht die Chance, dass Menschen sterben. „No Way Home“ vermittelt das deutlich besser als die Vorgänger, wenn auch etwas uneben. Zudem bekommt man manchmal das Gefühl, dass Watts seine inszenatorischen Möglichkeiten nicht ganz ausschöpft: „No Way Home“ lebt vor allem von dem, was der Film erzählt, nicht wie er es erzählt.

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Peter Parker (Tom Holland) und Doctor Strange (Benedict Cumberbatch)

Als Action-Highlight empfinde ich persönlich den Kampf zwischen Spider-Man und Strange in der Spiegel-Dimension, während das Ende vor allem durch seine emotionale Komponente überzeugt – die Stärke des Finales wird allerdings durch ein kleines Problem etwas gedämpft, das nicht einmal dem Film an sich inhärent ist. Der tatsächliche Ausgang – und ein Stück weit der gesamte Handlungsanlass – erinnern mich unangenehm an die Spider-Man-Story „One More Day“, die zurecht als eine der schlechtesten Spider-Man-Storys überhaupt gilt. Wegen der Enthüllung seiner Geheimidentität im Rahmen des Marvel-Großereignisses „Civil War“ (das als lose Vorlage für den gleichnamigen Captain-America-Film fungierte) wird Tante May angeschossen und kein Held des Marvel-Universums sieht sich imstande, sie zu retten; nicht Doctor Strange, nicht Reed Richards, niemand. Aus diesem Grund bietet der Dämon Mephisto Peter an, nicht nur Mays Leben zu retten, sondern auch das Wissen um seine Geheimidentität aus den Köpfen der gesamten Welt zu löschen. Der Preis dafür ist allerdings nicht Peters Seele, wie man vielleicht annehmen würde, sondern Peters und Mary Janes Ehe, die durch diesen satanisch-kosmischen Retcon rückwirkend ausgelöscht wird, primär weil der damalige Spider-Man-Redakteur Joe Quesada weder einen verheirateten, noch einen geschiedenen Helden haben wollte. „No Way Home“ hat in sehr groben Zügen denselben Plot, inklusive der weltweiten Gedächtnislöschung und eines tödlichen Angriffs auf Tante May, was bei mir im Kino zu äußerst unangenehmen Assoziationen führte. „One More Day“ ist mir als Story so sehr zuwider, dass ich jede Verbindung automatisch negative Gefühle hervorruft. Zugegebenermaßen arbeitet „No Way Home“ mit der Grundprämisse jedoch deutlich besser, vermeidet die Fehler des Comics und holt aus dem Plot heraus, was herauszuholen ist, nicht zuletzt deshalb, weil Peter hier, anders als im Comic, als selbstlos und nicht als egoistisch herüberkommt (wobei man darüber vielleicht nicht zu genau nachsinnieren sollte, sonst wird es schon wieder problematisch).

Interessanterweise funktioniert „No Way Home“ auch ganz gut als aktuelle Bestandsaufnahme des MCU. Nach wie vor wirkt das „Duo Infernale“ aus „Infinity War“ und „Endgame“ nach, wie sich auch in diesem Film aus den diversen Rückbezügen zeigt, aber so langsam bekommen wir zumindest eine Idee, in welche Richtung sich das MCU bewegt: „No Way Home“ und „Loki“ haben vollends klargemacht, dass das Multiversum das „neue, große Ding“ ist, auf das man sich konzentriert, was durch die Post-Credits-Szene untermauert wird, die lediglich aus einem Teaser zu „Doctor Strange and the Multiverse of Madness“ besteht. Zudem zeigt sich, dass Feige und Disney gewillt sind, jeglichen filmischen Marvel-Content endgültig unter dem Paradigma des Marvel Cinematic Universe bzw. Marvel Cinematic Multiverse zu subsumieren. Nicht nur treten Helden und Schurken der bisherigen beiden Spider-Man-Filmreihen in diesem Film auf, auch der von Tom Hardy gespielte Eddie Brock/Venom aus Sonys Versuch, ein eigenes, wie auch immer geartetes (Anti-) Heldenuniversum mit Spider-Man-Figuren zu etablieren, tauch in der Mid-Credits-Szene auf und zudem darf Charlie Cox‘ Matt Murdock/Daredevil aus den Netflix-Serien kurz vorbeischauen, nachdem sein Widersacher, der von Vincent D’Onforio gespielte Wilson Fisk, bereits als Widersacher in der Disney-Plus-Serie „Hawkeye“ fungierte. Beide sind wohl nicht unbedingt völlig identisch mit den Netflix-Versionen, aber immerhin zeigen die Marvel Studios, dass sie gewillt sind, die etablierten Darsteller für diese Figuren zu übernehmen.

Aller guten Dinge sind drei?
Die Crux bei „No Way Home” ist fraglos der Umstand, dass hier nicht nur die Charakterentwicklung von einem, sondern gleich drei Spider-Men zu einem (vorläufigen?) Ende gebracht werden soll. Während die Beteiligung der diversen Schurken von Anfang an offen von Marvel kommuniziert wurde, versuchte man, das Mitwirken von Tobey Maguire und Andrew Garfield mit mehr oder weniger großem Erfolg geheim zu halten. Ich begrüße es definitiv, dass Watts und Co. sich dazu entschieden, den beiden emiritierten Spider-Men nicht nur einen kleinen Cameo-Auftritt zu spendieren, sondern sie zu einem essentiellen Teil des dritten Aktes zu machen. Die Karrieren beider Versionen des Netzschwingers wurden nach Filmen beendet, die unter Fans keinen allzu guten Ruf haben, wobei „Spider-Man 3“ immer noch ganz gut als Trilogie-Abschluss funktioniert, während „The Amazing Spider-Man 2“ nichts als offene Enden hinterlässt. Bekanntermaßen sollte der Film als Sprungbrett für die Sinister Six dienen, aber selbst in Bezug auf Peter Parker blieb vieles offen: Am Ende sehen wir zwar, dass er wieder als Spider-Man aktiv wird, aber eine wirkliche Auseinandersetzung der Figur mit dem Tod der von Emma Stone gespielten Gwen Stacey findet nicht statt. „No Way Home“ liefert das in gewissem Sinne nach und gibt Andrew Garfields Peter die Gelegenheit, als symbolische Aufarbeitung an Gwens Stelle MJ zu retten. Man merkt Garfields Performance durchaus an, wie viel ihm die Rolle bedeutet haben muss und wie dankbar er dafür ist, nun noch einmal die Gelegenheit zu bekommen, sie zu spielen. Höchst amüsant, aber kaum weniger kathartisch ist die Diskussion, die die drei Spider-Men über ihre Werdegänge, ihre Verluste oder auch nur organische und anorganische Netzdüsen führen – wer hätte schon erwartet, einmal eine derartige Fan-Diskussion in einem Film zu erleben?

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Electro (Jamie Foxx)

Aber konzentrieren wir uns noch ein wenig auf unseren eigentlichen Helden: Tom Hollands Peter Parker macht in diesem Film nun wirklich einiges durch und bekommt zudem „seinen“ Onkel-Ben-Moment nachgereicht. Bereits seit „Captain America: Civil War“ fragen sich Fans und Zuschauer, wie es denn eigentlich um Ben Parker und seinen Tod im MCU steht. Kaum eine andere Superhelden-Origin, mit Ausnahme der Ermordung der Waynes, ist so sehr im popkulturellen Gedächtnis verankert – nach zwei relativ dicht aufeinander folgenden Versionen mieden die Autoren und Regisseure des MCU diesen essentiellen Teil von Spider-Mans Werdegang ebenso wie das Motto „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. In „Captain America: Civil War“ antwortet Peter auf Tony Starks Frage, weshalb er tut, was er tut, mit einer eher vagen Andeutung, die auf Ben Parkers Existenz und Tod hinweisen könnte oder auch nicht: „Look, when you can do the things that I can, but you don’t… and then the bad things happen, they happen because of you.“ Explizit wird Ben Parker lediglich in einer Episode der Animationsserie „What If…?“ erwähnt, hier handelt es sich aber natürlich um einen alternativen Peter. In „No Way Home“ muss nun an seiner statt Tante May das zeitliche segnen, inklusive des ikonischen Satzes. Diese Entwicklung führt dazu, dass Peter sich endgültig mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinandersetzt, seine Verantwortung akzeptiert und dabei den moralischen Anspruch seiner Tante hochhält. Nun wird klar (auch wenn es wohl nicht von Anfang an so geplant war), dass das MCU Spider-Mans Origin tatsächlich nicht ausgelassen, sondern sie auf eine komplette Trilogie ausgedehnt hat. Am Ende von „No Way Home“ finden wir diesen Peter, der lange über ein außerordentliches Sicherheitsnetz aus Superhelden-Verbündeten verfügte, in einer wirklich Spider-Man-typischen Position wieder: Völlig pleite, in einem heruntergekommenen Appartement und allein mit seiner Verantwortung. Gerade das Ende des Films und die emotionale Tragkraft haben mir außerordentlich gut gefallen. Zudem eröffnen sich nun eine ganze Reihe an vielversprechenden Möglichkeiten, sowohl für diesen Spider-Man als auch für, sagen wir, Andrew Garfields Version oder weitere multiversale Zusammenkünfte.

