Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales

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Story: Der junge Henry Turner (Brenton Thwaites) möchte seinen Vater Will (Orlando Bloom) um jeden Preis vom Fluch der Flying Dutchman befreien. Dazu benötigt er den Dreizack des Poseidon, der jeden Fluch der Meere brechen kann. Nur zwei Personen sind in der Lage, ihm beim Aufspüren des Dreizacks zu helfen: Die junge Astronomin Carina Smyth (Kaya Scodelario), die über eine wichtige Spur in Form eines Tagebuchs verfügt, und natürlich Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) mit seinem Kompass. Jack hat darüber hinaus ebenfalls Verwendung für den Dreizack, denn ein alter Feind ist ihm auf den Fersen, um sich an ihm zu rächen: Der untote Captain Salzar (Javier Bardem), der Piraten im Allgemeinen und Jack Sparrow im Besonderen hasst wir die Pest. Sein Kreuzzug gegen die Piraterie ruft auf Captain Barbossa (Geoffrey Rush) auf den Plan, der jedoch wie üblich eigene Ziele verfolgt…

Kritik: Mein Verhältnis zum Pirates-Franchise ist ein wenig anders und insgesamt positiver als das der meisten. Obwohl auch ich denke, dass „The Curse of the Black Pearl“ ein fast perfekter Abenteuerfilm ist, ziehe ich den komplexeren, von exzellenter Figurendynamik getriebenen zweiten Teil vor. Die Teil 3 und 4 sind da weitaus schwächer, aber auch ihnen kann ich durchaus einiges abgewinnen. „Dead Men Tell No Tales“ (mancherorts auch „Salazar’s Revenge“) dagegen hat mich insgesamt ziemlich enttäuscht und ist in meinen Augen der mit Abstand schwächste Film des Franchise.

Alle anderen Pirates-Filme, unabhängig von ihren sonstigen Stärken und Schwächen, hatten dieses gewisse Etwas, das sie zu Pirates-Filmen machte, dieses Verständnis für die Figuren und die Welt. „Dead Men Tell No Tales“ fehlt dieses gewisse Etwas. Es liegt gewiss nicht daran, dass die Regisseur Joachim Rønning und Espen Sandberg sowie Drehbuchautor Jeff Nathanson nicht versuchen, all das, was einen Pirates-Film ausmacht, auch in Teil 5 unterzubringen, aber leider bleibt es beim gescheiterten Versuch. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die ursprünglichen Drehbuchautoren und Erschaffer dieser Welt, Ted Elliott und Terry Rossio, an diesem Sequel kaum bzw. gar nicht beteiligt waren. Letzterer hat zwar noch ein Story-Credit, aber soweit ich weiß bezieht sich das höchstens auf ein paar allgemeine Ideen – das Drehbuch stammt ausschließlich von Jeff Nathanson.

Die Zutaten der Geschichte sind die üblichen: Ein magisches MacGuffin, ein junger, unbedarfter Held samt Love-Interest, bösartige Geister, Action-Set-Pieces und natürlich Captain Jack Sparrow. Schon „On Stranger Tides“ variierte im Grunde primär Elemente des ersten Films, aber dort funktionierte das Ganze für mich noch zumindest halbwegs. Wie sehr dem neuen Kreativteam das Verständnis für diese Welt fehlt, zeigt sich am besten an Jack Sparrow selbst. In den anderen vier Filmen mag er viele Dinge gewesen sein; exzentrisch, verschroben, bizarr, aber eines war er nie: Ein Trottel. Hinter der Fassade verbarg sich stets ein scharfer Verstand; Jack hatte immer noch ein bis zwei Notfallpläne und konnte auch ziemlich gut improvisieren, sollte es mit besagten Plänen nicht klappen. Jack Sparrow ist ein klassischer Trickster, der alle an der Nase herumführt. In Teil 5 dagegen scheint Depp jedes Gespür für seine Figur verloren zu haben und spielt sie als Parodie ihrer selbst, noch nuschelnder, noch torkelnder, noch bizarrer, aber ohne den wachen, planenden Verstand, der sie antreibt und vor allem ohne die Essenz, die sie erst zu jedermanns Lieblingsfigur machte. Bei vielen anderen Elementen dieses Films wirkt es ähnlich, egal ob es sich um die Dialoge, den Humor oder die Action handelt: Vieles wirkt, als wolle „Dead Men Tell No Tales“ den ersten Film, der ja selbst zumindest teilweise eine Parodie auf das Genre des Piratenfilms ist, parodieren. Alles ist noch bescheuerter und übertriebener – und das nicht auf die gute Art.

