Stück der Woche: Wonder Womans Thema


Es soll hin und wieder vorkommen, dass man seine Meinung ändert. Als Hans Zimmer und Tom Holkenborg alias Junkie XL in „Batman v Superman: Dawn of Justice” im Track Is She with You? ihr Wonder-Woman-Thema vorstellten, war ich nicht allzu angetan. Die Idee dahinter war, sich vom „maskulinen Tonfall“ herkömmlicher Superheldenthemen mit ihrem Fokus auf Blechbläser zu distanzieren und das Cello (in diesem Fall ein elektrisches Modell) als feminines Instrument für Diana zu etablieren. Sehr werbewirksam setzte man auch die Cellistin Tina Guo ein, die gerade dabei war, sich in der Welt der Filmmusik einen Namen als Solo-Performerin zu machen. Grundsätzlich nicht die schlechteste Herangehensweise, das Thema selbst, eigentlich eher ein Motiv, hingegen fand ich eher bescheiden. Wie das restliche motivische Material dieses Films erschien es mir zu beschränkt in seiner Aussagekraft, zu sehr auf pure Aggression ausgerichtet – im Grund springt es immer nur zwischen zwei Noten hin und her. Zimmer und Holkenborg charakterisierten es als „den Schrei einer Banshee“. Eine gewisse Verwandtschaft zum Kampfschrei aus Led Zeppelins Immigrant Song lässt sich nicht leugnen.

Was inzwischen aus dem Wonder-Woman-Thema gemacht wurde, ist allerdings äußerst beeindruckend. Mehr oder weniger hat es sich zum inoffiziellen musikalischen Aushängeschild des in einem merkwürdigen Limbus existierenden DCEU entwickelt. Dieses ist musikalisch freilich ebenso zersplittert wie filmisch bzw. erzählerisch, aber immerhin in Bezug auf Wonder Woman wurde Konsistenz geschaffen: Wenn die Amazone auftaucht, bringt sie auch ihr Motiv mit. Gerade im Marketing von Patty Jenkins‘ erstem Wonder-Woman-Film von 2017 wurde es beispielsweise sehr effektiv eingesetzt und erklang am Ende jeden Trailers. Und als Danny Elfman in seinem Score für „Justice League“ praktisch alle Motive verwarf, die Zimmer und Holkenborg für „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ komponiert hatte, war das Wonder-Woman-Thema die Ausnahme: In Wonder Woman Rescue ist eine neue, von Elfman und Pinar Toprak arrangierte Version zu hören, die das elektrische Cello durch eine Kombination aus Blechbläsern und E-Gitarre ersetzt.

Weit interessanter ist allerdings die Transformation des Motivs in den beiden Wonder-Woman-Scores, komponiert von Rupert Gregson-Williams respektive Hans Zimmer persönlich. In seiner Standardversion ist das Motiv im Grunde ein reines Action-Thema, das sich nur schwer variieren lässt. Man kann es subtil andeuten, in dem man beispielsweise die ersten drei Noten anspielt, was Zimmer und Holkenborg bereits in „Batman v Superman“ getan haben. Doch was tut man, wenn man Diana als Heldin und nicht nur als Kriegerin musikalisch repräsentieren möchte? Gregson-Williams komponierte ein neues Thema, verwendete als Basis aber das bereits vorhandene Motiv – genauer besagte drei Noten, die es einleiten. Diese werden zwei Mal gespielt, jeweils mit einer angehängten vierten Note, beim ersten Mal auf- und beim zweiten Mal absteigend. Diese Konstruktion fungiert im Film als Dianas primäres Thema, da sie deutlich formbarer ist als das Wonder-Woman-Motiv in seiner herkömmlichen Gestalt – dennoch sind beide eng miteinander verknüpft. Im Track No Man’s Land hört man beide Themen direkt hintereinander, zuerst das heroische bei 2:40 und dann das Action-Motiv bei 3:10.

Ansonsten wird das Wonder-Woman-Thema in seiner ursprünglichen Gestalt (inklusive Tina Guos elektrischem Cello) als Dianas Action-Motiv benutzt, das auch erst Verwendung findet, als sie mit Schwert, Schild und in ihrem ikonischen Outfit in die Schlacht zieht. In Wonder Woman’s Wrath nähert Gregson-Williams die beiden Motive einander an, indem er das heroische Thema mit dem Rhythmus des Zimmer/Holkenorg-Motivs unterlegt. (2:45).

Rupert Gregson-Williams‘ Thema taucht in „Wonder Woman 1984“ nicht mehr auf, aber Zimmer wählte dennoch einen ähnlichen Weg. Wie Remote-Control-Zögling Gregson-Williams schrieb auch der Meister persönlich ein neues Thema für die Superheldin, das all das ausdrückt, was sie als Figur ausmacht, das aber nach wie vor auf dem ursprünglichen Motiv basiert. Im Grunde verwandelt Zimmer das Thema in eine weit weniger aggressive Fanfare, die zum ersten Mal im Track Themyscira bei 1:53 erklingt. Über dieses Stück, das schon vor einigen Monaten als Auskopplung veröffentlicht wurde, hatte ich mich ja bereits ebenso ausführlich wie positiv geäußert.

Erfreulicherweise hält der Score, was dieses Stück verspricht. Mit „Wonder Woman 1984“ liefert Zimmer einen seiner besten und schlicht unterhaltsamsten Scores der letzten zehn Jahre – und vielleicht seinen bislang besten Superhelden-Score (mit diesem Urteil warte ich allerdings, bis ich den Score im Kontext gehört habe). Wie in Themyscira ist im gesamten Score die DNS des Wonder-Woman-Motivs fast überall, sei es in Rhythmus, Struktur oder subtilen Anspielungen, ohne dass es direkt zitiert würde. Fans der ursprünglichen Version müssen allerdings auch nicht verzagen, denn zumindest in Open Road kehrt Zimmer zu den Wurzeln des Motivs und (zumindest Ansatzweise) dem Tonfall von „Batman v Superman“ zurück und macht ausgiebig vom Kampfschrei Gebrauch. Inzwischen habe ich mich nicht nur an das ursprüngliche Motiv zumindest gewöhnt, die Entwicklungen begeistern mich sogar regelrecht.

Siehe auch:
Stück der Woche: Themyscira

Stück der Woche: Themyscira


Was tut man als Studio, wenn eine Pandemie es unmöglich macht, große Fan-Events wie beispielsweise die Comic-Con zu veranstalten? Im Fall von Warner veranstaltet man ein großes Online-Ersatzevent mit dem Namen „DC Fandome“, über das man die Fans bei der Stange halten kann, in dem man beispielsweise im Rahmen digitaler Panels neue Trailer präsentiert, unter anderem für „Wonder Woman 1984“ oder „The Batman“ – besonders Letzterer sieht überaus interessant aus, sehr grimmig und „noir-isch“, auch wenn ich noch nicht weiß, ob mich der neue Batsuit überzeugt. Überzeugt hat mich hingegen etwas anders, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte. Unter anderem wurde auch ein Track mit dem Titel Themyscira aus dem Score des Wonder-Woman-Sequels veröffentlicht, bei dem nun Hans Zimmer wieder persönlich den Tacktstock schwingt. Es dürfte ja bekannt sein, dass ich mit Zimmers DCEU-Output nicht allzu glücklich bin – „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ sind nach wie vor Scores, die ich leidenschaftlich verabscheue. Auch von Zimmers und Tom Holkenborgs Wonder-Woman-Motiv war ich nicht allzu begeistert, zu aggressiv, zu simpel – auch wenn es, wie ich zugeben muss, sehr eingängig ist. Und man gewöhnt sich daran. Wie dem auch sei, Rupert Gregson-Williams‘ Wonder-Woman-Score war da schon deutlich besser, zwar beileibe kein Meisterwerk, aber immerhin durchaus unterhaltsam, eher Zimmer im Stil der späten 90er und frühen 2000er als der minimalistisch experimentierende Zimmer der 2010er-Jahre. Dementsprechend war ich nicht allzu begeistert, als Zimmer als Komponist für „Wonder Woman 1984“ angekündigt wurde. Themyscira deutet allerdings in eine andere Richtung. Ich wage mal die spontane Behauptung, dass es sich dabei um das bislang beste Stück handelt, dass Zimmer für das DCEU komponiert hat.

Gleich zu Beginn wird dieser Track mit Dianas Instrument, dem Cello in Verbindung gebracht. Die Echo-artige Andeutung ihres Themas fand sich bereits in „Batman v Superman“ ein oder zwei Mal und wird von Gregson-Williams noch deutlich häufiger eingesetzt. Der Rhythmus, der sich im Anschluss aufbaut, erinnert dagegen an das Stück 160 BPM aus Zimmers „Angels and Demons“ – einer seiner besten Action-Tracks. Besonders ab 0:40 wird die Ähnlichkeit sehr deutlich, wenn der Chor hinzustößt; gleichzeitig verbreitet Themyscira allerdings eine deutlich positivere Stimmung als das gehetzte und düstere 160 BPM. Das wirklich Faszinierende ist allerdings, wie das Wonder-Woman-Thema als Basis des Stückes fungiert. Es findet sich hier kein Standard-Statement, wie man es von Dianas Action-Szenen in „Batman v Superman“ und „Wonder Woman“ gewöhnt ist, stattdessen sind Rhythmus, Fragmente und Struktur des Themas praktisch allgegenwärtig. Die Blechbläserandeutung des Themas bei 1:50 erinnert sogar ein wenig an die von Danny Elfman bzw. Pinar Toprak arrangierte Version des Themas aus „Justice League“.

