Art of Adaptation: The Dark Lord Ascending

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Artikelreihe zu starten. „Art of Adaptation“ setzte sich, wie der Titel schon subtil suggeriert, mit dem Adaptionsprozess auseinander. Zwar habe ich durchaus auch vor, Gesamtadaptionen im Rahmen dieser Reihe zu betrachten, der Fokus soll allerdings auf Einzelaspekten liegen: Wie wird eine bestimmte Figur, eine Szene, eine Kapitel oder ein Ereignis von einem Medium ins andere transferiert. Den Anfang macht hierbei das erste Kapitel aus „Harry Potter and the Deathly Hallows“.

Das Außenseiterkapitel
„The Dark Lord Ascending“ ist nicht nur das Eröffnungskapitel des siebten Harry-Potter-Bandes, sondern auch eines der außergewöhnlichsten. In der gesamten siebenbändigen Serie verlassen wir als Leser nur selten Harry Potters Perspektive, er ist nicht nur Namensgeber der Serie, sondern auch die Figur, durch deren Augen wir fast sämtliche Geschehnisse erleben. Eine Ausnahme ist das erste Kapitel des ersten Bandes; hier fungiert Vernon Dursley als Point-of-View-Charakter (PoV), das erste Kapitel des vierten Bandes, das der Leser durch die Augen des Riddle-Gärtners Frank Bryce erlebt, das erste und zweite Kapitel von „Harry Potter and the Half Blood Prince“ und dieses hier. Was dieses Kapitel so außergewöhnlich macht, ist nicht nur der Umstand, dass wir Harrys Perspektive verlassen, sondern dass keine andere Figur seinen Platz einnimmt. In der Literaturwissenschaft spricht man von „externer Fokalisierung“, die relativ selten vorkommt. Hierbei beschreibt der Erzähler nur, was durch die Sinne wahrgenommen werden kann, aber keine inneren Prozesse der Figuren. Das Gegenteil ist die „interne Fokalisierung“ – hier lässt der Erzähler den Leser an den inneren Prozessen der Figuren bzw. einer ausgewählten Figur teilhaben, wie es bei den HP-Romanen normalerweise der Fall ist. Darüber hinaus gibt es auch die Nullfokalisierung; gemeinhin spricht man auch vom „allwissenden Erzähler“. Wie dem auch sei, in diesem Kapitel folgen wir zwar Snape, erfahren aus dramaturgischen Gründen allerdings nicht, was er denkt und empfindet, schließlich soll bis zum Schluss nicht enthüllt werden, dass er in Wahrheit die ganze Zeit für Dumbledore gearbeitet hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Snape trifft zeitgleich mit Yaxley, einem anderen Todesser, bei Malfoy Manor ein. Nach einer kurzen Unterhaltung über Lucius Malfoys Vorliebe für Luxus betreten die beiden das Anwesen und stoßen zur stattfindenden Todesser-Versammlung unter Leitung Lord Voldemorts. Es geht primär darum, Harry Potter zu ergreifen und um die Frage, wie schnell sich das Zaubereiminsterium unter Voldemorts Kontrolle befinden kann – hierzu hat Yaxley Pius Thicknesse, dem Leiter der magischen Strafverfolgungsbehörde, den Imperiusfluch aufgehalst. Auch die erweiterte Verwandtschaft der Malfoys und Blacks kommt zur Sprache, hat doch Nymphadora Tonks, die Nichte von Bellatrix und Narcissa, den Werwolf Remus Lupin geheiratet. Schließlich verkündet Voldemort, dass er Harry Potter nicht mit seinem eigenen Zauberstab töten kann und borgt sich stattdessen den von Lucius Malfoy, den er sogleich an Charity Burbage, der Muggelkundelehrerin von Hogwarts, ausprobiert, deren Leiche anschließend Nagini zum Faß vorgeworfen wird.

Ich will ehrlich sein: Ich bin kein allzu großer Fan dieses Kapitels. Voldemort war nie der subtilste Schurke, doch gerade in diesem Kapitel ist er mir eine Spur zu offensichtlich fies, zu plump in seiner Bösartigkeit. Ironischerweise gehört die Filmumsetzung zu meinen liebsten Szenen der gesamten Filmreihe, vielleicht ist sie sogar meine Lieblingsszene.

