Dracula: Sense & Nonsense

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Wenn man sich intensiver mit Bram Stokers „Dracula“ beschäftigt, kommt man an Elizabeth Miller irgendwann nicht vorbei: Die emeritierte Professorin der Memorial University of Newfoundland gilt als eine der führenden Autoritäten zu Stokers Roman, den sie seit 1990 zum Subjekt ihrer akademischen Forschung gemacht und auch einiges dazu publiziert hat. „Dracula: Sense & Nonsense“ gehört zu diesen Publikationen und ist darüber hinaus ein äußerst nützliches Werk, in dem sich Elizabeth Miller dazu anschickt, viele der Mythen, die „Dracula“, den Autor, die Entstehung und Hintergründe etc. umgeben, aufzuklären. Obwohl Miller hier viele Aspekte anreißt, handelt es sich bei „Dracula: Sense & Nonsense“ nicht um eine umfassende Darstellung oder Aufarbeitung dieser Themen. Stattdessen hangelt sich Miller thematisch an verschiedenen Mythen, Vorurteilen und Falschaussagen entlang, die in den über hundert Jahren seit der Publikation des Romans getätigt wurden – auch und gerade in der Fachliteratur. Dabei spart Miller sich selbst übrigens nicht aus. Alle ihre Widerlegungen belegt Miller ausgiebig und fundiert; sie erklärt genau, wie die Forschungslage zu den einzelnen Themengebieten aussieht, welche Belege es für die Aussagen gibt und warum die meisten bestenfalls mehr oder weniger begründete Annahmen und schlimmstenfalls reißerische Lügen sind.

Im ersten Kapitel, „The Sources for Dracula“, setzt sich Miller mit Falschaussagen zu Stokers Quellen und Inspirationen auseinander. Ein häufig zitierter „Fakt“ ist beispielsweise, dass Stoker viele Informationen, sei es zu Vampirismus, Vlad Țepeș oder Transsylvanien, von dem ungarischen Orientalisten Arminius Vámbéry erhielt, wofür es aber so gut wie keine Belege gibt, ebenso wie für die Behauptung, Jack the Ripper oder Elisabeth Báthory seine wichtige Inspirationsquellen.

Das zweite Kapitel, „Stoker and the Writing of Dracula“, beschäftigt sich mit Statements und beliebten Mythen zur Abfassung von „Dracula“, etwa dem, Stoker habe bereits als Kind den Roman geplant bis hin zur Aussage, Stoker sei Mitglied des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ gewesen und habe okkulte Verweise in „Dracula“ untergebracht. Auch die Frage, in wie weit Zeitgenossen wie Stokers Arbeitgeber Henry Irving oder Oscar Wilde „Dracula“ beeinflussten oder gar für die Figur des Grafen selbst Pate standen, erörtert Miller hier ausgiebig, ebenso wie die Herkunft der Figurennamen, die zum Teil auf Personen aus Stokers Umfeld zurückgehen.

In Kapitel 3, „The Novel“, kommt Miller auf Dinge wie die Datierung des Werkes oder die besondere Rolle von Quincy Morris im Vergleich zu den anderen Vampirjägern zu sprechen. Besonders interessant ist Millers Einordnung des später als Kurzgeschichte von Stokers Witwe Florence veröffentlichten Fragments „Dracula’s Guest“, dessen genaue Platzierung nach wie vor unklar ist. Das vierte Kapitel, „The Geography of Dracula“, schlägt in eine ähnliche Kerbe, setzte sich aber, der Titel verrät es bereits, mit Misskonzeptionen bezüglich der Handlungsorte auseinander, speziell den möglichen Vorbildern von Draculas Schloss – weder Schloss Bran noch Poenari, die Festung von Vlad Țepeș, eignen sich diesbezüglich, auch wenn dies in der Rezeption oft behauptet wird.

Die Verbindung Draculas zu Vlad Țepeș bekommt natürlich noch ein eigenes Kapitel gewidmet, das fünfte. Um es kurz zu machen, nein, Vlad der Pfähler lieferte nicht die Vorlage für Graf Dracula. Soweit es belegbar ist, stieß Stoker lediglich auf die eine oder andere Erwähnung des „Voivoden Dracula“, dessen Namen angeblich Teufel bedeutet und der gegen die Türken kämpfte, und fand, dass es sich hierbei um einen passenden Namen für einen Vampir handelt – ursprünglich sollte der Schurke des Romans „Count Wampyr“ heißen. Mit dem historischen Vlad Țepeș beschäftigte sich Stoker so gut wie überhaupt nicht, weshalb dessen Biografie auch keinen Einfluss auf den Vampir des Romans hatte. Tatsächlich wäre es sehr merkwürdig, hätte Stoker über Vlads bewegtes Leben und vor allem die vielen grausamen Details Bescheid gewusst und diese nicht in den Roman verarbeitet. Miller hat, nebenbei bemerkt, keinerlei Probleme damit, wenn Vlad und Dracula auf fiktiver Ebene vermischt werden, wie es in so vielen Filmen, Romanen und anderen Medien geschieht – ihr geht es darum, klarzustellen, dass der Voivode definitiv nicht als Vorlage für den Vampirgrafen diente. Im sechsten und letzten Kapitel evaluiert Miller schließlich wissenschaftliche Arbeiten zur Thematik, etwa kommentierte Ausgaben des Romans, Stoker-Biografien oder literarische Studien.

Durch die Strukturierung – Miller hangelt sich an den Falschaussagen und Mythen samt Quelle entlang, um sie dann zu widerlegen – sowie ihrem eher lockeren, nicht unbedingt akademisch anmutenden Stil liest sich „Dracula: Sense & Nonsense“ sehr angenehm und überfrachtet auch Leser, die sich noch nicht allzu intensiv mit der Materie beschäftigt haben, nicht mit Informationen. Zugleich ist allerdings eine gewisse Vertrautheit mit dem Roman (was eigentlich selbstverständlich sein sollte) sowie zumindest eine rudimentäre Kenntnis der Biografie Stokers von Vorteil. Gerade all jenen, denen es schwerfällt, aus den diversen Mythen, die um „Dracula“ und Stoker zirkulieren, die Wahrheit herauszufiltern, dürften mit Millers Werk ein brauchbares Hilfsmittel an die Hand bekommen.

Fazit: Kurzweilige Widerlegung diverser nach wie vor kursierenden Mythen und Falschaussagen bezüglich „Dracula“, Bram Stoker und allem, was dazugehört und zudem ein guter Start in die literarische Rezeption des Grafen.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Geschichte der Vampire: Secret Origins

Wo kommen Vampire eigentlich her? Damit meine ich nicht, wie die ursprünglichen Legenden und Geschichten entstanden sind (dazu gibt es viele Theorien und Erklärungsversuche), sondern die Ursprünge und „Werdungsgeschichten“ innerhalb der erzählten Welten. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über einige Entstehungsgeschichten der untoten Blutsauger bieten, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – bei der schieren Masse an Vampirmedien müsste man darüber schon mindestens ein Buch schreiben. Dennoch soll hier eine kleine Auswahl an Erklärungen für den untoten Zustand geboten werden, von mythologisch-religiös über magisch bis hin zu pseudowissenschaftlich.

Back to the Roots: Dracula
Die meisten frühen Vampirgeschichten sorgen sich nicht allzu sehr um den Ursprung der Blutsauger, und dementsprechend tun es auch die Protagonisten nicht, da sie viel mehr damit beschäftigt sind, zu überleben. Während die Werdegänge einzelner Vampire durchaus geschildert werden, wird die Gesamtheit der „Spezies“ bzw. des Phänomens in der Regel einfach nur als übernatürliches Vorkommnis behandelt, für das es keine tiefergreifende Erklärung gibt. In „Dracula“ ist das größtenteils zwar ebenso, aber immerhin gibt Bram Stoker eine kleine Andeutung, woher Vampire kommen könnten. Zwei Mal erwähnt Abraham Van Helsing im Rahmen seiner Ausführungen die „Scholomance“, die Dracula zu Lebzeiten besucht haben soll, eine Art schwarzmagische Schule aus der transsylvanischen Folklore, die vom Teufel selbst betrieben wird. Es werden jeweils nur zehn Schüler auf einmal ausgebildet, die zehnten gehören immer dem Satan und dürfen für ihn Stürme verursachen und einen Drachen reiten. Die Implikation ist für die wenigen, die mit dieser Legende vertraut sind, recht eindeutig: Dracula wurde an dieser Schule ausgebildet und war wahrscheinlich ein zehnter Schüler – eventuell wird jeder zehnte Schüler zum Vampir. Auf diese Weise wäre Satan persönlich für den Vampirismus verantwortlich und das würde natürlich auch die Anfälligkeit der Vampire gegenüber heiligen Symbolen erklären. Bei all den Weiterverarbeitungen von Dracula im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Aspekt interessanterweise kaum aufgegriffen.

Stattdessen haben aber viele Autoren und Regisseure beschlossen, Dracula selbst zum ersten Vampir zu machen. In „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) von Francis Ford Coppola ist zwar nicht klar, ob Dracula (Gary Oldman) tatsächlich der erste Vampir ist, aber immerhin entsteht er nicht auf normale Weise (Blutaustausch mit einem anderen Vampir, der im Film ja auch praktiziert wird), sondern indem er Gott verflucht und sein Schwert in ein Kreuz rammt, das daraufhin zu bluten anfängt. Nachdem Dracula von diesem Blut getrunken hat, ist er ein Vampir. Obwohl nicht explizit klargemacht, scheint die Implikation, dass der Vampirismus auf dieser Weise in die Welt dieses Films kam, relativ eindeutig.

