Geschichte der Vampire: Dracula – Hammers Graf

Kommen wir endlich zu dem Schauspieler, der Dracula am häufigsten verkörperte, dem Mann, dem Mythos, der Legende: Sir Christopher Lee. Seinen ersten Auftritt als Dracula absolvierte der 1922 geborene und 2015 verstorbene Darsteller, dem durch seine Rollen als Saruman der Weiße in LotR und Count Dooku in Star Wars in den frühen 2000ern noch einmal ein ordentliches Karriererevival wiederfuhr, 1958 in der Produktion „Dracula“ (US-Titel „Horror of Dracula“) der britischen Hammer Studios. Hierauf sollten noch viele weitere Filme folgen, in denen Lee den untoten Grafen mimte, die meisten, aber nicht alle, ebenfalls von Hammer.

Präludium: Aufstieg der Hammer Studios
Die von Williams Hinds 1934 gegründeten Hammer Studios, bzw. Hammer Film Productions sollten vor allem in den 60ern und 70ern ein Synonym für britischen Horror werden, die ersten Filme des Studios gehörten jedoch einer ganzen Bandbreite an Genres an, von Mystery und Krimi bis hin zur Musical-Komödie fand sich fast alles darunter. Als erster Gehversuch des Studios im Horror-Bereich kann der Film „The Quatermass Xperiment“ aus dem Jahr 1955 gesehen werden, als eigentlicher Start gilt aber „The Curse of Frankenstein“ von 1957; hier versammelte Hammer bereits einen großen Teil der Talente, die später an „Dracula“ beteiligt sein sollten, darunter Regisseur Terence Fisher, Komponist James Bernard sowie die beiden Hauptdarsteller Peter Cushing und Christopher Lee. Während Cushing den titelgebenden Wissenschaftler spielte, wurde Lee vor allem aufgrund seiner enormen Größe als Monster besetzt – schauspielerisch allzu anspruchsvoll war die Rolle nicht. Am bemerkenswertesten ist wohl der visuelle Unterschied zum von Boris Karloff dargestellten Monster der Universal-Filme, das mit seinem eckigen Schädel und den Schrauben im Hals damals wie heute eine Ikone des klassischen Horrorfilms war und ist. Mary Shelleys Roman befand sich bereits damals in der Public Domain, das Aussehen des Monsters aber natürlich nicht, weshalb man sich entschied, auf die Markenzeichen zu verzichten und stattdessen die Entstellungen noch weitaus stärker zu betonen. Wie Karloff verfügt aber auch die von Lee dargestellte Version des Monsters nicht über den Intellekt, den das Gegenstück aus Shelleys Roman besitzt.

Christopher Lee arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit 10 Jahren als Schauspieler – nach seiner Militärkarriere hatte er 1947 umgesattelt – der große Durchbruch war ihm aber bislang verwehrt geblieben, auch wenn ihm seine Rolle in John Hustons „Moulin Rouge“ (1952) zu einer gewissen Bekanntheit verhalf. Die Rolle von Frankensteins Monster war natürlich ebenfalls nicht unbedingt dazu geeignet, Lee zu Ruhm und Ansehen zu verhelfen, da sie einerseits darstellerisch nicht gerade fordernd und sein Gesicht unter der Maske ohnehin kaum zu erkennen war. Ganz anders dagegen der Hammer-Film, der nur ein Jahr später in die Kinos kam: „Dracula“.

Handlungsanpassungen
Während es heute eine große Bandbreite an verschiedenen Dracula-Versionen gibt, hatte das geneigte Filmpublikum in den späten 50ern noch nicht diesen Luxus – Dracula wurde fast ausschließlich mit Bela Lugosi assoziiert. Hammer bemühte sich deshalb in mehr als einer Hinsicht, die Bezüge zum Film von 1931 zu vermeiden. So basiert dieser Film auch nicht auf dem Theaterstück von Hamilton Deane und John L. Balderston, sondern ausschließlich auf Stokers Roman – was aber nicht unbedingt bedeutet, dass er werkgetreuer ist. Zumindest eine Gemeinsamkeit verbindet die beiden Dracula-Produktionen: Ein knappes Budget. Zudem knüpften Terence Fisher und Drehbuchtautor Jimmy Sangster an die bereits in „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ und Tod Brownings „Dracula“ etablierte Tradition an, die Figuren und ihr Verhältnis zueinander kräftig durchzumischen.

Zumindest das grobe Gerüst der Handlung des Romans bleibt bestehen: Jonathan Harker (John Van Eyssen) reist zu Draculas Schloss, um dem Grafen (Christopher Lee) bei gewissen Geschäften behilflich zu sein und anschließend dort festgesetzt zu werden, während sich der Graf aufmacht, anderswo Opfer zu suchen und ein solches in der jungen Lucy (Carol Marsh) findet. Trotz der Bemühungen des hinzugezogenen Abraham Van Helsing (Peter Cushing) gelingt es nicht, Lucy zu retten – sie wird zur Vampirin und muss gepfählt werden. Derweil hat Dracula mit Mina (Melissa Stribling) bereits ein neues Opfer auserkoren. Um sie zu retten muss Van Helsing dem flüchtigen Grafen nach Transsylvanien folgen, um ihm endgültig den Garaus zu machen.

Bei einem Blick auf die Details fallen allerdings sofort die massiven Unterschiede auf: Nicht nur kommt Jonathan Harker am Tag beim Schloss des Grafen an, er ist auch alles andere als ein ahnungsloser Anwalt, der Dracula beim Erwerb von Immobilien helfen soll. Stattdessen wird er als Bibliothekar angeheuert und ist sich sehr wohl im Klaren, wer und was Dracula ist. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Jonathan als Vampirjäger tätig und ermittelt gemeinsam mit Van Helsing, die Stellung als Draculas Bibliothekar ist nur Tarnung. Im Schloss begegnet er, anders als sein Romangegenstück, nur einer Vampirin (Valerie Gaunt), die sich als sehr gequältes und unwilliges Opfer Draculas entpuppt, das seinen Durst einfach nicht kontrollieren kann. Vampirjäger, der er ist, stöbert Jonathan Dracula und seine „Braut“ in der Gruft auf – sie kann er erlösen, Dracula erwacht allerdings und macht Jonathan zu seinesgleichen, bevor er abreist, um Ersatz für die getötete Gespielin zu finden. Bald darauf trifft Van Helsing ein und sieht sich gezwungen, seinen Freund zu pfählen.