Spider Symphonies
Wie schon bei den beiden vorangegangenen MCU-Spider-Man-Filmen sorgt Michael Giacchino auch dieses Mal wieder für den Score. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich Giacchino sowohl in diesem als auch in anderen Franchises durchaus gewillt, bereits existierende Themen zu verwenden, in beiden Spider-Man-Scores bediente er sich beispielsweise des Avengers-Themas von Alan Silvestri (Brian Tylers Iron-Man-Thema hingegen verwarf er leider und ersetzte es durch eine eigene, merkwürdigerweise an John Ottmans X-Men-Thema erinnernde Komposition). In „No Way Home“ gibt es selbst im Vergleich zu bisherigen MCU-Scores eine gewaltige Masse an leitmotivischem Material, das Giacchino auf die Handlung und Figuren basierend hätte integrieren können und zum Teil auch integriert hat. Doctor Strange ist da freilich ein No-Brainer. Der Sorcerer Supreme erfuhr bislang eine erfreulich konsistente musikalische Repräsentation über die diversen Filme und Serien hinweg, sowohl in „What If…?“ (Laura Karpman) als auch in „Avengers: Endgame“ (Alan Silvestri) und „WandaVision“ (Christophe Beck) erklingt sein Thema (ironischerweise ist die Figur selbst in den beiden Letztgenannten in der entsprechenden Szene nicht zugegen) und in „Thor: Ragnarök“ und „Avengers: Infinity War“ passen Mark Mothersbaugh und Alan Silvestri immerhin ihre Instrumentierung an. Dass Giacchino Doctor Stranges Thema und die spezifische Instrumentierung großzügig in „No Way Home“ verwendet, dürfte kaum verwundern, hat er es doch ursprünglich für „Doctor Strange“ selbst komponiert.

Die beiden vorherigen Spider-Man-Filmserien haben natürlich ihre eigenen Leitmotive, die Raimi-Trilogie ist, trotz des Wechsels nach zwei Filmen von Danny Elfman zu Christopher Young, leitmotivisch und stilistisch relativ konsistent, da Young sich der Elfman-Themen weiter bediente. In der Amazing-Spider-Man-Serie gab es ebenfalls einen Wechsel, nachdem James Horner den ersten Film vertonte, übernahmen Hans Zimmer und Co. das Sequel – hier ist der Unterschied deutlich gravierender, auch wenn durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den jeweiligen Spidey-Themen besteht, da beide an Aaron Coplands Fanfare for the Common Man angelehnt sind (und ein wenig wie eine Nachrichtenfanfare klingen). Mit einer Reihe an Figuren aus beiden Filmreihen liegt der Gedanke nahe, sich der bereits etablierten Themen zu bedienen, was Giacchino auch tut, allerdings nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hätte. Die Schurken-Themen von Elfman für Doc Ock und den Kobold sind am prominentesten, im Gegensatz dazu habe ich kein Schurken-Material von Horner, Zimmer oder Young herausgehört. Die beiden Spider-Man-Themen von Elfman und Horner bekommen ein, zwei fragmentierte Cameo-Auftritte, allerdings nur in ruhigen, emotionalen Variationen. In der finalen Action-Szene, in der drei Spider-Men und fünf Schurken gegeneinander kämpfen, dominiert ausschließlich Giacchinos Spider-Man-Thema – eindeutig eine vertane Chance. Darüber hinaus finden sich noch zwei, drei neue Leitmotive, beispielsweise eines, das die multiversale Schurkenzusammenkunft repräsentiert, diese orientieren sich allerdings so eng am bereits bestehenden Material, dass sie kaum herausstechen. Alles in allem ist der Score von „No Way Home“ der schwächste der MCU-Spider-Man-Trilogie und vor allem im Vergleich zum wirklich gelungenen Soundtrack von „Far From Home“ mit den starken S.H.I.E.L.D.- und Mysterio-Themen eindeutig ein Rückschritt. Kurzweilig und unterhaltsam ist dieser Score dennoch. Eine ausführliche Rezension findet sich hier.

Fazit
„Spider-Man: No Way Home” hätte leicht zu einer chaotischen Katastrophe ausarten können oder in reine Nostalgie und Fan Service ausarten. Diese Elemente sind zwar sehr stark vorhanden, aber nicht als reiner Selbstzweck, stattdessen gelingt es Jon Watts und Kevin Feige, mit ihnen eine durchaus berührende und für die Entwicklung des MCU-Spider-Man bedeutende Geschichte zu erzählen, die zudem alle bisherigen Inkarnationen der Figur ausgiebig würdigt. Ein paar strukturelle Schwächen, mechanische Ungenauigkeiten und sonstige unangenehme Implikationen fallen da kaum ins Gewicht.

Trailer

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Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Spider-Man: Far From Home

Zack Snyder’s Justice League – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Da ist sie also, Zack Snyders unverfälschte Version der Justice League. Ein Triumpf der Kreativität über engstirnige Studiobosse? Oder doch der Triumpf eines lautstarken, toxischen Fandoms? Vielleicht ein wenig von beidem? Wie dem auch sei, für mich als Fan von DC und der Justice League schreit dieses vierstündige Epos geradezu nach einer ausgiebigen Besprechung. Nur eines vorneweg: Ja, insgesamt ist „Zack Snyder’s Justice League“ deutlich besser als die Schnittfassung, die 2017 ins Kino kam und zu der ich in meiner ursprünglichen Rezension wahrscheinlich deutlich zu gnädig war. Das ist nun allerdings wirklich keine besonders hohe Messlatte – wie Snyders Epos in letzter Konsequenz sowohl auf sich selbst gestellt als auch im Kontext der Comics und des, nennen wir ihn „Whedon-Cut“ abschneidet, werde ich im Folgenden en detail und ohne Rücksicht auf Spoiler erläutern.

Secret Origins
„Zack Snyder’s Justice League“ ist ein bislang relativ einzigartiges Projekt. Natürlich kommt es durchaus häufiger vor, dass Studios einen Film für den Kinostart verstümmeln, nur um dann später den Director’s Cut zu veröffentlichen – Ridley Scott kann davon ein Liedchen singen. In manchen Fällen sind längere Fassungen auch Geschenke an die Fans, wie es bei den LotR-Filmen der Fall war, weshalb diese als „Special Extended Editions“ bezeichnet werden; die Kinofassungen sind kaum weniger ein Director’s Cut. Und dann gibt es auch diverse Beispiele, in denen sich Regisseure von ihren Filmen distanziert haben, man aber später trotzdem versuchte, der ursprünglichen Vision so nahe wie möglich zu kommen – ein gutes Beispiel hierfür ist der „Assembly Cut“ von „Alien 3“. Aber ein Regisseur, der ersetzt wurde, nur um später seine Vision doch noch fertigzustellen, sodass zwei Filme entstehen, die zwar dieselbe Story erzählen, das aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise, ist eine ziemlich Seltenheit. Das einzige wirklich vergleichbare Beispiel, das mir einfällt, ist „Dominion: Prequel to the Exorcist“, bzw. „Exorcist: The Beginning“, wo ein zumindest in Ansätzen ähnlicher Fall vorliegt, der aber freilich weit weniger Aufmerksamkeit erregte.

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Die Liga vereint: Cyborg (Ray Fisher), Flash (Ezra Miller), Batman (Ben Affleck), Superman (Henry Cavill), Wonder Woman (Gal Gadot), Aquaman (Jason Momoa)

Die weiteren Hintergründe des Snyder-Cut sollten soweit bekannt sein: Schon nachdem „Batman v Superman: Dawn of Justice“ zwar erfolgreich war, aber dennoch hinter den Erwartungen zurückblieb und darüber hinaus Kritiker enttäuschte und Fans spaltete, wollte Warner die ursprünglichen Pläne für „Justice League“ (angedacht waren zwei Filme) eindampfen und das Ganze leichtherziger und humoriger gestalten, angelehnt an das MCU – mit Snyders ursprünglichen Vorstellungen war man nicht allzu zufrieden. Der tragische Selbstmord seiner Tochter veranlasste Snyder verständlicherweise, sich schließlich von dem Projekt zurückzuziehen, weshalb Joss Whedon letztendlich die Fertigstellung beaufsichtigte, noch mal am Drehbuch „nachbesserte“, die nötigen Nachdrehs durchführte und für den finalen Schnitt verantwortlich war – wobei er sich an die engen Vorgaben von Warner halten musste. So durfte „Justice League“ die Zweistundenmarke beispielsweise nicht überschreiten. Das fertige Produkt, ein Lehrbuchbeispiel für den „film by committee“, überzeugte letztendlich niemanden, nicht die Kritiker von „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und schon gar nicht die Fans. Schon bald verbreiteten sich die Gerüchte, es gäbe einen Snyder-Cut, der der wahren Vision des Regisseurs entspreche und der Hashtag „#ReleaseTheSnyderCut“ machte seine Runden. Dieses Gerücht erwies sich letztendlich als Halbwahrheit: Es existierte ein von Snyder angefertigter Rohschnitt, der jedoch alles andere als vorzeigbar war.