In „Dracula 2000“ (auch bekannt als „Wes Craven’s Dracula“, die Horror-Legende führte hier aber nicht Regie, sondern produzierte lediglich, Regisseur war Patrick Lussier) ist der Graf ganz eindeutig der erste Vampir, Dracula bzw. Vlad Țepeș (Gerard Butler) ist allerdings nur eine von vielen Identitäten dieses Blutsaugers, und auch nicht die erste. Als Sterblicher war er Judas Iscariot, der als Buße für seinen Verrat an Jesus von Gott zum Vampirismus verflucht wurde – daher rühren sowohl die Aversion gegen heilige Symbole als auch gegen Silber (wegen der allseits bekannten 30 Silberstücke, die Judas für seinen Verrat bekommen haben soll). Damit greifen Lussier und Drehbuchautor Joel Soisson die nicht ganz unproblematische Sagenfigur des „Ewigen Juden“ bzw. „Wandernden Juden“ auf, der, je nach Version, von Gott zur Unsterblichkeit verdammt wird, u.a. auch, weil er Jesus schlecht behandelt. Gerade im Mittelalter und der Frühen Neuzeit erfreute sich der „Ewige Jude“ latenter Beliebtheit und im Nationalsozialismus feierte er natürlich ein großes Comeback, unter anderem in Form des üblen Propagandafilms „Der ewige Jude“ (1940). Tatsächlich kann diese Version von Dracula nicht sterben, weshalb „Dracula 2000“ noch zwei weitere Direct-to-DVD-Sequels erhielt. Die Idee, den Vampirismus mit jüdische-christlichen Elementen zu verbinden, war schon im Jahr 2000 nicht mehr neu und wird in diesem Artikel noch das eine oder andere Mal auftauchen.

Dracula (Dominic Purcell) fungiert auch in der Blade-Trilogie, spezifisch in „Blade: Trinity“ (2004), als Protovampir. Wie in „Dracula 2000“ ist er deutlich älter als Stokers Roman oder Vlad Țepeș, sogar älter als Judas und war schon Jahrtausende vor Christi Geburt im alten Babylon als Dagon aktiv, wurde irgendwann zu Dracula und nimmt in der Moderne dann schließlich den Namen Drake an. Hier fungiert er als erster der „Hominis nocturnae“, wie Vampire in der Blade-Trilogie gerne genannt werden, und verfügt über einige Qualitäten, die der gewöhnliche Vampire dieser Filmreihe nicht sein Eigen nennen kann, u.a. ist er in der Lage, Sonnenlicht auszuhalten, deutlich stärker als seine minderen Nachfahren und besitzt zudem begrenzte gestaltwandlerische Fähigkeiten.

Jene, die bewahrt werden müssen: Akasha und Enkil
Es kann gar nicht oft genug betont werden, wie essentiell Anne Rice‘ „The Vampire Chronicles“ für die Entwicklung des Vampir-Genres sind. Die meisten Tropen, die in der Vampirliteratur oder in den Vampirfilmen noch heute eine wichtige Rolle spielen und nicht von Bram Stoker stammen, etablierte Rice in den ersten drei Romanen dieser Serie, „Interview with the Vampire“ (1976), „The Vampire Lestat“ (1985) und „Queen of the Damned“ (1988). Dazu gehört nicht nur eine vampirische Gesellschaftsstruktur, sondern auch ein Ursprungsmythos für die Blutsauger. Bereits in „Interview with the Vampire“ sucht Louis nach dem Ursprung des Vampirismus, erhält aber weder von den hirnlosen, Nosferatu-artigen Vampiren Osteuropas, noch vom über 400 Jahren alten Armand in Paris eine Antwort. Anders ergeht es Lestat im Folgeroman, der im Verlauf seiner Abenteuer auf „Jene, die bewahrt werden müssen“, die ersten beiden Vampire, sowie ihren Wächter Marius trifft. Diese beiden Urvampire, Akasha und Enkil, waren zu Lebzeiten, viele Jahrtausende vor Christi Geburt, Herrscher des Landes Kemet, das später Ägypten werden sollte. Erst in „Queen of the Damned“ erfahren wir allerdings die vollständige Geschichte: Akasha ist die eigentliche Urvampirin, ihr Zustand resultiert aus einer Vereinigung mit dem bösen Geist Amel, dieser drang durch Wunden in ihren Körper ein und machte sie so zur Untoten. Enkil und alle anderen Vampire stammen von Akasha ab und sind an ihr Schicksal gebunden, sie ist die älteste und mächtigste Blutsaugerin. Wenn ihr etwas geschieht, wenn sie bspw. der Sonne ausgesetzt wird, erleiden alle anderen Vampire dasselbe Schicksal – aus diesem Grund der Spitzname „Jene, die bewahrt werden müssen“. Irgendwann im Verlauf ihres langen Lebens verfallen die beiden Urvampire in Starre und müssen vom bereits erwähnten Marius, einem römischen Vampir, behütet werden. In dieser Zeit werden „Jene, die bewahrt werden müssen“ zu Figuren der Legende, an die sich kaum noch jemand erinnert. Dabei bleibt es in „Queen of the Damned“ natürlich nicht, Akasha erhebt sich aus ihrem Jahrtausende dauernden Nickerchen, entledigt sich ihres Gemahls und strebt danach, die Welt zu beherrschen – mit Lestat an ihrer Seite. Daraus wird letzten Endes nichts und die Vampir-Zwillinge Maharet und Mekare, uralte Gegner Akashas, verschlingen ihr Herz, sodass Mekare zur neuen „Königin der Verdammten“ wird. Über die gleichnamige Verfilmung von „Queen of the Damned“, in der die 2001 tragisch verstorbene Aaliyah die Titelfigur mimt, breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Nach „The Blood Canticle“ (2003), dem zehnten bzw. zwölften Band der Serie (je nachdem, wie man die beiden Bücher der kurzlebigen Sub-Reihe „New Tales of the Vampires“ zählt), legte Anne Rice eine elfjährige Pause ein, da sie zwischenzeitlich ihren Katholizismus wiederentdeckt hatte und Romane über Jesus schrieb. In den 2010er-Jahren wandte sie zwar nicht Jesus, aber der Kirche wieder den Rücken zu und ab 2014 erschienen in jeweils zweijährigem Abstand drei neue Romane der „Vampire Chronicles“: „Prince Lestat“ (2014), „Prince Lestat and the Realms of Atlantis“ (2016) und „Blood Communion: A Tale of Prince Lestat“ (2018). Ich habe diese drei Bücher noch nicht gelesen, allem Anschein nach gibt es aber gerade bezüglich des Ursprungs der Vampire einige Retcons, u.a. scheinen sowohl das legendäre Atlantis als auch Aliens involviert zu sein, was nicht allzu berauschend klingt, weshalb ich nach wie vor zögere, die „Prince-Lestat-Trilogie“ zu konsumieren.

Biblische Ursprünge: Kain und Lilith

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Kains Mord an Abel, dargestellt in „Vampire: The Masquerade“

Wie oben bereits erwähnt liegt der Gedanke, dem Ursprung des Vampirismus eine religiöse Komponente zu verleihen, nahe – schon allein wegen der bekannten Abneigung der Blutsauger gegen Religion und religiöse Symbole. Das Konzept, dass vom biblischen ersten Mörder Kain übernatürliche Kreaturen abstammen könnte, ist ziemlich alt, bereits im altenglischen Gedicht „Beowulf“ (etwa um das Jahr 1000 herum entstanden) werden Grendel und seine Mutter als Nachfahren Kains bezeichnet. Die Idee, bei Kain könne es sich um den ersten Vampir handeln, stammt meines Wissens nach aus George R. R. Martins überaus gelungenem Vampirroman „Fevre Dream“ (1982), in welchem der mögliche Ursprung der Vampire zwar diskutiert wird, darüber hinaus aber keine große Rolle spielt; es ist eher ein Nachgedanke. Im Gegensatz dazu ist „Kain als erster Vampir“ für das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ (ab 1991) essentiell. In der sog. „Welt der Dunkelheit“ verflucht Gott Kain nach dem Mord an Abel dazu, für immer über die Erde zu wandern (wobei wir wieder beim „Wandernden Juden“ wären) und sich nicht mehr von den Früchten des Ackers ernähren zu können. Stattdessen soll er nach dem Blut seines Bruders dürsten, das er vergossen hat. Auf Englisch wird Vampir-Kain durch ein zusätzliches „e“ gekennzeichnet, also „Caine“. Im Verlauf der letzten dreißig Jahre und fünf Editionen hat sich zu diesem Thema einiges an Material angesammelt. Zwar existieren in „Vampire: The Masquerade“ durchaus auch parallele Entstehungsmythen, die sich diverser Elemente aus der ägyptischen, indischen, südamerikanischen und vielen weiteren Mythologien bedienen (und diese hier zu thematisieren den Rahmen des Artikels sprengen würde), aber der „Kains-Mythos“ ist letztendlich doch die dominante Ursprungserzählung. Anders handhabte man dies im Nachfolge-System „Vampire: The Requiem“, hier finden sich mehrere, konkurrierende Erzählungen, tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass die fünf Hauptclans völlig voneinander unabhängig entstanden sind. Aber zurück zu „Vampire: The Masquerade“: Neben einer ständigen Grundpräsenz des Kains-Mythos in fast allen Regelwerken gibt es mit „The Book of Nod“ (1993) „Revelations of the Dark Mother“ (1998) und „The Erciyes Fragments“ (2000) drei Bücher im pseudo-biblischen Stil, die erzählen, wie Kain mit Irad, Zillah und Enoch drei weitere Vampire zeugt, die ihrerseits wiederum die dreizehn Vampire erschaffen, die später die dreizehn Vampir-Clans des Rollenspiels gründen, zusätzlich zu ominösen Prophezeiungen, Gesetzen etc.

