The French Dispatch

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Story: Als Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray), Herausgeber der Zeitschrift„The French Dispatch“, einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, wird die Publikation eingestellt, allerdings soll es gemäß seines letzten Willens eine finale Ausgabe geben, die zusätzlich zu einem Nachruf einige bereits gedruckte Artikel enthält. Bei diesen handelt es sich um „The Cycling Reporter“ von Herbsaint Sazerac (Owen Wilson), ein kleines Portrait der französischen Stadt Ennui, in welcher „The French Dispatch“ beheimatet ist, „The Concrete Masterpiece“ von J.K.L. Berensen (Tilda Swinton), in welchem es um den im Gefängnis sitzenden Künstler Moses Rosenthaler (Benicio del Toro) geht, „Revisions to a Manifesto“, in welchem Lucinda Krementz (Frances McDormand) von ihren Erlebnissen mit dem jungen Revolutionär Zeffirelli (Timothée Chalamet) berichtet, sowie „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ von Roebuck Wright (Jeffrey Wright), ein etwas aus dem Ruder geratener Bericht über den Koch Nescaffier (Steve Park).

Kritik: Egal, ob man Wes Andersons Eigenheiten als Regisseur schätzt oder nicht, er ist in jedem Fall distinktiv – vielleicht distinktiver als der jedes anderen aktuell arbeitenden Regisseurs. Man mag seinen Stil lieben oder hassen, man weiß in jedem Fall, was man bekommt: Symmetrische Kameraeinstellungen, eine aufwändig komponierte, ebenso detailreiche wie artifizielle Bildsprache, Puppenhaus-artige Kulissen und Sets, absurder und trockener Humor sowie eine Riege an exzentrischen Figuren, gespielt von einer Myriade von Darstellern aus Hollywoods Elite – neben den üblichen Verdächtigen wie Tilda Swinton, Bill Murray, Owen Wilson oder Frances McDormand sind dieses Mal auch Jeffrey Wright, Léa Seydoux, Christoph Waltz (also mit anderen Worten der halbe Cast aus „No Time to Die“) und Benicio del Toro mit dabei – um jeweils nur einige zu nennen. Wer mit Andersons Stil nichts anfangen kann, wird durch „The French Dispatch“ sicher nicht bekehrt und wem seine Manierismen beginnen, langsam auf die Nerven zu gehen, dürfte mit dem neuesten Streich ebenfalls nicht zufrieden sein, da Anderson jegliche Zurückhaltung aufgibt und sich in seinem Stil regelrecht suhlt, fast bis an die Grenze zur Selbstparodie.

Tatsächlich bietet „The Frenchs Dispatch“ genau dafür die perfekte Gelegenheit, da es sich um eine Anthologie mit dreieinhalb in sich geschlossenen Segmenten und einer Rahmenhandlung handelt – jede der oben beschriebenen Storys stellt eines dieser Segmente dar. Da Anderson dieses Mal keine (mehr oder weniger) kohärente Geschichte über einen ganzen Film erzählt, kann er sich innerhalb der einzelnen Segmente noch mehr in absurden Details verlieren. Und der Zuschauer, der eine Affinität für seinen Stil besitzt, verliert sich ebenfalls, sodass man mitunter vergisst, dass das aktuelle Segment nicht der Hauptfilm ist.

Thematisch setzt sich Anderson in „The French Dispatch“ mit den Themen Frankreich und Journalismus auseinander – der Film bzw. die titelgebende Zeitung ist explizit als Hommage an das Wochenmagazin „The New Yorker“ gedacht, wie Anderson auch in einem Interview mit, wie könnte es anders sein, „The New Yorker“ berichtet. Da ich persönlich weder mit besagtem Magazin, noch mit seiner Geschichte vertraut bin, verfehlen die meisten Anspielungen und Referenzen zu Artikeln, Personen etc. bei mir ihr Ziel, aber da dürfte ich wenigstens nicht allein sein. Da ich immerhin im selben Milieu tätig bin, zumindest im weiteren Sinne, ist „The French Dispatch“ mir dennoch „näher“ als die meisten anderen Anderson-Filme, obwohl es sich nicht um meinen Favoriten von ihm handelt. Tatsächlich gelingt es Anderson sehr gut, das Gefühl eines Magazins wie „The New Yorker“ in Filmform zu übersetzen, was tatsächlich so weit geht, dass ein Teil des Segments „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ Animation ist – schließlich haben auch Cartoons ihren festen Platz in derartigen Publikationen. Die Anthologiestruktur ist diesbezüglich natürlich ebenfalls sehr hilfreich.