Kaum jemand wird leugnen, dass „Zack Snyder’s Justice League“ ohne Corona wahrscheinlich nicht existieren würde. Pläne bzw. Diskussionen, den Snyder-Cut in der einen oder anderen Form zu veröffentlichen, gab es zwar bereits 2019, doch erst die Pandemie brachte Warner dazu, ihn als Zugpferd für den essentiell werdenden Streamingdienst „HBO Max“ zu verwenden. Fakt ist: Dieser Mammutfilm ist nicht das, was 2017 in die Kinos gekommen wäre, selbst wenn Whedon Snyder nicht ersetzt hätte. Snyder hätte sich ebenfalls an das gesetzte Zweistundenlimit halten und mit diversen Auflagen kämpfen müssen. Hier hingegen hatte er praktisch fast völlig Narrenfreiheit und bekam zusätzlich zu weiteren 70 Millionen Dollar zur Fertigstellung sogar noch einige zusätzliche Nachdrehs genehmigt. Diese Freiheit merkt man, im Guten wie im Schlechten.

Handlung
Was den Plot der beiden Fassungen angeht, gibt es tatsächlich nicht allzu viele Unterschiede: In beiden greift der außerirdische Kriegsherr Steppenwolf (Ciarán Hinds) mit seinem Heer aus Paradämonen die Erde an. Jahrtausende zuvor konnten die Verteidiger der Erde einen ersten Angriff abwehren, aber die feindlichen Horden hinterließen drei Mutterboxen – wenn diese zusammengebracht werden, lösen sie die „Singularität“ aus und sorgen für die Hölle (bzw. Apokolips) auf Erden. Der Tod von Superman (Henry Cavill) hat dafür gesorgt, dass eine Mutterbox nach Steppenwolf „ruft“. Während er und seine Horden alles daransetzen, die Mutterboxen, die von den Amazonen und Atlantern behütet werden, an sich zu bringen, versuchen Batman (Ben Affleck) und Wonder Woman (Gal Gadot), neue Verteidiger der Erde um sich zu scharen, doch sowohl der Halbatlanter Aquaman (Jason Momoa) als auch der durch die dritte Mutterbox erschaffene Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) haben auf Teamwork keine rechte Lust. Nur Barry Allen alias Flash (Ezra Miller) ist sofort Feuer und Flamme. Nachdem Steppenwolf zwei von drei Boxen bereits an sich gebracht hat, sind die Helden nun doch gezwungen, zusammenzuarbeiten – dabei müssen sie allerdings feststellen, dass sie dem außerirdischen Kriegsherrn gnadenlos unterlegen sind. Mithilfe der einen Mutterbox, die Steppenwolf noch nicht an sich bringen konnte, und der Geburtskammer des kryptonischen Schiffs in Metropolis beschließen die Helden, Superman von den Toten wiederzuerwecken. Das gelingt zwar, Superman ist allerdings noch nicht wieder recht bei Verstand und greift die Liga an – erst Lois Lanes (Amy Adams) Auftauchen hält ihn davon ab, alle fünf umzubringen. Derweil kann Steppenwolf die letzte fehlende Box an sich bringen und in Osteuropa damit beginnen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Gemeinsam muss die Justice League nun versuchen, ihn zu stoppen und das Ende der Welt zu verhindern.

Snyder-Cut vs. Whedon-Cut
Die Inhaltsangabe funktioniert für beide Filme, hier ist das „Wie“ letzten Endes deutlich wichtiger als das „Was“. Ähnlich wie schon beim ersten Avengers-Film ist die eigentliche Handlung äußerst simpel – ja im Grunde fast identisch: eine außerirdische Invasion, die von einem oder mehreren MacGuffins abhängt. Das primäre Problem des Whedon-Cuts war der Zeitmangel und die stilistische Diskrepanz zum Vorgänger – Warner wollte die „Standardversionen“ der Figuren und in zwei Stunden lässt sich kaum eine derartige Entwicklung bewerkstelligen, also griff man auf Charakterisierung mit der Brechstange zurück – und viele Oneliner im typischen Whedon-Stil. Die Ereignisse haben bei Whedon keinerlei Zeit, sich in irgendeiner Form zu entfalten, weil eben alles auf Teufel komm raus in die besagten zwei Stunden gepresst werden muss. Wenn Steppenwolf die dritte Mutterbox einfach offscreen an sich bringt, wirkt das fürchterlich konstruiert. Hier hat der Snyder-Cut die eindeutigsten Vorteile, da er den Ereignissen tatsächlich Gewicht und Tragweite verleihen. Um beim Mutterbox-Beispiel zu bleiben: Bei Snyder bekommt dieses Ereignisse, das in der Kinofassung nicht einmal zu sehen ist, durch Silas Stones (Joe Morton) Tod sogar Tragik und ist ein wirklicher Wendepunkt. Auch das Finale ist im Snyder-Cut um Welten besser als bei Whedon geraten, wo Superman einfach kurz auftaucht und alles erledigt. Bei Snyder dagegen ist es Flash, der letzten Endes für den glücklichen Ausgang zuständig ist – in einer Szene, die an das Finale der Folge „Divided We Fall“ der Serie „Justice League Unlimited“ erinnert. Aber egal, ob es sich dabei um Zufall, liebevolle Hommage oder etwas zu viel Inspiration handelt, es ist definitiv ein befriedigenderer Ausgang als das Ende, das Steppenwolf in der Schnittfassung von 2017 findet.

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Wonder Woman (Gal Gadot), Batman (Ben Affleck) und Flash (Ezra Miller)

Eines der größten Problem des Snyder-Cuts ist dem der Kinofassung diametral entgegengesetzt: Zu viel Zeit. Einerseits kommen die Figuren in „Zack Snyder’s Justice League“ deutlich besser weg, und auch die Entwicklung der Handlung fühlt sich entspannter und organischer an, aber andererseits wird man das Gefühl nicht los, Snyder hätte alles an Material, das ihm zur Verfügung stand, ohne Rücksicht auf Verluste einfach in die Schnittfassung gepackt. Viele Szenen sind unnötig in die Länge gezogen; das beliebteste Beispiel ist Aquamans Abgang nach seinem ersten Treffen mit Batman. Einige der weiblichen Bewohner des Dorfes begleiten sein Verschwinden mit Gesang und hören einfach nicht damit auf. Mitunter finden sich auch Dopplungen: So erstattet Steppenwolf DeSaad (Peter Guiness) zwei Mal Bericht – die Szenen wirken wie zwei verschiedene Versionen derselben und sind praktisch inhaltlich identisch. Man hätte den Snyder-Cut wahrscheinlich problemlos um mindestens eine halbe Stunde kürzen können, einfach indem man unnötige bzw. unnötig lange Szenen entfernt oder trimmt. Bei der Betrachtung von Snyders Filmografie fällt zudem immer wieder auf, dass er wohl ein Fan der LotR-Filme ist – was unter anderem auch die Anwesenheit von Orks in „300“ und „Sucker Punch“ erklären würde. Mit „Justice League“ scheint er sein Epos inszenieren zu wollen, inklusive ausgedehnter Landschaftsszenen, die gerade hier aber recht fehl am Platz wirken und die Laufzeit noch weiter ausdehnen.

Strukturell hält sich der der Whedon-Cut sehr eng an das typische Drei-Akt-Modell, während der Snyder-Cut bewusst die erzählerischen Standardregeln verletzt. Das muss theoretisch nichts Schlechtes sein – allerdings hatte Snyder schon immer gewisse Probleme mit Dramaturgie. Ähnlich wie Tarantino teilte Snyder seine Fassung in mehrere Kapitel ein, sechs davon, plus Prolog und Epilog. Wirklich Spannung kommt vor allem in den ersten ein, zwei Stunden des Films selten auf, besonders, weil die Bedrohung durch Steppenwolf immer wieder in den Hintergrund rückt, um die Hintergrundgeschichten von Flash und Cyborg zu erzählen. An dieser Stelle würde mich sehr interessieren, wie der Snyder-Cut von jemandem wahrgenommen wird, der oder die weder mit den Figuren noch mit dem Whedon-Cut vertraut ist. Tatsächlich empfand ich das Schauen des Snyder-Cuts keinesfalls als dröge oder langweilig, da hatten beispielsweise „Man of Steel“ oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“ mehr Längen – allerdings habe ich den Film auch nicht am Stück angeschaut, sondern ihn anhand der Kapitel eingeteilt und bei mir herrschte auch primär die fachliche Neugier vor, welche Szenen neu oder anders sind und wie Snyder die Story und Charaktere im Vergleich zu Whedon angeht.