Gerade im Kontrast zu den beiden DCEU-Scores von Zimmer hat dieser Track wirklich einen ausnehmend positiven Charakter, anscheinend sind, sofern dieser Track ein Indikator für den restlichen Score ist, das dumpfe Wummern und Dröhnen Geschichte, stattdessen wird ein eindringliches, mitreißendes Chorstück geboten, dass das Wonder-Woman-Motiv auf intelligente, einnehmende Art und Weise nicht nur variiert, sondern weiterverarbeitet und transformiert. Mehr noch, hier höre ich die Comic-Version der Figur deutlich stärker heraus als in „Batman v Superman“ und selbst in „Wonder Woman.“ Hut ab, ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Zimmer und Team mich gerade bei diesem Score so begeistern könnten. Wenn „Wonder Woman 1984“ hält, was Themyscira verspricht, dann könnte dieser neue Zimmer-Soundtrack ein dringend benötigtes Juwel in einem an Filmmusik sehr armen Jahr 2020 werden.

Aquaman – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Nehmen wir gleich zu Beginn die Spannung raus: „Aquaman“ ist nach „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film. Über die Qualität dieses Films sagt das an sich natürlich relativ wenig aus, da „Wonder Woman“ bislang der einzige Eintrag in diesem Shared Universe war, den man als gelungen bezeichnen kann. Insofern dürfte es nicht verwundern, dass auch „Aquaman“ einige massive Probleme hat, besonderes bezüglich der Erzählstruktur. Inzwischen ist es dann wohl schon so weit gekommen, dass man einen DC-Film als positiv wahrnimmt, wenn man unterhalten wird und nicht frustriert und enerviert aus dem Kino kommt. Wie dem auch sei, gleiche Vorgehensweise wie üblich, ab hier wird gespoilert.

Handlung
1985 rettet der Leuchtturmwächter Thomas Curry (Temura Morrison) der mysteriösen Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis im Exil, das Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und bekommen einen Sohn: Arthur (Jason Momoa). Dieser ist ein Sohn zweier Welten, halb Mensch und halb Atlanter, der sich in keiner der beiden Welten wirklich zurechtfindet. Auch nach seinem Abenteuer mit der Justice League, bei dem er die Erde erfolgreich verteidigt hat, ist es Arthur noch nicht gelungen, seinen Platz in der Welt zu finden. Derweil spitzt sich die Lage zu, denn Arthurs Halbbruder Orm (Patrick Wilson) will die Macht der Meereskönigreiche unter sich vereinen und die Welt der Landbewohner zerstören. Orms Verlobte Mera (Amber Heard) und sein Ratgeber Vulko (Willem Defoe) halten von dieser Absicht allerdings nicht allzu viel und bitten deshalb Arthur um Hilfe – als Atlannas Erstgeborener hat er ebenfalls Anspruch auf den Thron von Atlantis. Eine erste Konfrontation um den Thron mit Orm endet allerdings verheerend, weshalb sich Arthur und Mera auf die Suche nach dem Dreizack des Atlan (Graham McTavish), des mystischen Vorfahren von Arthur, begeben. Ihre Suche führt sie in die Sahara und nach Sizilien, wobei sie von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias Black Manta verfolgt werden, der von Orm angeheuert wurde, aber mit Arthur auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen hat…

Ist Aquaman scheiße?
Die Popkultur war in den letzten Jahrzehnten nicht allzu gnädig zu Aquaman. Die Figur existiert bereits seit 1941, wurde aber erst während des Silbernen Zeitalters unter Comicfans populär, als sie ihre eigene Serie bekam und Teil der Justice League wurde. Seinen unrühmlichen Ruf erhielt Arthur primär durch die Zeichentrickserie „Super Friends“, in welcher er, primär wegen seiner Fähigkeit, mit Fischen zu sprechen, als ziemlich inkompetent und nutzlos dargestellt wurde. Diese Interpretation der Figur wurde in anderen Medien nur allzu gerne aufgegriffen und noch weiter überzeichnet, sei es „Family Guy“, „The Big Bang Theory“ oder „Southpark“. Mein erster Eindruck von Aquaman war allerdings ein völliger anderer.

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Orm, der Ocean Master (Patrick Wilson)

Wie so viele DC-Helden wurde auch Aquaman in den 90ern drastisch verändert. Unter der Ägide von Autor Peter David verlor der König von Atlantis eine Hand, die der durch eine Harpune ersetzte, bekam lange Haare, einen Bart und tauschte das orange-grüne Outfit gegen eine schwarze Hose und eine Teilrüstung. Aquaman entwickelte sich zu einem stolzen, grimmigen und mitunter fast schon mürrischen Charakter. Leider habe ich Peter Davids Aquaman-Run bis heute nicht gelesen (er steht auf meiner Liste), aber diese Version der Figur tauchte auch in Grant Morrisons „JLA“ auf und so lernte ich sie kennen. Auch in der Zeichentrickserie „Justice League“ bzw. „Justice League Unlimited” orientierte man sich, im Unterschied zu seinem Gastauftritt in „Superman: The Animated Series“, an der Peter-David-Version, sogar der Verlust der Hand wurde im Verlauf der Serie integriert. Dieser Aquaman der 90er und frühen 2000er ist „mein“ Aquaman, weshalb sein popkultureller Status als nutzloser Held mir immer merkwürdig und ungerechtfertigt vorkam, da ich ihn als ziemlichen Bad-Ass kennen lernte.

Im Verlauf der 2000er kehrte man zwar wieder zum klassischen Kurzhaar-Look und dem orange-grünen Kostüm zurück, bemühte sich aber, viele Elemente der Peter-David-Charakterisierung beizubehalten. Der von Jason Momoa dargestellte Arthur hat charakterlich tatsächlich nicht so viel mit Peter Davids Version der Figur gemein, der haarig Look als gezielte Entfernung vom Saubermann mit den kurzen Haaren ist aber definitiv auf diese Version der Figur zurückzuführen. Ansonsten basiert der aktuelle Film primär auf Geoff Johns‘ New-52-Aquaman-Run.

Ausgelutschte Innovation

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Mera (Amber Heard)

Im Kontext des DCEU ist „Aquaman“ ein durchaus innovativer Film, der sich stark von den Anfängen und den Snyderismen distanziert. „Grimm and Gritty“ ist hier endgültig Geschichte, ebenso wie der ausgewaschene graublaue Look, der das DCEU in den frühen Filmen definierte, denn „Aquaman“ ist knallig bunt, selbstironisch und hat keinerlei Scheu, die extravaganteren Elemente der Comics zu integrieren. Das zeigt sich schon an den Kostümen: Wo man früher fast panische Angst davor hatte, die überdrehten bzw., in Ermangelung eines besseren Wortes, „comichaften“ Kostüme vorlagengetreu umzusetzen, macht Regisseur James Wan hier nun keine Kompromisse mehr: Orm, Black Manta, Mera – sie alle sehen so aus, als wären die Comiczeichnungen einfach lebendig geworden. Sogar Aquaman selbst tritt am Ende im orange-grünen Dress auf – und das nicht in einer gedeckten Form, wie es bei Superman in „Man of Steel“ der Fall war. Das ist freilich alles etwas kitschig, ein wenig trashig, gefällt mir aber ausnehmend gut, denn es kann im richtigen Kontext wunderbar funktionieren. Dieser Trend setzt sich auch bei der Namensnennung fort: Bisher wurde Wonder Woman beispielsweise in keinem der DCEU-Filme mit ihrem Superheldennamen angesprochen, und auch sonst war man diesbezüglich äußerst zurückhaltend. Nicht so hier: Aquaman wird auch so genannt (ich bin sicher, unter Zack Snyder hätte es das nicht gegeben) und sowohl Orm bzw. der Ocean Master als auch Black Manta bekennen sich stolz zu ihren Identitäten. „Aquaman“ ist ohnehin nur bedingt ein Superheldenfilm und lässt diverse genretypische Elemente aus oder baut sie nur am Rande ein. Dies ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Films, denn die Innovativität zeigt sich nur im Kontext des DCEU. Ansonsten kommt einem die Handlungsentwicklung sehr bekannt vor.

„Aquaman“ ist eine typische König-im Exil-Story, die auf diese Weise schon allzu oft erzählt wurde, sei es bei König Artus, Aragorn oder Thor, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch zur Handlung von „Black Panther“ gibt es mehr als nur ein paar Parallelen. Der zweite Akt, der sich primär mit der Jagd nach dem Dreizack beschäftigt, erinnert zudem an „Indiana Jones“. In seiner Action, den diversen Set-Pieces, der Gestaltung der Unterwasserwelt etc. ist „Aquaman“ wirklich ziemlich kreativ und weiß einiges an Schauwerten aufzufahren. Im Grunde handelt es sich um die Live-Action-Version eines ziemlich überdrehten Samstag-Vormittag-Cartoons, und das ist wirklich verdammt unterhaltsam. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass gerade der erste Akt mit Exposition überladen ist und zumindest mir die Versatzstücke der Handlung immer ein wenig zu bekannt vorkamen.