Und wo wir gerade von Draculas Abreise sprechen: Weder Whitby noch London tauchen im Film auf. Draculas Schloss wird hier in der Nähe von Klausenburg (Cluj-Napoca) verortet, Draculas Ziel, das er per Kutsche und nicht per Schiff erreicht, ist Karlstadt in Deutschland. Ironischerweise verlegt ausgerechnet die deutsche Synchronisation die gesamte Handlung nach Großbritannien, indem sie aus Klausenburg „Waterfield“ macht.

In Karlstadt warten Jonathans Angehörige auf Nachricht von ihm. Anstatt mit Mina ist er mit Lucy verlobt, die dieses Mal weder das Objekt der Begierde dreier Männer, noch John Sewards Ziehtochter ist – tatsächlich fehlen sowohl Seward als auch Quincey Morris im Film völlig. Stattdessen ist Lucy Arthur Holmwoods (Michael Gough) Schwester und trägt dementsprechend seinen Namen. Arthur selbst muss auf seinen Adelstitel (Lord Godalming) verzichten, dafür ist er mit Mina verheiratet. Van Helsing wird schließlich dann auch nicht als Experte hinzugezogen, um der erkrankten Lucy zu helfen, sondern taucht von selbst auf, um sie über Jonathans Tod zu informieren. Als er von Lucys Krankheit erfährt, schöpft er Verdacht, woraufhin sich die Ereignisse ähnlich entfalten wie in Stokers Roman. Die zur Vampirin gewordene Lucy muss Van Helsing dieses Mal selbst pfählen und auch im Finale wird er deutlich aktiver. Statt einer Verfolgungsjagd mit den Häschern des Grafen (die in diesem Film nicht existieren), hetzen die beiden Widersacher einander durch Draculas Schloss, bis es Van Helsing gelingt, die Vorhänge des Esszimmers aufzureißen, woraufhin die Sonne dem Vampirfürsten ein Ende bereitet.

Inszenierung
In den 30ern hatte Tod Browning bei seiner Dracula-Verfilmung kaum Spielraum, trotz ihres ikonischen Status ist sie, im wahrsten Sinne des Wortes, blutleer: Weder der Prozess des Bluttrinkens, noch der Tod der Vampire wird gezeigt. Brownings „Dracula“ verlässt sich auf das Charisma Bela Lugosis und auf die Atmosphäre, die nicht zuletzt durch die schwarzweißen Bilder begünstigt wird. Terence Fisher musst zwar ebenfalls mit einem sehr beschränkten Budget kämpfen, hatte aber ansonsten nicht dieselben Probleme: Sein Dracula darf Zähne zeigen, Blut trinken und wenn Van Helsing und Arthur Holmwood Lucy pfählen, hält die Kamera voll drauf. Eines der hervorstechendsten Elemente der Horrorfilme von Hammer ist tatsächlich die Farbe des Blutes, das in einem hellen Rotton sofort die Bildkomposition dominiert. Insgesamt ist der Exploitation-Faktor ein essentieller Aspekt der Filme des Studios. Im Vergleich zu späteren Filmen ist „Dracula“ noch recht zahm, aber die tief ausgeschnittenen Dekolletés und die animalischen Angriffe Draculas sprechen eine recht eindeutige Sprache. Dieser Dracula ist kein Verführer, sondern ein Raubtier. Diese verhältnismäßig große Freiheit gibt Fisher die Möglichkeit, viktorianische Prüderie zum Thema zu machen; dieses Element illustriert er beispielsweise durch Minas deutlich freizügigeres Verhalten nach Draculas Biss.

Strukturell ist Fishers „Dracula“ tatsächlich ziemlich ausgewogen, er verfügt über ein höheres Tempo als die sehr gemächliche Browning-Version und erweckt niemals den Eindruck einer abgefilmten Bühnenproduktion, ist aber noch deutlich entspannter als spätere Sequels. Die Abwandlungen in der Handlung und die Reduzierung des Casts nehmen der Geschichte zwar Komplexität, erlauben aber eine gleichmäßige Handlungsführung und weisen zudem einige durchaus interessante Ideen auf. Ein Jahr, bevor Robert Blochs Roman „Psycho“ publiziert wurde, arbeitete Fisher bereits mit demselben Twist: Jonathan Harker tritt als Protagonist auf, nur um am Ende des ersten Aktes unrühmlich abserviert und von Van Helsing abgelöst zu werden – eine Aufgabe, der Peter Cushing mehr als gewachsen ist. Nicht umsonst gilt Cushing vielen als definitiver Van Helsing. Nachdem er in „The Curse of Frankenstein“ den ebenso skrupellosen wie zielstrebigen Victor Frankenstein mit kalter Präzision spielte, zeigt er sich in „Dracula“ von seiner menschlicheren, wärmeren Seite, auch wenn die Zielstrebigkeit zweifelsohne nach wie vor vorhanden ist.

Christopher Lee als Dracula
Rein visuell entspricht Christopher Lee hier nicht unbedingt Stokers Beschreibung: Er mag eine hochgewachsene, imposante Erscheinung sein, lässt jedoch den Schnurrbart vermissen und wird im Verlauf des Films auch nicht jünger. Dennoch ist Lees Graf, zumindest bezüglich der Charakterisierung, der Romanfigur wahrscheinlich am nächsten; diese Version der Figur ist von allen filmischen Darstellungen die böseste, ihm fehlt die Melancholie, über die seine Vorgänger Max Schreck und Bela Lugosi verfügen, von der expliziten Tragik eines Gary Oldman gar nicht erst zu sprechen. Dennoch verleiht auch Lee dem Grafen eine subtile Traurigkeit, eine Unzufriedenheit mit dem untoten Zustand, die in einem der späteren Sequels allerdings noch verdeutlicht wird. Davon abgesehen interpretieren Lee und Fisher Dracula sehr ähnlich wie Stoker: Nur zu Beginn tritt der Graf wirklich als Charakter auf und agiert mit Jonathan Harker, danach fungiert er primär als Monster und spricht kaum mehr – ganz anders als Lugosis Dracula, für den diverse Interaktionsszenen mit den Vampirjägern hinzugedichtet wurden. Fisher setzt Dracula spärlich, aber gezielt ein, eine unsichtbare Bedrohung, der Lucy langsam, aber unweigerlich zum Opfer fällt. Lucys Krankheit, Tod und Rückkehr als Vampirin sind die Elemente des Films, die, trotz des Fehlens von John Seward und Quincey Morris, am akkuratesten umgesetzt sind.