Stilistisch wird hier natürlich Snyder in Reinkultur geboten, was sich vor allem auf die Farbpalette auswirkt, die ähnlich ausfällt wie in „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Ich bin nun wirklich kein Fan der Optik dieses Films, aber das zwanghafte, knallige Aufhellen des Whedon-Cuts war grausam – die Helden in ihren Kostümen sahen mitunter aus wie schlechte Cosplayer und auch dem CGI hat diese Optik absolut nicht gutgetan. Der Snyder-Cut ist immer noch ein Fest der digitalen Effekte, und nicht alle sind durchweg gelungen (Stichwort: Pferde der Amazonen), aber im Großen und Ganzen ist der Snyder-Cut deutlich angenehmer anzusehen als die Kinofassung. Snyders Tendenz, epische Bilder heraufzubeschwören, ist natürlich ebenfalls im Übermaß vorhanden – das war schon immer eines seiner größten Talente. Leider gelingt es ihm dabei nur selten, diese Bilder auch tatsächlich erzählerisch sinnvoll einzusetzen. Snyder in Reinkultur bedeutet selbstverständlich auch mehr Zeitlupe; gerade bei diesem Aspekt hat er sich zu sehr ausgetobt. Das alles wirkt sich in letzter Konsequenz negativ auf die Narrative des Films aus: Wenn jeder Shot episch komponiert ist und auch alle möglichen nebensächlichen Szenen Zeitlupeneffekte beinhaltet, funktionieren diese Stilmittel nicht mehr zur Hervorhebung erzählerisch zentraler Momente, sodass eine gewisse Gleichförmigkeit entsteht.

Trotz seiner Länge hat der Snyder-Cut interessanterweise einige erzählerische Probleme und Plotlöcher, die es bei Whedon in dieser Form nicht gab. Oft sind es eher Kleinigkeiten bzgl. Aufbau und Payoff: Sowohl bei Whedon als auch bei Snyder wird die Eigenschaft von Wonder Womans Lasso der Wahrheit beispielsweise sehr früh etabliert. Bei Whedon kommt sie am Ende auch zum Einsatz – zwar für komödiantische Zwecke, aber immerhin. Bei Snyder dagegen spielt das Lasso keine Rolle mehr. Im Gegensatz dazu besitzt Flash bei Snyder im Finale plötzlich Selbstheilungskräfte, die vorher nicht einmal angedeutet wurden. Gerade in diesem Kontext sind Whedons Nachdrehs mitunter sehr interessant. Manche Szenen sind schlicht unnötig, sie existieren mit kleinen Unterschieden fast genauso bei Snyder, meistens wird lediglich ein unnötiger Gag eingebaut – das riecht nach Arroganz. Andere dagegen versuchen tatsächlich, Probleme von Snyders Version zu lösen. Meistens tun sie das nicht besonders gut, aber zumindest die Absicht ist verständlich. Das betrifft beispielsweise Batmans Motivation, das Team überhaupt zusammenzustellen: Vage Andeutungen von Lex Luthor (Jesse Eisenberg) und Alpträume wirken kaum greifbar. Bei Whedon hingegen wird Batman mit einem Paradämonen, also einer handfesten Bedrohung konfrontiert. Dass dieser Paradämon explodiert und einen Hinweis auf die Mutterboxen hinterlässt, ist fraglos dämlich, aber die Motivation des Dunklen Ritters ist nachvollziehbarer. Auch der Umstand, dass den Ligisten nicht einfällt, dass bei der Wiedererweckung Supermans etwas schiefgehen und der Mann aus Stahl sie angreifen könnte, ist etwas, das bei Snyder niemandem in den Sinn kommt – von moralischen Bedenken gar nicht erst zu sprechen. Für Batman ist es geradezu out of character, dass er einerseits nicht an die Möglichkeit denkt und andererseits nicht auch gleich ein, zwei Pläne für diesen Fall in petto hat. All das wird bei Whedon zumindest angerissen – nicht gut und nicht ausreichend, aber immerhin.

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Steppenwolf (Ciarán Hinds)

Schließlich und endlich gibt es noch einen weiteren Unterschied zwischen den beiden Schnittfassungen, der angesprochen werden sollte: Thema und Philosophie. Der Whedon-Cut hatte im Grunde weder das eine, noch das andere, die Philosophie des Studios war lediglich: „Mach es so wie ‚The Avengers‘.“ Wenn man großzügig ist, könnte man dem Film attestieren, sich zumindest in Ansätzen mit Angst und ihrer Überwindung auseinanderzusetzen – Whedons Paradämonen werden von Angst angezogen, im Verlauf des Films muss Flash seine Angst überwinden und am Ende wird Steppenwolf durch seine eigene Angst besiegt. In Snyders Version des Films sind die Einflüsse der Werke Ayn Rands nach wie vor sehr spürbar, wenn auch bei weitem nicht so prominent ist wie in den beiden Vorgängerfilmen. Dennoch blitzen Snyders philosophische Ansichten immer wieder durch, wenn im epischen Flashback beispielsweise die Autonomie der einzelnen irdischen Fraktionen, die gegen Darkseid kämpfen, betont wird oder im Monolog von Silas Stone über Cyborgs Kräfte, in dem plötzlich und sehr plakativ das Thema Finanzen und Märkte angesprochen wird, das im Film sonst überhaupt keine Rolle spielt – das wirkt wie ein libertärer Einschub. Das Problem dabei ist, dass die meisten Figuren in Snyders Filmen entweder Facetten dieser Philosophie sind oder den Kollektivismus bringen wollen – aus diesem Grund funktionierte „Batman v Superman: Dawn of Justice“ nicht, weil Snyder keinen philosophischen Konflikt zwischen den Figuren etablieren konnte. Faszinierenderweise ist diese Tendenz in diesem Film, bei dem Snyder Narrenfreiheit hatte, am schwächsten ausgeprägt, die DC-Figuren entsprechen, mit der Ausnahme von Batman und Superman, in weitaus größerem Ausmaß ihren Comicgegenstücken.

Wonder Woman und Aquaman
Wonder Woman dürfte im Snyder-Cut die Figur sein, die sich am wenigsten verändert hat. Whedon versuchte, mehr Konflikt mit Batman einzubauen und Steve Trevors Vermächtnis stärker zu betonen, beides findet sich bei Snyder nicht – stattdessen geht Diana deutlich brutaler gegen die Terroristen zu Beginn des Films vor. Diese Brutalität in Snyders Filmen ist primär Stilmittel, um sie „edgier“ zu machen, hat aber nur selten erzählerischen Wert. Dianas rücksichtloses Vorgehen in dieser Szenen kommt sogar in Konflikt mit ihrem sehr mitfühlenden Gespräch mit dem geretteten Mädchen kurze Zeit später. Ansonsten darf Wonder Woman primär für Exposition sorgen, die Hintergründe erläutern und natürlich in den Actionszenen ordentlich zulangen. Einen wirklich eigenen Handlungsbogen hat sie hier allerdings nicht, was aber tatsächlich verhältnismäßig nachvollziehbar ist: Diana ist die mit Abstand am längsten etablierte Heldin und hat zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Solofilme.

Im Gegensatz zu Wonder Woman hat Aquaman hier tatsächlich einen eigenen, wenn auch eher knappen Handlungsbogen – dieser war rudimentär bereits im Whedon-Cut vorhanden und wird nun noch ein wenig ausführlicher herausgearbeitet. Das Problem dabei ist, dass es im Grunde derselbe ist wie in James Wans „Aquaman“; Arthur muss sein atlantisches Erbe und seine Verantwortung akzeptieren. Nachdem bei der Kinofassung alle Szenen mit Vulko (Willem Dafoe) der Schere zum Opfer fielen und Mera (Amber Heard mit einem merkwürdigen britischen Akzent) auf das absolut notwendige Minimum reduziert wurden, liegt die Vermutung nahe, dass in Arthurs Solofilm einige Ideen aus Snyders Version übernommen wurden. Ansonsten wurden vor allem Arthurs „Surferpersönlichkeit“ und die Anzahl der Oneliner zurückgefahren. Hinzugekommen ist zudem eine wirklich gelungene Szene, in der sich Aquaman gegenüber Flash und Cyborg von seiner verständlichen Seite zeigt.

Superman und Lois
Auch zu Superman gibt es relativ wenig zu sagen, was primär damit zusammenhängt, dass bis zu seiner Wiedererweckung zweieinhalb Stunden vergehen und er schlicht nicht besonders viel Zeit gewidmet bekommt. Whedon versuchte hier auf Biegen und Brechen, Supermans Standard-Charakterisierung irgendwie im Film unterzubringen, was zu all den grandiosen Szenen führte, in denen Henry Cavills Oberlippe wie ein außerirdischer Parasit aussieht. Diese Szenen sind natürlich verschwunden, was aber auch bedeutet, dass Superman kaum Präsenz hat: Er wird wiedererweckt, bekämpft die Justice League, tauscht sich mit Lois und Martha (Diane Lane) aus und taucht schließlich im Finale auf, wo er dieses Mal aber nicht den Tag im Alleingang rettet, was definitiv eine Verbesserung ist. Das alles hat leider auch zur Folge, dass sich Superman nie wirklich wie ein Teil des Teams anfühlt, da man ihn praktisch nie mit den anderen Ligisten interagieren sieht.