Figuren
Das Drehbuch ist nun wirklich nicht die größte Stärke des Films, die Figuren sind insgesamt bestenfalls funktional, tiefere Einblicke in ihre Persönlichkeit werden eher vermieden. Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine typische König-im Exil-Story, und dementsprechend verhält sich auch der Titelheld. Arthur ist eigentlich ein angenehmer Typ, der das Richtige tun und anderen helfen, dabei aber nicht unbedingt Verantwortung übernehmen will. Am Regieren eines Königreichs hat er freilich überhaupt kein Interesse. Auch Mera und Vulko bleiben als Figuren ziemlich konservativ und füllen primär ihre stereotypen Rollen aus. „Aquaman“ lebt zu einem großen Teil von Jason Momoas Charisma und Spielfreude sowie zwischen der Chemie von ihm und Amber Heard. Die Beziehung von Arthur und Mera ist dabei ziemlich ähnlich konzipiert wie die von Han und Leia: Die beiden kabbeln sich die ganze Zeit und denken, sie mögen sich nicht, bis sie sich dann eben doch mögen und schätzen lernen. Die romantische Kulisse Siziliens und die eine oder andere gegenseitige Lebensrettung tun ihr übriges.

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Black Manta (Yahya Abdul Mateen II)

Orm dürfte der bislang beste Schurke des DCEU sein, mit Ausnahme von General Zod vielleicht. Auch dieses Kompliment ist mit Vorsicht zu genießen, denn angesichts dessen, was in den anderen Filmen dieses Franchise bislang an der Antagonistenfront fabriziert wurde ist nun wirklich nicht rühmlich. Der Ocean Master ist keine CGI-Monstrosität, kein uninteressanter Twist-Schurke und auch nicht völlig daneben wie Jesse Eisenbergs Lex Luthor oder Jared Letos Joker. Orm ist ein funktionaler Schurke mit klarer Motivation, der zwar unterentwickelt bleibt, aber doch zumindest in Ansätzen nachvollziehbar ist. Ähnliches lässt sich auch über Black Manta sagen, wobei dieser größtenteils verschenkt wird zu offensichtlich eine Fortsetzung vorbereitet.

„Aquaman“ und das DCEU
Rein formal ist „Aquaman“ nach „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice”, „Suicide Squad“, „Wonder Woman“ und „Justice League“ der sechste Film des DC Extended Universe (das diesen Namen zwar nicht mehr offiziell trägt, aber trotzdem noch von allen so bezeichnet wird). Nachdem sich „Justice League“ jedoch als Flop erwies, beschloss man wohl, so gut wie jede Verbindung zum größeren DC-Universum zu kappen. Steppenwolf und der Kampf gegen ihn wird einmal in einem Halbsatz erwähnt, das war es dann aber auch schon. Wer auf den Gastauftritt eines Justice-League-Mitglieds hofft, wird enttäuscht, jedes Element des Films gehört ausschließlich zu Aquamans Sub-Kosmos des DC-Universums. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Ort, an dem sich der Dreizack befindet, wird im Film zwar nicht benannt, erinnert mit seinen Dinosauriern aber an Skatarsis, ein Fantasy-Setting innerhalb des DC-Universums, das sich meistens im inneren der hohlen Erde befindet. Dieses hat mit Aquaman nicht direkt etwas zu tun, da es bislang aber nicht als Teil des DCEU etabliert wurde, macht das eigentlich keinen Unterschied. Warner scheint derzeit einer „Pick-and-Choose-Politik“ zu folgen: Was funktioniert und gut ankommt (Wonder Woman insgesamt, Jason Momoa als Aquaman, Margot Robbie als Harley Quinn etc.) wird mitgenommen, der Rest wird nach Gutdünken ignoriert oder abgeändert. Wie üblich scheint Warner dabei ohne wirklichen Plan vorzugehen – nach wie vor ist nicht klar, ob man Henry Cavill und Ben Affleck noch einmal als Superman und Batman sehen wird, ob Matt Reeves „The Batman“ Teil des DCEU sein wird oder ob jemals wieder ein Superheldentreffen in diesem Kontext stattfindet.

Der Score
Nach „Wonder Woman“ darf Rupert Gregson-Williams nun schon zum zweiten Mal ein Justice-League-Mitglied vertonen, auf das Hans Zimmer anscheinend keinen Bock hat – interessanterweise wird Zimmer selbst die Musik für das Wonder-Woman-Sequel schreiben. Dieses Mal gibt kein vorgefertigtes Zimmer-Thema, das Gregson-Williams aus Kontinuitäts- und Marketinggründen hätte einbauen müssen. Freilich hat Danny Elfman ein Motiv für Aquaman in „Justice League“ komponiert, aber da dieser Score ohnehin einen schlechten Ruf hat (völlig zu Unrecht, wie ich noch einmal betonen möchte), dürfte es bei der Konzeption keine Rolle gespielt haben.

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Aquaman (Jason Momoa) im klassischen Outfit

Stattdessen fallen gewisse Parallelen zu „Thor: Ragnarök“ auf. Gregson-Williams kombiniert hier den Zimmer-Stil der 90er, der von großangelegten, melodisch eher simplen Power-Hymnen dominiert wurde, mit einigen Elementen des 2010er-Zimmer-Stils, die bereits in „Man of Steel“ oder „Mad Max: Fury Road“ zum Einsatz kamen, sowie Elektronik und Synth-Elemente, die, verstärkt von der Präsenz Dolph Lundgrens, einen deutlichen 80er-Vibe verströmen und an Mark Motherbaughs Thor-Score erinnern. Es ist vor allem die Unterwasserwelt in ihrer Fremdheit, die durch die synthetischen und elektronischen Bestandteile repräsentiert wird, während in den Szenen an Land vornehmlich das Orchester dominiert. Gregson-Williams spendiert den Figuren auch einige Themen; Aquaman erhält eine der oben erwähnten Power-Hymnen, während Orm und Black Manta durch sehr eindeutig schurkische Motive voller dröhnender Blechbläser repräsentiert werden. Der Score weiß durchaus zu gefallen und besticht, ähnlich wie der Film, durch seine überdrehte Natur. Im Vergleich zu „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ behauptet er sich spielend, da er im Gegensatz zu diesen drei Scores schlicht den höchsten Unterhaltungsfaktor hat, er ist aber schwächer als die besser und detailreicher komponierten Soundtracks von „Wonder Woman“ und „Justice League“. Ein Element, das leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Platzierung diverser Songs, die abermals versucht, an den Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ anzuknüpfen, aber nur fehl am Platz wirkt. Das Hip-Hop-Cover von Totos Africa mit dem Titel Ocean to Ocean ist einfach nur bizarr.

Fazit: „Aquaman“ ist ein überaus unterhaltsamer und kurzweiliger Live-Action-Cartoon, der vor allem von der Spielfreude seines Hauptdarstellers lebt, aber an übermäßiger Exposition, einer zu langen Laufzeit und einer Story, die schon ein paar Mal zu oft erzählt wurde, leidet. Insgesamt haben wir hier einen großen, dummen, lauten und bunten Film, der genau weiß, was er ist und deshalb funktioniert.

Trailer

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Das Soundtrack-Jahr 2017

Die letzte Zeit war für mich äußerst geschäftig und stressig, weshalb ich leider bei weitem nicht dazu gekommen bin, alles an Filmmusik (und auch den zugehörigen Filmen) aufzuarbeiten, das ich gerne geschafft hätte – es gibt noch eine ganze Reihe an Scores, denen ich schlicht nicht die Aufmerksamkeit widmen konnte, die sie verdient hätten – andernfalls sähe diese Liste vielleicht ganz anders aus. Aus diesem Grund gibt es dieses Jahr nur fünfzehn Plätze (plus fünf herausragende Einzelstücke), und auch auf die Worst-of-Liste verzichte ich für 2017. Wie üblich gilt: Die Reihenfolge ist absolut nicht in Stein gehauen und könnte morgen schon wieder eine ganz andere sein.

Bemerkenswerte Einzelstücke

Paint It Black aus „Westworld Staffel 1” (Ramin Djawadi)

Rein formal gehört der Soundtrack zur grandiosen neuen HBO-Serie eigentlich noch ins Jahr 2016, aber ich mache hier mal eine Ausnahme, weil ich diesen Track unbedingt erwähnt haben wollte: Es handelt sich dabei um eine orchestrale Neuinterpretation von Pain It Black von den Rolling Stones, die in der zugehörigen Szene unglaublich gut funktioniert und darüber hinaus hervorragend zur Konzeption der Serie passt: Das Stück ist gleichzeitig (zumindest gemessen am Western-Setting) modern und nostalgisch, weckt durch die Instrumentierung eine Western-Assoziation, ist aber zugleich ein genauso anachronistischer Fremdkörper wie ein Androide in einem Saloon.