Draculas Eigenschaften als Vampir sind hier relativ stark reduziert: Geblieben ist der Blutdurst, die Anfälligkeit gegenüber heiligen Symbolen, Knoblauch und Sonnenlicht sowie die übermäßig Stärke. Die Macht über Wetter und Tiere sowie die Fähigkeit, sich selbst zu verwandeln, fehlen hingegen – primär aus Budget-Gründen. Es findet sich sogar eine Szene, in der Van Helsing spezifisch auf dieses Element angesprochen wird und sie als Aberglaube abtut. Die „Regeln des Vampirismus“, auf die Stoker sehr viel Wert legte, weshalb er sie von Van Helsing ausgiebig erläutern lässt, spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, stattdessen wird Draculas Tierhaftigkeit, seine animalische Seite betont. Wir wissen alle, dass Christopher Lee extrem charmant, umgänglich und einnehmend sein kann, als Dracula ist seine Darstellung aber primär körperlich und setzt vor allem auf seine beeindruckende und einschüchternde Präsenz.

Sequels
Ebenso wie „The Curse of Frankenstein“ erwies sich auch „Dracula“ als durchschlagender Erfolg und erhielt eine Myriade an Sequels mit stark wechselnder Qualität – weder Christopher Lee noch Peter Cushing tauchen in allen davon auf, aber einer von beiden ist immer zugegen, beide zusammen sollten allerdings nur noch in zwei weiteren Filmen auftauchen. Der Vergleich der Hammer-Dracula-Reihe sowohl mit den Hammer-Frankenstein-Filmen als auch den Universal-Filmreihen bietet einen interessanten Kontrast. Universal baute seine Frankenstein-Filme beispielsweise um das Monster herum auf, während Hammer den Fokus auf Peter Cushings Baron legte – das von Lee dargestellte Monster kam in keinem weiteren vor, einige Filme kommen sogar völlig ohne aus Leichenteilen gebasteltes Monster jeglicher Art aus. Das erste Dracula-Sequel muss, trotz des Namens „The Brides of Dracula“ (1960), ohne den titelgebenden Grafen zurechtkommen – hier werden Erinnerungen an Universals „Dracula’s Daughter“ wache. Beide Filme haben den Grafen im Titel, bringen aber nur Van Helsing zurück und lassen ihn gegen einen neuen Vampir kämpfen. Im Fall von „The Brides of Dracula“ wäre das Baron Meinster (David Peel), für dessen Vampirwerdung wohl Dracula verantwortlich ist und der in einer früheren Skriptfassung als Anhänger Draculas dargestellt wird, was im fertigen Film aber fehlt. Somit muss sich Peter Cushing hier mit einem Blutsauger herumschlagen, der seinem Freund Christopher Lee schlicht nicht das Wasser reichen kann.

Formal gesehen taucht Cushing auch in „Dracula: Prince of Darkness“ (1966) auf, allerdings nur, weil Draculas Todesszene am Anfang noch einmal gezeigt wird, weshalb ich ihn nicht mitrechne. Dafür markiert „Prince of Darkness“ die Rückkehr Lees zur Rolle des Grafen und den Beginn der Tradition, ihn nach dem Tod im vorherigen Film durch irgendeinen hanebüchenen Storykniff wieder zum Leben zu erwecken – meist wird ein Ritual durchgeführt oder aus irgendwelchen Gründen kommt Draculas Asche mit Blut in Berührung, woraufhin sich der Vampirfürst regeneriert. „Prince of Darkness“ ist vor allem bemerkenswert, weil Lee hier kein Wort spricht, nach eigener Aussage weigerte er sich, die fürchterlichen Dialoge aufzusagen, während Drehbuchautor Jimmy Sangster behauptete, nie Dialog für ihn geschrieben zu haben. Wie dem auch sei, mit dem Fortschreiten der Reihe fühlte sich Lee zunehmend unwohl damit, den Grafen zu verkörpern, da er Type Casting fürchtete und oft nur überzeugt werden konnte, indem man ihm erklärte, wie viele Jobs von seiner Beteiligung abhingen. So wirkte Lee nach „Prince of Darkness“ auch in „Dracula Has Risen from the Grave“ (1968), „Taste the Blood of Dracula“ und „Scars of Dracula“ (beide 1970) mit. Der siebte Film der Reihe, „Dracula A.D. 1972“ (1972, mit dem famosen deutschen Titel „Dracula jagt Minimädchen“), ließ Peter Cushing zurückkehren, stellte aber zugleich eine Art Reboot dar. Die Anfangsszene zeigt einen Kampf zwischen dem Grafen und Lawrence Van Helsing (Peter Cushing) im Jahr 1872, was in direkten Widerspruch zu allen anderen Filmen der Reihe steht. Nach seiner Niederlage wird Lees Dracula einhundert Jahre später wiedererweckt und muss sich dieses Mal mit Lorrimer Van Helsing (natürlich ebenfalls Cushing), dem Nachfahren seiner Nemesis, im modernen London herumschlagen. „The Satanic Rites of Dracula“ (1973) ist schließlich der letzte Film, in dem Lee für Hammer das ikonische Cape anlegte, um dieses Mal als ein an Blofeld erinnernder Superschurke die Welt zerstören zu wollen. Abermals ist es Peter Cushing als Lorrimer Van Helsing, der dem Grafen Einhalt gebietet. Nach „The Satanic Rites of Dracula“ hatte Lee endgültig genug, sodass in „The Legend of the Seven Golden Vampires“ (1974), dem unrühmlichen Ende von Hammers Dracula-Reihe, John Forbes-Robertson Dracula mimte, während Peter Cushing ein letztes Mal Van Helsing darstellte – trotzdem gibt es so gut wie keine inhaltlichen Bezüge zu den vorherigen Filmen. Lee selbst spielte Dracula allerdings auch in einigen Filmen, die nicht von Hammer produziert wurden, primär „Count Dracula“ bzw. „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970), eine deutsch-italienische Produktion von Jesús Franco, in der zudem auch Klaus Kinski (der in Werner Herzogs „Nosferatu: Phantom der Nacht“ neun Jahre später selbst Dracula spielen sollte) Renfield mimt, sowie „Dracula and Son“ (Originaltitel: „Dracula père et fils“, deutscher Titel: „Die Herren Dracula“, 1976), einer französischen Komödie, die die Hammer-Filme parodiert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Art of Adaptation: Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi