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Superman (Henry Cavill) in schwarz

Ansonsten ist sein schwarzes Kostüm wahrscheinlich der prägnanteste Unterschied zum Whedon-Cut. Hierbei handelt es sich um einen Verweis auf die Comics, in denen Superman nach seiner Wiederweckung ebenfalls schwarz trug. Dieser Anzug hatte allerdings eine spezielle Funktion in der Vorlage, während Clark hier schwarz trägt, weil Snyder es cool fand. Es gibt nicht einmal eine storytechnisch sinnvolle Erklärung, weshalb: Im kryptonischen Schiff hat er die Wahl zwischen dem traditionellen und dem schwarzen Suit und wählt den schwarzen… weil halt.

In Snyders Filmen ist Lois Lane (Amy Adams) Supermans mit Abstand wichtigste Bezugsperson – ich wäre geneigt zu sagen, dass sie von den ganzen unterstützenden Figuren der Helden die wichtigste ist. Ich finde es in diesem Kontext allerdings etwas besorgniserregend, dass diese Version von Lois praktisch völlig von Superman abhängig zu sein scheint, nach seinem Tod regelrecht katatonisch wird und primär als Instrument dazu dient, dem Zuschauer den Verlust des Mannes aus Stahl zu vermitteln. Das ist definitiv nicht die Lois Lane, die man aus den Comics kennt und liebt. Bereits in den Vorgängern, vor allem „Batman v Superman: Dawn of Justice“, wusste Snyder nicht so recht, was er mit ihr eigentlich anfangen soll, und das setzt sich hier leider fort.

Batman
Zack Snyders Darstellung von Batman könnte einer der größten Schwachpunkte dieses Films sein. Die völlig rücksichtslose Brutalität der Figure aus „Batman v Superman: Dawn of Justice“ fehlt hier zwar ebenso wie die Oneliner des Whedon-Cuts (beide werden nicht vermisst), aber unglücklicherweise bleibt nicht mehr viel übrig, was meinen Verdacht bestätigt, dass Snyder der Dunklen Ritter nie richtig verstanden hat und lediglich seine Ästhetik cool fand. Zugegebenermaßen ist es nicht immer leicht, Batman im Kontext der Justice League bzw. zusammen mit anderen, übermächtigen Helden zu inszenieren und ihn dabei nicht die zweite Geige spielen zu lassen. Was trägt Batman zur Justice League bei? Seinen Verstand, seine Fähigkeiten als Taktiker und seine absolute Entschlossenheit und Integrität. Batman ist es für gewöhnlich, der Pläne erstellt, der die Teammitglieder gemäß ihren Fähigkeiten einsetzt und sogar schon Darkseid in seine Schranken weisen konnte. All das fehlt hier, Snyders Batman ist im Grunde Nick Fury, der die Avengers, bzw. die Justice League zusammenbringt, danach aber nur noch bedingt etwas zum Gelingen der Mission beiträgt. Snyder versucht in Ansätzen, den Weg seines Batmans vom zynischen Vigilanten zum Teammitglied der Liga zu zeichnen (was an sich eher suboptimal gelingt), allerdings vergisst er dabei, Batman auch einen tatsächlichen Platz in der Liga zu geben. Schlimmer noch, mehr als einmal agiert Batman hier schlicht idiotisch, gerade im Kontext von Supermans Wiedererweckung. Whedons Batman hatte mit Lois in der Hinterhand wenigstens in Ansätzen einen Plan B, Snyders Batman hat gar nichts, keine Strategie, keine Taktik, es kommt ihm nicht einmal in den Sinn, dass es vielleicht nicht die beste Idee sein könnte, sich Superman zu zeigen. Im Snyder-Cut taucht Lois mehr oder weniger zufällig auf, um Clark wieder zur Besinnung zu bringen. Nachdem er das Team versammelt hat, ist Batman für Snyder fast schon erzählerischer Ballast, seine Beiträge zum glücklichen Ausgang sind kaum der Rede wert. Hier wäre eine Konsultation von Grant Morrisons JLA-Serie oder der Justice-League-Animationsserie eine gute Idee gewesen, in beiden wird gezeigt, wie Batman sinnvoll in die Justice League integriert werden kann.

Flash und Cyborg
Die Qualitäten des Snyder-Cuts zeigen sich bei keiner anderen Figur so sehr wie bei Flash und Cyborg, die in Whedons Version wirklich massiv gelitten haben. Flash wurde fast zum reinen Comic Relief degradiert und Cyborg war so gut wie nicht vorhanden. Snyder hingegen kümmert sich ausgiebig um diese beiden Figuren. Flash ist immer noch für einen Großteil des Humors verantwortlich, seine Kommentare sind allerdings deutlich gemäßigter und weniger „awkward“ als bei Whedon – kein mehrere Minuten dauernder Vortrag über Brunch. Stattdessen wirkt Barry Allen hier nachvollziehbarer und authentischer und muss sich nicht mit einer russischen Familie als Beschäftigungstherapie während des Endkampfs herumschlagen, sondern darf stattdessen der entscheidende Faktor sein.

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Aquaman (Jason Momoa), Cyborg (Ray Fisher) und Flash (Ezra Miller)

Noch gravierender sind die Änderungen und Erweiterungen bei Cyborg, der nicht nur mehrere Szenen und Flashbacks bekommt, die seinen Hintergrund sowie die Natur seiner Kräfte und seines Zustandes erläutern, sondern auch eine komplizierte Beziehung zu seinem Vater Silas Stone, die erfreulicherweise nicht plakativ oder simpel ausfällt: Silas war seine Arbeit immer wichtiger als bspw. die Spiele seines Sohnes, als dieser jedoch in einem Unfall verunglückt, tut er alles, um Victor zu retten – er verwandelt ihn in etwas, das Victor selbst als monströs wahrnimmt. Victor gibt Silas ohnehin schon eine Teilschuld am Tod der Mutter, die mit ihm verunglückte, aber sofort starb – seine Natur als Cyborg verkompliziert dieses Verhältnis noch. Dennoch zögert Victor nicht, seinen Vater vor den Paradämonen zu retten und ist natürlich zutiefst traurig und verstört, als Silas sich opfert, um der Justice League eine Chance zu geben, Steppenwolf aufzuspüren. Wo Victor Stone bei Whedon fast nur ein „Mitläufer“ mit minimaler Plotsignifikanz war, ist er hier wirklich ein zentraler, essentieller und gerade für Snyders Verhältnisse sehr differenzierter Charakter.

Darkseid und Steppenwolf
Der Schurke des Films ist eine weitere Figur, die enorm vom Snyder-Cut profitiert hat. Die Whedon-Version war mehr oder weniger eine verwässerte Version von Azog aus der Hobbit-Trilogie – ein Urteil, das angesichts des Umstandes, dass Azog kein besonders gelungener Schurke ist, schon ziemlich vernichtend ist. Im Snyder-Cut ist Steppenwolf zwar beileibe kein Widersacher von Shakespeare’scher Tragweite, aber er erfüllt immerhin die Grundanforderungen, hat eine relativ klare Motivation, anstatt nur pseudoödipalen Blödsinn über „Mutter“ von sich zu geben und sieht auch deutlich beeindruckender aus. Apropos Aussehen: Steppenwolf und DeSaad in den Comics sehen meistens menschlich aus, während sie hier deutlich monströser (um nicht zu sagen: orkischer) in Szene gesetzt werden. Anders als in Whedons Schnittfassung taucht dieses Mal auch Darkseid (Ray Porter) persönlich auf; Snyder etabliert hier ein Darth Vader/Imperator-Verhältnis zwischen ihm und Steppenwolf. Fun Fact am Rande: In den Comics, zumindest vor den „New 52“, ist Steppenwolf Darkseids Onkel.

Leider gibt es einen Aspekt, der das Ganze etwas trübt: Damit die Schurkenhintergründe funktionieren, muss Darkseid an partieller Amnesie leiden. Es fällt schwer zu glauben, dass dieser galaktische Despot die eine Welt, auf der er eine Niederlage erlitten hat, einfach so vergisst und dass ein in Ungnade gefallener Diener dann zufällig über sie stolpert. Wenn die Erde nur eine zufällige Welt ist, die Steppenwolf ausgewählt hat, um wieder in Darkseids gutes Buch zu kommen, weshalb sind dann schon Mutterboxen vorhanden, die Steppenwolf ja erst zur Erde rufen? Und noch bevor Steppenwolf die Erde als die Welt erkennt, die seinem Meister erfolgreich Widerstand geleistet hat, identifiziert er Wonder Woman als Mitglied der Amazonen, die mitgeholfen haben, die Scharen von Apokolips zurückzuschlagen. Das will alles nicht so recht zusammenpassen.