Kill the Filthy Pirate, I’ll Wait aus „Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales” (Geoff Zanelli)

Mir persönlich gab es im fünften Pirates-Score zu viel Wiederholung bereits bekannten Materials, zu wenig Variation und zu wenig tatsächlich neues Material. Aber dennoch hat Geoff Zanelli einige durchaus unterhaltsame Stücke zum Franchise beigesteuert. Kill the Filthy Pirate, I’ll Wait knüpft nahtlos an die Stärken der Action-Musik der Vorgänger an: Locker, elegant und mit diversen leitmotivischen Einspielungen, darunter die Up-Is-Down-Variation des Liebesthemas aus „At World’s End“, das neue Abenteuer-Thema dieses Films und natürlich Hoist the Colours.

Wonder Woman’s Wrath aus „Wonder Woman” (Rupert Gregson-Williams)

Einige Monate lang war Rupert Gregson-Williams Vertonung von „Wonder Woman“ der beste DCEU-Score. Er ist nun beileibe nichts Besonderes, ein klassischer, unterhaltsamer RCP-Actioner im Stil der 90er und frühen 2000er, der sich angenehm von „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ abgrenzt, ohne deren Stilistik völlig aufzugeben. Fraglos wäre da noch mehr dringewesen, aber gerade in Tracks wie Wonder Woman’s Wrath gelingt es Gregson-Williams durchaus, das Potential seines Ansatzes auszuschöpfen und mit den musikalischen Identitäten der Hauptfigur zu spielen, sodass die Wildheit des BvS-Motivs Seite an Seite mit tatsächlich heroischer Musik stehen kann.

Spoils of War aus „Game of Thrones Staffel 7” (Ramin Djawadi)

Vom ersten militärischen Konflikt der Häuser Lannister und Targaryen kann man schon einiges erwarten. Während Djawadis Musik zur siebten GoT-Staffel wieder etwas schwächer ist als die zur sechsten, gibt es durchaus einige äußerst gelungene Stücke. Das zweiteilige Spoils of War schafft es, die Dramatik der Schlacht gut zu vermitteln und spielt hervorragend mit den etablierten Themen. Besonders gelungen ist in meinen Augen natürlich die mal mehr, mal weniger subtile Einbindung von The Rains of Castamere, aber auch die Themen für Daenerys und die Unbefleckten dürfen glänzen.

Roland of Eld (Main Title) aus „The Dark Tower” (Tom Holkenborg)

Unglaublich, aber wahr: Tom Holkenborg erhält eine positive Erwähnung. Die Musik zur Stephen-King-Verfilmung „The Dark Tower“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie „Wonder Woman“ und weiß durchaus zu unterhalten – das gilt besonders für das Main-Title-Stück Roland of Eld, denn hier beweist Junkie XL, dass er durchaus hin und wieder in der Lage ist, etwas Melodisches und Ansprechendes zu komponieren.

Best of

Platz 15: King Arthur: Legend of the Sword (Daniel Pemberton)

Zugegebenermaßen kehre ich zu diesem Score nicht allzu oft zurück, aber ich möchte gelungene, innovative Andersartigkeit, die zudem nicht nur ein Gimmick ist, durchaus belohnen, wenn sie mir über den Weg läuft. Und wenn „King Arthur: Legend of the Sword“ eines ist, dann anders. Pembertons Musik besticht durch eine faszinierende Mischung aus altertümlichen Instrumenten und treibenden, modernen Rhythmen, die vage an Hans Zimmers Musik für „Sherlock Holmes“ erinnern – zufällig ebenfalls ein Guy-Ritchie-Film.

Platz 14: ES (Benjamin Wallfisch)

Und noch einmal Stephen King, dieses Mal von Benjamin Wallfisch, der mit „ES“ einen äußerst beeindruckenden Horror-Score liefert, dessen prägendstes Element die Verwendung eines alten britischen Kinderreims ist, natürlich auch von Kindern im Score gesungen – eine schaurige, unheimliche Angelegenheit. Darüber hinaus wird Wallfischs Score mitunter äußerst brutal und erinnert bezüglich seiner Intensität an „Drag Me to Hell“ von Christopher Young oder „Evil Dead“ von Roque Banos. Über all den Schrecken vergisst Wallfisch allerdings nicht, auch die jugendlichen Helden angemessen zu repräsentieren.

Platz 13: The Great Wall (Ramin Djawadi)

Auf gewisse Weise handelt es sich bei „The Great Wall“ um eine besser orchestrierte Version der Musik aus „Game of Thrones“. Na gut, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber es gibt schon diverse Elemente, die direkt aus Westeros zu stammen scheinen, etwa ein zentrales Chorthema, das direkt dem Stück Mhysa entnommen wurde. Per se ist das allerdings nichts Schlechtes, im Gegenteil. Grundsätzlich bin ich der GoT-Musik durchaus wohlgesonnen, und da ich mir ohnehin eine etwas breitere instrumentale Palette dafür gewünscht habe, trifft „The Great Wall“ durchaus meinen Geschmack. Die Präsenz diverser asiatischer Instrumente ist natürlich ebenfalls nicht zu verachten.

Platz 12: Die Schöne und das Biest (Alan Menken)

Nur ziemlich selten bekommen Komponisten die Gelegenheit, denselben Film noch einmal zu vertonen. Natürlich gibt es durchaus Unterschiede zwischen dem Original aus den 90ern und dem Realfilmremake. Dennoch ist es schön zu sehen, wie Alan Menken noch einmal zu seinen Wurzeln zurückkehrt, die gelungenen Melodien beibehält, dabei aber zeigt, wie er sich in den letzten zwanzig Jahren als Komponist weiterentwickelt hat. Dieses Urteil gilt allerdings nur für den Score, nicht für die neu eingespielten Songs, die bei der Originalaufnahme definitiv weit überlegen sind.

Platz 11: Lego Batman/Captain Underpants (Lorne Balfe/Theodore Shapiro)

Diese beiden Scores sind sich in ihrer Konzeption sehr ähnlich, weshalb sie sich einen Platz teilen. Sowohl „Captain Underpants“ als auch „The Lego Batman Movie“ parodieren auf liebevolle, unterhaltsame und kreative Weise die musikalischen Eigenheiten des Superheldengenres. Lorne Balfes Musik nimmt sich dabei eher den modernen, Zimmer-geprägten Stilmitteln an, verpasst ihnen aber eine große Dosis abgedrehter Hyperaktivität, während Theodore Shapiro in größerem Ausmaß auf die Klassiker des Genres zurückgreift.

Platz 10: Tokyo Ghoul (Don Davis)

Nach dem Ende der Matrix-Trilogie wurde es sehr schnell still um Don Davis, der sich aus der Filmmusik zurückzog und u.a. eine Oper komponierte. Mit „Tokyo Ghoul“ kehrt er nun in den Soundtrack-Bereich zurück. Dabei ist zwar kein revolutionärer neuer Score entstanden, aber doch ein äußerst solides Werk, das vor allem in dem einen oder anderen Action-Track über klare Matrix-Bezüge verfügt, dabei aber auch ein wenig positiver und leichter daherkommt als die Musik der Wachowski-Dystopie. Da mir diese Tonalität äußerst gut gefällt und Don Davis darüber hinaus einen ziemlich einzigartigen Stil hat, ist „Tokyo Ghoul“ ein äußerst willkommenes Kleinod für alle, die seine Stimme seit der Matrix-Trilogie vermisst haben.

Platz 9: Guardians of the Galaxy Vol. 2 (Tyler Bates)

So langsam macht sich Tyler Bates. Ursprünglich war er ein Komponist, mit dem ich absolut nichts anfangen konnte und dessen Arbeit ich für äußerst uninspiriert hielt (was auf seine früheren Werke auch nach wie vor zutrifft). Mit den beiden Guardians-Scores hat sich das allerdings geändert, mit Teil 2 hat er den gelungenen ersten Teil noch einmal überboten. Wo es in Teil 1 noch einige langweilige und dröge Passagen gab, weiß Vol. 2 von Anfang bis Ende durchgehend exzellent zu unterhalten. Das Guardians-Thema kehrt in all seiner Pracht zurück, und auch die sekundären Themen, die Action-Musik und die emotionalen Tracks wissen zu überzeugen.

Platz 8: Thor: Ragnarok (Mark Mothersbaugh)

Mark Mothersbaugh nahm sich die anhaltende (und in meinen Augen nicht immer gerechtfertigte) Kritik an den Scores des MCU zu Herzen und bemühte sich, einen distinktiven Soundtrack abzuliefern, in dem er orchestrale Klänge mit Retro-Synth-Material der 80er mischte. Zumindest für mich ist dieses Konzept ziemlich gut aufgegangen. Ich bin ja nun nicht der größte Fan besagter Retro-Synth-Elemente, aber die Kombination funktioniert einfach ziemlich gut, besonders, weil beide Aspekte fachmännisch umgesetzt sind. Noch dazu hat Mothersbaugh einige gelungene Rückbezüge auf bisherige Marvel-Scores eingebaut, was noch Bonuspunkte gibt.