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Lilith-Relief

Zudem spielt auch Lilith, Adams erste Frau, eine Rolle. Bei Lilith handelt es sich um eine Immigrantin aus der mesopotamischen Mythologie, die es zwar nicht wirklich in die Bibel, aber doch in apokryphe Texte und den babylonischen Talmud geschafft hat und u.a. dazu genutzt wird, die Diskrepanz zwischen den beiden Schöpfungsberichten im Buch Genesis zu erklären – im einen erschafft Gott Mann und Frau gleichzeitig, im anderen entsteht die Frau aus der Rippe des Mannes. Lilith ist die Frau, die gleichzeitig mit Adam geschaffen wird, sich ihm aber nicht unterordnen (sprich: unten liegen) will und deshalb aus dem Garten Eden verbannt wird, um anschließend als Kinder stehlende Dämonin und Mutter von Ungeheuern Karriere zu machen. In „Vampire: The Masquerade“ ist sie keine Vampirin, tatsächlich lässt sie sich hier sehr schwer klassifizieren, spielt aber eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Kains neuen, finsteren Gaben, nur um schließlich von ihm verraten zu werden, weshalb sie einen tiefen Groll gegen ihn hegt. Ihre Sichtweise wird in „Revelations of the Dark Mother“ dargestellt. In vielen anderen Werken der Popkultur taucht Lilith allerdings tatsächlich als erste Vampirin auf – am prominentesten vielleicht in der HBO-Serie „True Blood“, dargestellt von Jessica Clark. Vor allem in den Staffeln 5 und 6 spielt sie eine prominente Rolle, fungiert als Antagonistin und wird von mehreren Fraktionen angebetet, natürlich unter Verwendung einer Bibel-artigen Schriftensammlung, des „Book of the Vampyr“.

Viren, Krankheiten und Familiendramen

Mythologien, besonders die jüdisch-christliche, sind ohne Zweifel eine beliebte Quelle für den Ursprung der Vampire, viele Autoren bedienen sich allerdings eines pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchs für den Vampirismus und bedienen sich meistens eines Virus, um die übernatürliche bzw. magische Komponente loszuwerden oder zumindest zu minimieren. Ein besonders prominentes Beispiel ist die von Len Wiseman, Kevin Grevioux und Danny McBride ins Leben gerufene Filmserie „Underworld“ (2003 bis 2016). Hier sorgt ein mysteriöser Virus in Kombination mit einer genetischen Mutation dafür, dass der ungarische Kriegsherr Alexander Corvinus (Derek Jacobi) unsterblich wird. Diese Eigenschaft gibt er an seine Söhne Marcus (Tony Curran) und William (Brian Steele) weiter, die jedoch durch die Bisse einer Fledermaus bzw. eines Wolfes zum ersten Vampir und ersten Werwolf weitermutieren und auf diese Weise ihrerseits zu Begründern zweier neuer „Gattungen“ werden. In der Blade-Trilogie wird der Vampirismus ebenfalls durch ein Virus erklärt, dessen erstes Opfer bzw. erster Nutznießer der oben erwähnte Dracula/Dagon/Drake ist. Auch in der von Guillermo del Toro und Chuck Hogan verfassten Vampir-Trilogie bestehend aus den Romanen „The Strain“ (2009), „The Fall“ (2010) und „The Night Eternal“ (2011) sowie der darauf basierenden Serie „The Strain“ hat Vampirismus die Züge einer seuchenartigen Krankheit, die hier allerdings nicht durch einen Virus, sondern durch Parasiten, hier Würmer, weitergegeben wird. Auch diese Idee ist nicht neu und wurde bereits in Brian Lumleys Romanreihe „Necoroscope“ (ab 1986) etabliert und erforscht.

Eine zwar magische, aber erstaunlich unmythologische Entstehung bietet im Kontrast dazu die Serie „The Vampire Diaries“. Die Vampire als übernatürliche Wesen sind hier noch verhältnismäßig jung (gerade einmal tausend Jahre). Die Urvampire der Serie, die „Originals“ (die unter diesem Namen eine Spin-off-Serie erhielten) waren ursprünglich eine Wikingerfamilie, die sich in Amerika ansiedelte und sich mit Werwölfen herumplagen musste. Um dem entgegenzuwirken, beschließen die Oberhäupter Mikael (Sebastian Roché) und Esther (Alice Evans), sich und ihre Kinder per Magie in Unsterbliche zu verwandeln, was aber nur bedingt klappt, da sie zu blutsaugenden Vampiren werden. Alle anderen Vampire der Serie stammen von einem Mitglieder der „Originals“ ab. Wie so häufig sind diese deutlich potenter und schwerer zu töten als gewöhnliche Vampire. Trotz der Präsenz von Magie fällt auf, dass hier jegliches religiöses Element völlig fehlt, wodurch die Hintergründe dieser Serie äußerst prosaisch daherkommen. Ich persönlich ziehe meistens einen gut ausgearbeiteten, mythologischen Ursprung vor, aus diesem Grund ist die Version mit Kain aus „Vampire: The Masquerade“ auch mein Favorit. Und selbst die oben genannten Vertreter der Virus-Version können es mitunter nicht lassen, die pseudobiologische Entstehung ihrer Vampire durch altehrwürdige Dokumente ein wenig zu mythologisieren.

Bildquelle Kain
Bildquelle Lilith

Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Halloween 2017
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Er ist nach wie vor der bekannteste Vampir der Film- und Literaturgeschichte, sein Name wurde zum Teil sogar als Synonym für das Wort „Vampir“ verwendet. Darüber hinaus ist er auch eine der fiktiven Figuren, die am häufigsten in Film und Fernsehen adaptiert wurde – lediglich Sherlock Holmes kann ihm diesbezüglich das Wasser reichen. Er ist der Archetyp eines ganzen Genres und jeder kennt seinen Namen. Dennoch haben nur verhältnismäßig wenig Leute tatsächlich Bram Stokers „Dracula“ gelesen – das Wissen um den „König der Vampire“ kommt zumeist durch kulturelle Osmose und setzt sich aus Bruchstücken aus Literatur, Film und Fernsehen zusammen. Dennoch, wer den Vampir in seiner heutigen Form verstehen möchte, kommt an „Dracula“ nicht vorbei. Stokers Roman markiert das Ende einer Tradition und den Beginn einer neuen. Auf die ausführliche Besprechung des „Königs der Vampire“ arbeite ich bereits hin, seit ich meine Serie „Geschichte der Vampire“ begonnen habe. Dieser Artikel setzt sich ausführlich und ausschließlich mit Stokers Roman auseinander.

Inhalt und Form
Der junge Anwalt Jonathan Harker reist im Auftrag seiner Kanzlei nach Transsylvanien, um dem dort ansässigen reichen Edelmann Graf Dracula beim Kauf diverser Immobilien in England behilflich zu sein. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass sein Gastgeber ein blutdürstiger Vampir ist, der nach England umsiedeln möchte, um dort neue Opfer zu finden. Er lässt Jonathan in den Klauen seiner drei Gespielinnen zurück und reist per Schiff nach England. In Whitby, dem Ort seiner Ankunft, verbringt gerade Mina Murray, Jonathan Harkers Verlobte, ihre Ferien mit ihrer Freundin Lucy Westenra. Lucy wird zu Draculas erstem Opfer. Obwohl ihr Verlobter Arthur Holmwood sowie Lucys ehemalige Verehrer John Seward und Quincey Morris sowie Sewards Mentor Abraham van Helsing alles daran setzen, Lucy zu retten, scheitern sie. Lucy stirbt und wird zur Untoten, die letztendlich von denen, die sie während ihres Lebens geliebt haben, erlöst werden muss. Mina erfährt derweil, dass Jonathan in halb verrücktem Zustand von Nonnen gefunden wurde und gegenwärtig gesund gepflegt wird. Sie reist nach Osteuropa, wo sie Jonathan so schnell wie möglich heiratet. Die Ereignisse, die zu Jonathan temporärer geistiger Umnachtung geführt haben, hat der junge Anwalt vorerst verdrängt, er gibt Mina allerdings sein Tagebuch. Zuerst weigert sie sich, es zu lesen, nachdem sie von Lucys Tod erfährt und Jonathan meint, den Grafen in London gesehen zu haben, liest sie es dann doch. Schließlich tragen alle Beteiligten ihre Informationen zusammen – nicht nur Jonathan, auch van Helsing, Holmwood, Morris und Seward sind sehr daran interessiert, Dracula ein für alle Mal auszuschalten. Es gelingt ihnen, die Zufluchtsstätten Draculas in England unbrauchbar zu machen, derweil wird Mina allerdings zum nächsten Opfer des Grafen. Seiner Rückzugsorte beraubt flieht der Graf zurück in seine Heimat, verfolgt von den Vampirjägern, die sich mit dem Untoten ein Wettrennen nach Transsylvanien liefern, um Mina vor dem Schicksal zu bewahren, das Lucy ereilte. Es gelingt ihnen schließlich, den Grafen aufzuhalten, kurz bevor er das Schloss erreicht – nur Quincey Morris erleidet dabei eine tödliche Verletzung, freut sich aber darüber, dass sein Opfer es ermöglicht, Dracula aufzuhalten und Mina zu retten.

Diese ganzen Geschehnisse werden in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Zeitungsausschnitten oder anderen relevanten Dokumenten präsentiert, gesammelt und sortiert von den Protagonisten als Chronik der Ereignisse. Dieser Umstand dominiert die Form des Romans – während Briefe und Zeitungsausschnitte zumeist als kürzere Interludien funktionieren, nehmen die Tagebucheinträge den meisten Raum ein, wobei Jonathan Harker, Mina Harker und John Seward die dominantesten Erzähler sind. Der mit Abstand gelungenste Teil des Romans ist das erste Drittel, in dem Jonathan Harker nach Transsylvanien reist, die dunklen Omen und Warnungen der Einheimischen ignoriert, dann aber langsam feststellt, dass sein Gastgeber ein Vampir ist. Dieser Abschnitt des Romans ist am atmosphärischsten und spannendsten, auch weil er sehr fokussiert ist und sich ausschließlich auf Jonathans wachsenden Schrecken konzentriert. Die anderen beiden Drittel des Romans zerfasern etwas, vor allem der Mittelteil zieht sich ein wenig. Lucys langsame Verwandlung in eine Vampirin ist ebenfalls gelungen, wird aber immer wieder von relativ uninteressanten Interludien unterbrochen. Ein besonders auffälliges Element ist der Umstand, dass Dracula nach dem ersten Drittel kaum mehr als Figur auftaucht, sondern eher zu einer bedrohlichen Präsenz im Hintergrund wird, was dramaturgisch relativ gut funktioniert. In dieser Hinsicht ist lediglich das eigentliche Ende des Romans (bzw. des Vampirs) etwas enttäuschend: Nach einer Verfolgungsjagd von England nach Transsylvanien darf der Graf nicht einmal mehr selbst Hand an seine Verfolger legen, sondern wird ganz passiv in seiner Transportkiste von Jonathan und Quincey abserviert. Letzteren darf er nicht einmal persönlich umbringen – insgesamt ist das ganze Finale ziemlich knapp und antiklamktisch; die meisten Adaptionen erweitern es oder ändern es völlig ab.