Auffällige Änderungen

Während das Todesser-Meeting den Roman eröffnet, beginnt die Filmadaption mit einer Rede Rufus Scrimgeours (Bill Nighy), gefolgt von einer Montage, die Harry (Daniel Radcliff), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) bei ihren Vorbereitungen zeigt und bereits bestimmte Elemente, die im Roman durch Exposition in späteren Kapiteln auftauchen, visuell vorwegnimmt. Erst nach der Titeleinblendung zeigt David Yates, wie Snape (Alan Rickman) zu Malfoy Manor appariert bzw. fliegt. Anders als im Roman trifft er allerdings alleine ein, Yaxley (Peter Mullan) sitzt bereits am Konferenztisch. Ein Detail, das allerdings übernommen wurde, ist das „durchlässige Eingangstor“, das nicht geöffnet werden muss. Zu den weiteren, besonders auffälligen Änderungen gehört Pius Thicknesse (Guy Henry): Während im Roman nur darüber gesprochen wird, dass Yaxley ihm den Imperius-Fluch auf den Hals gejagt hat, ist der in der Filmszene anwesend, wobei weder hier noch später deutlich wird, ob er ebenfalls unter dem Imperius-Fluch steht, erpresst wird oder sich Voldemort (Ralph Fiennes) freiwillig angeschlossen hat. Dennoch wird er von den Todessern visuell distanziert; während diese alle in ihren typischen Gewändern zur Linken und Rechten des Dunklen Lords sitzen, trägt Thicknesse einen gewöhnlichen Anzug, sitzt Voldemort am anderen Ende der Tafel genau gegenüber und fühlt sich in Naginis Gegenwart sichtlich unwohl. Aus filmischer Sicht ist es äußerst sinnvoll, Thicknesse auf diese Weise zu präsentieren, statt nur über ihn zu reden, da ein Zuschauer, der den Roman nicht gelesen hat, ihn so später deutlich leichter wiedererkennen kann, gerade weil er von den restlichen Todessern abgegrenzt wird.

Wurmschwanz (Timothy Spall) wird, anders als im Roman, ebenfalls von den restlichen Todessern abgegrenzt; er hat gar keinen Platz an der Tafel, sondern muss stehen. Hier wird außerdem bereits das Auftauchen Ollivanders (John Hurt) subtil angedeutet, denn er ist es, der schmerzerfüllt schreit und dem sich Wurmschwanz kümmern soll.

Die Dialoge der Szene sind größtenteils, wenn auch mit einigen Kürzungen und Änderungen, aus dem Kapitel übernommen. Die Unterhaltung über den Fall des Ministeriums fällt weg, ebenso wie die Erwähnung der Heirat von Lupin und Tonks. Der Mord an Charity Burbage (Carolyn Pickles) ist dagegen wieder vorhanden. Die Lehrerin schwebt während der ganzen Szene im Hintergrund herum, als der Fokus auf sie gerichtet wird, ist besonders Draco (Tom Felton) sichtlich verstört. Dennoch denke ich, dass es an dieser Stelle deutlich effektiver gewesen wäre, hätte Voldemort statt einer Lehrerin, die wir nie zuvor gesehen haben, einen Hogwarts-Lehrer getötet, der bereits vorkam. Sibyl Trewlany hätte sich vielleicht wegen der Prophezeiung angeboten, oder Professor Sprout, also eine Lehrerin, die man als bereits seit den ersten Filmen bzw. Büchern kennt. Der Mord an Charity Burbage passt ideologisch, letztendlich ist sie aber nur ein weiterer Name unter Voldemorts Opfern, der für Leser wie Zuschauer kaum Bedeutung hat.

Ralph Fiennes at his Best

Der wirklich Unterschied zwischen Buch- und Filmszene kommt allerdings von Ralph Fiennes‘ Darstellung Lord Voldemorts und der Art und Weise, wie David Yates ihn in Szene setzt. Das beginnt schon bei den ersten Sätzen, die wir von Voldemort hören. Im Roman begrüßt er Snape und Yaxley ziemlich plump mit „You are very nearly late” und weist ihnen dann per Befehl Plätze zu. Film-Voldemort ist da deutlich subtiler. In der ganzen Szene merkt man, dass der Dunkle Lord hier auf dem Höhepunkt seiner Macht ist – er hat es nicht nötig, plump zu befehlen, stattdessen spricht er mit einer merkwürdigen, subtil spöttischen, aber sehr ausgewählten Ausdrucksweise, die zugleich höflich und zuvorkommend, aber auch bedrohlich ist: „Severus, I was beginning to worry you had lost your way. Come, we’ve saved you a seat.“ Ähnlich verhält es sich, wenn Voldemort mit Pius Thicknesse oder Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) spricht. Selbst als Ollivander schmerzerfüllt schreit und Voldemort kurz lauter wird, bleibt seine Wortwahl beinahe zurückhaltend: „Wormtail, have we not spoken about keeping our guest quiet?“ Dieser Höhepunkt der Macht wird visuell unter anderem auch dadurch vermittelt, dass sich Voldemort in den Einstellungen, in denen er zu sehen ist, zumeist in der Bildmitte befindet.