Letztendlich gilt wohl vor allem folgender Leitsatz für diesen Film: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.“ Nathanson, Rønning und Sandberg arbeiten stark mit Nostalgie und bringen Figuren- und Handlungselemente der ursprünglichen Trilogie zurück, um vermeintlich offene Enden zu verarbeiten, während sie gleichzeitig weiter die Hintergründe Jack Sparrows beleuchten wollen. Aber auch hier gehen sie schlampig vor, vieles passt nicht zu dem, was bereits etabliert wurde. So zeigt „Dead Men Tell No Tales“ beispielsweise wie Jack an seinen Kompass erhielt – nur blöd, dass er ihn laut „Dead Man’s Chest“ von Tia Dalma bekam. Auch die Funktionsweise scheint sich verändert zu haben, denn in den bisherigen Filmen gab es nie negative Auswirkungen, obwohl Jack den Kompass munter an alle mögliche Leute weitergab, von Elizabeth über Will bis hin zu Beckett (das ist dann wohl nicht als Verrat zu werten). Und apropos Will, dieser hat fischige Züge, diese sollte er aber nur bekommen, wenn er seine Aufgabe vernachlässigt, so wie es Davy Jones einst getan hat; der Film thematisiert jedoch nicht einmal, ob dies der Fall ist (es würde auch irgendwie nicht zu Will passen). Fast noch schlimmer wiegt jedoch für mich, dass diese Rahmenhandlung um Will und seinen Sohn von der Haupthandlung um Captain Salazar ziemlich separiert ist, sodass das alles nicht recht zusammenpassen will und die Auftritte alter Figuren wie unnötiger und unmotivierter Fanservice wirken.

Auch darstellerisch überzeugt „Dead Men Tell No Tales“ nicht wirklich. Über Johnny Depp hatte ich ja bereits gesprochen, Brenton Thwaites ist so blass wie Sam Claflin vor ihm in Teil 4, Javier Bardem hat zwar sichtlich Spaß dabei, so richtig zu keuchen und ächzen, aber auch er kann die langweilige Schurkenfigur, quasi eine Mischung aus Barbossa (verfluchter Untoter) und Beckett (hasst Piraten) nicht retten, und selbst Geoffrey Rush wirkt dieses Mal ein wenig demotiviert. Die große Ausnahme ist Kaya Scodelario, die mir hier wirklich gut gefallen und bei jeder ihrer Szenen frischen Wind in einen ansonsten sehr abgestanden wirkenden Film gebracht hat. Sollte es noch weitere Pirates-Filme geben, darf sie gerne die neue Hauptfigur sein. Aber dann bitte mit anderem Kreativteam und der Beteiligung von Ted Elliott und Terry Rossio.

Fazit: „Dead Men Tell No Tales“ versagt leider fast auf ganzer Linie, da es dem Drehbuchautor und den Regisseuren nicht gelingt, die spezielle Essenz einzufangen, die auch die schwächeren Filme des Franchise zu Pirates-Filmen gemacht hat. Was bleibt ist eine fast sinn- und seelenlose Aneinanderreihung von übertriebenen Action-Set-Pieces und ein Johnny Depp, der jedes Gespür für seine ikonische Figur verloren hat.

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Hoist the Colours


In diesem Jahr kehren die Piraten der Karibik auf die Leinwand zurück. Während auch ich mich durchaus frage, ob ein fünfter Pirates-Film wirklich nötig ist, werde ich ihn mir dennoch ansehen; schließlich ist man Fan des Franchise und insgesamt kann ich tatsächlich jedem Teil der Reihe etwas abgewinnen und schaue sie mir alle immer mal wieder gerne an. Auch musikalisch sind die Pirates-Filme sehr interessant. He’s a Pirate gehört zu den Filmthemen, die jeder schon einmal gehört hat; tatsächlich können die meisten Nicht-Filmmusikkenner es auch noch korrekt zuordnen und für manch einen Filmmusikfan ist der erste Pirates-Score tatsächlich die Einstiegsdroge. Der beste Score des Franchise ist jedoch, wie ich schon mehrfach zu Protokoll gegeben habe, in meinen Augen der dritte. Hier haben Hans Zimmer und sein Team nicht nur den besten Score seiner bzw. ihrer Karriere abgeliefert, sondern auch das beste Thema  – ein Thema, das eine ausgiebige Besprechung verdient hat, weil es sehr schön zeigt, was man mit einem guten Leitmotiv so alles machen kann.