Entstehung
Angeblich basiert die Grundidee für „Dracula“ auf einem Traum, den Stoker hatte und der sich im Roman in Form der Begegnungen mit den drei Gespielinnen Draculas wiederfindet. Dabei handelt es sich allerdings eher um eine Anekdote denn eine tatsächliche Gegebenheit. Fakt ist allerdings, dass Stoker definitiv von seinen direkten Vorgängern stark beeinflusst wurde: Sowohl „The Vampyre“ als auch „Varney the Vampire“ und vor allem „Carmilla“ hatten großen Einfluss auf das Schaffen des irischen Schriftstellers und beeinflussten seine Darstellung des Vampirs. Die Inspiration für den Titelschurken stammt allerdings aus anderer Quelle – und es handelt sich dabei auch nicht um Vlad Țepeș. Stattdessen findet sich in Dracula, seinem Auftreten und Gebahren, seinen guten Manieren, seiner Arroganz und Grausamkeit vor allem der Schauspieler Henry Irving wider. Zwischen 1878 und 1898 arbeitete Stoker im Lyceum Theatre in London, das während eben dieses Zeitraums von Irving geleitet wurde. Ursprünglich beabsichtigte Stoker, „Dracula“ im Lyceum mit Irving in der Titelrolle zur Aufführung zu bringen, doch Irving sagte die Idee nicht zu, da ihm der Stoff zu trivial erschien, weshalb Stoker sein Werk schließlich in Romanform veröffentlichte.

Und Vlad Țepeș? Ursprünglich hatte Stoker überhaupt nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark in Österreich als Heimat für seinen Vampir auserwählt – hier zeigt sich noch einmal der Einfluss von Sheridan Le Fanus „Carmilla“. In der Kurzgeschichte „Dracula’s Guest“, die ursprünglich als erstes Kapitel des Romans fungieren sollte, von Stoker aber verworfen und später von seiner Witwe Florence Stoker posthum veröffentlicht wurde, findet sich noch ein letzter Hinweis auf diesen Umstand. Der namenlose Erzähler (theoretisch müsste es sich dabei um Jonathan Harker handeln) stößt in einem verlassenen Dorf in der Nähe von München auf die Gruft einer Vampirin, die von der Inschrift als „Gräfin Dolingen von Gratz aus der Steiermark“ identifiziert wird.

Im frühen Stadium trug der Schurke von Stokers Werk (und damit auch das Werk selbst) noch den Namen „Count Wampyr“. Erst durch den Orientalisten Arminius Vámbéry kam Stoker auf die Idee, Anfang und Ende der Handlung nach Osteuropa zu verlegen. Vámbéry erzählte Stoker auch von Vlad III., genannt „Dracula“ (bzw. „Drăculea“), dem „Sohn des Drachen“ oder „Sohn des Teufels“. Es gilt inzwischen allerdings als gesichert, dass Stoker nicht allzu viel über Vlad III. wusste, denn die tatsächlichen Verweise auf die historische Figur, die im Roman zu finden sind, bleiben vage und unspezifisch, was angesichts des bewegten Lebens, das Vlad führte, äußerst merkwürdig ist. Noch dazu sind fast alle Details falsch: Vlad III. herrschte niemals in Transsylvanien und besaß auch kein Schloss am Borgo-Pass, stattdessen regierte er die Walachei und war auch kein Graf, sondern Voivode (was sich am ehesten mit „Fürst“ übersetzen lässt; zugegebenermaßen wird dieser Titel im Roman einmal von van Helsing erwähnt). Und obwohl er ein blutrünstiger Schlächter war, hat der Beiname Drăculea, im Gegensatz zu einem anderen Beinamen (Țepeș, der Pfähler) nichts damit zu tun. Vlads Vater, Vlad II., wurde von Kaiser Sigismund in den Drachenorden, einen Ritterorden zum Schutz der Christenheit, aufgenommen und erhielt deshalb den Beinamen „Dracul“, „der Drache“. Somit war Vlad III. der Sohn des Drachens. Lange Rede, kurzer Sinn: Dracula hat mit dem historischen Vlad Drăculea bis auf den Namen und den üppigen Schnurrbart eigentlich nichts gemein, die Verknüpfung zwischen dem Vampir und dem nicht minder blutrünstigen Herrscher der Walachei wurde erst in späteren Adaptionen der Vorlage geschaffen.

Deutungen
Es gibt eine Vielzahl an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten für „Dracula“ – ich will hier nur in aller gebotenen Knappheit einige Ansätze präsentieren, da dieser Artikel sonst völlig ausarten würde. Besonders beliebt ist der Ansatz, dass es sich bei Dracula um eine Repräsentation des im viktorianischen Zeitalter stark unterdrückten Sexualtriebs handelt, der die Reinheit (oder Prüderie) der viktorianischen Dame, vertreten durch Mina Harker und Lucy Westenra, befleckt. In diesem Zusammenhang kann der Vampirismus als Geschlechtskrankheit interpretiert werden, oder als unterdrückte Homosexualität, oder als Freisetzung des Freud’schen „Es“. Apropos Freud, der Madonna/Hure-Komplex ist auch nicht weit entfernt: Die Frauen in „Dracula“ sind entweder pure, reine Wesen, die von den Männern überhöht werden (Mina, Lucy als Mensch) oder lüsterne Dämoninnen (Draculas Gespielinnen, Lucy als Vampirin) – Zwischentöne gibt es nicht.

Und dann wären da noch die gesellschaftlichen bzw. politischen Deutungen. Mit Ausnahme Arthur Holmwoods handelt es sich bei den Vampirjägern um aufgeklärte Vertreter des Bürgertums, die gegen einen blutsaugenden Adeligen, einen Vertreter einer alten und überkommenen Ordnung kämpfen – so kann „Dracula“ auch als Versinnbildlichung einer bürgerlichen Revolution gesehen werden. Damit einher geht die Deutung des Konflikts im Roman als Kampf zwischen Fortschritt und Rückschritt bzw. Aufklärung und Magie. Zwar wird die dogmatische Leugnung des Übernatürlichen als fatal dargestellt – letztendlich müssen die Protagonisten auf unangenehme Weise lernen, dass das Übernatürliche real ist – aber dennoch wird es als etwas bekämpft, das in der modernen Welt keinen Platz mehr hat. Mehr noch, die Vampirjäger unterwerfen sich letztendlich nicht seinen Regeln. Dracula selbst stirbt, anders als Lucy, nicht durch den Holzpflock, die traditionelle Waffe im Kampf gegen Vampire, sondern durch Jonathan Harkers Kukri und Quincy Morris‘ Bowiemesser, zwei verhältnismäßig moderne Waffen.

Und schließlich wäre da noch die persönlichere Deutung, derzufolge Stoker sich selbst und die Personen seines Umfelds auf dualistische Weise in den Roman eingearbeitet hat: Das Zentrum seines beruflichen Lebens und seiner Bewunderung, Henry Irving, wird dieser Interpretation zufolge in seinen positiven Aspekten von van Helsing repräsentiert, in seinen negativen von Dracula, während Stoker sich selbst, schwankend zwischen Bewunderung und Abhängigkeit, in Form von Jonathan Harker und dem Wahnsinnigen Renfield, der sich vom Grafen ewiges Leben erhofft, in die Geschichte einarbeitete. Mina und Lucy repräsentieren dann seine Frau Florence, während die beiden Trios des Romans, die Vampirjäger und die drei Vampirinnen, Irvings persönlich Entourage darstellen sollen.