Die Ausnahme hierbei ist Lucius Malfoy (Jason Isaacs), vor dem Voldemort offensichtlich jeglichen Respekt verloren hat. Die Demütigung erfolgt hier sehr ähnlich wie im Roman durch die Zauberstababnahme, wenn auch verbal etwas subtiler. Der Dialog ist fast identisch, allerdings erklärt Voldemort im Roman: „Lucius… I see no reason for you to have a wand any more.” Im Film dagegen schreitet er die Reihe der Todesser ab wie ein Lehrer, der keine Antwort erhält und fragt dabei: „Who would like the honour?“ Statt des oben erwähnten Satzes äfft Voldemort Lucius allerdings nach. Die symbolische Kastration durch die Zauberstababnahme wird im Film sogar noch deutlicher, als er den Schlangenkopf abbricht.

Wohl primär aus Gründen der Länge wurden einige Voldemort-Seitenhiebe entfernt, u.a. hackt er noch ein, zwei Mal auf den Malfoys im Allgemeinen und Draco im Besonderen herum. Auch die ausführlichere Erläuterung des Zauberstabproblems, in dem Voldemort in ungewohnter Manier zur Selbstkritik neigt, ist der Schere zum Opfer gefallen. In beiden Fällen tut das der Szene allerdings durchaus gut – besonders, wenn es um die Seitenhiebe geht. Durch die aufgesetzte Höflichkeit – selbst das Opfer wird im Film als „Miss Charity Burbage“ vorgestellt, während die formale Anrede im Roman fehlt – wirkt Voldemort deutlich selbstsicherer und gefährlicher.

Fazit: An dieser Szene aus „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1” zeigt sich, wie eine Szene einerseits sehr vorlagengetreu umgesetzt werden kann, andererseits aber durch einige kleine und subtile Änderungen – und nicht zuletzt durch hervorragendes Spiel – deutlich effektiver gestaltet werden kann. Gerade in Bezug auf Voldemort setzt sich diese Tendenz fort. Die Filmversion ist meiner Ansicht nach in diesem und dem Folgefilm deutlich effektiver und besser inszeniert als in der Vorlage.

Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Spoilerificus Totalus!
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Ich möchte diese Rezension mit einem Zitat Lord Voldemorts beginnen: „They never learn. Such a pity.“ Leider passt dieses Zitat nur allzu gut. Nach einem soliden Start dieser Filmreihe um Newt Scamander mit „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ gelingt es der Fortsetzung mit dem kaum weniger sperrigen Titel „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ leider, in so ziemlich jedes Fettnäpfchen zu treten, das man sich bei einem derartigen Franchise-Film nur vorstellen kann. Man kann kaum über diesen Film sprechen, ohne zu spoilern, weshalb ich das auch gar nicht groß versuchen werde. Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei „The Amazing Spide-Man 2“, den Hobbit-Filmen oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“.

Handlung
Gellert Grindelwald (Johnny Depp) befindet sich bereits seit einiger Zeit in der Gefangenschaft des MACUSA und soll nun nach Europa überstellt werden, doch ihm gelingt die Flucht. Der finstere Zauberer macht sich auf nach Paris, um seine Anhänger um sich zu scharen. Nach wie vor ist er an Credence Barebone (Ezra Miller) interessiert, der die erste Begegnung mit Grindelwald nicht nur überlebt hat, sondern nun in Paris nach seinen Wurzeln sucht.

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Newt (Eddie Redmayne) und Theseus (Callum Turner), die Gebrüder Scamander

Derweil erhält Newt Scamander (Eddie Redmayne) einen Auftrag von Albus Dumbledore (Jude Law): Er soll sich ebenfalls nach Paris aufmachen, um Credence aufzuspüren. Newt hat derweil eigentlich andere Probleme, da sein Bruder Theseus (Callum Turner) seine alte Flamme Leta Lestrange (Zoë Kravitz) heiraten wird. Zwischendurch tauchen auch Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) auf; Erster hat sein Gedächtnis wieder, aber in der Beziehung der beiden kriselt es ziemlich, da Jacob Queenie nicht heiraten möchte, um sie nicht in Konflikt mit dem MACUSA zu bringen. Zudem erfährt Newt, dass Tina (Katherine Waterston) sich ebenfalls in Paris aufhält, um nach Credence zu suchen. Es kommt, wie es kommen muss: Die Fäden laufen zusammen, verheddern sich ordentlich und es folgt die Konfrontation mit Grindelwald, in dem sich die Fronten klären und jeder eine Seite wählen muss.