Das andere große Thema ist, wie bereits erwähnt, Frankreich, Wes Andersons Wahlheimat, und speziell der französische Film. Gerade mit den vielen, in schwarzweiß gehaltenen Flashbacks und Erzählsequenzen wirkt „The French Dispatch“ oft wie eine liebevolle Parodie des französischen Kinos – oder zumindest einer abstrahierten, nicht unbedingt klischeefreien Version desselben. Auf das zweite Segment trifft das in besonderem Ausmaß zu, denn was wäre ist französischer als eine Revolution?

Ohne Zweifel sind alle vier Vignetten höchst unterhaltsam, Owen Wilsons Tour durch Ennui ist am kurzweiligsten, ich denke aber, mein Favorit ist „The Concrete Masterpiece“, und das nicht nur, weil Tilda Swinton als Erzählerin fungiert (aber auch). Tonal ist dieser Teil des Films „The Grand Budapest Hotel“, meinem Favoriten von Anderson, am nächsten und verfügt meinem Empfinden nach über die skurrilsten und unterhaltsamsten Figuren, sei es Benicio del Toro als griesgrämiger Gefängniskünstler, Adrien Brody als durchtriebener Kunsthändler, Léa Seydoux als stoische Gefängniswärterin/Muse und natürlich Tilda Swinton als herrlich überdrehte Kunstexpertin.

Ebenso wie es stilistisch nicht wirklich Überraschungen gibt, verwundert es kaum, wie der Score ausgefallen ist: Anderson und sein Stammkomponist Alexander Desplat haben, mehr noch als Duos wie Tim Burton und Danny Elfman oder Christopher Nolan und Hans Zimmer, definitiv ihren distinktiven Sound gefunden – verspielt, versehen mit schrägen Instrumentenkombinationen und rhythmisch treibend dank diverser repetitiver Figuren. Und genau das bietet Desplats Score auch hier – es fehlt das osteuropäische Flair von „The Grand Budapest Hotel“, dafür wird französisches Feeling geboten, nicht zuletzt durch den häufigen Einsatz von Klavier und Cembalo.

Fazit: Wes Andersons Auseinandersetzung mit den Themen Journalismus und Frankreich in Anthologieform ist ebenso kurzweilig wie schräg und unterhaltsam – sofern einem Andersons Stil und seine Manierismen zusagen.

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Siehe auch:
Interview mit Wes Anderson in „The New Yorker“

Dune: Part One

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Story: In ferner Zukunft wird das Universum von einem mächtigen Imperium beherrscht, das sich aus verschiedenen Adelshäusern zusammensetzt. Eines dieser Adelshäuser, die Atreides unter Führung des Herzogs Leto (Oscar Isaac) erhalten vom Imperator den Auftrag, den Abbau der Droge Melange (auch Spice genannt) auf dem Planeten Arrakis alias Dune zu überwachen. Melange ist die wichtigste Substanz des Imperiums, die unter anderem interstellares Reisen überhaupt erst möglich macht. Aus diesem Grund siedelt das Haus Atreides, inklusive Letos Mätresse Jessica (Rebecca Ferguson) und ihrem gemeinsamen Sohn Paul (Timothée Chalamet), über nach Arrakis, wo nicht nur eine tödliche Wüste mit riesigen Würmern, sondern auch die potentiell gefährlichen Eingeborenen, die Fremen, auf sie warten. Doch die wahre Gefahr kommt aus einer anderen Richtung: Vladimir Harkonnen (Stellan Skarsgård), der zuvor Arrakis beherrschte und gnadenlos ausbeutete, plant schon seit langem den Untergang des Hauses Atreides und startet nun eine mörderische Intrige, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen…

Kritik: Frank Herberts 1965 erschienener Roman „Dune“ hat im Science-Fiction-Genre einen Stellenwert, der mit dem des „Lord of the Rings“ in der Fantasy zumindest in Ansätzen vergleichbar ist. Die Einflüsse auf andere Medien, nicht zuletzt Star Wars, aber auch „A Song of Ice and Fire“, sind enorm. Nicht minder legendär als die Geschichte des Romans sind die Versuche, ihn zu verfilmen, von der Jodorowsky-Version, die es nie über die Planung hinausgeschafft, aber immerhin zu einer sehr faszinierenden Dokumentation geführt hat, über David Lynchs missglückte Verfilmung von 1984 bis hin zur Fernsehadaption der frühen 2000er. Schließlich bekam Denis Villeneuve die Gelegenheit, nach „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ noch tiefer in die Science Fiction vorzudringen und sich Herberts Roman mit einem wirklich beeindruckenden Cast anzunehmen – unglücklicherweise verhinderte Corona den ursprünglichen Kinostart im November 2020. Nun ist „Dune: Part One“ – denn Villneuve weigerte sich, Herberts umfangreichen Roman in nur einem Film umzusetzen – endlich im Kino zu begutachten. So viel schon einmal vorneweg: Allein aufgrund der visuellen Wucht lohnt sich der Kinobesuch.