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Was wäre, wenn Tod Browning „Dracula“ mit Bela Lugosi sich nicht am Skript des Theaterstücks von Hamilton Deane und John L. Balderston orientiert hätte, sondern stattdessen Stokers Roman sehr vorlagengetreu adaptiert (und auch ein deutlich höheres Budget gehabt) hätte? Diese Frage stellten sich die Künstler El Garing und Kerry Gammil und lieferten die Antwort darauf in Form des Comics „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi“. Dieses Werk verlangt natürlich nach einer Rezension, nicht zuletzt, da es sich dabei um die bislang engste Verzahnung der beiden Dracula-Prototypen handelt, Stokers Romanfigur und Bela Lugosis Darstellung. Auf einen der beiden, wenn nicht gar auf beiden gleichzeitig, lässt sich fast jede Interpretation der Figur zurückführen.

Die Handlung ist ganz eindeutig die des Romans und nicht des Films: Es ist Jonathan Harker, nicht Renfield, der den Grafen in Transsylvanien aufsucht, Mina ist nicht Dr. Sewards Tochter, Lucy Westenra trägt sowohl ihren vollen Nachnamen (im Browning-Film hieß sie nur Weston) und hat auch ihre drei Verehrer wieder, die Interaktionen zwischen Dracula und seinen Jägern werden im Vergleich zum Film stark zurückgefahren und die Verfolgung des Grafen wird ebenso wenig ausgelassen wie die zweite Reise nach Transsylvanien, um Dracula endgültig zu vernichten. Lange Rede, kurzer Sinn: Rein inhaltlich bewegt sich diese Comicadaption sehr nahe an der Vorlage, sogar deutlich näher als beispielsweise Georges Bess‘ Umsetzung. Auch strukturell gibt es keine Experimente, Jonathans Erfahrungen in Transsylvanien werden en bloc erzählt, bevor Whitby als Handlungsort zusammen mit den anderen Figuren eingeführt wird – der Comic bedient sich keiner wie auch immer gearteten Rahmenhandlung und es finden keine größeren Umstrukturierungen welcher Art auch immer statt. Die Tagebücher als Erzählinstanz bleiben ebenfalls erhalten und mehr als einmal stammen Erzähltext und Dialoge direkt von Stoker. Dennoch wird die Langatmigkeit der Vorlage effektiv vermieden, sodass sich die Handlung in relativ hohem (aber nicht zu hohem Tempo) voranbewegt. Es sind vor allem kleine Details, die Garing und Gammil geändert haben: Mina und Lucy wirken als Draculas Opfer beispielsweise williger, als es im Roman der Fall ist; zweifelsohne ist dies dem Umstand geschuldet, dass Bela Lugosi gewissermaßen den verführerischen Dracula begründet hat. Zusätzlich wird der Graf kurz vor seiner Vernichtung noch etwas aktiver und darf sich gegen seine Angreifer in stärkerem Ausmaß zur Wehr setzen.

Mehr noch als bei allen anderen Comicadaptionen von Stokers Roman ist es hier die grafische Umsetzung der Geschichte, die besonders hervorsticht, gerade weil die beiden Künstler sich dazu entschlossen haben, das Gesicht Bela Lugosis zu verwenden und so praktisch eine Version des Browning-Films imaginieren, die der Vorlage ziemlich genau folgt. Dieser Ansatz ist von Lugosis Erben ausdrücklich sanktioniert, sein Sohn Bela G. Lugosi und seine Enkelin Lynne Lugosi Sparks werden als „Executive Consultants“ genannt und haben ein Vorwort beigesteuert, während Stokers Urgroßneffe Dacre Stoker für das Nachwort verantwortlich ist. In diesem zentralen Aspekt des Werkes findet sich dann letztendlich auch die größte Abweichung von Stokers Text, denn der Graf im Roman sieht definitiv nicht aus wie Bela Lugosi. Davon abgesehen bleiben Garing und Gammil allerdings wieder recht nah an der Vorlage und bedienen sich beispielsweise nicht der für den Lugosi-Dracula typischen Kleidung (mit einer kurzen Ausnahme), sondern orientieren sich an Stoker – mit kleinen Zugeständnissen, etwa dem archetypischen Kragen. Auch das Jüngerwerden Draculas im Verlauf der Geschichte wird miteinbezogen. Zu Beginn gleicht Dracula im Comic dem älteren Lugosi, wie man ihn in „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ gesehen hat, während sich die junge Version, die später in London auftaucht, visuell an Lugosis frühesten Auftritten als Dracula im Theater in den späten 20ern orientiert.