Verlorene Figuren
Wenn ich eine übergreifende Schwäche bei „Crimes of Grindelwald“ nennen müsste, dann wäre das wohl „Mangel an Motivation“, und zwar auf allen Ebenen. Der Vorgänger war zweifelsohne nicht frei von Schwächen, aber im Großen und Ganzen war klar, weshalb die Figuren tun, was sie tun.

Der Mangel an Motivation beginnt bereits bei der Wiedereinführung der Figuren des ersten Teils (wobei es hier sowohl den Figuren selbst als auch Rowling und Yates an Motivation fehlt). Wichtige Schritte in der Entwicklung der Figuren werden einfach übersprungen und in einem Halbsatz abgehandelt, wobei ganz nebenbei noch essentielle emotionale Elemente des ersten Films zerstört werden. Credence hat überlebt? Ja, man konnte in „Fantastic Beasts and Where to Find Them” sehen, dass sich ein Fetzen seines Obscurus-Wesens davon gemacht hat. Aber plötzlich ist er ohne Erklärung wieder völlig beieinander und kann seine Fähigkeiten offenbar weitaus besser kontrollieren als früher. Ähnlich verhält es sich mit Jacobs Gedächtnis. Es wirkt, als hätten Rowling und Yates schlicht keine Lust gehabt, sich mit diesen Elementen auseinanderzusetzen und sie deshalb einfach ignoriert, um zum gewünschten Ausgang zu gelangen.

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Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Tina Goldstein (Katherine Waterston)

Auch die Konflikte zwischen den Figuren sind bestenfalls halbherzig und meistens einfach nur schlecht geschrieben. Jacob und Queenie waren im ersten Film äußerst liebenswert, jetzt sind sie einfach nur flach. Queenies gesamter Handlungsstrang in diesem Film ist völlig unlogisch und einfach nur daneben: Weil die Gesellschaft es ihr verbietet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, verlässt sie diesen Mann, um sich dem Schwarzmagier anzuschließen, der Muggel gnadenlos zu unterdrücken gedenkt? Auch der Konflikt zwischen Tina und Newt funktioniert vielleicht in einer schlechten Soap, ist im Kontext dieses Films aber so fürchterlich erzwungen und gleichzeitig so banal, dass es schmerzt.

Mit den diversen neuen Figuren verhält es sich ähnlich. Sowohl der Konflikt zwischen Newt und Theseus als auch die Beziehung der beiden zu Leta Lestrange bleiben oberflächlich und undefiniert. Man merkt gerade eben so, dass Substanz hätte da sein können, hätte es nur die passende Motivation dazu von Rowling und Yates gegeben.

Insgesamt bleiben die Figuren, vor allem diejenigen, die neu eingeführt werden, fürchterlich blass und uninteressant. Gerade das ist vielleicht die größte Enttäuschung. Bei allem, was man den Harry-Potter-Romanen vielleicht vorwerfen kann, unmarkante Figuren gehören definitiv nicht dazu. Früher hatte Rowling stets ein Talent dafür, ihre magische Welt mit einprägsamen Charakteren zu bevölkern. Mitunter konnten die Filme sogar noch darauf aufbauen. Man erinnere sich nur an den von Peter Mullan gespielten Yaxley in „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“. Eine kleine Rolle, ein verhältnismäßig unwichtiger Todesser, aber er bleibt im Gedächtnis. Kein Vergleich zu Grindelwalds Entourage, die ebenso blass wie austauschbar ist.

Verworrene Handlungsstränge
Im „Fantastic Beasts and Where to Find Thema” konnte David Yates eine im Grunde relativ geradlinige Handlung umsetzen, deren größte Schwäche war, dass die beiden Stränge sich nicht so recht miteinander verknüpfen wollten. „The Crimes of Grindelwald“ hat dieses Problem in noch weit, weit größerem Ausmaß. Hier merkt man schmerzhaft, dass J.K. Rowling eben eine Roman- und keine Drehbuchautorin ist, denn die Handlungskonstruktion des Films mit seinen diversen Subplots ist die eines Romans. Insgesamt denke ich tatsächlich, dass „The Crimes of Grindelwald“ als Roman vielleicht nicht gut, aber doch weitaus besser funktioniert hätte als als Film.