Knightmare und Fanservice
Obwohl der Snyder-Cut zumindest nach aktuellem Stand das Ende von Snyders Version des DC-Universums ist, hat er beschlossen, die Saat der ursprünglich geplanten Sequels trotzdem zu pflanzen – wenn man schon einmal dabei ist und die Laufzeit ohnehin keine Rolle spielt. Anders als im Whedon-Cut, der sie vollständig ignoriert, greift Snyder die sog. „Knightmare-Sequenz“ aus „Batman v Superman: Dawn of Justice“, in der wir einen Eindruck von er dystopischen oder postapokalyptischen Zukunft bekommen, wieder auf. Wie in Grant Morrisons JLA-Story „Rock of Ages“ hat Darkseid mit seinen Horden die Antilebensformel errungen und die Erde erobert und wie in der Videospielreihe (und den damit verbundenen Tie-in-Comics) „Injustice“ bekommen es die restlichen Helden mit einem bösen Superman zu tun. Tatsächlich ist die Idee, dass Superman für Darkseid arbeiten könnte, auch nicht neu, sowohl die Miniserie „Superman: The Dark Side“ (1998) von John Francis Moore und Kieron Dwyer als auch „Legacy“, das zweiteilige Finale von „Superman: The Animated Series“ (Erstausstrahlung im Jahr 2000) spielen mit diesem Konzept, das Snyder in Fortsetzungen seines „Justice League“ weiter erforscht hätte. So bleibt es nun aber bei kurzen Visionen, die Cyborg immer wieder erhält, zum Beispiel sieht er Fragmente davon, wie ein Angriff Darkseids auf die Erde verlaufen könnte. Im Epilog des Films wird Bruce schließlich von einer weiteren, ausführlicheren Vision heimgesucht, in der wir eine zukünftige Inkarnation der Liga sehen, zu der neben Flash, Batman und Cyborg auch Mera sowie die Schurken Deathstroke (Joe Manganiello) und Joker (Jared Leto) gehören – das Ganze wird in einem von „Mad Max: Fury Road“ inspirierten Look präsentiert. Während Cyborgs kurze Visionen tatsächlich einen erzählerischen Sinn haben, lässt sich dasselbe nicht über die längere Szene im Epilog sagen, sie dient einzig dem Coolnessfaktor und um Batman und Joker ziemlich schlechte Dialoge in den Mund zu legen.

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Darkseid (Ray Porter)

Ähnlich verhält es sich mit anderen Fanservice-Elementen, die ebenfalls primär im Epilog auftauchen. Die Post-Credits-Szene des Whedon-Cuts mit Lex Luthor und Deathstroke ist ebenfalls vorhanden, nur dass Luthor dieses Mal nicht plant, eine Injustice Gang zu gründen, stattdessen verrät er dem einäugigen Auftragskiller Batmans wahren Namen. Auch hier handelt es sich um Sequel-Bait für Fortsetzungen, die wohl nie entstehen werden – wir erinnern uns, im ursprünglich geplanten Batman-Film, bei dem Ben Affleck nicht nur die Hauptrolle spielen, sondern auch Regie führen sollte, wäre der von Joe Manganiello gespielte Deathstroke der Gegner gewesen. Und schließlich hätten wir noch die beiden Gastauftritte des Martian Manhunter (Harry Lennix), die Snyder sich wirklich hätte sparen sollen, da sie völlig unnötige Logiklöcher aufreißen. Snyder suggeriert hier, dass der bereits in „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ auftauchende Calvin Swanwick (ebenfalls Harry Lennix) die ganze Zeit der Martian Manhunter war – basierend auf einer Fantheorie. Da stellt sich die Frage: Warum haben nicht eine, sondern gleich zwei außerirdische Invasionen sowie das Auftauchen von Doomsday ihn nicht zum Eingreifen bewogen? Und selbst wenn man die halbseidene nicht-Erklärung des Films akzeptiert, wird die Lois/Martha-Szene, die eigentlich ziemlich gelungen ist, dadurch völlig entwertet, weil sich direkt danach herausstellt, dass der Manhunter als Martha posierte. Freiheit der Kreativschaffenden ist eine schöne und wichtige Sache – aber ein wenig Input von außen schadet ebenfalls nicht und kann dabei helfen, das Endresultat noch besser zu machen.

Fazit
In letzter Konsequenz ist „Zack Snyder’s Justice League“ ein schwierig zu bewertendes Biest. Ist diese Schnittfassung besser als die Kinoversion? Definitiv und ganz ohne Zweifel lautet die Antwort ja. Der Whedon-Cut riecht nach Studioeinmischung, nach „film by committee“, während der Snyder-Cut die Vision eines Regisseurs darstellt, was einem seelenlosen Studioprodukt immer vorzuziehen ist – selbst wenn man einem besagte Vision nicht unbedingt zusagt. Ist „Zack Snyder’s Justice League“ das Meisterwerk, das die Fans des Regisseurs darin sehen? Zumindest nicht aus meiner Perspektive. Snyder beseitigt viele Probleme des Whedon-Cuts, schafft dabei aber einige neue. Dazu gehört neben einigen Story- und Logiklöchern primär die Laufzeit des Films, der scheinbar fast alles an Material beinhaltet, das Snyder zur Verfügung hatte. Eine halbe Stunde bis Stunde weniger hätte dem Endprodukt definitiv gutgetan. Alles in allem und zumindest im Kontext der Entstehungsgeschichte hätte der Snyder-Cut deutlich schlechter ausfallen können. Ich bin bekanntermaßen kein Fan von Snyders Interpretation des DC Universums im allgemeinen und Batmans und Supermans im Speziellen. Diese beiden Helden sind nun auch hier die schwächsten Bestandteile, bei den restlichen vier Mitgliedern leistet Snyder aber eigentlich recht gute Arbeit, vor allem was Flash und Cyborg angeht. All jene, die mit Snyders Regiestil, den Manierismen (also Zeitlupe) und der Optik absolut nichts anfangen können, werden auch von seiner Version von „Justice League“ nicht überzeugt werden. Fans von „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice” erhalten wahrscheinlich endlich den Film, auf den sie viele Jahre gewartet haben. Und all jene, die die besagten beiden Filme zwar kritisch sehen, aber doch ein gewisses Potential in ihnen erkannten, werden vielleicht sogar positiv überrascht – zu dieser Gruppe zähle auch ich mich. Denn trotz anderer Vermutung fand ich „Zack Snyder’s Justice League“ unterhaltsam – deutlich unterhaltsamer als die beiden Vorgänger, sodass ich einem Rewatch in einiger Zeit nicht unbedingt abgeneigt bin.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Justice League: Origin
JLA: Rock of Ages

Der Leuchtturm

Spoiler!
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Story: Ephraim Winslow (Robert Pattinson) ist der neue Gehilfe des Leuchtturmwärters Tom Wake (Willem Dafoe). Die beiden treten gemeinsam eine Vierwochenschicht auf dem Leuchtturm einer kleinen Felseninsel in Maine an, während der sie von der Außenwelt völlig isoliert sind. Wake erweist sich dabei als äußerst herrisch und lässt seinen Gehilfen nur niedere arbeiten verrichten. Am Ende der Schicht zieht ein Sturm auf, der verhindert, dass die beiden Leuchtturmwächter abgelöst werden. Die harte Arbeit und die Einsamkeit hinterlässt ihre Spuren an Winslow, immer öfter hat er seltsame Wahnvorstellungen, und auch Wake scheint geistig nicht mehr völlig beisammen zu sein…

Kritik: Bereits mit seinem Debütfilm „The Witch“ hat Robert Eggers es geschafft, als außergewöhnliche und individuelle Stimme im Horror-Genre wahrgenommen zu werden, ein Status, den er mit seinem zweiten Film nun unterstreicht. Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen beiden Filmen lassen sich nicht leugnen: Sowohl bei „The Witch“ als auch bei „Der Leuchtturm“ handelt es sich um Horrorfilme in historischem Setting, das vom Regisseur mit großem Aufwand so genau und authentisch wie möglich rekonstruiert wurde. Die Handlung beider Filme spielt in einem sehr beschränkten, fast schon klaustrophobischen Setting und in beiden Filmen müssen die Protagonisten mit stärker werdendem Wahnsinn kämpfen. Und schließlich kommen in beiden Filmen subtile übernatürliche Elemente vor, die jedoch vielleicht nur besagtem Wahnsinn entspringen.

Visuell unterscheidet sich „Der Leuchtturm“ allerdings stark von Eggers‘ Erstling. Gedreht wurde der Film mit einer altmodischen Kamera im fast quadratischen 1,19:1-Seitenverhältnis und in Schwarzweiß, was sehr stummfilmhaft anmutet und die ohnehin starke Klaustrophobie des Settings noch einmal deutlich unterstreicht. Manchmal erinnert die Bildkomposition und der teils symmetrische Aufbau ein wenig an Wes Anderson – allerdings einen Wes Anderson, der in ein tiefes, schwarzes Depressionsloch gefallen ist. Trotz der „Stummfilmhaftigkeit“ spielt die Tonspur, sowohl die Sprache als auch die Soundeffekte und der enervierende Score von Mark Korven, eine essentielle Rolle – man fühlt regelrecht, wie der Wahnsinn von den beiden Protagonisten Besitz ergreift, die bedrückende Atmosphäre ist allgegenwärtig. Nicht weniger beeindruckend als die Bildsprache und die Tonspur ist die Leistung der beiden Darsteller. Willem Dafoe und Robert Pattinson, vor allem Letzterer, spielen sich wirklich die Seele aus dem Leib und gehen mit ihrer Performance ins psychische und physische Extrem. Der langsam Verfall der beiden Figuren wirkt absolut authentisch und glaubhaft.