Hoist the Colours kommt ausschließlich in „Pirates of the Caribbean: At World’s End“ vor, es gibt jedoch ein Motiv, das aus einer ähnlich klingenden Akkordfolge besteht und in jedem der Pirates-Filme das eine oder andere Mal auftaucht, zum Beispiel am Ende von Barbossa is Hungry und am Anfang von Bootstrap’s Bootstraps auf dem Album von „The Curse of the Black Pearl“. Es scheint sich hierbei allerdings weniger um ein Leitmotiv, das für eine bestimmte Figur oder ein spezifisches Plotelement steht, zu handeln, sondern eher um ein allgemeines Action- bzw. Gefahrenmotiv.

Wie dem auch sei, hier noch kurz ein Wort zu meiner Vorgehensweise: Das Pirates-3-Soundtrackalbum lässt in mancher Hinsicht leider ein wenig zu wünschen übrig – einige der besten und wichtigsten Einsätze von Hoist the Colours fehlen dort. Zum Glück finden sich auf Youtube die Recording Sessions, und auf diese werde ich mich im Folgenden auch beziehen und die zentralen Stücke in den Text einbetten. Wo es mir nötig erscheint werde ich auch auf die Stücke des Albums verweisen.

Hoist the Colours sticht schon deshalb aus den Leitmotiven der Filmreihe hervor, weil es nicht nur Teil des extradiegetischen Scores ist, sondern auch als diegetisches Lied in der erzählten Welt existiert. Schon in „Dead Man’s Chest“ spielten Zimmer und Regisseur Gore Verbinski mit einem Thema, das auch die Figuren des Films wahrnehmen können: Davy Jones‘ Thema wird sowohl von ihm selbst auf der Orgel als auch von der Spieluhr, die er und Tia Dalma besitzen, gespielt. Mit Hoist the Colours gehen Verbinski und Zimmer allerdings noch einen Schritt weiter und machen das Stück, bzw. das Lied zu einem zentralen Teil der Handlung. Der von den Drehbuchautoren Ted Elliot und Terry Rossio verfasste Text erzählt die Geschichte von Davy Jones und Calypso und dient zugleich dazu, den Rat der Bruderschaft einzuberufen. Aus dieser Funktion leitet sich auch die leitmotivische Bedeutung von Hoist the Colours im Score ab: Es handelt sich um das Thema der Bruderschaft und ihres Hohen Rats. Gerade weil Hoist the Colours die Melodie eines Liedes ist, ist das Thema auch komplexer als viele andere Leitmotive der Filmreihe. Es verfügt über zwei Phrasen: Die A-Phrase (oder Strophenmelodie) und die B-Phrase (oder Refrainmelodie) – im Score taucht die B-Phrase um einiges häufiger auf, da sie prägnanter ist und sich gut als Fanfare eignet.

Bereits die Eröffnungsszene, in der die zum Tode verurteilten Piraten Hoist the Colours singen, etabliert das Lied als zentrales musikalisches Handlungselement; leider fehlt auf dem Album die erste Version des Refrains. Nach der Titeleinblendung geht es sofort weiter: Während sich Elizabeth durch die Wasserwege Singapurs bewegt, singt sie weitere Strophen des Liedes. Und dann ist da noch Tia Dalma, die mit ihrer Drehorgel ebenfalls Hoist the Colours spielt.