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Nagini (Claudia Kim) und Credence Barebone (Ezra Miller)

Die Handlungsstränge, von denen es hier eine ganze Menge gibt, sind separiert und finden kaum zusammen. Alles ist mit Figuren, Konflikten und Beziehungen überfrachtet, diese bleiben aber ohne Tiefe, alles wird nur oberflächlich angerissen. Zudem sorgen der Schnitt und einige ziemlich merkwürdige Entscheidungen (etwa die Close-ups zu Beginn) dafür, dass man als Zuschauer auch nicht investiert ist. Es gibt durchaus gelungene Einzelszenen und Set-Pieces, aber der Kontext ist stets misslungen. Actionszenen wirken oft aufgesetzt, unlogisch, unnötig oder dramaturgisch daneben. Das beginnt bereits bei Grindelwalds Flucht direkt zu Beginn, bei der ich bis jetzt noch nicht herausfinden konnte, weshalb sie auf diese Weise überhaupt nötig war – was bezweckt Grindelwald damit? Auch die Sequenzen, in denen neue Tierwesen auftauchen, um von Newt gebändigt zu werden, sind hier seltsam fehl am Platz und erwecken den Eindruck, man versuche die Gegenstücke aus dem ersten Film zu rekonstruieren. Immer wieder pausiert die eigentliche Handlung auf plumpe Weise, die Action entwickelt sich nie logisch aus dem Geschehen.

Und wo wir gerade von der Handlung sprechen: Auch die Vermittlung dessen, was eigentlich passiert, lässt ziemlich zu wünschen übrig. Manche Szenen sind mit Exposition geradezu vollgestopft, während bei anderen überhaupt nur vage klar ist, was warum geschieht. Natürlich, wer mit Rowling und den HP-Romanen intim vertraut ist, hat meistens keine Probleme, sich alles zusammenzureimen, aber alle anderen dürfte das frustrieren und/oder langweilen. Eines der unschönsten Beispiele ist der gesamte Subplot um die Familiengeschichte der Lestranges und ihre Verknüpfung mit Credence. Hier werden aufwendig Familienverhältnisse erklärt, ohne dass es letztendlich irgendwelche Auswirkungen hat, da es nur eine falsche Fährte ist und letztendlich völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Dumbledore vs. Grindelwald
Trotz allem hat auch „The Crimes of Grindelwald“ die eine oder andere Stärke. Das in meinen Augen beste Element des Films ist fraglos Jude Law als junger Dumbledore. Er hat nicht viel Leinwandzeit, nutzt diese aber ausgezeichnet und mausert sich zum heimlichen Star dieses Films. Dabei spielt Law nicht spezifisch einen jungen Richard Harris oder Michael Gambon, sondern tatsächlich einen Dumbledore, der als jüngere Version beider Darsteller funktionieren könnte. Johnny Depp dagegen… die Zweifel, die ich schon seit „Fantastic Beasts and Where to Find Them” hatte, zeigen sich nun als gerechtfertigt. Johnny Depp ist als Schauspieler für meinen Geschmack zu markant und zu sehr mit anderen Rollen verknüpft, um in dieser wirklich funktionieren zu können. Jude Law kann ich problemlos als Dumbledore sehen, aber wenn Depp den Zauberstab schwingt, sehe ich Depp und nicht Grindelwald.

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Leta Lestrange (Zoë Kravitz) und Gellert Grindelwald (Johnny Depp)

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man Colin Farrell nicht nur Grindewalds Deckidentität, sondern auch den tatsächlichen Schwarzmagier hätte spielen lassen. Leider wird Grindelwald in dem nach ihm benannten Film zu allem Überfluss auch noch nicht allzu gut charakterisiert und erinnert in seiner großen Rede irgendwie an Magneto. Das Problem dabei ist, dass seine Agenda schlecht dargestellt wird. Da sind einerseits die Elemente, die er sich mit Voldemort teilt und mit denen er die alten Reinblüter auf seine Seite ziehen will, gleichzeitig hat er aber auch nichts gegen Muggel, sodass er mit derselben Rede auch Queenie von sich überzeugen kann. Und dann sieht er mit seinen seherischen Fähigkeiten auch gleich noch den Zweiten Weltkrieg voraus. Alles ein wenig viel auf einmal, und zudem schafft Depp es einfach nicht, die diversen Facetten glaubhaft zu verkörpern, sodass Gellert Grindelwald sich problemlos in die Riege an blassen und unmotivierten Figuren dieses Films einreiht.