Wie nach „The Witch“ nicht anders zu erwarten ist die Handlung recht doppelbödig. Ein zentrales Element ist die Sage um Prometheus, der den Göttern das Feuer stiehlt und es den Menschen bringt – man könnte hier beinahe vom roten Faden des Films sprechen. Bereits zu Anfang macht Wake klar, dass nur er sich um das Licht kümmert, während Winslow sich mit Handlangertätigkeiten begnügen muss. Im Verlauf der Handlung verlangt es Winslow immer stärker danach, ebenfalls „das Licht zu sehen“, während Wake es eifersüchtig hütet und ein, vorsichtig ausgedrückt, romantisches Verhältnis zu ihm zu haben scheint. Der endgültige Bruch zwischen den beiden Wächtern erfolgt über das Licht. Am Ende gelingt es Winslow, das Licht zu sehen bzw. es zu stehlen, um beim Mythos zu bleiben, nur um dann genau wie Prometheus zu enden: Allein auf einem Felsen, während ein Vogel (hier eine Möwe) genüsslich seine Gedärme verspeist.

Weitere Inspiration zieht Eggers aus dem Bereich der „Weird Fiction“, in deren Tradition er „Der Leuchtturm“ sieht. In einem Interview nennt er Autoren wie M. R. James, Edgar Allan Poe und natürlich H. P. Lovecraft als Inspiration. Schon bei „The Witch“ wurde ich immer wieder an Lovecrafts „The Dreams in the Witch House“ erinnert, was primär daran lag, das Eggers und Lovecraft sich ähnlicher Quellen bedienten, auch wenn sie die daraus entnommenen Elemente sehr unterschiedlich umsetzten. In „Der Leuchtturm“ sind die Parallelen ungleich stärker. Die kleine Figur, die Winslow zu Beginn findet und zu der er ein ungesundes Verhältnis aufbaut, erinnert ein wenig an die Rolle der Figur in „The Temple“, die Halluzinationen von Tentakeln, eher unappetitlichen Meerjungfrauen und Geschlechtsverkehr mit diesen verweist auf „The Shadow over Innsmouth“ und „das Licht“ selbst bleibt eine unverständliche Präsenz, wir erfahren nie, was Winslow genau sieht, als er ins Licht blickt, nur, dass es ihn endgültig zerstört – das ist quasi der Inbegriff kosmischen Schreckens.

Fazit: „Der Leuchtturm“ knüpft stilistisch und qualitativ an Robert Eggers‘ Erstling „The Witch“ an – ein gelungener, außergewöhnlicher und handwerklich ebenso wie schauspielerisch beeindruckender Horrorfilm, der auf plakative Genreklischees verzichtet und den Zuschauer stattdessen auf eine alptraumhafte Reise in den Wahnsinn mitnimmt.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
The Witch
Score-Analyse
Interview mit Robert Eggers

Geschichte der Vampire: Nosferatu

Halloween 2014
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Sinfonie des Grauens
Nachdem ich mich im Rahmen dieser Artikelreihe bereits mit dem literarischen Ursprung des modernen Vampirs beschäftigt habe, folgt nun ein Blick auf die filmischen Ursprünge. Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ aus dem Jahr 1922 ist zwar nicht der allererste, aber doch der älteste erhaltene Vampirfilm – somit gilt er, zu Recht, nicht nur als Wegbereiter des Genres, sondern auch als Meisterwerk des deutschen Stummfilms.
Ähnlich wie bei der Vampirliteratur kommt man auch beim Vampirfilm letztendlich nicht um Bram Stokers „Dracula“ und seine Auswirkungen herum, denn bei „Nosferatu“ handelt es sich auch gleichzeitig um die erste Leinwandadaption von Stokers Roman – dies war zumindest der ursprüngliche Plan von Murnau und Albin Grau, dem Produzenten des Films. Allerdings gelang es ihnen nicht, die Rechte an „Dracula“ zu erwerben, weshalb sie gezwungen waren, die Namen der Personen zu ändern. Auch verlegten sie die Handlung des Films vom Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts ins Deutschland des Jahres 1838.
Dort lebt, in der fiktiven Stadt Wisborg, der Anwalt Thomas Hutter (Gustav von Wangenheim) mit seiner Frau Ellen Hutter (Greta Schröder). Im Auftrag seines Vorgesetzten Knock (Alexander Granach) begibt er sich ins ferne Transsylvanien, um dort dem Grafen Orlok (Max Schreck) beim Kauf diverser Immobilien in Wisborg behilflich zu sein. Bereits auf dem Weg warnen ihn die Einheimischen vor Orlok und lassen ihm das „Buch der Vampyre“ zukommen. Der Verkauf wird abgeschlossen, allerdings muss Hutter bald feststellen, dass die Warnungen berechtigt waren, denn Orlok ist in der Tat ein Vampir, der nach Wisborg umsiedeln möchte. Als Hutter dies herausfindet, flieht er vom Schloss des Grafen. Doch er kommt zu spät, an Bord der Empusa hat Orlok sich bereits nach Wisborg begeben, um dort das Blut der Unschuldigen zu trinken. Ihm folgt die Pest auf dem Fuße. Nun gibt es nur noch ein Möglichkeit, den Vampir zu besiegen: Ellen muss sich, als Frau reinen Herzens, dem Vampir opfern und ihm freiwillig ihr Blut anbieten, wodurch dieser den Hahnenschrei überhört und durch die Strahlen der Sonne vernichtet wird. Durch Ellens Opfer wird Wisborg schließlich aus der Umklammerung des Untoten befreit.
Wer mit der Handlung von Stokers Roman vertraut ist, erkennt sofort, dass es sich beim Plot von „Nosferatu“ in der Tat um eine, wenn auch reduzierte, Adaption handelt, und es dürfte auch nicht schwerfallen, den handelnden Personen ihre Gegenstücke zuzuordnen: Thomas Hutter ist Jonathan Harker, seine Frau Ellen ist Mina Murray bzw. Mina Harker, da sie als Opfer des Vampirs stirbt, besitzt sie allerdings auch Eigenschaften von Lucy Westenra, der irre Makler Knock ist Renfield, Orlok ist selbstverständlich Dracula und Professor Bulwer (John Gottowt) und Dr. Sievers (Gustav Botz) fungieren wohl als Gegenstücke zu Abraham van Helsing und Dr. Seward, auch wenn die Nosferatu-Versionen der Figuren weniger ernstzunehmende und auch weniger erfolgreiche Gegenspieler des Grafen darstellen, denn letztendlich versuchen sie nur, die durch den Untoten ausgelöste Krankheit zu bekämpfen, und nicht den Vampir selbst.
Die Namensänderungen waren aber letztendendes nicht erfolgreich: Florence Stoker, die Witwe Bram Stokers, klagte gegen Murnaus Film wegen Urheberrechtsverletzung und gewann im Jahr 1925 – ein Berliner Gericht entschied, dass alle Kopien des Films vernichtet werden sollten. Glücklicherweise entgingen einige Kopien diesem Schicksal, vor allem jene, die sich bereits in anderen Ländern befanden. Dabei handelte es sich allerdings zum Teil um unterschiedliche Schnittfassungen oder Schwarzweiß-Versionen (in der ursprünglichen Version war das Bild jeweils komplett eingefärbt, je nach Tageszeit; blau für nächtliche Außenaufnahmen, sepiabraun für nächtliche Innenaufnahmen, gelb für Szenen die am Tag spielten und rosa für die Morgendämmerung). Erst zu Beginn der 80er Jahre veranlasste das Filmmuseum München eine Widerherstellung der ursprünglichen Fassung, wobei man sich vieler verschiedener Schnittfassungen zur Rekonstruierung bediente. Seit 2006 ist „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ auch auf DVD erhältlich, mit digitalisierten und gereinigten Bildern, der ursprünglichen Einfärbung, den originalen deutschen Zwischentiteln und der ursprünglichen Filmmusik von Hans Erdmann.
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Graf Orlok (Max Schreck)