Der erste extradiegetische Einsatz des Themas findet sich etwas später in Battle with the Brits, als die Truppen der East India Traiding Company Sao Fengs Schlupfwinkel angreifen. Der Score dieser ersten Szenen des Films ist von asiatischer Instrumentierung geprägt, die sich auch in den Actionsequenzen fortsetzt. Dazu mischt sich Cutlers Becketts Thema, das, wie so häufig in diesem Film als Ostinato in der Begleitung zu hören ist, sowie das neue EITC-Motiv. Bei 1:16 bricht dann die Melodie des Refrains von Hoist the Colours als heroische Blechbläserfanfare aus, und das nicht ohne Grund: Zum ersten Mal kämpfen hier Piraten verschiedener Lords zusammen gegen die Traiding Company als gemeinsamen Feind. Dieses Bündnis mag noch nicht allzu stabil sein oder lange anhalten, aber es deutete die kommende Vereinigung der Piraten bereits an. Hier wird dem Zuschauer durch die heroische, siegreiche Variation bereits gezeigt, was die Figuren zum Teil erst nach und nach begreifen: Wenn sie siegen wollen, müssen sie sich vereinen.

Der nächste Einsatz findet sich erst, nachdem Will, Elizabeth, Barbossa und Co. mit Jack Sparrow aus Davy Jones‘ Reich zurückgekehrt sind. Nach dieser Todeserfahrung hat Jack keine so rechte Lust, sich an Barbossas Plan und der Vereinigung des Hohen Rats der Bruderschaft zu beteiligen – der Anblick des toten Kraken ändert da nicht viel. Entsprechend heißt das dazugehörige Stück Jiggy Kraken, der Anblick des toten Leviathans wird jedoch nicht vom Thema der Kreatur, sondern von einer bedrohlichen Version von Cutler Becketts Thema unterlegt, um zu verdeutlichen, wer für den Tod des Kraken verantwortlich ist. Das folgende Gespräch von Jack und Barbossa dreht sich um die Leere der Welt und die Wirkung der Handlungen von Beckett und ist dementsprechend mit ziemlich hoffnungsloser Musik untermalt, die einem Stück aus „Dead Man’s Chest“ gleicht, das nach Jacks Ableben erklang. Barbossa gelingt es schließlich, Jack vorläufig von der Nötigkeit der Bruderschaft zu überzeugen; die schwermütigen Streicherklänge werden ab 2:20 hoffnungsvoller und gehen langsam in Hoist the Colours über. Sogar die Belchbläser stoßen kurzzeitig dazu, doch dieser Einsatz des Themas der Bruderschaft bleibt ein unvollendetes Fragment – Jack ist nicht völlig überzeugt und noch dazu lauert bereits der Verrat.

Tatsächlich verrät in der folgenden halben Stunde jeder so gut wie jeden. Während zumindest Jack und Barbossa in Shipwreck Cove, wo sich der Rat der Bruderschaft trifft, ankommen, landet Will Turner samt Kompass, der auf den Herzenswunsch gerichtet ist, bei Beckett und Davy Jones. Dementsprechend ist die Untermalung des Gesprächs auch von den Themen dieser beiden Figuren geprägt, jedenfalls bis Will den Kompass hervorholt. Die Musik verrät, auf welches Zielt er zeigen wird: Zum ersten Mal taucht die A-Phrase des Themas der Bruderschaft im Score auf. Dieses Mal erklingt Hoist the Colours nicht als heroische Fanfare, die Instrumentierung mit Akkordeon und Banjo erinnert an ein typisches Seemannslied. Im Verlauf des Stückes Shipwreck Cove schwillt Hoist the Colours immer weiter an, das volle Orchester samt Chor untermalt den ersten Blick auf Shipwreck City. Bei diesem Stück handelt es sich um das erste komplette Statement des Themas mit A- und B-Phrase. Ich möchte auch noch betonen, dass sich diese drei ersten extradiegetischen Einsätze nicht auf dem Album befinden.

Da sich die meisten handelnden Figuren nun im Hauptquartier der Bruderschaft befinden, nimmt die Frequenz der Hoist-the-Colours-Statements zu. Bereits im folgenden Stück, Brethren Court Begins, ist es wieder zu hören. Es zeigt sich, dass die neun Piratenlords ein ziemlich chaotischer Haufen sind; dementsprechend bekommt das Thema der Bruderschaft nun eine komödiantische Färbung, die auf die Instrumentierung aus Shipwreck Cove zurückgreift und diese weiterentwickelt. Was wäre auch ein Piratenfilm ohne derartige Klänge? Hier zeigt sich, wie vielseitig die Melodie von Hoist the Colours ist. Interessanterweise erklingt nur die A-Phrase.