Dracula und Stokers Vampire
Es gibt ein Element, das Dracula von fast allen seinen Vorgängern unterscheidet, die ich im Rahmen von „Geschichte der Vampire“ besprochen habe: Bram Stokers Graf Dracula ist als Figur absolut nicht ambivalent, er ist einfach nur böse. Nachdem man Jahrzehnte lang Filme gesehen hat, in denen Dracula romantisch involviert war, mit Gewissensbissen haderte oder sein Schicksal beklagte, mag das seltsam erscheinen, aber der Vampire im Roman besitzt keine dieser Eigenschaften, keine Ambivalenz, keine Reue, keine Spur von romantischer Veranlagung, er ist nicht einmal besonders attraktiv oder anziehend (allerdings auch nicht so hässlich wie Graf Orlok). Zwar fungierten Lord Ruthven und Carmilla ebenfalls als die Antagonisten ihrer jeweiligen Geschichte, beide bauten aber auch innige Beziehungen zu den jeweiligen Protagonisten auf, wurden Freunde, Mentoren oder gar Geliebte, sodass sich ein sehr ambivalentes Verhältnis entwickelte. Sir Francis Varney schließlich ist der Prototyp des sympathischen Vampirs, auch wenn er zumindest am Anfang von „Varney the Vampire“ noch eine antagonistische Rolle einnahm. Dracula mag wie Ruthven ein Adeliger sein und es nicht auf Familienmitglieder, sondern auf schöne junge Frauen abgesehen haben, aber auf rein konzeptioneller Ebene lässt er sich am ehesten mit den Vampiren aus „Die Familie des Wurdalak“ vergleichen. Sowohl bei Tolstoï als auch bei Stoker bleibt nach der Vampirwerdung kaum etwas von der ursprünglichen Persönlichkeit des Menschen übrig. Natürlich verrät der Roman nicht, wie Dracula als Mensch war, aber als Leser erlebt man, wie sich Lucy Westenra durch die Vampirwerdung verändert. Zwar erinnert sie sich noch daran, dass sie mit Arthur verlobt war, doch dabei handelt es sich bestenfalls um Rückstände ihres früheren Ichs, die keine Einfluss auf das Monster haben, zu dem sie geworden ist. Nur in einer einzigen Szene des Romans zeigt Dracula ein wenig Ambivalenz, nämlich im Gespräch mit Jonathan Harker im ersten Drittel des Romans. Dort, und nur dort, gibt sich der Graf ein wenig melancholisch. Doch selbst dabei scheint es sich um eine Täuschung des Monsters zu handeln. Fast jede Adaption des Romans, selbst die, in denen Dracula immer noch eindeutig der Schurke ist, haben ihm zumindest den einen oder anderen zusätzlichen sympathischen Zug verliehen, von späteren Versionen, in denen er zum romantischen Antihelden mutiert, gar nicht erst zu sprechen. Aber vielleicht eignet sich Stokers Dracula gerade wegen seiner Eindimensionalität so gut als Archetyp: Dracula ist DER böse Vampir, ohne Schattierungen, und als solcher kann er als Sprungbrett in alle möglichen Richtungen fungieren.

Was die Darstellung des Vampirs im Allgemeinen angeht, so orientiert sich Stoker durchaus an seinen Vorgängern, wo diese aber zum Teil vage und unklar blieben, schafft Stoker fast schon mechanische Gesetzmäßigkeiten: Der Vampir muss Blut trinken, um zu überleben, altert nicht und kann sich sogar verjüngen, er muss in der Erde seiner Heimat schlafen, er kann sich in Tiere (Wölfe, Fledermäuse, Ratten) und Nebel verwandeln, er muss eingeladen werden, um ein Gebäude betreten zu können, sobald er jedoch einmal eingeladen wurde, wird man ihn kaum wieder los. Er hat kein Spiegelbild und keinen Schatten, Knoblauch und christliche Symbole schrecken ihn ab, fließendes Wasser kann er nicht (bzw. nur in einer Kiste schlafend) überqueren, seine Gestalt kann er nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verändern und den Tag muss er in der Gestalt verbringen, die er in der Nacht gewählt hat. Töten kann man ihn, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, ihm den Kopf abschlägt und Knoblauch in den Mund stopft (obwohl sich ja bereits im Roman auch diverse Messer als äußerst wirkungsvoll erweisen). Diese Gesetzmäßigkeiten, zusammen mit dem Tod durch Sonnenlicht, der in Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ etabliert wurde, gelten als Vampirstandard und haben sich inzwischen im kulturellen Unterbewusstsein verankert.

Normalerweise würde ich nun noch weiter über das Vermächtnis des Werkes und das Fortleben der Figur in Adaptionen und anderen Werken schreiben, aber bei „Dracula“ ufert das derartig aus, das noch einige weitere Artikel folgen werden, die sich mit der Darstellung des Grafen in Film und Fernsehen, Comic und Anime, weiteren Romanen sowie Hörbüchern und -spielen auseinandersetzen werden.

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Geschichte der Vampire:
The Vampyre
Die Familie des Wurdalak
Varney the Vampire
Carmilla
Nosferatu

Dracula Untold

draculauntold
Story: Der Kampf gegen die türkischen Heerscharen unter Sultan Mehmet II. (Dominic Cooper) scheint für die Osteuropäer aussichtslos. Vlad dem Pfähler (Luke Evans), dem Fürsten von Transsylvanien, bleibt nur eine Möglichkeit: Unterwerfung und Tribut in Form von 1000 Jungen, inklusive seines eigenen Sohnes Ingeras (Art Parkinson), oder Auslöschung. Doch es gibt einen Ausweg: In den Bergen haust ein alter Vampir (Charles Dance). Vlad kontaktiert ihn, und der Vampir macht ihn zu seinesgleichen und gibt dem Fürsten so die Macht, die Türken zu besiegen, sowie die Möglichkeit, den vampirischen Zustand nach drei Tagen zu beenden, sollte er in dieser Zeit kein Blut trinken. Allerdings steht nun mehr auf dem Spiel als nur der Sieg in der Schlacht, denn als durstiger Vampir ist Vlad eine Bedrohung für seinen Sohn und seine Frau Mirena (Sarah Gadon)…

Kritik: Mit Dracula in all seinen Ausprägungen und Variationen beschäftige ich mich nun schon ziemlich lange, aus diesem Grund war „Dracula Untold“ letztendlich natürlich Pflichtprogramm. Ursprünglich hatte ich vor, ins Kino zu gehen, aber nun muss die Blu-Ray ausreichen.
Die Verbindung des Vampirs Dracula mit dem (losen) historischen Vorbild Vlad Tepes ist nun wirklich keine neue Idee, selbst als „Bram Stoker’s Dracula“ Anfang der 90er in die Kinos kam, hatten sich schon einige dieses Konzepts bedient, und heute gehört es fast schon zum guten Ton. Von seiner Konzeption her erinnert „Dracula Untold“ ein wenig an den völlig miserablen „Dark Prince: The True Story of Dracula“ mit Rudolf Martin in der Titelrolle, der, neben vielen anderen Schwächen, nicht wusste, was er eigentlich sein will; über die meiste Zeit scheint es sich um einen Historienfilm zu handeln, nur um Vlad dann am Ende doch (völlig grundlos) zum Vampir zu machen. Wenigstens diese Schwäche umgeht „Dracula Untold“, denn der Film ist ganz zweifellos Fantasy-Action.
Um das gleich einmal von vorneherein klarzustellen: Weder mit Stokers Roman, noch mit dem historischen Vlad Tepes hat dieser Film besonders viel zu tun. Im Grunde folgt „Dracula Untold“ einem typischen Fantasy- oder gar Superhelden-Plot, der mit einigen Verweisen auf Vlad Tepes gewürzt ist. Historische Genauigkeit durfte man hier sicherlich keine erwarten, aber die Filmemacher haben es anscheinend nicht einmal versucht; das fängt schon damit an, dass Vlad hier wieder einmal zum Herrscher über Transsylvanien gemacht wurde, statt zum Voivoden der Walachei (was er eigentlich war). Von Stokers Figur bleibt schließlich fast gar nichts außer einiger grundlegender vampirischer Eigenschaften.
Das alles ist allerdings nicht das größte Problem dieses Streifens, denn damit hatte ich ehrlich gesagt gerechnet. Das Hauptproblem liegt vor allem darin, dass der Film seinen Plot so konventionell und geradezu langweilig umsetzt, vor allem in Bezug auf den Protagonisten. Luke Evans spielt hier um Grunde dieselbe Rolle wie im zweiten und dritten Hobbit-Film. Über seine Zwiespältigkeit und die Herkunft seines Beinamens werden wir lediglich informiert und beides spielt auch nicht wirklich eine Rolle. Der Dracula dieses Films ist keine wirklich zwiespältige Figur, er ist am ehesten ein wenig zwielichtig und tut ein paar fragwürdige Dinge, von einem Grenzgänger ist er allerdings weit entfernt. Es ist genau dasselbe Problem wie bei „Maleficent“: Man hatte wohl Angst, den Zuschauern einen zu fragwürdig handelnden Charakter zuzumuten und hat deshalb lieber sicher gespielt und damit dem Film viele Möglichkeiten geraubt.
Ähnlich profillos ist Mehmet als Widersacher, der praktisch völlig farblos bleibt und lediglich seine Plotfunktion erfüllt. Gerade das ist wirklich ärgerlich, weil der historische Mehmet eine extrem interessante, facettenreiche und widersprüchliche Figur der Geschichte ist – es kann hin und wieder helfen, tatsächlich historische Fakten miteinzubeziehen.
Und dann wären da noch die diversen Löcher im Plot: „Dracula Untold“ sollte urpsrünglich „Dracula: Year Zero“ heißen und Avatar-Hauptdarsteller Sam Worthington sollte die Titelrolle spielen – seit dieser Ankündigung wurde das Drehbuch oft umgeschrieben, und das merkt man auch. Fähigkeiten und Schwächen der Vampire sind inkonsistent, es fehlen Informationen – u.a. sollte der von Charles Dance dargestellte Altvampir wohl ursprünglich Caligula sein, im fertigen Film finden sich allerdings nur noch diffuse Andeutungen, und vor allem das Ende bedarf, sollte es ein Sequel (oder die von Universal geplante Monster-Version der Avengers) geben, einiges an Erläuterungen.
Trotzdem ist der Film nicht wirklich unterirdisch, die meisten Darsteller sind ihm Rahmen des ihnen möglichen durchaus gut (die Schuld ist zu meist beim Drehbuch zu suchen), vor allem Charles Dance macht als bösartiger Altvampir eine verdammt gute Figur, und einige der Actionszenen sind auch durchaus kreativ und unterhaltsam, auch wenn das PG13-Rating an einigen Stellen unangenehm auffällt. Leider kommt „Dracula Untold“ selbst in seinen besten Momenten niemals über das Mittelmaß hinaus und schafft es nicht einmal ansatzweise, das Potential, das diese Grundidee hat, auszuschöpfen. Das trifft auch auf Ramin Djawadis Score zu, der wie eine Mischung aus „Game of Thrones“, „Pacific Rim“ und „Man of Steel“ klingt.
Noch ein kleines interessantes Detail zum Schluss: Es ist faszinierend, wie sehr „Dracula Untold“ sich bemüht, „Bram Stoker’s Dracula“ von Francis Ford Coppola, in meinen Augen immer noch der beste Dracula-Film, seinen Respekt zu zollen. Das beginnt bei der Titeleinblendung und dem ähnlich inszenierten Prolog (inklusive eines Feldes voll Gepfählter vor rotem Himmel) und erstreckt sich über die Musik, die in den vampirbezogenen Szenen die flüsternden Chöre von Wojciech Kilars Score nachahmt (natürlich ohne an die Qualität des polnischen Komponisten heranzukommen) und Charles Dances Make-up, das entfernt an den alten Dracula erinnert, und geht bis zur Reinkarnation von Draculas Frau (in der letzten Szene wohlgemerkt), die natürlich auch in „Dracula Untold“ durch den Fall von einer Burgzinne stirbt.
Fazit: „Dracula Untold“ ist bestenfalls in höchstem Maße mittelmäßig und schlimmstenfalls gerade deshalb wirklich enttäuschend, da die Idee, wenn sie auch keinesfalls neu ist, ziemlich viel Potential hat.