Über Murnaus Film kann man selbstverständlich sehr viel schreiben (was man auch getan hat), seien es die gesellschaftskritischen Untertöne, die okkulte Symbolik (Albin Grau verkehrte in okkulten Kreisen), die hervorragende Arbeit mit Licht und Schatten etc. Mir geht es allerdings in erster Linie um die Darstellung des Vampirs und die massiven Auswirkungen, die „Nosferatu“ auf die weitere Darstellung der untoten Blutsauger hatte.
Während die Handlung „Dracula“ noch relativ genau folgt, ist die Konzeption des Vampirs doch eine ganz andere. Dracula begann als alter Mann und wurde im Verlauf des Romans ein junger Verführer. Die Tiere, die mit ihm assoziiert werden, sind Wolf und Fledermaus. Orlok dagegen verändert sich nicht (was er mit vielen späteren Leinwand-Draculas Gemeinsam hat), und darüber hinaus unterscheidet sich sein Aussehen stark vom allgemeinen Dracula-Bild. Der von Max Schreck dargestellte Vampirgraf ist kahl, hakennasig, spindeldürr und hat statt zweier spitzer Eckzähne zwei spitze Schneidezähne. Alles in allem hat er ein sehr rattenhaftes Aussehen, und die Ratte ist auch das Tier, mit dem er vor allem assoziiert ist. Ratten folgen Orlok nach Wisborg, und wie sie bringt er die Pest mit sich. Die Konzeption des Vampirs hängt auch mit der anders gelagerten Thematik zusammen. Wie in „Dracula“ spielt unterdrückte Sexualität eine Rolle, auch Orlok kann als Metapher für verdrängte Triebe interpretiert werden. Der Konflikt der unterschiedlichen Welten, der „Dracula“ ebenfalls dominiert, wird in „Nosferatu“ allerdings weit weniger stark betont. In Stokers Roman ist der Graf in der für den Autor modernen und aufgeklärten Welt des viktorianischen Englands ein Eindringling aus einer älteren, mythischen und nicht rationalen Zeit – am Ende wird er durch die Bemühungen van Helsings und seiner Verbündeter, die für eine aufgeklärte Welt stehen, vernichtet. In „Nosferatu“ wird der Vampir zwar ebenfalls besiegt, aber eher durch ein märchenhaft-mythisches Vorgehen, das Opfer einer Frau mit reinem Herzen. Aus diesem Grund funktionieren Bulwer und Sievers auch nur sehr bedingt als Gegenstücke zu van Helsing und Seward: In „Nosferatu“ sind die Vertreter der Aufklärung im Grunde nicht nötig, das mythische Ungeheuer wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen. In Murnaus Film scheint das Übernatürliche viel stärker in die „normale Welt“ eingebettet zu sein, weshalb er auch oft dem magischen Realismus zugerechnet wird.
„Nosferatu“ hatte enormen Auswirkungen viele Vampirdarstellungen (diese werden weiter unten detailliert behandelt), die bedeutendste aber, die sich auf fast alle Vampirfilme, -romane, -comics und sonstige Darstellung der blutsaugenden Untoten bis heute auswirkt, lässt sich mit einem Wort ausdrücken: Sonne. Graf Orlok war der erste Vampir, der durch das Licht der Sonne vernichtet wurde. Zwar hatte die Sonne auch schon zuvor eine schwächende Wirkung auf Vampire, doch erst Orlok verbrannte in ihrem Licht zu Asche. Die Sonne als größte Schwäche des Vampirs hat sich unwiederbringlich mit der Wahrnehmung des Vampirs verbunden, sodass selbst jemandem, der sonst keine Ahnung von Vampiren hat, die in der Sonne glitzernden Meyer-Vampire seltsam vorkommen.

Phantom des Nacht
Es gibt zwei Filme, die die Tradition von „Sinfonie des Grauens“ direkt fortsetzen und Murnaus Film gewissermaßen thematisieren und kommentieren. Der erste ist „Nosferatu: Phantom der Nacht“. Hierbei handelt es sich um ein Remake des Murnau-Films von Werner Herzog. Die Rolle des Vampirgrafen spielt Herzogs Stammschauspieler und Lieblingsfeind Klaus Kinski, in weiteren Rollen sind Bruno Ganz, Isabelle Adjani und Walter Ladengast zu sehen.
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Graf Dracula (Klaus Kinski)

Die Konzeption des zweiten Nosferatu-Films ist dabei sehr interessant: Statt der Ersatznamen, die Murnau und Grau den Figuren gaben, verwendet Herzog, der auch das Drehbuch schrieb, wieder die Namen aus Stokers Roman, der Vampirgraf heißt Dracula, der junge Makler Jonathan Harker, seine Frau Lucy (was freilich nicht ganz passt, aber auch nicht das erste Mal ist, dass die beiden Frauenfiguren des Romans vertauscht werden) und auch van Helsing taucht auf, ist aber ziemlich inkompetent. Andererseits behält Herzog aber das Setting Murnaus bei, auch wenn er statt Wisborg die reale Stadt Wismar verwendet, in der „Sinfonie des Grauens“ zum Teil gedreht wurde.
Auch sonst orientiert sich Herzog stilistisch und inhaltlich stark an der Vorlage: Der von Kinski dargestellte Dracula ist kahl, hat fledermausohren und spitze Vorderzähne, die Sets ähneln denen des Originals sehr stark, die Thematik des Vampirs als Pestbringer wird sogar noch stärker herausgearbeitet, und darüber hinaus ist dieser Dracula auch eine sehr einsame, von seiner Unsterblichkeit gepeinigte Kreatur, ein Element, das im Original weit weniger stark vorhanden war.
In einem Punkt weicht Herzog allerdings von Murnaus Film ab: Zwar opfert sich Lucy auch bei ihm, sodass der Vampir vernichtet werden kann (hier wird er von der Sonne nur paralysiert und muss anschließend noch gepfählt werden), doch das Opfer ist letztendlich umsonst: Jonathan Harker wurde bereits infiziert und reitet am Schluss in die Welt hinaus, um die Seuche weiter zu verbreiten. Herzogs Version ist somit sehr viel pessimistischer als Murnaus Film, und insgesamt auch sehr viel deprimierender.

Schatten des Vampirs
„Shadow of the Vampire“ aus dem Jahr 2000 von E. Elias Merhige ist der zweite Film, der sich direkt mit dem Vermächtnis des ursprünglichen „Nosferatu“ auseinandersetzt. Anders als Herzogs „Phantom der Nacht“ ist „Shadow of the Vampire“ kein Remake, sondern ein Metafilm, er erzählt die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte von Murnaus „Nosferatu“. Der Twist dabei: Da Murnau (John Malkovich) in „Shadow of the Vampire“ den realistischsten Vampirfilm drehen möchte, schafft er es, mit Max Schreck (Willem Dafoe) einen echten Vampir aufzutreiben. Als Gegenleistung für das Mitwirken in seinem Film darf er am Ende der Dreharbeiten die Hauptdarstellerin Great Schröder (Catherine McCormack) aussaugen.
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Max Schreck (Willem Dafoe)

Merhiges Film ist, wie nicht anders zu erwarten, eine einzige Liebeserklärung an „Eine Sinfonie des Grauens“, viele Filmszenen werden minutiös nachgestellt und zum Teil in einen neuen Kontext gesetzt. Gleichzeitig thematisiert „Shadow of the Vampire“ auch das Filmemachen und den absoluten Willen zur Kunst an sich. Nicht von ungefähr stellt sich am Schluss die Frage, ob Murnau auf seine Art nicht ein genauso großes Monster ist wie Max Schreck.

Wirkung des Pestbringers
„Nosferatu“ mag auf Dracula basieren, mit seinem Film hat Murnau allerdings einen ganz eignen Vampir-Archetypen geschaffen. Das Wort Nosferatu stammt aus Stokers Roman und fungierte dort als Synonym für Vampir. Das tut es heutzutage zwar auch noch, aber meistens ist mit einem Nosferatu gezielt ein an Orlok angelehnter Vampir gemeint. Kahler Schädel, krumme Nase, Feldermausohren und übermäßige Fangzähne trifft man im Vampirfilm fast so häufig wie den stereotypen Aristokraten (in manchen Fällen, wie auch bei Orlok selbst, ist der Vampir sowohl hässlich als auch aristokratisch). Ein Beispiele wäre etwa Kurt Barlow in der Verfilmung von Stephen Kings „Brennen muss Salem“ aus dem Jahr 1979. Während Barlow im Roman an Dracula angelehnt ist, sieht er in besagter Adaption aus wie eine türkise Version von Orlok. Auch in moderneren Vampirfilmen, etwa „30 Days of Night“ oder „Daybreakers“ (um nur zwei zu nennen) finden sich Variationen des Nosferatu-Vampirs. Und selbst in vielen nicht-Vampirfilmen findet man die Spuren Orloks, etwa wenn man sich die Fremden in „Dark City“ oder den Pinguin in „Batmans Rückkehr“ (wo zu allem Überfluss auch noch eine Figur namens Max Shreck auftaucht) ansieht.
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Kurt Barlow (Reggie Nalder) in „Brennen muss Salem“

Und natürlich zollt auch das Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ Orlok und Murnaus Film seinen Respekt, in dem es einen ganzen Vampirclan nach Orloks Vorbild formt. Bei diesem handelt es sich, wie könnte es anders sein, um die Nosferatu.

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