Teague and the Code gewinnt dem Thema der Bruderschaft abermals eine neue Seite ab. Das Stück beginnt mit einem eher schrägen Statement des torkelnden Jack-Sparrow-Themas, das hier nicht Jack selbst, sondern seinem von Keith Richards gespieltem Vater Captain Teague gilt. Dieser ist auch Wächter des Kodex der Bruderschaft; dieses feierliche Dokument erhält ebenfalls eine Hoist-the Colours-Variation, die sich von der vorangegangenen kaum mehr unterscheiden könnte. Aus dem lustigen Seemannslied ist ein ehrfürchtiges, beinahe sakrales Chorstück geworden. Teague and the Code bedient sich ausschließlich der B-Phrase, sodass man beinahe geneigt ist, diesen und den vorangegangenen Einsatz miteinander in Verbindung zu bringen. Auf dem Soundtrack-Album finden sich diese beiden Stücke tatsächlich in einem Track (The Brethren Court), allerdings in vertauschter Reihenfolge.

Nach Königswahlen, Unterredungen und der Befreiung einer Göttin muss die Bruderschaft es schließlich mit der East India Traiding Company aufnehmen, was angesichts der gewaltigen Armada zu Hoffnungslosigkeit führt. Zum Glück erinnert sich König Elizabeth (macht das Will nach der Hochzeit zur Königin?) an die gute alte Filmtradition der heroischen, mit Gänsehaut erzeugenden Musik unterlegten Ansprache. Natürlich kommt hierfür nur Hoist the Colours in Frage. In Hoist the Colours Declaration wird die B-Phrase erst zurückhaltend angestimmt, steigert sich aber nach und nach immer weiter, bis schließlich der Chor dazustößt und die bislang vollste und epischste Variation des Themas der Bruderschaft erklingt: „Gentlemen, hoist the colours!“ Nun ist die Bruderschaft endlich unter einer Flagge vereint, weshalb sich Hoist the Colours im Folgenden fast schon zu einem allgemeinen Action-Motiv wandelt, das die heroischen Handlungen der Piraten untermalt.

Diese Version des Themas findet sich unter dem Namen What Shall We Die For auch auf dem kommerziellen Album, es handelt sich dabei aber um eine Alternativversion, bei der der Chor tatsächlich (wenn auch schwer verständlich) den Text von Hoist the Colours singt – in der Filmversion bleibt der Chor wortlos, dafür gibt es eine hübsche Blechbläserfigur, die ins nächste Stück überleitet.

Besagter nächster Track, Maelstrom Part 1, ist einer der besten Actiontracks der gesamten Filmreihe und wer entschieden hat, ihn nicht mit auf die CD zu packen gehört über die Planke geschickt. Hier zeigen Zimmer und Co. in etwa fünfeinhalb Minuten, was sie können, wenn sie nur wollen – die Dynamik und leitmotivische Komplexität in diesem und den folgenden Tracks findet sich in kaum einem anderen Remote-Control-Score. Flüssig und scheinbar völlig mühelos werden fast alle wichtigen Themen der Filmreihe eingeflochten und arbeiten während dieser Schlacht mit- und gegeneinander. Fragmente von Hoist the Colours sind von Anfang vorhanden, werden aber immer wieder von Becketts Thema, den EITC-Motiven und Tia Dalmas bzw. Calpyso Thema überlagert, jedenfalls bis bei 3:50 zum ersten Mal eine vollständigere Version erklingt, die jedoch ein gewisses Maß an Verzweiflung ausdrückt. Nach einem kurzen Intermezzo kehrt Hoist the Colours mit Chor in der Begleitung bei 4:34 zurück, noch getragener, noch verzweifelter, aber auch noch entschlossener, während sich die Black Pearl und Flying Dutchman mit ihren Kanonen gegenseitig durchlöchern. Das Ende dieses Statements wird zu Beginn des folgenden Tracks (Getting the Chest) kurz wiederholt, im Film erklingt es jedoch nur einmal.