Die anderen Figuren gleichen ihren Film-Gegenstücken hingegen kaum – vermutlich wäre das schwierig zu bewerkstelligen und/oder zu teuer gewesen. Bei Jonathan und Mina kann man vielleicht noch eine gewisse rudimentäre Ähnlichkeit feststellen, wobei beide im Comic relativ profillos aussehen. Garings und Gammils Van Helsing wirkt optisch interessanterweise ein wenig wie eine Fusion aus Edward Van Sloane und Peter Cushing – man fragt sich, ob das so beabsichtigt war. Ansonsten bemüht sich diese Adaption allerdings durchaus, die Atmosphäre der alten Universal-Horror-Filme zu rekreieren. Freilich ist ein Comic in seinen Mitteln keinesfalls so beschränkt, wie es Brownings „Dracula“ war – dennoch haftet diesem Werk eine gewisse Bodenständigkeit an, besonders wenn man ein weiteres Mal Georges Bess‘ Interpretation zu Vergleichszwecken heranzieht. Gleichwertiger Symbolismus oder die extrovertierte Bildsprache des französischen Künstlers fehlen ebenso wie die harten Kontraste – wo Bess‘ Adaption im eigentlichen Wortsinn schwarz-weiß ist, arbeiten Garing und Gammil mit den Grautönen eines klassischen Schwarz-Weiß-Filmes. Dementsprechend sind die Bilder ziemlich naturalistisch und detailliert, wobei der Fokus immer auf Draculas bzw. Lugosis Gesicht liegt, das die entsprechenden Seiten meistens ohne wenn und aber dominiert.

Es dürfte kaum verwundern, dass die Bildkomposition und die, nennen wir es „angedeutete Kameraführung“, origineller und dynamischer sind als in Brownings doch recht statisch geratenem Film, trotz des Versuchs, dessen Bildsprache einzufangen. Ebenso ist es keine Überraschung, dass der Comic deutlich expliziter ist und Dinge zeigt, die 1931 ganz sicher nicht durchgegangen wären. Dracula ist beim Trinken zu sehen (und hat, anders als im Film, eindeutig spitze Eckzähne), es fließt ordentlich Blut, die Szenen mit den Draculas Gespielinnen sind höchst suggestiv und auch vor sehr blutigen Pfählungen wird nicht zurückgeschreckt. Auf diese Weise suchen Garing und Gammil stets den Kompromiss zwischen Browning und Lugosi auf der einen und Stoker und einer moderneren, expliziteren Darstellung auf der anderen Seite. Hin und wieder führt das jedoch zu unfreiwillig komischen Panels, etwa als Van Helsing kurz über Draculas Vergangenheit referiert und man als Leser einen Flashback aus Draculas kriegerischen Tagen gezeigt bekommt, in welchem der Graf als grimmiger Krieger in Rüstung zu sehen ist, die einfach nicht mit Lugosis Zügen harmonieren will.

Fazit: „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi” ist ein faszinierendes Experiment, das die Brücke zwischen dem Roman und Tod Brownings Film schlägt bzw. die Frage beantwortet, wie eine vorlagengetreue Adaption mit Lugosi wohl ausgesehen hätte. Vor allem Fans des Lugosi-Draculas und der klassischen Universal-Filme werden sich an diesem Comic zweifellos erfreuen, wer jedoch mit dem Vermächtnis des Grafen nicht allzu gut vertraut ist oder keine besondere Bindung zum Film von 1931 hat, ist mit einer der vielen anderen Umsetzungen wahrscheinlich besser bedient, denn insgesamt betreten El Garing und Kerry Gammil abseits der Verwendung von Lugosis Gesicht nicht wirklich neuen Boden.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stoker’s Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula

Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf

Trotz ambitionierter Thronfolger wie Lestat de Lioncourt oder (würg) Edward Cullen ist Dracula weiterhin fraglos der König der Vampire. Ebenso so fraglos ist jedoch, dass diese Stellung nicht allein auf Stokers Roman zurückzuführen ist, der bestenfalls mäßig erfolgreich war, sondern auf die filmischen Adaptionen – primär diejenigen der Universal-Studios. Es hat seinen Grund, dass kaum ein Dracula aus der Myriade an Filmen und Fernsehserien der Beschreibung aus Bram Stokers Roman gleicht, denn weitaus stärker als von Stokers Worten ist das popkulturelle Bild des Grafen von Aussehen und Darstellung Bela Lugosis geprägt.

Präludium
Tod Brownings Verfilmung von „Dracula“ ist nicht die erste ihrer Art. „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“, Friedrich Willhelm Murnaus unautorisierte Adaption des Romans aus dem Jahr 1922, ist natürlich ebenfalls weithin bekannt, war sie doch nur marignal weniger einflussreich, zumindest auf das Genre des Vampirfilms als Ganzes. „Nosferatu“ war allerdings ebenfalls nicht die erste Filmversion von Dracula, diese Ehre gebührt der ungarischen Produktion „Drakula halála“, auch wenn wirklich kaum von einer Adaption von Stokers Roman die Rede sein kann. Der 1920 von Károly Lajthay gedrehte und 1921 erschienene Film gilt als verschollen, mithilfe einer Prosafassung konnte allerdings zumindest die Handlung rekonstruiert werden, die mit „Dracula“ freilich wenig gemein hat. Während die üblichen gotischen Stereotype bedient werden, scheint nicht einmal klar zu sein, ob es sich beim titelgebenden Drakula tatsächlich um einen Vampir oder nur um einen bösartigen Satanisten mit einer Vorliebe für verfallene alte Schlösser handelt. In seinem Aufsatz „Discovery of a Hungarian Drakula“ stellt Lokke Heiss fest, dass es zwischen „Drakula halála“ und Gaston Lerroux‘ „Phantom der Oper“ eine deutlichere inhaltliche Parallele gibt als zwischen dem ungarischen Film und Stokers Roman. Weder „Draukla halála“ noch „Nosferatu“ können sich allerdings damit schmücken, offizielle Adaptionen von Stokers Roman zu sein. Dieser Titel gebührt einem Theaterstück.Drakula_halála

Florence Stoker, Bram Stokers Witwe, beschloss nach diesen unautorisierten Bearbeitungen (und einem Rechtsstreit gegen das Nosferatu-Studio Prana) schließlich, die Rechte am Werk ihres Mannes tatsächlich zu veräußern, und zwar an einen gewissen Hamilton Deane. Stoker selbst, der immerhin am Lyceum Theatre für Sir Henry Irving, eine der Inspirationen für Dracula, gearbeitet hatte, hatte selbst Absichten, den Graf auf die Bühne zu bringen, doch daraus wurde letztendlich nichts, es kam nur zu einer einzigen Aufführung kurz vor der Publikation des Romans. Hamilton Deane bearbeitete und kürzte die Handlung stark, nicht zuletzt um die Zensur zu befriedigen. Am 14. Februar 1924 fand im Grand Theatre in Derby, England schließlich die Uraufführung statt, Deane selbst spielte Van Helsing, während Edmund Blake die Rolle Draculas übernahm.