Platz 7: Kingsman: The Golden Circle (Henry Jackman, Matthew Margeson)

Und noch ein Karrierehöhepunkt, dieses Mal für Henry Jackman und Matthew Margeson. Zwar habe ich nach wie vor eine ziemliche Schwäche für „X-Men: First Class“, aber ich denke, „Kingsman: The Golden Circle“ könnte tatsächlich Jackmans bislang bester Score sein. Der lebhafte Bond-Vibe des erwähnten Superhelden-Scores und natürlich des direkten Vorgängers ist auch in „The Golden Circle“ vorhanden, aber Jackman und Margeson arbeiten noch weitaus besser damit. Hinzu kommen die Americana-Stilmittel, die die Statesmen repräsentieren – das Ergebnis ist ein verdammt unterhaltsamer und kurzweiliger Score.

Platz 6: Die Mumie (Brian Tyler)

Bis heute habe ich mich geweigert, diesen Reboot anzuschauen. Nicht, dass ich der Dark-Universe-Idee bzw. dem Plan, verschiedene klassische Horror-Kreaturen aufeinandertreffen zu lassen, per se nichts abgewinnen könnte (schließlich wurde das in „Penny Dreadful“ durchaus gelungen umgesetzt), aber die ganze Herangehensweise und Konzeption dieses Films stinkt nach Filmuniversum als Selbstzweck. Immerhin: Brian Tyler scheint dieser Streifen inspiriert zu haben, denn meinem Empfinden nach hat er hier einen seiner besten Scores der letzten Jahre abgeliefert. Ich habe ja schon mehrfach meine Liebe zu Hollywoods Ägypten-Sound bekundet, und natürlich ist er auch hier vorhanden – nicht ganz so dominant wie in Jerry Goldsmiths Mumien-Score oder „Gods of Egypt“ aus dem letzten Jahr, aber dennoch. Eingängige Themen, tolle Action-Musik und exotische Instrumente, was will man mehr?

Platz 5: Spider-Man: Homecoming (Michael Giacchino)

Wie war das nochmal mit der allgegenwärtigen Kritik an den Scores des MCU? Zumindest ich kann mich dieses Jahr über keinen der drei Vertreter beschweren, denn auch Michael Giacchino hat exzellente Arbeit abgeliefert, vor allem dank der gelungenen Identität für Spider-Man, die sich sowohl auf das Avengers-Thema, als auch auf das klassische Spider-Man-Zeichentrick-Titellied Bezug nimmt und somit eines der am besten durchdachtesten Themen des Jahres ist. Zudem wird es auch noch mannigfaltig und ausgiebig variiert und macht sich sowohl für komödiantische Szenen als auch als Action-Motiv äußerst gut. Und als ob das nicht genug wäre, gibt es auch noch ein gelungenes Schurkenthema und zwei Gastauftritte von Alans Silvestris Avengers-Thema. Die einzige Schwäche ist das neue Motiv für Iron Man, das es wirklich nicht gebraucht hätte, schließlich haben wir Brian Tylers weitaus gelungenere Komposition.

Platz 4: A Cure for Wellness (Benjamin Wallfisch)

Film und Score sind, anders als „ES“ eher unter dem Radar geblieben – völlig zu Unrecht. „A Cure for Wellness“ ist eine herrliche Liebeserklärung an das Gothic-Horror-Genre, und der Score folgt diesem Ansatz perfekt. Zwar fehlt ihm die schiere Brutalität von „ES“, aber seine lyrischen Momente sind noch weitaus besser gelungen, und es mangelt ihm definitiv nicht an alptraumhafter Intensität. Zusätzlich werden auch noch zwei wunderbar zusammenpassende Themen geboten. Benjamin Wallfisch ist gerade dabei, sich zum Horrorkomponisten par excellence zu entwickeln, wenn er so weitermacht, kann er bald Christopher Young das Wasser reichen.

Platz 3: Justice League (Danny Elfman)

Von vielen gescholten ist Danny Elfmans Rückkehr ins DC-Universum doch ein verdammt gelungener Score. Nicht, dass er frei Schwächen wäre (wobei viele davon aus dem Film resultieren, den er untermalt), aber im Großen und Ganzen kann ich viele der Vorwürfe, die diesem Score gemacht werden, absolut nicht nachvollziehen, vor allem wenn behauptet wird, diese Musik sei uninspiriert und generisch. Wer sich mit orchestraler Filmmusik auskennt, sollte, selbst wenn die Musik selbst nicht zu gefallen weiß, zumindest erkennen, was für ein Aufwand in sie geflossen ist, wie anspruchsvoll und komplex die Orchestrierungen sind und wie hervorragend und detailfreudig Elfman mit Themen und Motiven arbeitet – bisher gab es im DCEU nichts, das auf einem technischen Level mit diesen Kompositionen mithalten könnte. Anders als Zimmer und Holkenborg hat sich Elfman dazu entschlossen, weniger die spezifische DCEU-Interpretation dieser ikonischen Figuren zu vertonen (die bereits in „Man of Steel“ nicht gelungen war und mit „Justice League“ endgültig völlig inkohärent ist), sondern die eigentliche Essenz Figuren an sich – deshalb auch die Verwendung der ikonischsten DC-Themen.

Platz 2: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Alexandre Desplat)

Alexandre Desplat ist ein Komponist, der bisher immer gute und kompetente Arbeit abgeliefert hat, allerdings hat bislang das Opus Magnum, das Vorzeigewerk zumindest meinem Empfinden nach gefehlt. Das hat sich mit „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ nun geändert. Ein wenig erinnert mich die Situation an „Jupiter Ascending“ – in beiden Fällen haben wir einen recht schwachen Sci-Fi-Film (wobei „Valerian“ „Jupiter Ascending“ immer noch haushoch überlegen ist), der einen Komponisten ohne Ende inspirierte. Hier haben wir wirklich ein orchestrales Meisterwerk voller kreativer Instrumentierung, schöner Themen und orchestraler Opulenz.

Platz 1: Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi (John Williams)

Ich hatte mir sehr lange überlegt, Episode VIII doch auf den zweiten Platz zu setzen und „Valerian“ die Krone zu verleihen, denn gemessen am Standard dieses Franchise ist Williams achter Star-Wars-Score einer der schwächeren: Es gibt nur zwei wirklich neue Themen (und ein Motiv, das aber ziemlich untergeht), die wohl kaum noch in zehn Jahren in Konzertsälen gespielt werden dürften und auch im Vergleich mit den neuen Themen aus „Das Erwachen der Macht“ eindeutig den Kürzeren ziehen; und auch mit den bereits etablierten Identitäten hätte man noch mehr machen können. Allerdings gilt: Ein schwächerer Star-Wars-Score von John Williams ist allem anderen meistens immer noch haushoch überlegen. Williams‘ absolute Beherrschung des Orchesters in all seinen Facetten bleibt unübertroffen, das Zusammenspiel der Myriade an Themen und Leitmotiven ebenfalls. Wie jeder andere Score des Franchise hat auch dieser mich wieder vollständig in seinen Bann gezogen und nicht mehr losgelassen, bis ich ihn vollständig erforscht hatte. Ich denke, dafür hat er sich den ersten Platz verdient.

Justice League – Soundtrack

Spoiler!
jls
Track Listing:

01. Everybody Knows (written by Leonard Cohen and Sharon Robinson, performed by Sigrid)
02. The Justice League Theme – Logos
03. Hero’s Theme
04. Batman on the Roof
05. Enter Cyborg
06. Wonder Woman Rescue
07. Hippolyta’s Arrow
08. The Story of Steppenwolf
09. The Amazon Mother Box
10. Cyborg Meets Diana
11. Aquaman in Atlantis
12. Then There Were Three
13. The Tunnel Fight
14. The World Needs Superman
15. Spark of The Flash
16. Friends and Foes
17. Justice League United
18. Home
19. Bruce and Diana
20. The Final Battle
21. A New Hope
22. Anti-Hero’s Theme
23. Come Together (written by John Lennon and Paul McCartney, performed by Gary 24. Clark Jr. and Junkie XL)
25. Icky Thump (written by Jack White, performed by The White Stripes)
26. The Tunnel Fight (Full Length)
27. The Final Battle (Full Length)
28. Mother Russia

Ursprünglich war „Justice League“ ein Score, für den ich schwarzsah. Zwar kündigte Hans Zimmer nach „Batman v Superman: Dawn of Justice“ an, von nun an keine Superheldenmusik mehr schreiben zu wollen, aber da sein Schüler Tom Holkenborg alias Junkie XL übernehmen sollte, galt es für mich als sicher, dass der von mir gehasste Stil der beiden Snyder-DC-Film bleiben würdem. Dann kam Joss Whedon, um den Film fertigzustellen, und er brachte Danny Elfman mit, der ihm schon bei „Avengers: Age of Ultron“ ausgeholfen hatte und nun abermals in recht kurzer Zeit die Musik für ein Superheldenteam komponierte.