Harry Potters Vermächtnis
Ein Aspekt, der mir an „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ ziemlich gut gefiel, war der Umstand, dass man die Verknüpfungen zum Franchise im Großen und Ganzen subtil hielt. Es war zweifelsohne dieselbe Welt, aber an einem anderen Ort und zu anderer Zeit. Anspielungen blieben zumeist unaufdringlich und Yates und Rowling gelang es, das New York der Zaubererschaft als eigenständigen Handlungsort zu etablieren. Leider war man wohl der Meinung, dass das alles zu subtil war; „The Crimes of Grindelwald“ erinnert da eher an die Hobbit-Filme – hier wird grob recycelt, um Nostalgie zu erwecken. Wo New York als Handlungsort eigenständig war, ist Paris kaum mehr als ein bloßer Abklatsch. Es gibt eine französische Winkelgasse und ein französisches Zaubereiministerium; beide wirken rechtschaffen profillos und bekannt.

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Albus Dumbledore (Jude Law)

Die Franchise-Probleme reichen aber noch weitaus tiefer. Das Verhältnis dieses Films zu seinem Franchise erinnert mich ein wenig an „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Die Handlung ist so konstruiert, dass man mindestens die HP-Filme und idealerweise die HP-Romane ziemlich gut kennen muss, um ihr vollständig folgen zu können. Gleichzeitig bricht dieser Film konstant die Regeln und packt einen Retcon nach dem anderen aus, der genau diejenigen, die der Film eigentlich ansprechen sollte, verärgert. Und das ist auch noch unnötig, weil das alles nicht zur eigentlichen Handlung beiträgt. Warum muss Professor McGongall bereits sieben Jahre vor ihrer Geburt in Hogwarts unterrichten? Ist es wirklich nötig, dass Dumbledore statt Verwandlung Verteidigung gegen die Dunklen Künste lehrt? Ja, die Szene mit dem Irrwicht deutet einen späteren Twist an (was an sich schon ein viel zu deutlicher Rückgriff auf „Der Gefangene von Askaban“ ist), aber wäre es nicht interessanter gewesen, einmal Galatea Merrythought zu zeigen, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet? Und dann ist da noch der Schlusstwist, der so gar keinen Sinn ergibt, zeitlich überhaupt nicht passt und, wenn Rowling noch halbwegs bei Sinnen ist, besser eine wilde Lüge von Grindelwald ist.

Fast genauso ärgerlich sind die unnötigen Gastauftritte. Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) wird nur für billige Gags gebraucht und Nagini (Claudia Kim) ist sogar Gastauftritt und Retcon in einem: Da verpasst Rowling Voldemorts Schlange eine menschliche Identität und einen komplizierten Fluch, um dann praktisch nichts mit ihr zu machen. Nagini ist ein reines Anhängsel für Credence, hat keinen Handlungsbogen, keine Motivation und auch keinen Grund, warum sie überhaupt im Film ist, außer um eventuell etwas für kommende Sequels vorzubereiten.

Ein weiteres Problem, das bereits im ersten Film in Ansätzen zu sehen war, ist die Potenz der Magie. In den Romanen waren die Regeln der Magie zugegebenermaßen auch nicht immer völlig konsistent, aber was in diesen beiden Filmen gezaubert wird, lässt selbst die Erwachsenen Harry-Potter-Figuren amateurhaft wirken. Schon der Wiederaufbau von New York im ersten Teil war zu viel des Guten, aber Grindelwalds blauer Feuerdämon ist endgültig over the top. Das ist Magie auf Warcraft-Level, die in diesem Universum fehl am Platz wirkt und zum hohlen Spektakel ausartet. Nebenbei: Warum ist die Zaubererwelt nach allem, was in diesem Film passiert ist, überhaupt noch geheim?

Fazit: „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald” ist leider ein Sequel, das weit hinter dem zwar nicht herausragenden, aber doch sehr soliden ersten Teil zurückbleibt. Unmotivierte Figuren tummeln sich in einer überfrachteten, schlecht konstruierten Story, die zu allem Überfluss den Kanon des „Potterverse“ (meinetwegen auch der „Wizarding World“) ernsthaft in Mitleidenschaft zieht. Ab in die Potter-Ecke der Schande zu „The Cursed Child“.

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