Drei Jahre später, 1927, debütierte der Graf am Broadway. John L. Balderston überarbeitete das Deane-Skript und reduzierte u.a. die Anzahl der Figuren noch weiter. Für diese Version des Stückes schlüpfte erstmals der ungarische Schauspieler Bela Blaskó, der sich nach seiner Geburtsstadt Lugos Bela Lugosi nannte, in die Rolle des Grafen. Das Stück erwies sich als durchschlagender Erfolg, weshalb gerade dieser Erfolg sowie das Skript selbst und nicht der Roman die Grundlage für die erste „echte“ Dracula-Verfilmung lieferten. Sowohl Lugosi als auch Van-Helsing-Darsteller Edward Van Sloan blieben der Leinwandversion erhalten, Regie führte Tod Browning (mit Unterstützung von Karl Freund) und produziert wurde der Streifen von Carl Laemmle Jr., dem Sohn des Universal-Gründers und zu dieser Zeit „Head of Production“ des Studios.

Anpassungen der Handlung
Das Hamilton/Deane-Theaterstück, das in zwei Fassungen existiert, jeweils für die britischen und die amerikanischen Bühnen, ist die wahrscheinlich reduzierteste Version von Stokers Geschichte, tatsächlich fällt der gesamte Teil, der in Transsylvanien spielt, der Schere zum Opfer. Fast die gesamte Handlung spielt in und um Dr. Sewards Sanatorium. Todd Brownings Film behält das zum großen Teil bei, fügt den Anfang in Transsylvanien allerdings wieder ein – nur ist es hier Renfield (Dwight Frye), der den Grafen auf seinem Schloss besucht, um ihm beim Kauf einer englische Immobilie zu helfen, nicht Jonathan Harker. Die Szenen nehmen einen recht ähnlichen Verlauf wie im Roman, inklusive der Begegnung mit den drei Vampirinnen, allerdings lässt Dracula Renfield nicht auf seinem Schloss zurück, sondern macht ihn zu seinem willenlosen Diener und nimmt ihn mit zurück nach Großbritannien, wo er schließlich in Dr. Sewards (Herbert Bunston) Anstalt landet und dort seine Romanrolle einnimmt. An dieser Stelle kommen die anderen Figuren ins Spiel, allerdings mit deutlichen Modifikationen, denn hier beginnt die filmische Tradition, die Namen, Funktionen und Verwandtschaftsverhältnisse von Stokers Charakteren wild durcheinander zu werfen. Jonathan Harker (David Manners), im Film stets John genannt, ist nach wie vor mit Mina (Helen Chandler) verlobt, deren Nachname nun allerdings nicht mehr Murray lautet, sondern Seward, da sie hier die Tochter des im Film deutlich älteren Doktors ist. Ebenfalls mit einem reduzierten Namen muss Lucy Weston (Frances Dade) zurechtkommen, die nach wie vor Minas Freundin ist, aber ihre drei Verehrer verloren hat – Dr. Seward nimmt ihr gegenüber eher eine väterliche Rolle ein, Arthur Holmwood und Quincey Morris tauchen nicht auf. Dies ist übrigens auch eine Änderung gegenüber dem ursprünglichen Skript von Hamilton Deane, in welchem Seward und Arthur als Lord Godalming durchaus romantisches Interesse an ihr zeigen.

Der grundlegende Plot folgt Stoker, Lucy wird Draculas erstes Opfer, nach ihrem Tod wendet er sich Mina zu, während Van Helsing als Gegenspieler fungiert und Renfield Gefallen am Verspeisen von Fliegen und Spinnen findet. Diese Handlung ist jedoch deutlich simplifiziert, es finden keine umfangreichen Nachforschungen statt, stattdessen interagieren Dracula und seine Jäger deutlich häufiger miteinander. Die finale Verfolgungsjagd nach Transsylvanien findet ebenfalls nicht statt, stattdessen kommt es in Carfax Abbey zur finalen Konfrontation zwischen Dracula und Renfield auf der einen und Seward, Van Helsing und Harker auf der anderen Seite, die schließlich mit dem Tod des Grafen und Renfields sowie Minas Heilung endet.

Filmische Qualitäten
Man merkt Brownings „Dracula“ die Theaterherkunft ebenso an wie das niedrige Budget und die „Übergangspahse“, in der der Film entstand: 1927 feierte der Tonfilm mit „The Jazz Singer“ seinen Durchbruch und hatte bis 1936 den Stummfilm fast völlig verdrängt. „Dracula“ entstand genau in der Mitte dieser Phase; Kinos, die noch nicht über die nötige Ausrüstung verfügten, erhielten beispielsweise noch eine Stummfilmversion. Gerade in Anbetracht unserer modernen Konventionen ist das alles besonders auffällig – so verfügt „Dracula“ beispielsweise über keinen Score, lediglich über die Titeleinblendung erklingt ein Ausschnitt von Tschaikowskis „Schwanensee“ und in der Opernszene ist Wagner zu hören. 1998 komponierte Philip Glass einen Score für eine restaurierte Fassung des Films, die mir auf DVD allerdings noch nicht untergekommen ist; auf CD oder als Download ist Glass‘ Arbeit, für die er das Kronos-Quartett verpflichtete, allerdings problemlos erhältlich.