Während die Zimmer/Holkenborg-Scores zu „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ beim vielen Filmmusikfans überhaupt nicht gut ankamen, gibt es eine ganze Reihe von (zumeist jüngeren) Fans der DCEU-Filme, für die auch diese Scores das Nonplusultra darstellen, und selbst unter denen, die Snyders Schaffen ablehnen, gibt es viele, für die zumindest die Musik ein positiver Aspekt dieses Franchise ist. Meine eigene, weit negativere Meinung werde ich an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen, da ich sie schon genügend an anderer Stelle kundgetan habe.

Elfmans erster DC-Score seit „Batmans Rückkehr“ ist jedenfalls ein ziemlich krasser Stilbruch, da er die Methodologie von Zimmers Superheldenmusik ebenso vehement ablehnt wie ich und das auch ziemlich deutlich kundtut. Zugegebenermaßen wirkt er dabei mitunter eine Spur arrogant; gerade seiner Aussage, es gäbe nur ein Batman-Thema, kann ich nicht wirklich zustimmen, da ich das von Shirley Walker geschriebene Leitmotiv aus „Batman: The Animated Series“ Elfmans Komposition vorziehe. Man muss allerdings hinzufügen, dass es auch diverse Zimmer-Interviews gibt, in denen er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert – ohne ein gewisses Ego kommt wohl einfach nicht so weit wie diese beiden Komponisten.

Elfmans Ansatz für „Justice League“ hat unter den Fans der DCEU-Scores viel Kritik hervorgerufen, die ich auf formaler Ebene sehr gut nachvollziehen kann. Als Fan leitmotivischer Kontinuität hat es mich schon oft genug aufgeregt, wenn ein Komponist das zuvor Etablierte ignoriert. In diesem Fall finde ich das zuvor Etablierte allerdings ziemlich unterirdisch. Zudem verwirft Elfman nicht alles, ein paar musikalische Verknüpfungen gibt es. Die dominanteste ist das Wonder-Woman-Thema, das in dem Track Wonder Woman Rescue mehrfach auftaucht, im restlichen Score aber bestenfalls hin und wieder subtil angedeutet wird. Anders als Rupert Gregson-Williams, der besagtes Motiv aus „Batman v Superman“ meistens ohne große Änderungen übernahm, macht sich Elfman das Thema zu Eigen und zeigt keine Hemmungen, die Instrumentierung zu verändern. Statt des elektrischen Cellos wird das Thema von gewöhnlichen Streichern und Blechbläsern gespielt, wobei eine E-Gitarre immer mal wieder in der Begleitung mitmischt. Im Film selbst ist darüber hinaus auch Zimmers Krypton-Thema, das die Basis für alle Superman-bezogenen Motive bildet, in der Szene zu hören, in der die Liga das kryptonische Schiff betritt. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine neue Version, sondern um eine Einspielung aus dem Score von „Man of Steel“. Hin und wieder könnte man darüber hinaus meinen, Elfman greife das eine oder andere musikalische Konstrukt aus den Soundtracks der Vorgänger auf. Sowohl in Hero’s Theme (ab der Dreiminutenmarke) als auch in The Amazon Mother Box (direkt am Anfang) meint man, die repetitiven Motive herauszuhören, die die Action- und Suspense-Musik von „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ dominierten.

Trotz des einen oder anderen Zugeständnisses an die Zimmer-Methodologie – tiefere Bässe, die eine oder andere elektronische Spielerei – ist der Justice-League-Score doch klassische Orchesterarbeit. Elfman kehrt dafür allerdings bis auf wenige Ausnahmen nicht zum opernhaften Pathos seiner beiden Batman-Scores zurück, sondern bedient sich seines moderneren Stils für Action-Filme, den er bereits erfolgreich in Scores wie „Wanted“, „Hellboy II: Die goldene Armee“, „Alice Through the Looking Glass“ und natürlich „Avengers: Age of Ultron“ einsetzte. Besonders Letzterer kam bei vielen nicht gut an, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann. Zwar wurde der Score im Film nicht besonders gut abgemischt, weshalb er in den Soundeffekten unterging (ein Problem, das auch „Justice League“ hat), und zu allem Überfluss wurde die Musik auch noch verhackstückt, aber die Kompositionen selbst fand ich exzellent und habe somit kein Problem damit, dass Elfman diesen Stil für die Justice League wieder aufgreift.

Und noch etwas andere greift Elfman auf: Statt sich der von Zimmer und Holkenborg etablierten Themen für Batman und Superman zu bedienen, verwendet Elfman hier die klassischen Themen der Figuren, nämlich sein eigenes Batman-Thema von 1989 und das Superman-Thema von John Williams aus dem Jahr 1978. Eine durchaus interessante Vorgehensweise, da bei Reboots normalerweise musikalische Bezüge zu früheren Inkarnationen völlig fehlen, wenn es sich nicht gerade um James Bond handelt. Ich habe an den Scores von „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ auch nie kritisiert, dass sie sich nicht der klassischen Themen bedienen, sondern dass sie keine adäquaten neuen Leitmotive liefern, die die Figuren angemessen repräsentieren. Wie dem auch sei, Elfman beschränkt sich nicht darauf, die Themen einfach nur zu zitieren, er arbeitet sie kunstvoll in den Score ein, und das auf äußerst moderne Weise. Es lässt sich nicht leugnen: In der modernen Filmmusiklandschaft sind ausschweifende Statements von Themen mit langen Melodielinien selten geworden. Die digitale Schnitttechnik erlaubt es, Filme buchstäblich bis zur letzten Sekunde zu schneiden, wovon Filmemacher nur allzu gerne Gebrauch machen. Nun kann man meistens nicht bei jedem dieser Last-Minute-Umschnitte noch einmal den Komponisten samt Orchester einbestellen, damit er den Score anpasst – aus diesem Grund sind die knapperen Motive und der weniger komplexe, repetitive Stile von Remote Control so populär geworden, weil Regisseure und Cutter Musik dieser Art viel leichter bearbeiten können als ein Konstrukt, das in sich zusammenfällt, wenn man auch nur ein paar Noten herauskürzt. Lange Rede, kurzer Sinn: In „Justice League“ setzt Elfman die beiden ikonischen Themen sehr motivisch und fragmentiert ein, keines bekommt ein ausführliches Statement, jeder Einsatz ist bestenfalls ein paar Sekunden lang.

Supermans Thema taucht beispielsweise lediglich in zwei Tracks auf: Friends and Foes und The Final Battle. Friends and Foes untermalt Supermans Kampf gegen seine Kameraden, als er kurz nach seiner Auferstehung noch nicht ganz zurechnungsfähig ist. Bedrohliche Fragmente der Melodie durchziehen von Anfang an das gesamte Stück, am deutlichsten ist es jedoch bei 2:18 zu hören. Die Variation in The Final Battle (2:47, kurze Fassung) ist zwar ebenfalls nur ein knappes Fragment, dafür aber eindeutig heroisch.

Sein eigenes Thema für Batman setzt Elfman da weitaus großzügiger ein, aber auch dieses ikonische Leitmotiv bleibt fragmentarisch. Wie ich schon im Vorfeld vermutet hatte, bedient sich Elfman primär des aus fünf bzw. sechs Noten bestehenden Kernmotivs. Erste Andeutungen sind in Batman on the Roof zu hören. Hier kehrt Elfman bezüglich Stil und Instrumentierung zum Tonfall seiner Batman-Scores zurück, vermeidet es aber, das Thema eindeutig zu zitieren, stattdessen tänzelt er gewissermaßen um es herum. Einer der deutlichsten Einsätze findet sich in Then There Were Three, was auch angemessen ist, schließlich befinden wir uns in Gesellschaft Comissioner Gordons und des Bat-Signals. Die meisten anderen Einsätze tauchen mehr oder weniger subtil in den beiden massiven Action-Tracks The Tunnel Fight und The Final Battle auf, denen ich mich später noch einmal ausführlicher widmen werde. In Letzterem ist sogar einmal, wenn auch nur kurz, der tatsächliche Batman-Marsch zu hören (bei 1:14, kurze Fassung) – leider geht er im Film im Dröhnen des Batmobils unter.

Insgesamt funktioniert die Verwendung dieser klassischen Themen hier fast besser, als ich erwartet hätte; sowohl Elfmans als auch Williams‘ Thema erweisen sich als äußerst zeitlos und wissen auch noch nach Jahrzehnten in neuem Kontext zu überzeugen. Gerade bei Superman passt es ziemlich gut, da der Mann aus Stahl in diesem Film kaum mehr etwas mit dem brütenden Möchtegern-Batman der letzten beiden Filme gemein hat – hier gibt es den klassischen Superman.

Kommen wir nun zu den neuen Themen, die Elfman komponiert hat – und davon gibt es eine ganze Reihe. Jedes Mitglied der Liga erhält zumindest ein mehr oder weniger ausgearbeitetes Motiv, und darüber hinaus finden sich auch noch Themen für Steppenwolf, Lois und Clark, die Liga als Ganzes und das Konzept des Heldentums. Beginnen wir mit Letzterem, welches primär in Hero’s Theme zu hören ist. Bei diesem Track handelt es sich um eine Suite, die zu keiner spezifischen Szene gehört – hier gibt es noch am ehesten eine gewisse Vermischung der Stile von Zimmer/Holkenborg und Elfman; recht viel Bass, tiefe Streicher etc. In diesem Track tauchen bereits diverse, zum Teil extrem subtile Anspielungen an die individuellen Identitäten der einzelnen Helden auf. Interessanterweise findet man das eigentliche Thema, das in dieser Suite vorgestellt wird, im Score ziemlich selten, primär in beiden großen Action Tracks The Tunnel Fight und The Final Battle, wo es genutzt wird, um individuelle heroische Anstrengungen zu untermalen.