Schon in A Lost Bird kehrt das Thema der Bruderschaft bei 0:59 zurück, abermals mit Chor, der dieses Mal die Melodie singt, sowie viel Percussion. Das Statement untermalt Jacks Kampf mit Davy Jones und klingt energetischer – mit Ausnahme des Einsatzes in Battle with the Brits dürfte es sich hierbei um die actionreichste Variation von Hoist the Colours handeln. Direkt im Anschluss, am Anfang des Tracks The Wedding, erklingt etwas, das noch einmal Hoist the Colours sein könnte, bei dem es sich jedoch meiner Meinung nach um das zu Anfang dieses Artikels erwähnte Action-Motiv handelt. Ähnlich verhält es sich mit den Fragmenten in den ersten drei Minuten von Beckett’s Death – bei diesen könnte es sich sowohl um stark verfremdete Versionen von Hoist the Colours handeln, die den Seitenwechsel der Flying Dutchman darstellen, als auch um Bruchstücke besagten Action-Motivs ohne tieferen Sinn.

Auf dem kommerziellen Album gibt es für die finale Schlacht einen Mammuttrack namens I Don’t Think Now Is the Best Time, der primär aus den Stücken Beckett’s Death (Anfang bis 4:55), A Lost Bird (4:56 bis 6:10), The Wedding (6:11 bis 9:21) und ein wenig Maelstrom Part 2 (9:22 bis Schluss) besteht. Die Reihenfolge stimmt natürlich nicht, chronologisch müsste Beckett’s Death den Track abschließen, statt ihn zu eröffnen.

Nun fehlt noch ein großer Einsatz von Hoist the Colours: Nachdem He’s a Pirate wie gewohnt den Abspann eröffnet und anschließend das dreiteilige Liebesthema erklingt, spendiert Hans Zimmer uns fünf glorreiche Minuten, in denen fast alle Variationen des Themas der Bruderschaft noch einmal durchexerziert werden. Die Hoist the Colours Suite des Abspanns wurde als Teil des „Pirates of the Caribbean Treasure Set” auf der Bonus-CD „Remixed and Unreleased“ veröffentlicht. Diese Suite ist ein grandioser Abschluss eines grandiosen Soundtracks. Hin und wieder absolvieren einige andere Themen des Franchise einen kleinen Gastauftritt; bei 3:20 schaut Jack Sparrow kurz vorbei, bei 4:10 erklingt Cutler Becketts Thema und um die Dreiminutenmarke nähert sich das Bruderschaftsthema He’s a Pirate an, sodass man fast von einem Hybriden der beiden Themen sprechen.

The Lone Ranger

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Story: Wir schreiben das Jahr 1869 und befinden uns mitten in der Hochzeit des Wilden Westens. Die Brüder John (Armie Hammer) und Dan Reid (James Badge Dale) jagen zusammen mit einer Gruppe Ranger den brutalen Verbrecher Butch Cavendish (William Fichtner). Aufgrund eines Verräters sterben allerdings alle bis auf John, der Rache schwört und zusammen mit dem exzentrischen Indianer Tonto (Johnny Depp) Jagd auf Cavendish macht. Es stellt sich jedoch bald heraus, dass Cavendish nicht nur ein Gangster und Kannibale ist, er ist auch in ein Komplott verwickelt, das weitaus größere Ausmaße hat und die Zukunft der Vereinigten Staaten bedroht…