Wie nicht anders zu erwarten knüpft Villeneuve mit „Dune“ sehr stark an seinen bereits in „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ etablierten visuellen Stil an, der nach wie vor seinesgleichen sucht und einem Epos wie diesem mehr als gerecht wird. Bombastische Bilder und breite Panoramen, dazu ein höchst distinktives Design, das sich glücklicherweise weit von der Bizarrheit der Lynch-Version entfernt hat, sorgen dafür, dass Villeneuves Adaption sich in der Erinnerung festsetzt.

Inhaltlich hält sich Villeneuve, der zusammen mit Jon Spaihts und Eric Roth auch das Drehbuch verfasste, im Großen und Ganzen sehr eng an die Vorlage, die ich mir im Vorfeld extra in Hörbuchform zu Gemüte geführt habe. Natürlich muss man beachten, dass hier nur etwa die erste Hälfte des Romans umgesetzt wird und man das auch merkt – der Film endet zwar nicht völlig abrupt oder mit einem Cliffhanger, aber keiner der größeren Konflikte wird auch nur ansatzweise aufgelöst, das Schicksal vieler Figuren bleibt unklar. Ansonsten ist die Romanhandlung stets sehr präsent, die größten Abweichungen finden sich bei der Interpretation einiger Figuren, primär Paul und Leto Atreides. Vor allem diese beiden werden deutlich moderner dargestellt, als es bei Frank Herbert der Fall ist, wo sie archaischer bzw. feudaler daherkommen. Leto ist im Film verständnisvoller und väterlicher, während Paul von Anfang an seine Rolle als Erbe hinterfragt, was er im Roman nicht tut bzw. was dort ein Ergebnis seiner Entwicklung ist. Paul wird im Film allerdings auch nicht ganz so hyperkompetent und allwissend dargestellt, wie es im Roman der Fall ist, was ich definitiv als Verbesserung werten würde.

Viele Aspekte der Figuren gehen natürlich verloren, da Herbert sehr intensiv und ausführlich auf die Gedanken der Charaktere eingeht – der Erzähler von „Dune“ ist sehr allwissend und blickt regelmäßig in jeden Kopf hinein, um dem Leser genau mitzuteilen, was da gerade passiert. Einer der wenigen Aspekte, die der David-Lynch-Film wirklich sehr direkt adaptiert, war diese Herangehensweise, die in sehr, sehr, sehr vielen geflüsterten Kommentaren aus dem Off resultierte. Glücklicherweise entschied sich Villeneuve dagegen und versucht stattdessen, die inneren Vorgänge visuell zu inszenieren, was meistens (wenn auch nicht immer) ziemlich gut funktioniert.

Was verständlicherweise mitunter verloren geht, ist das umfangreiche Worldbuilding, das Herbert auf den Seiten des Romans betreibt, wo er immer wieder historische, philosophische, religiöse oder bio- und geologische Exkurse über die erzählte Welt im Allgemeinen und Arrakis im Speziellen unternimmt, die im Film natürlich nur schwerlich untergebracht werden können und sich, wenn sie denn auftauchen, ausschließlich auf Handlungsrelevantes beschränken oder Teil der visuellen Umsetzung sind. Dennoch hat man mitunter das Gefühl, dass der gerade der politische Aspekt und die Lage im Imperium, die Rolle, die die Harkonnen spielen etc. etwas zu kurz kommen, sodass sie schwer greifbar sind. Aber wer weiß, ein (hoffentlich kommendes) Sequel könnte da Abhilfe schaffen.