Das Thema für die Liga ist ein anderes, zum ersten Mal zu hören ist es in The Justice League Theme – Logos. Als Thema für die Liga ist es insgesamt in Ordnung, ein traditionelles heroisches Thema, das allerdings keines ist, das bei vielen lange im Gedächtnis bleiben wird. Eine gewisse Verwandtschaft zum Thema der Avengers, vor allem natürlich Danny Elfmans Hybrid-Version, lässt sich nicht leugnen. Ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass dieses Thema nicht etwas hervorstechender und individueller geworden ist, aber dann höre ich mir auf Youtube das an, was Holkenborg angeblich bereits für „Justice League“ komponiert hat (es klingt zumindest passend) und erfreue mich plötzlich wieder an ihm. Zwar ist es nicht besonders markant, erweist sich aber als sehr formbar und macht sich in den bereits erwähnten Action-Tracks, in denen es Teamworkmomente untermalt, äußerst gut. Weitere Solomomente erhält es in Justice League United und A New Hope.

Die Themen für die einzelnen Ligisten werden jeweils in den Tracks der ersten Hälfte des Albums vorgestellt, die ihren Namen tragen. Enter Cyborg führt Victor Stones eher tragisch anmutendes Thema ein, zuerst auf dem Klavier, später mit Streichern. Cyborg Meets Diana baut auf diesem Fundament auf und lässt Cyborgs Thema sogar mit einer extrem subtilen Variation des Wonder-Woman-Motivs interagieren (2:18). Eine heroische Variante ist in The Final Battle bei 3:25 (kurze Version) zu hören. Aquamans Thema taucht in Aquaman in Atlantis zum ersten Mal auf und durchzieht in seiner dekonstruierten Form den gesamten Track. Ein eindeutigeres Statement findet sich beispielsweise in The Tunnel Fight bei 5:18 (kurze Version).

Flashs Thema war für mich von drei neuen Solo-Themen am leichtesten zu identifizieren, weil seine Einsätze im Film sehr deutlich sind; wann immer sich Flash in die Speed-Force versenkt und alles um ihn herum sich in Zeitlupe bewegt, erklingt sein Motiv, ein von hohen Streichern gespieltes Ostinato, punktiert von einzelnen, tiefen Blechbläsernoten. Sehr deutlich ist dieses Thema in Spark of the Flash zu vernehmen (ab 1:38), ebenso wie in The Tunnel Fight (3:37, kurze Version) und Friends and Foes (1:42). Wegen seiner repetitiven Natur ist Flashs Thema interessanterweise auch das neue Thema, das am ehesten so klingt, als hätte es durchaus auch von Zimmer oder Holkenborg kommen können – wobei die Instrumentierung natürlich trotzdem Elfmans Handschrift trägt.

Das Lois/Clark-Thema ist eine klassisch-romantische Streichermelodie mit Klavierakzenten, die am Ende von Friends and Foes debütiert und in Home ausführlich behandelt wird. Und schließlich hätten wir da noch Steppenwolfs Thema, eine bedrohliches Chor- und Blechbläser-Motiv, das besonders in The Story of Steppenwolf und The Amazon Mother Box dominant ist, aber auch in The Tunnel Fight und The Final Battle immer wieder auftaucht.

Insgesamt ist „Justice League“ leider nicht ganz das Meisterwerk, das ich mir zumindest heimlich erhofft habe, zu schwach ist dafür das Hauptthema, und trotz meiner Abneigung gegen die bisherigen DCEU-Motive hätte ich es gerne gesehen, wenn Elfman sie in noch größerem Ausmaß integriert hätte; nicht nur aus Kontinuitätsgründen, sondern auch, weil ich gerne gehört hätte, wie Elfman sie sich zu Eigen macht, so, wie er es beim Thema von Wonder Woman getan hat. Ein Hybrid aus dem Batman-Thema von ’89 und dem Holkenborg-Rhythmus oder die Superman-Themen von Williams und Zimmer im Kontrapunkt wären interessant gewesen. Die größte Stärke des Scores gleicht diese kleinen Mängel allerdings mühelos aus: Die Actionmusik, die Elfman hier liefert, ist schlicht phänomenal – in den bisherigen DCEU-Scores gibt es nichts, das damit auch nur ansatzweise vergleichbar wäre. Anstatt alles in sinnlosem elektronischen Dröhnen und tumbem Getrommel zu ertränken, komponierte er zugleich filigrane und bombastische Stücke, unglaublich detailverliebt, kreativ, komplex und leitmotivisch wunderbar ausgearbeitet. Abermals verweise ich auf die Action-Tracks The Tunnel Fight und The Final Battle, die jeweils in einer langen und einer kurzen Version vorliegen, was zumindest bei Ersterem relativ unnötig ist. Bei The Final Battle gibt es einen kleinen, aber doch signifikanten Unterschied; der heroische Einsatz von Supermans Thema findet sich lediglich in der kurzen Version. Wie dem auch sei, in diesen Tracks lässt Elfman die verschiedenen Themen und Motive fließend ineinander übergehen, unterlegt das Batman-Thema mit dem Rhythmus des Wonder-Woman-Motivs oder lässt Steppenwolfs Thema gegen die heroischen Leitmotive antreten. Diese beiden Tracks allein sind den Preis des Albums wert und gehören zweifellos zu den besten des Jahres – genau SO sollte Superheldenmusik klingen.

Fazit: Danny Elfmans „Justice League“ ist primär ein Score für Filmmusikfans, die die subtilen kleinen Nuancen und die aufwendige Orchesterarbeit zu schätzen wissen. Als solcher ist er zwar nicht frei von Schwächen (etwas schwaches Hauptthema, mehr Kontinuität zu bisherigen Scores wäre nett gewesen), aber diese fallen letztendlich kaum ins Gewicht. „Justice League“ ist ein ausgezeichneter Superhelden-Score und der mit Abstand bislang beste Soundtrack des DCEU.

Bildquelle

Siehe auch:
Justice League – Ausführliche Rezension
Man of Steel – Soundtrack
Batman v Superman: Dawn of Justice – Soundtrack
Wonder Woman – Soundtrack
Avengers – Age of Ultron – Soundtrack

Wonder Woman – Soundtrack

Spoiler!
wwscore
Track Listing:

01. Amazons of Themyscira
02. History Lesson
03. Angel on the Wing
04. Ludendorff, Enough!
05. Pain, Loss & Love
06. No Man’s Land
07. Fausta
08. Wonder Woman’s Wrath
09. The God Of War
10. We Are All to Blame
11. Hell Hath no Fury
12. Lightning Strikes
13. Trafalgar Celebration
14. Action Reaction
15. To Be Human

Unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Wonder-Woman-Scores ist er erst einmal eine massive verpasste Gelegenheit. Nachdem Warner schon sehr marketingwirksam Patty Jenkins als Regisseurin verpflichtete, wäre eine Komponistin doch ebenfalls durchaus passend gewesen – denn wenn es einen Bereich gibt, in dem Frauen wirklich kriminell unterrepräsentiert sind, dann ist es Filmmusik. Das hat definitiv nichts mit Talent zu tun, sondern eher mit der Tatsache, dass große, publikumswirksame Filme nur extrem selten bis gar nicht von Komponistinnen vertont werden. Warum nicht Debbie Wiseman, Jane Antonia Cornish oder Pinar Toprak für diesen Film verpflichten, besonders da sowohl Cornish als auch Toprak bereits an Zimmer-Scores mitgewirkt haben? Rupert Gregson-Williams mag noch nicht so populär sein wie sein Bruder Harry (von dem man in den letzten Jahren ohnehin recht wenig gehört hat), aber er ist doch eine ziemlich konservative Wahl, die mit Sicherheit nicht auf die Regisseurin, sondern auf das Studio zurückgeht.

Nun denn, rein formal hat Warner mit „Wonder Woman“ einiges richtig gemacht. Wir haben eine prägnantes, einprägsames Thema (nun ja, eher ein Motiv), das in einem vorherigen Film des Franchise bereits etabliert wurde, im Marketing und den Trailern eine wichtige Rolle spielte und nun auch im fertigen Score seinen Platz findet. Theoretisch begrüße ich diese Vorgehensweise, praktisch finde ich das Motiv leider weder besonders gelungen, noch wirklich passend. Das war schon bei „Batman v Superman: Dawn of Justice“ der Fall und trifft auf „Wonder Woman“ sogar in noch größerem Maß zu. Musikalisch erinnert besagtes Motiv ein wenig an eine Instrumentalfassung des „Kampfschreis“ aus Led Zeppelins Immigrant Song, die von Tina Guo auf dem elektrischen Cello gespielt wird (zum Filmstart veröffentlichte Guo auch ein Musikvideo). Wie die meisten anderen Motive des DCEU auch handelt es sich dabei um ein sehr simples, unmelodisches Konstrukt, das nur begrenzt formbar ist und vor allem durch seinen Rhythmus und das elektrische Cello distinktiv wirkt. Dieses Motiv drückt für mich ausschließlich Aggressivität aus, weshalb ich es als Repräsentation von Wonder Womans Charakter schlicht nicht geeignet finde, speziell von ihrer Charakterisierung in ihrem eigenen Film ausgehend. Diana ist unter den Superhelden des DCEU bislang die mit Abstand moralischste und schlicht heroischste Figur. Nichts davon höre ich in ihrem Motiv, ausschließlich Aggressivität.