Kritik:
„The Lone Ranger“ reiht sich relativ mühelos in die Liste von Disney-Filmen ein, die ein Franchise begründen sollten, und er passt auch relativ gut zu ihnen. Egal ob „Tron: Legacy“, „John Carter: Zwischen zwei Welten“ oder „Prince of Persia: Der Sand der Zeit“ oder nun „The Lone Ranger“, jeder dieser Filme sollte den Erfolg der Pirates-of-the-Caribbean-Reihe wiederholen, scheiterte allerdings und floppte oder war zumindest nicht so erfolgreich, wie Disney sich das vorstellte. Alle oben genannten Filme haben die Gemeinsamkeit, dass sie zwar bei Weitem keine Meisterwerke sind, aber doch recht kreativ und mit Herzblut gemacht wurden und in jedem Fall den Erfolg mehr verdient hätten als, sagen wir mal, „Transformers“ oder „Twilight“.
Gerade bei „The Lone Ranger“ wird der Versuch, den Erfolg der Pirates-Filme zu wiederholen, überdeutlich: Gore Verbinski führt Regie, Jerry Bruckheimer produziert, Johnny Depp spielt den Exzentriker, Ted Elliot und Terry Rossio sind für das Drehbuch verantwortlich (dieses Mal zusammen mit Eric Aronson und Justin Haythe) und Hans Zimmer komponiert die Musik. Und auch außerhalb der Credits erinnert der Film stark an „Pirates of the Caribbean“ – im Guten wie im Schlechten.
Da ich weder die Radio- noch die Fernsehserie kenne, durch die der Lone Ranger bekannt wurde, fällt es mir schwer, etwas zur Vorlagentreue zu sagen. Nicht leugnen lässt sich die Tatsache, dass „The Lone Ranger“ stark auf Westernklischees basiert, diese teilweise ironisch bricht, sie teilweise aber auch einfach benutzt, ohne sie zu hinterfragen. Ebenso wenig leugnen lässt sich, dass „The Lone Ranger“ einige schwerwiegende Schwächen hat: Der Film ist zu lang und zu behäbig, die Rahmenhandlung im Jahr 1933 wirkt ziemlich unnötig, in der Mitte zieht sich Ganze doch recht stark und alles in allem wäre es vielleicht doch besser gewesen, hätten die Verantwortlichen die eine oder andere Episode etwas zusammengekürzt oder ganz gestrichen, um dem Film mehr Fokus zu geben. Die größte Schwäche sind jedoch die Figuren: Während der Titelheld selbst und Tonto noch recht interessant sind, machen alle anderen nicht allzu viel her und wirken äußerst blass – dies betrifft vor allem das Love Interest (Ruth Wilson) und die von James Badge Dale und Tom Wilkinson verkörperten Schurken, die weder Tiefe noch Exzentrik besitzen und mal wieder nur von Geldgier motiviert sind. Und schließlich weiß der Film nicht so recht, was er sein will: Die dramatischen Stellen werden oft vom Humor unterbrochen, für einen komödiantischen Familienfilm oder eine echte Parodie ist er allerdings an manchen Stellen einfach zu drastisch.
Dennoch ist „The Lone Ranger“ bei Weitem nicht so schlecht, wie die US-Kritiker ihn machen. Trotz der oben genannten Kritikpunkte weiß der Film vorzüglich zu unterhalten, nicht zuletzt dank der unheimlich starken Bilder und des Ranger/Tonto-Gespanns. Gerade Armie Hammer spielt seine Rolle sehr gut, während Johnny Depps Tonto an einen etwas stoischeren, aber nicht minder exzentrischen Jack Sparrow erinnert – aber mal ehrlich, es gibt schlimmeres. Der Rest des Casts ist allerdings eher funktional, es gibt keinen Totalausfall, aber auch niemanden, der wirklich hervorsticht. Gerade bei Helena Bonham Carter wird man den Gedanken nicht los, dass da irgendwie mehr drin gewesen wäre.
Der Humor erinnert stark an „Pirates of the Caribbean“ (warum wohl?), ist aber zumeist treffsicher, sofern man sich nicht an Tontos totem Vogel stört. Wie bei Gore Verbinski nicht anders zu erwarten sind die Actionszenen äußerst kreativ und überdreht, was ihrer Wirkung allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Der Film gipfelt schließlich in einem aberwitzigen Finale auf zwei Zügen, das allein schon den Preis der Eintrittskarte wert ist.
Apropos Finale: Nach etlichen enttäuschenden Soundtracks liefert Hans Zimmer endlich mal wieder etwas ab, das zwar immer noch weit von Meisterwerken wie „König der Löwen“ oder „Pirates of the Caribbean: At World’s End“ entfernt ist, aber im Gegensatz zu „Man of Steel“ oder „The Dark Knight Rises“ Spaß macht. Dies ist vor allem der musikalischen Untermalung des Finales zu verdanken, bei welchem Gioachino Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre, die bereits als Titelmelodie der alten Lone-Ranger-Serie fungierte, zum Einsatz kommt, clever bearbeitet von Zimmer-Zögling Geoff Zanelli.
Fazit: Bei weitem kein Meisterwerk, aber ein durchaus unterhaltsamer Film für Zwischendurch, vor allem für Pirates-Fans, der zwar einige Schwächen hat und ein wenig zu lang geraten ist, aber dank der Action, des Humors und der Hauptdarsteller überzeugt.

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