Auch sonst ist Brownings Film äußerst statisch geraten, sodass oft der Eindruck einer abgefilmten Theaterproduktion entsteht; gerade im direkten Vergleich wirkt Murnaus „Nosferatu“ deutlich dynamischer, nicht zuletzt bedingt durch das beeindruckende Spiel mit Licht und Schatten. Visuell ist der Anfang des Films mit Abstand am beeindruckendsten, hier gelingt es Browning, eine ebenso dichte wie unheimliche Atmosphäre zu kreieren und Draculas Schloss exzellent in Szene zu setzen. Die meisten folgenden Szenen sind allerdings lange Gespräche in relativ uninteressanten Innenräumen. „Dracula“ hat darüber hinaus massiv mit der Zensur zu kämpfen und ist deshalb, im besten Sinne des Wortes, blutleer und zahnlos. Jegliche Vampirangriff findet off-screen bzw. versteckt hinter Draculas Umhang statt. Der Handlungsstrang um die zur Vampirin gewordene Lucy wird einfach ignoriert und selbst Draculas Pfählung muss off-screen stattfinden.

Ein besonderes Kuriosum ist die spanische Version des Films: In den 30ern synchronisierte man noch nicht, stattdessen war es gängige Praxis, mit denselben Sets und demselben Skript, aber unterschiedlichen Schauspielern, mehrsprachige Versionen desselben Films zu drehen. Tagsüber entstand Tod Brownings „Dracula“, nachts führte George Melford bei „Drácula“ Regie. Gerade bezüglich der filmischen Qualitäten gilt Melfords Arbeit als die bessere, er setzt die Kamera effektiver und dynamischer ein, seine Version ist deutlich weniger statisch und theaterhaft. Mehr noch, Melford konnte das Material, das Browning tagsüber gedreht hatte, einsehen, und basierend darauf Verbesserungen vornehmen. Interessanterweise ist die spanische Version gut eine halbe Stunde länger als die englische und auch expliziter, sowohl in Bezug auf Erotik als auch Gewalt – obwohl das nach heutigen Maßstäben natürlich nach wie vor sehr zahm ist. Der Lucy-Subplot wird zumindest verbal aufgelöst, auch wenn man ihre Pfählung nach wie vor nicht sieht und sie in der spanischen Version Lucía (Carmen Guerrero) heißt. Auch die Namen einiger anderer Figuren wurden geändert, Jonathan/John heißt nun Juan (Barry Norton) und statt Mina wird Eva Seward (Lupita Novar) Draculas finales Opfer. Renfield (Pablo Alvarez Rubio), Dr. Seward (José Soriano Viosca) und Van Helsing (Eduardo Arozamena) bleiben unverändert. Besonders Lupita Tovar, die erst 2016 im Alter von 106 Jahren verstarb, wird als deutlich bessere Version von Mina als ihr englisches Gegenstück Helen Chandler wahrgenommen. Zugleich fehlt der Melford-Version allerdings ein entscheidendes Element: Bela Lugosi als Dracula.

Lugosis Graf
In Stokers Roman wird Dracula als hochgewachsener alter Mann mit hageren Gesichtszügen, einer markanten Nase, einem Schnurrbart, einem harten Mund mit langen, spitzen Zähnen (welche es sind spezifiziert Stoker nicht, aber natürlich denkt man inzwischen an die Eckzähne), die über die Lippen hinausragen, und haarigen Handflächen beschrieben. Im Verlauf des Films wird Dracula jünger, was sich primär auf seine Haarfarbe auswirkt, die zu Beginn weiß ist, dann grau und schließlich schwarz wird. Das ist allerdings nicht das Bild, das man gemeinhin bei der Erwähnung des Namens Dracula im Kopf hat. Hier zeigt sich der massive Einfluss des Browning-Films: Die Darstellung des Grafen, die für das Theaterstück entworfen und für den Film übernommen wurde, ist nach wie vor die dominante, Tod Brownings bzw. Bela Lugosis Dracula, und nicht Stokers, ist der Standard, von der Abendgarderobe mit Cape über die kurzen, schwarzen Haare und den osteuropäischen Akzent (im Roman spricht Dracula praktisch akzentfrei Englisch). Nun, was macht Lugosis Dracula so besonders? Unabhängig davon, ob man der Meinung ist, dass diese Inkarnation der Figur funktioniert oder nicht, sie bleibt auf jeden Fall im Gedächtnis. Selbst unter Lugosis Nachfolgern sind die Meinungen hierzu geteilt. Christopher Lee beispielsweise, ohnehin ein Fan von Stokers Roman und immer (meistens vergeblich) bemüht, sich der Vorlage anzunähern, war nicht allzu begeistert von Brownings Film oder Lugosis Darstellung, während Gary Oldman Lugosi als seinen Lieblings-Dracula bezeichnet und in „Bram Stoker’s Dracula“ seine Stimmlage und seinen Akzent an Lugosi anlehnte.

1931 mag das noch anders gewesen sein, aber nach heutigen Maßstäben wirkt Lugosis Darstellung des Grafen nicht mehr allzu furchterregend. Das liegt zum einen daran, dass die Performance mit ihren übermäßig theatralischen Gesten schlicht nicht mehr zeitgemäß ist, zum anderen wurde Lugosis Graf zu oft parodiert oder nachgeahmt – ein Schicksal, dass er mit vielen anderen Horror-Figuren teilt, sei es die besessene Regan MacNeil aus „The Exorcist“, das Xenomorph aus „Alien“ oder, oder, oder, oder… Dennoch haftet diesem Grafen etwas Besonderes an. Lugosi hat ein einprägsames, keinesfalls alltägliches Gesicht das, verbunden mit der hypnotischen Präsenz, die von ihm ausgeht, wohl in letzter Konsequenz dafür gesorgt hat, dass Lugosi für lange Zeit DER Dracula war und immer noch die Inkarnation des Grafen, die den meisten bei der Nennung des Namens in den Sinn kommt.