Nun muss ich Rupert Gregson-Williams allerdings zu Gute halten, dass er das Beste aus der Situation macht. Weder wird das Motiv überbeansprucht, er setzt es in seiner BvS-Version sogar sehr sparsam ein, noch kommt es im Film aus völlig heiterem Himmel. Tatsächlich ist das erste, das man auf dem Album im Stück Amazons of Themyscira hört, eine subtile Cello-Andeutung des Motivs. Auch an anderen Stellen bereitet Gregson-Williams die späteren vollen Statements vor und baut immer wieder Andeutungen in das Gerüst seines Scores ein, etwa am Ende von History Lesson, wo kurz der Begleitrhythmus erklingt, oder bei der Einminutenmarke von Angel on the Wing – dort ist abermals eine Cello-Andeutung zu vernehmen. In No Man’s Land (Diana greift die Soldaten im Gebäude an) findet sich dann der erste vollständige Einsatz des WW-Motivs, bei 3:08 startet die Begleitung und ab 3:22 legt auch das Cello los. Diese Version ist der aus „Batman v Superman“ sehr ähnlich, die Begleitung ist minimal verändert und die Percussion-Sektion prügelt nicht ganz so sehr auf ihre Instrumente ein. In Wonder Woman’s Wrath (wie könnte es bei diesem Titel anders sein) ist das Motiv ebenfalls in all seiner Pracht zu hören – der gesamte Track wird vom Begleitrhythmus dominiert, das eigentliche Motiv setzt bei 1:20 und nochmal bei 2:06 ein. Die Performance am Ende von Trafalgar Celebration leitet schließlich in den Abspann über.

Von den Einsätzen des Wonder-Woman-Motivs abgesehen unterscheidet sich Gregson-Williams‘ Score erfreulich von den bisherigen Einträgen des DCEU. Ich persönlich hätte mir diesbezüglich zwar noch mehr gewünscht, einen distinktiveren Score, der auch die Ära ein wenig widerspiegelt und stärker in eine Retro-Richtung geht, wie es etwa bei Alan Silvestris „Captain America: The First Avenger“ der Fall war. Letztendlich handelt es sich bei „Wonder Woman“ definitiv um einen relativ typischen, modernen Action-Score des 21. Jahrhunderts – gerade der Einsatz des elektrischen Cellos passt für mich überhaupt nicht zur Ära und hat mich beim Schauen des Films regelmäßig rausgerissen. Einmal deutet Gregson-Williams eine Blechbläservariation (Wonder Woman’s Wrath, 0:44) an, aber leider bleibt es bei dieser Andeutung – ein gänzlich andere Instrumentierung wäre zumindest ein interessantes Experiment gewesen.

Die größte Schwäche von „Wonder Woman“ ist ein gewisses Maß an Beliebigkeit – typische Remote-Control-Ware. Allerdings ist es Remote-Control-Ware, die nicht an „Man of Steel“, „Batman v Superman“ oder Tom Holkenborgs sonstigen Output anknüpft (abseits vom WW-Motiv, versteht sich), sondern eher an die RCP-Scores der späten 90er und 2000er, die tatsächlich unterhaltsam waren. Auch Brian-Tyler-Anleihen sind hier und dort herauszuhören. Im Kontext des restlichen musikalischen DCEU ist das für mich definitiv ein Fortschritt – als Zuhörer wird man nicht in tumbem Wummern, Dröhnen und einem Übermaß an Man-of-Steel-Percussions und Soundeffekten ertränkt, stattdessen gibt es größtenteils organische orchestrale Performances und tatsächlich emotionale und vor allem heroische Momente.

Die Musik für Themyscira und die Amazonen, die vor allem in den ersten Tracks erklingt, ist geprägt von noblen Blechbläsern und dem Cello, was sich wegen des WW-Motivs natürlich anbietet. Auch einen vagen, wenig spezifischen ethnischen Einschlag hört man heraus, vor allem durch die Verwendung des Duduk. Spätere Action-Tracks werden dann moderner und folgen dem typischen RCP-Rezept: Rhythmische Percussions, treibende, relativ simple aber wirkungsvolle Konstrukte und ein gerüttelt Maß an Streicher-Ostinati. Wenden wir uns aber noch einmal den Themen zu.

Ich denke, zumindest in einer Hinsicht sieht Rupert Gregson-Williams das BvS-Motiv ähnlich wie ich: Es taugt einfach nicht dazu, Diana als Charakter wirklich zu repräsentieren, weshalb es hier auch primär als Action-Motiv für die Titelheldin verwendet wird. Das eigentliche Hauptthema des Scores, nennen wir es das Diana-Thema, ist nämlich ein anderes; es handelt sich dabei um eine heroische, aufsteigende und durchaus formbare Melodie. Zugegeben, Dianas Thema ist ein wenig generisch geraten und erinnert sowohl an diverse RCP-Hymnen als auch an Howard Shores königliche Mittelerde-Themen für Thorin und Aragorn. Insgesamt ziehe ich dieses Thema dem Wonder-Woman-War-Motiv aber eindeutig vor. Zum ersten Mal erklingt es bereits in Amazons of Themyscira ab 2:23 und ist auch in den folgenden Tracks sehr prominent vertreten. Sowohl in Angel on the Wing als auch in Pain, Loss & Love und der ersten Hälfte von No Man’s Land sind sehr emotionale Variationen zu hören. Gregson-Williams lässt Dianas Thema auch immer wieder auf interessante Weise mit dem Wonder-Woman-Motiv interagieren, so gibt es tatsächlich in No Man’s Land eine Stelle, an der er beide Themen im Kontrapunkt verwendet (etwa ab 4:15) und am Anfang von Wonder Woman’s Wrath unterlegt er das Diana-Thema mit dem Begleitrhythmus des Wonder-Woman-Motivs, was sich bei 2:50 in noch triumphalerer Variation wiederholt. Weitere markante Variationen sind in den zweiten Hälfte von Lightning Strikes und in Trafalgar Celebration zu hören.

Steve Trevor hat sein eigenes Thema, das ebenfalls im ersten Track debütiert, bei 1:53, aber erst ist in späteren Stücken so richtig aufblüht, etwa bei 2:26 in No Man’s Land, 1:50 in We Are All to Blame und ab 2:09 in Hell Hath no Fury (besonder tragisch). Am Anfang von Trafalgar Square folgt dann schließlich ein subtiler Abgesang.

Die Musik der Schurken ist dagegen weniger eindeutig. Tiefe Chöre, harsche Blechbläser, schrille Streicher und Dissonanzen dominieren den Track Ludendorff, Enough! – das absteigende Blechbläsermotiv am Ende dieses Stückes könnte ein Motiv für den deutschen General sein. Auch bei Ares bin ich mir nicht sicher, ob sich in dem Track God of War nicht irgendwo ein Leitmotiv versteckt. Die alternierenden Notenpaare ab 5:20, die immer abwechselnd von Chor, Streichern und später auch Blechbläsern gespielt werden und sich durch den Rest des Stückes ziehen, wären ein passender Kandidat. Insgesamt knüpft dieser Track stilistisch an Ludendorff, Enough! an und leiht sich auch einige Techniken aus Zimmers Dark-Knight-Soundtracks, etwa mal mehr, mal weniger sanftes Wummern und elektronisch verzerrte Texturen.

Ein wenig seltsam mutet Action Reaction, der letzte Track des Albums an, der kaum eine Verbindung zum Rest des Scores hat. Man kann eine vage Verwandtschaft zum WW-Motiv feststellen, aber insgesamt klingt das doch eher wie etwas, das bei „Mad Max: Fury Road“ übrig geblieben ist. Es ist schon ein wenig seltsam, ein Stück für den Abspann zu wählen, das mit der restlichen Musik nichts zu tun hat – eine Performance von Dianas Thema wäre da in meinen Augen passender gewesen.

Fazit: Rupert Gregson-Williams‘ Wonder-Woman-Score ist definitiv nichts Besonderes, ein relativ typischer RCP-Action-Score, durchaus funktional und unterhaltsam, wenn auch mitunter ziemlich generisch. Im Kontext des musikalischen DCEU ist er jedoch definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus erweist sich Gregson-Williams als geschickt bei der Adaption des WW-Motivs aus „Batman v Superman“ und spendiert Diana außerdem ein weiteres Thema, das in meinen Augen besser zu ihr passt.

Bildquelle

Musikvideo von Tina Guo

Siehe auch
Wonder Woman – Ausführliche Rezension
Batman v Superman: Dawn of Justice – Soundtrack