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Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“


Wir schreiben das Jahr 1959: Dracula gedenkt, die moldawische Prinzessin Asa Vajda, wie der Graf selbst auch ein Vampir, zu ehelichen. Bei der Berühmtheit des Bräutigams ist es nur selbstverständlich, dass sich Menschen und Vampire aus der ganzen Welt für dieses spezielle Ereignis interessieren, so auch Charles Beauregard, inzwischen über hundert Jahre alt, aber immer noch für die britische Regierung tätig, seine Freundin und Partnerin Geneviève Dieudonné, Kate Reed und ein britischer Spion namens Hamish Bond. Doch die Veranstaltung steht unter keinem guten Stern: Bereits im Vorfeld treibt ein merkwürdiger maskierter Mörder, der sich „Der Scharlachrote Henker“ nennt, sein Unwesen und tötet Vampirälteste, die zur Hochzeit gekommen sind. Und bei der feierlichen Begehung selbst geschieht das Unglaubliche: Auch Dracula ist offensichtlich ein Opfer des Henkers…
Der dritte Teil von Kim Newmans Vampireops trägt einen, gelinde gesagt, etwas merkwürdigen Titel, der einerseits auf das gleichnamige Lied des Albums „Italian Graffiti“ anspielt und sich andererseits auf den „Tanz“ bezieht, den die Protagonisten über die Jahrzehnte hinweg mit dem König der Vampire „getanzt“ haben. Und auch sonst unterscheidet sich „Dracula Cha-Cha-Cha“ in einigen Punkten stark von den beiden ersten Teilen der Trilogie, auch wenn vieles natürlich ähnlich geblieben ist. Selbstverständlich bezieht Newman wieder, wie nicht anders zu erwarten, Filme und Bücher en masse ein, sowohl Dinge, die offensichtlich naheliegen, als auch solche, bei denen man sich ein wenig wundert, die aber dennoch passen. Vampir aus den verschiedensten Epochen tauchen auf, wenn auch dieses Mal eher Rande, darunter bereits bekannte wie Lord Ruthven, aber auch solche, die bisher noch nicht erwähnt wurden, wie zum Beispiel Faethor Ferenczy aus Brian Lumleys „Necroscope“. Und auch ansonsten geben sich viele „Prominente“ die Klinke in die Hand; etwa ein amerikanisches Ehepaar namens Addams, ein Footballspieler aus Kansas mit Namen Kent (um auf den Vornamen zu kommen muss man nicht lange raten), Michael Corleone aus „Der Pate“ oder Vater Lancester Merrin aus „Der Exorzist“. Eine wichtigere Rolle spielt der bereits erwähnte Spion Hamish Bond, dessen Identität unschwer zu erkennen ist; Kim Newman musste aus Copyright-Gründen lediglich die gälische Version von James nehmen.
Das Setting des dritten Teils ist dieses Mal natürlich von der Ewigen Stadt geprägt und soll zu dem eine Hommage an die Filme Federico Fellinis darstellen; entsprechend üppig gestaltet sich auch die Atmosphäre und entsprechend unterscheidet sie sich auch von „Anno Dracula“ und „Der Rote Baron“.
Auch in Bezug auf den eigentlichen Plot und die Figurenkonstellation hat sich einiges verändert. So haben wir dieses Mal kein neues Ermittlerpärchen mehr, sondern stattdessen werden Geneviève und Kate, der jeweils weibliche Teil der Pärchen der ersten Bände, in den Fokus gerückt. Auch Penelope Churchward, die in „Anno Dracula“ als Charles Beauregards Verlobte am Rande auftauchte, bekommt dieses Mal eine wichtigerere Rolle.
Die Charakterisierung dieser drei Frauen ist dabei sehr interessant und gelungen, auch wenn sie für meinen Geschmack einen wenig zu oft in Tränen ausbrechen.
Charles Beauregard dagegen steht am Ende seines Lebens und ist nun mehr hauptsächlich Zuschauer, während Dracula, der große Widersacher, ein relativ unrühmliches Ende bekommt. Seine Entwicklung sehe ich recht zwiespältig. Einerseits ist interessant und durchaus realistisch, aber andererseits ist es fast schade, dass der König der Vampire diese Welt derartig verlassen muss.
Fazit: „Dracula Cha-Cha-Cha“ kommt, wie schon „Der Rote Baron“ nicht an „Anno Dracula“ heran, auch wenn Newmans Schreibstil bei diesem dritten Band kaum mehr Probleme macht. Dennoch ist dem Autor abermals ein interessanter Vampirroman gelungen, der sich aus dem ganzen Einheitsbrei abhebt und die Trilogie würdig zu einem (hoffentlich nur vorläufigen) Abschluss bringt.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: Der Rote Baron


Bei „Der Rote Baron“ handelt es sich um die direkte Fortsetzung zu „Anno Dracula“. Dieses Mal befinden wir uns im Jahre 1918, mitten im Ersten Weltkrieg. Mehr denn je sind Vampire Teil des öffentlichen Lebens und kämpfen sowohl auf der Seite der Alliierten als auch der Deutschen. Lord Ruthven etwa ist immer noch Premierminister von Großbritannien und inzwischen vom Verbündeten Draculas zu seinem Gegner geworden. Eben dieser nennt sich nun Graf von Dracula und hat sich mit dem deutschen Kaiserreich verbündet, seiner karpatischen Garde (zu der immer noch unter anderem Graf Orlok aus Murnaus „Nosferatu“ gehört) in der deutschen Armee hohe Ränge verliehen und den Kaiser sowie Hindenburg, Ludendorff und andere wichtige Befehlshaber zu Vampiren gemacht. Die eigentlichen Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bleiben zwar dieselben (Deutschland wünscht einen Platz an der Sonne, bzw. einen Platz am Mond), aber die Tatsache, dass auf beiden Seite Vampire involviert sind, gibt dem ganzen zusätzliche Würze. Die eigentliche Handlung setzt, wie bereits erwähnt, 1918 ein und der Krieg tobt bereits ein ganzes Weilchen.
Eine besonders mächtige Waffe in Draculas Hand ist Manfred von Richthofen, der so genannte Rote Baron und seine Fliegerstaffel. Allerdings besteht diese, im Gegensatz zu unserer Welt, nicht etwa aus Flugzeugen, sondern aus in Fledermaushybriden á la Markus in „Underworld Evolution“ verwandelten Vampiren.
Der eigentliche Grundplot des Romans ist dem von „Anno Dracula“ recht ähnlich: Ein weiteres Mal wird, wie schon bei Jack the Ripper, ein Ermittlerpärchen vom Diogenes-Club ausgesandt, das aus einem männlichen Menschen und einem weiblichen Vampir besteht. Dieses Mal sind es allerdings nicht Geneviève Dieudonné (die in Amerika weilt und in „Der Rote Baron“ lediglich erwähnt wird) und Charles Beauregard (der im Diogenes-Club aufgestiegen ist und nun die Rolle eines Fadenziehers und Befehlshabers innehat), sondern Kate Reed und Edwin Winthrop. Während Kate Reed, die im Vorgänger bereits als Nebenfigur zugegen war, eine recht interessante Figur ist, finde ich persönlich Winthrop, der wohl am ehesten als Held der Geschichte verstanden werden kann, weniger interessant.
Die Ähnlichkeit der Grundhandlung zu „Anno Dracula“ wirkt sich jedoch glücklicherweise nicht auf das Drumherum aus, sodass „Der Rote Baron“ sich atmosphärisch und auch inhaltlich vom ersten Band der Trilogie abhebt. Statt der viktorianischen Atmosphäre steht nun die Stimmung des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt, und neben tatsächlich existierenden Personen wie dem Roten Baron, Hermann Göring oder dem Mörder Fritz Haarmann (der hier eine amüsante Nebenrolle bekommen hat) tauchen auch Figuren aus dem deutschen Stummfilm auf, etwa Dr. Caligari, Dr. Mabuse und natürlich Orlok, der lustigerweise sogar im Roman ziemlich stumm ist.
Newmans Intertextualität und seine extrem vielen gelungenen Anspielungen auf Film und Literatur sind ein weiteres Mal ein wahrer Genuss. Besondere Erwähnung verdient noch der Subplot um die beiden Schriftsteller Edgar (Allan) Poe (sollte bekannt sein) und Hans Heinz Ewers (wohl eher weniger bekannt, hat unter anderem die Kurzgeschichte „Die Spinne“ sowie „Vampir – Ein Roman in Fetzen und Farben“ verfasst), die eine Biographie Manfred von Richthofens schreiben sollen. Beide sind Vampire und darüber hinaus auch noch ziemlich interessante Charaktere, vor allem der mit sich selbst hadernde Poe.
Trotz aller Vorzüge kommt „Der Rote Baron“ leider nicht ganz an „Anno Dracula“ heran. Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich die viktorianische Stimmung der dem WW1-Setting vorziehe und zum anderen damit, dass der Schluss leider viel zu kurz und unspektakulär ist, unter anderem tritt Dracula selbst praktisch überhaupt nicht auf.
Fazit: Gelungene Fortsetzung zu „Anno Dracula“, die an den ersten Teil allerdings nicht ganz herankommt. Dennoch ein hochintelligentes Werk mit interessanten Charakteren und enorm vielen Anspielungen, die den Vampirfan begeistern. Ich freue mich schon auf „Dracula Cha-Cha-Cha“, den dritten Band.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“