Nicht nur optisch, auch charakterlich unterscheidet sich die Browning/Lugosi-Adaption der Figur stark von Stokers Graf. Ich schrieb es bereits in meinem Artikel zum Roman, möchte es hier aber noch einmal betonen, denn angesichts der vielen, vielen medialen Auftritte des Grafen in den etwa 100 Jahren seit „Nosferatu“ vergisst man es ganz gerne: Stokers Dracula ist ohne wenn und aber böse. Er ist nicht tragisch, er ist nicht romantisch, anziehend oder attraktiv, weder Lucy noch Mina geben sich ihm in irgendeiner Form freiwillig hin oder fühlen sich auch nur in Ansätzen von ihm angezogen. Zwar ist auch Lugosis Graf kein komplexer Widersacher, wirkt aber doch deutlich eleganter und attraktiver als sein literarisches Gegenstück. Wo Stokers Figur zwar den Adelstitel führt, aber sich so gut wie gar nicht in gesellschaftlichen Kreisen bewegt (tatsächlich taucht er im Roman nur selten auf und interagiert kaum mit den Helden), besucht Lugosis Graf die Oper und gibt sich als mysteriöser Gentleman, der auf die anwesende Lucy Weston durchaus anziehend wirkt. Er parliert jovial und übt sich relativ mühelos im Smalltalk, was ihm im Roman mit Jonathan Harker nie ganz so effektiv gelingen mag. Mehr noch, ihm haftet eine Melancholie, eine Todessehnsucht an, die der Romanfigur, bis auf ein oder zwei extrem subtile Andeutungen, ebenfalls fehlt. So erklärt er Lucy: „To die, to be really dead, that must be glorious.” Viele dieser charakterlichen Änderungen sind letztendlich dem Wechsel vom Roman zur Theaterbühne bzw. zum Film mit beschränkten Mitteln zu verdanken. Stück und Film sind auf Dialogszenen in wenigen Räumlichkeiten angewiesen und können keine elaborierte Spurensuche inszenieren, weshalb die Autoren des Skripts bzw. des Drehbuchs gezwungen waren, Dracula deutlich mehr mit den Helden im Dialog interagieren zu lassen. Wie essentiell Lugosi in diesem Film ist, zeigt sich bei der Betrachtung der spanischen Version: Bei all den Vorzügen, die diese hat, kann ihre Version des Grafen, dargestellt von Carlos Villarías, schlicht nicht mit Lugosis einnehmender, hypnotischer Performance mithalten.

Sequels und Vermächtnis
Obwohl Bela Lugosis Name und Gesicht bis heute untrennbar mit Dracula verbunden sind, spielte er für Universal nur noch ein weiteres Mal den Grafen, und zwar in dem eher parodistisch angehauchten „Abbott and Costello Meet Frankenstein“, in welchem neben Dracula und Frankensteins Kreatur auch noch Lawrence Talbot, der „Wolf Man“ auftaucht. Lugosi spielte allerdings in ähnlich gearteten Filmen mit, darunter etwa „Mark of the Vampire“ (1935), das Remake des Stummfilms „London after Midnight“ – beide gedreht von Dracula-Regisseur Tod Browning. Hier spielt Lugosi Graf Mora, der stark an seinen Dracula erinnert, sich jedoch am Ende als falscher Vampir entpuppt. Zusätzlich gab er Dracula noch häufig auf der Bühne und war auch sonst in vielen Universal-Horror-Filmen zu sehen, etwa späteren Teilen der Frankenstein-Reihe oder Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen.

Nach dem Erfolg ließ es sich Universal nicht nehmen, Brownings „Dracula“ direkt fortzusetzen, allerdings ohne den Grafen dafür, wie es in den Hammer-Sequels der Fall war, wieder von Toten zurückzuholen. In „Dracula’s Daughter“ (1936) von Lambert Hillyer wählte man einen anderen, interessanten Ansatz: Der Film setzt dort an, wo „Dracula“ endete: Van Helsing (abermals gespielt von Edward Van Sloan) muss sich vor der Polizei für die beiden Leichen von Renfield und Dracula verantworten, gibt freimütig zu, für sie verantwortlich zu sein, und wird daraufhin eingesperrt. Die titelgebende Tochter Draculas ist Gräfin Marya Zaleska (Gloria Holden), die eine deutlich tragischere Vampirin ist als ihr Vater und mit ihrem untoten Zustand hadert, nur um letztendlich doch vom Blutdurst übermannt zu werden. Das 1943 erschienene „Son of Dracula“ hat dagegen nur noch bedingt etwas mit dem Original zu tun. In diesem Pseudo-Sequel macht ein gewisser Graf Alucard (gespielt von Lon Chaney jr.) dieses Mal die vereinigten Staaten unsicher.

Der Graf selbst tauchte neben „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ noch in weiteren, an Parodie grenzenden Crossover-Filmen auf: Sowohl in „House of Frankenstein“ (1944) als auch in „House of Dracula“ (1945) wird er von John Carradine gespielt – interessanterweise wohl der erste Dracula-Darsteller, der den von Stoker beschriebenen Schnurrbart im Gesicht trägt. Davon abgesehen haben diese Filme freilich nur noch wenig mit Stokers Roman zu tun.

Wie bereits erwähnt war der Einfluss des Films von 1931 über die direkten und indirekten Sequels hinaus extrem weitreichend – Bela Lugosis Dracula war der Graf, an dem sich alle anderen lange messen mussten und es war sein Bild, das die popkulturelle Wahrnehmung des Grafen über Jahrzehnte hinaus prägte. Darüber hinaus wurde auch das ursprüngliche Skript 1979 ein weiteres Mal verfilmt. Regie führte John Badham, während Frank Langella einen äußerst romantischen Dracula spielte. Mel Brooks‘ „Dracula: Dead and Loving It“ basiert ebenfalls auf dem Deane/Balderston-Skript und parodiert primär den Browning-Film bzw. den Lugosi-Grafen – mit der einen oder anderen Anspielung auf Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Zusätzlich versuchte Universal in den 2000ern und 2010ern immer wieder, den „studioeigenen“ Dracula bzw. das ursprüngliche „Universal Monsters Franchise“ wiederzubeleben, zuerst mit „Van Helsing“ (2004), in welchem, ähnlich wie in den oben erwähnten Crossovern, neben Dracula (hier Richard Roxburgh) auch Frankensteins Monster und diverse Werwölfe Transsylvanien unsicher machen. Mit „Dracula Untold“, einer Dracula-Origin-Story mit Luke Evans, folgte 2014 ein weiterer Versuch, ein Crossover-Franchise zu starten und auch im grandios gescheiterten „Dark Universe“ hätte Dracula wohl mit Sicherheit eine Rolle spielen sollen.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Nosferatu