Handwerklich kann man „Dune: Part One“ kaum etwas vorwerfen. Wie bereits erwähnt lohnt sich der Film allein schon wegen der Optik, und auch schauspielerisch gibt es nichts zu meckern. Gerade im Schurkenbereich sorgen Stellan Skarsgård als Baron Vladimir Harkonnen sowie Dave Bautista und David Dastmalchian als seine Untergebenen Glossu Raban und Piter De Vries dafür, dass die Widersacher der Atreides trotz einem gewissen Mangel an „Handfestigkeit“ im Gedächtnis bleiben. Dasselbe gilt für die Vielzahl an Figuren auf der Gegenseite; obwohl Gurney Halleck (Josh Brolin), Duncan Idaho (Jason Momoa), Fremen-Anführer Stilgar (Javier Bardem) oder Chani (Zendaya) alle relativ wenig Leinwandzeit haben, holen sie doch heraus, was möglich ist. Dasselbe gilt natürlich auch für die oben bereits erwähnten Darstellerinnen und Darsteller. Auch dramaturgisch und strukturell wurde die Handlung gut umgesetzt, lediglich in der Mitte gibt es einen kleinen Durchhänger, bevor sich die Ereignisse dann plötzlich überschlagen, ich wüsste allerdings ad hoc nicht, wie man es anders bzw. besser hätte machen können.

Kommen wir schließlich noch zu einem Aspekt, der von vielen gelobt wird, den ich aber eher kritisch sehe: Der Score von Hans Zimmer. Inzwischen ist klar, was Villeneuve mit der Musik in seinen Filmen bezweckt: Er möchte ein immersives Erlebnis erschaffen, Score und Sounddesign sollen miteinander verschmelzen und untrennbar Teil der erzählten Welt werden, quasi entgegengesetzt zum Konzept, das George Lucas und John Williams bei „A New Hope“ verfolgten, wo der sehr klassische angehauchte Soundtrack als Kontrapunkt zur (damals) sehr fremden Welt der weit, weit entfernten Galaxis dienen und das Publikum emotional ankern sollte. Ähnlich wie Herbert beim Worldbuilding im Roman will Villeneuve im Film das Publikum allerdings nicht an die Hand nehmen, sondern es stattdessen direkt hineinwerfen. Das ist per se kein schlechter Ansatz, allerdings ist die derartige Vermischung von Musik und Sounddesign schlicht etwas, das nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Bereits in Jóhann Jóhannssons Score zu „Arrival“ verfolgten Villneuve und der 2018 verstorbene isländische Komponist diesen Ansatz, der auch in „Dune: Part One“ Verwendung findet. Tatsächlich scheint Zimmer Jóhannsson des Öfteren zu kanalisieren, ohne allerdings dieselbe Wirkung zu entfalten oder dieselbe Kreativität an den Tag zu legen. Wer mit Zimmers Œuvre, speziell den Scores, die er für „Blade Runner 2049“ sowie die Filme von Chris Nolan und Zack Snyder komponierte, vertraut ist, wird nur allzu viele Stilmittel wiedererkennen. Repräsentative Motive im weiteren Sinne sind durchaus vorhanden, aufgrund mangelnder Variation kann man allerdings kaum von Leitmotiven sprechen, da sie nicht leiten, es sind eher wiederkehrende instrumentale Texturen für bestimmte Konzepte, etwa der bellende Frauenchor für die Bene Gesserit, Erhu und vage nahöstliche Instrumentierung für Arrakis oder (diegetische) Dudelsäcke für Haus Atreides. Alles wird natürlich durch elektronische Manipulation stark verfremdet und prozessiert. Streckenweise funktioniert das durchaus gut, mitunter geraten die üblichen „Zimmerismen“ in der Musik aber auch beinahe zur Selbstparodie, besonders wenn der Ton, wie bei meinem Kinobesuch, deutlich zu laut eingestellt ist. Spätestens als Zimmer die Percussion-Gewitter aus „Man of Steel“ ausgepackt hat, sah ich mich gezwungen, genervt die Augen zu verdrehen. Ich denke schon, dass ein „traditioneller“ Score hier fehl am Platz gewesen wäre, komme aber nicht umhin mich zu fragen, was wohl ein Komponist wie Don Davis, Elliot Goldenthal oder Philip Glass mit dem Material angestellt hätte.

Fazit: Sehr gelungene und vor allem visuell extrem beeindruckende Verfilmung von Frank Herberts Roman. Mit dem Urteil darüber, ob Villeneuves „Dune“ das Prädikat „Meisterwerk“ oder „LotR-Äquivalent der 2020er“ verdient hat, warte ich allerdings, bis ich „Part Two“ gesehen habe, so er denn kommt. Hoffentlich…

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Siehe auch:
Arrival
Blade Runner 2049 – Ausführliche Rezension