Story: Wir schreiben das 15. Jahrhundert: Nach seinem Sieg über die Türken kehrt der Voivode Vlad Dracula (Gary Oldman) nach Hause zurück, nur um feststellen zu müssen, dass seine Frau (Winona Ryder) wegen einer falschen Nachricht seinen Tod betreffend Selbstmord begangen hat. Daraufhin schwört Dracula dem Glauben ab und wendet sich den Mächten der Finsternis zu – er wird zum Vampir.
400 Jahre später reist der junge Anwalt Jonathan Harker (Keanu Reaves) nach Transsylvanien, um dem mysteriösen Grafen Dracula mehrere Anwesen in London zu verkaufen. Schnell muss er allerdings feststellen, dass auf dem düsteren Schloss Draculas merkwürdige Dinge vorgehen. Spätestens nachdem Harker von drei verführerischen und unheimlichen Frauen „angegriffen“ wurde, wird ihm klar, dass Dracula kein Mensch, sondern eine Bestie ist.
Auch Harkers Verlobte Mina Murray (Winona Ryder) und deren Freundin Lucy Westenra (Sadie Frost) geraten bald mit dem nach England gereisten Grafen aneinander, da Dracula in Mina seine lange verstorbene Ehefrau zu erkennen glaubt. Kann der Vampir mit Hilfe des holländischen Wissenschaftlers Abraham van Helsing (Anthony Hopkins) noch aufgehalten werden?

Kritik: Die Zahl der Dracula-Verfilmungen geht in die Hunderte. Stokers Graf ist zusammen mit Sherlock Holmes die am öftesten verfilmte Romanfigur. Aber interessanterweise hält sich kaum eine dieser Leinwandadaptionen sehr nah an die Vorlage. In der Tat ist „Bram Stoker’s Dracula“, Francis Ford Coppolas Versuch, dem König der Vampire gerecht zu werden, der Film, der dem Roman noch am nächsten ist, und das trotz einiger massiver Änderungen. So stellen Coppola und sein Drehbuchautor James V. Hart eine direkte Verbindung zum historischen Vlad Tepes her und konstruieren zwischen Dracula und Mina eine richtige Liebesgeschichte, die weit über alle Andeutungen des Romans hinausgeht. Im Zuge dieser Liebesgeschichte wird auch das Ende geändert, in dem Mina den Grafen erlösen darf. Aber trotz all dieser Änderungen ist „Bram Stoker’s Dracula“ der einzige Film, der den Stationen des Romans, natürlich mit einigen Kürzungen, relativ genau folgt. Und er ist auch der einzige Film, in dem die Hauptfiguren nicht durcheinander gewürfelt werden. Was hatten wir da nicht schon alles: Lucy als Jonathan Harkers Verlobte, Doktor Seward als Lucys Vater, Mina als Arthur Holmwoods Frau; die Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen.
So weit so gut, aber relative Werktreue macht noch keinen guten Film. Ist „Bram Stoker’s Dracula“ gelungen? In meinen Augen voll und ganz. Ich gehe sogar noch weiter: „Bram Stoker’s Dracula“ ist mein Lieblingsfilm von Francis Ford Coppola. Ich gebe dabei durchaus zu, dass „Der Pate“ und „Apocalypse Now“ objektiv betrachtet (so weit das überhaupt möglich ist) die besseren Filme sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich „Dracula“ lieber mag.
Das fängt schon bei der Atmosphäre an, die wirklich unheimlich dicht ist. Ich liebe viktorianisches Setting und Gothic Horror, und Coppola schafft es perfekt, diese Stimmung(en) zu inszenieren. Ausstattung, Kulissen und vor allem Kostüme schaffen düstere, üppige und manchmal fast surreal anmutende Bilder.
Einen großen Anteil an der atmosphärischen Dichte hat natürlich auch die Musik des polnischen Komponisten Wojciech Kilar. Diese besteht eigentlich nur aus etwa vier verschiedenen Themen, die allerdings so geschickt variiert werden und die Stimmung des Films so gut treffen, dass dieser Umstand schlicht nicht auffällt.
Beeindruckend ist auch die Schauspielerleistung der beiden „großen Gegenspieler“ Dracula und Van Helsing. Die Leinwandpräsenz von Anthony Hopkins und Gary Oldman ist derart mächtig, dass fast alle anderen dagegen blass wirken. Hopkins spielt „seinen“ Van Helsing weit ab von der stoischen und kalten Ruhe eines Peter Cushing; dieser Vampirjäger ist ein Exzentriker, ein Verrückter, ein Getriebener. Übertroffen wird er dabei nur von Gary Oldman, der einen Vampir spielt, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte. Oldman ist ein extrem vielschichtiger Schauspieler, der in den verschiedensten Rollen voll überzeugen kann, und sein Dracula ist fast ebenso vielschichtig: Egal ob nach Liebe hungernder Verdammter, tückischer Planer oder bestialischer Jäger, Oldman stellt alles glaubhaft dar, im Gegensatz zu Robert Pattinson, der, trotz aller Glitzereffekte, einfach nicht wie ein Raubtier wirkt.
Eine besondere Erwähnung verdienen noch die Verweise auf Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ die immer wieder gemacht werden (zum Beispiel in der Szene, in der sich Dracula senkrecht im Sarg aufrichtet), sowie die allgemeine Anspielung auf das Kino und seine Geschichte.
Fazit: „Bram Stoker’s Dracula“ ist trotz vieler Änderungen der vorlagengetreuste Dracula-Film und dazu auch noch einer der besten Vampirfilme. Eine perfekte Atmosphäre, interessante Figuren und ein glaubhafter Vampir, was will man mehr?

Trailer

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“

In den ersten beiden Artikeln mit dem Namen „Draculas aus anderer Perspektive“ habe ich drei Romane, „Anno Dracula“, „Der Vampir“ und „Vlad“ vorgestellt und rezensiert, die sich dem König der Vampire auf ganz unterschiedliche Art und Weise nähern. Im zweiten Artikel, praktisch der Fortsetzung, geht es um eine dreibändige Comicreihe, die sich ebenfalls mit dieser Figur und ihrem Hintergrund auseinandersetzt: „Auf Draculas Spuren“.
Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Alle drei nähern sich Dracula von einem anderen Standpunkt. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, beschäftigt sich, ähnlich wie C.C. Humphreys Roman mit der historischen Figur Dracula, der zweite „Bram Stoker“, erzählt vom Autor des Romans und der dritte entführt seinen Leser schließlich in Draculas Heimat; nicht umsonst trägt er den Titel „Transsylvanien“.

Vlad der Pfähler
Der erste Band sammelt die historischen Informationen über Vlad III. und setzt sie graphisch um. Beim Lesen beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass sehr viel gesprungen wird. „Vlad“ ist in dieser Hinsicht um ein vielfaches besser konstruiert, da der Roman nicht, wie dieser Comic, einfach nur Szenen aus dem Leben des Pfählers zeigt, sondern diese auch erklärt und sie auf glaubhafte und sinnvolle Weise miteinander verbindet und ergänzt. Draculas Taten werden für den Leser dadurch zumindest ein wenig nachvollziehbarer.
Das größte Problem des Comics ist, dass jemand, der mit der Biographie des Pfählers nicht vertraut ist, Probleme haben wird, alles zu verstehen (auch und vor allem politische Hintergründe betreffend), während jemand, der sich mit Vlad auskennt, nicht viel Neues erfahren wird.
Die Zeichnungen von Hermann empfand ich ähnlich zwiespältig; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, aber gerade die Gesichter sehen irgendwie merkwürdig aus. Die helle Kolorierung sorgt dafür, dass die Grundatmosphäre sehr kalt ist, was den Zeichnungen zusätzlich noch Charme raubt.
Fazit: „Vlad der Pfähler“ bietet sowohl für den Laien als auch für den Experten einfach zu wenig. Wer sich mit dem historischen Dracula beschäftigen möchte, sollte entweder zu einem Sachbuch oder zu C.C. Humphreys hervorragendem Historienroman „Vlad“ greifen.

Bram Stoker
Dieser Band ist sowohl graphisch als auch inhaltlich der interessanteste. Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Autor von „Dracula“ zuvor nie richtig beschäftigt habe; wenn man seinen Lebenslauf irgendwo liest, kommt dieser einem doch recht bieder vor, gerade im Vergleich zu seinem Werk.
Doch der Comic belehrt den Leser eines Besseren: In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.
Fazit: Beim zweiten Band macht Yves H. nicht denselben Fehler wie beim ersten; er ist auch ohne Vorkenntnis der Materie sehr gut zu verstehen, extrem interessant und hilft, „Dracula“ besser zu verstehen.

Transsylvanien
Ich weiß nicht so recht, ob man diesen dritten Band eher als „Vampirstory mit integrierter Sightseeing-Tour“ oder als „Sightseeing-Tour mit integrierter Vampirstory“ bezeichnen soll. Ist auch einerlei, beides trifft es relativ gut. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken jedenfalls ein junges Pärchen durch Transsylvanien. Er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren (sind das autobiographische Elemente?), sie kommt halt mal mit.
Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und ein wenig Erotik.
Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas ernstes und düsteres zu machen und wäre daran gescheitert.
Fazit: Der dritte Band bietet relativ gewöhnliche Genrekost in einem verkehrten Gewand. Impressionen von Rumänien bekommt man auch anders.

Gesamtfazit: Wirklich lohnend ist nur der zweite Band, der sich mit Bram Stoker auseinandersetzt, da er eine interessante Geschichte und außergewöhnliche, ja fast schon visionäre Zeichnungen zu bieten hat. Band 1 und 3 sind dagegen eher enttäuschend.

Leider findet man im Internet so gut wie keine Bilder zu oder aus dieser Serie.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“

Dracula ist ein popkulturelles Phänomen sondergleichen. Es gibt kaum eine andere Figur, die so oft und auf so unterschiedliche Weise in so vielen Medien präsent ist.
Und damit meine ich nicht nur die unzähligen Filme. Auch in Romanen taucht Dracula immer wieder auf, wie zum Beispiel in Kim Newmans Anno Dracula, das auf einem alternativen Ende zu Stokers Original aufbaut.
Anfang des Jahres habe ich zwei Romane neueren Datums gelesen, die sich dem Fürsten der Vampire aus zwei völlig entgegengesetzten Richtungen näheren: „Die Vampire“ von John Marks und „Vlad“ von C.C. Humphreys.

„Der Vampir“ von John Marks

John Marks Roman mit dem etwas unglücklich übersetzten Titel (der englische Name des Buches lautet „Fangland“) beginnt eigentlich recht interessant: Evangeline Harker, angestellt bei einer bekannten Fernsehsendung, wird nach Rumänien geschickt, um den osteuropäischen Mafiaboss Ion Torgu zu interviewen. Doch bei Torgu geschehen der Protagonistin merkwürdige Ereignisse, die schließlich zu ihrem Verschwinden führen…
Bereits hier werden die Parallelen zu „Dracula“ offensichtlich, „Der Vampir“ lässt sich am besten als Post 9/11 Version von Stokers Klassiker beschreiben. Wie die Vorlage auch wird die Geschichte in Form von Tagebucheinträgen und Briefen (bzw. E-Mails erzählt).
Und der Anfang (Reise nach Transsylvanien, Besuch auf dem „Schloss“ des Vampirs, kurzgesagt also Jonathan Harkers Reisetagebuch) ist auch äußerst vielversprechend und atmosphärisch. Doch was danach kommt, hält dieses Niveau leider nicht mehr aufrecht, denn in diesem Teil gibt es sehr wenig Grusel und Vampir, dafür sehr viel Medieneinsicht und Kritik, die allerdings nicht gerade spannend zu lesen ist. Zugegeben, auch in „Dracula“ tauchte die Titelfigur eher selten auf, aber ihre Anwesenheit und ihr Wirken war praktisch immer zu spüren. „Der Vampir“ schafft es leider nicht, diese ganz spezielle, bedrohliche Atmosphäre aufzubauen.
Auch die Vampirart, zu der Torgu gehört, fand ich irgendwie merkwürdig, die weitere Handlung ist verwirrend und die neu hinzukommenden Personen bleiben charakterlos. Selbst der Schluss ist merkwürdig.
Fazit: Mäßige Neuauflage eines Klassikers mit gutem Anfang, aber verwirrendem und ungruseligem Rest. Das Original ist eindeutig besser.

„Vlad“ von C.C. Humphreys

Nach der enttäuschenden Neuauflage von Bram Stokers Klassiker, als die sich „Der Vampir“ entpuppte, beschloss ich, mich dem Dracula-Mythos mal (wieder) von der ganz anderen Seite zu nähern, nämlich von der historischen. Wie passend, dass gerade erst vor kurzem ein Roman erschienen ist, der sich genau dieses Themas annimmt, nämlich „Vlad“, geschrieben vom kanadischen Autor C.C. Humphreys.
Und tatsächlich: Im Gegensatz zu John Marks‘ „Vampir“ hat „Vlad“ mich nicht enttäuscht, sondern, im Gegenteil, voll überzeugt und bestens unterhalten.
Vorneweg: Auch wenn die meisten Buchhandlungen diesen Roman im Zuge des „Twilight“-Booms zu den Vampirromanen stellen, handelt es sich doch um einen historischen Roman, der bis auf einige Andeutungen, nichts mit Vampiren zu tun hat, sondern von dem Menschen bzw. der historischen Persönlichkeit Vlad III., genannt Tepes, Sohn des Dracul, erzählt.
Der Autor greift hierbei die historisch verbürgten Punkte im Leben des Pfählers auf und füllt, wie er im Nachwort sagt, die Lücken.
Die Rahmenhandlung ist Folgende: Nach Draculas Tod wollen einige Kräfte den guten Namen des Drachenordens, der untrennbar mit Dracula und dessen Taten verknüpft ist, wiederherstellen, um ihn als Waffe gegen die Türken zu verwenden. Zu diesem Zweck werden die drei Menschen zusammengerufen, die Dracula am besten kannten, um seine Geschichte zu erzählen, wie sie wirklich war. Bei diesen dreien handelt es sich um seine Mätresse, seinen besten Freund und seinen Beichtvater.
Zusammen rekonstruieren sie das Leben Vlad Draculas.
Der Roman ist sehr gut und spannend geschrieben und gewinnt durch die Verwendung türkischer und wallachischer Titel und Begriffe an Autheniziztät, allerdings erschweren diese auch etwas den Lesefluss (zum Glück ist ein Glossar vorhanden). Vlad selbst und auch die besagten Zeugen kommen als glaubwürdige und gut gezeichnete Charaktere rüber.
Natürlich ist ein Roman über Vlad Tepes nicht ganz magenfreundlich, aber das beschriebene hält sich dennoch in Grenzen, die Gewalt, die Dracula ausübt, wird nie zum Selbstzweck, sondern ist Teil der Figur und als solche unverzichtbar.
Fazit: Vollste Empfehlung für alle, die gerne mal einen Roman über den wahren Dracula lesen wollen. „Vlad“ macht eigentlich alles richtig und geht nicht in die selbe Falle wie der (ziemlich schlechte) Film „Dark Prince“, der die historische Figur und den Vampir verbinden will und daran gnadenlos scheitert.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“

Nachdem ich in meinem letzten Artikel die „Twilight-Saga“ nach Strich und Faden heruntergeputzt habe, muss ich nun wohl auch Alternativen empfehlen.
Zur Zeit wird der Buchmarkt ja geradezu von „Bis(s)“-Klonen ertränkt, die zwar nicht alle unbedingt Meyers religiöse Ansichten teilen (und in denen die Vampire bis zuweilen auch vorehelichen Sex haben dürfen), aber davon abgesehen handelt es sich meistens um ebenso kitschiges und für mich unbrauchbares Material.
Der Vorteil der Twilight-Manie ist, dass im Rahmen des Hypes auch einige ältere Werke neu aufgelegt werden, die wirklich etwas taugen. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch unter den Neuerscheinungen hin und wieder das eine oder andere Kleinod versteckt.
Eines der brauchbaren älteren Werke ist der Roman „Anno Dracula“ von Kim Newman, der zusammen mit seinen beiden Fortsetzungen „Der Rote Baron“ und „Dracula Cha-Cha-Cha“ unter dem Namen „Die Vampire“ in einem Band herausgebracht wurde.
In dieser Trilogie, bzw. dem ersten Band, entwirft Kim Newman eine faszinierende alternative Zeitlinie, beginnend im viktorianischen London: Van Helsing und seinen Mitstreitern ist es nicht gelungen, Dracula zu töten, weshalb der Vampirgraf sich an die verwitwete Queen Victoria heranmacht und kurz darauf zum neuen Prinzgemahl wird und eine Vampirdiktatur in Großbritannien errichtet. Die Vampire leben von nun an vollkommen öffentlich und werden Teil des Alltags.
Doch auch wenn die Herrschenden Vampire sind, geht nicht alles völlig problemlos. Denn in den Straßen Whitechapels geht ein Mörder um, der Vampirprostituierte tötet und von der Bevölkerung „Silver Knife“ genannt wird. In einem Schreiben gibt er sich allerdings selbst den Namen „Jack the Ripper“.
Um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden, werden zwei Ermittler auf die Spur des Rippers angesetzt: Die Vampirahnin Geneviève Dieudonné und Charles Beauregard, ein Mitglied des Diogenes-Clubs.
Zwar ist Kim Newmans Schreibstil bei Weitem nicht so angenehm und leicht zu lesen wie der von Stephenie Meyer, aber dafür hat Anno Dracula so viel mehr zu bieten als die „Bis(s)-Reihe“. Denn neben interessanten Hauptcharakteren und einer atmosphärischen Geschichte zeigt Kim Newman mit diesem Roman auch seine Kenntnis und umfassende Liebe zur viktorianischen Literatur sowie zum Vampir in allen Medien.
Ganz ähnlich wie Alan Moores Comic „Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen“ handelt es sich bei „Anno Dracula“ um eine große Zusammenkunft verschiedener literarischer und filmischer Figuren. Neben Dracula selbst und anderen Figuren aus Bram Stokers Roman (wie zum Beispiel Arthur Holmwood, Mina Harker oder Jack Seward) tauchen unter anderem auch Charaktere wie Mycroft Holmes (Sherlock Holmes Bruder aus Arthur Conan Doyles Romanen und Kurzgeschichten), Inspektor Lestrade (ebenfalls Arthur Conan Doyle), Basil Hallward (der Maler des „Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde), Doktor Jekyll (aus Stevensons „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mister Hyde) und noch Haufenweise weitere Figuren dieser Epoche auf. Natürlich bedient sich Kim Newman auch an dem reichen Vampirfundus, der sich in den letzten hundert Jahren angehäuft hat. So ist Lord Ruthven (der erste Gentlemanvampir aus John Polidoris Novelle „Der Vampir“) Premierminister von Großbritannien und Graf Orlok (aus Murnaus Stummflim „Nosferatu“) fungiert als Wächter des Towers von London, in dem regimefeindliche Vampire interniert werden.
„Anno Dracula“ ist, auch wenn nicht ganz leicht zu lesen, ein hochintelligenter und extrem gut ausgearbeiteter Roman, der sich für jeden Liebhaber von viktorianischer und/oder Vampirliteratur zu lesen lohnt.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“